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7 Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und Marktmacht: Theorie in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 179 - 224

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_179

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 159 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Das Modell der vollständigen Konkurrenz geht von der Annahme einer atomistischen Marktstruktur aus, d. h. es wird unterstellt, dass die Angebots- und die Nachfrageseite durch sehr viele Akteure mit jeweils nur relativ geringem Marktanteil gekennzeichnet sind (vgl. Abschnitt 2.3). In der Realität ist hingegen auf vielen Märkten ein nicht unerhebliches Maß an Konzentration und Marktmacht feststellbar. Dies kann eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Marktes zur Folge haben. Ein wesentlicher Grund für Konzentration kann im Vorhandensein von Unteilbarkeiten und sich daraus ergebenden Größenvorteilen bestehen. Im Extremfall kommt es dann zu einem ‚natürlichen‘ Monopol. Marktkonzentration und Marktmacht setzen aber nicht notwendig das Bestehen von Unteilbarkeiten voraus, sondern sind möglicherweise auch auf andere Gründe zurückzuführen. Aufbauend auf einer knappen Skizzierung der mit Konzentration und Marktmacht verbundenen Probleme (Abschnitt 7.1) wird im Folgenden zunächst auf mögliche Ursachen von Marktmacht eingegangen, wobei die Unteilbarkeiten bzw. Größen vorteile im Mittelpunkt stehen (Abschnitt 7.2). Abschnitt 7.3 analysiert dann Auswirkungen von Unteilbarkeiten und Marktmacht auf die Funktionsweise von Märkten in statischer Sicht. Dabei wird insbesondere auch die Bedeutung der Bestreitbarkeit einer Monopolstellung für das Marktergebnis herausgearbeitet (Abschnitt 7.3.3), woraus sich wesentliche Konsequenzen hinsichtlich der Notwendigkeit eines wirtschaftspolitischen Eingriffs ergeben (Abschnitt 7.3.4). Abschnitt 7.4 behandelt dann den Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße, Marktstruktur und Innovation anhand der Schumpeter-Hypothesen sowie des Konzepts der optimalen Wettbewerbsintensität. Abschließend werden die wesent lichen wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen zusammengefasst (Abschnitt 7.5). Allgemeine Leitlinien und instrumentelle Alternativen für eine Regulierung von Wirtschaftsbereichen, die durch Unteilbarkeiten und Marktmacht gekennzeichnet sind, behandelt Kapitel 8. In Kapitel 9 wird dann ein Überblick über die Wettbewerbspolitik in Deutschland und in der Europäischen Union gegeben. 7.1 Das Problem Hohe Marktanteile einzelner Akteure und daraus resultierende Marktmacht bedeuten eine Abweichung von der dem Modell der vollständigen Konkurrenz zu Grunde liegende Annahme einer atomistischen Marktstruktur. Das Bestehen von Marktmacht birgt die Gefahr in sich, dass die jeweilige Marktgegenseite durch überhöhte Preise bzw. durch Angebot einer zu geringen Menge und/oder durch relativ schlechte Qualität der Leistung benachteiligt wird. Die Wirkungen von Marktmacht auf die Innovationsfunktion des Marktes ist hingegen weit weniger Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 160 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 160 klar. Einerseits kann es sein, dass marktmächtige Anbieter, insbesondere dann, wenn sie über eine Monopolstellung verfügen, den technischen Fortschritt behindern bzw. sich nur unzureichend an die technologische Entwicklung anpassen. Andererseits ist ein gewisses Maß an Marktmacht u.U. als Voraussetzung für eine hinreichende Innovationsleitung der Akteure anzusehen. Marktmacht kann verschiedene Ursachen haben wie z. B. gesetzlich Marktzugangsbeschränkungen, Innovationsvorsprünge von Anbietern, Fusionen von Unternehmen, die Existenz von Unteilbarkeiten oder auch die Anwendung unfairer Geschäftspraktiken. Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht Marktmacht aufgrund von Unteilbarkeiten. Unteilbarkeit stellen eine Abweichung von der Annahme des Modells der vollständigen Konkurrenz dar, dass sämtliche Güter bzw. Produk tionsfaktoren beliebig teilbar seien. Solche Unteilbarkeiten resultieren in der Regel vor allem daraus, dass die Kapazität bestimmter Ressourcen (z. B. Kraftwerke, Straßen, Schienenwege) aufgrund technischer Gegebenheiten nur in großen Sprüngen variiert werden kann. Unteilbarkeiten führen zu einer Konzentration auf der betreffenden Marktseite; im Extremfall kann die Nachfrage am kostengünstigsten von nur einem Anbieter bedient werden, und es entsteht das ,natürliche‘ Monopol. Natürliche Monopole treten in vielen Bereichen der leitungsgebundenen Versorgung wie etwa beim lokalen Stromnetz oder beim Teilnehmeranschlussnetz im Telekommunikationsbereich auf. Dass Unteilbarkeiten zu einem natürlichen Monopol führen, stellt einen Extremfall dar. Vielfach bewirken Unteilbarkeiten lediglich, dass nur eine beschränkte Anzahl von Anbietern auf dem Markt überleben kann und ein Oligopol entsteht. Bei solchen Oligopolen besteht die Gefahr, dass die Anbieter versuchen, den Wettbewerb durch Absprachen untereinander zu beschränken, was dann zu ähnlichen Problemen wie im Fall des Monopols führt. Der Staat kann daher gefordert sein, solche Verhaltensweisen mit Mitteln der Wettbewerbspolitik zu unterbinden. 7.2 Ursachen von Marktmacht Unteilbarkeiten bzw. Größenvorteile sind als wesentliche Ursache für Marktmacht anzusehen. Entsprechende Kostenstrukturen werden auf unterschiedliche Weise beschrieben, wobei die jeweils behandelten Phänomene nicht ganz deckungsgleich sind. Im Folgenden beschreibt Abschnitt 7.2.1.1 zunächst die wesentlichen mit Unteilbarkeiten verbundenen Probleme anhand des Phänomens der sinkenden Durchschnittskosten. Sinkende Durchschnittskosten dürften die ganz überwiegende Mehrzahl der praktisch relevanten Fälle erfassen. Das umfassendere Konzept zur Beschreibung von Unteilbarkeiten, das der „Subadditivität“ von Kostenfunktionen, wird dann unter Abschnitt 7.2.1.2 dargestellt. Weitere Ursachen von Marktmacht, die nicht auf Unteilbarkeiten beruhen, behandelt Abschnitt 7.2.2. 7.2.1 Unteilbarkeiten 7.2.1.1 Sinkende Durchschnittskosten und das natürliche Monopol Das Vorliegen von Unteilbarkeiten führt in der Regel dazu, dass die Durchschnittskosten (= Stückkosten) für die Erstellung eines Gutes abnehmen. Sinkende Durch- 161 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 161 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie schnittskosten beruhen auf Größenvorteilen bei der Bereitstellung des betreffenden Gutes. Solche Größenvorteile können verschiedene Ursachen haben, wie etwa: •• Mindesteinsatzmengen bei den Produktionsfaktoren: Die in der Realität wohl häufigste Ursache stellen Mindesteinsatzmengen bei Produktionsfaktoren dar (z. B. einzelne Maschinen, Fertigungsanlagen, Labors oder Verwaltungsgebäude). Bei einer Erhöhung des Auslas tungsgrades verteilen sich die Kosten für diese Ressourcen auf eine größere Outputmenge (Fixkosten-Degression). Als Spezialfall lassen sich Losgrößenvorteile auffassen: Entsteht bei der Umrüstung von der Produktion eines Gutes auf die Herstellung eines anderen Gutes erheblicher Aufwand, so ist es vorteilhaft, eine möglichst große Menge pro Los zu fertigen. Die Umrüstkosten verteilen sich auf die Menge pro Los und verlieren mit steigender Losgröße an Bedeutung. •• Zwei-Drittel-Regel: Bei Kapitalgütern wie z. B. Öfen, Tanks, Röhren, Destillationsanlagen und Kabeln lässt sich die Kapazität durch eine Vergrößerung des Umfangs erhöhen. Dabei ist eine Verdoppelung der Kapazität (bis zu einer bestimmten Obergrenze) in der Regel mit einem Anstieg der Materialkosten in Höhe von nur ca. zwei Dritteln verbunden („ingenieurwissenschaftliche Zwei-Drittel-Regel“). •• Stochastische Größenersparnisse: Mit ansteigender Betriebsgröße ist es in der Regel leichter, zufallsbedingte Ereignisse zu kalkulieren, da Abweichungen vom Durchschnitt gemäß dem Gesetz der großen Zahl immer unwahrscheinlicher werden. Aus diesem Grunde ist beispielsweise der Bedarf an Ersatzteilen für mehrere gleichartige Maschinen genauer planbar als für eine einzelne Anlage, so dass sich der Lagerbestand besser optimieren lässt. Stochastische Ersparnisse können sich auch im Hinblick auf den Umfang der erforderlichen Reservekapazitäten (z. B. bei der Energieerzeugung) ergeben. •• Lernkurveneffekte: Bei vielen Gütern ist das Fertigungs-Know-How wesentlich durch die bereits produzierte Menge bestimmt. Folglich fallen die Stückkosten um so niedriger aus, je größer die von einem bestimmten Hersteller insgesamt gefertigte Menge des betreffenden Gu tes ist. Die Existenz solcher Lernkurveneffekte ist für eine Reihe von Produkten (z. B. Fertigung von Flugzeugen) empirisch gut belegt. Lernkurveneffekte stellen – im Gegensatz zu den vorher angeführten Fällen – dynamische Größenvorteile dar; sie führen im Zeitablauf zu einer Verschiebung der Durchschnittskostenkurve, wobei die neue Durchschnittskostenkurve jeweils unterhalb der alten Kurve liegt. Ob die genannten Faktoren zu einem natürlichen Monopol führen, hängt vom Ausmaß der Größenvorteile und vom Verlauf der Nachfragefunk tion (N) für das betreffende Gut ab. Abbildung 7.1 zeigt eine Kos tenfunktion, bei der die Durchschnittskosten aufgrund von Größenvorteilen bis zur Menge XDK sinken. Da es die geringsten Kosten verursacht, wenn ein einziges Unternehmen die nachgefragte Menge XDK bereitstellt, ist ein natürliches Monopol gesamtgesellschaftlich gesehen vorteilhaft. Wie sich anhand von Abbildung 7.1 zeigen lässt, bildet sich bei dem dargestellten Kostenverlauf ein natürliches Monopol als Ergebnis des Wettbewerbsprozesses heraus. Angenommen, die Anbieter setzen die Preise entsprechend den anfallenden Durchschnittskosten. In der Ausgangsperiode bietet der Unternehmer A die Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 162 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 162 Menge XA zum Preis PA an. Ein Anbieter B kann das Unternehmen A verdrängen, wenn es eine größere Menge (XB > XA) zu einem niedrigeren Preis (PB < PA) erstellt. Auch B kann von einem Produzenten C, der eine Menge XC > XB zu einem Preis PC < PB bereitstellt, unterboten werden. Erst ein Produzent, der die von den Konsumenten insgesamt gewünschte Menge XDK zum niedrigst möglichen, gerade die Kosten deckenden Preis PDK anbietet, ist vor Verdrängung durch Konkurrenten sicher. Letztendlich bleibt nur ein einziger Anbieter auf dem Markt übrig, der die gesamte Nachfrage bedient. Konkurrenz mehrerer Anbieter ist bei der in Abbildung 7.1 dargestellten Konstellation kein stabiler Zustand! Natürliche Monopole treten in vielen Bereichen der leitungsgebundenen Versorgung wie etwa beim lokalen Stromnetz oder beim Telefonortsnetz auf. Die Unteilbarkeiten im Bereich leitungsgebundener Versorgung resultieren vor allem aus Dichteeffekten (Nachbarschaftseffekte, Agglomerationsvorteile): So ist der Anschluss einer dicht bebauten Siedlung an ein Versorgungsnetz (z. B. Telefonnetz) mit wesentlich geringeren Tiefbaukosten pro Anschluss zu realisieren als der Anschluss eines Einsiedlerhofes, da die Leitungen in einer Siedlung über einen wesentlichen Teil der Strecke durch einen gemeinsamen Schacht geführt werden können und erst kurz vor den einzelnen Häusern jeweils ein separater Leitungsgraben erforderlich ist. Auch die Zwei-Drittel-Regel, wonach die Kosten für die Kabel bei zunehmenden Volumen unterproportional steigen, ist hier von wesentlicher Bedeutung. Weitere Unteilbarkeiten treten etwa bei Telekommunikationsortsnetzen im Bereich der Vermittlungstechnik durch stochastische Größenersparnisse auf: Der Anteil der für Spitzenlasten vorzuhaltenden Reservekapazität dürfte umso geringer sein, je höher das Gesprächsaufkommen ist, weil sich zufällige Schwankungen im Falle einer Vielzahl von Gesprächen eher ausgleichen. Trotz vielfach bestehender Unteilbarkeiten in dem hier beschriebenen Sinne sind natürliche Monopole aber keineswegs allgegenwärtig. Häufig steigen nämlich – wie in Abbildung 7.2 dargestellt – die Durchschnittskosten mit zunehmendem Output ab einem bestimmten Punkt wieder an, was nichts anderes als Ausdruck Abbildung 7.1: Natürliches Monopol bei sinkenden Durchschnittskosten Da die Durchschnittskosten bei zunehmender Produktionsmenge immer weiter sinken, ist es am kostengünstigsten, wenn die gesamte Nachfrage von nur einem Anbieter bedient wird. Bei dem unterstellten Verlauf von Kosten und Nachfrage kann auf diesem Markt dauerhaft auch nur ein Anbieter bestehen. Nachfrage Durchschnittskosten (DK) Menge (X) DK 0 X B X C X DK P PDK PC PB PA X A 163 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 163 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie der Tatsache ist, dass die Größenvorteile nicht unerschöpflich sind. Ein solcher Anstieg der Durchschnittskosten kann zum einen durch produktionstechnische Gegebenheiten bedingt sein: Ist eine unteilbare Ressource vollständig ausgelastet, so geht von ihr kein weiterer Effekt der Fixkosten-Degression aus. Zum anderen kann es sein, dass die unternehmensinternen Transaktionskosten mit der Betriebsgrö- ße überproportional ansteigen, weil die Organisation der unternehmensinternen Arbeitsteilung entsprechend aufwendiger wird. Zudem steigt mit abnehmender Überschaubarkeit und dem Entstehen bürokratisch geprägter Organisationsstrukturen in der Regel die Gefahr von organisatorischen Ineffizienzen an; u. U. leidet auch die Motivation der Beschäftigten. Es ist für Unternehmen auch nicht in jedem Falle sinnvoll, die sich bietenden Größenvorteile vollständig auszuschöpfen. So erhöht sich bei einer Zusammenlegung von Betriebsstätten im Falle von Störungen des Produktionsablaufes u. U. das Risiko eines totalen Produktionsausfalls, weil keine Ausweichmöglichkeiten mehr gegeben sind. Vielfach erfordert die Realisierung von Größenvorteilen nämlich den Einsatz hochspezialisierter Ressourcen, so dass die Flexibilitätspotentiale abnehmen. Eine Anpassung des Produktprogramms an sich wandelnde Abnehmerpräferenzen ist dann mit relativ hohen Kosten verbunden; sinkt die Nachfrage, so bestehen u. U. kaum alternative Verwendungsmöglichkeiten für die entsprechenden Anlagen bzw. Qualifikationen. Die Begrenztheit von Größenvorteilen kann in Verbindung mit zunehmender Nachfrage dazu führen, dass ein zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehendes natürliches Monopol obsolet wird. Das in Abbildung 7.2 dargestellte Beispiel zeigt einen solchen Fall. Während bei der durch N1 gegebenen Nachfragemenge ein natürliches Monopol gegeben ist, können bei einer Nachfragemenge entsprechend N2 zwei Anbieter auf dem Markt dauerhaft bestehen; denn zwei Anbieter sind Abbildung 7.2: Die Grenzen des natürlichen Monopols Ab einer bestimmten Menge sind die Größenvorteile erschöpft und die Durch schnittskosten steigen wieder an. Bei der Menge X2 kann die nachgefragte Menge am kostengünstigsten durch zwei Anbieter befriedigt werden, die jeweils im  Minimum der Durchschnittskosten (0A) produzieren. Durchschnittskosten (DK) Menge (X)X2X1 N1 N2 0 A B P DK Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 164 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 164 dazu in der Lage, die insgesamt nachgefragte Menge X2 = 2 · X1 zu geringeren Kosten bereitzustellen als ein Monopolist [da 2 · (0A · X1) < (0B · X2)]. Man bezeichnet diesen Fall auch als ‚temporäres‘ natürliches Monopol, wobei ‚temporär‘ meint, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt, das allein durch eine im Zeitablauf zunehmende Nachfrage entfallen kann. Auch die Entwicklung der Produktionstechnologie führt u. U. zu einer Aufhebung eines natürlichen Monopols: Ermöglicht es der technische Fortschritt beispielsweise, die minimalen Stückkosten bereits bei einer wesentlich geringeren Produktionsmenge zu erreichen, so wird ein vormals bestehendes natürliches Monopol eventuell obsolet. Ist die Kostenfunktion für das Angebot auf einem Markt durch ein Ausmaß an Größenvorteilen gekennzeichnet, das eine dauerhafte Existenz einer begrenzten Anzahl an Anbietern zulässt, so kann ein Oligopol entstehen. Je nach der Anzahl der Anbieter spricht man von einem „weiten“ (relativ viele Anbieter) oder einem „engen“ (relativ wenige Anbieter) Oligopol. Dabei stellt das Minimum der Durchschnittskosten für jeden Anbieter die mindestoptimale Größe bzw. Produktionsmenge dar, die er erreichen muss, um auf dem betreffenden Markt wettbewerbsfähig zu sein. Erreicht er diese mindestoptimale Größe nicht, so besteht immer die Gefahr, dass er von einem Konkurrenten unterboten wird, der im Minimum der Durchschnittskosten produziert. Die Anzahl der auf einem Markt vorhandenen Anbieter wird durch die mindestoptimale Unternehmensgröße und die insgesamt nachgefrage Menge begrenzt. 7.2.1.2 Subadditivität von Kostenfunktionen als allgemeines Konzept zur Erfassung von Unteilbarkeiten Wie bereits eingangs erwähnt, stellt das Konzept der Subadditivität von Kostenfunktionen den allgemeinen Ansatz zur Erfassung der in der Realität vorhandenen Unteilbarkeitsphänomene dar, welcher die anderen Konzepte als Spezialfälle enthält. Ausgehend von der Definition von Subadditivität bleibt die Darstellung zunächst auf den Ein-Güter-Fall beschränkt; dabei wird auch das Verhältnis der Begriffe „steigende Skalenerträge“, „sinkende Durchschnittskosten“ und „Subadditivität“ zueinander erläutert (Abschnitt 7.2.1.2.1). Abschnitt 7.2.1.2.2 behandelt dann Subadditivitäten bei der Produktion mehrerer Güter aufgrund von Verbundvorteilen (= Economies of Scope); dabei geht es insbesondere auch um die begriffliche Abgrenzung zwischen „Verbundvorteilen“, „sinkenden Durchschnittskosten“ und dem „natürlichen Monopol“. 7.2.1.2.1 Der Ein Güter Fall: Steigende Skalenerträge, sinkende Durchschnittskosten und Subadditivität Das Phänomen der Subadditivität von Kostenfunktionen kann wie folgt allgemein beschrieben werden: K (XM) sei eine Kostenfunktion, wobei XM die gesamte produzierte Menge angibt und Xm (m = 1, 2, . . ., z) Teilmengen von XM darstellen; XM sei die Summe aller Xm. Sind mindestens zwei Xm größer als Null und ist die Ungleichung K (XM) < K (X1) + K (X2) + . . . + K (Xz) erfüllt, so bezeichnet man die Kostenfunktion K(XM) als subadditiv. Subadditivität besagt nichts anderes, als dass die Gesamtkosten für die Produktion von Teilmengen eines Gutes (oder mehrerer Güter) höher sind als bei der Produktion der gesamten Menge ‚in einer Hand‘. 165 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 165 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Im Zusammenhang mit Unteilbarkeiten spricht man häufig auch von steigenden Skalenerträgen (= Economies of Scale). In der mikroökonomischen Theorie umschreibt der Begriff „steigende Skalenerträge“ solche Fälle, in denen eine proportionale Vermehrung des Einsatzes aller Produktionsfaktoren (Niveauvariation, d. h. das Faktoreinsatzverhältnis ist konstant) zu einer überproportionalen Erhöhung des Outputs führt. Geben die Isoquanten die Anzahl der Output-Einheiten eines Gutes an, so haben steigende Skalenerträge zur Folge, dass die Abstände zwischen den Isoquanten – wie in Abbildung 7.3 dargesellt – immer geringer werden. In einer anderen Darstellungsform (vgl. Abbildung 7.4) trägt man auf der horizontalen Achse das Faktoreinsatzniveau und auf der vertikalen Achse den Output auf. Steigende Skalenerträge manifestieren sich dann in einem zunehmenden Anstieg des Outputs bei Erhöhung des Faktoreinsatzniveaus. Bei konstanten Skalenerträgen bleibt die Steigung der Produktionsfunktion unverändert. Sinkende Skalenerträge schließlich wären durch einen abnehmenden Anstieg des Outputs bei Mehreinsatz von Produktionsfaktoren gekennzeichnet. In welcher Beziehung zueinander stehen nun die Begriffe „steigende Skalenerträge“, „sinkende Durchschnittskosten“ und „Subadditivität“? Betrachten wir zunächst den Zusammenhang zwischen steigenden Skalenerträgen und sinkenden Durchschnittskosten. Dass zunehmende Skalenerträge zu sinkenden Durchschnittskosten führen, ergibt sich daraus, dass bei konstanten Inputpreisen jede proportionale Steigerung der Inputs eine mehr als proportionale Steigerung der Outputs mit sich bringt. Folglich sinken die Kosten für die Erzeugung einer Output-Einheit bei zunehmender Produktionsmenge. Steigende Skalenerträge sind allerdings nur für den Fall einer Niveauvariation, d. h. einer proportionalen Veränderung der Einsatzmengen sämtlicher benötigter Produktionsfaktoren, definiert. Da die Abbildung 7.3: Isoquantenschar bei ansteigenden Skalenerträgen Je größer die Ausbringungsmenge, desto geringer die Menge an zusätzlichen Ressourcen, die für eine Outputsteigerung um eine weitere Einheit erforderlich ist. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 166 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 166 Abbildung 7.4: Output, Faktoreinsatzniveau und Skalenerträge Bei ansteigenden Skalenerträgen wächst der Output mit dem Faktoreinsatzniveau überproportional; folglich sinken die Durchschnittskosten. Bei abnehmenden Skalenerträgen hingegen ist für eine Steigerung des Outputs um eine weitere Einheit eine immer größere Menge an zusätzlichen Ressourcen erforderlich; die Durchschnittskosten steigen an. Faktoreinsatzniveau Menge 0 konstante Skalenerträge abnehmende Skalenerträge ansteigende Skalenerträge Abbildung 7.5: Subadditive Kostenfunktion mit partiell steigenden Durchschnittskosten Obwohl die Durchschnittskosten nicht durchgängig sinken, ist die Kostenfunktion subadditiv. Eine Menge wie XE oder XF kann hier am kostengünstigsten von einem Monopolisten bereitgestellt werden. Menge (X) DK 0 A K X F X B X E B C D E F Kosten (K) Durchschnitts- Kosten (DK) 167 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 167 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Durchschnittskosten aber auch infolge einer nicht-proportionalen (d. h. partiellen) Veränderung der Inputs abnehmen können, stellen sinkende Durchschnittskosten ein umfassenderes Konzept zur Beschreibung von Unteilbarkeitsphänomenen als zunehmende Skalenerträge dar. Allerdings kann es auch sein, dass Subadditivitäten in der Kostenfunktion auftreten, ohne dass sinkende Durchschnittskosten vorliegen. In Abbildung 7.5 ist ein solcher Fall dargestellt. Die Kostenfunktion, welche durch den Kurvenzug 0ABC- DEF beschrieben wird, hat deutlich nicht überall sinkende Durchschnittskosten. Man kann dies anhand der Steigung des Fahrstrahls erkennen, dessen Tangens die Durchschnittskosten (tan α = Kosten/Menge) angibt: Die Steigung des Fahrstrahls zu Punkt E ist größer als die des Fahrstrahls zu Punkt B; folglich liegen auch die Durchschnittskosten für die Menge XE über denen, die bei der Produk tion der Menge XB anfallen. Dennoch ist die Kostenfunktion subadditiv: Die Bereitstellung der Menge XE oder XF durch einen einzigen Produzenten ist kostengünstiger als die Produktion durch mehrere Unternehmen, was darauf zurückzuführen ist, dass in diesem Fall der Fixkostenbetrag 0A nur einmal aufgebracht werden muss. Abbildung 7.6 soll das Verhältnis zwischen den Konzepten „steigende Skalenerträge“, „sinkende Durchschnittskosten“ und „Subadditivität“ veranschaulichen. Da steigende Skalenerträge definitorisch an eine proportionale Veränderung sämtlicher Produktionsfaktoren gebunden sind, umfassen sie nur einen relativ kleinen Teilbereich der Unteilbarkeitenphänomene. Sinkende Durchschnittskosten beschreiben – da sie auch für eine nicht-proportionale Faktorvariation definiert sind – zwar einen demgegenüber wesentlich größeren Anteil der in der Realität auftretenden Unteilbarkeiten, jedoch allein das Konzept der Subadditivität ermöglicht eine vollständige Erfassung der relevanten Fälle! Wenn im Folgenden vor allem mit sinkenden Durchschnittskosten argumentiert wird, so geschieht dies mit dem Ziel, die Darstellung möglichst einfach und anschaulich zu halten. Abbildung 7.6: Das Verhältnis der Begriffe „steigende Skalenerträge“, „ sinkende Durchschnittskosten“ und „Subadditivität“ Steigende Skalenerträge sind nur für den Fall eines konstanten Faktoreinsatzver hältnisses definiert. Sinkende Durchschnittskosten können auch dann anfallen, wenn das Faktoreinsatzverhältnis variiert. Subadditivität stellt das umfassendste Konzept zur Beschreibung von Unteilbarkeitenproblemen dar. Subadditivität sinkende Durchschnittskosten steigende Skalenerträge Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 168 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 168 7.2.1.2.2 Der Mehr Güter Fall: Economies of Scope Mittels des Konzepts der Subadditivität lassen sich auch Kostenvorteile im Mehr- Güter-Fall erfassen, die aus Komplementaritäten in der Produktion verschiedener Güter in demselben Betrieb bzw. Unternehmen erwachsen (Kostenkomplementarität bzw. Verbundvorteile). Verbundvorteile können etwa bedingt sein durch: •• Kuppelproduktion. Derartige Produktionsprozesse sind dadurch gekennzeichnet, dass bei der Produktion eines Gutes zwangsläufig andere Güter mitentstehen (z. B. Raffinieren von Erdöl). •• nicht voll ausgelastete Anlagen bzw. Kapazitäten, welche für die Produktion verschiedener Güter genutzt werden können. Beispiele hierfür wären etwa EDV- Anlagen, Transport- und Kommunikationsnetze und/oder freie Kapazitäten der Geschäftsleitung. •• Portfolioeffekte bei Forschung und Entwicklung. Die Neuentwicklung von Produkten ist in der Regel mit nicht unerheblichen Risiken verbunden. Insbesondere ist unsicher, inwiefern ein Produkt technisch machbar ist und ob es vom Markt überhaupt angenommen wird. Ein Mehrprodukt-Unternehmen kann solche Risiken durch gleichzeitige Entwicklung unterschiedlicher Produkte quasi „auf mehrere Schultern“ verteilen (Portfolioeffekt). Derartige Vorteile werden zur Unterscheidung von zunehmenden Skalenerträgen (Economies of Scale) auch als Economies of Scope bezeichnet. Fasst man den Ausstoß als Vektor der Mengen verschiedener Güter auf, so kann man im einfachen Zwei-Güter-Fall die Bedingung für das Vorliegen von Economies of Scope wie folgt fassen: K (X, Y) < K (X, 0) + K (0, Y) Liegen Economies of Scope vor, so ist es kostengünstiger, die Güter X und Y gemeinsam statt jeweils getrennt voneinander herzustellen. Economies of Scale und Economies of Scope bezeichnen unterschiedliche Phänomene, die keineswegs gleichzeitig auftreten müssen. Economies of Scope führen – im Gegensatz zu Economies of Scale – nicht zwangsläufig zur Konzentration auf der Anbieterseite des Marktes; es müssen nur alle Konkurrenten das durch Verbundvorteile gekennzeichnete Güterbündel jeweils zusammen produzieren, um effizient zu sein. Verbundvorteile allein können also nie ein natürliches Monopol etablieren; erst wenn die Kostenfunktion gleichzeitig Grö- ßenvorteile aufweist, kann ein natürliches Monopol entstehen. Eine Kostenfunktion mit Verbundvorteilen ist in Abbildung 7.7 dargestellt. Sie zeigt ein Kostengebirge, das über zwei Output strahlen für die Güter X und Y sowie deren Linearkombinationen aufgespannt ist. Wird lediglich das Gut X bzw. Y hergestellt, so bewegt man sich auf der Linie K (X) bzw. K (Y). Da die Kos tenfunktionen für das Gut X, das Gut Y oder eine Kombination beider Güter in diesem Beispiel linear durch den Ursprung verlaufen, ist die Produktion nicht mit sinkenden Durchschnittskosten verbunden. Ein von Achse zu Achse reichender Schnitt durch das Kostengebirge zeigt an, zu welchen Kosten eine Kombination der Güter X und Y (z. B. die durch Punkt M in Abbildung 7.7 angegebene Mengenkombination) produziert werden kann. Der in diesem Beispiel nach innen gewölbte, konvexe Verlauf des Kostengebirges zeigt an, dass es weniger Kosten verursacht, wenn ein 169 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 169 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie einzelnes Unternehmen eine Kombination der beiden Güter bereitstellt, als wenn zwei Unternehmen jeweils nur eines der Güter produzieren. Ein konvexer Verlauf des Kostengebirges, wie er in Abbildung 7.7 angenommen ist, stellt weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für die Existenz von Economies of Scope dar. Verbundvorteile können je nach Verlauf der Kostenfunktionen für die beiden Güter ohne weiteres auch bei einem konkaven (nach außen gewölbten) Verlauf des Kostengebirges auftreten. 7.2.2 Weitere mögliche Ursachen von Marktmacht Neben Unteilbarkeiten gibt es eine Reihe weiterer möglicher Ursachen von Marktmacht. Dabei handelt es sich etwa um: •• Staatliche Marktzugangsbeschränkungen, die den Markteintritt von Konkurrenten generell untersagen (objektive Marktzugangsbeschränkung) oder die ein legales Angebot auf dem Markt von der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen des betreffenden Unternehmens abhängig machen (subjektive Marktzugangsbeschränkung). Die Folge ist dann, dass die Anzahl der Marktteilnehmer begrenzt und der Markt nicht oder nur in eingeschränktem Maße bestreitbar ist (ausführlicher zur Bestreitbarkeit des Marktes Abschnitt 7.5). •• Innovationsvorsprünge können den betreffenden Unternehmen einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Konkurrenten verschaffen, insbe- Abbildung 7.7: Subadditive Kostenfunktion mit zwei Outputs Die Kostenfunktion ist durch Economies of Scope gekennzeichnet: Es verursacht weniger Aufwand, eine Kombination der beiden Güter (X+Y) herzustellen als eines der beiden Güter allein. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 170 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 170 sondere dann, wenn sie durch Schutzrechte wie etwa Patente abgesichert sind. Marktmacht infolge von Innovationsvorsprüngen ermöglicht es den innovativen Unternehmen, durch Setzung relativ hoher Preise Pioniergewinne zu realisieren, was einen wesentlichen Anreiz zur Durchführung von Innovationsaktivitäten darstellt und im Sinne der Erfüllung der Innovationsfunktion des Marktes durchaus erwünscht ist (siehe hierzu auch Abschnitt 3.1.3). In diesem Zusammenhang wird häufig auch argumentiert, dass Marktmacht und relativ hohe Preise nicht nur eine erwünschte Folge, sondern auch eine notwendige Voraussetzung für die Durchführung von Innovationsaktivitäten sind. Denn relativ hohe Gewinne ermöglichen es den Unternehmen, hinreichend Ressourcen für die Durchführung von solchen Innovationsaktivitäten einzusetzen, die aufgrund hoher Unsicherheit hinsichtlich des Innovationsergebnisses nur schwer über Kredite finanzierbar sind. Sollte ein solcher Mechanismus zu dauerhaft hohen Innovationsanstrengungen und entsprechenden Innovationsvorsprüngen von Unternehmen führen, so spricht man auch von dynamischen Marktschranken. •• Bestimmte als ‚unfair‘ anzusehende Wettbewerbspraktiken, die eine Behinderung der Konkurrenz bewirken. Zu denken wäre in diesem Zusammenhang etwa an bestimmte Formen der Preisbildung, die zu ruinöser Konkurrenz (ausführlicher hierzu Abschnitt 7.4) führen können oder an Behinderung beim Zugang zu Ressourcen, die das Unternehmen kontrolliert und auf dessen Nutzung seine Wettbewerber angewiesen sind („essential facilities“), wie z. B. Netzinfrastrukturen in Bereichen wie Telekommunikation, Transport oder Energieversorgung (hierzu Abschnitt 8.3.1). Inwiefern auch die Fusion von Unternehmen dauerhaft zu Marktmacht führen kann, ist nicht ganz klar. Allgemein kann man davon ausgehen, dass durch Unternehmenszusammenschlüsse dann ein Wettbewerbsvorteil für die fusionierenden Unternehmen entsteht, wenn damit die Ausschöpfung von Grö- ßenvorteilen verbunden ist. Werden durch einen Unternehmenszusammenschluss keine solchen Größenvorteile realisiert und steigen die Durchschnittskosten (nach Erreichen der mindestoptimalen Größe) mit der Größe an, dann wäre zumindest langfristig mit einem rückläufigen Marktanteil des fusionierten Unternehmens zu rechnen (ausführlicher hierzu Abschnitt 9.6). 7.3 Mögliche Einschränkungen der Funktionsfähigkeit von Märkten bei Vorliegen von Marktmacht in statischer Sicht Marktmacht kann zu wesentlichen Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit des Marktes führen. Dieser Abschnitt behandelt mögliche Fehlfunktionen und Wohlfahrtsverluste in statischer Sicht. Ein mögliches Marktversagen in dynamischer Hinsicht in Form einer Beeinträchtigung der Innovationsfunktion ist dann Gegenstand von Abschnitt 7.4. Im Folgenden wird zunächst der extreme Fall des Monopols betrachtet (Abschnitt 7.3.1). Etwas andere Schlussfolgerungen ergeben sich für den Fall des Oligopols, wenn mehrere Anbieter auf dem Markt aktiv sind, die Anzahl der Wettbewerber aber begrenzt ist. Einerseits kann es bei dieser Marktform zu intensiver Konkurrenz kommen, andererseits bietet ein Markt mit einer 171 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 171 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie nur geringen Anzahl an Anbietern auch relativ günstige Bedingungen für Absprachen, die dann u. U. zu einer Preisbildung wie im Monopol führen (Abschnitt 7.3.2). Die Theorie der bestreitbaren Märkte argumentiert, dass eine Monopolstellung bzw. Marktmacht dann nicht mit eingeschränkter Funktionsfähigkeit des Marktes verbunden ist, wenn der Markt gut bestreitbar ist. Abschnitt 7.3.3 geht dieser Argumentation nach und in Abschnitt 7.3.4 werden Schlussfolgerungen hinsichtlich der Notwendigkeit eines wirtschaftspolitischen Eingriffs herausgearbeitet. Schließlich wird die Relevanz zweier Funktionsprobleme diskutiert, die auf bestreitbaren Märkten auftreten können, nämlich zum einen die Gefahr der Kostenvervielfachung und zum anderen ruinöse Konkurrenz, die zu Unterversorgung führt (Abschnitt 7.3.5). Abschnitt 7.3.6 fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen. 7.3.1 Mögliche Fehlfunktionen im Monopol Unter den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz wird ein Allokationsoptimum dann erreicht, wenn sich die Anbieter entsprechend der Grenzkosten = Preis-Regel verhalten (vgl. Kapitel 2). Ist ein Monopolist jedoch vor dem Marktzutritt anderer Anbieter geschützt, so besteht hier die Gefahr der Ausbeutung der Nachfrager durch überhöhte Preise sowie von Einbußen sozialer Wohlfahrt, die darauf beruhen, dass eine zu geringe Menge des betreffenden Gutes bereitgestellt wird (vgl. Abschnitt 7.3.1.1). Im Falle sinkender Durchschnittskosten entstünde dem natürlichen Monopolisten bei Preissetzung entsprechend der Grenzkosten ein Defizit, so dass für ein dauerhaftes Angebot ein Preis mindestens in Höhe der Durchschnittskosten erforderlich ist (Abschnitt 7.3.1.2). Das Fehlen von Wettbewerb im Monopol kann auch zu dynamischen Wohlfahrtsverlusten etwa durch verzögerte Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen oder eine relativ geringe Innovationsleistung führen (hierzu Abschnitt 7.4). Im Folgenden wird das Standardmodell der Preisbildung im Monopol, die Cournot- Preisbildung, zunächst anhand eines normalen – d. h. nicht durch abnehmende Durchschnittskosten gekennzeichneten – Kostenverlaufes behandelt (Abschnitt 7.3.1.1). Darauf aufbauend wird dann auf die Besonderheiten der Monopolpreisbildung bei sinkenden Durchschnittskosten eingegangen (Abschnitt 7.3.1.2). Das Ergebnis fällt anders aus, wenn der Monopolist über die Möglichkeit zur Preisdifferenzierung verfügt, also für verschiedene Nachfrager bzw. Nachfragergruppen unterschiedliche Preise setzen kann und dabei Konsumentenrente abschöpft (Abschnitt 7.3.1.3). Abschließend werden mögliche Wohlfahrtsverluste auf den Inputmärkten behandelt, die durch monopolistische Preisbildung verursacht werden können (Abschnitt 7.3.1.4). 7.3.1.1 Cournot Preisbildung bei normalem Kostenverlauf Üblicherweise wird unterstellt, dass sich die Preisbildung eines Monopolisten in einem wesentlichen Punkt von der Konstellation der vollständigen Konkurrenz unterscheidet. Während nämlich der Anbieter unter den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz den Preis als extern vorgegebenes Datum Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 172 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 172 ansieht und daher als Mengenanpasser handelt (d. h. die von ihm angebotene Menge entsprechend dem Preis und den anfallenden Kosten wählt), kontrolliert der Monopolist die gesamte angebotene Menge und kann somit den Marktpreis durch die angebotene Menge steuern. Dies kennzeichnet die Verhaltensweise eines sogenannten Cournotschen Monopolisten. Dabei geht man in der Regel davon aus, dass der Monopolist den Verlauf der Gesamtnachfrage (Preis-Absatz-Funktion) kennt. Die Preisbildung im Monopol nach Cournot lässt sich anhand von Abbildung 7.8 erläutern. Dabei ist zunächst eine normal verlaufende, d. h. nicht durch Subadditivität geprägte Kostenfunktion unterstellt, bei der die Grenzkosten ansteigen. Unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz wäre der Preis für den Anbieter ein Datum, d. h. die Nachfragekurve erscheint aus der Sicht des einzelnen Anbieters als eine Horizontale. Der Anbieter würde im Gewinnmaximum genau jene Menge XGK anbieten, bei welcher der Preis PGK den Grenzkosten entspricht (Punkt A in Abbildung 7.8). Im Gegensatz dazu kann der Monopolist den Verlauf der Nachfragekurve in sein Kalkül einbeziehen. Sein Gewinnmaximum ist dort gegeben, wo der Grenzerlös gleich den Grenz kos ten ist. Die Grenzerlöskurve gibt an, wie sich der Umsatz mit dem Preis verändert. Wie Abbildung 7.8 zeigt, geht die Grenzerlöskurve beim halben Abszissenwert der Nachfragekurve vom positiven in den negativen Bereich über, d. h. die Umsätze weisen hier ihr Maximum auf. Als Gewinnmaximierer wird der Monopolist nun diejenige Menge XC anbieten, bei welcher der Grenzerlös den Grenzkosten entspricht. Dies ist in Punkt F in Abbildung 7.8 der Fall. Entsprechend dem Verlauf der Preis-Absatz-Funktion sind Abbildung 7.8: Preisbildung im Monopol nach Cournot Der Monopolist realisiert sein Gewinnmaximum bei der Menge, wo die Grenzkos ten dem Grenzerlös entsprechen. Für diese Menge (XC) erzielt er den Marktpreis PC. Im Vergleich zur vollständigen Konkurrenz ist die bereitgestellte Menge zu gering, der Preis des Gutes ist zu hoch. Menge (X) GK 0 E C A Grenzkosten (GK) X C Grenzerlös (GE) X GK D P C P GK B F Nachfrage 173 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 173 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie die Nachfrager bei einem Angebot der Menge XC dazu bereit, einen Preis in Höhe von PC zu zahlen (sogenannter Cournot-Preis), welcher sich durch Hochloten von Punkt F bzw. der Menge XC zur Nachfragekurve ergibt. Wie sich anhand von Abbildung 7.8 zeigen lässt, ist diese Form der Preisbildung im Monopol mit statischen Wohlfahrtsverlusten verbunden. Während bei einem Angebot unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz entsprechend der Grenzkosten = Preis-Regel (Punkt A in Abbildung 7.8) der durch die Fläche ADE angegebene soziale Überschuss (Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente; vgl. auch Abschnitt 2.5.2) anfallen würde, geht im Monopol der durch die Fläche AFC angegebene Teil verloren. Darüber hinaus reduziert sich die Konsumentenrente um die Fläche PCCBPGK; dieser Betrag wird zum Monopolisten umverteilt und ist nun Bestandteil der Produzentenrente. 7.3.1.2 Das Defizitproblem und Cournot Preisbildung im natürlichen Monopol Der Fall des natürlichen Monopols, bei dem die Durchschnittskosten im Bereich der relevanten Nachfrage sinken, weist die Besonderheit auf, dass hier die Grenzkosten unterhalb der Durchschnittskosten liegen. Dies folgt unmittelbar aus dem sinkenden Verlauf der Durchschnittskostenkurve: Wenn die Durchschnittskosten abnehmen, so muss die Erstellung einer zusätzlichen Einheit des Gutes weniger Aufwand erfordern (= Grenzkosten) als für die bereits produzierte Menge pro Stück anfiel (= Durchschnittskosten). Wären die Kos ten für die Erstellung einer zusätzlichen Einheit eines Gutes höher als die Durchschnittskosten, so müssten die Durchschnittskosten ansteigen. Gemäß der Grenzkosten = Preis-Regel, die bei ‚normalem‘ Kostenverlauf zu einer effizienten Allokation der Ressourcen führt, müsste der Monopolist bei der in Abbildung 7.9 dargestellten Konstellation einen Preis PGK verlangen, denn hier entsprechen seine Grenzkosten der nachgefragten Menge. Da aber bei sinkenden Durchschnittskosten die Grenzkosten unter den Stückkosten liegen, würde dem Monopolisten bei diesem Preissetzungsverhalten ein Defizit entstehen, weil er bei diesem Preis die insgesamt bei ihm anfallenden Kosten nicht decken kann. In dem in Abbildung 7.9 dargestellten Beispiel ergäbe sich bei Angebot zu Grenzkosten ein Defizit entsprechend der Fläche BACPGK. Abbildung 7.10 zeigt die Konstellation für den Fall einer durch monoton sinkende Durchschnittskosten gekennzeichneten Kostenfunktion, die zu einem natürlichen Monopol führt. Entsprechend der Cournot-Lösung maximiert ein natürlicher Monopolist seinen Gewinn bei derjenigen Angebotsmenge, bei der seine Grenzkosten gleich dem Grenzerlös sind (Punkt B bzw. Menge XC in Abbildung 7.10). Folglich wird er in dem hier dargestellten Beispiel die Menge XC zum Preis PC anbieten. Wie aus Abbildung 7.10 hervorgeht, liegt der Preis PC über den Durchschnitts kosten; der Anbieter kann also die insgesamt anfallenden Kosten decken, so dass hier kein Defizitproblem auftritt. Die vom Monopolisten angebotene Menge XC fällt wieder deutlich geringer aus als jene bei Wettbewerb (XGK bei Anwendung der Grenzkosten = Preis-Regel). Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 174 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 174 Bei einem Angebot zu Grenzkosten ergibt sich der soziale Überschuss als Resultat zweier entgegengerichteter Effekte: Zum einen fällt Konsumentenrente im Ausmaß des Dreiecks EAPGK und zum anderen eine negative Produzentenrente an. Wie bereits in Abschnitt 2.5.2 gezeigt, ist die Produzentenrente als Differenz zwischen den am Markt erzielbaren Erlösen und den entstehenden Kosten definiert; letztere werden durch die Fläche unterhalb der Grenzkostenkurve angegeben. Bei einem Verlauf der Grenzkosten wie in Abbildung 7.10 übersteigen die anfallenden Kos ten (DAXGK0) die Erlöse (PGKAXGK0) um die negative Produzentenrente DAPGK. Dementsprechend ergibt sich ein sozialer Überschuss (Saldo aus positiver Konsumentenrente und negativer Produzentenrente) in Höhe von EAD. Setzt der Monopolist den Cournot-Preis PC, sinkt einerseits die Konsumentenrente auf ECPC (Konsumentenrente in Höhe von PCCAPGK entfällt), anderseits ergibt sich eine positive Produzentenrente in Höhe von PCCBD. Der soziale Überschuss beträgt nur noch ECBD. Die Cournot-Preisbildung führt also zu einem statischen Wohlfahrtsverlust entsprechend der Fläche CAB, wenn man als Referenzzustand Wettbewerb zu Grenzkostenpreisen unterstellt. Setzt der Monopolist den Preis entsprechend seinen Durchschnittskos ten, also PDK bzw. Punkt F in Abbildung 7.10, so entsteht im Vergleich zum Grenzkostenpreis (PGK bzw. Punkt A in Abbildung 7.10) ebenfalls ein Verlust an sozialem Überschuss, der allerdings wesentlich geringer ausfällt als beim Cournot-Preis. Diese Wohlfahrtseinbuße bei Durchschnittskostenpreisen beträgt AG’F. Sie ergibt sich daraus, dass im Vergleich zum Grenzkostenpreis der Rückgang an Konsumentenrente (PGKPDKFA) größer ausfällt als der Zugewinn an Produzentenrente (PGKPDKFG), wobei auch der Wegfall an negativer Produzentenrente in Höhe von AGG’ in Rechnung zu stellen ist. Gegenüber dem Grenzkos tenpreis bietet der Durchschnittskostenpreis den Vorteil, dass hier kein Defizit und damit auch kein entsprechender Subventionsbedarf entsteht. Abbildung 7.9: Das Defizitproblem bei sinkenden Durchschnittskosten Da die Grenzkosten unter den Durchschnittskosten liegen, ist bei einem Angebot zu Grenzkosten Preisen ein Teil der Kosten nicht gedeckt. Die schraffierte Fläche gibt das Ausmaß des Verlustes an. 175 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 175 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Cournot-Preise liegen in allen Fällen auf einem höheren als dem zur Deckung der Durchschnittskosten notwendigen Niveau. Folglich kann es bei einem vor dem Marktzutritt von Konkurrenten geschützten natürlichen Monopol nicht Aufgabe des Staates sein, Maßnahmen gegen ein vermeintliches Defizit zu treffen; vielmehr ist das Augenmerk der Politik auf das Machtproblem, d. h. die Gefahr einer Ausbeutung der Marktgegenseite zu richten. 7.3.1.3 Monopolpreisbildung bei Möglichkeit zur Preisdifferenzierung Preisdifferenzierung liegt vor, wenn ein bestimmtes Gut zu unterschiedlichen Preisen verkauft wird und diese Preisunterschiede keine entsprechenden Kostenunterschiede (z. B. hinsichtlich der Transportkosten) widerspiegeln. Das Ziel der Preisdifferenzierung besteht für den Anbieter darin, jeden Nachfrager möglichst  entsprechend seiner individuellen Zahlungsbereitschaft für das betreffende Gut zu belasten und somit Konsumentenrente abzuschöpfen. Preisdifferenzierung zu vertretbaren Kos ten setzt voraus, dass sich die Zahlungsbereitschaft der verschiedenen Nachfrager ohne allzu großen Aufwand hinreichend genau ermitteln lässt. Darüber hinaus muss es möglich sein, einen Weiterverkauf des betreffenden Gutes wirksam zu unterbinden. Wäre dies nicht der Fall, so bestünde die Möglichkeit zu Arbitrage-Geschäften: Nachfrager, die das betreffende Gut zu einem relativ niedrigen Preis erlangen, könnten es an andere Nachfrager, welche einen höheren Preis entrichten müssten, mit Gewinn weiterveräußern. Man kann in diesem Zusammenhang drei Formen der Preisdifferenzierung, nämlich die Preisdifferenzierung ersten, zweiten und dritten Grades, unterscheiden. Preisdifferenzierung ersten Grades liegt vor, wenn jeder Nachfrager einen Abbildung 7.10: Cournot Preisbildung im natürlichen Monopol Auch bei sinkenden Durchschnittskosten ergibt sich die gewinnmaximale Ausbringungsmenge dort, wo die Grenzkosten gleich dem Grenzerlös sind. Für die Nachfrager entsteht wiederum ein Wohlfahrtsverlust. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 176 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 176 Preis entsprechend seiner individuellen Zahlungsbereitschaft (Reservationspreis) entrichten muss, so dass die Konsumentenrente vollständig abgeschöpft wird. Aufgrund des damit verbundenen Aufwandes, insbesondere des außerordentlich hohen Informationsbedarfes, dürfte diese Form der Preisdifferenzierung in der Praxis die Ausnahme darstellen. Demgegenüber ist eine Preisdifferenzierung zweiten Grades schon wesentlich einfacher zu realisieren. Das Grundprinzip der Preisdifferenzierung zweiten Grades lässt sich wie folgt anhand von Abbildung 7.11 veranschaulichen, in der die Nachfragekurve eines Individuums für ein bestimmtes Gut angegeben ist. Entsprechend dem Verlauf dieser Kurve wäre der betreffende Nachfrager bereit, für eine relativ geringe Menge X1 des Gutes einen vergleichsweise hohen Preis P1 zu zahlen, während er zu einem niedrigeren Preis (z. B. P2 oder P3) eine entsprechend größere Menge des Gutes (X2 bzw. X3) abnehmen würde. Die mit der Menge abnehmende Zahlungsbereitschaft für ein Gut ergibt sich aus der Standard-Annahme abnehmender Grenznutzen. Eine Methode der Preisdifferenzierung zweiten Grades bestünde nun darin, den Preis pro Einheit von der Menge abhängig zu machen, die ein Nachfrager pro Periode abnimmt. Demnach wäre bis zur Menge X1 pro Einheit der Preis P1 zu zahlen; für jede über die Menge X1 hinausgehende Einheit gilt bis zur Menge X2 der Preis P2 und für jede weitere Mengeneinheit der Preis P3. Würde der Anbieter die Gesamtmenge X3 zum einheitlichen Preis P3 verkaufen, so erhielte er Einnahmen in Höhe der Fläche 0P3HX3; durch die beschriebene Form der Preisdifferenzierung sind seine Einnahmen um die Fläche P3P1DEFG höher. Dies ist der Betrag an Konsumentenrente, die er durch die Preisdifferenzierung abschöpft. Preisdifferenzierung lohnt nur, so lange der Preis höher oder gleich den Grenzkosten ist; in Abbildung 7.11 bis zur Menge XJ und dem Preis PJ. Ein Verkauf zu einem Preis unterhalb der Grenzkosten wäre mit Verlusten verbunden. Abbildung 7.11: Preisdifferenzierung zweiten Grades Bis zur Menge X1 ist der Preis P1 zu entrichten. Für eine größere Menge als X1 sinkt  der Preis für alle darüber hinausgehenden Einheiten auf P2 bzw. auf P3 (wenn  mehr als X2 nachgefragt wird). Durch den Mengenrabatt wird Kosumentenrente abgeschöpft. Menge (X) P 0 E G Grenzkosten X 1 X 2 D P 1 P 2 H F Nachfrage P 3 X 3 X J J P J 177 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 177 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Die Preisdifferenzierung zweiten Grades ist gleichbedeutend mit einem Mengenrabatt. Beispiele für diese Form der Preisdifferenzierung finden sich häufig im Bereich der Energieversorgung, wenn der pro Energieeinheit zu entrichtende Preis mit der insgesamt abgenommenen Menge sinkt. Vielfach setzt man die Preisdifferenzierung zweiten Grades auch in Form eines zweiteiligen Tarifes um, der aus einer Grundgebühr und einer verbrauchsabhängigen Komponente besteht (Beispiel: Telefon). Ausführlicher hierzu Abschnitt 8.3.2.1.3. Eine wesentliche Voraussetzung für die Preisdifferenzierung dritten Grades besteht darin, dass sich verschiedene Nachfrager-Gruppen unterscheiden lassen, die durch unterschiedliche Preiselastizitäten gekennzeichnet sind. Bei dieser Form der Preisdifferenzierung muss jede Nachfrager-Gruppe einen anderen Preis entrichten, wobei der Monopolist seinen Gewinn dann maximiert, wenn er auf jedem der Teilmärkte einen der jeweiligen Nachfrage angepassten Cournot-Preis verlangt, also eine Menge anbietet, bei der seine Grenzkosten gleich dem Grenzerlös auf dem betreffenden Markt sind (hierzu Abschnitt 8.3.2.1.4). Besteht für einen Monopolisten die Möglichkeit zur Preisdifferenzierung ersten oder zweiten Grades, so ist es für ihn vorteilhaft, mehr als die der Cournot-Lösung entsprechende Menge anzubieten. Im Falle steigender Durchschnittskosten kann ein preisdifferenzierender Monopolist bei den Nachfragern zwischen Punkt E und Punkt C in Abbildung 7.8 höhere Preise als den Cournot-Preis (PC) durchsetzen; zwischen Punkt C und Punkt A erzielt er einen Preis größer als PGK. Der „marginale“ Nachfrager in Punkt A zahlt den Preis PGK. Bei der entsprechenden Menge XGK erreicht ein Monopolist mit Möglichkeit zur Preisdifferenzierung ersten oder zweiten Grades sein Gewinnmaximum; erst wenn er die Menge über XGK hinaus ausdehnt, wären die erzielbaren Grenzerlöse geringer als die entsprechenden Grenzkosten. Die vom Monopolisten in diesem Fall bereitgestellte Menge (XGK) entspricht der Menge, die sich im Gleichgewicht bei vollständiger Konkurrenz ergeben würde; insofern entsteht auch hier das gleiche Ausmaß an sozialem Überschuss. Im Vergleich zum Ergebnis bei vollständiger Konkurrenz sind allerdings die „inframarginalen“ Nachfrager, d. h. die Nachfrage zwischen Punkt E und Punkt A in Abbildung 7.8, schlechter gestellt, da sie die Konsumentenrente vollständig oder teilweise an den Monopolisten verlieren. Auch bei sinkenden Durchschnittskosten realisiert ein Monopolist, der über die Möglichkeit zur Preisdifferenzierung ersten oder zweiten Grades verfügt, sein Gewinnmaximum bei derjenigen Menge, bei der die Grenzkostenkurve die Nachfragekurve schneidet (XGK in Abbildung 7.10). Ohne die Möglichkeit der Preisdifferenzierung erzielt ein Monopolist bei sinkenden Durchschnittskosten dann Kostendeckung, wenn er die Menge XDK zum einheitlichen Preis PDK anbietet. Existiert die Möglichkeit, unterschiedliche Preise zu setzen, so erhält er von den Nachfragern zwischen Punkt E und Punkt F in Abbildung 7.10 Preise, die über den Durchschnittskosten liegen. Der natürliche Monopolist erhöht in diesem Fall seinen Gewinn, wenn er die Menge über XDK hinaus auf XGK ausdehnt, den zusätzlichen Nachfragern (zwischen Punkt F und Punkt A) Preise zwischen PDK und PGK berechnet sowie dem marginalen Nachfrager in Punkt A zum Preis PGK bedient. Dies ist für ihn deshalb gewinnsteigernd, da die für die Ausdehnung der Menge bis XGK anfallenden zusätzlichen Kosten geringer sind als die zusätzlichen Er träge. Erst bei einer über XGK hinausgehenden Menge wären die zu sätzlichen Kosten durch die zusätzlichen Erlöse nicht mehr gedeckt. Auch im Fall sinkender Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 178 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 178 Durchschnittskosten führt die Möglichkeit zur Preisdifferenzierung ersten oder zweiten Grades dazu, dass der soziale Überschuss maximiert wird. Ebenso wie bei steigenden Durchschnittskosten eignet sich der Monopolist allerdings Konsumentenrente an, die in einer Konstellation einheitlicher Preise entsprechend der Preis = Grenzkosten-Regel oder bei Cournot-Preisen nicht bei ihm anfallen würde. Zwar führt die Möglichkeit zu perfekter Preisdifferenzierung dazu, dass der Anbieter die gesamtwirtschaftlich optimale Menge anbietet; streng genommen handelt es sich hier aber nicht um ein Pareto-Optimum, da infolge der Preisdifferenzierung die zweite wohlfahrts- ökonomische Marginalbedingung nicht erfüllt ist. Die zweite wohlfahrtsökonomische Marginalbedingung fordert für sämtliche Individuen die Gleichheit der Grenzraten der Gütersubstitution (vgl. Abschnitt 2.4.2), was sich unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz dadurch ergibt, dass die Güterpreise für alle Nachfrager identisch sind. Bei Preisdifferenzierung ist dies aber nicht mehr der Fall. Die Nichterfüllung der zweiten wohlfahrtsökonomischen Marginalbedingung bei Preisdifferenzierung hat zur Folge, dass die Nachfrager ihr Wohlfahrtsniveau steigern könnten, indem sie Arbitragegeschäfte tätigen, also das betreffende Gut (das sie zu unterschiedlichen Preisen erworben haben) untereinander tauschen. Auch wenn bei Möglichkeit des Monopolisten zur Preisdifferenzierung mit einer Tendenz zur gesamtwirtschaftlich optimalen Allokation gerechnet werden kann, so können hier dennoch wirtschaftspolitische Eingriffe erforderlich sein. Abgesehen von den mit dieser Lösung verbundenen Verteilungswirkungen sind nämlich die dynamischen Anreize für den Monopolisten eventuell nur relativ schwach ausgeprägt (ausführlicher hierzu Abschnitt 7.3.1.2). Darüber hinaus könnte er die Monopolgewinne dazu nutzen, auf anderen Märkten zu Dumping-Preisen anzubieten und somit den Monopolbereich auszudehnen (zu den verschiedenen Eingriffsmöglichkeiten siehe Kapitel 8). Sofern nicht explizit erwähnt, wird im Folgenden der Einfachheit halber unterstellt, dass der Monopolist nicht über nennenswerte Möglichkeiten zur Preisdifferenzierung verfügt. 7.3.1.4 Faktorallokation im Monopol Bietet ein Monopolist eine geringere Menge an, als es die Grenzkos ten = Preis- Regel fordert, so wird er auch entsprechend weniger Produktionsfaktoren nachfragen. Insofern hat eine Fehlallokation auf dem Monopolmarkt Rückwirkungen auf die vorgelagerten Faktormärkte. Ganz allgemein führt die geringere Faktornachfrage des Monopolisten dazu, dass die nicht von ihm nachgefragten Ressourcen nun in anderen Verwendungen eingesetzt werden, in denen sie ein geringeres Wertgrenzprodukt erbringen als dies bei der Produktion für den Monopolmarkt möglich wäre. Unter den Annahmen des Modells der vollständigen Konkurrenz entspricht der Faktorpreis dem Wertgrenzprodukt des entsprechenden Faktors (vgl. Abschnitt 3.2.1). Stellt der Monopolist eine geringere Menge bereit, als es der Grenzkosten = Preis- Regel entspricht, und setzt er diese geringere Menge zu einem höheren Preis ab, so ist die Grenzproduktivität der eingesetzten Produktionsfaktoren höher als bei dem Output, der sich bei vollständiger Konkurrenz einstellen würde. Sofern aber auf den Faktormärkten wirksamer Wettbewerb herrscht, erhält der Monopolist die Ressourcen zu dem Preis, den er auch bei vollständiger Konkurrenz auf dem für ihn relevanten Outputmarkt aufwenden müsste. Folglich ist der zu entrichtende Faktorpreis geringer als die Grenzproduktivität der eingesetzten Ressourcen. Dies 179 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 179 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie impliziert eine Ungleichheit von Grenzrate der Transformation und Grenzrate der Gütersubstitution und damit eine Verletzung der dritten Marginalbedingung. Also wird auch aus diesem Grunde das soziale Optimum verfehlt. Eine weitere Folge einer vor Konkurrenz geschützten Monopolstellung kann darin bestehen, dass der Monopolist durch relativ geringe Effizienz der Leistungserstellung gekennzeichnet ist. Dabei ist insbesondere damit zu rechnen, dass die betriebs- bzw. unternehmensinterne Allokation der Ressourcen vom Optimum abweicht (sogenannte X-Ineffizienz). Der Monopolist hat zwar insofern eindeutige Anreize zu einer effizienten Leistungserstellung, als Ineffizienz bzw. Verschwendung von Ressourcen direkt seinen Gewinn schmälert. Im Vergleich zu einer Situation mit wirksamer Konkurrenz ist ein Monopolunternehmen aber sehr viel eher dazu in der Lage, solche Ineffizienzen wirtschaftlich zu überleben. Denn zum einen kann er Preise oberhalb seiner Grenzkosten durchsetzen, und zum anderen existiert keine wirksame Konkurrenz von anderen Anbietern, die zu niedrigeren Kosten produzieren oder eine höhere Qualität des betreffenden Produktes anbieten könnten. Insofern fällt im Monopol der äußere Druck zur Vermeidung von Ineffizienzen deutlich geringer aus als bei Wettbewerb. 7.3.2 Statische Wohlfahrtsverluste im Oligopol Ist die Kostenfunktion für das Angebot auf einem Markt in einem Ausmaß durch Größenvorteile gekennzeichnet, dass sie dauerhaft die Exis tenz mehrerer Anbieter zulässt, so liegt ein Oligopol vor. Je nach der Anzahl der Anbieter spricht man von einem „weiten“ (relativ viele Anbieter) oder einem „engen“ (relativ wenige Anbieter) Oligopol. Aufgrund von – im Vergleich zur Nachfrage – relativ großen mindestoptimalen Betriebsgrößen ist die Anzahl der Anbieter auf jeden Fall begrenzt. Inwieweit es in einem Oligopol zu wirksamem Wettbewerb kommt, ist von einer Reihe von Faktoren abhängig. Es lässt sich vermuten, dass die Anreize zu wettbewerblichem Verhalten im Oligopol im Zweifel stärker ausgeprägt sind als auf einem Markt mit sehr vielen Anbietern, wie es dem Modell der vollständigen Konkurrenz entspricht. Dies liegt daran, dass im Oligopol die „Reaktionsverbundenheit“ der Akteure relativ hoch ist. Als Reaktionsverbundenheit bezeichnet man die Intensität, mit der ein Anbieter einen Erfolg von Konkurrenten am Markt zu spüren bekommt. Sie ist am stärksten ausgeprägt, wenn nur zwei Anbieter am Markt sind (Duopol). Der Grund hierfür besteht darin, dass bei dieser Marktform bei gegebenem Nachfragevolumen eine Ausdehnung der Menge eines Anbieters direkt zu Lasten seines Konkurrenten geht. Relativ schwach ist die Reaktionsverbundenheit hingegen, wenn es eine große Vielzahl von Anbietern mit jeweils nur geringem Marktanteil gibt (Polypol). Gelingt es in einem solchen Markt einem Anbieter, seinen Marktanteil auszudehnen, so verteilt sich der entsprechende Marktanteilsverlust auf viele andere Anbieter und ist für diese im Zweifel gar nicht spürbar (ausführlicher hierzu Abschnitt 7.4.2.2). Die hohe Reaktionsverbundenheit im Oligopol kann aber auch als Anreiz für die Anbieter wirken, Absprachen untereinander zu treffen, durch die der Wettbewerb eingeschränkt bzw. ausgeschaltet wird. Ziel solcher Absprachen ist eine Monopo- Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 180 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 180 lisierung des betreffenden Marktes, d. h. man will erreichen, dass Preise, Mengen etc. zumindest der Tendenz nach der Marktlösung im Monopol entsprechen. Aber nicht nur, dass im Oligopol der Anreiz zu Absprachen relativ stark ausgeprägt ist, ein Markt mit einer nur geringen Anzahl an Anbietern bietet auch relativ günstige Bedingungen für derartige Absprachen, denn je kleiner die Anzahl der Beteiligten, desto niedriger fallen die mit einer solchen Absprache verbundenen Transaktionskosten aus. Aufgrund der hohen Reaktionsverbundenheit und der infolge der geringen Anzahl an Anbietern guten Übersichtlichkeit kann auf Oligopolmärkten auch der Fall eintreten, dass sich gleichförmiges Verhalten der Anbieter ohne explizite Absprachen ergibt. Ein Beispiel für ein solches „oligopolistisches Parallelverhalten“ wäre etwa die „barometrische“ Preisführerschaft. Hierunter versteht man eine Konstellation, in der sich das Preissetzungsverhalten der Unternehmen an dem Preissetzungsverhalten des als Preisführer geltenden Unternehmens orientiert. Verändert der Preisführer seinen Preis um einen bestimmten Prozentsatz, dann verändern auch alle anderen Unternehmen in dem Markt ihren Preis ebenfalls um in etwa diese Rate, ohne dass dem eine Absprache zu Grunde liegt. Die Preissetzung in der Automobil- und in der Mineralölindustrie könnte auf diese Weise erklärt werden. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wettbewerb im Oligopol und unter den Bedingungen des Modells der vollständigen Konkurrenz besteht darin, dass oligopolistischer Wettbewerb aufgrund der starken Reaktionsverbundenheit der Anbieter einen ausgesprochen ‚strategischen‘ Charakter annehmen kann. Strategisch meint dabei, dass der einzelne Anbieter bei seiner Wettbewerbshandlung bereits versucht, die Reaktion der Konkurrenz zu berücksichtigen. Die diversen Ansätze der Oligopoltheorie, die das Verhalten und das Marktergebnis unter Oligopolbedingungen zu erklären versuchen, haben bisher allerdings kaum zu eindeutigen Aussagen geführt, weshalb hier auch auf eine nähere Darstellung verzichtet wird. In der Literatur wurde und wird insbesondere die Leistungsfähigkeit oligopolistisch strukturierter Märkte hinsichtlich der Generierung von Innovationen diskutiert. Der Zusammenhang zwischen Marktstruktur und Innovationsleistung wird in Abschnitt 7.4.2 behandelt. Insgesamt zeigen diese Überlegungen, dass die Funktionsfähigkeit von Märkten bei Vorliegen von Unteilbarkeiten stark eingeschränkt sein kann. Dies gilt insbesondere im Fall des natürlichen Monopols, wenn also die Unteilbarkeiten so stark ausgeprägt sind, dass längerfristig nur ein Anbieter auf dem Markt überlebensfähig ist. Darüber, inwiefern oligopolis tische Märkte mit einer nur begrenzten Zahl an Anbietern funktionsfähig sind, lässt sich keine allgemeine Aussage machen. Einerseits kann die hohe Reaktionsverbundenheit zwischen den Anbietern dazu führen, dass die Intensität des Wettbewerbs hier relativ hoch ausfällt; andererseits besteht die Gefahr von Absprachen der Anbieter untereinander, die dann zu ähnlichen Fehlallokationen führen wie im Monopol. 7.3.3 Begrenzung des Machtproblems durch Bestreitbarkeit der  Märkte? Wie die Behandlung der Preisbildung im Monopol ergab, besteht das Grundproblem einer solchen Konstellation in der Gefahr der Ausbeutung der jeweils anderen 181 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 181 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Marktseite (Machtproblem). Das Ausmaß des Machtproblems bei Vorliegen eines Monopols oder einer nur geringen Anzahl von Unternehmen auf der Anbieterseite dürfte – wie der wettbewerbstheoretische Ansatz der „Contestable Markets“ betont – ganz allgemein von der Bestreitbarkeit (contestability) einer Marktposition abhängen. Muss ein Monopolist nämlich damit rechnen, dass potenzielle Anbieter dazu in der Lage sind, ihm wirksam Konkurrenz zu machen, so wird er einen niedrigeren Preis als den Cournot-Preis verlangen. Je stärker die potenzielle Konkurrenz, um so eher setzt der natürliche Monopolist den Preis derart, dass er die gesamten anfallenden Kosten gerade deckt (zu möglichen Ausnahmen siehe Abschnitt 7.6). Nicht nur die tatsächliche, sondern auch die potenzielle Konkurrenz – so das Argument des Contestable Markets-Ansatzes – ist für das Verhalten eines Anbieters entscheidend. Wovon hängt das Ausmaß an potenzieller Konkurrenz ab? Wesentliche Marktzutrittsschranken können einmal im Zugang zu den Absatz- bzw. Beschaffungsmärkten, in der Verfügbarkeit der bestmöglichen Technologie und/oder in der Fertigungserfahrung (learning-by-doing) der etablierten Anbieter bestehen, die es ihnen ermöglicht, das betreffende Gut kostengünstiger als ein potenzieller Markteindringling bereitzustellen. Von zentraler Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die sogenannten Sunk Cost (verlorene bzw. nicht rückholbare Kosten). Sunk Cost bezeichnen den Wert von Aufwendungen bzw. Produktionsfaktoren, der für den Markteintritt erforderlich ist und bei einem Marktaustritt unwiederbringlich abgeschrieben werden muss. Die Sunk Cost dürften um so höher sein, je spezialisierter die betreffenden Produktionsfaktoren sind bzw. je größere Schwierigkeiten es bereitet, sie einer anderen Verwendung zuzuführen. Sunk Cost beruhen letztendlich darauf, dass bestimmte Aufwendungen – einmal getätigt – den Charakter der Irreversibilität annehmen. Von Irreversibilität spricht man dann, wenn die Ressourcen für eine bestimmte Nutzung festgelegt sind und ein Transfer dieser Ressourcen in andere Nutzungen oder ein Verkauf mit Produktivitäts- bzw. Wertverlusten verbunden wäre. Jene Ressourcen, die ohne Wertverlust für andere Zwecke verwendbar sind, bezeichnet man folglich als rever sible Aufwendungen. Da die Sunk Cost gewissermaßen die Kosten für ein Scheitern eines Marktzutritts darstellen, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Marktzutritt um so geringer, je höher die mit einem Marktaustritt verbundenen Sunk Cost sind. Beispiele: Sind die Schienen für eine Eisenbahnlinie verlegt, so lassen sich die Schienenstränge nur für den Verkehr von Zügen verwenden. Wird die Eisenbahnlinie aufgegeben, so stellt der Wert der Eisenbahnschienen (abzüglich eines eventuell noch zu erzielenden Liquidationserlöses) Sunk Cost dar. Analog ist die Situation in anderen Bereichen der leitungsgebundenen Versorgung wie etwa Energie (z. B. Gasleitungen, Stromnetz) und Telekommunikation (z. B. Kabel im Telefonortsnetz). Ein extremes Beispiel für eine irreversible Investition stellt der Bau eines Atomkraftwerkes dar, das nach Beendigung der Energieproduktion auf absehbare Zeit nicht anderweitig genutzt werden kann und dabei hohe Sicherungskosten erfordert. Dagegen gilt für Verkehrsflugzeuge, dass sie problemlos auf verschiedenen Strecken eingesetzt werden können, falls dies aufgrund veränderter Wettbewerbsverhältnisse erforderlich ist. Ihre Investitionskosten stellen somit reversible Kosten dar. Das Phänomen der Sunk Cost ist keineswegs auf Sachkapitalgüter beschränkt. Ebenso sind bei einem Marktaustritt bestimmte marktspezifische Qualifikationen (z. B. Kenntnisse im Bereich der Fertigung, Informationen über Abnehmer und Konkurrenten, die etablierten Vertriebskanäle) sowie Aufwendungen für Forschung und Entwicklung oder für Produktwerbung u. U. „versunken“. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 182 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 182 Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Sunk Cost sind nicht mit fixen Kosten gleichzusetzen! Beispielsweise fallen bei einer Eisenbahnlinie für die Bahnhofsgebäude zwar fixe Kosten an (da diese Kos ten weitgehend unabhängig von der Streckenbeanspruchung entstehen); würde die Strecke aber stillgelegt, so könnten die Bahnhofsgebäude wahrscheinlich mit relativ geringem Aufwand einer anderen Nutzung (z. B. als Fabrik oder als Dienstleistungszentrum) zugeführt werden. Insofern sind für die Bahnhofsgebäude bei der Stilllegung der Eisenbahnlinie nur relativ geringe sunk costs zu veranschlagen. Ob der Marktzutritt des potenziellen Konkurrenten erfolgreich ist, hängt (neben den bei einem Marktaustritt anfallenden Sunk Cost) nicht zuletzt auch vom Verhalten des Etablierten ab. Die Erfolgsaussichten eines Konkurrenten sind tendenziell umso höher, je langsamer der etablierte Anbieter auf den Marktzutritt mit Preissenkungen und einer entsprechenden Ausdehnung seiner Angebotsmenge reagiert. Je länger die Reaktionszeit des etablierten Anbieters, desto besser sind auch die Aussichten, dass sich die für den Markteintritt eventuell erforderlichen irreversiblen Investitionen amortisieren. Muss ein Newcomer allerdings mit einer zügigen Reaktion des Etablierten rechnen, so können sich hohe Sunk Cost noch auf eine andere Weise negativ auf die Erfolgsaussichten für einen Marktzutritt auswirken. Erfordert nämlich ein Angebot auf dem Monopolmarkt ein wesentliches Ausmaß an irreversiblen Aufwendungen und reagiert der etablierte Anbieter mit Preissenkung, so kann der Marktzutritt eines Newcomers zu ruinöser Konkurrenz, d. h. zu Wettbewerb mit nicht-kostendeckenden Preisen, führen. Um diesen Aspekt herauszuarbeiten, ist es notwendig, sich die Untergrenzen für den Preis des etablierten Monopolisten zu vergegenwärtigen. Als kurzfristige Preisuntergrenze des Monopolisten ist zunächst an seine Grenzkosten zu denken. Dieser Preis ist für ihn allerdings ruinös, weil Grenzkostenpreise im Falle sinkender Durchschnittskosten nicht ausreichen, um die anfallenden Stückkosten zu decken (vgl. hierzu Abschnitt 7.3.1.2). Da die bei Grenzkostenpreisen entstehenden Defizite in der Regel allenfalls kurzfristig hinnehmbar sind, wird sich der Monopolist wohl eher an seinen Durchschnittskosten orientieren. Ist ein Marktaustritt mit relativ hohen Sunk Cost verbunden, so ist es denkbar, dass ein Anbieter die Opportunitätskosten für die irreversiblen Kostenbestandteile (= Sunk Cost bei Marktaustritt) gleich Null ansetzt und sich bei seiner Preissetzung allein an den reversiblen Kostenbestandteilen orientiert, die irreversiblen Kosten also vernachlässigt. Da die reversiblen Kosten immer einen Teil der insgesamt anfallenden Kosten darstellen, sind die reversiblen Grenz- oder Durchschnittskosten immer niedriger als die Kosten insgesamt; ein Absenken des Preises auf die reversiblen Kosten ist also in jedem Fall ruinös, da ein Teil der Kosten nicht gedeckt ist. Ein solches Verhalten wäre insbesondere dann plausibel, wenn sich die betreffenden Ressourcen bereits amortisiert haben (d. h. es müssen keine Abschreibungen mehr verdient werden) und noch eine Zeit lang genutzt werden können. Die Vernachlässigung der irreversiblen Investitionen in der Kostenkalkulation ist hingegen dann schwer möglich, wenn diese Aufwendungen zu einem wesentlichen Teil mit Fremdkapital finanziert wurden und noch entsprechende Zins- und Tilgungszahlungen zu entrichten sind. Selbst dann, wenn keine Kapitalkosten anfallen, lässt 183 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 183 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie sich ein Preis in Höhe der reversiblen Durchschnittskosten allerdings nur solange ohne Verluste durchhalten, wie keine Ersatzinvestitionen in irreversible Ressourcen erforderlich sind. Nicht nur der hohe Anteil an irreversiblen Aufwendungen bzw. von bei einem Marktaustritt anfallenden Sunk Cost, sondern auch die Wahrscheinlichkeit eines ruinösen Preissetzungsverhaltens seitens des etablierten Anbieters wird einen potenziellen Konkurrenten vor einem Marktzutritt abschrecken. Dies umso mehr, als für den Newcomer vor dem Marktzutritt sämtliche Aufwendungen reversible Kosten darstellen, und er sich – im Gegensatz zum etablierten Anbieter – bei seiner Preisbildung an den insgesamt anfallenden Durchschnittskosten orientieren muss. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Markt umso eher bestreitbar ist, •• je problemloser der Zugang zu den Absatz- bzw. Beschaffungsmärkten, bzw. zur bestmöglichen Technologie, •• je geringer die mit einem Marktaustritt verbundenen sunk costs bzw. •• je mehr der potenzielle Anbieter davon ausgehen kann, dass der etablierte Monopolist bei einem Marktzutritt seinen Preis hinreichend lange unverändert lässt. Sind diese Bedingungen vollständig erfüllt, ist der Markt also „perfectly contestable“, so ist bereits dann mit dem Marktzutritt von Konkurrenten zu rechnen, wenn der Preis der etablierten Anbieter nur geringfügig über den Kosten liegt. Ein Konkurrent kann in diesem Fall schlagartig in den Markt eintreten, die gesamte Nachfrage auf sich ziehen und diesen Markt ohne Kosten wieder verlassen; man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Hit and Run“-Konkurrenz. Dementsprechend ist ein natürlicher Monopolist dann dazu gezwungen, gerade seine Durchschnittskos ten abdeckende und keine überhöhten Monopol-Preise zu setzen. In der Realität bestehen meist verschiedene, mehr oder weniger stark ausgeprägte Markteintrittsbarrieren, so dass die perfekte Bestreitbarkeit eines Marktes eher die rare Ausnahme darstellen dürfte. Beispielsweise erfordert die Markterschließung in der Regel Zeit, so dass der Aufbau einer Marktstellung nicht schlagartig, sondern schrittweise erfolgt (kein gleicher Zugang zum Absatzmarkt). Je höher aber der Zeitbedarf für die Markterschließung, umso eher muss mit einer Reaktion des etablierten Anbieters auf den Marktzutritt gerechnet werden. Handelt es sich bei den Newcomern um neugegründete Unternehmen, so sind diese hinsichtlich der Beschaffung von Fremdkapital erfahrungsgemäß mit höheren Zinsen konfrontiert als die etablierten Anbieter; dieser höhere Fremdkapitalzins entspricht dem relativ hohen Risiko eines Scheiterns von Neugründungen und ergibt sich aus der normalen Funktionsweise des Kapitalmarktes. Bezogen auf das Machtproblem lässt sich nun ein kurzes Fazit ziehen: Das Machtproblem tritt dann auf, wenn der Monopolmarkt nicht oder nur relativ schwer bestreitbar ist. Ansonsten ist zu erwarten, dass der potenzielle Wettbewerb die Anbieter diszipliniert. Auch die Existenz von verwandten Märkten, deren Produkte ähnliche Bedürfnisse befriedigen, kann zu einer Begrenzung des Machtproblems beitragen, denn eine solche Substitutionskonkurrenz bietet den Nachfragern Möglichkeiten, dem Monopolisten auszuweichen. Ein Beispiel hierfür stellt der Verkehrsbereich dar: Je nach den Charakteristika der zu transportierenden Güter Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 184 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 184 (Zeitempfindlichkeit, Gewicht etc.) und der zu bewältigenden Strecke haben die Nachfrager häufig die Wahl zwischen verschiedenen Verkehrsträgern wie Bus, Auto, Flugzeug, Schiff oder Bahn; es besteht intermodaler Wettbewerb. Tritt nun bei einem der Verkehrsträger ein natürliches, nicht bestreitbares Monopol auf, so kann man gegebenenfalls auf einen anderen Verkehrsträger ausweichen, wodurch sich die Bedeutung des Machtproblems entsprechend verringert. 7.3.4 Zur Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Maßnahmen bei Unteil bar keiten Abbildung 7.12 fasst wesentliche Ergebnisse unserer Analyse von Unteilbarkeitsproblemen zusammen. In der Abbildung sind die verschiedenen möglichen Kombinationen von Subadditivität der Kostenfunktion im relevanten Bereich und dem Auftreten von Sunk Cost bei Marktaustritt bzw. der Irreversibilität von Investitionen zusammengestellt. Dem Feld I, das durch geringe Irreversibilität und unwesentliche Subadditivität gekennzeichnet ist, können wohl die meisten Märkte in der Realität zugeordnet werden. Hier ist kein Marktversagen aufgrund von Unteil barkeiten zu erwarten. Feld II repräsentiert den Fall des natürlichen Monopols ohne Machtprobleme, da der Anbieter durch potenzielle Konkurrenz diszipliniert wird. Hier kann es bei bestimmten (aber eher unwahrscheinlichen) Konstellationen zu Instabilitäten und unbefriedigter Nachfrage kommen, die u. U. eine Regulierung des Marktzutritts erfordern. Erst in Feld IV besteht die große Gefahr der Ausnutzung von Macht- und Ausbeutungsspielräumen, da dort stark ausgeprägte Subadditivität vorliegt und der Monopolist vor dem Marktzutritt von Abbildung 7.12: Kombinationen von Irreversibilität und Subadditivität Wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf bei Unteilbarkeiten besteht dann, wenn für ein Angebot auf dem betreffenden Markt auch ein hohes Maß an irreversiblen Investitionen erforderlich ist (Feld IV). ” “ 185 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 185 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Konkurrenten geschützt ist. Bei dieser Konstellation ist in der Regel ein wirtschaftspolitischer Eingriff wünschenswert. Feld III umfasst ebenfalls schwer bestreitbare Märkte; da aber keine wesentlichen Subadditivitäten vorliegen, ist hier Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern grundsätzlich möglich. Bestehen allerdings Marktaustrittsbarrieren in Form von irreversiblen Ressourcen, so kann es zu Strukturkrisen kommen. Dieses Problem der Inflexibilität wird in Kapitel 11.3.2 ausführlich behandelt. Sofern Subadditivitäten vorliegen, das Ausmaß dieser Subadditivitäten in Anbetracht der Nachfragemenge aber dauerhaft mehrere Anbieter auf dem Markt zulässt, gelten diese Schlussfolgerungen analog. Funktionsprobleme eines solchen Oligopols dürften nur dann zu erwarten sein, wenn die etablierten Anbieter durch Marktzutrittsbarrieren vor poten zieller Konkurrenz geschützt sind. Zwar kann der Wettbewerb auf oligopolistischen Märkten durchaus funktionsfähig sein, allerdings besteht hier die Gefahr einer Monopolisierung und des Missbrauchs von Marktmacht. In Übersicht 7.1 sind Unteilbarkeitenprobleme in einer Reihe von Sektoren zusammengestellt, für die häufig eine hohe Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Marktversagen unterstellt wird. Dabei sind viele dieser Sektoren in einzelne Produktionsstufen und Teilbereiche untergliedert. Diese Unterteilung ist insofern hilfreich, als vielfach unterschiedliche Ergebnisse je Stufe zu Tage treten. Kernbereiche des Marktversagens im Sinne von Feld IV in Abbildung 7.12 sind nur jene Bereiche, die sowohl durch stark ausgeprägte Subadditivitäten als auch durch wesentliche Übersicht 7.1: Subadditivität und Irreversibilität in verschiedenen Wirtschaftsbereichen Sektor Produktionsstufe Subadditivität Irreversibilität Strom/Gas Erzeugung Verteilung Nein Ja Gering Hoch Fernwärme Produktion Verteilung Nein Ja Fraglich Hoch Wasser Produktion Verteilung Nein Ja Gering Hoch Müll Sammlung Verbrennung Ja Fraglich Gering Fraglich Telefon Ortsnetz Fernverkehr Endgeräte Ja Nein Nein Hoch Nein Gering Kabel-TV Programm Verteilung Nein Ja Gering Hoch Briefe/Pakete Transport Zustellung Fraglich Ja Fraglich Gering Bahn Fahrzeuge Schienennetz Verkehrsleistungen Nein Ja Fraglich Nein Hoch Nein Pipeline Ja Hoch Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 186 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 186 Irreversibilität (hohe Sunk Cost bei Marktaustritt) bzw. geringe Bestreitbarkeit gekennzeichnet sind. Man bezeichnet solche Bereiche auch als monopolistischen Engpass („bottleneck“) oder als notwendige Einrichtungen („essential facilities“). So zeigt sich etwa, dass in vielen der angeführten Sektoren der leitungsgebundenen Versorgung (z. B. Strom, Gas, Wasser, Fernwärme) die Bedingungen für ein natürliches Monopol auf den Bereich der Verteilung der betreffenden Leistung begrenzt sind. Spezielle wirtschaftspolitische Maßnahmen in den vor- und nachgelagerten Bereichen sind im Zweifel nicht durch Unteilbarkeiten zu rechtfertigen und führen u. U. zu einer unnötigen Einschränkung des Wettbewerbs. Wie im Folgenden (Abschnitt 8.4.1) noch ausführlicher dargestellt wird, wären auch Aktivitäten des Monopolisten auf anderen Märkten fragwürdig. 7.3.5 Einwände: Marktzutritte als Ursache für Kostenverviel fachung, ruinöse Konkurrenz und Unterversorgung? Die bisherige Analyse hat ergeben, dass Bestreitbarkeit von Monopolmärkten grundsätzlich positiv zu bewerten ist. Je leichter der Marktzutritt, desto geringer die Ausbeutungsspielräume des Monopolisten und der entsprechende wirtschaftspolitische Handlungsbedarf. Gegen diese positive Bewertung der Bestreitbarkeit von Monopolmärkten werden zwei Einwände vorgebracht, die hier kurz diskutiert werden sollen. Zum einen wird argumentiert, das Auftreten weiterer Anbieter könnte zum Aufbau von Überkapazitäten führen, die gesamtwirtschaftlich unnötige Kosten verursachen (Kostenvervielfachung). Zum anderen wird angeführt, dass der Marktzutritt die Gefahr ruinöser Preiskämpfe mit sich bringe. Folglich sollte die Politik nicht die Märkte öffnen, sondern vielmehr den Marktzutritt beschränken, wobei dann eine Regulierung des derart vor Konkurrenz geschützten Bereiches erforderlich ist. Beide Argumente werden in der Regel gegen die Öffnung von solchen Märkten vorgebracht, die durch stark ausgeprägte Unteilbarkeiten gekennzeichnet sind. Wie im Folgenden gezeigt wird, sind beide Argumente für die praktische Politik allenfalls in Ausnahmefällen relevant. Ausgangspunkt der Überlegungen sei ein natürliches Monopol, in dem der Anbieter Preise realisiert, die seine Durchschnittskosten übersteigen. Diese außerordentliche Gewinnmöglichkeit motiviert Konkurrenten zum Markteintritt. Die These von der ruinösen Konkurrenz behauptet nun, dass der Preis durch diese Wettbewerbssituation über längere Zeit unter die Durchschnittskosten sinkt. Da hierbei Defizite entstehen, ist der Wettbewerb für alle Anbieter existenzgefährdend. Das in gesamtwirtschaftlicher Sicht sinnvolle natürliche Monopol provoziert demnach existenzgefährdende Marktzutritte, wobei die neu in den Markt eintretenden Wettbewerber Kapazitäten aufbauen, für die es keinen Bedarf gibt. Um ruinöse Konkurrenz bzw. die damit verbundene Kostenvervielfachung zu verhindern, so die These, sollte der Staat den Marktzutritt beschränken. Diese Überlegungen ließen sich zwar grundsätzlich auch auf Märkte übertragen, wo die Kostenfunktion der Anbieter einen normalen Verlauf aufweist. Jedoch soll diese Argumentation zunächst anhand des Falls sinkender Durchschnittskosten im gesamten relevanten Bereich behandelt werden. Kommt es bei einer solchen Konstellation zum Marktzutritt eines Konkurrenten, so setzt sich nach einer gewissen An- 187 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 187 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie passungszeit letztendlich ein Anbieter durch, der die gesamte Nachfrage bedient (hierzu ausführlich Abschnitt 7.2.1). Der Einfachheit halber werden zwei extreme Konstellationen unterschieden: Einmal soll das Angebot auf dem betreffenden Markt durch hohe Sunk Cost gekennzeichnet sein, im anderen Fall seien die Sunk Cost gleich Null (siehe hierzu Abbildung 7.13). Zunächst zum Fall ohne Sunk Cost, d. h. der betreffende Markt ist relativ leicht bestreitbar. Tritt ein zusätzlicher Anbieter in einen solchen Markt ein, so ist ruinöse Konkurrenz unwahrscheinlich. Denn wenn keine Irreversibilitäten vorliegen und der Marktaustritt kostenlos möglich ist, dann existiert für einen Anbieter kein Anreiz, bei nicht-kostendeckenden Preisen im Markt zu verbleiben. Da in diesem Fall die genutzten Ressourcen ohne Sunk Cost in andere Verwendungen überführt werden können, kommt es bei Marktzutritt eines Konkurrenten auch allenfalls solange zu einer Vervielfachung von Kosten, bis sich wieder ein monopolistischer Anbieter durchgesetzt hat; sobald dieser Anpassungsprozess abgeschlossen ist, liegt keine Kostenvervielfachung mehr vor. Folglich ist das Argument, ein Zutritt in einen Monopolmarkt führe zu Kostenvervielfachung und ruinöser Konkurrenz, im Falle der Abwesenheit von Sunk Cost und entsprechend hoher Bestreitbarkeit des Marktes irrelevant (vgl. Abbildung 7.13). Der Anreiz zum Marktzutritt ist hier nicht besonders hoch, da der Monopolist nur über geringe Preissetzungsspielräume verfügt. Ein solcher Anreiz besteht allerdings dann, wenn der Marktzutritt innovativ ist, d. h. wenn der Newcomer zu einer wesentlich kostengünstigeren Bereitstellung des betreffenden Gutes in der Lage ist. Ein innovativer Marktzutritt ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eindeutig erwünscht, zumal beim Marktaustritt des Etablierten keine wesentlichen Kosten entstehen. In bestreitbaren Märkten mit Abbildung 7.13: Gefahr von Kostenvervielfachung und ruinöser Konkurrenz durch nicht innovativen Marktzutritt bei sinkenden Durchschnittskosten Ist der Marktzutritt nicht mit wesentlichen irreversiblen Aufwendungen verbun den, so ist die Gefahr von ruinöser Konkurrenz und einer Kostenvervielfachung relativ gering zu veranschlagen. Bei hohen irreversiblen Investitionen besteht diese Gefahr zwar im Prinzip; sie ist aber weitgehend irrelevant, weil hier der Anreiz zu einem nicht innovativen Marktzutritt nur gering ausfällt. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 188 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 188 sinkenden Durchschnittskosten sind Probleme der Kostenvervielfachung und der ruinösen Konkurrenz aller Voraussicht nach nicht relevant. Erfordert der Marktzutritt ein hohes Maß an irreversiblen Aufwendungen, so lassen sich die entsprechenden Ressourcen bei einem Scheitern allenfalls zum Teil in eine andere Verwendung überführen, so dass in diesem Fall durchaus die Gefahr der Kostenvervielfachung besteht. Auch die Gefahr der ruinösen Konkurrenz ist hier als erheblich anzusehen (Abbildung 7.13). Infolge der hohen Sunk Cost ist der Anreiz zu einem nicht-innovativen Marktzutritt allerdings als niedrig einzustufen; folglich fällt auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Kostenvervielfachung und ruinöser Konkurrenz entsprechend gering aus. Ein New comer wird den Zutritt in einen solchen Markt nur dann wagen, wenn er wesentlich geringere Gesamtkosten hat; etwa weil er eine deutlich effizientere Fertigungstechnik anwendet. Ein solcher innovativer Marktzutritt ist in der Regel aber als gesamtwirtschaftlich erwünscht einzustufen, jedenfalls dann, wenn die (langfristig anfallenden) Einsparungen aufgrund des innovativen Angebots des Newcomers die mit dem Marktaustritt des Etablierten verbundenen (einmalig anfallenden) Sunk Cost übersteigen. Weist der potenzielle Newcomer hingegen keine Effizienzvorteile gegenüber dem etablierten Anbieter auf, so ist ein Marktzutritt unwahrscheinlich. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Bei sinkenden Durchschnittskosten im gesamten relevanten Bereich ist die Gefahr der Kostenvervielfachung und des Auftretens ruinöser Konkurrenz als relativ gering einzustufen; jedenfalls dann, wenn der Marktzutritt nicht-innovativ ist, der Newcomer also nicht zu wesentlich geringeren Kosten als der etablierte Monopolist anbieten kann. Im Falle eines innovativen Marktzutritts kann es zwar zu den genannten Problemen kommen, allerdings dürften hier in der Regel die gesamtwirtschaftlichen Vorteile, die mit der Innovation verbunden sind, langfristig die entsprechenden Kosten übersteigen. Folglich ist eine Marktzutrittsbeschränkung zur Verhinderung von Kostenvervielfachung und ruinöser Konkurrenz durch einen nicht-innovativen Marktzutritt überflüssig. Sofern eine solche Marktzutrittsbeschränkung gesamtwirtschaftlich erwünschte, innovative Marktzutritte in einen Monopolmarkt verhindert, führt sie zu entsprechenden Wohlfahrtseinbußen und ist daher abzulehnen. Etwas anders liegen die Dinge bei einer Konstellation, wie sie in Abbildung 7.14 wiedergegeben ist. Die in Abbildung 7.14 dargestellte Kostenfunktion ist zumindest bis zur Menge XM subadditiv, obwohl die Durchschnittskosten im Bereich der relevanten Nachfrage ansteigen; die Bereitstellung der Menge XM durch zwei Anbieter wäre mit höheren Gesamtkosten verbunden als bei nur einem Anbieter. Wenn zum Beispiel zwei Anbieter jeweils die Hälfte von XM – also die Menge XH – bereitstellen würden, so entstünden insgesamt Produktionskosten in Höhe von 2 · (0XH · 0DKH). Dies übersteigt die Kosten, die bei der Bereitstellung durch nur einen Anbieter anfallen (0XM · 0DKM). Da das Minimum der Durchschnittskosten hier bereits bei einer Menge erreicht wird, die kleiner als die insgesamt nachgefragte Menge ist, könnte ein Konkurrent, der nur eine Teilmenge anbietet, dem Monopolisten wirksam Konkurrenz machen. Stellt ein Newcomer beispielsweise die Menge X0 bereit, so sind bei einem Preis entsprechend DK0 seine insgesamt anfallenden Kosten gedeckt. Da der Etablierte bei diesem Preis Verluste erwirtschaften würde, setzt sich der Newcomer durch. Bei dem in Abbildung 7.14 unterstellten Kostenverlauf 189 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 189 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie kann der Etablierte die verbleibende Restnachfrage XM-X0 nur zu sehr hohen Kosten bedienen. Da die Kosten für die Produktion dieser Restmenge aber die Zahlungsbereitschaft der entsprechenden Nachfrager übersteigen, bleibt diese Nachfrage unbefriedigt, so dass der Etablierte aus dem Markt ausscheiden muss. Antizipiert der Monopolist diese Verdrängungsmöglichkeit durch Marktzutritte, so wird er von vornherein im Minimum der Durchschnittskosten produzieren und somit eine geringere als die insgesamt nachgefragte Menge anbieten. Beispiel: Das bereitzustellende Gut sei die Wasserversorgung von drei benachbarten Ortschaften. Der Anschluss jeweils einer beliebigen Ortschaft verursacht Kosten in Höhe von 300 Einheiten, die Kosten für den gemeinsamen Anschluss von zwei beliebigen Ortschaften belaufen sich auf 400 Einheiten, und der Anschluss von allen drei Ortschaften ist mit Kosten in Höhe von 650 Einheiten verbunden. Die Wasserversorgung stellt unter diesen Bedingungen ein natürliches Monopol dar, denn die Kostenfunktion ist subadditiv, d. h. es ist nicht möglich, die Nachfrage von einer, zwei oder drei Ortschaften kostengünstiger zu bedienen als durch einen einzigen Anbieter. Ein Problem entsteht dadurch, dass ein natürlicher Monopolist keinen kostendeckenden Preis finden kann, zu dem er den gesamten Markt versorgt und der ihn vor ruinöser Konkurrenz schützt. Er muss ja von jeder der drei Ortschaften etwas mehr als 200 Einheiten pro Anschluss verlangen, um seine Kosten in Höhe von 650 Einheiten zu decken; dieser Preis liegt über demjenigen Preis, den ein ‚rosinenpickender‘ Konkurrent, der nur zwei Ortschaften versorgt und dadurch auf günstigere Durchschnitts kosten kommt, berechnen kann und dabei seine Kosten deckt. Sofern der natürliche Monopolist diese Verdrängungsmöglichkeit voraussehen kann, wird er nur zwei Orte versorgen; die dritte Ortschaft wird nicht angeschlossen. In der hier dargestellten Konstellation dürfte mit einem Marktversagen in Form von Unterversorgung nur dann zu rechnen sein, wenn ein Angebot auf dem betreffenden Markt keine wesentlichen Investitionen in irreversible Ressourcen erfordert. Ist nämlich der Marktaustritt mit Sunk Cost in nennenswertem Umfang verbunden, so muss ein Newcomer befürchten, dass der etablierte Monopolist seinen Preis für eine gewisse Zeit bis auf seine reversiblen Durchschnittskosten Abbildung 7.14: Instabilität eines natürlichen Monopols Bedient der Monopolist die gesamte nachgefragte Menge (XM), so kann er von einem Konkurrenten, der nur die kostenminimale Menge X0 anbietet, verdrängt werden. Bei dieser Menge wird ein Teil der Nachfrage nicht befriedigt. Nachfrage Durchschnittskosten (DK) Menge (X) DK 0 X H X 0 X M DKH DK 0 DK M Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 190 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 190 senkt. Aufgrund dieser Gefahr ruinöser Preissetzung ist die Wahrscheinlichkeit des Marktzutritts eines weiteren Anbieters entsprechend gering. Die Abdeckung der gesamten bestehenden Nachfrage kann mit verschiedenen Eingriffen erreicht werden. Eine Möglichkeit wäre die Setzung eines Mindestpreises, zu dem die Befriedigung aller Nachfrager lohnt (z. B. in Höhe von DKM in Abbildung 7.14). Alternativ hierzu könnte ein Kontrahierungszwang erlassen werden, der den Anbietern vorschreibt, sämtliche Nachfrager zu gleichen Preisen zu bedienen. Dabei muss seitens der Politik kein bestimmter Preis vorgegeben werden, denn die Anbieter hätten ohnehin einen Anreiz, die Preise so zu kalkulieren, dass sie bei Abdeckung der gesamten Nachfrage keine Verluste erleiden. Schließlich wäre auch Marktzutrittsbeschränkung (verbunden mit einer Preisregu lierung zur Eindämmung des dann gegebenen Machtproblems) erwägenswert. Marktzugangsbeschränkungen und/oder staatlich gesetzte Mindestpreise stellen allerdings derart schwer wiegende Eingriffe in den Marktmechanismus dar, dass sie nur in sehr gravierenden Fällen eines Marktversagens ergriffen werden sollten. Denn das Ausschalten des Konkurrenzdrucks kann zu gravierender statischer und dynamischer Ineffizienz führen. Zudem zeigt die Praxis, dass derartige Maßnahmen nur unter großen politischen Schwierigkeiten zurückgenommen werden können. Es stellt sich daher die Frage, ob es langfristig gesehen nicht besser wäre, ein gewisses Maß an Unvollkommenheit für eine Zeit hinzunehmen, als einen wesentlichen Teil des Wettbewerbs einfach zu unterbinden. Denn das Marktversagen in Form unbefriedigter Nachfrage ist u. U. lediglich ein temporäres Phänomen, da steigende Nachfrage oder der technische Fortschritt mit der Zeit dazu führen können, dass die Kostenfunktion im relevanten Bereich nicht mehr subadditiv ist. Ähnlich wie im hier behandelten Ein-Produkt-Fall lässt sich in Bezug auf die Gefahr eines ineffizienten Marktzutritts im Mehr-Produkt-Fall argumentieren. Auch für den Mehr-Produkt-Fall ergibt sich letztendlich, dass in gesamtwirtschaftlicher Sicht unerwünschte Marktzutritte zwar grundsätzlich möglich, aber eher unwahrscheinlich sind. Etwas anders liegen die Dinge, wenn dem Monopolisten seitens des Staates bestimmte, in der Regel primär verteilungspolitisch motivierte Vorgaben hinsichtlich seiner Preisstruktur gemacht werden, wie dies beispielsweise im Post- und Fernmeldewesen häufig der Fall ist. Hier gibt es dann aber eine Reihe von Möglichkeiten, um ein ineffizientes ‚Rosinenpicken‘ zu verhindern und trotzdem sicherzustellen, dass die verteilungspolitischen Vorgaben erfüllt werden (siehe hierzu die Ausführungen unter Abschnitt 8.3.2.4.). Als Ergebnis dieser Überlegungen lässt sich festhalten, dass die Einwände gegen Marktzutritte für die Politik weitgehend belanglos sind. Auf bestreitbaren Märkten ist allenfalls kurzfristig mit ruinöser Konkurrenz und Kostenvervielfachung zu rechnen. Marktversagen in Form von unbefriedigter Nachfrage bei natürlichen Monopolen mit im relevanten Bereich steigenden Durchschnittskosten stellt einen Spezialfall dar, der in der Regel nur vorübergehend relevant sein dürfte. Diese Probleme können wohl kaum als hinreichend angesehen werden, um eine Marktzutrittsbeschränkung zu rechtfertigen, denn ein solcher Eingriff zieht wahrscheinlich wesentlich schwerwiegendere Probleme nach sich. 191 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 191 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie 7.3.6 Statische Wohlfahrtsverluste durch Marktmacht: Zusammenfassende Schlußfolgerungen Marktmacht kann zu wesentlichen Einschränkungen der Funktionsfähigkeit von Märkten führen, die dann entsprechende Wohlfahrtseinbußen bewirken. Wesentliche Probleme in statischer Hinsicht sind die Ausbeutung der Nachfrager durch überhöhte Preise bzw. durch eine zu geringe Angebotsmenge. Wie groß die Gefahr eines solchen Marktversagens bei Vorliegen von Unteilbarkeiten tatsächlich ist, hängt wesentlich von der Bestreitbarkeit des betreffenden Marktes ab. Eine entscheidende Determinante der Bestreitbarkeit eines Marktes stellen die mit dem Marktzutritt erforderlichen irreversiblen Aufwendungen bzw. die bei einem Marktaustritt anfallenden Sunk Cost dar. Nur wenn auf dem Markt wesentliche Hindernisse – etwa in Form hoher irreversibler Aufwendungen – für den Marktzutritt neuer Anbieter bestehen, ist mit Funktionsproblemen zu rechnen, die dann ein staatliches Eingreifen wünschenswert machen. Führen Unteilbarkeiten zu einem natürlichen Monopol, so sollte die Politik darauf achten, dass der Monopolbereich möglichst auf die durch Subadditivität und geringe Bestreitbarkeit gekennzeichnete Produktionsstufe beschränkt bleibt und nicht unnötig auf vor- und/oder nachgelagerte Wertschöpfungsstufen ausgedehnt wird. Insbesondere sollte auch möglichen Veränderungen von Unteilbarkeits- Phänomenen im Zeitablauf Rechnung getragen werden. So kann sich das Ausmaß an Subadditivität (etwa durch entsprechenden technischen Fortschritt oder zunehmende Nachfrage) derart reduzieren, dass heute bestehende natürliche Monopole schon morgen obsolet sind. Das Ausmaß an irreversiblen Investitionen, welche für die Aktivität auf einem bestimmten Markt erforderlich sind, bzw. die bei einem Marktaustritt anfallenden Sunk Cost sind wesentlich durch die Produktionsweise sowie die relativen Faktorpreise geprägt und unterliegen Wandlungen, welche bisherige staatliche Interventionen überflüssig machen oder neuen Handlungsbedarf entstehen lassen können. 7.4 Dynamische Sicht: Unternehmensgröße, Marktstruktur und Innovation In der Diskussion um mögliche Effekte von Unternehmensgröße und Marktmacht spielen insbesondere auch die Auswirkungen auf die Innovationsaktivitäten der Akteure eine wesentliche Rolle. Dabei wird häufig ein positiver Zusammenhang zwischen Größe bzw. Marktmacht und der Erfüllung der Innovationsfunktion des Wettbewerbs vermutet. Den Ausgangspunkt dieser Diskussion bilden zwei Aussagen dar, die mit dem Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) in Verbindung gebracht werden. Diese beiden Aussagen werden allgemein als „Schumpeter- Hypothesen“, gelegentlich auch als „Neo-Schumpeter-Hypothesen“ bezeichnet. Die Schumpeter-Hypothese I vermutet einen Innovationsvorteil von Großunternehmen. Hieraus wird dann ein besonders hoher Beitrag von Großunternehmen für die Erfüllung der Innovationsfunktion des Marktes abgeleitet. Die Schumpeter- Hypothese II bezieht sich nicht auf Unternehmensgröße, sondern auf die Konzen- Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 192 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 192 tration auf der Angebotsseite des Marktes und behauptet, dass Marktmacht für die Innovationsleistung von Unternehmen förderlich ist. Hieraus wird dann gefolgert, dass die Politik Marktmacht nicht bekämpfen, sondern im Interesse der Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs zulassen oder sogar fördern sollte. 7.4.1 Schumpeter-Hypothese I: Haben Großunternehmen Innovationsvorteile? Die Ansicht, dass größere Unternehmen im Innovationsbereich wesentliche Vorteile gegenüber den Kleinunternehmen aufweisen, ist in der Wirtschaft und unter politischen Entscheidungsträgern weit verbreitet. So werden Zusammenschlüsse großer Unternehmen häufig damit begründet, dass dies wesentlicher Vorteile im Bereich von Innovationsaktivitäten mit sich bringe. Gelegentlich hat die Politik sogar die Unternehmenskonzentration gefördert mit dem Ziel, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang die Schumpeter-Hypothese I, die besagt, dass die Innovationstätigkeit mit der Unternehmensgröße überproportional zunimmt! Dies würde bedeuten, dass Großunternehmen einen höheren Anteil Ihres Budgets für Forschung und Entwicklung (FuE) verwenden als Kleinunternehmen. Für diese Behauptung werden im Wesentlichen drei Arten von Gründen angeführt: •• Erstens, Kostenvorteile großer Einheiten bei der Durchführung von FuE-Aktivitäten. Solche Kostenvorteile können etwa durch Fixkosten-Degression bei der Auslastung von Laboreinrichtungen entstehen oder durch Größenvorteile beim Ressourcenzugang, etwa auf dem Arbeitsmarkt und bei der Beschaffung von Kapital (z. B., niedrigere Zinsen für Großunternehmen, besseres Möglichkeiten zur Beschaffung von Fremdkapital). •• Zweitens, die Existenz stochastischer Größenvorteile. Solche stochastischen Grö- ßenvorteile im FuE-Bereich kommen insbesondere durch die mit Innovationsprojekten verbundenen Unsicherheiten zustande: Forschungsprojekte sind mit dem Risiko des Scheiterns verbunden etwa weil die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen, der verfolgte Ansatz sich als Irrweg herausstellt oder die Innovation von den Nachfragern nicht angenommen wird. Großunternehmen, die relativ viele FuE-Projekte durchführen, können ein solches Risiko aufgrund des Gesetzes der großen Zahl wesentlich genauer kalkulieren und leichter ökonomisch verkraften als Kleinunternehmen, die nur vergleichsweise wenige Innovationsprojekte verfolgen. •• Drittens haben Großunternehmen in der Regel Vorteile im Absatzbereich. Da große Unternehmen über einen relativ umfangreichen Kundenstamm und entsprechend große Absatzorganisationen verfügen, haben sie im Vergleich zu Kleinunternehmen bessere Möglichkeiten, eine Innovation schnell am Markt durchzusetzen und durch Verkauf großer Stückzahlen in relativ kurzer Zeit hohe Rückflüsse zu realisieren. Gegen die Existenz eines generellen Vorteils von Großunternehmen im FuE- Bereich spricht, dass auch erhebliche Größennachteile bestehen können. In diesem Zusammenhang sind insbesondere Koordinationsprobleme und Inflexibilität 193 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 193 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie großer Organisationen zu nennen, die zu Ineffizienz und Motivationsproblemen der Mitarbeiter führen. Auch kann es durch Bürokratisierung des Innovationsmanagements in Großunternehmen u. U. dazu kommen, dass man sich vor allem auf vermeintlich sichere Innovationsprojekte (z. B. Weiterentwicklung etablierter Konzepte) konzentriert und vergleichsweise riskante Projekte, die grundlegende Neuerungen versprechen, auf der Strecke bleiben. Als Beleg hierfür kann etwa die Beobachtung gelten, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der radikalen Innovationen, also der besonders grundlegenden Neuerungen, die sich am Markt durchgesetzt haben, nicht von etablierten Anbietern, sondern von neugegründeten Unternehmen eingeführt worden sind. Beispiele für radikale Innovationen, die von neu gegründeten Unternehmen eingeführt wurden, sind etwa das Flugzeug, der Fotokopierer, der Kreiselkompass, der Mikrocomputer, der Mikroprozessor, der integrierte Schaltkreis, die Sofortbild-Kamera, das synthetische Insulin, das Stranggießen und viele mehr. Auch die Herausbildung der Internet-Economy Anfang der 1990er Jahre stellt ein Beispiel für grundlegende Neuerungen dar, die im Wesentlichen von neu gegründeten Unternehmen und nicht von etablierten Firmen eingeführt worden sind. Radikale Innovationen durch neu gegründete Unternehmen sind vorwiegend ein Phänomen junger Märkte in den frühen Phasen des Produkt-Lebenszyklus. Nicht selten haben neue Unternehmen durch radikale Innovationen neue Märkte überhaupt erst initiiert. Die empirische Forschung hat gezeigt, dass Kleinunternehmen dazu tendieren, eher relativ risikolose Innovationen in kleinen Schritten durchzuführen. Ein Beispiel hierfür sind Verbesserungen in Form geringfügiger Änderungen von Konstruktion bzw. Produktionsweise, die vor allem aus der Fertigungserfahrung hervorgehen („Werkstattinnovationen“) und nicht auf expliziten FuE-Aufwendungen beruhen. Dabei kann es dann durchaus sein, dass in Folge einer Vielzahl kleinerer Änderungen ein grundlegend verbessertes Produkt entsteht. Demgegenüber unterhalten Großunternehmen eher eigene FuE-Abteilungen, in denen auch umfangreichere und grundlegendere Änderungen angegangen werden. Während ein nicht unerheblicher Anteil der Kleinunternehmen keine speziellen FuE-Aktivitäten unternimmt, führen ab einer bestimmten Größe so gut wie alle Unternehmen Innovationsaktivitäten durch. Allerdings konnte in den diversen empirischen Untersuchungen hierzu keine allgemeine Tendenz zu einer überproportionalen Zunahme der Innovationstätigkeit mit der Unternehmensgröße festgestellt werden. Vielmehr verhält sich der Anstieg der FuE-Aufwendungen knapp in etwa proportional zur Größe, d. h. die Größenelastizität der FuE-Aufwendungen weist in vielen Wirtschaftszweigen ungefähr den Wert 1 auf oder liegt etwas darunter. Berechnet man eine Innovationsproduktivität indem man die Anzahl der Innovationen (Innovations- Output) durch den entsprechenden Innovationsinput (z. B. Umfang der eingesetzten Mittel, Anzahl der FuE-Beschäftigten) dividiert, so zeigt sich in der Regel sogar, dass die Innovationsproduktivität bei den Kleinunternehmen höher ausfällt als bei den großen. Dies könnte eventuell dahingehend aufgefasst werden, dass Kleinunternehmen gegenüber großen Firmen in Bezug auf Innovationsaktivität nicht im Nachteil, sondern sogar im Vorteil sind. Eine genauere Analyse der Zusammenhänge (siehe den Anhang zu diesem Kapitel) zeigt allerdings einen wesentlichen Nachteil der Kleinunternehmen im Innovationsbereich auf. Dieser Nachteil besteht darin, dass Kleinunternehmen aufgrund relativ niedriger Stückzahlen ein geringeres Ausmaß an Rückflüssen für ihre Innovationsaktivitäten realisieren können als Großunternehmen, die in Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 194 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 194 der Regel höhere Stückzahlen absetzen. Hohe Stückzahlen und entsprechend hohe Rückflüsse für Innovationsaktivitäten können von Großunternehmen etwa dann realisiert werden, wenn es sich bei den Innovationen um verbesserte Versionen etablierter Produkte handelt oder wenn mit neuen Produktionsverfahren relativ große Mengen gefertigt werden können. Aufgrund vergleichsweise hoher Rückflüsse infolge großer Stückzahlen können Großunternehmen pro Einheit des eingesetzten FuE-Inputs mehr verdienen. Dies ermöglicht es ihnen, relativ aufwändige FuE-Projekte anzugehen, die für Kleinunternehmen aufgrund der zu erwartenden geringen Absatzmenge nicht profitabel sind. Entsprechend liegt die Domäne der Kleinunternehmen bei wenig aufwändigen F&E-Projekten. Misst man den Innovations-Output anhand der Anzahl der Innovationen oder der Erfindungen (z. B. Anzahl der Patente), so ergibt sich dann für die Kleinunternehmen rein statistisch häufig eine höhere Innovationsproduktivität. Als Ergebnis dieser Überlegungen zeigt sich, dass die Großunternehmen, trotz einer höheren durchschnittlichen Innovationsproduktivität der Kleinunternehmen, letztendlich im Vorteil sind. Insbesondere können sie auch solche Innovationsprojekte profitabel durchführen, die für Kleinunternehmen nicht lohnen (siehe den Anhang zu diesem Kapitel). Auch wenn dieses Ergebnis einerseits sehr überzeugend erscheint, so sollte man andererseits die Vorteile von Großunternehmen im Innovationsbereich nicht überschätzen. Jedenfalls sind solche Vorteile nicht derart gravierend, dass Großunternehmen sich generell als wirtschaftlich erfolgreicher erweisen als die Kleinunternehmen. Denn wäre dies der Fall, so müsste die durchschnittliche Unternehmensgröße in der Wirtschaft ansteigen. Empirische Untersuchungen zeigen aber, dass von einem allgemeinen Trend hin zu Großunternehmen keine Rede sein kann. Gegen eine generelle Überlegenheit von Großunternehmen im Innovationsbereich spricht insbesondere auch die bereits erwähnte Beobachtung, dass es immer wieder hochinnovative neugegründete Unternehmen gibt, die mit einer sehr geringen Größe starten und dabei den etablierten Großunternehmen wirksam Konkurrenz machen. Auch die Vielzahl von Beispielen mittelständischer Unternehmen, die über viele Jahrzehnte die Position eines Weltmarktführers innehaben, spricht gegen eine durchgehende Überlegenheit von Großunternehmen im Innovationsbereich. Tatsächlich sind Klein- und Großunternehmen häufig auf unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Feldern innovativ tätig, so dass bis zu einem gewissen Grad von einem komplementären Verhältnis ausgegangen werden kann. Das Verhältnis zwischen Groß- und Kleinunternehmen wird nicht zuletzt von den Charakteristika des jeweiligen Marktes geprägt. Während kleine und mittelgro- ße Unternehmen vor allem auf relativ jungen Märkten erfolgreich konkurrieren können, weisen Großunternehmen häufig auf alt-etablierten Märkten eine starke Stellung auf, insbesondere dann, wenn für die Produktion Subadditivitäten der Kostenfunktion von erheblicher Bedeutung sind (Beispiel: Automobilindustrie). 195 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 195 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie 7.4.2 Schumpeter-Hypothese II: Innovation und Marktmacht 7.4.2.1 Grundaussage Die Schumpeter-Hypothese II besagt, dass die Innovationsanstrengungen von Unternehmen mit der Marktkonzentration auf der Anbieterseite zunehmen. Als Begründung hierfür wird zum einen angeführt, dass marktmächtige Unternehmen über bessere Möglichkeiten verfügen, ihre Innovationen vor schneller Imitation zu schützen und somit relativ hohe Pioniergewinne realisieren können. Dementsprechend sei ihr Anreiz zum Innovieren höher als bei Unternehmen mit nur geringer Marktmacht. Zum anderen wird argumentiert, dass die finanziellen Spielräume, die durch monopolistische Gewinne entstehen, die Durchführung aufwändiger oder relativ risikoreicher Innovationsprojekte begünstigen oder sogar erst die finanziellen Voraussetzungen für solche Projekte schaffen. Diese Argumente lassen allerdings außer Acht, dass gerade vom Wettbewerbsdruck starke Innovationsanreize ausgehen können. Da dieser Stimulus bei marktmächtigen Unternehmen im Zweifel eher relativ schwach ausfällt, kann dies auch zu entsprechend geringer Innovationsleistung bzw. zu „Schlafmützigkeit“ führen. In der Wettbewerbstheorie ist der Zusammenhang zwischen Marktkonzentration und Innovationsverhalten vom sogenannten Marktstrukturansatz intensiv beleuchtet worden. Unter dem Begriff Marktstrukturansatz fasst man eine Gruppe von Theorien und Theoremen zusammen, die einen Zusammenhang zwischen der Marktstruktur und der Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs behaupten. Dabei wird diejenige Marktstruktur gesucht, bei der die fünf Wettbewerbsfunktionen – insbesondere die dynamischen Funktionen (rasche Anpassung an wandelnde Rahmenbedingungen, hohe Innovationsleistung; siehe hierzu Abschnitt 1.6) – möglichst gut erfüllt sind. Als repräsentatives Beispiel für den Marktstrukturansatz soll hier das Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität dienen, das insbesondere im deutschsprachigen Raum besonders intensiv diskutiert worden ist. 7.4.2.2 Das Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität als Beispiel Das Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität versucht, diejenige Marktstruktur zu identifizieren, bei der die dynamischen Wettbewerbsfunktionen möglichst gut erfüllt sind. Das Maß für die Wettbewerbsintensität stellt dabei die Geschwindigkeit dar, mit der Vorsprungsgewinne von Innovatoren durch nachahmende Wettbewerber wieder aufgezehrt werden. Der Anreiz zum nachahmenden Wettbewerb wird in diesem Ansatz als „Reaktionsverbundenheit“ bezeichnet. Dabei meint Reaktionsverbundenheit das Ausmaß, in dem ein Marktteilnehmer die Performance seiner Konkurrenten spürt, wie z. B. abnehmende Marktanteile und Gewinne infolge von Leistungssteigerungen anderer Anbieter. Das Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität geht davon aus, dass die Reaktionsverbundenheit auf einem Markt dann am größten ist, wenn nur zwei Anbieter vorhanden sind, die gleichartige Produkte anbieten und damit in direkter Konkurrenz miteinander stehen (homogenes Duopol). Bei dieser Marktform ist die potenzielle Wettbewerbsintensität deshalb am höchsten (vgl. Abbildung 7.15), weil hier ein größerer Marktanteil eines der beiden Wettbewerber direkt zu Lasten Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 196 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 196 des Marktanteils des anderen Wettbewerbers geht. Je mehr Anbieter auf einem Markt präsent sind, desto weniger ist ein zunehmender Marktanteil eines der Wettbewerber für die Konkurrenten spürbar, da sich die entsprechende Abnahme des Marktanteils auf immer mehr Akteure verteilt. In einem Polypol, also einem Markt, der durch eine sehr große Anzahl an Anbietern mit jeweils sehr geringen Marktanteilen gekennzeichnet ist, dürfte die Zunahme des Marktanteils eines einzelnen Anbieters für dessen Konkurrenten nur in sehr geringem Maße spürbar sein, so dass die Reaktionsverbundenheit der Anbieter hier entsprechend gering ausfällt. Folglich wäre im Polypol auch mit nur relativ schwach ausgeprägten Innovationsanreizen zu rechnen, was dann eine nur wenig innovative „Schlafmützenkonkurrenz“ erwarten lässt. Die Vertreter des Konzepts der optimalen Wettbewerbsintensität sehen nun allerdings nicht das homogene Duopol als die anzustrebende Marktform an, sondern führen ein weiteres Argument ins Feld, nämlich die Möglichkeit und Neigung der Markt- Anbieterzahl Wettbewerbsintensität potenzielle Wettbewerbsintensität Homogenes Duopol bei vollkommener Markttransparenz effektive Wettbewerbsintensität weites Oligopol mit funktionsfähiger Wettbewerbsintensität Polypol Abbildung 7.15: Potenzielle und effektive Wettbewerbsintensität In einem Markt mit nur zwei Anbietern (Duopol) führt eine Erhöhung des Markt anteils eines der Anbieter zu einem geringeren Marktanteil des Konkurrenten. Dadurch ist die Reaktionsverbundenheit und somit Intensität des Wettbewerbs relativ hoch. In einem Polypol verteilt sich der Effekt eines steigenden Marktan teils eines Anbieters auf sehr viele Konkurrenten und ist daher deutlich schwächer ausgeprägt; entsprechend ist hier auch nur eine relativ geringe Wettbewerbsin tensität zu erwarten. Da wettbewerbsbeschränkende Absprachen bei einer gerin gen Anzahl von Anbietern vergleichsweise leicht durchführbar sind, kann hier die effektive Wettbewerbsintensität deutlich von der tatsächlichen Wettbewerbsin tensität abweichen. Mit zunehmender Anzahl an Anbietern sind wettbewerbs beschränkende Absprachen immer schwerer zu verabreden und durchzusetzen, so dass sich die effektive an die potenzielle Wettbewerbsintensität annähert. Bei der Marktform des „weiten Oligopols“ ist die effektive Wettbewerbsintensität am stärksten ausgeprägt. 197 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 197 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie teilnehmer zu wettbewerbsbeschränkenden Absprachen. Es wird argumentiert, dass im homogenen Duopol infolge der hohen Reaktionsverbundenheit der Anreiz zu wettbewerbsbeschränkenden Absprachen der Marktteilnehmer untereinander besonders hoch ausfällt. Zudem sei bei dieser Marktform die Wahrscheinlichkeit zu wettbewerbsbeschränkenden Absprachen auch deshalb besonders hoch, weil solche Absprachen bei einer nur geringen Anzahl an Anbietern relativ wenig Aufwand an Transaktionskosten erfordern. Aus diesen Gründen wird die effektive Wettbewerbsintensität im homogenen Duopol als relativ gering eingestuft (Abbildung 7.15). Ausgehend vom Duopol nimmt die Neigung zu wettbewerbsbeschränkenden Absprachen dann mit zunehmender Anzahl an Anbietern aus zwei Gründen ab. Zum einen deshalb, weil die Reaktionsverbundenheit entsprechend sinkt; zum anderen, weil für eine Verabredung wettbewerbsbeschränkender Verhaltensweisen immer höhere Transaktionskosten anfallen. Folglich steigt die effektive Wettbewerbsintensität an und nähert sich immer stärker der potenziellen Wettbewerbsintensität an (Abbildung 7.15). Dieser Verlauf führt dazu, dass die effektive Wettbewerbsintensität bei einer Marktstruktur mit relativ wenigen Anbietern ein Maximum aufweist. Diese Marktstruktur wird als „weites Oligopol“ gekennzeichnet. Die Vertreter des Konzepts der optimalen Wettbewerbsintensität gehen davon aus, dass in einem weiten Oligopol die Wettbewerbsfunktionen, insbesondere die Innovationsfunktion, besonders gut erfüllt sind. Sie vertreten daher die Ansicht, dass die Wettbewerbspolitik versuchen sollte, die Marktform des weiten Oligopols anzustreben bzw. zu tolerieren. Insofern stellt dieses Konzept eine Weiterentwicklung und Verfeinerung der Schumpeter-Hypothese II dar. Das Argument der Reaktionsverbundenheit bezieht sich ausschließlich auf die Verhaltensanreize für bereits am Markt etablierte Unternehmen. Dabei bleibt außer Acht, dass in der Realität ein wesentlicher Teil der Anpassung an sich wandelnde Rahmenbedingungen auf Unternehmensfluktuation, also auf Unternehmensgründungen und -stilllegungen, beruht. Im Rahmen der Anpassung durch Unternehmensfluktuation werden etablierte Anbieter, die sich nicht als hinreichend anpassungsfähig erweisen, durch Konkurrenten verdrängt. Entsprechend kann gerade auch die Konkurrenz durch neu in den in den Markt eintretende Wettbewerber wesentlich Anpassungen seitens der Etablierten bewirken. Insbesondere für die Erfüllung der Innovationsfunktion können Unternehmensgründungen eine wesentliche Rolle spielen. Aus diesem Grunde dürfte der Marktstrukturansatz für solche Märkte relativ geringe Relevanz haben, die durch ein hohes Maß an Gründungsaktivitäten und Unternehmensfluktuation gekennzeichnet sind. In einer Vielzahl von empirischen Studien wurde versucht, den Zusammenhang zwischen Unternehmenskonzentration und Niveau der Innovationsaktivitäten auf einem Markt zu ermitteln. Dabei wird die Identifikation eines solchen Zusammenhanges dadurch erschwert, dass sowohl die Marktstruktur wie auch das Niveau der Innovationsleistung auf einem Markt kaum eindeutig gemessen werden können. Beispielsweise setzt die Bestimmung der Marktstruktur die zutreffende Abgrenzung des relevanten Marktes voraus (vgl. hierzu Abschnitt 9.4). Innovationsaktivitäten lassen sich empirisch nur ungenau identifizieren, wobei häufig auch produktspezifische Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Solche Messprobleme könnten mit dafür verantwortlich, dass viele empirische Untersuchungen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Unternehmenskonzentration und Innovationsaktivitäten identifizieren konnten. Sofern in solchen Untersuchungen überhaupt ein Zusammenhang erkennbar wurde, zeigt sich ein umgekehrt Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 198 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 198 u-förmiger Verlauf, wie er von den Vertretern des Konzepts der optimalen Wettbewerbsintensität behauptet wird. Allerdings ist dieser Zusammenhang nur sehr schwach ausgeprägt und kann maximal drei bis vier Prozent der Unterschiede im Niveau der Innovationsaktivitäten von Märkten erklären. Dies bedeutet, dass andere Faktoren als die Marktmacht einen wesentlich stärkeren Einfluss auf das Ausmaß der Innovationsaktivitäten haben. Dieser relativ geringe Stellenwert von Marktmacht als Determinante der Innovationsaktivitäten dürfte sicherlich nicht als ausreichend anzusehen sein, um entsprechende wirtschaftspolitische Eingriffe in die Marktstruktur zu rechtfertigen! 7.4.3 Schlussfolgerungen zum Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße, Marktstruktur und Innovation Zusammenfassend kann man feststellen, dass es – wie von den Schumpeter- Hypothesen behauptet – durchaus Zusammenhänge zwischen Unternehmensgrö- ße, Marktkonzentration und Innovationsverhalten gibt. Allerdings sollten diese Zusammenhänge keinesfalls überwertet werden. In Bezug auf die Schumpeter- Hypothese I zeigt sich, dass Großunternehmen durchaus Vorteile im Innovationsbereich aufweisen, diese Vorteile aber nicht zu einer generelle Überlegenheit von Großunternehmen führen. Dies lässt sich etwa daran erkennen, dass Kleinunternehmen, insbesondere auch neu gegründete Unternehmen, den großen Anbietern im Wettbewerb vielfach durchaus wirkungsvoll Paroli bieten können. Hinsichtlich eines möglichen Einflusses der Marktkonzentration auf die Innovationsleistung kann festgehalten werden, dass dieser Zusammenhang – sofern vorhanden – derart schwach ausgeprägt ist, dass sich hieraus kaum eine Begründung für ein Einwirken auf die Marktkonzentration durch die Politik ableiten lässt. Bemerkenswert am Marktstrukturansatz ist insbesondere, dass – ebenso wie im Modell der vollständigen Konkurrenz – ein polypolistisch strukturierter Markt nicht als ideales Umfeld für dynamische Effizienz angesehen wird (siehe hierzu auch Abschnitt 3.1.3). 7.5 Schlussbemerkung zu Größenvor- und -nachteilen Eine Hauptursache von Marktmacht stellen Größenvorteile dar, die auf Unteilbarkeiten beruhen. Bei stark ausgeprägten Unteilbarkeiten bzw. Subadditivitäten der Kostenfunktion kann es dazu kommen, dass auf dem betreffenden Markt unter Wettbewerbsbedingungen nur ein einziger Anbieter rentabel wirtschaften kann (natürliches Monopol). Bei weniger stark ausgeprägten Subadditivitäten ist die Anzahl der Anbieter u. U. auf einige wenige Unternehmen beschränkt (Oligopol). Marktmacht kann zu wesentlichen statischen Wohlfahrtsverlusten führen, für die Innovationsleistung des Marktes allerdings auch von Vorteil sein. Diese vielfältigen Wirkungen von Marktmacht machen für die Wirtschaftspolitik – etwa im Rahmen der Fusionskontrolle (siehe hierzu Abschnitt 9.6) – u. U. ein Abwägen von Vor- und Nachteilen erforderlich, wobei sich insbesondere das Problem stellt, die Innova tionsleistungen konkret zu erfassen und zu bewerten. Natürlich hängt das Ergebnis einer solchen Abwägung letztendlich immer von den konkreten 199 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 199 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie Ausprägungen des jeweiligen Einzelfalles ab. Die empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße, Marktmacht und Innovation legen allerdings den Schluss nahe, dass und Innovationsvorteile großer und marktmächtiger Unternehmen in der Regel nicht als dominant einzustufen sind. Insbesondere sollten solche eventuell bestehenden Vorteile von Größe und Marktmacht die Wirtschaftspolitik nicht davon abhalten, vorhandene Machtstellungen klar zu begrenzen und entschlossen gegen einen Missbrauch bestehender Marktmacht vorzugehen. Dies beinhaltet insbesondere auch, die Bestreitbarkeit von Märkten durch neu eintretende Wettbewerber sicherzustellen. Übungsaufgaben zu Kapitel 7 1. Erläutern Sie mögliche Ursachen für einen subadditiven Kostenverlauf bei der Produktion eines Gutes. Nennen Sie mögliche Ursachen für das Auftreten von Economies of Scope. 2. Nennen Sie drei Faktoren, die bei einer nicht durch Subadditivität geprägten Kostenfunktion zu Marktmacht führen können! 3. Was versteht man unter einem natürlichen Monopol? Warum ist es bei Vorliegen einer solchen Konstellation volkswirtschaftlich erwünscht, dass es nur einen Anbieter gibt? Welche Umstände können zur Auflösung eines natürlichen Monopols führen? 4. Diskutieren Sie, unter welchen Umständen sich aus dem Vorliegen von Economies of Scope ein natürliches Monopol ergibt. 5. Erläutern Sie, weshalb bei sinkenden Durchschnittskosten die Befolgung der Grenzkosten = Preis-Regel mit einem Defizit für den Anbieter verbunden wäre! 6. Wieso realisiert ein Monopolist sein Gewinnmaximum bei der Angebotsmenge, bei der die Grenzkosten gleich dem Grenzerlös sind? 7. Leiten Sie den Verlust an Konsumentenrente und an sozialem Überschuss ab, der sich bei Cournot-Preisbildung im Vergleich zur Befolgung der Grenzkosten = Preis-Regel ergibt! 8. Erläutern Sie, welche Menge ein gewinnmaximierender Monopolist anbieten wird, wenn er über die Möglichkeit zur Preisdifferenzierung ersten oder zweiten Grades verfügt. Inwiefern kann es hierbei zu Allokationsproblemen kommen? Aus welchen Grunde besteht u. U. wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf? 9. Was spricht für, was spricht gegen eine besondere Innovationsleistung von Monopolen? 10. Aus welchen Gründen ist auf oligopolistischen Märkten mit einer besonderen Tendenz zu Absprachen der Anbieter zu rechnen? 11. Was sind Sunk Cost? Was unterscheidet sie von den Fixkosten? 12. Diskutieren Sie, inwiefern ein Unternehmen die Sunk Cost bei der Preiskalkula tion berücksichtigen sollte! 13. Von welchen Faktoren hängt das Ausmaß der Bestreitbarkeit von Märkten ab? 14. Erläutern Sie, wieso bei Vorliegen ausgeprägter irreversibler Kostenbestandteile allenfalls mit einem innovativen Marktzutritt zu rechnen ist. 15. Wieso ist das Eintreten von Kostenvervielfachung und ruinöser Konkurrenz durch nichtinnovativen Marktzutritt eher unwahrscheinlich? 16. Diskutieren Sie die Problematik der Errichtung von Marktzutrittsschranken in einer Konstellation, wo infolge des Vorliegens von Unteilbarkeiten die Gefahr der Unterversorgung besteht. Was spricht dafür, auf solche Marktzutrittsschranken zu verzichten und die Gefahr der Unterversorgung hinzunehmen? 17. Was ist die Grundaussage der Schumpeter-Hypothese I ? Wie wird diese Behauptung begründet? Was ist dagegen einzuwenden? 18. Erläutern Sie, aus welchem Grunde Großunternehmen vermutlich dazu in der Lage sind, höhere Rückflüsse für ihre FuE-Aufwendungen zu realisieren als kleinere Unternehmen? 19. Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass kleine Unternehmen im Durchschnitt mehr Innovationen pro FuE-Beschäftigten hervorbringen als große Unternehmen. Ist dieses Ergebnis so zu interpretieren, dass kleine Unternehmen in Bezug auf Innovationsaktivitäten gegenüber größeren Unternehmen im Vorteil sind? Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 200 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 200 20. Wie wird die mit der Schumpeter-Hypothese II aufgestellte Behauptung begründet, dass Marktmacht eine wichtige Voraussetzung für eine hohe Innovationsleistung von Unternehmen darstellt? Nennen Sie Gegenargumente! 21. Wie begründen die Vertreter des Konzeptes der optimalen Wettbewerbsintensität, dass in einem polypolistisch strukturierten Markt mit einer nur geringen Innovationsleistung („Schlafmützenkonkurrenz“) zu rechnen ist? Inwiefern unterscheidet sich die Argumentation von der Kritik am Modell der vollständigen Konkurrenz, die ebenfalls behauptet, dass die Innovationsleistung des Marktes bei Erfüllung der Bedingungen des Modells nur relativ gering ausfällt? Literaturhinweise zu Kapitel 7 Einen Überblick über das Marktversagens-Problem aufgrund von Unteilbarkeiten und Marktmacht geben Train (1997, 1–17), Berg/Tschirhart (1988, 21–44), Viscusi/Vernon/Harrington (2005, 337–358) sowie Knieps (2008). Das Phänomen der steigenden Skalenerträge wird in so gut wie allen gängigen mikroökonomischen Lehrbüchern behandelt. Das Konzept der Subadditivität von Kos tenfunktionen wurde von Baumol u. a. entwickelt; vgl. hierzu Baumol (1977) und Baumol/Panzar/Willig (1988). Zu einer Lehrbuchdarstellung siehe Knieps (2008, 23–28). Die Cournot-Preisbildung im Monopol wird in den meisten Lehrbüchern der Mikroökonomik behandelt, wobei allerdings fast immer nur der Fall steigender Grenz- und Durchschnittskosten dargestellt wird; zur Cournot-Preisbildung bei fallenden Durchschnittskosten siehe etwa Wied-Nebbeling (2009, 38 f.). Allgemein zur Preisdifferenzierung erster, zweiter und dritter Ordnung siehe etwa Frank (2010) und Wied-Nebbeling (2004, 40–52). Zu Besonderheiten oligopolistischen Wettbewerbs siehe Frank (2010, Chapter 13) sowie insbesondere Wied-Nebbeling (2009, 125–266). Zur Theorie der bestreitbaren Märkte siehe Baumol/Panzar/Willig (1988). Das Innovationsverhalten von kleinen und großen Unternehmen wird von Acs und Audretsch (1988) analysiert. Cohen und Klepper (1996) geben einen Überblick über die empirischen Befunde zur Schumpeter-Hypothese I und entwickeln einen theoretischen Erklärungsrahmen für die Befunde. Siehe hierzu insbesondere auch den Anhang zu diesem Kapitel. Die empirische Evidenz zur Schumpeter-Hypothese II behandelt Cohen (1995). Baumol (2004) gibt diverse Beispiele für radikale Innovationen, die von neugegründeten Unternehmen eingeführt wurden. Das Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität wurde von Kantzenbach (1967, 1975) entwickelt. Zu einer Lehrbuch-Darstellung siehe Herdzina (1999, 33–46) sowie auch Schmidt/ Haucap (2013, 14–17). Anhang zu Kapitel 7 Ein Modell der Innovationsanreize von kleinen und großen Unternehmen Das nachfolgend dargestellte Modell kann auf einfache Art erklären, warum kleinere Unternehmen eine relativ hohe Produktivität ihrer Innovationsaufwendungen aufweisen können, aber dennoch im Innovationsprozess gegenüber größeren Unternehmen im Nachteil sind. Der ökonomische Effekt der FuE-Aktivitäten für das innovierende Unternehmen (Innovations-Output) kann als Veränderung der Gewinnspanne, also der Differenz zwischen dem Verkaufspreis und den mit der Bereitstellung des Gutes verbundene Kosten (price-cost margin), dargestellt wer- 201 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 201 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie den. Diese Darstellungsweise hat den Vorteil, dass hiermit sowohl Produkt- als auch Verfahrensinnovationen in vergleichbarer Weise abgebildet werden. Verfahrensinnovationen, also Verbesserungen der Produktionsweise, schlagen sich häufig in einem Rationalisierungseffekt nieder, d. h. das betreffende Gut kann kostengünstiger erstellt werden, so dass die Gewinnspanne bei gegebenem Preis höher ausfällt. Produktinnovationen, die mit einer höheren Qualität des betreffenden Gutes verbunden sind, führen in der Regel zu einer entsprechend höheren Zahlungsbereitschaft der Nachfrager, so dass die Gewinnspanne infolge eines höheren Preises (bei gegebenen Produktionskosten) ebenfalls ansteigt. Der Zusammenhang zwischen den FuE-Aufwendungen (r) und ihrem ökonomischen Ertrag, dem Anstieg der Gewinnspanne, sei durch eine Innovationsproduktionsfunktion gegeben, wie sie in Abbildung A7.1 dargestellt ist. Dabei wird unterstellt, dass Innovations-Output einen entsprechenden FuE-Input erfordert und die sich ergebende Erhöhung der Gewinnspanne mit dem Niveau des Innovationsaufwandes ansteigt, d.h. pc (0) = 0 und pc‘ (r) > 0. Weiterhin sei der Verlauf des Zusammenhangs zwischen Innovations-Input und Innovations-Output durch abnehmende Grenzproduktivitäten geprägt, d. h. mit dem Niveau der FuE-Aufwendungen nehmen die durch zusätzlichen Input erzielbaren Zuwächse der Gewinnspanne ab, es gilt also. pc‘‘ (r) < 0. FuE-Aufwand (r) Gewinnspanne (pc) pc (r) Abbildung A7.1: Der Zusammenhang zwischen Innovations Input und Innovations Output (Innovationsproduktionsfunktion) Die innovationsproduktionsfunktion beruht auf der Annahme, dass Innovations Output einen entsprechenden Innovations Inputerfordert. Das Maß für den Innovations Output ist hier die Erhöhung der Gewinnspanne (pc), die sich durch eine kostengünstigere Produktion (Verfahrensinnovation) oder aufgrund der Durchsetzung eines höheren Preises (Produktinnovation) ergibt. Dabei wird üb licherweise eine abnehmende Grenzproduktivität des FuE Aufwands unterstellt. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 202 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 202 Der Erlös einer Innovation (E) stehe in einem proportionalen Zusammenhang mit der Absatzmenge (q); d. h. E = pc (r) · q. Dies bedeutet nichts anderes, als dass große Unternehmen mit großen Absatzmengen bei einer gegebenen Erhöhung der Gewinnspanne höhere Erlöse realisieren als Kleinunternehmen, was dann höhere FuE-Aufwendungen induziert. Ordnet man alternative Innovationsprojekte entsprechend der erwarteten Erhöhung der Gewinnspanne wie in Abbildung A7.2 beginnend mit dem Projekt mit der höchsten Gewinnspanne an, so werden Kleinunternehmen nur die Projekte mit relativ hohen erwarteten Steigerungen der Gewinnspanne realisieren (z.B. Projekte A und B in Abbildung A7.2), während für mittelgroße und große Unternehmen auch Projekte mit einer geringeren erwarteten Steigerung der Gewinnspanne lohnend sind (z. B. A bis E in Abbildung A7.2 für mittelgroße Unternehmen bzw. A bis J für Großunternehmen). Hieraus folgt, dass Kleinunternehmen deshalb eine höhere Produktivität von FuE- Aufwendungen aufweisen, weil sie sich auf wenig aufwändige Projekte mit hoher Grenzproduktivität beschränken müssen, bei denen eine bestimmte Steigerung der Gewinnspanne bereits mit relativ geringem FuE-Aufwand erreicht werden kann. Großunternehmen sind demgegenüber dazu in der Lage, auch aufwändigere Projekte durchzuführen, bei denen ein höherer FuE-Aufwand zum Erreichen einer FuE-Aufwand (r) Erhöhung der Gewinnspanne (pc’) Projekte Kleinunternehmen (A+B) Projekte mittelgroßes Unternehmen (A bis E) Projekte Großunternehmen (A bis J) A B C D E F G H I J Abbildung A7.2: Der Effekt abnehmender Grenzproduktivität des FuE Inputs (r) auf die Innovationsaktivitäten kleiner, mittelgroßer und großer Unternehmen Aus der Annahme abnehmender Grenzproduktivität des FuE Inputs folgt, dass die bewirkte Erhöhung der Gewinnspanne (pc) bei zunehmendem FuE Aufwand immer geringer wird. Aus diesem Grund sind für kleine Unternehmen nur die Projekte sinnvoll, die mit einer relativ starken Steigerung der Gewinnspanne verbunden sind. Große Unternehmen können hingegen auch solche Projekte profitabel durchführen, die nur eine vergleichsweise geringe Steigerung der Gewinnspanne bewirken. 203 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 203 7. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und  Marktmacht: Theorie gegebenen Steigerung der Gewinnspanne erforderlich ist; folglich fällt ihre durchschnittliche FuE-Produktivität geringer aus. Sie können solche Innovationprojekte profitabel realisieren, die für kleinere Unternehmen nicht wirtschaftlich sind. Dies impliziert dann auch, dass Art und Anzahl der in einer Industrie verfolgten Innovationsprojekte nicht nur von den getätigten FuE-Ausgaben, sondern auch von der Größenstruktur der betreffenden Unternehmen abhängen. Übungsaufgaben zum Anhang zu Kapitel 7 1. Erläutern Sie, weshalb die Gewinnspanne als Maß für das Ausmaß sowohl von Produktinnovationen als auf für Verfahrensinnovationen angesehen werden kann. 2. Nennen Sie zwei zentrale Annahmen, die der Innovationsproduktionsfunktion zu Grunde liegen. 3. Worin besteht in dem Modell von Cohen und Klepper der entscheidende Grund dafür, dass der ökonomische Ertrag einer Innovation bei gegebener Gewinnspanne für Großunternehmen höher ausfällt? Halten Sie die zu Grunde liegende Annahme für realistisch? 4. Erläutern Sie, inwiefern ein Zusammenhang zwischen der Größenstruktur der in einer Branche tätigen Unternehmen, dem Umfang der Innovationstätigkeit und der Art der durchgeführten Innovationsprojekte besteht. Welchen besonderen Beitrag leisten die Großunternehmen zur Innovationsleistung des Marktes? Literaturhinweise zum Anhang zu Kapitel 7 Die hier dargestellten Überlegungen geben in stark vereinfachter Form die Modelle von Cohen/Klepper (1996) sowie von Klepper (1996) wieder. Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 204 8. Marktversagen infolge von Unteilbarkeiten und Marktmacht: Wirtschaftspolitische Eingriffsmöglichkeiten Für die Wirtschaftspolitik gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, mit den durch Unteilbarkeiten und Marktmacht hervorgerufenen Problemen umzugehen. Im Folgenden werden zunächst solche Maßnahmen behandelt, die auf den Marktzutritt bzw. die Bestreitbarkeit eines Marktes gerichtet sind (Abschnitt 8.2). Daran anschließend wird eine Übersicht über die verschiedenen Methoden und Probleme bei der Regulierung ‚natürlicher‘ Monopole gegeben (Abschnitt 8.3). 8.1 Alternative wirtschaftspolitische Handlungsfelder bei Unteilbarkeitenproblemen Die Analyse möglicher Folgen von Subadditivität für die Funktionsweise von Märkten (Kapitel 7) hat gezeigt, dass die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Eingriffe bei Problemen der Marktmacht im wesentlichen von zwei Faktoren abhängt, nämlich •• erstens dem Ausmaß der vorhandenen Größenvorteile und der daraus resultierenden Marktstruktur sowie •• zweitens der Bestreitbarkeit des Marktes. Die angesichts der Kostenverläufe auf lange Sicht maximal mögliche Anbieterzahl auf einem Markt ergibt sich aus der mindestoptimalen Betriebsgröße in Relation zur insgesamt nachgefragten Menge. Dabei macht es einen wesentlichen Unterschied aus, ob Subadditivität zum sogenannten natürlichen Monopol (nur ein Anbieter) führt oder ob die Nachfragemenge ausreicht, um mehreren Unternehmen ein Angebot im Minimum der Durchschnittskosten zu ermöglichen (Oligopol). Existieren auf dem Markt mehrere Anbieter, so können intensive Anreize zu Wettbewerb vorhanden sein, auch wenn die Anzahl der Anbieter sehr gering ist. Allerdings erleichtert eine geringe Anzahl von Marktakteuren auch Absprachen, die eine Beschränkung des Wettbewerbs zur Folge haben (hierzu Abschnitt 7.3.2). Unabhängig von der resultierenden Marktform besteht eine Voraussetzung für eine eingeschränkte Funktionsweise des Marktes infolge von Unteilbarkeitenproblemen darin, dass der betreffende Markt nicht perfekt bestreitbar ist. Entsprechend dem Ansatzpunkt bzw. dem primären Ziel lassen sich drei wirtschaftspolitische Handlungsfelder bei Vorliegen von Machtproblemen unterscheiden, auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Hierbei handelt es sich um •• erstens Maßnahmen, die auf die Marktzutrittsbedingungen und damit auf die Bestreitbarkeit des betreffenden Marktes zielen (Abschnitt 8.2),

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Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.