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Das eklektische Paradigma von Dunning als übergreifender Ansatz zur Erklärung internationaler Marktbearbeitungsformen in:

Reinhard Meckl

Internationales Management, page 114 - 121

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4784-2, ISBN online: 978-3-8006-4785-9, https://doi.org/10.15358/9783800647859_114

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

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Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 92 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM92 •• Einstellungen und (Auslands-)Erfahrungswerte von Führungskräften sind nur schwer operationalisierbar, so dass eine empirische Überprüfung dieses Teils des Ansatzes schwer fällt (vgl. Welge/Holtbrügge 2010, 62). •• Die Modellierung und inhaltliche Ausgestaltung des Stufenprozesses gilt im Wesentlichen nur für die Anfangsphase einer Internationalisierung, hat also auf Grund des inzwischen stark fortgeschrittenen Internationalisierungsgrads vieler Unternehmen an Bedeutung verloren. Aharoni erreicht, abschließend bewertet, durch seinen Ansatz ein besseres Verständnis der Realität der Direktinvestitionsentscheidungen, das aber dazu genutzt werden muss, eine Optimierung der Internationalisierungsentscheidungen und -strategien zu erreichen. Mit den verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen sind die wichtigsten Theorien zur Erklärung von ausländischen Direktinvestitionen referiert. Gliederungslogisch sollte nun ein Abschnitt zu „Management und Gestaltung von Auslandsinvestitionen“ folgen. Allerdings werden in Kapitel 3 und 4 die Ausführungen zur Führung von internationalen Unternehmen und der funktionsbezogenen Betrachtung stark an den Bedingungen eines Unternehmens mit hohen Auslandsinvestitionen orientiert, so dass diese Kapitel inhaltlich den Abschnitt „Management und Gestaltung von Auslandsinvestitionen“ in deutlich detaillierter Form repräsentieren. Bevor darauf eingegangen wird, wird aber noch eine Theorie vorgestellt, die einen Erklärungsansatz für alle bisher vorgestellten Marktbearbeitungsformen liefert. 2.5 Das eklektische Paradigma von Dunning als übergreifender Ansatz zur Erklärung internationaler Marktbearbeitungsformen 2.5.1 Erklärungsanliegen und Komponenten der Theorie In den Abschnitten 2.2.2, 2.3.2 und 2.4.2 wurden mehrere Ansätze zur Erklärung internationaler Unternehmenstätigkeit vorgestellt, die sich sowohl hinsichtlich ihres Erklärungsobjektes, in diesem Fall der internationalen Marktbearbeitungsform, als auch der zu Grunde liegenden Argumentationslogik zum Teil erheblich unterscheiden. Die Vielzahl und Heterogenität der dargestellten Ansätze verdeutlicht, dass das Phänomen der Internationalisierung von Unternehmensaktivitäten einen vielschichtigen und komplexen Problembereich darstellt, dessen umfassende Beschreibung keiner der vorgestellten Ansätze allein zu leisten vermag. Vielmehr stellen die einzelnen Ansätze Analysewerkzeuge dar, die jeweils unterschiedliche Facetten des Untersuchungsgegenstandes „Internationalisierung“ erhellen. Motiviert von der Unzufriedenheit mit dem partialanalytischen Charakter der bestehenden Theorien, entwickelte John Dunning (vgl. als grundlegende Quellen 1977, 1979) einen Ansatz, der den Anspruch erhebt, Internationalisierung und ihre Formen umfassender zu erklären als alle bisherigen Theorien. Seit seiner erstmaligen Präsentation auf dem in Stockholm abgehaltenen Nobel-Symposium „The International Allocation of Economic Activity“ im Jahr 1976 hat sich Dunnings „eklektischer Ansatz“ zu einem der am häufigsten zitierten und zugleich meist kritisierten Ansätze zur 2.5 Das eklektische Paradigma von Dunning Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 93 2.5 Das eklektische Paradigma von Dunning 93 Erklärung internationaler Unternehmensaktivitäten entwickelt. Der Begriff eklektisch (von griech. eklęgein, „auswählen“) bringt zum Ausdruck, dass Dunning auf eine Reihe bestehender Ansätze, vor allem die Theorie des monopolistischen Vorteils (vgl. Abschnitt 2.4.2.1), die Standorttheorie (vgl. 2.4.1.2) und die Internalisierungstheorie (vgl. Abschnitt 2.4.2.4), zurückgreift. Die Anfangsbuchstaben der drei daraus abgeleiteten Säulen, die Dunning schließlich zu seinem eklektischen Ansatz verknüpft, namentlich ownership advantages, location advantages und internalization advantages, haben dem Dunningschen Aussagesystem auch die Bezeichnung „OLI-Paradigma“ eingebracht. Das zentrale Erklärungsanliegen der eklektischen Theorie ist es, die Vorteilhaftigkeit bestimmter Markteintritts- bzw. Marktbearbeitungsformen in Abhängigkeit von der Ausprägung unternehmensinterner und -externer Bedingungen aufzuzeigen. Hinsichtlich der Markteintritts- und Marktbearbeitungsformen unterscheidet Dunning zwischen vertraglichen Ressourcentransfers (z. B. Lizenzverträgen), Exporten und Direktinvestitionen. Damit erhebt Dunning den Anspruch, die in diesem Kapitel  2 thematisierten internationalen Marktbearbeitungsformen durch seine Theorie übergreifend zu erklären. Die Modellierung der relevanten unternehmensinternen und -externen Bedingungen erfolgt durch so genannte Vorteilskategorien, die ihren Ursprung in den verschiedenen, eklektisch zusammengeführten Theorieströmungen haben. Im Einzelnen unterscheidet Dunning drei Vorteilskategorien: Eigentumsvorteile (ownership advantages): Eigentumsvorteile sind unternehmensspezifische Wettbewerbsvorteile, die das internationale Unternehmen gegenüber seinen Wettbewerbern, insbesondere gegenüber denen des jeweiligen Ziellandes der Internationalisierungsentscheidung, aufweist. Mit dem Konzept der Eigentumsvorteile übernimmt Dunning wesentliche Teile des Gedankengutes der in Abschnitt 2.4.2.1 vorgestellten Theorie des monopolistischen Vorteils. Analog zu Hymer und Kindleberger argumentiert Dunning, dass ausländische Unternehmen bzw. deren Tochtergesellschaften gegenüber inländischen Unternehmen zunächst zahlreiche Wettbewerbsnachteile aufweisen. Sie sollten daher, um international tätig zu sein, über unternehmensspezifische Wettbewerbsvorteile verfügen, um ihre „cost of foreignness“ (Kutschker/Schmid 2011, 460) zu überwinden. Dunning unterscheidet zwischen drei Kategorien von Eigentumsvorteilen (vgl. Dunning 1977, 401): •• Generelle Eigentumsvorteile, die sich unmittelbar aus dem exklusiven Besitz von bzw. dem Zugang zu tangiblen und intagiblen Ressourcen und Vermögensgegenständen ergeben und die daher jedes Unternehmen unabhängig von langjähriger Existenz und Internationalität aufweisen kann. In diese Kategorie fallen beispielsweise Managementkompetenzen, Marken, Patente und Schutzrechte oder auch Technologievorsprünge. •• Eigentumsvorteile, die aus der langjährigen Existenz und Branchenerfahrung eines Unternehmens gegenüber neuen Marktteilnehmern resultieren. Derartige Vorteile können vor allem im günstigeren Zugang zu Rohstoffen und Vorprodukten, besserer Marktkenntnis, Positions- bzw. Spezialisierungsvorteilen sowie Verbund- und Synergievorteilen bestehen. •• Eigentumsvorteile, die in der Internationalität eines Unternehmens selbst begründet liegen. Dazu zählen insbesondere verbesserte Möglichkeiten zur Arbitrage von Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 94 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM94 Marktunvollkommenheiten, z. B. mittels Transferpreisgestaltung (vgl. dazu Abschnitt  3.5.3) oder erweiterte Möglichkeiten der geographischen Risikodiversifikation. Internalisierungsvorteile (internalization advantages): Das theoretische Fundament der zweiten Vorteilskategorie, der Internalisierungsvorteile, bilden die auf den Transaktionskostenansatz von Coase zurückzuführenden Internalisierungsansätze (vgl. Abschnitt 2.4.2.4). Internalisierungsvorteile sind Vorteile, die sich aus der unternehmensinternen Durchführung – der Internalisierung – von Aktivitäten ergeben, d. h. die Nettovorteile, welche die Alternative „Unternehmen“ gegenüber der Alternative „Markt“ aufweist. Sie sind umso größer, je größer die Marktunvollkommenheiten sind, gegen die sich ein Unternehmen schützt oder die es zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen versucht. Wie die Mehrzahl der Vertreter der internationalen Internalisierungsansätze fasst auch Dunning den Begriff der Internalisierungsvorteile deutlich weiter als die traditionelle Transaktionskostentheorie und weist auf Internalisierungsvorteile in nahezu allen Bereichen des Unternehmens hin. Erwähnt werden von Dunning neben der Vermeidung oder Reduzierung von Transaktionskosten unter anderem die Arbitrage von Währungsraum- und Steuerdifferenzen, insbesondere durch die Möglichkeiten internationaler Transferpreisgestaltung, der Schutz der Eigentums- und Verfügungsrechte, die Verhinderung von Wissensabflüssen, staatliche Internalisierungsanreize sowie das Nichtvorhandensein eines externen Marktes (vgl. 1979, 276). Standortvorteile (location advantages): Standortvorteile ergeben sich aus der Durchführung von Aktivitäten an einem bestimmten Standort. Hierbei kann es sich um Vorteile für Stamm- oder Gastländer handeln. Der Nettostandortvorteil ergibt sich aus der Summe der vorteilhaften Standortfaktoren abzüglich der Nachteile, die ein bestimmter Standort gegenüber einem anderen Standort, z. B. im Heimatland des Unternehmens, aufweist. Grundsätzlich kann nahezu jeder nur denkbare Standortfaktor unter bestimmten Voraussetzungen einen Standortvor- oder -nachteil begründen. Als Beispiele für die Vielzahl von Standortfaktoren führt Dunning die Verfügbarkeit und die Kosten von Rohstoffen und Arbeitskräften, absatzmarktbezogene Faktoren, politische, rechtliche und soziokulturelle Faktoren sowie die psychische Distanz an (vgl. 1979, 276). 2.5.2 Grundlegende Aussagen der eklektischen Theorie Dunning geht es darum, die Vorteilhaftigkeit bestimmter Markteintritts- bzw. Marktbearbeitungsformen in Abhängigkeit von der Ausprägung der drei beschriebenen Vorteilskategorien – Eigentumsvorteile, Internalisierungsvorteile und Standortvorteile – aufzuzeigen. Er argumentiert, dass ein Unternehmen, will es auf einem ausländischen Markt tätig sein, in jedem Fall über einen unternehmensspezifischen Eigentumsvorteil, etwa in Form einer überlegenen Ressourcenausstattung, verfügen muss, um seine Nachteile der Unvertrautheit mit dem fremden Markt gegenüber den Unternehmen des jeweiligen Ziellandes zu kompensieren. Das Vorhandensein von Eigentumsvorteilen stellt damit die „conditio sine qua non“ (Kutschker/Schmid 2011, 462) der Internationalisierung Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 95 2.5 Das eklektische Paradigma von Dunning 95 dar. Wann aber wird sich ein Unternehmen innerhalb des Spektrums der möglichen Markteintritts- und Marktbearbeitungsstrategien nun für (1) Formen der vertraglichen Ressourcenübertragung, wann für (2) Export und wann für (3) Direktinvestitionen entscheiden? Verfügt ein Unternehmen über firmenspezifische Eigentumsvorteile, z. B. innovative Marken und Produkte, kann diese im Ausland jedoch selbst nicht besser verwerten als andere Akteure, d. h. darüber hinaus keine Vorteile aus der Internalisierung ziehen, so wird es der vertraglichen Ressourcenübertragung den Vorzug geben. Dann wird es z. B. das Recht, ein bestimmtes Produkt für den jeweiligen Auslandsmarkt herzustellen und dort zu vertreiben, an einen ausländischen Partner mit entsprechender Erfahrung in der Bearbeitung des jeweiligen Auslandsmarkts, z. B. in Form einer Lizenz, verkaufen. Da das Unternehmen in einem solchen Fall die Produktion für den jeweiligen Auslandsmarkt ohnehin nicht selbst durchführt, erübrigt sich zugleich die Suche nach potenziellen Produktionsstandorten und damit die Frage nach dem Vorliegen von Standortvorteilen. Ist es hingegen für das Unternehmen günstiger, seine Erfolgspotenziale selbst zu nutzen, also zu internalisieren, anstatt sie an ausländische Unternehmen zu verpachten oder zu verkaufen, so wird es die Marktbearbeitung durch eine Ausweitung der eigenen Geschäftsaktivitäten und nicht etwa mittels vertraglicher Lösungen anstreben. Die Ausweitung der eigenen Geschäftsaktivitäten wird das Unternehmen schließlich in dem Land vornehmen, dessen Standortfaktoren die bestmögliche Realisierung der Eigentums- und Internalisierungsvorteile ermöglichen. Handelt es sich dabei um das Heimatland des Unternehmens, d. h. liegen keine Standortvorteile im Gastland vor, so wird exportiert. Zu Direktinvestitionen in Form ausländischer Produktionsstandorte kommt es nur dann, wenn alle drei Vorteilskategorien vorliegen, d. h. neben Eigentums- und Internalisierungsvorteilen auch Standortvorteile im Ausland existieren. Andernfalls werden Auslandsmärkte vom Stammland aus bedient. Dunning modelliert die Internationalisierung als Entscheidungsprozess, in dem das Unternehmen in einem ersten Schritt prüft, ob überhaupt Eigentumsvorteile vorliegen, in einem zweiten Schritt nach den Möglichkeiten ihrer Verwertung fragt und sich gegebenenfalls in einem dritten Schritt für die bestmögliche Standortalternative entscheidet. Abbildung 2-40 macht diesen Prozess grafisch deutlich. Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 96 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM96 2.5.3 Beurteilung der eklektischen Theorie und ihrer Erweiterungen Dunning selbst bezeichnet seine Theorie als „simple, yet profound construct“ (Dunning 2000, 163), als „rich and robust framework“ (Dunning 1988, 11) zur Erklärung der komplexen Zusammenhänge internationaler Unternehmensaktivität. Und in der Tat gelingt es Dunning, ein robustes und größtenteils schlüssiges Argumentationsgebäude aufzubauen, mit dessen Hilfe sich weite Teile der seinerzeit und auch heute noch aktuellen Entwicklungen internationaler Unternehmenstätigkeit erklären lassen. Durch die Integration bisher unverbunden bestehender Einzeltheorien in ein konsistentes Argumentationsgebäude kommt Dunnings Ansatz das Verdienst zu, den Vorwurf des „partikulären Erklärungspotenzials“ der zu Grunde liegenden Einzelansätze zumindest teilweise überwunden zu haben. Diese Integration verhilft seinem Ansatz zu einem umfassenden Erklärungspotenzial, welches über das der Summe der integrierten Einzelaktivitäten hinausgeht, indem im Rahmen einer integrativen Betrachtung verschiedene Formen des Markteintritts und der Marktbearbeitung berücksichtigt und verschiedene Vorteilskategorien erklärt werden (vgl. Agarwal/Ramaswami 1992, 2). Vor allem die Tatsache, dass im Rahmen einer integrativen Betrachtung neben internationalem Handel und Direktinvestitionen auch Lizenz- und Technologieverträge als dritte Form internationaler Unternehmensaktivitäten berücksichtigt werden, hat dem Ansatz zu großer Popularität verholfen und ist als Stärke zu sehen, die ihn positiv von den in 2.2.2, 2.3.2 und 2.4.2 enthaltenen Ansätzen unterscheidet. Darüber hinaus zeichnet sich Dunnings Ansatz dadurch aus, dass er nicht nur deskriptiver, sondern auch normativer Natur ist, d. h. er weist nicht nur ein hohes Erklärungspotenzial auf, sondern erlaubt darüber hinaus die Ableitung konkreter Gestaltungsempfehlungen (vgl. Brouthers/Brouthers/Werner 1999). Zudem Eigentumsvorteile Internalisierungsvorteile Standortvorteile im Ausland keine Internationalisierung ja nein neinja vertragliche Ressourcenübertragung ja nein Direktinvestition Export unternehmungsinterne Koordination Abb. 2‑40: Der Entscheidungsprozess zur Internationalisierung bei Dunning (Quelle: Kutschker/Schmid 2011, 464) Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 97 2.5 Das eklektische Paradigma von Dunning 97 konnte die empirische Relevanz des Ansatzes zum Teil erfolgreich nachgewiesen werden (vgl. zur empirischen Bestätigung u. a. Dunning 1980). Trotz seiner zahlreichen Verdienste wurde Dunnings Ansatz stark kritisiert. Die Fülle der Kritik, die bei einem Ansatz mit umfassendem Anspruch nicht ausbleiben kann, ist Ausdruck der intensiven Aufmerksamkeit, die Dunnings Ansatz in den letzten Jahrzehnten zuteil wurde und sollte nicht als Hinweis auf eine, verglichen mit anderen Ansätzen, unterdurchschnittliche Erklärungsleistung interpretiert werden. In ihrer grundlegenden Aussage erweckt die eklektische Theorie den Anschein großer Systematik der Vorteilskategorien. Tatsächlich bestehen jedoch deutliche Überschneidungen und Interdependenzen der einzelnen Elemente innerhalb der Vorteilskategorien sowie zwischen den drei Vorteilskategorien. So entstehen viele Eigentumsvorteile von Unternehmen erst durch Internalisierung. Beispiele sind die Verbesserung der Verhandlungsmacht gegenüber Zulieferern und Abnehmern durch vertikale sowie gegenüber Wettbewerbern durch horizontale Integration oder die Verwertung von F&E- Ergebnissen in eigenen Produktinnovationen. Enge Interdependenzen bestehen auch zwischen Eigentums- und Standortvorteilen: Zum einen hängt die Vorteilhaftigkeit bestimmter Standortfaktoren in hohem Maße von den unternehmensspezifischen Charakteristika ab. Es dürfte einleuchtend erscheinen, dass etwa für einen Nischenanbieter des Premiumsegments andere Standortfaktoren relevant sind als für einen Volumenhersteller standardisierter Produkte der gleichen Branche. Zum anderen beeinflussen Standortvorteile aber nicht nur die Realisierung von Eigentumsvorteilen, sie können auch Quelle selbiger sein: Häufig investieren international tätige Unternehmen nicht nur deswegen im Ausland, weil sie dort ihre bestehenden monopolistischen Vorteile bzw. Eigentumsvorteile ausnutzen wollen, sondern vielmehr versuchen, im Ausland auch neue Vorteile zu erringen. Damit kann der erste Schritt – die Prüfung der Existenz von Eigentumsvorteilen – nicht unabhängig vom zweiten und dritten Schritt – der Prüfung der Existenz von Internalisierungs- und Standortvorteilen – erfolgen (vgl. Abbildung 2-40). Diese Überschneidungen werden von Dunning kaum untersucht. Die unzureichende Operationalisierung und die kausale Verknüpfung der strukturellen und kontextuellen Variablen zählen zu den am häufigsten genannten Kritikpunkten an Dunnings eklektischem Aussagesystem (vgl. z. B. Macharzina/Engelhard 1991, 27–28). Am Ende bleibt auf Grund der unzureichenden Mess- und Operationalisierbarkeit des Vorteilsbegriffs nur der Gesamterfolg messbar (vgl. Itaki 1991, 450–454). Ein weiterer Kritikpunkt an Dunnings Ansatz ist die unzureichende Berücksichtigung unternehmenspolitischer und strategischer Aspekte. Darüber hinaus weist Dunnings Ansatz einen deutlichen bias in Richtung homo oeconomicus auf (vgl. Randøy/Dibrell 2002, 121; Macharzina/Engelhard 1991, 27); die Erkenntnisse der verhaltenswissenschaftlichen Ansätze (vgl. Abschnitt 2.4.2.6) werden nicht ausgiebig genug berücksichtigt. Als ebenfalls nicht weitgehend genug wird von einigen Kritikern die Berücksichtigung dynamischer Aspekte erachtet. Dunning erkennt zwar, dass sich die einzelnen Vorteilskategorien im Zeitablauf verändern können, er vertieft derartige dynamische Betrachtungen in seinen Ausführungen jedoch nicht weiter, weswegen sein Ansatz als eher statisch zu werten ist (vgl. Kutschker/Schmid 2011, 465). Dunnings Ansatz postuliert zudem, dass in einem bestimmten Auslandsmarkt immer nur eine Strategie effizient sein kann. Die Realität zeigt jedoch, dass Unternehmen in Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 98 2 Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des IM98 ein und demselben Land bei ähnlichen Aktivitäten parallel bzw. simultan unterschiedliche Markteintritts- und Marktbearbeitungsformen wählen und damit durchaus Erfolg haben (vgl. Stehn 1992, 63). Trotz rudimentär vorhandener Versuche, das Paradigma auf Dienstleistungsunternehmen anzuwenden (vgl. Dunning/Kundu 1995; Dunning/ McQueen 1981) ist und bleibt die primäre Domäne des Dunningschen Paradigmas die Erklärung internationaler Produktion. Damit bleibt es im Wesentlichen nur für Industrieunternehmen relevant. Nicht zuletzt wird Dunnings Aussagesystem häufig der Vorwurf entgegengebracht, dass die zu Grunde liegenden Einzelgedanken schon in anderen Theorien, insbesondere der Theorie des monopolistischen Vorteils von Hymer, formuliert seien und es somit gar keine eigenständige Theorie begründe (vgl. z. B. Kutschker/Schmid 2011, 464). Dunning begegnet dieser Kritik mit der Feststellung, dass seine „systemic theory“ weniger eine alternative Theorie sei denn vielmehr eine, die die Quintessenzen der bestehenden Theorien herausgreift und zusammenführt (vgl. Dunning 1977, 407). Angesichts der teils heftigen Kritik hat Dunning seinen Ansatz, an dem er seit mehreren Jahrzehnten festhält, vor dem Hintergrund der Umweltdynamik und des sich verändernden Unternehmensverhaltens mehrfach verteidigt bzw. angepasst (vgl. u. a. Dunning 2000; 1995 und 1988). So gesteht Dunning vor dem Hintergrund des Vorwurfs der mangelnden Berücksichtigung unternehmenspolitischer bzw. strategischer Aspekte die Notwendigkeit ein, die Motive für die Entscheidung über internationale Produktionsstandorte stärker zu berücksichtigen, als dies bislang geschehen ist. In späteren Veröffentlichungen unterscheidet Dunning daher zwischen drei Hauptmotiven für die Entscheidung, Produktion international auszuweiten, (vgl. Abschnitt 1.1; Dunning 1988, 11–13): erstens die Nähe zum bzw. die Erschließung des Absatzmarktes („import substituting manufacturing“ bzw. „market-seeking“), zweitens den verbesserten Zugang zu Inputfaktoren („resource-seeking“ bzw. „supply-oriented“) und drittens das Streben nach globaler Effizienz („efficiency-seeking“ bzw. „export platform manufacturing“). Später ergänzt Dunning mit dem Motiv des „strategic asset seeking“ den Katalog der Direktinvestitionsmotive schließlich um eine vierte Stoßrichtung und weitet die Betrachtung damit auf den Fall aus, in dem Direktinvestitionen nicht primär aus dem Motiv der grenzüberschreitenden Verwertung bestehender, sondern der Aneignung neuer bzw. der Anreicherung bestehender Eigentumsvorteile heraus getätigt werden (vgl. Dunning 2000, 165). Insgesamt gesehen macht Dunning deutlich, wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich es ist, eine einzige, umfassende Theorie der Internationalisierung zu entwickeln. Den Anspruch, Internationalisierung detailliert ökonomisch zu modellieren, hat das eklektische Paradigma allerdings auch nie erhoben. Die Stärken der Theorie Dunnings liegen in anderen Bereichen. Als „an envelope for economic and business theories of MNE activity“ (Dunning 2000, 163) verbleibt ein positiver Beitrag der Theorie Dunnings in jedem Fall darin, dass sie mit ihrer Unterscheidung zwischen Eigentums-, Internalisierungs- und Standortvorteilen dem Theoretiker ein mögliches Strukturierungsraster an die Hand gibt, um die im Zusammenhang mit der Internationalisierung relevanten grundlegenden Einflussfaktoren zu systematisieren. Dem Entscheidungsträger in der Praxis kann sie als möglicher Ausgangspunkt einer Stärken-/Schwächen-/Umwelt- Vahlens Lernbücher – Meckl – Internationales Management (3. Auflage) Herstellung: Frau Wesp Änderungsdatum: 31.01.2014 Status: Imprimatur Seite: 99 2.6 Zusammenfassung zum zweiten Kapitel 99 analyse Anstöße geben, in welche Richtungen Unternehmen nach einem Wettbewerbsvorteil suchen sollten. 2.6 Zusammenfassung zum zweiten Kapitel Um aus didaktischen Gründen die Erklärungsschwerpunkte im Hinblick auf die Marktbearbeitungsformen und grundlegenden Aussagen der Theorien zu erhöhen, wird im Folgenden in Tabelle 2-9 eine überblicksartige Zusammenstellung vorgenommen. Die Zuordnung der einzelnen Theorien zu den Marktbearbeitungsformen wird, wie oben erwähnt, wieder schwerpunktmäßig vorgenommen. Merkmale Theorie Erklärungs schwerpunkte Erklärungs faktoren Management implikationen volkswirtschaft liche Außenhan delstheorien Außenhandel Kosten /Produkti vitätsunterschiede Sehr allgemeine Überlegungen zu Kosten /Standortvor teilen Produktlebens zyklustheorie von Vernon Außenhandel, teilweise FDI Stellung eines Pro dukts im Produkt lebenszyklus Lebenszyklusorien tierte Wahl der Inter nationalisierungsform Theorie der „technologischen Lücke“ Außenhandel, teilweise FDI Technologische Unterschiede Schaffung und Ausnutzung von technologischen Unterschieden auf internationalen Märkten Lerntheorie der Internationalisie rung von Johan son/Vahlne Kooperationen, grundsätzlich alle Formen Marktbindung und Marktwissen Förderung von organisatorischen Lernprozessen in Bezug auf Internatio nalisierung Soziale Netzwerke Kooperationen Beziehungen der Unternehmensum welt, Individuelle Beziehungen Persönliche Bezie hungen ins Ausland gezielt aufbauen Monopolistische Vorteilstheorie FDI Eigentumsvorteile Aufbau und Siche rung unternehmens spezifischer Vorteile Oligopolistisches Parallelverhalten FDI Strategisches Verhalten Aktive Gegenstrate gie gegen Wettbe werber entwickeln Risikoportfolio theorien FDI Korrelation zwi schen Einzelmärk ten < 1 Diversifikation in < 1 korrelierte Märkte 2.6 Zusammenfassung zum zweiten Kapitel

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Zusammenfassung

Prof. Dr. Reinhard Meckl lehrt Internationales Management an der Universität Bayreuth.

Dieses einführende Lehrbuch vermittelt Ihnen anschaulich die theoretischen Grundlagen und die anwendungsbezogenen Methoden des Internationalen Managements, sodass

Sie aufbauend darauf über grundlegende Kenntnisse zur erfolgreichen Bearbeitung aus­ländischer Märkte verfügen.

Ausgehend von den Bearbeitungsformen für internationale Märkte stellt das Buch die wichtigsten Erklärungsansätze, Führungsmodelle und Managementmethoden sowie die wesentlichen Funktionsfelder eines internationalen Unternehmens dar. Analysen und ­Empfehlungen zum interkulturellen Management komplettieren das internationale Themenfeld. Fragen zur Wiederholung in jedem Kapitel sorgen für einen nachhaltigen Lernerfolg.

Aus dem Inhalt:

– Grundlagen des Internationalen Managements

– Internationale Marktbearbeitungsformen und Theorien des Internationalen

Managements

– Führung von internationalen Unternehmen

– Funktionenbezogenes Internationales Management

– Regionale und kulturelle Dimension im Internationalen Management