Content

1.5 Entwicklung einer Forschungskonzeption in:

Peter Kajüter

Risikomanagement im Konzern, page 102 - 126

Eine empirische Analyse börsennotierter Aktienkonzerne

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3440-8, ISBN online: 978-3-8006-4868-9, https://doi.org/10.15358/9783800648689_102

Bibliographic information
76 1  Grundlegung zeptionalisierung und Operationalisierung. Die bisherigen empirischen Studien beschränken sich stattdessen primär auf die kasuistische Deskription der Risikomanagementpraxis. Die Befunde beruhen dabei häufig auf relativ kleinen Stichproben. Empirisch gestützte Aussagen über den Einfluss von Kontextfaktoren auf die Gestaltung und die Effizienz von Risikomanagementsystemen liegen kaum bzw. gar nicht vor.1 Methodische Schwächen der empirischen Untersuchungen, wie z.B. die ungeklärte Repräsentativität, Reliabilität und Validität der Daten, stellen darüber hinaus die Aussagefähigkeit der Ergebnisse in Frage. Die empirische Risikomanagement-Forschung befindet sich folglich in einem frühen Stadium. Eine realwissenschaftliche Risikomanagement-Theorie im Sinne eines anerkannten Aussagensystems mit weitgehend gesichertem Erkenntnisstand existiert bisher nicht. Angesichts dieses beträchtlichen theoretischen und empirischen Defizits ist im folgenden Abschnitt eine Forschungskonzeption für diese Arbeit zu entwickeln, die auf den wissenschaftstheoretischen und forschungsmethodischen Vorüberlegungen aus Abschnitt 1.3 aufbaut. 1.5 Entwicklung einer Forschungskonzeption Die Forschungskonzeption stellt das Ergebnis von grundlegenden Entscheidungen über das methodische Vorgehen einer wissenschaftlichen Arbeit dar. Erste Elemente der Forschungskonzeption liegen für diese Arbeit mit der Wahl der wissenschaftstheoretischen Grundposition und der Forschungsmethode bereits vor. So wurde in Abschnitt 1.3.3 die Entscheidung für eine kombinierte Anwendung der Konstruktions- und Prüfstrategie getroffen. Grundlage für diese beiden Forschungsmethoden bildet ein konzeptioneller Bezugsrahmen, der im Folgenden zu entwickeln ist. Ebenso steht die Gestaltung des Untersuchungsdesigns für die empirische Studie noch aus. Daher ist im Weiteren auch die Methodik zur Erhebung und Auswertung der empirischen Daten zu bestimmen. 1.5.1 Bezugsrahmen der Untersuchung Die vorangehenden Ausführungen haben einen Eindruck von den vielfältigen Fassetten des Risikomanagements im Konzern gegeben. Um den weiteren Forschungsprozess zu ordnen, sind die im Rahmen der umfassenden Analyse des Forschungsstandes aufgezeigten Einzelerkenntnisse und offenen Problemfelder in einen Bezugsrahmen zu integrieren. Dazu erscheint es sinnvoll, auf verschiedene theoretische Ansätze zurückzugreifen, denn auf diese Weise kann der Forderung nach Pluralismus, Eklektizismus und Holismus Rechnung getragen und ein möglichst hohes heuristisches Potenzial erzeugt werden.2 1 Vgl. Braun (1984), S. 71; Macharzina/Wolf (2010), S. 679. 2 Vgl. Kubicek (1977), S. 20f. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 77 Insgesamt umfasst der Bezugsrahmen vier Kategorien, die in Abb. 1.5–1 dargestellt sind und nachfolgend näher erläutert werden. Die vier Kategorien des Bezugsrahmens – das Risikomanagementsystem, die Risikomanagement-Ziele, die Risikomanagement-Effizienz und der Kontext – grenzen den zu analysierenden Merkmalsraum ab. Sie bilden theoretische Konstrukte, die einer direkten Beobachtung nicht zugänglich sind und daher in weiteren Schritten konkretisiert werden müssen. • Konstrukt Risikomanagementsystem: Im Mittelpunkt des Bezugsrahmens steht das Untersuchungsobjekt, das mithilfe von Beschreibungsdimensionen in seiner grundsätzlichen Ausgestaltung zu erfassen ist. Die Beschreibungsdimensionen beinhalten die spezifischen Gestaltungsparameter des Risikomanagements im Konzern. Ihre Ableitung stützt sich in erster Linie auf die Definition des Risikomanagements, bei der mit der Risikofrüherkennung, Risikobewältigung und internen Überwachung drei Subsysteme unterschieden wurden.1 Die Risikofrüherkennung und Risikobewältigung fokussieren die Systemnutzung, die interne Überwachung die Systemsicherung. Diese Differenzierung hat prozessualen Charakter und berücksichtigt gleichzeitig die sich aus § 91 Abs. 2 AktG ergebenden rechtlichen Anforderungen. Daneben werden konstitutive Gestaltungsparameter für die Bildung des Risikomanagementsystems aufgrund ihres übergreifenden Charakters in einer eigenen Beschreibungsdimension erfasst. • Konstrukt Risikomanagement‐Ziele: Die Ausgestaltung von Risikomanagementsystemen wird nach den Erkenntnissen der Kontingenztheorie u.a. von den damit angestrebten Zielen beeinflusst. Die Risikomanagement-Ziele bil- Abb. 1.5–1: Bezugsrahmen der Untersuchung 1 Vgl. Abschnitt 1.2.1.3. Kontextontext Risiko‐ management‐ Effizienz isiko‐ anage ent‐ Effizienz Risikomanagementsystem Risiko‐ management‐ Ziele isiko‐ anage ent‐ Ziele SystembildungSyste bildung Risikofrüherkennung Interne ÜberwachungRisikobewältigung SystemnutzungSyste nutzung SystemsicherungSyste sicherung BH2 BH1 BH1BH1 BH3 78 1  Grundlegung den daher eine zweite Kategorie des Bezugsrahmens.1 Sie legen die Absichten offen, die Konzerne bei der Gestaltung ihrer Risikomanagementsysteme verfolgen. Zudem stellen die Ziele des Risikomanagements eine Grundlage für die Ableitung differenzierter Gestaltungsempfehlungen dar.2 • Konstrukt Risikomanagement‐Effizienz: Als ein wesentliches Defizit bisheriger Studien zum Risikomanagement wurde im Rahmen der vorangehenden Analyse des Forschungsstandes der Mangel an Aussagen zur Effizienz unterschiedlicher Risikomanagementsysteme herausgestellt. Vergleiche der Effizienz verschiedener Risikomanagementsysteme sind aber nur dann möglich, wenn ein einheitlicher Beurteilungsmaßstab vorhanden ist. Daher ist mit dem Konstrukt der Risikomanagement-Effizienz ein solcher Maßstab in den Bezugsrahmen aufzunehmen. Risikomanagementsysteme werden dabei als effizient angesehen, wenn sie die mit ihnen angestrebten Ziele möglichst vollständig erfüllen. • Konstrukt Kontext: Mit diesem vierten Konstrukt wird explizit eine kontingenztheoretische Perspektive zu Grunde gelegt. Auf diese Weise ist es möglich, unterschiedliche reale Erscheinungsformen von Risikomanagementsystemen zu erklären. Die zwischen den vier Konstrukten vermuteten Beziehungen sind in Abb. 1.5–1 durch Pfeile visualisiert. Diese Beziehungen kennzeichnen die der Untersuchung zu Grunde liegenden Basishypothesen (BH), die sich wie folgt formulieren lassen: BH1:Risikomanagementsysteme in Konzernen unterscheiden sich in ihren wesentlichen Merkmalen voneinander. Die Ausprägung der Merkmale wird durch verschiedene interne und externe Kontextfaktoren beeinflusst. Ebenso determiniert der Kontext die Ziele und die Effizienz des Risikomanagements. BH2:Die Ausgestaltung der Risikomanagementsysteme in Konzernen hängt von den Zielen des Risikomanagements ab. BH3:Die Effizienz der Risikomanagementsysteme in Konzernen wird durch deren Ausgestaltung beeinflusst. Der Bezugsrahmen und damit auch die darin zum Ausdruck kommenden Basishypothesen stützen sich auf verschiedene theoretische Ansätze. Während die Kontingenztheorie das aufgezeigte Beziehungsmuster zwischen den Kategorien des Bezugsrahmens liefert, stellt die Systemtheorie die formallogischen Begriffe zur Beschreibung, Einordnung und Abgrenzung des Risikomanagements zur Verfügung. Erkenntnisse der deskriptiven Entscheidungstheorie finden insofern Berücksichtigung, als der prozessuale Charakter des Risikomanagements eine Grundlage zur systematischen Beschreibung desselben bietet. So lassen sich die 1 Somit wird dem handlungsorientierten Modell des situativen Ansatzes gefolgt; vgl. dazu Grochla (1982); Welge (1987), S. 76ff. 2 Vgl. Kubicek (1981), S. 458: „alle Bemühungen um die Entwicklung von betriebswirtschaftlichen Gestaltungsempfehlungen … erfordern eine Bezugnahme auf Ziele“. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 79 Risikofrüherkennung, Risikobewältigung und interne Überwachung als Phasen des Risikomanagementprozesses auffassen. Das Gedankengut der Neuen Institutionenökonomie wird schließlich in die weitere inhaltliche Konkretisierung des Bezugsrahmens einfließen, so wie bei der angestrebten Konstruktion der Realtypologie für Risikomanagementsysteme auf die Konsistenztheorie zurückgegriffen werden wird. Wie erwähnt, stellen die theoretischen Konstrukte des Bezugsrahmens recht abstrakte Begriffe dar, die zwar komplexe Phänomene erkennbar machen, aber einer weiteren Präzisierung durch die Betrachtung einzelner Merkmale bedürfen. Diese weitere Konzeptionalisierung erfolgt im zweiten Kapitel dieser Arbeit. Die einzelnen Merkmale stellen dabei Variablen bzw. Gestaltungsparameter dar, da sie unterschiedliche Ausprägungen annehmen können. Die Gesamtheit aller relevanten Merkmale bildet ein Beschreibungssystem für das Risikomanagement im Konzern. Die Entwicklung dieses Beschreibungssystems ist das erste Teilziel dieser Arbeit. Weiter sind im zweiten Kapitel aus den Basishypothesen des Bezugsrahmens Einzelhypothesen abzuleiten (z.B. „Der Einsatz von Risikomanagement-Instrumenten ist abhängig von der Konzerngröße“). Diese deduktiv abgeleiteten Aussagen über Zusammenhänge zwischen einzelnen Merkmalen sind im dritten Kapitel durch die empirischen Daten zu überprüfen. Auf diese Weise können nicht nur die Einzelhypothesen, sondern indirekt auch die Basishypothesen an der Realität scheitern (Prüfstrategie). Dem zweiten Teilziel der Arbeit entsprechend ist die Analyse hierbei nicht nur auf die Deskription einzelner Merkmale, sondern vor allem auf die Gewinnung explikativer Aussagen gerichtet. Mit dem dritten Teilziel wird schließlich eine integrative, ganzheitliche Betrachtung der Merkmale angestrebt, indem in ihren Merkmalen ähnliche Risikomanagementsysteme zu Typen zusammengefasst werden (Konstruktionsstrategie). Auch bei dieser explorativen Analyse, die im Mittelpunkt des vierten Kapitels steht, gilt es, Zusammenhänge zwischen den Kategorien zu untersuchen. Beispielsweise ist zu vermuten, dass sich Risikomanagementsystemtypen im Hinblick auf ihren Kontext und ihre Effizienz unterscheiden. Neben der Konzeptionalisierung ist für die empirische Erhebung auch eine Ope‐ rationalisierung der Merkmale notwendig. Dies liegt darin begründet, dass die direkte Messung von Merkmalsausprägungen nur dann möglich ist, wenn die Merkmale auch empirisch beobachtbar sind (manifeste Variable). Diese Voraussetzung ist jedoch bei abstrakten theoretischen Konstrukten nicht gegeben. Es handelt sich hierbei um latente Variablen, die nur indirekt über Indikatoren messbar sind. Indikatoren stellen Ersatzgrößen für bestimmte Merkmale dar und lassen sich direkt oder zumindest einfacher empirisch erfassen.1 Dabei besteht das zentrale Problem der Operationalisierung jedoch darin, solche Indikatoren auszuwählen, welche die zu operationalisierenden Merkmale richtig repräsentieren. Um dies sicherzustellen, muss die Auswahl der Indikatoren, wie auch die Selektion der wesentlichen Merkmale, durch Relevanzüberlegungen 1 Vgl. Kubicek (1975), S. 95. 80 1  Grundlegung gesteuert werden und darf nicht losgelöst von den theoretisch-konzeptionellen Ausführungen erfolgen. Aus diesem Grunde knüpft die Operationalisierung im zweiten Kapitel dieser Arbeit direkt an die Konzeptionalisierung der einzelnen Merkmale an. Mit diesen Überlegungen sind der Bezugsrahmen der Untersuchung vorgestellt und die weiteren Schritte zu seiner Konkretisierung skizziert. Im Folgenden ist nunmehr das Untersuchungsdesign für die empirische Studie zu bestimmen. 1.5.2 Untersuchungsdesign 1.5.2.1 Vergleichende Feldstudie als globales Forschungsdesign Mit der Einzelfallstudie, der vergleichenden Feldstudie und den verschiedenen Formen des Experiments (Labor- und Feldexperiment sowie Aktionsforschung) stehen für empirische Untersuchungen mehrere alternative Vorgehensweisen zur Verfügung.1 Da jede dieser Methoden gewisse Vor- und Nachteile birgt, ist im Rahmen eines empirischen Forschungsprojektes diejenige Alternative auszuwählen, die am besten zur Lösung der formulierten Problemstellung bzw. zur Erreichung der Untersuchungsziele geeignet erscheint.2 Experimente erfordern aktive, gestalterische Eingriffe des Forschers in den zu untersuchenden Gegenstandsbereich, um durch die Veränderung einer Variablen bei Kontrolle aller anderen Einflussfaktoren die induzierte Wirkung analysieren zu können. Da Konzerne wohl kaum bereit sein werden, ihr Risikomanagementsystem versuchsweise zu ändern, scheidet das Experiment als globales Forschungsdesign für die vorliegende Arbeit aus. Dies gilt in gleicher Weise für die Einzelfallstudie. Diese ermöglicht es zwar, einen detaillierten Einblick in den Untersuchungsgegenstand zu gewinnen, jedoch sind die dabei gewonnenen Erkenntnisse kaum generalisierbar, weil lediglich Daten einer Erhebungseinheit gesammelt und ausgewertet werden. Regelmäßigkeiten und kontextuelle Unterschiede zwischen Risikomanagementsystemen können folglich durch eine Einzelfallstudie nicht identifiziert und analysiert werden. Da es aber gerade das Ziel dieser Arbeit ist, solche Regelmäßigkeiten in Form einer Realtypologie für Risikomanagementsysteme in Konzernen aufzudecken und kontextuelle Unterschiede zu identifizieren, ist eine breite empirische Basis unabdingbar. Hierfür bietet sich die vergleichende Feldstudie an, denn sie erlaubt als einzige der genannten Forschungsmethoden die Analyse einer großen Anzahl von Fällen. Vergleichende Feldstudien beziehen sich zumeist auf einen Zeitpunkt (Querschnittsanalyse).3 Obgleich auch die Betrachtung mehrerer Zeitpunkte wünschenswert ist (Längsschnittsanalyse), um die Stabilität der Ergebnisse im Zeitablauf analysieren zu können, scheitert ein solches Vorgehen i.d.R. 1 Zu einer ausführlichen Darstellung dieser Forschungsmethoden vgl. Kubicek (1975), S. 57ff.; Friedrichs (1990), S. 333ff.; Müller‐Böling (1992), Sp. 1495; Schnell  et  al. (2008), S. 224ff.; Kromrey (2009), S. 497ff. 2 Vgl. Kubicek (1975), S. 35ff. 3 Vgl. Müller‐Böling (1992), Sp. 1496. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 81 an forschungsökonomischen Gründen sowie an der mangelnden Bereitschaft der Respondenten, mehrmals an einer Feldstudie zu demselben Thema mitzuwirken. Vor diesem Hintergrund wurde auch für die vorliegende Arbeit die vergleichende Feldstudie in Form einer Querschnittsanalyse als globales Forschungsdesign gewählt. Aus dieser Vorgehensweise resultiert eine Reihe von Anforderungen an die Technik der Datenerhebung und das Erhebungsinstrument, auf die in den folgenden Abschnitten näher eingegangen wird. 1.5.2.2 Bestimmung der Erhebungsmethode Empirische Daten können durch Befragung, Beobachtung und Dokumentenanalyse erhoben werden.1 Da diese Methoden aber nicht für jede Untersuchung in gleicher Weise geeignet sind, muss die Datenerhebungsmethode in Abhängigkeit vom Ziel und vom Gegenstand der jeweiligen Untersuchung bestimmt werden. So scheidet in dieser Arbeit die Beobachtung als mögliches Verfahren aus, weil sich Risikomanagementsysteme in Konzernen durch einen Forscher kaum direkt beobachten lassen. Damit verbleiben die Befragung und die Dokumentenanalyse als mögliche Methoden. Bei der Befragung werden die Daten mithilfe der Sprache in schriftlicher, mündlicher oder telefonischer Form an den Forscher vermittelt. Im vorliegenden Fall erscheint in erster Linie eine schriftliche Befragung zweckmäßig, weil diese eine wirtschaftliche Datenerhebung im Rahmen der angestrebten vergleichenden Feldstudie ermöglicht. Darüber hinaus spricht eine Reihe weiterer Argumente für die schriftliche Befragung:2 • Der Befragte kann den Zeitpunkt der Beantwortung innerhalb der gesetzten Frist selbst bestimmen, sodass auch schwer erreichbare Personen an der Befragung teilnehmen können. • Durch die gewährte zeitliche Flexibilität wird zum einen Zeitdruck vermieden und zum anderen ein stärkeres Durchdenken der einzelnen Fragen ermöglicht. Zudem können – falls notwendig – einzelne Informationen gesondert erhoben werden. • Da zwischen dem Forscher und dem Befragten kein persönlicher Kontakt besteht, wird die Anonymität offensichtlicher gewahrt und dadurch die Bereitschaft, vertrauliche Fragen zu beantworten, erhöht. • Aufgrund des fehlenden direkten Kontakts wird ferner der Einfluss des Forschers als potenzielle Fehlerquelle vermieden und die Befragungssituation weitgehend standardisiert. • Schließlich wird bei einer schriftlichen Befragung durch den fehlenden persönlichen Kontakt das Problem der Antwortverzerrung aufgrund sozialer Erwünschtheit entschärft. 1 Vgl. Friedrichs (1990), S. 207ff.; Laatz (1993), S. 103ff.; Stier (1999), S. 161ff.; Schnell et al. (2008), S. 319ff.; Kromrey (2009), S. 299ff.; Atteslander (2010), S. 71ff. 2 Vgl. Friedrichs (1990), S. 236f.; Schnell et al. (2008), S. 359; Diekmann (2009), S. 514; Scholl (2009), S. 44f. 82 1  Grundlegung Diesen Vorteilen einer schriftlichen Befragung stehen jedoch auch Nachteile gegenüber.1 Da die Fragen bei Bedarf nicht erläutert werden können, besteht die Gefahr von Verständnis- und Interpretationsproblemen. Darüber hinaus kann nicht kontrolliert werden, ob die angeschriebene Zielperson selbst oder ein Dritter die Fragen beantwortet, und welche Sorgfalt dabei angewandt wird. Nachteilig ist weiterhin, dass im Gegensatz zu einer mündlichen oder telefonischen Befragung keine Möglichkeit existiert, bei bestimmten Sachverhalten vertieft nachzufragen. Das explorative Potenzial einer schriftlichen Befragung ist daher vergleichsweise gering. Schließlich weisen schriftliche Befragungen meist nur geringe Rücklaufquoten auf, weil die Beantwortung des Fragebogens von der Praxis als zeitaufwändig und lästig empfunden wird. Geringe Rücklaufquoten führen aber häufig zu einer mangelnden Repräsentativität der Untersuchungsergebnisse und schränken folglich deren Aussagekraft ein. Die mit schriftlichen Befragungen verbundenen Nachteile lassen sich aber zumindest teilweise durch gezielte Maßnahmen bei der Gestaltung des Fragebogens und bei der Durchführung der Datenerhebung reduzieren. Dem wurde in dieser Arbeit auf unterschiedliche Art und Weise Rechnung getragen, worauf weiter unten bei der Erläuterung der Fragebogenerstellung und der Erhebung der Daten näher eingegangen wird. Daneben erscheint es jedoch auch sinnvoll, die schriftliche Befragung mit anderen Methoden der Datenerhebung zu kombinieren, um so die spezifischen Vorteile dieser alternativen Verfahren nutzen zu können. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde deshalb zum einen die mündliche  und  telefonische  Befragung ergänzend eingesetzt, indem im Anschluss an die schriftliche Befragung entweder persönliche Interviews geführt oder einzelne Themenkomplexe am Telefon diskutiert wurden. Dadurch konnte ein vertieftes Verständnis von den einzelnen, zum Teil komplexen Fragestellungen gewonnen und der Gefahr von Verständnis- und Interpretationsproblemen begegnet werden. Zum anderen wurde die schriftliche Befragung um eine Dokumentenanalyse (Inhaltsanalyse) ergänzt.2 Bei dieser Methode werden die empirischen Daten aus existierenden Dokumenten gewonnen, wie z.B. Aktennotizen, Sitzungsprotokollen, Handbüchern, internen Richtlinien, Geschäftsberichten oder ähnlichen schriftlichen Quellen. Diese Form der Datenerhebung kann die schriftliche Befragung nicht ersetzen, da interne Dokumente aufgrund ihrer Vertraulichkeit für einen externen Forscher zumeist nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich sind und darüber hinaus nicht alle theoretisch relevanten Informationen auch schriftlich dokumentiert vorliegen. Gleichwohl bietet die Dokumentenanalyse in Kombination mit der schriftlichen Befragung den Vorteil, dass der Fragebogen von solchen Themen entlastet werden kann, die auch auf anderem Wege erhoben werden können. Dadurch wird eine Überlastung des Fragebogens vermieden und die Chance auf eine hohe Rücklaufquote erhöht. Zudem können einige 1 Vgl. Friedrichs (1990), S. 236f.; Schnell  et  al. (2008), S. 359f.; Diekmann (2009), S. 514ff.; Scholl (2009), S. 45ff. 2 Vgl. Friedrichs (1990), S. 354f.; Laatz (1993), S. 207ff.; Stier (1999), S. 161ff.; Diekmann (2009), S. 576ff. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 83 Daten, wie z.B. Anzahl der Mitarbeiter, Anzahl der Tochtergesellschaften, Umsatz oder Eigenkapital, mit größerer Genauigkeit als durch eine Befragung ermittelt werden.1 Schließlich ist der ergänzende Einsatz der Dokumentenanalyse mit dem Vorteil verbunden, dass eine größere Zahl von Variablen in die Analyse einbezogen werden kann. 1.5.2.3 Erstellung des Erhebungsinstruments Im Rahmen einer schriftlichen Befragung kommt der sorgfältigen Entwicklung des Fragebogens eine zentrale Bedeutung zu, denn dessen Gestaltung beeinflusst sowohl die Gefahr von Missverständnissen als auch die Akzeptanz und damit die Rücklaufquote der Untersuchung. Im Einzelnen ist eine Reihe von Aspekten bei dem Aufbau und Layout des Fragebogens, der Formulierung der Fragen und der Skalierung der Antwortkategorien zu berücksichtigen. Hierauf wird im Folgenden näher eingegangen, bevor anschließend auch Überlegungen zur Güte der empirischen Studie dargelegt werden. Für die vorliegende Arbeit wurden zwei Fragebögen erstellt. Der erste Fragebogen befasst sich grundlegend mit der Ausgestaltung und Überwachung von Risikomanagementsystemen in Konzernen (vgl. Anhang A). Beim Aufbau des Fra‐ gebogens wurde Wert auf eine einfache, logisch zugängliche Struktur gelegt. Der Fragebogen gliedert sich daher in sechs Abschnitte: 1. Organisation des Risikomanagements im Konzern, 2. Ausgestaltung des Risikomanagements im Konzern, 3. Ablauf des Risikomanagements im Konzern, 4. Überwachung des Risikomanagements im Konzern, 5. Gesamtaussagen zum Risikomanagementsystem im Konzern, 6. Angaben zur Einordnung des Konzerns. Diese Gliederung stimmt zwar mit der konzeptionellen Struktur der Arbeit nicht vollständig überein, berücksichtigt aber den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad der Themenkomplexe. So wurden die Fragen zur Organisation des Risikomanagements bewusst an den Anfang gestellt, um mit einfachen Einleitungsfragen die Auskunftsbereitschaft zu erhöhen.2 Die schwierigeren Fragen folgen dann in den Abschnitten 2 bis 5, während der sechste und letzte Abschnitt wieder leichter zu beantwortende Fragen zum Konzern und seinem Umfeld beinhaltet. Auf dem Deckblatt des Fragebogens wurde zudem um den Namen des Konzerns und um Angaben zur Person des Befragten gebeten. Mit sieben Seiten ist der erste Fragebogen recht umfangreich. Um den Umfang nicht weiter zu erhöhen, wurde der Themenkomplex zur Prüfung des Risikomanagementsystems durch die Konzernrevision in einen zweiten, ergänzenden Fragebogen ausgelagert (vgl. Anhang B). Für diese Vorgehensweise sprach ferner, dass eine interne Revision i.d.R. nur in größeren Konzernen institutionalisiert ist und dieser Teil deshalb nicht für alle befragten Konzerne relevant war. 1 Vgl. Fritz (1995), S. 94. 2 Vgl. Stier (1999), S. 182; Schnell et al. (2008), S. 343 und S. 361; Diekmann (2009), S. 518. 84 1  Grundlegung Zugleich bot die Zweiteilung die Möglichkeit, die teilweise sehr spezifischen Fragen an die jeweils fachlich zuständige Person zu richten und – soweit möglich – zwei unabhängige Einschätzungen zur Effizienz des Risikomanagementsystems zu erheben. Der zweite Fragebogen ist analog dem Ersten konzipiert und gliedert sich in drei Abschnitte: 1. Organisation der internen Revision im Konzern, 2. Prüfung des Risikomanagementsystems durch die interne Revision, 3. Abschließende Fragen zum Risikomanagementsystem im Konzern. Neben dem Aufbau wurde auch dem Layout der Fragebögen besondere Aufmerksamkeit geschenkt.1 Um die Übersichtlichkeit zu fördern, wurden die Überschriften der Abschnitte und die Fragen mit einer Grauschattierung versehen. Zudem wurden unterschiedliche Formatierungen für die Fragen (fett) und die dazugehörigen Antwortkategorien (Standard) verwendet. Bei der Frageformulierung ist vor allem auf Verständlichkeit und Klarheit geachtet worden.2 Es kamen fast ausschließlich geschlossene Fragen zum Einsatz, da hierbei die vorgegebenen Antwortalternativen eine wichtige Hilfestellung bei der Beantwortung leisten. Die Beantwortung geschlossener Fragen ist deshalb im Allgemeinen weniger ermüdend als die offener. Hinzu kommt, dass überwiegend um eine Bewertung oder Einschätzung bestimmter Sachverhalte gebeten wurde, die sich gut auf standardisierten Ratingskalen erfassen lässt. Die Verwendung offener Fragen hätte in diesen Fällen eine nachträgliche Interpretation und Beurteilung der qualitativen Aussagen erfordert und wäre durch die subjektive Bewertung des Verfassers beeinflusst worden. Da geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortalternativen eingesetzt wurden, waren weiterhin Überlegungen zur Skalierung erforderlich. Aufgrund inhaltlicher Erwägungen wurden unterschiedliche Skalentypen verwendet. Die Festlegung der jeweiligen Skala ist zentraler Bestandteil der Operationalisierung, die in Kapitel 2 für die einzelnen Merkmale theoriegeleitet erfolgt. An dieser Stelle sei jedoch darauf hingewiesen, dass Nominal-, Ordinal- und Intervallskalen entwickelt wurden.3 Letztere kamen in Form sog. Ratingskalen zum Einsatz.4 Diese geben eine Reihe von diskreten Skalenpunkten auf einem Merkmalskontinuum vor, in welche die befragte Person die von ihr an einem Merkmal wahrgenommene Ausprägung einträgt. Die Skalenpunkte werden dabei verbal und/oder numerisch verankert. Bei der Anzahl der vorzugebenden Ausprägungen sind zwei gegensätzliche Effekte zu berücksichtigen. Einerseits steigt mit wachsender Zahl der Abstufungen die Diskriminierungsfähigkeit, andererseits überfordern zu viele Ausprägungen möglicherweise den Respondenten 1 Vgl. Schnell et al. (2008), S. 361f. 2 Zur Frageformulierung vgl. Laatz (1993), S. 124ff.; Stier (1999), S. 171ff.; Schnell  et  al. (2008), S. 334ff.; Diekmann (2009), S. 479ff.; Scholl (2009), S. 152ff.; Atteslander (2010), S. 155ff. 3 Vgl. zu diesen Skalentypen Friedrichs (1990), S. 97ff.; Schnell et al. (2008), S. 142ff. 4 Zum Messniveau von Ratingskalen vgl. Laatz (1993), S. 137ff.; Stier (1999), S. 72ff.; Scholl (2009), S. 164f. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 85 und beeinträchtigen die Zuverlässigkeit der Messung. Aus diesem Grunde werden mindestens drei und maximal neun bis elf Stufen als zweckmäßig angesehen, wobei 3er, 5er und 7er Skalen am häufigsten verwendet werden.1 Dieser Praxis folgend wurden in dieser Arbeit überwiegend fünf- und in einzelnen Fällen siebenstufige Ratingskalen eingesetzt. Schließlich sind bei der Erstellung des Erhebungsinstrumentes auch die Gütekri‐ terien für eine empirische Untersuchung zu berücksichtigen, um auf diese Weise die Qualität der Daten ex-ante zu sichern bzw. diese ex-post beurteilen zu können. Zu diesen Gütekriterien gehören die Objektivität, die Reliabilität und die Validität.2 Unter Objektivität wird der Grad verstanden, in dem die Ergebnisse unabhängig von der Person des Forschers sind.3 Sie liegt in dem Maße vor, wie subjektive Einflüsse des Forschers ausgeschlossen sind. Objektivität ist eine Voraussetzung für die Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Validität (Gültigkeit) der Untersuchung. Je nach Phase des Forschungsprojektes können die Durchführungs-, die Auswertungs- und die Interpretationsobjektivität unterschieden werden. In der vorliegenden Arbeit ist die Durchführungsobjektivität als hoch zu beurteilen, da die Daten primär durch eine schriftliche Befragung erhoben werden, bei der den Befragten ein standardisiertes Erhebungsinstrument vorlag. Ebenso ist von einer hohen Auswertungs- und Interpretationsobjektivität auszugehen, weil der Fragebogen nahezu ausschließlich geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortalternativen enthält. Die Reliabilität beschreibt die Präzision der Messung. Sie ist umso höher, je geringer der Fehleranteil ist. Dieses zweite Gütekriterium dient folglich dazu, die Brauchbarkeit eines wissenschaftlichen Instrumentes zu beurteilen, das bei wiederholtem Messen stets dieselben Ergebnisse liefern soll. Zur Prüfung der Reliabilität stehen mehrere Verfahren zur Verfügung.4 Beispielsweise kann eine bestimmte Person mit demselben oder mit einem ähnlichen Erhebungsinstrument wiederholt befragt werden (Test-Retest- bzw. Paralleltest-Methode). Die Reliabilität ist dann umso höher, desto stärker die beiden Messungen miteinander korrelieren. Eine solche Überprüfung ist jedoch in den meisten Fällen, und so auch in der vorliegenden Arbeit, nicht praktikabel, da mit der Bereitschaft der Befragten, zweimal für dieselbe Studie zur Verfügung zu stehen, nicht gerechnet werden kann. Um dennoch eine umfassende Reliabilität des Erhebungsinstruments zu gewährleisten, wurden zwei Maßnahmen ergriffen. Zum einen wurde in Einzelfällen auf bewährte Frage- und Antwortformulierungen thematisch verwandter Studien zurückgegriffen. Obgleich dadurch das Reliabilitätsproblem zwar nicht abschließend gelöst wird, bietet diese Vorgehensweise die Chance, die Untersu- 1 Vgl. Heller/Rosemann (1974), S. 34f.; Scholl (2009), S. 167. 2 Vgl. Bortz (1984), S. 135ff.; Friedrichs (1990), S. 100ff.; Lienert/Raatz (1998), S. 7ff.; Schnell et al. (2008), S. 149ff.; Diekmann (2009), S. 247ff.; Atteslander (2010), S. 295f. 3 Vgl. Lienert/Raatz (1998), S. 7ff. 4 Vgl. hierzu Stier (1999), S. 53ff.; Schnell et al. (2008), S. 151ff.; Diekmann (2009), S. 250ff. 86 1  Grundlegung chungsergebnisse mit denen früherer Studien zu vergleichen.1 Zum anderen wurden die vorläufigen Fassungen der Fragebögen einem intensiven Pretest unterzogen.2 Dabei galt es, vor allem die Verständlichkeit der Fragen, die Vollständigkeit und Konsistenz der Antwortalternativen sowie den Aufbau und die Übersichtlichkeit der beiden Fragebögen zu überprüfen. Teilnehmer des Pretests waren insgesamt 19 Personen, davon sieben Wissenschaftler, neun Praktiker aus Konzernen unterschiedlicher Branche, Größe und Organisationsstruktur3 sowie drei Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater, die über umfangreiche Erfahrungen in der Konzeption und Prüfung von Risikomanagementsystemen verfügten.4 Der vorläufige Fragebogen wurde den am Pretest teilnehmenden Personen mit der Bitte um Beantwortung zugesandt und anschließend in einem persönlichen Gespräch ausführlich diskutiert. Aufgrund des Feedbacks wurden einige Fragen prägnanter formuliert, einzelne Antwortkategorien überarbeitet und das Layout verbessert. Angesichts dieser Maßnahmen kann insgesamt davon ausgegangen werden, dass die Reliabilität des Erhebungsinstruments hinreichend ist. Trotz hoher Objektivität und Reliabilität kann eine empirische Untersuchung wertlos sein, wenn sie etwas anderes misst, als sie messen sollte. Daher ist nicht nur zu prüfen, ob richtig gemessen wurde, sondern auch, ob das Richtige erfasst wurde. Dieses dritte, entscheidende Gütekriterium wird als Validität bezeichnet. In der klassischen Testtheorie werden verschiedene Arten der Validität differenziert, wobei im vorliegenden Zusammenhang die Inhalts- und die Konstruktvalidität relevant sind.5 Erstere liegt vor, wenn Messinstrument und Konstrukt semantisch übereinstimmen. Dazu bedarf es einer präzisen inhaltlichen Definition und Abgrenzung des zu untersuchenden Gegenstands. Die Inhaltsvalidität kann indes nur qualitativ beurteilt werden, wie dies in dieser Arbeit im Rahmen des Pretests geschah. Als zweite Art der Validität erfasst die Konstruktvalidität die Übereinstimmung der theoretischen Überlegungen mit den empirischen Ergebnissen.6 Inwieweit diese gegeben ist, lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend beurteilen. Um die Konstruktvalidität zu fördern, wurde der systematischen Integration von theoriegeleiteter Konzeptionalisierung und Operationalisierung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass das Erhebungsinstrument dieser Arbeit den Gütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Inhaltsvalidität entspricht. Nachfolgend ist nun zu entscheiden, bei welchen Konzernen der Fragebogen zum Einsatz gelangen soll. 1 Vgl. dazu Mellewigt (1995), S. 152. 2 Vgl. Schnell et al. (2008), S. 347ff.; Scholl (2009), S. 203ff.; Atteslander (2010), S. 295ff. 3 Die Konzerne wurden gezielt so ausgewählt, dass alle drei idealtypischen Konzernorganisationsformen (Stammhauskonzern, Managementholding, Finanzholding) vertreten waren. Alle am Pretest beteiligten Konzerne waren nicht börsennotiert. 4 Damit wurden mehr Personen als die geforderten 1% der geplanten Stichprobe im Pretest interviewt. 5 Vgl. Stier (1999), S. 56ff.; Balderjahn (2003), S. 131f.; Schnell et al. (2008), S. 154ff.; Diekmann (2009), S. 258ff. 6 Vgl. Peter (1981). 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 87 1.5.2.4 Auswahl der Erhebungs‐ und Untersuchungseinheiten Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Risikomanagement in Konzernen vor dem Hintergrund des deutschen Rechtssystems. Auf den ersten Blick wäre daher denkbar, alle Konzerne mit Sitz in der Bundesrepublik Deutschland in die Untersuchung einzubeziehen (Vollerhebung) oder eine repräsentative Stichprobe aus der Grundgesamtheit zu ziehen (Teilerhebung). Beides scheitert jedoch letztlich daran, dass keine amtliche Statistik über Konzerne existiert und somit die Grundgesamtheit nicht exakt abgrenzbar ist.1 Aus diesem Grunde ist es erforderlich, den Kreis der Erhebungseinheiten enger zu definieren. Hierbei liegt es nahe, diesen Kreis in einem ersten Schritt auf solche Konzerne zu beschränken, deren Mutterunternehmen in der Rechtsform der Aktiengesellschaft oder Kommanditgesellschaft auf Aktien agieren, da die rechtlichen Anforderungen an die Einrichtung von Risikomanagementsystemen im Aktiengesetz kodifiziert sind und primär für Unternehmen mit der Rechtsform der AG bzw. KGaA gelten.2 Im August 2003 existierten in Deutschland insgesamt 15 176 Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien.3 Die Grundgesamtheit für diese Studie auf alle 15 176 Unternehmen festzulegen, erscheint indes nicht sinnvoll, weil hierunter auch zahlreiche Tochtergesellschaften fallen. So würden bei dieser Abgrenzung z.B. nicht nur die ThyssenKrupp AG, sondern auch ihre einzelnen Führungsgesellschaften (ThyssenKrupp Elevator AG, ThyssenKrupp Steel AG etc.) zur Grundgesamtheit zählen. Zweckmäßiger erscheint es deshalb, die Grundgesamtheit in einem zweiten Schritt auf börsennotierte Aktienkonzerne zu fokussieren. Hierfür spricht auch, dass börsennotierte Aktiengesellschaften besondere rechtliche Anforderungen für das Risikomanagement zu erfüllen haben. Zum einen ist ihr Risikomanagementsystem nach § 317 Abs. 4 HGB vom Abschlussprüfer zu prüfen und zum anderen müssen Vorstand und Aufsichtsrat nach § 161 AktG gemeinsam eine Entsprechenserklärung zum Deutschen Corporate Governance Kodex abgeben, der u.a. auch Regelungen zum Risikomanagement enthält.4 Was unter einer börsennotierten Aktiengesellschaft zu verstehen ist, wird in § 3 Abs. 2 AktG definiert. Danach gelten solche Gesellschaften als börsennotiert, „deren Aktien zu einem Markt zugelassen sind, der von staatlich anerkannten Stellen geregelt und überwacht wird, regelmäßig stattfindet und für das Publikum mittelbar oder unmittelbar zugänglich ist“ (§ 3 Abs. 2 AktG). Hierzu gehören der amtliche Handel und der geregelte Markt, nicht aber der Freiverkehr.5 1 Vgl. Hoffmann (1993), S. 62. Das Fehlen eines offiziellen Verzeichnisses über Konzerne liegt darin begründet, dass nicht der Konzern an sich, sondern die einzelnen Konzernunternehmen als rechtlich selbstständige Einheiten (AG, GmbH, OHG etc.) in das Handelsregister eingetragen werden. 2 Vgl. dazu ausführlich Abschnitt 1.2.3.1.3. 3 Vgl. DAI (2004), S. 01-1 und S. 02-3. Im Folgenden wird vereinfachend nur von Aktiengesellschaften gesprochen, obgleich auch Kommanditgesellschaften auf Aktien in die Grundgesamtheit fallen. 4 Vgl. dazu Abschnitt 1.2.3.1.1. 5 Vgl. Göckeler (2004), Rn. 4. 88 1  Grundlegung Von der so auf börsennotierte Aktienkonzerne eingegrenzten Grundgesamtheit erscheint es geboten, in einem dritten Schritt drei weitere Arten von Konzernen auszuschließen: Dazu gehören erstens Banken-, Versicherungs- und sonstige Finanzdienstleistungskonzerne, da für diese spezielle regulatorische Anforderungen an das Risikomanagement existieren; zweitens Aktiengesellschaften in Insolvenz, weil bei diesen mit einer Liquidation bzw. geringen Bereitschaft zur Mitwirkung an der Studie während des Insolvenzverfahrens zu rechnen ist; drittens Aktiengesellschaften, die nach §§ 291ff. HGB keinen Konzernabschluss erstellen. Letzteres entbindet den Vorstand zwar nicht von der Pflicht zur Einrichtung eines Risikomanagementsystems nach § 91 Abs. 2 AktG, gleichwohl ist die Ausgrenzung dieser Konzerne sinnvoll, da es sich hierbei entweder um sehr kleine, unbedeutende Konzerne oder um Teilkonzerne bzw. Tochterunternehmen anderer, zum Teil nicht börsennotierter Konzerne handelt. Zudem wäre eine vollständige Erhebung der Daten aufgrund des nicht vorliegenden Konzernabschlusses bei diesen Aktienkonzernen nicht möglich gewesen.1 Schließlich ist zu erwägen, ob nicht nur die Teilkonzerne ohne Konzernabschluss, sondern generell alle Teilkonzerne aus der Grundgesamtheit eliminiert werden sollten. Hierfür spräche, dass derartige Aktienkonzerne bei der Ausgestaltung ihrer Risikomanagementsysteme ggf. an die Richtlinien ihrer Muttergesellschaften gebunden sind und daher nur einen eingeschränkten Entscheidungsspielraum haben. Andererseits unterliegen diese börsennotierten Teilkonzerne denselben rechtlichen Anforderungen hinsichtlich der Einrichtung und Prüfung des Risikomanagementsystems wie ihre Muttergesellschaften. Unter Abwägung dieser gegensätzlichen Argumente wird in dieser Studie der letzteren Vorgehensweise gefolgt.2 Um die vorstehend definierte Grundgesamtheit börsennotierter Konzerne zu ermitteln, wurde auf den Hoppenstedt Aktienführer zurückgegriffen.3 Diese auch online verfügbare Datenbank enthält nicht nur die Namen der in Deutschland gelisteten in- und ausländischen Aktiengesellschaften, sondern auch zahlreiche weitere Informationen über diese Gesellschaften (z.B. Branchencodes, Streubesitzanteil, Börsensegment, Beteiligungen, Kurzfassung der Einzel- und Konzernabschlüsse). Der Aktienführer erwies sich daher als eine wichtige Datenquelle für die vorliegende Studie. Zudem ermöglichte die täglich aktualisierte Online- Version auch den Export der Adressen für den Versand der Fragebögen. Am 2. Mai 2004 waren in dieser Datenbank 961 inländische Aktiengesellschaften verzeichnet, deren Aktien amtlich, am geregelten Markt oder im Freiverkehr gehandelt wurden. Gemäß den obigen Überlegungen wurden davon alle im Freiverkehr notierten Aktiengesellschaften, alle Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister sowie alle insolventen Gesellschaften durch Selektion eliminiert. Daran anschließend wurden anhand der Informationen des Hop- 1 Beispielsweise hätten bei der Einbeziehung dieser Konzerne konsolidierte Angaben zu Konzernumsatz und Mitarbeiterzahl, die für die Größeneinordnung notwendig sind, nicht zur Verfügung gestanden. 2 Vgl. ähnlich Gabriel/Rockel (2001), S. 104. 3 Vgl. Hoppenstedt (2004). 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 89 penstedt Aktienführers diejenigen Aktiengesellschaften identifiziert, die lediglich Einzelunternehmen sind oder aber als Mutterunternehmen keinen Konzernabschluss erstellen. Nach Ausschluss dieser Gesellschaften sowie weiterer Sonderfälle1 ergab sich eine Grundgesamtheit von 552 börsennotierten Aktienkonzernen für die empirische Untersuchung. Nachdem nunmehr die Erhebungseinheiten festgelegt sind, müssen abschlie- ßend noch die Untersuchungseinheiten bestimmt werden. Hierunter sind jene Einheiten zu verstehen, die den Gegenstand der Untersuchung bilden.2 Im vorliegenden Fall sind dies nicht die börsennotierten Aktienkonzerne, sondern gemäß der Problemstellung der Arbeit deren Risikomanagementsysteme. 1.5.2.5 Durchführung der Datenerhebung Wie vorangehend beschrieben, wurden die Daten in erster Linie durch eine schriftliche Befragung erhoben. Dazu war es zunächst erforderlich, die geeigneten Schlüsselpersonen für die Beantwortung der Fragebögen zu identifizieren. Für den ersten Fragebogen war dies der Risikomanagement-Koordinator, für den zweiten, ergänzenden Fragebogen der Leiter der Konzernrevision. Während die Anschriften der Grundgesamtheit dem Aktienführer des Hoppenstedt Verlages entnommen werden konnten, waren die Namen der betreffenden Personen weder in dieser noch in anderen Datenbanken verfügbar. Erschwerend kam hinzu, dass die Funktion des Risikomanagement-Koordinators in unterschiedlichen Bereichen (z.B. im Controlling, in der Konzernrevision, in einer eigenen Stabsstelle) wahrgenommen wird, nicht in allen Konzernen eine zentrale Revisionsabteilung zur Prüfung des Risikomanagements existiert und in einigen Fällen auch die Koordination und Prüfung des Risikomanagements in einer Hand liegt. Eine Möglichkeit, die Schlüsselpersonen anzusprechen, wäre der indirekte Weg über ein Mitglied des Vorstandes mit der Bitte um interne Weiterleitung der Fragebögen gewesen. Bei dieser Vorgehensweise hätte jedoch die Gefahr bestanden, dass ein Teil der Fragebögen die Schlüsselpersonen nicht erreicht hätte, die gleichzeitige Zusendung von zwei Fragebögen als Überbeanspruchung empfunden worden wäre oder der zweite Fragebogen zur Prüfung des Risikomanagementsystems durch die interne Revision in vielen Fällen gar nicht relevant gewesen wäre. Es erschien daher sinnvoll und notwendig, die Konzerne persönlich zu kontaktieren, um die richtigen Ansprechpartner ausfindig zu machen. Obgleich dieser Weg der direkten Kontaktaufnahme angesichts der großen Zahl der Konzerne sehr aufwändig war, konnte auf diese Weise zum einen die Adressierung der Befragung an die richtige Schlüsselperson sichergestellt und zum anderen durch den telefonischen Vorkontakt ein Commitment zur Mitwirkung an der Untersuchung erzeugt werden. Ein solcher telefonischer Vorkontakt mit dem Risikomanagement-Koordinator gelang bei rund zwei Drittel der befragten Konzerne. Er fand im Zeitraum Ende 1 Hierzu gehörten z.B. Aktiengesellschaften, die – wie sich bei der Recherche der Ansprechpartner für das Risikomanagement herausstellte – als Mäntel kein aktives Geschäft betreiben. 2 Vgl. Friedrichs (1990), S. 126. 90 1  Grundlegung Mai/Anfang Juni 2004 statt. Nach grundsätzlicher Zusage zur Mitwirkung an der Studie wurde den betreffenden Personen der Fragebogen per Brief oder per E-Mail zugesandt. Bei dem letzten Drittel der Grundgesamtheit konnte zwar der Risikomanagement-Koordinator i.d.R. ermittelt, aber trotz mehrfacher Versuche nicht telefonisch erreicht werden.1 In diesen Fällen musste der Fragebogen ohne persönlichen Vorkontakt per Post versandt werden. Unabhängig von der Art der Ansprache wurde jeweils eine Frist von drei Wochen zur Beantwortung gesetzt. Nach Rücksendung des ausgefüllten Fragebogens wurden die Risikomanagement-Koordinatoren (erneut) telefonisch kontaktiert, um für die Mitwirkung an der Studie zu danken und ausgewählte Themenkomplexe vertiefend zu diskutieren. Bei 13 Konzernen konnte auch ein persönliches Interview mit dem Risikomanagement-Koordinator vereinbart werden. Die Erkenntnisse aus dieser ergänzenden telefonischen bzw. mündlichen Befragung erleichterten die Interpretation der Untersuchungsergebnisse und fließen daher in die Darstellung der Befunde ein. Daneben konnten im Rahmen des Gesprächs auch vereinzelt fehlende Angaben im Fragebogen ergänzt werden, sodass auf diese Weise bis auf wenige Ausnahmen vollständige Datensätze vorliegen. Sofern die Risikomanagement-Koordinatoren im zurückgesandten Fragebogen angaben, dass ihr Risikomanagementsystem durch die Konzernrevision intern geprüft wird, wurde der Name des Revisionsleiters als Adressat für den zweiten Teil der empirischen Untersuchung erfragt. Die Vorgehensweise der Befragung war hierbei analog zu jener der Risikomanagement-Koordinatoren, wobei allerdings die Anzahl der potenziellen Respondenten mit 71 erheblich geringer war. Die vorstehenden Ausführungen verdeutlichen, dass durch die gezielte, persönliche Ansprache der Schlüsselpersonen versucht wurde, dem Rücklaufproblem schriftlicher Befragungen entgegen zu wirken. Darüber hinaus wurden weitere Maßnahmen ergriffen, um die Adressaten zur Beantwortung des Fragebogens zu motivieren: • Der Fragebogen wurde zusammen mit einem personalisierten Anschreiben verschickt, das – sofern per Post versandt – vom Verfasser original unterschrieben war. Im Anschreiben wurde die anonyme Auswertung aller Daten zugesichert. • Den Befragten wurde angeboten, bereits vorliegende Forschungsergebnisse des Verfassers zur Thematik des Risikomanagements und der Risikoberichterstattung anzufordern. Hierfür lag dem Anschreiben ein Abrufformular bei.2 • Als Dankeschön für die Mitwirkung an der Studie wurde den Befragten ein Bericht mit den Ergebnissen der Untersuchung zugesagt, der ihnen nach Abschluss der Auswertung zugesandt wurde. 1 Einige wenige Konzerne lehnten die Nennung von Ansprechpartnern generell ab. Bei diesen Konzernen wurde der Fragebogen per Brief an den Finanzvorstand geschickt. 2 Mit diesem Angebot, das von fast allen Respondenten genutzt wurde, konnte nicht nur ein Anreiz zur Mitwirkung an der Studie, sondern auch fachliche Kompetenz auf dem Forschungsgebiet signalisiert werden. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 91 • Diejenigen Befragten, die nach Ablauf der Frist nicht geantwortet hatten, wurden telefonisch oder schriftlich an die Rücksendung des Fragebogens erinnert. Dadurch war es möglich, 64 bzw. 5 weitere Antworten zu erhalten. Insgesamt konnte die Datenerhebung Ende September 2004 abgeschlossen werden. Bis dahin hatten 293 der 552 Konzerne den ersten Fragebogen zurückgeschickt. Davon waren 290 Antworten auswertbar, was einer Rücklaufquote von 52,5% entspricht. Der zweite Fragebogen wurde von 56 Konzernen beantwortet, wovon 53 Antworten in die Auswertung einbezogen werden konnten. Gemessen an der reduzierten Grundgesamtheit von 71 Konzernen, bei denen das Risikomanagementsystem durch die Konzernrevision geprüft wird und ein Ansprechpartner vorhanden war1, wurde somit eine Rücklaufquote von 74,6% erzielt. Beide Rücklaufquoten liegen weit über dem Durchschnitt vergleichbarer Feldstudien2 und sind daher als sehr gut zu beurteilen. Tab. 1.5–1 gibt einen zu- 1 Insgesamt gaben 86 Konzerne an, dass ihr Risikomanagementsystem durch die interne Revision geprüft wird. Bei zehn Respondenten, die einen Teilkonzern darstellen, erfolgt dies jedoch durch die Revision des Mutterunternehmens. Diese Fälle mussten von der Studie ausgeschlossen werden, da kein zentraler Ansprechpartner existierte. Weitere fünf Konzerne konnten nicht befragt werden, weil z.B. die Revisionsstelle zum Zeitpunkt der Untersuchung vakant bzw. outgesourct war. Somit verbleibt eine reduzierte Grundgesamtheit von 71 Konzernen für den zweiten Fragebogen. Gestaltung des  Risikomanagements Prüfung des  Risikomanagements Gesamt davon mit Telefonkontakt davon ohne Telefonkontakt Gesamt davon mit Telefonkontakt davon ohne Telefonkontakt abs. % abs. % abs. % abs. % abs. % abs. % Ansprache 552 100,0 366 66,3 186 33,7 71 100,0 67 95,8 4 4,2 Rücklauf – ohne Nachfassen – durch Nachfassen 229 64 41,5 11,6 201 57 54,9 15,6 28 7 15,0 3,8 51 5 71,8 7,0 51 5 76,1 7,5 0 0 0,0 0,0 Rücklauf – insgesamt – auswertbar 293 290 53,1 52,5 258 256 70,5 69,9 35 34 18,8 18,3 56 53 78,9 74,6 56 53 83,6 79,1 0,0 0,0 0,0 0,0 Absage 34 6,2 27 7,4 7 3,8 2 2,8 2 3,0 0,0 0,0 Reaktion 327 59,2 285 77,9 42 22,6 58 81,7 58 86,6 0,0 0,0 Tab. 1.5–1: Rücklaufstatistik 2 Die Rücklaufquoten der in Abschnitt 1.4.2.3 analysierten Studien lag im Durchschnitt bei 21% (Minimum 7,2%; Maximum 42%). 92 1  Grundlegung sammenfassenden Überblick über die Rücklaufstatistik und dokumentiert den positiven Effekt des telefonischen Vorkontakts sowie der Nachfassaktion. Daneben sind die Anzahl der Absagen und die Summe der Reaktionen auf die Ansprache in Tab. 1.5–1 ausgewiesen. Einige Daten wurden, wie oben erwähnt, nicht durch die Befragung, sondern durch eine Dokumentenanalyse erhoben. Grundlage dafür bildeten vor allem die Geschäftsberichte des Jahres 2003 bzw. 2002/03 der antwortenden Konzerne. Aus diesen sowie aus dem Aktienführer des Hoppenstedt Verlages wurden Informationen über Umsatz, Mitarbeiterzahl, Eigenkapital, Anzahl der Tochtergesellschaften, Branchenzuordnung und andere grundlegende Konzernmerkmale ermittelt. Darüber hinaus stützte sich die Dokumentenanalyse auf Handbücher und interne Richtlinien zum Risikomanagement, die von einer Reihe von Konzernen aufgrund des persönlichen Kontakts, der im Rahmen der Untersuchung entstand, vertraulich zur Verfügung gestellt wurden. Für die Aussagefähigkeit der Untersuchungsergebnisse ist neben der Höhe des Rücklaufs auch die Zusammensetzung der Stichprobe von zentraler Bedeutung. Denn nur wenn die Stichprobe ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit Nr. Branche Grund‐ gesamtheit Soll‐ Stichprobe Ist‐ Stichprobe Anzahl % Anzahl % Anzahl % 1 Energiewirtschaft, Wasserversorgung, Bergbau 15 2,7 8 2,7 9 3,1 2 Holz-/Papier-/Druckindustrie 14 2,5 7 2,5 10 3,4 3 Chemie-/Pharma-/Kunststoffindustrie 53 9,6 28 9,6 28 9,7 4 Steine-/Erden-/Glasindustrie 14 2,5 7 2,5 10 3,4 5 Metallerzeugung und -verarbeitung 16 2,9 8 2,9 12 4,1 6 Elektro-/Elektronik-/Optikindustrie 64 11,6 34 11,6 36 12,4 7 Maschinen- und Fahrzeugbau 62 11,2 33 11,2 37 12,8 8 Groß- und Einzelhandel 40 7,2 21 7,2 19 6,6 9 Verkehr- und Nachrichtentechnik 21 3,8 11 3,8 14 4,8 10 Grundstücks- und Wohnungswesen 21 3,8 11 3,8 9 3,1 11 Datenverarbeitung 87 15,8 46 15,8 31 10,7 12 Sonstige Dienstleistungsunternehmen 99 17,9 52 17,9 53 18,3 13 Sonstige Industrieunternehmen 46 8,3 24 8,3 22 7,6 Gesamt 552 100,0 290 100,0 290 100,0 2 = 10,68, df = 12, keine statistisch signifikanten Unterschiede (p = 0,05; 2 = 21,03) Tab. 1.5–2: Branchenverteilung in Grundgesamtheit und Stichprobe 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 93 darstellt, die Stichprobe also repräsentativ ist, können die empirischen Befunde generalisiert werden. Repräsentativität liegt strenggenommen dann vor, wenn – innerhalb bestimmter statistischer Fehlergrenzen – alle relevanten Merkmale von Stichprobe und Grundgesamtheit übereinstimmen.1 Da aber i.d.R. nicht alle Merkmale der Grundgesamtheit bekannt sind, muss sich die Repräsentativitätsprüfung auf wenige zentrale Merkmale, wie z.B. Branche und Unternehmensgröße, beschränken. Um die Repräsentativität der vorliegenden Stichprobe im Hinblick auf das Merkmal Branche zu prüfen, wurden die Konzerne einer Brancheneinteilung zugeordnet, die auf einer Zusammenfassung der sehr detaillierten, im Hoppenstedt Aktienführer verzeichneten N.A.C.E-Branchencodes beruht.2 Aus der Verteilung der Grundgesamtheit ergibt sich sodann die Verteilung der Sollstichprobe (vgl. Tab. 1.5–2). Ein Vergleich zwischen Soll- und Ist-Stichprobe zeigt zwar, dass die Datenverarbeitungsindustrie in Letzterer leicht unterdurchschnittlich vertreten ist. Dennoch belegt der Chi2-Homogenitätstest, dass bei einem Signifikanzniveau von p = 0,05 keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Grundgesamtheit und der Ist-Stichprobe bestehen. Es ist daher davon auszugehen, dass die realisierte Stichprobe hinsichtlich des Merkmals Branche repräsentativ ist. Für eine analoge Überprüfung der Repräsentativität bezüglich der Unternehmensgröße wurden die Konzerne anhand der Mitarbeiterzahl in sieben Größenklassen eingeteilt (vgl. Tab. 1.5–3).3 Aus der Gegenüberstellung von Soll- und Ist- 1 Vgl. Kromrey (2009), S. 262f. 2 Vgl. Hoppenstedt (2004). Nr. Anzahl der Mitarbeiter Grund‐ gesamtheit Soll‐ Stichprobe Ist‐ Stichprobe Anzahl % Anzahl % Anzahl % 1 > 20 000 40 7,2 21 7,2 31 10,7 2 5 001 – 20 000 52 9,4 27 9,4 34 11,7 3 2 001 – 5 000 69 12,5 36 12,5 41 14,1 4 1 001 – 2 000 60 10,9 32 10,9 31 10,7 5 501 – 1 000 91 16,5 48 16,5 49 16,9 6 251 – 500 67 12,1 35 12,1 34 11,7 7 250 173 31,3 91 31,3 70 24,1 Gesamt 552 100,0 290 100,0 290 100,0 2 = 11,88, df = 6, keine statistisch signifikanten Unterschiede (p = 0,05; 2 = 12,59) Tab. 1.5–3: Anzahl der Mitarbeiter in Grundgesamtheit und Stichprobe 3 Eine Größeneinteilung anhand des Umsatzes schied in der vorliegenden Studie aus, da dieses Merkmal für die in der Grundgesamtheit enthaltenen Finanzholdings, die ausschließlich Beteiligungserträge erzielen, nicht ermittelbar ist. 94 1  Grundlegung Stichprobe lässt sich erkennen, dass große Konzerne tendenziell eher geantwortet haben als kleine. Vor allem Konzerne mit bis zu 250 Mitarbeitern sind unterdurchschnittlich in der Stichprobe vertreten.1 Trotz diesem leichten Bias zu Gunsten der Großkonzerne zeigt der Chi2-Homogenitätstest, dass die Unterschiede in der Größenverteilung zwischen Grundgesamtheit und Ist-Stichprobe statistisch nicht signifikant sind. Folglich kann die Stichprobe auch im Hinblick auf die Unternehmensgröße als repräsentativ angesehen werden. Obgleich die bisherigen Analysen die Hypothese einer repräsentativen Stichprobe nicht widerlegen können, wäre die Aussagefähigkeit der Befunde dennoch eingeschränkt, wenn es signifikante Unterschiede zwischen den an der Untersuchung teilnehmenden und den nicht teilnehmenden Konzernen gäbe. Beispielsweise könnten sich primär solche Konzerne an die Studie beteiligt haben, die ein besonderes Interesse am Thema Risikomanagement haben.2 Eine Überprüfung, ob ein solcher Bias vorliegt, würde indes entsprechende Informationen über die Nichtteilnehmer erfordern, die in aller Regel – und so auch im vorliegenden Fall – nicht verfügbar sind. Gewisse Anhaltspunkte könnten aber möglicherweise aus den Gründen für die Nichtteilnahme gewonnen werden, die von 34 bzw. 2 Konzernen genannt wurden. Aus den in Tab. 1.5–4 darstellten Gründen sind jedoch für diese Studie keine themenbedingten Selektionseffekte erkennbar. Ein weiterer Bias zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern könnte darin bestehen, dass vorrangig Konzerne mit gut entwickelten Risikomanagementsystemen an der Studie mitgewirkt haben. Konzerne mit unzureichenden Risikomanagementsystemen könnten demgegenüber geneigt sein, diesen Zustand nicht offen zu legen, und sich daher nur unterdurchschnittlich an der Untersuchung beteiligt haben. In diesem Fall würden die Befunde ein zu gutes Bild von der Re- 1 Die Tendenz, dass kleinere Unternehmen sich weniger an empirischen Studien beteiligen, ist auch in vielen anderen Untersuchungen beobachtet worden (vgl. z.B. Kosmider (1994), S. 93). Sie ist u.a. darauf zurückzuführen, dass kleine Unternehmen häufig nicht über die personellen Kapazitäten verfügen, um an wissenschaftlichen Untersuchungen mitzuwirken. 2 Vgl. Hafermalz (1976), S. 29; Friedrichs (1990), S. 244f. Grund für Nichtteilnahme Fragebogen A Fragebogen B Zeitmangel/Arbeitsüberlastung 15 1 Generell keine Teilnahme an Befragungen 8 – Vertraulichkeit des Themas 3 – Sonstige Gründe 3 – Absage ohne Nennung eines Grundes 5 1 Summe 34 2 Tab. 1.5–4: Gründe für die Nichtteilnahme an der Untersuchung 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 95 alität widerspiegeln. Um zu überprüfen, ob dies zutrifft, also ein Nonresponse Bias vorliegt, können z.B. die Antworten von Früh- und Spätantwortern miteinander verglichen werden. Dabei liegt die Annahme zugrunde, dass die Spätantworter den Nichtteilnehmern ähnlicher sind als die Frühantworter. In Anlehnung an diese Überlegung wurde in dieser Studie geprüft, ob sich signifikante Unterschiede im Entwicklungsstand der Risikomanagementsysteme nachweisen lassen zwischen den Konzernen, die innerhalb der gesetzten Frist geantwortet haben („Direkt-Antworter“), und jenen, die sich erst im Rahmen der Nachfassaktion an der Untersuchung beteiligten („Nachfass-Antworter“). Tab. 1.5–5 zeigt, differenziert für die beiden Gruppen, wie die Respondenten den Entwicklungsstand ihres Risikomanagementsystems einschätzen (vgl. Frage A.5.2). Die Ergebnisse eines t-Tests signalisieren keine statistisch signifikanten Unterschiede beim Mittelwert, sodass ein Nonresponse Bias wohl nicht besteht. Schließlich bildet bei Befragungen auch das Wissen und die Erfahrung derjenigen, die den Fragebogen beantworten, einen wichtigen Aspekt für die Qualität der Daten. In dieser Arbeit wurden zwei Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Antwortenden geeignete Schlüsselpersonen sind. Dies war zum einen die telefonische Kontaktaufnahme, mit der die Namen der zuständigen Personen recherchiert wurden bzw. durch die geprüft werden konnte, ob die Koordination bzw. Prüfung des Risikomanagementsystems in den Verantwortungsbereich des Gesprächspartners fällt. Zum anderen wurde auf dem Deckblatt der Fragebögen um die Angabe der Berufsjahre, die der Antwortende bereits im Konzern verbracht hat, sowie um die Nennung seiner Funktion gebeten. Erstere Information wird in empirischen Studien oftmals als ein grober Indikator für die Kompetenz und den Erfahrungshintergrund der Respondenten herangezogen.1 Die Auswertung des Rücklaufs zeigt, dass die Antwortenden des ersten Fragebogens im Durchschnitt über 7,0 Berufsjahre im Konzern verfügten; die Spanne reicht dabei von 1 bis 43 Jahren. Die Respondenten des zweiten Fragebogens waren dagegen durchschnittlich bereits 13,3 Jahre im Konzern beschäftigt bei einer Spanne von 1 bis 40 Jahren. Die aktuelle Funktion der Antwortenden weist beim ersten Fragebogen ein breites Spektrum auf, während sich diese beim zweiten Fragebogen durchweg auf den (stellvertretenden) Leiter der Konzernre- Relative  Häufigkeiten  (in%) Sehr  gut  1 2 3 Zufrieden‐ stellend  4 5 6 Völlig un‐ zureichend  7 Mittel‐ wert Direkt-Antworter (n = 228) 3,5 25,0 17,5 36,0 14,5 3,5 0,0 3,43 Nachfass- Antworter (n = 62) 0,0 24,2 24,2 33,9 14,5 3,2 0,0 3,48 Tab. 1.5–5: Entwicklungsstand des Risikomanagementsystems 1 Vgl. z.B. Kaufmann (2001), S. 164f. 96 1  Grundlegung vision beschränkt. Das heterogene Funktionsspektrum beim ersten Fragebogen wird dominiert von der Funktion Leiter (Konzern-)Controlling. Daneben haben aber auch z.B. Leiter der Konzernrevision, Risikomanager, kaufmännische Leiter, Leiter Investor Relations oder in kleineren Konzernen Vorstandsmitglieder den Fragebogen beantwortet. Daraus wird deutlich, dass die Antwortenden durchweg in leitenden Funktionen tätig waren und über eine angemessene Erfahrung verfügten. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorliegenden Daten die bislang umfangreichste empirische Datenbasis zum Risikomanagement in Konzernen darstellen. Die vorstehenden Ausführungen haben zudem verdeutlicht, dass die Daten für die Grundgesamtheit der börsennotierten deutschen Aktienkonzerne repräsentativ sind. 1.5.2.6 Auswertung der empirischen Daten Zur Auswertung der erhobenen Daten wurden diese im Statistikprogramm SPSS erfasst. Grundlage hierfür war ein Kodierplan, anhand dessen die verbal verankerten Skalen in numerische Werte transformiert wurden. Um Eingabefehler aufzudecken und zu korrigieren, wurde zunächst eine umfassende Datenstrukturanalyse durchgeführt, bei der vor allem mit Hilfe von Häufigkeitsverteilungen nach sachlogisch falschen Werten gesucht wurde. Zudem wurden die erfassten Daten – soweit manuell möglich – auf Plausibilität geprüft. Bei umfangreichen schriftlichen Befragungen ergibt sich regelmäßig das Pro‐ blem, dass einige Respondenten nicht alle Fragen beantworten und dadurch unvollständige Datensätze („missing values“) vorliegen. Die fehlenden Angaben können darin begründet liegen, dass die Daten nicht verfügbar waren, bestimmte Fragen im Einzelfall als nicht relevant erachtet wurden oder aber die Beantwortung versehentlich übersehen wurde. Dem letztgenannten Grund ist in der vorliegenden Studie, wie oben erläutert, durch Telefonate oder persönliche Gespräche nach Rücksendung des Fragebogens begegnet worden, sodass insgesamt nur vereinzelt Angaben fehlen. In solchen Fällen wurde nicht der komplette Datensatz aus der Untersuchung ausgeschlossen, sondern der jeweilige Konzern blieb nur bei der Auswertung des fehlenden Merkmals unberücksichtigt. Folglich beziehen sich die Auswertungen teilweise auf unterschiedliche Basen. Im Rahmen der Datenauswertung sind bei der Anwendung statistischer Verfahren methodenspezifische Voraussetzungen zu beachten. Sind diese nicht erfüllt, besteht die Gefahr, dass durch den unreflektierten Einsatz der Methoden Forschungsartefakte entstehen, die zu völlig falschen Interpretationen führen.1 Um dies zu vermeiden, sind an dieser Stelle einige Vorüberlegungen zum Skalenniveau der Daten und zu den eingesetzten statistischen Verfahren erforderlich. Aufgrund inhaltlicher Erwägungen wurden die Merkmalsausprägungen, wie oben erwähnt, auf unterschiedlichen Skalenniveaus erhoben. Zum Einsatz kamen Nominal-, Ordinal- und Intervallskalen. Zumeist wurden fünf- bzw. sieben- 1 Vgl. Kriz (1981). 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 97 stufige Ratingskalen verwendet. Das Messniveau solcher Skalen wird in der sozialwissenschaftlichen Literatur sehr unterschiedlich beurteilt.1 Einerseits wird argumentiert, dass Ratingskalen wegen der groben Gliederung des Merkmalskontinuums nur ordinales Messniveau aufweisen. Dem wird jedoch andererseits entgegen gehalten, dass die sichtbare Einteilung der Skala in gleich große Abstände die Befragten dazu veranlasst, das Merkmalskontinuum analog in (annähernd) gleichmäßige Abstände einzuteilen. Da die Unterschiede in den Abständen als sehr gering eingeschätzt werden, kann somit näherungsweise von einem intervallskalierten (metrischen) Messniveau der Ratingskalen ausgegangen werden.2 Dieser zweiten Auffassung wird – wie in vielen anderen empirischen Studien – auch in dieser Arbeit gefolgt. Im Rahmen der Datenanalyse werden uni-, bi- und multivariate statistische Me‐ thoden eingesetzt. Univariate Methoden beziehen sich jeweils auf eine Variable. Die Daten werden hierbei vor allem mit absoluten und relativen Häufigkeiten sowie Lage- und Streuungsparametern (z.B. arithmetischen Mittelwerten und Standardabweichungen) beschrieben. Um Zusammenhänge zwischen zwei Variablen zu untersuchen, wird auf bivariate Verfahren zurückgegriffen. In Abhängigkeit vom Skalenniveau der Variablen sind hierbei unterschiedliche Zusammenhangsmaße zu ermitteln. In dieser Arbeit wird für Zusammenhänge zwischen ordinal- bzw. intervallskalierten Variablen der Rangkorrelationskoeffizient nach Spearman eingesetzt.3 Zudem werden vereinzelt auch partielle Korrelationskoeffizienten berechnet, um den Einfluss einer Drittvariable zu kontrollieren.4 Korrelationskoeffizienten geben Auskunft über die Stärke und die Richtung des Zusammenhangs zwischen zwei Variablen. Dabei signalisieren Korrelationskoeffizienten zwischen 0 und -1 einen negativen und solche zwischen 0 und +1 einen positiven Zusammenhang. Um die Stärke der Korrelation verbal zu beschreiben, werden die in Tab. 1.5–6 dargelegten Abstufungen zu Grunde gelegt.5 1 Vgl. Laatz (1993), S. 137ff.; Stier (1999), S. 72ff.; Scholl (2009), S. 164f. 2 Vgl. z.B. Kallmann (1979), S. 63; Kerlinger (1979), S. 674f. Auch im Bereich der angewandten Statistik wird dieser zweitgenannte Standpunkt vielfach vertreten. Vgl. z.B. Bereko‐ ven et al. (2009), S. 68. 3 Der Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson setzt normalverteilte intervallskalierte Variablen voraus. Da die Normalverteilung der Variablen i.d.R. nicht erfüllt war, wurde dieser Korrelationskoeffizient nicht verwendet. 4 Vgl. dazu Brosius (2002), S. 511ff. Korrelations‐ koeffizient r 0 < r   0,2 0,2 < r   0,4 0,4 < r   0,6 0,6 < r   0,8 0,8 < r   1 Interpretation sehr geringe Korrelation geringe Korrelation mittlere Korrelation hohe Korrelation sehr hohe Korrelation Tab. 1.5–6: Interpretation der Korrelationsstärke 5 Vgl. Brosius (2002), S. 501. Die Abstufungen haben den Charakter von Faustregeln und werden in der Literatur nicht einheitlich definiert. Zu anderen Abstufungen vgl. Schlos‐ ser (1976), S. 34; Bühl/Zöfel (2000), S. 242; Kühnel/Krebs (2001), S. 404f.; Degen/Lorscheid (2002), S. 70. 98 1  Grundlegung Neben uni- und bivariaten Verfahren kommen in dieser Arbeit mit der Clusterund der Diskriminanzanalyse auch multivariate statistische Methoden zum Einsatz, um Verbindungen zwischen mehreren Variablen zu untersuchen. Auf diese Methoden wird in Abschnitt 4.2.1 näher eingegangen, weil sie dort zur Entwicklung der Realtypologie für Risikomanagementsysteme dienen. Sollen in der Stichprobe ermittelte Effekte (z.B. Korrelationen zwischen zwei Variablen) auf die Grundgesamtheit übertragen werden, sind Signifikanztests durchzuführen. Mit diesen Tests wird überprüft, ob ein beobachtbarer Effekt zufällig entstanden sein kann.1 Das Signifikanzniveau bezeichnet dabei die Wahrscheinlichkeit, fälschlicherweise einen Effekt zu entdecken, obwohl er in der Grundgesamtheit nicht existiert. In diesem Zusammenhang wird auch vom Fehler 1. Art oder vom Alpha-Fehler gesprochen. Der üblichen Praxis der sozialwissenschaftlichen Forschung folgend, werden in dieser Arbeit die in Tab. 1.5–7 genannten Signifikanzniveaus zu Grunde gelegt. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch zu bedenken, dass die Signifikanz nichts über die tatsächliche Existenz oder die Stärke des Effekts aussagt.2 Über Erstere kann nur anhand von Zeitreihenuntersuchungen entschieden werden. Die Stärke eines Effekts wird dagegen mit dem jeweiligen Effektmaß (z.B. dem Korrelationskoeffizienten) gemessen. Schließlich lässt sich aus der Signifikanz auch nicht auf die theoretische oder praktische Bedeutung eines Effekts schließen, da die Signifikanz auch vom Stichprobenumfang abhängig ist. Gemäß der für die Erreichung des zweiten Teilziels der Arbeit gewählten Prüfstrategie werden im folgenden Kapitel ausgehend von den im Bezugsrahmen definierten Basishypothesen verschiedene Einzelhypothesen abgeleitet. Dabei können zwei Arten von Hypothesen unterschieden werden:3 • Zusammenhangshypothesen behaupten, dass zwischen zwei oder mehr Merkmalen eine Beziehung besteht. Beispiel: „Je größer der Konzern, desto höher ist der Entwicklungsstand des Risikomanagementsystems.“ • Unterschiedshypothesen besagen, dass zwei oder mehr Gruppen von Merkmalsträgern sich hinsichtlich eines oder mehrerer Merkmale voneinander unterscheiden. Beispiel: „Große Konzerne richten häufiger einen Risikomanagement-Ausschuss ein als mittelständische Konzerne.“ 1 Vgl. Schnell et al. (2008), S. 447ff. Irrtumswahrscheinlichkeit p Interpretation Symbol p 0,01 hoch signifikant ** 0,01 < p 0,05 signifikant * 0,05 < p 0,10 tendenziell signifikant keine Kennzeichnung Tab. 1.5–7: Signifikanzniveaus 2 Vgl. Bortz (1984), S. 373ff.; Krämer (1998); Schnell et al. (2008), S. 452ff. 3 Vgl. Bortz (1984), S. 366ff.; Atteslander (2010), S. 283. 1.5  Entwicklung einer Forschungskonzeption 99 Um solche auf theoretischen Überlegungen beruhende Hypothesen zu prüfen, sind diese in statistische Hypothesen zu überführen.1 Dabei werden innovative Aussagen, die den bisherigen Erkenntnisstand erweitern sollen, als Alternativhypothese H1 und das Gegenteil des behaupteten Sachverhalts als sog. Nullhypothese H0 formuliert. Wird die Nullhypothese im Rahmen des Hypothesentests statistisch widerlegt, wird die Alternativhypothese als signifikant akzeptiert, sofern die Irrtumswahrscheinlichkeit geringer ist als das vorgegebene Signifikanzniveau. Nach dem Falsifikationsprinzip des Kritischen Rationalismus gilt die Alternativhypothese dann als (vorläufig) bestätigt.2 Ist die Alternativhypothese als Zusammenhangshypothese formuliert, wird die Signifikanz der Korrelation überprüft. Zur Prüfung von Unterschiedshypothesen werden dagegen bei nominalen und ordinalen Daten Chi2-Tests und bei metrischen Daten t-Tests oder einfaktorielle Varianzanalysen durchgeführt.3 Aus Vereinfachungsgründen wird im Folgenden auf die ausdrückliche Darstellung der Nullhypothesen verzichtet. 1 Vgl. zu Hypothesentests allgemein Bortz (1984), S. 365ff.; Laatz (1993), S. 513ff.; Kühnel/ Krebs (2001), S. 253ff.; Degen/Lorscheid (2002), S. 308ff. 2 Kann die Nullhypothese nicht verworfen werden, folgt daraus umgekehrt jedoch nicht, dass diese damit als bestätigt anzusehen ist. Vielmehr sind in diesem Fall die empirischen Daten für eine Ablehnung der Nullhypothese nicht ausreichend. 3 Vgl. hierzu Laatz (1993), S. 528ff.; Bühl/Zöfel (2000), S. 275ff.; Brosius (2002), S. 451ff.; De‐ gen/Lorscheid (2002), S. 334ff. 2 Gestaltung des Risikomanagementsystems im Konzern Im Bezugsrahmen der Untersuchung waren die vier Kategorien – der Kontext, die Ziele, das System und die Effizienz des Risikomanagements im Konzern – nur grob umrissen worden. Sie bedürfen daher einer weitergehenden Konzeptionalisierung und Operationalisierung, die im Mittelpunkt dieses zweiten Kapitels stehen. Gemäß dem ersten Teilziel dieser Arbeit sind dabei vor allem die vielfältigen Gestaltungsparameter des Risikomanagements im Konzern in ein konzeptionelles Beschreibungssystem zu integrieren. Darüber hinaus sind im Folgenden für die explikative Analyse im dritten Kapitel Hypothesen über Zusammenhänge zwischen den einzelnen Variablen zu formulieren. 2.1 Kontext des Risikomanagementsystems im Konzern Dem kontingenztheoretischen Ansatz zufolge wird die effiziente Gestaltung von Risikomanagementsystemen durch eine Reihe von Kontextfaktoren beeinflusst.1 Dieser Umstand wird auch in der Gesetzesbegründung zum KonTraG berücksichtigt, indem – allerdings ohne explizit auf die Kontingenztheorie Bezug zu nehmen – darauf hingewiesen wird, dass die konkrete Ausformung der sich aus § 91 Abs. 2 AktG ergebenden Vorstandspflicht „von der Größe, Branche, Struktur, dem Kapitalmarktzugang usw. abhängig“2 ist. Da diese Aufzählung nur exemplarischen Charakter hat und darüber hinaus eine theoretische Begründung für die genannten Kontextfaktoren fehlt, sind nachfolgend aus der Vielzahl an Merkmalen, die den Kontext eines Risikomanagementsystems im Konzern beschreiben, jene Faktoren zu bestimmen, die für die Ausgestaltung konzernweiter Risikomanagementsysteme besonders relevant sind. Hierzu kann zum einen auf bisherige Arbeiten zum Risikomanagement zurückgegriffen werden, welche die Bedeutung situativer Bedingungen vor allem im Zusammenhang mit der Institutionalisierung des Risk Management diskutieren und empirisch analysieren.3 Zum anderen erscheint es aber aufgrund des allgemein geringen Erkenntnisstandes auch erforderlich, die Befunde kontingenztheoretischer Arbeiten aus verwandten Themengebieten in die Ableitung relevanter Kontextfaktoren für die vorliegende Studie einzubeziehen. Dabei wird im Folgenden – wie in der Kontingenztheorie üblich – zwischen internen und externen Kontextfaktoren differenziert. 1 Vgl. hierzu Abschnitt 1.4.4.2. 2 Vgl. Gesetzesbegründung zu § 91 Abs. 2 AktG, BT-Drucks. 13/9712, S. 15. 3 Vgl. z.B. Müller/Seifert (1978), S. 22f.; Mugler (1979), S. 217ff.; Seifert (1980), S. 145ff.; zu empirischen Befunden vgl. O’Connell (1975) und Damary (1978).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"Wer sich für Risikomanagement im Konzern interessiert, kommt an [diesem Buch] nicht vorbei. Kajüter hat eine Lücke besetzt in einem wichtigen und sehr praxisrelevanten Fragenbereich". Die Wirtschaftsprüfung 23/2012

Die empirische Studie zum Risikomanagement.

Dieses neue Werk stellt die Ergebnisse einer umfangreichen Studie zu Risikomanagementsystemen börsennotierter Aktienkonzerne vor und entwickelt anhand der empirischen Daten eine Typologie von Risikomanagementsystemen in Konzernen. Darauf aufbauend werden aus der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten fünf Typen konzernweiter Risikomanagementsysteme herausgearbeitet.

Der Nutzen

Die konkrete Analyse offenbart Unterschiede in der Wirksamkeit der Risikomanagementsystemtypen und zeigt dadurch differenzierte Gestaltungsempfehlungen für die Implementierung von Risikomanagementsystemen in Konzernen auf.

Pressestimmen

"Die vorliegende Ausarbeitung ist eine überaus empfehlenswerte, mitunter spannende Lektüre, die sich an ein breites Fachpublikum richtet. So hat es der Autor verstanden, Praktiker mit Entscheidungshilfen und unternehmensspezifischen Empfehlungen zu versorgen, ohne den wissenschaftlichen Tiefgang vermissen zu lassen. Eine herausragende Arbeit, der man möglichst viele Leser wünscht." Der Betriebswirt 1/2013