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2 Der Markt im ökonomischen Standardmodell in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 41 - 76

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_41

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 21 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell Die ökonomische Wissenschaft hat sich sehr eingehend mit der Funktionsweise von Märkten befasst. Den Standardansatz zur Analyse von Märkten stellt das Modell der vollständigen Konkurrenz dar, welches ein Bestandteil des komplexen Theoriegebäudes der paretianischen Wohlfahrtsökonomik ist. Die paretianische Wohlfahrtsökonomik versucht, mit Hilfe des mikroökonomischen Instrumentariums Bedingungen für die Maximierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt abzuleiten. Mittels dieses Ansatzes lässt sich zeigen, dass eine gesamtgesellschaftlich optimale Allokation von Produktionsfaktoren und Gütern dann erreicht wird, wenn die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz gelten. Hingegen bleiben Verteilungsfragen sowohl im Modell der vollständigen Konkurrenz als auch im Rahmen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik weitgehend ungelöst. Gegenstand dieses Kapitels sind einige theoretische Grundlagen, die für die Analyse der Funktionsweise von Märkten von wesentlicher Bedeutung sind: Grundzüge der Wohlfahrtsökonomik und die Behandlung des Marktes im ökonomischen Standardmodell der vollständigen Konkurrenz. Abschnitt 2.1 behandelt zunächst die Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes in den Sozialwissenschaften, welche konstituierend für die Wohlfahrtsökonomik sind. Diese Annahmen führen zum sogenannten Pareto-Kriterium, welches der Beurteilung alternativer Zustände dient (Punkt 2.2). Abschnitt 2.3 erläutert das Modell der vollständigen Konkurrenz, und unter Punkt 2.4 werden die wesentlichen Ergebnisse der paretianischen Wohlfahrtsökonomik dargestellt. Abschnitt 2.5 behandelt Eigenschaften des Marktgleichgewichtes und erläutert einige für die Untersuchung möglicher Ursachen von Marktversagen zentrale Begriffe. Die praktische Relevanz des Modells der vollständigen Konkurrenz bzw. der Wohlfahrtsökonomik als Referenzstandard zur Beurteilung realer Marktprozesse wird dann im nachfolgenden Kapitel  3 erörtert. 2.1 Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes in den Sozialwissenschaften Grundlegend für die wohlfahrtsökonomische Theorie sind vier Annahmen, die auch die wesentlichen Kennzeichen des spezifisch ökonomischen Ansatzes in den Sozialwissenschaften darstellen: I. Ansatzpunkt der Analyse sind Entscheidungen bzw. das Verhalten einzelner Wirtschaftseinheiten bzw. Individuen. Man bezeichnet diese Vorgehensweise auch als methodologischen Individualismus. Im Gegensatz dazu stünde ein methodologischer Kollektivismus, eine Position, die davon ausgeht, dass Gruppen von Wirtschaftssubjekten durch eine spezifische ,Ganzheit‘ gekennzeichnet seien (sogenannte Emergenz-These), welche allein auf der Basis einer bei den einzel- Teil I: Der Markt als Referenzsystem22 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 22 nen Individuen ansetzenden Betrachtungsweise nicht erklärt werden kann. Im Rahmen des ökonomischen Ansatzes ergibt sich der Nutzen bzw. die Wohlfahrt für ein Kollektiv insgesamt als Aggregat der individuellen Nutzenniveaus. Es muss sich bei der entsprechenden Aggregationsregel nicht unbedingt um die Addition handeln, d. h. das Ganze kann sehr wohl mehr als die bloße Summe seiner Teile sein. II. Die Individuen handeln eigennützig, d. h. sie bewerten verschiedene Handlungsalternativen anhand der Implikationen, die sich daraus für ihren individuellen Nutzen ergeben würden, und wählen dieje nige Alternative, welche sie als für sich am vorteilhaftesten empfinden. Die Annahme eigennützigen Handelns ist nicht als eine Idealvor stellung zu verstehen, sondern als eine vereinfachende Beschreibung der Realität: Man geht davon aus, dass sich die Individuen im Zweifel eigennützig verhalten, womit andere Handlungsmaximen nicht von vornherein ausgeschlossen sind. Im Allgemeinen wird unterstellt, dass ein Vergleich von Nutzenniveaus zwischen den Individuen unmöglich ist (keine introspektive Nutzenmessung), und dass Nutzen nicht kar dinal, sondern nur ordinal gemessen werden kann. Aufgrund der Annahme der Ordinalität lässt sich lediglich sagen, ob der Nutzen eines Indivi duums gestiegen, gesunken oder gleich geblieben ist. Infolge der Unmöglichkeit der introspektiven Nutzenmessung gibt es kein Kriterium, anhand dessen der Nutzenzuwachs eines Individuums mit einem entsprechenden Nutzenentgang bei einem anderen Individuum verglichen werden kann, so dass sich hieraus dann etwa auf den Netto-Wohlfahrtseffekt von Umverteilungsmaßnahmen schlie ßen ließe. III. Die Individuen handeln rational. Rationales Verhalten bedeutet ganz allgemein, dass Individuen vorhandene Alternativen in irgendeiner Weise gegeneinander abwägen. Insofern unterstellt die ökonomische Theorie nicht zwingend nutzenmaximierendes Verhalten, d. h. dass die Individuen mit gegebenem Mitteleinsatz das bestmögliche Ergebnis bzw. ein bestimmtes Ergebnis mit geringstmöglichem Aufwand an Mitteln erzielen. Vielfach reicht es aus, eingeschränkte Rationalität (bounded rationality) zu unterstellen, was bedeutet, dass sich die Individuen nicht als Maximierer, sondern als Satisfizierer verhalten. Diese Annahme beinhaltet, dass die Akteure einen Suchprozess nach der aus ihrer Sicht besten Lösung unternehmen und diesen dann abbrechen, wenn das Ergebnis ein bestimmtes Befriedigungsniveau erreicht. Wie nahe man dabei an das Optimum gelangt, ist u. a. von der Reihenfolge abhängig, in der die Alternativen auf ihre Erfolgsaussichten hin untersucht werden. Eingeschränkte Rationalität bezieht sich nicht nur auf Informationssuche, sondern auch auf die Informationsverarbeitung durch die Wirtschaftssubjekte; d. h. es wird davon ausgegangen, dass dann, wenn bereits relativ einfache Kalküle zu einem befriedigenden Ergebnis führen, keine komplizierteren und damit aufwändigeren Verfahren mehr angewandt werden. IV. Ökonomische Theorie ist eine Tauschtheorie; d. h. soziale Beziehungen werden (auch über den engen Bereich rein geschäftlicher Transaktionen hinaus) als ein System von Leistung(en) und Gegenleis tung(en) interpretiert. Man nimmt an, dass Individuen soziale Beziehungen deshalb eingehen, weil sie damit die Erwartung verknüpfen, dies sei für sie vorteilhaft, und dass sie die Beziehun- 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 23 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 23 gen aufrecht erhalten bzw. ausbauen, weil sie dies faktisch als hinreichend belohnend empfinden. Neben diesen vier Grundannahmen heben einige Autoren als weiteres Charakteristikum des ökonomischen Ansatzes noch hervor, dass Verhaltensänderungen vor allem durch veränderte Restriktionen und weniger durch veränderte Präferenzen erklärt werden. Ist beispielsweise ein Rückgang der Nachfrage nach Bier zu erklären, so versuchen Ökonomen dies zu allererst auf veränderte Beschränkungen durch Preise, Kos ten, Güterangebot, Einkommen, Ge- und Verboten etc. zurückzuführen; erst in zweiter Linie wird eine abnehmende Vorliebe für Bier als Ursache in Erwägung gezogen. Der Grund für dieses Vorgehensweise besteht darin, dass eine empirische Überprüfung ökonomisch-theoretischer Aussagen meist nur unter der Annahme relativ konstanter Präferenzen möglich ist. Beispielsweise müsste entsprechend dem mikroökonomischen Standardmodell der Bierkonsum zurückgehen, wenn der Bierpreis steigt. Lässt man die Möglichkeit sich schnell ändernder Präferenzen zu, so kann diese Aussage (Nachfragerückgang aufgrund steigenden Preises) nur dann zuverlässig empirisch überprüft werden, wenn man Präferenzen messen kann, um so zu kontrollieren, ob die Ursache für den Nachfragerückgang nicht in entsprechend veränderten Präferenzen besteht. Da sich individuelle Präferenzen aber einer Messung weitgehend entziehen, wäre ein ökonomischer Ansatz, der in erster Linie veränderliche Präferenzen als Erklärungsfaktor berücksichtigt, empirisch kaum hinreichend überprüfbar. Die Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes umreißen ein bestimmtes Forschungsprogramm. Dieses Forschungsprogramm fragt, inwieweit sich mit Hilfe der hier dargestellten Annahmen die in der Realität zu beobachtenden wirtschaftlichen und außerwirtschaftlichen Phänomene erklären lassen. 2.2 Das Pareto-Kriterium Einige wesentliche Implikationen der Annahme ordinaler Nutzenmessung lassen sich anhand von Abbildung 2.1 verdeutlichen. Auf den beiden Achsen des Diagramms sind die Nutzen zweier Individuen A und B abgetragen. Punkt C in Abbildung 2.1 kennzeichnet eine bestimmte Kombination der Nutzenniveaus der beiden Individuen, die vier mit römischen Ziffern gekennzeichneten Quadranten geben verschiedene Bereiche von alternativen Nutzenkombinationen an. Da die paretianische Wohlfahrtsökonomik – wie bereits erwähnt – von der Unmöglichkeit kardinaler Nutzenmessung bzw. interindividueller Nutzenvergleiche ausgeht, kann dann, wenn der Nutzen eines der beiden Individuen sinkt, der des anderen hingegen ansteigt, keine Aussage über die Veränderung des Nutzenniveaus der beiden Individuen insgesamt gemacht werden. Daher ließe sich eine Verschiebung der Nutzenkombi nation von Punkt C in Abbildung 2.1 in den Quadranten I oder den Quadranten III nicht bewerten! Sinkt der Nutzen beider Individuen, so bedeutet dies, dass die neue Nutzenkombination einem Punkt im Quadranten II entspricht; in diesem Falle kann man sagen, dass sich die Wohlfahrt insgesamt verringert. Steigt der Nutzen beider Individuen – etwa bei einem Übergang von Punkt C nach Punkt D oder Punkt E in Abbildung 2.1, so erhöht sich die Wohlfahrt für beide Individuen ins gesamt. Auch ein Übergang von Punkt C nach Punkt F oder Punkt G in Abbildung 2.1 stellt nach dem Pareto-Kriterium eine Wohlstandsstei gerung dar, weil hier der Nutzen eines der Individuen steigt und das andere Individuum dabei keine Nutzeneinbuße erleidet. Man bezeichnet diesen vierten Quadranten auch als Pareto-Region. Existiert innerhalb der Pareto-Region kein erreichbarer Teil I: Der Markt als Referenzsystem24 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 24 Zustand, so erfüllt der Status-quo das sogenannte Pareto-Kriterium (benannt nach dem Ökonomen Vil fredo Pareto, 1843–1923). Das Pareto-Kriterium besagt, dass ein Zustand dann optimal ist, wenn kein Individuum mehr besser gestellt werden kann, ohne die Nutzenposition eines anderen Individuums zu verschlechtern; ein solcher Zustand wird als pareto-optimal bezeichnet. Infolge der angenommenen Unmöglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche sind Umverteilungsmaßnahmen als Mittel zur Steigerung der gesellschaft lichen Wohlfahrt ausgeschlossen. Aus diesem Grunde läßt sich auch nicht sagen, welcher der pareto-optimalen Zustände (Punkt D, E, F oder G in Abbildung 2.1) am vorteilhaftesten ist – es sei denn, einer dieser Punkte läge in der Pareto-Region eines anderen Punktes. Es hat eine Reihe von Versuchen gegeben, sogenannte Kompensationskriterien zu entwickeln, die eine Beurteilung der Wirkungen einer Maßnahme auf die Gesamt-Wohlfahrt auch dann zulassen, wenn entgegen dem Pareto-Kriterium ein Teil der Betroffenen im Ergebnis schlechter gestellt wird. Beispielsweise wurde diskutiert, ob die Wohlfahrt insgesamt ansteigt, wenn es den durch eine Maßnahme besser gestellten Individuen möglich wäre, die schlechter gestellten Personen aus ihrem Nutzenzuwachs zu entschädigen und selbst noch einen Überschuss zurückzubehalten (Kaldor-Hicks-Kriterium). Im Ergebnis hat sich gezeigt, dass diese Kriterien zu widersprüchlichen Bewertungen von Situationen führen können und kaum praktikable Lösungen bieten. Eine Beurteilung von Maßnahmen, die einen Teil der Betroffenen schlechter stellen, erfordert letztendlich Wert urteile über die Verteilungswirkungen, die aufgrund der Unmöglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche in der reinen Theorie aber ausgeschlossen sind. Die hier umrissene, für die ökonomische Wissenschaft kennzeichnende Sichtweise hat eine wesentliche wirtschafts- bzw. gesellschaftspolitische Implikation, die man als liberales Vorurteil kennzeichnen kann: Sofern keine begründeten Gegenargumente vorliegen, erhöht individuell eigen nütziges Handeln die gesamtgesell- Abbildung 2.1: Pareto-Region und Pareto-Kriterium Treten die rational-eigennützigen Akteure A und B miteinander in eine freiwillige Austausch beziehung, so wird ausgehend von Punkt C ein Punkt im vierten Quadranten erreicht. In einem solchen Punkt ist das Pareto-Kriterium erfüllt, d. h. die Wohlfahrt von mindestens einem der beiden Individuen ist größer als im Ausgangszustand, ohne dass der Tauschpartner eine Nutzeneinbuße erleidet. Nutzen B Nutzen A 0 C F E D G I II III IV 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 25 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 25 schaftliche Wohlfahrt! Diese Schluss folgerung ergibt sich daraus, dass eigennützig handelnde Individuen nur dann freiwillig eine Austauschbeziehung eingehen werden, wenn ihnen dies nutzensteigernd erscheint; folglich wird immer eine Nutzenverteilung innerhalb der Pareto-Region des Ausgangszustandes erreicht. Da im Allgemeinen unterstellt wird, dass die am individuellen Eigennutzstreben orientierten Austauschbeziehungen zu Steigerungen der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt führen, bedürfen Eingriffe bzw. Beschränkungen von Handlungsfreiheit grundsätzlich einer Rechtfertigung. Eine solche Rechtfertigung könnte etwa darin bestehen, dass sich die Austauschbeziehung zwischen zwei Individuen negativ auf das Wohlfahrtsniveau eines Dritten auswirkt. Man bezeichnet eine solche Auswirkung auf das Wohlfahrtsniveau nicht direkt an der Austauschbeziehung beteiligter Indivi duen als externen Effekt; externe Effekte als Rechtfertigung für Eingriffe in den Marktmechanismus werden in Kapitel 4 behandelt. Das Pareto-Kriterium ermöglicht die getrennte theoretische Behandlung von Allokation und Verteilung. Es setzt eine bestimmte Verteilung als gegeben voraus, und es ist nicht möglich, diese Verteilung mittels des Pareto-Kriteriums zu bewerten. Man kennzeichnet das Pareto-Kriterium auch als konservativ, weil Veränderungen nur dann akzeptiert werden, wenn das Nutzenniveau jedes beteiligten Individuums zumindest erhalten bleibt; konkrete politische Maßnahmen mit vielen Betroffenen dürften diesem Kriterium nur in Ausnahmefällen entsprechen. 2.3 Das Modell der vollständigen Konkurrenz Die auf den Arbeiten der „Klassiker“ der Volkswirtschaftslehre aufbauenden Bemühungen um ein vertieftes Verständnis des Marktgeschehens (insbesondere auch durch Anwendung formal-mathematischer Verfahren) führten zur Entwicklung des Modells der vollständigen Konkurrenz. Bis heute kann es als Standard-Modell der ökonomischen Theorie gelten. Das Modell der vollständigen Konkurrenz ist durch eine Reihe von extremen Annahmen gekennzeichnet. Diese Annahmen bewirken, dass die in der Realität vorzufindende Vielfalt auf wenige Parameter reduziert wird. Im Rahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz wird etwa von einer gegebenen (festen) Menge an Produktionsfaktoren, konstanter Produktionstechnik (keine Verfahrensinnovationen), einer gegebenen Produktpalette (keine Produktinnovationen) sowie gegebenen Präferenzen der Individuen ausgegangen. Es herrscht formale Freiheit bei der Wahl zwischen sich bietenden Alternativen (Produktionsfreiheit, Investitionsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, freie Konsumwahl), und die Akteure handeln als Nutzenmaximierer. Beide Marktseiten sind atomistisch strukturiert, d. h. es gibt sehr viele Anbieter und Nachfrager mit jeweils verschwindend geringem Marktanteil. Die auf einem Markt getauschten Güter sind homogen (es gibt keine sachlichen Präferenzen der Nachfrager für die Güter eines bestimmten Anbieters). Keiner der Akteure bevorzugt einen bestimmten Marktpartner aus persönlichen Gründen (keine persönlichen Präferenzen) oder wegen seines Standortes (keine räumlichen Präferenzen, d. h. es gibt keine Transportkosten). Weiterhin wird im Modell der vollständigen Konkurrenz angenommen, dass die Marktteilnehmer Teil I: Der Markt als Referenzsystem26 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 26 über qualitative Eigenschaften der Güter sowie über die zu Stande gekommenen Preise vollständig, kostenlos und richtig informiert sind (vollständige Markttransparenz). Die Produktionsfaktoren und Güter sind vollkommen mobil (keine Mobilitätskosten), und sie sind beliebig teilbar; dies impliziert wiederum, dass keine wesentlichen Kosten sowohl des Marktzutritts als auch des Marktaustritts bestehen. Entsprechend herrscht eine unendliche Reaktionsgeschwindigkeit, d. h. Anpassungsprozesse verlaufen ohne jeglichen Zeitbedarf. Es existieren keine Austauschbeziehungen zwischen den Marktteilnehmern, die nicht von beiden Seiten gewollt sind; d. h. keiner lastet einem anderen Kosten an, ohne diesen dafür zu kompensieren, bzw. erzeugt einen Nutzen für andere ohne entsprechende Entschädigung (keine technologischen externen Effekte). Die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz sind in Übersicht 2.1 zusammengestellt (zur Kritik an diesen Annahmen siehe Abschnitt 3.1.1). Unter der Annahme einer atomistischen Marktstruktur kann der einzelne Anbieter die insgesamt angebotene Menge und damit den Marktpreis nicht beeinflussen; er handelt als Mengenanpasser, d. h. er bietet diejenige Menge an, welche bei dem (für den Anbieter exogen bestimmten) herrschenden Preis für ihn zu einem Übersicht 2.1: Die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz 1. Gegebene Ressourcenausstattung. 2. Konstante Produktionstechnik (keine Verfahrensinnovationen) und konstante Produktpalette (keine Produktinnovationen. 3. Gegebene und im Zeitablauf konstante Präferenzen. 4. Formale Freiheit der Wahl zwischen Alternativen (Produktionsfreiheit, Investitionsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, freie Konsumwahl). 5. Homogenität der Güter (keine sachlichen, persönlichen und räumlichen Präferenzen). 6. Atomistische Marktstruktur (sehr viele kleine Anbieter und Nachfrager mit jeweils geringem Marktanteil). 7. Vollständige Markttransparenz (vollständige und kostenlose Information sämtlicher Marktakteure über Gutseigenschaften und Preise). 8. Unbegrenzte Mobilität sämtlicher Produktionsfaktoren und Güter; insbesondere freier Marktzu- und Marktaustritt. 9. Unbegrenzte Teilbarkeit sämtlicher Produktionsfaktoren und Güter. 10. Unendliche Reaktionsgeschwindigkeit (kein Zeitbedarf für Anpassungsprozesse). 11. Keine unfreiwilligen Austauschbeziehungen (Abwesenheit technologischer externer Effekte). 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 27 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 27 Gewinnmaximum führt. Da die Güter auf einem bestimmten Markt vollständig homogen sind, ist – aus der Sicht der Nachfrager – der Preis der alleinige Wettbewerbsparameter. Das Marktgleichgewicht ist dadurch gekennzeichnet, dass der Unternehmer zwar ein Entgelt für seine Arbeitsleistung (den Unternehmerlohn) sowie für das übernommene Wagnis (die Risikoprämie) erzielt, darüber hinaus aber keine Gewinne realisiert (sogenannte „Nullgewinn“-Bedingung). Die Unterstellung unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit führt dazu, dass nur Gleichgewichtszustände betrachtet bzw. einander gegenübergestellt werden können; die Anpassungsprozesse beim Übergang von einem Gleichgewicht zu einem anderen Gleichgewicht werden nicht direkt analysiert. Die Annahmen der konstanten Produktionstechnik, der konstanten Produktpalette und der gegebenen Ressourcenausstattung implizieren, dass dynamische Phänomene wie technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum von der Betrachtung ausgeschlossen bleiben. Das Modell der vollständigen Konkurrenz ist daher als eine statische Theorie anzusehen. Die Frage, inwieweit ein solcher statischer Ansatz zur Beurteilung von dynamischen Marktprozessen geeignet ist, wird in Abschnitt 3.1 diskutiert. 2.4 Die wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen Die wohlfahrtstheoretische Analyse von Tauschbeziehungen, die auf den in Abschnitt 2.1 genannten Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes aufbaut, ergibt drei Marginalbedingungen, welche notwendig erfüllt sein müssen, damit ein gesamtgesellschaftliches Optimum erreicht wird. Die Erfüllung dieser drei Marginalbedingungen ist für die Bestimmung eines Optimums aber noch nicht hinreichend. Der Grund hierfür liegt darin, dass sie jeweils nur das Vorhandensein eines Extremwertes anzeigen, man aber nicht weiß, inwiefern ein bestimmter Extremwert ein Minimum oder ein (lokales oder globales) Maximum darstellt. Es ist zum Beispiel nicht auszuschließen, dass die verwendeten Nutzen- bzw. Produktionsfunktionen einen anomalen Verlauf aufweisen, der zu einem – zumindest in einem gewissen Bereich – konvexen Verlauf der Transformationskurve und/oder zu mehreren Optimalpunkten führt (vgl. Abschnitt 2.4.1). Man kann in einem solchen Fall allein auf der Grundlage von Marginalbedingungen weder Minima von Maxima unterscheiden, noch – falls es mehrere Maxima gibt – dasjenige Maximum identifizieren, welches mit dem höchsten gesellschaftlichen Wohlfahrtsniveau verbunden ist. Die Erfüllung der Marginalbedingungen stellt also lediglich eine notwendige und keine hinreichende Voraussetzung für das Vorliegen eines Optimums dar. Ökonomisch gesehen bedeutet dies beispielsweise, dass man mittels der wohlfahrts- ökonomischen Marginalbedingungen auch nur marginale Änderungen bewerten kann. Zur Beurteilung nicht-marginaler Änderungen, wie z. B. der Erzeugung eines neuen Produktes, der Einstellung der Produktion eines Gutes, der Errichtung oder Schließung eines Betriebes und/oder der Verwendung eines neuen Produktionsfaktors, bedarf es weiterer Kriterien. Man bezeichnet solche hinreichenden Bedingungen, die sicherstellen, dass mit der Erfüllung der Marginalbedingungen ein globales Maximum erreicht wird, als Totalbedingungen. Die Totalbedingungen Teil I: Der Markt als Referenzsystem28 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 28 werden in der Regel – auch in der folgenden Darstellung – außer acht gelassen. Neben der Ableitung der drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen werden auch einige damit zusammenhängende wohlfahrtsökonomische Grundbegriffe vorgestellt. 2.4.1 Erste Marginalbedingung: Das Produktionsoptimum und die Transformationskurve Die erste wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung bezieht sich auf die Allokation der Produktionsfaktoren bei der Bereitstellung alternativer Güter und lässt sich graphisch anhand einer sogenannten Edgeworth-Box veranschaulichen. Die Edgeworth-Box zur Ableitung der Punkte effizienter Faktorallokation geht von einer festen Menge zweier Produktionsfaktoren (z. B. Arbeit und Kapital) aus und enthält die Isoquanten für die Herstellung zweier Güter (Gut X und Gut Y; vgl. Abbildung 2.2). Die Isoquanten beschreiben die Produktionsfunktionen der beiden Güter. Das Isoquantenschema für eines der beiden Güter (hier Gut Y) ist um 180o gedreht, so dass sich ein Rechteck ergibt, dessen Seitenlängen dem absoluten Bestand der beiden Produktionsfaktoren (A und K) entsprechen. Die in der Box eingezeichneten Isoquanten verbinden diejenigen Punkte miteinander, bei denen eine bestimmte Menge jeweils eines der Güter produziert werden kann. Unterstellt man, dass der Produktionsprozess Faktorsubstitution zulässt und die Produktionsfunktionen durch abnehmende Grenzerträge der Faktoren bei Mehreinsatz nur eines Faktors (partielle Faktorvariation) gekennzeichnet sind, so verlaufen die Isoquanten konvex zum Ursprung hin. Jeder Punkt in der Box kennzeichnet eine bestimmte Aufteilung der beiden Produktionsfaktoren auf die Herstellung der beiden Güter und entspricht einem Schnittpunkt der beiden Isoquantensysteme. Welche Aufteilung der beiden Produktionsfaktoren auf die Herstellung der beiden Güter wäre nun entsprechend dem Pareto-Kriterium effizient? Ausgangspunkt der Betrachtung sei die durch Punkt C in der Abbildung 2.2 angegebene Konstellation. Hier wird für die Fertigung von Gut Y die Kapitalmenge KCY und die Arbeitsmenge ACY eingesetzt; auf die Produktion des Gutes X entfällt dementsprechend die Kapitalmenge KCX und die Arbeitsmenge ACX. Der Verlauf der entsprechenden Isoquanten, welche sich in Punkt C schneiden, macht nun direkt deutlich, dass diese Faktoraufteilung nicht optimal im Sinne des Pareto-Kriteriums sein kann. Ausgehend von Punkt C ist es nämlich möglich, durch eine Änderung der Faktoraufteilung von einem Gut mehr zu produzieren, ohne dass deshalb von einem anderen Gut weniger hergestellt werden muss. Lässt man beispielsweise die Outputmenge von Gut X konstant (Isoquante X1), so kann man für das andere Gut Y in Punkt D eine Isoquante Y2 erreichen, die mit einem entsprechend höheren Outputniveau von Gut Y verbunden ist; maximal lässt sich von dem Gut Y mit der gegebenen Faktorausstattung eine Menge entsprechend der Isoquante Y3 herstellen, ohne dabei die Menge von Gut X reduzieren zu müssen (Punkt E). Analog kann man ausgehend von Punkt C in Abbildung 2.2 die Menge des Gutes Y auf dem durch die Isoquante Y1 angegebenen Out putniveau konstant setzen; von Gut X lässt sich dann durch Umverteilung der Produktionsfaktoren maximal eine Menge entsprechend der Isoquante X3 herstellen, ohne dass eine Verringerung der Menge 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 29 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 29 von Gut Y notwendig wird (Punkt F). Der durch die beiden Isoquanten X1 und Y1 umschlossene Bereich in Abbildung 2.2 (einschließlich der Isoquanten selbst) gibt die entsprechende Pareto-Region an. Solche Verbesserungsmöglichkeiten sind offenbar immer dann ausgeschöpft, wenn sich zwei Isoquanten für die beiden Güter gerade tangieren. Dies lässt sich nochmals anhand von Abbildung 2.3 zeigen: In den Punkten E und F der Abbildung 2.3 ist es nicht mehr möglich, von einem der Güter mehr zu produzieren, ohne dass die Menge des anderen Gutes reduziert werden muss. Die Tangentialpunkte sind dadurch gekennzeichnet, dass die Steigung der Isoquanten (Grenzrate der Faktorsubstitution) für die beiden Güter gleich ist. Werden mehr als zwei Güter produziert, so muss diese Bedingung für beliebige Gegen- überstellungen von jeweils zwei dieser Güter erfüllt sein. Übertragen auf den allgemeinen Fall einer unbestimmten Anzahl von Gütern lautet daher die Erste Marginalbedingung (Bedingung der optimalen Faktorallokation): Die Allokation der Produktionsfaktoren auf die Produktion der Güter ist dann paretooptimal, wenn die Grenzraten der Faktorsubstitution für sämtliche Güter identisch sind. Unter der Annahme beliebiger Teilbarkeit der Güter und Produktionsfaktoren gibt es für jedes Gut unendlich viele Isoquanten, und es lassen sich somit auch unendlich viele derartiger Tangentialpunkte finden. Verbindet man diese Punkte miteinander, so erhält man die sogenannte Kurve effizienter Produktion, welche Abbildung 2.2: Aufteilung von zwei Produktionsfaktoren auf die Bereitstellung zweier Güter Alle Punkte, in denen sich je zwei Isoquanten der Produktionsprozesse für die beiden Güter (X und Y) tangieren, repräsentieren ein Pareto-Optimum. In allen anderen Punkten lässt sich die Produktionsmenge durch Veränderung der Aufteilungen der Produktionsfaktoren steigern. X A Y A K K K KCY KCX ACYACX A Y4 Y3 Y2 X4 X3 X2 X1 E F Y1 C D Teil I: Der Markt als Referenzsystem30 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 30 auch als Transformationskurve bzw. Produktionsmöglichkeitenkurve bezeichnet wird (vgl. Abbildung 2.3). In einer anderen gebräuchlichen Darstellungsweise konstruiert man die Transformationskurve, indem man – wie in Abbildung 2.4 dargestellt – auf den Achsen die Produktionsmengen für die beiden Güter abträgt. Jeder Punkt in diesem Diagramm repräsentiert eine bestimmte Güterkombination. Die Punkte auf der Transforma tionskurve ergeben sich aus den Gütermengen der Kurve effizienter Produktion in Abbildung 2.3 und zeigen Zustände pareto-optimaler Faktorallokation an; sie sind dadurch gekennzeichnet, dass hier von keinem der beiden Güter mehr bereitgestellt werden kann, ohne dass die Produktionsmenge des jeweils anderen Gutes reduziert werden muss. Punkte zwischen der Transformationskurve und den Achsen (z. B. Punkt C in Abbildung 2.4) repräsentieren dementsprechend Zustände suboptimaler Faktorallokation. Man bezeichnet die Steigung der Transformationskurve in einem bestimmten Punkt auch als Grenzrate der Transformation. Sie gibt an, um wie viel die Produk tion eines Gutes X reduziert werden muss, um eine zusätzliche Menge eines Gutes Y zu erzeugen. Die Grenzrate der Transformation ist somit gleich dem Verhältnis der Grenzkosten bei der Produktion der Güter (zur formalen Ableitung siehe den Anhang zu diesem Kapitel). Weist mindestens eine der beiden Produktionsfunktionen zunehmende Skalenerträge auf, so kann es sein, dass die Transformationskurve – zumindest über einen gewissen Bereich – konvex zum Ursprung verläuft und die Marginalbedingungen u. U. ein Minimum aufzeigen. Um einen derartigen Verlauf auszuschließen, wird häufig – so auch in den Abbildungen 2.2 und 2.3 – unterstellt, dass die Produktionsfunktionen abnehmende Skalenerträge aufweisen. Gelten die Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz auf den Faktormärkten, so sind die Faktorpreise für alle Unternehmen gleich; folglich weisen Abbildung 2.3: Ableitung der Kurve effizienter Produktion in einer Edgeworth-Box Die Kurve der effizienten Produktion stellt die Verbindungslinie aller Punkte dar, in denen sich je zwei Isoquanten der beiden Produktionsprozesse tangieren. In allen diesen Punkten ist jeweils die erste Marginalbedingung erfüllt. X A Y A K K Y4 Y3 Y2 X4 X3 X2 X1 E F Y1 Kurve effizienter Produktion 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 31 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 31 die Isokostenlinien für sämtliche Unternehmen die identische Steigung auf. Realisieren die Unternehmen ihre jeweilige Minimalkostenkombination, wo sich Isokostenlinie und Isoquante gerade tangieren, dann sind auch die Grenzraten der Faktorsubstitution (= Steigung der Isoquante) für sämtliche Unternehmen gleich (vgl. hierzu die Erläuterungen im Anhang zu diesem Kapitel). Mit anderen Worten: Die erste wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung ist unter den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz erfüllt! Führen staatliche Maßnahmen wie etwa die Subventionierung von Inputs für bestimmte Branchen bzw. Arten von Produktion zu unterschiedlichen Faktorkosten, so bedeutet dies einen Verstoß gegen die erste Marginalbedingung, der Wohlfahrtseinbußen zur Folge hat. 2.4.2 Zweite Marginalbedingung: Das Tauschoptimum und die Nutzenmöglichkeitenkurve Die zweite Marginalbedingung, welche das Tauschoptimum kennzeichnet, kann analog anhand einer Edgeworth-Box veranschaulicht werden. Bei der Herleitung des Produktionsoptimums wurde angenommen, dass die Menge an einzusetzenden Produktionsfaktoren fest vorgegeben ist. Für die Bestimmung des Tauschoptimums gelte analog die Annahme einer bestimmten vorgegebenen Menge zweier Güter X und Y. Da es eine Vielzahl von optimalen Güterkombinationen gibt, lässt sich für jede (entsprechend der ersten Marginalbedingung) effiziente Güterkombination eine Edgeworth-Box zur Ableitung des Tauschoptimums konstruieren. Ausgehend von einer vorgegebenen Menge zweier Güter X und Y enthält die in Abbildung 2.5 dargestellte Box die Indifferenzkurvensysteme zweier Individuen A und B, wobei (wie allgemein üblich) ein konvexer Verlauf der Indifferenzkurven unterstellt ist. Punkt D in Abbildung 2.5 zeigt wiederum eine nach dem Pareto-Kriterium suboptimale Aufteilung der beiden Güter auf die beiden Individuen an, denn Abbildung 2.4: Die Transformationskurve Die Transformationskurve ist eine andere Darstellungsform der Kurve effizienter Produktion. Sie gibt diejenigen Mengenkombinationen der beiden Güter X und Y an, die mit der gegebenen Faktorausstattung maximal produziert werden können. Teil I: Der Markt als Referenzsystem32 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 32 hier kann durch eine Umverteilung der Güter der Nutzen mindestens eines der Individuen erhöht werden, ohne dass dabei das Nutzenniveau des anderen Individuums vermindert werden muss. Auch hier geben die Tangentialpunkte der Indifferenzkurven die Punkte optimaler Aufteilung an (Punkte E bis H in Abbildung 2.5); die Tangentialpunkte sind dadurch gekennzeichnet, dass die Steigungen der Indifferenzkurven (die Grenzraten der Gütersubstitution) hinsichtlich der beiden Güter X und Y für die beiden Individuen gleich sind. Bei mehr als zwei Individuen muss diese Bedingung für sämtliche Tauschpartner erfüllt sein, und bei mehr als zwei Gütern muss sie für sämtliche Kombinationen jeweils zweier Güter gelten. Allgemein formuliert lautet die zweite Marginalbedingung also: Zweite Marginalbedingung (Bedingung des optimalen Gütertausches): Die Aufteilung zweier Güter auf zwei Individuen ist dann pareto-optimal, wenn die Grenzraten der Gütersubstitution für sämtliche Individuen gleich sind. Wie aus Abbildung 2.5 hervorgeht, gibt es auch hier eine unendliche Vielzahl von Optima. Die Verbindungslinie dieser Optimalpunkte bezeichnet man als Kurve effizienten Tausches bzw. als Kontraktkurve. Überträgt man die Punkte des optimalen Gütertausches in ein Diagramm, dessen Achsen die Nutzenniveaus der beiden Individuen angeben, so erhält man die Nutzenmöglichkeitenkurve (siehe Abbildung 2.6). Infolge der Annahme der Unmöglichkeit interpersoneller Nutzen- Abbildung 2.5: Ableitung der Kurve effizienten Tausches in einer Edgeworth-Box In allen Punkten, in denen sich je zwei Indifferenzkurven der beiden Individuen (A und B) tangieren, ist die gegebene Menge der beiden Güter pareto-optimal aufgeteilt (zweite Marginalbedingung). Bei allen anderen Kombinationen lässt sich die Wohlfahrt der beiden Individuen durch Änderung der Aufteilung steigern. 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 33 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 33 vergleiche stellen die Achsen ordinale Maße dar, d. h. die Größe des Abstandes zwischen zwei Punkten ist nicht interpretierbar. Aus diesem Grund zeichnet man Nutzenmöglichkeitenkurven in der Regel in Form einer unregelmäßig gewellten Linie. Punkte auf der Nutzenmöglichkeitenkurve geben Zustände einer optimalen Aufteilung der beiden Güter auf die beiden Individuen an. Punkte zwischen der Kurve und den Achsen kennzeichnen eine nach dem Pareto-Kriterium suboptimale Aufteilung. Wie aus Abbildung 2.6 hervorgeht, ist die Erfüllung der Bedingung optimalen Gütertausches unabhängig von der Aufteilung der Nutzen auf die beiden Individuen, d. h. ein Tauschoptimum wäre selbst dann gegeben, wenn eines der beiden Individuen nichts erhält! Gelten die Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz auf den Gütermärkten, so ist der Preis eines bestimmten Gutes für sämtliche Haushalte gleich und die Budgetgeraden weisen für alle Haushalte die identische Steigung auf. Realisieren die Haushalte ihr Optimum – diejenige Aufteilung, wo sich Budgetgerade und die Indifferenzkurve mit dem höchsten erreichbaren Nutzenniveau gerade tangieren – dann entsprechen die Grenzraten der Gütersubstitution (Steigung der Indifferenzkurven) für sämtliche Haushalte dem Preisverhältnis (Steigung der Budgetgeraden) (vgl. die Darstellung im Anhang zu diesem Kapitel). Auch die zweite wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung ist also unter den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz erfüllt! Eine Subventionierung oder Besteuerung von Gütern für bestimmte Nachfragergruppen würde zu entsprechend unterschiedlichen Preisrelationen und damit zu Wohlfahrtseinbußen führen, da gegen die zweite Marginalbedingung verstoßen wird. Abbildung 2.6: Nutzenmöglichkeitenkurve Die Nutzenmöglichkeitenkurve ist eine andere Darstellungsweise der Kurve effizienten Tausches. Sie gibt diejenigen Kombinationen der Nutzenniveaus der beiden Individuen an, die bei Aufteilung gegebener Gütermengen auf die Individuen maximal erreicht werden können. Teil I: Der Markt als Referenzsystem34 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 34 2.4.3 Dritte Marginalbedingung: Simultanes Tausch- und Produktionsoptimum Die Erfüllung der beiden ersten wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen stellt eine effiziente Produktion bzw. einen effizienten Tausch sicher. Zwar kann man hinsichtlich der zweiten Marginalbedingung unterstellen, dass die zu Grunde liegende Güterkombination effizient (im Sinne der ersten Marginalbedingung) produziert wurde und daher einen Punkt auf der Transformationskurve repräsentiert; da es aber viele solcher effizient produzierten Güterkombinationen bzw. Punkte auf der Transformationskurve gibt, ist zu fragen, welche dieser Güterkombinationen realisiert werden sollte. Dieses Problem ist Gegenstand der dritten Marginalbedingung, welche die Sphäre von Produktion und Tausch miteinander verbindet. Die dritte Marginalbedingung fordert die Gleichheit der Grenzrate der Transformation und der Grenzrate der Gütersubstitution; stimmen diese Grenzraten nicht überein, so sind Verbesserungen im Sinne des Pareto-Kriteriums möglich. Die Bedeutung der dritten Marginalbedingung lässt sich anhand der Abbildungen 2.7 und 2.8 veranschaulichen. Abbildung 2.7 zeigt eine Transformationskurve. Alle Punkte auf dieser Kurve erfüllen die erste Marginalbedingung der effizienten Produktion (vgl. Punkt 2.4.1). Aus der Steigung der Transformationskurve – der Grenzrate der Transformation – lässt sich für marginale Änderungen ablesen, wie viel maximal von einem bestimmten Gut mehr produziert werden kann, wenn man auf eine Einheit des jeweils anderen Gutes verzichtet. Diese Steigung der Transformationskurve ist gleich dem Verhältnis der Grenzkosten bei der Produktion der beiden Güter. Abbildung 2.7: Nichtübereinstimmung der Grenzrate der Transformation und der Grenzrate der Gütersubstitution Die Grenzrate der Transformation gibt die Knappheitsverhältnisse bei der Produktion der beiden Güter (X und Y) an. Die Grenzrate der Gütersubstitution beschreibt das Austauschverhältnis der Güter in der Sphäre des Tausches. Weichen beide Grenzraten voneinander ab, so lässt sich die Wohlfahrt durch Veränderung der Mengen kombination der produzierten Güter steigern. Y X0 Y Grenzrate der Gütersubstitution B YA XA XB Grenzrate der Transformation Individuum A Individuum BE S A4B1 E E E E YE XE 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 35 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 35 Abbildung 2.7 stellt einen Fall dar, in dem die Grenzrate der Transformation und die Grenzrate der Gütersubstitution nicht übereinstimmen, Abbildung 2.8 enthält ein entsprechendes Zahlenbeispiel. Angenommen in dem (entsprechend der ersten wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingung effizienten) Punkt E weist die Grenzrate der Transformation (dY/dX) den Wert –2 auf; hier werden von Gut Y 10 Einheiten (YE = 10) und von Gut X 15 Einheiten (XE = 15) produziert. In Abbildung 2.7 ist für diese Güterkombination eine Edgeworth-Box des Tausches eingezeichnet, wobei die Indifferenzkurven des Individuums A von Punkt 0 und die des Individuums B von Punkt E ausgehen. Ergibt sich ein Tauschgleichgewicht in Punkt S, so erreicht der A seine Indifferenzkurve A4, wobei er 12 Einheiten des Gutes X (XEA in Abbildung 2.7) und 7 Einheiten von Y (YEA) erhält. Der B befindet sich in Punkt S auf seiner Indifferenzkurve B1 und erhält jeweils 3 Einheiten der beiden Güter, d. h. XEB = 3 und YEB = 3. Die Grenzraten der Gütersubstitution der beiden Individuen A und B sind in Punkt S gleich, d. h. die zweite wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung ist erfüllt; die Grenzrate der Gütersubstitution (dY/dX) für die beiden Individuen habe den Wert –1 (vgl. Abbildung 2.7). Die in dieser Konstellation zu verzeichnende Ungleichheit der Grenzrate der Gütersubstitution und der Grenzrate der Transformation bedeutet, dass sich die Austauschverhältnisse in der Produktion und im Gütertausch nicht entsprechen. Es kann nun gezeigt werden, dass Möglichkeiten zu Verbesserungen entsprechend dem Pareto-Kriterium bestehen, solange die Grenzraten der Transformation und Abbildung 2.8: Zahlenbeispiel für Möglichkeiten zu Wohlfahrtssteigerungen bei Nichtübereinstimmung von Grenzrate der Gütertransformation und Gütersubstitution Die Grenzrate der Transformation und die Grenzrate der Gütersubstitution weisen unterschiedliche Werte auf. Durch Veränderung der Produktionsmengen beider Güter (eine Einheit weniger X, zwei Einheiten mehr Y) lässt sich der Nutzen der beiden Individuen steigern. Grenzrate der Transformation (Punkt E) : –2 Grenzrate der Gütersubstitution (Punkt S) : –1 Ausgangszustand: Menge Gut X Menge Gut Y Insgesamt 15 10 Davon entfällt auf: – Individuum A 12 17 – Individuum B 13 13 Reallokation: Bei Produktion von zwei zusätzlichen Einheiten des Gutes Y und einer geringeren Menge des Gutes X: Menge Gut X Menge Gut Y Insgesamt 14 12 Wenn die Mengen des B konstant gehalten werden, entfällt auf: – Individuum A 11 19 – Individuum B 13 13 Da die Grenzrate der Gütersubstitution in S = –1 ist, steigt der Nutzen des A, der des B bleibt konstant. Teil I: Der Markt als Referenzsystem36 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 36 der Gütersubstitution ungleich sind (siehe Abbildung 2.8). Ausgehend von der durch Punkt E in Abbildung 2.7 angegebenen Güterkombination lässt sich die Grenzrate der Transformation an die Grenzrate der Gütersubstitution annähern, indem man sich durch Reallokation der Produktionsfaktoren auf der Transformationskurve von Punkt E aus nach oben links bewegt, d. h. weniger von Gut X und mehr von Gut Y produziert. Durch diese Bewegung auf der Transformationskurve wird die Grenzrate der Transformation dem Betrage nach kleiner. Der Einfachheit halber sei unterstellt, dass sich die Grenzrate der Transformation bei einer Reduktion der Produktionsmenge des Gutes X um eine Einheit (d. h. dX = –1) nur geringfügig ändert; aus dem Wert der Grenzrate der Transformation von –2 an dieser Stelle der Transformationskurve folgt, dass nun von Gut Y ca. zwei Einheiten zusätzlich bereitgestellt werden können. Es stehen also von Gut Y ca. 12 Einheiten und von Gut X 14 Einheiten zur Verfügung. Weiterhin sei ein konstantes Nutzenniveau für Individuum B unterstellt: Es erhält wie bisher jeweils 3 Einheiten der Güter X und Y. Auf Individuum A entfällt dann der verbleibende Rest im Umfang von ca. 9 Einheiten des Gutes Y und 11 des Gutes X. Um das gleiche Nutzenniveau wie bisher zu erreichen, muss Individuum A entsprechend seiner Grenzrate der Gütersubstitution (dY/dX = –1) mindestens 1 Einheit vom Gut Y mehr erhalten, damit der Verlust einer Einheit von Gut X kompensiert wird. Da A in diesem Beispiel sogar ca. 2 Einheiten des Gutes Y zusätzlich erhält, erhöht sich sein Nutzen durch die ver- änderte Güterkombination. Solange also die Grenzraten der Transformation und der Gütersubstitution nicht über einstimmen, sind immer Verbesserungen nach dem Pareto-Kriterium möglich. Wäre die Grenzrate der Transformation gleich der Grenzrate der Gütersubstitution (z. B. jeweils = –1), so würde der Verzicht auf die Produktion einer Einheit des Gutes X nur die Produktion einer zusätzlichen Einheit des Gutes Y ermöglichen, so dass der Nutzen beider Individuen konstant bliebe. Das Pareto-Optimum für ein simultanes Gleichgewicht von Tausch und Produktion lässt sich somit wie folgt formulieren: Dritte Marginalbedingung (simultanes Tausch- und Produktionsoptimum): Ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum liegt dann vor, wenn die Grenzrate der Transformation gleich der Grenzrate der Gütersubstitution ist. Mit der Erfüllung sämtlicher drei wohlfahrtsökonomischer Marginalbedingungen ist die gesamtgesellschaftlich erwünschte Güterkombination nicht eindeutig bestimmt. Dies lässt sich durch Abbildung 2.9 veranschaulichen. Die Abbildung 2.9 zeigt eine Transformationskurve sowie zwei Box-Diagramme für den Tausch zweier ausgewählter Güterkombinationen M und H. In Punkt H steht von Gut X die Menge XH und von Gut Y die Menge YH bereit. Da diese Güterkombination auf der Transformationskurve liegt, ist hier die erste Marginalbedingung erfüllt; die Steigung der Tangente an diesem Punkt der Transformationskurve ist gleich der Grenzrate der Transformation. Es sind nun eine Vielzahl von unterschiedlichen Punkten optimalen Gütertausches möglich, bei denen auch die zweite Marginalbedingung gilt; diese Punkte werden durch die Kontraktkurve (Linie 0H in Abbildung 2.9) angegeben. Jeder Punkt auf der Kontraktkurve ist mit einer bestimmten Grenzrate der Gütersubstitution (= Steigung der Indifferenzkurven) verbunden. Die dritte Marginalbedingung ist in dem (in den) Punkt(en) auf der Kontraktkurve erfüllt, wo die Steigung der Transformationskurve (= Grenzrate der 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 37 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 37 Transformation) gleich der Grenzrate der Gütersubstitution ist. Dies ist in Abbildung 2.9 für die Güterkombi nation H nur in Punkt T der Fall. Punkt U repräsentiert zwar ein Tauschoptimum (d. h. die zweite Marginalbedingung ist erfüllt), aber die dritte Marginalbedingung gilt nicht, da die Grenzrate der Gütersubstitution in U ungleich der Grenzrate der Transformation in H ist. Analog stellt sich die Konstellation hinsichtlich der Güterkombination M dar. Punkt M in Abbildung 2.9 liegt auf der Transformationskurve (die erste Marginalbedingung ist erfüllt); auf der Kontraktkurve zwischen Punkt O und Punkt M gilt auch die zweite Marginalbedingung (Gleichheit der Grenzraten der Gütersubstitution). Da aber die Grenzrate der Gütersubstitution nur in den Punkten P und Q der Grenzrate der Transformation in Punkt M entspricht, sind nur dort sämtliche drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt. Es kann nun auch die sogenannte Wohlstandsgrenze bestimmt werden. In einem Diagramm, dessen Achsen die Nutzenniveaus zweier Individuen A und B angeben, verbindet die Wohlstandsgrenze alle diejenigen Punkte, bei denen sämtliche drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt sind (vgl. Abbildung 2.10). In dem in Abbildung 2.9 dargestellten Beispiel ist dies in den Punkten P, Q und T der Fall. Überträgt man die Nutzenniveaus der Individuen A und B aus den Punkten P, Q und T der Abbildung 2.9 in ein Nutzendiagramm (vgl. Abbildung 2.10), so ergeben sich drei Punkte auf der Wohlstandsgrenze. Führt man dieses Verfahren für Abbildung 2.9: Realisierung der wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen bei unterschiedlichen Güterkombinationen Für jede Kombination der beiden Güter (X und Y), die durch die Transformationskurve angegeben wird, existiert eine Edgeworth-Box zur Analyse der Verteilung dieser Güter. Es können also für jede Güterkombination Verteilungen exis tieren, in denen alle drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt sind. Dies ist etwa in den Punkten P, Q und T der Fall. Y X0 H M Individuum B Individuum B YM YH XM XH Individuum A B B A1 1 2 A2 B3 A3 B4 A4 Q P T U Teil I: Der Markt als Referenzsystem38 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 38 sämtliche Güterkombinationen auf der Transformationskurve durch, so stellt die Verbindung der im Sinne der drei Marginalbedingungen effizienten Punkte die sogenannte Wohlstandsgrenze dar. Auch hier sind die Achsen nur als ordinale Maße interpretierbar (vgl. Abschnitt 2.4.2). Die durch Punkt U in Abbildung 2.9 angegebene Konstellation ergibt in Abbildung 2.10 einen Punkt unterhalb der Wohlstandsgrenze, da hier die dritte Marginalbedingung nicht erfüllt ist. Dies zeigt an, dass ausgehend von Punkt U noch Verbesserungen im Sinne des Pareto-Kriteriums möglich sind. Ein anderer Weg zur Bestimmung der Wohlstandsgrenze besteht darin, die Nutzenmöglichkeitenkurven (vgl. hierzu Punkt 2.4.2) für sämtliche effizient produzierten Güterkombinationen in einem Nutzendiagramm aufzutragen. Die Umhüllende dieser Nutzenmöglichkeitenkurven ergibt dann die Wohlstandsgrenze. Der Verlauf der Wohlstandsgrenze zeigt an, dass die drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen bei sehr unterschiedlichen Aufteilungen der Nutzen auf die Individuen verbunden sein können. Damit bleibt die Nutzenverteilung unbestimmt. Es lässt sich zeigen (siehe hierzu die Ausführungen im Anhang zu diesem Kapitel), dass auch die dritte wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung erfüllt ist, wenn die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz gelten. Dies ergibt sich daraus, dass sämtliche vorhandenen Produktionsfaktoren effizient eingesetzt werden und die Unternehmer der Grenzkosten = Preis-Regel folgen. Weiterhin wurde gezeigt, dass bei effizienter Produktion die Grenzrate der Transformation (= Steigung der Transformationskurve) dem Verhältnis der Grenzkosten entspricht, die für die Produktion der Güter anfallen. Werden die Preise gleich den Grenzkos ten gesetzt, so entsprechen die Preisverhältnisse (= Grenzrate der Gütersubstitution) der Relation der Grenzkosten. Folglich sind bei vollstän diger Konkurrenz Grenzrate der Transformation und Grenzrate der Gütersubstitution identisch. Diese Abbildung 2.10: Die Wohlstandsgrenze Die Wohlstandsgrenze gibt die maximal erreichbaren Nutzenkombinationen der beiden Individuen A und B an. Sie stellt die Umhüllende sämtlicher Nutzenmöglichkeitenkurven dar. In den Punkten auf der Wohlstandsgrenze sind alle drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt. 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 39 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 39 Identität von Grenzrate der Transformation und Grenzrate der Gütersubstitution ergibt sich etwa daraus, dass ein Anbieter die Menge eines Gutes ausdehnen wird, wenn er dafür einen Preis erzielen kann, der über den bei der Produktion des Gutes anfallenden Grenzkosten liegt. Dieser Anreiz entfällt erst dann, wenn der Preis sämtlicher Güter ihren Grenzkosten entspricht und somit die dritte Marginalbedingung erfüllt ist. Unter den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz ergibt sich also ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum! Die dritte Marginalbedingung bedeutet, dass die Knappheitsverhältnisse in der Sphäre des Tausches den Knappheitsverhältnissen in der Sphäre der Produktion der betreffenden Güter entsprechen sollen. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die zu einer Abweichung von dieser Marginalbedingung führen, implizieren eine Fehlallokation und somit einen Wohlfahrtsverlust. Dementsprechend ist es beispielsweise wohlfahrtsschädlich, wenn der Staat bestimmte Güter mit dem Ziel subventioniert, sie im Verhältnis zu anderen Gütern billiger zu machen und damit ihren Verbrauch zu fördern. Folglich sollte etwa die Sozialpolitik nicht als „Objektförderung“ (z. B. „Sozialtarife“, Verbilligung von Mieten im „sozialen Wohnungsbau“, kostenfreie Ausbildung an staatlichen Universitäten, reduzierter Mehrwertsteuersatz für bestimmte Güter), sondern als „Subjektförderung“, nämlich als Hilfe zur Bezahlung der Marktpreise (allgemein: Einkommenstransfers; Gewährung von Wohngeld; Stipendien zur Bezahlung von Studiengebühren) ausgestaltet sein. Auch eine staatliche Festsetzung von Mindestpreisen (etwa Mindestlöhne oder Preise für Agrarprodukte) mit dem Ziel der Sicherung der Einkommen der Anbieter stellt dann eine mit Wohlfahrtseinbußen verbundene Objektförderung dar, wenn ein solcher Mindestpreis über dem Gleichgewichtspreis liegt. Will die Politik den Anbietern auf einem Markt ein bestimmtes Mindesteinkommen sichern, so wären direkte, personenbezogene Transfers als Mittel vorzuziehen. Das Instrument der direkten Einkommens transfers hätte auch den Vorteil, dass sich die Subventionierung relativ leicht auf diejenigen Anbieter beschränken ließe, die tatsächlich bedürftig sind. Bei einer Objektförderung wäre eine solche Fokussierung auf die besonders Bedürftigen hingegen meist – falls überhaupt praktikabel – mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden (etwa „Fehlbelegungs ab gaben“ im sozialen Wohnungsbau; hierzu auch Abschnitt 13.3). Auch Steuern auf bestimmte Produktionsfaktoren (z. B. Lohn- und Einkommenssteuer) oder Güter (z. B. Luxussteuer, Alkoholsteuer, Tabaksteuer) können zu einer Verzerrung der Faktorpreisverhältnisse und somit zu einem Verstoß gegen die dritte Marginalbedingung führen. Die zentrale Aussage der Wohlfahrtsökonomik über die Funktionsweise eines unbeschränkten Marktes lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass unter den Bedingungen vollständiger Konkurrenz auf allen Güter- und Faktormärkten die ersten drei der in Abschnitt 1.6 genannten Wettbewerbsfunktionen perfekt erfüllt werden: Die Einkommen entsprechen der Marktleistung (ausführlich hierzu Abschnitt 3.2.1), die Allokation der Produktionsfaktoren auf die Güterarten bzw. Betriebe ist effizient, und die Verteilung der Güter auf die Nachfrager entspricht den Präferenzen der Nachfrager; sie ist in dem Sinne optimal, als durch Umverteilung kein (entsprechend dem Pareto-Kriterium) gesamtgesellschaftlich höheres Wohlfahrtsniveau erreicht werden kann. Teil I: Der Markt als Referenzsystem40 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 40 2.4.4 Die Frage nach dem Optimum Optimorum Die Ableitung der drei wohlfahrtsökonomischen Marginal bedingungen hat gezeigt, dass diese Bedingungen bei unterschiedlichen Aufteilungen der Nutzen auf die beteiligten Individuen erfüllt sein können, die Verteilung also unbestimmt ist. Dies macht die Wohlstandsgrenze deutlich, die sämtliche entsprechend den wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen optimalen Nutzenkombinationen angibt. Damit stellt sich die Frage, ob man einen bestimmten Punkt auf der Wohlstandsgrenze – und damit eine bestimmte Nutzenverteilung – identifizieren kann, der den anderen Punkten überlegen bzw. gesamtgesellschaftlich erwünscht ist. Man bezeichnet einen solchen besonderen Optimalzustand auch als Optimum Optimorum. Es sind zwei Wege denkbar, ein solches Optimum Optimorum zu bestimmen, nämlich über die Ableitung einer sozialen Wohlfahrtsfunktion auf der Grundlage des Pareto-Kriteriums sowie durch demokratische Wahl. •• Unter bestimmten Annahmen lassen sich aus einer Schar individueller Indifferenzkurven soziale Indifferenzkurven für die betreffende Gruppe von Individuen insgesamt ableiten. Derartige soziale Indifferenzkurven (z. B. IS1, IS2 etc. in Abbildung 2.11) verbinden diejenigen Aufteilungen der Nutzen auf die Individuen, die mit dem gleichen gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsniveau verbunden sind. Aus einer Schar sozialer Indifferenzkurven ergäbe sich dann das Optimum Optimorum in demjenigen Punkt (Punkt O in Abbildung 2.11), wo die Wohlstandsgrenze gerade von einer sozialen Indifferenzkurve (IS3) tangiert wird. Ein Zustand wie Punkt C oder D in Abbildung 2.11 wäre suboptimal, da von dort aus eine weiter außen liegende Indifferenzkurve (IS3) erreicht werden kann. Allerdings kann es auch unter recht restriktiven Annahmen leicht dazu kommen, dass sich die sozialen Indifferenzkurven schneiden. In diesem Fall Abbildung 2.11: Wohlstandsgrenze, soziale Indifferenzkurven und das Optimum Optimorum Wäre es möglich soziale Indifferenzkurven zu ermitteln, so könnte man den Punkt auf der Wohlstandsgrenze angeben, der allen anderen Punkten vorzuziehen ist. Dieses Optimum Optimorum ist dort gegeben, wo die Wohlstandsgrenze gerade von einer sozialen Indifferenzkurve berührt wird. 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 41 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 41 ist die Rangfolge zwischen den durch die Indifferenzkurven angegebenen Verteilungen nicht widerspruchsfrei. Der Versuch, soziale Indifferenzkurven mit Hilfe des Pareto-Kriteriums abzuleiten, ist somit als gescheitert anzusehen. •• Man kann individuelle Präferenzen auch durch Abstimmungsverfahren aggregieren und versuchen, das Optimum Optimorum auf diese Weise zu bestimmen. Allerdings stellt auch die praktische Ermittlung widerspruchsfreier gesellschaftlicher Präferenzen durch Wahlverfahren ein immer noch ungelöstes Problem dar. So lässt sich bekanntlich zeigen (Stichwort: Arrow-Paradoxon), dass Mehrheitsabstimmungen bei mehr als zwei Alternativen zu widersprüchlichen Rangfolgen führen können, wobei die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher Widersprüche mit der Anzahl der zur Wahl stehenden Alternativen (z. B. unterschiedlichen Punkten auf der Wohlstandsgrenze) und der Anzahl der Wähler stark ansteigt (vgl. Abschnitt 14.1.2). Letztendlich ist also keine Lösung in Sicht, um das Optimum Optimorum in jedem Fall eindeutig zu bestimmen. Die Wohlfahrtsökonomik ist also beim Versuch der Ermittlung des gesamtgesellschaftlich besten Punktes auf der Wohlstandsgrenze gescheitert. Mit anderen Worten: Verteilungsfragen sind im Rahmen der Wohlfahrtsökonomik (abgesehen vom Fall sogenannter „pareto-optimaler“ Umverteilungsmaßnahmen; vgl. hierzu den Anhang zu Kapitel 4) nicht lösbar. 2.5 Eigenschaften des Marktgleichgewichtes An dieser Stelle sollen zwei Eigenschaften des sich unter den Bedingungen des Modells der vollständiger Konkurrenz ergebenden Marktgleichgewichtes etwas näher beleuchtet werden, die im Rahmen der Diskussion möglicher Ursachen für ein Marktversagen von wesentlicher Bedeutung sind. Es handelt sich um die Markträumung (Punkt 2.5.1) sowie die sich daraus ergebende Maximierung des „sozialen Überschusses“ (Punkt 2.5.2). 2.5.1 Markträumung Abbildung 2.12 zeigt die übliche Darstellung des Marktgleichgewichtes. Unter normalen Annahmen wird um so weniger von einem bestimmten Gut nachgefragt, je höher der Preis dieses Gutes ist. Umgekehrt steigt die angebotene Menge mit dem Preis; unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz ist die Angebotskurve mit den gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten der Ausdehnung des Angebots identisch. Der Schnittpunkt der Angebots- und der Nachfragekurve stellt das Markt-Gleichgewicht dar; PG in Abbildung 2.12 ist der Gleichgewichtspreis und XG die zu diesem Preis umgesetzte Menge. Eine wesentliche Eigenschaft des Marktgleichgewichtes besteht darin, dass in diesem Zustand der Markt geräumt wird. Was heißt das? Die Eigenschaft der Markträumung bei Gleichgewicht lässt sich anhand von Ungleichgewichtssituationen verdeutlichen. Angenommen, die Nachfrager wollten zu einem niedrigeren Preis als dem Gleichgewichtspreis Transaktionen durchführen oder es wird administrativ ein Höchstpreis bestimmt, der unter dem Gleichge- Teil I: Der Markt als Referenzsystem42 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 42 wichtspreis liegt. Wie in Abbildung 2.12 dargestellt, wollen die Nachfrager bei einem solchen Preis PM zwar die Menge XMN erstehen, die Anbieter stellen zu diesem Preis aber nur die Menge XMA bereit. Die umgesetzte Menge XMA ist geringer als die Gleichgewichtsmenge XG; kommt es zu keiner Preisanpassung, so bleibt am Ende der Periode ein Nachfrageüberhang im Umfang von XMN – XMA. Umgekehrt, würden die Anbieter mehr als den Gleichgewichtspreis – beispielsweise PO in Abbildung 2.12 – fordern, so wäre nur Nachfrage für die Menge XON vorhanden, wohingegen die Anbieter die Menge XOA bereitstellen. Kommt es zu keiner Annäherung der Vorstellungen, so wird die Menge XON umgesetzt, die wiederum geringer ist als die Menge im Gleichgewicht XG; es besteht ein Angebotsüberhang im Umfang von XOA – XON. Bei Ungleichgewichten ist die umgesetzte Menge also immer geringer als die Menge im Gleichgewicht, d. h. die jeweils ,kürzere‘ Marktseite setzt sich durch. Anders formuliert: Im Gleichgewicht ist die umgesetzte Menge bzw. das Ausmaß an Austausch maximal. Wenn beispielsweise an der Börse als Kassa-Kurs (auf der Grundlage der den Händlern vorliegenden Aufträge) derjenige Kurs ermittelt wird, bei dem die umgesetzte Menge an Wertpapieren maximal ist, so handelt es sich hierbei um nichts anderes als um den Gleichgewichtspreis auf dem Markt für das betreffende Wertpapier. Wird zum Gleichgewichtspreis getauscht, so bleibt am Ende der Periode kein Angebots- oder Nachfrageüberhang bestehen, d. h. der Markt ist geräumt. Abbildung 2.12: Markt und Markträumung im Gleichgewicht Bei einem hohen Preis wird nur eine relativ geringe Menge nachgefragt; sinkt der Preis, so nimmt die nachgefragte Menge zu. Die angebotene Menge fällt um so größer aus, je höher der Marktpreis. Im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve – dem Marktgleichgewicht – ist die umgesetzte Menge am größten: der Markt wird ,geräumt‘. 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 43 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 43 2.5.2 Konsumentenrente, Produzentenrente und sozialer Überschuss Der normale Verlauf der Nachfragekurve zeigt an, dass bei einem Preis, der über dem Gleichgewichtspreis liegt, durchaus Transaktionen zustande kommen könnten, da einige Nachfrager bereit sind, diesen relativ hohen Preis zu entrichten (weil sie aus dem Gut einen entsprechend hohen Nutzen ziehen und über entsprechende Kaufkraft verfügen). Man bezeichnet die höchste Zahlungsbereitschaft eines Nachfragers für ein Gut auch als Reservationspreis. Den Vorteil, der für diese Nachfrager daraus resultiert, dass sie nur einen geringeren Preis zahlen müssen, ist die Konsumentenrente. Die Höhe der Konsumentenrente pro Einheit des Gutes entspricht der Differenz zwischen dem Reservationspreis und dem Marktpreis. Bei Marktgleichgewicht beträgt die auf dem Markt insgesamt entstehende Konsumentenrente der Fläche AGPG in Abbildung 2.13. Der Anbieter kann durch die Art und Weise der Preisbildung versuchen, die Konsumentenrente abzuschöpfen. Dazu muss er Anhaltspunkte über die Zahlungsbereitschaft einzelner Nachfrager oder von Nachfragergruppen in Erfahrung bringen. Das Feilschen auf einem Basar stellt in ökonomischer Sicht nichts anderes dar als den Versuch zur Ermittlung der individuellen Zahlungsbereitschaft und entsprechender Preisdifferenzierung (vgl. hierzu auch Abschnitte 7.3.1.3 und 8.3.2.1.3). Auch die Tarifdifferenzierung im Verkehrswesen (z. B. Spezialtarife für bestimmte Benutzergruppen) ist eine Methode zur Abschöpfung von Konsumentenrente. Ist der Anbieter hierbei erfolgreich, so erleidet der Nachfrager zwar einen Nachteil; solange der Markt geräumt wird, ist die Funktionsfähigkeit des Marktes hierdurch aber nicht in Frage gestellt. Preissetzung entsprechend der individuellen Zahlungsbereitschaft der Nachfrager bezeichnet man als Preisdifferenzierung ersten Grades. Abbildung 2.13: Konsumentenrente, Produzentenrente und sozialer Überschuss Die Konsumentenrente ergibt sich daraus, dass einige Nachfrager bereit wären, einen höheren Preis als den Gleichgewichtspreis für das Gut zu entrichten, sie aber nur den Gleichgewichtspreis zahlen müssen. Die Produzentenrente entsteht, weil eine Reihe von Anbietern das Gut auch zu einem geringeren Preis als dem Marktpreis bereitstellen würde. Die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente stellt den ,sozialen Überschuss‘ dar. Teil I: Der Markt als Referenzsystem44 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 44 Analog zur Konsumentenrente ergibt sich die Produzentenrente daraus, dass ein Teil der Anbieter – etwa weil sie zu relativ niedrigen Kosten fertigen – auch zu einem geringeren Preis verkaufen würden als auf dem Markt tatsächlich zu erzielen ist. Die Mindestforderung des Anbieters ergibt sich aus der Angebotskurve, denn jeder Punkt auf der Angebotskurve zeigt an, welche zusätzlichen Kosten den Anbietern bei einer zusätzlichen Mengeneinheit entstehen. M. a. W.: Die Angebotskurve stellt nichts anderes als die aggregierte Kurve der individuellen Grenzkosten dar. Die Höhe der Produzentenrente pro Einheit ist gleich der Differenz zwischen dem Marktpreis und demjenigen Preis, zu dem ein Anbieter zur Transaktion bereit wäre. Das Ausmaß der auf dem Markt insgesamt entstehenden Produzentenrente bei Gleichgewicht entspricht der Fläche BPGG in Abbildung 2.13. Die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente wird als sozialer Überschuss bezeichnet, den man als ein Maß für die mit der Bereitstellung des betreffenden Gutes bewirkte Wohlfahrtssteigerung der Gesellschaft interpretieren kann. Der soziale Überschuss entspricht der Fläche AGB in Abbildung 2.13. Wie aus Abbildung 2.13 unmittelbar hervorgeht, ist diese Fläche – und damit der soziale Überschuss – um so geringer, je kleiner die auf dem Markt umgesetzte Menge ist. Da die umgesetzte Menge im Gleichgewicht maximal ist, fällt hier auch der höchste soziale Überschuss an. Das Marktgleichgewicht ist also der gesamtwirtschaftlich vorteilhafteste Zustand; er stellt das unter den gegebenen Umständen auf diesem Markt erzielbare Wohlfahrtsmaximum dar. Über die Märkte hinweg wird der soziale Überschuss dann maximiert, wenn die Produktionsfaktoren zwischen den verschiedenen Verwendungsarten vollkommen mobil sind, was bei vollständiger Konkurrenz auf den Faktormärkten annahmegemäß gilt. Bei vollständiger Mobilität der Produktionsfaktoren wird die Angebotskapazität auf jenen Märkten ausgedehnt werden, bei denen die höchsten Produzentenrenten zu erzielen sind, wie umgekehrt die Verbraucher ihre Kaufkraft auf den Kauf solcher Güter zu verlagern versuchen, bei denen sie in den Genuss einer relativ hohen Konsumentenrente kommen. 2.6 Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse Der spezifisch ökonomische Ansatz in den Sozialwissenschaften ist durch vier grundlegende Annahmen gekennzeichnet. Dementsprechend •• hat eine ökonomische Analyse bei den Entscheidungen bzw. dem Verhalten einzelner Akteure anzusetzen („methodologischer Individualismus“); •• handeln die Individuen eigennützig, wobei unterstellt wird, dass sich die Nutzenniveaus von Individuen nicht miteinander vergleichen lassen; •• sind die Handlungen der Akteure rational; •• sind soziale Beziehungen als Austauschbeziehungen, also als ein Sys tem von Leistung und Gegenleistung, zu interpretieren. Auf diesen Annahmen baut das Pareto-Kriterium zur Bewertung sozialer Zustände auf. Es besagt, dass ein Zustand dann optimal ist, wenn kein Individuum mehr besser gestellt werden kann, ohne dabei gleichzeitig die Nutzenposition eines anderen Individuums zu verschlechtern. Das Pareto-Kriterium impliziert ein 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 45 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 45 liberales Vorurteil, nach dem – sofern keine begründeten Gegenargumente vorliegen – individuell-eigennütziges Handeln die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt erhöht. Dementsprechend bedürfen staatliche Eingriffe bzw. Beschränkungen der Handlungsfreiheit grundsätzlich einer Rechtfertigung. Das Standardmodell des ökonomischen Ansatzes stellt das Modell der vollständigen Konkurrenz dar, das durch eine Reihe restriktiver Annahmen gekennzeichnet ist. Gelten die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz, so sind auch die drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen für ein gesamtgesellschaftliches Wohlfahrtsmaximum erfüllt. Dabei existiert in der Regel eine Vielzahl von Zuständen, die entsprechend den drei Marginalbedingungen als optimal gelten können. Diese Optima können mit sehr unterschiedlichen Aufteilungen der Nutzen auf die Gesellschaftsmitglieder verbunden sein. Auf der Grundlage des ökonomischen Ansatzes lässt sich nicht klären, welches dieser Optima das „Optimum optimorum“ darstellt. Das Marktgleichgewicht ist durch zwei Eigenschaften gekennzeichnet, die es zu einem erstrebenswerten Zustand machen: Im Marktgleichgewicht wird sowohl die umgesetzte Menge als auch der soziale Überschuss maximiert. Übungsaufgaben zu Kapitel 2 1. Welche vier Annahmen liegen dem ökonomischen Ansatz zu Grunde? 2. Der A hat 30 Einheiten eines Gutes, der B verfügt nur über 20 Einheiten. Verteilt man 5  Einheiten des Gutes von A auf B um, so haben beide jeweils 25 Einheiten. Welche Annahme des ökonomischen Ansatzes hat zur Folge, dass sich auf dieser Grundlage in der Regel keine Aussagen über die Wirkungen von solchen Umverteilungsmaßnahmen auf die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt ableiten lassen? 3. Was besagt das Pareto-Kriterium? Wodurch sind solche Veränderungen gekennzeichnet, für die sich auf der Grundlage des Pareto-Kriteriums keine Bewertung ableiten lässt? 4. Erläutern Sie, inwiefern das Pareto-Kriterium in Verbindung mit den grundlegenden Annahmen des ökonomischen Theorieansatzes ein liberales Vorurteil impliziert! 5. Aufgrund welcher Annahmen hat das Modell der vollständigen Konkurrenz statischen Charakter? 6. Wieso kann die Produktionsmenge immer dann gesteigert werden, wenn sich die jeweiligen Isoquanten in der Edgeworth-Box schneiden? Woran erkennt man, dass keine Arbeitslosigkeit herrscht? 7. Wie geht man konkret vor, um aus den in einer Edgeworth-Box bestimmten Produktionsoptima eine Transformationskurve zu entwickeln? 8. Erläutern Sie die Herleitung der Tausch- oder Kontraktkurve aus einer Edgeworth-Box! 9. Ein Fischer mit einem Eimer voll Fische trifft einen Bauern mit einem Sack voll Kartoffeln. Sie beginnen ihre Ware zu tauschen. a) Stellen Sie Ausgangspunkt, Tauschverlauf und Tauschergebnis mit Hilfe einer Grafik dar. Worin besteht im Ausgangspunkt der Anreiz zum Tausch? Warum ist dieser Anreiz im Tauschoptimum nicht mehr vorhanden? b) Erläutern Sie anhand des Beispiels das „liberale Vorurteil“. 10. Veranschaulichen Sie die Begriffe Grenzrate der Faktorsubstitution, Grenzrate der Gütersubstitution und Grenzrate der Transformation anhand von Beispielen! 11. Warum ist es möglich, dass kein Pareto-Optimum erreicht wird, obwohl die erste und die zweite Marginalbedingung der Wohlfahrtstheorie erfüllt sind? Antworten Sie mit Hilfe einer Grafik. Gehen Sie dabei in folgenden Schritten vor: a) Stellen Sie zunächst eine Situation dar, in der ein bestimmtes Güterangebot effizient auf zwei Konsumenten verteilt ist. Teil I: Der Markt als Referenzsystem46 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 46 b) Zeigen Sie durch eine Erweiterung der Grafik, dass dieses Güterangebot effizient produziert worden ist. c) Erklären Sie, warum ausgehend von der Situation in b) eine Pareto-Verbesserung erreicht werden kann, sofern die dritte Marginalbedingung nicht erfüllt ist. 12. a) Die Aufteilung eines gegebenen Güterangebots auf zwei Konsumenten lässt sich mit Hilfe einer Edgeworth-Güterbox veranschaulichen. Stellen Sie in dieser Grafik den Übergang von einer ineffizienten zu einer optimalen Situation dar. Welche Bedingung ist in diesem Optimum erfüllt? Was besagt diese Bedingung ökonomisch? b) Übertragen Sie den in Teilaufgabe a) eingezeichneten Übergang in ein Nutzendiagramm. Was ist die ökonomische Bedeutung der Nutzenmöglichkeitenkurve? c) Worin liegt der Unterschied zwischen der Nutzenmöglichkeitenkurve und der Wohlstandsgrenze? d) Warum sind Bewegungen entlang der Wohlstandsgrenze nach dem Pareto-Kriterium nicht bewertbar? 13. Robinson Crusoe und Freitag leben auf einer einsamen Insel. Eines Tages strandet dort ein Schiffswrack. Bevor sie das Wrack untersuchen, vereinbaren beide, dass die im Wrack sich eventuell befindlichen Güter jenem gehören sollen, der sie im Wrack als erster findet. Robinson Crusoe entdeckt im Schiffsheck vier Dosen Bohnen und 16 gleich große Schinkenstücke. Freitag betritt als erster die Kapitänskajüte, in der sich 12 Dosen Bohnen (B) und vier gleich große Schinkenstücke (S) befinden. Da auf der einsamen Insel Nahrungsmittel knapp sind, leiden beide ständig unter extremen Hungergefühlen. Für beide ist daher entscheidend, dass die Nahrungsmittel möglichst lange satt machen. Robinson Crusoe stellt eine stattliche Person dar, der bei den folgenden Kombinationen für einen Tag lang satt ist: 16 S und 4 B; 8 S und 6 B; 4 S und 13 B. Bei folgenden Kombinationen wäre er für zwei Tage lang satt: 16 S und 8 B; 11 S und 10 B; 8 S und 14 B. Freitag ist dagegen wesentlich genügsamer und wäre bei folgenden Kombinationen vier Tage lang satt: 4 S und 12 B; 9 S und 6 B; 16 S und 3 B. Bei folgenden Kombinationen wäre er für sechs Tage lang satt: 10 S und 14 B; 12 S und 10 B; 18 S und 7 B. a) Zeichnen Sie mit den vorhandenen Angaben eine Edgeworth-Box und nehmen Sie dabei an, dass sich aus den gegebenen Güterkombinationen konvex verlaufende Indifferenzkurven ergeben! Kennzeichen Sie den Punkt innerhalb der Edgeworth-Box, in dem sich Robinson Crusoe und Freitag bei Verlassen des Wracks befinden! b) Robinson Crusoe und Freitag erörtern am abendlichen Strandfeuer, ob sie untereinander ihre gefundenen Vorräte austauschen könnten. Falls Robinson bereit wäre, jedem Tausch zuzustimmen, solange er sich nicht dabei schlechter stellt, auf welche Verteilung würden sie sich einigen und wie lange würden sie satt? Ist hingegen Freitag bereit, jedem Tausch zuzustimmen, solange er sich nicht dabei schlechter stellt, auf welche Verteilung würden sie sich einigen und wie lange würden sie satt? c) Interpretieren Sie diese Ergebnisse aus wohlfahrtsökonomischer Sicht! 14. Was versteht man unter dem Optimum Optimorum? Wie ließe es sich im Prinzip bestimmen? Welche Probleme treten dabei auf? 15. Erläutern Sie, warum die drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt sind, wenn die Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz gelten! 16. Wieso ist die umgesetzte Menge im Marktgleichgewicht maximal? 17. Was beinhalten die Begriffe Produzentenrente und Konsumentenrente? 18. a) Erläutern Sie anhand einer Grafik, warum ein Mindestlohn (z. B. ein festgesetzter Tariflohn) zu Arbeitslosigkeit führen kann. b) Welche beiden Eigenschaften des Marktgleichgewichts sind bei Mindestlohn-Arbeitslosigkeit nicht erfüllt, und warum nicht? c) Kennzeichnen Sie in Ihrer Graphik, welche Wohlfahrtsgewinne durch einen Übergang zum Gleichgewichtslohn möglich werden. 19. Beim sogenannten „amerikanischen Tenderverfahren“ der Versteigerung sind alle Interessenten gehalten, ihr Gebot in einem verschlossenen Umschlag abzugeben. Bei der Zuteilung des betreffenden Gutes erhält dann zunächst der Bieter mit dem höchsten Gebot den Zuschlag. Erstreckt sich dieses Gebot nur auf eine Teilmenge, so wird anschließend der Bieter mit dem zweithöchsten Gebot bedient usw. usf. Worin besteht für den Verkäufer der Vorteil dieses Verfahrens gegenüber dem Verkauf zum Gleichgewichtspreis? 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 47 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 47 Literaturhinweise zu Kapitel 2 In diesem Kapitel werden – wie in allen folgenden Kapiteln – Grundkenntnisse der mikroökonomischen Theorie vorausgesetzt. Hierzu liegen diverse Lehrbücher vor; beispielhaft sei auf die Texte von Pindyck/Rubinfeld (2013), Schumann/Meyer/Ströbele (2011), Stiglitz/ Walsh (2010) sowie insbesondere auf Frank (2010) und Varian (2011) verwiesen. Die Grundannahmen des spezifisch ökonomischen Ansatzes in den Sozialwissenschaften werden in Becker (1993, 1–15) sowie in Frey (1990) eingehend behandelt. Ein knapper Überblick zum ökonomischen Verhaltensmodell findet sich auch in Blankart (2011, 9–12). Eine Ableitung der wesentlichen Grundaussagen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik findet sich in vielen der gängigen mikroökonomischen Lehrbücher. Auf Grund der Ausführlichkeit und Zugänglichkeit der Darstellung empfehlenswert etwa Luckenbach (2000, 38–76). Anhang zu Kapitel 2: Führt das Modell der vollständigen Konkurrenz zum „ Optimum Optimorum“? A2.1 Vorgehensweise Die paretianische Wohlfahrtsökonomik stellt Bedingungen für ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum der Wirtschaft auf und versucht darüber hinaus, das Problem der optimalen Verteilung („Optimum Optimorum“) zu lösen. Das Modell der vollständigen Konkurrenz bildet das marktwirtschaftliche System zwar vereinfachend, aber auf einem theoretisch sehr hohen Niveau, ab. Ziel dieses Anhangs ist es zu prüfen, inwieweit in marktwirtschaftlichen Systemen ein simultanes Produktions- und Tauschoptimum erreicht wird, wenn die Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz erfüllt sind. A2.2 Die drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen und das Modell der vollständigen Konkurrenz Man unterscheidet drei wohlfahrtsökonomische Marginalbedingungen (vgl. Abschnitt 2.4): •• Die Grenzraten der Faktorsubstitution (GRFS) für alle Produktionsfaktoren sollen gleich sein (Erste Marginalbedingung = Produktionsoptimum); •• die Grenzraten der Gütersubstitution zwischen allen Individuen (GRGS) sollen sich decken (Zweite Marginalbedingung = Tauschoptimum); und •• die Grenzraten der Gütersubstitution sollen mit der Grenzrate der Transformation zwischen den Gütern übereinstimmen (Dritte Marginalbedingung = Simultanes Tausch- und Produktionsoptimum). Im Folgenden soll anhand eines einfachen Modells (Zwei Güter, zwei Individuen, zwei Unternehmen) gezeigt werden, dass die wohlfahrtsökonomischen Marginal- Teil I: Der Markt als Referenzsystem48 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 48 bedingungen erfüllt werden, wenn die Voraussetzungen des Modells der vollständigen Konkurrenz gelten. A2.2.1 Die erste Marginalbedingung der Wohlfahrtsökonomik im Modell der vollständigen Konkurrenz Die zur Verfügung stehende Menge der Produktionsfaktoren Arbeit (A) und Kapital (K) sei fest vorgegeben. Es gebe nur zwei Unternehmen U1 und U2 sowie zwei Güter X und Y. Das Unternehmen U1 erzeugt allein das Gut X, und das Unternehmen U2 beschränkt sich auf das Gut Y. Die Unternehmen können sich beliebig teilbare Mengen der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital auf entsprechenden Märkten beschaffen. Pro Einheit Kapital müssen sie einen einheitlichen Preis, den Zinssatz z, und für jede Arbeitsstunde einen einheitlichen Lohnsatz l entrichten. Die Einheitlichkeit der Preise auf den Faktormärkten ist gewährleistet, wenn auf beiden Faktormärkten vollständige Konkurrenz herrscht. Auf dem Arbeitsmarkt soll es daher auch keine Produktivitätsunterschiede zwischen den Arbeitnehmern geben. Angenommen, das Unternehmen U1 plane drei Einheiten des Gutes X zu produzieren. In der Abbildung A2.1 wird dieses Ziel durch die Isoquante X3 dargestellt. Unterstellt man, dass die Produktionsfunktion substitutional ist und abnehmende Grenzerträge bei partieller Faktorvariation bestehen, kann die Menge X3 durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Kombinationen der Produk tionsfaktoren erzeugt werden; für jeden beliebigen Punkt der Isoquante lassen sich die relevanten Mengen auf der Abszisse und der Ordinate ablesen. Der Einsatz von Produktionsfaktoren verursacht Kosten. Die in die Abbildung A2.1 eingezeichneten Isokostenlinien I1 bis I3 repräsentieren die Kosten unterschiedlicher Mengenkombinationen der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital auf der Grundlage der vom Markt vorge- Abbildung A2.1: Minimalkostenkombination des Unternehmens U1 Die Minimalkostenkombination eines Unternehmens ist dort gegeben, wo die Isoquante für die gewünschte Produktionsmenge von einer Isokostenlinie tangiert wird. A K 0 I1 I3I2 X3 Minimalkostenkombination 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 49 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 49 gebenen Faktorpreise. Als Gewinnmaximierer wird das Unternehmen U1 bestrebt sein, die Menge X3 zu geringst möglichen Kos ten zu erstellen. In der Abbildung A2.1 bedeutet dies, dass er jene Faktorkombination realisiert, deren Isokostenlinie dem Ursprung am nächs ten liegt, aber gerade noch seine gewünschte Isoquante tangiert. Diesen optimalen Punkt bezeichnet man als Minimalkostenkombination. Wie lässt sich diese Überlegung formal fassen? Das Unternehmensoptimum ergibt sich dort, wo die Isoquante X3 die niedrigst mögliche Isokos tenlinie gerade tangiert; dort entspricht die Steigung der Isokostenlinie der Steigung der Isoquante. Die Isokostenlinie lässt sich allgemein beschreiben durch die Gleichung (2–1) KS = z · K + l · A, wobei KS = zu minimierende Kostensumme, z = vorgegebener Zinssatz, K = Menge an eingesetztem Kapital, l = vorgegebener Lohnsatz, A = eingesetzte Arbeitsmenge. Löst man diese Gleichung nach K auf, so erhält man: (2–2) K = – l z · A + KS z . Die Steigung der Isokostenlinie beträgt somit –l/z. An jedem Punkt der Isoquante kann man eine Tangente anlegen, deren Steigung als Grenzrate der Faktorsubstitution für das Unternehmen U1 (GRFSU1) bezeichnet wird. Im Unternehmensoptimum, also dort, wo das Unternehmen die Minimalkostenkombination erreicht, fällt die Grenzrate der Faktorsubs titution mit der Steigung der Isokostenlinie zusammen. Demzufolge gilt im Unternehmensoptimum: (2–3) GRFSUl = – l z . Nach welchem Kalkül verhält sich das Unternehmen U2, falls es eine beliebige Menge von Gut Y produzieren möchte? Zwar produziert das Unternehmen U2 ein anderes Gut, aber im Unternehmensoptimum entspricht die Steigung der niedrigst möglichen Isokostenlinie ebenfalls der Grenzrate der Faktorsubstition auf der angestrebten Isoquante. Für eine beliebige Menge des Gutes Y, die das Unternehmen U2 erstellen will, stellt sich das Optimum analog zu U1 dar: (2–4) GRFSU2 = – l z . Bei vollständiger Konkurrenz auf dem Arbeits- und Kapitalmarkt sind die Faktorpreise für alle Nachfrager identisch. Folglich wird das Unternehmen U2 in seiner Minimalkostenkombination mit dem gleichen Lohn-Zins-Verhältnis als Steigung der Isokostenlinie konfrontiert wie das Unternehmen U1. Man kann daher die Gleichungen (2–3) und (2–4) zusammenführen, und es ergibt sich die erste wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung: (2–5) GRFSUl = – l z = GRFSU2. Im Modell der vollständigen Konkurrenz stimmen im Gleichgewicht die Grenzraten der Faktorsubstitution bei sämtlichen Produzenten überein, da sie sich den gleichen Faktorpreisen gegenübersehen. Die erste Marginalbedingung wird erfüllt. Teil I: Der Markt als Referenzsystem50 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 50 A2.2.2 Die zweite Marginalbedingung der Wohlfahrtsökonomik im Modell der vollständigen Konkurrenz Angenommen, es gibt nur zwei Individuen bzw. Haushalte A und B, die jeweils über ein gegebenes Einkommen E verfügen. Beide Individuen verwenden ihr Einkommen vollständig für den Konsum der beiden Güter X und Y; sie sind dabei bestrebt, ihren Nutzen zu maximieren. Abbildung A2.2 zeigt konvexe Indifferenzkurven (A1 – A3) des Individuums A. Bei einer Bewegung auf einer dieser Indifferenzkurven kann man auf den Achsen Kombinationen der Güter X und Y ablesen, welche für das betreffende Individuum mit dem gleichen Nutzen verbunden sind. Aus dem gegebenen Einkommen des Individuums A ergibt sich die Budgetgerade, welche die bei diesem Einkommen und gegebenen Preisen möglichen Mengen der Güter X und Y anzeigt. Handelt Individuum A als Nutzenmaximierer, so wird es versuchen, innerhalb der durch die Budgetgerade gegebenen Beschränkung das höchstmögliche Nutzenniveau zu erreichen. Dieses Optimum ist in dem Punkt gegeben, wo die Budgetgerade die höchstmögliche Indifferenzkurve, hier die Indifferrenzkurve A2, tangiert. Dieser Punkt wird als Haushaltsoptimum bezeichnet. Wie kann man das Haushaltsoptimum formal kennzeichnen? Die Budgetgerade lässt sich allgemein durch die Gleichung (2–6) beschreiben als (2–6) E = PY · Y + PX · X, mit E = gegebenes Einkommen, X = Menge des Gutes X, Y = Menge des Gutes Y, PX = Preis des Gutes Y, PY = Preis des Gutes Y. Abbildung A2.2: Haushaltsoptimum des Individuums A Der Haushalt erreicht bei derjenigen Mengenkombination der Güter ein Nutzen maximum, bei der die Budgetgerade die höchst mögliche Indifferenzkurve tangiert (Haushaltsoptimum). X Y 0 A1 A3 A2 Haushaltsoptimum Budgetgerade 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 51 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 51 Im Haushaltsoptimum stimmen die Steigungen der Budgetgerade und der Indifferenzkurve überein. Die Steigung der Budgetgeraden erhält man durch Auflösen von Formel (2–6) nach Y: (2–7) Y = E PY – PX PY · X. Jede Steigung einer Tangente an einem beliebigen Punkt der Indifferenzkurve entspricht der Grenzrate der Gütersubstitution (GRGSA) in diesem Punkt. Im Haushaltsoptimum gilt folglich für das Individuum A, dass dort die Grenzrate der Gütersubstitution der Steigung der Budgetgeraden entspricht: (2–8) GRGSA = – PX PY . Auch wenn sich das Einkommen eines Individuum B, das ebenfalls X und Y konsumiert, deutlich von dem Einkommen des Individuums A unterscheidet, so gilt für den B ebenfalls, dass im Haushaltsoptimum die Grenzrate der Gütersubstitution die gleiche Steigung aufweisen muss wie die Budgetgeraden: (2–9) GRGSB = – PX PY . Da beide Individuen sich den gleichen Güterpreisen gegenübersehen (keine Preisdifferenzierung), kann man die Gleichungen (2–8) und (2–9) zusammenfügen zu (2–10) GRGSA = – PX PY = GRGSB. Gleichung (2–10) zeigt, dass bei Gültigkeit der Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz im Gleichgewicht die zweite Marginalbedingung der Wohlfahrtsökonomik erfüllt ist. A2.2.3 Die dritte wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung im Modell der vollständigen Konkurrenz Bisher wurde das Gleichgewicht auf den Güter- und auf den Faktormärkten isoliert voneinander betrachtet. Im Folgenden ist nun noch zu zeigen, dass sich beide Märkte bei vollständiger Konkurrenz in einem simultanen Gleichgewicht befinden, so dass auch die dritte wohlfahrts ökonomische Marginalbedingung erfüllt ist. Das Gleichgewicht auf den Faktormärkten (Gleichheit der Grenzraten der Faktorsubstitution) lässt sich als Transformationskurve darstellen (vgl. Abschnitt 2.4.1). Alle Punkte auf dieser Transformationskurve, die konkav verlaufen soll, repräsentieren effiziente Güterkombinationen im Sinne der ersten Marginalbedingung. Die Grenzrate der Transformation (GRT) entspricht der Steigung der Transformationskurve an einem beliebigen Punkt (vgl. Abbildung A2.3). Hinsichtlich der Transformationskurve wird ein gegebener Bestand an Arbeit A und Kapital K unterstellt. Eine Bewegung auf der in Abbildung A.2.3 dargestellten Transformationskurve von links oben nach rechts unten bedeutet, dass von Gut Y weniger und von Gut X mehr produziert wird. Die dadurch in der Produktion von Gut Y freigesetzten Mengen der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital werden Teil I: Der Markt als Referenzsystem52 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 52 vollständig für die Herstellung des Gutes X eingesetzt (Annahme der Vollbeschäftigung). Formal bedeutet dies: (2–11) – dKY = dKX und (2–12) – dAY = dAX. Die Grenzrate der Transformation ist bei einer infinitesimal kleinen Reduktion von Y zugunsten von X durch das Verhältnis dY/dX definiert. Die Größe GPKY stellt das Grenzprodukt des Produktionsfaktors Kapital beim Gut Y dar und zeigt an, in welchem Umfang die Ausbringung des Gutes Y zurückgeht, falls man unter Konstanz des Faktors Arbeit eine geringe Menge des Faktors Kapital entzieht. Für dY ergibt sich daher: (2–13) dY = dKY · GPKY. Die freigesetzte Menge an Kapital beim Gut Y führt zu einer Erhöhung der Ausbringung des Gutes X (bei konstanter Einsatzmenge des Faktors Arbeit) entsprechend der Gleichung: (2–14) dX = dKX · GPKX. Mit Hilfe der Gleichungen (2–13) und (2–14) lässt sich die Grenzrate der Transformation (GRT) schreiben als (2–15) GRT = – dY dX = – dKY · GPKY dKX · GPKX . Abbildung A2.3: Transformationskurve und die Grenzrate der Transformation Die Grenzrate der Transformation (= Steigung der Transformationskurve) gibt an, auf welche Menge eines Gutes verzichtet werden muss, um eine zusätzliche Menge eines anderen Gutes zu produzieren. Sie ist ein Maß für die Knappheitsverhältnisse in der Sphäre der Produktion. X Y 0 dX dY Grenzrate der Transformation Transformationskurve 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 53 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 53 Aufgrund von (2–11) ergibt sich (2–15a) GRT = – dY dX = – GPKY GPKX . Analog hierzu kann man dY und dX durch die Grenzprodukte des Faktors Arbeit (GPAY und GPAX) beschreiben. Es ergibt sich die Gleichung (2–16) GRT = –dY dX = – GPAY GPAX . Die Grenzrate der Transformation entspricht somit dem negativen Verhältnis der Grenzprodukte des Faktors Arbeit bzw. dem negativen Verhältnis der Grenzprodukte des Faktors Kapital. Da bei vollständiger Konkurrenz auf dem Gütermarkt die Anbieter keinen Einfluss auf den Preis haben, müssen die Unternehmen U1 und U2, die jeweils die Güter X und Y produzieren, ihr Angebot entsprechend der Grenzkosten-Preis-Regel (GK = P) bestimmen. Es gilt also: (2–17) GKY = PY bzw. GKX = PX. Bei vollständiger Konkurrenz wird jedes Unternehmen so viel von einem bestimmten Produktionsfaktor einsetzen, wie der dadurch zu erzielende Ertrag höher ist als der zu zahlende Faktorpreis. Erst wenn die zusätzlichen Erträge die Kosten nicht mehr decken, unterbleibt die Verwendung weiterer Einheiten des Produktionsfaktors. Im Gleichgewicht gilt daher, dass die letzte eingesetzte Einheit entsprechend dem Wertgrenzprodukt (Güterpreis multipliziert mit dem Grenzprodukt eines Faktors) entlohnt wird. Für die Produktion der beiden Güter X und Y gilt daher im Gleichgewicht (2–18) lY = PY · GPAY bzw. lX = PX · GPAX. Die Bedingung (2–17) in Gleichung (2–18) eingesetzt und nach GPA aufgelöst ergibt: (2–19) GPAY = lY GKY bzw. GPAX = lX GKX . Durch Einsetzen der Gleichung (2–19) in Gleichung (2–16) ist folgende Umformung möglich: (2–20) GRT = – lY GKY lX GKX . Herrscht vollständige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und sind alle Arbeitnehmer gleich produktiv, wird jede Arbeitseinheit zum gleichen Preis angeboten und nachgefragt (lY = lX). Somit vereinfacht sich Gleichung (2–20) zu: (2–20a) GRT = GKX GKY . Teil I: Der Markt als Referenzsystem54 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 54 Aufgrund der Gleichung (2–17) kann man Gleichung (2–20a) wie folgt darstellen: (2–20b) GRT = – PX PY . Die Gleichung (2–10) war das Ergebnis der Überlegungen zur zweiten Marginalbedingung im Modell der vollständigen Konkurrenz: (2–10) GRGSA = – PX PY = GRGSB. Infolgedessen kann man die Gleichungen (2–10) und (2–20 b) zusammenfassen, so dass gilt (2–21) GRT = – PX PY = GRGSA = GRGSB. Treffen die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz zu, so ist im Gleichgewicht auch die dritte wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung erfüllt. Es besteht ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum. A2.3 Zusammenfassung Da im Gleichgewicht eines Marktes, in dem die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz zutreffen, sämtliche Faktor- und Güterpreise einander gleich sind, passen sich Haushalte und Unternehmen an die gleichen Preisverhältnisse an. Folgen die Unternehmen der Grenz kosten = Preis-Regel und sind sämtliche Produktionsfaktoren vollbeschäftigt, so werden die drei wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingungen erfüllt; es besteht ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum. Es gibt aber in der paretianischen Wohlfahrtsökonomik nicht nur einen Zustand, der zu einem simultanen Tausch- und Produktionsoptimum führt, sondern viele solcher Zustände. Welches dieser Optima die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt maximiert, d. h. zum „Optimum Optimorum“ führt, lässt sich im Rahmen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik nur unter sehr restriktiven Annahmen ableiten (vgl. Abschnitt 2.4.4). Im Modell der vollständigen Konkurrenz hängt es vom Einkommen des Individuums A (bzw. des B) ab, welche Budgetgerade für ihn relevant ist und welches Nutzenniveau erreicht werden kann. Je höher das Einkommen des Individuums A im Vergleich zum Individuum B, umso eher schlagen die Präferenzen des Individuums A auf die Produktionsstruktur durch. Steigt das Einkommen des A, so können die verstärkt wirksam werdenden Präferenzen von Individuum A die Güterpreisverhältnisse beeinflussen, was dann u. U. zu entsprechenden Anpassungen auf der Produktionsebene führt. Eine derart modifizierte Produktionsstruktur kann wiederum die Knappheitsverhältnisse auf den Faktormärkten und somit auch die Einkünfte der Faktoreigentümer verändern. Dies schlägt sich dann in veränderten Budgetgeraden nieder (usw. usf.). Allgemein gilt bei einer Vielzahl von Gütern und Individuen, dass die optimalen Grenzraten der Gütersubstitution vom Einkommen der Individuen abhängen. 2. Der Markt im ökonomischen Standardmodell 55 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 55 M. a. W., die im Ausgangszustand herrschende Einkommensverteilung hat einen wesentlichen Einfluss auf die sich im Gleichgewicht ergebenden Grenzraten der Gütersubstitution. Diese bei den Haushalten zu realisierenden Optima werden aber nicht losgelöst vom Produktionsbereich bestimmt, sondern es kommt durch Anpassungs reaktionen von Haushalten und Unternehmen zu einem simultanen Gleichgewicht zwischen Tausch und Produktion, bei dem sich letztendlich für jede mögliche Einkommensverteilung andere gleichgewichtige Grenzraten der Transformation bzw. der Gütersubstitution ergeben. Im Modell der vollständigen Konkurrenz setzt sich in Abhängigkeit von der herrschenden Einkommensverteilung immer ein Zustand durch, der einem simultanen Gleichgewicht in der Produktion und im Tausch entspricht. Welche der (unendlich vielen möglichen) Einkommensverteilungen die Wohlfahrt aller maximiert, bleibt dabei aber offen. Das Modell der vollständigen Konkurrenz gibt folglich ebenso wie die paretianische Wohlfahrtsökonomik (vgl. hierzu Abschnitt 2.4.4) keine Antwort auf die Frage, welcher Zustand das „Optimum Optimorum“ darstellt. Verteilungspolitische Fragen lassen sich also weder im Rahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz noch im Rahmen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik lösen! Übungsaufgaben zum Anhang von Kapitel 2 1. Inwieweit sind die folgenden Aussagen richtig? Begründen Sie ihre Antwort! a) Die Koordination der Verwendung von Produktionsfaktoren und Gütern über Märkte führt zu einer Maximierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt. b) Märkte, die entsprechend dem Modell der vollständigen Konkurrenz funktionieren, verfehlen in aller Regel das „Optimum Optimorum“. c) Die Koordination der Verwendung von Produktionsfaktoren und von Gütern über Märkte bewirkt auf jeden Fall, dass ein simultanes Tausch- und Produktionsoptimum erreicht wird. 2. Erläutern Sie die Bedeutung einheitlicher Güter- und Faktorpreise für die These, dass im Modell der vollständigen Konkurrenz eine effiziente Allokation der Güter und Produktionsfaktoren erreicht wird. Nehmen Sie kritisch dazu Stellung, inwieweit in realen Märkten einheitliche Güter- und Faktorpreise gegeben sind. Literaturhinweise zum Anhang von Kapitel 2 Grundlage dieses Nachweises ist Lancaster (1991, 325–337). Eine knappe Zusammenfassung dieses Zusammenhangs bietet auch Luckenbach (2000, 110–117). Hanusch/Kuhn/Cantner (2002, 44–50, 67–70) leiten die Optimalitätsbedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz im Rahmen von Edgeworth-Boxen ab. Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 56 3. Zur praktischen Relevanz des ökonomischen Standardmodells Die paretianische Wohlfahrtsökonomik und das Modell der vollständigen Konkurrenz stellen in sich geschlossene und aufeinander aufbauende Theoriengebäude dar: In Märkten, in denen die Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz zutreffen, werden die von der paretianischen Wohlfahrtsökonomik aufgestellten Bedingungen für eine optimale Allokation erfüllt (vgl. Kapitel 2). Gleichbedeutend mit einer optimalen Allokation ist, dass zwei der in Abschnitt 1.6 aufgeführten allgemeinen Funktionen des Wettbewerbs, „Konsumentensouveränität“ und „optimale Faktorallokationen“, perfekt erreicht werden. Die eindeutigen Aussagen der paretianischen Wohlfahrtsökonomik und des Modells der vollständigen Konkurrenz werden insbesondere durch eine Reihe von sehr restriktiven Annahmen möglich, welche die Praxisrelevanz des Ansatzes allerdings in Frage stellen. Gegen die Eignung der paretianischen Wohlfahrtsökonomik und des Modells der vollkommenen Konkurrenz als Referenzsystem zur Beurteilung von Marktprozessen bzw. zur Bestimmung von Marktversagen werden drei Einwände vorgebracht, auf die hier näher eingegangen werden soll, nämlich der Nirwana- Vorwurf (Abschnitt 3.1.1), die Problematik des Second-Best (Abschnitt 3.1.2) sowie der statische Charakter des Ansatzes (Abschnitt 3.1.3). Abschnitt 3.2 erläutert, wie es in Märkten gelingt, die übrigen der in Abschnitt 1.5 genannten Funktionen des Wettbewerbs, „Entlohnung der Produktionsfaktoren nach der Marktleistung“, „Anpassungsflexibilität“ und „Förderung des technischen Fortschritts bei Produkten und Produktionsmethoden“, zu erfüllen. Insbesondere die Betrachtung der beiden Faktoren „Anpassungsflexibilität“ und „Förderung des technischen Fortschritts“ gibt deutliche Hinweise darauf, dass – im Gegensatz zum statischen Modell der vollständigen Konkurrenz – der Markt dazu in der Lage sein kann, dynamische Aspekte zu berücksichtigen. Eine Alternative zu einem nicht vollständig funktionsfähigen Markt würde ein System zentral-bürokratischer Lenkung darstellen. Die Gegen überstellung von Vor- und Nachteilen eines solchen Systems mit einer Allokation durch den Markt (Abschnitt 3.3) zeigt, dass marktliche Allokation auch dann vermutlich die bessere Alternative darstellt, wenn dieser Markt nicht entsprechend den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz funktioniert. Schließlich wird gefragt, wann der Staat aufgrund von Marktversagen in die Wirtschaft eingreifen sollte (Abschnitt 3.4). Diese Frage stellt sich insbesondere deshalb, weil offenbar nicht jegliche Abweichung der Realität von den sehr restriktiven Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz als Marktversagen zu werten ist, da dann in fast sämtlichen Wirtschaftsbereichen nahezu ständig ein Eingriff erforderlich wäre. Zu bedenken ist insbesondere, dass solche Eingriffe mit Kosten verbunden sind und der Staat nur in Ausnahmefällen dazu in der Lage ist, das Optimum herbeizuführen.

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References

Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.