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Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland in:

Reinhard Meckl

Internationales Management, page 35 - 76

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4784-2, ISBN online: 978-3-8006-4785-9, https://doi.org/10.15358/9783800647859_35

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

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Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 13 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 13 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 2.2.1 Daten und Formen zum Außenhandel Hinter dem Begriff der Handelsbeziehungen bzw. Außenhandel verbergen sich grenz- überschreitende Käufe und Verkäufe, die ein Unternehmen im Ausland tätigt. Sie unterscheiden sich von Käufen und Verkäufen im Inland zunächst nur durch ihren grenzüberschreitenden Charakter. Ähnlich wie im Inland werden von Unternehmen im Wesentlichen Vorprodukte und Dienstleistungen im Ausland für die eigene Leistungserstellung beschafft, hergestellte Produkte oder Dienstleistungen im Ausland abgesetzt. Der Export und Import als klassische Form des Außenhandels bezeichnet den Verkauf von selbst erstellten Waren an einen Kunden im Ausland (Export) bzw. den Bezug von Waren von ausländischen Geschäftspartnern (Import). Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen sicherte in den vergangenen Jahren hohe Nachfragevolumina aus dem Ausland. Ohne diese hohen Wachstumsraten im Export, die Deutschland in die Spitzengruppe der exportierenden Nationen gebracht haben, wäre die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren deutlich ungünstiger verlaufen. Abbildung 2-3 zeigt die Steigerung der deutschen Exporte und die damit einhergehenden Handelsbilanzüberschüsse. In den Jahren 2008–2009 hat sich allerdings die negative Seite der starken Abhängigkeit von Exporten und damit indirekt von der Weltkonjunktur gezeigt. Die weltweite Finanz- und in Folge die globale Krise der Realökonomien hat zu einem deutlichen Einbruch im Export gerade für deutsche Unternehmen geführt, sodass diese stärker als die Unternehmen in Ländern mit einer höheren Binnenorientierung betroffen waren. Andererseits profitierten die deutschen Unternehmen dann aber überdurchschnittlich, als die Weltwirtschaft und damit die Exporte wieder auf ihren langjährigen Wachstumspfad zurückfanden. Die Exportkraft der deutschen Unternehmen geht inzwischen so weit, dass vor allem europäische Partner die hohen Wachstumsraten im deutschen 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 0 200000 400000 600000 800000 1000000 1200000 19 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 20 00 02 04 06 08 10 12 EU R in M ill . Jahr Exporte Handelsbilanzüberschüsse Abb. 2‑3: Deutsche Exporte und Handelsbilanzüberschüsse (Quelle: www.destatis.de, Deutsche Exporte und Handelsbilanzüberschüsse) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 14 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM14 Export in die europäischen Länder als Bedrohung für die eigene Binnenwirtschaft empfinden. Allerdings steht den deutschen Exporten auch eine großes Volumen an Importen von Vor- und Endprodukten gegenüber, so dass über den internationalen Warenaustausch auch die Lieferländer profitieren. Abbildung 2-4 zeigt die grundlegenden Formen der grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen. Bei der Abwicklung von Export/Import ist zu unterscheiden, ob zwischen dem Hersteller und dem Kunden noch Absatzstufen zwischengeschaltet sind, was man dann als indirekten Export/Import bezeichnet. Abbildung 2-5 macht die Varianten deutlich. Bei der direkten Variante sind im Inland keine Zwischenstufen vorhanden, so dass der Exporteur/Importeur direkt mit ausländischen Partnern zu tun hat. Der Importeur ist Endverbraucher des Produkts. Diese Variante tritt insbesondere bei Investitionsgütern und im Europageschäft auf, da hier oftmals eine gute eigene Kenntnis der Auslands- Formen des Außenhandels Basisformen des Außenhandels Sonderformen des Außenhandels Export/Import Transithandel Veredelungsgeschäfte Kompensationsgeschäfte Abb. 2‑4: Formen des Außenhandels (Quelle: Kutschker/Schmid 2011, 16) Exporteur/ Importeur Exporteur/ Importeur Käufer/ Verkäufer Handelsmittler, Niederlassung, Groß- und AHunternehmen GrenzeInland Ausland Käufer/ Verkäufer Exporteur Importeur AH- Unternehmen AH- Unternehmen Käufer Verkäufer Direkter Im-/Export Indirekter Im-/Export Abb. 2‑5: Direkter und indirekter Außenhandel (Quelle: in Anlehnung an Jahrmann 2010, 49–50) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 15 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 15 märkte durch den Hersteller vorhanden ist. Allerdings besteht die Notwendigkeit eigener Kundenakquisition und Marktpflege. Eine eigene Export-/Importabteilung, die mit der Abwicklung solcher Geschäfte betraut ist, muss ebenfalls eingerichtet werden. Bei der indirekten Variante ist z. B. eine Export/Import-Agentur zwischengeschaltet. Die Aufgabe bzw. der Wertbeitrag solcher Agenturen liegt in der Identifikation von geeigneten ausländischen Lieferanten/Kunden und in der Abwicklung des grenzüberschreitenden Teils des Geschäfts, also z. B. die Erledigung der Zollformalia. Für den Hersteller/Endverbraucher ist dies dann ein inländischer Warenverkauf/-kauf. Spezifische Kenntnisse über den Auslandsmarkt sind nicht nötig. Bevorzugt wird diese Variante bei geringen und/oder unregelmäßigen Absatzmengen sowie problemlosen Serienprodukten, bei denen der direkte Kundenkontakt nicht unbedingt Vorteile bringt. Die Agentur lässt sich ihre Dienste durch einen Aufschlag auf den Preis bezahlen. Transithandel liegt dann vor, wenn ein Händler die Ware von einem ausländischen Kunden erwirbt und sie weiterverkauft an einen Kunden in einem Drittland (vgl. zu Details z. B. Büter 2013, 83–86). Abbildung 2-6 zeigt die Beziehung an einem Beispiel. Traditionell werden in diesem Außenhandelsverfahren landwirtschaftliche Güter gehandelt. Immer bedeutender wird auch der Großeinkauf von Massenprodukten zu Sonderkonditionen auf Grund der großen Absatzmenge und der Weiterverkauf innerhalb einer Region wie z. B. Europa. Veredelungsgeschäfte zeichnen sich dadurch aus, dass Waren aus dem Ausland im Inland bearbeitet, verarbeitet oder ausgebessert werden und dann wieder in das ursprüngliche Herkunftsland geschickt werden (vgl. Jahrmann 2010, 60). Aktive Veredelung liegt vor, wenn die Ver- und Bearbeitung im Inland erfolgt, passive Veredelung, wenn die Waren zur Veredelung ins Ausland geschickt werden (vgl. Abbildung 2-7). Aus deutscher Sicht findet häufig eine passive Veredelung durch die Verlagerung von arbeitsintensiven Teilen der Produktion ins Ausland, z. B. nach Osteuropa, statt. Sind Käufer/Verkäufer in Warschau Transithändler in Hamburg Käufer/Verkäufer in Buenos Aires Abb. 2‑6: Grundstruktur des Transithandels (Quelle: Jahrmann 2010, 58) Unternehmen 1 Land A Unternehmen 2 Land B Warenversand zur Be- oder Verarbeitung Rücksendung der be- oder verarbeiteten Ware Abb. 2‑7: Grenzüberschreitender Veredelungsverkehr (Quelle: Jahrmann 2010, 61) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 16 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM16 die arbeitsintensiven Teile gefertigt, wird das Halbfertigprodukt wieder nach Deutschland verbracht und fertig produziert. Kompensationsgeschäfte liegen vor, wenn zwischen den Partnern aus den verschiedenen Ländern Realgüter getauscht werden. Der Tausch von Fertigprodukten gegen Rohstoffe, über die ein Land verfügt, wie z. B. Erdöl, ist das häufigste Beispiel aus diesem Bereich. 2.2.2 Theorien zur Erklärung und Gestaltung von Außenhandel 2.2.2.1 Volkswirtschaftliche Theorien zur Erklärung von Außenhandel Für viele Unternehmen stellen die Exporte den Wachstumstreiber der letzten Jahre dar, gleichzeitig wickeln sie über internationale Lieferketten den Import wichtiger Vorprodukte ab, was Grund genug ist, sich auch aus Sicht des Internationalen Managements mit den theoretischen Grundlagen des Außenhandels zu befassen. So aktuell die Diskussion auch anmutet, ihre historischen Wurzeln reichen weit zurück. Die erste wichtige Abhandlung zur Thematik Außenhandel war ein Essay des schottischen Philosophen David Hume im Jahre 1758 mit dem Titel „Of the balance of trade“, 20 Jahre vor dem wohl bekannteren Werk von Adam Smith „The Wealth of Nations“ (vgl. Krugman/Obstfeld/Melitz 2012, 26). Mittlerweile existiert in der Literatur eine Vielzahl von Theorien, welche die Internationalisierung von Volkswirtschaften, Branchen und vor allem auch Unternehmen mit Hilfe des Außenhandels erklären wollen. Einige von ihnen werden auf den nächsten Seiten betrachtet. Die Theorie der absoluten Kostenvorteile von A. Smith Adam Smith vertrat die These, dass Außenhandel einem Land den größten Nutzen bringt, wenn es die Güter exportiert, die es absolut kostengünstiger produziert und dafür Güter importiert, die im Ausland absolut kostengünstiger hergestellt werden. Produktionskosten/Liter Bier Whisky Deutschland 10 € 20 € Großbritannien 20 € 10 € Im obigen hypothetischen Beispiel (vgl. ähnlich z. B. Welge/Holtbrügge 2010, 52–53) würde sich Deutschland auf die Herstellung von Bier und Großbritannien auf die Herstellung von Whisky spezialisieren. Bei Außenhandel ergäben sich folgende Handelsströme: Deutschland würde Bier exportieren und Whisky importieren, wohingegen Großbritannien Bier importieren und Whisky exportieren würde. Nach Smith’s These wäre somit Außenhandel für ein Land, das alle Güter kostengünstiger produzieren könnte, nicht vorteilhaft. David Ricardo zeigte aber, dass Handel zwischen Ländern auch Wohlstand fördernd sein kann, wenn es keine absoluten Kostenvorteile gibt. Die Theorie der komparativen Kostenvorteile von D. Ricardo Nach David Ricardo findet Außenhandel auch dann statt, wenn sich jedes Land auf die Produktion der Güter spezialisiert, bei denen es komparative Kostenvorteile hat und Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 17 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 17 diese Güter international gegen Güter tauscht, die sich in inländischer Produktion nur mit komparativen Kostennachteilen herstellen lassen. Diese Hypothese knüpfte er in ihrer einfachsten Form an die Annahme, dass zur Herstellung der Güter nur der homogene Produktionsfaktor Arbeit benötigt wird. Eine weitere wichtige Annahme ist die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb eines Landes und die Immobilität zwischen Ländern. Des Weiteren geht Ricardos Modell von zwei Ländern, zwei Produkten und kompetitiven Produkt- und Faktormärkten unter Vernachlässigung von Transportkosten aus. Dies soll anhand eines einfachen Beispiels illustriert werden. Produktionskosten/Liter Bier Whisky Deutschland 5 € 9 € Großbritannien 20 € 10 € Im obigen wiederum hypothetischen Beispiel wird deutlich, dass Deutschland gegen- über Großbritannien beide Güter absolut kostengünstiger produzieren kann. Dennoch kommt es nach Ricardo zu Außenhandel, da die Außenhandelsstruktur nicht aus absoluten Vorteilen hergeleitet werden kann, sondern sich nach dem relativen Vorteil richtet. In unserem Beispiel hat Deutschland den relativen Vorteil in der Bierherstellung und Großbritannien in der Whiskyproduktion. Dementsprechend werden sich beide Länder spezialisieren und das jeweilige Gut exportieren. Diese Spezialisierung bringt beiden Ländern Außenhandelsgewinne. Handel kann als Methode der indirekten Produktion aufgefasst werden und erhöht die Produktions- und Konsummöglichkeiten beider Länder. In beiden Fällen erweitert der Handel die Optionen und beschert so den Einwohnern beider Länder einen Zugewinn an Wohlstand. Dieser Zugewinn an Wohlstand lässt sich auch rechnerisch belegen: Nehmen wir an, in beiden Ländern werden jeweils 5 Liter der beiden Güter nachgefragt. Sind beide Länder autark und stellen jeweils 5 Liter Bier und Whisky selbst her, so ergeben sich für Deutschland Produktionskosten in Höhe von 70 Euro und für Großbritannien in Höhe von 150 Euro, so dass die Produktionskosten insgesamt 220 Euro betragen. Spezialisieren sich beide Länder gemäß ihres komparativen Vorteils, so produziert Deutschland mit Produktionskosten in Höhe von 50 Euro 10 Liter Bier, von denen es 5 Liter nach Großbritannien exportiert. Großbritannien hingegen wendet 100 Euro für die Produktion von 10 Litern Whisky auf, von denen es 5 Liter nach Deutschland exportiert. Diese Form der Spezialisierung führt insgesamt zu einem Wohlfahrtsgewinn in Höhe von 70 Euro, da die Produktionskosten unter Außenhandel mit 150 Euro deutlich geringer sind als die Produktionskosten von 220 Euro unter Autarkie. Dieser Wohlfahrtsgewinn kommt dabei nicht nur Großbritannien zu Gute, das in dem Beispiel die schlechtere Kostenposition bei beiden Gütern hat. Deutschland profitiert ebenfalls von zusätzlicher Wohlfahrt in Höhe von 20 Euro. Im empirischen Befund erweist sich das Ricardo-Modell allerdings als zu einfach, um Außenhandel zwischen Ländern umfassend zu erklären. Außerdem enthält es die oben genannten starken Vereinfachungen, die in der Realität so nicht gelten. Die Hauptaussage, wonach ein Land jene Produkte exportiert, bei dem seine Arbeitsproduktivität Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 18 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM18 relativ am höchsten ist, auch wenn das Land bei keinem Produkt absolute Vorteile hat, findet jedoch generell empirische Unterstützung. Faktorproportionen‑Theorien: Das Heckscher‑Ohlin‑Modell Der Erklärungsansatz, dass Faktorausstattungsunterschiede die einzige Ursache für Außenhandel sind, führte zu einer weiteren einflussreichen Theorie auf dem Gebiet der Außenwirtschaftslehre. Sie stammt von zwei schwedischen Ökonomen, Eli Filip Heckscher und Bertil Ohlin, der 1977 den Nobelpreis für Wirtschaftwissenschaften erhielt, und wird daher häufig als Heckscher-Ohlin-Modell bezeichnet. Da diese Theorie die komparativen Vorteile eines Landes auf das Zusammenwirken von Unterschieden in der Faktorausstattung der einzelnen Länder und die unterschiedlichen Faktorintensitäten einzelner Produkte zurückführt, wird sie auch als Faktorproportionen-Theorie bezeichnet. Nach dieser Theorie entstehen komparative Vorteile durch die unterschiedliche Ausstattung eines Landes mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Nach Heckscher-Ohlin spezialisiert sich eine Volkswirtschaft auf jene Produkte und exportiert diese, welche die reichlich vorhandenen Produktionsfaktoren besonders intensiv verwenden. Dabei kommt es zudem zwischen handelnden Volkswirtschaften zu einem Faktorpreisausgleich. Diese Konvergenz führt zu einem Ausgleich der relativen Preise von Arbeit und Kapital, d. h. durch Außenhandel ergeben sich dieselben Lohnsätze und Renditen in den beteiligten Volkswirtschaften. Hintergrund dieser These ist die im Modell unterstellte Vorstellung, dass mit dem Handel von Gütern indirekt auch Produktionsfaktoren gehandelt werden. So einfach und einleuchtend diese Sichtweise auch ist, in der Realität beobachten wir insbesondere bei Lohnsätzen keinen Faktorpreisausgleich. Um zu erfahren, weshalb die Prognosen dieses Modells keine empirische Unterstützung finden, hilft ein Blick auf die dem Modell zugrunde liegenden Annahmen. Im Modell werden beispielsweise Transportkosten nicht betrachtet, die aber in Form von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen den Handel und somit den Faktorpreisausgleich erheblich behindern können. Des Weiteren ist die Annahme der Produktion homogener Güter unter gleicher Technologie mit der Realität nicht vereinbar. Erweiterung der Faktorproportionen‑Theorie durch Samuelson und Stolper Samuelson und Stolper erweiterten das Modell von Heckscher-Ohlin hinsichtlich zweier zentraler Aspekte: Zum einen erhielt das Modell eine mathematische Fundierung, was eine empirische Überprüfung erleichterte. Zum anderen stellten Samuelson und Stolper die These auf, dass der Anstieg des relativen Preises eines Gutes zu einer Erhöhung der Entlohnung desjenigen Produktionsfaktors führt, der bei der Produktion dieses Gutes intensiv genutzt wird, und zu einem Rückgang der Entlohnung des anderen Produktionsfaktors. Die relative Faktorentlohnung hängt entgegen dem Heckscher-Ohlin-Modell also nicht vom Faktorbestand, sondern nur vom Güterpreis ab. Internationaler Handel führt somit zu einer Aufhebung der internationalen Faktorpreisunterschiede. Außenhandel kann folglich als eine zur Direktinvestition alternative Form der Auslandsmarktbearbeitung angesehen werden. Die Relevanz dieser vorgestellten Außenhandelstheorien für die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für das Internationale Management ist allerdings beschränkt. Wie auf den vorhergehenden Seiten gezeigt wurde, liefern Außenhandelstheorien eine fundamentale Erklärung für die Vorteilhaftigkeit von Außenhandel. Gleichwohl be- Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 19 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 19 rücksichtigen diese Modelle lediglich länderspezifische, nicht aber unternehmensspezifische Motive und argumentieren letztlich primär aus volkswirtschaftlicher Sicht. Des Weiteren kann zwar unter der Prämisse immobiler Produktionsfaktoren Außenhandel erklärt werden, eine Erklärung für Direktinvestitionen liefern diese Theorien jedoch nicht und weisen somit einen geringen Aussagegehalt für die Entstehung „moderner“ internationaler Unternehmen auf, die regelmäßig unterschiedlichste Formen von Direktinvestitionen in ihren internationalen Engagements aufweisen (vgl. Abschnitt 2.4). 2.2.2.2 Die Produktlebenszyklustheorie nach Vernon Die volkswirtschaftlichen Ansätze benutzen makroökonomische Größen, um Außenhandel zu erklären. Aus Sicht des Managements von internationalen Unternehmen ist es aber zielführender, wenn einzelwirtschaftliche, also unternehmensbezogene Merkmale und Daten als Einflussgrößen identifiziert werden können. Ein sehr bekannter Ansatz, der Außenhandel explizit auf Basis von einzelwirtschaftlichen Grö- ßen erklärt, ist die Produktlebenszyklustheorie von Vernon (vgl. 1966). Das Ziel des Ansatzes besteht darin, ein möglichst allgemein gültiges Muster der Zusammenhänge von Innovation, Produktion, Außenhandel und in der Folge auch für ausländische Direktinvestitionen zu finden. Vernon integriert dabei Erkenntnisse zur Entstehung von Innovationen und deren Überführung in markttaugliche Produkte mit Überlegungen zum Export und zur Verlagerung der Produktion solcher Produkte ins Ausland (vgl. Ietto-Gillies 2005, 70). Der Schwerpunkt der Überlegungen liegt bei der Erklärung von Export- und Importströmen, weswegen diese Theorie hier den Erklärungsansätzen von unternehmerischem Außenhandel zugeordnet wird. Den Ausgangspunkt der Überlegungen Vernons bildet die Betrachtung der USA der 50er und 60er Jahre, die als Paradebeispiel einer hoch entwickelten Industrienation mit einem hohen Pro-Kopf- Einkommen und gleichzeitig hohen Lohnstückkosten aufwartete. Daraus folgert er, dass unter diesen Bedingungen Innovationen in den USA früher und schneller als in anderen Ländern, unterteilt in andere Industrienationen, wie z. B. Westeuropa, und in Entwicklungsländer, eintreten (vgl. Vernon 1966, 192–193). Als Leitgedanke für die weitere Entwicklung seiner Argumentation verwendet Vernon ein idealisiertes Schema zur Beschreibung des Lebenszyklus eines Produkts. Vier Phasen können unterschieden werden: (1) Die Innovations-, (2) die Export-, (3) die Direktinvestitions- und (4) die Reimportphase. Vernon identifiziert in empirischen Beobachtungen in den USA der 50er und 60er Jahre spezifische Ausprägungen, was die Produktgestaltung, die Marktbedingungen, die Produktbedingungen und den Produktionsstandort betrifft, entlang des Lebenszyklus eines Produkts. Abbildung 2-8 skizziert graphisch den Verlauf von Produktionsvolumen und inländischem bzw. ausländischem Konsum in den einzelnen Phasen. Der argumentative Zusammenhang, der hinter den Kurven steht, wird in Tabelle 2-1 verdeutlicht (vgl. zu den einzelnen Argumenten auch Stein 1998, 65). Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 20 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM20 Innovations phase Exportphase Direktinvesti tionsphase Reimport phase Produkt gestal tung Technologische und marktliche Unsicherheit Käuferpräferen zen erkundet. Anpassung der Produktmerk male. Technische Pro duktmerkmale fixiert Technische Pro duktmerkmale fixiert, evtl. Anpassung an Auslandsmärkte Marktbe dingun gen Geringe Preis elastizität der Nachfrage. Quasi mono polistische Marktstellung Steigende Preiselastizität der Nachfrage und Wettbe werbsintensität. Zunehmender Bekanntheits grad in anderen Industrieländern Hohe Preis elastizität der Nachfrage und Wettbewerbsin tensität auch in anderen Indus trieländern Starker Preis wettbewerb weltweit Andere Industrieländer V ol um en 150 100 50 Exporte Produktion Konsum Vereinigte Staaten V ol um en 150 100 50 Importe Exporte Produktion Konsum Zeit Zeit V ol um en Entwicklungsländer 150 100 50 Zeit Innovationsphase Exportphase Direktinvestitionsphase Konsum Produktion Exporte Reimportphase Abb. 2‑8: Der Produktlebenszyklus nach Vernon (Quelle: in Anlehnung an Vernon 1966; Welge/Holtbrügge 2010, 57) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 21 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 21 Innovations phase Exportphase Direktinvesti tionsphase Reimport phase Produk tionsbe dingun gen Instabile Pro duktionsprozes se und häufige Veränderung des Produkti onsverfahrens. Hoher Anteil qualifizierter Arbeitskräfte und flexibler Produktions einrichtungen nötig Allmählich Mas senfertigung mit Nutzung von Volumenef fekten, steigen de Kapitalinten sität Massenpro duktion mit standardisierten Produktionspro zessen, hoher Bedarf an gering ausgebildeten Arbeitskräften und hohe Kapi talintensität Hocheffiziente Produktion mit Volumen effekten und Faktorkosten als wichtige Wettbewerbs variablen Produk tions standort Ausschließlich Stammlandpro duktion (hier: USA); (geringe) Exporte in an dere Industrie länder Größtenteils Stammlandpro duktion und Export in andere Industrieländer, deren Unter nehmen (noch) nicht in der Lage sind, das Pro dukt zu fertigen; beginnende Verlagerung der Produktions standorte in diese Länder Hohe Direktin vestitionen in andere Indus trieländer und beginnend in Schwellen /Ent wicklungslän der, beginnende Reimporte (hier: in die USA) Konzentration der Produktion in Schwellen und Entwick lungsländern auf Grund von Kostenvorteilen und Reimporte in Industrielän der Tab. 2‑1: Beschreibung der Lebenszyklusphasen in Anlehnung an Vernon (Quelle: Vernon 1966) Vernon sieht in einer Produktinnovation den Anstoß für die Produktion und den Absatz eines Produktes. Er hat sich empirisch mit den USA beschäftigt, weswegen er auch dieses Land als Ausgangspunkt nimmt. Gegen Ende der Innovationsphase in den USA entwickelt sich auch in anderen Industrieländern eine Nachfrage nach dem Produkt, die durch Importe aus den USA befriedigt wird. Die in der Innovationsphase gegebenen Ausprägungen finden sich in Tabelle 2-1 in der entsprechenden Spalte. Dadurch entsteht Außenhandel, der im weiteren Verlauf in der von Vernon als Exportphase titulierten Zeitspanne abgewickelt wird. Die Produktgestaltung, die Nachfragestruktur und die Produktionsbedingungen sind durch die Konstellationen dieser Phase gegeben (vgl. Tabelle 2-1, Spalte „Exportphase“). Durch die Ausweitung der Produktions- und Absatzmenge stabilisieren sich die Produktionsbedingungen und die Kenntnisse über die Nachfragestruktur noch weiter. Andere Industrieländer fangen an, ebenfalls Produktionskapazität aufzubauen und selbst zu exportieren, vor allem die Entwicklungsländer. Am Anfang der Direktinvestitionsphase (vgl. Tabelle 2-1) haben das Produkt, der Markt dafür und die Produktionskonstellation einen hohen Standardisierungsgrad erreicht. Jetzt werden aus den USA und den anderen Industrieländern Direktinvestitionen, vor Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 22 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM22 allem in den Entwicklungsländern, vorgenommen, da die Produktionsprozesse stabil sind und die Kostenvorteile der Entwicklungsländer genutzt werden können. Diese „Direktinvestitionsphase“ (vgl. Abbildung 2-8) wird zu einer Reimportphase, die durch Bezug des Produkts aus den Entwicklungsländern gekennzeichnet ist, wodurch nach der Direktinvestitionsphase wieder Außenhandel zu verzeichnen ist. Die Lebenszyklustheorie von Vernon ist eine der am häufigsten zitierten und verwendeten Theorien im Internationalen Management. Die Stärken des Ansatzes von Vernon sind insbesondere in der endogenen Berücksichtigung von Änderungen der Produkt-, Produktions- und Marktbedingungen zu sehen. Diese Elemente werden auf plausible Art und Weise miteinander verbunden und ergeben ein in sich konsistentes Argumentationsmuster zur Erklärung von Internationalisierungsschemata. Durch die explizite Integration von Innovation und technologischem Fortschritt gelingt die Verbindung zu anderen Internationalisierungsansätzen, wie z. B. zum technologischen Lückenhandel (vgl. Abschnitt 2.2.2.3). Auf diese Art und Weise werden Außenhandels- mit Direktinvestitionsentscheidungen verbunden und unter Branchen- und Wettbewerbsbedingungen abgeleitet (vgl. Ietto-Gillies 2005, 76). Vernon selbst hat aber auch die Grenzen seines Ansatzes aufgezeigt (vgl. z. B. Vernon 1979). Änderungen in der Marktstruktur in vielen Branchen führen zu einer Innovationsrate und einer Wettbewerbsintensität, die die parallele Einführung eines Produkts auf vielen nationalen Märkten notwendig macht, um den erlangten, aber nur kurzfristig verteidigbaren Innovationsvorsprung schnell in Umsätze transferieren zu können. Dies gilt vor allem für große multinationale Unternehmen, so dass die Vernon-Theorie zunehmend eher für mittelständische Unternehmen mit einem noch vergleichsweise niedrigen Internationalisierungsgrad relevant ist. Der zweite Kritikpunkt betrifft den angenommenen idealtypischen Verlauf des Produktlebenszyklus. Der unterstellte Verlauf ist in der Realität häufig nicht anzutreffen. Der Zyklus stellt keine exogene Größe dar, sondern kann durch die Unternehmen, z. B. durch Produktvariationen, sowohl inhaltlich als auch zeitlich verändert werden (vgl. Welge/Holtbrügge 2010, 58). Des Weiteren ist durch einen besseren länderübergreifenden Austausch von Informationen und durch Zwischenhändler der zeitlich versetzte länderspezifische Verlauf des Zyklus inzwischen wohl eher die Ausnahme. Während die Argumentation bzgl. der Außenhandelsentscheidungen der Unternehmen plausibel und differenziert ist, ist die Vernon-Theorie bei den Direktinvestitionen zu pauschalierend und undifferenziert. So werden die in der Unternehmenspraxis inzwischen stark eingesetzten alternativen Formen von Direktinvestitionen, also z. B. Joint Ventures (vgl. Abschnitt 2.4.1.4) oder auch Auslandsbeziehungen ohne Kapitalbeteiligungen wie z. B. Kooperationen (vgl. Abschnitt  2.3) nicht berücksichtigt. Aus diesen Gründen ist die konkrete Ableitung von Empfehlungen zur Gestaltung einer produktspezifischen Internationalisierungsstrategie allein auf Basis der Vernon-Theorie unvollständig. 2.2.2.3 Die Theorie der „technologischen Lücke“ Überlegene technologische Ressourcen auf Grund einer hohen Innovationsfähigkeit von Unternehmen in einem Land verwendet auch die Theorie der technologischen Lücke zur Erklärung von internationalem Handel und in einer späteren Phase von Direktinvestitionen im Ausland (vgl. Posner 1961). Die Argumentationskette kann gut anhand von Abbildung 2-9 erläutert werden. Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 23 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 23 Durch die Innovation eines Unternehmens in Land A in t0 entsteht dort ein neues Produkt, das im Zeitablauf entlang des idealtypischen Lebenszyklus eines Produkts produziert wird (siehe Produktionskurve in Abbildung  2-9). In Land B fehlt diese Innovation. Generell wird im Rahmen dieses Ansatzes für Land B unterstellt, dass das technologische Entwicklungsniveau dort niedriger ist als in Land A und die Lohnkosten ebenfalls nicht das Niveau von Land A erreichen. Das neue Produkt wird in Land B zunächst (bis t1) auch nicht nachgefragt, da die Information über die Innovation dort erst verbreitet werden muss und das Unternehmen aus Land A auch erst seinen Heimatmarkt bedient. Von t0 bis t1 ergibt sich damit eine Nachfragelücke. Da das neue Produkt aber annahmegemäß einen höheren Nutzen als die vorherigen Generationen bietet, entsteht auch in Land B ab t1 Nachfrage. Diese wird durch Exporte aus Land A befriedigt, so dass sich hier eine Begründung für internationalen Handel aus unterschiedlichen technologischen Ressourcen in verschiedenen Ländern ableiten lässt. In t2 beginnen dann aber auch die Unternehmen in Land B mit der Produktion des neuen Gutes bzw. einer Variante davon. Von t0 bis t2 ist damit eine Imitationslücke entstanden, die durch Zeit verbrauchende Lerneffekte oder die Entwicklung von Alternativtechnologien zur Umgehung von Patenten erklärt werden kann. Entsprechend geht der Export von Land A in Land B mit dem Ansteigen der Eigenproduktion von Land B zurück, bis in t3 der Export gänzlich zum Erliegen kommt (siehe Abbildung 2-9). Der Zeitraum von t1 bis t3 definiert damit den internationalen technologischen Lückenhandel. Ab t3 ist dann auch denkbar, dass es zu einem Import in Land A aus dem Land B kommt, insbesondere dann, wenn im Land B deutlich günstigere Produktionsfaktoren gegeben sind. Diese Phase ab t3 wird deshalb auch als Phase des Niedriglohnhandels bezeichnet. In Abwandlung zu diesem Grundmodell kann auch angenommen werden, dass das Unternehmen A auf Basis seiner Erfahrungen in der Produktion eine Direktinvestition in Land B tätigt und dort eine eigene Produktion aufbaut, so dass im Rahmen der Theorie der technologischen Lücke auch Direktinvestitionen erklärt werden können. Das Argumentationsmuster liefert Vernon mit der Produktlebenszyklustheorie (vgl. Abschnitt 2.2.2.2), so dass sich hier eine interessante Ergänzung zwischen den beiden Ansätzen ergibt. t0 t Land A Export Produktion Produktion Export t1 t2 t3 Nachfragelücke Imitationslücke Technologischer Lücken-HandelLand B Export Produktion Produktion Niedriglohnhandel Abb. 2‑9: Wirkungsmechanismus der technologischen Lücke (Quelle: in Anlehnung an Perlitz 2013, 58) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 24 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM24 Eine zentrale Größe des Ansatzes ist die Dauer der Imitationslücke. Sie wird bestimmt durch die technologische Leistungsfähigkeit der Unternehmen in den Auslandsmärkten, also in dem Beispielfall im Land B. Wird die Imitationslücke von Direktinvestitionen aus Land A geschlossen, so spielen die Größe, die Nachfragestruktur und das durchsetzbare Preisniveau in Land B eine wichtige Rolle für die Zeitspanne von der Innovation bis zur Direktinvestition in Land B. Nach Schließung der Imitationslücke wird die Höhe und die Dauer des verbleibenden Exports von Land A nach Land B bestimmt durch den Unterschied in der Lohnkostenhöhe zwischen den beiden Ländern und auch, ob in Land A durch Massenproduktion und damit verbundene Volumeneffekte ein niedriges Kostenniveau trotz hoher Lohnkosten erreicht werden kann (vgl. Perlitz 2013, 57–60). Basis der Theorien sind Unterschiede in der Innovationsfähigkeit der Unternehmen in den betrachteten Ländern. Damit wird eine einzelwirtschaftliche Managementvariable zur Erklärung von Außenhandel und Direktinvestitionen verwendet, was grundsätzlich als positiv aus Sicht des Internationalen Managements zu sehen ist. Die Theorie zeigt damit die hohe Relevanz eines durch Innovation begründeten Wettbewerbsvorteils und ist damit konsistent mit der Theorie des monopolistischen Vorteils nach Hymer (vgl. Abschnitt 2.4.2.1). Für die Theorie spricht auch, dass sie vielfach empirisch bestätigt wurde. So wurde der idealtypische Verlauf am Beispiel der Internationalisierung des VW Käfers in den 70er Jahren nachgewiesen. Die meisten dieser empirischen Nachweise wurden allerdings in den 70er und 80er Jahren durchgeführt. Angesichts der deutlichen Beschleunigung der internationalen Markteinführung durch die stark erhöhte Wettbewerbsintensität in den internationalen Märkten stellt sich aber die Frage, ob die Imitationslücke wirklich noch eine nennenswerte Zeitspanne umfasst oder ob nicht viele Unternehmen gezwungen sind, Produkte gleichzeitig in vielen Auslandsmärkten nach der Sprinklerstrategie (vgl. Abschnitt 3.3.1.3.3) einzuführen, was zu einer zeitlichen Änderung des Exportverhaltens führt. 2.2.3 Management von Risiken im Außenhandel 2.2.3.1 Risikostruktur und Geschäftsrisiko im Auslandsgeschäft Bei internationalem Geschäft müssen mehr Einflussvariablen mit komplexeren Interdependenzen und meist auch bei einem niedrigeren Informationsniveau als bei Inlandsgeschäft beachtet werden. Diese Konstellation führt dazu, dass Auslandsgeschäft generell mit einem höheren Risiko verbunden ist. Es macht deshalb Sinn, der Risikobetrachtung beim Management und der Gestaltung von Auslandsgeschäft eine wichtige Rolle zuzuweisen. Aus diesem Grund wird im Folgenden das Management von Außenhandelsaktivitäten unter dem Aspekt der Risikovermeidung bei typischen Export- und Importtransaktionen erläutert. Auf die allgemeinen Risikobetrachtungen bei Auslandsgeschäft, die dabei gelegt werden, wird bei der Behandlung der anderen Markteintrittsformen zurückgegriffen. Risiko ist die aus der Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung resultierende Gefahr, dass eine finanzwirtschaftliche Zielgröße negativ von einem Referenzwert abweicht (vgl. ähnlich z. B. Macharzina/Wolf 2012, 663–664). Wie oben begründet ist es plausibel, dass eine Tätigkeit außerhalb des vertrauten nationalen Marktes ein so Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 25 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 25 verstandenes erhebliches Risikopotenzial birgt. Diese Überlegung macht es zwingend nötig, dass die Geschäftstätigkeit und die damit verbundenen Entscheidungen gerade in einem internationalen Unternehmen in ein explizites Risikomanagement eingebunden sind. Ein solches Risikomanagement kann als koordinierte Bündelung von Maßnahmen und Instrumenten verstanden werden (vgl. Bleuel/Schmitting 2000, 91; zur Struktur eines solchen Risikomanagements z. B. Bömelburg/Keller 2008, 149–152), mit denen die Absicht verfolgt wird, den Unternehmenswert oder andere Zielgrößen des Unternehmens vor negativen, aus der Unsicherheit resultierenden Entwicklungen zu bewahren. Um dies zu erreichen, gibt es die in Tabelle 2-2 dargestellten grundsätzlichen Möglichkeiten. Die Bedeutung des Risikomanagements ist für internationale Unternehmen als besonders hoch einzustufen, da •• ein erhöhtes Risiko im Vergleich zu nationalen Unternehmen eine aktive Beschäftigung mit diesen Phänomenen erfordert, •• Risikomanagement durch Senkung der geforderten Risikoprämie von Investoren zu einer Wertsteigerung des Unternehmens führt, was bei risikobehafteten Auslandsinvestitionen besonders wichtig ist, •• in vielen Ländern ein Risikomanagement gesetzlich vorgeschrieben ist bzw. ein fehlendes bei Eintreten des Risikofalls hart sanktioniert wird (vgl. dazu im Detail z. B. Kalwait 2008). Risikovermeidung Risikoverminde rung Risikobesicherung Risikoabwälzung Risikobegründende Ursachen werden vermieden. In der extremsten Form bedeutet dies die gänzliche Vermei dung von Auslands aktivitäten. Das Gegenstück hierzu besteht in der bewussten Hin nahme des Risikos, ohne zu versuchen, in irgendeiner Form „gegenzusteuern“. Die Risikovermin derung stellt eine weniger extreme Variante dar. Die Risikovermin derung beinhaltet die Risikoverteilung sowie die Risiko kompensation. Für eine Vielzahl von Risiken können die eventuellen negativen Folgen ganz oder zumin dest teilweise durch Versicherungen, Garantien oder Bürgschaften versi chert werden. Durch Risikoab oder Risikoüber wälzung wird das Risiko ganz oder teilweise – entgelt lich oder unentgelt lich – einem Dritten übertragen. Beispiel: •• Keine Auslands aktivitäten •• Aufstellung von K.O. Kriterien •• … Beispiel: •• Diversifikation des Kundenstam mes •• Hedging mit Derivaten •• … Beispiel: •• Transportversi cherung •• Hedging •• Exportkreditver sicherung •• …. Beispiel: •• Fakturierung in Inlandswährung, •• Factoring, •• Forfaitierung •• … Tab. 2‑2: Risikostrategien mit Beispielen aus der internationalen Geschäftstätigkeit (Quelle: in Anlehnung an Jahrmann 2010, 291 und Bleuel/Schmitting 2000, 105) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 26 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM26 Einige der in der Tabelle enthaltenen Beispiele werden in den folgenden Abschnitten bei der relevanten Risikokategorie näher besprochen. Voraussetzung für ein dezidiertes Risikomanagement mit der Auswahl der jeweils richtigen Risikostrategie ist die möglichst vollständige und exakte Identifikation der Risikokomponenten. Abbildung 2-10 gibt einen Überblick über diese Risikokomponenten aus internationaler Geschäftstätigkeit. Die Währungsrisiken und der politische Teil des Länderrisikos werden in den folgenden Abschnitten thematisiert. Das soziokulturelle Risiko und der Versuch, dieses durch ein explizites interkulturelles Management zu beherrschen, werden auf Grund der hohen Relevanz in einem eigenen Kapitel (vgl. Abschnitt  5.3) besprochen. Das Risiko des „non-compliant“ Verhaltens von Mitarbeitern ist ein übergeordneter Risikobereich im Unternehmen, der aber aus internationaler Sicht eine besondere Brisanz aufweist und deshalb explizit behandelt wird (vgl. Abschnitt 3.2.5). In diesem Abschnitt wird selektiv auf das allgemeine Geschäftsrisiko aus internationalen Aktivitäten mit besonderem Blick auf Außenhandelsaktivitäten eingegangen. Wie in Abbildung 2-10 zu sehen, enthält diese Risikokomponente mit dem Markt- und Preisrisiko auch Bestandteile, die in den nationalen Märkten in ähnlicher Form auftreten. Dezidierte Planungskonzepte und Marktanalysen (vgl. dazu z. B. Abschnitt 3.3) können diese Unsicherheiten auch auf internationalen Märkten begrenzen. Im internationalen Umfeld ist in vielen Fällen die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung auf Grund einer schlechteren Informationslage größer. Ansonsten ergeben sich aber keine substanziellen Unterschiede. Markt- und Preisrisiko gelten sowohl bei reiner Außenhandelstätigkeit, als auch bei Direktinvestitionen, die im Ausland getätigt worden sind. Risikokomponenten international tätiger Unternehmen Ökonomische Risiken/ Geschäftsrisiken Länderrisiken Währungsrisiken Politische Risiken Sonstige Risiken Marktrisiko Preisrisiko Kreditrisiko Transportrisiko Rechtliche Risiken Lieferungs-/ Annahmerisiko Fabrikationsrisiko Warenabnahmerisiko Delkredererisiko Enteignungsrisiko Dispositionsrisiko Transferrisiko Sicherheitsrisiko Fiskalisches Risiko Rechtsprobleme Internationale Wettbewerbsfähigkeit Sprache Kultur … Transaktionsrisiko Translationsrisiko ökonomisches Risiko Abb. 2‑10: Risikokomponenten international tätiger Unternehmen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 27 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 27 Beim Transportrisiko ist häufig eine deutlich höhere Komplexität als im nationalen Rahmen zu beobachten. Es ist im Wesentlichen beschränkt auf reine Handelsbeziehungen ins Ausland. Der häufig nötige Wechsel des Transportmittels und die Komplexität von Logistikkonzepten zur Sicherstellung der zeitgerechten und gleichzeitig kostengünstigsten Lieferung erhöhen das mit dem Transport verbundene Risiko. Allerdings steht eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, insbesondere aus dem Bereich der Risikobesicherung, zur Verfügung, um diese Unsicherheiten zu begrenzen (vgl. Tabelle 2-2). Dies ist allerdings nur durch zusätzlichen Kostenaufwand möglich (vgl. dazu z. B. auch Jahrmann 2010, 294). Das Fabrikationsrisiko umfasst vertragswidriges Verhalten des ausländischen Kunden, an den geliefert werden soll, während der Herstellungszeit. Dieses kann z. B. bestehen in einer einseitigen Kündigung des Vertrages oder der Nichtbezahlung von Raten. Auf Grund rechtlicher Risiken (vgl. den folgenden Abschnitt 2.2.3.2 zu den Länderrisiken) kann die Durchsetzung von Forderungen aus dem Vertragsverhältnis schwierig und langwierig sein. Ähnliches gilt für das Warenabnahmerisiko. Hier kommt erschwerend hinzu, dass die Produktionsaufwendungen schon getätigt und die Transportkosten ebenfalls bereits entstanden sind. Eine Rückführung der Ware kann sehr kostspielig sein. Die beiden letztgenannten Risiken, das Warenabnahme- und das Fabrikationsrisiko, gelten schwerpunktmäßig bei Außenhandel. Grundsätzlich stehen hier Methoden der Risikovermeidung und -verminderung, aber vor allem auch der Besicherung zur Verfügung. Der Abschluss von Versicherungen gegen diese Risiken kann auch diese Komponenten enthalten. Das häufigste und auch am meisten behandelte Risiko im Auslandsgeschäft, natürlich insbesondere im Außenhandel, ist das Zahlungsausfallrisiko, auch Delkredererisiko genannt (vgl. hierzu auch Niehoff/Reitz 2001, 96–97). Hierunter fällt insbesondere die Verweigerung der Bezahlung der gelieferten Ware durch den ausländischen Kunden. Im Laufe der Jahrhunderte des praktizierten Außenhandels haben sich explizite Instrumente mit hohem Standardisierungsgrad herausgebildet, mit denen dieses Risiko vermindert, besichert oder abgewälzt werden kann. So gibt es Formen der Außenhandelsfinanzierung, wie das Akkreditiv (vgl. Abbildung 2-23; dazu im Detail z. B. Jahrmann 2010, 408), die das Bonitätsrisiko des Schuldners durch ein Zahlungsversprechen einer Bank beseitigen. Ausfuhrkreditversicherungen, wie sie auch staatlicherseits zur Exportförderung angeboten werden (vgl. Abschnitt 2.2.3.4.3 zur Hermes-Kreditversicherung z. B. Häberle 2002, 947–988), übernehmen gegen Prämienzahlung das Risiko. Ein Forderungsverkauf, evtl. allerdings mit deutlichen Abschlägen auf die Ursprungsforderung, z. B. in Form eines Exportfactoring, sichert zudem eine früh verfügbare Liquidität (vgl. dazu z. B. Häberle 2002, 663–676). Da das Delkredererisiko zentral ist für den Außenhandel, wird im Abschnitt 2.2.3.4 bei der Erläuterung von Möglichkeiten der Außenhandelsfinanzierung im Detail darauf eingegangen, da traditionell Instrumente im Außenhandel eingesetzt werden, die mit der Finanzierung gleichzeitig auch das Zahlungsausfallrisiko senken sollen. Abbildung 2-11 ordnet die genannten Risiken – in diesem Fall des Exporteurs – in chronologischer Form. Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 28 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM28 Zusammenfassend zeigt sich, dass sich wie oben erläutert, im Vergleich zum nationalen Umfeld, zusätzliche bzw. stärker ausgeprägte Geschäftsrisiken im Auslandsgeschäft ergeben. 2.2.3.2 Bestandteile und Management des Länderrisikos Die im Rahmen des vorangegangenen Abschnitts vorgestellten ökonomischen Risiken bzw. Geschäftsrisiken beziehen sich primär auf die mit der Außenhandelstätigkeit verbundene Verlustgefahr in Folge unternehmerischer Fehleinschätzungen oder unbeeinflussbarer wirtschaftlicher Ereignisse. Bei den so genannten Länderrisiken, deren Darstellung Gegenstand dieses Abschnitts ist, handelt es sich um Risiken, die sich aus den besonderen Rahmenbedingungen des jeweiligen Ziellandes eines Auslandsengagements ergeben. „Das Länderrisiko umfasst alle aus der gesamtwirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen Situation eines Landes resultierenden Verlustgefahren, die einer Unternehmung durch Beeinträchtigung ihrer Aktivitäten im Zusammenhang mit diesem Land entstehen“ (Engelhard 1992, 369). So zahlreich die Länderrisiken internationaler Geschäftstätigkeit sind, so vielfältig sind auch die Systematisierungen, die zu ihrer Klassifizierung vorgeschlagen werden (vgl. z. B. Engelhard 1992, 369–371; Zimmermann 1992, 75–90; Deresky 2014, 41-46). Im Folgenden soll in Anlehnung an die Definition von Engelhard zwischen ökonomisch bedingten Länderrisiken, politisch-rechtlichen sowie soziokulturell bedingten Länderrisiken unterschieden werden (vgl. Abbildung 2-12). Wirtschaftliche Risiken des Exporteurs während der … Fabrikationsphase Notwendigkeit zum Abbruch der Fertigung bzw. zur Unterlassung des Versands (sog. wirtschaftliches Fabrikationsrisiko), z.B. wegen • Zahlungsunfähigkeit des Importeurs; • Lossagung vom bzw. Verstoß gegen den Kaufvertrag durch den Importeur. Liefer-/Versandphase Nichtabnahme bereitgestellter bzw. versandter Ware durch den Importeur (sog. Warenabnahmerisiko), z.B. wegen • Zahlungsunfähigkeit des Importeurs; • Lossagung vom bzw. Verstoß gegen den Kaufvertrag durch den Importeur. Forderungs-/Kreditphase Uneinbringlichkeit bzw. verzögerte oder nur teilweise Einbringlichkeit der Forderung (sog. Delkredererisiko), z.B. wegen • Zahlungsunwilligkeit, • Zahlungsverzug, • Zahlungsunfähigkeit des Importeurs. Abb. 2‑11: Chronologische Entstehung wirtschaftlicher Risiken des Exporteurs (Quelle: Häberle 2002, 14) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 29 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 29 Zu den wichtigsten ökonomisch bedingten Länderrisiken gesellen sich neben die als konstitutiv für das Auslandsgeschäft geltenden Währungsrisiken, die auf Grund ihrer besonderen Bedeutung im Rahmen des Abschnitts 2.2.3.3 gesondert dargestellt werden, insbesondere Inflationsrisiken sowie Risiken, die sich aus der internationalen Liquidität und Verschuldungssituation eines Landes ergeben. Durch die in einigen Ländern stark steigende Staatsverschuldung durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ist diese Risikogruppe wieder stark in den Fokus von Investoren gerückt. Zur Gruppe der politisch-rechtlichen Risiken zählen Enteignungsrisiken, z. B. durch teilweise oder vollständige Konfiszierung von Vermögenswerten oder durch Verstaatlichung, Dispositionsrisiken (Einschränkung der Handlungsfreiheit auf Grund von administrativen Auflagen, Unruhen, Streiks etc.), Transferrisiken (Einschränkungen beim Transfer z. B. von Gütern und Kapital), Sicherheitsrisiken (Gefährdung von Leben, Gesundheit und Freiheit der Mitarbeiter, z. B. auf Grund von Terror und Gewalt) sowie fiskalische Risiken. Letztere umfassen neben der Ungewissheit über die künftige Steuerpolitik auch die Gefahr des Wegbrechens öffentlicher Aufträge, z. B. in Folge von Sparzwängen. Neben diesen allgemeinen, d. h. die Unternehmen des In- und des Auslands gleichermaßen betreffenden Risiken, können sich spezielle Probleme auch aus Vorbehalten der Regierungen, Behörden und sonstigen Institutionen des Gastlandes gegenüber ausländischen Unternehmen und, damit verbunden, diskriminierenden rechtlichen Bestimmungen gegenüber diesen, ergeben (vgl. im Detail zum politischen Risiko, z. B. Tayeb 2000, 248–267). Des Weiteren können Länderrisiken auch aus der soziokulturellen Umwelt entstehen. In diesem Zusammenhang sind neben den typischen Risiken sprachbedingter Missverständnisse und kultureller Divergenzen im engeren Sinne (vgl. dazu im Detail Abschnitt 5.3) insbesondere „weiche“ Indikatoren, wie z. B. die Einkommensverteilung, das Bildungsniveau oder die Einstellung der Bevölkerung zu Arbeit und Konsum, von Bedeutung. Diese weichen Faktoren müssen bei der Marktbearbeitung richtig eingeschätzt werden, damit daraus keine Risiken entstehen. Es zeigt sich, dass Länderrisiken nach wie vor eine zentrale Rolle sowohl für die Marktauswahlentscheidung als auch für die Entwicklung, Bewertung, Auswahl und Implementierung der ländermarktspezifischen Internationalisierungsstrategie spielen. Soziokulturelle Einflussfaktoren - Kultur - Sprache - Einkommensverteilung - Analphabetentum - Einstellung der Bevölkerung zur Arbeit - ... Ökonomische Einflussfaktoren - internationale Wettbewerbsfähigkeit - Bestand an Devisenreserven - internationale Liquidität - aktuelle Verschuldungssituation - ... Politische Einflussfaktoren - Wirtschaftssystem - Kartellgesetzgebung - politische Stabilität - ... Länderrisiko Abb. 2‑12: Bestandteile des Länderrisikos Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 30 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM30 Das Management von Länderrisiken ist deshalb gleich zu Beginn einer Internationalisierungsplanung von großer Bedeutung. Am Anfang einer solchen Planung steht deshalb die Bestimmung des Risikos einzelner Länder (vgl. dazu auch Abschnitt 3.3.1.2). Institute wie Moody’s, Standard & Poor’s, Fitch, BERI, Hermes-Euler oder Coface bieten deshalb Indices an, in denen Länderrisiken erfasst und in regelmäßigen Abständen als Country Ratings herausgegeben werden (vgl. für Beispiele von Indices zur Erfassung des Länderrisikos z. B. Kutschker/Schmid 2011, 957–961; Jahrmann 2010, 295; Niehoff/ Reitz 2001, 110–116). Grundsätzlich kann die Bestimmung des Länderrisikos sowohl anhand qualitativer Verfahren (z. B. Country Forecast Reports), die ein ganzheitliches Bild der Situation eines Staates anstreben, als auch anhand quantitativer Verfahren, die eine zahlenmä- ßige Bewertung des Länderrisikos vornehmen, erfolgen. Der Vorteil der qualitativen Verfahren liegt vor allem in der Möglichkeit der individuellen Bewertung von Staaten anhand ausgewählter Kriterien, wie z. B. Stärke der Gewerkschaften, „Kauflust“ etc. Allerdings stellt sich ein Vergleich einzelner Länder auf Grund der mangelnden Objektivierbarkeit der qualitativen Kriterien als schwierig heraus. Eine Vergleichbarkeit der betrachteten Länder herzustellen ist das Anliegen der quantitativen Verfahren, die das Länderrisiko als kardinale bzw. ordinale Maßzahl („Länderrating“) zu quantifizieren versuchen. Eines der bekanntesten Konzepte ist der so genannte Business Environment Risk Intelligence-Index – kurz BERI –, der seit Beginn der siebziger Jahre vom Business Environment Risk Intelligence Institute mit Sitz in Genf für eine große Anzahl von Ländern und Regionen erstellt wird und jeweils Prognosen für ein Jahr und für fünf Jahre enthält (vgl. für eine ausführliche Darstellung www.beri.com). Das BERI-Institut bietet inzwischen eine ganze Reihe von Teilindizes an, die jeweils einen spezifischen Aspekt des Länderrisikos abdecken, wie z. B. den Financial Ethics Index. Aus Sicht eines Unternehmens, das ein Land als mögliche Zielregion identifiziert hat, sind drei Teilindizes besonders wichtig, die schließlich zum Profit Opportunity Recommendation Index (POR) zusammengefasst werden: erstens der Operations Risk Index (ORI), mit dem das Geschäftsklima von Experten aus Industrieunternehmen, Banken sowie Wirtschaftsforschungsinstituten anhand von 15 Indikatoren beurteilt werden soll (vgl. Abbildung 2-13), zweitens der Political Risk Index (PRI), mit dem die politische Stabilität anhand zehn sogenannter PRI-Kriterien geprüft werden soll. Und drittens der Rückzahlungsfaktor (R-Faktor), der Aufschluss über das Rückzahlungsrisiko eines Landes hinsichtlich der Schuldzinsen und der Tilgungen sowie der fälligen Lizenzgebühren gegenüber ausländischen Kapitalgebern geben soll. Die Ergebnisse werden durch Punktbewertungen quantifiziert, wie in Abbildung 2-13 skizziert. Damit vermittelt der BERI-Index einen guten ersten Eindruck, wie ein Land einzuschätzen ist. Der durch die Quantifizierung hergestellte Eindruck von Objektivität darf jedoch nicht über die typischen Probleme quantitativer Verfahren, wie die subjektive Variablenauswahl und -gewichtung, unzulässige Skalentransformationen, die Annahme linearer Zusammenhänge etc. hinwegtäuschen. Deswegen sollten die quantitativen Konzepte für eine unternehmensindividuelle Beurteilung des Länderrisikos in jedem Fall mit qualitativen Aspekten ergänzt werden. Was bedeutet nun ein „hohes“, „mittleres“ oder „niedriges“ Länderrisiko für die Marktselektion und die Ausgestaltung der Markteintritts- und Marktbearbeitungsstrategie? Grundsätzlich stehen im Rahmen des Risikomanagements mehrere unterschiedliche Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 31 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 31 Risikostrategien zur Auswahl (vgl. Tabelle 2-2). Zum einen kann ein Unternehmen versuchen, Risiko begründende Ursachen vollständig zu vermeiden. In der extremen Form bedeutet dies die gänzliche Einstellung der Aktivitäten in Ländern mit hohem Risiko. Das Gegenstück hierzu besteht in der bewussten Hinnahme des Risikos, ohne zu versuchen in irgendeiner Form „gegenzusteuern“. Ein Unternehmen kann aber auch versuchen, Risiken zu mindern bzw. zu begrenzen – beispielsweise durch die Wahl von Markteintritts- und Marktbearbeitungsstrategien mit geringem Eigenkapitaleinsatz – oder zu streuen, etwa durch Diversifikation des Länderportfolios bzw. des Kundenstammes. Länderrisiken, wie auch die Attraktivität von Ländermärkten, sind hochgradig subjektiv und unternehmensindividuell. Es dürfte einleuchtend erscheinen, dass etwa die politische Stabilität eines Landes für ein großes, bereits stark international diversifiziertes Unternehmen der Schwer- und Rüstungsindustrie eine andere Rolle spielt als beispielsweise für einen kleinen bis mittelständischen Anbieter technischer Spezialprodukte. Zudem weisen in vielen Fällen gerade risikoreichere Länder ein besonders hohes Marktpotenzial auf (vgl. dazu auch Abschnitt 5.2 zu Emerging Markets). Deshalb lässt sich keine generelle Aussage zur Vorteilhaftigkeit bestimmter Strategien im Umgang mit Länderrisiken treffen. Anzahl Punkt (1) Gewichtung Gesamtwertung (2) 1 Politische Stabilität ________ (x) 3,0 (=) ________ 2 Haltung gegenüber Direktinvestitionen und Gewinntransfer ________ (x) 1,5 (=) ________ 3 Nationalisierungsbestrebungen ________ (x) 1,5 (=) ________ 4 Inflation ________ (x) 1,5 (=) ________ 5 Wirtschaftswachstum ________ (x) 2,5 (=) ________ 6 Arbeitskosten / Produktivität ________ (x) 2,0 (=) ________ 7 Zahlungsbilanz ________ (x) 1,5 (=) ________ 8 Währungskonvertibilität ________ (x) 2,5 (=) ________ 9 Bürokratische Hindernisse ________ (x) 1,0 (=) ________ 10 Durchsetzbarkeit vertraglicher Vereinbarungen ________ (x) 1,5 (=) ________ 11 Qualität der Dienstleistungen und Zuverlässigkeit der Vertragspartner ________ (x) 0,5 (=) ________ 12 Qualität des einheimischen Managements und der Partner ________ (x) 1,0 (=) ________ 13 Verkehrsverbindungen ________ (x) 1,0 (=) ________ 14 Kurzfristige Kredite (Verfügbarkeit auf dem lokalen Markt) ________ (x) 2,0 (=) ________ 15 Langfristige Anleihen / Investitionskapital (Verfügbarkeit auf dem einheimischen Markt) ________ (x) 2,0 (=) ________ Total (=) ________ Abb. 2‑13: Die Kriterien des ORI innerhalb des BERI (Quelle: in Anlehnung an Hake 1982, 465–466) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 32 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM32 2.2.3.3 Management von Währungsrisiken 2.2.3.3.1 Grundlagen des Währungsmanagements Internationale Unternehmen, die in verschiedenen Währungsräumen tätig sind, sind besonderen Risiken ausgesetzt, die sich aus dem Übergang von einer Währung auf eine andere ergeben. Wechselkurse sind das Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens einer Vielzahl vorwiegend makroökonomischer Einflussfaktoren, aber auch politischer und nicht zuletzt spekulativer Einflussnahmen an den internationalen Devisenmärkten. Sie stellen als solches für Unternehmen eine weitgehend exogene Einflussgrö- ße der internationalen Geschäftstätigkeit dar (vgl. zur detaillierten Darstellung von Wechselkurssystemen und -bildung z. B. Wild/Wild/Han 2008, 267–283; allgemein zu Devisenmärkten z. B. Hill 2012, Kapitel 9). Grundsätzlich stehen im Zusammenhang mit Währungsrisiken die gleichen Risikostrategien zur Verfügung wie für den Umgang mit den Länderrisiken (vgl. Abschnitt 2.2.3.2, insbesondere auch Tabelle 2-2): •• Risikovermeidung: In der extremen Form bedeutet die Vermeidung Risiko begründender Ursachen hier den vollständigen Verzicht auf Fremdwährungsgeschäfte. Ein Beispiel für diese Strategie ist die Beschränkung der internationalen Geschäftsaktivitäten auf die Teilnehmerstaaten des Eurosystems. •• Risikoverminderung: Die Risikoverminderung stellt eine weniger extreme Variante dar. Sie beinhaltet die Risikoverteilung (z. B. durch die internationale Diversifikation des Kundenstammes) sowie die Risikokompensation, z. B. durch Anstreben eines ausgeglichenen Verhältnisses von Forderungen und Verbindlichkeiten in einer bestimmten Fremdwährung. •• Risikobesicherung: Die (vollständige oder teilweise) Besicherung von Währungsrisiken zählt zu den klassischen Aufgaben des unternehmerischen Währungsmanagements. Den Schwerpunkt in diesem Zusammenhang bilden devisenmarktbezogene Kurssicherungsmaßnahmen mit dem Ziel, dass die Höhe der erwarteten zukünftigen Einzahlungen in Heimatwährung nicht durch Wechselkursschwankungen beeinflusst wird. Der Einsatz derartiger Maßnahmen wird auch als Hedging bezeichnet. Gleichzeitig werden durch Hedging aber auch mögliche Gewinnchancen aus einer vorteilhaften Veränderung der Kassakurse eliminiert. Damit ist Hedging als unmittelbare Reaktion eines Unternehmers auf unsichere Einzahlungen in Inlandswährung aus seiner gewöhnlichen Geschäftstätigkeit zu interpretieren. •• Risikoabwälzung: Durch Risikoab- oder Risikoüberwälzung wird das Risiko ganz oder teilweise – entgeltlich oder unentgeltlich – einem Dritten übertragen. Beispielsweise kann ein Exporteur das Risiko einer nachteiligen Wechselkursentwicklung während seines dem Importeur eingeräumten Zahlungsziels auf diesen abwälzen, indem eine Fakturierung in Inlandswährung vereinbart wird. Er kann eine auf Fremdwährung lautende Forderung aber auch gegen Inlandswährung an einen Dritten, beispielsweise eine Factoring- oder Forfaitierungsgesellschaft, verkaufen. Die Aufgabe des betrieblichen Währungsrisikomanagements besteht darin, nachdem zunächst die zu besichernden Wechselkurspositionen (Betrag und Fristigkeiten) ermittelt und eine Prognose über die zukünftige Entwicklung der Wechselkurse (Richtung Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 33 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 33 und Höhe der Veränderung) gebildet wurde, adäquate Instrumente zum Umgang mit den identifizierten Wechselkursrisiken auszuwählen und zum Einsatz zu bringen. Die zu wählenden Instrumente hängen von den Typen von Währungsrisiken ab, denen sich das Unternehmen gegenübersieht. Wechselkurs- bzw. Währungsrisiken beschreiben die Gefahr, dass durch den Übergang von einer Währung auf eine andere der Erfolg bzw. die Liquiditätsreserven eines Unternehmens beeinträchtigt werden. Während der Risikobegriff im engeren Sinne in aller Regel immer auf eine derartige Verlustgefahr hinsichtlich des Kapitaleinsatzes bzw. der erwarteten Gewinne abstellt, besteht bei einigen Risiken, so auch beim Währungsrisiko, allerdings auch eine zusätzliche Gewinnchance, die bei entsprechender Entwicklung des Wechselkurses auch zusätzliche Erträge bringen kann. Zur differenzierten Analyse der Komponenten des Wechselkursrisikos hat sich eine Systematisierung nach dem Zeitbezug durchgesetzt (vgl. Abbildung 2-14). Im Folgenden werden diese grundlegenden Typen von Wechselkurs- bzw. Währungsrisiken vorgestellt und – soweit entsprechende Maßnahmen zur Verfügung stehen – Instrumente zum „Management“ derselben aufgezeigt. 2.2.3.3.2 Das Währungsumrechnungsrisiko (Translationsrisiko) Das Währungsumrechnungsrisiko verkörpert die statisch-vergangenheitsorientierte Perspektive des Wechselkursrisikos. Es beschreibt die Gefahr, dass der Unternehmenserfolg durch die Umrechnung in Fremdwährung bilanzierter Bilanzpositionen in die Heimatwährung auf Grund von Abweichungen des realisierten vom erwarteten Wechselkurs negativ beeinflusst wird (vgl. Büschgen 1997, 310, 312). Derartige Probleme treten insbesondere bei der Konsolidierung von Auslandsniederlassungen im Unternehmensabschluss auf und betreffen daher primär Direktinvestitionen (vgl. im Detail dazu Abschnitt 2.4). Aber auch bei der Erstellung des Einzel- bzw. nationalen Abschlusses führt jede Transaktion des bilanzierenden Unternehmens mit ausländischen Kapital-, Beschaffungs- oder Absatzmärkten zu der Notwendigkeit, den entsprechenden Währungstransaktionsrisiko (transaction risk) Währungsumrechnungsrisiko (translation risk) Ökonomisches WK-Risiko (economic risk) vergangenheitsorientiert gegenwartsorientiert zukunftsorientiert Zeitbezug Accounting Exposure Economic Exposure Komponenten des Wechselkursrisikos Translation exposure Transaction exposure l i i Abb. 2‑14: Komponenten des Wechselkursrisikos (Quelle: in Anlehnung an Büschgen 1997, 311) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 34 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM34 auf Auslandswährung lautenden Betrag in die Inlandswährung umzurechnen (vgl. Coenenberg/Haller/Schultze 2008, 624–625). Damit wird eine primär abschluss- bzw. bilanzorientierte Betrachtungsweise eingenommen, die allein auf die Einflüsse von Wechselkursänderungen auf die Umrechnung von originär in Fremdwährung ausgedrückten Bilanzpositionen abstellt. Die Möglichkeiten des betrieblichen Währungsmanagements zum aktiven Umgang mit bzw. „Management“ von derartigen Währungsumrechnungsrisiken sind beschränkt. Dies liegt zum einen daran, dass die Ergebnisse der Erfolgsermittlung letztendlich auf buchhalterischen Konventionen beruhen, wodurch die abzudeckende Fremdwährungsposition je nach verwendetem Umrechnungsverfahren in der Höhe divergiert und einmal positiv und einmal negativ sein kann (vgl. Büschgen 1997, 316). Langfristig kann ein Unternehmen versuchen, die dem Währungsumrechnungsrisiko exponierten Bilanzpositionen in Abhängigkeit der erwarteten Währungsentwicklung dergestalt umzuschichten, dass im Falle einer erwarteten Abwertung der Auslandswährung die Währungsumrechnungsverluste minimiert bzw. im Falle einer erwarteten Aufwertung der Auslandswährung die Währungsumrechnungsgewinne maximiert werden. Allerdings sind derartige Maßnahmen sehr aufwändig und bieten sich daher nur in Ausnahmefällen an, etwa im Vorfeld einer geplanten vollständigen Retransferierung der gesamten Aktiva und Passiva der Auslandsgesellschaft zur Muttergesellschaft. Bei der Konsolidierung der Bilanzen von Mutter- und Tochtergesellschaft im internationalen Konzernabschluss übt die Wahl des zum Einsatz kommenden Währungsumrechnungsverfahrens einen entscheidenden Einfluss auf den bei der Obergesellschaft ausgewiesenen Translationsgewinn bzw. -verlust aus (vgl. im Detail zu Währungsumrechnungsverfahren z. B. Pellens et al. 2011, Kapitel 22; Coenenberg/Haller/Schultze 2009, 624–642). Das Kernproblem der Währungsumrechnung stellt die Bestimmung des Zeitbezugs des zu verwendenden Umrechnungskurses dar. Hierbei lässt sich im Wesentlichen zwischen zwei Umrechnungskursen unterscheiden (vgl. Coenenberg/ Haller/Schultze 2009, 625): •• Kassakurs: Der Kassa- oder Stichtagskurs ist der Wechselkurs am Stichtag des Konzernabschlusses. •• Historischer Kurs: Der historische Kurs entspricht dem Wechselkurs zum Zeitpunkt der Anschaffung, Herstellung bzw. Entstehung eines Wertes oder der Abwicklung eines Geschäftes. Welcher Umrechnungskurs für welche Bilanzposition zur Anwendung kommt, hängt vom verwendeten Umrechnungsverfahren ab. In der Literatur werden vor allem vier Verfahren zur Umrechnung von Währungen diskutiert (vgl. Pellens et al. 2011, 714; Coenenberg/Haller/Schultze 2009, 627–634; vgl. Tabelle 2-3): •• Umrechnung mit dem Stichtagskurs: Die Stichtagskursmethode tritt in zwei Varianten auf: Bei der „reinen“ Stichtagskursmethode werden alle Bilanzpositionen einheitlich mit dem aktuellen Stichtags- bzw. Kassakurs umgerechnet. Der zentrale Vorteil dieser Vorgehensweise liegt in ihrer einfachen Handhabbarkeit. Währungsauf- bzw. -abwertungen kommen prozentual gleichen Zuschreibungen zu bzw. Abschreibungen auf alle Bilanzpositionen gleich. Hierdurch kommt es jedoch zu einer Verzerrung der Darstellung der tatsächlichen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 35 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 35 Wert- bzw. Erfolgsverhältnisse, da auch das residuale Eigenkapital von dieser pauschalen Wertänderung betroffen ist, womit die Veränderung desselben nun nicht mehr ausschließlich den tatsächlichen Erfolg, sondern gleichzeitig die Entwicklung des Außenwerts der Fremdwährung widerspiegelt. Diesen Mangel versucht die „modifizierte“ Stichtagskursmethode zu beseitigen, indem sie das Eigenkapital zunächst zum historischen Kurs umrechnet, und die damit notwendigerweise auftretende bilanzielle Umrechnungsdifferenz erfolgsneutral als Sonderposten (z. B. „Eigenkapitaldifferenz aus Währungsumrechnung“) beim Eigenkapital ausweist (vgl. Tabelle 2-3). •• Kursdifferenzierung nach Fristigkeit: Hinter der im Jahre 1931 vom amerikanischen Institut der Wirtschaftsprüfer (AICPA) empfohlenen Kursdifferenzierung nach Fristigkeit (Current vs. Noncurrent) steht die Überlegung, dass die Volatilität der Wechselkurse für langfristige Vermögensgegenstände (z. B. Grundstücke) irrelevant ist. Damit werden diese mit historischen Kursen umgerechnet. Mit dieser Argumentation macht es dann aber Sinn, kurzfristige Vermögensgegenstände (z. B. Lagerbestände) zu aktuellen Tagesbzw. Kassakursen zu bewerten. •• Kursdifferenzierung nach Geldcharakter: Zeitlich später wurde eine Differenzierung nach dem Geldcharakter (Monetary vs. Nonmonetary) der Abschlusspositionen vorgeschlagen. Nach diesem Verfahren sind Vermögensposten, die „nahe am Geld“ sind, z. B. liquide Mittel, Forderungen und Verbindlichkeiten, zum Stichtagskurs, nichtmonetäre Posten, z. B. Sachanlagen und Vorräte, zum historischen Kurs umzurechnen. •• Kursdifferenzierung nach dem Zeitbezug: Gegenstand dieser in den USA als „temporal principle of translation“ bekannten Währungsumrechnung ist eine Differenzierung des Umrechnungskurses nach dem Zeitpunkt der Anschaffung. Historische Werte, und damit in der Regel der mit Anschaffungswerten bewertete Teil des Anlage- und des Umlaufvermögens, sind demnach mit historischen Kursen, Gegenwartswerte mit dem Stichtagskurs umzurechnen. In Tabelle 2-3 sind die dargestellten Umrechnungsmethoden mit ihren unterschiedlichen Bewertungsansätzen überblicksartig zusammengefasst. In der Praxis ist darüber hinaus die Zulässigkeit der zum Einsatz kommenden Umrechnungsmethoden und deren Vereinbarkeit mit den jeweiligen Generalnormen und Vorschriften (z. B. Realisations- und Imparitätsprinzip, Prinzip der Rechnungslegungsäquivalenz etc.) der zu Grunde liegenden nationalen Rechnungslegungsvorschriften zu prüfen. Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 36 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM36 Anzuwendender Umrechnungskurs Modifizier tes Stich tagskurs verfahren Kursdiffe renzierung nach Fris tigkeit Kursdiffe renzierung nach Geld charakter Kursdiffe renzierung nach Zeit bezug Aktiva AV: Mit Anschaffungswerten bewerteter Teil des AV Mit (niedrigeren) Tages werten bewerteter Teil des AV K K H H H H H K UV: Vorräte, bewertet mit Anschaffungswerten Vorräte, bewertet mit (niedrigeren) Tages werten Liquide Mittel Kurzfristige Forderungen Langfristige Forderungen K K K K K K K K K H H H K K K H K K K K Passiva Eigenkapital Fremdkapital: Kurzfristige Verbind lichkeiten Langfristige Verbind lichkeiten H K K H K H H K K H K K K = Kassakurs H = historischer Kurs Tab. 2‑3: Währungsumrechnungsverfahren und Bewertungsansätze (Quelle: Büschgen 1997, 313) Bis einschließlich 2009 sah das HGB für die Auswahl einer geeigneten Umrechnungsmethode keine verbindliche Regelung vor, soweit die Grundsätze der Methodenbestimmtheit, Methodeneinheitlichkeit und Methodenstetigkeit beachtet wurden und sich eine ausführliche und allgemein verständliche Erläuterung der verwendeten Umrechnungsmethode im Anhang fand (vgl. Coenenberg 2003, 567). Seit 01.01.2010 (Inkrafttreten des BilMoG, vgl. www.bmj.bund.de/enid_2009) schreibt das HGB zur Währungsumrechnung zwingend die Anwendung der modifizierten Stichtagsmethode mit einer erfolgsneutralen Verrechnung der Währungsumrechnungsposition im Sonderposten vor (vgl. Coenenberg/Haller/Schulze 2009, 648). Auch nach IAS/IFRS und US-GAAP ist das Problem der Währungsumrechnung eindeutig geregelt (vgl. Coenenberg/Haller/Schultze 2009, 635–641; Pellens et al. 2011, Kapitel  22). IAS 21 und SFAS 52 schreiben die Methode der „funktionalen Währung“ vor. Diese Methode Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 37 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 37 unterscheidet zwischen ausländischen Teileinheiten, die ein integraler Bestandteil des Geschäftsbetriebs des Mutterunternehmens sind (foreign operations), und wirtschaftlich selbstständigen ausländischen Teileinheiten (foreign entities). Handelt es sich bei der ausländischen Teileinheit um ein Unternehmen, das weitgehend selbstständig ist (foreign entity), dann ist dessen funktionale Währung die des wirtschaftlichen Umfelds, in dem die Gesellschaft in erster Linie tätig ist. Ist die Einheit dagegen ein verlängerter Arm des Mutterunternehmens (foreign operation), so ist die funktionale Währung in der Regel die Währung der Mutter. Zur Bestimmung, ob eine ausländische Teileinheit als „foreign operation“ oder als „foreign entity“ zu behandeln ist, enthalten sowohl die IAS/IFRS als auch die US-GAAP eine Reihe von Indikatoren, die bei der Bestimmung der funktionalen Währung behilflich sein sollen (vgl. Tabelle 2-4). Indikator Funktionale Währung ist die Währung der … Muttergesellschaft Tochtergesellschaft Cash Flow berührt den Cash Flow des MUs direkt überwiegend in Fremdwährung, berührt Cash Flow des MUs nicht Verkaufspreise sind stark wechselkursabhängig, ändern sich mit weltweitem Wettbewerb und Preisen kurzfristige Preisänderungen durch lokale Einflüsse, nicht durch Wechselkursschwankun gen Verkaufsmärkte der Absatzmarkt ist hauptsäch lich im Land des MUs, Verträge werden hauptsächlich in der Währung des MUs abgeschlos sen das TU hat einen aktiven lokalen Absatzmarkt, kann auch zusätz lich noch Export betreiben Aufwendungen HK und Kosten für das Erbringen einer Dienstleistung bestehen im Wesentlichen aus Kosten für Einkäufe im Land der Mutter HK und Kosten für das Erbringen einer Dienstleistung sind in lokaler Währung zu bezahlen Finanzierung wird im Wesentlichen aus den Mitteln des MUs bestritten, die erwirtschafteten Mittel der TUs reichen nicht aus die Finanzierung erfolgt in lokaler Währung aus den erwirt schafteten Mitteln des TUs Interkonzern liche Trans aktionen extensive Verbindung der Ge schäftstätigkeit von MU und TU mit zahlreichen innerkonzern lichen Transaktionen sind sehr gering, jedoch kann sowohl TU wie auch MU die Wettbewerbsvorteile des ande ren mit nutzen Charakterisie rung der Teilein heit als: Foreign operation Foreign entity TU – Tochterunternehmen, MU – Mutterunternehmen Tab. 2‑4: Kriterien für die funktionale Währung nach SFAS 52 Appendix A. (Quelle: Coenenberg/Haller/Schulze 2009, 636; Pellens et al. 2011, 700–713) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 38 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM38 Handelt es sich um eine „foreign operation“, so ist die Währungsumrechnung als ein Bewertungsvorgang anzusehen und eine Kursdifferenzierung nach dem Zeitbezug vorzunehmen (vgl. Tabelle 2-3). Kursdifferenzen, die aus der Veränderung des Wechselkurses resultieren, sind nach IAS 21 und FAS 52 erfolgswirksam zu behandeln. Bei einer „foreign entity“ hingegen stellt die Währungsumrechnung einen reinen Transformationsvorgang auf der Basis von Stichtagskursen dar. Demnach werden die entstehenden Umrechnungsdifferenzen auch nicht erfolgswirksam erfasst. Dieser Anforderung wird die modifizierte Stichtagskursmethode gerecht, die hier zum Einsatz kommt. 2.2.3.3.3 Das Transaktionsrisiko Während das Translationsrisiko als statisch-vergangenheitsorientiertes Konzept die Gefahr beschreibt, dass durch Währungsumrechnungseffekte Bilanzpositionen ver- ändert werden, knüpft das Währungstransaktionsrisiko an einzelnen Zahlungstransaktionen an, bei denen ein tatsächlicher Umtausch einer Währung in eine andere erfolgt. Damit verkörpert es die statisch-gegenwartsorientierte, zahlungsbezogene Betrachtungsweise des Währungsrisikos (vgl. Abbildung 2-14). Es entsteht durch die Möglichkeit, zukünftige Wechselkursgewinne oder -verluste bei Transaktionen zu realisieren, die bereits eingegangen sind und in ausländischer Währung bewertet wurden (vgl. Büschgen 1997, 310, 316–317). Damit betrifft das Währungstransaktionsrisiko schwerpunktmäßig das Währungsmanagement von Export- und Importunternehmen, während das vorher geschilderte Währungsumrechnungsrisiko primär für internationale Unternehmen mit Direktinvestitionen im Ausland relevant ist (für ein Beispiel vgl. z. B. Havenstein/Bastian 2011; für empirische Daten zum Währungsmanagement Meckl/Fredrich/Riedel 2010). Das Währungstransaktionsrisiko betrifft gewöhnlich vertraglich fixierte Fremdwährungszahlungen, weswegen es gut als Grundlage für die Herleitung von Sicherungsmaßnahmen geeignet ist. Die abzusichernde Position entspricht dabei der Differenz zwischen den vertraglich festgelegten zukünftigen Zahlungsein- und -ausgängen in jeder Währung. Ein Unternehmen erwartet z. B. zum 1. Oktober den Eingang einer Zahlung in Höhe von 1 Mio. US-$ aus dem Verkauf einer Maschine. Gleichzeitig ist am selben Tag die Rückzahlung eines auf US-$ lautenden Kredits über 800.000 US-$ fällig. Damit beträgt die dem Wechselkursrisiko ausgesetzte Nettoposition (net exposure) nur 200.000 US-$. Eine derartige Saldierung ist allerdings ausschließlich innerhalb der gleichen Währung und bei gleicher Fristigkeit möglich. Die Instrumente, mit denen sich das Währungstransaktionsrisiko vermeiden oder dessen Auswirkungen einschränken lassen, lassen sich in interne und externe Kurssicherungsinstrumente unterteilen (vgl. Abbildung 2-15; allgemein zu Finanzmarktinstrumenten zum Management von Währungsrisiken Rudolph/Schäfer 2005, 137–157). Letztere sind durch das Hinzuziehen einer „dritten Partei“, die kein Kontrahent im Rahmen des abzusichernden Grundgeschäfts ist, charakterisiert. Wesentlich ist, dass die verfügbaren Instrumente keineswegs für sämtliche Unternehmen, alle Sicherungszwecke und jede Risikosituation geeignet sind, sondern sich vielmehr an Einzelproblemen orientieren und von einer Vielzahl von Einflussfaktoren abhängig sind, unter anderem von (vgl. Büschgen 1997, 399–401) •• der Risikoeinstellung des Unternehmens und der Bedeutung einer festen Kalkulationsbasis, Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 39 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 39 •• der Verfügbarkeit geeigneter (z. B. fristenkonformer) Kurssicherungsinstrumente und der Markteffizienz bei deren Bereitstellung, •• den Kosten, der Reversibilität und den Sekundäreffekten der Instrumente (z. B. Auswirkung auf die Bilanz) und •• der Volatilität der betreffenden Währungen sowie der zu Grunde liegenden Wechselkurserwartung (in Verbindung mit der Art der Position, d. h. Forderung oder Verbindlichkeit). Im Folgenden sollen zwei in der Praxis weit verbreitete externe Kurssicherungsinstrumente, die Gruppe der Devisentermingeschäfte und der Fremdwährungskredit, in ihren Grundprinzipien vorgestellt werden. Devisentermingeschäfte Das Devisenforwardgeschäft (vgl. hierzu ausführlich Breuer/Gürtler/Schuhmacher 2003, 457–459; Priermeier/Stelzer 2001, 46–54) ist die klassische Form eines unbedingten Devisentermingeschäfts zur Absicherung von Wechselkursrisiken. Unbedingt bedeutet, dass es eine Verpflichtung zwischen einer Bank und einem Kontrahenten begründet, •• an einem bestimmten Tag •• zu einem fixen Kurs (Devisenterminkurs) •• eine definierte Summe an Währung gegen eine andere Währung zu kaufen oder zu verkaufen. Als so genanntes OTC-(over-the-counter-)Produkt ist es nicht standardisiert, d. h. die Modalitäten, z. B. Betragshöhe und Laufzeit, können individuell festgelegt werden. Abbildung 2-16 macht die grundlegenden Zusammenhänge am Beispiel der Absicherung einer offenen $-Position eines Importeurs deutlich. Kurssicherungsinstrumente Fremdwährungskredite Sonstiges Devisentermingeschäftemonolateral multilateral interne externe z.B. interne Verrechnung mit Forderungen/ Verbindlichkeiten von der gleichen Währung mit der gleichen Fristigkeit Vereinbarung mit Geschäftspartner, dass Transaktion in Inlandswährung abgewickelt wird bedingt oder unbedingt • Forwards • Options • Futures standardisiert oder über Hausbank z.B. Forderungsverkauf, Factoring Abb. 2‑15: Instrumente zur Absicherung des Währungstransaktionsrisikos Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 40 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM40 Ein europäischer Importeur benötigt zur Bezahlung von Verbindlichkeiten an einen US-amerikanischen Exporteur in sechs Monaten einen bestimmten Betrag an US- Dollar. Um sich gegen das Risiko einer Aufwertung des US-Dollars gegenüber dem Euro abzusichern, schließt er mit einem Bankinstitut einen Vertrag über den Kauf von US-Dollar gegen Euro auf Termin in sechs Monaten. Damit gehen beide Parteien eine feste Verpflichtung ein: Durch den Kauf von US-Dollar und den Verkauf von Euro verpflichtet sich das Importunternehmen, am Fälligkeitstag zum vereinbarten Tauschverhältnis Dollar abzunehmen und Euro zu zahlen. Das Kreditinstitut auf der anderen Seite hat die Verpflichtung, zum vereinbarten Terminkurs die Dollar zu liefern und erhält im Gegenzug die Euro. Das Bankinstitut selbst kann sich nun gegen eine Änderung des Devisenkurses während der Laufzeit absichern, indem es die Dollar bereits am Tag des Abschlusses kauft und, da diese noch nicht sofort, sondern erst bei Fälligkeit in sechs Monaten benötigt werden, zu unterstellten 5 % p.a. am US-Geldmarkt anlegt. Um die Dollar kaufen zu können, muss das Kreditinstitut Euro aufwenden. In diesem Beispiel wird unterstellt, dass es hierfür einen Kredit in Euro zu einem unterstellten Euro-Zinssatz von 4,25 % p.a. aufnehmen muss. In diesem Beispiel übersteigen die US- Anlagezinsen die Euro-Kreditzinsen. Dieser Zinsüberschuss wird nun in so genannte Swapstellen in Relation zum Devisen-Kassakurs umgerechnet, und diese Stellen zu Gunsten des Importeurs als „Aufschlag“ auf seinen EUR/USD-Kassa-Kurs verrechnet: Kassa-Kurs +/– Auf- bzw. Abschlag (= Swapsatz) = Terminkurs Der Swapsatz errechnet sich nach folgender Formel: Kassakurs × Zinsdifferenz × Zeit (Tage) (100 × 360)Swapsatz = Eine spezielle Variante des Devisenforwardgeschäfts stellt der Währungs- bzw. Devisen-Swap (vgl. hierzu ausführlich Priermeier/Stelzer 2001, 54–62) dar. Ein Devisen- Swap ist eine Kombination aus Kassa- und Termingeschäft. Die Kontrahenten verpflichten sich, beim Kassa-Geschäft in t=0 eine Währung zu kaufen bzw. zu verkaufen und beim Termingeschäft in t=1 das Gegengeschäft vorzunehmen. Neben der Tausch- Abb. 2‑16: Beispiel eines Devisenforwardgeschäfts (Quelle: Priermeier/Stelzer 2001, 48) Importeur Bankinstitut Markt Zahlt € in 6 Monaten Zahlt €-Zinsen für 6 Monate Zahlt $-Zinsen für 6 Monate6 Monaten Liefert $ in 6 Monaten $-Anlage-Zinsen 5% Eurokredit-Zinsen 4,25% Zinsausgleich von 0,75% in Form von Swapstellen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 41 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 41 verpflichtung am Erfüllungstag (Kassa-Teil) wird also zugleich für einen weiteren Erfüllungstag (Termin-Teil) eine Rücktauschverpflichtung mit fixen Kursen festgelegt. Wie beim klassischen Devisenforwardgeschäft wird auch beim Devisenswap ein Ausgleich der unterschiedlichen Zinsniveaus in Form eines Swapsatzes vorgenommen. Der Hauptvorteil des Devisenswaps besteht in der Möglichkeit der zeitlich flexiblen Gestaltung des Rücktauschgeschäfts: Termingeschäfte können sowohl „vorgezogen“ als auch „verlängert“ werden. Damit wird eine flexible Reaktion auf unerwartet zu frühen oder zu späten Ein- bzw. Ausgang der Fremdwährung und zugleich eine optimale Liquiditätssteuerung ermöglicht. Nicht zuletzt auf Grund dieser besonderen Flexibilität, die er den Marktteilnehmern bietet, ist der Devisenswap ein in der Praxis beliebtes Instrument zur Währungsabsicherung. Eine zweite Art von Devisentermingeschäften bilden Devisenoptionsgeschäfte. Wie gezeigt wurde, sind Devisenforwardgeschäfte geeignet, Importeure und Exporteure gegen jegliches Währungsänderungsrisiko abzusichern. Allerdings entledigt sich das Unternehmen durch ihren Einsatz nicht nur des Kursrisikos, sondern hat auf Grund der Erfüllungsverpflichtung unbedingter Termingeschäfte auch keine Möglichkeit mehr, von einem günstigeren Kursverlauf bei Fälligkeit zu profitieren. Als Instrumente, die ebenfalls geeignet sind, gegen ungünstige Kursentwicklungen abzusichern, darüber hinaus jedoch die Chance bieten, von einem günstigeren Kursverlauf zu profitieren, haben in den letzten Jahren Devisenoptionsgeschäfte (vgl. hierzu ausführlich Priermeier/Stelzer 2001, 63–78; Breuer/Gürtler/Schuhmacher 2003, 461–463; Stocker 2013, Kapitel 8) stark an Bedeutung gewonnen. Devisenoptionsgeschäfte werden auch als bedingte Termingeschäfte bezeichnet, da mit dem Kauf einer Option (long position) das Recht, nicht aber die Pflicht erworben wird, •• eine bestimmte Währung •• zu einem bestimmten Zeitpunkt (europäische Option) bzw. innerhalb eines bestimmten Zeitraums (amerikanische Option) •• zu einem festgelegten Kurs (Basispreis) zu kaufen (Kauf- bzw. Call-Option) bzw. zu verkaufen (Verkaufs- bzw. Put-Option). Anders hingegen sieht es für den Verkäufer der Option (short position), auch als Stillhalter bezeichnet, aus: er geht mit dem Verkauf der Option eine Verpflichtung ein, •• eine bestimmte Währung •• zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. innerhalb eines bestimmten Zeitraums •• zu dem festgelegten Kurs zu liefern (im Falle des Verkaufs einer Kaufoption) bzw. abzunehmen (im Falle des Verkaufs einer Verkaufsoption). Für diese Verpflichtung erhält der Stillhalter eine Prämie. Damit wirkt der Kauf einer Option grundsätzlich wie eine Versicherung, während mit dem Verkauf einer Option Sicherheit verkauft wird. Abbildung 2-17 zeigt exemplarisch das Chance-/Risiko-Profil einer Kaufoption („Call- Option“) aus Sicht des Käufers und aus Sicht des Verkäufers der Option. Der Wechselkurs wird in €-Preisnotierung dargestellt. Mit dem Erwerb einer Call-Option möchte sich der Käufer der Option gegen steigende Kurse absichern, indem er sich das Recht sichert, am Fälligkeitstag zum Basispreis eine bestimmte Summe einer Währung (z. B. Euro gegen Dollar) kaufen zu dürfen. Liegt Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 42 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM42 am Fälligkeitstag der Tageskurs der Währung am Devisenmarkt über dem der Option zu Grunde liegenden Basispreis, dann wird der Käufer die Option ausüben und die Währung zum vereinbarten Basispreis beziehen. Notiert die Währung am Tag der Fälligkeit hingegen unter dem Basispreis der Option, dann wird die Option verfallen, da die Währung günstiger am Markt eingedeckt werden kann. Das Verlustrisiko ist für den Käufer der Option damit auf die Höhe der Optionsprämie p begrenzt, die er auch im Falle des Nichtausübens an den Verkäufer der Option zu entrichten hat. Möchte man sich indes in Erwartung einer Währungsabwertung gegen fallende Kurse absichern, so bietet sich der Kauf einer Devisenverkaufsoption („Put-Option“) an. Abbildung 2-18 zeigt das zugehörige Chance-/Risiko-Profil aus Sicht des Käufers und des Verkäufers. Der Wechselkurs ist in €-Preisnotierung dargestellt. Mit dem Erwerb der Put-Option sichert sich der Käufer das Recht, eine definierte Summe einer Währung am Fälligkeitstag zu einem festgelegten Kurs verkaufen zu dürfen. Er wird von diesem Recht dann Gebrauch machen, wenn am Fälligkeitstag der Tageskurs der Währung tatsächlich unter dem der Option zu Grunde liegenden Basispreis liegt. WK G/V - P Kauf einer Kaufoption P Verkauf einer Kaufoption WKB P: Optionsprämie G/V: Gewinn/Verlust WK: Wechselkurs WKB: Basispreis (€-Preisnotierung) Abb. 2‑17: Gewinn‑/Verlustszenario einer Kaufoption (ohne Grundgeschäft) (Quelle: in Anlehnung an Priermeier/Stelzer 2001, 65, 68) WK G/V - P Verkauf einer Verkaufsoption P Kauf einer Verkaufsoption WKB P: Optionsprämie G/V: Gewinn/Verlust WK: Wechselkurs WKB: Basispreis (€-Preisnotierung) Abb. 2‑18: Gewinn‑/Verlustszenario einer Verkaufsoption (ohne Grundgeschäft) (Quelle: in Anlehnung an Priermeier/Stelzer 2001, 70, 73) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 43 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 43 Übersteigt der am Devisenmarkt zu erzielende Verkaufspreis jedoch den Basispreis der Option, dann wird der Käufer das Optionsrecht verfallen lassen und die Währung stattdessen zu günstigeren Konditionen am Markt verkaufen (zu anderen Arten von Devisentermingeschäften wie z. B. Futures vgl. z. B. Breuer 2000, 161–168). Fremdwährungskredit Bei den Devisentermingeschäften erweist sich in der Praxis häufig als problematisch, dass sie nicht immer in der gewünschten Form zur Verfügung stehen. So sind Devisenforwards mit einer Laufzeit von mehreren Jahren nicht ohne weiteres zugänglich. Häufig machen Unternehmen daher von der Möglichkeit Gebrauch, durch risikolose Verschuldung und risikolose Anlage ein Kurssicherungsinstrument eigenständig zu konstruieren (vgl. Breuer/Gürtler/Schuhmacher 2003, 463–465). Diese Möglichkeit soll im Folgenden am Beispiel des Fremdwährungskredits vorgestellt werden. Abbildung 2-19 zeigt die Grundstruktur eines derartigen Fremdwährungskredits. Der Exporteur liefert am 1. Mai an einen ausländischen Importeur Waren auf Ziel (1). Die Rechnung sei in Fremdwährung ausgestellt und das dem Importeur eingeräumte Zahlungsziel betrage drei Monate, d. h. das Exportunternehmen rechnet mit dem Eingang von 1 Mio. US-$ am 1. August (4). Für das exportierende Unternehmen ergibt sich daraus eine offene Forderungsposition, die es gegen eine mögliche Abwertung des US-Dollars während der drei Monate absichern möchte. Hierzu kann sich das Unternehmen bei einem Kreditinstitut mit einem Fremdwährungskredit in Höhe von 1 Mio. US-$ verschulden (2), den es bei Fälligkeit am 1. August aus den unternehmerischen Fremdwährungseinzahlungen des Importeurs tilgen wird (4 und 5). Der Kreditauszahlungsbetrag kann unmittelbar nach der Auszahlung im 1. Mai zum aktuellen und damit sicheren Kassakurs in Inlandswährung getauscht (3) und der resultierende Betrag zum risikolosen Zins im Inland bis zum 1. August angelegt werden. Auf diese Weise kann das Unternehmen erreichen, dass die am 1. August aus dem zu Grunde Exporteur Tilgung des Kredits und Zinszahlung Tausch des Kredits in EUR Importeur Bezahlung am 01.08. mit 1 Mio. US$ Warenlieferung am 01.05. und Forderung in Höhe vom 1 Mio. US$ am 01.05 Kreditinstitut Gewährung eines Kredits in Höhe von 1 Mio. US$ abzgl. zu zahlender Kreditzinsen am 01.05. mit Fälligkeit 01.08. Abb. 2‑19: Grundstruktur eines Fremdwährungskredits zur Wechselkurssicherung Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 44 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM44 liegenden Geschäft zur Verfügung stehende Summe in Euro genau vorhersagbar und ohne Währungsrisiko ist. Die Vorteile eines derartigen Fremdwährungskredits liegen in seinen Möglichkeiten zum flexiblen Einsatz und der sofortigen Verfügbarkeit der Mittel. Diesen stehen allerdings die Zinsbelastung aus dem Kredit und das Risiko einer nicht fristgerechten Begleichung der Forderung, insbesondere bei einer zweifelhaften Bonität des Schuldners, gegenüber. 2.2.3.3.4 Das ökonomische Wechselkursrisiko Als letzte Komponente des Wechselkurs- bzw. Währungsrisikos, die für die dynamischzukunftsorientierte Perspektive steht, wird abschließend das so genannte ökonomische Wechselkursrisiko dargestellt. Das ökonomische Wechselkursrisiko beschreibt die Gefahr, dass der ökonomische Wert der aus den Direktinvestitionen im Ausland erwarteten Rückflüsse durch Wechselkursänderungen beeinträchtigt wird. Der ökonomische Wert (Strategiewert) entspricht der Summe der aus dem Investitionsobjekt resultierenden, diskontierten Nettoeinzahlungen (vgl. Abbildung 2-20; allg. zur Wertbestimmung von Geschäftsfeldern und Strategien vgl. z. B. Hungenberg 2012, 75-78 und 396–400; Abschnitt 3.3.1.4). Neben einzelnen Auslandsprojekten kann auch der Wert ganzer Niederlassungen oder Tochtergesellschaften im Ausland in dieses Konzept einbezogen werden (vgl. zur Wertbestimmung einer Auslandsgesellschaft im Rahmen des internationalen Controllings auch Abschnitt 4.7.2). Hinter der in Abbildung 2-20 dargestellten Free Cash Flow-Reihe steht der Geschäftsplan der Auslandsgesellschaft, der im Endeffekt aus einer Plan-GuV besteht. Bei der Erstellung dieser Plan-GuV müssen Annahmen zum Wechselkurs getroffen werden, die sich auf den Free Cash Flow auswirken. Als Resultat der Untersuchung aller ökonomischen Einflussfaktoren, die sich in Folge von Wechselkursschwankungen negativ (oder auch positiv) auf den Zukunftserfolg eines Unternehmens auswirken, ist das ökonomische Wechselkursrisiko für die langfristige Betrachtungsweise von internationalen Aktivitäten von Bedeutung, da es die Free Cash Flows beeinflussen kann. Als derart umfassendes Konzept eignet es sich für die tägliche Absicherungspraxis jedoch kaum, da ein erheblicher Informationsbe- Ökonomischer Wert (Strategie- Wert) diskontierter Endwert der Auslandsinvestition ökonomischer Wert der Auslandsinvestition in den ersten 5 Jahren Endwert Free Cash Flow p. a. Jahr 1 Jahr 2 Jahr 3 Jahr 4 Jahr 5 nach Jahr 5 Abb. 2‑20: Der ökonomische Wert als Kapitalwert der zukünftigen Free Cash Flows Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 45 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 45 schaffungs- und -verarbeitungsaufwand betrieben werden muss, um das abzusichernde „economic exposure“ zu prognostizieren und Anhaltspunkte zur Konkretisierung und zeitlichen Fixierung langfristiger Maßnahmen abzuleiten. Als strategisches, zukunftsgerichtetes Konzept kann und sollte es aber zur Konzipierung langfristiger Unternehmensentscheidungen mit direkter Managementverantwortung herangezogen werden. Die Maßnahmen im Rahmen eines derartigen strategischen Währungsmanagements umfassen beispielsweise die Gestaltung einer langfristigen, möglichst währungskongruenten (Fremd-)Finanzierungsstrategie von Auslandsinvestitionen, die Substitution von Importen durch inländische Einsatzfaktoren, die Umlenkung von Investitionsgüterbezügen und von konzerninternen Transaktionen sowie eine internationale Diversifikation der Produktions- und Absatzbasis (vgl. Büschgen 1997, 311–312). Die aufgezeigten Maßnahmen sind allesamt keine Kurssicherungsmaßnahmen im engeren Sinne, sondern generelle strukturpolitische Maßnahmen, um eine langfristige Kongruenz zwischen der Währungsstruktur der Ein- und Auszahlungen anzustreben. Sie sollten bereits dann einsetzen, wenn das langfristige Engagement in Auslandsaktivitäten geplant wird und nicht erst dann, wenn internationale Operationen bereits aufgenommen worden sind (vgl. Büschgen 1997, 312). 2.2.3.4 Das Zahlungsausfallrisiko und die Außenhandelsfinanzierung 2.2.3.4.1 Auslandszahlungsverkehr und kurzfristige Außenhandels finanzierung Bei der Erläuterung der allgemeinen Geschäftsrisiken des Auslandsgeschäfts (vgl. Abschnitt 2.2.3.1, insbesondere Abbildung 2-10) wurde auf das Delkredererisiko, also das Risiko der Nicht-Begleichung einer Rechnung durch den ausländischen Kunden, das sehr stark bei Außenhandelsgeschäft auftritt, hingewiesen. Fehlende bzw. ungenaue Informationen über die Zahlungsmoral der Kunden im Ausland oder auch ein hoher Aufwand der Durchsetzung der Zahlungsansprüche lassen dieses Risiko im Auslandsgeschäft als besonders problematisch erscheinen. Daher ist Ziel bei der Abwicklung der Zahlungsebene im Außenhandelsgeschäft die Minimierung des ökonomischen Risikos, insbesondere des Zahlungs- und Kreditrisikos, für den Exporteur. Damit kommt den Zahlungsbedingungen zur Vermeidung eines Zahlungsausfalls im Außenhandel große Bedeutung zu, denn sie regeln die Fälligkeit, die Risikoverteilung, die Sicherung und die Abwicklung der Zahlung und sind zwischen Importeur und Exporteur frei vereinbar. Ein zweiter wesentlicher Aspekt bei Außenhandel ist die Finanzierung des Geschäfts. Bei einem klassischen Exportgeschäft ist die Abwicklungszeit meist deutlich länger als bei einem vergleichbaren Inlandsgeschäft. Aus diesem Grund ist die Zeit, für die eine Finanzierung gefunden werden muss, bis dann letztendlich der monetäre Rückfluss kommt, länger und damit tendenziell mit höheren Finanzierungskosten verbunden. Historisch gesehen haben sich im Außenhandel Instrumente und Abwicklungsverfahren herausgebildet, die die beiden Aspekte der Verminderung des Zahlungsausfallrisikos und der Finanzierung verbinden. Bestimmte Zahlungsbedingungen und –abwicklungen werden im Außenhandel häufig kombiniert mit Finanzierungsvehikel, um den oben genannten Aspekt zu berücksichtigen. Typische Zahlungsbedingungen im Außenhandel werden im Folgenden näher erläutert (für ein illustratives Beispiel vgl. z. B. Waschbusch 2011, für einen Überblick vgl. auch Griffin/Pustay 2013, 513). Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 46 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM46 Zu den Zahlungsbedingungen zählen die Vorauszahlung, die Zahlung gegen Rechnung, das Dokumenteninkasso und das Dokumentenakkreditiv. Sie lassen sich wie in Abbildung 2-21 dargestellt nach Finanzlast und Risiko für den Exporteur gliedern. Die vollständige Vorauszahlung des gesamten Kaufpreises wird häufig bei Großprojekten und bei schlechter Bonität des Schuldners sowie bei erst seit kurzem bestehenden Geschäftsverbindungen gewählt (vgl. Jahrmann 2010, 399). Der Exporteur trägt kein Risiko und hat auch kein Finanzierungsproblem. Abgeschwächt gilt das auch für die Anzahlung. Bei Zahlung gegen Rechnung auf Ziel oder bei Lieferung wird vereinbart, dass der Exporteur die Ware auf Ziel liefert und anschließend eine Rechnung an den Importeur stellt. Damit verzichtet der Exporteur auf jegliche Sicherung des Geschäfts. Deshalb ist dieses Instrument meist nur bei schon länger bestehenden Geschäftsbeziehungen üblich (vgl. Häberle 2002, 84–85). Beim Dokumenteninkasso wird nicht direkt die Ware gegen Zahlung ausgehändigt, sondern gegen Dokumente, die im internationalen Warenverkehr existieren und die Verfügungsgewalt über die versendeten Waren repräsentieren (vgl. Abbildung 2-22). Als Beispiele für solche Dokumente können Frachtbriefe, Konossemente oder Versicherungsdokumente genannt werden. Diese Dokumente, ohne die der Importeur keinen Zugriff auf die versendete Ware hat, werden ihm nur Zug-um-Zug gegen die Zahlung (documents against payments, d/p inkasso) oder das Austellen eines Wechsels (documents against acceptance; d/a inkasso) in der vereinbarten Höhe ausgehändigt. Damit sichert das Dokumenteninaksso dem Exporteur das Zahlungsausfallrisiko ab, dass Warenabnahmerisiko bleibt jedoch bestehen. Im Einzelnen stellt sich der detaillierte Ablauf eines Dokumenteninkassos (hier: d/p inkasso) grafisch wie folgt dar. Finanzlast beim Importeur Finanzlast beim Exporteur Risiko beim Exporteur Vorauszahlung Anzahlung Dokumenten- Akkreditiv Dokumenten-Inkasso Zahlung bei Lieferung Zahlungsziel Abb. 2‑21: Überblick über Zahlungsbedingungen (Quelle: Büter 2013, 299) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 47 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 47 Der Exporteur beauftragt seine Hausbank mittels eines Geschäftsbesorgungsauftrags nach § 675 BGB den Gegenwert für die eingereichten Dokumente vom Zahlungspflichtigen einzuziehen und die Dokumente und damit die Verfügungsgewalt über die Ware erst bei erfolgter Zahlung auszuhändigen. Die Banken verlangen eine Gebühr für die Abwicklung des Dokumenteninkassos. Als Zahlungsbedingung bietet das Dokumentenakkreditiv (Letter of Credit, L/C) einen hohen Sicherheitsgrad (vgl. zum Ablauf Abbildung 2-23) für den Exporteur im internationalen Geschäftsverkehr. Die Grundlage hierfür bietet die im Kaufvertrag geregelte Verpflichtung des Importeurs, bei seiner Hausbank ein Dokumentenakkreditiv zu eröffnen. Dabei übernimmt die Bank des Importeurs gegenüber dem Exporteur ein abstraktes Schuldversprechen nach § 780 BGB, das dem Exporteur bei ordnungsgemäßer Aushändigung der vereinbarten Dokumente die Auszahlung garantiert. Gleichzeitig stellt die eröffnende Bank sicher, dass beim Importeur entsprechende Mittel verfügbar sind oder kassiert den Akkreditivbetrag sofort. Die eröffnende Bank benachrichtigt anschließend ihre Korrespondenzbank, die Bank des Exporteurs (auch avisierende Bank genannt), die nach formeller Prüfung der im Akkreditiv genau spezifizierten und vom Exporteur eingereichten Dokumente den ausgewiesenen Betrag an den Exporteur auszahlt. Die Dokumente werden schließlich über die avisierende Bank der eröffnenden Bank und in weiterer Folge dem Importeur weitergeleitet (vgl. Fuchs/Apfelthaler 2009, 334–335). Auch beim Dokumentenakkreditiv ergibt sich die Möglichkeit, das Geschäft auf Basis einer Zahlung oder einer Wechselausstellung abzuschließen (vgl. zu Details z. B. Stocker 2013, 79–81). Das Akkreditiv gewährleistet nicht nur die Zahlungsfunktion, sondern ist auch Sicherungs- und Kreditinstrument. Der große Vorteil des Dokumentenakkreditivs für den Exporteur liegt darin, dass nicht mehr der Importeur der Schuldner ist, sondern dessen Bank diese Funktion übernimmt, was im Regelfall eine bessere Bonität des Schuldners verspricht. Wie beim Dokumenteninkasso werden dem Exporteur und dem Importeur Gebühren durch die jeweilige Bank in Rechnung gestellt (vgl. Abbildung 2-23). Importeur Exporteur (1) Kaufvertrag mit Zahlungsbedingungen d/p inkasso Bank des Importeurs = Inkassostelle Bank des Exporteurs = Inkassobeauftragte (6) Weiterleitung der Zahlung (4) Weiterleitung der Dokumente zum Inkasso (3) Inkassoauftrag Einreichung der Dokumente (7) Gutschrift des Exporterlöses (5) Dokumente gegen Zahlung (2) Versand der Ware Abb. 2‑22: Ablauf des d/p inkasso (Quelle: in Anlehnung an Jahrmann 2010, 404; Stocker 2013, 80) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 48 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM48 2.2.3.4.2 Mittel‑/langfristige Außenhandelsfinanzierung Die kurzfristigen Aspekte des Zahlungsverkehrs und vor allem der Außenhandelsfinanzierung wurden im vorigen Abschnitt behandelt. Unter die mittel- bis langfristige Außenhandelsfinanzierung und die Sonderformen fallen die Lieferanten- und Herstellerkredite, Bestellerkredite, Exportfactoring, Forfaitierung und Cross-Border-Leasing. Abbildung 2-24 gibt einen systematisierten Überblick über diese Finanzierungsmöglichkeiten und grenzt auch die kurzfristigen Instrumente von den mittel- und langfristigen ab (für ein Fallbeispiel vgl. z. B. Bieg/Krämer 2011). Bei einem Lieferantenkredit stundet der Exporteur dem ausländischen Besteller die Bezahlung der gelieferten Waren und trägt die mit diesem Kredit verbundenen Zahlungsrisiken selbst. Im Vergleich zu einem inländischen Lieferantenkredit überschreitet Importeur = Akkreditivsteller Exporteur = Akkreditierter (1) Kaufvertrag Zahlungsbedingung d/p credit Akkreditiv- Bank Akkreditivstelle = Korrespondenzbank (3) Akkreditiveröffnung und Auftrag zur Zahlungsabwicklung Verrechnung auf Korrespondenzbankkonto Übergabe der Dokumente (8) (7) Dokumente gegen Zahlung nach Dokumentenprüfung (4) Avisierung des Akkreditivs (ggf. Bestätigung) (2) Akkreditivauftrag als Geschäftsbesorgungsauftrag (9) Überlassung der Dokumente nach Prüfung und Belastung des Importeurkontos abstraktes Schuldversprechen ( 780 BGB) (6) Dokumente aus Warenversand (5) Versand der Ware (10) Ware gegen Dokumente Abb. 2‑23: Ablauf des Dokumentenakkreditivs (Quelle: Jahrmann 2010, 409) Finanzierungsformen im Außenhandel Kurzfristige Kredite Mittel- bis langfristige Kredite (Laufzeit mind. 12 Monate) Sonderformen • Kontokorrentkredite • Zahlungsbedingungen • Lieferanten-/Herstellerkredite • Bestellerkredite • Mischfinanzierungen • Projektfinanzierungen • Exportfactoring • Forfaitierung • Cross-Border-Leasing Abb. 2‑24: Zeitbezogene Finanzierungsformen im Außenhandel Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 49 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 49 der internationale Lieferantenkredit den üblichen Zielrahmen von drei Monaten im Inland erheblich (vgl. Stocker 2013, 86). Herstellerkredite hingegen dienen dem Exporteur zur Refinanzierung seines dem Importeur eingeräumten Zahlungsziels. Zur Vergabe in Deutschland sind spezielle Kreditinstitutionen eingerichtet, die Ausfuhrkreditgesellschaft (AKA) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Im Regelfall postulieren die beiden Institute keine Kreditobergrenzen bei der Vergabe. Meist erfolgt die Finanzierung des Exporteurs auf Wechselbasis (vgl. Stocker 2013, 86–87). Unter einem Bestellerkredit versteht man die Gewährung eines Kredits an einen ausländischen Importeur, der dem Exporteur unmittelbar nach ordnungsgemäßer Lieferung an den Importeur zur Abdeckung seiner Exportforderung ausbezahlt wird. Der entscheidende Unterschied zwischen Hersteller- und Bestellerkredit ist jeweils der Kreditnehmer und damit der Schuldner. Der Herstellerkredit wird vom Exporteur aufgenommen, der Bestellerkredit vom Importeur. Beide sichern jedoch das Zahlungsausfallrisiko des Exporteurs. Auch der Bestellerkredit wird vorzugsweise von der AKA und der KfW vergeben und wird gerne in Verbindung mit einer Exportversicherung (z. B. über HERMES) gewährt (vgl. Stocker 2013, 87–88; vgl. auch Abschnitt 2.2.3.4.3). Zu den Sonderformen der Außenhandelsfinanzierung gehört das Exportfactoring. Darunter versteht man den Verkauf von kurzfristigen Exportforderungen auf der Basis einer Globalzession zur Refinanzierung des dem Importeur gewährten Zahlungsziels. Factoring umfasst drei wesentliche Funktionen: Der Factorer übernimmt alle im Zusammenhang mit der Forderung anfallenden Dienstleistungen wie bspw. die Abwicklung und Verwaltung der Zahlung und insbesondere das Mahnwesen (Dienstleistungsfunktion). Besonders wichtig ist die Delkrederefunktion: Der Factorer übernimmt das Zahlungsausfallrisiko, so dass die Zahlung an den Exporteur gesichert ist. Damit in Zusammenhang steht auch die dritte Funktion, die Finanzierungsfunktion. Üblicherweise kauft der Factorer dem Exporteur die Forderung unmittelbar nach deren Entstehung ab, so dass dem Exporteur keine Finanzierungslücke zwischen Forderungsentstehung und Forderungsbegleichung entsteht. All diese Funktionen lässt sich das Factoringinstitut in Form eines Abschlags beim Forderungsankauf entlohnen. Factoring ist für den Exporteur mit zahlreichen Vorteilen verbunden. Er profitiert von einer nahezu umsatzkongruenten Finanzierung und wird von seinem Delkredererisiko und auch von einem eventuellen Wechselkursrisiko befreit. Darüber hinaus nimmt der Factorer die gesamte Dienstleistungsfunktion wahr und entlastet somit das Exportunternehmen. Zudem nehmen Unternehmen Factoring auch in Anspruch, um eine Bilanzentlastung zu erreichen, da keine Forderungen gegenüber Schuldnern mehr bilanziert werden müssen. Dies kann die Eigenkapitalquote stärken. Dem stehen jedoch auch Nachteile gegenüber. Insbesondere den hohen Factoringabschlag muss der Exporteur in Kauf nehmen. Er erhält somit nie 100 % seiner Forderungen. Zudem entsteht eine Abhängigkeit vom Factorer, da dieser keine Einzelforderungs- sondern nur Gesamtforderungsbündel abnimmt (vgl. Jahrmann 2010, 459–460). Eine dem Exportfactoring ähnliche Form der Außenhandelsfinanzierung ist die Forfaitierung. Hierbei handelt es sich um den regresslosen An- bzw. Verkauf einzelner mittel- bzw. langfristiger Forderungen im Außenhandel. Die oftmals als Wechsel verbrieften Forderungen werden auf einem Markt gehandelt. Forfaitierung ist meist im Investitionsgütergeschäft mit hohen Einzelbeträgen und langen Forderungsfristen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 50 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM50 (bis zu 4 Jahre) anzutreffen (vgl. Jahrmann 2010, 506). Da sich beide Formen der Au- ßenhandelsfinanzierung auf den ersten Blick stark ähneln, veranschaulicht Tabelle 2-5 noch einmal die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Exportfactoring und Forfaitierung. Forfaitierung Exportfactoring Finanzierungsart meistens Wechselfinanzierung durch Wechsel des Importeurs, aber auch Ankauf von Buchfor derungen und Akkreditiven Buchforderungsverkauf aus offenem Zahlungsziel Verwendungs zweck i. d. R. nur Investitionsgüter grundsätzlich alle Export waren und Dienstleistungs geschäfte Verzinsungs modalitäten Festzinssatz für die gesamte Laufzeit als Diskont Kontokorrentverrechnungen Kosten abhängig vom Länderrisi ko, Laufzeit und Bonität der Schuldner abhängig vom Umfang der Factoringfunktionen Verwaltungs aufwand nur vor Forderungsankauf Ausgliederung der Verwal tungsfunktionen Laufzeit mittel bis langfristig kurzfristig Selbstbeteiligung regressloser Forderungsankauf ohne Selbstbeteiligung Forderungsankauf ohne Selbst beteiligung durch Übernahme der Delkrederefunktion Forderungs qualität abstrakte Wechselforderung oder Buchforderung mit Zah lungsgarantie; grundsätzlich fungibel Verbundenheit von Forderung und Handelsgeschäft, Global zession Bilanzierung keine Bilanzierung, hebt die Kreditwürdigkeit keine Bilanzierung, hebt die Kreditwürdigkeit Länderbezug hohe Nachfrage bei niedrigem Länderrisiko zu günstigen Zinssätzen Verwendung nur in Industrie ländern mit Korrespondenz faktor, überwiegend bei Dauergeschäften Tab. 2‑5: Vergleich zwischen Forfaitierung und Exportfactoring (Quelle: Jahrmann 2010, 506) Das Internationale Leasing (auch: Cross-border-Leasing) bildet den Abschluss der mittel- bis langfristigen Formen und der Sonderformen der Außenhandelsfinanzierung. Internationales Leasing ist definiert als eine entgeltliche Gebrauchsüberlassung von Investitions- oder langlebigen Konsumgütern, die wirtschaftlich selbstständig nutzbar sind. Dabei befindet sich ein Beteiligter (Leasingnehmer, Leasinggeber oder Hersteller) im Ausland (vgl. Büschgen 1997, 52). Eine Ausgestaltungsmöglichkeit aus deutscher Sicht zeigt Abbildung 2-25. Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 51 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 51 Ein deutscher Hersteller exportiert das Leasingobjekt an einen ausländischen Importeur. Zwischen beiden Geschäftspartnern wird eine Leasinggesellschaft zwischengeschaltet, welche dem Hersteller das Produkt gegen Zahlung des Kaufpreises abnimmt und als Leasinggeber gegenüber dem ausländischen Kunden auftritt. Damit besteht zwischen Importeur und der Leasinggesellschaft ein Leasingverhältnis, d. h. die Leasinggesellschaft muss dem Importeur die Ware zur Verfügung stellen und im Gegenzug ist der Importeur verpflichtet, Leasingraten an die Leasinggesellschaft zu entrichten. Oftmals steht hinter der Leasinggesellschaft eine Bank zur Refinanzierung. Für den Exporteur wird somit das Exportgeschäft zu einem Inlandsbargeschäft ohne liquiditätsmäßige oder haftungsmäßige Selbstbeteiligung. Dadurch entfallen für den Exporteur wesentliche wirtschaftliche und politische Risiken. Die Abwicklung über eine spezialisierte Leasinggesellschaft stellt für den Importeur ein interessantes Finanzierungskonzept dar, da der Kaufpreis in Form von Leasingraten über einen längeren Zeitraum entrichtet wird. Zusätzlich besteht die Möglichkeit einer Mitfinanzierung über die KfW. Allerdings sollte im Einzelfall immer sorgfältig abgewogen werden, ob das Leasing gegenüber dem Kauf tatsächlich von Vorteil ist; dabei spielen insbesondere steuerliche Aspekte eine bedeutende Rolle. Zudem muss eine solvente Leasinggesellschaft als Partner gewonnen werden (vgl. Jahrmann 2010, 509). 2.2.3.4.3 Die Ausfuhrkreditversicherung Ausfuhrkreditversicherungen dienen der Absicherung des Zahlungsrisikos eines inländischen Exporteurs im Rahmen der staatlichen Exportförderung. Die angebotenen privatwirtschaftlichen Sicherungssysteme sind bei hohem Risiko für den Exporteur, wie es häufig im Auslandsgeschäft auftreten kann, meist zu teuer. Umfang und Qualität staatlicher Systeme variieren stark von Land zu Land. Dies führt regelmäßig zu Wettbewerbsverzerrungen, ist doch die staatliche Exportkreditversicherung eine Art Exporteur (Hersteller) Leasinggesellschaft Refinanzierung (Kreditgeber) Importeur/ Leasingnehmer Inland Ausland (3) Leasingvertrag (6) Zahlung der Leasingraten (4) Export des Leasingobjekts (7) Zins- und Tilgungszahlungen (2) Finanzierungszusage und Refinanzierung (1) Kaufvertrag im Anschluss an Verhandlungen zwischen Exporteur und Importeur (5) Zahlung des Kaufpreises Abb. 2‑25: Cross‑border‑Leasing als Exportleasing im engsten Sinne (Quelle: Büschgen 1997, 53) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 52 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM52 Subvention für die heimischen Exporteure. Deshalb versucht die WTO die Rahmenbedingungen zu vereinheitlichen. In Deutschland übernimmt Euler Hermes die staatliche Exportkreditversicherung. Gegenstand ist die Versicherung der wirtschaftlichen und politischen Risiken deutscher Exporteure in Zusammenhang mit der Lieferung von Waren und/oder Dienstleistungen ins Ausland. Die Euler Hermes AG ist treuhänderisch für die Ausfuhrgewährleistungen des Bundes zuständig. Sie ist somit eine privatwirtschaftlich organisierte Institution des Bundes. Abbildung 2-26 zeigt die möglichen Formen der Risikoabdeckung bei Euler Hermes. Die Kosten für eine Euler Hermes Kreditversicherung folgen seit 1999 den einheitlichen Richtlinien für alle OECD-Länder. Dadurch soll das Unterschreiten von Mindestprämien und somit eine versteckte Exportförderung vermieden werden. Grundsätzlich stellt ein fester Prozentsatz des gedeckten Forderungsbetrags die Prämie dar; je nach Schuldner erfolgen Zuschläge (Unterscheidung privater oder staatlicher Besteller, Risikoeinstufung des Schuldnerlandes etc.) (vgl. Häberle 2002. 947–988). Für jedes Land besteht dabei ein sogenanntes „Plafond“, also eine Deckung des Betrags der für ein Land übernommenen Risikoabdeckungen. Lieferbedingungen im Außenhandel (INCOTERMS) An dieser Stelle noch eine Anmerkung zu den Lieferbedingungen im Außenhandel, die vertraglich zwischen Exporteur und Importeur festgelegt werden und die die Abwicklung der physischen Warenübergabe zum Gegenstand haben. Sie bestimmen auch die Dokumente, die im Rahmen des Akkreditivs zu präsentieren sind. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die sogenannten INCOTERMS. INCOTERMS (International Commercial Terms) regeln die Aufteilung von Transportkosten (Kostenübergang), Transportrisiko (Risikoübergang) und Sorgfaltspflichten • betrifft Ausfallrisiko während der Herstellphase (vor Versand) • Entschädigung bis zur Höhe der angefallenen Selbstkosten abzüglich der Selbstbeteiligung • möglich sind auch Teildeckungen, die nur Sonderanfertigungen versichern • beziehen sich auf Zeitraum zw. Versand und vollständiger Bezahlung • gedeckt sind Abnahmeund Kreditrisiko • Unterscheidung zw. Einzel- und revolvierenden Deckungen (siehe Varianten der Ausfuhrdeckung) • Gegenstand sind Forderungen von Kreditinstituten ggü. ausl. Importeuren auf Basis von Lieferverträgen deutscher Exporteure (siehe Bestellerkredite) • Für die Deckung von: • WK-Risiken • gegen die Beschlagnahme von Auslandslagern • im Rahmen von Bauleistungsgeschäften Formen der Gewährleistung Fabrikationsrisikodeckung Ausfuhrdeckungen Finanzkreditdeckungen Sonderdeckungen Abb. 2‑26: Risikoabdeckung durch Ausfuhrkreditversicherungen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 53 2.2 Handelsbeziehungen von Unternehmen ins Ausland 53 (Geschäftsabwicklungspflichten) zwischen Importeur und Exporteur. Nicht geregelt sind die Zahlungsbedingungen, der Gerichtsstand und der Eigentumsübergang. Die INCOTERMS sind einheitliche internationale Regeln für die Auslegung handels- üblicher Vertragsformeln im internationalen Handel, die branchen- und länderübergreifend anwendbar sind. Sie werden von der Internationalen Handelskammer in Paris herausgegeben und wurden das letzte mal in 2010 revidiert. Somit sind INCOTERMS kein internationales Gesetz, sondern entfalten ihre Gültigkeit erst, wenn sie explizit schriftlich vereinbart werden und im Kaufvertrag darauf Bezug genommen wird. Anders getroffene Abreden im Kaufvertrag gehen den INCOTERMS in ihrer Wirksamkeit grundsätzlich vor. Die nachstehende Tabelle 2-6 gibt einen Überblick über die INCOTERMS und deren Inhalte. Eine ausführliche Darstellung und Kommentierung findet sich auf der Website der Internationalen Handelskammer (www.iccwbo.org; eine Darstellung in deutsch z. B. bei http://www.frankfurt-main.ihk.de/international/importexport/incoterms/; vgl. auch Büter 2013, 222–230). Die Lieferbedingungen sind aufsteigend nach dem Verpflichtungsumfang des Exporteurs in Gruppen gegliedert (vgl. Jahrmann 2010, 200). Klauseln der Gruppe E beinhalten die geringsten Verpflichtungen für den Exporteur, bei Klauseln der Gruppe D ist sein Aufwand am höchsten. Man unterscheidet INCOTERMS auch nach dem Zusammen- oder Auseinanderfallen von Kostenübergang und Risikoübergang. In den Gruppen E, F und D fallen Kosten- und Risikoübergang an einem Ort zusammen, man spricht deshalb von Einpunktklauseln. Zweipunktklauseln (Gruppe C) implizieren, dass der Risikoübergang im Versandland ist, der Kostenübergang hingegen im Bestimmungsland (vgl. Jahrmann 2010, 200). Abk. Klausel Trans port vertrag Lieferort Gefahren übergang VàK Kosten übergang VàK EXW Ex Works Ab Werk K Werk des V (lade bereit) Lieferort FCA Free Carrier Frei Frachtführer K Ort Übergabe an den Frachtführer Lieferort FAS(1) Free Alongside Ship Freie Längsseite Schiff K Längsseite Schiff im Verschiffungs hafen An Bord FOB(1) Free on Board Frei an Bord K An Bord des Schif fes im Verschif fungshafen An Bord CFR(1) Cost and Freight Kosten und Fracht V An Bord des Schif fes im Verschif fungshafen An Bord Bestim mungs hafen Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 54 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM54 Abk. Klausel Trans port vertrag Lieferort Gefahren übergang VàK Kosten übergang VàK CIF(1) Cost, Insurance and Freight Kosten, Versiche rung und Fracht V An Bord des Schif fes im Verschif fungshafen Lieferort Bestim mungsort CPT Carriage Paid to Frachtfrei V Ort der Übergabe an den 1. Frachtführer Lieferort Bestim mungsort CIP Carriage and Insurance Paid to Frachtfrei versi chert V Ort der Übergabe an den 1. Frachtführer Lieferort DAP Delivered Geliefert V Bestimmungsort (entladebereit) Lieferort DAT Delivered Geliefert V Terminal im Be stimmungshafen / ort (entladen) Lieferort DDP Delivered Duty Paid Geliefert verzollt V Bestimmungsort (entladebereit) Lieferort (1) = nur für Schiffstransport zu verwenden; V = Verkäufer / K = Käufer Tab. 2‑6: Übersicht INCOTERMS 2010 (Quelle: vgl. ähnlich IHK Frankfurt am Main, http://www.frankfurt‑main.ihk.de/international/importexport/incoterms/) 2.3 Auslandsbeziehungen ohne Kapitalbeteiligung: Kooperationen 2.3.1 Daten und Formen zu internationalen Kooperationen Internationale Kooperationen zeichnen sich als Form des Auslandsengagements (vgl. Abbildung 2-1) dadurch aus, dass engere Beziehungen zu ausländischen Partnern als die reinen Kauf- und Lieferbeziehungen aus dem vorigen Abschnitt eingegangen werden. Allerdings geht die Intensität der Beziehung nicht so weit, dass die Unternehmen über Kapitalinvestitionen miteinander verbunden wären. Definitionsgemäß stellen sie eine freiwillige und langfristige Zusammenarbeit dar, welche auf einer expliziten Vereinbarung zwischen rechtlich selbstständigen Unternehmen mit Sitz in unterschiedlichen Ländern beruht und eine bewusste Verhaltensabstimmung zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels beinhaltet (vgl. Meckl 1993, 11). Bei internationalen Kooperationen kommen die Partner aus unterschiedlichen Ländern. Unternehmenskooperationen sind nicht auf einzelne Geschäftsvorfälle bezogen, sondern begründen eine langfristige und dauerhafte Partnerschaft zwischen den beteilig- 2.3 Auslandsbeziehungen ohne Kapitalbeteiligung: Kooperationen

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References

Zusammenfassung

Prof. Dr. Reinhard Meckl lehrt Internationales Management an der Universität Bayreuth.

Dieses einführende Lehrbuch vermittelt Ihnen anschaulich die theoretischen Grundlagen und die anwendungsbezogenen Methoden des Internationalen Managements, sodass

Sie aufbauend darauf über grundlegende Kenntnisse zur erfolgreichen Bearbeitung aus­ländischer Märkte verfügen.

Ausgehend von den Bearbeitungsformen für internationale Märkte stellt das Buch die wichtigsten Erklärungsansätze, Führungsmodelle und Managementmethoden sowie die wesentlichen Funktionsfelder eines internationalen Unternehmens dar. Analysen und ­Empfehlungen zum interkulturellen Management komplettieren das internationale Themenfeld. Fragen zur Wiederholung in jedem Kapitel sorgen für einen nachhaltigen Lernerfolg.

Aus dem Inhalt:

– Grundlagen des Internationalen Managements

– Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des Internationalen

Managements

– Führung von internationalen Unternehmen

– Funktionenbezogenes Internationales Management

– Regionale und kulturelle Dimension im Internationalen Management