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I. Institutionalisierung der Managementausbildung in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 114 - 117

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_114

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
D. Managementwissen in der akademischen Ausbildung I. Institutionalisierung der Managementausbildung 1881 wird die Wharton School of Commerce and Finance als erste Business School an der Universität von Pennsylvania gegründet. 1900 führt das Dartmouth College (USA) den Studiengang Business Administration ein. In Deutschland wird 1898 die erste Handelshochschule in Leipzig gegründet. Vor den amerikanischen Business Schools und den deutschen Handelshochschulen haben sich in Europa neben den Universitäten, die sich schon Jahrhunderte mit ökonomischen Problemen beschäftigten, einzelne Institutionen herausgebildet, die sich primär mit der Ausbildung von Kaufleuten befassen1. So wird 1820 in Paris die Ecole Spéciale de Commerce et d'Industrie (ab 1852: Ecole Supérieure de Commerce) gegründet; 1858 die Wiener Handelsakademie und 1898 die Export-Akademie (ab 1919: Hochschule für Welthandel), 1898 in St. Gallen die Höhere Schule für Handel, Verkehr und Verwaltung (ab 1911: Handels-Hochschule) sowie 1895 die London School of Economics and Political Science. Für Deutschland hat schon Anfang des 18. Jh. Marperger2 (erfolglos) eine akademische Ausbildung der Kaufmannschaft gefordert.3 Zwei Jahre nach dessen Gründung im Jahre 1885 wird Ehrenberg4 vom ‚Deutschen Verband für das Kaufmännische Unterrichtswesen‘ beauftragt, ein Gutachten über die Möglichkeiten einer akademischen Ausbildung von Kaufleuten zu erstellen. Als Vorbilder dienen ihm u. a. die London School of Economics and Political Science sowie die Wharton School of Commerce and Finance. Anlaß für die Gründung der ersten Wirtschaftshochschulen in den USA (ab 1881) und Deutschland (ab 1898) ist der Bedarf an hochqualifizierten Kaufleuten (Managern) mit akademischer Allgemeinbildung. Ein bedeutender Unterschied zwischen beiden Ländern besteht jedoch darin, daß die Wharton School als weiterer Fachbereich an einer bestehenden Universität5 gegründet wird, während die ersten Handelshochschulen in Deutschland, ähnlich den heutigen Fachhochschulen, unabhängig von den 1 Zur Geschichte einzelwirtschaftlicher Wissenschaften vor 1900 vgl. D. Schneider 1987, S. 81 ff. 2 Marperger, Paul Jacob (1656-1730), Kaufmann, Hofrat in Dresden. 3 Zur Entwicklung der akademischen Kaufmannsausbildung vgl. Redlich 1957 sowie Busse von Colbe 1962. 4 Ehrenberg, Richard (1857-1921), Volkswirt in Rostock. 5 Die Universität von Pennsylvania wird 1740 von Benjamin Franklin gegründet. 102 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre Universitäten entstehen. Erst 1914 wird die erste Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät an der Universität Frankfurt/M. gegründet. Ein wichtiges Motiv für die Gründungen in Europa ist das geringe Ansehen des Kaufmanns, das man durch eine wissenschaftliche Ausbildung verbessern will; dies im Gegensatz zu den USA, wo sich businessmen in der Öffentlichkeit stets hoher Wertschätzung erfreuen. Redlich (1957, S. 89) unterscheidet vier Ansätze zur Institutionalisierung der akademischen Ausbildung von Kaufleuten: • die Anbindung an eine bestehende Universität (diese Lösung wurde generell in den USA gewählt); • die Anbindung an eine Technische Hochschule (diese Lösung wurde z.B. in Aachen und in den USA in Boston, beim MIT gewählt); • die Gründung unabhängiger Handelshochschulen (z.B. Paris, Wien, Köln, Berlin); • die Einbindung in Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultäten (z.B. London, Frankfurt/M.). Während die heute bei uns übliche enge Einbindung der kaufmännischen Ausbildung in Universitäten (abgesehen von Leipzig) erstmals mit der Gründung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Frankfurt erfolgt, ist dies in den USA von Anbeginn der Fall. Andrews (1968) sieht in der Tatsache, daß die Business Schools von Anfang an in die Gemeinschaft einer bestehenden Universität aufgenommen werden, einen besonderen Vorteil für die Entwicklung der Business Administration: „Die Idee der Universität verleiht den Zielsetzungen der Unternehmensführungsbildung Tiefe und Universalität. Die Spannung zwischen der Business School und den anderen Bereichen der Universität ist insofern vorteilhaft, als sie die mehr praxisorientierten Elemente der Business- Fakultät an die Werte und die integre Beharrlichkeit wahren Gelehrtentums mahnt, an die Tradition einer nonkonformistischen und unabhängigen Denkweise, an die Notwendigkeit langfristiger Ziele und an die Möglichkeiten, einen immer größeren Teil des Alltags-Chaos der Disziplin systematischer Untersuchungen zu unterwerfen. Die Verbindung mit einer großen Universität versetzt eine Managementschule in die Lage, ihr Augenmerk eher darauf zu richten, den Forderungen des Berufspraktikers voranzueilen, statt ihnen zu folgen" (S. 18). Dennoch ist nicht zu übersehen, daß die Business Schools im Vergleich mit anderen Fakultäten anfänglich kein großes Ansehen genossen. Ihre geringe intellektuelle Anziehungskraft macht sie auch nicht attraktiv für anspruchsvollere, fähige Studenten der Sozialwissenschaften. Auf die Anstrengungen, die die Business Schools in der 60er Jahren unternommen haben, um diesen Zustand zu ändern, wird an späterer Stelle noch zurückgekommen. Besonders zu erwähnen sind noch die 1908 gegründete Harvard Business School, weil sie die erste Schule ist, die ein Bachelor's Degree als Zulassungsvoraussetzung für ihr MBA Programm fordert, und die 1906 gegrün- D. Managementwissen in der akademischen Ausbildung 103 dete Handels-Hochschule Berlin, weil sie als erste Schule die Handelswissenschaft ins Zentrum ihres Lehrprogramms rückt. Redlich (1957, S. 35, 85) sieht eine enge Verwandtschaft zwischen den Lehrkonzeptionen beider Schulen, die er u. a. auf die Bekanntschaft der zentralen Gründerfiguren beider Institutionen, Jastrow6 und Taussig, zurückführt. Was die Verbreitung der Institutionen anbetrifft, so ist festzustellen, daß die USA gegenüber Deutschland einen erheblichen zeitlichen und quantitativen (was die Zahl der Neugründungen anbetrifft) Vorsprung erringen können. Die Qualität von Forschung und Lehre streut jedoch in Nord- Amerika bedeutend stärker als im deutschsprachigen Raum. Was die Lehrinhalte anbetrifft, so ergibt ein entsprechender Vergleich, daß das Lehrangebot in den 20er Jahren in beiden Hochschultypen weitgehend identisch ist. Während der Anteil der allgemeinbildenden Fächer in Deutschland im Zuge der Verankerung der Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten gegenüber den Handelshochschulen rapide abnimmt, bleibt dieser an den Business Schools im ‚Undergraduate Program‘ im Gegensatz zum MBA-Programm bis heute relativ hoch7. Dies erklärt sich aus dem unterschiedlichen Bildungs- und Hochschulsystem in den USA. Vergleicht man heute die Lehrinhalte der wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereiche in Betriebswirtschaftslehre und der Business Schools in Business Administration, so sind ebenfalls keine gravierenden Unterschiede zu erkennen. Was die Aus- und Weiterbildung von Führungskräften anbetrifft, finden sich nach Meinung von Pack (1969) bezüglich der Zielsetzung von Management-Ausbildung und BWL-Ausbildung keine wesentlichen Abweichungen. „Auch die Form, in der betriebswirtschaftliche Forschung zumindest von den jüngeren Fachvertretern- betrieben wird, stimmt im wesentlichen mit der an amerikanischen Business Schools betriebenen Forschung überein: in beiden Fällen steht die quantitativ-analytische Forschung im Vordergrund. In dieser Beziehung unterscheiden sich betriebswirtschaftliche Publikationen und Veröffentlichungen von amerikanischen Autoren auf dem Gebiet des Business Administration kaum voneinander" (S. 54). Allerdings muß er an anderer Stelle (S. 57) einschränkend feststellen: „Gewiß, die Lehre der Verhaltenswissenschaften (Soziologie, Psychologie, Sozialpsychologie usw.) ist an deutschen Universitäten im Rahmen des betriebswirtschaftlichen Studiums meist entschieden weniger stark ausgebaut 6Jastrow, Ignaz (1856-1937) erster Rektor der Handels-Hochschule Berlin. Er hat 1904 die USA bereist und die dort existierenden Business Schools besucht. 7 Hier gilt die - heute aber nicht mehr überall eingehaltene - 40%-60%-Regel der American Assembly of Collegiate Schools of Business: „At least forty per cent of the total hours required for the bachelor's degree must be taken in subjects other than business and economics provided that economic principles and economic history may be counted in either the business or non-business groups". Die BA-Studenten erhalten in den ersten beiden Jahren primär eine Liberal Arts- Ausbildung; die Business Schools sehen die Studenten erst im Junior-Jahr (3. Jahr). 104 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre und entwickelt als an den Business Schools der USA". Er führt dies u.a. auf fehlende selbständige, tragfähige betriebswirtschaftliche Forschungsergebnisse und auf das Desinteresse der deutschen Betriebssoziologen an diesem Forschungsbereich zurück. Hierbei mag die von K. Hax8 (1965) geäußerte Befürchtung der Soziologen eine Rolle gespielt haben, „daß nämlich eine als reine Kunstlehre ausgestaltete Managementlehre die Betriebs-Soziologie zu einer ausgesprochenen ‚Managersoziologie‘ macht ..." (S. 235). Gruppiert man die Lehrinhalte in drei große Blöcke, • Funktionen und Institutionen • verhaltenswissenschaftliches Managementwissen (Behavioral Sciences) • quantitatives Managementwissen (Quantitative Sciences), so ist die formale Ähnlichkeit unverkennbar. Schaut man sich jedoch die Kursinhalte genauer an, so sind die Unterschiede unübersehbar. So fehlen in den Business Schools die Äquivalente für unsere Allgemeine Betriebswirtschaftslehre sowie i. d. R. auch für die Institutionenlehren (Banken, Versicherungen, Industriebetriebslehre etc.). Auf diesen Unterschied hat schon Junckerstorff (1955, S. 473) hingewiesen: „Es werden zwar auch die theoretischen Zusammenhänge gezeigt, aber es fehlt bislang eine einheitliche, das gesamte Gebiet umspannende Theorie, die etwa unserer ‚Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre‘ entspräche". Ansatzweise ist diese in dem Anfang der 60er Jahre an der Harvard Business School entwickelten Business Policy- Konzept zu erblicken (Christensen et al. 1987). Die Funktionenlehren sind in den USA konsequent entscheidungsorientiert konzipiert und werden durch aktive Lehrmethoden unterstützt (Fälle, Planspiele, Rollenspiele etc.). „Der Lehrplan in der Unternehmensführungslehre gliedert die speziellen Studiengebiete nicht institutionell oder nach Wirtschaftszweigen, sondern funktionell und in Anlehnung an den Unternehmensprozeß" (Andrews 1968, S. 13). Bilanztheorien, Produktions- und Kostentheorien haben nicht entfernt die Bedeutung wie in unserer BWL- Ausbildung. Im Folgenden werde ich mich auf eine vergleichende Analyse der Blöcke zwei und drei (Managementwissen) beschränken, ohne jedoch zu übersehen, daß diese in beiden Ländern einen erheblichen Einfluß auf Konzeption und Darbietung der betriebswirtschaftlichen Kernfächer (Block eins) haben. II. Managementwissen in der Business Administration Aus einer Analyse der Lehrinhalte in Business Administration der 20er Jahre kann geschlossen werden, daß zu jener Zeit noch keine erkennbar in- 8 Hax, Karl (1901-1978) Prof. BWL, Uni Frankfurt/M.

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.