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IV. Konsequenzen der Industrialisierung für die Arbeiter in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 25 - 27

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_25

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
12 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre bedarfteste Rekrut möglichst schnell und fehlerfrei erlernen kann (vgl. Hinrichs 1981, S. 62 und 300). IV. Konsequenzen der Industrialisierung für die Arbeiter Die industrielle Revolution hat einen tiefgreifenden Wandel der Arbeit, der Arbeiter (Produktivkräfte) und damit der gesamten Gesellschaft (Produktionsverhältnisse) zur Folge. Aus Handwerkern und Bauern rekrutiert sich ein Heer von Industriearbeitern, das sich ohne Vorbereitung mit ungewohnten (un-natürlichen) Arbeitsinhalten (extreme horizontale und vertikale Arbeitsteilung, maschinenbestimmte Arbeitsabläufe), Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Arbeitsumwelt) und Lebensbedingungen (Wohnung, Nahrung, Hygiene) abfinden muß. Es entsteht somit eine neue Klasse zwar nicht rechtlich, aber sozial und materiell Unfreier - von Marx11 als Arbeiterklasse bezeichnet - d.h. eine gesellschaftliche Schicht, die nicht über Eigentum an den Produktionsmitteln verfügt und ihre Arbeitskraft als einzigen marktgängigen Besitz an die Unternehmer verkaufen muß (Kocka 1983). „Die Arbeit erscheint nicht als die gesellschaftliche Macht, die sie ist, sondern verteilt sich auf viele Individuen, die unter dem Privateigentum dem Schein nach selbständig agieren" (Jonas 1974, S. 181). Der Umstand, daß der Arbeiter nicht selbst über Produktionsmittel verfügt und somit fremder Herrschaft und Willkür unterworfen ist, sowie die Tatsache, daß der Arbeiter zur Zeit der Frühindustrialisierung unter zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in einer ihm fremden Arbeitsumgebung arbeiten mußte, sind von Marx (1844) mit dem Begriff der Entfremdung belegt worden. Dabei unterscheidet er folgende Aspekte der Entfremdung (nach Ludz 1975 und Israel 1985): • Entfremdung des Arbeiters vom Produkt seiner Arbeit. Der Arbeiter verfügt weder über die Produktionsmittel noch über das Produkt seiner Arbeit und folglich steht das Ergebnis seiner Tätigkeit ihm fremd gegenüber. Indem der Gegenstand der Arbeit dem Arbeiter verlorengeht, tritt er ihm als fremde Macht gegenüber. Die vom Menschen geschaffene Technik und von ihm veränderte Natur werden vom Menschen nicht mehr beherrscht, sie gewinnen vielmehr Gewalt über ihn. • Entfremdung des Arbeiters vom Akt des Produzierens. Da der Arbeiter seine Tätigkeit nur als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung versteht und seine unmittelbaren Bedürfnisse nur außerhalb der Arbeit 11 Marx, Karl (1818-1883) Ökonom und Journalist, lebte nach 1848 überwiegend in London. A. Entwicklung der Praxis des Managements 13 befriedigen kann, ist auch die Tätigkeit selbst entfremdet. Die Selbstentfremdung tritt ein, da die Arbeit nicht länger als ‚Lebenstätigkeit‘ aufgefaßt wird. • Entfremdung des Arbeiters von seinen Arbeitskollegen. Durch Arbeitsteilung, Konkurrenzkampf und kommunikationshinderliche Arbeitsorganisation werden die zwischenmenschlichen Beziehungen unterbrochen, die zu einer Befriedigung sozialer Bedürfnisse notwendig sind. • Entfremdung vom Gattungswesen Mensch. Durch Entfremdung vom Resultat der Arbeit wie von der Arbeitstätigkeit verliert der Arbeiter die Beziehung zu sich selbst. „Der Arbeiter fühlt sich erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich" (Karl Marx). Marx sieht die historisch vorfindbaren Produktionsweisen (den Stand gesellschaftlicher Organisation der Arbeit) als Produkt jeweils herrschender Gesellschaftsverhältnisse an. Durch die ausschließlich instrumentelle Ausrichtung der Arbeit (Mittel zur Existenzsicherung) im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Fragen nach dem Sinn von Arbeit verständlicherweise kaum praktische Relevanz gewinnen. In jüngerer Zeit hat vor allem Habermas12 anknüpfend an die Marxsche Terminologie von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen mit den Konstrukten Arbeit (zweckrationales Handeln) und Interaktion (institutioneller Rahmen) die Diskussion über legitimationsvermittelnde Sinnproduktion von Arbeit neu belebt (Habermas 1968, 1981 ähnlich auch Marcuse13 1968). Versteht man Arbeit auch als kommunikatives Handeln zur Bestimmung vom Sinn dessen, was man tut, werden Entscheidungen über Art, Form und Verteilung von zu produzierenden Gütern sowie die Verteilung der Produktionsergebnisse problematisiert und Wünsche nach Entscheidungsteilhabe (Mitbestimmung) als legitime Forderungen auf dem Weg zu einer notwendigen Identifikation mit der Arbeit verstehbar. Neben diesen gesellschaftstheoretischen Ansätzen erfährt der Begriff der Entfremdung (Israel 1985, Ludz 1975) sozial-psychologische Operationalisierungen mit dem Ziel, Arbeitsverhalten aus der Produktionsstruktur und den Arbeitsbedingungen zu erklären (Blauner 1964, Kanungo 1982) und produktionswirtschaftlichen Entscheidungen zugänglich machen zu können (Gaitanides 1975). Das Phänomen der Entfremdung hat im Zuge fortschreitender Industrialisierung vor allem durch ständige Rationalisierungsmaßnahmen nichts an Aktualität verloren (vgl. Conrad 1988). 12 Habermas, Jürgen (geb. 1929) Prof. Philosophie und Soziologie, Uni Frankfurt, ehem. Dir. Max-Planck-Inst. zur Erforschung der Lebensbed. der wiss.-techn. Welt. 13 Marcuse, Herbert (1898-1979) geb. in Berlin, Philosoph der Kritischen Theorie, emigrierte 1934 in die USA, Prof. Columbia Uni, später Uni of California, San Diego. 14 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre Die Jahre nach der Reichsgründung (vor allem zwischen 1871 und 1914) sind durch eine kontinuierliche Steigerung der Arbeitsproduktivität gekennzeichnet, und zwar einerseits als Folge der weiteren Mechanisierung der Fertigung und andererseits als Folge einer systematischen Steigerung der Arbeitsintensität. Vor allem Friedmann (1952) hat sich mit den Folgen hochgradiger Arbeitsteilung in der mechanisierten Massenproduktion beschäftigt. Der Mensch wird seiner Einschätzung nach zum Anhängsel von Automaten und übt lediglich die Funktion eines Lückenbüßers in vom technischen Fortschritt noch ausgesparten Tätigkeitsbereichen aus. Friedmann14 gilt heute als einer der Vorläufer der Bewegung ‚Humanisierung der Arbeit‘. Nachdem die Wirksamkeit der Maschinen weitgehend wissenschaftlich erforscht und praktisch erprobt ist, rückt nun die Wirksamkeit des Menschen in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses und, sobald umsetzbare Ergebnisse vorliegen (dargestellt in den nächsten Abschnitten), in den Mittelpunkt von Rationalisierungsmaßnahmen. Die einschlägige Literatur spricht dann auch in Analogie zu sachlichen Produktionsfaktoren vom ‚Fertigmachen und Fähigmachen des Menschenmaterials‘ (Hinrichs 1981, S. 25). Diese Entwicklung wird jedoch von den Betroffenen nicht ohne Widerstand hingenommen. Das immer stärker werdende Aufbegehren der Arbeiter gegenüber den Fabrikherren äußert sich in individuellen und kollektiven Aktionen, wie Zurückhaltung der Leistung, Produktion von Ausschuß, Verlangsamung des Arbeitstempos, Streiks, Aufruhr, Demonstrationen. V. Strategien der Herrschaftssicherung und Arbeiterbefriedung in Deutschland Die mit der Industrialisierung und Rationalisierung für die Arbeiter verbundene Verschärfung der Belastungen durch die Arbeitsbedingungen sind in Deutschland ungleich gravierender als in den USA. Ziel der Maßnahmen ist stets, die Diskrepanz zwischen der potentiellen Leistungsfähigkeit des Arbeiters und seiner tatsächlich erbrachten Leistung zu minimieren (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 15, sowie Volmerg et al. 1986). Die aus den USA stammenden Methoden der wissenschaftlichen‘ Betriebsführung (vgl. Nelson 1980) zeigen in Deutschland ihre negativen Wirkungen vor allem darin, „daß diese Verfahren zu einem Prozeß der Veröffentlichung und Versachlichung des noch restlichen individuellen und verhüllten leib-seelischen Lebens des Arbeiters führten. In Deutschland kam es 14 Friedmann, Georges (1902-1977) franz. Philosoph und Soziologe, Prof. Geschichte der Arbeit, Conservatoire des Arts et Metiers, Paris.

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.