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II. Organizational Behavior als Teilbereich der angewandten Verhaltenswissenschaften in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 162 - 164

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_162

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 151 triebswirtschaftslehre eher eine individualistische Forschungsstrategie verfolgt wird. Heute setzt sich mehr und mehr die Überzeugung durch, daß soziale Gruppen und große Organisationen über Eigenheiten (properties) verfügen, die nicht aus einer Analyse individuellen Verhaltens verständlich werden, sondern vielmehr eine soziologische Makroanalyse erforderlich machen; oder im Sinne der Emergenzthese formuliert: Beim Übergang von Individuen zu Gruppen und Großgruppen treten Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten hinzu, die für diese Analyseebene charakteristisch sind und die gesondert berücksichtigt werden müssen. Einzelne verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse gelten also lediglich für die jeweilige Ebene der Analyse (Individuum, Gruppe, Organisation). II. Organizational Behavior als Teilbereich der angewandten Verhaltenswissenschaften Im Anschluß an stark empirisch orientierte sozialpsychologische Forschungsbemühungen in den USA (Hawthorne-Studien) spricht man etwa seit 1950 von Behavioral Sciences (Verhaltenswissenschaften), als einer Teilmenge der Sozialwissenschaften, die sich vorzugsweise mit dem Verhalten von Organisationen und ihren Mitgliedern beschäftigen. Senn (1966, S. 109 f.) kommt nach Literaturrecherchen zu dem Ergebnis, daß Hull4 wahrscheinlich als erster Psychologe den Begriff behavioral sciences benutzt hat, und zwar in dem Buch ‚Principles of Behavior‘ (1943). Der weite, verschiedene Forschungsrichtungen integrierende Ansatz der Behavioral Sciences wird jedoch erst um 1950 von der Ford Foundation populär gemacht, deren Forschungsprogramm ‚Individual Behavior and Human Relations‘ als ‚Behavioral Sciences Program‘ hohen Bekanntheitsgrad erzielt. Aus der Projektformulierung wird deutlich, daß die neue Richtung der Verhaltenswissenschaften als Reaktion auf die Human Relations-Bewegung zu verstehen ist. 1950/51 wird bei der Ford Foundation eine spezielle Abteilung für Behavioral Sciences eingerichtet und 1953 ein ‚Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences‘ gegründet. Werden die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften auf einen bestimmten Realitätsausschnitt bezogen (applied behavioral sciences) und zwar auf (einzelwirtschaftliche) Organisationen, spricht man im angelsächsischen Raum von Organizational Behavior (OB) (vgl. Cummings 1978, Howell/Dipboye 1986, S. 15 ff.; Kast/Rosenzweig 1985, S. 86 ff.; Miles 1980, S. 2 ff.; Luthans 1985, S. 5 ff.; Conrad 1988; Mowday/Sutton 1993, Wilpert 4 Hull, Clark Leonhard (1884-1952) gemäßigt behavioristischer Prof. Psychologie, Lerntheoretiker, Yale Uni. 152 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements 1995). Ähnlich, wie in der Volkswirtschaftslehre zwischen Mikro- und Makroökonomie unterschieden wird, sprechen die US-amerikanischen Verhaltenswissenschaftler von Micro Organizational Behavior (etwa: Organisationspsychologie) und Macro Organizational Behavior (etwa: Organisationssoziologie). Micro OB befaßt sich in der Tradition der Human Relations-Bewegung mehr mit dem Verhalten von Individuen und Gruppen, deren Motivation und Führung; Macro OB, bisweilen auch als Organization Theory bezeichnet, widmet sich dagegen mehr Struktur und Verhalten sozialer Systeme, deren Beziehungen zur Umwelt sowie Prozessen von Macht und Konflikt. Heute stehen zunehmend die Forschungsfragen im Mittelpunkt, die sich aus der wechselseitigen Verknüpfung (und Beeinflussung) von Micro- und Macro-Variablen ergeben. Dabei werden die Macro- Größen im Sinne von Kontext-Variablen interpretiert, die die Handlungsmöglichkeiten und Handlungsbegrenzungen im Micro-Bereich vorgeben (vgl. O'Reiley 1991, Mowday/Sutton 1993). Die Gründung der Zeitschrift Administrative Science Quarterly (1956) kann als der Beginn des interdisziplinären Forschungsbereichs Macro OB angesehen werden. In Europa schließen sich 1974 Forscher auf dem Gebiet des Macro OB zur European Group for Organizational Studies (EGOS) zusammen; diese gibt seit 1980 die Zeitschrift Organization Studies heraus. Im wesentlichen aus psychologischer Sicht erscheinen zusammenfassende Arbeiten über OB seit 1979 in den Annual Reviews of Psychology. In diesen Jahresbänden finden sich wesentliche inhaltliche, theoretische und methodische Neuerungen. Neben diesen beiden eher theoretisch-deskriptiv orientierten Forschungsrichtungen Micro und Macro OB werden noch zwei mehr praxeologischpräskriptiv orientierte Ansätze dem Organizational Behavior-Gebiet zugerechnet: Organization Development (Organisationsentwicklung, vgl. Abschnitt 3 D) und Human Resources Management (Strategisches Personalmanagement, vgl. Abschnitt 3 C). Tannenbaum/Margulies/Massarik5 (1985) von der UCLA favorisieren zusätzlich einen speziellen West Coast Approach innerhalb des Organizational Behavior. Im Konzept des Human Systems Development (HSD) integrieren sie Aspekte der Organisationspsychologie und -Soziologie sowie der Systemtheorie (speziell sozio-technischer Ansatz) mit Ansätzen der Organisationsentwicklung. Zusammenfassend läßt sich mit Luthans (1985) Organizational Behavior als Forschungsgebiet charakterisieren, das sich mit der Erklärung, Prognose und Steuerung von Verhalten in und von Organisationen befaßt. „It represents the behavioral approach to management, not the whole of management" (S. 7). In dem auf S. 135 gebrachten Überblick über die Einzeldisziplinen der Sozialwissenschaften sind den Verhaltenswissenschaften die folgenden vier Disziplinen zugeordnet: 5 Tannenbaum, Robert (geb. 1915) Prof. Development of Human Systems, UCLA. A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 153 • Ethnologie oder Völkerkunde, als Wissenschaft von der Entstehung, Entwicklung und des Untergangs von Kulturen, ihren Institutionen und Riten. • Anthropologie oder Menschenkunde, als Wissenschaft vom Menschen, von seinen biologischen, ethnologischen und philosophischen Bezügen. • Psychologie, als Wissenschaft vom menschlichen Verhalten und Erleben. • Soziologie, als Wissenschaft vom sozialen Handeln, als Lehre von der Gesellschaft. Vor allem Psychologie und Soziologie, ergänzt um die • Sozialpsychologie, einer Grenzwissenschaft zwischen Soziologie und Psychologie, die sich primär mit Interaktionen in und zwischen (kleinen) Gruppen befaßt, stellen die zentralen Bezugsdisziplinen der Organizational Behavior Forscher dar; dies vor allem in Form der Bindestrichwissenschaften Organisations-Psychologie und -Soziologie. Neben den nach wie vor stark vertretenen empirisch-quantitativen Ansätzen haben in den letzten Jahren vor allem Konzeptionen an Bedeutung gewonnen, die Organisationen als sozial konstruierte Phänomene interpretieren. Untersucht werden Mythen, Rituale, Symbole und andere kulturelle Hervorbringungen (‚Artefakte‘) im Hinblick auf ihre organisatorische Bedeutung und Funktion. Damit spiegelt sich in der OB-Forschung ein genereller Trend der Organisationstheorie und -forschung wider. Anti-positivistische Strömungen gewinnen an Zulauf, alternative Paradigmen oder Forschungsprogramme treten in Konkurrenz zum lange dominierenden kritisch-rationalistischen Theorie- und Methodenverständnis (vgl. Wilpert 1995). Eine weitere Gegenstandsveränderung der OB-Forschung entsteht dadurch, daß sich die gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen verändern, innerhalb derer sich Organisationen entfalten und verändern. Die Prozesse des Organisierens und das Management von Veränderungen auf individueller und institutioneller Ebene sind wichtige Forschungsgebiete, die teilweise mit neuen Konzeptionen und Herangehensweisen analysiert und interpretiert werden. Bildung und Funktionen interpersonaler Netzwerke, das Beschaffen von Unterstützung, die organisatorische Regulation der knappen Ressource Vertrauen (vgl. C. II. 6 in Teil 2) und die Stärkung von Mitarbeiter-Organisationsbeziehungen sind hierfür Beispiele (vgl. Rousseau 1997). III. Verhaltenswissenschaftliche Ansätze im Überblick Nach einem vielzitierten Ausspruch des Psychologen Ebbinghaus6 hat die Beschäftigung mit psychologischen Fragen ‚e ine lange Vergangenheit, jedoch nur eine kurze Geschichte‘. Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß 6 Ebbinghaus, Hermann (1850-1909) deutscher Lern- und Gedächtnispsychologe.

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.