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I. Gegenstandsbereiche und Forschungsprogramme der Sozialwissenschaften in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 159 - 162

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_159

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Teil 2 Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 149 Sieht man im Aufbau, in der Stabilisierung und ggf. Veränderung von zweckrationalem Verhalten in und von Organisationen eine zentrale Aufgabe des Managements, dann wird unmittelbar einsichtig, daß das hierfür notwendige Managementwissen primär in den Verhaltenswissenschaften zu suchen ist. Auch wenn man einen systemtheoretisch-kybernetischen Ansatz bevorzugt, und die Aufgaben des Managements in der Gestaltung, Lenkung und Entwicklung von zweckorientierten sozialen Systemen erblickt, kommt man ohne verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus (vgl. Abschnitt 1 B II 2). Insofern sehe ich in verhaltenswissenschaftlichen und systemischen Managementansätzen keine Alternative sondern eine notwendige gegenseitige Ergänzung (vgl. z.B. den sozio-technischen Systemansatz). A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften I. Gegenstandsbereiche und Forschungsprogramme der Sozialwissenschaften Erfahrungsobjekt der Sozialwissenschaften, d.h. der Forschungsgegenstand, mit dem sich diese Wissenschaften beschäftigen, ist das soziale Handeln in und von gesellschaftlichen Institutionen, seine Ursachen und seine Folgen. Dieses Erfahrungsobjekt dient den sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen als gemeinsamer Gegenstand ihrer Untersuchung. Folgende Abbildung gibt einen Überblick über die den Sozialwissenschaften zuzurechnenden Einzeldisziplinen (vgl. Berelson/Steiner1 1964, S. 11): Sozialwissenschaften Rechtswissenschaft Wirtschaftswissenschaft Geschichtswissenschaft Politikwissenschaft Ethnologie Anthropologie Psychologie Soziologie Verhaltenswissenschaften Allerdings nähern sich diese Einzeldisziplinen ihrem gemeinsamen Erfahrungsobjekt mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse. Das Erkenntnisobjekt ist von Disziplin zu Disziplin verschieden. So interessiert sich z.B. 1 Berelson, Bernard R. (geb. 1912) Prof. Soziologie, Uni Chicago, Leiter Behavioral Sciences Department der Ford Foundation. Steiner, Gary A., Prof. Organizational Behavior, UCLA. 150 Teil 2: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen des Managements die Wirtschaftswissenschaft primär für einen Ausschnitt sozialen Handelns, nämlich für wirtschaftliches Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen. Sozialwissenschaften - bisweilen auch als Gesellschafts- oder Kulturwissenschaften bezeichnet - sind in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften entstanden, und zwar ursprünglich in sozialpolitischer Absicht. Erste sozialwissenschaftliche Veröffentlichungen zu Beginn des 19. Jh. in Frankreich (Saint-Simon, Fourier2), von K. Marx als utopischer Sozialismus bezeichnet, sind in ihrer Zielsetzung weniger wissenschaftlich angelegt, im Sinne systematischer Erkenntnisgewinnung, sondern eher programmatisch, im Sinne einer Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zur Lösung der sozialen Probleme vor allem der arbeitenden Klasse. Für diese Richtung setzt sich später in Deutschland die Bezeichnung Sozialpolitik durch, die sich wertend der Erkenntnisse einer wertfreien Sozialwissenschaft (Max Weber) bedient. In der sozialwissenschaftlichen Forschung finden zwei gänzlich unterschiedliche Forschungsprogramme Anwendung: der methodologische Individualismus und der methodologische Kollektivismus (Holismus). Ersterer ist eine Vorgehensweise, die, um ein Verständnis für große soziale Systeme (Organisationen, Gesellschaften) zu gewinnen, vom Individuum ausgeht. Begriffe und Konzepte, mit denen individuelles Verhalten beschrieben und gedeutet wird, eignen sich danach auch zur Beschreibung von großen Personenmehrheiten. Eine Gegenposition nimmt der Holismus ein, indem er u.a. aufgrund makroökonomischer und makrosoziologischer Analysen zu einem ganzheitlichen Verständnis sozialer Systeme zu kommen versucht. Der in diesem Zusammenhang häufig zitierte Reduktionismus geht einen Schritt weiter als der methodologische Individualismus und behauptet, Aussagen soziologischer Theorien und von Gesellschaftstheorien ließen sich auf Gesetzesaussagen über menschliches Verhalten (vor allem psychologische Theorien) logisch zurückführen (reduzieren) (vgl. z.B. Hummel/Opp 1971, Eberlein/Kondratzkowitz 1977). Der Individualismus stützt sich historisch primär auf behavioristische und kognitive Konzepte; der Holismus einerseits auf systemtheoretische Konzepte, die Gleichgewichts- und Harmonievorstellungen zwischen den Elementen sozialer Systeme sowie zwischen System und Umwelt thematisieren, andererseits aber auch auf gesellschaftskritische, marxistische Theorien. In den Sozialwissenschaften ist die systemtheoretische Betrachtungsweise vor allem in der Soziologie (Talcott Parsons, Niklas Luhmann) und Volkswirtschaftslehre (Friedrich v. Hayek,3 Vilfredo Pareto, Carl Menger) aufgegriffen worden, während in der Psychologie und Be- 2 Fourier, Charles (1772-1837) franz. Sozialreformer, kritisiert Arbeitsteilung, fordert Reintegration der Arbeit in Produktivassoziationen (Genossenschaften). 3 Hayek, Friedrich A. von (geb. 1899 in Wien) Direktor Institut für Konjunkturforschung Wien, emigriert nach England, Prof. Ökonomie in London, Chicago, Freiburg i.B., Salzburg, Nobelpreis 1974. A. Verhaltenswissenschaften als Teil der Sozialwissenschaften 151 triebswirtschaftslehre eher eine individualistische Forschungsstrategie verfolgt wird. Heute setzt sich mehr und mehr die Überzeugung durch, daß soziale Gruppen und große Organisationen über Eigenheiten (properties) verfügen, die nicht aus einer Analyse individuellen Verhaltens verständlich werden, sondern vielmehr eine soziologische Makroanalyse erforderlich machen; oder im Sinne der Emergenzthese formuliert: Beim Übergang von Individuen zu Gruppen und Großgruppen treten Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten hinzu, die für diese Analyseebene charakteristisch sind und die gesondert berücksichtigt werden müssen. Einzelne verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse gelten also lediglich für die jeweilige Ebene der Analyse (Individuum, Gruppe, Organisation). II. Organizational Behavior als Teilbereich der angewandten Verhaltenswissenschaften Im Anschluß an stark empirisch orientierte sozialpsychologische Forschungsbemühungen in den USA (Hawthorne-Studien) spricht man etwa seit 1950 von Behavioral Sciences (Verhaltenswissenschaften), als einer Teilmenge der Sozialwissenschaften, die sich vorzugsweise mit dem Verhalten von Organisationen und ihren Mitgliedern beschäftigen. Senn (1966, S. 109 f.) kommt nach Literaturrecherchen zu dem Ergebnis, daß Hull4 wahrscheinlich als erster Psychologe den Begriff behavioral sciences benutzt hat, und zwar in dem Buch ‚Principles of Behavior‘ (1943). Der weite, verschiedene Forschungsrichtungen integrierende Ansatz der Behavioral Sciences wird jedoch erst um 1950 von der Ford Foundation populär gemacht, deren Forschungsprogramm ‚Individual Behavior and Human Relations‘ als ‚Behavioral Sciences Program‘ hohen Bekanntheitsgrad erzielt. Aus der Projektformulierung wird deutlich, daß die neue Richtung der Verhaltenswissenschaften als Reaktion auf die Human Relations-Bewegung zu verstehen ist. 1950/51 wird bei der Ford Foundation eine spezielle Abteilung für Behavioral Sciences eingerichtet und 1953 ein ‚Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences‘ gegründet. Werden die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften auf einen bestimmten Realitätsausschnitt bezogen (applied behavioral sciences) und zwar auf (einzelwirtschaftliche) Organisationen, spricht man im angelsächsischen Raum von Organizational Behavior (OB) (vgl. Cummings 1978, Howell/Dipboye 1986, S. 15 ff.; Kast/Rosenzweig 1985, S. 86 ff.; Miles 1980, S. 2 ff.; Luthans 1985, S. 5 ff.; Conrad 1988; Mowday/Sutton 1993, Wilpert 4 Hull, Clark Leonhard (1884-1952) gemäßigt behavioristischer Prof. Psychologie, Lerntheoretiker, Yale Uni.

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.