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2.1 Kontext des Risikomanagementsystems im Konzern in:

Peter Kajüter

Risikomanagement im Konzern, page 126 - 132

Eine empirische Analyse börsennotierter Aktienkonzerne

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3440-8, ISBN online: 978-3-8006-4868-9, https://doi.org/10.15358/9783800648689_126

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2 Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern Im Bezugsrahmen der Untersuchung waren die vier Kategorien – der Kontext, die Ziele, das System und die Effizienz des Risikomanagements im Konzern – nur grob umrissen worden. Sie bedürfen daher einer weitergehenden Konzeptionalisierung und Operationalisierung, die im Mittelpunkt dieses zweiten Kapitels stehen. Gemäß dem ersten Teilziel dieser Arbeit sind dabei vor allem die vielfältigen Gestaltungsparameter des Risikomanagements im Konzern in ein konzeptionelles Beschreibungssystem zu integrieren. Darüber hinaus sind im Folgenden für die explikative Analyse im dritten Kapitel Hypothesen über Zusammenhänge zwischen den einzelnen Variablen zu formulieren. 2.1 Kontext des Risikomanagementsystems im Konzern Dem kontingenztheoretischen Ansatz zufolge wird die effiziente Gestaltung von Risikomanagementsystemen durch eine Reihe von Kontextfaktoren beeinflusst.1 Dieser Umstand wird auch in der Gesetzesbegründung zum KonTraG berücksichtigt, indem – allerdings ohne explizit auf die Kontingenztheorie Bezug zu nehmen – darauf hingewiesen wird, dass die konkrete Ausformung der sich aus § 91 Abs. 2 AktG ergebenden Vorstandspflicht „von der Größe, Branche, Struktur, dem Kapitalmarktzugang usw. abhängig“2 ist. Da diese Aufzählung nur exemplarischen Charakter hat und darüber hinaus eine theoretische Begründung für die genannten Kontextfaktoren fehlt, sind nachfolgend aus der Vielzahl an Merkmalen, die den Kontext eines Risikomanagementsystems im Konzern beschreiben, jene Faktoren zu bestimmen, die für die Ausgestaltung konzernweiter Risikomanagementsysteme besonders relevant sind. Hierzu kann zum einen auf bisherige Arbeiten zum Risikomanagement zurückgegriffen werden, welche die Bedeutung situativer Bedingungen vor allem im Zusammenhang mit der Institutionalisierung des Risk Management diskutieren und empirisch analysieren.3 Zum anderen erscheint es aber aufgrund des allgemein geringen Erkenntnisstandes auch erforderlich, die Befunde kontingenztheoretischer Arbeiten aus verwandten Themengebieten in die Ableitung relevanter Kontextfaktoren für die vorliegende Studie einzubeziehen. Dabei wird im Folgenden – wie in der Kontingenztheorie üblich – zwischen internen und externen Kontextfaktoren differenziert. 1 Vgl. hierzu Abschnitt 1.4.4.2. 2 Vgl. Gesetzesbegründung zu § 91 Abs. 2 AktG, BT-Drucks. 13/9712, S. 15. 3 Vgl. z.B. Müller/Seifert (1978), S. 22f.; Mugler (1979), S. 217ff.; Seifert (1980), S. 145ff.; zu empirischen Befunden vgl. O’Connell (1975) und Damary (1978). 102 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern 2.1.1 Interne Kontextfaktoren Interne Kontextfaktoren kennzeichnen die spezifischen inneren Gegebenheiten des Konzerns und können von diesem grundsätzlich beeinflusst werden. Aufgrund der Auswahl der Erhebungseinheiten ist der interne Kontext im Hinblick auf die Merkmale Rechtsform und Kapitalmarktzugang für alle Konzerne identisch. Bestandteil der Grundgesamtheit bilden ausschließlich börsennotierte Aktienkonzerne, sodass die Rechtsform (AG bzw. KGaA) und der Kapitalmarktzugang eine Konstante darstellen. Bezüglich des letzteren Merkmals erscheint es indes sinnvoll, zwischen den beiden Börsensegmenten amtlicher Handel und geregelter Markt zu differenzieren, da die Prüfungspflicht des Risikomanagementsystems nach § 317 Abs. 4 HGB bis zum Jahr 2002 auf amtlich notierte Gesellschaften beschränkt war. Als einer der wichtigsten internen Kontextfaktoren gilt allgemein die Unternehmens- bzw. Konzerngröße.1 Auch in bisherigen konzeptionellen und empirischen Studien zum Risikomanagement wurde – sofern analysiert – stets ein positiver Zusammenhang zwischen Größe und Ausprägung des Risikomanagementsystems unterstellt und nachgewiesen.2 Zur Erklärung dieses Zusammenhangs können u.a. agency-theoretische Argumente angeführt werden, da die Informationsasymmetrien und die dadurch verursachten Monitoring Costs mit zunehmender Konzerngröße steigen. Folglich lassen sich in Großkonzernen durch Risikomanagementsysteme, die zum Abbau von Informationsasymmetrien beitragen, eher Effizienzgewinne realisieren. Ferner stehen in großen Konzernen aufgrund der stärkeren Spezialisierung zumeist spezifische Ressourcen zur Verfügung, die eine umfassendere Implementierung von Risikomanagementsystemen ermöglichen. Die Konzerngröße bildet daher auch für diese Studie einen zentralen internen Kontextfaktor und wird durch die Anzahl der Mitarbeiter gemessen.3 Ergänzend dazu kann die Anzahl der konsolidierten Tochtergesellschaften einen Indikator für die Konzerngröße darstellen. Darüber hinaus liegt es nahe, die Organisationsstruktur des Konzerns als einen relevanten Kontextfaktor zu berücksichtigen, denn es ist davon auszugehen, dass sich Risikomanagementsysteme, ähnlich wie Controllingsysteme4, an der jeweiligen Aufbauorganisation des Konzerns orientieren.5 Es ist daher erforderlich, zum einen zwischen dem Stammhauskonzern, der Managementholding und der Finanzholding zu unterscheiden. Die zunehmende Dezentralisierung dieser idealtypischen Konzernorganisationsformen, so kann vermutet werden, 1 Vgl. allgemein für das Controlling Welge (1987), S. 66f.; Amshoff (1993), S. 372ff.; Nieder‐ mayr (1994), S. 148f. 2 Vgl. Müller/Seifert (1978), S. 23; Mugler (1979), S. 218; Seifert (1980), S. 148f.; Braun (1984), S. 69; Horváth/Gleich (2000), S. 107; Schichold (2001a), S. 584f.; zu empirischen Befunden vgl. O’Connell (1975), S. 143ff.; Vogler et al. (2000), S. 1431. 3 Alternative Indikatoren für die Konzerngröße, wie z.B. Umsatz oder Bilanzsumme, korrelieren i.d.R. stark mit der Mitarbeiterzahl und werden deshalb nicht zusätzlich betrachtet. 4 Vgl. Hamprecht (1996); Kraege (1998). 5 Vgl. dazu auch Brühwiler (1980), S. 128ff.; Braun (1984), S. 70; Schichold (2001a), S. 585ff. 2.1  Kontext des Risikomanagementsystems im Konzern 103 wird auch die Gestaltung der Risikomanagementsysteme beeinflussen. Zum anderen wird die Organisationsstruktur durch die Anzahl der Konzernstufen geprägt, wobei zwischen ein- und mehrstufigen Konzernen zu differenzieren ist.1 Im Gegensatz zu Ersteren existieren bei Letzteren zwischen der Konzernobergesellschaft und den Tochterunternehmen noch eine oder mehrere Zwischenholdings. Eine solche mehrstufige Konzernorganisation ist regelmäßig mit einer Delegation von Entscheidungskompetenzen und Aufgaben verbunden, so dass auch für das Risikomanagement von einer stärkeren Dezentralisierung im Vergleich zu einstufigen Konzernen auszugehen ist. Bei der Klassifizierung von Konzernen werden ferner das Leistungsprogramm und die Grundlage für die Ausübung der Leitungsmacht als zentrale Merkmale angesehen.2 Inwieweit diese beiden Größen die Gestaltung von Risikomanagementsystemen in Konzernen beeinflussen, ist bislang offen. Von dem Leistungs‐ programm könnten jedoch insofern Einflüsse ausgehen, als z.B. in einem heterogenen Konzern eine Standardisierung des Risikomanagementsystems i.d.R. schwerer möglich ist als in einem horizontalen oder vertikalen Konzern.3 Entscheidungskompetenzen zur Gestaltung des Risikomanagementsystems werden daher vermutlich in heterogenen Konzernen stärker dezentralisiert. Im Hinblick auf die Leitungsmacht wird von juristischer Seite auf die Grenzen der (rechtlichen) Durchsetzbarkeit einheitlicher Systeme hingewiesen.4 Dies könnte dazu führen, dass im faktischen Konzern den Tochtergesellschaften mehr Entscheidungsautonomie in Bezug auf das Risikomanagement eingeräumt wird als im Vertragskonzern. Da in der Praxis die rechtlichen Grundlagen der Leitungsmacht in einem Konzern meist kombiniert auftreten, wurde nach den relativen Anteilen der Tochtergesellschaften gefragt, bei denen die einheitliche Leitung auf einer reinen Mehrheitsbeteiligung, auf einem Beherrschungsvertrag bzw. auf sonstigen Rechten beruht. In der Literatur wird weiterhin die Strategie als eine relevante Kontextvariable für die Gestaltung von Controllingsystemen angesehen.5 Empirische Befunde dokumentieren hierzu jedoch keine eindeutigen Erkenntnisse.6 Der Zusammenhang zwischen der Konzernstrategie und dem Risikomanagementsystem ist bisher noch nicht analysiert worden. Gleichwohl dürften z.B. bei einer Strategie der Synergieerzielung die Aufgaben des Risikomanagements stärker zentralisiert werden. Ebenso lässt sich vermuten, dass aufgrund der mit einer Akquisitionsoder Internationalisierungsstrategie verbundenen Risiken dem Risikomanagement ein besonderer Stellenwert zukommt. Um den Einfluss der Konzernstrategie in der vorliegenden Studie zu untersuchen, werden in Anlehnung an und in 1 Vgl. Hoffmann (1993), S. 17; Mellewigt (1995), S. 177. 2 Vgl. Abschnitt 1.2.1.1.5. 3 Vgl. zu diesen Konzernformen Rose/Glorius (1992), S. 142f. 4 Vgl. Hommelhoff/Mattheus (2000a), S. 224ff.; Löbbe (2003), S. 217f.; sowie Abschnitt 1.2.3.1.4. 5 Vgl. Langfield‐Smith (1997); Chenhall (2003), S. 150f. 6 Vgl. z.B. für die Kostenrechnung und Instrumente des Kostenmanagements Homburg et al. (2000); Kajüter (2005). 104 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern Ergänzung zur Typologie der Konzernstrategien von Porter1 die Wachstumsstrategie durch Akquisitionen, die Strategie der Synergieerzielung, die Diversifikations- und die Internationalisierungsstrategie unterschieden. Mit der Branche wird ein eher globaler Kontextfaktor berücksichtigt, der stellvertretend für eine Vielzahl anderer Merkmale steht. So zeichnen sich Branchen u.a. durch ihre spezifischen Umweltbedingungen und Fertigungstechnologien aus. Für Unternehmen verschiedener Branchen haben einzelne Risiken daher einen unterschiedlichen Stellenwert. Produkthaftpflichtrisiken kommt in der Pharma- und Automobilindustrie beispielsweise eine höhere Bedeutung zu als in der Bekleidungsindustrie.2 In der chemischen Industrie bergen die Fertigungsprozesse besondere Risiken, weshalb hier traditionell hohe Sicherheitsanforderungen bestehen. Es erscheint deshalb sinnvoll, die Branche als Kontextfaktor in die vorliegende Analyse einzubeziehen. Dabei wird die in Abschnitt 1.5.2.5 betroffene Brancheneinteilung, die auf den N.A.C.E.-Branchencodes beruht, zu Grunde gelegt. Der Diversifikationsgrad eines Konzerns oder Unternehmens ist im Allgemeinen ebenfalls eine situative Einflussgröße für die Gestaltung von Controllingsystemen.3 Dabei wird mit steigendem Diversifikationsgrad eher eine Institutionalisierung des Controllings angenommen. Analog wären bei hohem Diversifikationsgrad ausgefeiltere Risikomanagementsysteme zu erwarten. Andererseits wird jedoch auch die Ansicht vertreten, dass Risikomanagementsysteme in stark diversifizierten Konzernen weniger entwickelt seien.4 Begründet wird diese Auffassung durch empirische Befunde, die zeigen, dass hoch diversifizierte Konzerne ein geringeres Risiko aufweisen als niedrig diversifizierte Konzerne.5 Hierbei ist indes kritisch anzumerken, dass das geringere Risiko auch das Ergebnis eines umfassenden Risikomanagementsystems sein kann. Inwieweit ein Zusammenhang zwischen dem Diversifikationsgrad und der Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern besteht, ist daher offen und soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Zur Messung des Diversifikationsgrades werden in der Literatur unterschiedliche Ansätze diskutiert.6 In dieser Studie dient die Anzahl der Branchen, in denen ein Konzern tätig ist, als Indikator für das Ausmaß der Diversifikation.7 Die Branchen werden im Hoppenstedt Aktienführer, wie auch in anderen Statistiken, allerdings nur für das jeweilige Einzelunternehmen genannt. Aus diesem Grunde kann der Diversifikationsgrad des Konzerns nur näherungsweise anhand der Anzahl der Branchen, in denen das Mutterunternehmen tätig ist, ermittelt werden. 1 Vgl. Porter (1987). 2 Vgl. Seifert (1980), S. 147. 3 Vgl. Amshoff (1993), S. 377ff. 4 Vgl. Horváth/Gleich (2000), S. 107. 5 Vgl. Wiemann/Mellewigt (1998), S. 566f. Als Risikomaß wurde dabei die Standardabweichung der Rendite verwendet. 6 Vgl. Schüle (1992), S. 92ff.; Amshoff (1993), S. 377ff.; Mellewigt (1995), S. 179ff. 7 Vgl. ähnlich Mellewigt (1995), S. 179ff. 2.1  Kontext des Risikomanagementsystems im Konzern 105 Die Risikotragfähigkeit eines Konzerns stellt ein weiteres Merkmal dar, das die Ausgestaltung von Risikomanagementsystemen beeinflussen könnte, denn bei geringer Risikotragfähigkeit ist die systematische Erfassung und Steuerung von Risiken für die Existenzsicherung besonders dringlich. Es ist daher zu vermuten, dass Risikomanagementsysteme in Konzernen umso stärker entwickelt sind, desto geringer deren Risikotragfähigkeit ist. Anknüpfend an die Insolvenztatbestände der (drohenden) Zahlungsunfähigkeit und der Überschuldung kann die Risikotragfähigkeit aus finanz- und erfolgswirtschaftlicher Sicht betrachtet werden.1 Während es bei Ersterer um die Fähigkeit geht, durch Risikoeintritte verursachte Auszahlungen bestreiten zu können, erfasst Letztere das Potenzial, durch eintretende Risiken entstehende Verluste zu tragen. Für die finanzwirtschaftliche Risikotragfähigkeit sind folglich neben dem Bestand an liquiden Mitteln auch die vorhandenen, nicht ausgeschöpften Kreditlinien von Bedeutung, welche jedoch aus den Angaben des Konzernabschlusses nicht ermittelbar sind. Aus diesem Grunde kann die Risikotragfähigkeit im Rahmen dieser Studie nur erfolgswirtschaftlich erfasst werden. Sie wird anhand der bilanziellen Eigenkapitalquote gemessen.2 Ein letzter interner Kontextfaktor ist das Alter des Risikomanagementsystems. Die Berücksichtigung dieses Merkmals begründet sich in der Vermutung, dass mit zunehmendem Alter ebenfalls der Entwicklungsstand zunimmt, das Risiko- 1 Vgl. Kremers (2002a), S. 244ff. Interner Kontextfaktor Indikator Datenerhebung Konzerngröße Anzahl der Mitarbeiter/ Tochterunternehmen Geschäftsbericht Organisationsstruktur Stammhaus vs. Holding; Konzernstufen Fragebogen (A.6.1 und A.6.2) Leistungsprogramm horizontaler, vertikaler, heterogener Konzern Fragebogen (A.6.3) Leitungsmacht Faktischer Konzern vs. Vertragskonzern Fragebogen (A.6.4) Konzernstrategie Vier Strategietypen Fragebogen (A.6.6) Branche N.A.C.E.-Code Hoppenstedt Aktienführer Diversifikationsgrad Anzahl der Branchen Hoppenstedt Aktienführer Risikotragfähigkeit Eigenkapitalquote Geschäftsbericht Alter des Risikomanagementsystems Einführungsjahr Mündliche Befragung Tab. 2.1–1: Konzeptionalisierung und Operationalisierung interner Kontextfaktoren 2 Vernachlässigt werden somit die stillen Reserven. Zur Kapitalstruktur als Kontextfaktor für das Risikomanagement vgl. auch Seifert (1980), S. 150f.; Braun (1984), S. 70f. 106 2  Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern managementsystem also einen höheren Reifegrad hat.1 Um das Alter des Risikomanagementsystems zu bestimmen, wird daher auch dessen Einführungsjahr erhoben. Tab. 2.1–1 gibt einen zusammenfassenden Überblick über die internen Kontextfaktoren und ihre Operationalisierung.2 2.1.2 Externe Kontextfaktoren Unterschiede in der Ausgestaltung von Risikomanagementsystemen lassen sich nicht nur auf interne, sondern auch auf externe Kontextfaktoren zurückführen. Externe Kontextfaktoren beschreiben die Umwelt des Konzerns. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie von einem einzelnen Konzern nicht oder nur sehr begrenzt beeinflusst werden können. Hierzu gehören vor allem die Dynamik und die Komplexität der Umwelt, die beide das Ausmaß an Unsicherheit determinieren.3 Die Umweltdynamik resultiert aus der Häufigkeit und Stärke der Umweltveränderungen sowie aus der Unregelmäßigkeit, mit der diese anfallen. Je häufiger, stärker und unregelmäßiger die Veränderungen auftreten, desto größer ist die Dynamik der Umwelt. Die Komplexität oder Heterogenität der Umwelt wird dagegen durch die Anzahl und Verschiedenartigkeit der bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigenden Faktoren bestimmt. Sie ist umso höher, je mehr unterschiedliche Faktoren (z.B. Kundengruppen, Konkurrenzprodukte) zu beachten sind. Ältere empirische Befunde signalisieren, dass das Risikomanagement mit zunehmender Dynamik und Komplexität in der Umwelt stärker ausgeprägt ist.4 Darin spiegelt sich offensichtlich der mit zunehmender Unsicherheit steigende Bedarf an Instrumenten zu ihrer Beherrschung wider. Analog zu den Ergebnissen der Controllingforschung ist zudem zu vermuten, dass zunehmende Dynamik auch die Dezentralisierung des Risikomanagements fördert, um so schneller auf Veränderungen reagieren zu können.5 Im Rahmen dieser Studie wird die Umweltdynamik differenziert für das politisch-rechtliche Umfeld, die technologische Entwicklung und die Absatzmärkte bzw. das Kundenverhalten erhoben. Daneben soll auch die Prognostizierbarkeit der Umweltveränderungen erfasst werden. Um die Komplexität der Umwelt zu berücksichtigen, wird schließlich um eine Einschätzung zur Anzahl und Verschiedenartigkeit der Kundengruppen bzw. Konkurrenzprodukte gebeten.6 1 Vgl. zu einem solchen Befund in Bezug auf das Controlling Zimmermann (2001), S. 406. 2 Die Verweise auf die im Anhang befindlichen Fragebögen sind derart formuliert, dass mit dem Buchstaben A der erste Fragebogen und mit den beiden Ziffern der betreffende Abschnitt des Fragebogens gekennzeichnet sind. Entsprechendes gilt für die mit B gekennzeichneten Verweise auf den zweiten Fragebogen. 3 Vgl. Kubicek/Thom (1976), Sp. 3999. 4 Vgl. O’Connell (1975), S. 123f. 5 Vgl. analog Amshoff (1993), S. 392. 6 Vgl. zu einer ähnlichen Operationalisierung Amshoff (1993), S. 394ff. 2.2  Ziele des Risikomanagements im Konzern 107 Ein weiterer externer Kontextfaktor ist die Konkurrenzsituation, die ebenfalls eine Quelle der Unsicherheit darstellt.1 So geht ein starker Konkurrenzdruck oftmals mit Überkapazitäten einher, die das Absatzrisiko erhöhen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Anforderungen an Informations- und Kontrollinstrumente mit zunehmender Wettbewerbsintensität steigen und somit auch die Gestaltung von Risikomanagementsystemen beeinflussen. Da die Konkurrenzsituation in diversifizierten Konzernen je nach Tätigkeitsgebiet sehr unterschiedlich sein kann, wird in dieser Studie nach einer Einschätzung zur Wettbewerbsintensität in der Hauptbranche des Konzerns gefragt. Mit der Dynamik und Komplexität der Umwelt sowie der Konkurrenzsituation sind die drei wesentlichen externen Kontextfaktoren für Risikomanagementsysteme in Konzernen ermittelt. Ihre Operationalisierung und Datenerhebung sind in Tab. 2.1–2 zusammenfassend dargestellt. Der folgende Abschnitt wendet sich nunmehr der zweiten Kategorie des Bezugsrahmens, den Zielen des Risikomanagements, zu. 2.2 Ziele des Risikomanagements im Konzern Wie Ziele allgemein zur Ausrichtung der Unternehmensaktivitäten dienen, so sind die Ziele des Risikomanagements eine Grundlage für die Gestaltung des Risikomanagementsystems. Die Risikomanagement-Ziele stellen zudem eine Voraussetzung dar, um Gestaltungsempfehlungen, die auf dem Grad der Zielerreichung beruhen (Effizienz des Risikomanagements), aussprechen zu können.2 Sie bilden daher neben dem vorstehend betrachteten Kontext eine weitere Kategorie des Bezugsrahmens. Um die Ziele des Risikomanagements inhaltlich zu bestimmen, können grundsätzlich zwei Vorgehensweisen gewählt werden. Die Erste besteht darin, die Ri- 1 Vgl. grundlegend Khandwalla (1975). Externer  Kontextfaktor Indikator Datenerhebung Dynamik der Umwelt Dynamik im politisch-rechtlichen Umfeld, der technologischen Entwicklung und der Absatzmärkte/des Kundenverhaltens Prognostizierbarkeit der Veränderungen Fragebogen (A.6.7) Fragebogen (A.6.8) Komplexität der Umwelt Anzahl und Verschiedenartigkeit der Kundengruppen und Konkurrenzprodukte Fragebogen (A.6.7) Konkurrenzsituation Wettbewerbsintensität in der Hauptbranche Fragebogen (A.6.7) Tab. 2.1–2: Konzeptionalisierung und Operationalisierung externer Kontextfaktoren 2 Vgl. hierzu ausführlich Abschnitt 2.4.

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References

Zusammenfassung

"Wer sich für Risikomanagement im Konzern interessiert, kommt an [diesem Buch] nicht vorbei. Kajüter hat eine Lücke besetzt in einem wichtigen und sehr praxisrelevanten Fragenbereich". Die Wirtschaftsprüfung 23/2012

Die empirische Studie zum Risikomanagement.

Dieses neue Werk stellt die Ergebnisse einer umfangreichen Studie zu Risikomanagementsystemen börsennotierter Aktienkonzerne vor und entwickelt anhand der empirischen Daten eine Typologie von Risikomanagementsystemen in Konzernen. Darauf aufbauend werden aus der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten fünf Typen konzernweiter Risikomanagementsysteme herausgearbeitet.

Der Nutzen

Die konkrete Analyse offenbart Unterschiede in der Wirksamkeit der Risikomanagementsystemtypen und zeigt dadurch differenzierte Gestaltungsempfehlungen für die Implementierung von Risikomanagementsystemen in Konzernen auf.

Pressestimmen

"Die vorliegende Ausarbeitung ist eine überaus empfehlenswerte, mitunter spannende Lektüre, die sich an ein breites Fachpublikum richtet. So hat es der Autor verstanden, Praktiker mit Entscheidungshilfen und unternehmensspezifischen Empfehlungen zu versorgen, ohne den wissenschaftlichen Tiefgang vermissen zu lassen. Eine herausragende Arbeit, der man möglichst viele Leser wünscht." Der Betriebswirt 1/2013