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III. Verhaltenswissenschaftliche Ansätze im Überblick in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 164 - 173

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_164

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 153 • Ethnologie oder Völkerkunde, als Wissenschaft von der Entstehung, Entwicklung und des Untergangs von Kulturen, ihren Institutionen und Riten. • Anthropologie oder Menschenkunde, als Wissenschaft vom Menschen, von seinen biologischen, ethnologischen und philosophischen Bezügen. • Psychologie, als Wissenschaft vom menschlichen Verhalten und Erleben. • Soziologie, als Wissenschaft vom sozialen Handeln, als Lehre von der Gesellschaft. Vor allem Psychologie und Soziologie, ergänzt um die • Sozialpsychologie, einer Grenzwissenschaft zwischen Soziologie und Psychologie, die sich primär mit Interaktionen in und zwischen (kleinen) Gruppen befaßt, stellen die zentralen Bezugsdisziplinen der Organizational Behavior Forscher dar; dies vor allem in Form der Bindestrichwissenschaften Organisations-Psychologie und -Soziologie. Neben den nach wie vor stark vertretenen empirisch-quantitativen Ansätzen haben in den letzten Jahren vor allem Konzeptionen an Bedeutung gewonnen, die Organisationen als sozial konstruierte Phänomene interpretieren. Untersucht werden Mythen, Rituale, Symbole und andere kulturelle Hervorbringungen (‚Artefakte‘) im Hinblick auf ihre organisatorische Bedeutung und Funktion. Damit spiegelt sich in der OB-Forschung ein genereller Trend der Organisationstheorie und -forschung wider. Anti-positivistische Strömungen gewinnen an Zulauf, alternative Paradigmen oder Forschungsprogramme treten in Konkurrenz zum lange dominierenden kritisch-rationalistischen Theorie- und Methodenverständnis (vgl. Wilpert 1995). Eine weitere Gegenstandsveränderung der OB-Forschung entsteht dadurch, daß sich die gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen verändern, innerhalb derer sich Organisationen entfalten und verändern. Die Prozesse des Organisierens und das Management von Veränderungen auf individueller und institutioneller Ebene sind wichtige Forschungsgebiete, die teilweise mit neuen Konzeptionen und Herangehensweisen analysiert und interpretiert werden. Bildung und Funktionen interpersonaler Netzwerke, das Beschaffen von Unterstützung, die organisatorische Regulation der knappen Ressource Vertrauen (vgl. C. II. 6 in Teil 2) und die Stärkung von Mitarbeiter-Organisationsbeziehungen sind hierfür Beispiele (vgl. Rousseau 1997). III. Verhaltenswissenschaftliche Ansätze im Überblick Nach einem vielzitierten Ausspruch des Psychologen Ebbinghaus6 hat die Beschäftigung mit psychologischen Fragen ‚e ine lange Vergangenheit, jedoch nur eine kurze Geschichte‘. Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß 6 Ebbinghaus, Hermann (1850-1909) deutscher Lern- und Gedächtnispsychologe. 154 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements es schon immer Reflexionen und Spekulationen über das menschliche Verhalten im Zusammenhang theologischer und philosophischer Erörterungen gab. Erst seit der Mitte des letzten Jh. entwickelt sich eine eigenständige Psychologie. Erste Ansätze zu einer verhaltenswissenschaftlichen Forschung finden sich zwar schon in Wundts Arbeiten in Leipzig (Gründung des ersten universitären Forschungslaboratoriums für experimentelle Psychologie 1879; vgl. auch die Ausführungen zur Psychotechnik auf S. 30), jedoch handelt es sich hierbei zunächst um eine psychophysiologisch ansetzende Psychophysik (G. Th. Fechner), die zwar getreu dem naturwissenschaftlichen Vorbild laborexperimentell arbeitet, jedoch insofern eine Bewußtseinspsychologie ist, als sie Erlebnisdaten, also Introspektion, zuläßt. Im Gegensatz dazu entwikkeln der angloamerikanische Funktionalismus (W. James7 und J. Dewey), die russische Reflexologie (I. Pawlow) sowie der Behaviorismus (J. B. Watson) ein strikt verhaltenswissenschaftliches Programm, das im rigorosen methodischen Ansatz des Behaviorismus lediglich beobachtbares Verhalten als Datenbasis zuläßt. „Die bürgerliche Psychologie in ihrem behavioristisch geprägten Kernbereich kennt keinen qualitativen Unterschied zwischen Organismen verschiedener Entwicklungshöhe, sondern nur den quantitativen Unterschied hinsichtlich der ‚Komplexität‘, wobei der Mensch gegenüber den tierischen Organismen lediglich als komplexester Organismus, der den gleichen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, betrachtet wird" (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 229). Den Funktionalismus interessiert weniger die Struktur der Psyche als deren Funktion im Zusammenhang mit Prozessen, wie Lernen, Vergessen, Motivation, Anpassung an Umweltbedingungen. Reflexologie und Behaviorismus entwickeln das Stimulus-Response (Reiz-Reaktions)-Konzept, das mit Modifikationen bis heute die Forschung in Micro OB beeinflußt. Im Zuge heftiger Kritik, auch aus Reihen der Behavioristen selbst, hat sich der dominierende Behaviorismus zunehmend liberalisiert und gegenüber der Gestaltpsychologie (M. Wertheimer8, K. Lewin) und zum Teil auch der Psychoanalyse (S. Freud) im Neobehaviorismus (E. C. Tolman, B. F. Skinner) geöffnet. So können sich allmählich breiter fundierte Ansätze durchsetzen. Das um den menschlichen Organismus erweiterte S-O-R Paradigma der neobehavioristischen Psychologie 7 James, William (1842-1910) amerik. Psychologe und Philosoph, biologischevolutionärer Ansatz. 8 Wertheimer, Max (1880-1943) deutscher Psychologe, emigrierte 1933 in die USA, Mitbegründer der Gestaltpsychologie, New School for Social Research, New York. S = Stimulus (Reiz-Situation) O = Organism (Organismus) R = Response (Reaktion) ist das Ergebnis. Es wird von Luthans (1985, S. 22 ff.) zu einem interaktionistischen S-O-B-C Modell weiterentwickelt: A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 155 Die Doppelpfeile und Rückkoppelungsbeziehungen deuten an, daß zwischen Umwelt, Person und Verhalten vielfältige Interaktionen bestehen, die subjektive Interpretationen, Lernen und Anpassung erlauben. Unter Zurückdrängung des behavioristischen Paradigmas, nach dem der Mensch seiner Umwelt wesentlich rezeptiv und passiv in weitgehend einseitiger Abhängigkeit von externen Bekräftigungen gegenübersteht, vertritt man heute im Zuge der kognitiven Wende der Psychologie die Auffassung vom Menschen als einem Wesen, das sich die Umwelt aktiv (hypothesengenerierend und -testend) erschließt (vgl. Groeben/Scheele 1977, Bannister/Fransella 1981). Im Bereich der Arbeitspsychologie wird seit den 70er Jahren mit Hilfe des handlungstheoretischen Ansatzes versucht, die herkömmlichen, sehr heterogenen Theorien der kognitiven Psychologie auf einer gemeinsamen, anwendungsbezogenen theoretischen Grundlage zu integrieren. Dabei wird die Vermittlungsfunktion von Handlungen zwischen Umwelt (Objekt) und Individuum (Subjekt) besonders betont (s.a. Leontjew 1977). Subjekt Handlung Objekt Dieser Ansatz wurde von den Arbeitspsychologen Hacker (1986) und Volpert (1974) am weitesten ausdifferenziert. Neben der Arbeitspsychologie ist die Betriebs- und Industriepsychologie der Hauptanwendungsbereich von Forschungsergebnissen der Micro OB. Seit den 70er Jahren setzt sich jedoch für letztere die Bezeichnung Organisationspsychologie durch, und zwar in Anerkennung des Tatbestands, daß das Verhalten von Menschen in allen Arten von Organisationen Gegenstand der Forschung ist. Auch das US-amerikanische Standardwerk der Industriepsychologie (McCormick/Ilgen 1985) trägt ab der 8. Aufl. den Titel ‚Industrial and Organizational Psychology‘.9 Maslow (1943, 1954) gilt als Begründer der Humanistischen Psychologie, die sich von behavioristischen und psychoanalytischen Konzepten distanziert und Fragen nach dem Lebenssinn und persönlichem Wachstum thematisiert. Damit steht diese in der Tradition der verstehenden Psychologie Stimulus (Organisationsumwelt, Situation) Organism (Organisationsmitglieder, Wahrnehmung/Bewertung) Behavior (organisationales Verhalten, Handlung) Consequence (Verhaltenskonsequenzen, Handlungsergebnis) 9 Die 1. Aufl. 1942 stammt von Joseph Tiffin; die 4. Aufl. 1958 entstand in Zusammenarbeit mit Ernest McCormick und die 6. Aufl. 1974 mit Daniel Ilgen. McCormick, Ernest J. (geb. 1911) Prof. Industrial Psychology, Purdue Uni, West Lafayette. 156 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements Diltheys10, eines geisteswissenschaftlichen Ansatzes, dem auch E. Spranger verpflichtet ist. Die Vorstellung, daß der Mensch letzten Endes nach innerem Reichtum in der Selbsterfüllung seiner Möglichkeiten strebt, ist hier zentral und wird ebenso von Rogers11 (dem Begründer der Gesprächspsychotherapie), Charlotte Bühler und Frederick Perls (Begründer der Gestalttherapie) vertreten. Die Affinität dieses Ansatzes zu postmaterialistischen Wertentwicklungstrends liegt auf der Hand (vgl. Inglehart 1977). Seit den 30er Jahren dieses Jh. existiert eine sozialpsychologische Forschung, die gemäß der Lewinschen Forderung nach Lebensnähe auch deutlich praxisbezogene, sozial-technologische Intentionen verfolgt. Die Sozialpsychologie führt ihren Ursprung auf die Arbeiten des Psychologen McDougall12 und des Soziologen Edward Ross zurück, die beide unabhängig voneinander im selben Jahr 1908 eine Einführung in die ‚Social Psychology‘ vorlegen. Vor allem Lewin13 (1935, 1951, 1969) hat in seiner Feldtheorie die Situation als Lebensraum bzw. Lebenssituation, welche die Person (Ich) und die Umwelt umfaßt, in den Mittelpunkt seiner topologischen Untersuchungen gestellt. Im Mittelpunkt der Feldtheorie steht das Konzept des Lebensraums (psychological field) einer Person, das sowohl das Individuum selbst mit seinen Zielen und Motiven als auch seine physikalische Umwelt umfaßt. In Analogie zum physikalischen Kräftefeld werden Vektoren und Valenzen als Determination des Verhaltens analysiert. Lewin überwindet insofern den damals dominierenden Behaviorismus, als er Verhalten nicht nur als bloße Reaktion auf Umwelt-Reize erklärt, sondern die Bedeutung der Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen durch die jeweilige Person in der erlebten Umwelt betont. Die Verhaltensgleichung der Lewinschen Feldtheorie stellt die allgemeinste Formulierung der Entstehungsbedingungen menschlichen Verhaltens dar: V = f(P,U) V = Verhalten, P = Person, U = psychologische Umwelt. In einer bestimmten Situation (zeitlich gesehen) hängt das Verhalten eines Individuums von dem psychologischen Lebensraum ab, in dem es sich befindet. Dieser setzt sich, wie auch aus der Gleichung hervorgeht, aus der Person selbst und ihrer Umwelt (Mikro- und Makrosituation) zusammen. Dabei sind mit P sowohl der momentane Zustand einer Persönlichkeit, ihre 10 Dilthey, Wilhelm (1833-1911), deutscher Philosoph, sah Psychologie als Kulturwissenschaft im Gegensatz zur Naturwissenschaft. 11 Rogers, Carl R. (geb. 1902) Prof. Psychologie, Ohio State Uni und Center for Studies of the Person, La Jolla, Cal., Begründer der Personen-zentrierten Psychotherapie. 12 McDougall, William (1871-1938) geb. in England, Arzt und Psychologe, Prof. Psychologie, Harvard Uni. 13 Lewin, Kurt (1890-1947) studierte bei Wertheimer in Berlin Psychologie, emigriert 1933 in die USA, gründet 1945 Research Center for Group Dynamics am MIT. A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 157 aktuellen Stimmungen, Gefühle, Bedürfnislagen etc., als auch die relativ überdauernde, entwickelte Persönlichkeitsstruktur erfaßt. Für den Begriff Umwelt, der sich inzwischen in Theorien der Organisationsstruktur zur Bezeichnung einer Kontextvariablen eingebürgert hat, wird heute in Theorien des Verhaltens eher der Begriff Situation verwandt. In ihn geht die physikalische-gegenständliche Umwelt ebenso wie der soziale Kontext (social setting) ein, in dem das Individuum sich befindet. Heute herrscht in der Psychologie eine interaktionistische Auffassung vor, wonach Situationen ebenso eine Funktion der Person sind wie das Verhalten einer Person eine Funktion der Situation ist. Die von Bandura14 in die wissenschaftliche Diskussion eingebrachte und von ihm (1977, 1986) und anderen (z.B. Mischel 1973, 1976) weiterentwikkelte soziale Lerntheorie verknüpft die Verhaltensgleichung Lewins mit dem S-O-R Paradigma. In ihrem Kern stellt die soziale Lerntheorie Banduras eine kognitive Verhaltenstheorie dar, die die Interaktion von Person, Situation und Verhalten betont und deshalb zu den interaktionistischen Ansätzen (vgl. Lantermann 1980) gezählt werden kann. Die Interaktionskomponente der sozialen Lerntheorie entstammt der Feldtheorie Lewins. In Erweiterung seiner Verhaltensgleichung wird in der sozialen Lerntheorie neben der Interaktion von Person und Situation (bzw. Umwelt) die Interaktion von Person und Verhalten sowie von Situation und Verhalten einbezogen, wobei Interaktion als reziproke Determination verstanden wird (vgl. Abb. 2.1). Die Einbeziehung des Verhaltens, nicht nur als Ergebnisvariable sondern als gleichberechtigte Interaktionskomponente, bringt es mit sich, daß auch die (Mit-)Gestaltung der Situation durch die sich verhaltende Person und auch die Rückwirkung personalen Verhaltens auf die Person bzw. ihre kognitiven Prozesse vom Modell erfaßt werden. Mit der Einbeziehung der Rückwirkung des Verhaltens auf Kognitionen schließt sich der Kreis zu einer Lerntheorie. Sozial wird diese Lerntheorie genannt, weil sie Lernen nicht nur aus den durch die Person selbst erfahrenen Verhaltensfolgen erklärt, sondern auch aus der Beobachtung des Verhaltens anderer (Modellernen; vgl. Abschnitt 2 B II 2). Lernen wird im Gegensatz zu älteren Lerntheorien zunehmend als kognitiver Prozeß aufgefaßt, der den Menschen ein von der Umwelt bzw. Situation zwar beeinflußtes, doch weitgehend selbstgesteuertes Verhalten möglich macht. Die soziale Lerntheorie Banduras wird uns genauso wie die Verhaltensgleichung Lewins oder das S-O-R Paradigma bei der Darstellung der für die Erklärung von Verhalten in und von Organisationen grundlegenden Wahrnehmungs-, Lern- und Motivationsprozesse wiederbegegnen. 14 Bandura, Albert (geb. 1925) Prof. Psychologie, Stanford Uni. 158 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements Abb. 2.1: Grundmodell der sozialen Lerntheorie Person (incl. kognitiver Prozesse) RD RD RD Situation RD = Reziproke Determination Verhalten Quelle: Bandura 1977 Der Beginn der Soziologie als eigenständige Wissenschaft wird meist mit dem Namen Comte15 verbunden, der 1842 den Begriff Soziologie prägt. Die Auseinandersetzung der Soziologie mit Organisationen als sozialen Gebilden geht letztlich auf Spencer16 zurück. Durkheim17 in Frankreich und Tönnies18 in Deutschland setzen diese Tradition fort und befassen sich mit den Institutionen einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft. Als eigentliche Begründer einer soziologischen Organisationstheorie in Deutschland sind jedoch Simmel19 und vor allem Max Weber anzusehen, dessen Arbeiten über bürokratische Organisationen auch in den USA äu- ßerst einflußreich werden (vgl. Mayntz 1963). Während sich Psychologie und Sozialpsychologie primär mit individuellem und Gruppenverhalten beschäftigen, haben (Organisations-)Soziologen stets die Struktur und Funktionen sozialer Systeme sowie deren Verhalten gegenüber der Umwelt zum Forschungsgegenstand. Als in den 60er Jahren der Einfluß der Organisationssoziologen auf das bis dahin von Vertretern der Micro OB beherrschte Gebiet Organizational Behavior immer stärker wird, hat dies zu einer erkennbaren Anhebung des theoretischen Niveaus der Arbeiten geführt. W.R. Scott20 (1987) hat die wichtigsten organisationstheoretischen Ansätze - überwiegend aus dem Bereich Macro OB - nach Analyseebenen in sozialpsychologische (Verhalten der Organisationsmitglieder), strukturalistische (Funktionen der Organisation) und ökologische (Organisationen in ihrer Umwelt) eingeteilt (vgl. Abb. 2.2). Weiterhin unterscheidet er zwischen offenen und geschlossenen System- Modellen. Während in geschlossenen Modellen Organisationen unabhängig von der Umwelt existieren und aus leicht identifizierenden Mitgliedern bestehen, definiert Scott (1987, S. 23) Organisationen in offenen Modellen als 15 Comte, Auguste (1798-1857) franz. Philosoph, Begründer der Soziologie. 16 Spencer, Herbert (1820-1903) engl. Philosoph, Sozialdarwinist (Evolutionstheoretiker), prägt Organisationsbegriff. 17 Durkheim, Emile (1858-1917) franz. Soziologe, Prof. in Bordeaux und Paris. 18 Tönnies, Ferdinand (1855-1936) Prof. VWL und Soziologie, Uni Kiel, Präsident der Deutschen Ges. für Soziologie (1909-1933). 19 Simmel, Georg (1858-1918) Prof. Philosophie, Berlin und Straßburg. 20 Scott, William Richard (geb. 1932) Prof. Soziologie, Stanford Uni. A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 159 Abb. 2.2: Kategorisierung der wichtigsten organisationstheoretischen Ansätze und ihrer Vertreter Ebene der Analyse sozialpsychologische strukturalistische ökologische Geschlossene System-Modelle 1900-1930 rationale Modelle Typ I Scientific Management Taylor (1911) Decision Making Simon (1945) Bureaucratic Theory Weber (1921) Administrative Theory Fayol (1916) 1930-1960 natürliche Modelle Typ II Human Relations Whyte (1948) Cooperative Systems Barnard (1938) Human Relations Mayo (1945) Dalton (1959) Offene System-Modelle 1960-1970 rationale Modelle Typ III Bounded Rationality March & Simon (1958) Contingency Theory Lawrence & Lorsch (1967) Comparative Structure Udy (1959) Blau (1956) Pugh et al. (1969) Transaction Costs Williamson (1975) Ouchi (1980) 1970natürliche Modelle Typ IV Organizing Weick (1969) Negotiated Order Strauss et al. (1963) Ambiguity and Choice March & Olsen (1976) Socio-technical Systems Miller & Rice (1967) Strategic Contingencies Hickson et al. (1971) Pfeffer (1978) Population Ecology Hannan & Freeman (1977) Aldrich (1979) Resource Dependence Pfeffer & Salancik (1978) Marxist Theory Braverman (1974) Edwards (1979) Institutionalist Theory Selznick (1949) Meyer & Rowan (1977) Quelle: Scott 1987, S. 100 f. 160 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements Koalitionen wechselnder Interessengruppen, die ihre Ziele durch Verhandlungen bilden; die Struktur der Koalition, ihre Handlungen und Ergebnisse sind stark durch Umweltfragen geprägt. Offene und geschlossene Systeme können jeweils unter einer rationalen oder einer natürlichen Perspektive analysiert werden: Rationale Modelle: Organisationen sind Systeme, die relativ präzise Ziele verfolgen und die eine relativ hoch formalisierte Sozialstruktur aufweisen. Natürliche Modelle: Organisationen sind Systeme, deren Mitglieder ein gemeinsames Interesse am Überleben desselben haben und die hierfür informell geplante kollektive Handlungen unternehmen. Formelle Strukturen und Ziele sind bei dieser Perspektive kaum verhaltenssteuernd. Pfeffer (1982) ordnet die wichtigsten verhaltenswissenschaftlichen Ansätze ebenfalls unterschiedlichen Analyseebenen zu: Individuen und Gruppen (Micro OB) oder gesamte Organisation (Macro OB). Abweichend von Scott unterscheidet er drei Perspektiven, wobei die erste mit dem rationalen und die dritte mit dem natürlichen Modell identisch ist. Die mittlere Perspektive stellt eine Mischform dar, die vor allem die Umweltabhängigkeit individuellen und organisatorischen Handelns betont (vgl. Abb. 2.3). Abb. 2.3: Kategorisierung unterschiedlicher Ansätze in den Verhaltenswissenschaften Handlungsperspektive Ebene der Analyse Individuen, Koalitionen, Abteilungen gesamte Organisation absichtsvoll, zielorientiert, rational Erwartungstheorie Zielbildungstheorie Bedürfnistheorie Politik- und Machttheorien Transaktionskostenansatz Situationstheorie Marxismus extern beeinflußt und gesteuert Operantes Konditionieren Soziales Lernen Sozialisation Rollentheorie Gruppeneinfluß ex post Rationalisierung Soziale Kommunikation Natürliche Selektion Ressourcenabhängigkeit zufällig entstehend, prozeßabhängig, sozial konstruiert Ethnomethodologie/ Symbolischer Interaktionismus Kognitive Organisationstheorie Sprache und Kultur Affektive Prozesse Organisationen als Paradigmen Komplexe Entscheidungsprozesse in Organisationen Organisationen als Institutionen Quelle: Pfeffer 1982, S. 13 Die in Abb. 2.3 erwähnten Ansätze sind an verschiedenen Stellen des Buches mehr oder weniger ausführlich besprochen (vgl. Stichwortverzeichnis). A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 161 Wie Scott und Pfeffer deutlich gemacht haben, ist es zur besseren Strukturierung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse und Forschungsansätze hilfreich, verschiedene Ebenen der Analyse organisatorischen Verhaltens zu unterscheiden (Nadler/Hackmann/Lawler 1979, Hampton/Summer/Webber 1982, Tosi/Hamner 1985, Steinle 1985 sowie Abb. 2.4): • Individuelles Verhalten (Abschnitt B) • Verhalten in Gruppen (Abschnitt C) • Organisationsverhalten (Abschnitt D) • Organisation-Umwelt Beziehungen (Abschnitt D) Zwischen diesen Ebenen bestehen vielfältige Beziehungen, die in Abb. 2.4 systematisiert werden. Analog zu den Verhaltensebenen lassen sich drei Ebenen unterscheiden, auf denen Management notwendig wird: • Management von Individuen und Gruppen (Personalführung) • Management von Organisationen (Unternehmungsführung) • Management der Beziehungen zwischen Organisation und Umwelt (Unternehmungsstrategie) Abb. 2.4: Beziehungen zwischen den Analyseebenen Organisation Gruppen Individuen Gesellschaft (Umwelt) B. Verhalten von Individuen Organisationen setzen sich aus Menschen zusammen, aus Menschen in unterschiedlichen Rollen (z.B. Vorgesetzte, Untergebene) und Positionen (z.B. Top Manager, Middle Manager); die Beweggründe ihres Verhaltens bilden folglich einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Handlungen in Organisationen. I. Aspekte der Person Will man menschliches Verhalten in Organisationen beschreiben, erklären und vorhersagen, ist die Entwicklung einer Theorie des Verhaltens notwendig. Dabei müssen beide Seiten des Individuum-Organisation-Bezuges konzeptionell gefaßt und miteinander verknüpft werden; denn Determinanten des Verhaltens und Erlebens liegen einerseits im Organismus oder der Person selber oder sind andererseits Stimuluskonfigurationen der Situation. Aus theoretischer Sicht werden personale Determinanten mit Begriffen wie Trieb, Wert, Bedürfnis, Instinkt, Erwartung, Druck, Streben etc. belegt. (Weiner 1972, 1980; Heckhausen 1980). Die Abgrenzung dieser Konzepte untereinander ist seit Jahrzehnten Gegenstand fachlicher Auseinandersetzungen in den Sozialwissenschaften und bis heute keineswegs übereinstimmend gelöst. Da es sich um empirisch nicht direkt beobachtbare Größen handelt, sondern um solche, die mittels theoriegeleiteter Überlegungen aus Verhaltensweisen erschlossen werden müssen, spricht man auch von hypothetischen Konstrukten. Menschliches Verhalten ist auf Motive zurückführbar und ist auf Ziele orientiert. Objektiv gleiche Umweltsituationen werden von verschiedenen Personen unterschiedlich verarbeitet und mit differierenden Verhaltensweisen beantwortet. Objektiv ungleiche Umweltsituationen können von verschiedenen Personen aber auch gleich verarbeitet werden und ohne erkennbare interpersonale Verhaltensunterschiede beantwortet werden. Diese im organisatorischen Alltag häufig zu beobachtenden Variabilitäten und Stabilitäten von Verhaltensweisen einer Person und zwischen Personen machen es notwendig, relativ überdauernde Aspekte von Personen näher zu betrachten. Es liegt nahe, nach den möglichen Bestimmungs- bzw. Einflußfaktoren individuellen Verhaltens zu forschen.

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References

Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.