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4.1 Theoretische Grundlagen der Typologie in:

Peter Kajüter

Risikomanagement im Konzern, page 385 - 389

Eine empirische Analyse börsennotierter Aktienkonzerne

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3440-8, ISBN online: 978-3-8006-4868-9, https://doi.org/10.15358/9783800648689_385

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4 Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen Im vorangehenden dritten Kapitel stand die detaillierte deskriptive und explikative Analyse der Gestaltungsparameter des Risikomanagements im Vordergrund. Dabei konnten wichtige Erkenntnisse über die unterschiedliche Ausprägung einzelner Merkmale sowie über Zusammenhänge zwischen dem Kontext, den Zielen, dem System und der Effizienz des Risikomanagements im Konzern gewonnen werden. Die Ausgestaltung eines Risikomanagementsystems im Konzern erfordert jedoch die simultane Berücksichtigung mehrerer Gestaltungsparameter, also einen „Blick für das Ganze“. Deshalb wird nachfolgend gemäß dem dritten Teilziel der Arbeit der Versuch unternommen, im Rahmen einer explorativ orientierten Analyse typische Muster der Ausgestaltung von Risikomanagementsystemen in Konzernen zu identifizieren. Hierbei wird auf den methodischen Ansatz der Typologie zurückgegriffen, der zunächst kurz vorgestellt wird. Anschließend werden die extrahierten Risikomanagementsystemtypen charakterisiert und im Hinblick auf ihren Kontext und ihre Effizienz analysiert. 4.1 Theoretische Grundlagen der Typologie 4.1.1 Zum Begriff der Typologie Der Begriff der Typologie bezeichnet die Lehre vom Typus, aber auch das Ergebnis der Typenbildung.1 Die Lehre vom Typus, die typologische Methode, befasst sich mit der Einteilung eines heterogenen Gegenstandsbereichs in eine überschaubare Anzahl von Gruppen mit annähernd homogener Merkmalsstruktur. Unter einem Typus wird dementsprechend eine abgrenzbare Einheit verstanden, die aus der ordnenden Zusammenfassung von Objekten mit ähnlich ausgeprägten Merkmalen entsteht.2 Diese ähnlich ausgeprägten, abstufbaren Merkmale oder Eigenschaften beschreiben gemeinsam den jeweiligen Typ. Das sich ergebende Spektrum unterschiedlicher Typen bildet eine Typologie. Eine Typologie ist grundsätzlich vergleichbar mit einer Klassifikation, bei der eine Menge von Objekten einer Menge von Merkmalen zugeordnet wird.3 Im 1 Vgl. Eisfeld (1951), S. 293. 2 Vgl. Tietz (1960), S. 13ff.; Amshoff (1993), S. 86ff.; vgl. zum Typusbegriff ferner Hempel (1972). 3 Der Umfang der Klassifikation hängt von der Menge der Merkmale ab. Ein Beispiel für eine einfache Klassifikation ist die Einteilung der Konzerne anhand des Merkmals „Mitarbeiter“ in sieben Größenklassen. Vgl. dazu Abschnitt 1.5.2.5. 362 4  Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen Gegensatz zur Typologie muss eine Klassifikation jedoch den Anforderungen der Eindeutigkeit, Ausschließlichkeit und Vollständigkeit genügen.1 Innerhalb einer Klassifikation existieren somit scharfe, genau definierte Klassengrenzen. Für eine Typologie sind demgegenüber unscharfe und verschwimmende Grenzen charakteristisch. Die einzelnen Typen werden dabei durch eine Reihe von Merkmalen beschrieben, die nur das Wesentliche (eben das „Typische“) der betreffenden Objekte zum Ausdruck bringen. In der Literatur werden verschiedene Arten von Typologien bzw. Typen differenziert.2 Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen Idealtypen und Realtypen, die auf den empirischen Bezug abstellt. Während Idealtypen hypothetische Gebilde darstellen, beruhen Realtypen auf empirisch nachweisbaren Merkmalen. Realtypen dienen der Erfassung der Realität und sind falsifizierbar, können also durch neue empirische Daten widerlegt werden. Weiter ist im Hinblick auf den Umfang, in dem ein Erkenntnisobjekt erfasst wird, zwischen Total- und Partialtypen zu unterscheiden. Erstere bilden das Objekt in seiner Gesamtheit ab, Letztere beschränken sich auf Teilbereiche. Die Differenzierung in ein- und mehrdimensionale Typen orientiert sich schließlich daran, ob für die Typenbildung ein Merkmal oder mehrere Merkmale herangezogen werden. Bei der im Folgenden zu entwickelnden Typologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen handelt es sich um eine Realtypologie. Die Risikomanagementsystemtypen werden auf der Grundlage empirischer Daten gebildet und sollen reale Risikomanagementsysteme in ihrer typischen Erscheinungsform darstellen. Da hierbei nicht alle Merkmale berücksichtigt werden, wird die Realtypologie aus Partialtypen bestehen.3 Gleichwohl werden mehrere Merkmale zu Grunde gelegt werden, so dass von einer mehrdimensionalen Realtypologie gesprochen werden kann. 4.1.2 Bedeutung von Typologien in der Betriebswirtschaftslehre Typologien sind in vielen Wissenschaften fester Bestandteil der Forschungsmethodik.4 Auch in den Wirtschaftswissenschaften hat die Typenbildung inzwischen eine lange Tradition. Im Bereich der Volkswirtschaftslehre gehören hierzu z.B. die typologischen Untersuchungen über Marktformen (Monopol, Oligopol etc.). Erste typologische Ansätze in der Betriebswirtschaftslehre gehen bis in die 1 Vgl. Friedrichs (1990), S. 88f. 2 Vgl. Petersen (1955), S. 18ff.; Tietz (1960), S. 25ff.; Knoblich (1972), S. 145; Amshoff (1993), S. 95ff. 3 Die Entwicklung von Totaltypen ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn Kenntnisse über alle Variablen bzw. Merkmale vorliegen würden. Da dies regelmäßig nicht der Fall ist, muss der Anspruch, Totaltypen zu bilden, kritisch gesehen werden. Vgl. Amshoff (1993), S. 97. 4 Vgl. Eisfeld (1951), S. 291; Tietz (1960), S. 18ff.; Castan (1963), S. 9f. Besonders bekannt sind z.B. aus der Psychologie die Temperamenttypen (Choleriker, Phlegmatiker, Sanguiniker, Melancholiker). 4.1  Theoretische Grundlagen der Typologie 363 1920er und 1930er Jahre zurück.1 Nach dem Zweiten Weltkrieg waren typologische Forschungsbemühungen vor allem darauf gerichtet, Unternehmenstypologien zu entwickeln, um so die große Zahl von Unternehmen durch Hervorhebung ihrer charakteristischen Merkmale überschaubar zu machen.2 In der Folge hat die typologische Methode auch in den verschiedenen Teildisziplinen der Betriebswirtschaftslehre Einzug gehalten. Vorreiter waren hierbei die Management- und Organisationslehre sowie das Marketing.3 Anwendungsbeispiele finden sich aber ebenfalls im Bereich des Controllings4, der Rechnungslegung5 und des Prüfungswesens6, obgleich Typologien in diesen Gebieten immer noch weniger verbreitet sind. Ein besonderer Vorzug der typologischen Methode besteht darin, dass sie die in der Unternehmenspraxis häufig zu beobachtende Vielfalt an realen Gestaltungsformen zu einem auf das Wesentliche fokussierten Gesamtbild verdichtet. Dadurch kann einerseits eine systematische Komplexitätsreduktion erreicht werden, andererseits aber auch eine differenzierte Betrachtung der Realität. Phänomene, die auf den ersten Blick als unvergleichlich erscheinen, können so in dem Sinne als „gleich“ erkannt werden, als dass das in vielen Aspekten Gemeinsame sichtbar gemacht wird. Die Typologie ermöglicht folglich „die Einhaltung der gesunden Mitte zwischen völliger Abstraktion von der Wirklichkeit und der Berücksichtigung aller Details“7 im Sinne reiner Deskription. Aufgrund dieser Eigenschaft bietet die Anwendung der typologischen Methode im vorliegenden Zusammenhang die Chance, zu realitätsnahen Aussagen über Risikomanagementsysteme in Konzernen zu gelangen, die zugleich den erforderlichen Grad an Allgemeingültigkeit aufweisen.8 In methodologischer Sicht stellt die Typologie eine wichtige Erkenntnismethode dar. Sie ist ein logisches Mittel zur Bildung von Begriffen und Ordnung von Objekten. Als solches erfüllt die Typologie eine heuristische Funktion. Sie dient dazu, im Entdeckungszusammenhang neue Erkenntnisse und Forschungsprobleme zu stimulieren.9 Die Bildung von Typologien hat daher explorativen Charakter und kann als eine besondere Form der Theorieentwicklung angesehen werden.10 Diese Form der Theorieentwicklung entspricht den Gedanken des Konsistenzansatzes.11 Danach gilt es Typen (Konfigurationen, Gestalten) zu ermitteln und erfolgreiche von erfolglosen Typen zu differenzieren, um auf dieser Grundlage Handlungsempfehlungen abgeben zu können. 1 Vgl. die kritische Würdigung von Eisfeld (1951), S. 294ff. 2 Vgl. grundlegend Weisser (1949) sowie im Überblick Castan (1963), S. 13ff. 3 Vgl. z.B. Knoblich (1969). 4 Vgl. z.B. Amshoff (1993); Niedermayr (1994); Maier (2001); Zimmermann (2001). 5 Vgl. zu Typologien für nationale Rechnungslegungssysteme z.B. Nobes/Parker (2006), S. 51ff. 6 Vgl. z.B. Sieben/Bretzke (1973). 7 Mellerowicz (1969), S. 46. 8 Vgl. analog Amshoff (1993), S. 113. 9 Vgl. Friedrichs (1990), S. 89. 10 Vgl. Castan (1963), S. 93; Doty/Glick (1994). 11 Vgl. hierzu Abschnitt 1.4.4.3 sowie Wolf (2003), S. 345ff. 364 4  Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen 4.1.3 Bildung von Typologien In der Literatur werden verschiedene Vorgehensweisen zur Bildung von Typologien vorgeschlagen. Dabei werden zwei Grundformen differenziert – die beobachtende und die verstehende Typenbildung.1 Erstere beruht auf einer umfassenden empirischen Faktenaufnahme und einer Fixierung der wahrgenommenen Merkmalskomplexe. Die in der Realität vorhandenen Typen werden vom Forscher konstatiert. Demgegenüber bedient sich die verstehende Typenbildung der Anschauung, Intuition und Deutung. Die Typen entstehen hierbei gedanklich. Daher können sie nicht beschrieben, sondern nur umschrieben werden.2 Zur Entwicklung einer Typologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen sind die beobachtende und die verstehende Typenbildung in ihrer ursprünglichen Form jedoch nur bedingt geeignet. Risikomanagementsystemtypen können weder allein durch Beobachtung noch allein durch intuitives Anschauen und Deuten gewonnen werden. Vielmehr sind im Sinne einer konstruierenden Typenbildung beide Vorgehensweisen miteinander zu kombinieren.3 Der Prozess der konstruierenden Typenbildung lässt sich in drei Schritte gliedern: • Definition der Untersuchungsziele und Abgrenzung des Untersuchungsbereichs, • Selektion und Zusammenstellung der für die Typenbildung relevanten Merkmale, • Festlegung der einen Typus bestimmenden Kombination von Merkmalen bzw. Merkmalsausprägungen. Mit dem ersten Schritt erfolgt eine zentrale Weichenstellung für die Typenbildung, da die Auswahl der Merkmale stets von dem Ziel und dem Gegenstand der Untersuchung abhängig ist.4 Die Auswahl der Merkmale selbst stellt den wohl wichtigsten Schritt dar. Sie ist notwendig, weil nur das „Typische“ aufgezeigt werden soll, nicht aber die Realität in ihrer gesamten Komplexität. Für die Merkmalsselektion gibt es keine objektiven Kriterien. Es handelt sich vielmehr um eine subjektive Entscheidung des Forschers, die erhebliche Gefahren in sich birgt.5 Dies betrifft zum einen die Differenzierung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen. Auch wenn diese Differenzierung vom Forschungsziel geleitet wird, ist nicht auszuschließen, dass sich als relevant erachtete Merkmale ex-post als wenig informativ erweisen, und umgekehrt, dass als irrelevant angesehene und daher nicht berücksichtigte Merkmale rückblickend sehr wohl einen wichtigen Informationsgewinn hätten erbringen können. Zum anderen besteht die Schwierigkeit, eine angemessene Anzahl an 1 Vgl. Leitherer (1965), S. 655ff. 2 Vgl. Eisfeld (1951), S. 303. 3 Vgl. hierzu Amshoff (1993), S. 99ff. 4 Vgl. Knoblich (1972), S. 143. 5 Vgl. Amshoff (1993), S. 115ff. 4.2  Entwicklung einer Realtypologie für Risikomanagementsysteme 365 Merkmalen auszuwählen. Mit zunehmender Zahl an Merkmalen, die zur Kennzeichnung eines Typs herangezogen werden, steigt zwar die Homogenität der jeweiligen Typen, gleichzeitig wird die Gruppe der ähnlichen Objekte aber auch kleiner. Daraus ergibt sich das Dilemma zwischen zunehmender Bestimmtheit und abnehmender Allgemeingültigkeit, das nur durch einen Kompromiss zu lösen ist. Neben diesen grundlegenden Überlegungen sind auch methodische Aspekte bei der Typologiebildung zu berücksichtigen. Hierauf wird im Folgenden kurz eingegangen, bevor die entwickelte Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen dargestellt und interpretiert wird. 4.2 Entwicklung einer Realtypologie  für Risikomanagementsysteme 4.2.1 Methodische Grundlagen Die Bildung einer Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen zielt darauf ab, aus der Vielzahl unterschiedlich ausgeprägter Risikomanagementsysteme Gruppen zu bilden, die eine ähnliche Struktur aufweisen. Eine statistische Methode, die eine solche Gruppenbildung unterstützt, ist die Cluster‐ analyse.1 Hierbei handelt es sich um ein multivariates Verfahren, das die zu untersuchenden Objekte derart in Gruppen zusammenfasst, dass die Objekte innerhalb einer Gruppe möglichst homogen sind, gleichzeitig aber zwischen den Gruppen möglichst große Unterschiede bestehen. Zur Messung der Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit werden dabei mehrere Merkmale simultan berücksichtigt. Da mit der Clusteranalyse die Identifizierung im Vorhinein unbekannter Gruppen angestrebt wird, stellt sie eine explorative, strukturentdeckende Methode dar, die keine Annahmen über die Beziehungen zwischen den Merkmalen erfordert. Strenggenommen ist es irreführend, von „der“ Clusteranalyse zu sprechen, da unter diesem Begriff eine ganze Reihe verschiedenartiger statistischer Verfahren zusammengefasst werden.2 Um die Ergebnisse der Clusteranalyse nachvollziehen zu können, ist es daher erforderlich, die eingesetzten Verfahren offen zu legen und ihre Auswahl zu begründen. Dem kommt vor allem deshalb eine zentrale Bedeutung zu, weil die verschiedenen Clusterverfahren zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Aus diesem Grunde werden im Folgenden das weitere Vorgehen und die dabei eingesetzten Verfahren kurz erläutert. Es lassen sich insgesamt sechs Schritte unterscheiden. 1 Vgl. Steinhausen/Langer (1977); Punj/Stewart (1983); Lorr (1983); Brosius (2002), S. 627ff.; Backhaus et al. (2011), S. 395ff. 2 Vgl. Backhaus et al. (2011), S. 397.

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References

Zusammenfassung

"Wer sich für Risikomanagement im Konzern interessiert, kommt an [diesem Buch] nicht vorbei. Kajüter hat eine Lücke besetzt in einem wichtigen und sehr praxisrelevanten Fragenbereich". Die Wirtschaftsprüfung 23/2012

Die empirische Studie zum Risikomanagement.

Dieses neue Werk stellt die Ergebnisse einer umfangreichen Studie zu Risikomanagementsystemen börsennotierter Aktienkonzerne vor und entwickelt anhand der empirischen Daten eine Typologie von Risikomanagementsystemen in Konzernen. Darauf aufbauend werden aus der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten fünf Typen konzernweiter Risikomanagementsysteme herausgearbeitet.

Der Nutzen

Die konkrete Analyse offenbart Unterschiede in der Wirksamkeit der Risikomanagementsystemtypen und zeigt dadurch differenzierte Gestaltungsempfehlungen für die Implementierung von Risikomanagementsystemen in Konzernen auf.

Pressestimmen

"Die vorliegende Ausarbeitung ist eine überaus empfehlenswerte, mitunter spannende Lektüre, die sich an ein breites Fachpublikum richtet. So hat es der Autor verstanden, Praktiker mit Entscheidungshilfen und unternehmensspezifischen Empfehlungen zu versorgen, ohne den wissenschaftlichen Tiefgang vermissen zu lassen. Eine herausragende Arbeit, der man möglichst viele Leser wünscht." Der Betriebswirt 1/2013