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12 Nichtrationalität in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 335 - 342

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_335

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 315 12. Nichtrationalität Es gibt Verhaltensweisen von Menschen, die für viele Beobachter nicht als „rational“ nachzuvollziehen sind. Hierzu gehören etwa eine unzureichende Alters- und Pflegevorsorge, das Mitmachen von Modewellen oder die verschiedenen Formen von Suchtverhalten. Solche Handlungen werfen die Frage auf, inwiefern eine unbefriedigende Funktionsweise des Marktes auch auf Nichtrationalität zurückgeführt werden kann. Insbesondere fragt sich, ob man hieraus eine Rechtfertigung für politische Eingriffe ableiten kann. Die Problematik der Identifikation nichtrationalen Verhaltens und die Begründung entsprechender staatlicher Eingriffe sind Gegenstand dieses Kapitels. Man kann durchaus unterschiedlicher Auffassung darüber sein, was unter rationalem Verhalten zu verstehen ist. Im Folgenden stellt Abschnitt 12.1 die in der ökonomischen Theorie gebräuchlichen Formen der Rationalitätsannahme vor. Darauf aufbauend werden dann verschiedene Arten nichtrational erscheinender Verhaltensweisen behandelt (Abschnitt 12.2). Abschnitt 12.3 diskutiert mögliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Die Überlegungen ergeben, dass Nichtrationalität als Begründung für staatliche Eingriffe auf der Grundlage des ökonomischen Ansatzes abzulehnen ist. 12.1 Rationalität versus Nichtrationalität Wenn die ökonomische Theorie rationales Verhalten der Individuen voraussetzt, so ist hiermit eine bestimmte Form der Rationalität gemeint, die als Zweckrationalität bezeichnet wird. Eine zweckrationale Entscheidung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie am Ergebnis der betreffenden Handlung orientiert ist, wobei irgendeine Form der Abwägung zwischen Mittelaufwand und Ertrag zu Grunde liegt. Nach dem Konzept der Zweckrationalität kommt es allein auf die Folgen einer Handlung an, die Handlung selbst besitzt keinerlei Eigenwert (,Der Zweck heiligt die Mittel‘). Im Gegensatz dazu stünde die Wertrationalität; nach diesem Konzept ist nicht allein das Ergebnis einer Handlung relevant, sondern der Handlung selbst wird (etwa unter ethischen oder religiösen Gesichtspunkten) ein gewisser Wert beigemessen. Entsprechend dem Aufwand, der bei der Abwägung zwischen Mitteleinsatz und Ertrag betrieben wird, unterscheidet man zwischen objektiver und subjektiver Rationalität. Bei der objektiven Rationalität handelt es sich um eine Extremwertforderung: Es wird unterstellt, die Akteure würden ihre Entscheidungen so treffen, dass ihr Zielerreichungsgrad jeweils maximiert wird. Sie versuchen also, mit gegebenem Mitteleinsatz das bestmögliche Ergebnis bzw. ein bestimmtes Ergebnis mit geringstmöglichem Aufwand zu erzielen (ökonomisches Prinzip). In einer Welt ohne Unsicherheit impliziert dies, dass vollständige Informationen über sämtliche zur Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 316 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 316 Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten und deren jeweilige Folgen eingeholt werden, um jene Handlungsalternative auszuwählen, welche den Nutzen unter den gegebenen Nebenbedingungen maximiert. Herrscht Unsicherheit, so kann zur Vereinfachung unterstellt werden, dass die Individuen risikoneutral eingestellt sind: Sie gewichten die Folgen der verschiedenen Handlungsalternativen mit den jeweiligen Eintrittswahrscheinlichkeiten und wählen dann jene Alternative, die den höchsten Erwartungswert aufweist. Da die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen meist nicht unerheblichen Aufwand verursacht, ist die Unterstellung objektiver Rationalität wohl als unrealistisch anzusehen. Das Konzept der subjektiven Rationalität trägt diesen Einwänden Rechnung; es unterstellt, dass ein Individuum lediglich über unvollständige und/oder falsche Informationen verfügt (weil die Beschaffung von weiteren Informationen Kosten verursacht) und in diesem begrenzten Rahmen seine Entscheidung optimiert. Eine weit verbreitete Variante der subjektiven Rationalität stellt das Konzept der beschränkten Rationalität („bounded rationality“) dar. Nach dem Konzept der beschränkten Rationalität verhalten sich die Individuen nicht als Maximierer, sondern als Satisfizierer; es wird nicht mehr unterstellt, dass die Akteure eine Zielfunktion maximieren, sondern man geht davon aus, dass sie einen Suchprozess unternehmen, der dann abgebrochen wird, wenn das Ergebnis ein bestimmtes Anspruchsniveau erreicht (vgl. Abschnitt 2.1). Das Konzept der beschränkten Rationalität macht die sehr enge Beziehung zwischen dem Rationalitätsproblem und dem Informationsproblem deutlich, denn inwieweit jemand ein bestimmtes Ziel-Mittel-Verhältnis als befriedigend ansieht, hängt nicht zuletzt von seinem Informationsstand ab. Dabei bezieht sich beschränkte Rationalität nicht allein auf die Informationssuche, sondern auch auf die Informationsverarbeitung durch die Wirtschaftssubjekte; es wird davon ausgegangen, dass dann, wenn bereits relativ einfache Kalküle zu einem befriedigenden Ergebnis führen, keine komplizierteren (und aufwändigeren) Verfahren mehr angewandt werden. Das Konzept der subjektiven Zweckrationalität impliziert, dass allein aus der Sicht des betreffenden Individuums entschieden werden kann, ob eine bestimmte Handlung rational ist. Andere Individuen können die subjektive Rationalität einer Entscheidung lediglich dadurch beurteilen, indem sie prüfen, ob die Entscheidung bestimmten Kriterien genügt. Die Entscheidungstheorie hat eine ganze Reihe von diesbezüglichen Ansätzen entwickelt. Als zentrales Kriterium zur Beurteilung der Frage, ob eine bestimmte Entscheidung subjektiv rational ist, wird allgemein deren interne Konsistenz angesehen, wobei der Begriff der internen Konsistenz unterschiedlich definiert wird. Am häufigsten wird in diesem Zusammenhang gefordert, dass konsistente Entscheidungen dem Kriterium der Vergleichbarkeit genügen. Vergleichbarkeit bedeutet, dass ein Individuum für je zwei beliebige Alternativen aussagen kann, welche es vorzieht oder ob es gegenüber diesen Alternativen indifferent ist. Solange ein Individuum diese Aussagen für sämtliche in Frage kommenden Alternativen treffen kann, ist das Kriterium der Vergleichbarkeit erfüllt. Ein weiteres, anspruchsvolleres Kriterium zur Beurteilung der internen Konsis tenz stellt die Bedingung der Transitivität dar: Zieht ein Individuum die Alternative Y der Alternative X vor, und favorisiert es gleichzeitig den Vorschlag X gegenüber der Variante Z, so muss für das Individuum die Alternative Y besser sein als der Vorschlag Z. 12. Nichtrationalität 317 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 317 Wir gehen im Folgenden vom Konzept der subjektiven Zweckrationalität aus und bezeichnen Entscheidungen dann als nichtrational, wenn sie dem Kriterium der Konsistenz widersprechen. 12.2 Formen der Nichtrationalität Die genaue Abgrenzung verschiedener Formen nichtrationalen Verhaltens ist in der Literatur nicht immer ganz eindeutig. Es besteht aber zumindest insofern weitgehende Einigkeit, dass nichtrationales Verhalten nicht mit Irrationalität gleichzusetzen ist, sondern irrationales Verhalten nur einen Teilbereich der Nichtrationalität umfasst. Man kann drei Formen nichtrationalen Verhaltens unterscheiden, nämlich Entscheidungsanomalien, Diskrepanzen zwischen dem objektiv vorhandenen und dem subjektiv wahrgenommenen (ipsativen) Möglichkeitsraum sowie die Irrationalität. Unter Entscheidungs- oder auch Verhaltensanomalien versteht man solche Verhaltensweisen, bei denen die Entscheidungen der Individuen gegen zentrale Ergebnisse der Entscheidungstheorie verstoßen. Derartige Anomalien wurden vor allem mit Hilfe von Laborexperimenten untersucht. Beispiele: •• Entscheidungsträger maximieren nicht ihren Erwartungsnutzen. Stellt man Individuen im Rahmen eines Experimentes zunächst vor die Wahl, entweder eine sichere Auszahlung einer bestimmten Summe (30 Geldeinheiten, GE) oder eine etwas unsichere (z. B. Eintrittswahrscheinlichkeit 80 %), aber höhere Auszahlung (45 GE) zu erhalten, so zeigt sich, dass die überwiegende Mehrheit der Probanden die sichere Alternative bevorzugt. Gibt man im weiteren Verlauf des Experiments zwei relativ unsichere Alternativen vor (z. B. 25 % Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Auszahlung von 30 GE; 20 % Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Auszahlung von 45 GE), dann entscheiden sich die Probanden in der Regel für die weniger wahrscheinliche Möglichkeit. Man kann zeigen, dass ein solches Verhalten (im ersten Fall: Wahl der sicheren Alternative; im zweiten Fall: Wahl der relativ unsicheren Alternative), unabhängig von der konkreten Gestalt der Nutzenfunktion des jeweiligen Individuums, inkonsistent ist. •• Die zur Verfügung stehenden Informationen werden selektiv verarbeitet, d. h. Individuen nutzen nur einen Teil der Informationen oder nehmen Informationen nur verzerrt wahr. Sie berücksichtigen z. B. eher spektakuläre Ereignisse bei ihrer Entscheidung als eine Vielzahl von unspektakulären Ereignissen, auch wenn in der Summe beide die gleiche Wirkung aufweisen. •• Die Risikoeinstellung der Individuen hängt von der zu treffenden Entscheidung ab. Einerseits verhält man sich risikoavers, indem man sich gegen mögliche Schäden versichert; dies schließt aber häufig nicht aus, dass man sich andererseits risikofreudig verhält und etwa in der Lotterie spielt. •• Entscheidungen werden wesentlich von der Art der Problempräsentation beeinflusst. In einem Experiment zeigte sich beispielsweise, dass die Versuchspersonen zur Wahl jeweils unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen tendierten, je nachdem, ob die Wirkung der Maßnahmen in Veränderungen der Arbeitslosenquote oder in Form von entsprechenden Veränderungen des Beschäftigungsgrades dargestellt wurde. Man kann im Zusammenhang mit solchen Entscheidungsanomalien wohl nur dann von Marktversagen sprechen, wenn dabei unterstellt wird, dass die in der Ökonomik gebräuchliche Entscheidungstheorie das Verhalten der Individuen zutreffend abbildet. Variiert man nämlich die entscheidungstheoretischen Annah- Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 318 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 318 men, so werden derartige Verhaltensweisen u. U. durchaus als rationales Verhalten erklärbar. Modifiziert man die Hypothese, rational handelnde Individuen würden diejenige Alternative mit dem höchsten erwarteten Nutzen wählen, derart, dass man die objektiven Wahrscheinlichkeiten mit einer subjektiven Funktion des betreffenden Akteurs gewichtet oder führt man ergänzend psychische Kosten für eine falsche Entscheidung ein, so lassen sich viele der entscheidungstheoretischen Anomalien erklären, und sie erscheinen dann keineswegs mehr als nichtrational. Hinsichtlich der Begründung von Eingriffen kollektiver Instanzen bedeutet dies, dass menschliches Verhalten nicht allein deshalb wirtschaftspolitische Maßnahmen erfordert, weil es mit einer bestimmten Version des ökonomischen Ansatzes nicht adäquat erklärt werden kann. Es ist wohl vielfach eher als eine Unzulänglichkeit der Theorie und nicht der Individuen anzusehen, wenn die Theorie bestimmte Verhaltensweisen nicht erfasst. Inwiefern die Koordination durch den Markt aufgrund nichtrationalen Verhaltens der Akteure versagt, ist somit letztendlich eine Frage der richtigen Theorie. Diskrepanzen zwischen dem objektiv bestehenden und dem ipsativen (individuell wahrgenommenen) Möglichkeitsraum bestehen dann, wenn Entscheidungsträger ihre Möglichkeiten systematisch über- oder unterschätzen. Der Grund hierfür kann einmal in einer falschen Wahrnehmung der Realität liegen. Nehmen die Individuen die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten falsch wahr, so ergreifen sie u. U. andere Alternativen als jene, die sie bei korrekter Perzeption der Wahrscheinlichkeiten realisiert hätten. Beispiele: Menschen wissen zwar von der nicht unerheblichen Wahrscheinlichkeit, ab einem gewissen Alter an Krebs zu erkranken, tendieren aber zu der Annahme, dass sie selbst nicht davon betroffen sein werden, und unterlassen aus diesem Grund entsprechende Vorsorgeuntersuchungen. Viele Individuen glauben, dass sie keinen Auto-, Sport- oder Arbeitsunfall erleiden werden, weil sie meinen, durch eigene Anstrengungen das (auch zufällige) Eintreten des Unfalls verhindern zu können. Hausbesitzer versichern sich nicht gegen bestimmte Schäden, weil sie der Ansicht sind, dass es sie nicht treffen wird. Viele junge Paare kennen die hohen Scheidungsraten, glauben aber, dass ihre eigene Ehe Bestand haben wird. Ein Arbeitsloser resigniert so weit, dass er sich nicht mehr um Stellen bewirbt, für die er objektiv in Frage käme. Diskrepanzen zwischen dem objektiven und dem ipsativen Möglichkeitsraum können aber auch strategische Gründe haben. Eine Überausdehnung des ipsativen Möglichkeitsraums aufgrund strategischen Verhaltens liegt beispielsweise dann vor, wenn Akteure systematisch und bewusst solche Alternativen auswählen, die sie überfordern, um beim Versuch, die unerreichbare Alternative zu verwirklichen, das Maximum an eigener Arbeitsleistung zu erreichen. Eine strategische Unterausdehnung des ipsativen Möglichkeitsraumes ist etwa dann zu vermuten, wenn Individuen bewusst jeglichen Konsum von Drogen wie Alkohol oder Tabak vermeiden, um der Gefahr einer Sucht von vornherein auszuweichen. Wie bereits erwähnt, stellt Irrationalität lediglich einen Teilbereich des nichtrationalen Verhaltens dar. Man spricht in der Regel dann von Irrationalität, wenn das Verhalten von Individuen gegen ihre eigenen Interessen bzw. die eigene Wohlfahrt verstößt. Beispiele hierfür wären etwa der Konsum suchterzeugender Drogen oder die Selbstverstümmelung. Es besteht in der Literatur weitestgehende Einigkeit dar- 12. Nichtrationalität 319 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 319 über, dass man das Vorliegen von Irrationalität kaum interindividuell objektiv feststellen kann; es sei denn, die Entscheidung widerspräche der Konsistenzforderung. Dies folgt unmittelbar aus der dem ökonomischen Ansatz zu Grunde liegenden Annahme, dass der mit einer Handlung verbundene Nutzen nur von dem jeweiligen Individuum selbst beurteilt werden kann. Dementsprechend lassen sich selbst extrem widersprüchliche Handlungen stets damit erklären, dass sich das Präferenzsystem des Akteurs im Zeitablauf verschoben hat. Da sich aber individuelle Präferenzen einer Messung weitgehend entziehen, kann man eine Veränderung der Präferenzen im Zeitablauf empirisch allerdings nur schwer nachweisen. 12.3 Nichtrationalität als Begründung für wirtschaftspolitische Eingriffe Inwieweit das Vorliegen nichtrationaler Verhaltensweisen eine Begründung für Eingriffe kollektiver Instanzen darstellen kann, ist in der Literatur insbesondere im Rahmen der Diskussion um sogenannte meritorische Güter erörtert worden. Als meritorisch bezeichnet man solche Güter, die nach Auffassung der staatlichen Entscheidungsträger in ‚zu geringem Maße‘ nachgefragt werden; analog hierzu sind demeritorische Güter dadurch gekennzeichnet, dass die Nachfrage nach ihnen ‚zu groß‘ ist. Bei meritorischen Gütern bestünde der adäquate Eingriff in der Subventionierung der betreffenden Güter (z. B. Schulspeisung) oder im Konsumzwang (z. B. Krankenversicherungspflicht, Schulzwang), bei demeritorischen Gütern in der Verteuerung (z. B. Tabaksteuer, Alkoholsteuer) oder dem Verbot (z. B. harte Drogen). Das zentrale Kennzeichen eines meritorisch zu nennenden Eingriffs besteht darin, dass hiermit die von den Konsumenten geäußerten Präferenzen korrigiert werden sollen. Als Ursachen für verzerrte Präferenzen der Individuen wird neben Nicht rationalität insbesondere unvollständige oder falsche Information (z. B. durch irreführende Werbung) angeführt; ein Argument, das bereits im Rahmen des Abschnittes über Informationsmängel (Kapitel 10) behandelt wurde. Darüber hinaus spielen nicht selten auch verteilungspolitische Zielsetzungen eine Rolle oder es wird auf ‚übergeordnete Belange‘ verwiesen. Beide Argumente sind mit der paretianischen Wohlfahrtsökonomik kaum kompatibel. Da sich aus der Wohlfahrts- ökonomik – abgesehen von pareto-optimalen Umverteilungsmaßnahmen (vgl. den Anhang zu Kapitel 4) – keine Aussagen zu erwünschten Verteilungszuständen ableiten lassen, liegt die Rechtfertigung verteilungspolitisch motivierter Maßnahmen jenseits des Geltungsbereiches der Theorie des Marktversagens. Der Verweis auf ‚übergeordnete‘ Belange ist mit dem individualistischen Charakter des ökonomischen Ansatzes unvereinbar, denn im Rahmen ökonomischer Sozialtheorie sind letztendlich die Präferenzen der Individuen maßgeblich bei der Beurteilung der Erwünschtheit von Zuständen bzw. für politische Ziele. Noch am ehesten könnte wohl irrationales Verhalten einen wirtschaftspolitischen Eingriff begründen, wobei allerdings das schwer wiegende Problem besteht, dass sich das Vorliegen von Irrationalität nicht objektiv diagnostizieren lässt. Trotz dieses Diagnoseproblems wird von einigen Autoren ein so begründeter Staatseingriff – zumindest theoretisch – dann als gerechtfertigt angesehen, wenn er im Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 320 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 320 nachhinein von den Betroffenen gebilligt wird. Die Maßnahme ist somit im Sinne von ‚Erziehungsdiktatur‘ zu verstehen. In praktischer Hinsicht ergeben sich hier allerdings zwei schwer wiegende Einwände, nämlich: •• Man kann vorher nie genau sagen, ob eine solche nachträgliche Billigung auch tatsächlich eintreten wird. •• Das Kriterium der nachträglichen Billigung kann bestenfalls als notwendig, keinesfalls jedoch als hinreichend für die Legitimation des Eingriffs angesehen werden, da hierzu noch geklärt werden muss, ob die durch den Eingriff bewirkte Änderung der bekundeten Präferenzen auf akzeptable Weise zu Stande gekommen ist und nicht etwa auf einer Art ‚Gehirnwäsche‘ beruht. Tatsächlich lassen sich viele der scheinbar plausiblen Beispiele für Irrationalität auf andere potenzielle Ursachen von Marktversagen zurückführen. Jede darüber hinausgehende Argumentation für Staatseingriffe aufgrund des Vorliegens von Irrationalität verstößt gegen die der liberalen Ökonomik zu Grunde liegende Annahme, nach der die Individuen selber am besten wissen, was ihre wahren Präferenzen sind, und kann im Rahmen dieser Theorie nicht gerechtfertigt werden. Nichtrationalität, insbesondere Irrationalität ist zwar ein nicht selten angeführtes, aus den genannten Gründen aber inakzeptables Argument zur Begründung staatlicher Intervention. Ließe man es zu, so könnte praktisch jede Art staatlicher Maßnahmen mit der Behauptung gerechtfertigt werden, sie läge im wohlverstandenen Interesse der Betroffenen. Bestehen Zweifel an der Rationalität individueller Entscheidungen, so bieten sich vor allem informationspolitische Maßnahmen an. Auch Schutzvorkehrungen wie etwa das Recht zum Widerruf eines Vertrages innerhalb einer bestimmten Frist (z. B. bei Versicherungen und bei „Haustür-Geschäften“) können in diesem Zusammenhang sinnvoll sein. Ein wesentlicher Vorteil solcher Instrumente wie der Bereitstellung von Informationen und der Zulassung eines Widerrufs von Willenserklärungen besteht darin, dass hierbei die individuellen Präferenzen grundsätzlich respektiert werden. Wesentlich problematischer wäre beispielsweise eine mit dem Vorliegen von Nichtrationalität begründete Pflichtversicherung, da hier u. U. auch solche Individuen zum Abschluss der Versicherung gezwungen werden, die vollkommen rational handeln und aus sich heraus keinen Versicherungsschutz erwerben würden. Als Mittel zur Korrektur vermeintlicher Nichtrationalität menschlichen Verhaltens wurde in der Literatur eine wohlmeinende Bevormundung durch „sanfte“ Anstöße zu bestimmten erwünschten Handlungen diskutiert. Beispiele für solche „Schubser“ (Nudges) wären etwa eine verkaufsfördernde Platzierung gesunder Lebensmittel in Kantinen und Supermärkten, Warnhinweise auf gesundheitliche Risiken und Schockbilder auf Zigarettenschachteln, Verbot der Abgabe zuckerhaltiger Soft-Drinks in großen Portionierungen oder eine obligatorische Beratung bei bestimmten Finanzgeschäften. Zur Rechtfertigung derartiger Maßnahmen wird argumentiert, dass sie durchaus noch mit einem liberalen Politikkonzept zu vereinbaren seien, da den Akteuren damit ja keine bestimmte Handlung vorgeschrieben werde; eine Position, die auch als ‚liberaler Paternalismus‘ gekennzeichnet wird. Offen bleibt aber, wer wodurch zu einer sanften Bevormundung der Bürger legitimiert ist. Auch eine wohlmeinende Bevormundung kann Freiheitsspielräume einengen, insbesondere dann, wenn die Maßnahmen mit Kosten verbunden sind, 12. Nichtrationalität 321 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 321 die auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Schließlich wird gegen das Konzept eingewandt, dass paternalistische Verhaltenssteuerung unter Umständen eine Verminderung der Fähigkeit zu selbständiger Problemlösung bzw. zu souveräner Entscheidung nach sich zieht, was im Widerspruch zu Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes steht. Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass auch der Versuch der Beeinflussung menschlichen Verhaltens durch sanfte Anstöße das grundlegende Rechtfertigungsproblem nicht lösen kann. Tatsächlich können viele Entscheidungen von Menschen nur schwer mit der Rationalistätsannahme, die dem ökonomischen Ansatz zu Grunde liegt, vereinbar erscheinen. Insofern spricht das Argument der Nichtrationalität wichtige Probleme an. Im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells, dass von der Souveränität des Einzelnen ausgeht, sind entsprechende korrigierende Eingriffe aber kaum zu rechtfertigen. Übungsaufgaben zu Kapitel 12 1. Welche verschiedenen Rationalitätsbegriffe gibt es? Erläutern Sie diese! 2. Was ist unter beschränkter Rationalität zu verstehen? Wieso kann bei beschränkter Rationalität die Entscheidung von der Reihenfolge abhängen, in welcher die verschiedenen Alternativen geprüft werden? 3. Welche Formen der Nichtrationalität kann man unterscheiden? Worin bestehen jeweils die wesentlichen Kennzeichen? 4. Nennen Sie Beispiele für eine Unterausdehnung und eine Überausdehnung des ipsativen im Vergleich zum objektiven Möglichkeitsraum! Welche Gründe kann es für derartige Divergenzen geben? 5. Lässt sich das Vorliegen von Irrationalität objektiv feststellen? Begründen Sie Ihre Antwort! 6. Diskutieren Sie die mögliche Begründung folgender staatlicher Eingriffe vor dem Hintergrund möglicher nichtrationaler Verhaltensweisen der Individuen: – das Rauchverbot; – die Kfz-Haftpflichtversicherung; – die Bereitstellung von Sozialwohnungen; – die Schulpflicht bis zum Abitur; – das Verbot der Werbung für Tabak und alkoholische Getränke in Rundfunk und Fernsehen. Literaturhinweise zu Kapitel 12 Einen Überblick über die verschiedenen Versionen des Rationalitätsbegriffes bieten Sen (1987) und Streit (2005, 266–272). Als vertiefende Literatur ist Kirchgässner (2008, 13–37) zu empfehlen. Die verschiedenen Entscheidungsanomalien werden ausführlich bei Frey/Eichenberger (1989) sowie bei Kirchgässner (2008, 202–223) dargestellt. Diskrepanzen zwischen ipsativen und objektiv bestehenden Möglichkeiten behandelt Frey (1990, 181–198). Zum Problem der meritorischen Güter siehe zusammenfassend Brümmerhoff (2011, 96 f.) und Zimmermann/Henke/Broer (2011). Ausführlichere Darstellungen der Theorie meritorischer Güter finden sich bei Musgrave (1987), Priddat (1992) und Tietzel/Müller (1998). Zum Konzept der sanften Verhaltenssteuerung siehe Thaler und Sunstein (2003 bzw. 2009). Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 323 Teil III: Ökonomische Theorie des Staates und der Politik In den bisherigen Kapiteln wurde unterstellt, dass ein Staat existiert, der bestimmte Regeln durchsetzt und das Ziel hat, den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand zu maximieren. Dies schließt ein, dass dieser Staat versucht, einem Marktversagen dann entgegen zu wirken, wenn dies ökonomisch sinnvoll ist. Aber wieso gibt es einen Staat? Was sind seine we sentlichen Aufgaben? Wie kann die Existenz eines Staates auf der Grundlage eines indivi dualistischen Erklärungsansatzes gerechtfertigt werden? Und wie umfangreich sollte die Staatstätigkeit sein, d. h. welchen Anteil am Sozialprodukt sollte er beanspruchen? Im Folgenden werden die Grundzüge der ökonomischen Theorie des Staates dargestellt, die versucht, auf diese Fragen eine Antwort zu geben (Kapitel 13). Obwohl sich dabei zeigen wird, dass man über die Aufgaben des Staates und den Umfang der Staatstätigkeit durchaus unterschiedlicher Ansicht sein kann, bietet die ökonomische Theorie des Staates auf jeden Fall einen Rahmen für die entsprechende Diskussion. In Kapitel 14 sind dann wesentliche Grundzüge der ökonomischen Theorie der Politik dargestellt. Dieser spezifisch ökonomische Ansatz zur Erklärung politischer Abläufe ist dadurch gekennzeichnet, dass die Annahme rational eigennützigen Handelns auf die Akteure des politischen Prozesses übertragen wird. Im Ergebnis zeigt sich, dass es durch politische Prozesse und die Bürokratie zu wesentlichen Divergenzen zwischen den Empfehlungen der Theorie des Marktversagens und den tatsäch lich durchgeführten Maßnahmen kommen kann. Abschließend wird der Frage nachgegan gen, wie man gesellschaftliche Entscheidungsprozesse und die kollektive Bereitstellung von Gütern so organisieren kann, dass die Wahrscheinlichkeit für Staatsversagen, also von Fehlfunktionen im politisch bürokratischen Bereich, möglichst gering ausfällt (Kapitel 15).

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References

Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.