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10 Marktversagen infolge von Informationsmängeln in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 265 - 309

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_265

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 245 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln Im Modell der vollständigen Konkurrenz wird unterstellt, dass sämtliche Akteure vollständig, rechtzeitig und kostenlos informiert sind. In realen Märkten treffen jedoch viele Akteure Entscheidungen, ohne auch nur über annähernd vollständige Information zu verfügen. Gegenstand der Marktversagenskategorie „Informationsmängel“ sind solche Fälle, in denen Marktakteure in einem Ausmaße uninformiert sind, dass der Markt hierdurch in seiner Funktionsweise wesentlich beeinträchtigt ist und ‚versagt‘. Zunächst gibt Abschnitt 10.1 einen Überblick über verschiedenen Arten von Informationsmängeln. Abschnitt 10.2 behandelt dann die Erscheinungsformen des Problems der asymmetrischen Information, wobei auch auf entsprechende marktendogene Lösungsmöglichkeiten eingegangen wird. Die beiden folgenden Abschnitte sind zwei besonderen Typen von Informationsmängeln, nämlich der Nutzenunkenntnis (Abschnitt 10.3) und der Preisunkenntnis (Abschnitt 10.4) gewidmet. Mögliche Folgen von Unsicherheit für den Marktprozess behandelt Abschnitt 10.5. Abschnitt 10.6 gibt dann einen Überblick über grundsätzliche Möglichkeiten der Politik im Umgang mit Marktversagen infolge von Informationsmängeln. Abschließend werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst (Abschnitt 10.7). 10.1 Arten von Informationsmängeln Im Folgenden werden zwei Typen von Informationsmängeln, nämlich Unkenntnis und Unsicherheit, unterschieden. Unkenntnis liegt dann vor, wenn Marktakteure unzureichend informiert sind, es aber im Prinzip möglich wäre, diese Lücke durch entsprechende Informationsbeschaffung zu beseitigen. Unsicherheit bezieht sich auf die zukünftige Entwicklung, die auch unter größtem Aufwand nicht mit vollkommener Gewissheit prognostiziert werden kann. Ich spreche hier von „Unkenntnis“ und nicht von „unvollkommener Information“, da •• der Begriff Unkenntnis besser der Tatsache Rechnung trägt, dass ein Marktversagen nicht nur aufgrund von (im quantitativen Sinne) fehlender Information, sondern auch infolge qualitativer Mängel von Informationen (falsche bzw. irreführende Informationen) auftreten kann; und •• die Bezeichnung „unvollkommene“ Information suggeriert, dass vollkommene im Sinne von vollständiger Information ein anzustrebender Zustand sei. Da aber die Gewinnung von Information in der Regel mit Kosten verbunden ist, kann nicht vollständige, sondern nur ‚optimale‘ Information ein sinnvolles Ziel darstellen. Es lassen sich mehrere Formen von Informationsmängeln im Sinne von Unkenntnis unterscheiden, die zu einem Marktversagen führen können. Ausgangspunkt der Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 246 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 246 Überlegung sind Tauschbeziehungen, in denen der eine Marktpartner besser informiert ist als der entsprechende Akteur auf der Marktgegenseite (asymmetrische Informationsverteilung; Abschnitt 10.2). Man kann mehrere Formen bzw. Sichtweisen von Problemen asymmetrischer Informationsverteilung unterscheiden. Einmal handelt es sich dabei um das Phänomen der Qualitätsunkenntnis, das dann vorliegt, wenn Akteure die Qualität eines Gutes nur relativ schlecht einschätzen können (Problem der verborgenen Informa tionen bzw. Eigenschaften). Qualitätsunkenntnis führt eventuell zu Fehlfunktionen des Marktes in Form von adverser Auslese (Abschnitt 10.2.1). Zum Zweiten kann es bei asymmetrischer Informationsverteilung deshalb zu Beeinträchtigungen der Marktallokation kommen, weil sich die Handlungen von Akteuren nicht hinreichend genau be obachten bzw. beurteilen lassen (Problem der verborgenen Handlungen bzw. des moralischen Risikos; Abschnitt 10.2.2). Eine dritte Form asymmetrischer Information stellt die Gefahr des opportunistischen Hold up dar, dass ein Vertragspartner eine Vereinbarung einseitig zum eigenen Vorteil auslegt und etwa einen Teil der Leistung vorenthält oder eine größere Gegenleistung fordert. Hier besteht die Informationsasymmetrie darin, dass man die Wahrscheinlichkeit für solches Hold up-Verhalten bei Vertragsschluss nicht genau abschätzen kann (Problem der verbor gene Absichten; Abschnitt 10.2.3). Und viertens schließlich sind Phänomene asymmetrischer Informationsverteilung Gegenstand des Prinzipal-Agent-Ansatzes, der sich als allgemeine Theorie asymmetrischer Informationsverteilung auffassen lässt (Abschnitt 10.2.4). Eine weitere Form von Informationsmangel im Sinne von Unkenntnis stellt die Nutzenunkenntnis dar; in diesem Falle sind die Nachfrager zwar in hinreichender Weise über die Qualität eines bestimmten Gutes bzw. Angebotes informiert, schätzen aber den Nutzen des Gutes falsch ein und konsumieren daher eine zu geringe oder eine zu große Menge dieses Gutes (vgl. Abschnitt 10.3). Preisunkenntnis schließlich ist dadurch gekennzeichnet, dass die Marktakteure Probleme bei der Bestimmung des markträumenden Preises haben, so dass wesentliche Nachfragebzw. Angebotsüberhänge entstehen (vgl. Abschnitt 10.4). Der Begriff der Unsicherheit (= Risiko) bezeichnet solche Konstellationen, in denen die zukünftige Entwicklung auch unter sehr großem Aufwand nicht mit vollkommener Gewissheit prognostiziert werden kann. In der Regel bestehen verschiedene Möglichkeiten für Anpassungsreaktionen, mit denen man die Unsicherheit vermindern kann (Abschnitt 10.5.1). Im Zusammenhang mit der Frage, ob ein Marktversagen vorliegt, dass ein staatliches Eingreifen erforderlich macht, ist es wichtig, zwischen unternehmerischer und nicht-unternehmerischer Unsicherheit zu unterscheiden. Der unternehmerischen Unsicherheit setzt man sich freiwillig aus. Dabei besteht das Motiv für die Übernahme von Unsicherheit in der Aussicht, im Erfolgsfall einen Gewinn zu erzielen (Abschnitt 10.5.2). Bei nicht-unternehmerischer Unsicherheit handelt es sich um Risiken, die eine ,normale‘ Begleiterscheinung des Lebens darstellen und nicht mit Möglichkeiten zur Erzielung von entsprechenden Gewinnen verbunden sind. Diese Form der Unsicherheit ist man in der Regel unfreiwillig ausgesetzt. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 247 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 247 10.2 Asymmetrisch verteilte Information 10.2.1 Qualitätsunkenntnis (verborgene Informationen, verborgene Eigenschaften) und adverse Auslese Qualitätsunkenntnis liegt vor, wenn vor Vertragsschluss der Nachfrager die Qualität eines Gutes nicht vollständig beurteilen kann. Dabei dürfte in der Regel davon auszugehen sein, dass der Anbieter besser als der Nachfrager über die Qualität des betreffenden Gutes informiert ist (etwa weil er es selbst hergestellt hat), die Information über die Qualität also asymmetrisch verteilt ist. Den Fall der Informationsasymmetrie zu Las ten des Nachfragers behandelt Abschnitt 10.2.1.1. Qualitätsunkenntnis kann auch darin bestehen, dass der Nachfrager über bestimmte, für die jeweilige Transaktion relevante Sachverhalte besser informiert ist als der Anbieter. Beispielsweise dürfte ein Versicherungsnehmer das Risiko, dass ein Schadensfall bei ihm eintritt, besser einschätzen können als der Versicherer (Abschnitt 10.2.1.2). Eine wesentliche Ursache für die Informations asymmetrie besteht darin, dass die besser informierte Marktseite keinen hinreichenden Anreiz hat, ihre Kenntnis der jeweils anderen Marktseite zu offenbaren. Daher bleiben für den Austausch wesentliche Eigenschaften des Transaktionsgegenstandes bzw. der Transaktionspartner verborgen. Daher kennzeichnet man diese Konstellation auch als Problem der verborgenen Informationen („hidden informa tion“) bzw. verborgenen Eigenschaften („hidden characteristics“) (vgl. hierzu Abschnitt 10.2.4.2). Unabhängig davon, welche Marktseite von der Qualitätsunkenntnis betroffen ist, kann der Wettbewerbsprozess bei asymmetrischer Informa tionsverteilung dazu führen, dass nur noch relativ schlechte Qualität gehandelt wird und der Markt für gute Qualität zusammenbricht. Inwieweit mit Problemen der Qualitätsunkenntnis zu rechnen ist, hängt wesentlich auch von den Eigenschaften der betreffenden Güter ab; in Abschnitt 10.2.1.3 wird gezeigt, dass vor allem bei Erfahrungs- und Vertrauensgütern mit einer entsprechend eingeschränkten Funktionsweise des Marktes zu rechnen ist. 10.2.1.1 Informationsasymmetrie zu Lasten des Nachfragers Angenommen, ein bestimmtes Gut wird in unterschiedlichen Qualitäten angeboten. Ist ein Nachfrager dazu in der Lage, die jeweils angebotene Qualität genau zu erkennen, so kann er seine Zahlungsbereitschaft an der Qualität ausrichten; er wäre dementsprechend bereit, für gute Qualität einen angemessen hohen Preis und für verhältnismäßig schlechte Qualität entsprechend wenig zu zahlen. Diesen Zusammenhang verdeutlicht Abbildung 10.1. Kann ein Nachfrager die wahre Qualität eines Gutes hingegen erst nach Vertragsschluss zutreffend einschätzen, so existiert gewissermaßen eine Art Sichtblende zwischen ihm und der Qualität eines bestimmten Angebots (vgl. Abbildung 10.2). Wie wird sich der Nachfrager in diesem Fall verhalten? Eine in diesem Zusammenhang durchaus plausible Annahme wäre etwa, dass er seine Zahlungsbereitschaft an der durchschnittlich zu erwartenden Qualität ausrichtet und einen für diese durchschnittliche Qualität angemessenen Preis bietet. Welche Qualität er allerdings tatsächlich erhält, ist zufallsabhängig. Abbildung 10.2 veranschaulicht diese Konstellation. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 248 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 248 Richtet der Nachfrager seine Zahlungsbereitschaft an der durchschnittlich zu erwartenden Qualität aus, dann folgt daraus, dass ein Angebot überdurchschnittlich hoher Qualität, das nur zu entsprechend höheren Kosten bereitgestellt werden kann, mit vergleichsweise geringen Gewinnen oder sogar mit Verlusten verbunden ist. Auch wenn ein Anbieter am Verkauf relativ hoher Qualität interessiert ist, zwingt ihn das durch die Informationsasymmetrie bedingte Verhalten des Nachfragers dazu, Güter minderer Qualität bereitzustellen. Bemerken die Nachfrager, dass die durchschnittliche Qualität des Angebots nachlässt, so sinkt ihre Abbildung 10.1: Nachfrageverhalten ohne asymmetrische Informationsverteilung Die Nachfrager können die Qualität eines angebotenen Gutes sicher beurteilen. Für ein Exemplar hoher Qualität ist die Zahlungsbereitschaft relativ hoch; für geringe Qualität fällt die Zahlungsbereitschaft entsprechend niedriger aus. Nachfrager Nachfrageseite geäußerte Zahlungs bereitschaften Angebots seite Güter höchster Qualität zu hohem Preis Güter niedrigster Qualität zu niedrigem Preis Abbildung 10.2: Nachfrageverhalten bei einer asymmetrischen Informationsverteilung Die Nachfrager kennen bei Vertragsabschluss lediglich die durchschnittliche Qua lität der angebotenen Güter. Folglich sind sie auch nur bereit, den Preis für ein Exemplar durchschnittlicher Qualität zu zahlen. Nachfrageseite potenzielle Zahlungs bereitschaften Sichtblende Angebotsseite Güter höchster Qualität Güter niedrigster Qualität zufalls abhängige Zuteilung geäußerte Zahlungs bereitschaft Nachfrager 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 249 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 249 Zahlungsbereitschaft entsprechend. Die abnehmende Zahlungsbereitschaft führt wiederum zu einem Rückgang des Angebots höherer Qualitäten mit der Folge, dass die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager wiederum sinkt. Dieser Prozess setzt sich so lange fort, bis nur noch die schlechtest mögliche Qualität angeboten wird: Der Markt für höhere Qualitäten bricht zusammen. Die schlechte Qualität verdrängt die gute Qualität, und der Preis pendelt sich auf einem entsprechend niedrigen Niveau ein. Man bezeichnet diesen Prozess als „adverse Auslese“. Beispiel: Angenommen zwei Gruppen von Gebrauchtwagenbesitzern wollen ihr Auto verkaufen. Während die Fahrzeuge der einen Gruppe erhebliche Mängel aufweisen („lemons“), befinden sich die von der anderen Gruppe angebotenen Gebrauchtwagen in hervorragendem Zustand („plums“). Jeder Besitzer eines „plum“ will mindestens 2.000 für sein gutes Stück erzielen, dagegen gibt sich der Eigentümer eines „lemon“ mit 1.000 zufrieden. Die Käufer wären prinzipiell bereit, maximal 1.200 für ein „lemon“ und 2.400 für ein „plum“ zu bezahlen. Liegt keine asymmetrische Information vor, d. h. können die Käufer bereits vor Vertragsschluss gute und schlechte Qualität zuverlässig erkennen, so werden die „lemons“ in der Spanne zwischen 1.000 und 1.200 veräußert; Besitzer von „plums“ erzielen einen Preis zwischen 2.000 und 2.400 . Besteht Qualitätsunkenntnis, so wissen die Käufer zwar, wie hoch der Anteil relativ guter bzw. relativ schlechter Fahrzeuge ist, sie können aber – anders als die Verkäufer – vor Ingebrauchnahme nicht feststellen, ob es sich bei einem bestimmten Wagen um ein „plum“ bzw. um ein „lemon“ handelt. Folglich sind risikoneutrale Kunden maximal bereit, den Erwartungswert zu bezahlen. Werden gleichviel „plums“ wie „lemons“ angeboten, so ergibt sich der Erwartungswert wie folgt: Erwartungswert = 0,5 · 1.200 + 0,5 · 2.400 = 1.800 . Da 1.800 unter dem Mindestpreis für „plums“ liegt, ist kein „plum“-Besitzer bereit, sein Fahrzeug zu verkaufen. Realisieren die Käufer, dass es nur noch „lemons“ im Angebot gibt, so senken sie ihre Zahlungsbereitschaft auf maximal 1.200 . Obwohl der Handel mit „plums“ für beide Marktseiten von Vorteil wäre, besteht das Angebot nun ausschließlich aus „lemons“; es gibt keinen Markt für „plums“. 10.2.1.2 Informationsasymmetrie zu Lasten des Anbieters Adverse Auslese kann auch bei Vorliegen einer Informationsasymmetrie zu Lasten der Anbieter auftreten, wenn diese nämlich bestimmte transaktionsrelevante Gegebenheiten im Einflussbereich der Nachfrager nicht hinreichend genau einschätzen können. Beispielsweise repräsentieren Nachfrager nach Krediten oder Versicherungen dann eine relativ schlechte Qualität, wenn sie zu besonders unvorsichtigem Verhalten neigen, d. h. ‚schlechte Risiken‘ darstellen. Weiß ein risikoneutraler Anbieter solcher Kontrakte ex ante nicht, ob es sich bei einem bestimmten Nachfrager um ein gutes oder um ein schlechtes Risiko handelt, so wird er seinen Preis derart kalkulieren, dass er im Durchschnitt keinen Verlust erleidet: Er schätzt den Anteil guter und schlechter Risiken ab und berechnet auf dieser Grundlage den für alle geltenden, kostendeckenden Versicherungstarif bzw. Zinssatz. Da dieser Preis für die guten Risiken relativ hoch ist, werden die betreffenden Nachfrager dazu neigen, auf eine Versicherung zu verzichten. Durch diese Selbstselektion der Nachfrager fällt der Anteil der schlechten Risiken im Vertragsbestand höher aus als in der Grundgesamtheit sämtlicher potenzieller Versicherungsnehmer. Der höhere Anteil schlechter Risiken erzwingt eine Preiserhöhung. Aufgrund der steigenden Preise nehmen dann weitere gute Risiken von einem Vertragsabschluss Abstand. Folglich muss der Anbieter seinen Preis erneut erhöhen, weil sich die durchschnittliche Qualität seines Bestandes weiter Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 250 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 250 verschlechtert hat. Im Extremfall sind solange weitere Preisanpassungen erforderlich, bis der Vertragsbestand ausschließlich die allerschlechtesten Risiken umfasst, die einen entsprechend hohen Preis zahlen müssen. Obwohl die guten Risiken Verträge zu einem angemessenen Preis ab schließen würden, kommen diese nicht zustande, weil die Anbieter nicht dazu in der Lage sind, das Risiko, welches ein bestimmter Nachfrager repräsentiert, vor Vertragsschluss zu erkennen. Auch bei einer Informa tionsasymmetrie zu Lasten der Anbieter wird die gute Qualität durch die schlechte Qualität verdrängt; im Gegensatz zur Informationsasymmetrie zu Lasten der Nachfrager pendelt sich hier der Preis allerdings auf einem relativ hohen Niveau ein. Beispiel: Kann eine private Unfallversicherung nicht abschätzen, ob ein potenzieller Kunde ein gutes oder ein schlechtes Risiko darstellt, so muss sie einen für alle Risiken einheitlichen und kostendeckenden Tarif berechnen. Bei einer solchen Einheitsprämie werden die schlechten Risiken relativ besser gestellt, da die ihrem Risiko angemessene Prämie höher liegen müsste. Die guten Risiken entrichten bei dieser Preisgestaltung eine relativ hohe Prämie und sind entsprechend schlechter gestellt; m. a. W.: Die guten Risiken subventionieren gewissermaßen die schlechten Risiken. Insofern kann man erwarten, dass die guten Risiken aufgrund des relativ hohen Preises auf die Versicherung verzichten und damit die Versicherer ihre Subventionszahler verlieren. Infolgedessen müssen die zur Kostendeckung erforderlichen Prämien für den Rest der Versicherten ansteigen. Auch im verkleinerten Bestand werden sich wiederum Risiken befinden, für welche die Prämie in Anbetracht der geringen Schadenswahrscheinlichkeit relativ hoch ist. Nehmen diese aufgrund des für sie unvorteilhaften Preis-Leistungsverhältnisses vom Versicherungsschutz Abstand, so muss der Versicherer die Einheitsprämie weiter erhöhen. Der Prozess setzt sich fort, bis der Kreis der Versicherten nur noch aus relativ schlechten Risiken besteht, die zwar eine angemessene („aktuarisch faire“), aber sehr hohe Prämie bezahlen müssen. Am Ende dieser Entwicklung verfügt ein wesentlicher Anteil der Akteure über keine Unfallversicherung, obwohl sie sich zu einem angemessenen Preis gerne versichern würden. 10.2.1.3 Der Grad der Qualitätsunkenntnis bei verschiedenen Gütertypen Nicht bei allen Gütern ist in gleichem Maße damit zu rechnen, dass der Anbieter die Qualität vor Vertragsschluss besser einschätzen kann als der Nachfrager. Es gibt in dieser Hinsicht je nach Art des betreffenden Gutes große Unterschiede, wobei man üblicherweise differenziert zwischen: •• neoklassisch-homogenen Gütern, •• Such- bzw. Inspektionsgütern, •• Erfahrungsgütern sowie •• Vertrauens- bzw. Glaubensgütern. Bei neoklassisch-homogenen Gütern sind beide Marktseiten über die Eigenschaften des betreffenden Gutes vollständig informiert. Börsenmäßig gehandelte Güter standardisierter Qualität wie etwa Mineralöle, Erze, Getreide- und Kaffeesorten stellen Beispiele hierfür dar. Die Qualität von Such- bzw. Inspektionsgütern lässt sich vor Vertragsschluss vollständig und zu relativ geringen Kosten erfassen. Dies gilt beispielsweise für Möbelstücke wie Tische und Stühle, bei denen man sich über viele Aspekte der Qualität durch genaues Anschauen oder einfaches Ausprobieren hinreichend Klarheit verschaffen kann. Informationsasymmetrien spielen bei diesem Typ von Gütern eine allenfalls geringe Rolle. Erfahrungsgüter sind dagegen dadurch gekennzeichnet, dass ein Urteil über ihre qualitativen Eigenschaften erst nach dem Kauf möglich ist. Zwar wäre hier eine Qualitätsbewertung vor 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 251 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 251 Vertragsschluss durchaus denkbar, sie scheitert jedoch weitgehend an den meist unverhältnismäßig hohen Kosten. Somit laufen die Nachfrager Gefahr, gegen ihren Willen relativ schlechte Qualität zu erhalten. Zum Beispiel ist ein Konsument normalerweise nicht dazu in der Lage, die Bekömmlichkeit von Tunfisch in Dosen vorab zu bestimmen, denn für entsprechende Analysen (z. B. Ermittlung der Quecksilberkonzentration) wären sowohl spezielle Kenntnisse als auch Apparaturen erforderlich. Auch die Qualität des in einem Restaurant angebotenen Essens kann man letztendlich nur dann zuverlässig beurteilen, nachdem man es konsumiert hat. Erfahrungsgüter sind durch ein mittleres Maß an Qualitätsunkenntnis gekennzeichnet. Bei Glaubens- bzw. Vertrauensgütern kann man schlechte Qualität allenfalls dann erkennen, wenn man bereits eine gewisse Menge des betreffenden Gutes konsumiert hat; in bestimmten Fällen lässt sich die Qualität des Gutes überhaupt nie zuverlässig ermitteln. Beispielsweise weiß man nach bestimmten Formen einer ärztlichen Behandlung oder der Einnahme eines Medikaments häufig nicht sicher, ob eine Heilung aufgrund oder trotz der Therapie eintrat. Die Qualität von Glaubens- bzw. Vertrauensgütern ist nach dem Konsum des Gutes eventuell auch deshalb nicht eindeutig bestimmbar, weil sie von einer Reihe nicht beobachtbaren bzw. schwer kontrollierbaren Größen abhängt. Beispielsweise wird die Heilungswirkung eines bestimmten Medikaments u. a. von den diagnos tischen und therapeutischen Fähigkeiten des behandelnden Arztes beeinflusst. Das Problem der Qualitätsunkenntnis ist bei Glaubens- bzw. Vertrauensgütern besonders stark ausgeprägt, da selbst nach dem Konsum des Gutes die Ursachen schlechter Qualität kaum bestimmbar sind. In Übersicht 10.1 sind die verschiedenen Gütertypen in ihren Eigenschaften in Bezug auf potenzielle Informationsasymmetrien zusammenfassend charakterisiert. Übersicht 10.1: Gütertypen und Informationsasymmetrien Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 252 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 252 Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass bei asymmetrisch verteilter Information die Gefahr adverser Auslese besteht. Adverse Auslese hat zur Folge, dass •• bei Asymmetrie zu Lasten der Nachfrager der Preis und die angebotene Qualität solange sinkt, bis am Ende ausschließlich schlechte Qualität gehandelt wird. Der Markt für gute Qualität bricht zusammen. •• bei Asymmetrie zu Lasten der Anbieter der Preis soweit steigt, bis er nur noch für solche Nachfrager angemessen ist, die eine relativ geringe Qualität repräsentieren. •• zwar ein Interesse an Transaktionen im Bereich relativ hoher Qualität vorhanden ist, diese Transaktionen aber nicht zustande kommen. Diese Probleme hinsichtlich der Funktionsfähigkeit des Marktes sind insbesondere bei Erfahrungs- und Vertrauensgütern relevant. In Abschnitt 10.2.5 wird der Frage nachgegangen, inwieweit in der Realität mit adverser Auslese zu rechnen ist bzw. welche marktendogenen Lösungen es für die durch asymmetrische Informationsverteilung hervorgerufenen Probleme gibt. 10.2.2 Verborgene Handlungen und moralisches Risiko Moralisches Risiko bedeutet, dass eine Marktseite nach Vertragsschluss transaktionsrelevante Fakten zu Lasten des Transaktionspartners verändern kann, ohne dass dies für die andere Marktseite erkennbar ist. Man kennzeichnet diese Konstellation auch als Problem der verborgenen Handlungen („hidden action“; vgl. hierzu Abschnitt 10.2.4.1). Insbesondere wenn sich Leistung und Gegenleistung über einen längeren Zeitraum erstrecken und die Leistung einer Partei an das Eintreten bestimmter Umstände gebunden ist, besteht die Gefahr des vertragswidrigen Verhaltens bzw. des moralischen Risikos. Das klassische Beispiel hierfür stellt der Versicherungsvertrag dar: In vielen Fällen ist nicht auszu schließen, dass ein Versicherungsnehmer durch sorgloses Verhalten den Schadensfall herbeiführt und der Versicherer für einen Schaden eintreten muss, der durch den Versicherungsnehmer hätte verhindert werden können. Eine wesentliche Voraussetzung für das Auftreten von moralischem Risiko besteht darin, dass der zur Leistung Verpflichtete nicht dazu in der Lage ist, ein vertragswidriges Verhalten des Transaktionspartners zu erkennen; insofern liegt eine Informationsasymmetrie zu Lasten des Verpflichteten vor. Ohne diese Informationsasymmetrie könnte der zur Leis tung Verpflichtete jegliche Leistung unter Verweis auf das vertragswidrige Verhalten des anderen ablehnen. Beispiel 1: Gegen Fahrraddiebstahl sind unterschiedlich aufwändige Schutzvorkehrungen möglich. Dabei ergibt sich das optimale Sicherungsniveau aus der Abwägung von Sicherungskosten und dem entsprechenden Nutzen der Sicherungsmaßnahmen. Ein gegen Fahrraddiebstahl Versicherter zahlt eine Prämie dafür, dass ihm die Versicherung im Schadensfall den Wert des Fahrrades ersetzt. Damit nimmt der Nutzen diebstahlverhindernder Maßnahmen ab, so dass sich bestimmte Sicherungsmaßnahmen als nicht mehr lohnend erweisen und die Verlustwahrscheinlichkeit ansteigt. Ist die Versicherung zu einer genauen Überprüfung des tatsächlich realisierten Sicherungsniveaus in der Lage, so kann sie die Prämie individuell festlegen: Sorgfältige Versicherungsnehmer zahlen dann relativ wenig und sorglose viel. Probleme ergeben sich erst, wenn die Versicherer das wahre Ausmaß an Schadensverhütung nicht beobachten können. Die Nichtbeobachtbarkeit der Schadensverhütungsmaßnahmen erzeugt moralisches Risiko in der Form, dass bestohlene Fahrradbesitzer 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 253 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 253 behaupten, vorsichtig gewesen zu sein, sich in Wahrheit aber sorglos verhalten haben. Der Versicherer kann das tatsächlich ausgeübte Sorgfaltsniveau nicht feststellen und muss deshalb das gestohlene Fahrrad ersetzen. Beispiel 2: Es treffen sich zwei Bauern. Sagt der eine Bauer zum anderen: „Ich habe mich gegen Feuer und Hagel versichert.“ Nach einer kurzen Denkpause fragt der andere: „Das mit dem Feuer verstehe ich ja, aber wie machst Du Hagel?“ Schließt ein Marktakteur Verträge ab, die mit moralischem Risiko hinsichtlich des Verhaltens des jeweiligen Vertragspartners verbunden sind, so wird er diese Gefahr bei der Kalkulation des von ihm geforderten Preises berücksichtigen: Um im Falle des Eintretens moralischer Risiken keinen Verlust zu erleiden, wird der Preis relativ hoch angesetzt. Die unterstellte Informationsasymmetrie verhindert Preise, die entsprechend dem individuellen moralischen Risiko differenziert sind. Bei einem für alle Vertragspartner einheitlichen, relativ hohen Preis werden allerdings auch die vertragstreuen Akteure belastet und deshalb u. U. vom Abschluss eines Vertrages Abstand nehmen. Es kommt ein Anpassungsprozess in Gang, an dessen Ende nur noch Verträge zu relativ hohen Preisen abgeschlossen werden und nur noch solche Individuen Verträge nachfragen werden, bei denen vertragswidriges Verhalten sehr wahrscheinlich ist. Moralisches Risiko kann also ebenfalls zu adverser Auslese führen. Beispiel: Ein Fahrradversicherer stellt fest, dass ein großer Anteil der Versicherten sich relativ sorglos verhält und nur ein geringes Niveau an Schutzvorkehrungen realisiert. Sofern der Versicherer nicht erkennen kann, wer ein hohes Sorgfaltsniveau einhält und wer nicht, muss er für alle – auch für die wirklich Vorsichtigen – eine gleich hohe Prämie festsetzen. Bei einer relativ hohen Prämie werden aber die gute Risiken auf eine Fahrradversicherung verzichten und statt dessen ihr Fahrzeug gut sichern. Vor allem für die schlechten Risiken, die ein geringes Sorgfaltsniveau walten lassen, lohnt sich die nunmehr zu relativ hohen Prämien angebotene Versicherung. Zu Problemen des moralischen Risikos kann es auch dann kommen, wenn zwei Vertragsparteien einen sachverständigen Dritten einschalten, der aufgrund seiner Spezialkenntnisse die Leistung erbringt und dabei das Ausmaß der Leistung festlegt. Eine solche Konstellation ist in Abbildung 10.3 dargestellt. Die Parteien A und B schließen einen Vertrag, nach dem B (z. B. Patient) von A (z. B. Krankenver- Abbildung 10.3: Externes moralisches Risiko Die Vertragspartei A beauftragt den Spezialisten C mit der Erbringung einer Leis tung für die Vertragspartei B. Sind weder A noch B dazu in der Lage, die Quali tät der Leistung des C zu beurteilen, so besteht ein „externes moralisches Risiko“. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 254 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 254 sicherung) Leistungen erhalten soll; B muss hierfür an A Zahlungen entrichten. Die Leistungserstellung übernimmt nicht A selbst, sondern er beauftragt den Spezialisten C (z. B. einen Arzt) als seinen Erfüllungsgehilfen. Wenn weder A noch B dazu in der Lage sind, das Verhalten von C zu kontrollieren, liegt eine doppelte Informationsasymmetrie vor. Diese Informationsasymmetrien erzeugen die Gefahr des moralischen Risikos in der Form, dass der Leis tungserbringer C aufgrund seiner höheren Sachkenntnis unnötige Leis tungen erbringt und diese A in Rechnung stellt. Moralisches Risiko wird noch wahrscheinlicher, wenn B keinen Anreiz hat, C zu kontrollieren. Insbesondere wenn die Zahlungen von B unabhängig von der Art und Weise der Leistungserbringung von C sind, wird B die Person C nicht kontrollieren. Man spricht hier von einer ‚anbieterinduzierten‘ Nachfrage bzw. einem externen moralischen Risiko. Beispiel: Die meisten Patienten sind nicht dazu in der Lage, die Notwendigkeit bestimmter ärztlicher Leistungen zu beurteilen. Da in Deutschland der Arzt von der Krankenkasse bezahlt wird, hat der Patient – sofern er nicht einen Eigenbeitrag zu den Kosten erbringen muss – nur ein geringes Interesse an einer kostengünstigen Versorgung, denn die Kosten für seine Behandlung werden auf sämtliche Versicherte umgelegt. Darüber hinaus fehlt es dem Patienten in der Regel auch an medizinischem Wissen, um die Behandlung durch den Arzt kontrollieren zu können. Auch die Krankenkassen sind kaum in der Lage, die Notwendigkeit der vom Arzt erbrachten Leistung im Einzelfall zu prüfen. Das Unvermögen und die fehlenden Anreize zur Kontrolle führen der Tendenz nach dazu, dass die Ärzte als Anbieter den Umfang der von ihnen erbrachten Leistung (innerhalb gewisser Grenzen) selbst bestimmen können. Es besteht daher die Gefahr, dass Ärzte mehr als die erforderliche Leistung verordnen, damit ihr Einkommen entsprechend steigt. 10.2.3 Opportunismusgefahren: Hold up bzw. verborgene Absichten Das Problem des Hold up (wörtlich übersetzt: „Raubüberfall“) kann in länger andauernden Vertragsbeziehungen auftreten. Es besteht darin, dass eine Vertragspartei die Vereinbarung einseitig zum eigenen Vorteil auslegt und etwa einen Teil der Leistung vorenthält oder eine größere Gegenleistung fordert. Hier bezieht sich die Informationsasymmetrie darauf, dass die Wahrscheinlichkeit für solches Hold up-Verhalten bei Vertragsschluss nicht genau abgeschätzt werden kann; die wahren Absichten des Vertragspartners bleiben verborgen („hidden intention“; vgl. Abschnitt 10.2.3). Ein auf den eigenen Vorteil gerichtetes Hold up-Verhalten, das auch List (Täuschung, Betrug) beinhalten kann, bezeichnet man als opportunistisch. Die Gefahr eines Hold up besteht immer dann, wenn: •• der geschlossene Vertrag insofern unvollständig ist, als Spielräume hinsichtlich der Auslegung von Vertragsregeln bestehen, und •• mindestens eine der Vertragsparteien für die Beziehung spezifische irreversible Investitionen getätigt hat, die bei Abbruch der Beziehung versinken. Aufgrund der bei Abbruch der Beziehung entstehenden sunk costs, sind Akteure, die beziehungsspezifische irreversible Aufwendungen getätigt haben, vom Vertragspartner abhängig und damit ausbeutbar. Man bezeichnet eine solche Abhängigkeit aufgrund von irreversiblen Investitionen auch als Lock in-Effekt. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 255 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 255 Beispiele für beziehungsspezifische irreversible Aufwendungen und entsprechende Hold up-Probleme: •• Langfristige Lieferbeziehung: Im Vertrauen auf eine langfristige Geschäftsbeziehung schafft ein Lieferant eine teure Spezialmaschine an, die nur für die Aufträge eines bestimmten Abnehmers verwendbar ist und erhebliche Kosteneinsparung gegenüber der herkömmlichen Technik erlaubt. Der Abnehmer könnte die durch diese spezifische Investition seines Lieferanten geschaffene Abhängigkeit ausnutzen, indem er bei einer anstehenden Vertragsverlängerung mit dem Abbruch der Lieferbeziehung droht (Hold up) und auf diese Weise den Lieferanten zu Preiszugeständnissen zwingt. Rechnet der Lieferant mit einer solchen Erpressung, so wird er sich nicht auf die beziehungsspezifischen Investitionen in Spezialmaschinen einlassen; folglich bleiben die entsprechenden Kosteneinsparpotenziale ungenutzt. •• Arbeitsvertrag: Ein Arbeitnehmer erwirbt im Laufe seiner Tätigkeit in einem Betrieb neben seiner berufsfachlichen Qualifikation auch eine betriebsspezifische Qualifikation, Kenntnisse also, die er ausschließlich in dem Betrieb anwenden kann. Wenn der Arbeitnehmer diese betriebsspezifische Qualifikation selbst, beispielsweise durch Hinnahme von Löhnen unter dem Marktniveau, (mit-)finanziert hat, dann ist er insofern abhängig, als der Arbeitgeber bei jeder Lohnverhandlung die ‚Herausgabe‘ dieser zusätzlichen Produktivität verlangen kann, indem er den Lohn so weit drückt, bis der Arbeitnehmer nur seine berufsfachliche Qualifikation, nicht aber seine betriebsspezifische Qualifikation entgolten bekommt. Denn mehr würde ihm ja in einem anderen Arbeitsverhältnis nicht honoriert. Kommt hingegen der Arbeitgeber vollständig für die betriebsspezifische Qualifikation auf, so wird er abhängig: Der Arbeitnehmer könnte einen Lohn fordern, der über dem Marktpreis für seine berufsfachliche Qualifikation liegt. Ohne klare Regelungen für die Entgeltung der betriebsspezifischen Qualifikation besteht die Gefahr, dass zu wenig in diesen Bereich investiert wird. •• Mietvertrag: In Mietverträgen wird eine entsprechende Ausbeutung dadurch möglich, dass der Mieter Kosten für den Umzug aufwendet, sein Mobiliar an die Gegebenheiten der Wohnung anpasst, Ausbauarbeiten durchführt und nicht zuletzt soziale Bindungen am Wohnort aufbaut. Dies alles sind spezifische Investitionen, die bei einem Auszug möglicherweise verloren gehen. Der Vermieter kann diese Bindung – sofern keine diesbezüglichen Beschränkungen vorliegen – mit einer über das Marktniveau hinausgehenden Mieterhöhung abschöpfen oder erforderliche Instandhaltungsinvestitionen so weit unterlassen, wie er keinen Auszug des Mieters oder Mietminderungen befürchten muss. Anders als im Fall des moralischen Risikos ist das unerwünschte Verhalten klar erkennbar. Es fehlen aber Sanktionsmöglichkeiten, um den Vertragspartner zu loyalem Verhalten zu veranlassen. Im Prinzip ließe sich die Gefahr eines opportunistischen Hold up dadurch vermeiden, indem man sämtliche Eventualitäten von vornherein im Vertrag berücksichtigt. Häufig ist es allerdings unmöglich bzw. unzweckmäßig, einen langfristigen Vertrag zu schließen, der keinerlei Unbestimmtheit zulässt. Denn meist lassen sich nicht sämtliche Eventualitäten voraussehen und es ist außerordentlich aufwändig, alle zukünftig möglichen Konstellationen ex ante halbwegs erschöpfend zu regeln. Die Folge solcher Hold up-Probleme besteht darin, dass eigentlich sinnvolle spezifische Investitionen unterbleiben oder man die entsprechende Vertragsbeziehung gar nicht erst eingeht. Werden, als Reaktion auf Hold up-Probleme, die betreffenden Fertigungsschritte intern durchgeführt, so bedeutet dies, dass man die grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten der Arbeitsteilung und der Marktkoordination nicht ausschöpft. Der Markt versagt dann insofern, als er keine adäquate Möglichkeit für bestimmte Transaktionen bietet. Es kommt zu Wohlfahrtseinbußen. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 256 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 256 10.2.4 Prinzipal-Agent-Theorie Die Prinzipal-Agent-Theorie stellt einen allgemeinen analytischen Rahmen für die mit asymmetrisch verteilten Informationen verbundenen Probleme (adverse Auslese, moralisches Risiko und Hold up) dar. Grundlegend für die Prinzipal-Agent-Theorie ist die Unterscheidung zwischen einem Prinzipal, dem Auftraggeber, und dem Agenten, der beauftragt wird, bestimmte Handlungen vorzunehmen bzw. Leistungen zu erbringen. Kann man erwarten, dass der Agent genau so handelt, wie es der Prinzipal von ihm erwartet? Wenn für den Agenten die vom Prinzipal erwünschte Handlung mit Aufwand verbunden ist, lässt sich diese Frage nicht ohne weiteres bejahen. Eine Missachtung der Interessen des Prinzipals ist insbesondere dann zu befürchten, wenn der Prinzipal über die Eigenschaften oder Handlungen des Agenten unvollständig informiert ist, also eine asymmetrische Informationsverteilung zu Lasten des Prinzipals vorliegt. Im Rahmen der Prinzipal-Agent-Theorie werden drei Aspekte des Problems ungleich verteilter Informationen diskutiert, die im Folgenden eingehender behandelt werden: Verborgene Handlungen bzw. Informationen („hidden action“ bzw. „hidden information“; Abschnitt 10.2.4.1), verborgene Eigenschaften („hidden characteristics“; Abschnitt 10.2.4.2) sowie verborgene Absichten („hidden intentions“; Abschnitt 10.2.4.3). 10.2.4.1 Verborgene Handlungen („hidden action“) bzw. verborgene Informationen („hidden information“) Kann der Prinzipal die Handlung seines Agenten nur unvollständig beobachten, so besteht die Gefahr, dass der Agent unbemerkt vertraglich zugesicherte Handlungen unterlässt oder vereinbarungsgemäß zu unterlassende Handlungen vornimmt, die gegen die Interessen des Prinzipals verstoßen. Ein solches Verhalten ist insbesondere dann zu erwarten, wenn der Agent durch sein ‚Fehlverhalten‘ seinen Nutzen erhöhen kann. Insofern beschreibt der Begriff „verborgene Handlungen“ gleichartige Sachverhalte wie der des „moralischen Risikos“. Es handelt sich um Probleme aufgrund von Informationsasymmetrien, die nach Vertragsschluss (ex post) auftreten. Verborgene Handlungen bereiten dann keine Probleme, wenn das Ergebnis der Handlung allein vom Verhalten des Agenten, z. B. seiner Mühe und Anstrengung (e), abhängig ist. In diesem Fall lässt sich die geleistete Anstrengung aus dem Ergebnis (E) ableiten: Ein schlechtes Ergebnis muss auf einer entsprechend schlechten Leistung des Agenten beruhen; ein gutes Ergebnis resultiert aus einer guten Leistung bzw. vertragstreuem Verhalten des Agenten. Im Falle einer Schlechtleistung des Agenten hat der Prinzipal die Möglichkeit, die Vergütung des Agenten zu kürzen oder ganz zurückzuhalten bzw. Schadensersatzansprüche zu erheben. Die Prinzipal-Agent-Theorie unterstellt in dieser Hinsicht, dass weder die Handlung des Agenten beobachtbar sind, noch die Auswirkung vollständig auf die Anstrengung des Agenten zurückgeführt werden können. Folglich wird das Ergebnis nicht allein von den Anstrengungen (e) des Agenten, sondern auch von einer unbeobachtbaren Zufallsvariablen (θ) (stochastische Komponente) bestimmt. Würde man unter diesen Voraussetzungen bei einem ungünstigen Ergebnis die Vergütung des Agenten kürzen, so besteht die Gefahr, dass der Agent hierdurch ‚bestraft‘ wird, 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 257 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 257 obwohl er u. U. das schlechte Ergebnis gar nicht zu verantworten hat. Ungleich verteilte Informationen sind im Rahmen des Prinzipal-Agent-Ansatzes folglich nur dann relevant, wenn das Ergebnis auch durch eine unbeobachtbare Zufallsvariable beeinflusst wird. Beispiele für Konstellationen, in denen verborgene Handlungen auftreten können: •• Patient-Arzt-Beziehung. Der Prinzipal ist hier der Patient; der Arzt fungiert als dessen Agent. Die Behandlung durch den Arzt beeinflusst das Wohlbefinden des Patienten. Aufgrund fehlender medizinischer Kenntnisse ist es dem Patienten aber in der Regel unmöglich, die Sorgfalt der ärztlichen Diagnose bzw. die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Therapie zu überprüfen. •• Aktionär-Manager in Publikumsgesellschaften. Der Manager als Agent einer Publikumgesellschaft mit ausschließlich Kleinaktionären muss nicht befürchten, dass seine Prinzipale, die Aktionäre, ihn in der Ausübung seiner Geschäfte wesentlich kontrollieren, weil die individuellen Kontrollkosten im Vergleich zu den individuell erwarteten Erträgen zu hoch liegen oder den Aktionären die erforderlichen Fähigkeiten zur Kontrolle fehlen. •• Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das Arbeitsverhältnis stellt geradezu ein klassisches Prinzipal-Agent-Verhältnis dar: Vielfach bereitet es dem Prinzipal „Arbeitgeber“ große Schwierigkeiten, den Arbeitseinsatz seiner Arbeitnehmer (Agenten) zu überprüfen. •• Politiker und Bürokraten. Politiker versprechen den Wählern, dass öffentliche Leis tungen bereitgestellt werden. Mit der Leistungserstellung werden Bürokraten beauftragt. Insofern übernimmt der Politiker die Rolle des Prinzipals, der Bürokrat stellt einen Agenten dar. Informationsasymmetrien können in dieser Beziehung etwa dann entstehen, wenn die Bürokraten weitaus besser als die Politiker einschätzen können, welche Kosten für die Leistungserstellung anfallen. Verborgene Handlungen können auf beiden Marktseiten auftreten. Beispielsweise verbirgt in der Patient-Arzt-Beziehung u. U. der Anbieter „Arzt“ eine Handlung; im Versicherungsvertrag kann es der Nachfrager, der Versicherte, sein, der eine asymmetrische Informationsverteilung zu seinem Vorteil ausnutzt. Das Problem verborgener Handlungen lässt sich anhand der Abbildung 10.4 veranschaulichen. Der Prinzipal P erteilt dem Agenten A einen Auftrag. Das Ergebnis der Handlung des Agenten (E) ist vom Aufwand des Agenten (e) sowie von Zufallseinflüssen (Θ) abhängig. Der Agent erhält ein festes Honorar H); dem Prinzipal P fällt das Residuum R als Differenz zwischen E – H) zu. Im Falle einer solchen Vereinbarung entfällt der Anreiz des Agenten, sich anzustrengen bzw. für ihn vorteilhafte verborgene Handlungen zu unterlassen: Das vom Agenten gewählte Anstrengungsniveau (e) ist vom Prinzipal nicht überprüfbar, schlechte Ergebnisse berechtigen den Prinzipal nicht dazu, das Entgelt H zu verweigern. Eine Möglichkeit den Agenten stärker zur Leistung zu motivieren bestünde darin, ihn mit dem Residuum (R) zu entlohnen, während der Prinzipal einen konstanten Abbildung 10.4: Verborgene Handlungen bei festem Honorar Das Einkommen des Prinzipals hängt vom Ergebnis ab. Der Agent erhält ein fes tes Honorar. Der Prinzipal trägt allein das Risiko. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 258 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 258 Betrag B erhält (vgl. Abbildung 10.5). Unzureichende Anstrengungen des Agenten gehen bei dieser erfolgsabhängigen Entgeltregelung zu dessen Lasten; für das Einkommen des Prinzipals ist das Verhalten des Agenten irrelevant. Bei dieser Form des Vertrages trägt der Agent allerdings auch das Risiko eines zufällig schlechten Ergebnisses. Folglich wird sich der Agent auf eine solche Vereinbarung nur dann einlassen, wenn er für die Übernahme dieses Risikos in irgendeiner Weise entschädigt wird. Je höher das Risiko, umso größer die vom Agenten geforderte Kompensation, was zu Lasten des auf den Prinzipal entfallenden Festbetrages geht. Das hier beschriebene Problem kann auch dann auftreten, wenn verborgene Informationen („hidden information“) vorliegen. Von einer durch verborgene Informationen gekennzeichneten Situation spricht man dann, wenn der Prinzipal nach Vertragsschluss zwar die Handlungen des Agenten beobachten kann, aber aufgrund mangelnder Sachkenntnis über die Angemessenheit der Handlung im Unklaren bleibt. Beispielsweise kann der Patient in seiner Rolle als Prinzipal am eigenen Körper beobachten, wie der Arzt als sein Agent zur Diagnose gelangt und welche Therapien vorgenommen werden. Ob Diagnose und Therapie angemessen sind, entzieht sich in der Regel seinem Beurteilungsvermögen. Nach der Behandlung weiß er nur, ob die Beschwerden beseitigt sind oder nicht. Die Qualität der ärztlichen Leistung bleibt ihm letztendlich verborgen. Welcher Unterschied besteht nun zwischen verborgenen Handlungen und verborgenen Informationen? Verborgene Handlungen („hidden action“) liegen vor, wenn der Prinzipal weder die Anstrengungen seines Agenten (e) noch den Einfluss zufallsbedingter Einflussfaktoren (Θ) beurteilen kann. Folglich weiß der Prinzipal bei einem ungünstigen Ergebnis nicht, ob dieses schlechte Ergebnis auf ein unzureichendes Engagement des Agenten oder auf andere, vom Agenten nicht beeinflussbare Faktoren zurückzuführen ist. Der Begriff „verborgene Handlungen“ stellt also auf das nicht beobachtbare Anstrengungsniveau des Agenten ab. „Verborgene Information“ betont hingegen die nicht erkennbaren Fähigkeiten und Qualitäten des Agenten. Aus der Sicht des Prinzipals ist diese Unterscheidung letztendlich unerheblich: In beiden Fällen weiß er nicht, inwiefern der Grund für ein bestimmtes Ergebnis in der Person bzw. den Handlungen des Agenten zu suchen ist oder ob dieses Ergebnis vorwiegend auf Zufallseinflüssen beruht. Insofern beschreiben beide Begriffe dasselbe ökonomische Problem. Abbildung 10.5: Verborgene Handlungen bei variablem Entgelt für den Agenten Der Prinzipal erhält ein Festeinkommen. Der Agent wird erfolgsabhängig entlohnt und trägt das Risiko. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 259 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 259 10.2.4.2 Verborgene Eigenschaften („hidden characteristics“) Vertragsbeziehungen können dadurch gekennzeichnet sein, dass der Prinzipal vor Vertragsschluss (ex ante) die Eigenschaften seines potenziellen Agenten nicht einschätzen kann, das Ergebnis aber wesentlich von diesen Eigenschaften, allgemein der Leistungsfähigkeit bzw. Produktivität des Agenten abhängt. Der Prinzipal hat ein Interesse daran, solche Agenten einzusetzen, die durch eine relativ hohe Leistungsfähigkeit gekennzeichnet sind. Beispiele für verborgene Eigenschaften: •• Chefbürokrat und Untergebene. Der Chef der Verwaltung (Chefbürokrat), hat als Prinzipal ein Interesse daran, die tatsächliche Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter zu kennen. Die Untergebenen, die Agenten, können jedoch besser als der Chefbürokrat ihre Leistungsfähigkeit einschätzen. Insofern stellen die Kennzahlen über die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter für den Verwaltungsleiter verborgene Eigenschaften dar. Die Untergebenen haben nur geringe Anreize, ihre wahren Möglichkeiten zu offenbaren, da sie befürchten müssen, dass dann entsprechend höhere Leis tungen von ihnen gefordert werden. •• Versicherer und Versicherter. Die Versicherungsgeber müssen vielfach damit rechnen, dass es bei den zu versichernden Personen erhebliche Risikounterschiede gibt; bei manchen Versicherungsnehmern ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass bei ihnen ein Schaden eintritt, andere weisen eine hohe Schadenseintrittswahrscheinlichkeit auf. Man kann in der Regel davon ausgehen, dass die Versicherungsnehmer deutlich besser als der Versicherer dazu in der Lage sind, ihr Risiko einzuschätzen. Das Problem der verborgenen Eigenschaften lässt sich anhand von Abbildung 10.6 verdeutlichen. Der Prinzipal P beabsichtigt, einen Auftrag an einen Agenten A zu vergeben. Der Agent erhält ein ergebnisunabhängiges Honorar H, dem Prinzipal steht das Residuum R zu, das sich aus der Differenz zwischen dem ex ante unbekannten (aber natürlich nachträglich bekannt werdenden) Ergebnis E und dem festen Honorar H ergibt. Aufgrund der Informationsasymmetrie sind aus der Sicht des Prinzipals alle potenziellen Agenten hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit gleichwertig (A1 = A2 = . . . = An). Da der Prinzipal nicht dazu in der Lage ist, das Entgelt des Agenten entsprechend seiner Leistungsfähigkeit zu differenzieren, legt er für alle Agenten das gleiche, ergebnisunabhängige Honorar H fest. Wieder verhindert eine ‚Sichtblende‘ (vgl. Abbildung 10.2) vollständige Information. Tatsächlich unterscheiden sich jedoch die Agenten: Der Agent A1 ist durch eine relativ hohe Leistungsfähigkeit (L1) gekennzeichnet; sein Einsatz führt zu einem relativ hohen Ertrag E1. Im Falle des Agenten An liegt das Produktivitätsniveau deutlich niedriger, was zu einem entsprechend geringen Ertrag En führt. Hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Agenten sei die Rangfolge L1 > L2 > . . . > Ln unterstellt. Abbildung 10.6: Verborgene Eigenschaften Der Prinzipal kann die Eignung alternativer Agenten nur unvollständig einschät zen. Bei festem Entgelt für den Agenten trägt der Prinzipal das Risiko eines schlechten Ergebnisses. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 260 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 260 In der in Abbildung 10.6 dargestellten Konstellation hat der Prinzipal ein Interesse daran, relativ leistungsfähige Agenten wie A1 und A2 zu identifizieren. Die asymmetrische Informationsverteilung macht es aber eher unwahrscheinlich, dass ihm dies gelingt. Denn der relativ ineffiziente Agent An hat keinen Anreiz, sich als leistungsschwach zu erkennen zu geben. Relativ produktive Agenten wie beispielsweise A1 und A2 haben zwar einen derartigen Anreiz; es ist jedoch fraglich, wie glaubwürdig eine entsprechende Erklärung für den Prinzipal ist. 10.2.4.3 Verborgene Absichten („hidden intention“) Ein dritter Aspekt des Problems asymmetrischer Information stellen verborgene Absichten des Agenten dar. Verborgene Absichten des Agenten können in solchen Konstellationen eine Rolle spielen, in denen ein Prinzipal für die Transaktionsbeziehung Vorleistungen in Form von irreversiblen Aufwendungen erbracht hat und sich aufgrund dieser spezifischen Investitionen in einer Abhängigkeit vom Agenten befindet, weil er nun auf dessen Leistung angewiesen ist. Der Agent verfügt über die Möglichkeit, seine Leistung zum Schaden des Prinzipals zurückzuhalten und es besteht die Gefahr der opportunistischen Ausbeutung des Prinzipals durch den Agenten. Dieses Hold up-Problem wurde bereits in Abschnitt 10.1.3 behandelt. Ein Beispiel hierfür wäre der ‚Dienst nach Vorschrift‘: Der Arbeitnehmer (= Agent) verweigert die volle Leistung, indem er die relevanten rechtlichen Regelungen unangemessen extensiv auslegt und gleichzeitig darauf achtet, durch legal untadeliges Verhalten dem Prinzipal keine Möglichkeiten zur Gegenwehr (z. B. Kündigung) zu geben. Das Informationsproblem besteht im Fall der hidden intention darin, dass der Prinzipal ex ante nicht weiß, inwieweit ein Agent die für ihn bestehenden Möglichkeiten zu einem Hold up nutzen wird. Beispielsweise hat der Arbeitgeber zum Zeitpunkt der Einstellung in der Regel keine zuverlässigen Informationen darüber, welcher Arbeitnehmer, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, Dienst nach Vorschrift machen wird und somit einen Teil seiner Arbeitsleistung vorenthält. 10.2.5 Lösungen des Marktes bei Problemen asymmetrischer Informationsverteilung Die Problematik der asymmetrischen Informationsverteilung kann auf vielen Märkten eine wesentliche Rolle spielen. Aber längst nicht überall sind diese Probleme derartig gravierend, dass sie besondere wirtschaftspolitische Eingriffe erfordern. Es existieren nämlich eine Reihe von marktlichen Lösungsmöglichkeiten für Probleme der Informationsasymmetrie, die auch bei Erfahrungs- bzw. Vertrauensgütern den Austausch von Produkten mit relativ hoher Qualität zu angemessenen Preisen erlauben. Informationsasymmetrie lässt sich vielfach dadurch abbauen, indem die relativ schlecht informierte Marktseite, der Prinzipal, versucht, zusätz liche Informationen zu gewinnen (Screening) und/oder die relativ gut informierte Marktseite, der Agent, sich bemüht, möglichst glaubwürdige Informationen über die von ihr gebotene gute Qualität zu verbreiten (Signaling). Hierdurch werden zusätzliche 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 261 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 261 Transaktionen möglich, was für beide Marktseiten nutzensteigernd ist. Screening beinhaltet die Selbstinformation oder die Einschaltung spezialisierter Dritter (vgl. Abschnitt 10.2.5.1); Methoden des Signaling wären etwa der Aufbau von Reputa tion, die Übernahme von Garantieleistungen und/oder die Vereinbarung von Selbstbehalten sowie von Schadenfreiheitsrabatten (vgl. Abschnitt 10.2.5.2). Einen anderen Weg, um mit möglichen negativen Folgen asymmetrischer Informa tionsverteilung umzugehen, stellt der Versuch dar, die Interessen der Beteiligten in Übereinstimmung zu bringen. Denn asymmetrisch verteilte Information führt nur dann zu Problemen, wenn die Interessenlagen der beteiligten Akteure unterschiedlich sind. Möglichkeiten zur Interessenharmonisierung wären etwa die Ergebnisbeteiligung sowie verschiedene Formen der vertikalen Integration (vgl. Abschnitt 10.2.5.3). Abbildung 10.7 gibt einen Überblick über die verschiedenen Alternativen. 10.2.5.1 Möglichkeiten des Screening Die hinsichtlich der verfügbaren Informationen benachteiligte Marktseite, der Prinzipal, kann versuchen eine Informationsasymmetrie abzubauen oder sogar vollständig zu überwinden, indem sie Informationen über die jeweilige Marktgegenseite (den Agenten) einholt. Für den Fall verborgener Handlungen bedeutet dies beispielsweise, dass der Prinzipal versucht, entweder die Anstrengungen des Agenten (e) zu beobachten oder den intervenierenden, stochastischen Faktor (θ) zu identifizieren. Die Beschaffung von Informationen über die Eigenschaften und das Verhalten von Agenten wird als Screening bezeichnet. Entsprechend den üblichen ökonomischen Kalkülen kann man davon ausgehen, dass der Prinzipal solange Informationen nachfragt, wie der erwartete zusätzliche Nutzen noch die zusätzlich entstehenden Kosten übersteigt. Insofern wäre es aus der Sicht des Prinzipals Abbildung 10.7: Marktliche Lösungen für das Problem der Informationsasymmetrie Es existieren diverse Möglichkeiten, die durch asymmetrisch verteilte Information verursachten Probleme zu lösen oder zumindest abzumildern. Bei vollständiger vertikaler Integration ist der Koordinationsmechanismus Markt durch hierarchi sche Steuerung ersetzt. Informationsasymmetrie liegt vor; der Markt löst das Problem durch: Informationsnachfrage („Screening“); der Uninformierte verbessert seinen Informationsstand durch: Informationsübertragung („Signaling“); der besser Informierte stellt Informationen bereit durch: Harmonisierung der Interessen Selbstinformation Einschaltung spezialisierter Dritter Aufbau einer Reputation Einräumen eines Garantieversprechens Akzeptanz eines Selbstbehaltes Eingehen auf Tarife mit Schadenfreiheitsrabatt Ertragsbeteiligung Vertikal integrierende Organisationsformen Fusion Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 262 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 262 nur in Ausnahmefällen optimal, sämtliche verfügbaren Informationsquellen zu erschließen bzw. auszuschöpfen. Sollte ein Prinzipal selbst nicht dazu in der Lage sein, die benötigten Informationen zu beschaffen und zu verarbeiten – etwa weil es ihm an hierfür erforderlichen Vorkenntnissen fehlt oder aus Zeitmangel – so könnte er gegen Entgelt spezialisierte Dritte einschalten: Im Falle ex ante fehlender Information wendet der Prinzipal sich an einen Dritten, der die benötigte Information generiert oder bereits über diese Information verfügt. Verbraucherberater oder Sachverständige wären Beispiele hierfür. Um verborgene Handlungen zu identifizieren bzw. zu verhindern, könnte sich die benachteiligte Marktseite eines Dritten bedienen, der das Verhalten des Agenten fachkundig begutachtet. Der Dritte nimmt somit die Rolle eines unparteiischen Schiedsrichters ein, der ohne verfälschendes Eigeninteresse informiert. Der Informationsnachfrage über spezialisierte Dritte sind jedoch bestimmte Grenzen gesetzt: •• Prinzipale, die sich Informationen von Dritten beschafft haben, können diese an andere Prinzipale weitergeben. Die anderen Prinzipale ziehen aus der Information einen Nutzen, ohne hierfür ein Entgelt an den Dritten entrichtet zu haben (positiver technolgischer externer Effekt). Muss der Dritte, der Erzeuger der Information, damit rechnen, dass infolge des positiven externen Effektes die Umsätze die Kosten der Informationsbeschaffung nicht decken, wird er die betreffende Information nicht bereitstellen; der Markt für derartige Informationen versagt. Über die Qualität von Bäckern wird es vermutlich keine privaten Informationsmärkte (Verkauf der Information „Wer bäckt die besten Brötchen in der Stadt?“) geben, da derartige Angaben leicht an Dritte (unentgeltlich) weitergegeben werden können. Warum sollte man für den Rat, wer die besten Brötchen bäckt, bei einem privaten Informationsanbieter zahlen, wenn einem dies auch der Nachbar am Gartenzaun sagen kann? Kommt es hier infolge technologischer externer Effekte zu einem Marktversagen, so kann es sinnvoll sein, solche Qualitätsinformationen kollektiv (z. B. durch den Staat oder durch staatlich subventionierte Körperschaften) bereitzustellen (vgl. Abschnitt 10.6). •• Das Heranziehen eines unparteiischen Schiedsrichters mag aufgrund der Spezifika der Transaktion unmöglich sein. Zum Beispiel kann man zwar grundsätzlich einen zweiten Arzt einschalten, der unvoreingenommen die Diagnose des ersten Arztes überprüft; kaum ein Patient wird aber einen zweiten Arzt konsultieren, wenn die Diagnose nur durch eine riskante Operation möglich ist. Folglich ist hier der Patient auf das Urteil des ersten Arztes angewiesen. Die Informationsnachfrage über Dritte stellt also eine Alternative dar, die nur unter besonderen Voraussetzungen die Probleme ungleicher Information mindert. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Möglichkeit des Screening aus der Natur der Sache heraus begrenzt ist. 10.2.5.2 Möglichkeiten des Signaling Da bei Vorliegen asymmetrischer Information Transaktionen unterbleiben, welche für beide Marktseiten nutzensteigernd wären, haben die besser Informierten einen Anreiz, diesem Problem durch Informationsübertragung bzw. -bereitstellung (Signa- 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 263 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 263 ling) entgegenzuwirken. Als Signaling-Instrumente stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Im Folgenden wird kurz auf den Aufbau von Reputation, das Einräumen von Garantieversprechen, die Vereinbarung von Selbstbehalten sowie auf Schadenfreiheitsrabatte eingegangen. Aufbau von Reputation: Verhaltenswissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass der Extrapolation bereits gemachter Erfahrungen eine wesentliche Bedeutung bei der individuellen Erwartungsbildung zukommt; demnach gehen die Individuen vielfach davon aus, dass sich die in der Vergangenheit zu beobachtenden Verhältnisse bzw. Verhaltensweisen auch in Zukunft fortsetzen werden. Machen die Nachfrager, die Prinzipale, auf Märkten mit Qualitätsunkenntnis die Erfahrung, dass ein bestimmter Anbieter (Agent) regelmäßig gute Qualität liefert, so tendieren sie dazu, dies auch für zukünftige Transaktionen zu erwarten; es bildet sich Vertrauen bzw. Reputation. Anbieter können sich diesen Reputationsmechanismus auch als Mittel der Markterschließung zunutze machen, indem sie zu Beginn ihrer Tätigkeit relativ hohe Qualität, die teurer als relativ niedrige Qualität produziert werden muss, zu einem günstigen Preis anbieten. Sofern die Nachfrager diese Produkte nach dem Kauf als qualitativ hochwertig erkennen, werden sie bei einem Wiederholungskauf auch einen höheren Preis akzeptieren. Der Aufbau von Reputation hat den Charakter einer Investition, die es ermöglicht, hohe Qualität gewinnbringend zu vermarkten und einen höheren als den kostendeckenden Preis (Reputationsprämie) zu erzielen. Liefert ein Anbieter mit hoher Reputation unerwartet schlechte Qualität, so gefährdet er damit sein Reputations- Kapital, d. h. er vermindert seine Chancen, zukünftig weiterhin hohe Preise erzielen zu können. Für den Anbieter bestehen also ausgeprägte Anreize, die einmal erreichte Reputation aufrechtzuerhalten. Der Reputationsmechanismus wirkt um so besser, •• je häufiger ein Produkt gekauft wird. Der Reputationsverlust eines Anbieters, der schlechte Qualität liefert, fällt umso größer aus, je höher die Anzahl der zu erwartenden Wiederholkäufe ist. •• je einfacher die wahre Qualität nach dem Kauf festgestellt werden kann. Ein Anbieter schlechter Qualität kann dann relativ schnell identifiziert werden, büßt somit Ansehen und die Möglichkeit zur Erzielung einer Reputationsprämie ein. Der Reputationsmechanismus funktioniert also eher bei Erfahrungs- als bei Vertrauensgütern; und •• je länger ein Anbieter die Absicht hat, im Markt zu bleiben, insbesondere je mehr er zukünftige Einnahmen aus dem Verkauf hoher Qualität gegenüber dem Ertrag kurzfristigen Täuschens vorzieht. Je besser diese drei Bedingungen erfüllt sind, desto eher kann der Konsument damit rechnen, dass die für ihre Qualität bekannten Anbieter trotz Vorliegens einer Informationsasymmetrie relativ hohe Qualität liefern. Einräumen von Garantieversprechen: Ein Anbieter (Agent), der auf seine Produkte eine Garantie über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus einräumt, signalisiert damit seinen Kunden (den Prinzipalen), dass er um hohe Qualität bemüht ist. Nachfrager, die hohe Qualität wünschen, werden daher bevorzugt bei solchen Anbietern kaufen. Dem Signaling mittels Garantieversprechen sind allerdings Grenzen Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 264 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 264 gesetzt. Zum einen kann sich ein derartiges Garantieversprechen sinnvollerweise nicht auf solche Fehler beziehen, die infolge unsachgemäßer Handhabung durch den Abnehmer entstehen. Um dieses Risiko einzuschränken, wird der Anbieter die Garantie nur zeitlich begrenzt gewähren. Zum anderen ist ein Garantieversprechen dann wenig hilfreich, wenn der Anbieter nicht den Erfolg, sondern nur sorgfältige Bemühungen schuldet, wie dies bei vielen Dienstleistungen, wie etwa bei den Leistungen von Rechtsanwälten oder Ärzten der Fall ist. Angebot von Verträgen mit Selbstbehalt: Versicherer können die Gefahr der adversen Auslese bekämpfen, indem sie Policen mit Selbstbehalten anbieten. Policen mit Selbstbehalt ersetzen nur einen Teil des Schadens. Relativ schlechte Risiken werden dann aufgrund ihrer hohen Schadenswahrscheinlichkeit zu einer vollen Abdeckung ihrer Schäden neigen; demgegenüber finden sich relativ gute Risiken eher dazu bereit, im Schadensfall einen Teil des Schadens selbst zu tragen. Durch die Akzeptanz eines Selbstbeteiligungs- bzw. Volldeckungsvertrages offenbaren die Versicherungsnehmer ihren Risikotyp (Selbstselektion), was die Informationsasymmetrie deutlich verringern kann. Für den Fall des moralischen Risikos bewirken Selbstbehalte, dass unvorsichtige Versicherungsnehmer einen Teil des Schadens selbst tragen müssen; die Anreize zu sorgfältigem Verhalten nehmen zu; Selbstbehalte können somit in gewissem Ausmaß fehlende Kontrollmöglichkeiten des Versicherers ersetzen. Verträge mit Selbstbehalten verbessern zwar bei Vorliegen von Informationsasymmetrien die Funktionsfähigkeit des Marktes, allerdings stellen diese Verträge nur eine Second-Best-Lösung dar: Für gute Risiken ist es einerseits sinnvoll, Verträge mit hohen Selbstbehalten zu wählen; andererseits können sie damit nicht das gesamte Risiko abdecken. In einer Welt mit vollständiger Information würden sie einen umfassenden Versicherungsschutz mit einer ihrem Risiko entsprechenden niedrigen Prämie erhalten (First-Best-Lösung). Beispiel: Eine Arbeitslosenversicherung dürfte die Schadenswahrscheinlichkeit (Risiko der Arbeitslosigkeit) in der Regel schlechter einschätzen können als der Versicherungsnehmer selbst. Die deutsche Arbeitslosenversicherung ersetzt bei Schadenseintritt weniger als den vollen Lohn des Arbeitnehmers, wobei sich das Arbeitslosengeld am vorherigen Erwerbseinkommen orientiert; mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit verringert sich der Anspruch, bis nur noch Arbeitslosenhilfe gewährt wird. Diese Regelung stellt eine Art von Selbstbehalt dar und wirkt dem moralischen Risiko entgegen. Moralisches Risiko könnte in diesem Zusammenhang etwa darin bestehen, dass ein Arbeitnehmer leichtfertig (d. h. ohne wichtigen Grund wie z. B eine Gesundheitsgefährdung) seinen Arbeitsplatz aufgibt bzw. sich bei bereits eingetretener Arbeitslosigkeit nicht ernsthaft genug um eine neue Stelle bemüht. Würde eine Arbeitslosenversicherung Tarife mit unterschiedlichen Selbstbehalten anbieten, so hätten die Arbeitnehmer die Möglichkeit, ihre Einschätzung der Gefahr von Arbeitslosigkeit bzw. ihr Bemühen, die Dauer der Arbeitslosigkeit möglichst zu minimieren, bei Vertrags abschluss zu signalisieren. Hierdurch könnte adverse Auslese wesentlich reduziert werden. Der Nachteil eines solchen Selbstbehaltes besteht darin, dass auch bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit (z. B. aufgrund der konjunkturellen Entwicklung oder infolge sektoralen Strukturwandels) nur ein Teil des Einkommensausfalls von der Versicherung ersetzt wird. Schadenfreiheitsrabatte: Eine weitere Möglichkeit zur Eindämmung der Gefahr des moralischen Risikos besteht darin, die Tarife ex post zu differenzieren, d. h. bei Schadensfreiheit einen Teil der Prämien rückzuerstatten oder auf zukünftige Prämienzahlungen Rabatte zu geben (Beispiel: Kfz-Haftpflichtversicherung). Hierdurch erhalten die Versicherungsnehmer (wie bei Verträgen mit Selbstbehalten) einen Anreiz, Schäden zu vermeiden. Allerdings dauert es mehrere Perioden, bis 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 265 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 265 jeder Versicherungsnehmer durch Herauf- bzw. Herabstufung die seinem Risiko entsprechende Schadensklasse erreicht. Beispiel: Eine Arbeitslosenversicherung könnte auf einem Tarifsystem basieren, welches Schadenfreiheitsrabatte für solche Versicherte vorsieht, die längere Zeit nicht oder immer nur kurzzeitig arbeitslos waren. Es ergäbe sich dadurch ein Tarifsystem vergleichbar dem bereits existierenden Schadenfreiheitsrabatt-System in der Kfz-Haftpflichtversicherung. Jeder Arbeitnehmer würde sich unter einem solchen System bemühen, Arbeitslosigkeit zu vermeiden bzw. die Dauer von Arbeitslosigkeit möglichst zu begrenzen. 10.2.5.3 Möglichkeiten der Interessenharmonisierung In vielen Fällen setzt die Existenz einer asymmetrischen Informationsverteilung voraus, dass die Interessen der beteiligten Akteure nicht über einstimmen. Denn wären die Interessen der Akteure identisch, so würden sie ohne weiteres alle ihnen bekannten Informationen offenbaren oder sich als Agenten möglichst perfekt entsprechend der Zielfunktion des Prinzipals verhalten – sie hätten schließlich ein Interesse daran. Folglich bestünde eine Möglichkeit zur Lösung der mit asymmetrischer Informationsverteilung verbundenen Probleme darin, die Interessen der beteiligten Akteure aneinander anzugleichen. Eine solche Interessenharmonisierung kann auf zweierlei Weise stattfinden, nämlich durch vertikale Integration und durch Beteiligung am Ertrag. Als vertikale Integration bezeichnet man die Zusammenarbeit – im Extremfall den Zusammenschluss – mit Akteuren auf einer im Prozess der Leistungserstellung vor- oder nachgelagerten Stufe. Fusionieren die Unternehmen, so agieren sie unter einem identischen Zielsystem und haben Anreize, ihr Wissen zu poolen; verfügen sämtliche Beteiligten über denselben Wissensstand, so existieren zwischen ihnen auch keine Informationsasymmetrien. Mit einer derartigen Fusion verzichtet man allerdings auch auf den Markt bzw. den Wettbewerb als Koordinationsmittel. Wie bei der Fusionslösung zur Internalisierung technologischer externer Effekte (Abschnitt 5.2.3) fragt sich, inwiefern die Akteure tatsächlich dazu in der Lage sind, das Problem intern zu lösen, oder ob es für sie nicht Anreize gibt, den anderen Akteuren innerhalb der neugeschaffenen Einheit das vorhandene Wissen nicht oder nur unvollständig zu offenbaren. Der formal-rechtliche Zusammenschluss von Unternehmen stellt nur einen extremen Grenzfall der vertikalen Integration dar. Schwächere Formen der vertikalen Integration bestehen etwa in: •• Kapitalbeteiligung, •• Einbindung in ein Franchise-System, •• gemeinsames Eigentum an Produktionsmitteln, •• Kooperation im Bereich der Forschung und Entwicklung sowie •• längerfristige Verträge. Die einfachste Form der Beteiligung am Ertrag stellt die ertragsabhängige Honorierung des Agenten dar (z. B. Koppelung des Honorars der Vorstände von Aktiengesellschaften an den Aktienkurs). Analog hierzu ist die Wirkungsweise von Belegschaftsaktien oder von Erfolgshonoraren für Rechtsanwälte zu sehen. Bei einer ertragsabhängigen Honorierung erhalten die Agenten (hier: der Vorstand der AG, der Arbeitnehmer und der Rechtsanwalt) monetäre Anreize, damit sie den Erfolg Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 266 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 266 für den Prinzipal anstreben. Der Prinzipal (Aktionär, Arbeitgeber, Klient) verzichtet zugunsten des Agenten auf einen Teil des Ertrages (vgl. Abschnitt 10.2.4.1). Werden die Agenten auch noch an den Verlusten beteiligt, wie z. B. der Vorstand einer Aktiengesellschaft bei der Honorierung entsprechend des Aktienkurses, entstehen noch mehr Anreize, sich anzustrengen und den Erfolg zu suchen. Wie bereits weiter oben (Abschnitt 10.2.4.1) dargelegt wurde, sind die Möglichkeiten für eine sinnvolle Ertragsbeteiligung des Agenten allerdings begrenzt. 10.3 Nutzenunkenntnis Eine Folge unvollständiger Information könnte darin bestehen, dass der Nutzen bestimmter Güter systematisch falsch eingeschätzt wird und sie daher zu stark oder in zu geringem Maße nachgefragt werden. Beispielsweise wird gelegentlich argumentiert, dass sich der ‚wahre‘ Wert einer Qualifikation oftmals erst nach abgeschlossener Ausbildung offenbare und daher der Nutzen der Bildung von vielen Individuen im vorhinein stark unterschätzt wird. Die Folge besteht dann in einer zu geringen Nachfrage nach Bildung, die einen korrigierenden Staatseingriff, z. B. in Form der Schulpflicht oder der kostenlosen Bereitstellung von Ausbildungsangeboten, erforderlich macht. Nutzenunkenntnis unterscheidet sich von Qualitätsunkenntnis dadurch, dass der Nutzen auch dann falsch eingeschätzt wird, wenn völlige Gewissheit über die Qualität eines Angebotes herrscht. Eine solche systematische Fehleinschätzung des Nutzens bestimmter Güter durch die Marktakteure kann zwei Ursachen haben: Entweder sind die Akteure nur eingeschränkt entscheidungsfähig oder der volle Nutzen eines Gutes offenbart sich erst dann, wenn man das Gut bereits konsumiert hat. Die Argumentation soll an dieser Stelle weitgehend auf den letztgenannten Punkt beschränkt bleiben; dem Problem einer möglicherweise eingeschränkten Entscheidungsfähigkeit der Akteure wird ausführlich im Zusammenhang mit der Rechtfertigung von staatlichen Eingriffen mit „Nichtrationalität“ nachgegangen (vgl. Kapitel 12). Nach welchem Kalkül verfahren die Nachfrager, wenn sie vor dem Kauf unsicher über den Nutzen eines Gutes sind. Die normale Reaktion auf Unkenntnis besteht darin, weitere Informationen zu generieren, und zwar – bei rationalem Verhalten – solange, bis der erwartete Nutzenzuwachs einer zusätzlichen Information in Form verminderter Nutzenunkenntnis die mit der Informationsgewinnung verbundenen zusätzlichen Kosten gerade deckt. Da die Anbieter am Verkauf ihrer Güter interessiert sind, haben auch sie einen Anreiz, von sich aus Informationen über deren Verwendungsmöglichkeiten bereitzustellen. Jene Anbieter, die diese Aufgabe besonders gut lösen, können relativ hohe Gewinne realisieren. Aufgrund dieser Gewinnmöglichkeit induziert der Wettbewerb zwischen den Anbietern den Einsatz bzw. die Entdeckung von Formen der Informationsbereitstellung, welche den Nachfragern bei ihrem Bemühen um einen Abbau der Nutzenunkenntnis möglichst weit entgegenkommen. Gibt es nun Güter, bei denen die Nutzenunkenntnis durch diese individuellen Lösungen nur unzureichend abgebaut wird? In der Literatur wird vielfach die 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 267 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 267 Vermutung geäußert, dass der Nutzen eines Gutes um so schwerer einzuschätzen ist, je weiter in der Zukunft er anfällt. Darüber hinaus wird die These vertreten, dass die Gefahr der Unterschätzung anfallender Nutzen bei immateriellen Gütern größer ausfällt als bei materiellen Gütern. Liegen Güter physisch nicht vor, so hat es – nach dieser These – der Nachfrager relativ schwer, die Einsatzmöglichkeiten des  Gutes zu erkennen. Am problematischsten dürfte die Nutzeneinschätzung folglich dann sein, wenn beide Gutseigenschaften gleichzeitig vorliegen, also das Gut sehr abstrakt ist und der volle Nutzen sich erst sehr langfristig erschließt. Die Eigenschaften der Immaterialität bzw. der Langfristigkeit treffen etwa auf die Güter „Gesundheitsvorsorge“, „Alterssicherung“ und „Bildung“ zu. Dementsprechend wird behauptet, dass die Individuen den Nutzen der Gesundheitsvorsorge bzw. das Risiko der Krankheit im Alter unterschätzen und daher in jungen Jahren in zu geringem Ausmaß Reserven aufbauen, um ihre Krankheitskosten im Alter (Beispiel: Kosten der Krankenpflege) selbst tragen zu können. Hinsichtlich der Einkommenssicherung im Alter lautet das Argument, dass die Notwendigkeit der Altersvorsorge von den Individuen in jungen Jahren deshalb nicht ernst genug genommen werde, da sie ihre Konsumbedürfnisse im Alter unterschätzen (m. a. W.: zukünftige Nutzen werden im Rahmen des Kalküls zu stark diskontiert) und/oder die späteren Einkommensmöglichkeiten überschätzen. Ohne staatliche Eingriffe – so die These – wäre die private Sparquote für das Alter zu gering. Auf das Gut Bildung treffen beide Kriterien in hohem Maße zu: Es ist immaterieller Natur, und sein Nutzen erstreckt sich in der Regel über lange Zeiträume. Aus diesem Grunde liegt etwa die Vermutung nahe, dass Schüler von sich aus in zu geringem Maße Bildung nachfragen. Beim Gut „Bildung“ tritt zusätzlich das Problem auf, dass es sich bei den direkten Nachfragern  häufig um Kinder handelt, und Kinder nur als eingeschränkt entscheidungsfähig anzusehen sind. Eingeschränkt entscheidungsfähige Akteure laufen Gefahr, ihre wahren Bedürfnisse zu missachten. Die Interessen der Kinder werden daher von den Er ziehungsberechtigten – in der Regel den Eltern – vertreten. Durch das Einschalten der Erziehungsberechtigten gestaltet sich das Problem der Nutzenunkenntnis hinsichtlich des Gutes „ Bildung“ wesentlich komplexer als bei den Gütern „Gesundheits-“ und „Altersvorsorge“. Bei der Beantwortung der Frage, inwiefern hinsichtlich des Gutes Bildung Nutzenunkenntnis besteht, hilft es allerdings kaum weiter, allein auf den tatsächlichen Informationsstand der Entscheidungsträger abzustellen. Vielmehr sind auch die durch die bestehenden institutionellen Regelungen gegebenen Anreize zu berücksichtigen, welche das Informationsverhalten der beteiligten Akteure (Eltern, Schüler, Lehrer, Kultusbürokratie) nicht unwesentlich prägen. Im deutschen Bildungssystem etwa sind den Akteuren eine ganze Reihe von Aktionsparametern genommen, so dass der Wettbewerb hier in vielerlei Hinsicht au- ßer Kraft gesetzt ist: Es herrscht Schulpflicht (= Konsumzwang), die Anbieter sind beim Staat fest angestellt, und über weite Bereiche der Bildungsinhalte entscheiden die Regierungen der einzelnen Bundesländer. Da Unterschiede im Angebot der verschiedenen Schulen unter diesen institutionellen Rahmenbedingungen nur relativ schwach ausgeprägt sein können, haben die Eltern, die in der Regel über die Bildungsnachfrage entscheiden, auch nur einen geringen Anreiz, sich über die Qualität verschiedener Schulen zu informieren. Die Anbieter von Bildungsgütern Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 268 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 268 haben ihrerseits wenig Interesse daran, den Eltern und Schülern Informationen über ihr Angebot zu geben, da •• die Nachfrage durch die Schulpflicht gesichert ist; •• aufgrund der Einheitlichkeit der Lehrinhalte innerhalb der einzelnen Bundesländer eine Werbung mit den Ausbildungsinhalten kaum sinnvoll ist; und •• die Lehrer durch zusätzliche Schüler kein höheres Einkommen erhalten, sondern eher ihr ‚Arbeitsleid‘ mit der Klassengröße zunimmt. Neben der Nutzenunkenntnis gibt es aber noch eine Reihe weiterer Argumente für ein mögliches Marktversagen bei der Bereitstellung dieses Gutes. So wird in diesem Zusammenhang etwa angeführt, dass die Präferenzen hinsichtlich des Gutes „Bildung“ verzerrt seien, der Kapitalmarkt Bildungsinvestitionen (z. B. Studium auf Kredit) nicht in ausreichendem Maße finanziere und Bildung mit positiven Externalitäten verbunden sei (z. B. der Nutzen, in einer Gesellschaft mit gebildeten Mitbürgern zu leben); darüber hinaus stellt Bildung sicherlich ein Erfahrungsgut, wenn nicht sogar ein Vertrauensgut dar, so dass der effizienten Beseitigung von Informationsmängeln in einem wettbewerblichen Bildungsmarkt durch adverse Ausleseprozesse und durch die Gefahr eines moralischen Risikos Grenzen gesetzt sind. 10.4 Preisunkenntnis Gelten die Voraussetzungen des Modells der vollständigen Konkurrenz, so finden Transaktionen ausschließlich im Gleichgewicht statt. Aufgrund der Annahmen vollkommener Information und unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit wird der Markt immer perfekt geräumt, so dass weder ein Nachfrageüberhang (Nachfrage > Angebot) noch ein Angebotsüberhang (Angebot > Nachfrage) entstehen kann. In der Realität sind die Annahmen vollkommener Information und unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit allerdings nur in meist extremen Ausnahmefällen erfüllt; tatsächlich tasten sich die Marktteilnehmer in der Regel sukzessive an den markträumenden Gleichgewichtspreis heran, wobei während des Anpassungsprozesses Transaktionen im Ungleichgewicht stattfinden. Die Dauer dieses Anpassungsprozesses hängt wesentlich vom Informationsstand der Individuen bzw. von ihrem Informationsaufwand ab. Sind die Marktteilnehmer nicht hinreichend über den Preis eines Anbieters oder die Preisverteilung bei einer größeren Zahl von Anbietern informiert, so liegt Preisunkenntnis vor. Da Informationsgewinnung mit Kos ten verbunden ist, gibt es ein optimales Maß an Preisunkenntnis. Dieses Optimum ist dann erreicht, wenn die Kosten der Gewinnung einer zusätzlichen Informationseinheit den erwarteten zusätzlichen Nutzen entsprechen. Ein bekanntes Beispiel für einen Nachfrageüberhang infolge von Preis unkenntnis stellt die Theorie der Sucharbeitslosigkeit dar. Dieser Ansatz geht davon aus, dass das Arbeitskräfteangebot eine Funktion des Reallohns ist, die Arbeitnehmer aber nicht darüber informiert sind, welches Entgelt sie auf einem bestimmten Arbeitsplatz erzielen können. Damit kann die (u. U. zeitaufwändige) Suche nach einer Stellung, welche mit befriedigender Entlohnung verbunden ist, der Grund für höhere bzw. längere Arbeitslosigkeit sein. Man spricht von „Sucharbeitslosigkeit“, die der 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 269 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 269 freiwilligen Arbeitslosigkeit zuzurechnen ist und über das Konzept der friktionellen Arbeitslosigkeit (unvermeidliche Arbeitslosigkeit bei Arbeitsplatzwechsel) hinausgeht. Den Nutzen der fortgesetzten Suche stellt die diskontierte Lohnsumme einer besser bezahlten Stelle dar. Die Kosten bestehen in den direkten Suchkosten sowie dem Verlust an Arbeitseinkommen während der Suche, da unterstellt wird, dass Stellensuche nur bei Nichtbeschäftigung möglich ist. Die Arbeitsuchenden wägen die Kosten der Informationsbeschaffung gegen den entsprechenden Nutzen ab, indem sie einen Erwartungswert hinsichtlich des erzielbaren Lohns bilden, den sie bei ihrer Qualifika tion mindestens erhalten wollen („acceptance“- oder „reservation-wage“). Erreicht der Lohn einer angebotenen Stelle mindestens diesen Wert, so nehmen sie diese Stelle an; ansonsten lehnen sie ab. Übersteigen die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Informationsbeschaffung den Nutzen in Form verminderter Arbeitslosigkeit, dann kann man wohl nicht davon sprechen, dass der Markt versagt. Falls allerdings infolge von Unteilbarkeiten oder Externalitäten Marktversagen bei der Informationsbereitstellung auftritt, wäre es gesamtwirtschaftlich effizient, diese Informationen staatlicherseits bereitzustellen, um somit Markt ungleichgewichte zu vermindern. Dies wäre im Einzelfall zu prüfen. 10.5 Unsicherheit Wie zu Beginn dieses Kapitels dargelegt, bezieht sich der Begriff der Unsicherheit (= Risiko) auf solche Konstellationen, in denen die zukünftige Entwicklung auch unter sehr großem Aufwand nicht mit vollkommener Gewissheit prognostiziert werden kann. Unsicherheit bzw. Risiko sind allgegenwärtige Begleiterscheinungen des Lebens. Wann und wo treten Naturereignisse auf? Wann erfolgt die nächste konjunkturelle Wende? Wie entwickeln sich die Aktienkurse? Der Forscher kann zu Beginn des Entwicklungsprozesses meist nicht abschätzen, ob seine Anstrengungen ein marktgängiges Produkt erbringen werden. Bei der folgenden Analyse der Funktionsweise von Märkten bei Unsicherheit sollen zunächst die Möglichkeiten der Akteure betrachtet werden, das Maß an Unsicherheit durch Anpassungsreaktionen zu reduzieren (Abschnitt 10.5.1). Darauf aufbauend wird dann gefragt, inwieweit diese individuellen Anpassungsmöglichkeiten ausreichen oder ob der Markt hier versagt und entsprechende wirtschaftspolitische Eingriffe erforderlich sind. Hierbei erweist es sich als zweckmäßig, zwischen unternehmerischer und nicht-unternehmerischer Unsicherheit zu unterscheiden. Marktversagen bei unternehmerischer Unsicherheit wird insbesondere damit begründet, dass Unternehmen bei Innovationsentscheidungen oder im Finanzierungsbereich gesamtwirtschaftlich gesehen zu risikoscheu seien (Abschnitt 10.5.2). Im Falle der nicht-unternehmerischen Unsicherheit geht es vor allem um die Frage, inwieweit Versicherungsmärkte existieren und einen Abbau nicht-unternehmerischer Unsicherheit ermöglichen (Abschnitt 10.5.3). Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 270 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 270 10.5.1 Individuelle Möglichkeiten zur Verringerung von Unsicherheit Zwar ist es nicht möglich, vollkommene Gewissheit über unsichere, in der Zukunft liegende Ereignisse zu erlangen, es existieren aber Möglichkeiten, die Unsicherheit wesentlich zu reduzieren. Hierbei ist insbesondere zu nennen: •• Erhöhung des Informationsaufwandes. Die Marktakteure sammeln zusätzliche Informationen, indem sie etwa Experten befragen, Studien in Auftrag geben, Medien auswerten und/oder vorhandene Prognoseverfahren verbessern. •• Relative Sicherheit suchen. Hiermit ist gemeint, dass Akteure Bedingungen schaffen, die es ihnen ermöglichen, sich zu relativ geringen Kos ten auf wandelnde Rahmenbedingungen einzustellen. Beispiele wären etwa die Bevorzugung von Projekten mit kurzer Laufzeit gegenüber Projekten mit längeren Laufzeiten oder der Einsatz möglichst flexibler Fertigungsverfahren. Sofern es sich bei den Projekten mit relativ kurzer Laufzeit nicht gleichzeitig um die gewinnträchtigsten Alternativen handelt oder die flexiblen Fertigungsverfahren nicht mit den niedrigsten Kosten verbunden sind (was nur in Ausnahmefällen zutreffen dürfte), ist das zusätzliche Maß an Sicherheit ebenfalls mit Aufwand verbunden. •• Reserven aufbauen. Die Marktakteure bauen finanzielle Reserven auf, um zukünftig eventuell auftretende Schäden bzw. Verluste abdecken zu können. Der Preis für das Mehr an Sicherheit besteht hier in dem Nutzenentgang, der dann auftritt, wenn es bessere Verwendungsmöglichkeiten für die betreffenden Ressourcen gibt. •• Risikotausch. Individuen weisen im Hinblick auf ihre Risikoeinstellung z. T. erhebliche Unterschiede auf. Sehr risikoscheue Akteure meiden soweit als möglich Unsicherheiten. Risikofreudigere Individuen sind eher bereit, Risiken zu tragen; sie übernehmen deshalb von risikoscheueren Akteuren (gegen Entgelt) Risiken. Auf diese Weise sind etwa viele Transaktionen auf Terminmärkten sowie freiwillige Garantien erklärbar. •• Risikoausgleich bzw. -vernichtung. Unsicherheit kann man durch die Übernahme mehrerer (möglichst entgegen gerichteter) Risiken erheblich reduzieren (Diversifikation, Hedging). Insbesondere Großunternehmen sind durch Diversifikation dazu in der Lage, einen Nachfrageeinbruch auf einem Markt oder den Fehlschlag eines Projektes durch Aktivitäten auf anderen Märkten oder durch andere Projekte auszugleichen; man spricht in diesem Zusammenhang auch von stochastischen Größenvorteilen. Versicherungen setzen ebenfalls auf diesen Diversifikationseffekt und nutzen dabei die Tatsache, dass sich bei der Zusammenfassung vieler Einzelrisiken entsprechend dem Gesetz der großen Zahl ein relativ gut kalkulierbarer Erwartungswert herausbildet, der dann die Grundlage für die Kalkulation der entsprechenden Prämie darstellt. Indem man sich gegen die Folgen des Eintritts eines unerwünschten Ereignisses versichert, werden Risiken gewissermaßen ‚vernichtet‘. Wichtig ist festzustellen, dass die verschiedenen Möglichkeiten zur individuellen Reduzierung von Unsicherheit nicht kostenlos sind. Sicherheit hat ihren Preis! Trotz der bisher genannten Möglichkeiten des Marktes, mit dem Problem der Unsicherheit umzugehen, wird immer wieder behauptet, es könne bei Vorliegen von Unsicherheit zu schwerwiegendem Marktversagen kommen. Im Folgenden 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 271 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 271 wird dieser Hypothese zunächst für den Fall der unternehmerischen Unsicherheit nachgegangen; daran anschließend werden mögliche Funktionsmängel von Märkten bei der Bewältigung von nichtunternehmerischer Unsicherheit diskutiert. 10.5.2 Marktversagen bei unternehmerischer Unsicherheit 10.5.2.1 Allgemeine Überlegungen Unternehmerische Unsicherheit tritt im Zusammenhang mit der Entscheidung über den Ressourceneinsatz zum Zwecke der Erzielung von Gewinnen auf. Bei unternehmerischer Unsicherheit steht der Entscheidungsträger vor dem Problem, wie er eine gegebene Menge an Ressourcen (Sach- und/oder Finanzkapital) möglichst gewinnbringend einsetzen soll. Ob er einen Gewinn realisieren kann oder einen Verlust erleiden wird, kann er zum Investitionszeitpunkt nicht mit Sicherheit abschätzen. Auf jeden Fall geht der Entscheidungsträger das Risiko freiwillig ein und erhält dafür im Erfolgsfall einen Gewinn. Kann man – wie dies gelegentlich geschieht – von Marktversagen sprechen, wenn z. B. Unternehmer bestimmte, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sinnvoll erscheinende Projekte (z. B. Erweiterungsinvestitionen, organisatorische Umstellungen, Produktinnovationen, Prozessverbesserungen) nicht realisieren, weil sie vor den damit verbundenen Risiken zurückschrecken? Ist ein Marktversagen aufgrund übertriebener Vorsicht denkbar? Als Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage sollen folgende vereinfachende Modellüberlegungen dienen. Angenommen, es existieren 1.000 alternative Projekte mit übereinstimmenden Erfolgswahrscheinlichkeiten und -aussichten. Im Erfolgsfall führe jedes Projekt zu einem Ertrag in Höhe von 100.000 ; die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt jeweils zehn Prozent. Somit ergibt sich für jedes Projekt ein Erwartungswert (Ertrag multipliziert mit der Eintrittswahrscheinlichkeit) von 10.000 . Erbringen sichere Alternativen wie z. B. Investitionen in festverzinsliche Wertpapiere einen niedrigeren Ertrag, z. B. 9.999 , so wäre es rational, sich für die mit Unsicherheit behaftete Alternative zu entscheiden, da diese einen höheren Erwartungswert aufweist. Die Entscheidung für eine bestimmte Alternative hängt aber nicht nur von den Erwartungswerten, sondern auch von der Einstellung der Akteure gegenüber dem Risiko ab. Risikoscheue Akteure werden dazu tendieren, die sichere Alternative trotz ihres objektiv geringeren Erwartungswertes vorzuziehen, weil sie relativ hohe Risikoabschläge für die mit Unsicherheit behafteten Erträge ansetzen. Risikoneutrale und freudige Akteure wählen hingegen eher die unsichere Alternative. Verhalten sich sämtliche Unternehmer risikoscheu und ziehen die relativ sichere, aber durch einen vergleichsweise geringen Erwartungswert gekennzeichnete Alternative vor, so könnte man u. U. von Marktversagen aufgrund übertriebener Vorsicht sprechen. Das Kernproblem der Wirtschaftspolitik beim Umgang mit einer solchen Form von Marktversagen oder der Behauptung, dass diese Form des Marktversagens vorliegt, besteht in der Diagnose. Um feststellen zu können, ob sich die Akteure zu risikoscheu verhalten, benötigt man einen Referenzstandard, der die optimale Risikoneigung angibt. Hierzu müsste sich die zuständige wirtschaftspolitische Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 272 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 272 Instanz (i. d. R. der Staat) jene Informationen beschaffen, die in der obigen Modellrechnung unterstellt wurde, um auf dieser Grundlage dann die Erwartungswerte alternativer Projekte zu berechnen: Wie groß ist der mögliche Ertrag der verschiedenen Projekte, wie hoch ist jeweils die Erfolgswahrscheinlichkeit? Die Generierung hinreichend zuverlässiger Informationen zu diesen Fragen dürfte sich in der Regel als mehr oder weniger unmöglich erweisen. Denn um beispielsweise den Erfolg eines mit Unsicherheit behafteten Projektes vorhersehen zu können, benötigt man vielfältige Zukunftsinformationen. Wie reagieren die Konkurrenten? Wie entwickelt sich die Nachfrage? Welche Neuerungen setzen sich in Zukunft durch? Urteile von Politikern oder Behörden über die Wünschbarkeit bestimmter Projekte sind immer mit der Gefahr einer ‚Anmaßung von Wissen‘ verbunden; in der Regel dürfte niemand besser als die direkt betroffenen Akteure – die Unternehmen – dazu in der Lage sein, die Chancen und Risiken eines bestimmten Projektes einzuschätzen. Wenn also die Unternehmen bestimmte Projekte nicht durchführen, weil sie diese Projekte für zu risikoreich halten, dann werden sie gute Gründe dafür haben. In der Praxis ist kein besseres Verfahren als der Wettbewerb erkennbar, um wünschenswerte Projekte zu entdecken. Da die Behauptung, die Marktakteure verhielten sich zu risikoscheu, kaum mit einigermaßen hinreichender Genauigkeit überprüft werden kann, bleibt sie als Grundlage für entsprechende wirtschaftspolitische Eingriffe zweifelhaft. Das Argument, der Markt könne nicht adäquat mit Unsicherheit umgehen und sei zu risikoscheu, wird häufig zur Begründung der Forschungs- und Technologiepolitik herangezogen. Forschung und Entwicklung ist auf zweierlei Weise mit Unsicherheit verbunden: Zum einen ist das Ergebnis von Forschungsaktivitäten naturgemäß unbekannt, und zum anderen kann man ex ante nicht genau sagen, inwiefern sich dieses Ergebnis überhaupt ökonomisch verwerten lässt. Dementsprechend wird nicht selten behauptet, dass die privaten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung aufgrund dieser Unsicherheiten aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zu gering seien und der Staat deshalb mit einer Politik der Forschungsförderung eingreifen sollte. Diese These ist insofern kaum haltbar, als man den optimalen Umfang der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten nicht kennt. Zudem wäre zu fragen, wer besser als die betroffenen Unternehmen selbst zur Beurteilung der Erfolgsaussichten konkreter Forschungsprojekte in der Lage ist. Dass der Staat hier große Informationsvorteile besitzt, ist – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der praktizierten staatlichen Forschungsförderung – wohl nicht zu erwarten. Der Markt versagt nach allgemeiner Ansicht allerdings im Bereich der Grundlagenforschung, da hier die direkte ökonomische Verwertbarkeit der Ergebnisse nicht gegeben ist und die Erkenntnisse nach geltendem Recht nicht patentierbar sind (weil ein intensives allgemeines Interesse an ihrer breiten Verwertung besteht). Die Nicht-Patentierbarkeit von Ergebnissen der Grundlagenforschung führt dazu, dass keine Property-Rights an dem erzeugten Wissen geltend gemacht werden können und somit die Gefahr des Auftretens positiver technologischer externer Effekte (d. h. der Nutzung ohne Entrichtung eines angemessenen Entgelts) sehr hoch ist (vgl. Kapitel 4). Die eigentliche Ursache für Marktversagen liegt hier in den externen Effekten und nicht in der Unsicherheit. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 273 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 273 10.5.2.2 Das Problem der Kreditrationierung Einen für die wirtschaftliche Praxis außerordentlich relevanten Fall eines möglichen Marktversagens stellt die Kreditrationierung dar, wobei die Ursache hier sowohl in Unsicherheit als auch in Unkenntnis zu sehen ist. Von Kreditrationierung spricht man, wenn Finanzierungsinstitutionen (z. B. Banken) ein geringeres Volumen an Krediten ausreichen, als es dem Marktgleichgewicht entspräche. Dieser Sachverhalt lässt sich anhand von Abbildung 10.8 erläutern, in der Angebot und Nachfrage auf dem Markt für Kredite dargestellt sind. Die Angebotskurve gibt die Bereitschaft der Finanzierungsinstitutionen zur Kreditvergabe in Abhängigkeit vom Kreditzins wieder. Entsprechend dem Verlauf dieser Kurve steigt die Bereitschaft zur Kreditvergabe mit dem Zinssatz an. Die Nachfrage nach Krediten ist bei einem relativ hohen Zinssatz gering und nimmt dann bei abnehmendem Zinssatz zu. Das Marktgleichgewicht ist durch den Zinssatz iG und das Kreditvolumen KG gekennzeichnet. Kreditrationierung liegt vor, wenn der Zinssatz unter dem Gleichgewichtszins liegt (z. B. iM in Abbildung 10.8). In diesem Falle werden nur Kredite im Ausmaß von KA vergeben und Kreditnachfrage im Umfang von KN–KA bleibt unberücksichtigt. Dies kann etwa in der Form geschehen, dass eine Reihe von Nachfragern unberücksichtigt bleibt oder jeder Nachfrager weniger Kredit erhält als erwünscht. Kreditrationierung hat zur Folge, dass eine Reihe von gesamtwirtschaftlich eigentlich erwünschten Projekten mangels Finanzierung nicht realisiert werden kann. Der Grund für Kreditrationierung besteht darin, dass die Bereitschaft zur Kreditvergabe nicht nur von dem zu erzielenden Zinssatz abhängt, sondern auch von der Unsicherheit darüber, ob der Kreditnehmer den Kredit zurückzahlt. Dieses Kreditausfall-Risiko hängt zum einen von den Eigenschaften des Kreditnachfragers ab, zum anderen spielt hier die Art der Kreditverwendung eine wesentliche Zinssatz (i) Kredite / Nachfrager Angebot Nachfrage iG KG KNKA iM Abbildung 10.8: Marktgleichgewicht auf dem Kreditmarkt und Kreditrationierung Das Angebot von Krediten und das nachgefragte Kreditvolumen werden durch den Zins bestimmt. Im Gleichgewicht erhält jeder einen Kredit in gewünschter Höhe, der zur Zahlung des Gleichgewichtszinssatzes iG bereit ist. Beim Zins iM, der niedriger ist als der Gleichgewichtszins, kommt ein Teil der Kreditnachfrage (KN–KA) nicht zum Zuge, d. h., es liegt Kreditrationierung vor. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 274 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 274 Rolle. Relevante Eigenschaften des Kredit-Nachfragers sind seine Fähigkeiten des Wirtschaftens, seine allgemeine wirtschaftliche Situation (bei Unternehmen: das Risiko einer Insolvenz) sowie sein gegenwärtiges und zukünftiges Geschäftsgebaren. Diese Eigenschaften des Kredit-Nachfragers lassen sich durch den Kreditgeber aufgrund asymmetrischer Information (hidden characteristics, hidden information, hidden intention) im Zweifel nicht vollständig einschätzen. Wesentliche Unsicherheiten kommen hinzu, wenn der Kredit zur Finanzierung risikoreicher Projekte wie z. B. Forschung und Entwicklung oder für eine Unternehmensgründung eingesetzt werden soll. Forschung und Entwicklung stellt dem Wesen nach ein Entdeckungsverfahren dar, wobei nie vollständig sicher ist, inwiefern das angestrebte Ziel, die Innovation, auch erreicht wird und welcher Aufwand dafür letztendlich erforderlich ist. Auch der wirtschaftliche Erfolg der angestrebten Innovation ist naturgemäß mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Besonders hoch ist die Unsicherheit auch bei der Finanzierung einer Unternehmensgründung, was sich empirisch daran zeigt, dass ungefähr die Hälfte aller neuen Unternehmen innerhalb eines Zeitraums von ca. sechs Jahren scheitert und aus dem Markt ausscheidet. Neben den Fähigkeiten und dem zukünftigen Geschäftsgebaren des Gründers muss ein potenzieller Kreditgeber hier auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Gründungskonzeptes abschätzen. Bei innovativen Gründungen, die mit einem neuen Produkt in den Markt eintreten wollen, kommen beide Arten von Risiken zusammen, weshalb hier eine Kreditfinanzierung in der Regel von Vornherein ausscheidet. Die verschiedenen Möglichkeiten zur Reduzierung einer Informationsasymmetrie (Abschnitt 10.2.5) können gerade im Falle der Kreditnachfrage zur Finanzierung einer Unternehmensgründung nur sehr beschränkt wirksam sein. Beispielsweise haben etablierte Unternehmen als Kreditnachfrager etwa durch ihre Reputation und durch ihre Kredithistorie (z. B. pünktliche Rückzahlung früherer Kredite) die Möglichkeit, eine gute Qualität als Schuldner zu signalisieren; bei neu zu gründenden Unternehmen ist dies nicht möglich, da sie naturgemäß noch nicht über eine Historie bzw. Reputation verfügen, die für eine solche Einschätzung herangezogen werden könnten. Darüber hinaus ist Screening von Marktchancen eines Innovationsprojektes oder einer Geschäftsidee seitens des Kapitalgebers mit Aufwand verbunden und erfordert gute Kenntnis sowohl des betreffenden Marktes als auch der jeweiligen Technologie. Der Gewährung von Kreditsicherheiten durch den Kapitalnehmer sind gerade bei Unternehmensgründungen enge Grenzen gesetzt. Die bestehenden ex-post Informationsasymmetrien ließen sich zwar in gewissem Ausmaß mittels Screening durch den Kapitalgeber reduzieren (etwa durch laufende Einsicht in die Geschäftsunterlagen), allerdings fällt auch hierfür nicht unerheblicher Aufwand an. Der Kreditgeber könnte nun versuchen, diese Probleme dadurch zu lösen, indem er seine Zinsforderung entsprechend dem Risiko variiert, also für risikoreiche Kredite einen höheren Zinssatz fordert als für Kredite mit geringerem Risiko. Projekte mit hohem Risiko könnten dann nur zu einem relativ hohen Zinssatz finanziert werden; die Bereitschaft, einen solchen hohen Zins zu zahlen, signalisiert dann ein hohes Risiko. Im Ergebnis hätte der Kreditgeber bei steigendem Zinssatz einerseits die Aussicht auf höhere Zinserträge, wäre andererseits aber auch mit einem besonders hohen Kreditausfallrisiko konfrontiert. In der Praxis sind einer 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 275 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 275 solchen Variation des Zinssatzes entsprechend dem erwarteten Risiko aber durchaus Grenzen gesetzt, etwa durch „Wucherparagraphen“. In Abwägung erwarteter Zinserträge und des Kreditausfall-Risikos kann sich für den Kreditgeber ein optimaler Zinssatz i* ergeben, bei dem der erwartete Ertrag E* maximiert ist, wie dies in Abbildung 10.9 dargestellt ist. Liegt dieser bankoptimale Zinssatz unterhalb des Gleichgewichtszinssatzes, so ist die Kreditvergabe rationiert (Abbildung 10.8). Ein gängiger Lösungsansatz für diese Probleme im Falle innovativer Unternehmensgründungen besteht in der Finanzierung durch Venture Capital (VC). Hierbei handelt es sich um eine Finanzierung durch Kapitalbeteiligung an einem Unternehmen außerhalb des organisierten Kapitalmarktes. Der VC-Geber erhofft sich dabei einen Ertrag durch den späteren Verkauf der Unternehmensanteile. Ein wesentlicher Vorteil der Beteiligungsfinanzierung für junge Unternehmen besteht darin, dass hierfür kein Zinsdienst zu leisten ist. Innovative junge Unternehmen, die während der ersten Zeit ihres Bestehens noch vorwiegend Produktentwicklung betreiben müssen, wären zu solchen Zahlungen kaum in der Lage. Es gibt eine Reihe von Wegen, auf denen die VC-Geber versuchen, ihr Investitionsrisiko zu begrenzen. Dies umfasst etwa intensives Screening des Unternehmenskonzeptes vor Beginn der Investition („Due Diligence“), Vergabe von Kapital in mehreren aufeinanderfolgenden Runden, Einforderung von wesentlichen Kontroll- und Mitspracherechten sowie die Managementbetreuung des betreffenden Unternehmens. 10.5.3 Marktversagen bei nicht-unternehmerischer Unsicherheit Nicht-unternehmerische Unsicherheit bezieht sich auf solche Risiken, die als ‚normale‘ Begleiterscheinungen des Lebens vorhanden sind, ohne dass sich hieraus Abbildung 10.9: Der für den Kreditgeber optimale Zinssatz bei Unsicherheit Der erwartete Ertrag, der mit der Kreditvergabe verbunden ist, steigt mit dem Zinssatz an. Das mit steigendem Zinssatz zunehmende Kreditausfallrisiko min dert den erwarteten Ertrag. Ab einem bestimmten Zinssatz werden zusätzliche Erträge durch steigende Zinseinnahmen von dem zunehmenden Ausfallrisiko überkompensiert. Der Zinssatz, der die höchsten Erträge erwarten lässt, ist für den Kreditgeber optimal. Zinssatz (i) Erwarteter Ertrag (E) E* i* Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 276 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 276 verbesserte Einkommenschancen ergeben. Nicht-unternehmerische Unsicherheit kann sowohl in der Produktionssphäre (z. B. Brandgefahren in Unternehmen, Arbeitsunfälle) als auch in der Konsumsphäre (z. B.: Sturmschäden am Privathaus, Schäden durch defekte Produkte) auftreten. Diese Form der Unsicherheit stellt ein mehr oder weniger unfreiwillig übernommenes Nebenprodukt einer Handlung oder eines Zustandes dar. Für den Umgang mit nicht-unternehmerischer Unsicherheit bietet der Markt eine Lösung in Form der Versicherung an: Der von nicht-unternehmerischen Risiken Betroffene zahlt an die Versicherung eine Prämie, die als Gegenleistung den entstandenen Schaden ganz oder teilweise ersetzt. Von Marktversagen im Versicherungsmarkt könnte man dann sprechen, wenn diese Marktlösung des Problems der nicht-unternehmerischen Unsicherheit nicht in zufriedenstellender Weise funktioniert, weil bestimmte Risiken nicht oder nicht vollständig versicherbar sind. Darüber hinaus kann es sein, dass zwar eine Versicherung angeboten wird, die Individuen diese Möglichkeit des Schutzes aber nicht in hinreichendem Maße wahrnehmen, weil sie an der langfristigen Realisierbarkeit des Versicherungsschutzes zweifeln oder weil ihnen der Preis als zu hoch erscheint. Auf diese Thesen wird im Folgenden eingegangen. Zunächst zu den möglichen Ursachen für ein fehlendes Angebot von Versicherungsschutz. Es sind zwei Gründe dafür denkbar, dass Versicherer nicht oder nur unvollständig zur Abdeckung eines Risikos bereit sind, nämlich wenn •• der betreffende Schaden nicht monetär bewertbar ist und/oder •• Schadenshöhe und Schadenswahrscheinlichkeit nicht mit hinlänglicher Genauigkeit kalkulierbar sind. Was die Probleme einer monetären Bewertung von Schäden angeht, so ist festzustellen, dass bei vielen nicht-unternehmerischen Risiken im Schadensfall – neben materiellen Verlusten an Vermögen und Einkommenserzielungsmöglichkeiten – auch Schäden immaterieller Art auftreten, wie etwa Einschränkungen an Lebensfreude durch gesundheitliche Beeinträchtigungen. Sofern sich derartige immaterielle Schäden einer monetären Bewertung weitgehend entziehen, können sie auch nicht durch eine Versicherung ersetzt werden. Dies ist ebenfalls der Grund dafür, dass diese Form des Marktversagens auch einer staatlichen Lösung nicht zugänglich ist. Schadenshöhe und Schadenswahrscheinlichkeit können dann nicht mit hinreichender Genauigkeit kalkuliert werden, wenn das Gesetz der großen Zahl nicht anwendbar ist und aus diesem Grunde keine entsprechende Versicherung angeboten wird. Das Gesetz der großen Zahl stellt in der Regel die Grundlage für die Bildung eines Erwartungswertes und somit für die Kalkulation entsprechender Versicherungsprämien dar. Die Anwendung des Gesetzes der großen Zahl setzt zum einen voraus, dass eine gewisse Mindestanzahl an Risiken bzw. Nachfragern nach Versicherungsschutz existiert; zum anderen müssen die Risiken unabhängig voneinander sein. Unabhängigkeit der Risiken bedeutet, dass der Eintritt eines Schadens nicht durch das Auftreten eines anderen Schadens beeinflusst wird; die Gefahr einer starken Häufung von Schadensfällen verringert sich. Die Frage, ob bzw. inwieweit voneinander nicht-unabhängige Risiken (z. B. Brandgefahren in einem Stadtviertel mit strohgedeckten Häusern, konjunkturelle Arbeitslosigkeit) versicherbar sind, ist in der Literatur umstritten. Tatsächlich werden in der Realität durchaus auch 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 277 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 277 solche Risiken versichert, die nach den strengen Voraussetzungen des Gesetzes der großen Zahl nicht versicherbar sind (z. B. seltene Naturkatas trophen oder die Berufsunfähigkeit von Spitzensportlern). Sollten sich bestimmte Risiken als privat nicht versicherbar erweisen, so wäre u. U. der Staat gefordert, im Schadensfalle Unterstützungsleistungen zu erbringen. Für eine Vielzahl von Risiken gibt es privaten Versicherungsschutz – im Gegensatz zu den Vermutungen einiger Autoren; dennoch ist ein diesbezügliches Marktversagen möglich. Eine andere Form des Marktversagens bei nicht-unternehmerischer Unsicherheit bestünde darin, dass sich die Individuen nicht oder nur unzureichend absichern, obwohl dies objektiv für sie sinnvoll wäre. Hierfür sind zwei mögliche Ursachen denkbar: •• Vorliegen einer asymmetrischen Informationsverteilung zu Lasten der Nachfrager. Gerade bei langfristigen Versicherungsverträgen kann es für den Versicherungsnehmer schwierig sein, bei Vertragsschluss die Bonität eines Versicherers abzuschätzen, so dass er keine Versicherung nachfragt. Dieses Problem lässt sich durch entsprechende Kontrollen der staatlichen Aufsichtsbehörde und/ oder die Einrichtung von Versichertenschutzfonds, welche im Konkursfall die Ansprüche der Versicherten befriedigen, grundsätzlich lösen. Möglicherweise schrecken die Individuen auch deshalb vor dem Abschluss einer langfristig angelegten Versicherung (z. B. Lebensversicherung) zurück, weil sie fürchten, dass auch seriöse Versicherer ihr Kapital bei Auftreten großer Krisen (wie etwa der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre, Kriege) verlieren. •• Individuen nehmen die Möglichkeit einer Versicherung nicht wahr, weil ihnen der Schutz zu teuer erscheint. Grund für die Nichtversicherung könnte ein Versagen des Versicherungsmarktes etwa infolge des Vorliegens asymmetrischer Information zu Lasten der Anbieter sein. Aufgrund der Gefahren der adversen Auslese und des moralischen Risikos bieten die Versicherer nur Policen zu sehr hohen Prämien an, woraufhin die Nachfrager auf einen Versicherungsschutz verzichten. Eine solche Konstellation könnte u. U. staatliches Eingreifen erforderlich machen. Liegen keine Hinweise auf ein Versagen des Versicherungsmarktes vor, so ist es die souveräne Entscheidung der Individuen, sich für bestimmte Risiken nicht hinreichend zu versichern, und es besteht kein Anlass für einen entsprechenden staatlichen Eingriff. Man kann allerdings nicht ausschließen, dass jemand ein Risiko deshalb nicht versichert, weil er annimmt, der Staat würde im schlimmsten Fall das Existenzminimum garantieren. In diesem Fall wäre die Pflichtversicherung ein geeigneter Weg, um derartiges Trittbrettfahrerverhalten zu verhindern (vgl. auch Abschnitt 10.3). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass von Marktversagen im Versicherungsmarkt dann gesprochen werden kann, wenn: •• die Schadenshöhe bzw. Schadenswahrscheinlichkeit nicht kalkulierbar ist, ein Fall, der insbesondere bei massenhaften, statistisch von einander abhängigen Risiken auftreten kann; •• der Versicherungsmarkt infolge des Vorliegens einer asymmetrischen Informationsverteilung versagt; und/oder •• die Individuen zu Trittbrettfahrerverhalten neigen, indem sie keine Eigenvorsorge treffen und auf das soziale Netz vertrauen. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 278 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 278 Der letztgenannte Punkt, das Ausmaß der Eigenvorsorge, impliziert die Frage nach dem gewünschten Wesen und dem Umfang der Staatstätigkeit: Will man einen allsorgenden Sozialstaat, der den Bürgern die Vorsorge weitgehend abnimmt oder will man einen Staat, der auf Eigenvorsorge setzt und erst dann einspringt, wenn der Einzelne sich nicht selbst helfen kann? 10.6 Mögliche wirtschaftspolitische Maßnahmen bei Marktversagen infolge von Informationsmängeln 10.6.1 Überblick Bei der Darstellung der verschiedenen Formen von Informationsmängeln und deren Folgen für die Funktionsfähigkeit des Marktes wurde zwischen Unkenntnis und Unsicherheit unterschieden. Für die Behandlung möglicher staatlicher Eingriffe aufgrund von Informationsmängeln ist diese Unterteilung nicht immer zweckmäßig, da entsprechende Maßnahmen häufig auf beide Problembereiche gerichtet sind. Beispielsweise geht es bei der staatlichen Prüfung auf Zulassung neuer Arzneimittel einmal um die Feststellung der Eigenschaften eines Medikamentes und damit um die Reduzierung asymmetrischer Informationsverteilung (Qualitätsunkenntnis). Darüber hinaus wird im Rahmen einer solchen Zulassungsprüfung auch versucht, Risiken des Gebrauchs abzuschätzen, die in der Gegenwart noch unbekannt sind (Reduktion von Unsicherheit). Regelungen des Haftungsrechts können zum einen Anreize für den Anbieter schaffen, über die Produkteigenschaften zu informieren; zum anderen haben sie auch Auswirkungen auf das Ausmaß der nicht-unternehmerischen Unsicherheit beim Nachfrager. Aufgrund solcher vielfältigen Überschneidungen werden hier mögliche wirtschaftspolitische Maßnahmen bei Marktversagen infolge von Informationsmängeln insgesamt, d. h. ohne Unterscheidung von Unkenntnis und Unsicherheit als Ursachen, dargestellt. Zur Beseitigung von Unkenntnis und/oder Unsicherheit kommen in der wirtschaftspolitischen Praxis vor allem folgende Instrumente zum Einsatz: •• Einführung von Informationspflichten, •• öffentliche Informationsbereitstellung, •• Erlass von Mindeststandards und subjektiven Marktzugangsbeschränkungen, •• Verpflichtung zu Garantien, •• Regelungen des Haftungsrechts, •• Bereitstellung eines umfassenden rechtlichen Rahmens, •• Einführung einer Sozialversicherung mit Versicherungspflicht und •• Gewährung von Transfers zur nachträglichen Kompensation. Bei der Beurteilung der Eignung dieser Instrumente spielt insbesondere eine Rolle, inwiefern sie mit Anreizen zur Eigenvorsorge und zu risikobewusstem Verhalten verbunden sind. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 279 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 279 10.6.2 Verpflichtung zu informieren und öffentliche Bereitstellung von Information Der Staat kann die Anbieter von Gütern, bei denen im besonderen Maße Informationsasymmetrien zu Lasten der Nachfrager drohen, dazu verpflichten, über wichtige Produkteigenschaften zu informieren. So müssen etwa Anbieter von Medikamenten über Verfallsdaten, Inhaltsstoffe sowie über Wirkungsweise und Gefahren ihrer Produkte auf der Verpackung bzw. auf einem beiliegenden Zettel informieren. Ein anderes Beispiel wäre die Verpflichtung, über Veränderungen vertragsrelevanter Sachverhalte zu informieren. So schreibt etwa das Versicherungsvertragsgesetz vor, dass die Versicherungsnehmer dem Versicherer solche Umstände anzeigen müssen, die zu einer wesentlichen Erhöhung der Gefahr führen, auch wenn eine solche Pflicht nicht explizit im Versicherungsvertrag vereinbart wurde. In der Regel dürften sich die mit asymmetrisch verteilter Information verbundenen Probleme durch eine von der Politik verordnete Offenheit nur unvollständig lösen lassen. Denn um die Informationsasymmetrie zu reduzieren, muss die zur Verfügung gestellte Information auch in einer Art und Weise übermittelt werden, die für den Adressaten verständlich ist bzw. von ihm weiterverarbeitet werden kann. Die Erfüllung dieser Bedingung kann insbesondere dann ein Problem darstellen, wenn die angemessene Verarbeitung der Information eine bestimmte Vorbildung voraussetzt, über die nicht alle Betroffenen verfügen. Darüber hinaus erfordert die Verpflichtung zu informieren auch eine Definition derjenigen Informationen, die bereit zu stellen sind. Die Angemessenheit dieser Definition dürfte eine wesentliche Bestimmungsgröße der Wirksamkeit einer Informationspflicht darstellen. Bei Informationsmängeln liegt es nahe, dass der Staat entsprechende Informationen zur Verfügung stellt bzw. deren Bereitstellung unterstützt. Zum Abbau der Qualitätsunkenntnis bei Gütern kann der Staat selbst oder mit Hilfe Dritter Produkttests durchführen und die Ergebnisse allgemein verbreiten. In Deutschland übernimmt z. B. die „Stiftung Warentest“ diese Funktion, indem sie bestimmte Güter auf ihre Qualität hin überprüft und die Prüfergebnisse – in allgemein verständlicher Form – publiziert. Der Staat trägt zu dieser Informationsbereitstellung bei, da er einen Teil der anfallenden Kosten übernimmt. Die Qualität einer solchen Bewertung steht und fällt mit der Fähigkeit der betreffenden Agentur, die aus der Sicht der Kunden relevanten Qualitätskriterien festzulegen, diese zu messen und für die Gesamtbewertung gegeneinander zu gewichten. Ein Problem solcher Produkttests kann darin gesehen werden, dass sie sich nur auf die bereits am Markt befindlichen Produkte beziehen können, was den Marktzutritt neuer Produkte bzw. Hersteller u. U. nicht unerheblich erschwert. Staatliche Informationsbereitstellung kann sich jedoch auch auf die Reduzierung von Unsicherheit beziehen. So informieren beispielsweise staatlich geförderte Wirtschaftsforschungsinstitute in regelmäßigen Abständen über die zu erwartende Entwicklung makroökonomischer Rahmendaten, und tragen auf diese Weise zur Reduktion konjunkturell bedingter Unsicherheiten bei. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 280 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 280 10.6.3 Mindeststandards und subjektive Marktzugangs beschränkungen Durch Setzung von Mindeststandards und subjektive Marktzugangsbeschränkungen werden ausschließlich Güter mit einer bestimmten Min dest qualität bzw. nur Anbieter mit dem Nachweis einer gewissen Min dest qualifikation („subjektive“ Marktzugangsbeschränkung) auf dem Markt zugelassen. Hierdurch wird insofern eine Eindämmung der Probleme asymmetrisch verteilter Informationen bewirkt, als den Nachfragern eine gewissen Mindestqualität garantiert wird. Lebensmittelvorschriften, die durch das Arzneimittelgesetz festgesetzten Sicherheitsanforderungen an Medikamente, der „Große Befähigungsnachweis“ (Meis terprüfung) als notwendige Voraussetzung für die Errichtung eines Handwerksbetriebes und die erforderlichen Mindestqualifikationen für die Ausübung verschiedener Freier Berufe (z. B. Arzt, Rechtsanwalt) stellen Beispiele hierfür dar. Weisen sämtliche Nachfrager identische Präferenzen für diese Mindestqualität auf, so ist eine solche Regelung eindeutig wohlfahrtssteigernd, da eine von allen unerwünschte Qualität ausgeschlossen wird. Problematisch sind Mindeststandards aber dann, wenn es Nachfrager gibt, die eine geringere Qualität als die vorgegebene Mindestqualität zu entsprechend niedrigem Preis beziehen wollen. Beispielsweise wird kaum ein Patient dazu bereit sein, bei einer Operation auf die Mindestqualifikation des Chirurgen (das Medizinstudium) zu verzichten. Ob man hingegen bei Reparaturen im und am Haus immer einen entsprechend der deutschen Handwerksordnung ausgebildeten Anbieter beauftragen will, ist durchaus zweifelhaft. Gibt es Nachfrager, die Transaktionen unterhalb der gesetzlich fixierten Mindestqualität zu einem niedrigeren Preis wünschen, unterbindet der Mindeststandard derartige Transaktionen, was gegen die Konsumentensouveränität verstößt und zu Wohlfahrtseinbußen führt. Bei solchen qualitativen Marktzugangsbeschränkungen besteht auch immer die Gefahr, dass die Min des tqualität zu hoch angesetzt wird, um Konkurrenz für die etablierten Anbieter möglichst zu verhindern. Ein anderes Beispiel für Mindeststandards stellen staatliche Arbeitsschutzvorschriften dar, die darauf abzielen, dass die Arbeitsbedingungen bestimmten Sicherheitsstandards entsprechen, so dass insbesondere schwerwiegende Gefahren für die Gesundheit des Arbeitnehmers ausgeschlossen sind. Solche staatlichen Arbeitsschutzvorschriften können vor allem dann gerechtfertigt sein, wenn die Arbeitnehmer die Gefahren des Arbeitsplatzes unterschätzen oder sich gegenüber den Arbeitgebern in einer relativ schlechten Verhandlungsposition in Bezug auf Fragen der Ausgestaltung des Arbeitplatzes befinden, weil sie kein alternatives Angebot in Aussicht haben. Ein wesentliches Problem bei solchen Vorschriften besteht darin, dass hiermit den Besonderheiten des konkreten Einzelfalls im Zweifel nicht Rechnung getragen wird bzw. werden kann. Darüber hinaus kann man über die konkrete Ausgestaltung der Arbeitsschutzvorschriften sicherlich jeweils geteilter Meinung sein. Unter den Annahmen der vollständigen Information und hinreichender Alternativmöglichkeiten würden Arbeitnehmer für einen unsicheren Arbeitsplatz Lohnzuschläge verlangen, die sie für die Hinnahme der Risiken entschädigen (kompensierende Lohndifferentiale). Arbeitgeber müssen für sichere Arbeitsplätze Aufwendungen tätigen, z. B. Schutzanzüge bereitstellen. Gelten die genannten Annahmen, führen Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dazu, dass die Frage des Arbeitsschutzes zur Zufriedenheit beider Parteien geregelt wird: Der Arbeitnehmer akzeptiert nur dann einen unsicheren Arbeitsplatz, 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 281 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 281 wenn er durch einen höheren Lohn entschädigt wird, und der Arbeitgeber bietet nur einen sicheren Arbeitsplatz an, wenn seine Aufwendungen zum Arbeitsschutz niedriger sind als die zu zahlenden Lohnzuschläge. Es ist nicht auszuschließen, dass Arbeitnehmer die Risiken ihres Arbeitsplatzes unterschätzen. Die langfristigen Auswirkungen einer stetigen Lärmbelästigung sind für viele Beschäftigte schwer abschätzbar oder das regelmäßige Heben schwerer Lasten führt meist erst in späteren Jahren zu erkennbaren Gesundheitsschäden (Problem der Nutzenunkenntnis). Auch die Annahme, dass Arbeitnehmer alternative Beschäftigungsmöglichkeiten besitzen und deshalb nicht auf die Beschäftigung an einem unsicheren, schlecht bezahlten Arbeitsplatz angewiesen sind, dürfte nicht immer gegeben sein. Insofern kann man vermuten, dass durch die dezentralen Verhandlungen der Arbeitsmarktparteien kein ausreichender Arbeitsschutz zustande kommen wird. Zur Durchsetzung bestimmter Mindeststandards sind entsprechende Kontrollen erforderlich. Beispielsweise überprüfen die Lebensmittelkontrolleure der Gewerbeaufsichtsämter stichprobenartig, ob die Metzger und Bäcker die üblichen Hygienevorschriften beachten und ausschließlich zulässige Inhaltsstoffe verwenden. Nach dem Standesrecht der Freien Berufe haben die jeweiligen Standesorganisationen die Möglichkeit, gegen grobe Pflichtverletzungen Einzelner rechtlich vorzugehen; im Extremfall können derartige Verfahren zu einer Aberkennung der Marktzugangsberechtigung führen (z. B. Widerruf der Anwaltszulassung). Bei laufenden Qualitätskontrollen stehen eindeutig verborgenen Handlungen im Mittelpunkt. Insofern gibt der Staat relativ wenig infomierten Marktakteuren eine Hilfestellung, als er die Ausführung von Markttransaktionen überwacht und Fehlentwicklungen sanktioniert. 10.6.4 Verpflichtung zur Garantie und Haftungsrecht Der Gesetzgeber kann Anbieter von Gütern zur Gewährung von Garantieleistungen verpflichten. Sie müssen dann fehlerhafte Produkte (Güter schlechter Qualität) reparieren oder ersetzen bzw. eine Rückabwicklung des Vertrages zu ermöglichen. Da im Falle der Lieferung unerwartet schlechter Qualität entsprechende Ersatzansprüche bestehen, verlieren Informationsasymmetrien in der Form, dass der Nachfrager die Qualität des Gutes nicht einschätzen kann, an Bedeutung. Jedes Gewährleistungsrecht muss jedoch einen weiteren potenziellen Informationsmangel berücksichtigen: Fehler an Produkten sind nicht zwangsläufig vom Anbieter verursacht, sondern können auch eine Folge mangelnder Sorgfalt des Anwenders darstellen. Da der Verkäufer einer Ware kaum zuverlässig beurteilen kann, inwieweit der Käufer das Gut sorgfältig behandelt hat, besteht hier die Gefahr eines moralischen Risikos. Nur wenn das Fehlverhalten des Käufers erkennbar (und beweisbar) ist, lässt sich die Berechtigung einer geforderten Garantieleistung beurteilen. Verkäufer bzw. Hersteller können für Fehler ihrer Produkte in der Form zur Verantwortung gezogen werden, dass sie die aus fehlerhaften Produkten entstehenden Schäden ersetzen müssen. Nach dem 1990 in Deutschland in Kraft getretenen Produkthaftungsgesetz müssen Produzenten, die fehlerhafte Produkte auf den Markt bringen, für daraus entstehende Schäden haften. Dabei gilt der Grundsatz der Gefährdungshaftung (vgl. hierzu Abschnitt 5.2.8), d. h. für die Haftung bzw. die Schadensersatzpflicht des Herstellers ist es irrelevant, ob er den betreffenden Feh- Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 282 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 282 ler verschuldet hat oder nicht. Unter einer solchen Regelung hat der Hersteller einen Anreiz, die aus Schäden eines fehlerhaften Produkts (Produktrisiken) potenziell erwachsenden Ersatzkosten den Produktionskosten hinzuzurechnen, da er für diese Schäden einstehen muss. Dies wäre bei einem Grundsatz der Verschuldenshaftung nicht zu erwarten, da der Produzent hier solange nicht für die Produktrisiken aufkommen muss, wie ihn kein Verschulden trifft. Unter dem Grundsatz der Gefährdungshaftung hat der Produzent einen sehr viel stärkeren Anreiz, auf die Gefahren schlechter Produkte zu achten, langfristig nach Möglichkeiten zur Eliminierung von Gefahrenquellen zu suchen und sehr gefährliche Produkte nicht mehr auf den Markt zu bringen. Die konkrete Ausgestaltung des Produkthaftungsrechts kann also mit wesentlichen Folgen für die Allokation verbunden sein. 10.6.5 Bereitstellung eines umfassenden rechtlichen Rahmens Die Gefahr eines opportunistischen Hold up-Verhaltens ergibt sich dadurch, dass Vertragsverhältnisse unvollständig sind und nicht sämtliche Eventualitäten regeln. Ein wesentlicher Grund für Unvollständigkeit von Verträgen besteht häufig darin, dass der entsprechende Aufwand für die Beteiligten nicht lohnt. Für den Staat (bzw. kollektive Instanzen) bestünde hier vielfach die Möglichkeit, die Ausbeutungsspielräume, welche aus lückenhaften individuellen Verträgen resultieren, durch Setzung entsprechender Regeln zu vermindern. Beispiele hierfür wären etwa die Arbeitsgesetzgebung oder Regulierungen des Wohnungsmarktes wie Staffel- und Vergleichsmietenregelungen sowie die Vorgabe von Höchstgrenzen für jährliche Mieterhöhungen (Kappungsregeln). Das Beispiel des Arbeitsmarktes, wo ein wesentlicher Teil der relevanten Regelungen von den Tarifparteien kollektiv vereinbart wird, zeigt auch, dass derartige Regulierungen nicht zwangsläufig staatlicherseits getroffen werden müssen. Zwar besteht für die Akteure im Prinzip die Möglichkeit, derartige Verträge jeweils individuell auszuhandeln, allerdings verhindern nicht selten externe Effekte und Unteilbarkeiten die effiziente Bereitstellung solcher umfassenden Regelungen. Dabei kann es dadurch zu externen Effekten kommen, dass andere Akteure die ausgehandelten Regeln auf ihre individuellen Transaktionen übertragen; Unteilbarkeiten bestehen darin, dass die umfassende Regelung aller Eventualitäten im Rahmen eines einzelnen Vertragsverhältnisses nicht lohnt. Beispiele: Es ist für zwei Mietvertragsparteien zu teuer, einen Mietspiegel als Referenzstandard für Mieterhöhungen zu erstellen (Unteilbarkeitenproblem). Sofern sich Property-Rights an einem einmal erstellten Mietspiegel nicht durchsetzen lassen und er in weiteren Mietverträgen Anwendung findet, wird dem Ersteller der volle Nutzen seines Mietspiegels nicht entgolten (positiver externer Effekt). Bei Arbeitsverträgen muss in Kündigungsschutzbestimmungen ein möglichst alle Eventualitäten umfassendes Regelwerk (Was ist im Einzelfall ein vertragswidriges Verhalten, das zur Kündigung berechtigt?) erarbeitet bzw. unter hohen Kosten ausgehandelt werden. Dies lohnt sich in der Regel für die einzelnen Akteure nicht (Unteilbarkeitenproblem). Infolgedessen liegt es nahe, dass sich die Vertragsparteien jeweils zusammenschließen und ein umfassendes Regelwerk von Experten ausarbeiten und aushandeln lassen. Ohne entsprechende Regeln wären die Vertragsparteien aufgrund möglicher Ausbeutungsspielräume kaum zu Aufwendungen bereit, welche bei einem Wechsel 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 283 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 283 des Marktpartners (Vermieter, Arbeitgeber) versinken. Es besteht die Gefahr, dass vorteilhafte Transaktionen nicht oder in zu geringem Umfang zustande kommen. Der Staat oder kollektive Instanzen (z. B. Verbände) können durch geeignete Maßnahmen die Transaktionskosten so senken, dass bislang nicht lohnende Transaktionen vorteilhaft werden und somit die Koordination der Arbeitsteilung über den Markt stimulieren. 10.6.6 Sozialversicherungspflicht und Transfers zur nachträglichen Kompensation In vielen Ländern bleibt es den Individuen nicht selbst überlassen, ob sie sich gegen bestimmte Risiken versichern wollen oder nicht, sondern es besteht eine Versicherungspflicht. Diese Versicherungspflicht wird vielfach mit Vorschriften zur Kalkulation der Prämien kombiniert, die das entsprechende Risiko unberücksichtigt lassen; entweder müssen alle Versicherten die gleiche Prämie zahlen oder die Prämie orientiert sich am Einkommen. Beispielsweise sind Arbeitnehmer in Deutschland zwangsweise Mitglied in der Renten-, Arbeitslosen- sowie in der Kranken- und Pflegeversicherung. Die Existenz der Versicherungspflicht und die Organisationsprinzipen der Sozialversicherungssysteme lassen sich vor dem Hintergrund der Gefahr eines Marktversagens infolge von Informationsmängeln erklären. So könnte man in diesem Zusammenhang etwa argumentieren, dass junge Menschen den Nutzen einer Renten- oder Krankenversicherung systematisch unterschätzen, weil sie die im Alter anfallenden Kosten der Krankenversorgung nicht hinreichend wahrnehmen oder ihr Vermögen im Alter überschätzen. Eine Versicherungspflicht wirkt dieser Nutzen unkenntnis entgegen. Besteht eine asymmetrische Informationsverteilung zu Lasten der Versicherer, so kann adverse Auslese zu Problemen führen. Aufgrund der Informationsasymmetrie muss der Versicherer mit einer für alle geltenden Durchschnittsprämie kalkulieren mit der Folge, dass diese Prämie für die guten Risiken (im Vergleich zur aktuarisch fairen Prämie) relativ hoch und für die schlechten Risiken relativ niedrig ausfällt. Insofern ist zu erwarten, dass sich vor allem die schlechten Risiken versichern und die guten Risiken aufgrund des relativ hohen Preises auf eine Versicherung verzichten (vgl. Abschnitt 10.2.1.2). Beispielsweise wäre ohne staatlichen Eingriff u. U. damit zu rechnen, dass relativ gesunde Individuen keine Krankenversicherung abschließen, weil sie die hohen Prämien scheuen und statt dessen im Schadensfall lieber selbst die auftretenden Kosten aus den eingesparten Prämien begleichen wollen (‚Selbstversicherung‘). Es kommt dann über einen Prozess der adversen Auslese dazu, dass nur solche Individuen eine Versicherung nachfragen, die entsprechende hohe Krankheitskosten erwarten (d. h. schlechte Risiken darstellen). Bei einer starken Häufung der Schadensfälle oder bei hohen Schäden besteht allerdings die Gefahr, dass die Individuen ohne Krankenversicherungsschutz in wirtschaftliche Probleme geraten. Dem beugt eine Pflichtversicherung vor. Bei der Ausgestaltung von Sozialversicherungssystemen spielen häufig auch verteilungspolitische Motive eine Rolle. Dabei besteht ein wesent liches Ziel der Politik in Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 284 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 284 der Regel darin, zu verhindern, dass schlechte Risiken, die ohne staatliche Eingriffe eine relativ hohe aktuarisch faire Prämie zahlen müssten, aufgrund finanziellen Unvermögens auf Versicherungsschutz verzichten müssen. So wäre etwa zu befürchten, dass eine allein am Schadensrisiko orientierte Krankenversicherung von älteren Menschen, die meist hohe Krankheitskosten aufweisen, Prämien verlangen würde, die die finanzielle Leistungsfähigkeit dieser Klientel weit übersteigen. Um dies zu verhindern, berechnen die gesetzlichen Krankenversicherungen die Prämie unabhängig vom Risiko, dass der jeweilige Versicherte repräsentiert, obwohl sie im Prinzip zu einer wesentlich stärker am jeweiligen Risiko orientierten Prämiengestaltung in der Lage wären. Die vom Risiko unabhängige Gestaltung der Prämien hat zur Folge, dass die relativ gesunden Versicherten einen Teil der Krankheitskos ten der weniger gesunden tragen, damit der Versicherungsschutz für alle erschwinglich ist. Dabei ist eine Versicherungspflicht deshalb notwendig, weil ansonsten die guten Risiken die Solidargemeinschaft verlassen und den Schutz bei einer preisgünstigeren privaten Versicherung suchen. Infolge der dann einsetzenden adversen Auslese wären die niedrigen Prämien für die schlechten Risiken nicht mehr finanzierbar. Vielfach stellt eine Versicherungspflicht auch ein Mittel gegen Trittbrettfahrerverhalten dar, welches sich ohne eine solche Pflichtversicherung darin manifestiert, dass Individuen private Vorsorge unterlassen und dabei hoffen, im Schadensfall vom Staat versorgt zu werden (negativer externer Effekt). So bestand ein wesentlicher Grund für die Einführung einer Pflegeversicherungspflicht in Deutschland darin, dass im Pflegefall die Einkommen und Vermögen der Betroffenen meist für die entstehenden Pflegekosten nicht ausreichten, und die entsprechende Finanzierungslücke dann vom Staat im Wege der Sozialhilfe geschlossen werden musste. Ein weiterer Grund für eine Versicherungspflicht kann darin bestehen, dass man die Fähigkeit zur Begleichung von Schadensersatzansprüchen sicherstellen will. Dies dürfte die wesentliche Begründung dafür sein, dass in Deutschland der Halter eines Kraftfahrzeuges, der Hersteller von Medikamenten oder der Betreiber eines Atomkraftwerkes einer Pflicht zum Abschluss einer Haftpflichtversicherung unterliegt. Offensichtlich ist die Politik der Ansicht, dass es bei besonders sensiblen Formen der nicht-unternehmerischen Unsicherheit nicht ausreicht, negative externe Effekte durch die Einführung von Haftungsrechtsbestimmungen zu kompensieren, sondern dass darüber hinaus die Geschädigten vor finanziellem Unvermögen des Schädigers geschützt werden müssen. Ein Mittel, um die Folgen von Unsicherheit bzw. von negativen Ereignissen nachträglich zu kompensieren, sind entsprechende staatliche Transfers. Finanzielle Hilfeleistungen an Opfer von Naturkatastrophen stellen ein Beispiel hierfür dar. Auch regelmäßige Zahlungsströme, wie sie etwa in der Sozialhilfe üblich sind, kann man als einen nachträglich kompensierenden Transfer auffassen. Bei derartigen Transfers stellt sich allerdings jeweils die Frage, inwiefern hierdurch nicht die Anreize gemindert werden, Selbstvorsorge zu betreiben. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 285 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 285 10.7 Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse Es sind zwei Grundtypen von Informationsmängeln zu unterscheiden: Unkenntnis und Unsicherheit. Während Unkenntnis grundsätzlich durch entsprechende Informationsbeschaffung beseitigt werden kann, lässt sich Unsicherheit durch die Generierung zusätzlicher Informationen nicht vollständig ausschalten. Drei Formen von Unkenntnis wurden hier hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Funktionsweise von Märkten analysiert, nämlich asymmetrisch verteilte Informationen, Nutzenunkenntnis sowie Preisunkenntnis. Asymmetrische Informationsverteilung kann zu Problemen adverser Auslese des moralischen Risikos, sowie zur Gefahr eines opportunistischen Hold up führen. Adverse Auslese bezieht sich auf Folgen der asymmetrisch verteilten Informationen vor Vertragsschluss. Ist der Anbieter oder der Nachfrager relativ schlecht über transaktionsrelevante Sachverhalte informiert, so führt die adverse Auslese dazu, dass der Markt für hohe Qualitäten zusammenbricht und nur noch schlechte Qualität getauscht wird. Zu Problemen des moralischen Risikos kann es dann kommen, wenn sich nach Vertragsschluss nicht genau überprüfen lässt, inwieweit eine der Vertragsparteien vertragsgemäß gehandelt hat. Moralisches Risiko hat zur Folge, dass vertragstreue Akteure (gute Risiken) mit einem relativ hohen Preis belastet werden und deshalb dazu neigen, vom Erwerb des betreffenden Gutes abzusehen. Im Extremfall kommen keine Transaktionen mit vertragstreuen Akteuren zustande, der Markt versagt. Die Gefahr eines opportunistischen Hold up tritt in länger andauernden Vertragsbeziehungen auf, wenn die Vereinbarung Auslegungsspielräume lässt und mindestens eine der Vertragsparteien für die Beziehung spezifische irreversible Investitionen getätigt hat. Hier bezieht sich die Informationsasymmetrie darauf, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Hold up-Verhalten des Austauschpartners bei Vertragsschluss nicht genau abgeschätzt werden kann. Die Folge der Gefahr eines Hold up besteht darin, dass eigentlich sinnvolle spezifische Investitionen bzw. Trans aktionen unterbleiben. Die Prinzipal-Agent-Theorie arbeitet weitere Bedingungen heraus, die erfüllt sein müssen, damit in Situationen mit ungleich verteilten Informationen erwünschte Markttransaktionen unterbleiben. Dabei wird insbesondere die Bedeutung zufallsbedingter Einflüsse betont. Asymmetrische Informationsverteilung muss nicht notwendigerweise zu Marktversagen führen, denn es gibt für die Benachteiligten in der Regel Möglichkeiten, sich zu informieren (Screening) bzw. für die Begüns tigten, ihre wahre Qualität glaubwürdig zu signalisieren (Signaling). Screening erfolgt grundsätzlich nur so lange, wie die daraus erwarteten Erträge noch die Kosten decken. Die Selbstinformation lohnt sich dann nicht, wenn Unteilbarkeiten bei der Wissensgenerierung vorliegen. Hier könnte die Einschaltung spezialisierter Dritter weiter helfen. Der Markt für derartige Experten droht dann zu versagen, wenn die Weitergabe entsprechender Informationen nicht kontrolliert werden kann und somit technologische externe Effekte in wesentlichem Umfang bestehen. Die besser Informierten verfügen über eine Reihe von Möglichkeiten, ihre wahre Qualität glaubhaft zu machen, wie z. B. durch Aufbau von Reputation, durch Abschluss von Verträgen mit Selbstbehalt oder im Rahmen eines Tarifsystems mit Schadenfreiheitsrabatten. Allerdings sind solche Methoden des Signaling nicht in allen Fällen anwendbar. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 286 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 286 Ein anderer Weg, um Informationsasymmetrien bzw. ihre allokationsschädlichen Folgen zu verhindern, ist in verschiedenen Formen der Interessenharmonisierung (vertikale Integration, erfolgsabhängige Entlohnung) zu sehen; denn verfolgen alle Beteiligten gleiche bzw. ähnliche Ziele, so haben sie auch einen Anreiz, die relevanten Informationen untereinander auszutauschen, damit es nicht zu Ineffizienzen kommt. Nutzenunkenntnis liegt dann vor, wenn Marktakteure die Vor- bzw. Nachteile eines Gutes systematisch falsch einschätzen, ein Problem, das insbesondere bei immateriellen Gütern auftreten kann, deren Nutzen sich erst nach längerer Zeit erschließt. Da sich letztendlich nicht genau klären lässt, inwieweit die Akteure von Nutzenunkenntnis betroffen sind, ist dieses Argument als Rechtfertigung eines entsprechenden staatlichen Eingriffes (z. B. Subventionierung erwünschter Güter, Konsumzwang) in der Regel mehr oder weniger zweifelhaft. Preisunkenntnis bezeichnet eine Situation, in der die Akteure keine Information über den Gleichgewichtspreis haben und daher Transaktionen erst verzögert oder im Ungleichgewicht durchführen, so dass der Markt nicht geräumt wird. Hier könnte der Staat (bzw. eine kollektive Instanz) im Bedarfsfall durch Informationsbereitstellung Abhilfe schaffen. Unsicherheit bezieht sich auf zukünftige Ereignisse, die sich unter keinen Umständen mit vollkommener Gewissheit prognostizieren lassen. Den Individuen stehen eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, um sich gegen Unsicherheit abzusichern, wobei alle diese Alternativen mit Kosten verbunden sind. Die Bewältigung von Unsicherheit stellt eine zentrale Aufgabe der Unternehmen dar. Aufgrund ihrer relativ guten Kenntnisse der Marktgegebenheiten dürften sie in der Regel wesentlich besser zur Einschätzung von Risiken in der Lage sein als Politiker oder die staatliche Bürokratie. Aus diesem Grunde ist die gelegentlich vorgebrachte Behauptung, der Markt würde aufgrund von unternehmerischer Unsicherheit versagen, zweifelhaft. Marktversagen aufgrund unternehmerischer Unsicherheit ist allerdings im Finanzierungsbereich zu vermuten, insbesondere bei der Finanzierung von Innovationsprojekten und von Unternehmensgründungen. Hier kann Kreditrationierung durch die Kapitalgeber dazu führen, dass eigentlich erwünschte Projekte nicht zustande kommen. Im Fall nicht-unternehmerischer Unsicherheit kann ein Handlungsbedarf dann gegeben sein, wenn die entsprechenden Risiken nicht versicherbar sind bzw. der Versicherungsmarkt versagt. Ein Versagen des Versicherungsmarktes könnte dann eintreten, wenn Schadenshöhe bzw. Schadenswahrscheinlichkeit nur schwer kalkuliert werden können, asymmetrisch verteilte Informationen zu adverser Auslese und/oder die Akteure zu Trittbrettfahrerverhalten neigen und nur unzureichend eigene Vorsorge treffen bzw. sie die Risiken falsch einschätzen. Es existieren eine ganze Reihe von Möglichkeiten, mit den durch Informationsmängel hervorgerufenen Problemen umzugehen. Dabei reicht das Spektrum von der Verpflichtung zu informieren über die öffentliche Bereitstellung von Informationen, die Definition von Mindeststandards, die Verpflichtung zur Gewährung von Garantieleistungen, Regelungen des Haftungsrechts bis hin zur Einführung einer Sozialversicherung mit Versicherungspflicht und der Gewährung von Transfers für eine nach trägliche Kompensation. 10. Marktversagen infolge von Informationsmängeln 287 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 287 Übungsaufgaben zu Kapitel 10 1. Grenzen Sie die verschiedenen Arten von Unkenntnis gegeneinander ab. 2. Definieren Sie die Begriffe „adverse Auslese, moralisches Risiko und externes moralisches Risiko“, und geben Sie jeweils ein Beispiel. Welche Rolle spielt dabei die Unterteilung in verschiedene Gütertypen? 3. Sie buchen im Reisebüro einen zweiwöchigen Pauschalurlaub auf Korsika. a) Wie lassen sich Güter nach dem Grad der Unkenntnis über ihre Qualität klassifizieren? Geben Sie je ein Beispiel. Welcher Gruppe von Gütern ist der Pauschal urlaub zuzuordnen? b) Ein Freund warnt Sie. Er meint, dass Pauschalreisen mit hoher Wahrscheinlichkeit von schlechter Qualität sind. ba) Wie könnte er seine Ansicht ökonomisch begründen? bb) Sie treten den Urlaub trotzdem an und sind begeistert. Offensichtlich gibt es marktwirtschaftliche Mittel, die ein Angebot von Urlaubsreisen hoher Qualität ermöglichen. Welche? 4. Im Versicherungsmarkt werden verschiedene Informationsasymmetrien diskutiert. Inwiefern könnte der Versicherer bzw. der Versicherungsnehmer uninformiert sein, und welche Folgen sind aus derartigen Informationsasymmetrien zu erwarten? 5. Die Prinzipal-Agent-Theorie behandelt Vertragsbeziehungen, in denen ‚irgendwas verborgen‘ ist. Erläutern Sie diese Aussage! 6. „Die Prinzipal-Agent-Theorie mit dem Begriff der verborgenen Handlungen ist umfassender als der Ansatz des moralischen Risikos.“ Warum ist diese Aussage richtig? 7. Geben Sie Beispiele für Prinzipal-Agent-Beziehungen, und zeigen Sie, welche Informationsprobleme damit verbunden sein könnten. 8. In einem Mietshaus wohnen seit vielen Jahren eine alte Dame und eine Familie mit drei Kindern. Ohne begründeten Anlass (Renovierung, Kostensteigerungen etc.) wird die Miete um 20 % erhöht und liegt damit weit über der ortsüblichen Vergleichsmiete. Dennoch kündigen die Mieter nicht, sondern nehmen die höhere Miete in Kauf. a) Analysieren Sie die Situation ökonomisch mit Hilfe folgender Begriffe: unvollständiger Vertrag, Opportunismus, Hold-up, spezifische Investition. b) Worin besteht hier die Gefahr des Marktversagens? c) Die Mieter versuchen sich zu wehren, indem sie ihr Problem einer Redakteurin der lokalen Tageszeitung schildern. Finden Sie ein ökonomisches Argument dafür, dass dies den Vermieter zum Einlenken bewegt. 9. Welche marktlichen Lösungsmöglichkeiten existieren bei Informationsasymmetrien, und wie funktionieren sie? Zeigen Sie anhand selbstgewählter Beispiele, welche Grenzen diese Möglichkeiten aufweisen. 10. Diskutieren Sie am Beispiel des Gutes „Bildung“ das Argument der Nutzenunkenntnis! 11. „Arbeitslosigkeit entsteht, weil die Arbeitslosen Stellen mit marktgerechter Entlohnung suchen.“ Halten Sie diese These für richtig? 12. Welche Auswirkung hat Preisunkenntnis? Liegt bei Preisunkenntnis ein Marktversagen vor? 13. Beschreiben Sie die marktlichen Möglichkeiten, um Unsicherheiten abzubauen? 14. Für die Begründung der Forschungs- und Technologiepolitik wird behauptet, dass der Markt zu risikoscheu sei und daher der Staat dies kompensieren müsse. Diskutieren Sie diese These! 15. Was ist der bankoptimale Zinssatz für einen Kredit? Welche Überlegungen liegen der Bestimmung des bankoptimalen Zinssatz zugrunde? Was folgt daraus, wenn der bankoptimale Zinssatz unterhalb des Zinssatzes im Gleichgewicht liegt? 16. Beschreiben Sie das Geschäftsmodell von Venture Capital (VC)-Gesellschaften. Welche Mittel können VC-Gesellschaften anwenden, um Probleme von Unsicherheit und asymmetrischer Information zu überwinden? 17. Grenzen Sie anhand von Beispielen unternehmerische gegen nicht-unternehmerische Risiken gegeneinander ab. Welche Probleme gibt es bei der Versicherbarkeit nichtunternehmerischer Risiken? Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 288 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 288 18. In der Bundesrepublik Deutschland gilt die Handwerksordnung, nach der in bestimmten Berufen nur Handwerker mit abgeschlossener Meisterprüfung einen Handwerksbetrieb eröffnen dürfen. Informationsmängel werden u. a. als Begründung für diese Regulierung angeführt. Skizzieren Sie die Probleme dieses Eingriffs aus ökonomischer Sicht, und diskutieren Sie alternative staatliche Eingriffsformen. 19. Unterstellen Sie, dass im Zuge diverser Sparvorschläge des Bundes auch die finanzielle Unterstützung der Stiftung Warentest in Frage gestellt wird. Welche Argumente könnten gegen diesen Sparvorschlag sprechen? 20. Möglicherweise lesen Sie morgen folgende Meldung in einer Tageszeitung: „Die deutsche Rechtsanwaltskammer fordert, dass jeder Bürger eine Rechtsschutzversicherung abschließen müsse. Anwälte könnten vielfach beobachten, dass Rechtssuchende aufgrund finanziellen Unvermögens nicht ihr Recht durchsetzen könnten. Dieser Zustand sei rechtspolitisch gesehen unhaltbar, eine Versicherungspflicht müsse hier Abhilfe schaffen.“ Könnten Sie einer solchen Forderung zustimmen? Begründen Sie Ihre Meinung! 21. Innerhalb der Europäischen Union gilt seit 1990, dass Produzenten für die von ihnen hergestellten Güter einer Gefährdungshaftung unterliegen. Diskutieren Sie die Vor- und Nachteile dieser Neuregelung! Literaturhinweise zu Kapitel 10 Anschauliche Darstellungen der Probleme asymmetrischer Informationsverteilungen finden sich bei Pindyck/Rubinfeld (2013, Kapitel 17), Tietzel (1989) und Wein (1995, 42–54). Siehe zum Prinzipal-Agent-Ansatz Picot/Dietl/Franck (2012) sowie Varian (2011, Kapitel 37). Einen Überblick über Opportunismusprobleme bei verschiedenen Vertragstypen (Kaufvertrag, Mietvertrag, Darlehensvertrag) geben Richter/Furubotn (2010, 152–164). Die Deregulierungskommission (1991, Tz. 47–49) erörtert die Funktionsfähigkeit von Versicherungsmärkten angesichts der verschiedenen Probleme asymmetrischer Information; eine formal orientierte Darstellung der Probleme asymmetrischer Information auf Versicherungsmärkten bieten Wein (2001, 39–61) und Zweifel/Eisen (2003, Kapitel 7). Zu den Problemen der Nutzenunkenntnis siehe Zimmermann/Henke/Broer (2011, 51 f.). Eine lehrbuchmäßige Behandlung der Problematik der Preisunkenntnis findet sich in Schumann/Meyer/ Ströbele (2011, 461–466). Speziell zur Theorie der Sucharbeitslosigkeit sei auch auf Franz (2013, 214–219) verwiesen. Das Problem der Unsicherheit im Allgemeinen und die Lösungen in der Marktwirtschaft im Besonderen beleuchten Bernholz/Breyer (1993, 170–179). Zur Begründung der Forschungs- und Technologiepolitik mit Marktversagen siehe Klodt (1995, 5–56), Bach/ Matt (2005) und Noteboom/Stam (2008, insbes. 352–354). Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 289 11. Anpassungsmängel Bisher wurden fast ausschließlich Gleichgewichtssituationen betrachtet und miteinander verglichen, wobei der Prozess des Übergangs zwischen solchen Marktgleichgewichten weitgehend ausgeblendet blieb. In diesem Kapitel werden nun dynamische Prozesse untersucht, die u.U. zu einer unbefriedigenden Funktionsweise des Maktes führen. Dabei geht es einmal um Konstellationen, in denen kein Marktgleichgewicht existiert (Abschnitt  11.1). Zweitens kann es sein, dass es zwar ein Gleichgewicht auf dem Markt gibt, dieses Gleichgewicht sich aber als instabil erweist bzw. die Steuerungsfunktion des Marktpreises durch starke Preisschwankungen beeinträchtigt wird (Abschnitt 11.2). Besonders schwerwiegende Auswirkungen können Spekulationswellen („spekulative Blasen“) haben, die u. U. erhebliche Instabilitäten erzeugen (Abschnitt 11.2.3). Drittens schließlich werden Situationen behandelt, in denen es zumindest fraglich ist, inwiefern der Markt hinsichtlich der Geschwindigkeit und des Ablaufs einer Anpassung an ein neues Gleichgewicht versagt (Flexibilitätsmängel; Abschnitt 11.3). Abschnitt 11.4 fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen. 11.1 Märkte ohne Gleichgewicht In der üblichen Darstellung eines Marktes in Form eines Preis-Mengen-Diagramms ist ein Marktgleichgewicht dann vorhanden, wenn Angebots- und Nachfragekurve einen Schnittpunkt aufweisen. Ein solcher Schnittpunkt muss aber nicht zwangsläufig existieren. Verläuft beispielsweise – wie in Abbildung 11.1 dargestellt – die Angebotskurve im gesamten Bereich oberhalb der Nachfragekurve, so sind die Pläne der Marktakteure in einem Maße inkompatibel, dass keinerlei Markttransaktionen stattfinden; es kommt kein Markt zustande. Es wäre aber wohl verfehlt, hier von einem Marktversagen zu sprechen. Denn die Tatsache, dass der höchste Preis, den ein Nachfrager zu zahlen bereit ist (P0 in Abbildung 11.1), unter dem minimalen Preis P1 liegt, zu dem ein Produzent das entsprechende Gut bereitstellen würde, bedeutet ja, dass bei jeder Menge des Gutes die anfallenden Kosten höher sind als die entsprechenden Nutzen. Von daher ist es auch ökonomisch sinnvoll, wenn hier keine Transaktionen stattfinden; d. h. es liegt kein Marktversagen vor. Es kann allerdings sein, dass die Entstehung eines Marktes für ein bestimmtes Gut als „sozial erwünscht“ angesehen wird bzw. damit gerechnet werden kann, dass die Fertigungskosten und damit die Preise in Zukunft sinken werden (Beispiel: Windkraftanlagen, Solarenergie). In diesem Falle könnte das Zustandekommen eines Marktes mittels Subventionen für An bieter (→ Verschiebung der Angebotskurve nach unten) und/oder Nachfrager → (Verschiebung der Nachfragekurve nach oben) beschleunigt werden. Weitere Konstellationen ohne Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve ergeben sich dann, wenn sowohl die Angebots- als auch die Nachfragekurve voll-

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Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.