Content

2.2 Ziele des Risikomanagements im Konzern in:

Peter Kajüter

Risikomanagement im Konzern, page 132 - 139

Eine empirische Analyse börsennotierter Aktienkonzerne

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3440-8, ISBN online: 978-3-8006-4868-9, https://doi.org/10.15358/9783800648689_132

Bibliographic information
2.2  Ziele des Risikomanagements im Konzern 107 Ein weiterer externer Kontextfaktor ist die Konkurrenzsituation, die ebenfalls eine Quelle der Unsicherheit darstellt.1 So geht ein starker Konkurrenzdruck oftmals mit Überkapazitäten einher, die das Absatzrisiko erhöhen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Anforderungen an Informations- und Kontrollinstrumente mit zunehmender Wettbewerbsintensität steigen und somit auch die Gestaltung von Risikomanagementsystemen beeinflussen. Da die Konkurrenzsituation in diversifizierten Konzernen je nach Tätigkeitsgebiet sehr unterschiedlich sein kann, wird in dieser Studie nach einer Einschätzung zur Wettbewerbsintensität in der Hauptbranche des Konzerns gefragt. Mit der Dynamik und Komplexität der Umwelt sowie der Konkurrenzsituation sind die drei wesentlichen externen Kontextfaktoren für Risikomanagementsysteme in Konzernen ermittelt. Ihre Operationalisierung und Datenerhebung sind in Tab. 2.1–2 zusammenfassend dargestellt. Der folgende Abschnitt wendet sich nunmehr der zweiten Kategorie des Bezugsrahmens, den Zielen des Risikomanagements, zu. 2.2 Ziele des Risikomanagements im Konzern Wie Ziele allgemein zur Ausrichtung der Unternehmensaktivitäten dienen, so sind die Ziele des Risikomanagements eine Grundlage für die Gestaltung des Risikomanagementsystems. Die Risikomanagement-Ziele stellen zudem eine Voraussetzung dar, um Gestaltungsempfehlungen, die auf dem Grad der Zielerreichung beruhen (Effizienz des Risikomanagements), aussprechen zu können.2 Sie bilden daher neben dem vorstehend betrachteten Kontext eine weitere Kategorie des Bezugsrahmens. Um die Ziele des Risikomanagements inhaltlich zu bestimmen, können grundsätzlich zwei Vorgehensweisen gewählt werden. Die Erste besteht darin, die Ri- 1 Vgl. grundlegend Khandwalla (1975). Externer  Kontextfaktor Indikator Datenerhebung Dynamik der Umwelt Dynamik im politisch-rechtlichen Umfeld, der technologischen Entwicklung und der Absatzmärkte/des Kundenverhaltens Prognostizierbarkeit der Veränderungen Fragebogen (A.6.7) Fragebogen (A.6.8) Komplexität der Umwelt Anzahl und Verschiedenartigkeit der Kundengruppen und Konkurrenzprodukte Fragebogen (A.6.7) Konkurrenzsituation Wettbewerbsintensität in der Hauptbranche Fragebogen (A.6.7) Tab. 2.1–2: Konzeptionalisierung und Operationalisierung externer Kontextfaktoren 2 Vgl. hierzu ausführlich Abschnitt 2.4. 108 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern sikomanagement-Ziele aus den übergeordneten Unternehmens- bzw. Konzernzielen deduktiv abzuleiten. Bei der zweiten Vorgehensweise werden die Ziele induktiv mithilfe einer empirischen Erhebung ermittelt. Da hier eine Konzeptionalisierung der Zielkategorie des Bezugsrahmens angestrebt wird, erscheint die deduktive Ableitung von Risikomanagement-Zielen zweckmäßiger. Nachfolgend werden deshalb zunächst einige grundlegende Überlegungen zu den allgemeinen Zielen des Risikomanagements dargelegt, bevor diese Ziele anschlie- ßend weiter konkretisiert und operationalisiert werden. 2.2.1 Ziele des Risikomanagements im Konzernzielsystem Als oberstes Konzernziel wird allgemein die dauerhafte Sicherung der Existenz angesehen.1 Diese primäre Zielsetzung bildet einen Minimalkonsens der meist divergierenden Interessen der verschiedenen Stakeholder: „Die Erhaltung und erfolgreiche Weiterentwicklung des Konzerns wird … zum gemeinsamen Oberziel aller Interessensgruppen, das zwingend erfüllt werden muss …“2. Da dieses Oberziel wenig operational ist, wird es regelmäßig durch zahlreiche weitere Ziele konkretisiert. Hierbei stehen zwei Hauptziele im Vordergrund – das Gewinnziel auf der einen und das Sicherheitsziel auf der anderen Seite (vgl. Abb. 2.2–1).3 1 Vgl. Hungenberg (1995), S. 104; Wenger (1999), S. 173. Dies gilt gleichermaßen für das oberste Ziel eines Einheitsunternehmens. Vgl. Hill (1971), S. 30; Welge/Al‐Laham (2008), S. 213. 2 Hungenberg (1995), S. 104. Abb. 2.2–1: Ziele des Risikomanagements im Konzernzielsystem 3 Der hohe Stellenwert, den das Gewinn- und das Sicherheitsziel im Zielsystem von Unternehmen haben, wird durch Befunde der empirischen Zielforschung belegt. Danach nehmen Gewinn und Sicherheit in der Rangfolge der Unternehmensziele häufig den ersten und zweiten Rang ein. Vgl. z.B. Heinen (1971b), S. 39ff. Gleichwohl sollten auch Sachund Sozialziele beim Risikomanagement berücksichtigt werden (vgl. Haller (1986a), S. 19; Hölscher (2000b), S. 313f.). dauerhafte Existenzsicherung dauerhafte Existenzsicherung Gewinnziele innziel SicherheitszielSicherheitsziel Oberziel Hauptziele Nebenziele Liquidität Risikotragfähigkeit optimales Gesamtrisikoniveau Gewinn Kapitalrentabilität Wertbeitrag Wertmanagementert anage ent Risikomanagementisiko anage ent 2.2  Ziele des Risikomanagements im Konzern 109 Die Verfolgung des Gewinnziels ist in einer Marktwirtschaft notwendig, um die Verzinsungsansprüche der Eigenkapitalgeber zu befriedigen. Ebenso sind Verluste zu vermeiden, da diese das Eigenkapital aufzehren und bei Kapitalgesellschaften zur Insolvenz wegen Überschuldung führen können. Zur Erwirtschaftung von Gewinnen ist es indes erforderlich, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Das Streben nach Gewinnerzielung beinhaltet daher stets die Möglichkeit einer Zielverfehlung, ist also untrennbar mit Risiken und Chancen verbunden. Dem steht das Sicherheitsziel entgegen. Höhere Sicherheit trägt grundsätzlich dazu bei, das Gewinnziel und die daraus abgeleiteten Subziele zu erreichen sowie letztendlich auch die Existenz dauerhaft zu sichern. Allerdings erfordert eine höhere Sicherheit i.d.R. den Verzicht auf die Wahrnehmung riskanter, aber gewinnträchtiger Geschäfte. Zudem entstehen durch sicherheitserhöhende Maßnahmen Kosten, die den Gewinn mindern. Meist nehmen diese Kosten mit steigendem Sicherheitsgrad überproportional zu und machen die betreffenden Maßnahmen unwirtschaftlich.1 Zwischen Gewinn- und Sicherheitsziel besteht somit ein konfliktäres Verhältnis.2 Einerseits ist Gewinnerzielung notwendig, um den Fortbestand des Konzerns oder Unternehmens nachhaltig zu sichern, andererseits muss dazu aber Sicherheit aufgegeben werden. Zur Lösung dieses Zielkonfliktes bedarf es eines Zielkompromisses, der wesentlich durch die Risikoneigung der Entscheidungsträger bestimmt wird.3 Dabei können entweder hohe Gewinnpotenziale mit entsprechend großen Risiken oder kleinere Gewinnpotenziale mit begrenzten Verlustmöglichkeiten angestrebt werden.4 Vor diesem Hintergrund besteht die Zielsetzung des Risikomanagements darin, die dauerhafte Existenzsicherung und die Gewinnerzielung durch eine systematische Analyse, Steuerung und Kontrolle von Risiken zu unterstützen. Dabei geht es nicht um eine Minimierung oder Vermeidung aller Risiken, sondern um die Verwirklichung eines optimalen Sicherheits- bzw. Gesamtrisikoniveaus.5 Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass unter Berücksichtigung von Risikoneigung und Kosten-Nutzen-Aspekten die richtigen Risiken bewusst getragen, unerwünschte Risiken dagegen reduziert oder auf Dritte überwälzt werden. Da die Zielsetzung, ein optimales Gesamtrisikoniveau zu erreichen, nicht operational ist, bedarf sie einer weiteren Präzisierung durch Teilziele. Als solche Teilziele können die Reduzierung des Informationsdefizits und der innerbetriebliche Risikoausgleich angesehen werden.6 Ersteres trägt dazu bei, Risiken besser beur- 1 Vgl. Brühwiler (1980), S. 54ff.; Hoffmann (1985), S. 149ff.; Hölscher (2000b), S. 315; Kremers (2002a), S. 73. 2 Vgl. Farny (1967), S. 77; Mugler (1979), S. 15ff.; Braun (1984), S. 44; Tümpen (1987), S. 117; Neubürger (1989), S. 38. 3 Grundsätzlich kann der Zielkonflikt auch durch eine Zieldominanz oder ein Zielschisma gelöst werden. Im ersteren Fall würde z.B. das Gewinnstreben stets dem Sicherheitsziel übergeordnet. Bei einem Zielschisma würde dagegen die Rangfolge der Ziele in Abhängigkeit von der Entscheidungssituation differenziert. Vgl. Mugler (1979), S. 15ff. 4 Vgl. Braun (1984), S. 44f.; Fasse (1995), S. 75f. 5 Vgl. Braun (1984), S. 46ff.; Haller (1986a), S. 23; Fasse (1995), S. 77ff. 6 Vgl. Braun (1984), S. 46ff. 110 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern teilen und steuern zu können, da z.B. Angaben zu den Eintrittswahrscheinlichkeiten vorliegen. Das auf dem Gedanken eines optimalen Risikoportefeuilles beruhende Ziel des innerbetrieblichen Risikoausgleichs lässt sich ebenfalls nur näherungsweise umsetzen, indem z.B. Einzelrisiken kategorisiert werden und zwischen den verschiedenen Kategorien eine Risikostreuung angestrebt wird. Aufgrund der Vielfalt der Risiken und der zwischen ihnen bestehenden Interdependenzen kann das Idealziel eines optimalen Gesamtrisikoniveaus auf diese Weise jedoch nur approximativ erreicht werden. Neben einem optimalen Gesamtrisikoniveau ist ferner sicherzustellen, dass die Existenz des Konzerns oder einzelner Konzernunternehmen zu keinem Zeitpunkt gefährdet wird. Risikomanagement dient folglich stets dem Ziel, eine Insolvenz zu verhindern.1 Im Sinne einer strengen Nebenbedingung muss somit die Risikotragfähigkeit jederzeit gewährleistet sein (Nebenziel). Dazu ist das Gesamtrisikopotenzial mit den verfügbaren Risikodeckungsmassen (z.B. Liquidität, Eigenkapital) abzustimmen.2 Aus den vorstehenden Überlegungen ergibt sich, dass das Sicherheitsziel und damit auch das Risikomanagement stets in Verbindung mit anderen Konzernoder Unternehmenszielen zu sehen ist. Dies ist in erster Linie das Gewinnziel, das eine operative Zielgröße darstellt und im Rahmen einer wertorientierten Unternehmensführung häufig in Form von Kapitalrenditen oder Wertbeiträgen definiert wird. Neben diesem Erfolgsziel sind jedoch zwei weitere Zielgrößen von besonderer Bedeutung.3 Dies ist zum einen das Liquiditätsziel, bei dem es sich um eine strenge Nebenbedingung der unternehmerischen Tätigkeit handelt (Nebenziel), da die (drohende) Zahlungsunfähigkeit die Insolvenz auslöst und damit die Unternehmensexistenz gefährdet. Zum anderen bedarf es sog. Erfolgspotenziale als strategische Vorsteuergrößen für das Erfolgsziel. Erfolgspotenziale sind vorhandene oder neue Produkte, Märkte oder Ressourcen, die Wettbewerbsvorteile für das Unternehmen begründen und dadurch in Zukunft zu nachhaltigen Gewinnen bzw. Zahlungsüberschüssen (Free Cashflows) führen. Der Barwert dieser künftigen Zahlungsüberschüsse bildet den Unternehmenswert (Shareholder Value). Insofern stellt Risikomanagement, wie eingangs dargelegt, auch einen elementaren Bestandteil des Wertmanagements dar. Dabei kann in einer dynamischen Betrachtung eine kurzfristige Erhöhung der Sicherheit langfristig negative Wirkungen auf die Erfolgspotenziale und den Unternehmenswert haben, wenn z.B. Liquidität vorgehalten anstatt in wertschaffende Projekte investiert wird. 2.2.2 Präzisierung der Zielinhalte des Risikomanagements Die Realisierung eines optimalen Gesamtrisikoniveaus und die Sicherstellung der Risikotragfähigkeit sind, wie vorstehend dargestellt, recht globale Zielgrö- ßen für das Risikomanagement im Konzern. Für ihre Operationalisierung liegen 1 Vgl. Hauschildt/Heldt (2001), S. 171. 2 Vgl. Kremers (2002a), S. 244ff.; Schierenbeck/Lister (2002a), S. 362ff. 3 Vgl. Gälweiler (1990), S. 26ff.; Baum et al. (2007), S. 6; Coenenberg/Günther (2011), S. 4ff. 2.2  Ziele des Risikomanagements im Konzern 111 bislang nur rudimentäre Überlegungen vor.1 Vielfach werden jedoch in der Literatur weitere Teilziele des Risikomanagements genannt, die im Folgenden zur Konkretisierung der Zielinhalte herangezogen werden sollen.2 Unstrittig bildet die Sicherung der Existenz das zentrale Ziel des Risikomanagements.3 Folglich muss das Risikomanagementsystem des Konzerns darauf ausgerichtet sein, bestandsgefährdende Entwicklungen für das Mutterunternehmen frühzeitig zu erkennen, um diesen noch mit geeigneten Maßnahmen entgegenwirken zu können. Über die Existenzsicherung hinaus kann Risikomanagement auch auf die Sicherung des Konzernerfolgs abzielen.4 Hierbei geht es nicht nur darum, den Fortbestand gefährdende Entwicklungen zu erkennen, sondern auch solche Faktoren, welche die Erreichung der Gewinnziele in der aktuellen oder in künftigen Perioden beeinträchtigen könnten. Indem die Erreichung der Gewinnziele durch ein Risikomanagementsystem gefördert wird, wird indirekt auch ein Beitrag zur langfristigen Existenzsicherung und zur Sicherstellung der Risikotragfähigkeit geleistet. Unmittelbar im Vordergrund steht jedoch, die Erreichung der Gewinnziele sicherer zu machen.5 Aus der Zielsetzung, den Konzernerfolg zu sichern, ergibt sich ein weiteres Teilziel des Risikomanagements. Durch die systematische Identifikation und Bewertung von Risiken sollen potenzielle Probleme frühzeitig erkannt und die Informationsbasis für unternehmerische Entscheidungen verbessert werden.6 Eine Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen erfordert aber nicht nur Transparenz über die Risiken, sondern auch über die Chancen, da nur so eine ausgewogene Entscheidungsfindung möglich ist. Aus diesem Grunde wird eine integrierte Betrachtung von Risiken und Chancen gefordert.7 Erhöhte Transparenz über Risiken (und Chancen) ist auch Voraussetzung für die Stärkung des Risikobewusstseins von Entscheidungsträgern. Risikobewusstsein kennzeichnet das allgemeine Wissen um die Risiken und deren mögliche Wirkungen.8 Ein solches Wissen führt i.d.R. zu einem sorgfältigeren Umgang mit den Risiken. Es fördert die möglichst vollständige Erfassung und sachgerechte Bewertung von Risiken und induziert ggf. risikosteuernde Maßnahmen. Ein wesentliches Ziel des Risikomanagements besteht daher in der „Erzeugung des Risikobewußtseins bei allen Mitarbeitern, gleichgültig welcher Unternehmens- 1 Vgl. Fasse (1995), S. 78. 2 Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Begriffe Ziele, Funktionen, Aufgaben oder Anforderungen in der Literatur trotz semantischer Unterschiede häufig synonym verwendet werden. 3 Vgl. Hoffmann (1985), S. 15f.; Neubürger (1989), S. 37; Fasse (1995), S. 73; Sauerwein/Thurner (1998), S. 35; Mikus (1999), S. 89; Pollanz (1999), S. 394; Reichmann (2006), S. 622; Diederichs (2010), S. 13. 4 Vgl. Hoffmann (1985), S. 15f.; Pollanz (1999), S. 394; Reichmann (2006), S. 622. 5 Vgl. Zellmer (1990), S. 21. 6 Vgl. Claassen (1999), S. 3. 7 Vgl. z.B. Weber et al. (1999a), S. 11. 8 Vgl. Gronau (1935), S. 14; Oberparleiter (1955), S. 150; Schmidbauer‐Juraschek (1959), S. 620; Segelmann (1959), S. 68ff. 112 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern ebene sie angehören“1. Eine solche Sensibilisierung für Risiken kann durch unterschiedliche Maßnahmen, wie z.B. die Formulierung risikopolitischer Grundsätze, einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch oder Schulungen zum Risikomanagement, erreicht werden. In jüngster Zeit wird ein Ziel des Risikomanagements auch vermehrt in der Senkung der Kapitalkosten bzw. konkreter in der Verbesserung der Kreditwürdigkeit gesehen. Vor dem Hintergrund der regulatorischen Anforderungen von Basel II wird bemerkt, dass ein Risikomanagementsystem die Ausfallwahrscheinlichkeit von Krediten reduziere und sich daher in einem besseren Rating und damit letztlich in günstigeren Fremdkapitalkosten niederschlage.2 Neben den bisher genannten Zielen lassen sich drei weitere Ziele anführen, die für die Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern relevant erscheinen. Dies ist zum Ersten die Prüfbarkeit des Risikomanagementsystems durch den Wirtschaftsprüfer. Wird dieses Ziel verfolgt, sind z.B. besondere Anforderungen an die Dokumentation des Risikomanagementsystems zu stellen, damit der Abschlussprüfer die nach § 317 Abs. 4 HGB für börsennotierte Aktiengesellschaften obligatorische Prüfung durchführen kann. Zum Zweiten muss die Wirt‐ schaftlichkeit des Risikomanagementsystems beachtet werden.3 Aus ökonomischer Sicht ist Risikomanagement nur insoweit sinnvoll, wie der damit erzielte Nutzen (z.B. bessere Kreditwürdigkeit) größer ist als die verursachten Kosten (z.B. für Personal, EDV-Systeme). Dabei ist eine Abschätzung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses meist nur qualitativ möglich, weil der Nutzen des Risikomanagements in der Praxis nicht exakt messbar ist. Schließlich ist zum Dritten die Akzeptanz des Risikomanagementsystems zu nennen.4 Ohne eine breite Akzeptanz bei den betroffenen Entscheidungsträgern wird eine Einführung des Systems nur unter erhöhtem Aufwand möglich sein. Zudem würde bei mangelnder Akzeptanz das Nutzenpotenzial des Risikomanagementsystems vermutlich nicht oder nur in begrenztem Maße ausgeschöpft. Ein weiteres Ziel des Risikomanagements ist die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen nach § 91 Abs. 2 AktG und § 317 Abs. 4 HGB.5 Dieses Ziel deckt sich jedoch mit den bereits genannten Zielen Sicherung der Existenz und Prüfbarkeit des Risikomanagementsystems. Aus diesem Grunde wird es im Rahmen der Studie nicht gesondert analysiert. Die vorstehend aufgezeigten Ziele des Risikomanagements lassen sich, wie in Tab. 2.2–1 dargestellt, in zwei Zielkategorien ordnen. Bei den ersten fünf Zielen handelt es sich um die originären Ziele des Risikomanagements; sie bilden die Kategorie der Primärziele. Die letzten drei Ziele haben dagegen eher den Charakter einer Nebenbedingung und werden daher als Sekundärziele bezeichnet. 1 Braun (1984), S. 76. Ähnlich Fasse (1995), S. 73; Claassen (1999), S. 3; Hölscher (2000b), S. 305f. 2 Vgl. Schöne (2003), S. 105; Becker et al. (2004), S. 1578. 3 Vgl. Weber  et  al. (1999a), S. 11; Burger/Buchhart (2002a), S. 19f.; Leker  et  al. (2002), S. 9; Hoitsch/Winter (2004b), S. 238; Reichmann (2006), S. 622. 4 Vgl. Burger/Buchhart (2002a), S. 20f.; Diederichs/Kaminski (2003), S. 706f. 5 Vgl. Claassen (1999), S. 6; Wittmann/Spannagl (2000), S. 37. 2.2  Ziele des Risikomanagements im Konzern 113 Im Rahmen der empirischen Studie wurde die Bedeutung der Primär- und Sekundärziele für die Ausgestaltung der Risikomanagementsysteme mit den in Tab. 2.2–1 genannten Zielindikatoren erhoben bzw. direkt nach der Bedeutung des Ziels gefragt (vgl. Frage A.2.1). 2.2.3 Bedeutung der Ziele in Abhängigkeit vom Kontext Gemäß der kontingenztheoretisch begründeten ersten Basishypothese sind die verfolgten Ziele des Risikomanagements kontextabhängig. Die vorstehend operationalisierten Risikomanagement-Ziele variieren demzufolge je nach Situation in ihrer Bedeutung. Um diesen Zusammenhang näher analysieren zu können, sind nachfolgend Einzelhypothesen zu formulieren und später anhand der empirischen Daten zu prüfen. Zunächst ist zu vermuten, dass das Ziel, die Risikotransparenz zu erhöhen und damit die informatorische Grundlage für Entscheidungen zu verbessern, von der Konzerngröße abhängig ist. Dies lässt sich damit begründen, dass die Informationsasymmetrien in Großkonzernen ausgeprägter sind als in kleinen Konzernen und dadurch höhere Monitoring Costs für die Prinzipale entstehen. Folglich kommt dem Ziel, diese Monitoring Costs durch eine Verbesserung der Risikotransparenz zu reduzieren, eine entsprechend höhere Bedeutung zu. Auf der Grundlage agency-theoretischer Überlegungen lässt sich somit folgende Hypothese aufstellen: Zielkategorie Ziel Zielindikatoren Primärziele Existenzsicherung Frühzeitige Erkennung bestandsgefährdender Entwicklungen Sicherung des Konzernerfolgs Förderung der Erreichung der Gewinnziele Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen Transparenz über wesentliche Risiken, Transparenz über wesentliche Chancen Stärkung des Risikobewusstseins Sensibilisierung der Führungskräfte und Mitarbeiter für Risiken Senkung der Kapitalkosten Verbesserung der Kreditwürdigkeit Sekundärziele Prüfbarkeit des Risikomanagementsystems – Wirtschaftlichkeit des Risikomanagementsystems – Akzeptanz des Risikomanagementsystems – Tab. 2.2–1: Operationalisierung der Ziele des Risikomanagements 114 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern H1: Je größer der Konzern, desto höher ist die Bedeutung des Ziels Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen (Risikotransparenz). Weiter ist davon auszugehen, dass das Ziel, die Kapitalkosten durch eine Verbesserung der Kreditwürdigkeit zu senken, dann besondere Relevanz hat, wenn die Risikotragfähigkeit gemessen an der Eigenkapitalquote gering ist. Eine solche Situation ist gleichbedeutend mit einem hohen Verschuldungsgrad und damit einem für Fremdkapitalgeber vergleichsweise hohen Risiko. Dieses wird sich regelmäßig in höheren Zinsforderungen niederschlagen, sodass der Reduzierung der Fremdkapitalkosten eine entsprechend hohe Bedeutung zukommt. Es bleibt folglich festzuhalten: H2: Je geringer die Risikotragfähigkeit (bzw. je höher der Verschuldungsgrad), desto bedeutsamer ist das Ziel, die Kapitalkosten durch eine Verbesserung der Kreditwürdigkeit zu senken. Schließlich kann auch der externe Kontext die Bedeutung beeinflussen, die den Zielen des Risikomanagements beigemessen wird. In einem turbulenten, sich schnell verändernden Umfeld werden Konzerne eher bestrebt sein, Maßnahmen zur Existenzsicherung, zur Verbesserung der Risikotransparenz oder zur Stärkung des Risikobewusstseins zu verfolgen, als in einem stabilen Umfeld. Vor diesem Hintergrund ist die folgende Hypothese zu testen: H3: Je höher die Umweltdynamik, desto bedeutsamer werden die Ziele des Risikomanagements beurteilt. Damit können die theoretischen Überlegungen zur zweiten Kategorie des Bezugsrahmens abgeschlossen werden. Der folgende Abschnitt 2.3 wendet sich nunmehr der Konzeptionalisierung und Operationalisierung des Risikomanagementsystems zu. 2.3 Gestaltungsparameter  des Risikomanagementsystems im Konzern Das Risikomanagementsystem lässt sich, wie im Bezugsrahmen aufgezeigt, in die drei Subsysteme Risikofrüherkennung, Risikobewältigung und interne Überwachung differenzieren. Diese Subsysteme erfassen primär prozessuale Gestaltungsparameter des Risikomanagements im Konzern und beziehen sich damit auf die Systemnutzung und Systemsicherung. Daneben existieren jedoch auch konstitutive Gestaltungsparameter für die Systembildung. Mit ihnen wird der allgemeine Rahmen für den Prozess des Risikomanagements im Konzern geschaffen.1 Da sie alle drei Subsysteme betreffen und grundlegenden Charakter haben, werden sie nachfolgend zuerst betrachtet. 1 Vgl. ähnlich Pollanz (1999), S. 397; Weber et al. (1999b), S. 1710; Wittmann (2000a), S. 793ff.; Burger/Buchhart (2002a), S. 13f.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"Wer sich für Risikomanagement im Konzern interessiert, kommt an [diesem Buch] nicht vorbei. Kajüter hat eine Lücke besetzt in einem wichtigen und sehr praxisrelevanten Fragenbereich". Die Wirtschaftsprüfung 23/2012

Die empirische Studie zum Risikomanagement.

Dieses neue Werk stellt die Ergebnisse einer umfangreichen Studie zu Risikomanagementsystemen börsennotierter Aktienkonzerne vor und entwickelt anhand der empirischen Daten eine Typologie von Risikomanagementsystemen in Konzernen. Darauf aufbauend werden aus der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten fünf Typen konzernweiter Risikomanagementsysteme herausgearbeitet.

Der Nutzen

Die konkrete Analyse offenbart Unterschiede in der Wirksamkeit der Risikomanagementsystemtypen und zeigt dadurch differenzierte Gestaltungsempfehlungen für die Implementierung von Risikomanagementsystemen in Konzernen auf.

Pressestimmen

"Die vorliegende Ausarbeitung ist eine überaus empfehlenswerte, mitunter spannende Lektüre, die sich an ein breites Fachpublikum richtet. So hat es der Autor verstanden, Praktiker mit Entscheidungshilfen und unternehmensspezifischen Empfehlungen zu versorgen, ohne den wissenschaftlichen Tiefgang vermissen zu lassen. Eine herausragende Arbeit, der man möglichst viele Leser wünscht." Der Betriebswirt 1/2013