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1.5 Merkmalsausprägungen der Beschaffung – Abschied vom Bestellschreiber in:

Peter Krampf

Beschaffungsmanagement, page 20 - 23

Eine praxisorientierte Einführung in Materialwirtschaft und Einkauf

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4848-1, ISBN online: 978-3-8006-4849-8, https://doi.org/10.15358/9783800648498_20

Series: Management Competence

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Vahlen Competence Krampf – Beschaffungsmanagement (2. Auflage) Herstellung: Frau Brun Änderungdatum: 04.06.2014 Ausgabedatum: 04.06.2014 Status: Druckdaten Seite 11 1.5 Merkmalsausprägungen der Beschaffung 11 dieser Phase seine Entwicklungskosten amortisieren. Steigen die Verkaufszahlen pro Jahr nicht entsprechend an, so bedeutet dies, dass sich auch die Stückzahlen je verkauften Modells drastisch reduzieren. Während vom Modell Golf I 6,7 Millionen Stück verkauft werden konnten wurde das letzte Modell, der Golf VI, nur noch 2,8 Millionen Mal an Kunden ausgeliefert. Bei gleichbleibenden Entwicklungskosten hätte sich damit der Fixkostenbetrag für Entwicklungskosten je Fahrzeug mehr als verdoppelt. 1.5 Merkmalsausprägungen der Beschaffung – Abschied vom Bestellschreiber „Compared to other business functions, for quite some time purchasing has lacked adequate recognition as a major contributor to achieving sustainable competitive advantages.“ Kaufmann, in: Hahn, Kaufmann, 2002, S. 5 Das Berufsbild des Einkäufers hat sich in den Branchen und Unternehmen, die dem Einkauf eine höhere Bedeutung zugewiesen haben, in den letzten Jahren stark verändert. War früher der Fokus eher auf dem „Be- 1.5 Merkmalsausprägungen der Beschaffung Einkäufer als Inhouse Consultant Reduktion des Produktlebenszyklus bei VW-Golf-Modellen ? 5 66 8 9 4 200820031997199119831974 Golf I Golf II Golf III Golf IV Golf V Golf VI PLZ in Jahren 2012 Golf VII Quelle: FAZ, 2.9.2012, S. 36, Eigene Darstellung Abb. 4: Produktlebenszyklus bei Golf-Modellen Vahlen Competence Krampf – Beschaffungsmanagement (2. Auflage) Herstellung: Frau Brun Änderungdatum: 04.06.2014 Ausgabedatum: 04.06.2014 Status: Druckdaten Seite 12 1 Grundlagen der Beschaffung12 stellschreiber“, der nach der Entscheidung durch die Technik lediglich die Abwicklung von Beschaffungsvorgängen erledigt hat, so sind heute Mitarbeiter im Einkauf gefragt, die über betriebswirtschaftliches und technisches Know-how verfügen, eine nutzwertmaximierende Bildung von Nahtstellen betreiben, wie Inhouse-Consultants im eigenen Unternehmen agieren und dabei die Zulieferer weiterentwickeln und in die internen Abläufe integrieren. Bereits in den ersten Veröffentlichungen zum Einkauf vor 100 Jahren haben Autoren darauf hingewiesen, dass die Qualifikation und Bezahlung in der betrieblichen Praxis der Beschaffung deutlich hinter derjenigen von Vertriebsleuten hinterherhinkt. Mitte der 90er-Jahre haben dann die ersten Autoren versucht, den Bedarf an Weiterentwicklung aufzuzeigen. Die Merkmalsausprägungen der Beschaffung lassen sich in einer Matrix auf Basis der Achsen Betriebs- und Marktorientierung verdeutlichen. Die Betriebsorientierung stellt dabei die interne Unternehmensbetrachtung dar, die Marktorientierung kennzeichnet den „Blick nach außen“, d. h. es zeigt die Bereitschaft auf, in wieweit Einflüsse außerhalb des eigenen Unternehmens zugelassen werden. Sind beide Dimensionen niedrig ausgeprägt, so arbeitet der Einkäufer in der traditionellen Rolle eines „Bestellschreibers“, der lediglich versucht, die Vorgaben der Technik entsprechend umzusetzen. Die Aktivitäten der Beschaffung konzentrieren sich dabei hauptsächlich auf verwaltende und operative Tätigkeiten und das Vorgehen ist passiv aus den Aufgaben anderer Unternehmensbereiche abgeleitet. Teilweise wird der Beschaf- Bestellschreibung HochNiedrig Niedrig Hoch Marktorientierung Betriebsorientierung Merkmalsausprägungen der Beschaffung Materialwirtschaft Beschaffungsmarketing Bestellschreibung Moderner Einkauf Quelle: Arnolds et al., in der Ausgabe von 1996, S. 25 Abb. 5: Merkmalsausprägungen der Beschaffung Vahlen Competence Krampf – Beschaffungsmanagement (2. Auflage) Herstellung: Frau Brun Änderungdatum: 04.06.2014 Ausgabedatum: 04.06.2014 Status: Druckdaten Seite 13 1.5 Merkmalsausprägungen der Beschaffung 13 fung dabei „sogar erlaubt“, Verhandlungen durchzuführen, wobei die Verhandlungsergebnisse von den Lieferanten vorab auf das Angebot aufgeschlagen sind, um dann dem Einkauf „großzügig“ mit geringfügigen Nachlässen in „harten“ Verhandlungsrunden entgegen zu kommen. In der Regel entscheidet die Entwicklungsabteilung, welcher Lieferant die Produkte oder Dienstleistungen liefert und bei welchen „unkritischen“ Umfängen der Einkauf selbst aktiv werden darf. In dieser Ausgestaltung ist der Einfluss und die Handlungsmöglichkeiten der Beschaffung extrem eingeschränkt und die Gesamtkosten in der Regel signifikant höher als bei einer modernen Vorgehensweise. Trotz der generellen Fortschritte im Einkauf findet sich jedoch diese Merkmalsausprägung in der betrieblichen Praxis auch heute noch in einigen Unternehmen bzw. Branchen. Ein „Moderner Einkauf“ zeichnet sich dadurch aus, dass er zwar seine Aktivitäten innerhalb des eigenen Unternehmens nicht weiter ausweitet, jedoch erarbeitet sich der Einkäufer in dieser Merkmalsausprägung selbständig eine Marktübersicht und -transparenz, um die überlassenen Beschaffungsvorgänge unter Wettbewerbsgesichtspunkten zu vergeben. Die reine Bestellabwicklung tritt damit stärker in den Hintergrund und die Orientierung an der Preis- und Leistungsfähigkeit der Lieferanten nimmt zu. Damit gelingt es dem Einkauf, die Preisorientierung in den Vordergrund zu rücken. Die Hauptaktivitäten sind die Beschaffungsmarktforschung, die Durchführung qualifizierter Angebotsvergleiche und die Vergabeverhandlungen. Man spricht dann von „Materialwirtschaft“, wenn es dem Einkauf gelingt, innerhalb des Unternehmens eine bereichsübergreifende Gesamtkostensicht (inkl. Logistik, Qualitätskosten etc.) aufzubauen und nach dieser die Entscheidungsfindung zu steuern. Auch Make-or-Buy-Fragestellungen fließen in derartige Betrachtungen in die Entscheidungsfindung mit ein. Letztendlich betrachtet der Einkauf die Interessen und Einflussfaktoren der gesamten internen Wertschöpfungskette und leitet seinen Bedarf von den Bedürfnissen der Endkunden ab. Gelingt dem Einkauf sowohl eine Betriebs- wie auch Marktorientierung, so können seine Aktivitäten als „Beschaffungsmarketing“ bezeichnet werden. Die Vorgehensweise und Entscheidungsfindung von Beschaffungsvorgängen orientieren sich am Unternehmensgewinn. Der gesamte Versorgungsprozess des eigenen Unternehmens wird von der aktuellen Konjunkturlage und dem Leistungspotenzial der Lieferanten bestimmt. Dabei spielen auch Kriterien wie Sicherheit und Marktveränderungen eine Rolle und werden frühzeitig in die Betrachtungen einbezogen. Die Beschaffungsaktivitäten werden aktiv und kreativ durch den Einkauf gesteuert. Moderner Einkauf Materialwirt schaft Beschaffungs marketing Vahlen Competence Krampf – Beschaffungsmanagement (2. Auflage) Herstellung: Frau Brun Änderungdatum: 04.06.2014 Ausgabedatum: 04.06.2014 Status: Druckdaten Seite 14 1 Grundlagen der Beschaffung14 1.6 Einordnung der Einkaufsstrategie in die Gesamtstrategie eines Unternehmens „In diesem Sinne sind Beschaffungsstrategien als Ergebnis strategischer Managementhandlungen für den Bereich der Beschaffung und in ihrer Gesamtheit als Funktionsbereichsstrategien der Beschaffung zu verstehen, die aus den Unternehmensgesamtstrategien bzw. den Geschäftsbereichsstrategien abgeleitet werden müssen.“ Large, 2013, S. 40 Die stärkere Berücksichtigung von Einkaufsthemen in der wissenschaftlichen Literatur hat bei einigen Autoren zu einer wahren Euphorie geführt, die die Bedeutung des Einkaufs für den Unternehmenserfolg teilweise sogar überbewertet oder, trotz statistischer Belege, übertriebene Empfehlungen ausspricht. So bekommt man bei einigen Artikeln den Eindruck vermittelt, ohne den Beitrag des Einkaufs bei der Definition einer Unternehmens- oder Konzernstrategie sei das Ergebnis wertlos und eine Ausrichtung der Organisation nicht möglich. Bereits 1996 wurde daher die Frage in einem wissenschaftlichen Artikel gestellt „Is purchasing really strategic?“7. Um sowohl den theoretischen Möglichkeiten, als auch der Realität in der betrieblichen Praxis Rechnung zu tragen, wird im Folgendem dargestellt, wo die Einkaufsstrategie ansetzt, und wo sie einen Beitrag für die Gesamtausrichtungen eines Unternehmens liefern kann. Aber ebenso wird auch gezeigt, wo die Beschaffung lediglich Ableitungen aus übergeordneten Themenstellungen machen kann, und wo die Grenzen einer zu starken Involvierung der Einkäufer in Themenstellungen anderer Bereiche liegen. Für den Strategiebegriff finden sich in der Literatur unterschiedliche Definitionen. Mit einer Strategie werden langfristige, konsistente und für alle verständliche Ziele verfolgt. Letztendlich geht es primär darum, eine Wegbeschreibung für die zukünftige Ausrichtung eines Unternehmens zu generieren, die aus einem Bündel von Maßnahmen besteht. Dabei wird aufgezeigt, wie Erfolgspotenziale erhalten oder sogar ausgebaut werden können. Eine gute Strategie beantwortet die Fragen „Wo stehen wir?“, „Wo wollen wir hin?“ und „Wie erreichen wir dies?“. Damit wird sie zu einer entsprechenden Orientierung für die tägliche Arbeit aller Bereiche und Mitarbeiter im Unternehmen. Die Strategie ist damit sowohl Entscheidungshilfe, als auch Koordinationsmechanismus. Wichtig für ihren Erfolg ist es, dass sie eine hohe Akzeptanz bei allen Stakeholdern besitzt. Elemente jeder Strategiedefinition im Einkauf sind dabei die Langfristigkeit, die Potenzialerzielung durch die Beschaffung, die Festlegung konkreter Ziele, das Bestreben, einen entsprechenden Erfolg für das Unternehmen zu erzielen, die Erlangung von Wettbewerbsvorteilen, die 7 Carter, Narasimhan, 1996, S. 20. 1.6 Einordnung der Einkaufsstrategie Strategie elemente

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Zusammenfassung

Beschaffungsmanagement: Den Einkauf erfolgreich managen.

Dieses Buch beschreibt die Herausforderungen der Einkaufsabteilungen in den Unternehmen. Sie betreffen insbesondere die zukünftige Ausrichtung und Aufstellung der Beschaffung sowie den konsequenten Einsatz von Werkzeugen, um den Unternehmenswert nachhaltig steigern zu können. Dabei geht der Autor unter anderem folgenden Fragen nach:

Wie weit sollen die Aufgaben des Einkaufs innerhalb der Wertschöpfungskette gehen?

In welchen Ländern soll zukünftig verstärkt eingekauft werden und wie findet man für welche Warengruppe dort geeignete Lieferanten?

Wie kann die Auswahl und die Zusammenarbeit mit den Lieferanten gestaltet werden?

Wie sollte sich der Einkauf zukünftig aufstellen? Ist eher eine zentrale oder dezentrale Einkaufsorganisation erfolgreich?

Für diese und zahlreiche andere Fragestellungen werden in diesem Buch Antworten gegeben, die theoretisch fundiert und mit Beispielen aus der Unternehmenspraxis untermauert sind.