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3 Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 76 - 99

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_76

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 56 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells Die paretianische Wohlfahrtsökonomik und das Modell der vollständigen Konkurrenz stellen in sich geschlossene und aufeinander aufbauende Theoriengebäude dar: In Märkten, in denen die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz zutreffen, werden die von der paretianischen Wohlfahrtsökonomik aufgestellten Bedingungen für eine optimale Allokation erfüllt (vgl. Kapitel 2). Gleichbedeutend mit einer optimalen Allokation ist, dass zwei der in Abschnitt 1.6 aufgeführten allgemeinen Funktionen des Wettbewerbs, „Konsumentensouveränität“ und „optimale Faktorallokationen“, perfekt erreicht werden. Die eindeutigen Aussagen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik und des Modells der vollständigen Konkurrenz werden insbesondere durch eine Reihe von sehr restriktiven Annahmen möglich, welche die Praxisrelevanz des Ansatzes allerdings in Frage stellen. Gegen die Eignung der paretianischen Wohlfahrtsökonomik und des Modells der vollkommenen Konkurrenz als Referenzsystem zur Beurteilung von Marktprozessen bzw. zur Bestimmung von Marktversagen werden drei Einwände vorgebracht, auf die hier näher eingegangen werden soll, nämlich der Nirwana- Vorwurf (Abschnitt 3.1.1), die Problematik des Second-Best (Abschnitt 3.1.2) sowie der statische Charakter des Ansatzes (Abschnitt 3.1.3). Abschnitt 3.2 erläutert, wie es in Märkten gelingt, die übrigen der in Abschnitt 1.5 genannten Funktionen des Wettbewerbs, „Entlohnung der Produktionsfaktoren nach der Marktleistung“, „Anpassungsflexibilität“ und „Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsmethoden“, zu erfüllen. Insbesondere die Betrachtung der beiden Faktoren „Anpassungsflexibilität“ und „Förderung des technischen Fortschritts“ gibt deutliche Hinweise darauf, dass – im Gegensatz zum statischen Modell der vollständigen Konkurrenz – der Markt dazu in der Lage sein kann, dynamische Aspekte zu berücksichtigen. Eine Alternative zu einem nicht vollständig funktionsfähigen Markt würde ein System zentral-bürokratischer Lenkung darstellen. Die Gegen überstellung von Vor- und Nachteilen eines solchen Systems mit einer Allokation durch den Markt (Abschnitt 3.3) zeigt, dass marktliche Allokation auch dann vermutlich die bessere Alternative darstellt, wenn dieser Markt nicht entsprechend den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz funktioniert. Schließlich wird gefragt, wann der Staat aufgrund von Marktversagen in die Wirtschaft eingreifen sollte (Abschnitt 3.4). Diese Frage stellt sich insbesondere deshalb, weil offenbar nicht jegliche Abweichung der Realität von den sehr restriktiven Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz als Marktversagen zu werten ist, da dann in fast sämtlichen Wirtschaftsbereichen nahezu ständig ein Eingriff erforderlich wäre. Zu bedenken ist insbesondere, dass solche Eingriffe mit Kosten verbunden sind und der Staat nur in Ausnahmefällen dazu in der Lage ist, das Optimum herbeizuführen. 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 57 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 57 Im Anhang zu diesem Abschnitt wird kurz dargelegt, auf welche Weise die hier zu Grunde gelegte Systematik der Marktversagens-Fälle dem in der Literatur häufig zu findenden Konzept der „öffentlichen“ Güter entspricht. 3.1 Einwendungen gegen das Modell der vollständigen Konkurrenz 3.1.1 Der Nirwana-Vorwurf Die Voraussetzungen des Modells der vollständigen Konkurrenz (vgl. Punkt 2.3) beschreiben einen Zustand, der in der Realität kaum je gegeben sein dürfte. Aufgrund des unrealistisch-restriktiven Charakters ihrer Annahmen wird die pare tianische Wohlfahrtsökonomik gelegentlich auch als Nirwana-Ansatz gekennzeichnet. Dabei steht die Bezeichnung „Nirwana“ (gemäß der buddistischen Lehre der Zustand höchster Erleuchtung) für eine ideale, aber damit auch irreale Welt. Der Nirwana-Vorwurf beinhaltet also die Frage, inwieweit der durch das Modell der vollständigen Konkurrenz beschriebene Zustand einen sinnvollen Referenzmaßstab zur Beurteilung der Funktionsfähigkeit realer Märkte darstellen kann. Hierzu muss zunächst einmal festgestellt werden, dass Modelle immer durch eine Vereinfachung der Realität gekennzeichnet sind. Derartige Vereinfachungen haben die Funktion, die komplexen und vielschichtigen Verhältnisse der Realität für eine Analyse handhabbar zu machen. Insofern ist jedes Modell unrealistisch; ein vollständig realistisches Modell wäre mit der Realität deckungsleich, würde also keine Vereinfachung der komplexen Zusammenhänge bieten und wäre somit überflüssig. Aus diesem Grund ist der Einwand, dass ein Modell unrealistisch sei, trivial und nichts sagend. Die in diesem Zusammenhang eigentlich relevante Frage wäre, inwiefern die durch die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz gegebenen Vereinfachungen zur Erklärung und/oder Beurteilung der betrachteten Probleme zweckmäßig sind. Hierüber kann man – in Abhängigkeit von der betrachteten Problemstellung – tatsächlich streiten, wobei natürlich insbesondere zu fragen ist, inwiefern alternative Theorien verfügbar sind, die eine bessere Lösung bieten. Da es bislang nicht gelungen ist, eine Theorie des Marktes zu entwickeln, die leis tungsfähiger ist als das Modell der vollständigen Konkurrenz, müssen wir mit diesem Modell vorlieb nehmen. Da die Verhältnisse auf fast jedem Markt in irgendeiner Weise nicht den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz entsprechen, wäre es offensichtlich unsinnig, bei jeder derartigen Abweichung von einer eingeschränkten Funktionsweise des Marktes bzw. einem Marktversagen auszugehen und entsprechenden politischen Handlungsbedarf zu sehen. Würde man einem solchen Konzept folgen, so wäre Marktversagen allgegenwärtig (Ubiquität des Marktversagens) und für die Wirtschaftspolitik würde es bloßen Aktionismus bedeuten, wenn sie versuchen würde, die unrealistischen Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz zu verwirklichen. Man mag auch darüber streiten, inwieweit die Erfüllung bestimmter Voraussetzungen des Modells der vollständigen Konkurrenz wie beispielsweise „unendliche Mobilität der Produktionsfaktoren“, „atomistische Marktstruktur“ oder „Homogenität der Güter“ sinnvoll bzw. erwünscht Teil I: Der Markt als Referenzsystem58 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 58 ist: Arbeitskräfte haben in der Regel Bindungen an ihren Wohnort und ziehen häufig die Immobilität einer Verlagerung ihres Wohnsitzes vor; eine atomistische Marktstruktur verhindert die Realisierung von Größenvorteilen in der Produktion; die Nachfrager wünschen ein differenziertes Produktprogramm und keine vollkommen homogenen Güter. Schließlich sind bestimmte Abweichungen von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz erforderlich, damit der Markt seine Funktion der Förderung des technischen Fortschritts erfüllen kann (hierzu Abschnitt 3.1.3). Der Nirwana-Vorwurf weist darauf hin, dass die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz vielfach wirklichkeitsfremd sind; in bestimmten Fällen wäre auch die Erfüllung der Voraussetzungen zumindest zwiespältig, wenn nicht sogar unerwünscht. Insofern ist bei der Analyse verschiedener möglicher Ursachen für ein Marktversagen (Teil II dieses Buches) zu fragen, welche Folgen bestimmte Abweichungen von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz haben, inwieweit hierdurch die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs leidet und, falls ja, inwieweit ein entsprechender wirtschaftspolitischer Eingriff lohnt (hierzu auch Abschnitt 3.4). 3.1.2 Die Problematik des Second-Best Das Problem des Second-Best wird dadurch verursacht, dass in einzelnen Wirtschaftsbereichen wesentliche Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz verletzt werden (z. B. fallende Durchschnittskosten infolge technisch unteilbarer Anlagen, die nicht beseitigt werden können oder sollen). Zur Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt ist es dann eventuell angezeigt, auch von anderen Voraussetzungen des Modells der vollständigen Konkurrenz abzuweichen, um insgesamt ein Second-Best-Wohlfahrtsoptimum zu realisieren, so die Aussage des Second-Best-Theorems. Dementsprechend kann es z. B. bei Vorliegen einer oligopolistischen Angebotsstruktur (wenige Anbieter, Abweichung von der Annahme einer atomistischen Marktstruktur) sehr fragwürdig sein, die Markttransparenz zu erhöhen, da hierdurch ein koordiniertes Verhalten der Anbieter (z. B. Preisabsprachen) mit entsprechender Ausbeutung der Konsumenten erleichtert wird. Aus diesem Grunde steht die Wettbewerbspolitik auch den Aktivitäten von Preismeldestellen sehr kritisch gegenüber. Insbesondere auf Märkten für relativ homogene Produkte (z. B. Rohstoffe), die durch ein erhebliches Maß an Konzentration auf der Angebotsseite gekennzeichnet sind, tendieren die Anbieter dazu, Preismeldestellen einzurichten. Preismeldestellen sammeln Informationen über Preis und Menge jeder Transaktion und stellen diese Informationen den am Markt operierenden Firmen zur Verfügung. Dieses hohe Maß an Markttransparenz kann auf Märkten mit einer beschränkten Anzahl von Anbietern zur Annäherung der Preise der verschiedenen Anbieter (oligopolistisches Parallelverhalten; hierzu auch Abschnitt 7.3.2) führen und erleichtert insbesondere die Überwachung der Einhaltung von (legalen oder illegalen) Kartellabsprachen. Es wäre aber wohl verfehlt, die Erkenntnis des Second-Best-Theorems, dass bestimmte Abweichungen von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz dann sinnvoll sind, wenn die Bedingungen des Modells in anderen Bereichen nicht vollständig erfüllt sind, zur allgemeinen Leitlinie der Politik zu 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 59 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 59 erheben. Bestimmte Abweichungen vom Idealzustand könnten dann nämlich immer mit anderen (in der Realität regelmäßig auffindbaren) Abweichungen gerechtfertigt werden, wobei die aufgrund des Second-Best-Theorems zugelassenen Unvollkommenheiten u. U. wiederum zur Begründung der Notwendigkeit eines weiteren Abrückens von den First-Best-Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz dienen. Es bestünde somit die Gefahr, dass man über keine einigermaßen klare wirtschaftspolitische Leitlinie mehr verfügt. Aus diesem Grunde ist die Politik wohl besser beraten, wenn sie sich trotz der Second-Best-Problematik grundsätzlich an den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz orientiert. Damit kommt diesen Bedingungen eine Art „Leitstern“-Funktion zu. Damit ist gemeint, dass man im Zweifel im Sinne dieser Bedingungen, und damit etwa für mehr Konkurrenz (gegen Marktzugangsbeschränkungen), für mehr Information und für größere Mobilität von Ressourcen (gegen Mobilitätsbeschränkungen) entscheidet. Ein Second-Best-Zustand sollte wohl nur in besonderen, gut begründeten Ausnahmefällen bewusst angestrebt werden. 3.1.3 Statischer Theorieansatz und dynamischer Wettbewerb Von den zu Grunde liegenden Annahmen her ist das Modell der vollständigen Konkurrenz eine statische Theorie, d. h. ihre Aussagen gelten unter den Bedingungen gegebener Ressourcenausstattung, gegebenen technischen Wissens, gegebener Produkte und gegebener Präferenzstrukturen der Nachfrager (vgl. Punkt 2.3). Dieser statische Charakter des Modells der vollständigen Konkurrenz lässt seine Eignung zur Beurteilung dynamischer Wettbewerbsprozesse fraglich erscheinen. Es gibt eine Reihe von Gründen dafür, weshalb ein System vollständiger Konkurrenz zwar effizient im Hinblick auf die statischen Wettbewerbsfunktionen ist (Entlohnung nach der Marktleistung, optimale Faktorallokation, Konsumentensouveränität), jedoch ineffizient im Hinblick auf die beiden dynamischen Wettbewerbsfunktionen (Anpassungsflexibilität, Förderung des technischen Fortschritts). Was die Förderung des technischen Fortschritts betrifft, so haben die Produzenten unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz keinen Anreiz zur Durchführung von Innovationen, weshalb man die Wettbewerbssituation in diesem Modell auch als ,Schlafmützenkonkurrenz‘ kennzeichnet. Der Grund für den fehlenden Innovationsanreiz liegt in der Annahme unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit: Ein Innovator kann keine Vorsprungsgewinne realisieren, da seine Konkurrenz annahmegemäß dazu in der Lage ist, die Innovation ohne jede Zeitverzögerung zu imitieren. Der Vorsprungsgewinn ist der Ertrag, der daraus resultiert, dass noch keiner oder nur ein Teil der anderen Anbieter über die Innovation verfügt. Vorsprungsgewinne stellen im Wettbewerbsprozess die Entlohnung des Innovators für seine Aufwendungen, insbesondere für das mit der Innovationstätigkeit verbundene Risiko, dar (siehe hierzu auch Abschnitt 3.2.3). Ein weiterer Grund für die Ineffizienz der vollständigen Konkurrenz bei der Erfüllung der dynamischen Wettbewerbsfunktionen besteht darin, dass es im Gleichgewicht bei vollständiger Konkurrenz – abgesehen von Unternehmerlohn und kalkulatorischer Eigenkapitalverzinsung – keine Gewinne gibt. Folglich verfügen die Produzenten auch nicht über die erforderlichen Reserven, um aufwändige Teil I: Der Markt als Referenzsystem60 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 60 Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten als Voraussetzung für technischen Fortschritt finanzieren zu können. Entsprechende Eigenmittel stellen deshalb eine Voraussetzung für aufwändige Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten dar, da solchen Projekten ein vergleichsweise hohes Risiko anhaftet und sie aus diesem Grunde in der Regel nur sehr beschränkt über Kredite finanziert werden können. Es gibt zwar eine Reihe von Ansätzen zu einer dynamischen Wettbewerbs theorie, die wir an den relevanten Stellen einbeziehen werden (siehe hierzu insbesondere Kapitel 7.4), letztendlich ist es bislang aber noch nicht gelungen, ein überzeugendes Konzept zu entwickeln, welches als eindeutiger Referenzmaßstab herangezogen werden könnte. 3.1.4 Schlussfolgerungen Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dynamische Effizienz ein gewisses Ausmaß an statischer Ineffizienz voraussetzt, wobei die Frage, was denn das optimale Ausmaß an statischer Ineffizienz sei, nicht beantwortet werden kann. Denn dazu müsste man das erreichbare bzw. wünschenswerte Ausmaß an Veränderung und technischem Fortschritt kennen. Dies soll aber gerade durch den Wettbewerb in seiner Funktion als gesellschaftliches Entdeckungsverfahren herausgefunden werden. Durch den Zielkonflikt zwischen statischer und dynamischer Effizienz sowie der Unmöglichkeit, eine optimale Unvollständigkeit oder Intensität des Wettbewerbs als Referenzmodell zu definieren, wird der Begriff des Marktversagens notwendig vage. Letztlich bedarf es immer einer wertenden Entscheidung, ob man eine Fehlfunktion als gravierend genug ansieht, um ihr mit wirtschaftspolitischen Mitteln entgegenzuwirken. Bei dieser Entscheidung sind die aus einer Beseitigung der Fehlfunktion resultierenden Wohlfahrtssteigerungen gegen die Kosten des Eingriffs abzuwägen (hierzu ausführlicher Abschnitt 3.4). 3.2 Wie kommt die Funktionsfähigkeit des Marktes zu Stande? In Abschnitt 1.6 wurden fünf Anforderungen an einen funktionsfähigen Wettbewerb vorgestellt, nämlich: I. Verteilung der Markteinkommen nach der Marktleistung. II. Erstellung und Verteilung des Angebotes an Waren und Dienstleis tungen entsprechend den Präferenzen der Konsumenten (Konsumentensouveränität). III. Lenkung der Produktionsfaktoren in ihre jeweils produktivste Verwendungsmöglichkeit. IV. Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen (Anpassungsflexibilität). V. Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsmethoden. Bei der Behandlung der wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen (Abschnitt 2.4 und Anhang zu Kapitel 2) konnte gezeigt werden, wie der Marktmechanismus dahingehend wirkt, dass sowohl das zweite als auch das dritte 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 61 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 61 Funktionsfähigkeits-Kriterium erfüllt ist. Im Folgenden wird gezeigt, auf welche Weise ein funktionsfähiger Markt auch die anderen drei Funktionen, nämlich die Verteilung der Markteinkommen entsprechend der Marktleistung (Punkt 3.2.1), die Anpassung der Produktion an sich ändernde Rahmenbedingungen (Punkt 3.2.2) sowie die Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsmethoden (Punkt 3.2.3) umsetzt. 3.2.1 Die Verteilung der Markteinkommen entsprechend der Marktleistung Von zentraler Bedeutung für die Ableitung der Einkommen der Produktionsfaktoren aus dem Markprozess ist die Produktionsfunktion, die den Zusammenhang zwischen Faktorinput und dem Output (X) angibt. Im einfachsten Fall wird dabei von nur zwei Produktionsfaktoren, nämlich Arbeit (A) und Kapital (K) ausgegangen, d. h. X = f (A, K). Wird die Einsatzmenge eines einzelnen Produktionsfaktors variiert, während die Einsatzmenge des (der) anderen Produktionsfaktors (Produktionsfaktoren) konstant bleibt, so spricht man von einer partiellen Faktorvariation. Demgegenüber liegt bei einer proportionalen Veränderung der Einsatzmengen sämtlicher Produktionsfaktoren eine totale Faktorvariation bzw. eine Niveauvariation vor. In der Literatur sind eine ganze Reihe unterschiedlicher Arten von Produktionsfunktionen herausgearbeitet worden. Modelle, die sich auf Fragen der Allokation beziehen, gehen üblicherweise von einer Produk tions funktion des ,neoklassischen‘ Typs aus. Das zentrale Kennzeichen dieser Art von Produktionsfunktion besteht darin, dass bei partieller Faktor variation die Grenzproduktivität des betreffenden Faktors (das Verhältnis von zusätzlicher Outputänderung zur Änderung der Einsatzmenge eines Faktors) mit ansteigender Einsatzmenge dieses Faktors abnimmt. Dieser Zusammenhang ist, bezogen auf den Faktor Arbeit (A), in Abbildung 3.1 dargestellt. Entsprechend dem Verlauf der Produktionsfunktion kann bei Einsatz der Arbeitsmenge A1 (und einem konstanten Einsatzniveau der anderen Produktionsfaktoren) die Outputmenge X1 hergestellt werden. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität in diesem Punkt (C1) ergibt sich aus dem Verhältnis 0X1/0A1 und entspricht somit der mit α1 gemessenen Steigung des Fahrstrahls 0C1 vom Ursprung (0) an den entsprechenden Punkt der Produktionsfunktion C1. Wird nun die Einsatzmenge des Faktors Arbeit auf das Niveau A2 erhöht, so ergibt sich entsprechend der unterstellten Produktionsfunktion die Outputmenge X2. Wie Abbildung 3.1 deutlich zeigt, fällt die Steigung des Fahrstrahls vom Ursprung an die entsprechende Stelle der Produktionsfunktion C2, und somit die durch schnittliche Arbeitsproduktivität, nun geringer aus, denn α2 < α1. Für eine infinitesimal kleine Faktorvariation ergibt sich die Grenzproduktivität bzw. der Grenzertrag als Steigung der Tangente an die Produktionsfunktion. Aus Abbildung 3.1 ist erkennbar, dass die Steigung der Tangente T2 an Punkt C2 und damit die Grenzproduktivität des Faktors A geringer ist als die Steigung der Tangente T1 an Punkt C1. Allgemein folgt aus dem Verlauf der in Abbildung 3.1 dargestellten Teil I: Der Markt als Referenzsystem62 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 62 Produktionsfunktion, dass die Grenzproduktivität des Faktors A mit zunehmender Einsatzmenge abnimmt. Abbildung 3.2 zeigt den Zusammenhang zwischen Grenzproduktivität bzw. Wertgrenzprodukt und Faktoreinsatzniveau. Das Wertgrenzprodukt ist der mit dem Produktpreis bewertete physische Grenzertrag. Anhand des Wertgrenzproduktes eines Faktors und des entsprechenden Faktorpreises, hier des Lohnsatzes, lässt sich die gewinnmaximale Faktoreinsatzmenge bestimmen. Dieses Optimum ist für das Unternehmen dort gegeben, wo das Wertgrenzprodukt eines Faktors gleich dem entsprechenden Faktorpreis ist (Punkt B mit der Faktoreinsatzmenge AG in Abbildung 3.2). Wäre die Faktoreinsatzmenge geringer (z. B. AE in Abbildung 3.2), so würde es sich für das Unternehmen lohnen, mehr Arbeit einzusetzen, da der nominelle Ertrag aus dem zusätzlichen Faktoreinsatz (Wertgrenzprodukt des betreffenden Faktors) größer ist als die damit verbundenen Kosten (Faktorpreis). Ist die Faktoreinsatzmenge hingegen größer als AG (z. B. AF in Abbildung 3.2), so wäre es für das Unternehmen ökonomisch rational, die Faktoreinsatzmenge zu reduzieren: In diesem Bereich liegt der Faktorpreis über dem Wertgrenzprodukt des betreffenden Faktors, d. h. er übersteigt den Wert des mit der entsprechenden Faktoreinsatzmenge produzierten Outputs. Da sich im Modell der vollständigen Konkurrenz alle Unternehmen den gleichen Faktorpreisen gegenübersehen, werden im Gleichgewicht alle Faktoren in sämtlichen Verwendungen das identische Wertgrenzprodukt aufweisen (siehe auch Abschnitt A2.2.3 des Anhangs zu Kapitel 2). Oder weniger mit Bezug auf die restriktiven Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz ausgedrückt: Der Gewinnanreiz der Unternehmen bzw. die Marktselektion (das Ausscheiden ineffizienter Unternehmen) sorgt dafür, dass sämtliche Produktionsfaktoren entsprechend ihrem Wertgrenzprodukt entlohnt werden. Sind die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz nur unvollständig erfüllt, so dürfte dies zur Folge haben, dass die Entlohnung der Produk- Abbildung 3.1: Durchschnittsproduktivität und Grenzproduktivität Die bei einer bestimmten Outputmenge realisierte Durchschnittsproduktivität entspricht der Steigung des Fahrstrahls. Die Grenzproduktivität wird durch die Steigung der Tangente der Produktionsfunktion in einem Punkt angegeben. 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 63 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 63 tionsfaktoren nicht überall genau ihrem jeweiligen Wertgrenzprodukt entspricht, allerdings bewirkt auch ein den Idealbedingungen nur teilweise entsprechender Marktmechanismus in der Regel eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Tendenz in diese Richtung. Das im Marktprozess relevante Maß für die Marktleistung der Produktionsfaktoren stellt somit deren Wertgrenzprodukt dar. Inwiefern man die sich daraus ergebende Einkommensverteilung als ,gerecht‘ ansieht, ist eine Frage der entsprechenden (subjektiven) Werturteile, die hier nicht diskutiert werden sollen. Wichtig erscheinen aber zwei Hinweise: •• Die Grenzproduktivität bzw. das Wertgrenzprodukt eines Faktors hängt nicht allein von diesem Faktor selbst ab, sondern sie wird auch wesentlich von der Einsatzmenge und der Qualität der komplementären Produktionsfaktoren bestimmt. Dementsprechend können beispielsweise gering bewertete Marktleistungen des Faktors Arbeit auch durch eine relativ geringe oder qualitativ schlechte Ausstattung mit Kapital bedingt sein. •• Die Entlohnung nach dem Wertgrenzprodukt stellt eine besondere Form der Leistungsgerechtigkeit dar, nämlich die Entlohnung nach dem Erfolg am Markt. Dabei spielt es letztendlich keine Rolle, ob dieser Erfolg mit relativ viel oder relativ wenig Aufwand verbunden war. Eine ,marktgerechte‘ Entlohnung ist also nicht zwangsläufig mit einer Honorierung der geleisteten Mühe gleichzusetzen. Abbildung 3.2: Wertgrenzprodukt, Faktorpreis und eingesetzte Faktormenge Die gewinnmaximale Einsatzmenge eines Produktionsfaktors ist dort gegeben, wo sein Wertgrenzprodukt dem zu entrichtenden Faktorpreis entspricht. Solange das Wertgrenzprodukt den Faktorpreis übersteigt, führt ein Mehreinsatz des betreffenden Faktors zu höherem Gewinn. Fällt das Wertgrenzprodukt geringer aus als der Faktorpreis, so lohnt eine Reduktion der Einsatzmenge des betreffenden Faktors. Teil I: Der Markt als Referenzsystem64 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 64 3.2.2 Anpassung der Produktion an sich wandelnde Rahmenbedingungen Um eine effiziente Allokation nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt,  sondern auch im Zeitablauf zu gewährleisten, muss sich die Wirtschaft an wandelnde Rahmenbedingungen, wie z. B. Nachfrageverschiebungen, Änderungen von Faktorpreisrelationen sowie Verbesse rungen im Bereich der Produktionstechnik, anpassen. In diesem Abschnitt wird die Reaktion eines funktionsfähigen Marktes auf Nachfrageverschiebungen und Faktorpreisänderungen erläutert; mit Änderungen im Bereich der Produktionstechnik beschäftigt sich dann Abschnitt 3.2.3. Abbildung 3.3 illustriert die marktlichen Anpassungsreaktionen an eine Verschiebung der Nachfrage von einem Gut X zu einem anderen Gut Y. Der Grund für diesen Wandel der Nachfragestruktur könnte etwa in einer entsprechenden Ver- änderung der Präferenzen bei den Nachfragern bestehen. Ausgangspunkt sei das Marktgleichgewicht im Schnittpunkt der Angebotskurve AX mit der Nachfragekurve N1X. (Punkt B in Abbildung 3.3). Da die Nachfrage nach dem Gut X von N1X auf N2X zurückgeht, kommt es beim alten Gleichgewichtspreis P1X zu einem Angebotsüberhang im Umfang der Menge X1-X1A. Der Wettbewerb der Anbieter von Gut X, die um eine optimale Auslastung ihrer Kapazitäten bemüht sind, führt zu Preissenkungen, bis das neue Gleichgewicht bei der Menge X2 und dem Preis P2X (Punkt C in Abbildung 3.3) erreicht ist. Infolge dieser Preissenkungen wird ein Teil der Produktionskapazitäten unrentabel, und es kommt zu Marktaustritten; im Normalfall treten genau diejenigen Kapazitäten bzw. Anbieter aus dem Markt aus, die zu dem neuen Gleichgewichtspreis nicht mehr wettbewerbsfähig sind, da die bei ihnen anfallenden Kosten die für den entsprechenden Output zu erzielenden Erlöse übersteigen. Abbildung 3.3: Anpassungsreaktionen des Marktes an eine Veränderung der Nachfragestruktur Verschiebt sich die Nachfrage von Gut X nach Gut Y, so sinkt der Preis für Gut X während der Preis für Gut Y steigt. Da auch die umgesetzte Menge des Gutes X zurückgeht, werden entsprechende Produktionskapazitäten stillgelegt bzw. für die Produktion anderer Güter eingesetzt. Die auf dem Markt für das Gut Y umgesetzte Menge steigt. Hierfür werden zusätzliche Produktionskapazitäten benötigt. 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 65 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 65 Auf dem Markt für das Gut Y bewirkt die ansteigende Nachfrage – ausgehend vom ursprünglichen Gleichgewicht in Punkt D – eine Verschiebung der Nachfragefunktion von N1Y nach N2Y (Abbildung 3.3). Daraufhin werden die bereits auf dem Markt vorhandenen Anbieter versuchen, ihren Gewinn zu erhöhen, indem sie ihre Absatzmenge steigern. Darüber hinaus induziert die Möglichkeit zur Erzielung relativ hoher Gewinne den Marktzutritt weiterer Anbieter. Durch diese Anpassungsprozesse wird das Gleichgewicht in Punkt E mit dem Preis P2Y und der Menge Y2 erreicht. Der Marktmechanismus führt also dazu, dass die Nachfrageverschiebung von Gut X hin zu Gut Y eine entsprechende Reallokation von Produktionsfaktoren von der Herstellung des Gutes X hin zur Herstellung des Gutes Y zur Folge hat. Wichtig ist die Feststellung, dass Markteintritte (Gründungen) und Marktaustritte (Stilllegungen) ganz normale Begleiterscheinungen eines funktionsfähigen Marktprozesses darstellen. Der Wettbewerb hat hier zwei wesentliche Aufgaben. Zum einen sind solche Markteintritte zu ermöglichen bzw. auszuwählen, die konkurrenzfähig sind und somit einen positiven Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt leisten. Zum anderen ist im wettbewerblichen Prozess zu entscheiden, welche Kapazitäten bzw. Unternehmen aus dem Markt austreten müssen. Gibt es auf einem bestimmten Markt keine oder nur eine geringe Fluktuation der Anbieter, so läge der Verdacht nahe, dass die Funktionsfähigkeit dieses Marktes eingeschränkt ist. Wesentliche Voraussetzungen für eine solche ,normale‘ Reaktionsweise des Marktes auf Nachfrageverschiebungen sind die Existenz von Wettbewerb sowie die Mobilität von Produktionsfaktoren. Mobilität von Produktionsfaktoren setzt wiederum möglichst geringe Marktzutritts- bzw. Marktaustrittshemmnisse voraus. Mögliche Marktaustritts- bzw. Marktzutrittshemmnisse werden in Abschnitt 7.4 behandelt; auf Störungen der Anpassungsflexibilität des Marktes wird in Abschnitt 11.2. eingegangen. Allgemein kann man sagen, je unbeschränkter die Mobilität der Produktionsfaktoren, desto schneller und reibungsloser finden die hier dargestellten Anpassungsprozesse statt. Auch wenn die diesbezüglichen Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz nur unvollständig erfüllt sind, wirkt der Marktmechanismus in der Regel auf eine entsprechende Reallokation der Produktionsfaktoren hin. Wird die Produktion eines bestimmten Gutes – etwa aufgrund steigender Faktorkosten – teurer, so äußert sich dies in einer Verschiebung der Angebotskurve nach oben, wie dies in Abbildung 3.4 dargestellt ist (Übergang von der Angebotskurve A1 nach A2). Das neue Gleichgewicht (Punkt C in Abbildung 3.4) ist durch die Menge X2 und den Preis P2 gekennzeichnet. Bei normalem Verlauf von Angebots- und Nachfragekurve ist die im neuen Gleichgewicht umgesetzte Menge X2 geringer als die Menge im alten Gleichgewicht X1. Es wird also auch hier der Marktaustritt von Kapazitäten bzw. von Anbietern erforderlich. In der Regel erhöht sich allerdings nicht der Preis sämtlicher Produktionsfaktoren im selben Maße, sondern bestimmte Kostenkomponenten werden stärker ansteigen als andere. In diesem Falle ist auch eine Variation der Faktoreinsatzverhältnisse erforderlich, um die optimale Faktorkombination zu realisieren. Eine solche Faktorsubstitution setzt eine entsprechende Flexibilität der Produktionsprozesse Teil I: Der Markt als Referenzsystem66 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 66 voraus, die kurz fristig nicht immer gegeben ist. Aus diesem Grunde erfordern solche Anpassungsprozesse in der Regel Zeit. Je höher die technische Flexibilität von Anlagen, d. h. je geringer die Umrüstkosten und je höher die Mobilität der Produktionsfaktoren zwischen verschiedenen Verwendungen, desto geringer der Zeitbedarf für entsprechende Anpassungen. 3.2.3 Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und  Produktionsverfahren Innovationen werden üblicherweise in Produktinnovationen und Verfahrens- bzw. Prozessinnovationen unterteilt. Die erfolgreiche Einführung neuer Produkte bedeutet nichts anderes, als dass ein neuer Markt entsteht und Nachfrage von Substitutionsgütern abgezogen wird. Es findet also eine Nachfrageverschiebung hin zu dem neuen Gut statt; ein Fall, der bereits im vorherigen Abschnitt behandelt wurde. Ein gewisser gradueller Unterschied zu diesem allgemeinen Fall der Nachfrageverschiebung kann allerdings darin gesehen werden, dass der erste Anbieter eines neuen Produktes eine gewisse Monopolstellung innehat und daher meist dazu in der Lage ist, relativ hohe Gewinne zu erzielen. Da der Fall der Nachfrageverschiebung bereits unter Punkt 3.2.2 betrachtet wurde, bleibt die folgende Darstellung auf Verfahrensinnovationen beschränkt. Damit sich neue Produktionsverfahren durchsetzen und von den Unternehmen übernommen (adoptiert) werden, müssen sie gegenüber den herkömmlichen Verfahren Vorteile aufweisen. Solche Vorteile können ins besondere in Einsparungen Abbildung 3.4: Anpassungsreaktion an eine Erhöhung der Faktorkosten Bei einer Erhöhung der Faktorkosten verschiebt sich die Kostenfunktion und somit die Angebotskurve nach oben. Der Preis des Gutes steigt, die umgesetzte Menge geht zurück. 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 67 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 67 von Produktionsfaktoren und somit der Verringerung der Produktionskosten bestehen; daneben spielt verschiedentlich auch eine Rolle, dass ein neues Verfahren die Möglichkeit zur Fertigung neuer Produkte bzw. bestimmter Qualitäten ermöglicht, was sich als eine Produktinnovation auffassen lässt und hier vernachlässigt werden soll. Technischer Fortschritt meint hier also ausschließlich die durch eine Neuerung mögliche Einsparung an Produktionsfaktoren (reine Verfahrensinnovation). Eine Einsparung von Produktionsfaktoren bewirkt, dass sich die Isoquanten bei einem gegebenen Outputniveau zum Ursprung hin verschieben (etwa die Isoquante I1 nach I2), da nun die gleiche Menge des betreffenden Gutes mit geringerem Faktoraufwand produziert werden kann (vgl. Abbildung 3.5a). Dementsprechend erreicht man mit dem neuen Verfahren eine höher gelegene Produktionsfunktion (P2 in Abbildung 3.5b). Dies führt wiederum zu einer Senkung der Produktionskos ten, so dass die neue Kostenfunktion unterhalb der alten verläuft (Abbildung 3.5c). Folglich liegt – wie in Abbildung 3.5d dargestellt – auch die Angebotskurve A2 unterhalb der ursprünglichen Kurve (A1). Derjenige Anbieter, der das neue Produktions- Abbildung 3.5: Wirkungen des Einsatzes von Verfahrensinnovationen auf Kosten und Marktgleichgewicht Die Verfahrensinnovation führt dazu, dass eine gegebene Produktionsmenge mit  geringerem Faktoreinsatz bereitgestellt werden kann. Somit verlagert sich das Isoquantensystem zum Ursprung (a). Die Produktionsfunktion verschiebt sich nach oben, da mit einer bestimmten Faktoreinsatzmenge mehr Output entsteht (b). Dadurch sinken die Produktionskosten, was sich in einer Verschiebung der Kostenfunktion (c) und damit der Angebotskurve (d) nach unten niederschlägt. Teil I: Der Markt als Referenzsystem68 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 68 verfahren als erster einsetzt, wird durch die geringeren Produktionskosten dazu in die Lage versetzt, zu niedrigeren Preisen anzubieten bzw. höhere Gewinne zu realisieren. Durch die sinkenden Preise entsteht für die Konkurrenten ein Wettbewerbsdruck, der sie dazu veranlasst, ebenfalls auf die neue Technik umzustellen. Haben sämtliche Anbieter die Verfahrensinnovation adoptiert, so ergibt sich ein neues Gleichgewicht, das durch die Menge X2 und den Preis P2 gekennzeichnet ist. Die Möglichkeit, durch die Einführung neuer Produkte oder die Übernahme neuer Produktionsverfahren übernormale Gewinne zu erzielen, stellt den Anreiz zur Durchführung der betreffenden Innovationen dar. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Pioniergewinn des Innovators. Je länger die Anpassungsreaktionen seiner Konkurrenten, des to höher der Pioniergewinn des Innovators und damit auch der Anreiz zur Innovation. Folglich wird ein relativ schnelles Nachziehen von Konkurrenten bei der Produktion neuer Produkte bzw. bei der Einführung neuer Produktionsverfahren häufig auch als eher negativ hinsichtlich der Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsverfahren angesehen (vgl. hierzu die Ausführung unter Punkt 3.1.3). Aus diesem Grunde ist eine sehr hohe Reaktionsgeschwindigkeit der Konkurrenten bei der Einführung neuer Produkte und Produktionsverfahren gesamtwirtschaftlich nicht erwünscht, da sie den Innovationsanreiz mindert. In dieser Hinsicht besteht ein gewisser Gegensatz zwischen statischer Effizienz (Wohlfahrtsverluste durch monopolistisches Verhalten) und dynamischer Effizienz im Sinne der Förderung des technischen Fortschritts. 3.3 Marktliche versus zentrale Allokation: Anreize und Transaktionskosten „Planung ist das Ersetzen von Zufall durch Irrtum“ (Ökonomenweisheit). Mit dem Nachweis, dass ein idealer Markt – sofern auch die entsprechenden ,Totalbedingungen‘ erfüllt sind – zu einer gesamtwirtschaftlich optimalen Allokation von Gütern und Produktionsfaktoren führt, ist allerdings erst die notwendige Bedingung für die Überlegenheit einer marktwirtschaftlichen Steuerung über ein System hierarchischer Lenkung durch eine Bürokratie erfüllt. Denn zum einen kann die Funktionsweise realer Märkte so wesentlich von der eines idealen Marktes abweichen, dass der Markt bei der Erfüllung seiner Aufgaben versagt. Diese Fälle eines ,Marktversagens‘ und mögliche staatliche Eingriffsmöglichkeiten sind Gegenstand von Teil II dieses Buches. Zum anderen lässt sich – zumindest rein theoretisch – nicht ausschließen, dass auch mittels zentraler Lenkung das gleiche Ergebnis erreicht werden kann wie durch einen idealen Markt. Aber auch für den Fall, dass der Markt versagt, ist der Vergleich zwischen marktlicher und zentraler Allokation wichtig, da in der Regel eine Reihe von Alternativen für korrigierende wirtschaftspolitische Eingriffe bestehen, die sich hinsichtlich ihrer ,Marktnähe‘ deutlich unterscheiden. Es ist – wie noch im Einzelnen gezeigt wird – bei Vorliegen eines ,Marktversagens‘ nämlich längst nicht in sämtlichen Fällen erforderlich, den Marktprozess in dem betreffenden Bereich vollständig außer Kraft zu setzen und durch ein System bürokratischer Steuerung zu ersetzen, sondern es 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 69 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 69 bestehen häufig vielfältige Möglichkeiten, durch marktanaloge Lösungen einige der Vorteile marktlicher Steuerung zu erhalten. Bei der Entscheidung für eine bestimmte Form der Korrektur von Marktversagen sollte man sich also der Vor- und Nachteile marktlicher bzw. zentral-bürokratischer Allokation bewusst sein. Die hinreichende Begründung für die Überlegenheit marktlicher Allokation im Vergleich zu einem System zentraler bzw. bürokratischer Lenkung beruht letztendlich auf einer Gegenüberstellung der mit beiden Koordinationsmechanismen verbundenen Transaktionskosten und Anreize. Betrachten wir unter diesem Aspekt zunächst ein System zentraler Lenkung bzw. bürokratischer Steuerung, also der Leistungserstellung im Rahmen einer Hierarchie. Wollte eine zentrale Instanz (der Staat) eine optimale Allokation herbeiführen, so wären hierfür vier Schritte erforderlich. Erstens müssen in sämtlichen Betrieben und Haushalten alle für die Plan erstellung benötigten Informationen erhoben werden. Dies umfasst etwa: •• Die Erhebung von Informationen über die Präferenzen der Individuen. Die Kenntnis der individuellen Präferenzen ist zum einen notwendig, um die von jedem Gut herzustellende Menge festlegen zu können. Zum anderen ist sie erforderlich, um diese Güter dann den Individuen entsprechend ihrer relativen Wertschätzung am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zuzuteilen. •• Umfassende Kenntnisse der in Frage kommenden Produktionsverfahren, also der gegenwärtig und zukünftig möglichen Techniken sowie die sich daraus ergebenden Kostenfunktionen. Auf der Grundlage dieser Informationen kann die zentrale Instanz festlegen, welches Produktionsverfahren das in gesamtwirtschaftlicher Sicht vorteilhafteste ist und angewandt werden sollte. •• Informationen über die Mengen und die Qualitäten der zur Verfügung stehenden Ressourcen (einschließlich der Arbeitskräfte), um deren Aufteilung auf die verschiedenen Produktionsprozesse vorzunehmen (z. B. Planung von Investitionsvorhaben). In einem zweiten Schritt wird der Plan erstellt, der festlegt, welche Güter mit welchen Produktionsverfahren in welchen Mengen herzustellen sind und – darauf aufbauend – wie die produzierten Güter auf die Individuen verteilt werden sollen (Produktions- und Konsumplan). Dabei besteht die Aufgabe darin, mit den vorhandenen Produktionsmöglichkeiten die Präferenzen der Individuen optimal zu befriedigen – und damit durch zentrale Planung das Optimum Optimorum zu ermitteln. Drittens hat die zentrale Instanz die Aufgabe, diesen Plan umzusetzen. Dies bedeutet, dass die relevanten Planinformationen bis zur letzten produzierenden Einheit gelangen und die betreffenden Entscheidungsträger diesen Vorgaben folgen. Und viertens schließlich ist die Planerfüllung zu kontrollieren und auf unvorhergesehene Änderungen (z. B. hinsichtlich der Verfügbarkeit von Ressourcen) mit einer entsprechenden Revision des Planes zu reagieren. In diesem Prozess der Erstellung, Durchsetzung und Kontrolle des Planes treten nun zwei Probleme auf, nämlich das Informations- und das Anreizproblem. Das Informationsproblem beinhaltet den mit der Erhebung und Verarbeitung der für die Erstellung eines optimalen zentralen Planes erforderlichen Aufwand. Dabei Teil I: Der Markt als Referenzsystem70 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 70 entstehen besondere Probleme der Informationsbeschaffung etwa dann, wenn die Akteure nicht freiwillig zur Bereitstellung dieser Informationen bereit sind bzw. wenn sie bewusst falsche Angaben machen (siehe hierzu die Ausführungen zum Anreizproblem weiter unten). Verfügt die zentrale Instanz über sämtliche benötigten Informationen, so sind diese Informationen in einem zweiten Schritt auszuwerten und in entsprechende Entscheidungen umzusetzen. Eine besondere Schwierigkeit stellt dabei die Lösung des Bewertungsproblems dar. Dieses Problem ergibt sich bei zentral-bürokratischer Planung deshalb, weil keine Marktpreise existieren, die über die Knappheitsrelationen informieren. Also muss die Planungsbürokratie versuchen, entsprechende Wertmaßstäbe aufzustellen. Dies beinhaltet etwa die Bewertung der verschiedenen zur Verfügung stehenden Ressourcen hinsichtlich ihrer Qualitäten, ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Knappheiten etc. sowie die Ermittlung der individuellen Zahlungsbereitschaften für einzelne Güter. Auch dieser zweite Schritt ist mit enormem Aufwand verbunden, ebenso wie die daran anschließende Durchführung und Kontrolle der Entscheidungen. Wichtig ist die Feststellung, dass es nicht ausreicht, die optimale Allokation zu einem bestimmten Zeitpunkt festzulegen: Zur Sicherstellung des Allokationsoptimums im Zeitablauf muss die zentrale Instanz auch schnell und flexibel auf Änderungen von Präferenzen, auf Veränderungen in der Verfügbarkeit von Produktionsfaktoren sowie auf Produkt- und Verfahrensinnovationen reagieren. Insbesondere bestünde in einem solchen System auch die Notwendigkeit, Prozessund Produktinnovationen im Vorhinein zu planen. Neben diesen Schwierigkeiten der Informationsermittlung und -verarbeitung treten Anreizprobleme auf. Im Rahmen der zentralen Lenkung müssen alle Beteiligten von dem Ziel geleitet sein, ,dem Plan zu dienen‘, auch wenn sie sich im Einzelfall auf Kosten der Planerfüllung individuell besser stellen könnten. Im Zweifel werden freilich die verschiedenen Anreize zu eigennutzorientiertem Verhalten stärker sein als die Vorgaben des Plans. Entsprechend ist zu erwarten, dass die Betriebe der Planungsbehörde einen höheren als den tatsächlichen Bedarf an Produktionsfaktoren melden, um – im Falle der Zuteilung einer überhöhten Menge – mit größeren Reserven disponieren zu können. Die Haushalte werden dazu neigen, ihre Bedürfnisse übertrieben darzustellen mit dem Ziel, auf diese Weise eine möglichst hohe Zuteilung zu erlangen. Und schließlich kann es auch innerhalb der Planungsbehörde Anreize zu eigennützigem Verhalten geben (Bürokratieproblem). Nicht nur, dass die Steuerung eines umfangreichen bürokratischen Apparates mit enormen bürokratieinternen Transaktionskosten verbunden ist; insbesondere entsteht die Gefahr, dass eine solche große Organisation – wie häufig zu beobachten – eine Eigendynamik entfaltet, wobei der eigentliche Zweck der Organisation aus dem Auge zu geraten droht. Dies gilt um so mehr, wenn die betreffenden Akteure nicht ausschließlich bestrebt sind, entsprechend dem vermeintlichen Allgemeinwohl zu handeln, sondern auch eigennützige Ziele verfolgen (vgl. auch Abschnitt 14.3). Es liegt auf der Hand, dass sowohl die Erhebung und Verarbeitung der für einen zentralen Plan benötigten Informationen als auch dessen Durchführung und Kontrolle mit enormem Aufwand verbunden ist. Aus diesem Grunde kann man realistischerweise wohl kaum davon ausgehen, dass zentrale Steuerung zu einer effizienten Allokation führt. Am Beispiel der Aufgabe der Förderung des techni- 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 71 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 71 schen Fortschritts bei Produkten und Produktionsverfahren wird diese Aussichtslosigkeit besonders deutlich. In ökonomischer Sicht stellt eine Erfindung und deren Umsetzung (Innovation) nichts anderes als die Generierung neuen Wissens dar. Da neues Wissen ex ante nicht bekannt sein kann, ist es auch unmöglich, dieses Wissen bzw. dessen Generierung im Vorhinein zu planen und die ,richtige‘ Menge an Ressourcen in entsprechende Innovationsprozesse abzuordnen. Beispiele aus dem Bereich der privaten Unternehmen zeigen sehr deutlich, dass selbst in diesem, im Vergleich zu einer gesamten Volkswirtschaft relativ kleinen Maßstab, die Planung und die Vermarktung von Innovationen auch bei Anwendung ausgefeilter Managementtechniken und eines hohen Marktforschungsaufwandes nicht selten mehr oder weniger vollständig misslingt. Im Gegensatz zu einer solchen zentral geplanten Allokation sind die Informationskosten bei einer dezentral-marktlichen Lösung deutlich geringer. Zunächst entfällt die Notwendigkeit der Sammlung von Informationen über die individuellen Präferenzen, da die Individuen selbst die entsprechenden Allokationsentscheidungen treffen und ihre Präferenzen weitaus besser kennen, als eine staatliche Bürokratie sie je in Erfahrung bringen könnte. Auch die Unternehmen verfügen in der Regel über umfangreiches und differenziertes Wissen hinsichtlich ihrer Produkte, ihrer Märkte und möglicher Produktionsverfahren; man kann erwarten, dass diese Informationen aufgrund der besseren Kenntnis der Verhältnisse ,vor Ort‘ von höherer Qualität sind als die entsprechenden Informationen einer zentralen Allokationsinstanz. Schließlich entfällt der Aufwand zur Bewältigung des Bewertungsproblems, denn in einem funktionsfähigen marktwirtschaftlichen System wird ja die Verfügbarkeit von Ressourcen bzw. die Wertschätzung der Güter über die Preise signalisiert. Da also die Notwendigkeit der Erhebung eines wesentlichen Teils der in einem zentralen System benötigten Informationen bei dezentral-marktwirtschaftlicher Organisation der Allokation entfällt, sind auch die Transaktionskosten hier entsprechend niedriger. Ebenso ist der Aufwand zur Verarbeitung dieser Informationen zu einem zentralen Allokationsplan sowie zu dessen Durchführung und Kontrolle bei einer Allokation über Märkte überflüssig. Natürlich ist auch ein System dezentraler Entscheidungen mit Informations- und Transaktionskosten verbunden. Da die Entscheidungen aber dort getroffen werden, wo die Informationen bereits vorliegen bzw. zu relativ niedrigen Kosten generiert werden können, fällt der hierfür erforderliche Aufwand vergleichsweise gering aus. Ein möglicher Vorteil der zentralen Steuerung gegenüber marktlicher Allokation könnte darin bestehen, dass eine Reihe von Informationen (etwa über Produkteigenschaften oder Charakteristika von Produktionsprozessen) idealerweise nur einmal, nämlich von der zentralen Planungsinstanz, generiert werden müssen. Die praktischen Erfahrungen mit Systemen zentraler Lenkung haben jedoch gezeigt, dass dieser Vorteil zentraler Informationsbeschaffung durch den in anderer Hinsicht zusätzlichen Informationsbedarf deutlich überkompensiert wird. Ein weiterer Vorzug einer marktwirtschaftlichen Allokation im Vergleich zu einem System zentraler Lenkung besteht in der höheren Anreizkompatibilität. Damit ist gemeint, dass in einem privaten Markt die Akteure frei sind, im Rahmen der Teil I: Der Markt als Referenzsystem72 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 72 geltenden Regeln ihren individuellen Interessen zu folgen und dabei ihren Eigennutz zu maximieren. Wenn die Individuen entsprechend ihrem Eigeninteresse handeln dürfen, dann sind viele der staatlichen Kontrollfunktionen überflüssig, die bei einer zentralen Lenkung der Wirtschaft zur Durchsetzung eines Allokationsoptimums notwendig wären. Darüber hinaus ist mit einer höheren Leistungsmotivation der Akteure zu rechnen, wenn diese ihren eigenen Interessen folgen, als wenn sie weitgehend fremdbestimmt einen von der Bürokratie vorgegebenen Plan erfüllen müssen. Die im Vergleich zu einer zentralen Lenkung der Wirtschaft geringeren Informations- und Transaktionskosten sowie die gesamtwirtschaftlich vorteilhafteren Anreize sind es, die erwarten lassen, dass eine Allokation über den Markt gegen- über einem System zentral-bürokratischer Lenkung zu überlegenen Ergebnissen führt. Die daraus resultierende Grund entscheidung für eine marktwirtschaftliche Ordnung impliziert dann, dass Eingriffe in den Markt mit dem Argument eines Marktversagens explizit begründet werden müssen. Aber auch dann, wenn der Markt ,versagt‘, bestehen in der Regel Alternativen dahingehend, wie weit der Marktmechanismus außer Kraft gesetzt und durch bürokratische Steuerung zu ersetzen versucht wird. Bei der Behandlung der wirtschaftspolitischen Eingriffsmöglichkeiten bei Vorliegen eines Marktversagens in Teil II dieses Buches wird jeweils auch auf den Aspekt der Marktnähe eingegangen. 3.4 Wann sollte der Staat eingreifen? Es existiert kein Kriterium, mit dessen Hilfe sich die Grenze des Marktversagens mit wissenschaftlicher Exaktheit bestimmen ließe. Es sind immer wertende Entscheidungen darüber erforderlich, inwieweit ein Markt im Großen und Ganzen funktionsfähig ist oder ob ein Ausmaß an Marktversagen vorliegt, das wirtschaftspolitisches Handeln erfordert. Um jedoch ein Mindestmaß an Rationalität wirtschaftspolitscher Entscheidungsprozesse sicherzustellen, sollte man bei der Begründung staatlicher Eingriffe explizit argumentieren, inwiefern Ursachen für gra vierende Einschränkungen in der Funktionsweise bestimmter Märkte vorliegen oder ob das Marktergebnis etwa aus verteilungspolitischen Gründen korrigiert werden sollte. Eine solche Fundierung wirtschaftspolitischer Entscheidungen ermöglicht insbesondere ursachenadäquate Eingriffe und beugt bloßem wirtschaftspolitischen Aktionismus vor. Macht man den wirtschaftspolitischen Eingriff vom Vorhandensein einer plausiblen theoretischen Begründung abhängig, so könnte es allerdings auch sein, dass eigentlich gerechtfertigte Maßnahmen unterbleiben, weil die Theorie hier ein Defizit aufweist oder in wesentlichen Punkten fehlerhaft ist (siehe hierzu auch Abschnitt 14.2.1). Nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens sind es – abgesehen von marktwidrigen staatlichen Eingriffen – vor allem vier Kategorien von Ursachen, unter denen Märkte in ihrer Funktionsfähigkeit beeinträchtigt sein können. Dabei handelt es sich um •• externe Effekte, •• Unteilbarkeiten und Marktmacht, 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 73 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 73 •• Informationsmängel sowie •• Anpassungsmängel. Diese vier Kategorien benennen Verletzungen von zentralen Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz. Insofern stellt die Theorie des Marktversagens eine systematische Analyse der Auswirkungen dar, mit denen zu rechnen ist, falls die Wirklichkeit von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz abweicht. Im nachfolgenden zweiten Teil dieses Buches werden die Ursachen und Folgen von externen Effekten, Unteilbarkeiten und Marktmacht sowie Informations- und Anpassungsmängeln analysiert; darauf aufbauend werden jeweils grundlegende wirtschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten zur Korrektur eines entsprechenden Marktversagens behandelt. Darüber hinaus wird kurz auf die mögliche Bedeutung von Nicht-Rationalität für die Begründung staatlicher Eingriffe eingegangen. In der Literatur findet sich häufig die Behauptung, dass der Staat in die Bereitstellung solcher Güter eingreifen solle, die sogenannte „öffentliche Güter“ darstellen. Wie sich leicht zeigen lässt (siehe hierzu den Anhang zu diesem Kapitel), schließt die hier zu Grunde gelegte Systematik der Ursachen von Marktversagen solche öffentlichen Güter mit ein. Ergeben die Analysen begründete Anzeichen für das Vorliegen von Marktversagen, so folgt daraus allerdings keinesfalls automatisch, dass der Staat dazu in der Lage ist, eine Allokationsverbesserung oder gar das Allokationsoptimum herbeizuführen. Gegen eine zu optimistische Sichtweise der Möglichkeiten staatlichen Handelns sprechen vor allem die Argumente, die bereits im Zusammenhang mit einer zentralen Lenkung der Allokation behandelt wurden (vgl. Abschnitt 3.3): •• Es ist zumindest zweifelhaft, ob die staatlichen Entscheidungsträger tatsächlich über die relevanten Informationen – z. B. über die Präferenzen der Haushalte und die Kostenstrukturen der Unternehmen – verfügen, um im Falle einer nachweislichen Fehlfunktion des Marktes ein besseres Allokationsergebnis zu erzeugen. •• Staatliche Maßnahmen zur Korrektur eines Marktversagens erfordern in einigen Fällen eine Veränderung der Anreizstruktur der Privaten. Inwiefern es gelingt, die Anreize so zu setzen, dass daraus eine Allokationsverbesserung resultiert, dürfte wesentlich vom Verständnis der staatlichen Entscheidungsträger hinsichtlich der Funktionsweise von Märkten abhängen. •• Vielfach bedeutet auch die Korrektur eines Marktversagens, dass marktliche Allokationsentscheidungen zumindest teilweise durch staatliche Entscheidungsverfahren zu ersetzen sind. Polit-ökonomische Analysen (vgl. auch Kapitel 14) zeigen jedoch, dass sich die staatlichen Entscheidungsträger nicht ohne weiteres ausschließlich an der gesamtwirtschaftlichen Effizienz orientieren, sondern durchaus – sofern es die institutionellen Rahmenbedingungen zulassen – ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen. Aus diesen Gründen sind zumindest Zweifel angebracht, inwiefern staatliche Maßnahmen zur Korrektur von Marktversagen tatsächlich Allokationsverbesserungen bewirken. Ein weiterer Aspekt, der bei der Entscheidung, ob und, wenn ja, auf welche Art und Weise der Staat bei Vorliegen eines Marktversagens eingreifen sollte, stellen die Kosten der entsprechenden Maßnahme dar. Dabei handelt es sich um: Teil I: Der Markt als Referenzsystem74 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 74 a) die mit der Maßnahme verknüpften zusätzlichen Transaktionskosten. b) die direkt mit dem Eingriff verbundenen Ausgaben bzw. Einnahmen wie etwa die Kosten der Subventionierung bestimmter Güter oder das Aufkommen aus Steuern, die zur Korrektur privaten Verhaltens erhoben werden (z. B. Umweltsteuern). c) Wohlfahrtsverluste durch Allokationsverzerrungen, die sich mittelbar aus der Durchführung der Maßnahmen (etwa durch die Aufbringung notwendiger finanzieller Mittel) ergeben. Zu a): Nicht nur die Markttransaktionen der Privaten, auch die Aktivitäten des Staates sind mit Transaktionskosten verbunden (siehe hierzu die Ausführungen unter Punkt 3.3). So benötigen die staatlichen Akteure als Grundlage für ihre Entscheidung Informationen darüber, ob und, falls ja, auf welche Weise und mit welcher Intensität in das Wirtschaftsgeschehen eingegriffen werden sollte; es fallen also Informationskosten an. Die Durchführung der Maßnahmen verursacht Kontrollkosten. Sofern der Staat Teile der Leistungen über private Unternehmen erbringen lässt, hat er Transaktionskosten für die Inanspruchnahme des Marktes zu tragen (vgl. Abschnitt 1.3). Die vom Staat aufzubringenden Transaktionskosten spiegeln sich zu einem wesentlichen Teil in den Aufwendungen für die staatliche Bürokratie wider. Zu b): Viele staatliche Eingriffe zur Korrektur eines vermeintlichen oder tatsächlich vorliegenden Marktversagens sind mit Ausgaben verbunden (z. B. staatliche Mitfinanzierung universitärer Bildung und kultureller Aktivitäten oder die kostenlose Bereitstellung von Straßeninfrastruktur), die i. d. R. durch entsprechende Steuereinnahmen gedeckt werden müssen. Die Erhebung von Steuern impliziert für die Bürger zunächst einmal einen entsprechenden Konsumverzicht und somit Wohlfahrtseinbußen, die der Kostenseite wirtschaftspolitischer Maßnahmen zurechnen sind. Analog dazu eröffnen Einnahmen aus einem Eingriff (z. B. Umweltsteuern) die Möglichkeit zu Steuersenkungen, was dann entsprechende Wohlfahrtsgewinne impliziert. Zu c): Weitere Wohlfahrtseffekte ergeben sich daraus, dass jede Steuerart – mit Ausnahme der „Kopfsteuer“ (einheitlicher Steuerbetrag pro Einwohner) – zu Allokationsverzerrungen führt, je nachdem, welcher Tatbestand als Steuerbemessungsgrundlage gewählt wird. Beispielsweise stimuliert eine Steuer auf den Produktionsfaktor Arbeit die Substitution von Arbeit durch Kapital und führt somit zu Veränderungen des Faktoreinsatzverhältnisses. Die Besteuerung des Arbeitseinkommens mindert darüber hinaus die Arbeitsanreize der unselbstständig Beschäftigten. Weiterhin kann eine steigende Steuerlast zur Abwanderung von Personen und Kapital in das Ausland sowie zur Stimulierung der sogenannten „Schattenwirtschaft“ (legale Tätigkeiten wie die Selbsterstellung handwerklicher Leistungen als auch illegale Aktivitäten wie die Schwarzarbeit) führen. All diese Anpassungsreaktionen sind mit Wohlfahrtsverlus ten verbunden, die ebenfalls volkswirtschaftlich relevante Kosten der betreffenden staatlichen Maßnahmen darstellen. Hinzu kommen die Aufwendungen, die dem Staat durch die administrative Umsetzung der Steuergesetze entstehen (Kosten der Finanzbürokratie). Maßnahmen zur Korrektur von Marktversagen, die mit Einnahmen verbunden sind, können – sofern sie zu einer Reduzierung der Steuerbelastung in anderen 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 75 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 75 Bereichen eingesetzt werden – die durch die Steuererhebung entstehenden Wohlfahrtseinbußen entsprechend mindern. Wenn es also um die Beurteilung der Frage geht, ob der Staat in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen soll, so ist insbesondere zu fragen, ob man realistischerweise hoffen kann, dass sich mit staatlichem Eingriff unter Berücksichtigung der damit verbundenen Kosten ein höheres Wohlfahrtsniveau ergibt, als wenn man den nicht ,perfekten‘ Markt sich selbst überließe. Das Ergebnis solcher Kosten-Nutzen- Betrachtungen macht sehr deutlich, dass bei weitem nicht jedes Marktversagen einen entsprechenden staatlichen Eingriff erfordert. 3.5 Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse Gegen das Modell der vollständigen Konkurrenz werden vor allem drei Einwände vorgebracht, die seine Brauchbarkeit als Referenzmaßstab infrage stellen. Zum einen wendet sich die Kritik gegen die Realitätsferne der Annahmen (Nirwana- Vorwurf). Der Einwand des Second-Best besagt, dass dann, wenn die Realität einzelnen Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz nicht entspricht, weitere Abweichungen sinnvoll sein können. Schließlich kann gezeigt werden, dass man für Innovatoren temporär Exklusivrechte bzw. eine gewisse Monopolstellung zulassen muss, damit der Markt seine Funktion der Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsverfahren erfüllen kann. All dies spricht dafür, bei einer Abweichung von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz jeweils genau zu prüfen, inwieweit die Funktionsweise des Marktes hierdurch eingeschränkt wird und ob ein entsprechender staatlicher Eingriff sinnvoll ist. In Abschnitt 3.2 wurde gezeigt, wie ein Markt wesentliche Funktionen erfüllt, auch wenn die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz nur eingeschränkt gelten. Die Gegenüberstellung eines Systems marktlicher Allokation mit einem System zentral-bürokratischer Lenkung (Abschnitt 3.3) machte den enormen Informationsaufwand deutlich, der mit einer zentralen Lenkung verbunden ist. Dabei wurde insbesondere gezeigt, dass eine Steuerung der Wirtschaft über den Markt wesentlich besser mit den individuellen Nutzenkalkülen vereinbar ist bzw. ein höheres Maß an Anreizkompatibilität aufweist. Abschließend ging es um wesentliche Faktoren, die im Rahmen der Entscheidung über einen staatlichen Eingriff bei unzureichender Funktionsfähigkeit eines Marktes zu berücksichtigen sind (Abschnitt 3.4). Von wesentlicher Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die direkten und indirekten Kosten des Eingriffs sowie die Antwort auf die Frage, inwiefern von diesem Eingriff realistischerweise eine Verbesserung erwartet werden kann. Teil I: Der Markt als Referenzsystem76 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 76 Übungsaufgaben zu Kapitel 3 1. Was besagt der sogenannte „Nirwana Vorwurf“ gegen das Modell der vollständigen Konkurrenz? Inwiefern halten Sie diesen Vorwurf für berechtigt? Inwiefern erscheint Ihnen dieser Vorwurf haltlos? 2. Was versteht man unter der Problematik des Second-Best? Erläutern Sie die damit angesprochenen Probleme, und diskutieren Sie mögliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. 3. Welche der Aufgaben eines funktionsfähigen Wettbewerbs würde wahrscheinlich nur unzureichend erfüllt, wenn die Verhältnisse auf einem Markt den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz entsprächen? Erläutern sie, warum es zu dieser Fehl funktion kommt und welche Abweichung von den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz erforderlich ist, um die Funktionsfähigkeit des Marktes sicherzustellen! 4. Erläutern Sie, auf welche Weise sich in einem funktionsfähigen Markt die ,Entlohnung der Produktionsfaktoren nach der Marktleistung‘ einstellt. Wie wird in diesem Zusammenhang die Marktleistung gemessen? Von welchen über die Eigenschaften eines bestimmten Faktors hinausgehenden Einflüssen hängt die Marktleis tung ab? 5. Erläutern Sie die Marktprozesse, die durch a) eine Veränderung der Nachfragestruktur, b) eine Erhöhung der Kosten eines Produktionsfaktors und c) die Einführung eines neuen Produktionsverfahrens durch einen Marktteilnehmer ausgelöst werden. Welche Voraussetzungen müssen jeweils erfüllt sein, damit der betreffende Markt seine Funktionen erfüllen kann? 6. Was ist unter dem ,Pioniergewinn‘ eines Innovators zu verstehen? Wieso kann es keine Pioniergewinne geben, wenn die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz gelten? 7. Das Unternehmen MIB erzielt über Jahrzehnte ,übernormal‘ hohe Gewinne. Diskutieren Sie, inwiefern es sich dabei um ,Pioniergewinne‘ handeln kann. 8. Skizzieren Sie den Informationsbedarf, der mit der Aufstellung eines pareto-optimalen zentralen Allokationsplanes verbunden ist. In welcher Hinsicht ist dieser Informationsbedarf bei marktlicher Steuerung geringer, in welcher Hinsicht ist er höher? 9. Erläutern Sie, wie marktliche und zentral-bürokratische Steuerung hinsichtlich ihrer jeweiligen Anreizkompatibilität zu beurteilen sind! 10. Nennen Sie drei Gründe dafür, warum es nicht in jedem Fall sinnvoll ist, Abweichungen von den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz durch entsprechende wirtschaftspolitische Maßnahmen entgegenzuwirken. 11. Diskutieren Sie die Forderung, dass der Staat nur dann ein Marktversagen anerkennen und darauf reagieren soll, wenn sich die Fehlfunktion plausibel theoretisch begründen lässt. Worin sehen Sie Vorteile eines solchen Kriteriums? Gibt es auch Nachteile? 12. Erläutern Sie die verschiedenen Kostenarten, die mit staatlichen Eingriffen verbunden sind! 13. Welche Ursachen könnten dafür verantwortlich sein, dass es trotz eines staatlichen Eingriffs zur Korrektur von Marktversagen nicht zu einer Allokationsverbesserung kommt? Literaturhinweise zu Kapitel 3 Einen Überblick über die Kritik am Modell der vollständigen Konkurrenz als Referenzmaßstab für Marktprozesse geben Schmidt/Haucap (2013, 7–12). Speziell zum Problem des Second-Best ist der Aufsatz von Schlieper (1980) sehr informativ. Die Erfüllung der dynamischen Anforderungen an einen funktionsfähigen Wettbewerb ( Anpassungsflexibilität, Förderung des technischen Fortschritts) erläutert Herdzina (1999, 20–27). Zu praktischen Problemen zentral-bürokratischer Steuerung siehe Kornai (1995, 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells 77 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 77 Kap. 6 und 7). Zu einer Abwägung verschiedener Faktoren, die bei der Entscheidung über einen staatlichen Eingriff infolge eines Marktversagens zu berücksichtigen sind, siehe etwa Blankart (2011, 68–76). Anhang zu Kapitel 3: „Öffentliche“ Güter als Begründung für staatliches Eingreifen? In der Literatur wird vielfach behauptet, dass der Markt bei der Allokation „ öffentlicher Güter“ versagt. Die Bezeichnung „öffentliches Gut“ soll darauf hinweisen, dass die betreffenden Güter oder Dienstleistungen in kollektiver bzw. staat licher Regie erbracht werden müssen, weil der Markt bei ihrer Bereitstellung versagt. Güter, bei denen der Markt ohne spezielle Eingriffe das gesellschaftlich erwünschte Ergebnis bewirkt, werden demgegenüber als „private Güter“ bezeichnet. Der Begriff des öffentlichen Gutes ist in der Literatur allerdings nicht einheitlich definiert. In der Regel spricht man dann von einem öffentlichen Gut, wenn das Ausschlussprinzip nicht vollständig angewandt wird und/oder Nicht-Rivalität im Konsum des betreffenden Gutes herrscht. Gilt das Ausschlussprinzip nicht oder nicht vollständig, so bedeutet dies nichts anderes, als dass technologische externe Effekte vorliegen und bestimmte Handlungen mit sozialen Zusatzkosten bzw. sozialen Zusatznutzen verbunden sind (hierzu Kapitel 4). Im Rahmen der Theorie der öffentlichen Güter ist in der Regel von der Nicht-Anwendbarkeit des Ausschlussprinzips die Rede, was über die bloße Feststellung des Vorliegens technologischer externer Effekte deutlich hinausgeht: Hinter dieser Formulierung steht letztendlich die Behauptung, dass die Anwendung des Ausschlussprinzips bei den betreffenden Gütern unmöglich sei. Zudem suggeriert der Begriff „öffentliches Gut“ irreführenderweise, dass es Eigenschaften der Güter selbst seien, die ein Marktversagen bewirken. Tatsächlich sind aber die jeweils geltenden gesellschaftlichen Arrangements (insbesondere die Ausgestaltung der Property-Rights) dafür entscheidend, ob bzw. wie weitgehend die Alloka tion des betreffenden Gu tes suboptimal ist und der Markt versagt. Historische und internationale Vergleiche zeigen, dass es fast kein Gut gibt, für welches das Ausschlussprinzip grundsätzlich nicht angewandt werden kann. Beispielsweise ist die Benutzung von Autobahnen in einer Reihe von Ländern unentgeltlich (die Autobahnen werden hier aus allgemeinen Steuermitteln finanziert), während in anderen Ländern eine Benutzungsgebühr erhoben wird. In einigen Länder muss für den Besuch einer Universität eine Gebühr entrichtet werden, in anderen Ländern gibt es solche Gebühren nicht. Letztendlich entscheidend dafür, ob und, falls ja, wie vollständig man das Ausschlussprinzip anwendet, sind in der Praxis die diesbezüglichen Vorstellungen von Staatsbürgern und Politikern sowie insbesondere auch die mit der Anwendung des Ausschlussprinzips verbundenen Kosten. Das zweite Merkmal sogenannter öffentlicher Güter – die Nicht-Rivalität im Konsum – meint, dass die Nutzung eines Gutes durch einen zusätzlichen Konsumenten Teil I: Der Markt als Referenzsystem78 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 78 nur unerhebliche oder keine Grenzkosten verursacht. Beispiel hierfür wäre etwa eine Theatervorstellung vor nicht ausverkauftem Haus oder die Nutzung einer fast leeren Straße durch ein zusätzliches Fahrzeug. Wie diese beiden Beispiele zeigen, besteht die Ursache für die sehr niedrigen Kosten bei der Bereitstellung einer zusätzlichen Einheit des Gutes jeweils in der Degression von Fixkosten bzw. in sinkenden Durchschnittskosten und damit letztendlich in der Existenz von Unteilbarkeiten. Inwieweit Nicht-Rivalität im Konsum herrscht bzw. wie hoch die durch einen zusätzlichen Konsumenten verursachten Grenzkosten sind, ist wesentlich vom Auslastungsgrad des betreffenden Gutes abhängig. Dabei hängt der Auslastungsgrad aber davon ab, wie groß bei gegebenem Stand der Technik die mindestoptimale Kapazität ist bzw. inwieweit man eine größere als die mindestoptimale Kapazität bereitstellt. Auch die Nicht-Rivalität im Konsum stellt also keine unabänderliche Eigenschaft eines bestimmten Gutes dar. Einen Spezialfall stellt die Nicht-Zurückweisbarkeit eines gemeinsamen Konsums dar, also wenn ein Individuum nicht dazu in der Lage ist, sich dem gemeinsamen Konsum eines Gutes (z. B. laute Musik aus der Nachbarschaft) zu entziehen. Hierbei handelt es sich letztendlich um einen negativen technologischen externen Effekt. Im Ergebnis zeigt sich, dass die hier zu Grunde gelegte Systematik der Ursachen für eine unbefriedigende Funktionsweise des Marktes die im Rahmen der Theorie öffentlicher Güter angeführten Phänomene mit einschließt. Da die hier genannten Ursachen für Marktversagen (externe Effekte, Unteilbarkeiten, Informations- und Anpassungsmängel) das Problem u. E. präziser und umfassender umschreiben, wird hier auf den eher irreführenden Term „öffentliche Güter“ verzichtet. Literaturhinweise zum Anhang zu Kapitel 3 Ein Überblick über die Theorie der öffentlichen Güter findet sich in jedem Lehrbuch der Finanzwissenschaft; etwa Blankart (2011, 59–68) oder Zimmermann/Henke/Broer (2012). Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 79 Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten Gegenstand dieses zweiten Teils sind die verschiedenen möglichen Ursachen für ein Marktversagen sowie die jeweils bestehenden wirtschaftspolitischen Handlungsalternativen. Als Ursachen für ein Marktversagen werden externe Effekte (Kapitel 4–6), Unteilbarkeiten und Marktmacht (Kapitel 7–9), Informationsmängel (mangelnde Markttrans parenz und Unsicherheit i. e. S.; Kapitel 10) sowie Anpassungsmängel (Kapitel 11) unterschieden. Darüber hinaus wird die mögliche Bedeutung von Nichtrationalität für die Begründung staatlicher Intervention diskutiert (Kapitel 12). Die Behandlung der möglichen Ursachen für Marktversagen bleibt in diesem Teil des Buches auf allokationstheoretische Aspekte beschränkt und lässt die Ebene des politischen Prozes ses weitgehend außer Acht. Die Bedeutung des Einflusses von wirtschaftspolitischen Akteuren wie Parteien, Politikern, Wählern, Interessengruppen sowie der staatlichen Bürokratie für Maßnahmen zur Beseitigung eines Marktversagens ist dann Gegenstand von Teil III dieses Buches.

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References

Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.