11 Makroökonomische Theorie in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 510 - 658

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_510

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11 Makroökonomische Theorie Kapitelübersicht 11.1 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 11.2 Der Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 11.2.1 Die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 11.2.1.1 Der private Konsum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 11.2.1.1.1 Kurze Geschichte der Konsumtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509 11.2.1.1.2 Die absolute Einkommenshypothese. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511 11.2.1.1.3 Die Hypothese des permanenten Einkommens . . . . . . . . . . . . . . . 518 11.2.1.2 Die private Investition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520 11.2.1.2.1 Optimaler Kapitalstock und Kapitalstockanpassung . . . . . . . . . . 523 11.2.1.2.2 Die Zinsabhängigkeit der Investition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 526 11.2.1.2.3 Die Einkommensabhängigkeit der Investition . . . . . . . . . . . . . . . . 534 11.2.1.3 Die Nachfrage des Staates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541 11.2.1.4 Die Nachfrage des Auslandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542 11.2.2 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsunabhängiger Investition. . . . . . . . . . 543 11.2.2.1 Komparativ-statische Multiplikatoranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 546 11.2.2.2 Staatstätigkeit im Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 547 11.2.2.3 Das Ausland im Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554 11.2.3 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsabhängiger Investition . . . . . . . . . . . . 556 11.2.3.1 Das IS-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 556 11.2.3.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des IS-Modells . . . . . . . . . . . . . . . . 560 11.3 Der Geldmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1 Geldarten und Geldgesamtheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1.1 Geldarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1.2 Die Geldmenge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569 11.3.2 Das gesamtwirtschaftliche Geldangebot. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 570 11.3.2.1 Der Geldschöpfungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571 11.3.2.2 Grenzen der Geldschöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574 11.3.3 Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584 11.3.3.1 Grundbegriffe der Geldnachfragetheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585 11.3.3.2 Die Quantitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587 11.3.3.2.1 Die ältere Quantitätstheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587 11.3.3.2.2 Die Neoquantitätstheorie des Geldes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590 11.3.3.3 Die keynesianische Liquiditätspräferenz-Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 11.3.3.3.1 Das Transaktionsmotiv. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 595 11 Makroökonomische Theorie502 Lehrziele: Der Leser wurde bereits im einführenden Kapitel 9 mit der Zielsetzung, der Methodik sowie den Hauptgebieten der Makroökonomik vertraut gemacht. Nun wird das Kerngebiet, die Theorie des Volkseinkommens und der Beschäftigung, aufgegriffen und vertieft. Im Zentrum steht die Operationalisierung des Begriffes „gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht“, das das Stabilitätsgesetz der Wirtschafts- und Finanzpolitik des Staates als Zielrahmen vorgibt. Das folgende Kapitel teilt die Analyse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtes in die Analyse der wichtigsten Teilmärkte auf und fügt diese Partialmodelle nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Als erstes wird der Gütermarkt dargestellt. Unter der vorläufigen Annahme eines konstanten Preisniveaus werden die wichtigsten Bestandteile gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, die Gleichgewichtsbildung sowie vor allem wichtige wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen untersucht. Hierbei spielen die Mechanismen des Multiplikators und Akzelerators eine entscheidende Rolle. An zweiter Stelle folgt die Analyse des Geldmarktes. Während das Geldangebot im Wesentlichen von der Zentralbank vorbestimmt wird und somit im weitesten Sinne als marktexogen gelten kann, erfordert die Erklärung der Geldnachfrage einen kurzen 11.3.3.3.2 Das Vorsichtsmotiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 600 11.3.3.3.3 Das Spekulationsmotiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 602 11.3.3.3.4 Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfragefunktion . . . . . . . . . . . . 606 11.3.4 Das Geldmarktgleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 11.3.4.1 Das LM-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 608 11.3.4.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des LM-Modells . . . . . . . . . . . . . . . 612 11.4 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt bei festen Preisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614 11.4.1 Das IS-LM-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614 11.4.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des IS-LM-Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . 617 11.5 Der Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620 11.5.1 Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620 11.5.2 Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624 11.5.3 Das Arbeitsmarktgleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen . . . 635 11.6.1 Die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 635 11.6.2 Das gesamtwirtschaftliche Angebot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 636 11.6.3 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht und wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639 11.6.3.1 Die klassische Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639 11.6.3.2 Die keynesianische Sicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 641 11.6.4 Angebots- und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 642 11.6.4.1 Die klassische Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 642 11.6.4.2 Die keynesianische Sicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 644 11.6.4.3 Die wirtschaftspolitische Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645 11.1 Vorbemerkungen 503 Ausflug in die Geldtheorie. Die Quantitätstheorie und die keynesianische Theorie der Geldnachfrage werden jeweils in ihren Grundzügen dargestellt. Auf dieser Basis kann das monetäre Gleichgewicht einer Volkswirtschaft untersucht sowie grundlegende Mechanismen der Geldpolitik aufgezeigt werden. Die Zusammenführung von Güter- und Geldmarkt zum IS-LM-Modell erlaubt anschließend bereits weit reichende Schlussfolgerungen für mögliche wirtschaftspolitische Strategien. Der dritte Schritt führt auf den Arbeitsmarkt. Auf der Basis der mikroökonomischen Analyse des Arbeitsmarktes (in Abschnitt 5.4) werden nun die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage, das Angebot, sowie die besonderen Bedingungen für ein Gleichgewicht auf diesem wichtigen Faktormarkt untersucht. An dieser Stelle ergeben sich erste Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Arbeitsmenge, gesamtwirtschaftlichem Output und Preisniveau, der im Modell der Phillipskurve beschrieben wird. Schließlich fügt man alle betrachteten Teilmärkte zu einem Gesamtmodell zusammen, wobei die Annahme eines konstanten Preisniveaus endgültig fallen gelassen wird. Der Leser erfährt, wie aus dem IS-LM-Modell in der Kombination mit dem Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen eine gesamtwirtschaftliche Nachfrage- und Angebotsfunktion hergeleitet werden kann. Aus dem resultierenden Totalmodell einer Volkswirtschaft lassen sich dann die beiden Prototypen wirtschaftspolitischer Strategien, nämlich das nachfrageorientierte, eher auf kurzfristige Eingriffe ausgerichtete keynesianische Konzept einerseits sowie das angebotsorientierte, auf die langfristige Verstetigung der Wirtschaftsabläufe fokussierte klassisch-monetaristische Konzept andererseits anschaulich darstellen und miteinander vergleichen. 11.1 Vorbemerkungen Die makroökonomische Theorie (= ex-ante-Analyse) hat das Ziel, auf der Basis systematischer empirischer Beobachtungen (= ex-post-Analyse) gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge so zu erklären, dass daraus Prognosen für die zukünftige Entwicklung der makroökonomischen Größen Volkseinkommen, Beschäftigung und Preisniveau erstellt werden können. Solche Prognosen sind notwendig, um einerseits die Ziele der Wirtschaftspolitik im Sinne des vom Stabilitätsgesetz geforderten gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtes zu formulieren, sowie andererseits auch Maßnahmen vorschlagen zu können, die geeignet sind, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auf diese Ziele auszurichten. Dabei geht es nicht nur darum, die Höhe von Volkseinkommen, Beschäftigung und Preisniveau zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhersagen zu können, sondern auch die Entwicklung dieser Größen in der Zeit ist von großem Interesse. Makroökonomische Theorie beschäftigt sich daher auch mit den für Volkswirtschaften typischen Wachstumsprozessen sowie mit den zyklischen Schwankungen, denen sie immer wieder unterworfen sind. 11 Makroökonomische Theorie504 Makroökonomische Theorie lässt sich grob in drei wichtige Gebiete einteilen: Das vorliegende Kapitel widmet sich ausschließlich der Theorie des Volkseinkommens und der Beschäftigung. Im Zentrum steht dabei der Begriff des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Die gesamtwirtschaftlichen Phänomene sollen mit Hilfe eines möglichst umfassenden Modells so erklärt werden, dass wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können. Die Gesamtwirtschaft zerfällt in verschiedene makroökonomische Teilmärkte, die im Folgenden nacheinander analysiert werden. Die wichtigsten Teilmärkte sind • Gütermarkt • Geldmarkt • Kapitalmarkt • Arbeitsmarkt Schrittweise werden diese Teilmärkte miteinander verknüpft und zu einem makroökonomischen Totalmodell zusammengesetzt, um die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Märkten deutlich machen zu können, wobei in der kurzfristigen Analyse die Frage der Kapitalbildung ausgeklammert und durch eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion mit festem Kapitalstock ersetzt wird. Anhand eines solchen Totalmodells lassen sich sehr einfach die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen und Empfehlungen von Keynesianern und Monetaristen aufzeigen und veranschaulichen. Theorie der Makroökonomie Theorie des Volkseinkommens, des Preisniveaus und der Beschäftigung Konjunkturtheorie Wachstumstheorie Abbildung 11-1: Hauptgebiete der makroökonomischen Theorie 11.2 Der Gütermarkt 505 11.2 Der Gütermarkt Bei der Analyse des Gütermarktes wird der Tausch aller in einer Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen betrachtet. Es geht um die Frage, unter welchen Bedingungen Angebot von und Nachfrage nach Gütern übereinstimmen und insbesondere auch, welche Mechanismen im Falle eines Auseinanderklaffens beider Marktseiten einsetzen. Hierbei wird zunächst ein konstantes Preisniveau unterstellt, d. h. wir nehmen an, dass vom Geldmarkt noch keine Einflüsse auf den Gütermarkt ausgehen können. Wie bereits im vorigen Kapitel anhand der gesamtwirtschaftlichen Kreislaufrechnung gezeigt wurde, gilt für jede abgeschlossene Periode, d. h. nach Abschluss aller Tauschprozesse, die Identität von Investition und Ersparnis. Die Frage ist nun, unter welchen Bedingungen diese Gleichheit auch im Vorhinein eintritt, d. h. inwieweit bereits die Planungen der Wirtschaftssubjekte gleichgewichtig sind. Weichen die Planungen von Anbietern und Nachfragern voneinander ab, so sind offenbar Anpassungsvorgänge erforderlich, die im Endeffekt diese Gleichheit herstellen müssen. Ein makroökonomisches Gütermarktgleichgewicht ist daher dadurch gekennzeichnet, dass keine ungeplanten, d. h. Anpassungsgrößen auftreten. 11.2.1 Die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage Bei der theoretischen Gütermarktanalyse geht es also letztlich darum, das Verhalten aller am Markt beteiligten Gruppen möglichst realitätsnah zu beschreiben. Nur so können Rückschlüsse auf konkrete Anpassungsvorgänge gezogen und Prognosen für künftiges Verhalten erstellt werden. Abbildung 11-2: Analysestruktur Gütermarktanalyse IS-Gleichgewicht LM-Gleichgewicht Geldmarktanalyse ISLM Gesamtwirt. Produktionsfunktion Arbeitsmarktanalyse Gesamtwirt. Nachfrage Gesamtwirt. Angebot Gesamtwirt. Total- Gleichgewicht Kurzfristig Löhne starr: Keynes Langfristig Löhne flexibel: Neoklassik 11 Makroökonomische Theorie506 In der Gesamtwirtschaft unterscheiden wir bekanntlich insgesamt vier Gruppen von Wirtschaftssubjekten, nämlich private Haushalte und Unternehmen, den Staat und das Ausland1. Als Ausgangspunkt für eine Verhaltensanalyse dieser Gruppen eignet sich daher am besten die Verwendungsgleichung des Bruttoinlandsprodukts, da hier die Anteile bzw. die Ansprüche dieser vier Gruppen am Gesamtoutput ausgewiesen werden.2 Bruttoinlandsprodukt = privater Konsum + öffentl. Konsum + Bruttoinvestition + Außen beitrag Ybr = Cpr + CSt + Ibr + (Ex-Im) Mrd. €: 2.643,9 = 1.521,6 + 515,4 + 455,3 + 151,6 in %: 100 = 57,6 + 19,5 + 17,2 + 5,7 Abbildung 11-3: Verwendungsgleichung des BIP (in Mrd. € und %), 20122 Privater Konsum Den größten Anteil mit nahe 60 % am Gesamtoutput hat der private Konsum. Diese Komponente ist daher auch wirtschaftspolitisch von höchster Bedeutung. Selbst eine geringfügige Veränderung dieses Anteils von einem Prozentpunkt würde eine bedeutende absolute Veränderung im gesamtwirtschaftlichen Output und damit auch in der Beschäftigung bewirken. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass Politiker und Wissenschaftler in den Depressionsjahren des letzten Jahrzehnts (v. a. 2003 bis 2005) nicht müde wurden, die Konsumschwäche der inländischen Haushalte zu beklagen. Die Beherrschung der Einflussgrö- ßen auf den privaten Konsum stellt aus wirtschaftspolitischer Sicht daher einen mächtigen Hebel zur Beeinflussung auch des Bruttoinlandsproduktes dar. Der theoretischen Analyse des privaten Konsums wird deshalb im Folgenden auch ein bedeutender Platz eingeräumt. Öffentlicher Konsum Die zweite Komponente, der öffentliche Konsum, beträgt knapp unter 20 %. Diese Grö- ßenordnung ist typisch für marktwirtschaftlich organisierte Industrieländer. In ihr sind sämtliche Leistungen des Staates für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur sowie alle Sparten der öffentlichen Verwaltung enthalten. Nicht zu verwechseln damit ist die Staatsquote, die mit ca. 45 % deutlich höher liegt3. Im Gegensatz zum öffentlichen Konsum enthält die Staatsquote nämlich außerdem die Ausgaben für die Investitionen des Staates sowie vor allem alle umverteilenden Ausgaben, die in der Wertschöpfungsrechnung überhaupt nicht enthalten sind. Die Ausgaben für den öffentlichen Konsum, d. h. die öffentlichen Güter, tragen wesentlich zur Standortqualität eines Landes bei. Sie sind aus wirtschaftspolitischer Sicht jedoch auch als Instrument zur unmittelbaren Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage wichtig. Folgt man den keynesianischen Rezepten, so könnte mit der autonomen Erhöhung des Staatskonsums eine vorübergehende Schwäche beim privaten Konsum ausgeglichen 1 Vgl. Abschnitt 2.1.1 „Wirtschaftssubjekte und ihre Aktivitäten“. 2 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013 b), S. 9. 3 Vgl. Abschnitt 3.6.2.2 „Historische Entwicklungsphasen der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland“. 11.2 Der Gütermarkt 507 werden. Wie wirkungsvoll ein solches Vorgehen tatsächlich ist, wird noch zu diskutieren sein. Bruttoinvestition Die dritte Komponente der Verwendungsgleichung enthält die Bruttoinvestition. Diese setzte sich im Jahr 2012 zu ca. 91 % aus privaten und zu ca. 9 % aus öffentlichen Investitionen zusammen4, wobei letztere fast ausschließlich aus Bauinvestitionen im Dienste der öffentlichen Infrastruktur bestanden. In einer Marktwirtschaft spielen jedoch stets die privaten Investitionen die Hauptrolle. Sie sind zum einen ein wichtiger Bestandteil der Gesamtnachfrage und spiegeln die Zukunftserwartungen der Unternehmen wider. Da Investitionen eine längerfristige Bindung von Kapital darstellen, überlegt jeder Investor sehr genau, mit welchen wirtschaftlichen Entwicklungen für die Lebensdauer des Investitionsprojektes zu rechnen ist. Ist die Grundstimmung positiv, d. h. wird mit steigender Nachfrage im Rahmen eines Aufschwungs oder wenigstens mit einer stabilen Wachstumsentwicklung gerechnet, so werden Unternehmen verstärkt Investitionen durchführen und auf diese Weise ihre Kapazitäten modernisieren und erweitern. Eine negative Grundstimmung hingegen drückt sich in zurückhaltender Investitionstätigkeit aus. Die für 2012 ausgewiesene Bruttoinvestitionsquote von 17,2 % ist im Langfristvergleich sehr niedrig5 und deutet auf die in diesem Jahr noch verhaltene wirtschaftliche Dynamik hin. Die Investitionsnachfrage ist daher ein wichtiger Konjunkturindikator und gleichzeitig -treiber. Zum andern sind Investitionen auch eine Vorbedingung für Wachstum. Sie sind nicht nur Bestandteil der Gesamtnachfrage, sondern entscheiden auch über die zukünftige Angebotskapazität der Wirtschaft. Wenn es gelingt, mit geeigneten Instrumenten die private Investitionstätigkeit zu beeinflussen, hält die Wirtschaftspolitik quasi einen Schlüssel sowohl für die Konjunktur- als auch für die Wachstumspolitik in der Hand. Außenbeitrag Die letzte Komponente ist der Außenbeitrag, d. h. die Nettonachfrage des Auslandes. Mit 5,7 % ist diese Komponente im Langfristvergleich außergewöhnlich hoch. Zwar half die Exportstärke Deutschland in den Depressionsjahren über die Schwäche der Binnennachfrage einigermaßen hinweg und war insofern durchaus willkommen. Andererseits ist ein dauerhafter Exportüberschuss dieser Größenordnung nicht mit den Anforderungen eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts vereinbar6. Im Folgenden werden diese vier Bestandteile der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage im Detail analysiert. 11.2.1.1 Der private Konsum Die Konsumentscheidung der Haushalte wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst: 4 Quelle: Statistisches Jahrbuch (2013a). 5 Vgl. Abbildung 10-31. 6 Vgl. Abschnitt 12.2 „Das Ziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts“. 11 Makroökonomische Theorie508 Verfügbares Einkommen Auf Grund der Erkenntnisse aus der mikroökonomischen Konsumforschung liegt die Vermutung nahe, dass die Höhe der aggregierten Haushaltseinkommen eine wesentliche Determinante des gesamtwirtschaftlichen Konsums ist. Steigendes Volkseinkommen führt zu steigenden Konsumausgaben. Vermögen Da jede Konsumentscheidung auch gleichzeitig eine Entscheidung über die intertemporale Verteilung des Konsums zwischen Gegenwart und Zukunft darstellt – Konsum- und Sparentscheidung sind komplementär zueinander –, ergibt sich ferner ein enger Zusammenhang zum Vermögensbestand. Liegt ein hoher Vermögensbestand und damit eine Einkommensabsicherung für zukünftige Konsumperioden bereits vor, können die Haushalte ihr verfügbares Einkommen zu einem höheren Anteil für den Gegenwartskonsum nutzen. Andernfalls ist der Anreiz zur Vermögensbildung, d. h. zum Sparen größer. Zinssatz Der Zusammenhang zwischen dem Zinssatz und dem Konsum ist eher gegenläufig. Je höher der Zins ist, desto teurer ist die Aufnahme von Konsumentenkrediten und desto lukrativer die Anlage von Spargeldern. Zukunftserwartungen Die Entscheidungen über eine Aufteilung des Einkommens auf Gegenwart und Zukunft hängt außerdem von den Erwartungen über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung, d. h. von den erwarteten Einkommensströmen ab. Wenn die Haushalte mehrheitlich mit zukünftigen Einkommensrisiken rechnen, z. B. weil die Stabilität der Sozialversicherungssysteme gefährdet scheint, besteht c.p. ein größerer Anreiz zum Sparen als bei optimistischen Zukunftserwartungen. Gewohnte Konsumstandards Eine wichtige Rolle spielen ferner die Konsumstandards der Vergangenheit. Konsumverhalten weist ein beträchtliches Beharrungsvermögen auf und zwar nach oben wie nach unten. Einkommensverteilung Auch die Einkommensverteilung kann einen wichtigen Einfluss auf die Konsumentscheidung ausüben, da sich Haushalte nicht zuletzt wegen des Mitläufereffektes auch an der Konsumsituation anderer orientieren. Ein und dasselbe absolute Einkommensniveau führt daher zu unterschiedlich hohen Konsumausgaben, je nachdem ob sich der Bezieher in der Gruppe der Spitzenverdiener oder am unteren Rand der Einkommenspyramide der betreffenden Gesellschaft befindet. Innerhalb der Konsumforschung besteht Einigkeit darüber, dass diese und andere Determinanten alle für die Konsumentscheidung relevant sind. Schwierig allerdings ist es herauszufinden, welches die jeweils dominanten Größen sind und wie sie zusammenwirken. Die relative Bedeutung der genannten Faktoren innerhalb der gesamtwirtschaftlichen Konsumfunktion ist deshalb seit jeher umstritten. 11.2 Der Gütermarkt 509 Empirische Konsumbeobachtungen Empirische Erhebungen über die Stärke des Zusammenhangs zwischen gesamtwirtschaftlichem Einkommen und Konsumausgaben ergeben ein heterogenes Bild. Setzt man die jeweiligen Einkommens- (Yv) und Konsumwerte (C) über einen sehr langen Zeitraum, z. B. mehrere Jahrzehnte, zueinander in Beziehung, so ergibt sich, dass der Anteil des Einkommens, der für Konsum ausgegeben wird, d. h. die durchschnittliche Konsumquote, annähernd konstant bleibt. Betrachtet man hingegen eine kürzere Frist von nur einigen Jahren, so scheint die Konsumquote mit zunehmendem Einkommen eher abzunehmen. Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn man einen Einkommensquerschnitt in einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet. 11.2.1.1.1 Kurze Geschichte der Konsumtheorie Die Erklärung des gesamtwirtschaftlichen Konsums beschäftigt die Wirtschaftswissenschaft seit mehr als 100 Jahren. Im Laufe dieser Zeit wurden zahlreiche Konsumhypothesen entwickelt, deren Ziel es war, die empirischen Befunde zu Struktur und Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Konsumausgaben immer umfassender zu erklären und deren scheinbare Widersprüche aufzulösen. Wir folgen nun im Wesentlichen den Spuren der Wissenschaftsgeschichte und betrachten die wichtigsten Konsumhypothesen in der Reihenfolge ihres Entstehens. Die einzelnen Erklärungsansätze werden im Verlauf der Zeit immer umfassender, ihre Ergebnisse nähern sich den empirischen Befunden immer stärker an. Zeitreihe langfristig Zeitreihe kurzfristig Querschnittsfunktion Yv Yv Yv C C C Marginale und durchschnittliche Konsumneigung sind gleich und konstant. Marginale Konsumneigung ist kleiner als durchschnittliche; diese nimmt mit steigendem Yv ab. Außerdem verlagert sich die Funktion im Zeitverlauf mit steigendem Einkommen nach oben und wird insgesamt steiler. Marginale Konsumneigung ist kleiner als durchschnittliche; beide nehmen mit steigendem Yv ab. Legende: C = geamtwirtsxchaftlicher Konsum, Yv = verfügbares Einkommen Abbildung 11-4: Empirische Konsumfunktionen 11 Makroökonomische Theorie510 Die klassische Konsumtheorie Die klassischen Nationalökonomen glaubten, dass der Zins bei der Konsumentscheidung die Hauptrolle spiele. Je höher der gebotene Zins, desto höher die Sparbereitschaft der privaten Haushalte und desto geringer ihr Konsum. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Haushalte überhaupt nur dann sparen, wenn sie einen aus ihrer Sicht attraktiven Zins für ihre Ersparnis erhalten. Den wiederum können nur solche Investoren bieten, die mit dieser Ersparnis wertschöpfende Investitionsprojekte finanzieren. Auf diesem Hintergrund lässt sich der Inhalt des Say’schen Gesetzes verstehen: Haushalte sparen nur dann, wenn ihnen dafür ein entsprechender Zins geboten wird. Dieser kann jedoch nur von Unternehmen geboten werden, die die Ersparnisse der Haushalte für wertschöpfende Investitionsprojekte verwenden wollen. Das gesamte Einkommen taucht daher entweder in Form von Konsum- oder in Form von Investitionsnachfrage wieder im Wirtschaftskreislauf auf: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst“. Einen Nachfrageausfall kann es auf lange Sicht nicht geben. Die keynesianische Konsumtheorie Dieses Weltbild änderte sich mit der „General Theory“ vollständig. Keynes führte als erster das laufende Einkommen als Hauptvariable in die Konsumfunktion ein. Seine wichtigste Konsumhypothese besagt, dass im Wesentlichen nur das aktuell verfügbare absolute Einkommen der Haushalte die Konsumentscheidung bestimmt. Das Sparen ergibt sich dabei lediglich als Restgröße, der Zins spielt dafür eine völlig untergeordnete Rolle. Diese keynesianische Konsumhypothese hatte weitreichende Konsequenzen für seine Analyse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts sowie der daraus resultierenden wirtschaftspolitischen Empfehlungen. Sie wird daher im Folgenden ausführlich dargestellt und erläutert. Postkeynesianische Konsumtheorien Die wirtschaftliche Nachkriegsentwicklung zeigte jedoch, dass die keynesianischen Voraussagen bezüglich des Konsumverhaltens insbesondere in langfristiger Betrachtung nicht Die klassisch-neoklassische Konsumtheorie Ricardo, Fisher, Pareto, Marshall, Pigou u.a. Die absolute Einkommenshypothese Keynes Die relative Einkommenshypothese Duesenberry, Modigliani Die Lebenszyklushypothese Ando, Modigliani, Brumberg Die Dauereinkommenshypothese Friedman Abbildung 11-5: Die wichtigsten makroökonomischen Konsumtheorien 11.2 Der Gütermarkt 511 eintrafen. Die Keynes’sche Theorie war nicht in der Lage, die unterschiedlichen empirischen Verläufe der Konsumfunktion zu erklären. Daher forschten Generationen von Nationalökonomen weiter an der Erklärung des gesamtwirtschaftlichen Konsums. Die erste wichtige Erweiterung der keynesianischen Weltsicht bestand darin, das Einkommen nicht mehr nur als absolute, sondern vielmehr als relative Größe in der Konsumfunktion zu berücksichtigen. Dafür sprechen insbesondere zwei Argumente: • Ein Haushalt berücksichtigt stets seine Position innerhalb der Einkommenspyramide und orientiert sein Konsumverhalten am durchschnittlichen Konsumverhalten der Gesellschaft, in der er sich befindet. • Jeder Haushalt hat auch eine Konsumvergangenheit, d. h. Konsumstandards, an die er sich gewöhnt hat und die er auch bei kurzfristigen Einkommensschwankungen nicht leicht aufgeben wird. Dadurch wird also die Zeit als wesentliche Variable in der Konsumfunktion berücksichtigt. Dieser Gedanke wurde von einer ganzen Gruppe von Konsumforschern aufgegriffen und erweitert: Nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft bzw. die Zukunftserwartungen der Haushalte prägen ihr Konsumverhalten. So ist es plausibel, dass ein Haushalt sein Konsumniveau an den Einkommen ausrichtet, die er zukünftig für den Rest seines Lebens durchschnittlich erwartet, um große Schwankungen im Konsumniveau ebenso wie eine dauerhafte Überschuldung von vorn herein zu vermeiden (Lebenszyklushypothese). Auch Milton Friedman griff diesen Gedanken auf, stellte bei seiner Konsumhypothese jedoch die Unterscheidung zwischen den langfristig bzw. dauerhaft zu erwartenden und den vorübergehenden, zufälligen Abweichungen unterworfenen Einkommen ins Zentrum. Seine Theorie des „permanent income“ prägte nicht nur die Konsum- sondern auch die Geldnachfragetheorie mit weitreichenden wirtschaftspolitischen Konsequenzen und soll daher im Folgenden der keynesianischen Konsumtheorie ausführlich gegenübergestellt werden7. 11.2.1.1.2 Die absolute Einkommenshypothese Keynes ging im Gegensatz zu den Klassikern davon aus, dass die Haushalte nicht primär über ihre Ersparnis, sondern vielmehr über ihren Konsum entscheiden. Gespart wird einfach das, was übrig bleibt (Residualgröße)8. Als wichtigste Einflussgröße auf den Konsum gilt dabei das verfügbare Einkommen der jeweiligen Periode. Zwar erwähnt auch Keynes weitere Einflussfaktoren wie den Zins, den allgemeinen Lebensstandard oder den Vermögensbestand; er betrachtet diese jedoch als untergeordnet. Man nennt die keynesianische Konsumtheorie daher auch absolute Einkommenshypothese. 7 Eine ausführliche Darstellung der klassischen Konsumtheorie, der relativen Einkommenshypothese, der Normaleinkommenshypothese sowie der Lebenszyklushypothese finden Sie im Internetanhang zu Kapitel 11. 8 „For the satisfaction of the immediate primary needs of a man and his family is usually a stronger motive than the motives towards accumulation, which only acquire effective sway when a margin of comfort has been attained.”: Keynes (1981), S. 97. 11 Makroökonomische Theorie512 Diese kann im Wesentlichen durch folgende Annahmen beschrieben werden: • Dominanz des absoluten verfügbaren Einkommens Das (reale) verfügbare Einkommen ist, wenn auch nicht der einzige, so doch der dominierende Einflussfaktor auf den Konsum9. Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Konsum und verfügbarem Einkommen: vC f(Y ) • Fundamentalpsychologisches Gesetz Das Konsumverhalten der Haushalte gehorcht dem sog. fundamentalpsychologischen Gesetz. Es sagt aus, dass der Konsum bei steigendem Einkommen sich nicht um denselben Absolutbetrag ausdehnt, sondern nur ein Teil des zusätzlich verdienten Einkommens auch tatsächlich zu zusätzlichem Konsum führt10. Die Grenzneigung zum Konsum (marginale Konsumquote) liegt also zwischen den Werten 0 und 1: v dC 0 1 dY • Existenz eines Sockelkonsums Der Konsumanstieg erfolgt somit nur unterproportional zum Einkommen. Das bedeutet, dass das durchschnittliche Verhältnis von Konsum zu Einkommen (durchschnittliche Konsumquote) mit steigendem Einkommen abnimmt. • Zunehmende Konsumlücke durch sinkende marginale Konsumneigung Nach Keynes’ Ansicht nimmt wahrscheinlich auch die marginale Konsumquote mit steigendem Einkommen ab11. 9 „The aggregate income measured in terms of the wage unit is, as a rule, the principle variable upon which the consumption-constituent of the aggregate demand function will depend.“ Keynes (1981), S. 96. 10 „The fundamental psychological law, upon which we are entitled to depend with great confidence both a priori from our knowledge of human nature and from detailed facts of experience, is that men are disposed, as a rule and on average, to increase their consumption as their income increases, but not by as much as the increase in their income.“: Keynes (1981), S. 96. 11 „These reasons will lead, as a rule, to a greater proportion of income being saved as real income increases.“ Keynes (1981), S. 97. 11.2 Der Gütermarkt 513 Die keynesianische Konsumfunktion Diese Grundannahmen führen zu folgender Konsumfunktion: In vereinfachter Form lässt sich daraus eine lineare Konsumfunktion erstellen, die folgende mathematische Eigenschaften besitzt: v aut vC f(Y ) C cY , wobei v dC tan const. dY und v dC 0 1 dY („fundamentalpsychologisches Gesetz“), sowie v C tan Y und v v C dC Y dY Yv C 45° C(Yv) zunehmende Konsumlücke Abbildung 11-6: Die keynesianische Konsumfunktion YAv Yv C A CA dYvA dCA β α Abbildung 11-7: Lineare keynesianische Konsumfunktion 11 Makroökonomische Theorie514 Die Interpretation des Ordinatenabschnitts ist nicht ganz einfach. In manchen Lehrbüchern wird dieser Konsumbetrag als Existenzminimum bezeichnet, was jedoch nicht sinnvoll ist, da ein Volkseinkommen von Null in der Realität niemals beobachtbar ist, ja nicht einmal vorstellbar wäre. Insofern stellt diese Größe eine rein rechnerische Verlängerung des beobachtbaren Bereichs der Konsumfunktion dar. Besser ist es, vom Sockelkonsum zu sprechen, der alle Einflussgrößen zusammenfasst, die nicht explizit in der Gleichung betrachtet werden, wie z. B. Veränderungen im Vermögensbestand, im Zinssatz oder bei den fiskalpolitischen Rahmenbedingungen12. Die Parameter der Konsumfunktion betrachtete Keynes als weitgehend stabil. Mögliche Änderungen seien das Ergebnis zufälliger Störungen, die in der systematischen Analyse jedoch vernachlässigt werden könnten13. Die keynesianische Sparfunktion Der Rest des Einkommens, der nicht für den Konsum benötigt wird, wird gespart. Die Sparfunktion kann also algebraisch und graphisch leicht aus der Konsumfunktion hergeleitet werden: vY C S → v v aut v aut vS Y C Y C cY C (1 c)Y Graphisch verläuft die Sparfunktion durch zwei markante Punkte: • Sie beginnt bei autC , da in diesem Punkt der gesamte Konsum durch negative Ersparnis, d. h. durch Auflösung des Vermögensbestandes (also der Ersparnis früherer Zeitperioden) oder durch die Aufnahme von Schulden finanziert werden muss. • Die Nullstelle der Sparfunktion ist dort, wo die Konsumfunktion die 45°-Linie schneidet, denn dort wird gerade das gesamte Einkommen zur Finanzierung des laufenden Konsums benötigt; an dieser Stelle wird also weder gespart noch entspart. Die Bedeutung der Ersparnisbildung hat sich im Vergleich zum klassischen Erklärungsansatz vollständig verändert: Ging man zuvor von einer Dominanz der zinsinduzierten Sparentscheidung über die Konsumentscheidung aus, so steht nun klar die Konsumentscheidung im Vordergrund, wodurch die Ersparnis zur einer Restgröße wird. 12 „The fact that … the expenditure on consumption … depends in the main on the volume of output and employment is the justification for summing up the other factors in the portmanteau function ‘propensity to consume’.“ Gemeint ist „average propensity“ und damit letztlich der Ordinatenabschnitt der Konsumfunktion: Keynes (1981), S. 96; vgl. auch ebda. S. 91 ff. 13 „We are left therefore, with the conclusion that in a given situation the propensity to consume may be considered a fairly stable function.“: Keynes (1981), S. 95. 11.2 Der Gütermarkt 515 Übung 11-1: Formaler Umgang mit der keynesianischen Konsumfunktion Gegeben sei der Schnittpunkt A zwischen einer linearen keynesianischen Konsumfunktion und der 45°-Linie im Konsum-Einkommens-Diagramm. 45° Yv C A C(Yv) Abbildung 11-9: Gegebene Konsumfunktion 45° C(Yv) = Caut + cYv S(Yv) = –Caut + (1-c) Yv C, S Yv C = Yv Caut – Caut Entsparen Sparen Abbildung 11-8:Herleitung der Sparfunktion aus der Konsumfunktion 11 Makroökonomische Theorie516 Welche Aussagen zu dieser Zeichnung sind richtig, welche falsch? a) In A ist die durchschnittliche Konsumquote gleich der marginalen Konsumquote. b) Links von A ist die durchschnittliche Konsumquote größer als 1. c) Links von A ist die Ersparnis negativ. d) Die durchschnittliche Sparquote kann niemals 1 werden. e) Die durchschnittliche Konsumquote kann niemals 1 werden. f) Die marginale Konsumquote kann niemals 1 werden. g) Die Einkommenselastizität des Konsums erreicht im Punkt A den Wert 1. h) Die Einkommenselastizität des Konsums kann niemals den Wert 1 erreichen. Lösung: a) Falsch: Die durchschnittliche Konsumquote ist im gesamten Verlauf der Konsumfunktion größer als die marginale. b) Richtig: Überall links von A ist der Konsumbetrag größer als das verfügbare Einkommen, der Quotient aus beiden daher >1. c) Richtig: Folgt aus 2. Wenn mehr für den Konsum ausgegeben als eingenommen wird, muss die Different aus negativer Ersparnis kommen. d) Richtig: Die Quote wäre 1, wenn das gesamt Einkommen gespart würde. Dies ist aber nirgends der Fall, da ja stets zuerst der Konsum aus dem Einkommen finanziert werden muss. e) Falsch: Im Punkt A ist genau dies der Fall, weil dort die Konsumausgaben gleich dem zufließenden Einkommen sind. f) Richtig: Gemäß dem fundamentalpsychologischen Gesetz muss die marginale Konsumquote immer zwischen 0 und 1 liegen; das bedeutet, die Konsumfunktion kann niemals parallel zur 45°-Linie verlaufen. g) Falsch: Zur Erinnerung der Wert der Einkommenselastizität des Konsums C,Y dC dC Y dC C marginale KonsumquoteC dY C dY dY Y durchschnittliche Konsumquote Y Da die marginale Konsumquote stets kleiner ist als die durchschnittliche, kann der Elastizitätswert niemals 1 sein. h) Richtig: Begründung siehe g). Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen In dieser Konsumfunktion, v. a. in ihrer ursprünglichen nicht-linearen Form wie in Abbildung 11-6 dargestellt, drückt sich deutlich der durch die Weltwirtschaftskrise geprägte keynesianische Marktpessimismus aus. Würde diese Konsumhypothese zutreffen, so wäre bei zunehmendem Wohlstand, d. h. kontinuierlich steigenden Einkommen im Laufe der Zeit auch mit zunehmender Arbeitslosigkeit zu rechnen, da die Nachfragelücke zwischen Einkommen und Konsumausgaben im Modell immer größer wird. Die Ersparnis würde steigen und zwar unabhängig von der Investitionsnachfrage und damit der Zinsentwicklung, da sie ja nur als Einkommensrestgröße nach der Konsumentscheidung übrig bleibt und nicht etwa – wie im klassischen Modell – durch Zinsanreize hervorgerufen werden muss: „… we take it as a fundamental psychological rule of any modern community that, when its real income is increased, it will not increase its consumption by an equal absolute amount, so that a greater absolute amount must be saved, … This means that, if employment and hence aggregate income increase, not all the additional employment will be required to satisfy the needs of additional consumption.“14 14 Keynes (1981), S. 97. 11.2 Der Gütermarkt 517 Diese Schlussfolgerung traf nach dem 2. Weltkrieg erfreulicherweise nicht auf die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung zu. Zwar stiegen die Einkommen in Europa bemerkenswert schnell und dauerhaft an, die prognostizierte Arbeitslosigkeit stellte sich jedoch nicht ein. So plausibel die Keynes‘schen Voraussagen sich angehört hatten, so wenig konnte man damit jedoch die eintretende Konsum- und Beschäftigungsentwicklung erklären. Das Kuznets’sche Konsumrätsel Noch ein zweites sog. „Konsumrätsel“15 kam hinzu: Im Jahr 1946 untersuchte der ukrainisch-amerikanische Nationalökonom und spätere Nobelpreisträger Simon Kuznets den Zusammenhang zwischen Konsum- und Einkommen in lang- und kurzfristigen Zeitreihenanalysen16. Dabei fand er heraus, dass die Keynes‘sche Konsumhypothese zwar recht gut den Zusammenhang zwischen Konsum und Einkommen in der kurzen Frist, d. h. während eines Konjunkturzyklus, erklärt, den langfristigen Daten jedoch eklatant widerspricht. Kuznets Messergebnisse zeigten, dass über längere Zeiträume von mehreren Jahrzehnten die durchschnittliche Konsumquote nicht etwa zurückgeht – wie Keynes es formulierte – sondern vielmehr bemerkenswert stabil bleibt (siehe Abbildung 11-10). Die Lösung dieses „Konsumrätsels“ trieb in der Folgezeit zahlreiche Wissenschaftler an, durch neue, verbesserte Konsumtheorien den vermeintlichen Widerspruch zwischen der lang- und der kurzfristigen Konsumfunktion zu erklären. Wie in Abschnitt 11.2.1.1.1 beschrieben lenkten die postkeynesianischen Konsumforscher ihr Augenmerk dabei vor allem auf die zeitliche Dimension der Konsumentscheidung. Wesentliche Meilensteine auf diesem Weg stellen die relative Einkommenshypothese (Einbeziehung der Konsumvergangenheit) und die Lebenszyklushypothese (Einbeziehung des Planungshorizontes eines menschlichen Lebens) dar. 15 Vgl. Mankiw (1998), S. 450 ff. 16 Vgl. Kuznets (1946). Yv C kurzfristige Konsumfunktion mit sinkender durchschnittlicher Konsumquote langfristige Konsumfunktion mit konstanter durchschnittlicher Konsumquote Abbildung 11-10: Kurz- und langfristige empirische Konsumfunktion nach Kuznets 11 Makroökonomische Theorie518 11.2.1.1.3 Die Hypothese des permanenten Einkommens Einige Jahre nach der Veröffentlichung der Lebenszyklushypothese brachte Milton Friedman sein Buch „ A Theory of the Consumption Function“17 heraus und stellte dort eine Vertiefung und Erweiterung des Modigliani-Ansatzes vor. Für Friedman steht nicht das typische Lebenseinkommensmuster eines Individuums im Zentrum der Überlegungen. Zum einen verfügen die Konsumenten nicht über die erforderlichen Informationen, zum andern ist es unrealistisch anzunehmen, dass sie völlig rational und emotionslos ihren Konsum am eigenen (geschätzten) Todeszeitpunkt ausrichten. Friedman ersetzt den Lebenszeithorizont daher durch ein unbestimmtes, nach hinten offenes, theoretisch unendliches Zeitkontinuum. Das permanente Einkommen Im Zentrum seiner Hypothese steht die Aufteilung des Einkommens in eine dauerhafte („permanent income“) und eine vorübergehende („transitory income“) Komponente, wobei das Einkommen bei Friedman ausdrücklich nicht nur die Arbeitseinkommen, sondern auch die Vermögenseinkommen beinhaltet. Die Wirtschaftssubjekte stellen fest, dass ihre jährlichen Einkommen immer wieder zufälligen und temporären Schwankungen unterworfen sind. Die tatsächlichen Einkommen Y setzen sich also aus einem dauerhaften (permanenten) Teil Yp und einem zufälligen, vorübergehenden (transitorischen) Teil Ytr zusammen: p trY Y Y . Yp ist dasjenige Einkommen, das ein Wirtschaftssubjekt aus seinem Gesamtvermögen dauerhaft beziehen kann. Alle zukünftig erwarteten Einkommensströme werden rechnerisch gleichverteilt. Da der Zeithorizont – im Gegensatz zur Lebenszyklushypothese – nun aber theoretisch unendlich ist, vereinfacht sich der Zusammenhang zwischen Vermögensbestand und Dauereinkommen: T t 0 t t 0 Y V (1 i) T p 0 Y V i oder p 0Y V i Der permanente Konsum Friedman unterstellt in seiner Hypothese, dass die Wirtschaftssubjekte ihren Konsum nur an dem Teil ihres Einkommens ausrichten, der ihnen als dauerhaft erscheint. Die Konsumfunktion lautet also: ptC a Y (siehe Abbildung 11-11). Der zufällige, transitorische Teil des Einkommens, d. h. die Abweichung des tatsächlichen Einkommens vom permanenten Einkommen, wird hingegen ge- oder entspart. Bei jeder Einkommensänderung müssen die Wirtschaftssubjekte also entscheiden, ob sie ihn als dauerhaft oder vorübergehend betrachten. Wenn z. B. jemand einen Lottogewinn hat, so ist klar, dass dieser Einkommenszuwachs einmalig ist und sich nicht jährlich wiederholt. Erhält hingegen jemand einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einem wohl situierten Unternehmen, so wird dieser Einkommenszuwachs sicherlich als dauerhaft eingestuft und das Konsumniveau entsprechend angepasst. Die Klassifizierung einer Einkommensänderung als dauerhaft oder vorübergehend beruht demnach insbesondere auf den Erwartungen der Wirtschaftssubjekte bezüglich der zukünftigen Einkommensentwicklung, wobei Friedman unterstellt, dass sich die Konsumenten nicht von irrationalem Wunschdenken leiten lassen, 17 Friedman (1957). 11.2 Der Gütermarkt 519 sondern alle verfügbaren Informationen über die wirtschaftliche Entwicklung der Zukunft optimal nutzen (sog. rationale Erwartungen)18. Die durchschnittliche Konsumneigung hängt also vom Verhältnis zwischen dem Dauereinkommen und dem tatsächlichen Einkommen ab: p p p tr C Y Y a a Y Y Y Y Je höher die transitorischen Anteile des Einkommens sind, d. h. je weiter das tatsächliche Einkommen über dem permanenten liegt, desto geringer ist die Konsumquote und umgekehrt. Wendet man diese Überlegung auf die Einkommens- und Konsumentwicklung während eines Konjunkturzyklus an, so erhält man einen von der langfristigen Konsumentwicklung abweichenden Verlauf der Konsumfunktion (siehe Abbildung 11-11). Im Konjunkturaufschwung steigen die Durchschnittseinkommen wie auch die Einkommenserwartungen an. Die Wirtschaftssubjekte orientieren sich also an einem gestiegenen permanenten Einkommen Yp1. Diesem permanenten Einkommen entspricht der Konsum C1 (vgl. Punkt A’). Wenn man annimmt, dass die transitorischen Einkommen tatsächlich zufallsverteilt sind und in etwa einer Normalverteilung unterliegen, überwiegen in der Hochkonjunktur die positiven Einkommensabweichungen, d. h. das tatsächliche Einkommen Y1 ist in der Hochkonjunktur durchschnittlich höher als das permanente Einkommen Yp1. Da transitorische Einkommen jedoch grundsätzlich gespart und nicht konsumiert werden, realisieren die Wirtschaftssubjekte trotzdem nur den Punkt A: Die Konsumausgaben sind genauso hoch wie im Punkt A’, das tatsächliche Einkommen liegt jedoch rechts vom 18 Nicht immer ist die Entscheidung über den Charakter von Einkommensschwankungen allerdings so einfach wie im Beispiel des Lottogewinns. Ein pragmatischer Weg, das permanente Einkommen zu ermitteln, besteht daher darin, einen gewogenen Durchschnitt der Vergangenheitseinkommen zu berechnen. Im einfachsten Fall lautet der Ansatz: p t 1 t t 1Y Y b (Y Y ) , wobei der Faktor b einen Wert zwischen 0 und 1 hat. Je näher b bei 1 liegt, desto starker wirkt das laufende Einkommen auf das permanente Einkommen ein. Transitorische Einkommen sind dann die zufälligen Abweichungen von diesem Durchschnitt. C Yp C2 C1 Y2 Y1 Yp2 Yp1 Y Yp = C C = a Yp A A‘ B B‘ Abbildung 11-11:Konsumverhalten im Konjunkturverlauf gemäß der Hypothese des permanenten Einkommens 11 Makroökonomische Theorie520 permanenten Einkommen. Die Konsumquote C1/Y1 in Punkt A ist daher geringer als in Punkt A’. Umgekehrtes gilt analog für den Konjunkturabschwung. Auf die gleiche Weise lässt sich auch der Verlauf der Querschnittsfunktion erklären. Wenn man die Gesamtheit der Einkommensbezieher in drei Einkommensklassen aufteilt, dann hat die obere Einkommensklasse ebenfalls ein höheres permanentes Einkommen wie die untere Einkommensklasse und die normalverteilten transitorischen Einkommen verhalten sich wie soeben beschrieben. Grundsätzlich lässt sich die Darstellung der kurzfristigen Konsumfunktion aus Abbildung 11-11 daher auch als Querschnittsfunktion interpretieren. Praxisbeispiel 11-1: Die Wirkungsweise von Fiskalpolitik Die Hypothese des permanenten Einkommens von Milton Friedman hatte wesentliche Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik. In den Sechziger und Siebziger Jahren waren viele Wirtschaftswissenschaftler und -politiker noch von den Aussagen der absoluten Einkommenshypothese überzeugt und glaubten, mit kurzfristigen Änderungen des verfügbaren Volkseinkommens Nachfragesteuerung betreiben zu können. In das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums von 1967 wurden z. B. ausdrücklich Änderungen des Einkommensteuergesetzes aufgenommen, die es der Bundesregierung ermöglichen sollten, die Steuerbelastung der Bürger kurzfristig und auf eine zeitlich eng begrenzte Dauer zu variieren, um auf diese Weise über die Veränderung des verfügbaren Einkommens antizyklisch auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage einzuwirken. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern hat man mit dieser Art von kurzatmiger Fiskalpolitik schlechte Erfahrungen gemacht. Es zeigte sich nämlich, dass nur dauerhafte Änderungen im Steuersystem wirkungsvoll die Nachfrage beeinflussen können. Dazu ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten19: 1964 führte Präsident Johnson eine bereits von seinem Vorgänger Kennedy geplante und initiierte Steuersenkung durch, die den Bürgern als größere und dauerhafte Verminderung der Steuersätze angekündigt wurde. Damit sollten die Konsum- und Investitionsausgaben erhöht werden, um so eine Zunahme von Einkommen und Beschäftigung zu erreichen. In der Tat folgte der Verabschiedung der Steuersenkungsgesetze ein kräftiger wirtschaftlicher Aufschwung. Im Jahr 1968 schien die Wirtschaft der USA den wirtschaftspolitischen Berater des Präsidenten jedoch bereits überhitzt. Die im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg gestiegenen Staatsausgaben hätten die Gesamtnachfrage übermäßig stimuliert. Sie empfahlen daher Steuererhöhungen. Präsident Johnson aber, der wusste, dass der Vietnamkrieg ohnehin unpopulär war, fürchtete die politischen Folgen einer Steuererhöhung. Schließlich stimmte er einem vorübergehenden Steuerzuschlag zu, der nach einem Jahr wieder zurückgenommen werden sollte und auch wurde. Dieser Zuschlag zeigte jedoch nicht den erhofften Effekt: Beschäftigung und Preisniveau stiegen weiterhin signifikant an. Die Bürger hatten auf die vorübergehende (transitorische) Schwankung ihres Einkommens nicht reagiert. 11.2.1.2 Die private Investition Die zweite wichtige Komponente in der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist die Investition. Mit einem für Industrienationen typischen Anteil von ca. 20 % bis 25 % an der Gesamtwertschöpfung ist die Investition zwar deutlich kleiner als der private Konsum (mit 55 % bis 60 %), jedoch aufgrund ihrer spezifischen ökonomischen Eigenschaften kreislauftheoretisch sowie wirtschaftspolitisch mindestens ebenso wichtig. 19 Vgl. Mankiw (1998), S. 283 und 472. 11.2 Der Gütermarkt 521 Wirkung von Investitionen im Wirtschaftskreislauf Investitionen wirken – im Gegensatz zu allen anderen Bestandteilen der Endnachfrage – auf beide Marktseiten ein. Sie haben stets • einen Nachfrage- bzw. Einkommenseffekt und • einen Angebots- bzw. Kapazitätseffekt. Als Bestandteil der Endnachfrage induzieren sie zunächst Produktion und somit Einkommen und Beschäftigung. Sie spielen daher in der Beschäftigungspolitik eine wichtige Rolle. Sobald die Investitionsgüter jedoch verkauft und im betreffenden Unternehmen installiert worden sind, erhöhen sie dessen Angebotskapazität. Investitionen sind somit auch eine wichtige Voraussetzung für Wirtschaftswachstum. Da Investitionsentscheidungen in hohem Maße die Zukunftserwartungen der Investoren widerspiegeln, sind sie gleichzeitig ein wichtiger konjunkturpolitischer Indikator. Staatliche und private Investitionen Der Rechnungsposten „Investitionen“ in der VGR beinhaltet eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen, die ganz verschiedenen Einflussfaktoren unterliegen und im Folgenden getrennt betrachtet werden sollen20. Insbesondere öffentliche und private Investitionen sind deutlich voneinander zu unterscheiden.21 Der Staat investiert in erster Linie in Infrastrukturmaßnahmen. Es handelt sich also überwiegend um Baumaßnahmen. Mit Infrastrukturgütern sollen die Standortbedingungen für private Unternehmen sowie die Lebensqualität der privaten Haushalte verbessert wer- 20 Vgl. Abschnitt 2.1.1.1 „Unternehmen“. 21 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a); Anlageinvestition aus Vergleichbarkeitsgründen auch nach 1970 ohne sonstige Anlagen. 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 Anlageinvestition der Unternehmen Anlageinvestition des Staates Abbildung 11-12: Öffentliche und private Anlageninvestitionen in Deutschland, 1950 – 2012, in jeweiligen Preisen, in Mrd. €21 11 Makroökonomische Theorie522 den. Ein privatwirtschaftliches Gewinnmotiv spielt dabei keine Rolle. Öffentliche Investitionen sind also an sehr langfristigen, wachstumsorientierten Zielen ausgerichtet und hängen nicht, wie die Investitionen der privaten Unternehmen, von den Schwankungen der Konjunkturzyklen ab. Im Gegenteil: Verfechter einer keynesianischen, antizyklischen Konjunkturpolitik fordern, dass die öffentliche Investitionstätigkeit gerade dann hoch sein sollte, wenn die private Investition gering ist. Abbildung 11-12 zeigt, dass die öffentlichen Investitionen tatsächlich deutlich geringere Schwankungen aufweisen als die privaten. Private Investitionen müssen in Baumaßnahmen, Ausrüstungs- und Lagerinvestitionen unterschieden werden. Sie unterliegen einer einzelwirtschaftlichen Rentabilitätsrechnung und werden nur dann durchgeführt, wenn der Investor die Erwartung hat, mit dieser Maßnahme seinen Gewinn erhöhen zu können. Die private Investitionstätigkeit hängt daher sowohl von der aktuellen Konjunkturphase, wie auch von der langfristigen Entwicklung des Volkseinkommens ab: • Im Konjunkturhoch sind die Absatz- und Ertragserwartungen tendenziell positiv, in der Rezession niedrig • Je höher das Volkseinkommen ist, desto höher ist die Nachfrage sowie c.p. das Gewinnvolumen Komponenten der Bruttoinvestition22 Die folgende Abbildung 11-13 zeigt, dass die Gesamtinvestition sowie ihre beiden Hauptkomponenten Ausrüstungen und Bauten zum einen im Zeitverlauf mit dem steigenden Bruttoinlandsprodukt stark anwachsen und zum anderen mit der Konjunktur schwanken. 22 Quelle: Statistisches Bundesamt; ab 1960 mit Berlin und Saarland; Anlageninvestition aus Vergleichbarkeitsgründen auch nach 1970 ohne sonstige Anlagen. -100 0 100 200 300 400 500 Bruttoinvestitionen Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen Vorratsveränderungen Abbildung 11-13: Entwicklung der Bruttoinvestition und ihrer Komponenten in Deutschland, 1950 – 2012, in jeweiligen Preisen in Mrd. Euro22 11.2 Der Gütermarkt 523 Die Rezessionsphasen (grau markiert) sind jeweils deutlich zu erkennen. Der ungewohnt starke Anstieg v. a. der Bauinvestitionen in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre hängt mit der außergewöhnlichen Bautätigkeit nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung zusammen und hat somit strukturelle Gründe. Lagerinvestitionen oszillieren um einen stationären Trend. Sie sind im Wesentlichen das Ergebnis ungeplanten Ausgleichs der Konjunkturschwankungen: In Rezessionen werden abgebaute Lager nicht mehr aufgefüllt, da die Erwartungen der Unternehmen in Bezug auf zukünftige Absatzchancen negativ sind. Die absolute Höhe der Lagerinvestitionen ist zwar im Vergleich zu den beiden anderen Komponenten der Bruttoinvestition sehr gering; relativ betrachtet schwanken die Lagerinvestitionen jedoch deutlich stärker als jene und stehen daher im Zentrum der Aufmerksamkeit der Konjunkturforscher. Wir haben in Kapitel 2 Investition als Anschaffung von Kapitalgütern definiert. Investition und Kapital sind also verwandte Größen, jedoch mit ökonomisch ganz verschiedener Funktion. Zunächst soll daher der Zusammenhang zwischen der Bestandsgröße Kapitalstock und der Stromgröße Investition geklärt werden. 11.2.1.2.1 Optimaler Kapitalstock und Kapitalstockanpassung Kapital ist neben Arbeit der zweite der beiden makroökonomischen Produktionsfaktoren. Jedes Unternehmen hat darüber zu entscheiden, welches die optimale Einsatzmenge an Kapital für den eigenen Produktionsprozess ist. Die Höhe dieses optimalen Kapitalstocks ergibt sich aus der Gewinnmaximierung des Unternehmens. Der Unternehmensgewinn entsteht dadurch, dass aus dem Verkaufserlös der produzierten Güter nicht nur die Kosten für den Einsatz der Produktionsfaktoren gedeckt werden können, sondern noch eine positive Differenz zwischen Erlösen und Gesamtkosten übrig bleibt. Diese Differenz gilt es zu maximieren. Die Gleichung für die Aufteilung des nominalen Produktionsergebnisses zwischen den Produktionsfaktoren und dem Unternehmenseigner lautet dann: p Y w N i p K p Q wobei p = Güterpreisniveau23 Y = realer Output w = Geldlohnsatz N = eingesetzte Arbeitsmenge i = realer Zinssatz (sog. realer Mietpreis oder reale Profitrate des Kapitals24) K = verwendeter Kapitalstock Q = realer Gewinn Der nominale Output dient also zunächst zur Bezahlung der Lohnsumme sowie der Kapitalkosten, der übrig bleibende Rest ist der nominale Gewinn. Ausgedrückt in realen Größen erhalten wir w Q Y N i K p 23 In manchen Modellen wird zwischen dem Preisniveau der Outputgüter und dem der Kapitalgüter unterschieden. Wir nehmen an, dass es zwischen beiden keine Abweichungen gibt. 24 Aus Vereinfachungsgründen werden die Kapitalkosten hier ohne die Abschreibung betrachtet. 11 Makroökonomische Theorie524 Um festzustellen, welcher Kapitaleinsatz c.p. zur Maximierung dieses Gewinnes führt, leiten wir nun die Gleichung nach K ab und setzen sie gleich Null: dQ Y i 0 dK K Y i K Der optimale Kapitalstock ist also dann erreicht, wenn die Grenzproduktivität des Kapitals MEC25 gleich dem realen Zinssatz ist. Wenn man eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unterstellt, erhält man diese Grenzproduktivität als erste partielle Ableitung der Produktionsfunktion nach K wie folgt: Cobb-Douglas-Produktionsfunktion: 1Y A K N , wobei A eine technologische Produktionskonstante, α und 1 – α die Produktionselastizitäten von Kapital und Arbeit sind. Grenzproduktivität des Kapitals: 1 1 1Y NA K N A ( ) K K Im Gleichgewicht gilt folglich: 1Y NA ( ) i K K Diese Grenzproduktivität und damit die Kapitalkosten sind also umso höher, • je kleiner der Kapitalstock ist, • je mehr Arbeitskraft eingesetzt wird, • je besser die verwendete Technologie, d. h. der technische Fortschritt ist. Nehmen wir jetzt an, dass der Zinssatz i sinkt (siehe Abbildung 11-14). In der Ausgangssituation befindet sich der Zinssatz auf der Höhe i0. Zur Erfüllung der Gleichgewichtsbedingung für das Gewinnmaximum muss die Grenzproduktivität des Kapitals gleich dem Zinssatz 25 Die Terminologie sowie die Abkürzung MEC (marginal efficiency of capital) bzw. MEI (marginal efficiency of investment) für die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals bzw. der Investition wurde geprägt von Keynes und wird in den meisten Lehrbüchern immer noch in dieser Form verwendet. Allerdings sind die Bezeichnungen auch bei Keynes nicht ganz trennscharf. Er spricht in der Regel über die Grenzeffizienz der Investition, nennt dies aber „marginal efficiency of capital“, was aber nur im Gleichgewicht miteinander identisch ist. Wir verwenden die Bezeichnung MEC hier im wörtlichen Sinne als Grenzproduktivität des Kapitals. i, MEC K K*1 K0 i0 i1 Abbildung 11-14: Optimaler Kapitalstock und Grenzproduktivität des Kapitals 11.2 Der Gütermarkt 525 sein. Dies sei beim Kapitalstock K0 erfüllt. Nun sinkt der Zins auf i1 ab. Da hier die Grenzproduktivität des Kapitals höher ist als die Kapitalkosten, lohnt es sich, den Kapitaleinsatz zu erhöhen, d. h. heißt zu investieren. Durch das Anwachsen des Kapitalstocks sinkt dessen Grenzproduktivität und zwar so lange, bis Grenzproduktivität und realer Zinssatz wieder übereinstimmen. Dies ist beim Kapitalstock K1 erreicht, der nun zum optimalen Kapitalstock K*1 geworden ist. Durch die Zinssenkung entsteht also zunächst eine Kapitalstocklücke K*1 – K0, die erst mit Hilfe von positiven (Netto-)Investitionen ausgeglichen werden muss. Investition bewirkt die Veränderung des Kapitalstocks in der Zeit und kann daher geschrieben werden als t t t 1I K K oder t dK I dt Die Annäherung des tatsächlichen an den gewünschten oder optimalen Kapitalstock dauert allerdings i. d. R. länger als eine Periode, so dass die Anpassung des Kapitalstocks auf mehrere Investitionsperioden verteilt wird. Dies hat zum einen produktionstechnische Gründe, v. a. dann, wenn die Kapitalstocklücke sehr groß ist. Außerdem ist das Verhalten der Investoren nicht nur durch rein produktionstechnische Zwänge und mechanisches Kostenkalkül bestimmt. Investitionsentscheidungen sind vielmehr in hohem Maße zukunftsorientiert und daher von den Erwartungen der Investoren über eine unbestimmte wirtschaftliche Zukunft, somit also auch stark von Stimmungslagen und psychologischen Faktoren abhängig. Je höher das Risiko eines bestimmten Investitionsprojektes eingeschätzt wird, desto eher wird der Investor dazu neigen, sein Geld statt zum Kauf etwa einer neuen Maschine in vergleichsweise sichere Bankanleihen zu stecken. Deren Verzinsung stellen nämlich die Opportunitätskosten der Sachinvestition dar. Es ist wiederum das Verdienst John Maynard Keynes’, die Investitionsfunktion nicht nur als deterministische Gleichung eines produktionstechnischen Zusammenhangs, sondern als Verhaltensgleichung für das zukunftsorientierte und risikobewusste Handeln von Wirtschaftssubjekten erklärt zu haben. Zusammenfassend können wir daher ein ganzes Bündel an Variablen identifizieren, die die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nettoinvestition erklären: • die Höhe der Kapitalstocklücke optimal tatsächlichK K • die verwendet Technologie sowie deren Veränderung (technischer Fortschritt) • die Höhe des gesamtwirtschaftlichen Output Y • die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate • der reale Zinssatz (Mietpreis des Kapitals) • die Erträge alternativer Finanzanlagen (Opportunitätskosten) • die Absatz- und Gewinnerwartungen der Investoren Als wichtigste Einflussfaktoren auf die Investitionsentscheidung wollen wir im Folgenden vor allem zwei Größen untersuchen, nämlich den Zinssatz sowie das Einkommen bzw. dessen Veränderung in der Zeit26. 26 Der ebenfalls wichtige Faktor technischer Fortschritt soll hier unberücksichtigt bleiben. Die Analyse seiner Wirkung auf die Entwicklung von Einkommen und Beschäftigung ist wesentlicher Bestandteil der Wachstumstheorie, die nicht mehr Gegenstand dieses Lehrbuches ist. 11 Makroökonomische Theorie526 11.2.1.2.2 Die Zinsabhängigkeit der Investition Die Zinsabhängigkeit der Investition resultiert aus dem Finanzierungskalkül des Investors. Jedes Investitionsprojekt muss im Laufe seiner Lebensdauer mindestens so viel einbringen, dass die Anschaffungskosten des Investitionsgutes abgedeckt werden können. Nehmen wir an, im Zeitpunkt der Investition entstehen Anschaffungs- und Herstellungskosten von AHK0. Das Investitionsgut, z. B. ein neues Auto eines Taxibetriebs, habe eine Lebensdauer von 5 Jahren. Wir nehmen ferner an, dass das Auto am Ende dieser Lebensdauer ohne Restverkaufswert, aber auch ohne Kosten verschrottet wird, d. h. das Fahrzeug soll nach 5 Jahren der Nutzung den Wert 0 haben27. Ein Rechenbeispiel Der Taxiunternehmer muss nun abschätzen, wie hoch die jährlichen Nettoerträge E, d. h. die Einnahmen abzüglich der Betriebsausgaben (ohne Abschreibungen), des Fahrzeugs sein werden. Die Einnahmen in diesem Beispiel sind die Umsatzerlöse durch die Beförderung von Fahrgästen, die Ausgaben sind die Kosten für Benzin, Kundendienst, Arbeitslohn des Fahrers etc. Damit sich der Kauf eines neuen Fahrzeuges lohnt, muss die Summe dieser Nettoerträge mindestens so hoch sein wie sein Anschaffungspreis. Man sagt, das Fahrzeug muss sich in den 5 Jahren seiner Lebensdauer mindestens amortisieren. Als Beispiel unterstellen wir folgende Anschaffungskosten und Nettoerträge: Tabelle 11-1: Nettoertragsreihe eines Investitionsprojektes t0 t1 t2 t3 t4 t5 –AHK0 E1 E2 E3 E4 E5 –40.000 10.000 11.000 9.000 8.000 8.000 Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde die Summe Nettoerträge mit 46.000 die Anschaffungskosten von 40.000 deutlich übersteigen, was für den Investor sehr lukrativ wäre. Dabei werden allerdings die Kosten der Finanzierung noch nicht berücksichtigt. Um das Geld für die Anschaffungskosten aufzubringen, kann der Taxiunternehmer entweder eigenes Vermögen, das er z. B. in Form von Wertpapieren hält, auflösen oder einen Kredit bei der Bank aufnehmen. Um die weitere Rechnung zu vereinfachen und nicht zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung unterscheiden zu müssen, nehmen wir an, dass der Zins, 27 Genau genommen muss zwischen einer technischen und einer wirtschaftlichen Lebensdauer unterschieden werden. In der Investitionsrechnung geht es meist um die wirtschaftliche Lebensdauer, d. h. die Zeit, in der das Gut wirtschaftlich genutzt werden kann. Häufig sind Maschinen rein technisch noch durchaus funktionsfähig, wenn sie aus dem aktiven Produktionsprozess ausscheiden. Sie können dann i. d. R. an andere Nutzer weiterverkauft werden und haben einen positiven Restwert. Das Taxiunternehmen wird seine Fahrzeuge nach 5 Jahren sicherlich nicht verschrotten, sondern auf dem Gebrauchtwagenmarkt an private Käufer weitergeben. Dieser Weiterverkaufswert wird in der Investitionsrechnung als Restwert berücksichtigt. Wenn ein Unternehmen Kapitalgüter über ihre offizielle Abschreibungsdauer hinaus im Unternehmen einsetzt, also nicht weiterverkauft, entstehen sog. stille Reserven. 11.2 Der Gütermarkt 527 zu dem der Unternehmer sein Vermögen alternativ auf dem Finanzmarkt anlegen kann, identisch ist mit dem, den er für einen Investitionskredit zahlen muss28. Zur weiteren Vereinfachung nehmen wir ferner an, dass das Investitionsprojekt und die alternative Finanzanlage dasselbe Risiko verkörpern. Dies ist in der Realität meist nicht der Fall. Der Investor verwendet für seine Rechnung daher normalerweise nicht den Marktzins, sondern einen Kalkulationszins, der einen Risikoaufschlag beinhaltet. Dieser Aufschlag soll auch die Unsicherheit der Schätzwerte für die zukünftigen Nettoerträge abgleichen. Tatsächlich sind die Ein- und Auszahlungsströme, je weiter sie in der Zukunft liegen, mit großen Unsicherheiten behaftet und werden i. d. R. zu optimistisch geschätzt. Dem trägt ein entsprechend hoher Risikoaufschlag Rechnung. In unserem Zahlenbeispiel wollen wir im Folgenden von einem Zins von 5 % p.a. ausgehen. Wenn der Taxiunternehmer im Zeitpunkt t0 40.000 Euro, statt das Auto zu kaufen, zu 5 % p.a. auf dem Finanzmarkt anlegen würde, dann hätte er nach 5 Jahren mit Zins und Zinseszins eine Summe von über 51.000 € zur Verfügung, die wiederum die Summe der Nettoerträge deutlich übersteigt. Es gilt nämlich: t0 K0 t1 K1 = K0 + iK0 = K0(1+i) t2 K2 = K1 + iK1 = … = K0(1+i)2 … … tn Kn = Kn-1 + iKn-1 = … = K0(1+i)n Also: 540.000 1,05 ca. 51.051 Diese Rechnung würde dafür sprechen, das Fahrzeug nicht zu kaufen und das Geld lieber in Wertpapieren angelegt zu lassen. Auch dieser Vergleich zwischen den aufgezinsten AHK und der Summe der Nettoerträge hinkt jedoch, denn die Nettoerträge entstehen ja nicht alle erst nach 5 Jahren, sondern sukzessive schon in den Jahren zuvor. Vergleichbar werden diese Beträge erst, wenn sie alle auf einen gemeinsamen Zeitpunkt bezogen werden. Die Investitionsrechnung muss also berücksichtigen, dass die Anschaffungskosten und die jährlichen Nettoerträge in unterschiedlichen Jahren anfallen. Ein Betrag Kn, der erst nach n Jahren zur Verfügung steht, hat in der Gegenwart einen geringeren Wert. Er entspricht nämlich demjenigen Geldbetrag K0, der heute zu i-Prozent angelegt werden müsste, um nach n Jahren auf den Betrag Kn zu kommen: Aus nn 0K K (1 i) folgt n 0 n K K (1 i) Den Betrag K0 nennt man den Barwert oder Gegenwartswert eines zukünftigen Betrages Kn. Um die Nettoerträge aufsummieren zu können, müssen sie daher zuerst individuell, d. h. in Abhängigkeit ihres Zeitpfades, auf die Gegenwart abgezinst werden, bevor ihre Summe mit den Anschaffungs- und Herstellungskosten verglichen werden kann. Wir erhalten 2 3 4 5 10.000 11.000 9.000 8.000 8.000 ca. 40.125 1,05 1,05 1,05 1,05 1,05 Die Summe der abgezinsten Nettoerträge übersteigt die Anschaffungs- und Herstellungskosten also nur sehr geringfügig. Die Investition lohnt sich gerade noch! 28 Außerdem unterstellen wir, dass es jederzeit möglich ist, zu diesem Zins Geld anzulegen oder Kredite zu erhalten. 11 Makroökonomische Theorie528 Das Prinzip der Kapitalwertmethode Die Summe der abgezinsten Nettoerträge nennt man den Ertragswert des Investitionsprojektes. Eine Investition lohnt sich nur dann, wenn der Ertragswert den Kapitaleinsatz in Höhe der Anschaffungs- und Herstellungskosten übersteigt. Die Differenz zwischen Ertragswert und Kapitaleinsatz heißt Kapitalwert einer Investition. Die Entscheidungsregel nach der sog. Kapitalwertmethode lautet also: Eine Investition lohnt sich und sollte nur dann durchgeführt werden, wenn der Kapitalwert positiv ist, d. h. wenn der Ertragswert den Kapitaleinsatz übersteigt. Da der Zinssatz bei der Berechnung des Ertragswertes im Nenner steht, ergibt sich ein negativer Zusammenhang zwischen Kapitalwert und Zinssatz: Bei gegebener Ertragslage und gegebenem Preis des Investitionsgutes ist eine Investition also umso lohnender, je niedriger der Zinssatz ist. Mit steigendem Zins fällt der Kapitalwert und damit die Wirtschaftlichkeit der Investition. Das Prinzip der internen Zinsfußmethode Diese Wirtschaftlichkeit lässt sich auch noch auf andere Weise berechnen. Wenn der Kapitalwert positiv ist, dann ist die Verzinsung des Investitionsprojektes offenbar höher als die einer alternativen Finanzanlage, wenn er geringer ist, dann ist sie niedriger als auf dem Finanzmarkt. Wenn der Kapitalwert gerade Null wird, dann ist die Verzinsung der Investition gerade so hoch wie der zur Abzinsung der Nettoerträge verwendete Marktzins. Diesen Zinssatz nennt man Rendite oder internen Zinssatz der Investition. Zur Berechnung des internen Zinssatzes muss man also herausfinden, bei welchem Zinssatz r der Ertragswert dem Kapitaleinsatz genau entspricht, d. h. für welchen Wert von r der Kapitalwert Null wird: n t t t 1 E KE (1 r) KW i Rendite des Investitionsprojektes Kapitalwertfunktion eines Investitionsprojektes AHK i EKW n t t t − (1+ = Σ =1 ) KW = Kapitalwert i = Zinssatz AHK = Anschaffungs- und Herstellungskosten Et = in t erwarteter Nettoertrag n = Lebensdauer des Projektes Abbildung 11-15: Die Kapitalwertfunktion 11.2 Der Gütermarkt 529 Die Auflösung dieser Gleichung nach r kann mathematisch recht anspruchsvoll sein. Meist wird die Lösung durch Interpolation angenähert. In Abbildung 11-15 ist der interne Zinssatz oder die Rendite der Investition als Nullstelle der Kapitalwertfunktion eingetragen. Diese Rendite muss nun mit dem Marktzins i verglichen werden. Die Entscheidungsregel nach der internen Zinssatzmethode lautet: Eine Investition ist lohnend, solange deren Rendite (interner Zinssatz) den Marktzinssatz übersteigt. In unserem Zahlenbeispiel stimmt die Rendite des Projektes mit annähernd 5 % offenbar mit dem Marktzinssatz überein. Auch die Renditerechnung also ergibt, dass dieses Investitionsprojekt sich gerade noch lohnt. Offensichtlich führen beide Entscheidungsregeln zum selben Ergebnis, sie sind logisch äquivalent. Den internen Zinssatz, d. h. die Rendite der Investition, nennt Keynes Grenzeffizienz oder Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (marginal efficiency of capital, MEC), gemeint ist aber der Investition (MEI). Beide Größen stimmen nur im Gleichgewicht, d. h. nach vollständiger Kapitalstockanpassung miteinander überein29. Übung 11-2: Kieswerkbesitzer in Entscheidungsnot Ein Kieswerkbesitzer erzielt aus einer Kiesgrube einen jährlichen Überschuss von 70.000 €, wobei die Kiesvorräte bei unveränderter Ausbeute noch 12 Jahre reichen. Er könnte durch den Kauf eines speziellen Schaufelbaggers zum Anschaffungspreis von 150.000 € die jährliche Förderung und damit den Jahresüberschuss verdoppeln. a) Ist die Investition bei einem Kalkulationszinssatz von 8 % vorteilhaft? b) Wie ist die Situation, wenn man unterstellt, dass der Bagger am Ende seines Einsatzes in der Kiesgrube noch für 50.000 € weiterverkauft werden kann? Lösung: a) Zur Beantwortung dieser Frage müssen die Situationen ohne und mit Investition miteinander verglichen werden. Ohne Investition reichen die Vorräte noch 12 Jahre, der Jahresüberschuss beträgt die gesamte Abbauzeit über 70.000 € pro Jahr. Gleichbleibende Nettoerträge eines Vermögensobjektes nennt man Rente. Bei der Berechnung des Ertragswertes eines solchen Rentenobjektes entsteht eine endliche geometrische Reihe, deren Summenwert mit Hilfe des sog. Rentenbarwert- oder Abzinsungsfaktors berechnet werden kann: nn t t n t 1 E (1 i) 1 EW E (1 i) (1 i) i 12 12 1,08 1 70.000 € ca. 527.525 € 1,08 0,08 Mit Investition reichen die Vorräte nur noch 6 Jahre lang, dafür verdoppeln sich die Erträge. Der Ertragswert mit Investition beträgt also 6 6 1,08 1 140.000€ ca. 647.203€ 1,08 0,08 Der Ertragswert liegt demnach um 119.678 € über dem Ertragswert ohne Investition, allerdings fallen nun auch 150.000 € Kaufpreis für den Schaufelbagger an. Die Investition lohnt sich also nicht! 29 Auf eine ausführliche Darstellung des Kapitalstockanpassungsprinzips und damit der Beziehung zwischen MEC und MEI soll an dieser Stelle verzichtet werden. Wichtig ist es jedoch, sich zu merken, dass die Höhe der Kapitalstocklücke ein Lageparameter der Investitionsfunktion ist: Je höher die Lücke zwischen tatsächlichem und gewünschten Kapitalstock, desto höher ist (bei gegebenem Zins) die Investition. 11 Makroökonomische Theorie530 b) Wenn allerdings nach 6 Jahren ein Restwert von 50.000 € für den Bagger erlöst werden kann, steigt der Ertragswert im Investitionsfall auf 6 50.000 EW 647.203 ca. 678.711€ (1 0,08) und liegt somit ca. 151.186 € über dem Ertragswert ohne Investition. In diesem Fall würden die Anschaffungskosten des Baggers also gerade amortisiert. Der Zinssatz von 8 % kommt in diesem Fall der Rendite (dem internen Zinssatz) des Investitionsprojektes sehr nahe. Die Zinsabhängigkeit der gesamtwirtschaftlichen Investitionsfunktion Die Zinsabhängigkeit der einzelwirtschaftlichen Investitionsentscheidung drückt sich in der gesamtwirtschaftlichen Investitionsfunktion aus, die in Abbildung  11-16 dargestellt ist. Die Rechtecke unterhalb der Investitionsfunktion stellen verschiedene Gruppen von Investitionsprojekten dar, die nach der Höhe ihrer Renditen sortiert sind. Bei dem hohen Marktzinssatz von i0 werden nur Investitionen durchgeführt, deren Renditen größer oder mindestens gleich dem Marktzinssatz i0 sind, also die Gruppen I0 und I1 (Punkt A). Sinkt der Marktzinssatz auf i1, so werden auch die Investitionsblöcke 2 und 3 rentabel (Punkt B). Je weiter der Zinssatz sinkt, desto mehr Investitionen mit geringerer Rentabilität kommen hinzu, so dass eine negative Neigung der Funktion entsteht. Sinkt der Zinssatz auf null – was wenig realistisch ist – oder auf einen institutionell bestimmten Minimalwert, so steigt die Investitionsmenge dennoch nur bis zu einem gewissen Maximalwert an, da ja stets die Summe der Nettoerträge hoch genug sein muss, um die Anschaffungskosten zu decken. Betroffen werden von Zinsänderungen grundsätzlich nur solche Projekte, deren Renditen in der Nähe des Marktzinses liegen. Sie können durch eine geringfügige Zinssenkung über die Rentabilitätsgrenze gehoben oder bei einer Zinssteigerung darunter gedrückt werden. Für die Volkswirtschaft als Ganzes drückt sich dies dann in einem veränderten Gesamtvolumen aus. i I I = f (i), wobei f'(i) < 0 i = Marktzinssatz r = Investitionsrendite I = Nettoinvestition i0 i1 r0 r1 r2 r3 r4 r5 I0 mit mit mit mit mit mit I1 I2 I3 I4 I5 A B r r0 r2 r3 r4 r5 r1 Abbildung 11-16: Die gesamtwirtschaftliche Investitionsfunktion 11.2 Der Gütermarkt 531 Praxisbeispiel 11-2: Empirische Schätzung der Investitionsfunktion für Deutschland 1961 – 1974 Die Lehrbuchautoren Richter, Schlieper und Friedmann schätzten die zinsabhängige Investitionsfunktion für Deutschland für den Zeitraum von 1961 bis 1974 wie folgt:30 Die Linearregression ergibt eine sehr enge Korrelation zwischen Zinshöhe und Investitionssumme für den betrachteten Zeitraum in Deutschland. Allerdings ist bei der Interpretation der Daten in mancher Hinsicht Vorsicht geboten: • Die Verlängerung der Regressionsgerade bis zur Ordinate ist ökonomisch nicht mehr interpretierbar, Punkte in der Nähe der Ordinate, d. h. bei einem Investitionsvolumen von nahe Null können nicht beobachtet werden. • Möglicherweise liegen die einzelnen Jahrespunkte auf verschiedenen Investitionsfunktionen, die sich im Laufe der Zeit verschoben haben. Die Lage der Kurve wird ja bekanntlich von mehreren Lageparametern bestimmt (v. a. von der Höhe und Entwicklung des Volkseinkommens). Dem ist von den Autoren durch eine Trendbereinigung bei den Ausrüstungsinvestitionen zwar Rechnung getragen worden; jedoch stellen Parameteränderungen, die die Zinsabhängigkeit überlagern, ein generelles Schätzproblem dar. • Die Steigung der Funktion gibt eine mittlere Zinsabhängigkeit für die Investition an. Die einzelnen Bestandteile der Investition reagieren aber sehr unterschiedlich zinsempfindlich: Lagerinvestitionen werden von Zinsänderungen kaum betroffen, während z. B. Bauinvestitionen als besonders zinsempfindlich gelten31. Die Stärke der Zinsabhängigkeit Die Stärke der Reaktion der Investition auf Zinsveränderungen hängt von der Steigung der Investitionsfunktion ab: Je steiler die Funktion in Abbildung 11-16, desto weniger steigt oder fällt die Investition bei Zinsschwankungen. Neben der absoluten ist auch die relative Veränderung des Investitionsvolumens bei Zinsschwankungen von Bedeutung, d. h. die prozentuale Veränderung der Investition in Bezug 30 Richter/Schlieper/Friedmann (1981), S. 242. 31 Vgl. dazu auch Neubäumer/Hewel (2005), S. 257 f. Abbildung 11-17: Investitionsfunktion BRD 1961 – 197430 11 Makroökonomische Theorie532 auf die Ausgangssituation. Diese relative Zinsreagibilität der Investition misst man mit einem Elastizitätsmaß: I,i dI dI iI di di I i Wie bei jeder anderen Elastizität32 bedeutet ein Betragswert über 1, dass die Reaktion elastisch ist, d. h. dass sich bei einer Zinsveränderung um 1 % die Investitionssumme um mehr als 1 % ändert. Übung 11-3: Rechenaufgabe zur Zinselastizität der Investition Gegeben sei die Investitionsfunktion I = 190+i-1. Wie hoch ist die Zinselastizität der Investition bei einem Zinssatz von 10 %? Interpretieren Sie das Ergebnis! Lösung: 1 I(0,1) 190 200 0,1 → 2 2 dI 1 1 i di i bzw. für i = 0,1 2 dI 1 100 di 0,1 Die Elastizität beträgt also: I,i dI i 0,1 100 0,05 di I 200 Die Zinselastizität der Investition ist an dieser Stelle also verschwindend gering. Die Zinsreagibilität von Investitionen ist sowohl je nach Art der Investition als auch in Abhängigkeit der konjunkturellen Situation sehr unterschiedlich. Es ist daher äußerst schwierig, allgemeine Aussagen über die Zinsempfindlichkeit von Investitionen zu machen. Tendenziell kann man folgende Einflussgrößen auf die Zinsabhängigkeit feststellen: • Konjunkturelle Situation Keynes betont die Konjunkturabhängigkeit der Zinselastizität. Er beschreibt eine asymmetrische Wirkung von Zinsänderungen im Konjunkturverlauf. In der Hochkonjunktur, d. h. bei vergleichsweise hohem Zins- und Preisniveau, haben Zinsänderungen starken Einfluss auf das Investitionsvolumen. Die Zinselastizität sinkt hingegen, wenn die Zinsen in der Rezession bereits auf einem niedrigen Niveau angelangt sind. Im Extremfall wirken sich weitere Zinssenkungen gar nicht mehr auf die Investition aus, da die Unternehmen aufgrund der schlechten Wirtschaftslage sehr pessimistisch geworden sind und sich bei starker Unterauslastung ihrer Kapazitäten von einer Investition, die die Kapazitäten ja weiter erhöht, keine zusätzlichen Erträge erwarten. Diese Situation nennt man Investitionsfalle. Die Klassiker teilen diesen Zinspessimismus hingegen nicht und gehen von einem gleichbleibend zinsempfindlichen Investitionsverhalten aus. Dementsprechend verschieden fallen die wirtschaftspolitischen Empfehlungen von Keynesianern und Neoklassikern für die Konjunktur- und Beschäftigungspolitik aus, wie wir noch sehen werden. • Fristigkeit der Investitionsprojekte Langfristige Projekte sind wegen der stärkeren Zinseszinseffekte zinsempfindlicher als kurzfristige. Das betrifft vor allem Bauinvestitionen und andere Branchen mit langen Ka- 32 Vgl. Abschnitt 4.3 „Elastizitäten“. 11.2 Der Gütermarkt 533 pitalbindungszeiten, wie z. B. die Energiewirtschaft oder den Schiffbau. Je ferner Erträge in der Zukunft liegen, desto geringer ist bei gegebenem Zinssatz ihr Gegenwartswert und desto stärker schwankt dieser auch bei geringfügigen Zinsänderungen. Dazu ein einfaches Zahlenbeispiel: Vergleichen wir zwei Investitionsprojekte, die sich ausschließlich durch ihre Lebensdauer unterscheiden: Beide Projekte erfordern einen Kapitaleinsatz von 100 und sollen einen Zinssatz von 3 % erbringen. Das erste Projekt hat eine Lebensdauer von nur einem Jahr, das zweite Projekt hat unendliche Laufzeit. Welche Nettoerträge müssen erwirtschaftet werden, damit sich diese beiden Projekte rentieren? Nach der Methode des internen Zinssatzverfahrens muss für beide Projekte gelten: Kapitaleinsatz = Ertragswert Projekt 1: E 100 E 103 1,03 Projekt 2: 33 E 100 E 3 0,03 Jetzt nehmen wir an, der Zinssatz steige auf 4 %. Um bei diesem Zinssatz noch rentabel zu sein, müssen die Erträge höher sein als zuvor: Projekt 1: E 100 E 104 1,04 Projekt 2: E 100 E 4 0,04 Um die Zinssteigerung von 3 % auf 4 % abdecken zu können, müssten die Erträge im ersten (kurzfristigen) Projekt also um weniger als 1 % ansteigen. Im zweiten (langfristigen) Projekt hingegen wäre eine Ertragssteigerung von 33 % erforderlich! Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Projekt durch eine Zinssteigerung unrentabel wird, ist also viel größer, als bei kurzfristigen. • Institutionelle Rahmenbedingungen Empirische Beobachtungen haben gezeigt, dass die Zinselastizität u. a. auch von der Art der Finanzierung einer Investition abhängt. Kapitalintensive, fremdfinanzierte Investitionsvorhaben (wie z. B. Kraftwerksbau) sind deutlich zinselastischer als arbeitsintensive und eigenfinanzierte Projekte. Ein Grund dafür dürfte im höheren Insolvenzrisiko bei fremdfinanzierten Projekten liegen. Das Unternehmen ist ja Verbindlichkeiten und damit Abhängigkeiten eingegangen, die im Falle unvorhergesehener wirtschaftlicher Schwierigkeiten bis zur Insolvenz durch Zahlungsunfähigkeit gehen können. Fremdfinanzierte Projekte werden daher stets mit einem höheren Risikoaufschlag im Kalkulationszins berechnet und fallen deshalb bei Marktzinsschwankungen auch leichter unter ihre Renditelinie. Bei manchen Arten von Investitionsentscheidungen spielen Zinsüberlegungen hingegen gar keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Dies betrifft, wie bereits erwähnt, die meist ungeplanten Lagerinvestitionen, aber auch solche Ausrüstungsinvestitionen, die gesetzliche Vorgaben, z. B. des Umweltschutzes erfüllen. 33 Bei unendlichen Renten vereinfacht sich die Summenformel für den Ertragswert. Es gilt: n nn (1 i) 1 1 EW lim e e (1 i) i i , wobei EW der Ertragswert, e der gleich bleibende Rentenertrag und i der Marktzinssatz ist. 11 Makroökonomische Theorie534 11.2.1.2.3 Die Einkommensabhängigkeit der Investition Eine weitere wichtige Variable in der gesamtwirtschaftlichen Investitionsfunktion ist das Volkseinkommen. Wie wir bereits in Abbildung 11-13 gesehen haben, steigt das Niveau der Investitionsausgaben mit dem Niveau des Volkseinkommens im Zeitverlauf an und reagiert darüber hinaus auch auf Einkommensschwankungen im Konjunkturzyklus. Zwei Argumente sprechen für diesen Niveauzusammenhang. Zur Produktion eines hohen Volkseinkommens sind stets auch ein hoher Kapitalstock und daher auch ein hohes Niveau an Re-Investitionen erforderlich. Der Umfang der Bruttoinvestitionen wird also bei einem höheren Volkseinkommen immer höher sein, als bei einem niedrigen. Die Nettoinvestitionen hingegen reagieren weniger auf das Einkommensniveau, als auf dessen Veränderung. Wenn die Kapazitäten ausgelastet sind und die Unternehmen mit einer weiteren Zunahme der Nachfrage rechnen, werden kapazitätserweiternde Nettoinvestitionen induziert. Dieser produktionstechnische Zusammenhang führt uns anschließend zum Konzept des Akzelerators. Ferner wird argumentiert, dass die Investitionstätigkeit sehr stark von den Gewinnen im Unternehmenssektor abhänge. Gewinne wiederum sind eng mit der Umsatzentwicklung und diese mit der des Volkseinkommens gekoppelt. Hohe Gewinne stellen eine günstige Finanzierungsquelle für die Unternehmen dar. Nachweislich besteht eine hohe Korrelation zwischen den Investitionsausgaben und der Selbstfinanzierungsquote, d. h. dem Anteil der Investitionsfinanzierung aus unverteilten Gewinnen. Zwar erwarten Investoren auch vom eingesetzten Eigenkapital eine marktgerechte Verzinsung. Jedoch nimmt mit steigender Selbstfinanzierungsquote die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt ab. Das Unternehmen ist dann nicht mehr so stark auf Fremdkapital angewiesen. Die Abhängigkeit vom Volkseinkommen lässt sich als partielle Investitionsfunktion darstellen: I f(Y), wobei I 0 Y . In Bezug auf die Zinsabhängigkeit der Investitionsausgaben wird die Höhe des Einkommens zum Lageparameter. Bei gegebenem Zinssatz sind die Investitionsausgaben umso höher, je höher das Einkommensniveau ist, d. h. die partielle Investitionsfunktion in Bezug auf den Zinssatz verlagert sich mit steigendem Einkommen nach rechts. 11.2 Der Gütermarkt 535 Das Akzeleratorprinzip: Konstanter Akzelerator Der Zusammenhang zwischen der Veränderung des Volkseinkommens und den Investitionsausgaben wird mit Hilfe des Akzeleratorprinzips beschrieben. Ausgangspunkt der Überlegungen ist ein produktionstechnischer Zusammenhang. Unterstellen wir zunächst Vollauslastung der Produktionskapazitäten sowie die Betrachtung einer kurzen Frist. Wie wir aus der Produktionstheorie wissen, besteht in diesem Fall, d. h. bei gegebenem Stand der Technik, ein limitationaler Zusammenhang zwischen dem Output Y und den Einsatzfaktoren, insbesondere dem Kapitalstock K. Diese technisch bedingte Input-Output-Relation heißt Kapitalkoeffizient. Es gilt: K v Y oder K v Y. Nehmen wir nun an, dass die Gesamtnachfrage im Laufe der Zeit t steigt und der Output deshalb ausgedehnt werden soll. Wenn sich die Produktionstechnik, d. h. der Kapitalkoeffizient v nicht ändert, kann ein höherer Output also nur dann produziert werden, wenn der Kapitaleinsatz im vorgegebenen Verhältnis mitsteigt34: dK dY v dt dt oder (als Differenzengleichung) t t 1 t t 1 K K v (Y Y ). Die Kapitalstocklücke ist also proportional zur Nachfrage- bzw. Outputlücke und muss durch Nettoinvestitionen geschlossen werden. Die Nettoinvestition ist bekanntlich definiert als Veränderung des Kapitalstocks pro Periode, so dass wir schreiben können: t dY I v dt oder t t t 1I v (Y Y ). Das Anwachsen des Volkseinkommens Y induziert demnach unmittelbar Investitionen, die die entstandene Kapitalstocklücke zwischen dem Kapitalbestand der Vorperiode und dem 34 v ist also gleichzeitig durchschnittlicher und marginaler Kapitalkoeffizient. i I Y i0 Y0 Y1 Y2 I = f(Y; i0) Abbildung 11-18: Der Zusammenhang zwischen Volkseinkommen und Investition 11 Makroökonomische Theorie536 optimalen Kapitalstock der laufenden Periode sofort schließen. Pro Periode wird stets der jeweils optimale Kapitalstock realisiert. Dieser Zusammenhang wird als konstanter oder naiver Akzelerator bezeichnet. Die folgende Abbildung  11-19 zeigt, dass wachstumsinduzierte Nettoinvestitionen stets nur in derselben Periode getätigt werden, in der die Produktionsausdehnung stattfindet. Die Kapitalstocklücke wird sofort geschlossen. In der folgenden Übung35 wird anhand eines Zahlenbeispiels deutlich, wie sich Umsatzschwankungen auf Kapitalstock und Investitionen auswirken. Übung 11-4: Regenschirme und Klimawandel Ein Unternehmen produziert Regenschirme. Aufgrund des Klimawandels nimmt die Anzahl Regentage pro Jahr signifikant zu und die Nachfrage nach Regenschirmen steigt dadurch an. Allerdings rechnen die Manager des Unternehmens nicht mit einer dauerhaften Nachfrageerhöhung. Sie gehen vielmehr davon aus, dass sich der Markt nach einigen Jahren mit Regenschirmen gesättigt haben wird und danach nur noch mit Ersatzbedarf gerechnet werden kann. Der Maschinenpark des Unternehmens in Höhe von 200 wurde in Jahresscheiben zu je 40 Kapitaleinheiten kontinuierlich angeschafft. Die Maschinen werden über 5 Jahre abgeschrieben, d. h. bei konstantem Kapitalstock scheiden jedes Jahr 20 % des Maschinenparks aus und müssen ersetzt werden. In diesem Industriezweig beträgt der Kapitalkoeffizient 2, d. h. bei ausgelasteten Kapazitäten muss man 200 € investieren, um den Umsatz dauerhaft um 100 € zu steigern. Füllen Sie folgende Tabelle mit den fehlenden Zahlen aus. 35 In Anlehnung an Völker (1999), S. 259 f. Yt It t t 1 3 2 4 ff. 1 3 2 4 ff. I2 = v · (Y2 – Y1) = v · (Y3 – Y2) = I3 Y1 Y2 Y3 Abbildung 11-19: Der konstante (naive) Akzelerator 11.2 Der Gütermarkt 537 Tabelle 11-2: Induzierte Kapitalstock- und Investitionsentwicklung bei Umsatzschwankungen Jahr Umsatz Vorhand. Kap.stock Benötigter Kap.stock Ersatz- Investition Netto- Investition Gesamtinvestition 1 100 200 2 110 3 120 4 130 5 130 6 120 7 110 8 100 9 100 10 100 Lösung: Als erstes lässt sich der in jeder Periode benötigte Kapitalstock mit Hilfe des gegebenen Umsatzes sowie des Kapitalkoeffizienten berechnen. In Spalte muss jeweils der doppelte Betrag von Spalte 2 stehen. Der vorhandene Kapitalstock in Spalte 3 ist dann jeweils der aus der Vorperiode übernommene. Die Nettoinvestitionen ergeben sich als Differenz zwischen dem tatsächlichen (Spalte 3) und dem benötigten (Spalte 4) Kapitalstock. Die notwendigen Ersatzinvestitionen entsprechen den jeweiligen Gesamtinvestitionen vor 5 Jahren. Sie liegen in den ersten 5 Jahren daher jeweils bei 40, da wir ja wissen, dass der Maschinenpark in regelmäßigen Jahresscheiben von 40 Kapitaleinheiten aufgebaut worden ist. Ab dem Jahr 7 ff. allerdings müssen die hinzugetretenen Nettoinvestitionen ab dem Jahr 2 mitberücksichtigt werden. Die letzte Spalte beinhaltet die Summe aus Ersatz- (Spalte 5) und Nettoinvestition (Spalte 6). Tabelle 11-3: Lösungstabelle zur induzierten Investition Jahr Umsatz Vorhand. Kap.stock Benötigter Kap.stock Ersatz- Investition Netto- Investition Gesamtinvestition 1 100 200 200 40 0 40 2 110 200 220 40 20 60 3 120 220 240 40 20 60 4 130 240 260 40 20 60 5 130 260 260 40 0 40 6 120 260 240 40 –20 20 7 110 240 220 60 –20 40 8 100 220 200 60 –20 40 9 100 200 200 60 0 60 10 100 200 200 40 0 40 11 Makroökonomische Theorie538 Dieses Akzeleratorkonzept ist also ein unmittelbarer Ausdruck produktionstechnischer Zusammenhänge. Wenn man die oben beschriebene Akzeleratorgleichung jedoch als Investitionsfunktion, d. h. als Verhaltenshypothese interpretieren will, zeigen sich unüberwindliche Schwierigkeiten: • Die Gleichung würde als Verhaltenshypothese einen Zirkelschluss beinhalten: Die Investitionen sind selbst wesentlicher Bestandteil der Gesamtnachfrage und damit auch von Y. Wie können Investoren auf sich selbst reagieren? Zumindest müsste die Gleichung einen Zeitverzug zwischen der Einkommenssteigerung und der Reaktion der Investoren vorsehen (Reaktionslag). • Dieser Zeitverzug wäre auch aus technischen Gründen notwendig. Selbst wenn die Investoren die entstehende Lücke zwischen dem tatsächlichen und dem gewünschten Kapitalstock sofort schließen wollten, müssten die unterschiedlich langen Ausreifungszeiten der Investitionsprojekte (v. a. Bauprojekte) berücksichtigt werden. • Mit einer Reaktion der Investoren auf eine beobachtete Nachfragesteigerung ist nur dann zu rechnen, wenn diese von einer dauerhaften Nachfrageentwicklung ausgehen. Eine abwartende Haltung der Investoren ist daher allein schon aus diesem Grund wahrscheinlich. Bevor die Unternehmen neue Kapazitäten aufbauen, werden sie der gestiegenen Nachfrage zunächst durch Lagerabbau (sofern vorhanden), die Verlängerung von Lieferfristen oder Preiserhöhungen begegnen. • Solange noch in nennenswertem Umfang unausgelastete Kapazitäten vorliegen, wirkt das Akzeleratorprinzip nicht. Eine Nachfrageerhöhung würde dann lediglich den Auslastungsgrad erhöhen. • In Zeiten der Überbeschäftigung hingegen, d. h. in der Hochkonjunktur sind dem Akzeleratorprinzip dadurch Grenzen gesetzt, dass der Faktor Arbeit knapp wird. Da kurzfristig ja von eher limitationalen Produktionsverhältnissen auszugehen ist, können Arbeitskräfte nicht einfach durch Kapital ersetzt werden. Investitionen werden daher unterlassen und durch Preissteigerungen ersetzt oder ins Ausland verlagert. • In der Hochkonjunktur können – bedingt durch eine möglicherweise restriktive Zentralbankpolitik – auch Finanzierungsschwierigkeiten auftreten. Hohe Marktzinssätze könnten dazu führen, dass viele Investitionsprojekte unrentabel und aus diesem Grund nicht durchgeführt werden. • Denselben Effekt könnten Preissteigerungen in der Investitionsgüterindustrie verursachen. Steigende Anschaffungskosten und steigende Zinsen haben beide einen negativen Effekt auf die Rentabilität einer Investition. • Schließlich ist noch zu bedenken, dass fortwährend technischer Fortschritt stattfindet und das optimale Faktoreinsatzverhältnis (und damit die Höhe der Kapitalstocklücke) verändert. Durchschnittlicher und marginaler Kapitalkoeffizient sind daher i. d. R. nicht identisch. All diese Argumente sprechen dafür, dass der beobachtete Akzelerator stets kleiner ist als der konstante (auch gleichgewichtig genannte) Akzelerator. Man kann in der Realität keineswegs davon ausgehen, dass immer sofort der jeweils optimale, gewünschte Kapitalstock realisiert wird. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass die Reaktion der Investoren auf eine Nachfrage- und Einkommenssteigerung zum einen verzögert einsetzt sowie zum andern die Kapitalstockanpassung auf mehrere Perioden verteilt wird. 11.2 Der Gütermarkt 539 Das Akzeleratorprinzip: Flexibler Akzelerator Unser Gleichungssystem ändert sich daher. Während bei sofortiger Kapitalstockanpassung stets der jeweils optimale oder gewünschte Kapitalstock Kg realisiert wird, so dass gilt g g t t t 1I K K , kann man nun nicht mehr davon ausgehen, dass der tatsächliche Kapitalstock der Vorperiode Ktat auch gleichzeitig der optimale (d. h. gleichgewichtige) Kapitalstock war. Ferner wird die Investition in t nicht mehr notwendigerweise die gesamte noch vorhandene Kapitalstocklücke ausfüllen, sondern nur einen bestimmten Teil p: g tat. t t t 1I p (K K ). Der gewünschte Kapitalstock Kg ergibt sich aus dem gegebenen Kapitalkoeffizienten v und dem Outputniveau Y. Der tatsächliche Kapitalstock Ktat hingegen ist von Periode zu Periode verschieden. Die Investition in t steht daher in einer flexiblen Relation zum Einkommen und zur Kapitalstocklücke: tat t t t 1I p (v Y K ), wobei I 0 Y und t 1 I 0 K , das heißt, je kleiner die restliche Kapitalstocklücke bzw. je höher der tatsächliche Kapitalstock der Vorperiode ist, desto niedriger ist die induzierte Investition36. Die Größe p heißt daher flexibler Akzelerator. Die Abbildung 11-20 zeigt den Anpassungsprozess des flexiblen Akzelerators schematisch. 36 Zur ausführlichen mathematischen Darstellung des flexiblen Akzelerators wird auf die Spezialliteratur zur Investitions- und Kapitaltheorie verwiesen. Yt It t t 1 3 2 4 ff. 1 3 2 4 Y1 Y2 Y3 5 Abbildung 11-20: Der flexible Akzelerator 11 Makroökonomische Theorie540 Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass das Akzeleratorprinzip vorwiegend in Zeiten der Unterbeschäftigung bzw. der Normalauslastung der Kapazitäten nachzuweisen ist. In der Hochkonjunktur, also in Phasen der Überbeschäftigung hingegen überwiegt eher die Wirkung von Zinsanreizen37. Auf der Basis der bisherigen Überlegungen ist das auch nicht verwunderlich: Im Konjunkturtief ist das Zinsniveau in der Regel niedrig. Sofern die Unternehmen eine Nachfragesteigerung erwarten und somit Absatz- und Ertragschancen voraussehen, werden einer entsprechenden Investitionsentscheidung kaum Finanzierungsprobleme entgegenstehen: Kredite sind billig und reichlich verfügbar. In der Hochkonjunktur hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sinkendes Kreditangebot und dadurch steigende Zinsen die Rentabilität geplanter Investitionsprojekte zunichte machen, sehr viel höher. Der Einfluss der positiven Absatzerwartungen wird also von Zinseffekten überdeckt. Praxisbeispiel 11-3: Das Akzelerator-Modell der Lagerbestände Der US-amerikanische Nationalökonom und Lehrbuchautor Gregory Mankiw stellte fest, dass das Akzeleratorprinzip besonders gut zur Erklärung der Lagerinvestitionen geeignet ist. Das folgende Streudiagramm zeigt, dass die Lagerinvestitionen in Deutschland in einem nahezu proportionalen Verhältnis zur realen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts stehen: Die Regressionsgerade, die Mankiw durch diese Punktewolke gezeichnet hat, entspricht der Konzept des konstanten Akzelerators beschreiben: Für jede D-Mark, um die das BIP im betrachteten Zeitraum gestiegen ist, wurden Lagerinvestitionen im Wert von 20 Pfennigen getätigt38. 37 Vgl. z. B. Teichmann (1997), S. 49. 38 Beispiel entnommen aus Mankiw (1998), S. 521. Abbildung 11-21: Lagerinvestitionen und reale Wachstumsrate des BIP in Deutschland 11.2 Der Gütermarkt 541 11.2.1.3 Die Nachfrage des Staates Im Abschnitt 10.2.3 wurde bereits dargestellt, auf welch vielfältige Weise der Staat in den Wirtschaftskreislauf eingreift. Er fragt zum einen Güter und Faktorleistungen aus der Privatwirtschaft nach, um damit seine Dienstleistungen für die Bürger, nämlich die öffentlichen Güter, zu produzieren. Der Staat fragt außerdem Investitionsgüter nach, um damit die öffentliche Infrastruktur zu erstellen, zu erhalten und zu vergrößern. Abgesehen davon entfaltet der Staat außerdem eine umfangreiche Umverteilungstätigkeit im Rahmen seiner Sozialpolitik. Er zahlt Unterstützungsleistungen an private Haushalte, wie z. B. Sozialhilfe oder Kindergeld, sowie Versicherungsleistungen, wie etwa Arbeitslosengeld, Gesundheitsleistungen oder Renten. Auch Unternehmen können Nutznießer staatlicher Hilfen in Form von Subventionszahlungen sein. Zur Finanzierung all dieser Aktivitäten erhebt der Staat direkte und indirekte Steuern sowie Sozialversicherungsbeiträge. Darüber hinaus fließen ihm Faktoreinkommen aus Unternehmensbeteiligungen zu, die jedoch im Folgenden vernachlässigt werden sollen. Kreislaufwirkung staatlicher Aktivitäten Die Nachfrage des Staates besteht nur aus den unmittelbar kreislaufwirksamen Ausgaben für den staatlichen Konsum und die staatliche Investition. Alle anderen Aktivitäten wie Transferzahlungen und Steuererhebungen verändern die Kreislaufströme nur indirekt, nämlich über eine Veränderung des verfügbaren Einkommens der Haushalte und Unternehmen. Von der Größenordnung her entspricht die Staatsnachfrage in etwa den privaten Investitionen, wobei der größte Teil der Staatsnachfrage im öffentlichen Konsum besteht. Verhaltenshypothesen für die staatliche Tätigkeit Die Bestimmungsgründe für die verschiedenen Teile der Staatsnachfrage sind nicht einfach zu ermitteln. Fest steht, dass die Höhe der öffentlichen Ausgaben nicht einfach eine Folge eines Gewinnmaximierungskalküls, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen ist. In einer Demokratie ist die Budgetplanung Gegenstand intensiver parlamentarischer Diskus sionen und Abstimmungen. Ein immer größer werdender Teil der Einnahmen und Ausgaben des Staates wird außerdem von internationalen Organisationen bestimmt, in Deutschland insbesondere von der EU. Der Erklärung des Budgetverhaltens des Staates ist ein eigener Zweig der Volkswirtschaftslehre gewidmet, nämlich die Finanzwissenschaft. Im Rahmen der Einkommens- und Beschäftigungstheorie liegt das Hauptaugenmerk der Analyse jedoch nicht auf der Erklärung der Bestimmungsgründe staatlichen Handelns, sondern auf der Frage, wie der Staat mit seinen Einnahmen und Ausgaben – ganz egal, mit welchem politischen Verfahren über ihre Höhe entschieden worden ist – auf den privaten Wirtschaftskreislauf Einfluss nimmt. Wir gehen daher im Folgenden davon aus, dass sowohl die Konsum- wie auch die Investitionsausgaben des Staates autonom, d. h. unabhängig vom Einkommen, sowie exogen, d. h. nicht durch Einflussgrößen innerhalb des Modells bestimmt sind: aut St StC C und aut st StI I . Dasselbe gilt für die Transferzahlungen: autTr Tr . 11 Makroökonomische Theorie542 Die Steuereinnahmen hingegen müssen etwas differenzierter beschrieben werden. In einem ersten Schritt können zwar auch diese als autonom und modellexogen angesehen werden. Dies wäre der Fall einer pauschalen Kopfsteuer, die jeder Bürger unabhängig von seinem Einkommen zu zahlen hat. Realistischer hingegen ist die Annahme einer einkommensabhängigen Steuer T T(Y) t Y. In dieser Form handelt es sich also um eine proportionale Einkommensteuer. Noch näher an der Wirklichkeit allerdings ist eine progressive Einkommensteuer, bei der der Steuersatz t selbst positiv vom Einkommen abhängig ist: T T(Y) t(Y) Y, wobei dt 0 dY . Die Einbeziehung dieser einfachen Verhaltensannahmen in das Grundmodell des Gütermarktes erlauben trotz ihrer beschränkten Aussagefähigkeit wichtige Schlussfolgerungen über die konjunkturelle Wirkung wirtschaftspolitischen Handelns. 11.2.1.4 Die Nachfrage des Auslandes Der vierte wichtige Bestandteil der Endnachfrage ist die Nachfrage des Auslandes, d. h. aus Inlandssicht die Exportnachfrage. Betrachtet man jedoch die Wertschöpfung, also die Einkommensentstehung, so muss dem Export der Import ausländischer Güter gegenübergestellt werden, mit denen sich das inländische Angebot erhöht. Verhaltenshypothesen für grenzüberschreitende Aktivitäten Auch mit den Bestimmungsgründen der Außenhandelsströme befasst sich ein eigenständiges Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre, nämlich die Außenwirtschaftstheorie. Die Außenhandelsströme sind zwar überwiegend durch privatwirtschaftliche Aktivitäten zu erklären, so dass die Abhängigkeit vom Einkommen auf jeden Fall berücksichtigt werden muss. Darüber hinaus spielen jedoch noch zahlreiche weitere Faktoren eine wichtige Rolle, so z. B. die Höhe der Wechselkurse, das Verhältnis der Preisniveaus zwischen Inland und Ausland (die sog. terms of trade), protektionistische Maßnahmen wie Zölle oder Einfuhrkontingente und vieles andere mehr. Eine genauere Analyse der Außenwirtschaft erfolgt im Kapitel 12. Für die Analyse der Vorgänge auf dem (inländischen) Gütermarkt genügen jedoch auch in diesem Fall relativ einfache Verhaltensannahmen. Die Exportgüterverkäufe sind gleichzeitig Käufe des Auslands. Die ausländischen Kunden richten sich bei ihren Kaufentscheidungen wie jedes rationale Wirtschaftssubjekt nach dem Preis der Güter sowie nach ihrem verfügbaren Einkommen. In der Gütermarktanalyse wird im Folgenden jedoch unterstellt, dass die Preise konstant seien, Preisänderungen bleiben zunächst unberücksichtigt. Das verfügbare Einkommen des Auslandes ist aus Inlandssicht ebenfalls modellexogen bestimmt und von den Vorgängen auf dem Inlandsgütermarkt unabhängig. Die Exporterlöse werden im Rahmen des Gütermarktmodells daher sehr vereinfacht als autonom und exogen angesehen: autEX EX . Den Importen hingegen liegen Kaufentscheidungen von Inländern zugrunde. Somit werden sie zumindest teilweise durch die Höhe des inländischen Einkommens Y bestimmt. Analog zu einer einfachen keynesianischen Konsumfunktion wird daher in Gütermarktmodellen 11.2 Der Gütermarkt 543 meist folgende Importfunktion mit einem einkommensabhängigen und einem autonomen Teil der Importnachfrage verwendet: autIM IM(Y) IM m Y, wobei m die marginale Importquote bezeichnet. 11.2.2 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsunabhängiger Investition Beginnen wir mit einem Gütermarktmodell, das nur die privaten Wirtschaftssubjekte Haushalte und Unternehmen berücksichtigt. Man nennt solche Modelle Zwei-Sektoren- Modell oder Modell einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat. Ein solches Modell wird durch die folgenden fünf Gleichungen, die uns bereits aus Übung 2-4 bekannt sind, vollständig beschrieben: Das Gleichungssystem (1) NY C(Y) I (2) AY Y (3) autC(Y) C c Y (4) autI I (5) A N *Y Y Y , wobei YN für gesamtwirtschaftliche Nachfrage, YA für das Angebot, Y für das Volkseinkommen39, C für den Konsum und I für die Investition steht. Caut bezeichnet den einkommensunabhängigen Sockelkonsum, c die marginale Konsumneigung. Die Gleichungen (1) und (2) sind die Definitionsgleichungen für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Angebot, Gleichungen (3) und (4) sind die Verhaltenshypothesen für Konsum und Investition, Gleichung (5) ist die Gleichgewichtsbedingung. Die beiden Verhaltenshypothesen sind so einfach wie möglich formuliert. Der Konsum wird durch eine lineare keynesianische Konsumfunktion beschrieben, die Investition gilt als autonom, d. h. einkommensunabhängig. Die Gleichgewichtslösung Die Gleichgewichtslösung dieses Modells lässt sich algebraisch und graphisch sehr einfach bestimmen. Durch sukzessives Einsetzen der Gleichungen (1) bis (4) in (5) erhält man Y C(Y) I oder Y C(Y) S(Y) I. Die Lösung für den Gleichgewichtswert Y* lautet: aut autY C c Y I aut aut * aut aut Y c Y C I 1 Y (C I ) 1 c Graphisch erhält man diese Lösung entweder mit Hilfe des Schnittpunktes der Gesamtnachfragekurve mit der Winkelhalbierenden des ersten Quadranten (das ist der geometrische Ort der Gleichheit zwischen Nachfrage und Angebot) oder durch den Schnittpunkt zwischen Spar-40 und Investitionsfunktion (siehe Abbildung 11-22). 39 Da in diesem Modell keine staatlichen Aktivitäten vorkommen, muss auch nicht zwischen Volkseinkommen und verfügbarem Volkseinkommen unterschieden werden. 40 Zur Herleitung der Spar- aus der Konsumfunktion vgl. oben Abbildung 11-8. 11 Makroökonomische Theorie544 Übung 11-5: Einfaches Gütermarktgleichgewicht In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat beträgt der Basiskonsum 100. Außerdem wird von jeder zusätzlichen Einkommenseinheit nur der 10. Teil gespart, der Rest konsumiert. Die Nettoinvestition beträgt 20. a) Wie hoch ist das Gleichgewichtseinkommen? b) Zeigen Sie, dass für dieses Einkommen gilt: autI S(Y*) Lösung: a) Y 100 0,9 Y 20 0,1 Y 120 Y* 1.200 b) =− + ⋅ =− + ≡ ? ? 20 100 0,1 1.200 20 100 120 20 20 q.e.d. 45° Y* I = Iaut Caut - Caut Caut + Iaut Y = YA YN, I, C, S Abbildung 11-22: Gütermarktgleichgewicht im Zwei-Sektoren-Modell bei zinsunabhängiger Investition 11.2 Der Gütermarkt 545 Ungleichgewichtige Situationen Ungleichgewichte entstehen, wenn nicht das Gleichgewichtseinkommen Y*, sondern ein niedrigeres (wie Y1 in der folgenden Abbildung 11-23) oder ein höheres (wie Y2) verwirklicht werden. Wenn das tatsächliche Einkommen niedriger ist als das gleichgewichtige (Situation 1), dann ist offensichtlich die Nachfrage größer als das Angebot. Es entsteht also eine Übernachfrage oder Angebotslücke. Um diese Lücke auszugleichen könnten entweder die Nachfrager auf einen Teil ihres ursprünglich geplanten Konsums verzichten, d. h. ungeplant sparen, oder die Anbieter könnten versuchen, das fehlende Angebot durch Lagerabbau aufzufüllen. Das setzt natürlich voraus, dass Lager vorhanden sind. Wenn keine Lager vorhanden sind, werden die Anbieter die Preise erhöhen und damit die Übernachfrage zurückdrängen. Man nennt diese Situation daher auch inflatorische Lücke. Da wir im Folgenden allerdings konstantes Preisniveau unterstellen, wird diese Art der Anpassung zunächst nicht untersucht. Wenn das tatsächliche Einkommen höher ist das gleichgewichtige (Situation 2), gilt das Gegenteil: Das Angebot ist höher als die Nachfrage, d. h. es entsteht ein Überangebot oder eine Nachfragelücke. Diese kann entweder nachfrageseitig durch ungeplanten Konsum (Entsparen) oder angebotsseitig durch ungeplanten Lageraufbau geschlossen werden. Möglicherweise werden die Anbieter auch versuchen, durch Preissenkungen ihre Waren doch noch abzusetzen, so dass man hier von einer deflatorischen Lücke spricht. Multiplikatoranalyse Der Weg von einer solchen Ungleichgewichtssituation zurück zum Gleichgewicht ist Gegenstand der Multiplikatoranalyse. Dabei gibt es zwei Untersuchungsmethoden: 45° 1 2 YA = Y YN Y1 Y2 Y* Abbildung 11-23: Ungleichgewichtssituationen 11 Makroökonomische Theorie546 • Die komparativ-statische Analyse: Die Zeitpunkte vor und nach vollzogener Anpassung werden miteinander verglichen und die Gesamtänderungen der einzelnen Modellgrößen berechnet. Der Anpassungspfad selbst wird nicht untersucht. Wir werden uns im Folgenden auf die komparativ-statische Analyse konzentrieren. • Die dynamische Analyse: Der Zeitpfad der Variablen wird untersucht. Alle Modellvariablen werden auf die Zeit bezogen. Dies geschieht entweder durch die Betrachtung diskreter Zeitperioden (Sequenzenanalyse oder rate analysis) oder eines Zeitkontinuums (kontinuierliche Analyse). Für eine dynamische Analyse müssen also Informationen über die Reaktionsgeschwindigkeit bzw. Reaktionsverzögerungen (lags) der einzelnen Akteure vorliegen41. 11.2.2.1 Komparativ-statische Multiplikatoranalyse Wir gehen von folgender Situation in Abbildung 11-24 aus. *0Y ist das alte Gleichgewichtseinkommen. Aus irgendeinem nicht näher bestimmten Grund erhöht sich eine der autonomen Nachfragegrößen A, z. B. die Investition, um den Betrag A. Dadurch verschiebt sich die Nachfragefunktion nach oben, so dass sich ein neues Gleichgewichtseinkommen *1Y ergibt, das um Y höher ist als das alte. Wie hängen diese beiden Veränderungsgrößen miteinander zusammen? Wie kann man die Einkommensänderung Y aus der Störgröße A ermitteln? Die einfachste Möglichkeit, die Differenzengrößen zu ermitteln, besteht darin, einfach die Gleichgewichtssituation vor der Störung von der Gleichgewichtssituation nach der Störung abzuziehen. Dieses Vorgehen nennt man daher auch Differenzen-Methode: 41 Eine ausführliche Darstellung der Sequenzanalyse finden Sie im Internetanhang zu diesem Kapitel. 45° YA = Y YN Y*1 Y*0 YN0 vor der Störung YN1 nach der Störung ΔY ΔA Abbildung 11-24: Störung des Gütermarktgleichgewichts 11.2 Der Gütermarkt 547 Größen in t = 1: Y + ΔY = A + ΔA + cY + cΔY - Größen in t = 0: Y = A + cY ΔY = ΔA + cΔY 1 Y A 1 c Abbildung 11-25: Die Differenzenmethode Übersichtlicher und in komplexeren Modellen auch schneller zu berechnen ist hingegen die Differentiationsmethode. Hier wird die Gleichgewichtsbedingung einfach nach der Störgröße, in diesem Fall A, abgeleitet: Y A c Y dY dY 1 c dA dA dY 1 dA 1 c oder 1 dY dA 1 c . Die Größe 1 1 c heißt Multiplikator, genauer Gleichgewichtsmultiplikator. Da im Nenner die Sparneigung 1 – c steht, liegt der Wert des Multiplikators stets über 1. Zugrunde liegt die Annahme des fundamentalpsychologischen Gesetzes von Keynes, der unterstellt, dass die marginale Konsumneigung (und damit auch die marginale Sparneigung) immer einen Wert zwischen 0 und 1 hat. Je größer der Parameter c, d. h. die marginale Konsumneigung ist, desto größer ist der Multiplikator. Übung 11-6: Multiplikatorwirkung im Zwei-Sektoren-Modell Gegeben sei das Modell aus Übung 11-5. a) Um wie viel steigt das Volkseinkommen, wenn sich die Investitionen auf Grund optimistischer Zukunftserwartungen plötzlich verdoppeln? b) Wie hoch ist jetzt die Ersparnis? c) Wie hoch wäre das neue Gleichgewichtseinkommen, wenn sich gleichzeitig die marginale Sparneigung verdoppeln würde? Lösung: a) *1 1 Y 20 200 Y 1.400 1 0,9 . Der Multiplikator m beträgt 10. b) 1S 100 0,1 1.400 40 c) *1 1 Y 20 100 Y 1.300 1 0,8 . Der Multiplikator m beträgt 5. 11.2.2.2 Staatstätigkeit im Gütermarkt Durch die Einbeziehung des Staates wird unser Gütermarktmodell zu einem Drei-Sektoren-Modell. Die ursprünglich fünf Modellgleichungen müssen um die Staatstätigkeit 11 Makroökonomische Theorie548 ergänzt werden. Um das Modell überschaubar zu halten berücksichtigen wir im Folgenden weder indirekte Steuern noch Subventionen an Unternehmen. Die Einkommensverwendung des Staates reduziert sich somit auf dir St StT C Tr S . Die Vermögensänderungsgleichung lautet St StS I B(udgetsaldo), wobei ein positiver Budgetsaldo einen Überschuss, ein negativer ein Defizit bedeutet. Die Budgetgleichung des Staates hat demnach die Form dir St StT C Tr I B Die nachfragewirksamen Ausgaben des Staates, also Konsum und Investition des Staates, werden unter dem Kürzel G zusammengefasst: St StG C I Das Gleichungssystem Unter Zugrundelegen einfachster Modellhypothesen sowie der bereits bekannten Abkürzungen erhalten wir dann: (1) N vY C(Y ) I G (2) AY Y (3) vY Y Tr T (4) v autC(Y ) C c(Y Tr T) (5) autI I (6) autG G (7) autTr Tr (8) autT T (9) N A *Y Y Y Die ersten drei Gleichungen sind die Definitionen für Nachfrage, Angebot sowie das verfügbare Einkommen. Durch die Staatstätigkeit, insbesondere die staatliche Umverteilung, fallen verfügbares Einkommen und Bruttoeinkommen nun auseinander. Die Gleichungen (4) bis (8) beschreiben die Aktivitäten von Haushalten, Unternehmen und des Staates. Im ersten Schritt werden hierbei nur autonome, d. h. einkommensunabhängige Größen unterstellt. Die einzige einkommensabhängige Aktivität des vorliegenden Modells ist der private Konsum, dessen einzige Variable das verfügbare Einkommen ist. Gleichung (9) beinhaltet die unveränderte Gleichgewichtsbedingung. Die Multiplikatoren der Staatstätigkeit Aus diesem Modell können nun die Multiplikatoren der Staatstätigkeit hergeleitet werden. Durch sukzessives Einsetzen der Definitionen und Verhaltensgleichungen in die Gleichgewichtsbedingung erhält man: aut aut autY C c (Y Tr T) I G Für das Gleichgewichtseinkommen ergibt sich: aut aut aut aut aut1 c cY* (C I G ) Tr T 1 c 1 c 1 c Diese Gleichgewichtslösung zeigt bereits die drei wichtigsten Multiplikatoren der Staatstätigkeit: Wenn sich die Staatsausgaben ändern, z. B. weil die Regierung den Bau mehrerer Transrapidstrecken beschlossen hat, wirkt dies auf das Einkommen über den Staatsausgabenmultiplikator wie folgt: 11.2 Der Gütermarkt 549 dY dY c 1 dG dG dY 1 dG 1 c Der Staatsausgabenmultiplikator ist also identisch mit dem Investitionsmultiplikator. Private und öffentliche Investitionen haben offensichtlich dieselbe Kreislauf- und Einkommenswirkung. Analog erhält man für den Steuermultiplikator dY c dT 1 c Im Gegensatz zum Staatsausgabenmultiplikator ist der Steuermultiplikator negativ, d. h. eine Erhöhung der Steuern verringert Volkseinkommen und Beschäftigung. Da die Steuern allerdings nicht unmittelbar die Nachfrage, sondern nur das verfügbare Einkommen vermindern, ist sein Betragswert kleiner als der des Staatsausgabenmultiplikators. Nicht das gesamte verfügbare Einkommen wird konsumiert, sondern nur ein Teil c. Der Rest (1–c) wird gespart. Wenn sich also das verfügbare Einkommen wegen einer Steuererhöhung verringert, dann nimmt der Konsum nicht in derselben Höhe, sondern nur mit der Rate c ab. Der Transfermultiplikator ergibt sich als dY c dTr 1 c Der Transfermultiplikator hat denselben Betragswert wie der Steuermultiplikator, da auch Transfers nur indirekt über das verfügbare Einkommen auf die Gesamtnachfrage einwirken. Da Transfers das verfügbare Einkommen erhöhen, ist der Multiplikator positiv. Übung 11-7: Konjunkturpolitik im Drei-Sektoren-Modell Gegeben sind die Gleichungen (1) ⋅+= (2) == (3) == a) Die Regierung beschließt eine 50 %ige Steuersenkung zur Ankurbelung der Wirtschaft. Um wie viel steigt das Volkseinkommen? b) Mit welcher Staatsausgabe hätte man dieselbe Einkommenswirkung erzielen können? Interpretieren Sie das Ergebnis! Lösung: a) Y 100 0,8 (Y 20) 100 1 0,8 Y* 200 20 920 0,2 0,2 dY 0,8 4 dT 0,2 dY 4 ( 10) 40 * neuY 960 11 Makroökonomische Theorie550 b) dY 1 5 dG 1 c 40 5 dG dG 8 Um dieselbe Einkommenserhöhung zu erzielen sind also Staatsausgaben von 8 erforderlich. Durch die Steuersenkung entgehen dem Staat jedoch Einnahmen in Höhe von 10, das heißt, dass das Budgetdefizit im Falle der Steuersenkung höher ausfallen würde. Allerdings würde der Aufschwung dann von den privaten Wirtschaftssubjekten getragen. Im zweiten Fall steigt die Staatsquote. Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen Obwohl das vorliegende Modell extrem einfach formuliert und somit noch verhältnismäßig realitätsfern ist, lassen sich bereits einige grundlegende und wichtige wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen daraus ziehen. Zur Erhöhung des Volkseinkommens können also grundsätzlich Ausgabenerhöhungen oder Steuersenkungen durchgeführt werden. Wenn man jedoch die Gesamtwirkung dieser beiden Instrumente abschätzen möchte, muss die jeweilige Gegenfinanzierung berücksichtigt werden. Dazu wollen wir im Folgenden drei verschiedene Fälle unterscheiden: Fall 1: Zusätzliche Transferausgaben werden durch Steuererhöhungen in gleicher Höhe finanziert. Das bedeutet, dass das Staatsbudget durch diese Maßnahme nicht belastet wird. Zusätzliche Transferausgaben und zusätzliche Steuereinnahmen haben denselben Betragswert A. Es gilt Tr T A Y Y c c dY dTr dT ( )dA 0 Tr T 1 c 1 c 42 Der Nettoeffekt dieser Maßnahme ist also gleich Null. Das bedeutet, dass mit reinen Umverteilungsmaßnahmen kein nennenswerter Beschäftigungseffekt erzielt werden kann. Dabei wird allerdings unterstellt, dass Steuerzahler und Transferempfänger dieselbe Konsumneigung besitzen, was i. d. R. nicht der Fall sein dürfte. In der Realität sind Steuerzahler überwiegend reiche Haushalte, die bekanntlich eine relativ geringe Konsumneigung haben, während Transferempfänger eher arme Haushalte mit einer hohen Konsumneigung sind. Demgegenüber ist jedoch zu berücksichtigen, dass Umverteilung den Leistungsanreiz schmälert und auf diese Weise Arbeitsangebot und/oder –produktivität sowie Einkommen und Beschäftigung negativ beeinflusst. Als beschäftigungspolitische Maßnahme ist die beschriebene Umverteilung daher von zweifelhaftem Wert. Fall 2: Zusätzliche Staatsausgaben für Konsum und Investition des Staates werden durch Steuererhöhungen in gleicher Höhe finanziert. Es gilt: dG dT dA Y Y 1 c dY dG dT ( )dA 1 G T 1 c 1 c 42 Die Gesamtveränderung des Einkommens dY ergibt als totales Differential von Y, d. h. durch die gleichzeitige Veränderung beider Variablen Tr und T. 11.2 Der Gütermarkt 551 In diesem Fall erhöht sich das Volkseinkommen also genau um den Betrag der zusätzlichen Staatsausgaben. Der Gesamtmultiplikator hat den Wert 1. Dieses Ergebnis mag zunächst verwundern, da auch in diesem Fall das Zusatzbudget für die eingeleitete konjunkturpolitische Maßnahme ausgeglichen ist. Der Grund liegt darin, dass die Kreislaufwirkung der Staatsausgaben direkt (d. h. mit dem Gewicht 1), die der Steuern jedoch indirekt (mit dem Gewicht c) erfolgt. Per Saldo bleibt daher ein positiver Effekt auf Volkseinkommen und Beschäftigung übrig. Dieses Ergebnis ist unter dem Namen Haavelmo-Theorem43 bekannt geworden. Die Kernaussage dieses Theorems ist, dass durch ein ausgeglichenes Zusatzbudget (sog. Budgetverlängerung) des Staates das Volkseinkommen und die Beschäftigung beliebig erhöht werden kann, ohne dass der Staat in Verschuldungsprobleme geraten muss. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch, dass auch ein ausgeglichenes Zusatzbudget nicht konjunkturneutral ist, sondern ebenfalls Einkommenswirkungen hervorruft. Fall 3: Zusätzliche Staatsausgaben werden kreditfinanziert. In diesem Fall gibt es keine unmittelbare Gegenwirkung zu der expansiven Wirkung der Staatsausgaben. Es gilt 1 dY dG 1 c Das bedeutet, dass die volle Multiplikatorwirkung der Staatsausgaben erhalten bleibt. Im Vergleich der drei betrachteten Fälle ist die Einkommenswirkung sicherlich hier am höchsten. Keynes nennt dieses Vorgehen das staatliche deficit spending. Der Staat kurbelt mit eigener Nachfrage die depressive private Wirtschaft an, ohne durch gleichzeitig Steuererhöhungen die expansive Wirkung zu dämpfen. Hierbei gilt es allerdings zu berücksichtigen, welche Folgen auf den Wirtschaftskreislauf die staatliche Kreditaufnahme mittelbar haben kann. Auf dem Kreditmarkt tritt der Staat nämlich nun in Konkurrenz zu privaten Investoren. Wenn das Kreditangebot gleich bleibt, resultiert daraus eine Zinserhöhung, die wiederum Investitionen verteuert und zu einem Rückgang privater Investitionstätigkeit führt. Schlimmstenfalls ist diese Zinswirkung so hoch, dass im Endeffekt nur private durch staatliche Investitionen ersetzt werden und sich das Volkseinkommen nur unwesentlich oder gar nicht erhöht. Außerdem belasten die gestiegenen Zinsen auch den Staatshaushalt, da ja nun zusätzlich Schuldendienst geleistet werden muss. Dieses Phänomen der Verdrängung privater Investoren vom Kreditmarkt nennt man crowding out-Effekt. Der Verdrängungseffekt könnte nur dann vermieden werden, wenn die Zentralbank die staatliche Schuldenaufnahme durch eine Ausdehnung der Geldmenge begleitet und so die Zinsen stabil hält oder sogar noch senkt. Dies allerdings bringt Inflationsgefahren mit sich. Keynes schätzte die Gefahr des crowding out für gering ein. In der Situation der Depression sehen die Unternehmen pessimistisch in die Zukunft und haben entsprechend geringe Ertragserwartungen. Auf dem Kreditmarkt herrscht Überangebot, da die Nachfrage nach Investitionskrediten sehr gering ist. Das Zinsniveau ist dementsprechend niedrig. Wenn der Staat in dieser Situation als Nachfrager auf den Kreditmarkt tritt, ist die Gefahr steigender Zinsen daher nicht groß. 43 Benannt nach dem norwegischen Ökonomen und Nobelpreisträger des Jahres 1989 Trygve Magnus Haavelmo (1911 – 1999). 11 Makroökonomische Theorie552 Automatische Stabilisatoren Eine ganz besondere Spielart konjunkturpolitischer Instrumente sind die sog. automatischen Stabilisatoren (built-in-stabilizers). Das Attribut „automatisch“ bedeutet, dass diese Instrumente selbsttätig wirken, ohne dass extra fallbezogene wirtschaftspolitische Entscheidungen notwendig sind, um sie in Gang zu setzen. Es handelt sich also um Mechanismen, die fest im wirtschaftspolitischen Ordnungsrahmen hinterlegt sind und den Nachfrageund Einkommensschwankungen im Konjunkturverlauf automatisch entgegenwirken. Der Hauptvorteil solcher Mechanismen besteht darin, dass ihre Wirkung schneller eintritt, als die fallbezogen getroffener konjunkturpolitischer Einzelentscheidungen (sog. diskretionäre Fiskalpolitik), da der zeitaufwändige politische Willensbildungs- und Abstimmungsprozess entfällt. Die Einkommensteuer als automatischer Stabilisator Das prominenteste Beispiel eines automatischen Stabilisators ist eine einkommensabhängige Steuer. Die besondere Wirkungsweise dieser Steuer lässt sich mit Hilfe des Gleichgewichtsmultiplikators recht einfach darstellen. Nehmen wir an, die private Investition erhöht sich unvorhergesehen um einen bestimmten Betrag. Welche Einkommensschwankung resultiert daraus? Bei einer Pauschalsteuer autT T gilt aut aut autY C c (Y T ) I und daher der Multiplikator dY 1 dI 1 c Bei einer einkommensabhängigen Steuer T t Y hingegen gilt aut autY C c (Y t Y) I und daher der Multiplikator dY 1 dI 1 c ct Wenn man beide Multiplikatoren vergleicht, so stellt man fest, dass dY 1 dI 1 c > dY 1 dI 1 c ct , da der Summand ct im Nenner des zweiten Bruches positiv ist, daher den Betrag des Nenners erhöht und den Wert des Bruches senkt. Das bedeutet, dass eine Einkommensschwankung, die durch plötzliche Nachfrageänderungen hervorgerufen wird, geringer ausfällt, wenn eine Einkommensteuer als automatischer Stabilisator im System wirkt, als ohne eine solche Gegenwirkung. Diese Gegenwirkung wird noch verstärkt, wenn der Steuersatz selbst mit der Höhe des Einkommens steigt, d. h. wenn die Einkommensteuer progressiv gestaltet ist. Der Grund dafür liegt natürlich darin, dass durch die Einkommensabhängigkeit der Steuer ein Teil t (im Falle der Progressivsteuer sogar ein relativ steigender Teil t) des Einkommenszuwachses abgeschöpft und in die Staatskasse umgeleitet wird (sog. fiscal drag)44. Wenn der Staat diese Mittel stilllegt, werden sie dem Einkommenskreislauf dauerhaft entzogen. 44 Allerdings wirkt dieser fiscal drag auch dann, wenn der Nachfrageschub wirtschaftspolitisch erwünscht oder sogar durch eine fiskalpolitische Maßnahme staatlich ausgelöst worden ist, um die 11.2 Der Gütermarkt 553 Umgekehrt wird bei kontraktiven Nachfrage- und Einkommensprozessen im Abschwung die Steuerbelastung vermindert, so dass das verfügbare Einkommen weniger stark sinkt als im Falle einer Pauschalsteuer. Im Staatsbudget gleichen sich die Steuermehreinnahmen in der Hochkonjunktur mit den Steuermindereinnahmen in der Rezession im Mittel des Konjunkturzyklus aus, so dass durch den automatischen Stabilisator mittelfristig keine zusätzliche Belastung des Staatshaushaltes entsteht. Voraussetzung ist natürlich, dass die Staatsausgaben dabei konstant bleiben und nicht etwa die in der Hochkonjunktur sprudelnden Steuereinnahmen zu einer prozyklischen Ausgabenpolitik führen. Die Begehrlichkeiten sind jedoch jeweils hoch und es bedarf i. d. R. großer politischer Selbstbeherrschung, den Forderungen der verschiedenen Interessensgruppen in einer solchen Situation nicht nachzugeben. Praxisbeispiel 11-4: Haushaltskonsolidierung in der großen Koalition Die Steuereinnahmen im Jahr 2007 in Deutschland lagen dank des überraschend starken Konjunkturaufschwungs und der damit verbundenen Dynamik am Arbeitsmarkt über den Erwartungen der Steuerschätzer. Die Zeit schrieb am 1.11.2006: „Am Freitag werden die Steuerschätzungen für 2006 und 2007 bekannt gegeben. Presseberichten zufolge können Bund, Ländern und Gemeinden im Vergleich zur Mai-Schätzung in diesem Jahr mit bis zu 18 Milliarden mehr und 2007 mit rund 20 Milliarden Euro Mehreinnahmen rechnen.“ Die politischen Meinungen zur Verwendung dieses unverhofften Geldsegens gingen quer durch die Parteien deutlich auseinander. Hierzu Stimmen aus der Tagespresse: Bundeskoalition „Der SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend forderte, mit den Steuermehreinnahmen die Neuverschuldung stärker zu senken als geplant. Zugleich mahnte er zu Vorsicht in der Frage einer stärkeren Steuerfinanzierung des Gesundheitswesens. ,Man sollte mit Mitteln aus einmaligen konjunkturellen Effekten keine dauerhaften Sozialleistungen finanzieren‘, warnte er. Stoiber sagte dagegen, wenn es Spielräume im Etat gebe, ,sollten damit neben der Haushaltskonsolidierung auch die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung stärker gesenkt und soweit möglich Beitragserhöhungen bei den Krankenkassen vermieden werden.‘ Es wäre ein positives Signal, Mehreinnahmen auch wieder an die Bürger zurückzugeben.“ Quelle: ZEIT online, Tagesspiegel, 1. November 2006 Die Linke, Bundespartei „Ein bisschen mehr Wachstum und schon sanieren sprudelnde Steuereinnahmen die öffentlichen Haushalte. Das zeigt noch einmal, wie absurd die seit Jahren von CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP vertretene Auffassung ist, der Staat müsse seine Ausgaben senken, um Schulden abzubauen. Nun müssen endlich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und Kleinbetriebe von der Wirtschaftsentwicklung profitieren. … Kinderbetreuung, Bildung Universitäten – die Basis für zukünftige Generationen – sind bereits seit der verfehlten Sparpolitik der rot-grünen Bundesregierung völlig unterfinanziert.“ Quelle: Pressemitteilung „Die Linke“ vom 11. Mai 2007 FDP Bundestagsfraktion „Die aktuellen Zahlen der Steuerschätzung mit prognostizierten Steuermehreinnahmen … dürfen nicht zu weiteren Ausgabenprogrammen führen, wie es nach der letzten Steuerschätzung geschehen ist oder um den Wunschkatalog des SPD-Parteitags abzuarbeiten. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist aufgefordert endlich Steuermehreinnahmen zur Rückführung der Neuverschuldung … heranzuziehen.“ Quelle: Pressemitteilung FDP Bundestagsfraktion vom 07. November 2007 Wirtschaft aus einer Rezession herauszuführen. Automatische Stabilisatoren dämpfen also auch die Wirksamkeit diskretionärer Konjunkturpolitik. 11 Makroökonomische Theorie554 Ver.di „Dem öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen steht eine harte Tarifrunde bevor: Ver.di verlangt für die Beschäftigten acht Prozent mehr Einkommen. Als Grund für die hohe Forderung nennt die Gewerkschaft die Steuermehreinnahmen in Folge der guten Konjunktur.“ Quelle: Spiegel online vom 19. Dezember 2007 Hauptverband der Deutschen Bauindustrie „Der Deutsche Bundestag sollte in den bevorstehenden Haushaltsberatungen die erheblichen Steuermehreinnahmen dazu nutzen, die Investitionslinie Verkehr wieder auf das zugesagte Niveau von 9 Mrd. Euro anzuheben.“ Quelle: Pressmeldung Hauptverband der Deutschen Bauindustrie vom 03. November 2006 Gewerkschaft der Polizei Baden Württemberg „Die von der Landesregierung bereits öffentlich prognostizierten Steuermehreinnahmen von zwei Milliarden Euro für die Jahre 2007 und 2008 müssen nach Ansicht der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auch zur Schaffung der bei der Polizei des Landes dringend erforderlichen Ausbildungsplätze eingesetzt werden.“ Quelle: Pressemeldung der GdP Baden Württemberg vom 09. Mai 2007 Auch im Jahr 2011 sind die Konjunkturaussichten und damit die voraussichtliche Entwicklung der Steuereinnahmen in Deutschland überraschend positiv. Die Geschichte wiederholt sich: Abermals wird über die Verwendung des zukünftigen Steuersegens gestritten, angesichts der durch die Finanzkrise dramatisch angestiegenen Staatsverschuldung allerdings unter höheren fiskalischen Zwängen als noch 2007. Übung 11-8: Haavelmo-Theorem bei einkommensabhängigen Steuern Zeigen Sie, dass das Haavelmo-Theorem auch bei der Steuerfunktion autT T t Y gilt. Lösung: Wenn man wie im Fall einer Kopfsteuer annimmt, dass Y T A, so ergibt sich: Y Y 1 c dY 1 G T 1 c ct 1 c ct Dabei wird jedoch unterschlagen, dass durch die Einkommenserhöhung über den Steuersatz t automatisch zusätzliche Steuereinnahmen induziert werden. Das Zusatzbudget wäre also überfinanziert und die restriktive Wirkung der Steuererhöhung wäre zu groß. Es muss vielmehr gelten: G T t Y bzw. T G t Y Y Y 1 1 ct dY dG (dG t dY) dG dG dY G T 1 c ct 1 c ct 1 c ct dY(1 c ct) dG(1 c) ct dY dY(1 c) dG(1 c) dY dG q.e.d. 11.2.2.3 Das Ausland im Gütermarkt Das Ausland ist der vierte und letzte Sektor, der am volkswirtschaftlichen Kreislaufgeschehen beteiligt ist. Das Ausland übt einerseits Nachfrage aus, indem es Güter aus inländischer Produktion abnimmt. Aus Inlandssicht ist das der Export (EX). Andererseits wird das inländische Angebot durch Waren und Dienstleistungen aus ausländischer Produktion, nämlich den Importgütern (IM), aufgestockt. 11.2 Der Gütermarkt 555 Das Gleichungssystem Im einfachsten Fall verändern sich durch die Einbeziehung von Außenhandelsaktivitäten in das Gütermarktmodell die Modellgleichungen (ohne Staat) folgendermaßen: (1) NY C I EX (2) AY Y IM (3) autC C c Y (4) autI I (5) autEX EX (6) autIM IM m Y (7) N A *Y Y Y Gleichungen (1) und (2) definieren die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Angebot, das sich in diesem Modell erstmalig durch die Einbeziehung der Importgüter verändert. Gleichungen (3) bis (6) beschreiben das Verhalten der beteiligten Sektoren private Haushalte, private Unternehmen und Ausland, Gleichung (7) ist die bekannte Gleichgewichtsbedingung. Für ein Vier-Sektoren-Modell mit Ausland und Staat würde sich das Modell wie in Abschnitt 11.2.1.3 dargestellt entsprechend erweitern. Die Außenhandelsmultiplikatoren Setzt man die Definitionen und Verhaltensgleichungen sukzessive in die Gleichgewichtsbedingung ein und fasst die Außenhandelsaktivitäten auf der rechten Seite zum Außenbeitrag zusammen, so erhält man die Gleichung aut aut aut autY C c Y I (EX IM m Y), aus der sich nun die beiden Außenhandelsmultiplikatoren berechnen lassen: Exportmultiplikator: dY 1 dEX 1 c m Importmultiplikator: dY 1 dIM 1 c m Offensichtlich ähneln diese Multiplikatoren dem Investitionsmultiplikator bei einkommensabhängiger Steuer. Die marginale Importquote m wirkt wie jene als automatischer Stabilisator. Steigendes Einkommen bewirkt einen Anstieg der Nachfrage nach Importgütern. Da diese jedoch nicht aus inländischer, sondern aus ausländischer Produktion stammen, fließt der Gegenwert dieser Güter an das Ausland ab und erhöht dort (statt im Inland) Produktion und Einkommen. Dem inländischen Wirtschaftskreislauf wird ähnlich wie im Fall der einkommensabhängigen Steuer Nachfrage entzogen. Dieser Mechanismus setzt allerdings voraus, dass gegenüber dem Ausland feste Wechselkurse gelten. Bei flexiblen, d. h. marktmäßig bestimmten Wechselkursen würde ein Anstieg der Importe c.p. nämlich den Wert der Inlandswährung verringern, denn die Importwaren müssen mit Devisen bezahlt werden, sodass die Nachfrage nach Devisen und damit deren Preis, d. h. der Wechselkurs der Devisen, steigt. Umgekehrt bedeutet das eine Abwertung der Inlandswährung. Durch diese Abwertung verteuern sich jedoch die Importgüter, so dass die Nachfrage nach Importen trotz der Einkommenssteigerung sinken wird. Bei festen Wechselkursen hingegen findet eine solche Abwertung nicht statt und der Importüberschuss bleibt c.p. erhalten. 11 Makroökonomische Theorie556 Dieser Zusammenhang kann auch zu konjunkturpolitischen Zwecken genutzt werden. Überproportional steigende Einkommen sind ein typisches Kennzeichen der Hochkonjunktur. Gleichzeitig gibt es in dieser Situation auch eine Tendenz zu steigenden Inlandspreisen, da die Produktionskapazitäten der Wirtschaft voll ausgelastet sind und die Nachfrage nicht mehr vollständig durch Angebotssteigerungen befriedigt werden kann. All diese Faktoren machen Importgüter besonders attraktiv: Sie helfen, die Kapazitätsengpässe in der inländischen Wirtschaft abzufedern und sind wegen der Inflationstendenzen im Inland außerdem c.p. relativ billiger, vorausgesetzt, dass im Ausland nicht gleichzeitig ebenfalls ein Boom stattfindet. So kommt es in der Hochkonjunktur typischerweise zu einem Importüberschuss. Wenn feste Wechselkurse diesen Importüberschuss zulassen, wirkt er dämpfend auf die konjunkturelle Situation ein: Überschüssige Nachfrage wird ins Ausland abgeleitet, Angebotsengpässe werden durch die Importwaren entschärft. 11.2.3 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsabhängiger Investition Die Ergebnisse der Multiplikatortheorie der bisher verwendeten Modelle tragen einerseits wesentlich zur Erklärung grundlegender Zusammenhänge bei der wirtschaftspolitischen Steuerung der Einkommens- und Beschäftigungsentwicklung bei. Andererseits ist die Gültigkeit der Aussagen durch die strikten Modellannahmen in vieler Hinsicht stark eingeschränkt: • Keine Berücksichtigung des Zinssatzes in der Investitionsfunktion Insbesondere wird die Höhe der Investitionen nicht erklärt, der Einfluss von Zinsschwankungen wird nicht berücksichtigt. Die Annahme der Unabhängigkeit vom Zinssatz ist jedoch nur in einer Situation extremer Unterbeschäftigung plausibel. In der Regel dürften Verdrängungseffekte durch kreditfinanzierte Staatsausgaben unvermeidbar sein. • Konstantes Preisniveau Auch die Annahme konstanter Preise schränkt die Aussagefähigkeit der Modellergebnisse ein. Eine Produktionsausdehnung ohne Preissteigerungen ist ebenfalls nur in einer Situation der Unterbeschäftigung denkbar, in der freie Kapazitäten vorhanden sind. • Keine Berücksichtigung des Kapazitätseffektes der Investitionen Die bisherige Betrachtungsweise ist nur auf die kurze Frist angelegt. Der Kapazitätseffekt der Investitionen wird nicht berücksichtigt. Auch die Annahme, stabiler Konsum- und Investitionsfunktionsparameter kann – wenn überhaupt – nur in der kurzen Frist gelten. Die erste der genannten Einschränkungen soll nun aufgehoben werden. 11.2.3.1 Das IS-Modell Wir haben bisher das Gütermarktgleichgewicht mit der Bedingung A N *Y Y Y beschrieben und gezeigt, dass die Formulierung aut *I S(Y ) damit identisch ist. Beim Gleichgewichtseinkommen Y* ist die geplante Investition gleich der geplanten Ersparnis. Ungeplante Größen treten nicht auf, sie sind vielmehr das Kennzeichen von Ungleichgewichtssituationen, in denen eine oder beide Marktseiten durch ungeplante Anpassungsschritte die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ausgleichen. Für diese Gleichheit von Investition und Ersparnis haben wir im letzten Abschnitt ein konstantes Zinsniveau unterstellt. Das bedeutet, dass unsere bisherigen Ergebnisse nur für einen bestimmten Zinssatz Gültigkeit besitzen. 11.2 Der Gütermarkt 557 Gleichgewichtige Kombinationen von Zins und Einkommen Beim Zins i0 wird die Menge aut 0I investiert. Der Schnittpunkt mit der Sparfunktion ergibt das Gleichgewichtseinkommen *0Y . Das zweidimensionale Koordinatensystem erlaubt allerdings nur die Darstellung lediglich einer Variablen, in diesem Fall des Einkommens. Der Zinssatz wird hingegen als Lageparameter der Investitionsfunktion sichtbar. Nehmen wir an, der Zins fällt auf die Höhe i1. Dann rentieren sich auf der Grundlage von Kapitalwertberechnungen mehr Investitionsprojekte als vorher, die Investitionssumme steigt auf aut 1I . Dadurch verschiebt sich auch der Schnittpunkt mit der Sparfunktion. Wir erhalten für den niedrigeren Zinssatz i1 also ein höheres Gleichgewichtseinkommen * 1Y . Im Investitions- Einkommens-Diagramm entspricht alternativen Zinshöhen also eine ganze Schar von Investitionsfunktionen – je niedriger der Zins, desto höher die Investitionssumme45. Jedem Gütermarktgleichgewicht liegt also genau eine gleichgewichtige Kombination von Zins und Volkseinkommen zugrunde. Ändert sich einer der beiden Parameter, so muss sich auch der andere ändern, um im Gleichgewicht zu bleiben. Zins und Volkseinkommen verhalten sich dabei invers zueinander: je höher der Zins, desto niedriger das Volkseinkommen und umgekehrt. Links vom Gleichgewichtseinkommen *0Y , also z. B. bei Y0, sind die geplanten Investitionen höher als die geplante Ersparnis, bzw. ist die Nachfrage höher als das Angebot (Angebotslücke, inflatorische Lücke). Das tatsächliche Einkommen ist gemessen am Zinssatz i0 zu niedrig. In dieser Situation wird daher ein expansiver Multiplikatorprozess einsetzen, in dessen Verlauf die Ersparnis ansteigen und die Lücke zur Investition schließen wird. Rechts von *0Y , z. B. bei Y1, kommt analog dazu ein kontraktiver Prozess in Gang. 45 Analog zu Abbildung 11-26, wo wir für unterschiedliche Niveaus des Volkseinkommens eine entsprechende Schar von Investitionsfunktionen im Investition-Zins-Diagramm gezeichnet haben. S, I Y S = -Caut + (1-c) Y Y0* I = I( i0 ) I0aut I1aut Y1* Y1Y0 I = I( i1 ), für i1S S>I Abbildung 11-26: Gleichheit von Investition und Ersparnis bei alternativen Zinsniveaus 11 Makroökonomische Theorie558 Bei der Analyse des Gütermarktgleichgewichtes bei zinsabhängiger Investition geht es also darum, alle Kombinationen von Zins und Einkommen zu ermitteln, für die die Gleichheit von geplanter Investition und Ersparnis gilt. Der geometrische Ort aller gleichgewichtigen Zins-Einkommens-Kombinationen heißt I/S-Kurve46. Die graphische Herleitung dieser Kurve beschreibt Abbildung 11-27.47 46 Das IS-LM-Modell basiert auf der makroökonomischen Theorie von Keynes und wurde 1937 von dem britischen Nationalökonomen und Nobelpreisträger Sir John Richard Hicks entwickelt. Es bildet seitdem das makroökonomische Basismodell eines jeden volkswirtschaftlichen Lehrbuchs. Vgl. Hicks (1937) und (1950). 47 Als Hilfestellung für die Anordnung der Quadranten in der Zeichnung kann man sich merken, dass die neben- und übereinanderliegenden Achsen stets dieselbe Beschriftung haben müssen. Andernfalls wäre es nicht möglich, Werte von einem Quadranten in den anderen zu übertragen. S S I I Y Y i i Investitionsfunktion: I = I aut + I(i) Sparfunktion: S = -Caut + (1-c)Y 45° Gleichgewichtsbedingung S(Y) = I(i) IS-Kurve Y0 Y1 Iaut I IIIII IV Abbildung 11-27: Graphische Herleitung der IS-Kurve47 11.2 Der Gütermarkt 559 Die graphische Herleitung der IS-Kurve Im vierten und zweiten Quadranten sind die beiden Ausgangsfunktionen, nämlich die zinsabhängige Investitions- und die einkommensabhängige Sparfunktion dargestellt. Die Winkelhalbierende des zweiten Quadranten stellt die gleichgewichtige Beziehung zwischen beiden her. Sie ist der geometrische Ort der Gleichheit von Investieren und Sparen. Über diese Verbindung lässt sich damit jedem Einkommenswert und somit jeder Sparsumme ein gleich großer Investitionsbetrag und ein spezifischer Zinssatz zuordnen. Diese gleichgewichtigen Werte von Volkseinkommen und Zinssatz können nun in den vierten Quadranten übertragen und als Punkteschar abgebildet werden. Die Verbindung aller gleichgewichtigen Zins/Einkommenskombinationen ergibt die IS-Kurve. Abbildung 11-27 zeigt einen weiteren wichtigen Zusammenhang zwischen dem Verlauf der Investitionsfunktion und der Gestalt der IS-Kurve auf: Je steiler die Investitionsfunktion ist, d. h. je geringer die Zinselastizität der Investition ist, desto steiler ist auch die IS-Kurve. In dem Abschnitt, in dem die Investitionen gar nicht mehr auf Zinsveränderungen reagieren (Zinselastizität = 0), wird die IS-Kurve senkrecht. Diesen Bereich bezeichnet man als Investitionsfalle. Sie beschreibt die erste der sog. keynesianischen Rigiditäten: In diesem Abschnitt der IS-Kurve ist es nicht mehr möglich, durch Zinssenkungen die Beschäftigung zu erhöhen. Keynes argumentiert, dass speziell in konjunkturell schlechten Zeiten die Investoren kaum auf Zinsänderungen reagieren, da die Ertragserwartungen zu niedrig, die Stimmung in der privaten Wirtschaft zu pessimistisch ist. Geldpolitik wird in dieser Situation daher weitgehend wirkungslos oder – wie Keynes es ausdrückt – „Money does not matter“! Die algebraische Herleitung der IS-Kurve Algebraisch erhält man die IS-Kurve durch Einsetzen der Spar- und Investitionsfunktion in die Gleichgewichtsbedingung. Wenn beispielsweise folgende Konsum- und Investitionsfunktionen gegeben sind C 100 0,8 Y I 100 5 i, so ergibt sich für die IS-Funktion: 100 5 i 100 0,2 Y Diesen Ausdruck kann man nun nach Y oder nach i auflösen. Beide Größen hängen gleichermaßen voneinander ab. Es geht bei der IS-Kurve nicht um die Darstellung einer Verhaltenshypothese, bei der eine eindeutige Abhängigkeitsrichtung unterstellt werden kann, sondern lediglich um die Beschreibung gleichgewichtiger Wertepaare, also um eine Gleichgewichtsbedingung für die beiden Variablen Zins und Volkseinkommen. Für das verwendete Zahlenbeispiel ergibt sich somit als IS-Kurve: Y 25 i 1000 oder i 40 0,04 Y Beide Ausdrücke sind äquivalent. Jedem Zins wird eine Einkommenshöhe zugeordnet, bei der die Ersparnis jeweils gerade den Investitionsausgaben entspricht. 11 Makroökonomische Theorie560 Ungleichgewichtige Zins-Einkommens-Kombinationen Alle Einkommen-Zins-Kombinationen links und rechts von der IS-Kurve sind hingegen ungleichgewichtig. Im Punkt A in Abbildung 11-28 beispielsweise ist der Zins iA im Vergleich zum Gleichgewichtszins i0 zu niedrig. Daher sind die Investitionsausgaben höher als die gesamtwirtschaftliche Ersparnis. Es herrscht Übernachfrage bzw. eine Angebotslücke. Diese kann durch eine Produktionserhöhung und damit eine Ausdehnung des Angebotes geschlossen werden. Im Anpassungsprozess entsteht eine positive Multiplikatorwirkung. Im Punkt B hingegen ist der Zins iB im Vergleich zum Gleichgewichtszins i1 zu hoch. Hohe Zinsen drängen die Investitionen zurück. Hier entsteht also eine Nachfragelücke bzw. es herrscht Überangebot, das nicht abgesetzt werden kann. Daher schränken die Unternehmen ihre Produktion und ihr Angebot ein. Die Wirtschaft schrumpft in einem negativen Multiplikatorprozess. 11.2.3.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des IS-Modells Im IS-Modell können die Auswirkungen verschiedener fiskalpolitischer Maßnahmen sehr einfach nachvollzogen werden. Staatliche Fiskalpolitik besteht entweder in einer Veränderungen der Staatsausgaben oder der Steuern. Y i IS-Kurve Y0 Y1 i0 i1 A iA iB B Abbildung 11-28: Ungleichgewichte in der Umgebung der IS-Kurve 11.2 Der Gütermarkt 561 Die Wirkung von Staatsausgaben im IS-Modell Die Staatsausgaben werden in unserem Modell als autonome Größen behandelt und sind daher den autonomen Investitionen ähnlich. In der Tat könnte eine mögliche fiskalpolitische Maßnahme darin bestehen, die staatlichen Investitionsausgaben zu erhöhen, um in einer Rezessionsphase einen positiven Multiplikatoreffekt auf das Einkommen und die Beschäftigung zu erzielen. Diese Staatsausgaben verschieben im IS-Diagramm die Investitionsfunktion nach rechts, da sie den Lageparameter autI um autG erhöhen. Mit der Investitionsfunktion verschiebt sich daher auch die IS-Kurve durch den expansiven staatlichen Eingriff nach rechts. Das bedeutet, dass beim selben Zinssatz eine höhere Beschäftigung möglich ist, denn durch den staatlichen Nachfrageschub haben sich Produktion, Absatz und Zukunftserwartungen der Privaten verbessert. Die Wirkung direkter Steuern im IS-Modell Die Erhebung einer (direkten) Steuer kann man als staatlichen Sparzwang auffassen. Das Einkommen der Wirtschaftssubjekte, das für Konsumausgaben zur Verfügung steht, verringert sich nicht nur um die eigene (freiwillige) Ersparnis, d. h. die Vermögensbildung, sondern auch um den Teil, den der Staat für sich beansprucht. Dieser Sachverhalt lässt sich S S I I Y Y i i Investitionsfunktion: I = I aut + I(i) Sparfunktion: S = -Caut + (1-c)Y 45° Gleichgewichtsbedingung S(Y) = I(i) IS-Kurve Y0 Y1 Iaut I IIIII IV Y2 Iaut+Gaut Abbildung 11-29: Staatsausgabenerhöhung im IS-Modell 11 Makroökonomische Theorie562 leicht herleiten, wenn man von der Definitionsgleichung des verfügbaren Einkommens Yv ausgeht: Yv = Y – T. Gleichzeitig lautet die Einkommensverwendungsgleichung Yv = C + S. Daraus folgt C + S = Y – T bzw. S + T = Y – C. Im Gleichgewicht gilt Y = C + I + G, so dass sich ergibt: S + T = I + G. Die Steuer kann also auf den privaten Sparbetrag aufgeschlagen werden und verschiebt die Sparfunktion nach oben. Dies bewirkt eine Verlagerung der IS-Kurve nach links. Produktion und Beschäftigung gehen bezogen auf einen bestimmten Zinssatz zurück, da durch die Steuererhebung die private Nachfrage zurückgedrängt worden ist. Beide Abbildungen zeigen, dass die Verlagerung der IS-Kurve nach rechts jeweils umso stärker ausfällt, je steiler sie verläuft. Wie wir weiter oben bereits festgestellt haben, hängt der Verlauf der IS-Kurve von der Zinselastizität der Investitionen ab. Man kann daraus also ableiten, dass Fiskalpolitik gerade dann besonders wirksam ist (eine besonders hohe Einkommenswirkung verursacht), wenn die Zinselastizität der Investitionen gering ist. S S I I Y Y i i Investitionsfunktion: I = I aut + I(i) Sparfunktion: S = -Caut + (1-c)Y 45° Gleichgewichtsbedingung S(Y) = I(i) IS-Kurve Y0 Y1 Iaut I IIIII IV S(Y) S(Y)+T Abbildung 11-30: Steuererhebung im IS-Modell 11.2 Der Gütermarkt 563 Nehmen wir nun an, in einer Volkswirtschaft herrsche Unterbeschäftigung (Punkt A in Abbildung 11-31) und der Staat möchte mit einer expansiven fiskalpolitischen Maßnahme, z. B. zusätzlichen öffentlichen Investitionen, Einkommen und Beschäftigung erhöhen. Die IS-Kurve verschiebt sich also nach rechts. Wohin aber wandert der Punkt A? Grundsätzlich sind drei Möglichkeiten denkbar: • Der Punkt A könnte waagerecht nach rechts zum Punkt B1 wandern. In diesem Fall würde sich der Zinssatz überhaupt nicht verändern und die Einkommens- bzw. Beschäftigungsausdehnung wäre maximal. Dies entspricht der Situation im Modell ohne zinsabhängige Investition, wo ja konstante Zinssätze unterstellt werden. Die Einkommensausdehnung kann dann mit dem einfachen Investitionsmultiplikator 1/(1–c) berechnet werden. • Die zweite, ebenfalls extreme Möglichkeit besteht darin, dass der Punkt A senkrecht nach oben zum Punkt B2 wandert. Bei dieser Bewegung erhöht sich nur der Zinssatz, das Einkommen hingegen bleibt konstant. Jede Zinserhöhung verringert die privaten Investitionsausgaben und damit den Multiplikatoreffekt auf das Einkommen. In B2 ist die Zinserhöhung so groß, dass sich das Einkommen überhaupt nicht mehr ausdehnt. Es liegt vollständiges crowding-out vor, d. h. die staatlichen Investitionen haben im gleichen Umfang private Investitionen verdrängt. Es gibt keinen positiven Nettoeffekt auf Einkommen und Beschäftigung. • Die dritte und wahrscheinlichste Möglichkeit liegt zwischen diesen beiden Extremen, etwa beim Punkt B3. Das Einkommen dehnt sich zwar aus, aber nicht so stark wie im Fall von Punkt B1, denn die Zinsen sind leicht angestiegen und haben die Investitionsfreude der privaten Unternehmen gedämpft. Die Multiplikatorwirkung liegt daher zwischen 1/(1–c) und 0. Um abschätzen zu können, welche konkreten Auswirkungen eine bestimmte fiskalpolitische Maßnahme tatsächlich auf Einkommen und Beschäftigung hat, muss man also Y ? A i B1 B2 B3 · ΔI c Y − = 1 1 Abbildung 11-31: Quo vadis Volkswirtschaft? 11 Makroökonomische Theorie564 die Zinswirkungen voraussagen können. Diese jedoch hängen vor allem davon ab, wie großzügig oder wie restriktiv die Zentralbank die Wirtschaft mit Geld versorgt. Dehnt sie das Kreditangebot und damit die Geldmenge aus, dann wird die staatliche Nachfrage zu einem geringeren Zinsanstieg führen als im Fall einer konstant gehaltenen Geldmenge. Es ist daher notwendig, neben dem Gütermarkt auch die Vorgänge auf dem Geldmarkt zu analysieren. 11.3 Der Geldmarkt Geld und Geld ist zweierlei! Wenn der Nachrichtensprecher im Fernsehen vom Geldmarkt berichtet, so meint er damit einen speziellen Kreditmarkt, nämlich den für besonders kurzfristige Kredite. Wenn ein Student am Monatsende einen besorgten Blick in die Haushaltskasse wirft und dort den Boden durchscheinen sieht, wird er vielleicht folgenden Hilferuf an seine Eltern senden: „Bitte ladet mich zum Essen ein – mir geht das Geld aus!“. Auch er meint genau genommen, d. h. im volkswirtschaftlichen Sinn, dann nicht „Geld“, sondern „Einkommen“. Einkommen entsteht durch Wertschöpfung und bedeutet Anspruch auf Güter und Dienstleistungen. Dieser Anspruch kann sofort eingelöst (Konsum), oder auf die Zukunft verschoben werden (Sparen). Geld hingegen ist lediglich ein Medium, mit dem der Tausch von Gütern und Dienstleistungen erleichtert wird48. Man kann sehr reich sein und dennoch kein Geld haben, z. B. wenn jemand sein gesamtes Vermögen in Form von schwer veräu- ßerbaren Immobilien angelegt hat und plötzlich 30.000 € für ein neues Auto braucht, oder wenn ein Unternehmen zwar Gewinn erwirtschaftet, aber die wichtigsten Kunden ihre Rechnungen nicht pünktlich bezahlen, so dass das Unternehmen trotz erfreulicher Buchgewinne seinerseits die Lieferanten nicht bezahlen kann. Geld bedeutet also Liquidität, d. h. Zahlungsfähigkeit. Um dieses Geld, d. h. ein Mittel zum Tauschen, Rechnen und Aufbewahren von Werten geht es im folgenden Kapitel. 11.3.1 Geldarten und Geldgesamtheiten Bevor wir analysieren können, wie Geld entsteht bzw. wie und in welchem Umfang es hergestellt werden kann, muss zunächst Klarheit darüber bestehen, was Geld ist. 11.3.1.1 Geldarten Geld ist bekanntlich alles, was die Geldfunktionen erfüllt. Am wichtigsten ist dabei die Tauschmittelfunktion. Ein Wirtschaftsobjekt, das den Namen Geld tragen soll, muss sich • jederzeit • mit Sicherheit und • ohne Wertverlust in ein anderes Wirtschaftsobjekt eintauschen lassen. Mit anderen Worten: es muss liquide sein. 48 Vgl. Abschnitt 2.3.3 „Gütertausch und Tauschmittel“. 11.3 Der Geldmarkt 565 Der Liquiditätsbegriff Liquidität ist also ein mehrdeutiger Begriff. Zuvor (im Falle des Unternehmens, das seine Lieferanten nicht zahlen kann) hatten wir mit Liquidität die Eigenschaft eines Wirtschaftssubjektes beschrieben, nämlich zahlungsfähig zu sein. Nun beschreiben wir mit diesem Wort die Eigenschaft eines Wirtschaftsobjektes. Bei der Suche nach liquiden Wirtschaftsobjekten, die die Geldfunktion übernehmen könnten, stellt man jedoch fest, dass es keine uneingeschränkt liquiden Wirtschaftsobjekte gibt. • Die Anforderung „jederzeit“ ist sicherlich beim Bargeld erfüllt, allerdings auch hier nicht uneingeschränkt. Münzgeld muss nicht in unbeschränkter Höhe als Zahlungsmittel akzeptiert werden49. Wenn z. B. ein Kunde seinen Neuwagen mit einigen Säcken voller Euro-Münzen bezahlen möchte, wird er vermutlich auf den Widerstand des Verkäufers stoßen. Selbst die berühmten Brautschuhe, die glückbringend mit ersparten Pfennigen bzw. Centmünzen bezahlt werden sollen, dürften angesichts der aktuellen Schuhpreise grenzwertig sein. • Noch schwieriger ist es, Wirtschaftsobjekte zu finden, die sich „mit Sicherheit“, d. h. ohne Kosten zu verursachen, eintauschen lassen. Jede Art von Zahlungsmittel verursacht Kosten: Der Umgang mit Bargeld ist sogar besonders kostenintensiv. Supermärkte und Einzelhandelsgeschäfte, die viel mit Bargeld umgehen, brauchen nicht nur teure Registrierkassen zum Umgang mit Noten und Münzen, sondern müssen auch in regelmäßigen Abständen aufwändige Geldtransporte finanzieren, um die Tages- oder Wocheneinnahmen sicher zur Bank zu bringen. • Die dritte Komponente der Liquiditätseigenschaft, nämlich wertstabil zu sein, kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Bargeld oder auch Sichtguthaben auf den Girokonten von Geschäftsbanken können aufgrund von allgemeiner Inflation Wertverluste erleiden. Andere Vermögensgegenstände wie Immobilien hingegen können gerade in Zeiten hoher Inflationsraten nicht nur wertstabil sein, sondern vielleicht sogar ihren Wert steigern. Dafür sind gerade Immobilien sicherlich nicht „jederzeit“ gegen andere Güter eintauschbar. Liquidität ist also eine graduelle Eigenschaft. Grundsätzlich ist jedes Wirtschaftsgut bis zu einem bestimmten Grad liquide. Um diejenige Gruppe von Gütern zu finden, die am liquidesten sind, steigt man am besten die in Abbildung 11-32 dargestellte Liquiditätstreppe empor. Auf der untersten Stufe stehen alle Wirtschaftsgüter, kurzlebige und langlebige. Als Anwärter für die Geldeigenschaft kommen jedoch nur letztere infrage. Langlebige Güter sind Wertspeicher, kurzlebige Güter hingegen sind nicht in der Lage, Wert aufzubewahren und würden daher nicht als Tauschmittel akzeptiert. Auf der nächsten Stufe stehen deshalb nur noch die langlebigen Güter, nämlich Human-, Sach- und Finanzkapital. Auch auf dieser Stufe lässt sich ein Teil von vorn herein ausschlie- ßen, nämlich das Humankapital. Seit Beendigung des Sklavenhandels darf Humankapital nicht mehr als Zahlungsmittel verwendet werden. Was allerdings immer noch eingetauscht werden kann, ist die Nutzung des Humankapitals, nämlich die Arbeitsleistung. Wie alle (Dienst-)Leistungen ist diese jedoch nicht lagerfähig und scheidet somit für die Geldfunktion aus. 49 Die gesetzliche Annahmepflicht von Euromünzen ist beschränkt. Gemäß § 3 Abs. 1 des Münzgesetzes vom 1. Januar 2002 müssen bei einer einzigen Zahlung nur maximal 50 Münzen entgegengenommen werden. Banknoten hingegen sind in unbeschränkter Höhe annahmepflichtig. 11 Makroökonomische Theorie566 Auf der dritten Stufe bleiben also nur noch Sach- und Finanzkapitalgüter übrig. Nun wird es schon schwieriger, die Liquiditätsgrade dieser Güter abzugrenzen. Es kommt darauf an, ob man die Tauschmittelfunktion oder die Wertaufbewahrungsfunktion in den Vordergrund stellt. Wie wir soeben festgestellt haben, kann Sachvermögen z. B. wertbeständiger sein als Finanzvermögen, das eher inflationsanfällig ist. Andererseits sind die Märkte für Sachvermögensgüter i. d. R. nicht so gut organisiert wie Finanzmärkte, d. h. Sachvermögen lässt sich nicht so leicht eintauschen wie Finanzvermögen, wie z. B. festverzinsliche Wertpapiere oder Aktien. Außerdem fallen die Erträge von Finanzvermögen unmittelbar in Zahlungsmitteln an, während die Erträge von Sachvermögen wiederum Sachgüter (bei einer Immobilie z. B. die Bewohnbarkeit) sind und selbst erst gegen Zahlungsmittel eingetauscht werden müssen. Grundsätzlich kann man daher feststellen, dass Finanzvermögensgegenstände, also Forderungen, im Großen und Ganzen liquider sind als Sachvermögensgegenstände. Auf der Spitze der Treppe stehen daher nur noch die Forderungen. Geld und geldnahe Forderungen Geld ist also eine Forderung. Allerdings ist auch innerhalb dieser Vermögensgruppe eine große Vielfalt verschiedener Wirtschaftsobjekte vertreten. Abbildung 11-33 zeigt eine vereinfachte Übersicht über die wichtigsten Gruppen von Finanzaktiva in der Reihenfolge ihres Liquiditätsgrades. An der Spitze steht das Bargeld, d. h. Noten und Münzen. Im Euro-Raum ist das Euro- Bargeld alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel, das (zumindest in Form von Banknoten) unbeschränkt für die Tilgung von Schulden akzeptiert werden muss. Bargeld darf nur von der Zentralbank, im Falle des Euro also von der Europäischen Zentralbank EZB herausgegeben werden50. 50 Genau genommen muss zwischen Banknoten und Münzen getrennt werden. Das Münzprägerecht, das sog. Münzregal, steht als altes Königsrecht nach wie vor den jeweiligen Regierungen der Eurozone zu, während die Notenemission durch die jeweiligen Zentralbanken durchgeführt wird. Das kurzlebige Tauschgüter langlebige Tauschgüter = Vermögen = Kapitalgüter Humankapital Sachvermögen Finanzvermögen Sachvermögen Finanzvermögen Finanzvermögen = Forderungen GELD Wertaufbewahrungsfunktion nicht erfüllt heute nicht mehr (legal) liquidierbar i.d.R. schwieriger zu liquidieren als Finanzvermögen Geldsubstitute Liquiditätsgrad Abbildung 11-32: Die Liquiditätstreppe 11.3 Der Geldmarkt 567 Bargeld wird in der jüngeren Vergangenheit immer stärker durch elektronisches Geld ersetzt. In diesem Fall wird ein beliebiges Medium, wie z. B. ein Mobiltelefon oder eine Geldkarte elektronisch mit Geld aufgeladen und anschließend anstelle von Bargeld zur Zahlung benutzt. Buchgeld besteht in täglich fälligen Bankeinlagen, sei es bei der Zentralbank oder bei Geschäftsbanken, die gar nicht oder nur sehr niedrig verzinslich sind. Häufig verwendete Synonyme sind auch Sichtguthaben, Sichteinlagen, Sichtdepositen oder Giralgeld. In jedem Fall handelt es sich um Guthaben, die der Bankkunde auf seinem Girokonto zum täglichen Gebrauch zur Verfügung hat und von dort zur Zahlung anweisen oder als Bargeld abheben kann. Mit Buchgeld wird der allergrößte Teil aller Zahlungsvorgänge in einer Volkswirtschaft abgewickelt; sein Anteil an der gesamten Geldmenge im Euro-Währungsgebiet liegt derzeit bei ca. 85 %. Dennoch ist Buchgeld kein gesetzliches Zahlungsmittel und es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf ein Girokonto bei einer Bank. Bargeld und Buchgeld sind die Zahlungsmittel mit dem höchsten Liquiditätsgrad. Man bezeichnet sie als Geld im engeren Sinne. Alle weiteren Finanzaktiva heißen Geldsurrogate, Quasigeld oder geldnahe Forderungen, wobei die Geldnähe vom Liquiditätsgrad abhängt. alleinige Recht zur Genehmigung der Ausgabe von Noten und Münzen liegt jedoch bei der EZB. Bei der Emission von Münzen entsteht der sog Münzgewinn, der in der Differenz zwischen dem Nennwert und dem Materialwert der Münzen besteht. Dieser Münzgewinn fließt in den Bundeshaushalt. Noten Münzen Buchgeld = Sichteinlagen Termineinlagen Spareinlagen B A N K E I N L A G E N B A R G E L D W E R T P A P I E R E G el d i.e .S . G el ds ur ro ga te Liquiditätsgrad Abbildung 11-33: Finanzaktiva, geordnet nach Liquiditätsgrad 11 Makroökonomische Theorie568 Ein besonders enges Surrogat für Buchgeld sind Kreditkarten. Im Rahmen seiner Verfügungssumme kann ein Inhaber einer Visa- oder American Express Card mit dieser wie mit Buch- oder Bargeld bezahlen. Einmal im Monat werden die verwendeten Kreditbeträge dann von seinem Girokonto abgebucht. Der Liquiditätsgrad von Kreditkarten ist jedoch deutlich geringer als der von „echtem“ Buchgeld, da beim Zahlungsempfänger bei jeder Zahlung eine Provision fällig wird. Aus diesem Grund werden Kreditkarten auch nicht überall als Zahlungsmittel akzeptiert. Ein ebenfalls sehr enges Geldsurrogat sind Kontokorrent-, d. h. Überziehungskredite. Ein Kontoinhaber darf dabei sein Girokonto bis zu einer bestimmten, zuvor mit der Bank vereinbarten Summe überziehen. Er verfügt dann über Buchgeld, das ihm gar nicht gehört. Diese Kredite sind i. d. R. sehr teuer, da ihnen keinerlei pfändbare Absicherung zugrunde liegt. Anstelle von Buchgeld treten oft auch spezielle Wertpapiere, nämlich Schecks oder Wechsel, die unter bestimmten Voraussetzungen für kurze Zeit als Ersatz für fehlendes Buchgeld als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Neben dem Buchgeld, d. h. täglich fälligen Bankeinlagen, gibt es noch weitere Formen von Bankeinlagen, die jeweils mit besonderen Konditionen verbunden und daher im Liquiditätsgrad etwas geringer sind. Termineinlagen (Termin- oder Festgelder) sind verzinsliche Guthaben, über die erst nach einer mit der Bank vereinbarten Frist verfügt werden kann. Nach Ablauf dieser Frist wandeln sich Termineinlagen automatisch in Buchgeld um. Termineinlagen sind typischerweise kurzfristig anlegt, z. B. für 30, 60 oder 90 Tage. Sie sind eine beliebte Anlagenart für Geld, das bereits fest für eine bestimmte Anschaffung, wie etwa ein neues Auto, verplant ist, bis zur Fälligkeit der Zahlung aber noch zinsbringend und risikolos angelegt werden soll. Spareinlagen hingegen müssen vom Inhaber aktiv gekündigt werden, wenn sie verfügbar werden sollen. Die Länge der Kündigungsfrist hängt vom individuellen Sparvertrag ab. Üblich sind drei Monate. Möchte der Sparer ohne Einhaltung der Kündigungsfrist über sein Guthaben verfügen, so sind i. d. R. (abgesehen von einer stets verfügbaren Mindestsumme) Strafzinsen zu zahlen. Spareinlagen dienen überwiegend der langfristigen Vermögensbildung von Haushalten und stehen daher von der Intention des Anlegers her betrachtet der Wertaufbewahrungsfunktion näher als der Tauschmittelfunktion. Termineinlagen hingegen werden meist im Hinblick auf eine ganz bestimmte, in der nächsten Zukunft geplante Anschaffung angelegt und sind daher sehr eng mit einer güterwirtschaftlichen Tauschtransaktion verbunden. Neben den Bankeinlagen stellen die Wertpapiere die größte Gruppe der Finanzaktiva dar. Wertpapiere sind – im Gegensatz zu Bankeinlagen – handelbare, verbriefte Forderungen. Man kann sie in vielerlei Hinsicht unterteilen, z. B. nach Fristigkeit (lang- und kurzfristig), Art der Verzinsung (festverzinslich, variabel verzinslich), Emittenten (z. B. Industrieunternehmen, Kommunen, Banken) usw. Gesamtwirtschaftlich bedeutsam ist jedoch vor allem die Eigenschaft der Zentralbankfähigkeit. Wenn ein Wertpapier zentralbankfähig ist, dann kann es von den Geschäftsbanken als Sicherung für einen Kredit der Zentralbank verwendet werden. Dies ist, wie wir gleich sehen werden, für die Geldschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken von besonderer Bedeutung. Wertpapiere können i. d. R. nicht direkt zur Zahlung verwendet, sondern müssen erst durch Verkauf in Zahlungsmittel umgewandelt werden. Allerdings sind die Märkte für Wertpapiere sehr gut organisiert und kommen der Vorstellung eines vollkommenen Marktes häufig sehr nahe. Der Liquiditätsgrad von Wertpapieren ist daher i. d. R. ziemlich hoch, zumindest 11.3 Der Geldmarkt 569 was die Schnelligkeit der Umwandlung in Zahlungsmittel betrifft. Die Wertschwankungen allerdings können – je nach Art des Papiers – beträchtlich sein, so dass die Wertaufbewahrungsfunktion oft nur eingeschränkt erfüllt wird. 11.3.1.2 Die Geldmenge Im Rahmen unserer gesamtwirtschaftlichen Modellbetrachtungen ist die Gesamtheit der in einer Volkswirtschaft vorhandenen Geldbestände, die sog. Geldmenge oder das Geldvolumen, ein zentraler Begriff. Mit der Geldmenge M sollen all diejenigen Zahlungsmittel erfasst werden, die den privaten Unternehmen und Haushalten zur Abwicklung all ihrer wirtschaftlichen Transaktionen zur Verfügung stehen. Es handelt sich also um ein analytisches Konzept, das zur Erklärung von Produktion, Beschäftigung und Preisniveau beitragen soll. Die Geldmenge M umfasst all diejenigen Geldbestände, die sich in Händen von Nicht- Banken befinden und von diesen zu Zahlungszwecken eingesetzt werden (können), d. h. tatsächlich Tauschmittelfunktion erfüllen. Die Geldbestände der Geschäftsbanken bei der Zentralbank hingegen haben keinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem gesamtwirtschaftlichen Transaktionsvolumen, sondern dienen in erster Linie dem Verrechnungsverkehr zwischen den Geschäftsbanken und der Zentralbank bzw. zwischen den Geschäftsbanken untereinander. Zur Geldmenge zählen daher nur die Bargeldbestände außerhalb des Bankensystems (Bargeldumlauf) sowie die Sichteinlagen von Nicht-Banken bei Geschäftsbanken. Die Kassenbestände der Banken sowie deren Einlagen bei der Zentralbank gehören hingegen nicht zur Geldmenge51. Praxisbeispiel 11-5: M1, M2 und M3 in der Abgrenzung der Europäischen Zentralbank Die Europäische Zentralbank definiert seit ihrer Gründung am 1. Januar 1999 die Geldmengenaggregate wie folgt52: M1 = Bargeldumlauf + täglich fällige Einlagen M2 = M1 + Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von bis zu 2 Jahren + Einlagen mit vereinbarter Kündigungsfrist von bis zu 3 Monaten M3 = M2 + Repogeschäfte + Geldmarktfondsanteile und Geldmarktpapiere + Schuldverschreibungen bis zu 2 Jahren 51 Ebenso wenig die Einlagen des Bundes bei der Zentralbank, da auch diese nicht unmittelbar mit seinem Transaktionsvolumen und damit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zusammenhängen. 52 Vgl. EZB Monatsbericht (1999), S. 35. 11 Makroökonomische Theorie570 M3 M2 M1 5.109,3 8.994,3 9.786,8 Bargeldumlauf und täglich fällige Einlagen Termingelder bis zu 2 Jahren sowie Sparguthaben mit einer Kündigungsfrist bis zu 3 Monaten Repogeschäfte, Geldmarktfondsanteile und Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen bis zu 2 Jahren Abbildung 11-34: Die Geldmengenaggregate des Euro in der Abgrenzung der EZB, am Jahresende 201253 Die Einbeziehung von Bargeld und Sichtguthaben in die Geldmenge M ist unstrittig. Inwiefern auch geldnahe Forderungen, insbesondere Termin- und Spareinlagen, Zahlungsmittelfunktion erfüllen und daher im Geldmengenkonzept zu berücksichtigen sind, ist diskussionswürdig und hängt vor allem von den konkreten Zahlungsgewohnheiten der Wirtschaftssubjekte ab, die sich im Zeitverlauf ändern. Außerdem kommt es darauf an, wie stark man die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes im Geldmengenkonzept abbilden will.53 Die Europäische Zentralbank verwendet neben dem engsten Geldmengenkonzept M1, bestehend aus Bargeldumlauf und Sichteinlagen im Geschäftsbankensektor, noch zwei weitere Geldmengenabgrenzungen, die zur Unterscheidung M2 und M3 genannt werden. Diese beiden Geldbestände enthalten neben den Bestandteilen von M1 auch Termin- und Spareinlagen sowie bestimmte kurzfristige Wertpapiere, um der Funktion des Geldes als „temporäres Kaufkraftaufbewahrungsmittel“54 gerecht zu werden. Das weiteste Geldmengenkonzept M3 ist das wichtigste monetäre Zwischenziel der Europäischen Zentralbank und nimmt in ihrer geldpolitischen Strategie einen dominierenden Platz ein. Alle in M3 zusammengefassten Geldbestände dienen im engeren oder weiteren Sinne der Finanzierung des gesamtwirtschaftlichen Transaktionsvolumens. Das Wachstum der Geldmenge M3 ist daher ein wichtiger Indikator für die monetäre Stabilität in der Volkswirtschaft. 11.3.2 Das gesamtwirtschaftliche Geldangebot Wie bei den Sachgütern und Dienstleistungen gibt es auch beim Geld private Unternehmen, die dieses spezielle Produkt, nämlich das Zahlungsmittel, herstellen und auf dem Markt anbieten, nämlich die Banken. Da das Geld ein Schlüsselprodukt für die Funktionsfähig- 53 Quelle: EZB-Monatsbericht Oktober 2013, S. 12. 54 Jarchow (1998), S. 9. 11.3 Der Geldmarkt 571 keit der gesamten Volkswirtschaft ist55, wird seine Produktion allerdings nicht einfach den Marktkräften überlassen – das Risiko des Markversagens wäre zu groß: Wie jedes andere gewinnmaximierende Unternehmen wird eine Geschäftsbank so lange Geld produzieren und anbieten, solange dies gewinnsteigernd für das eigene Unternehmen ist. Dies hängt vor allem von der Kreditnachfrage ihrer Kunden ab. Wenn die Kreditnachfrage und damit die Zahlungsbereitschaft für Kredite sehr hoch ist, z. B. weil Hochkonjunktur herrscht und viele Produktionsunternehmen durch Investitionen ihre Produktionskapazität steigern wollen, besteht für die Geschäftsbanken ein hoher Anreiz, Geld zur Verfügung zu stellen. Gesamtwirtschaftlich könnte dadurch jedoch der Wert des Geldes leiden. Wenn nämlich die Geldmenge, die alle Geschäftsbanken gemeinsam herstellen, stärker ansteigt als die Gütermenge, sinkt logischerweise der Wert, d. h. die Kaufkraft des Geldes. Da Geld selbst keinen eigenständigen Gebrauchswert besitzt, ist es immer nur das wert, was man dafür kaufen kann. Langfristiger Kaufkraftverlust des Geldes, d. h. Inflation, ist daher für alle Wirtschaftssubjekte, Haushalte wie Unternehmen, produzierendes Gewerbe wie Banken, gleichermaßen schädlich und gefährlich. Die Banken müssten sich also im Interesse eines stabilen Geldwertes in ihrer Geldschöpfungstätigkeit beschränken. Aus Sicht einer einzelnen Bank jedoch wäre dies mit externen Effekten verbunden: Der Verzicht auf weitere gewinnbringende Kreditvergaben würde zwar ggfs. einen Beitrag zur Erhaltung des Geldwertes leisten, die gewonnene Geldwertstabilität würde aber auch allen anderen Wirtschaftssubjekten, einschließlich der eigenen Wettbewerber, die sich womöglich nicht so stabilitätsbewusst verhalten haben, zu Gute kommen. Ein klassischer Fall von Marktversagen! Aus diesem Grund gibt es in allen Industrieländern ein zweistufiges Bankensystem. Auf der ersten Ebene stehen die Geschäftsbanken, die nach privatwirtschaftlichen, d. h. gewinnorientierten Gesichtspunkten ihre Geldgeschäfte betreiben und die Wirtschaftssubjekte flexibel und effizient mit Geld versorgen sollen. Darüber gibt es jedoch auf einer zweiten Ebene eine staatliche Institution, nämlich die Zentralbank oder auch Notenbank des jeweiligen Landes, die die hoheitliche Autorität hat, den Geldschöpfungsprozess der Geschäftsbanken im Sinne des gesamtwirtschaftlichen Zieles eines stabilen Preisniveaus geldpolitisch zu steuern. 11.3.2.1 Der Geldschöpfungsprozess Wie kommt das Geld in die Wirtschaft? Wie entsteht es überhaupt? Wir haben festgestellt, dass der größte Teil der umlaufenden Geldmenge aus Buchgeld, d. h. aus täglich fälligen Einlagen bei Geschäftsbanken besteht. Im Folgenden betrachten wir daher den Geldschöpfungsprozess am Beispiel der Entstehung (und Vernichtung) von Buchgeld. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass ausschließlich bargeldlos bezahlt wird. Beispiel 1 – Aktive Geldschöpfung, exogenes Geld Eine Geschäftsbank erwirbt von einem privaten Unternehmen ein Grundstück und schreibt dem Verkäufer den Kaufpreis auf seinem Girokonto, d. h. als Sichtguthaben oder Sichtforderung auf sich selbst, gut. Durch diese Transaktion ergeben sich folgende Veränderungen auf den Bilanzen der Bank und des verkaufenden Unternehmens (Abbildung 11-35 linke Seite): 55 Vgl. Abschnitt 3.2.4 „Die Rolle des Geldes“. 11 Makroökonomische Theorie572 Die Bankbilanz hat sich auf beiden Seiten um den Kaufbetrag verlängert, beim Verkäufer fand hingegen ein Aktivtausch statt. Die Bank erwirbt ein nicht-monetäres Aktivum (das Grundstück) und bezahlt mit Sichteinlagen, so dass sich die Geldmenge dadurch erhöht: die Menge an Buchgeld ist gestiegen. Beispiel 2 – Aktive Geldschöpfung, endogenes Geld Eine Geschäftsbank gewährt einem Kunden einen Konsumentenkredit und schreibt ihm den Kreditbetrag auf seinem Girokonto gut. Die Bilanzen der Bank und ihres Kunden ver- ändern sich dadurch wie in Abbildung 11-35 auf der rechten Seite dargestellt ist: Wieder hat sich die Bankbilanz verlängert. Der Kreditbetrag erscheint als Forderung auf der Aktivseite, die im Gegenzug gewährten Sichtguthaben auf der Passivseite der Bankbilanz. Auch hier ist also Geld in Höhe des erworbenen Aktivums, nämlich der Kreditforderung, entstanden. Dieses Mal hat sich allerdings auch die Bilanz des Bankkunden verlängert. Die (geliehenen) Sichtguthaben erscheinen bei ihm auf der Aktivseite, während der Kreditbetrag als Verbindlichkeit auf der Passivseite verbucht wird. Eigenschaften aktiver Giralgeldschöpfung Anhand dieser beiden Beispiele lassen sich die wichtigsten Charakteristika einer aktiven Giralgeldschöpfung zusammenfassen: Neues Geld entsteht in beiden Fällen dadurch, dass eine Bank ein Aktivum erwirbt, das nicht Geld darstellt, und mit Sichtforderungen gegen sich selbst bezahlt. Da diese Sichtforderungen als inländisches Zahlungsmittel gelten, steigt dadurch die Geldmenge. Man spricht bei diesen Vorgängen daher von einer Geldschöpfung durch die Bank. Im umgekehrten Fall eines Verkaufs von Aktiva durch die Bank an Nicht-Banken, die dafür mit Sichtguthaben bezahlen, wird hingegen Geld vernichtet. Buchgeld verschwindet. Der Unterschied zwischen den beiden Beispielen liegt in der Art des Aktivums, das von der Bank erworben wird. Im Fall der Immobilie handelt es sich um ein sog. primäres Aktivum, Verkauf eines Grundstücks durch eine Nicht-Bank an eine Bank Kreditgewährung einer Bank an eine Nicht-Bank + Grund + Sichteinl. - Grund + Sichtg. Bank Nicht-Bank Nicht-BankBank + Forder. + Sichteinl. + Sichtg. + Verbindl. Verkauf eines primären Aktivums Der Nettoforderungsbestand gegenüber der Bank hat sich erhöht Keine Kreditschöpfung exogenes Geld Verkauf eines sekundären Aktivums Der Nettoforderungsbestand gegenüber der Bank hat sich nicht erhöht Mit Kreditschöpfung endogenes Geld Abbildung 11-35: Aktive Geldschöpfung 11.3 Der Geldmarkt 573 d. h. um einen Vermögensgegenstand, der keine (befristete) Forderung darstellt. Durch die Geldschöpfung ist daher keine Kreditbeziehung entstanden. Solange die Bank die Immobilie nicht wieder veräußert, bleibt das Geld unverändert im Umlauf. Man spricht deshalb von exogenem Geld. Im zweiten Fall hingegen, ist die Lebensdauer des neu geschaffenen Geldes von vorn herein durch die Kreditlaufzeit begrenzt, Sobald der Bankkunde den Kredit tilgt, verschwindet das Geld wieder aus dem Umlauf, es handelt sich um endogenes Geld. Aktiva, die Kreditbeziehungen begründen, heißen sekundäre Aktiva. Der Gesamtforderungsbestand gegenüber dem Bankensystem hat sich durch diese Transaktion jedoch nicht geändert, da der Einlagenverbindlichkeit des neu geschaffenen Buchgeldes die Kreditforderung der Bank gegenüber steht. Beispiel 3 – Passive Geldschöpfung Nehmen wir nun an, dass ein Bankkunde sein Sparkonto auflösen möchte und kündigt. Nach Ablauf der vereinbarten Kündigungsfrist von beispielsweise sechs Monaten wird dem Kunden der Sparbetrag auf seinem Girokonto gutgeschrieben. Die Bilanzen der Bank und ihres Kunden zeigen durch diesen Vorgang Veränderungen, die in Abbildung 11-36 dargestellt sind. Im Gegensatz zu den beiden ersten Beispielen wird die Bank nicht selbst tätig, indem sie etwas erwirbt, sondern ein Kunde ergreift die Initiative und verfügt über seine Einlagen. Die Geldschöpfung ergibt sich dadurch, dass der Kunde eine Einlage, die nicht Geld darstellt, in eine Einlage, die Geld darstellt, umwandelt. Es vollzieht sich also ein Passivtausch. Diese Art der Geldschöpfung heißt deshalb passive Giralgeldschöpfung. Würde der Kunde Sichtguthaben von seinem Girokonto auf sein Sparbuch einzahlen, würde analog Geld aus dem Kreislauf verschwinden und vernichtet. Bank – Spareinlage + Sichteinlage Nicht-Bank – Sparguth. + Sichtguth. Passive Geldschöpfung ist niemals mit Kreditschöpfung verbunden. Der Nettoforderungsbestand gegenüber dem Bankensystem bleibt gleich. Ob sich dadurch die gesamtwirtschaftliche Geldmenge erhöht, hängt vom zugrundeliegenden Geldmengenkonzept und der Art der umgewandelten Passiva ab. Umwandlung eines Sparguthabens in ein Sichtguthaben Abbildung 11-36: Passive Geldschöpfung 11 Makroökonomische Theorie574 Übung 11-9: Geldschöpfung und/oder Geldmengenveränderung Beurteilen Sie, ob bei den folgenden Vorgängen Geld entsteht/verschwindet und ob sich dabei die Geldmenge verändert. a) Eine Bank verkauft einem privaten Haushalt fünf Siemens Aktien, die dieser mit Buchgeld bezahlt. b) Eine Geschäftsbank gewährt einem privaten Haushalt einen Konsumentenkredit und zahlt diesen in bar aus. c) Ein privater Haushalt löst sein Termingeldkonto bei einer Geschäftsbank auf und legt das Geld stattdessen auf seinem Sparkonto an. Lösung: a) Die Bank verkauft ein Aktivum. Im Gegenzug verschwinden Sichteinlagen auf der Passivseite. Es handelt sich also um Geldvernichtung. M1 sinkt. b) Durch die Kreditgewährung erhält die Bank zwar ein zusätzliches Aktivum. Allerdings bezahlt sie dieses nicht mit Forderungen gegen sich selbst, sondern mit Bargeld, das sie nicht selbst herstellen kann. Bargeld ist Zentralbankgeld und aus Sicht der Geschäftsbank ebenfalls ein Aktivum. Auf der Bankbilanz findet daher ein Aktivtausch statt. Geld entsteht dabei nicht. Allerdings steigt dennoch M1, da die Kassenbestände der Banken nicht zur Geldmenge gerechnet werden, der Bargeldumlauf hingegen schon. c) Bei diesem Vorgang handelt es sich offensichtlich um einen Passivtausch bei der Bank. Ob dabei Geld entsteht oder vernichtet wird und ob sich dabei M2 ändert, lässt sich erst dann entscheiden, wenn die Laufzeit des Termingeldes und die Kündigungsfrist der Spareinlagen bekannt sind. Wenn beispielsweise Termingelder mit einer Laufzeit von 30 Tagen in Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist umgewandelt werden, ändert sich M2 nicht. Wenn hingegen die Spareinlagen eine Kündigungsfrist von mehr als drei Monaten aufweisen, werden Geldsurrogate aus M2 vernichtet. 11.3.2.2 Grenzen der Geldschöpfung Für eine Bank ist es also offensichtlich ganz einfach, Geld herzustellen. Im Grunde genügt ein Federstrich, eine einfache Eintragung auf dem Girokonto eines Kunden, um die Geldmenge zu erhöhen. Die Geldschöpfungsfähigkeit der Banken ähnelt auf den ersten Blick dem Stein der Weisen: jedes beliebige Gut kann monetisiert, d. h. zu Geld gemacht werden. Voraussetzung dafür ist nur, dass alle Wirtschaftssubjekte sich darin einig sind, die Sichteinlagen bei Banken auch tatsächlich als Zahlungsmittel, d. h. als Buchgeld, anzuerkennen. Es stellt sich daher die Frage, warum die umlaufende Geldmenge nicht explodiert. Es ist kaum anzunehmen, dass die Banken als private Unternehmen aus eigenem Antrieb und na ch E rs ch ei nu ng sf or m en nach Entstehungsort Zentralbankgeld Geschäftsbankengeld Bargeld Sichtguthaben GELDARTEN Abbildung 11-37: Die Geldmatrix 11.3 Der Geldmarkt 575 höherer Einsicht Selbstbeschränkung üben und die Geldmenge nur in einem stabilitätsverträglichen Maße ansteigen lassen. Wenn es nur Privatbanken gäbe und als einziges Zahlungsmittel Sichtforderungen gegenüber diesen Banken umlaufen würden, wäre der Geldschöpfung tatsächlich keine Grenze gesetzt. Eine Bank könnte dann niemals illiquide werden. Tatsächlich ist unser Bankensystem aber zweistufig und das Geldsystem beinhaltet zweierlei Arten von Geld, nämlich Geschäftsbankengeld und Zentralbankgeld. Man bezeichnet ein solches Geldsystem als Mischgeldsystem. Hier sind der Geldschöpfung der Banken in zweierlei Hinsicht Grenzen gesetzt: • Bargeldquote Haushalte und Unternehmen bezahlen sowohl mit Geschäftsbankengeld, d. h. Buchgeld, als auch mit Zentralbankgeld, nämlich dem Bargeld. Dieses können die privaten Geschäftsbanken jedoch nicht herstellen, so dass sie schon allein wegen der Bargeldwünsche ihrer Kunden darauf angewiesen sind, von der Zentralbank mit Geld versorgt zu werden. • Mindestreserve Es gibt aber noch ein zweites Band, das die Geldschöpfung der Geschäftsbanken an die Geldversorgung mit Zentralbankgeld bindet und das ist die sog. Mindestreservepflicht. Diese besagt, dass die Geschäftsbanken für alle Sichteinlagen, die sie ihren eigenen Kunden einräumen, in einem von der Zentralbank vorgegebenen Verhältnis (dem sog. Mindestreservesatz) ihrerseits Sichteinlagen bei der Zentralbank, d. h. Zentralbankgeld halten müssen. Diese Mindestreservevorschrift zwingt die Geschäftsbanken also genauso wie der Bargeldabfluss an ihre Kunden, die eigene Geldschöpfung auf den von der Zentralbank vorgegebenen Liquiditätsrahmen zu beschränken. Ein Beispiel soll diesen Zusammenhang verdeutlichen: Geldschöpfungskapazität einer einzelnen Bank bei bargeldlosem Zahlungsverkehr Wir gehen zunächst von einer Volkswirtschaft mit einem zweistufigen Bankensystem und ausschließlich bargeldlosem Zahlungsverkehr aus. Die Zentralbank hat den Mindestreservesatz auf 20 % festgelegt56. Nehmen wir an, ein Bankkunde verkauft der Bank A zentralbankfähige Wertpapiere für 10 Geldeinheiten (GE) und erhält dafür eine Gutschrift auf seinem Girokonto. Die Bank A verkauft die Wertpapiere an die Zentralbank weiter und erhält ihrerseits 10 GE Zentralbankgeld. Durch diese doppelte aktive Geldschöpfung sind also zweimal 10 GE entstanden, einmal in Form von Zentralbankgeld, einmal in Form von Geschäftsbankengeld. Für die neu geschaffenen Sichteinlagen muss Bank A 20 %, d. h. 2 GE Mindestreserve halten. Von der ursprünglichen Zentralbankgeldreserve bleiben daher nur noch 8 GE zur freien Verfügung, d. h. als Überschussreserven übrig. Diese kann die Bank an einen weiteren Kunden als Kredit vergeben, was einer erneuten aktiven Geldschöpfung (dieses Mal mit einem sekundären Aktivum) entspricht. Der Kreditbetrag von 8 GE ist nun vollständig durch Zentralbankgeld gedeckt, da die Bank ja davon ausgehen muss, dass der Kunde über den Betrag durch Überweisung an eine andere Bank verfügt und das Geld abfließt. Bei Bank A ist also aber- 56 Dieser Satz ist unrealistisch hoch – er beträgt im Eurosystem derzeit nur 2 Prozent – und dient nur der Vereinfachung der Rechnung. 11 Makroökonomische Theorie576 mals neues Geld in Höhe der vorhandenen Überschussreserve entstanden. Die Höhe der vorhandenen Überschussreserve begrenzt die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Bank A. Geldschöpfungskapazität im Mehrbankensystem bei bargeldlosem Zahlungsverkehr Nun erweitern wir das Beispiel etwas und betrachten nicht mehr nur die einzelne Bank, sondern das Bankensystem insgesamt. Der Mindestreservesatz mr betrage weiterhin 20 %. Ausgangspunkt sei eine Überschussreserve ÜR0 bei Bank A in Höhe von 10 GE, die diese als Kredit an einen Kunden vergibt. Der Kunde überweist das Geld an seinen Geschäftspartner, der sein Girokonto bei der Bank B unterhält. Auf diesem Konto steigen die Sichteinlagen daher um 10 GE an. Der Bank B fließen gleichzeitig aber auch 10 GE Zentralbankgeld zu, von denen nur 2 GE als Mindestreserve auf die (neuen) Kundeneinlagen zu halten sind. 8 GE werden zu Überschussreserve und können von Bank B erneut als Kredit vergeben werden (Periode 2/Zeile 3 in Tabelle 11-4). Offensichtlich entstehen bei der Fortsetzung dieses Vorgangs geometrische Reihen, deren Grenzwerte Aufschluss über die Geldschöpfungsfähigkeit dieses Bankensystems als Ganzes geben. Die Grenze ist dann erreicht, wenn die ursprüngliche Überschussreserve von 10 GE vollständig in Mindestreserve umgewandelt worden ist. Am Ende des Prozesses sind keine Überschussreserven mehr im System vorhanden. Bank A Sichteinlagen des Kunden 1 10 GE Ze ba -G el dre se rv e Mindestreserve 2 GE Überschussreserve 8 GE Kreditvergabe an Kunden 2 8 GE Sichteinlagen des Kunden 2 8 GE Abbildung 11-38: Geldschöpfungskapazität einer einzelnen Bank bei bargeldlosem Zahlungsverkehr 11.3 Der Geldmarkt 577 Tabelle 11-4: Geldschöpfungskapazität im Mehrbankensystem bei bargeldlosem Zahlungsverkehr t Δ Kredit Δ Sichteinlagen (neue Bank) Δ Mindestreserve Δ Überschussreserve 0 10 1 10 10 2 8 2 8 8 1,6 6,4 3 6,4 6,4 1,28 5,12 4 5,12 5,12 1,024 4,096 … … … … … ∞ 0 0 0 0 Σ 50 50 10 Die Kreditsumme entspricht der Summe des neugeschaffenen Giralgeldes, das in vollem Umfang die Geldmenge M erhöht: Kredit Sichteinlagen Geldmenge Der Gesamtumfang der Kredit- bzw. Geldschöpfung ergibt sich durch Berechnung des Grenzwertes der entsprechenden geometrischen Reihe: 2 1 1Kredit 10 (1 0,2) 10 (1 0,2) 10 ... 10 10 50 1 (1 0,2) 0,2 57 oder 0 1 Kredit ÜR mr Der Mindestreservesatz mr bestimmt also, das Wievielfache der ursprünglichen Überschussreserve ÜR0 tatsächlich als zusätzliche Geldmenge umlaufen kann. Geldschöpfungskapazität im Mehrbankensystem mit Bargeldumlauf Nur erweitern wir das Beispiel abermals und berücksichtigen im Folgenden zusätzlich die Verwendung von Bargeld. Wir unterstellen, dass sich alle Bankkunden 25 % ihrer Kredite bar auszahlen lassen und nur 75 % der Kreditsumme als Sichtguthaben gutgeschrieben werden. Das bedeutet, dass 25 % der umlaufenden Geldmenge aus Bargeld besteht, 75 % aus Buchgeld. Der Bargeldanteil an der Geldmenge wird durch die Bargeldquote b beschrieben. Es gilt: b = 0,25. Alle anderen Annahmen (zweistufiges Mehrbankensystem, Mindestreservesatz mr = 0,2) bleiben gleich. 57 Für die Grenzwertberechnung einer konvergenten unendlichen Reihe gilt: i 1 1 a a 1 q , wobei n 1 n a q a . Der Reihenfaktor q in Tabelle 11-1 beträgt (1 – 0,2). 11 Makroökonomische Theorie578 Tabelle 11-5: Geldschöpfungskapazität im Mehrbankensystem mit Bargeldumlauf t Δ Kredit Δ Bargeldumlauf Δ Sichteinlagen (neue Bank) Δ Mindestreserve Δ Überschussreserve 0 10 1 10 2,5 7,5 1,5 6 2 6 1,5 4,5 0,9 3,6 3 3,6 0,9 2,7 0,54 2,16 … 2,16 … … … … ∞ 0 0 0 0 0 Σ 25 6,25 18,75 3,75 Die ursprüngliche Überschussreserve ÜR0 in Höhe von 10 GE wird wiederum als Kredit an einen Bankkunden der Bank A vergeben. Dieser lässt sich 2,5 GE bar ausbezahlen und überweist nur den Rest, nämlich 7,5 GE, an die Bank B. Der Umfang der Geldschöpfung ist also geringer als in der Variante ohne Bargeld. Bank B erhält dementsprechend einen Zufluss von Zentralbankgeld in Höhe von 7,5 GE, von denen 20 % oder 1,5 GE als neue Mindestreserve festgelegt werden müssen. Den Rest, 6 GE, kann Bank B wiederum als neuen Kredit an einen ihrer Kunden vergeben usw. Tabelle 11-5 beschreibt den Gesamtprozess. Das numerische Ergebnis zeigt, dass der Gesamtumfang der Kreditschöpfung wesentlich geringer ist als im Fall ohne Bargeld. Der Bargeldabfluss entzieht dem Bankensystem Zentralbankgeld, das nicht mehr zur Geldschöpfung zur Verfügung steht. Die Geldmenge steigt allerdings trotzdem im selben Umfang wie die Kreditmenge, obwohl im Bankensystem weniger Buchgeld entsteht als Kredite ausgegeben werden. Der zusätzliche Bargeldumlauf ist nämlich ebenfalls Bestandteil der Geldmenge M. Es gilt: Kredit Bargeldumlauf Sichteinlagen Geldmenge Der Gesamtumfang der Kreditvergabe lässt sich mit Hilfe des Grenzwertes der folgenden geometrischen Reihe berechnen: 2Kredit 10 (1 0,25)(1 0,2) 10 [(1 0,25)(1 0,2)] 10 ... 1 10 25 1 (1 0,25)(1 0,2) oder 0 0 1 1 Kredit ÜR ÜR 1 (1 b)(1 mr) b mr(1 b) Die Größe 1 b mr(1 b) heißt Geldmultiplikator g. Dieser beschreibt, wie hoch die umlaufende Geldmenge im Verhältnis zum verfügbaren Zentralbankgeld maximal sein kann. Private Geldschöpfung ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn die Zentralbank Geld zur Verfügung stellt. Dabei beschränkt sowohl die Bargeldquote b als auch der Mindestreservesatz mr die maximale Geldschöpfungskapazität des Bankensektors. 11.3 Der Geldmarkt 579 Zusammenhang zwischen Geldmenge und Geldbasis Zentralbankgeld ist also gleichzeitig Grundlage und Grenze der Geldschöpfung im Bankensystem und somit auch der umlaufenden Geldmenge M, die zu einem Teil, nämlich dem Bargeldumlauf, sogar direkt aus Zentralbankgeld besteht. Den Bestand an Zentralbankgeld bei Geschäftsbanken und bei Nichtbanken nennt man deswegen monetäre Basis oder Geldbasis. Zwischen der Geldbasis und der Geldmenge besteht – vereinfacht dargestellt – folgende Beziehung: Auch daraus lässt sich die Höhe des Geldmultiplikators herleiten: Die Geldbasis B besteht (wenn alle Geldschöpfungspotenziale ausgenutzt werden) aus dem Bargeldumlauf BU sowie dem Mindestreserve-Soll MR der Geschäftsbanken: B BU MR. Die Geldmenge M besteht ebenfalls aus dem Bargeldumlauf BU sowie aus dem Bestand an Sichtguthaben SG ihrer Kunden: M BU SG. Das Verhältnis vom Mindestreserve-Soll zum Bestand an Sichtguthaben ist durch den Mindestreservesatz mr vorgegeben: MRmr SG oder MR mr SG. Der Anteil des Bargeldes an der gesamten Geldmenge wird durch die Bargeldquote b beschrieben: BU BU b M BU SG . Dann ergibt sich: M BU SG BU SG BU SG g B BU MR BU mr SG BU mr (BU SG BU) 1 1 BU BU SG BU b mr(1 b)mr ( ) BU SG BU SG BU SG E rs ch ei nu ng sf or m en Entstehungsort Zentralbankgeld Geschäftsbankengeld Bargeld Sichtguthaben Geldbasis Geldmenge Abbildung 11-39: Zusammenhang zwischen Geldmenge und Geldbasis 11 Makroökonomische Theorie580 Übung 11-10: Die Entstehung des Geldangebotes In einer Volkswirtschaft beträgt der Bargeldanteil an der Geldmenge M1 1⁄3. Die Nicht-Banken unterhalten Terminguthaben in der Höhe des Zweifachen ihrer Sichtguthaben und Sparguthaben in Höhe des Dreifachen ihrer Sichtguthaben. Die Mindestreserve-Verpflich tung der Geschäftsbanken beträgt für Sichteinlagen 15 %, für Termineinlagen 10 % und für Spareinlagen 5 %. Die monetäre Basis ist 100. a) Welche volkswirtschaftliche Geldmenge M1 kann insgesamt maximal in den Umlauf gelangen? b) Wie verändert sich diese höchstmögliche Geldmenge, wenn die Bundesbank Wertpapiere in Höhe von 20 an die Geschäftsbanken verkauft? c) Wie verändern sich der Geldschöpfungsmultiplikator und die höchstmöglich Geldmenge, wenn die Mindestreservesätze um 10 % gesenkt werden? Lösung: a) Bei der Zusammensetzung der monetären Basis müssen nicht nur die Mindestreserven für die Sichteinlagen, sondern auch diejenigen für die Termin- und Spareinlagen berücksichtigt werden. Es sei mr = Mindestreservesatz für Sichteinlagen mrt = Mindestreservesatz für Termineinlagen mrs = Mindestreservesatz für Spareinlagen. Der Umfang der Terminguthaben T und Sparguthaben S (und damit auch das jeweilige Mindestreserve-Soll) kann aus der Höhe der Sichtguthaben SG berechnet werden. Es sei: T t SG 2 SG S s SG 3 SG Dann gilt: B BU mr SG mrt t SG mrs s SG Der Geldmultiplikator ergibt sich als M BU SG g B BU mr SG mrt t SG mrs s SG BU SG g BU mr (BU SG BU) mrt t (BU SG BU) mrs s (BU SG BU) 1 g BU BU SG BU BU SG BU BU SG BU mr mrt t mrs s BU SG BU SG BU SG BU SG 1 g b mr(1 b) mrt t (1 b) mrs s (1 b) Für die angegebenen Zahlenwerte ergibt sich: 1 1 g 1,5 1 15 2 10 2 5 2 200 2 3 3 100 3 100 3 100 3 300 Die höchstmögliche Geldmenge beträgt daher M = 1,5 · 100 = 150. b) B sinkt auf 80. Die höchstmögliche Geldmenge beträgt daher nur noch M = 1,5 · 80 = 120. c) Eine Senkung der Mindestreservesätze um 10 % bedeutet: mr = 13,5 %, mrt = 9 %, mrs = 4,5 %. Daher ergibt sich für den Geldmultiplikator 1 g 1,58 1 135 2 90 2 45 2 2 3 3 100 3 100 3 100 3 Der Multiplikator steigt und damit auch die maximal mögliche Geldmenge. 11.3 Der Geldmarkt 581 Die Geldbasis wird von der Zentralbank zur Verfügung gestellt. Diese entscheidet aufgrund geldpolitischer Überlegungen, welche Menge an Zentralbankgeld gesamtwirtschaftlich erforderlich ist, um einerseits den Banken genügend Geldschöpfungsspielraum zu geben, der für eine spannungsfreie Liquiditätsversorgung der privaten Wirtschaft benötigt wird, und andererseits die Stabilität des Geldwertes nicht zu gefährden. Die Geschäftsbanken ihrerseits richten ihre Kreditvergabe – in dem von der Zentralbank vorgegebenen Rahmen – an der Nachfrage ihrer Kunden aus. In der Realität schöpfen die Geschäftsbanken hierbei ihren Spielraum niemals vollständig aus, sondern halten stets in einem gewissen Umfang Überschussreserven vor, um gegen etwaige Liquiditätsschwankungen gewappnet zu sein. Die tatsächlich umlaufende Geldmenge ist daher stets kleiner als die maximal mögliche. Die Geldbasis ist also eine geldpolitisch vorgegebene, die Geldmenge eine marktmäßig bestimmte, jedoch geldpolitisch gesteuerte Größe. Die Zentralbank gibt nicht nur über den Mindestreservesatz die Obergrenze für die Geldschöpfungstätigkeit vor, sondern steuert über die Festsetzung der Zinssätze, mit denen sie Zentralbankgeld an die Geschäftsbanken verleiht, auch die Rentabilität der privaten Kreditschöpfung. Der Steuerung der Geldmenge, d. h. des Geldangebots, kommt in der Geldpolitik also eine zentrale Rolle zu. Eine wichtige Frage ist hierbei, ob die Zentralbank tatsächlich in der Lage ist, über die Höhe der Geldbasis, d. h. ihre eigene Geldschöpfung autonom zu entscheiden, oder ob möglicherweise Störeffekte von Staat, Privatwirtschaft oder Ausland zu befürchten sind. Die Entstehung der Geldbasis Grundsätzlich entsteht Zentralbankgeld genauso wie Geschäftsbankengeld durch die Monetisierung von Aktiva. Die Frage nach der wirtschaftlichen Autonomie der Zentralbank reduziert sich also auf die Frage, ob die Zentralbank über den Ankauf von Aktiva tatsächlich unabhängig und nur aufgrund geldpolitischer Erwägungen entscheiden kann oder ob sie anderweitigen Zwängen unterliegt. Um diese Frage zu beantworten, wirft man am besten einen Blick auf die Aktivseite der Zentralbankbilanz und analysiert die Positionen, die dort aufgeführt sind. 11 Makroökonomische Theorie582 Praxisbeispiel 11-6: Eröffnungsbilanz Eurosystem zum Stichtag 29.1.1999 in Mrd. Euro58 Eröffnungsbilanz Eurosystem (Stichtag 29.1.1999 – in Mrd. EURO) Gold- und Währungsreserven 332,6 Notenumlauf 326,5 Kredite an Geschäftsbanken im Euro-Währungssystem 182,9 Einlagen EWU Geschäftsbanken EWU öffentl. Haushalte EWU Private Ausland 85,4 52,4 4,3 14,0 Kredite an den Staat 60,2 Wertpapiere 22,1 Verbindlichkeiten aus Wertpapieren 11,7 Sonstige1) 96,8 Sonstige2) 200,3 Entstehungsseite 694,6 Verwendungsseite 694,6 1) Darunter z. B. 9,1 Forderungen in EURO an Ansässige außerhalb des Währungsgebietes, 7,1 Forderungen in Fremdwährung an Ansässige im Währungsgebiet. 2) Darunter z. B. 51,3 Kapital und Rücklagen, 59,7 Ausgleichsposten aus Neubewertungen. Die Aktivposten auf der linken Seite der Bilanz heißen Komponenten der Zentralbankgeldschöpfung. Durch den Ankauf dieser Positionen entstehen auf der rechten Seite jeweils Passivposten, nämlich entweder Notenumlauf oder Einlagen, die Zentralbank-Buchgeld darstellen. Daher heißt die linke Bilanzseite auch Entstehungsseite, die rechte Verwendungsseite der Geldbasis. Die außenwirtschaftliche Komponente Der erste Aktivposten sind die Gold- und Währungsreserven. Sie stellen die sog. außenwirtschaftliche Komponente der Zentralbankgeldschöpfung dar. Ob von dieser Position eine Gefahr für die geldpolitische Autonomie der Zentralbank ausgeht oder nicht, hängt vom jeweiligen Währungssystem ab. Besteht Wechselkursflexibilität, so bleibt es der Zentralbank überlassen, ob sie Gold und/oder Devisen zu Marktpreisen auf den Märkten kauft (das heißt: Zentralbankgeld schöpft) oder verkauft (das heißt: Zentralbankgeld vernichtet). Der Auf- oder Abbau von Währungsreserven kann dann der geldpolitischen Gesamtzielsetzung untergeordnet werden. Herrschen jedoch feste Wechselkursvereinbarungen, wie dies z. B. im Währungssystem von Bretton Woods der Fall war, muss die Zentralbank das vorgegebene Wechselkursziel dem internen geldpolitischen Stabilitätsziel überordnen: Wenn der Außenwert der Währung über eine vereinbarte Höchstmarke steigt, muss die Zentralbank auf den Devisenmärkten intervenieren und zum festen Mindestkurs die abwertungsbedrohte Fremdwährung aufkaufen. Dadurch dehnt sich im Gegenzug die inländische Geldmenge aus und bedroht möglicherweise die Stabilität der Binnenkaufkraft der eigenen Währung. Feste Wechselkursvereinbarungen sind also mit einer autonomen Geldpolitik im eigenen Lande nicht vereinbar. 58 Quelle: Deutsche Bundesbank (1999a), vereinfacht. 11.3 Der Geldmarkt 583 Für den Euro gelten derzeit keine festen Wechselkursziele gegenüber den großen Weltreservewährungen US-Dollar, Schweizer Franken und Yen. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB ist daher im gegenwärtigen Zeitpunkt von außenwirtschaftlichen Einflüssen unabhängig. Allerdings obliegt die Entscheidung über die Art des Währungssystems nicht der EZB, sondern den Staats- und Regierungschefs der Staaten der Europäischen Währungsunion EWU59. Sollten diese in der Zukunft wieder feste Wechselkurse z. B. gegen- über dem US-Dollar vereinbaren, so wäre die EZB verpflichtet, zur Einhaltung des Kurses Devisenmarktinterventionen vorzunehmen und so möglicherweise zur Geldschöpfung oder -vernichtung gezwungen. Die außenwirtschaftliche Komponente ist also nach wie vor eine potenziell offene Flanke für eine eigenständige Geldpolitik der EZB. Die Refinanzierungskomponente Die zweite Komponente der Zentralbankgeldschöpfung ist die sog. Refinanzierungskomponente. Sie beinhaltet die Forderungen an Geschäftsbanken, die diese eingegangen sind, um – wie oben beschrieben – die notwendige Liquiditätsbasis für ihre eigene Geldschöpfung zu erhalten. Innerhalb dieser Komponente spielt sich also i.W. die geldpolitische Steuerung der volkswirtschaftlichen Geldmenge ab. Der EZB steht hierfür ein reichhaltiges Instrumentarium zur Verfügung, über dessen Einsatz sie nach Art 105 Abs. 1 des Vertrages über die Europäische Union sowie gemäß Art 2 ihrer eigenen Satzung autonom, d. h. weisungsunabhängig entscheidet60. Bislang betreibt die EZB zur Durchführung ihrer Geldpolitik in erster Linie Offenmarkt- Politik, das heißt, sie kauft und verkauft Wertpapiere auf eigene Rechnung überwiegend von und an Geschäftsbanken. Der Ankauf von Wertpapieren bewirkt eine Erweiterung der Geldbasis, der Verkauf von Wertpapieren deren Einschränkung. Die Durchführung dieser Wertpapiergeschäfte vollzieht sich hauptsächlich in Form von sog. Wertpapierpensionsgeschäften. Das bedeutet, dass die EZB Wertpapiere von den Geschäftsbanken nicht endgültig, sondern nur auf eine bestimmte, schon bei Vertragsabschluss begrenzte Zeit, die unabhängig von der Restlaufzeit der Wertpapiere von der EZB festgelegt wird, kauft. Das durch den Kauf erzeugte Zentralbankgeld hat dadurch automatisch eine feste Laufzeit, z. B. zwei Wochen, nach deren Ablauf die EZB erneut beschließen kann, ob sie den Banken ein Anschlussgeschäft in gleicher Höhe bietet, oder ob sie die Geldbasis nach oben oder unten korrigieren möchte. Die Handhabung dieser und aller weiteren geldpolitischen Instrumente liegt allein in der Entscheidung der EZB. Von der Refinanzierungskomponente können daher keine unbeherrschbaren Störeinflüsse auf die Steuerung der Geldbasis ausgehen. 59 Vgl. Vertrag über die Europäische Union, Art. 109. 60 „Das vorrangige Ziel des ESZB [Europäischen System der Zentralbanken] ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dieses ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemein Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um zur Verwirklichung der in Artikel 2 festgelegten Zielen der Gemeinschaft beizutragen.“: Vertrag über die Europäische Union (EG-Vertrag), Art. 105 Abs. 1. und Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank, Art 2. 11 Makroökonomische Theorie584 Die fiskalische Komponente Die Zentralbanken der Nationalstaaten waren seit jeher gleichsam die Hausbanken ihrer Regierungen. Da Regierungen stets Geld benötigen, führte der erste Weg zur Kreditaufnahme in der Vergangenheit immer zur eigenen Zentralbank. Eine Kreditvergabe der Zentralbank an die Regierung entspricht jedoch aktiver Geldschöpfung. Wenn die Zentralbank keinen autonomen Status genießt und eine Kreditforderung der Regierung nicht abweisen kann, liegt in dieser Komponente daher eine große Gefahr für Stabilität des Geldwertes. Regierungen – insbesondere solche, die demokratisch (wieder-)gewählt werden wollen – bewerten arbeitsmarktpolitische und/oder sozialpolitische Ziele häufig höher als das Ziel der Preisniveaustabilität. Wir haben ja bereits festgestellt, dass selbst Kanzler Schmidt der Meinung war, 5 % Inflation seien besser als 5 % Arbeitslosigkeit61. Tatsächlich nahm bisher noch jede größere Inflation ihren Ausgang von einem fiskalischen Fehlverhalten des Staates62. Aus diesem Grund mussten sich alle Länder, die der Europäischen Währungsunion beitreten wollen, dazu verpflichten, eine direkte Kreditvergabe der Zentralbank an den Staat gesetzlich zu unterbinden. Für bereits eingegangene Verbindlichkeiten musste ein zuverlässiger, fest terminierter Rückzahlungsplan vorgelegt werden, der die Tilgung dieser Kredite bis spätestens 2034 vorsieht63. Für den Euroraum kann man daher davon ausgehen, dass ein möglicher destabilisierender Einfluss der fiskalischen Komponente auf die Entwicklung der Geldmenge nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen werden kann. Die Offenmarkt-Komponente Unter Offenmarkt-Komponente versteht man den Wertpapierbestand einer Zentralbank, wobei allerdings Forderungen aus Wertpapierpensionsgeschäften der Refinanzierungskomponente zugerechnet werden. Bei der Offenmarkt-Komponente handelt es sich vielmehr um Papiere, die die Zentralbank auf eigene Rechnung am Offenen Markt kauft, um damit eine Manövriermasse für sog. Outright-Geschäfte, d. h. den endgültigen (im Gegensatz zu den Pensionsgeschäften unbefristeten) Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, zu besitzen. Da die Durchführung solcher Outright-Geschäfte, insbesondere wenn sie mit langfristigen Wertpapieren betrieben werden, mit zahlreichen geldpolitischen Problemen verbunden ist, hat die Deutsche Bundesbank (wie auch viele andere Zentralbanken) bereits vor Gründung der EZB ihren Bestand an solchen Outright-Papieren weitgehend abgebaut. Auch in der EZB-Eröffnungsbilanz spielen diese Wertpapiere mit 22,1 Mrd. Euro im Vergleich zur Bilanzsumme von nahezu 700 Mrd. Euro nur eine untergeordnete Rolle. In jedem Fall unterliegt diese Komponente der Geldbasis der Entscheidung der Notenbank und kann nicht durch Dritte beeinflusst werden. 11.3.3 Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage Warum fragen Wirtschaftssubjekte Geld nach? Wozu benötigen sie Geld? Die Antwort scheint zunächst sehr einfach: Natürlich braucht jeder Geld, um seine täglichen Einkäufe damit zu bezahlen. Die Nachfrage nach Geld entspringt daher in erster Linie 61 Vgl. Abschnitt 3.6.2.2 „Historische Entwicklungsphasen der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland“. 62 Vgl. Molitor (1995), S. 112. 63 Vgl. EG-Vertrag, Art 101 (ex-Art. 104) i. V. m. Art 116 (ex-Art 109 e). 11.3 Der Geldmarkt 585 seiner Tauschmittelfunktion und folgt dem Umfang der täglichen Tauschtransaktionen, die in einer Volkswirtschaft abgewickelt werden müssen. Tatsache aber ist, dass über diesen Transaktionsbedarf hinaus zu jeder Zeit zusätzliche Geldbestände von den Wirtschaftssubjekten gehalten werden. Nun scheint aber gerade Geld als Vermögensobjekt zur Aufbewahrung von Werten wenig geeignet zu sein, denn Geldhaltung i. e. S. erbringt keine oder nur sehr geringe Zinsen. Man würde vielmehr erwarten, dass jemand, der langfristig Vermögen bilden will, dafür andere Finanz- oder auch Sachaktiva, wie etwa Immobilien, auswählt, da diese im Laufe der Zeit möglicherweise beträchtliche Wertzuwächse und Zinseinnahmen versprechen. Warum also halten die Leute mehr Geld, als sie unmittelbar zum Zahlen brauchen und welche Einflussfaktoren spielen in der Geldnachfragefunktion eine Rolle? Bevor wir – wiederum mit Hilfe eines kurzen Ausflugs in die Theoriegeschichte – die Geldnachfrage analysieren, sollen zunächst einige Grundbegriffe der Geldnachfragetheorie erklärt werden. 11.3.3.1 Grundbegriffe der Geldnachfragetheorie Als Synonym für das Wort Geldhaltung wird in der Geldnachfragetheorie oft der Begriff Kassenhaltung verwendet. Gemeint ist damit die Haltung von Geld i. e. S., das heißt Bargeld und Buchgeld. Tatsächlich wird v. a. in den älteren Theorien als Erklärungsgegenstand die Geldmenge M1 zugrunde gelegt. Eine Divergenz zwischen beiden Begriffen gibt es nur dann, wenn ein weites Geldmengenkonzept in der Nachfragefunktion Anwendung findet, welches auch Geldsubstitute miteinbezieht. Wir werden ein Beispiel eines solchen Erklärungsansatzes kennenlernen, nämlich die Neo-Quantitätstheorie von Milton Friedman. Speziell in der Geldnachfragetheorie ist es ferner notwendig, streng zwischen einem mikro- und einem makroökonomischen Erklärungsansatz zu unterscheiden. Während die mikroökonomische Entscheidung über Geldhaltung häufig von persönlichen Präferenzen (z. B. dem individuellen Risikoverhalten oder bestimmten Zahlungspräferenzen) geprägt ist, lassen sich diese Überlegungen nicht für die Gesamtwirtschaft aggregieren. Geld dient bekanntlich verschiedenen Funktionen, v. a. der Tauschmittelfunktion und der Wertaufbewahrungsfunktion. Geldhaltung kann daher auch entsprechend unterschiedliche Gründe haben und ganz verschiedenen Einflussfaktoren unterliegen. Für den Transaktionsbedarf an Geld ist in erster Linie das Transaktionsvolumen, das heißt der Umfang an Tauschgeschäften entscheidend, der finanziert werden muss. Dieser hängt wiederum mit der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung, also dem Bruttoinlandsprodukt, dem durchschnittlichen Preisniveau und dem Grad der Arbeitsteilung zusammen: Je höher die Wertschöpfung und/oder je höher das Preisniveau und/oder je höher der Grad der Arbeitsteilung, desto höher der Geldbedarf zu Transaktionszwecken. Für die Geldnachfrage zum Zweck der Wertaufbewahrung sind hingegen solche Faktoren wichtig, die mit der Vermögensbildung zusammenhängen, also z. B. der Bestand an bereits vorhandenem Vermögen, die Vermögensstruktur oder Zinsgrößen: Je höher die Verzinsung alternativer Finanzanlagen, desto unattraktiver ist die Geldhaltung als Mittel der Wertaufbewahrung. In der Geldnachfragefunktion tauchen – neben anderen Faktoren – zahlreiche Kostengrößen auf. 11 Makroökonomische Theorie586 • Eine wichtige Rolle spielen dabei die sog. Umwandlungs- oder Transformationskosten. Diese bezeichnen diejenigen Kosten, die beim Umtausch von Zahlungsmitteln in Ertrag bringende Anlagen und zurück entstehen, wie z. B. Maklerprovisionen, Bankgebühren oder Kosten der Informationsbeschaffung. Aber auch nicht-monetäre Kosten, wie die Mühe oder der Zeitaufwand für solch eine Anlage- bzw. Auflösungstransaktion fallen unter diesen Begriff. Je höher c.p. die Umwandlungskosten sind, desto wahrscheinlicher wird die Geldhaltung und desto unwahrscheinlicher die Anlage von zinstragenden Finanzaktiva. • Alternativkosten hingegen bestehen in den entgangenen Erträgen, die alternative Anlagen erbracht hätten. Hierbei ist darauf zu achten, dass tatsächlich nur nach Laufzeit und v. a. Risiko vergleichbare Alternativen betrachtet werden. Soll Geldhaltung also mit Anlagenalternativen verglichen werden, so bieten sich dafür in erster Linie Termin- und Spareinlagen an, deren Nominalwert ebenso wie beim Geld i. e. S. fixiert ist und keinen Kursschwankungen unterliegt. • Davon zu trennen sind die Kosten der Geldhaltung selbst. Dazu gehören z. B. Kontoführungsgebühren, Handlingkosten des Bargeldes, aber auch Wertverluste der Geldhaltung durch Inflation. Hohe Inflationsraten führen sicher dazu, dass die Wirtschaftssubjekte weniger Geld und andere Finanzaktiva, dafür mehr Sachvermögen halten, die gegen Inflationsverluste besser geschützt sind. Genau genommen ist nicht so sehr die tatsächliche, sondern v. a. die erwartete Inflationsrate für die Geldnachfrage ausschlaggebend. • Eine weitere, für die Geldnachfrage wichtige Kostenart sind die Illiquiditätskosten. Darunter versteht man Kosten, die im Falle einer vorübergehenden Zahlungsunfähigkeit auftreten, z. B. durch die Aufnahme von Krediten. Gerade in dieser Situation dürften die Zinszahlungen aufgrund der schlechten Bonität des Schuldners besonders hoch sein. Wenn die Zahlungsunfähigkeit andauert, kann dies zum Konkurs, d. h. zum Substanzverlust des gesamten Geschäftsvermögens führen. Konkurskosten sind ein Spezialfall von • Kursverlusten. Damit ist der Wertverlust von Finanzanlagen, insbesondere von Wertpapieren, gemeint. In der Geldnachfragetheorie spielen weniger die tatsächlichen als vielmehr die erwarteten Kursverluste eine entscheidende Rolle. Wenn ein Sparer überlegt, ob er seine Ersparnisse in Form von Wertpapieren oder lieber als Termineinlagen bei der Bank anlegen soll, kommt es vor allem darauf an, mit welcher Kursentwicklung der Sparer rechnet: Glaubt er, dass die Kurse in nächster Zukunft steigen werden, so wird er im Vorgriff auf die zu erwartenden Kursgewinne die Wertpapiere kaufen. Seine Geldhaltung sinkt. Glaubt er hingegen, dass der Kurs der Wertpapiere augenblicklich sehr hoch sei und in Zukunft eher sinken werde, dann entscheidet er sich für die Geldhaltung oder ein enges Surrogat, um sich nicht durch den Kauf der Wertpapiere Kursverluste einzuhandeln. Ganz allgemein spielen in der Geldnachfragetheorie Erwartungen eine bedeutende Rolle. Dabei geht es vor allem um die zukünftige Zins- und damit Kursentwicklung, aber auch um den Zeitpunkt und die Höhe von Ein- und Auszahlungsströmen, die der Liquiditätsplanung zugrunde gelegt werden müssen. Je nach der Art der Zukunftserwartungen werden verschiedenen Entscheidungssituationen unterschieden: • Manche Wirtschaftssubjekte sind sich subjektiv völlig sicher, dass ihre Einschätzung der Zukunft zutrifft. Sie zweifeln nicht daran, dass das, was sie erwarten, auch eintrifft. Sie haben sichere (einwertige) Erwartungen. Andere hingegen halten zwar bestimmte Ereignisse für wahrscheinlicher als andere, sind sich jedoch der Tatsache bewusst, dass 11.3 Der Geldmarkt 587 es mehrere Möglichkeiten für die zukünftige Entwicklung gibt. Dann spricht man von unsicheren (mehrwertigen) Erwartungen. • Im Falle unsicherer Erwartungen spielt es außerdem eine Rolle, ob das Wirtschaftssubjekt eine Vorstellung von der Wahrscheinlichkeitsverteilung der möglichen zukünftigen Ereignisse hat, oder nicht. Hat es keine Ahnung von den Wahrscheinlichkeiten, mit der bestimmte Ereignisse eintreten werden, muss es eine Entscheidung unter Unsicherheit treffen. Liegt hingegen eine Wahrscheinlichkeitsverteilung vor, dann wird eine Entscheidung unter Risiko getroffen. • Der Begriff Spekulation ist daher an die jeweilige Entscheidungssituation gebunden: Spekulieren kann nur jemand, der sich entweder seiner Sache völlig sicher ist (sichere oder einwertige Erwartungen), oder der eine gerichtete Wahrscheinlichkeitsverteilung der zukünftigen Ereignisse unterstellt, d. h. der bestimmte Ereignisse für wahrscheinlicher hält als andere. Im Falle echter Unsicherheit macht Spekulation keinen Sinn. 11.3.3.2 Die Quantitätstheorie „Seit die Menschen zum ersten Mal systematisch über ökonomische Fragen zu schreiben begannen, haben sie den großen, periodisch auftretenden Schwankungen des allgemeinen Preisniveaus ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Gewöhnlich hielt man dafür zwei Erklärungen bereit. Die eine führte die Preisänderungen auf Veränderungen der Geldmenge zurück. Die andere machte einen Krieg, Wucherer, Lohnsteigerungen oder einen anderen besonderen Umstand der jeweiligen Zeit und des jeweiligen Ortes dafür verantwortlich und betrachtete jede damit einhergehende Geldmengenveränderung als normale Folge des betreffenden Ereignisses. Die erste Erklärung wird im allgemeinen als Quantitätstheorie des Geldes bezeichnet.“64 Dieses Zitat von Milton Friedman über die Anfänge der Quantitätstheorie charakterisiert sehr treffend das ursprüngliche Erklärungsziel dieser ältesten aller Geldtheorien: Die Menschen suchten nach Lösungen für die immer wieder auftretenden verheerenden Inflationen. Die Quantitätstheorie erklärte schlüssig, dass jede Preisniveauveränderung ihren Grund letztendlich in einer Veränderung der Geldmenge hat. Eine der frühesten Beschreibungen dieser Theorie stammt von David Hume aus dem 18. Jahrhundert65. Am berühmtesten wurden jedoch die Formulierungen von Irving Fisher66 und Alfred Marshall67 sowie Arthur Pigou68. 11.3.3.2.1 Die ältere Quantitätstheorie Die Grundlage aller quantitätstheoretischen Ansätze ist die Fisher’sche Verkehrsgleichung, bekannt geworden als Quantitätsgleichung des Geldes: ⋅=⋅ Sie beschreibt im Kern eine Identität, nämlich die Güter- und die Geldseite eines Kaufes bzw. Verkaufes. Auf der rechten Seite steht das Produkt aus der gesamtwirtschaftlichen Gütermenge Q und dem Durchschnittspreis der Güter P. Man nennt dies auch das nominale Transaktionsvolumen der Volkswirtschaft. Hierbei ist zu beachten, dass wirklich alle güter- 64 Friedman (1979), S. 12. 65 Vgl. Hume (1752). 66 Fisher (1911). 67 Marshall (1923). 68 Pigou (1917). 11 Makroökonomische Theorie588 wirtschaftlichen Transaktionen in Q erfasst sind: „If, for example, a single item, say, a house, were transferred three times in the course of the time interval for which QP is measured, it would enter into Q as three houses.“69 Auf der linken Seite wird die Finanzierungsseite beschrieben. M ist die gesamtwirtschaftliche Geldmenge und v die Umschlagshäufigkeit, mit der eine Geldeinheit im betrachteten Zeitraum zum Zahlen verwendet worden ist. v ist die Geldumlaufsgeschwindigkeit. Die Quantitätsgleichung enthält in dieser Form also noch keine Hypothese, keine Erklärung für einen bestimmten Sachverhalt, sondern vielmehr eine reine Tautologie. Da sich bei jedem Kauf definitionsgemäß Güter- und Geldfluss wertmäßig entsprechen, müssen beide Seiten der Gleichung gleich groß sein. Man kann die Gleichung auch als Definitionsgleichung der Geldumlaufsgeschwindigkeit auffassen und folgendermaßen schreiben: Q P v M Die Geldumlaufsgeschwindigkeit ist also eine Beziehung zwischen dem Nominalwert aller Gütertransaktionen und der Geldmenge M. Vom Transaktionsvolumen zum Volkseinkommen Insbesondere die Größe „Transaktionsvolumen“ sowie das dazugehörige P als „allgemeines Preisniveau“ sind begrifflich verschwommen und mit dem verfügbaren Datenmaterial der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nur sehr unzureichend zu erfassen. Man ist daher dazu übergegangen, in der Quantitätsgleichung statt des gesamten Transaktionsvolumens Q nur noch die wertschöpfenden Transaktionen, also das Einkommen Y sowie den dazugehörigen Einkommenspreisindex P zu verwenden. Die Gleichung lautet nun fast identisch rM v Y P, jedoch ist die Bedeutung der einzelnen Bestandteile – mit Ausnahme von M – nicht mehr vergleichbar mit der ursprünglichen Formulierung: • Die Größe v ist jetzt die Einkommenskreislaufgeschwindigkeit des Geldes und gibt an, wie oft eine Geldeinheit pro Zeitperiode durchschnittlich dazu benutzt wird, einen Beitrag zum Volkseinkommen zu finanzieren. • Yr enthält nur noch wertschöpfende Gütertransaktionen und entspricht dem realen Volkseinkommen, das als Ergebnis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung errechnet wird • P ist der Preisindex zur Ermittlung des Volkseinkommens zu konstanten Preisen, der ebenfalls in statistisch und methodisch guter Qualität aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung hervorgeht70. Der velocity approach Eine kausale Beziehung zwischen diesen Größen lässt sich aber auch aus der modifizierten Gleichung erst dann herleiten, wenn man Annahmen über einzelne Bestandteile dieser Gleichung trifft. Genau dies unternahm Fisher in seinem sog. velocity approach. Er nahm an, dass sich die Geldumlaufsgeschwindigkeit im Zeitverlauf kaum ändert, da sie vorwiegend 69 Friedman (1974), S. 4 f., wobei Friedman allerdings die Abkürzung T für das reale Transaktionsvolumen verwendet. 70 Vgl. Friedman (1979), S. 18 f. 11.3 Der Geldmarkt 589 mit den Zahlungsgewohnheiten der Wirtschaftssubjekte (Frequenz der Zahlungsein- und -ausgänge, Periodizität der Lohn- und Gehaltszahlungen etc.) zusammenhängt, die im Zeitlauf verhältnismäßig konstant sind. Die Quantitätsgleichung lautet dann: rM v Y P Wenn man nun unterstellt, dass die Zentralbank das Geldangebot M autonom erhöht, muss dies zu einer Erhöhung des nominalen Volkseinkommens führen. Zur damaligen Zeit ging man in der Wirtschaftstheorie noch von der Annahme der klassischen Dichotomie zwischen Güter- und Geldmarkt aus. Man glaubte, dass die Höhe von Produktion und Beschäftigung allein auf den Güter- und Faktormärkten entschieden werde und nicht von rein monetären Vorgängen beeinflusst werden könne. Auf dem Hintergrund dieser Hypothese führt eine Erhöhung der Geldmenge daher nicht zu einer Erhöhung der Produktion und damit von Yr (das aus Geldmarktsicht exogen ist), sondern erhöht ausschließlich das Preisniveau P. Der velocity approach von Irving Fisher postulierte auf diese Weise eine proportionale Beziehung zwischen der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge und dem Preisniveau; er formulierte eine Theorie des Preisniveaus und nicht eine Erklärung der Geldnachfrage. Übung 11-11: Die Quantitätsgleichung im Praxistest In einer Volkswirtschaft gehen 10 Wirtschaftssubjekte pro Woche einmal zur Bank. Jedes tätigt Käufe in Höhe von 100 Euro pro Tag innerhalb dieser Woche. a) Bestimmen Sie das wöchentliche Transaktionsvolumen dieser Ökonomie, die durchschnittliche Kassenhaltung jeder Person in Euro und die bei den Wirtschaftssubjekten umlaufende Geldmenge M. Wie hoch ist die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes? b) In dieser Volkswirtschaft werden über Nacht Bankautomaten installiert, die Tag und Nacht benutzt werden können und dadurch die Beschaffung von Zahlungsmitteln bedeutend erleichtern. Die Wirtschaftssubjekte gehen daher öfter, nämlich zweimal pro Woche zum Bankautomaten. c) Wie ändert sich dadurch die Geldumlaufgeschwindigkeit, wenn die umlaufende Geldmenge dennoch konstant bleibt? Wie verändert sich das Preisniveau? Lösung: a) Wenn 10 Wirtschaftssubjekte jeden Tag 100 € ausgeben und nur einmal pro Woche zur Bank gehen, dann muss jedes Wirtschaftssubjekt 700 € wöchentlich abheben. Insgesamt sind daher 7.000 € im Umlauf. Das entspricht auch dem Transaktionsvolumen. Die Geldumlaufsgeschwindigkeit pro Woche ist daher 1, ebenso ihr Kehrwert, der Kassenhaltungskoeffizient. b) Die durchschnittliche Kassenhaltung pro Person und Woche liegt hingegen bei Kassenanfangsbestand + Kassenendbestand 700 0 350 2 2 c) Bei zwei Abhebungen und gleichbleibendem Transaktionsvolumen wäre eigentlich nur noch die halbe Geldmenge zur Finanzierung aller Transaktionen (bei konstantem Preisniveau) erforderlich, denn die Geldumlaufsgeschwindigkeit verdoppelt sich dadurch (das Geld wird jetzt zwei Mal pro Woche ausgegeben). Der Kassenhaltungskoeffizient liegt dann bei ½. Wenn die Geldmenge M aber trotzdem konstant bleibt, würde sich in dieser Konstellation zwangsläufig das Preisniveau verdoppeln: M 7.000 Q P v M P v 2 2 Q 7.000 11 Makroökonomische Theorie590 Der Kassenhaltungsansatz Dies gelang erst einige Jahre später durch Alfred Marshall. Seine Version der Quantitätstheorie wurde unter dem Titel Kassenhaltungsansatz oder Cambridge cash-balance approach bekannt. Rein formal unterscheidet sich dieser Ansatz kaum von seinem Vorgänger. Marshall löst die Quantitätsgleichung in der Einkommensform nach der Geldmenge auf und ersetzt dabei die reziproke Geldumlaufsgeschwindigkeit durch den Kassenhaltungskoeffizienten k, das sog. Cambridge k: rM k P Y Die Interpretation dieser Gleichung beinhaltet jedoch eine völlig neue Sichtweise. Marshall beschreibt auf der rechten Seite der Gleichung die gewünschte Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte, die sich aus dem Transaktionsbedarf ergibt. Dieser wiederum wird durch die Höhe des realen Einkommens, das durchschnittliche Preisniveau sowie den gewünschten Kassenhaltungskoeffizienten, der als gegeben angenommen wird, bestimmt. Der Ausdruck auf der rechten Gleichungsseite gibt also die Geldnachfrage wieder. Auf der linken Seite steht das Geldangebot M, das den Nichtbanken für ihre Transaktionen zur Verfügung gestellt wird. Die Cambridge-Gleichung kann deshalb als Gleichgewichtsbedingung für den Geldmarkt interpretiert werden, bei der nicht die beobachtete Ausprägung von k, sondern die gewünschte Kassenhaltung eingesetzt wird. Marshall formulierte also mit dem Cambridge approach die erste genuine Geldnachfragefunktion. Friedman schreibt dazu: „The equation M = k · P · Yr can be regarded as a demand function for money, with P and Yr on the right-hand side being two of the variables on which demand for money depends, and with k symbolizing all the other variables, so that k is to be regarded not as a numerical constant but as itself a function of still other variables. For completion, the analysis requires another equation showing the supply of money as a function of other variables.“71 11.3.3.2.2 Die Neoquantitätstheorie des Geldes Genau diese Lücke, die fehlende Gleichung, die den Zusammenhang des Geldangebots und damit des Kassenhaltungskoeffizienten mit einer Vielzahl weiterer Variablen erklärt, füllte Friedman mit seiner Neo-Quantitätstheorie des Geldes. Im Zentrum steht ein Ausdruck, der die Abhängigkeit der realen Geldmenge von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren darstellt: ⋅= Zu beachten ist hierbei, dass Friedman von einem weiten Geldbegriff ausgeht, der auch enge Substitute wie Termin- und Sparguthaben miteinschließt. • Vermögensparameter Die erste Gruppe von Variablen, die Größen y und w, bezeichnen Umfang und Struktur des Vermögens eines Wirtschaftssubjektes72. Als Schätzwert für die Höhe des Gesamt- 71 Friedman (1979) S. 10; Friedman bezieht sich in dieser Textstelle nur auf eine laufende Nummer, statt die Gleichung explizit anzugeben. Die Gleichung wurde zum besseren Textverständnis hier sinngemäß ergänzt. 72 Die Gleichung verwendet die Originalabkürzungen von Friedman aus Friedman (1979) S. 13. 11.3 Der Geldmarkt 591 vermögens verwendet Friedman das schon aus der Konsumtheorie bekannte permanente Einkommen y, das die Einkommensströme aus allen Vermögensarten (Human-, Sachund Finanzkapital) zusammenfasst und über die Zeit hinweg glättet. Mit der Höhe des permanenten Einkommens wird c.p. auch die Geldnachfrage steigen, da der Umfang der Gütertransaktionen mit dem permanenten Einkommen zunimmt. Über die Höhe des Vermögens hinaus spielt jedoch auch dessen Struktur, zusammengefasst im Parameter w, eine wichtige Rolle. w ist der Anteil des Sach- und Finanzvermögens am Gesamtvermögen. Wenn der größte Teil des Vermögens in menschlichem Arbeitsvermögen besteht, so ist die Liquidität dieses Vermögensbesitzers sehr beschränkt. Humankapital lässt sich aufgrund institutioneller Beschränkungen nicht in andere Vermögensformen umtauschen und nur sehr beschränkt beleihen. Je höher daher der Anteil des Humankapitals am gesamten Vermögensbestand ist (d. h. je kleiner der Parameter w ist), desto höher wird c.p. die Geldnachfrage sein (müssen), um jederzeit Zahlungsfähigkeit gewährleisten zu können. • Kostenparameter Die zweite Gruppe von Variablen beinhaltet verschiedene Kostengrößen. r steht bei Friedman für return on …., die Indices m, b und e für money, bonds und equities. rm bezeichnet daher den Ertrag der Geldhaltung selbst. Diese Größe könnte positiv oder negativ sein, je nachdem, ob die Geldhaltung per Saldo Zinsen abwirft (z. B. bei Termingeldern) oder Kosten verursacht (wie z. B. durch Kontoführungsgebühren usw.). Je höher die Kosten der Geldhaltung sind (d. h. je kleiner rm ist), desto geringer ist c.p. die Geldnachfrage. Die beiden anderen r-Größen stehen für Alternativkosten der Geldhaltung und bezeichnen die Erträge von festverzinslichen Wertpapieren (bonds) sowie Anteilswerten, also Aktien (equities), jeweils einschließlich erwarteter Kursschwankungen. Je höher die durch die Geldhaltung entgangenen Erträge sind, desto geringer ist Geldnachfrage. Der letzte Ausdruck in dieser Variablengruppe bezeichnet die erwartete Inflationsrate, die einerseits den Wertverlust monetärer Vermögensbestandteile durch Geldentwertung erfasst oder andererseits die Inflationsrendite des Sachvermögens wiedergibt. Auch hier gilt: Je höher die Inflationserwartungen sind, desto niedriger wird die Neigung zur Geldhaltung ausfallen. • Nutzenparameter Die letzte Variable u (utility) schließlich steht für eine Vielzahl von Sachverhalten, die zusätzlich zum Einkommen die Nützlichkeit der Verwendung von Geld bestimmen. Friedman selbst spricht hier von einem „portmanteau symbol“73, einem Sammelsurium für alle möglichen Einflussgrößen. So werden die Wirtschaftssubjekte von Hause aus unterschiedliche Vorlieben für Liquidität an sich haben: Manchen fühlen sich sicherer mit einem großen Liquiditätspolster, andere legen mehr Wert auf Zinserträge und reduzieren ihren Geldbestand auf das absolut notwendige Minimum; sie schätzen das Risiko einer möglichen Zahlungsunfähigkeit geringer ein bzw. ertragen es leichter als ihre risikoscheuen Mitmenschen. Unabhängig vom Risikotypus spielt für alle Wirtschaftssubjekte die erwartete wirtschaftliche Stabilität eine große Rolle. Eine drohende Wirtschaftskrise geht immer mit einem Anstieg der Kassenhaltung einher. 73 Friedman (1979), S. 13. 11 Makroökonomische Theorie592 Was auch immer den Nutzen der Geldhaltung und damit den Wert der Variablen u in der individuellen Wahrnehmung der Wirtschaftssubjekte erhöht, führt zu einer Erhöhung der Geldnachfrage. Zusammenfassend kann man folgende Aussagen über die partiellen ersten Ableitungen der Geldnachfragefunktion treffen: m M M M P P P, , 0 y r u und b e M M M M P P P P, , , 0 1 dPw r r P dt Ältere und neuere Quantitätstheorie Was hat nun die Friedman-Gleichung noch mit der Quantitätstheorie zu tun, deren Namen sie im Titel trägt? In der vorliegenden Form ist ihr historischer Vorgänger nicht mehr klar ersichtlich. Dazu bedarf es jedoch nur einer kleinen mathematischen Umformung: m b e r p r p M 1 dP f(y,w;r ,r ,r , ;u) P P dt M P f(...) Y M P Y f(...) Der Ausdruck r pY f(...) steht jetzt für die Geldumlaufsgeschwindigkeit, die in dieser Form tatsächlich nicht nur von weitgehend institutionell vorgegebenen Zahlungsgewohnheiten, sondern von all den Variablen abhängt, die oben erläutert wurden. Das Hauptproblem in dieser Umformulierung zu einer gesamtwirtschaftlichen Geldnachfragefunktion mit der Größe rpY als makroökonomischer Schätzung des realen permanenten Einkommens liegt in der mangelnden Aggregierbarkeit der verwendeten Größen, was auch Friedman selbst einräumt: „The usual problems of aggregation arise … from the possibility that the amount of money demanded may depend on the distribution among individuals of such variables as y and w and not merely on their aggregate or average value. … If we neglect these distributional effects … the major problems are the precise definition of y and w, the estimation of expected rates of return as contrasted with actual rates of return, and the quantitative specification of the variables designated by u.“74 Mit anderen Worten: eigentlich alles an dieser Gleichung ist problematisch! Dennoch ist es das Verdienst Milton Friedmans, die logische Lücke, die die ältere Quantitätstheorie bei der Erklärung der Geldumlaufsgeschwindigkeit hinterlassen hatte, durch plausible Hypothesen aufgefüllt zu haben. Er begründete mit seiner Geldtheorie die Schule des Monetarismus, die ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts großen Einfluss auf die 74 Friedman (1979), S. 13 f. 11.3 Der Geldmarkt 593 Durchführung der Geldpolitik in den Industrieländern gehabt hat. In der praktischen Geldpolitik spielt die Beobachtung der Geldumlaufsgeschwindigkeit und damit der Geldnachfrage sowie die Analyse ihrer erwarteten Veränderungen heute eine entscheidende Rolle. Praxisbeispiel 11-7: Geldpolitische Strategien in Europa In einem Grundsatzpapier stellte die Deutsche Bundesbank kurz vor Beginn der Europäischen Währungsunion die Grundzüge der geldpolitischen Strategien in den Ländern der Europäischen Union vor und gab dabei auch einen Ausblick auf das mögliche geldpolitische Szenario der Europäischen Zentralbank75. In diesen Ausführungen schlagen sich deutlich monetaristische und neo-monetaristische Erkenntnisse nieder. Die Bundesbank betont, dass das „geborene“ Zwischenziel für die Geldpolitik die Geldmenge sei. Zwischen ihr und den Preisen bestehe eindeutig ein langfristiger Zusammenhang. Dieser Zusammenhang kommt in der Quantitätsgleichung zum Ausdruck. Die Bundesbank beschreibt, wie erfolgreich sie und einige andere europäische Zentralbanken diese Art von geldpolitischer Strategie seit den siebziger Jahren umgesetzt haben. Eine wesentliche Voraussetzung dafür – so die Bundesbank – war die Befreiung von dem Joch der Interventionsverpflichtung durch das Bretton Woods-System, das eine eigenständige Steuerung der volkswirtschaftlichen Geldmenge unmöglich gemacht habe. Eine weitere Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung einer Geldmengenstrategie sei jedoch v. a. eine stabile Geldnachfragefunktion: „Auf lange Sicht ist die Inflation immer ein monetäres Phänomen. Schwierigkeiten können sich freilich … einstellen, wenn Störungen auf den Güter- und Finanzmärkten auch die Geldnachfrage erfassen und die Beziehung zwischen Geldmenge einerseits und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und Preisentwicklung andererseits … instabil werden lassen. … Anders als in einer Reihe von Ländern, die die Geldmengensteuerung wegen permanenter Strukturbrüche im Finanzsektor aufgeben mußten, ist die Geldnachfragefunktion in Deutschland nach wie vor hinreichend stabil.“76 In der Tat zeigt die Friedman-Gleichung, dass Volatilitäten in der Geldnachfrage bzw. im gewünschten Kassenhaltungskoeffizienten die Proportionalität zwischen Preisniveau und Geldmenge durchbrechen. Schwankungen in der Geldnachfragefunktion (verursacht durch entsprechende Schwankungen der diversen Variablen, die dort auftreten) machen daher eine ausschließlich geldmengenorientierte Zentralbankstrategie obsolet. Daher waren in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts einige Länder innerhalb und außerhalb der EU zu einer Strategie der direkten Inflationssteuerung übergegangen, obwohl diese aus theoretischer Sicht einer Zwischenzielstrategie mit der Geldmenge als unmittelbarem Anknüpfungspunkt deutlich unterlegen ist: „Verglichen mit der Geldmengenorientierung … ist die Strategie des direkten Inflationsziels ziemlich neu … und primär aus der Not geboren. … Zentralbanken, die nach der frühen Rezeption monetaristischen Gedankengutes in den siebziger Jahren mit Strukturbrüchen in den monetären Grundrelationen konfrontiert wurden, mussten … die primäre Orientierung an der Geldmenge aufgeben.“77 Für die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank empfahl die Deutsche Bundesbank damals grundsätzlich eine Geldmengenstrategie: „Ein solches Konzept stünde im Einklang mit den Grundsätzen der Konsistenz, der Transparenz und der Kontinuität. … Zahlreiche Studien deuten daraufhin, dass die Geldnachfrage im grö- ßeren europäischen Rahmen stabiler sein dürfte als heute im nationalen Umfeld. Allerdings kann insbesondere in der Anfangsphase der Währungsunion eine größere Volatilität der Geldmengenentwicklung nicht ausgeschlossen werden. … Darüber hinaus sind die Finanzstrukturen in den Mitgliedsländern teilweise noch recht unterschiedlich. Auch von daher könnten Instabilitäten im Transmissionsmechanismus und der kurzfristigen Geldnachfrage entstehen. 75 Vgl. Deutsche Bundesbank (1998), S. 33 – 47. 76 Deutsche Bundesbank (1998), S. 36. 77 Deutsche Bundesbank (1998), S. 41 und 46. 11 Makroökonomische Theorie594 Angesichts solcher Anfangsschwierigkeiten könnte es sich als zweckmäßig erweisen, die Geldmengenstrategie um Elemente der direkten Inflationssteuerung zu ergänzen.“78 Und genauso kam es. 11.3.3.3 Die keynesianische Liquiditätspräferenz-Theorie Der Weg von Irving Fisher zu Milton Friedman war kein direkter, geradliniger. Zwischen der älteren Quantitätstheorie und der Geldnachfragetheorie von Friedman liegen einige Jahrzehnte und die keynesianische Revolution der Nationalökonomie. Keynes leistete die entscheidenden Vorarbeiten für die moderne Geldtheorie und Geldpolitik. Die Motive der Geldhaltung Das typische Kennzeichen keynesianischer Geldtheorie besteht darin, dass die einzelnen Motive der Geldhaltung getrennt voneinander untersucht werden, so als hätte jedes Wirtschaftssubjekt nicht einen, sondern mehrere Geldbeutel in der Tasche, in denen Geld für verschiedene Zwecke getrennt voneinander aufbewahrt wird. Keynes analysiert also nicht eine gesamte Geldnachfragefunktion, sondern mehrere partielle. Sein besonderes Verdienst besteht darin, erstmals systematisch verschiedene Geldhaltungsmotive zu untersuchen. Die ältere Quantitätstheorie beschäftigte sich ausschließlich mit dem Transaktionsmotiv, d. h. mit der Notwendigkeit, zur Finanzierung bestimmter güterwirtschaftlicher Transaktionen Zahlungsmittel zur Verfügung zu haben. Dass es über diese Transaktionsnotwendigkeit hinaus weitere Gründe für die Nachfrage nach Geld geben könnte, taucht als Idee erstmals bei Marshall, dem akademischen Lehrer von Keynes, in der Cambridge-Gleichung auf, wird dort aber nicht konsequent analytisch weiterverfolgt. Keynes hingegen stellt gerade diejenigen Geldhaltungsmotive in den Mittelpunkt seiner „Liquiditätspräferenz-Theorie“ und v. a. seiner wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die nicht mit der Tauschmittelfunktion, sondern vielmehr mit der Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes zu tun haben. Mit der Analyse der sog. Spekulationskasse gelingt ihm ein Meilenstein der Geldtheorie, ohne den auch das später entwickelte Monetarismus-Konzept von Milton Friedman nicht möglich gewesen wäre. Keynes unterscheidet insgesamt drei Motive der Geldhaltung79, nämlich • Das Transaktionsmotiv: Die Notwendigkeit, Geld für die Abwicklung aller geplanten Gütertransaktionen vorzuhalten • Das Vorsichtsmotiv: Der Wunsch, durch vorbeugende Kassenhaltung die Zahlungsfähigkeit auch bei unvorhergesehenen Zahlungsverpflichtungen aufrecht zu erhalten • Das Spekulationsmotiv: Der Versuch, durch geschickte Umschichtung von Vermögen zwischen Wertpapieren und Kassenhaltung aus den erwarteten Zinsfluktuationen Kursgewinne zu erzielen Diese drei Motive sollen im Folgenden ausführlicher dargestellt werden. 78 Deutsche Bundesbank (1998), S. 46 f. 79 „The three divisions of liquidity-preference … may be defined as depending on (i) the transactionsmotive, i. e. the need of cash for the current transaction of personal and business exchanges; (ii) the precautionary-motive, i. e. the desire for security as to the future cash equivalent of a certain proportion of total resources; and (iii) the speculative-motive, i. e. the object of securing profit from knowing better than the market what the future will bring forth.“: Keynes (1981), S. 170. 11.3 Der Geldmarkt 595 11.3.3.3.1 Das Transaktionsmotiv Das älteste und wichtigste Motiv für Geldhaltung ist der Wunsch, geplante Tauschtransaktionen finanzieren zu können. Der Umfang dieser Art von Geldhaltung hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab. Ausschlaggebend ist der Umfang der Transaktionen, die finanziert werden sollen. Diese wiederum kann man auffassen als diejenige Gütermenge, die ein Wirtschaftssubjekt aufgrund des ihm zustehenden Realeinkommens erwerben möchte. Der Geldbedarf hängt außerdem von den Geldpreisen dieser Güter, d. h. vom Nominalwert dieses Gütervolumens ab. Um die Art der Abhängigkeit zwischen Nominaleinkommen und Geldnachfrage bzw. gewünschter Kassenhaltung analysieren zu können, betrachten wir zunächst verschiedene einzelwirtschaftliche Szenarien. Szenario 1 – Einmalige Auszahlung, keine Anlagealternative Ein Wirtschaftssubjekt erhält das Einkommen y, das Preisniveau ist normiert auf 1 und konstant. Real- und Nominaleinkommen sind also identisch. Das Einkommen wird zu Beginn einer Einkommensperiode (z. B. eines Monats) bar ausbezahlt und bis zum nächsten Zahltag kontinuierlich ausgegeben. Wir nehmen ferner an, dass das Wirtschaftssubjekt keine Möglichkeit hat, das Geld anderweitig zinsbringend anzulegen, und genau über die Höhe seiner Ein- und Auszahlungen Bescheid weiß (sichere Erwartungen). Aus dieser Situation ergibt sich das Kassenhaltungsprofil in Abbildung 11-40. Offensichtlich beträgt die Kassenhaltung zu Beginn der Einkommensperiode y, am Ende 0. Durchschnittlich beträgt die Kassenhaltung daher ½ y. Sie hängt in diesem Beispiel ausschließlich von der Höhe des Einkommens und damit vom Transaktionsvolumen ab. Szenario 2 – Mehrmalige Auszahlung, keine Anlagealternative Im Gegensatz zum Szenario 1 nehmen wir nun an, dass die Auszahlung des Einkommens viermal pro Einkommensperiode, also z. B. wöchentlich, erfolgt. Das Kassenhaltungsprofil ändert sich dann folgendermaßen: y t0 t Einkommen Kassenhaltung Durchschnittliche Kassenhaltung = y2 1 Abbildung 11-40: Kassenhaltung bei einmaliger Auszahlung pro Einkommensperiode; keine Anlagealternative 11 Makroökonomische Theorie596 Die durchschnittliche Kassenhaltung beträgt jetzt nur noch 1⁄8y, d. h. ein Viertel der ursprünglichen Kassenhaltung. Die Höhe der Kassenhaltung hängt also nicht nur von der Höhe des nominalen Transaktionsvolumens, sondern auch von der Auszahlungshäufigkeit ab. Allerdings steht die Kassenhaltung nach wie vor in einem proportionalen Verhältnis zum Transaktionsvolumen. Geändert hat sich lediglich die Höhe des Proportionalitätsfaktors. Szenario 3 – Einmalige Auszahlung, eine Anlagealternative ohne Transaktionskosten Wir führen jetzt eine Anlagenalternative in das Modell ein. Wir nehmen an, dass das Wirtschaftssubjekt einmal in dieser Einkommensperiode die Möglichkeit hat, eine zinsbringende Finanzanlage (z. B. ein Wertpapier) zu kaufen und wieder zu verkaufen, so dass nun das Problem zu lösen ist, wie hoch diese Anlage sein muss und wann sie getätigt und wieder aufgelöst werden muss, um einerseits den Zinsertrag zu maximieren und andererseits die Zahlungsfähigkeit des Wirtschaftssubjektes nicht zu gefährden. Es handelt sich dabei um ein Minimierungsproblem unter einer Nebenbedingung: Die Alternativkosten der Kassenhaltung (das sind die Zinserträge der Anlagenalternative) müssen minimiert werden, ohne dabei Illiquiditätskosten zu verursachen. Hierbei wollen wir zunächst von Transaktionskosten beim Kauf und Verkauf der Finanzanlage absehen. Der Zinsertrag wird offensichtlich dann maximiert, wenn ein möglichst großer Betrag (Ordinate) möglichst lange (Abszisse) angelegt bleibt. Da nur eine Anlage pro Einkommensperiode möglich ist, reduziert sich dieses Problem darauf, das Rechteck unter der Kassenhaltungslinie zu finden, das eine maximale Fläche aufweist, denn diese errechnet sich aus Betrag multipliziert mit Zeit: y t0 t Einkommen Kassenhaltung Durchschnittliche Kassenhaltung = y 2 y 4 y 8 1 Abbildung 11-41: Kassenhaltung bei viermaliger Auszahlung pro Einkommensperiode; keine Anlagealternative 11.3 Der Geldmarkt 597 Eine einfache Flächenoptimierungsrechnung80 ergibt, dass der Zinsertrag dann maximal wird, wenn das Wirtschaftssubjekt gleich zu Beginn seiner Einkommensperiode die Hälfte des ausbezahlten Geldes anlegt und nach der Hälfte der Einkommensperiode wieder auflöst (siehe linke Seite von Abbildung 11-42). Jedes andere Rechteck unter der Kassenhaltungskurve hätte einen kleineren Flächeninhalt. Gleichzeitig ist auch die Zahlungsfähigkeit gewährleistet, denn das Wirtschaftssubjekt verausgabt sein Einkommen gleichmäßig während der beiden Hälften seiner Einkommensperiode und verfügt stets über ausreichende Liquidität (siehe rechte Seite von Abbildung 11-42). Seine durchschnittliche Kassenhaltung beträgt ¼ y. Das Überraschende an diesem Ergebnis ist, dass die Kassenhaltung trotz der Einführung von Alternativkosten in Form entgangener Zinsen nicht von der Höhe des Zinses, sondern nach wie vor nur von der Höhe des Einkommens und damit des Transaktionsvolumens abhängt. Szenario 4 – Einmalige Auszahlung, beliebig viele Anlagealternativen ohne Transaktionskosten Das ändert sich erst dann, wenn man zusätzlich die Transaktionskosten der Geldanlage und deren Auflösung berücksichtigt und gleichzeitig mehrere Anlagenaktivitäten zulässt. Wären die Transaktionskosten 0, dann wäre es am lukrativsten, zu Beginn der Einkommensperiode einen möglichst großen Betrag, z. B. 29/30 eines Monatseinkommens anzulegen und nur soviel Geld in Kasse zu halten, wie man am ersten Tag braucht. Man könnte dann jeden Tag einen Teil der Geldanlage auflösen (d. h. monetisieren) und wäre stets liquide. Unter dem Gesichtspunkt der Maximierung des Zinsertrags der Finanzanlage, d. h. der Minimierung der Alternativkosten der Geldhaltung, sollte daher möglichst oft monetisiert werden. 80 Vgl. z. B. Abschnitt 4.3.2.1 „Die Preiselastizität der Nachfrage“. y t0 t Einkommen Wertpapierhaltung t0 2 y 2 y t0 t Einkommen Kassenhaltung t0 2 y 2 Durchschnittliche Kassenhaltung = Durchschnittliche Wertpapierhaltung = Wertpapierertrag = y 4 1 y 4 1 i y 4 1 Abbildung 11-42: Kassenhaltung bei einmaliger Auszahlung pro Einkommensperiode; eine Anlagealternative 11 Makroökonomische Theorie598 Szenario 5 – Einmalige Auszahlung, beliebig viele Anlagealternativen mit Transaktionskosten Fallen jedoch Transaktionskosten für die Monetisierung an, dann werden diese bei einer solchen Anlagestrategie besonders hoch. Um sie zu minimieren muss möglichst selten monetisiert werden. Es geht also darum, einen Kompromiss zu finden, nämlich die Monetisierungshäufigkeit, d. h. den Monetisierungsumfang, der die Gesamtkosten, nämlich die Summe aus Alternativkosten und Transaktionskosten, minimiert. Die Transaktionskosten hängen von der Häufigkeit der Monetisierung pro Einkommensperiode ab. Diese ergibt sich, wenn man das Transaktionsvolumen y durch den Umfang der Monetisierung C teilt. Üblicherweise fallen sowohl variable Kosten, die vom Umfang der Monetisierung abhängen (z. B. prozentuale Provisionen) als auch fixe Kosten (z. B. das Telefonat mit dem Makler oder der Gang zur Bank) an. Wenn wir die fixen Kosten mit b bezeichnen und annehmen, dass die variablen Kosten mit dem Faktor c proportional zum Monetisierungsumfang steigen, erhalten wir als Transaktionskosten T y K (b c C) C . Die Alternativkosten bestehen in den durch die Geldhaltung entgangenen Zinserträgen i. Die Höhe der durchschnittlichen Geldhaltung hängt wiederum vom Monetisierungsumfang ab und beträgt C/2. Für die Alternativkosten können wir also schreiben A C K i 2 t t Einkommen, Wertpapierhaltung Einkommen, Kassenhaltung Abbildung 11-43: Kassenhaltung bei beliebig vielen Monetisierungen ohne Transaktionskosten 11.3 Der Geldmarkt 599 Die Minimierungsrechnung der Gesamtkosten ergibt daher Folgendes: ges T A y C K K K (b c C) i C 2 2 2 dK i 1 y b C 0 dC 2 i y b C 2 2 2 i C 2 y b 2 y b C i opt. 2 y b C i Die optimale Kassenhaltung beträgt also ybC 2 2i . Die Kassenhaltung hängt somit nicht nur vom Transaktionsvolumen und damit vom Einkommen, sondern auch vom Zinssatz ab: Je höher der Zinssatz steigt, desto geringer ist die Geldhaltung, da mit steigendem i und gegebenen Transaktionskosten die Alternativkosten der Geldhaltung immer höher werden81. Gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage zu Transaktionszwecken Kommen wir nun zur gesamtwirtschaftlichen Geldnachfrage zu Transaktionszwecken. Keynes formulierte seine Transaktionskassennachfrage nur makroökonomisch, d. h. in aggregierten Größen. In keynesianischen Modellen wird dieser Zweig der Geldnachfrage immer in einem LT-Y-Diagramm dargestellt. Das bedeutet, dass die Liquiditätspräferenz (die Vorliebe, Geld zu halten) aus Transaktionsgründen vom Volkseinkommen abhängt. Der Proportionalitätsfaktor k kann als durchschnittlicher Kassenhaltungskoeffizient bezogen auf die Geldhaltung aus Transaktionsgründen interpretiert werden, so dass die Gleichung nT TL k Y im Grunde genommen mit der Cambridge-Version der Quantitätsgleichung rM k P Y identisch ist. Dies gilt allerdings nur in dem Fall, dass es keinerlei Geldhaltung zu Wertaufbewahrungszwecken, d. h. keine Spekulationskasse gibt. Ist dies der Fall, so ist kT kleiner als k, da ein Teil der Geldmenge zu Spekulationszwecken still gelegt wird (sog. Horten). Es bleibt weniger Geld für die Finanzierung von Güterkäufen übrig. Bereits an dieser Stelle wird also deutlich, dass in einem keynesianischen Modell im Gegensatz zur klassischen Sichtweise der gesamtwirtschaftliche Kassenhaltungskoeffizient bzw. die Geldumlaufsgeschwindigkeit mit der Spekulationskasse schwankt. Die Zinsabhängigkeit der Transaktionskasse, die wir in der mikroökonomischen Analyse festgestellt haben, drückt sich nach Keynes dabei in zweierlei Hinsicht aus: 81 Diese Überlegung wird auch in der Logistik angewandt. Es geht dort um die Berechnung einer optimalen Bestellmenge nach der sog. Harris-Formel. Die Anwendung dieses Verfahrens auf die Transaktionskassenhaltung geht zurück auf W.J. Baumol (1952). 11 Makroökonomische Theorie600 „In the first place, as the rate of interest falls, it is likely, cet. par., that more money will be absorbed by liquidity-preferences due to the transactions-motive. For if the fall in the rate of interest increases the national income, the amount of money which it is convenient to keep for transactions will be increased more or less proportionately to the increase in income; whilst at the same time, the cost of the convenience of plenty of ready cash in terms of loss of interest will be diminished.“82 Genau genommen müsste sich daher die Größe kT bei gegebenem Einkommen mit dem Zinssatz verändern: je höher der Zins, desto kleiner kT. Davon soll jedoch im Folgenden aus Vereinfachungsgründen abgesehen werden. 11.3.3.3.2 Das Vorsichtsmotiv Wir haben bisher angenommen, dass die Wirtschaftssubjekte Höhe und Häufigkeit aller Ein- und Auszahlungen sicher im Voraus wissen bzw. zu wissen glauben. Diese Annahme ist allerdings nicht sehr realistisch. Jedes rationale Wirtschaftssubjekt ist sich dessen bewusst, dass auch unvorhergesehene Zahlungsverpflichtungen eintreten können, oder dass man sich gelegentlich ungeplant für den Kauf eines Sonderangebotes entscheiden möchte. Um diese Freiheit zu haben und auch bei überraschenden Käufen nicht zahlungsunfähig zu werden, halten die meisten Wirtschaftssubjekte aus Sicherheitsgründen Geld über den absehbaren Transaktionsbedarf hinaus. Diese Kassenhaltung nennt man Vorsichtskasse. Bestimmung der optimalen Vorsichtskasse Wie hoch sollte eine optimale Vorsichtskassenhaltung sein? Auch hier gilt es, verschiedene Kosten der Geldhaltung gleichzeitig zu minimieren. Zum einen geht es bei der Vorsichtskasse darum, die Kosten der Illiquidität zu minimieren. Dies gelingt umso besser, je mehr Vorsichtskasse gehalten wird. Andererseits entstehen durch die Kassenhaltung Alternativkosten, d. h. Zinsverluste. Diese wiederum sind umso geringer, je kleiner die Vorsichtskasse ist. 82 Keynes (1981), S. 171 f. LT Y LT=kTY Abbildung 11-44: Die gesamtwirtschaftliche Transaktionskassennachfrage 11.3 Der Geldmarkt 601 Nehmen wir an, dass Liquiditätsüberschüsse und -defizite grundsätzlich gleich wahrscheinlich sind. Abbildung 11-45 zeigt die Wahrscheinlichkeitsfunktion der Variablen z, die als Differenz zwischen Auszahlungen und Einzahlungen (Defizite bzw. Überschüsse) definiert ist. Wenn die Vorsichtskasse z. B. lV beträgt, dann entspricht das verbleibende Illiquiditätsrisiko der Fläche unter der Dichtefunktion von z, die rechts von lV liegt. Vereinfachend nehmen wir an, dass die Kosten der Illiquidität proportional zum Risiko steigen. Dann berechnet man die Illiquiditätskosten KI als V I V l K a f(z)dz a[1 F(l )] Die Alternativkosten KA, d. h. die entgangenen Zinseinnahmen, steigen mit der Höhe der Vorsichtskasse, wobei der Zinssatz als Proportionalitätsfaktor wirkt: A VK i l Die Minimierungsrechnung für die Gesamtkosten ergibt dann: V I A V V V l V V V K K K a f(z)dz i l a[1 F(l )] i l dK a f(l ) i 0 dl i f(l ) a Der Wert der Dichtefunktion steigt also bei steigendem Zins und/oder sinkenden Illiquiditätskosten. Ein steigender Wert der Dichtefunktion bedeutet jedoch einen sinkenden Wert von lV. Die Vorsichtskasse steigt wie erwartet mit sinkendem Zins (d. h. sinkenden Alternativkosten) und steigendem Faktor a (d. h. steigenden Illiquiditätskosten). Ferner ist zu berücksichtigen, dass die Dimension der Budgetsalden mit dem Transaktionsvolumen zunimmt. Das bedeutet, dass die Höhe der Vorsichtskassenhaltung ähnlich DefiziteÜberschüsse f(z) lv Abbildung 11-45: Die einzelwirtschaftliche Vorsichtskasse 11 Makroökonomische Theorie602 wie die Transaktionskassenhaltung zunächst positiv von der Höhe des Einkommens, zum Zweiten aber auch sehr deutlich negativ von der Höhe des Zinssatzes (sowie der Höhe der Illiquiditätskosten) abhängt. Die Vorsichtskassenfunktion hat also große Ähnlichkeit mit der Transaktionskassenfunktion. In der makroökonomischen Formulierung wird sie daher i. d. R. einfach der Transaktionskasse zugeschlagen und Abbildung 11-44 kurzerhand für beide Arten der Kassenhaltung interpretiert. 11.3.3.3.3 Das Spekulationsmotiv Mit der Theorie der Spekulationskassenhaltung fügte Keynes der Geldtheorie einen wesentlichen, neuen, ja revolutionären Baustein hinzu. Schlagworte wie Liquiditätsfalle, Horten oder „money does not matter“ wurden zum Fundament einer neuen Wirtschaftspolitik, die bis heute die politischen Realitäten prägt. Im Zentrum der neuen Theorie steht die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes und zwar derjenige Teil dieser Funktion, der losgelöst von jeder Tauschabsicht oder auch Vorsichtsmaßnahme dazu dienen soll, Teile des Einkommens in die Zukunft zu transferieren, also Vermögen zu bilden. Das einzelwirtschaftliche Spekulationsmotiv Keynes geht dabei zunächst von einzelwirtschaftlichen Überlegungen aus und beschreibt das folgende, stark vereinfachte Modell: Ein Wirtschaftssubjekt hat beschlossen, einen bestimmten Teil seines Einkommens zu sparen. Zur Vermögensbildung stehen ihm zwei Alternativen zur Verfügung: Die Ersparnisse können entweder in Form von Geld, d. h. Bar- oder Buchgeld, als Kassenbestand gehalten werden und erbringen in dieser Form keine Zinsen. Die Alternative besteht im Erwerb eines Wertpapiers, das zwar Zinsen bringt, andererseits aber auch Kursschwankungen unterliegt. Bei diesen Wertpapieren handelt es sich um sog. Keynes’sche bonds, d. h. festverzinsliche Papiere mit unendlicher Laufzeit. Der Grund für diese Annahme besteht darin, dass für solche Papiere der Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Marktzinses und der resultierenden Kursschwankung sehr einfach ermittelt werden kann. Der Kurs, d. h. der Kaufpreis eines Wertpapiers, entspricht stets seinem Ertragswert83. Bei einem festverzinslichen Wertpapier mit unendlicher Laufzeit sind die jährlichen Erträge gleichbleibend, daher besteht die Ertragsreihe aus einer unendlichen Rente, deren Summe nach der einfachen Formel Nominalverzinsung Kurs Marktzins berechnet werden kann. Kurs und Marktzins stehen daher in einem eindeutigen, reziproken Verhältnis – steigt der Zins, fällt der Kurs und umgekehrt. Das Wirtschaftssubjekt muss also entscheiden, ob es seine Ersparnisse in Form von Geld halten oder lieber in Wertpapieren anlegen möchte. Grundsätzlich scheinen die Wertpapiere der Geldhaltung überlegen zu sein, da nur die Wertpapierhaltung einen Zinsertrag erbringt. Zusätzlich zu diesem Ertragsgesichtspunkt ist aber das Risiko der Kursschwankung zu berücksichtigen. Kursschwankungen werden von Zinsschwankungen verursacht. Das 83 Vgl. Abschnitt 11.2.1.2.2 „Die Zinsabhängigkeit der Investition“. 11.3 Der Geldmarkt 603 bedeutet, das Wirtschaftssubjekt muss sich vor dem Kauf der Papiere Gedanken über die erwartete Zinsentwicklung machen. Keynes unterstellt in seinem Modell, dass sich jedes einzelne Wirtschaftssubjekt über die künftige Zinsentwicklung sicher ist (sichere Erwartungen). Wenn jemand die aktuelle Zinshöhe für niedriger hält als normal, dann erwartet er in Zukunft steigende Zinsen und somit fallende Kurse. Würde er also in dieser Situation Wertpapiere kaufen, dann wären ihm Kursverluste gewiss. Ein rationales Wirtschaftssubjekt wird daher mit dem Kauf der Papiere warten, bis der Zins tatsächlich gestiegen ist, d. h. die Wertpapierkurse tatsächlich gesunken sind. Umgekehrt wird jemand, der die beobachtete Höhe des Marktzinses für überdurchschnittlich hoch hält, Zinssenkungen und damit Kurssteigerungen erwarten und deshalb möglichst schnell sein ganzes verfügbares Geld in Wertpapieren anlegen, um von den zukünftigen Kurssteigerungen zu profitieren. Dieses Verhalten nennt man Spekulation. Offensichtlich gibt es für jedes Wirtschaftssubjekt eine bestimmte Zinshöhe, den sog. kritischen Zinssatz ik, ab der die Zinserwartungen umschlagen (Abbildung 11-46). Liegt der beobachtete Zins unter dem individuellen kritischen Zinssatz, so erwartet das Wirtschaftssubjekt steigende Zinsen bzw. sinkende Wertpapierkurse und hält daher ausschließlich Geld, nämlich Spekulationskasse lS. Liegt der Zins hingegen über der kritischen Grenze, so werden sinkende Zinsen bzw. steigende Kurse erwartet und daher die ehemalige Spekulationskasse zu 100 % für den Wertpapierkauf verwendet. Da die Zinserwartungen aus Sicht des Anlegers sicher sind, hält jedes einzelne Wirtschaftssubjekt immer nur entweder Spekulationskasse oder Wertpapiere, aber niemals beides gleichzeitig84. Für ein einzelnes Wirtschaftssubjekt ergibt sich daher das in Abbildung 11-46 dargestellte Geldhaltungsprofil. Die gesamtwirtschaftliche Spekulationskasse Jedes Wirtschaftssubjekt hat seine eigenen Zinserwartungen und daher auch seinen eigenen kritischen Zinssatz. Wenn man alle einzelwirtschaftlichen Spekulationskassenprofile ag- 84 Eine wesentliche Erweiterung des Modells um unsichere Erwartungen erfuhr die Spekulationskassentheorie durch James Tobin. In seiner Portfoliotheorie der Geldnachfrage erklärte er die Zusammensetzung von gemischten Vermögensportfolios, die sowohl Kasse als auch Wertpapiere oder andere Vermögenswerte enthalten. Vgl. Tobin (1957/58). i lS ik Abbildung 11-46: Spekulationskassenhaltung eines einzelnen Wirtschaftssubjekts 11 Makroökonomische Theorie604 gregiert, erhält man daher eine mit steigendem Zins kontinuierlich fallende Kurve, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Spekulationskasse darstellt (siehe Abbildung 11-47). Diese Kurve hat einen spezifischen Verlauf mit zwei besonders charakteristischen Bereichen. Wenn der Zins über ein bestimmtes Maß hinaus steigt (imax), gibt es kein Wirtschaftssubjekt mehr, das noch weitere Zinssteigerungen bzw. Kurssenkungen für möglich hält. Alle Leute kaufen deshalb Wertpapiere, der Bestand an Spekulationskasse wird für die Gesamtwirtschaft 0. Das bedeutet, dass das ganze Geld, das in dieser Situation von den Haushalten und Unternehmen gehalten wird, ausschließlich Transaktions- und Vorsichtszwecken dient. Damit entspricht eine solche Situation der klassischen Vorstellung der älteren Quantitätstheorie, die ja nur von der Transaktionsfunktion des Geldes ausgegangen ist. Sinkt der Zins hingegen unter eine bestimmte minimale Marke (imin), gibt es niemanden mehr, der ein weiteres Sinken des Zinses bzw. einen weiteren Kursanstieg bei den Wertpapieren erwartet. Jeder verkauft daher seine Wertpapiere (sofern sich dafür überhaupt noch Käufer finden!), um die Kursgewinne zu realisieren und hält das Geld in (Spekulations-) Kasse, um abzuwarten, bis der Zins wieder ansteigt und die Papiere billiger werden. Das bedeutet natürlich, dass dieses Geld auch den Investoren nicht zur Verfügung steht. Es verschwindet gleichsam im Sparstrumpf oder unter der Matratze, wo es unproduktiv auf bessere Zeiten wartet. Keynes nennt diese Art der Geldhaltung Horten. Horten verlangsamt den Geldumlauf und führt dazu, dass ein Teil der Nachfrage zumindest vorübergehend aus dem Wirtschaftskreislauf verschwindet. Der Teil des Einkommens, der gespart werden soll, wird nicht auf dem Kreditmarkt den Investoren zur Verfügung gestellt, sondern fehlt tatsächlich sowohl in der Konsum- wie auch in der Investitionsnachfrage. Das klassische Say’sche Gesetz85 verliert 85 Vgl. Abschnitte 9.4 „Grundlegende makroökonomische Modelle“ und 11.2.1.1.1 „Die klassische Konsumtheorie“. LS = LS(i) wobei LS'(i) < 0 i LS imin imax Abbildung 11-47: Makroökonomische Spekulationskassenhaltung 11.3 Der Geldmarkt 605 seine Gültigkeit: Es kann tatsächlich passieren, dass Wirtschaftssubjekte sparen, obwohl sie keinen Zins dafür bekommen, nämlich dann, wenn sie mit ihrem Geld spekulieren. Eine solche Ersparnis geht der Gesamtnachfrage verloren; die Nachfragelücke führt früher oder später zu sinkender Produktion und Beschäftigung, d. h. zu einem kontraktiven Multiplikatorprozess, der in eine Depression mündet. Würde die Zentralbank in einem solchen Fall zur Belebung der Nachfrage billiges Geld zur Verfügung stellen, d. h. den Rahmen für die Geldschöpfung der Banken erweitern, um das Geldangebot zu erhöhen, würde die gesamte zusätzliche Geldmenge in die Spekulationskasse fließen und eben nicht zur Nachfrageerhöhung beitragen. Keynes nennt diese Situation daher Liquiditätsfalle. Wie in einer Fliegenfalle wird jede zusätzliche Geldeinheit von der Spekulationskasse geschluckt und vorerst nicht wieder ausgegeben. Das Phänomen der Liquiditätsfalle ist Dreh- und Angelpunkt des keynesianischen Wirtschaftsmodells, das sich gerade hier von den klassischen Schlussfolgerungen fundamental unterscheidet. Wenn man von der Existenz einer Liquiditätsfalle ausgeht, muss die Wirtschaftspolitik in Zeiten einer Depression völlig anders reagieren, als es die klassischen Rezepte einer möglichst konsequenten staatlichen Zurückhaltung und Nicht-Einmischung in den Markt vorsehen. Um die Wirtschaft aus einer Liquiditätsfalle herauszuführen, hilft kein noch so billiges Geld – „Money does not matter“. Vielmehr muss der Staat selbst die private Nachfrage, die in den Geldhorten verschwunden ist, durch eigene Nachfrage ersetzen, also aktive Fiskalpolitik betreiben. Um den positiven Multiplikatorprozess zusätzlicher Staatsausgaben möglichst wenig zu dämpfen, sollten diese vorübergehend möglichst durch staatliche Kreditaufnahme und nicht durch höhere Steuern finanziert werden. Ein Verdrängungseffekt privater Investoren durch das Auftreten des Staates als zusätzlicher Nachfrager auf den Kreditmärkten ist kaum zu befürchten, da die Zinsen ohnehin sehr niedrig sind und das Kreditangebot reichlich ist. Es spricht also nichts gegen eine staatliches „deficit spending“ – im Gegenteil: Keynes zeigt, dass dies in einer tiefen Depression die einzige Möglichkeit sein kann, die Wirtschaft aus der Krise herauszuführen86. Praxisbeispiel 11-8: Japan in der Liquiditätsfalle In den Jahren 1998/1999 sorgte der amerikanische Ökonom Paul Krugman mit einigen kürzeren Artikeln87 für Aufsehen, in denen er argumentierte, Japan befinde sich in einer Liquiditätsfalle. In der Tat befindet sich Japan seit ca. 15 Jahren in einer Situation der Wachstumsschwäche, der Depression und ca. seit der Jahrtausendwende auch der Deflation. Die japanischen Haushalte und Unternehmen sparen rekordverdächtig viel und insgesamt weit mehr, als zur Finanzierung der geplanten Investition notwendig ist. Die Wirtschaft befindet sich also in einer deflatorischen Lücke. Mit den überschüssigen inländischen Ersparnissen wird überwiegend die japanische Staatsverschuldung finanziert, die mittlerweile bei über 150 % des Bruttoinlandsprodukts liegt. Die teuren Konjunkturprogramme der neunziger Jahre hatten zwar die Staatsverschuldung von ca. 60 % im Jahr 1992 auf über 130 % im Jahr 2000 in die Höhe getrieben, waren jedoch nicht ausreichend, um die Investitionsblockade der privaten Unternehmen und die Konsumschwäche der privaten Haushalte zu überwinden – und die Schuldenspirale dreht sich weiter. Die Möglichkeiten weiterer expansiver Fiskalpolitik sind dadurch stark eingeschränkt. 86 Die Keynes’schen Analysen der „General Theory“ basieren auf den Erfahrungen der unmittelbar vorher durchlebten und durchlittenen Weltwirtschaftskrise, die bekanntlich durch das Fehlverhalten u. a. Deutschlands, das unter Reichskanzler Brüning an einer strikten Sparpolitik der öffentlichen Haushalte festgehalten und die Staatsausgaben den sinkenden Steuereinnahmen versucht hatte anzupassen, noch verschärft worden war. 87 Vgl. http://web.mit.edu/krugman/www/jpage.html 11 Makroökonomische Theorie606 Wenn die Staatsverschuldung schwierig wird, bietet sich expansive Geldpolitik an, um die Firmen zu Investitionen zu veranlassen. Die japanische Zentralbank senkte daher die Nominalzinsen immer mehr. Seit Jahren liegen diese praktisch bei 0 %, ohne dass dadurch die Investitionsneigung nennenswert zugenommen hätte. Japan steckt in einer keynesianischen Liquiditätsfalle, in der man bekanntlich mit Geldpolitik nicht weiter kommt. Krugman empfahl daher bereits 1998 einen sehr unkonventionellen Weg zur Bekämpfung der „japanischen Krankheit“88, nämlich eine „managed inflation“89. Er führte aus, dass nur eine gezielte Inflationspolitik Japan aus der Depression führen könne, da nur so die Realzinsen dauerhaft unter 0 % gedrückt werden und auf diese Weise womöglich doch Investitionsanreize entstehen könnten. Wenn man allerdings erst mal in einer Liquiditätsfalle steckt, lassen sich kaum noch Inflationserwartungen herbeiführen. Zur Lösung dieses Problems schlug Hans Werner Sinn, der Chef des ifo-Instituts, Mitte 2001 daher Folgendes vor: „Die einzige reale Möglichkeit, die Japan heute noch verbleibt, ist die Abwertung der eigenen Währung. Diese kann die japanische Notenbank jederzeit realisieren, indem sie neue die Auslandsnachfrage und hilft der Wirtschaft unmittelbar. Mittelbar hilft sie, indem sie die Schaffung eines Inflationstrends ermöglicht und der Notenbank in einer temporären Rezession das Mittel eines negativen Realzinssatzes zur Belebung der Investitionen zur Verfügung stellt. … Die japanische Krankheit muss man auch in Europa ernst nehmen. … Das japanische Beispiel zeigt, dass nicht nur in der Inflation eine Gefahr liegt, sondern auch in einer zu rigoros verfochtenen Politik der Preisstabilität. Eine angemessene Abwägung beider Gefahren findet derzeit nicht statt.“90 Unmittelbarer Ausfluss solcher Besorgnis war eine Revision der Strategie der Europäischen Zentralbank im Jahr 2003, in der das Ziel eines stabilen Preisniveaus ausdrücklich spezifiziert wurde: Die Steigerungsrate des Harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI soll zwar unter, aber nahe bei 2 % p.a. liegen. Das bedeutet, die Geldpolitik muss dafür Sorge tragen, dass nicht nur Inflation, sondern mindestens ebenso energisch Deflation bekämpft und die Gefahr einer Liquiditätsfalle à la Japan vermieden wird. 11.3.3.3.4 Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfragefunktion Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage L setzt sich aus den drei von Keynes beschriebenen Komponenten zusammen, nämlich der Transaktions-, Vorsichts- und Spekulationskasse. Der Einfachheit halber werden in Abbildung 11-48 das Transaktions- und das Vorsichtsmotiv zusammengefasst und beides als proportionale Funktion des Einkommens betrachtet. Im i-L-Diagramm tritt das Einkommen jedoch nicht als Variable, sondern als Lageparameter in Erscheinung. Die Transaktionskasse (einschl. der Vorsichtskasse) ist ein bestimmter Betrag, der bei gegebenem Einkommen bei jedem Zinssatz auf jeden Fall zur Finanzierung aller geplanten (und im Rahmen der Vorsichtskasse auch ungeplanten) Transaktionen erforderlich ist und daher unabhängig vom Zinssatz nachgefragt wird. Zusätzlich zu diesem Betrag wird ggfs. noch Spekulationskasse nachgefragt. Der Umfang dieses Teils der Geldnachfrage ist jedoch zinsabhängig. Bei sehr hohem Zins wird gar keine Spekulationskasse nachgefragt, bei sehr niedrigem Zins hingegen sehr viel. Im Extrem 88 Vgl., auch im Folgenden Sinn (2001). 89 Vgl. Krugman (1998) und generell http://web.mit.edu/krugman/www/jpage.html 90 Sinn (2001). 11.3 Der Geldmarkt 607 wird die Geldnachfrage im Bereich der Liquiditätsfalle unendlich, was bedeutet, dass jede zusätzliche Geldeinheit gehortet wird. Die makroökonomische Geldnachfragefunktion hat also einen senkrechten (oder klassischen) Bereich sowie einen waagerechten (oder keynesianischen) Bereich. Diese beiden Bereiche unterscheiden sich vor allem durch die Zinselastizität der Geldnachfrage: Im klassischen Bereich hat diese Elastizität den Wert 0, im keynesianischen Bereich wird sie unendlich groß. Dieser Sachverhalt wirkt sich entscheidend auf die Durchschlagskraft von Geld- und Fiskalpolitik aus, wie wir weiter unten gleich sehen werden. 11.3.4 Das Geldmarktgleichgewicht Auf der Analyse des Geldangebots und der Geldnachfrage lässt sich nun der Geldmarkt insgesamt beschreiben. Die Geldnachfrage L als Zusammensetzung der Transaktions- Vorsichts- und Spekulationskasse lässt sich im i-L-Diagramm als fallende Funktion des Zinssatzes darstellen, die sich mit steigendem Einkommen, welches als Lageparameter fungiert, nach rechts verlagert. Das Geldangebot M wird im Wesentlichen von der Zentralbank bestimmt. Zwar stellt diese die Geldmenge nur mittelbar über die Geldbasis zur Verfügung. Mindestreservesatz und Bargeldquote begrenzen die umlaufende Geldmenge über den Geldmultiplikator jedoch eindeutig nach oben. Vereinfachend wird im Folgenden das Geldangebot daher als autonome, von der Zentralbank gesteuerte Größe im Modell verwendet. Im Schnittpunkt von Geldnachfrage und Geldangebot herrscht der Gleichgewichtszinssatz i*, bei dem das gesamte Geldangebot, welches über den Transaktionsbedarf hinausgeht, von der Spekulationskasse absorbiert wird. L = LT(Y) + LS(i) = L(Y, i) keynesianischer Bereich LT(Y) i L imin klassischer Bereich Liquiditätsfalle imax Abbildung 11-48: Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfragefunktion 11 Makroökonomische Theorie608 Wenn der Marktzins höher (i2) oder niedriger (i1) ist als der Gleichgewichtszins i*, herrscht Ungleichgewicht. Oberhalb vom Gleichgewichtspunkt GG ist das Geldangebot höher als die Geldnachfrage (Strecke ÜA in Abbildung 11-49), denn der Zins ist zu hoch, um genügend Spekulationskasse zu induzieren, die das gesamte Geldangebot absorbieren könnte. In dieser Situation werden von den Wirtschaftssubjekten wegen der relativ hohen Zinsen jedoch vermehrt Wertpapiere nachgefragt. Dadurch steigen die Kurse und sinken die Zinsen. Mit sinkendem Zins dehnt sich die Spekulationskasse aus und saugt das überschüssige Geldangebot auf. Umgekehrt herrscht bei einem Zins unterhalb des Gleichgewichtsniveaus Überschussnachfrage (Strecke ÜN in Abbildung 11-49). Der Abbau dieser Überschussnachfrage vollzieht sich wiederum über den Wertpapiermarkt: Wegen der niedrigen Zinsen wollen viele Wirtschaftssubjekte ihre Wertpapiere abstoßen. Durch das zunehmende Wertpapierangebot sinken die Wertpapierkurse, die Zinsen steigen und die Nachfrage nach Spekulationskasse geht zurück. 11.3.4.1 Das LM-Modell Das in Abbildung 11-50 dargestellte Gleichgewicht gilt für genau einen Wert des Volkseinkommens. Ändert sich dieser, so verschieben sich die Geldnachfragefunktion und damit auch der Gleichgewichtszinssatz. Abbildung 11-49: Das Geldmarktgleichgewicht L = LT + LS = L(Y, i) LT(Y) i L M = Maut i* i1 i2 ÜN ÜA GG 11.3 Der Geldmarkt 609 Wenn das Volkseinkommen steigt, benötigen die Wirtschaftssubjekte einen größeren Teil des angebotenen Geldes zur Finanzierung ihrer Gütertransaktionen. Bei gegebener Geldmenge muss daher der Anteil der Spekulationskasse zurückgehen, wenn das Geldmarktgleichgewicht erhalten bleiben soll. Die Spekulationskassennachfrage geht jedoch nur dann zurück, wenn der Zins steigt. Der neue Gleichgewichtspunkt GG2 liegt daher bei einem höheren Zinssatz als der alte. Auch für den Geldmarkt gilt also – ähnlich wie für den Gütermarkt –, dass sich der Markt bei gegebenem Geldangebot nur für genau eine Zins-Einkommens-Kombination im Gleichgewicht befindet. Der geometrische Ort aller gleichgewichtigen Zins-Einkommens- Kombinationen auf dem Geldmarkt heißt LM-Kurve. Die graphische Herleitung der LM-Kurve beschreibt Abbildung 11-51. L = LT + LS = L(Y, i) i L LT(Y1) M = Maut i1* GG1 LT(Y2) i2* GG2 Abbildung 11-50: Das Geldmarktgleichgewicht bei alternativen Volkseinkommen 11 Makroökonomische Theorie610 Die graphische Herleitung der LM-Kurve Die Quadranten II und IV zeigen die beiden Bestandteile der Geldnachfrage, nämlich die einkommensabhängige Transaktionskasse und die zinsabhängige Spekulationskasse. Im zweiten Quadranten verbindet die Gleichgewichtsbedingung des Geldmarktes M = L diese beiden Nachfrageelemente: Transaktions- und Spekulationskasse zusammen müssen im Gleichgewicht das Geldangebot M jeweils genau ausschöpfen. Die Gleichgewichtsbedingung besteht in diesem Fall also aus einer Art monetärer Budgetgeraden. Mit Hilfe dieser Gleichgewichtsbedingung können allen Werten der Transaktionskasse und damit allen Einkommensbeträgen Y die jeweils gleichgewichtigen Werte der Spekulationskasse und damit die gleichgewichtigen Zinswerte i zugeordnet werden. Diese Wertepaare beschreiben im vierten Quadranten den Verlauf der LM-Kurve. Sie ist positiv geneigt, da bei steigendem Einkommen auch die Zinsen steigen müssen, um das zusätzlich in der Transaktionskasse benötigte Geld aus der Spekulationskasse frei zu geben. Die Gestalt der LM-Kurve zeigt dieselben Besonderheiten wie die Nachfrage nach Spekulationskasse. Spiegelbildlich zu dieser ist im linken Teil der LM-Kurve die waagerechte Liquiditätsfalle sichtbar, während der Kurvenverlauf im rechten Teil, dem klassischen Bereich sehr steil bis senkrecht wird. LT LT LS LS Y Y i i Spekulationskasse: LS = f(i) Transaktionskasse: LT = kYGleichgewichtsbedingung M = LT + LS LM-Kurve Y3 Y1 I IIIII IV Y0 Y2 i1 i0 i2 i3 Abbildung 11-51: Graphische Herleitung der LM-Kurve 11.3 Der Geldmarkt 611 Die algebraische Herleitung der LM-Kurve Analog zur IS-Kurve lässt sich die LM-Kurve durch Einsetzen in die Gleichgewichtsbedingung des Geldmarktes berechnen. Geldangebot und Geldnachfrage müssen gleich groß sein. Das Geldangebot ist durch die Zentralbank vorgegeben und somit autonom. Die Geldnachfrage setzt sich aus den verschiedenen Kassenhaltungen aus Transaktions-, Vorsichtsund Spekulationsgründen zusammen. Wir erhalten also den bereits bekannten Ausdruck Maut = L(Y) + L(i) der nun nach Y oder i aufgelöst werden kann. Ungleichgewichtige Zins-Einkommens-Kombinationen Oberhalb und unterhalb der LM-Kurve herrscht Ungleichgewicht. Im Punkt A in Abbildung 11-52 zum Beispiel ist der Zins iA im Verhältnis zum Gleichgewichtszins i0 zu niedrig. Y0 erfordert eine hohe Transaktionskasse, der niedrige Zins iA induziert eine ebenfalls hohe Spekulationskasse, so dass im Bereich unterhalb der LM-Kurve grundsätzlich die Geldnachfrage das Geldangebot übersteigt (L > M). Diese Übernachfrage kann durch Wertpapierverkäufe abgebaut werden, da dadurch die Kurse der Papiere sinken, die Zinsen steigen und auf diese Weise die Spekulationskasse zurückgedrängt wird. Im Punkt B hingegen ist der Zins iB im Verhältnis zum Gleichgewichtszins i1 zu hoch. Hohe Zinsen reduzieren die Spekulationskasse, so dass hier das Geldangebot von der Marktnachfrage nicht ausgeschöpft wird. Es herrscht Überangebot (M > L), das durch Wertpapierkäufe, dadurch steigende Kurse und sinkende Zinsen abgebaut werden kann. Y i LM-Kurve A B i0 i1 iA iB Y0 Y1 Abbildung 11-52: Ungleichgewichte in der Umgebung der LM-Kurve 11 Makroökonomische Theorie612 11.3.4.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des LM-Modells Expansive und restriktive Geldpolitik drückt sich vorwiegend in Änderungen der Geldmenge M aus. Wenn die Zentralbank das Geldangebot erhöht, steht sowohl für die Transaktionskasse als auch die Spekulationskasse mehr Geld zur Verfügung. Die Budgetgerade im zweiten Quadranten verschiebt sich nach rechts. Diese Verschiebung wird durch die Herleitung der i-Y-Kombinationen auch in der LM- Kurve sichtbar: Eine Erhöhung der Geldmenge verschiebt die LM-Kurve nach rechts, eine Verringerung der Geldmenge verschiebt die LM-Kurve nach links. Auf Grund des spezifischen Verlaufs der LM-Kurve wird diese Verlagerung aber nicht an jeder Stelle wirksam. Im waagerechten Teil der Kurve, d. h. in der Liquiditätsfalle, ändert sich gar nichts, während im senkrechten, d. h. klassischen Bereich die Rechtsverlagerung am stärksten sichtbar wird. Daraus kann man bereits in dieser vom Gütermarkt noch isolierten Betrachtung den Schluss ziehen, dass Geldpolitik offenbar umso wirksamer ist, je weiter die betrachtete Wirtschaft von der Liquiditätsfalle entfernt liegt. Abbildung 11-53 bestätigt die bereits weiter oben aus der Analyse der Spekulationskassennachfrage gewonnene Erkenntnis: In der Liquiditätsfalle verliert Geldpolitik offenbar jede Wirksamkeit – Hier gilt tatsächlich: „Money does not matter“. LT LT LS LS Y Y i i Spekulationskasse: LS = f(i) Transaktionskasse: LT = kYGleichgewichtsbedingung M = LT + LS LM-Kurve Y3 Y1 I IIIII IV Y0 Y2 i1 i0 i2 i3 Abbildung 11-53: Geldpolitik im LM-Modell 11.3 Der Geldmarkt 613 Den formalen Umgang mit der LM-Kurve vertieft die folgende Übung91. Übung 11-12: Formaler Umgang mit der LM-Kurve Geldangebot und Geldnachfrage in einer Volkswirtschaft seien durch folgende Gleichungen S die Nachfrage nach Spekulationskasse, LT die Nachfrage nach Transaktionskasse und M das Geldangebot bezeicha) Leiten Sie aus diesen Angaben algebraisch die LM-Funktion ab und zeichnen Sie diese Funktion in ein geeignetes Koordinatensystem. Hinweis: Lösen Sie die LM-Funktion nach b) Nehmen Sie an, die Notenbank würde das Geldangebot autonom um 200 erhöhen. Welche Folgen hätte dies für die LM-Kurve? Berechnen Sie die neue Kurve und zeichnen Sie sie in das Diagramm der Aufgabe a). c) Wie verändert sich der Verlauf der Funktion, wenn der Kassenhaltungskoeffizient von 0,25 auf 0,4 steigt? Berechnen Sie auch diese Kurve und zeichnen Sie sie ebenfalls in das Diagramm der Aufgabe a). Lösung: a) Die LM-Funktion ist der geometrische Ort aller Geldmarktgleichgewichte: S TM L L L 1.000 200 3.200 i 150 0,25 Y 1.000 350 0,25 Y 3.200 i 0,25 Y 650 3.200 i Y 2.600 12.800 i b) Eine Erhöhung des Geldangebots verschiebt die LM-Kurve parallel nach rechts. Die neue Kurve lautet: Y 3.400 12.800 i c) Der höhere Kassenhaltungskoeffizient führt zu einer Umschichtung des Geldangebots zugunsten der Transaktionskasse. Die LM-Kurve muss daher steiler in Bezug auf den Zinssatz werden: Y 1.625 8.000 i 91 Quelle: Pfahler/Thuy (1998), S. 162 f. 11 Makroökonomische Theorie614 11.4 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt bei festen Preisen Nach der ausführlichen Partialanalyse des Güter- und Geldmarktes ist es nun möglich, die Ergebnisse zusammenzuführen und die erste Stufe eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtes, wie es im Stabilitätsgesetz als Zielrahmen für die Wirtschafts- und Finanzpolitikvorgegeben ist, zu beschreiben. Weiterhin gilt als Modelleinschränkung, dass das Preisniveau auf 1 normiert und als konstant unterstellt wird. Eine Unterscheidung zwischen nominalen und realen Größen ist daher nach wie vor nicht notwendig. 11.4.1 Das IS-LM-Modell Sowohl das Gütermarkt- wie auch das Geldmarktgleichgewicht wird durch zwei Variable, nämlich Marktzins und Volkseinkommen, beschrieben: IS-Gleichgewicht : Y C(Y T) I(i) G LM-Gleichgewicht : M L(i,Y) k Y L (i)S Fügt man beide Modelle zusammen, so kann man das Gleichungssystem eindeutig lösen. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht liegt im Schnittpunkt von IS- und LM-Kurve. i Y 2.000 2.500 3.000 3.500 4.000 4.500 5.000 5% 10% Abbildung 11-54: Wirkung von Parameteränderungen auf die LM-Kurve 11.4 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt 615 Übung 11-13: Das IS-LM-Gleichgewicht Für eine geschlossene Volkswirtschaft sind folgende Modellgleichungen gegeben: Gütermarkt: C 10 0,8 Y I 50 i Geldmarkt: T S M 300 L 0,5 Y L 200 10 i a) Bei welchem Zins und welchem Einkommen sind Güter- und Geldmarkt im Gleichgewicht? b) Wie hoch ist dann die Investitionsquote? c) Wie verändert sich das Gleichgewicht, wenn die Geldmenge um 10 erhöht wird? Wie beurteilen Sie in dieser Situation die Wirksamkeit der Geldpolitik? Lösung: a) Gütermarkt: Die IS-Funktion ergibt sich durch Einsetzen der gegebenen Verhaltensgleichungen in die Y 10 0,8 Y 50 i Y 300 5 i Geldmarkt: Die LM-Funktion entspricht der Gleichung M = L, wobei sich die Geldnachfrage aus Transaktions- und Spekulationskasse zusammensetzt: 300 0,5 Y 200 10 i Y 200 20 i i Y LS L>M IM I>S IS LMBereich A Bereich C Bereich B Bereich D Abbildung 11-55: Das IS-LM-Gleichgewicht 11 Makroökonomische Theorie616 Das Simultangleichgewicht erhält man durch die Lösung dieses Gleichungssystems: 300 5 i 200 20 i i* 4 Y* 280 b) Die Investitionsquote beträgt I(4) 46 16,4% 280 280 c) Nach der Geldmengenerhöhung lautet die LM-Funktion Y 220 20 i Daraus ergibt sich das IS-LM-Gleichgewicht wie folgt: 220 20 i 300 5 i i* 3,2 Y* 284 Während die Geldmenge also um 10 oder 3,3 % gestiegen ist, hat das Volkseinkommen nur um 4 oder 1,4 % zugenommen, obwohl aus der Geldmengenerhöhung eine relativ kräftige Zinssenkung von 4 auf 3,2 hervorgegangen ist. Der Grund für diese schwache und unelastische Reaktion des Volkseinkommens auf die geldpolitische Maßnahme liegt in der geringen Zinselastizität der Investitionen. Sie beträgt an der Stelle i = 4 nur dl dl i 4l 1 0,09 di di l 46 i Die Investitionen reagieren auf Zinssenkungen also fast überhaupt nicht. Ungleichgewichtszonen im IS-LM-Modell Links und rechts, oberhalb und unterhalb des IS-LM-Schnittpunktes ergeben sich verschiedene Regionen des Ungleichgewichts, die in wirtschaftspolitischer Hinsicht durchaus unterschiedliche Anforderungen an den Instrumenteneinsatz stellen. Wie wir in den vorausgegangenen Partialanalysen bereits festgestellt haben, herrscht oberhalb bzw. rechts von der IS-Kurve Angebotsüberschuss (IS). Für den Geldmarkt gilt, dass oberhalb bzw. links von der LM-Kurve Geldangebotsüberschuss, unterhalb bzw. rechts hingegen Geldnachfrageüberschuss besteht. Durch den Schnittpunkt der beiden Kurven ergeben sich mithin vier verschiedene Bereiche, die in Abbildung 11-55 mit den Buchstaben A bis D bezeichnet sind. In den Bereichen A und C herrscht sowohl auf dem Güter- wie auch auf dem Geldmarkt gleichzeitig entweder Angebotsüberschuss (Bereich A) oder Nachfrageüberschuss (Bereich C). Das bedeutet, dass für beide Märkte entweder eine Zinssenkung (Bereich A) oder eine Zinserhöhung (Bereich C) zum Gleichgewicht zurückführen würde. Problematisch hingegen sind die Bereiche B und D. Wenn sich die Volkswirtschaft im Bereich B befindet, dann herrscht auf dem Geldmarkt Übernachfrage, denn der Zins ist im Verhältnis zum Volkseinkommen zu niedrig. Der niedrige Zins induziert eine zu hohe Spekulationskasse, so dass zusammen mit den ebenfalls hohen Transaktionskassenwünschen die gegebene Geldmenge nicht ausreicht. Eine 11.4 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt 617 Zinssteigerung könnte hier Linderung bringen, da höhere Zinsen die Spekulationskassennachfrage reduzieren würden. Auf dem Gütermarkt hingegen besteht eine Nachfragelücke. Die Zinsen sind im Vergleich zu dem relativ hohen Volkseinkommen zu hoch. Dadurch wird nicht genügend investiert, um die aus dem hohen Einkommen resultierende ebenfalls hohe Ersparnis zu absorbieren. In diesem Fall benötigt die Wirtschaft also eine Zinssenkung, um die Investitionen zu stimulieren. Analog gilt genau das Gegenteil im Bereich D. Solche Konstellationen wie in den Bereichen B und D nennt man Dilemmasituationen. Sie erfordern weit mehr Kreativität von den Wirtschaftspolitikern als Ungleichgewichte vom Typ A oder C. Offensichtlich kann hier nur eine Mischung aus expansiven und restriktiven Maßnahmen, d. h. ein gezieltes Zusammenwirken verschiedener geld- und fiskalpolitischer Maßnahmen, ein sog. policy mix, weiterhelfen. Im Folgenden soll daher die Wirkungsweise und das Zusammenwirken von Geld- und Fiskalpolitik im IS-LM-Modell näher beleuchtet werden. 11.4.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des IS-LM-Modells Fiskalpolitik verschiebt die IS-Kurve, Geldpolitik die LM-Kurve. Im Ergebnis hat jede wirtschaftspolitische Maßnahme im IS-LM-Modell sowohl eine Einkommens- als auch eine Zinswirkung: Im Folgenden werden die Vorgänge bei einem expansiven Einsatz von Geld- und Fiskalpolitik erklärt. Restriktive Maßnahmen wirken entsprechend umgekehrt. i Y i Y Fiskalpolitik Geldpolitik Beispiel: Erhöhung der Staatsausgaben Beispiel: Erhöhung der Geldmenge LM LM1 LM2 IS IS1 IS2 i1 i2 Y1 Y2 c G − Δ 1 i1 i2 Y1 Y2 Abbildung 11-56: Grundsätzliche Wirkungsweise von Geld- und Fiskalpolitik im IS-LM-Modell 11 Makroökonomische Theorie618 Expansive Fiskalpolitik Expansive Fiskalpolitik schiebt die IS-Kurve nach rechts. Entweder wird zusätzliche Nachfrage direkt vom Staat durch eine Steigerung der Staatsausgaben erzeugt, oder sie wird durch Steuersenkungen im privaten Sektor induziert. In beiden Fällen kommt ein positiver Multiplikatorprozess in Gang: Um die gestiegene Nachfrage zu befriedigen, steigen Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Steigende Nachfrage nach Gütern verursacht jedoch auch steigende Nachfrage nach Krediten und daher eine Zinssteigerung, die im Gegenzug v. a. den Aufschwung der Investitionsnachfrage dämpft. Insgesamt fällt die Ausdehnung des Einkommens und damit der Beschäftigung umso höher aus, je geringer die induzierte Zinssteigerung ist. Expansive Geldpolitik Expansive Geldpolitik verschiebt die LM-Kurve nach rechts. Ein größeres Geldangebot verbilligt die Kredite. Niedrigere Zinsen wiederum wirken sich positiv auf die Investitionsnachfrage aus und erhöhen so die Güternachfrage sowie in der Folge Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Im neuen Gleichgewicht sind also die Zinsen niedriger und das Einkommen höher und zwar ist der Einkommensanstieg umso deutlicher, je stärker die Zinsen durch die Ausdehnung der Geldmenge gefallen sind. Asymmetrische Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik Das Ausmaß der Einkommens- und Beschäftigungswirkung einer expansiven (oder restriktiven) wirtschaftspolitischen Maßnahme hängt also offensichtlich davon ab, an welcher Stelle der IS- und/oder LM-Kurve das Ausgangsgleichgewicht der betrachteten Volkswirtschaft liegt. Die Wirkungsweise von Geld- und Fiskalpolitik ist jeweils entgegen gesetzt asymmetrisch! Expansive Fiskalpolitik entfaltet ihre größte Wirksamkeit dort, wo der durch den Nachfrai Y i Y Fiskalpolitik Geldpolitik LM IS IS Y1 Y2Y1=Y2 LM Y1 Y2 Y1Y2 IS IS Abbildung 11-57: Asymmetrische Wirkungsweise von Geld- und Fiskalpolitik im IS-LM-Modell 11.4 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht auf Güter- und Geldmarkt 619 geschub ausgelöste Zinsanstieg am geringsten ist. Das ist offensichtlich in der Liquiditätsfalle der Fall. Am höchsten ist der Zinsanstieg hingegen im klassischen Bereich, wo er im Extremfall jede Ausdehnung von Einkommen und Beschäftigung zunichtemacht. Geldpolitik hingegen ist nur außerhalb der Liquiditätsfalle und ganz besonders im klassischen Bereich wirksam, da nur dort die Ausdehnung der Geldmenge zu Zinssenkungen führen kann. In der Liquiditätsfalle hat der Zins bereits eine institutionell vorgegebene Mindesthöhe (im Extremfall 0 %) erreicht und kann – jedenfalls nominal – nicht weiter sinken. Deshalb kann dort auch kein positiver Impuls auf die Güternachfrage entstehen. Wechselseitige Abhängigkeit von Geld- und Fiskalpolitik im IS-LM-Modell Mit Hilfe des IS-LM-Modells kann also sehr einfach gezeigt werden, wie Geld- und Fiskalpolitik wechselseitig voneinander abhängen und warum Änderungen in einem Politikbereich oft Reaktionen in einem anderen hervorrufen oder notwendig machen92. Dies soll am Beispiel einer Steuererhöhung verdeutlicht werden. Nehmen wir an, das Parlament beschließt, die Steuern zu erhöhen, um die Staatsverschuldung abzubauen. Die Geldpolitik hat dann zumindest folgende drei Reaktionsmöglichkeiten: Die erste Möglichkeit für die Zentralbank besteht darin, nichts zu tun, d. h. die Geldmenge konstant zu lassen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die gerade im Umlauf befindliche Geldmenge gerade dem in der geldpolitischen Strategie festgelegten Zielkorridor zur Aufrechterhaltung der Preisniveaustabilität entspricht. In diesem Fall wird durch die Steuererhöhung ein kontraktiver Prozess in Gang gesetzt. Einkommen und Beschäftigung sowie die Zinsen sinken und die Wirtschaft läuft Gefahr, in eine Depression zu geraten. Mittelfristig wird die Zentralbank daher womöglich doch zu einer Reaktion gezwungen, um eine drohende Deflationsgefahr zu bannen. 92 Vgl. Mankiw (1998), S. 302 ff. i Y i Y i Y Zeba hält das Geldangebot konstant Zeba hält den Zinssatz konstant Zeba hält das Einkommen konstant LM IS LM IS LM IS Abbildung 11-58: Gegenseitige Abhängigkeit von Geld- und Fiskalpolitik 11 Makroökonomische Theorie620 Die zweite Möglichkeit besteht darin, den Zinssatz konstant zu halten. Ein möglicher Grund könnte im währungspolitischen Bereich liegen. Vielleicht soll durch das Festhalten an einem verhältnismäßig hohen Zinsniveau ein Kapitalzustrom aus dem Ausland sichergestellt werden, der vielleicht zur Deckung eines Importüberschusses erforderlich ist, wenn eine Abwertung der Währung vermieden werden soll. In diesem Fall muss die Zentralbank die Geldmenge verringern. Die restriktive fiskalpolitische Maßnahme wird also durch restriktive Geldpolitik noch verstärkt. Der Rückgang von Einkommen und Beschäftigung fällt deutlich höher aus als zuvor. Wenn hingegen in dieser Volkswirtschaft ein Beschäftigungsrückgang trotz der Haushaltskonsolidierung vermieden werden soll, dann gelingt dies nur, wenn die restriktive Wirkung der Fiskalpolitik durch eine expansive Geldpolitik wettgemacht wird. Dies zeigt das dritte Diagramm in Abbildung 11-58. Die Geldmengenexpansion muss groß genug sein, um eine zur Kompensation des Nachfragerückgangs ausreichende Zinssenkung zu verursachen. In diesem Fall setzt der Staat also zu einem policy mix aus restriktiver Fiskalpolitik und expansiver Geldpolitik, um gleichzeitig zwei sich widersprechende wirtschaftspolitische Ziele zu erreichen. Angesichts der Überlegungen zu Abbildung 11-58 stellt sich nun aber die Frage, warum sich eine Regierung überhaupt so viel Mühe geben sollte, einen bestimmten IS-LM-Gleichgewichtspunkt zu verschieben. Schließlich sollte man annehmen, ein Gleichgewicht sei so gut wie jedes andere. Schließlich ist jedes IS-LM-Gleichgewicht definitionsgemäß ein Punkt, an dem Angebot und Nachfrage auf Güter- und Geldmarkt gleich groß sind. Wir haben bisher aber einen weiteren, entscheidenden makroökonomischen Markt außer Acht gelassen, nämlich den Arbeitsmarkt. Ob ein IS-LM-Gleichgewicht gesamtwirtschaftlich befriedigend ist oder nicht, hängt davon ab, ob das Gleichgewichtseinkommen auch tatsächlich groß genug ist, um Vollbeschäftigung zu erzeugen oder ob es sich um ein erstmalig von Keynes beschriebenes Unterbeschäftigungsgleichgewicht handelt. Im Folgenden soll daher nun der gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt analysiert werden. 11.5 Der Arbeitsmarkt In den Kapiteln 5 und 6 wurden bereits die mikroökonomischen Grundlagen für die Analyse des Arbeitsmarktes gelegt. Nun geht es darum, die gesamtwirtschaftliche Funktionsweise des Arbeitsmarktes und die wichtigsten Bestimmungsgründe für die makroökonomische Arbeitsangebots- und Nachfragefunktion zu untersuchen. 11.5.1 Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage besteht aus der Nachfrage der Gesamtheit aller Unternehmen in einer Volkswirtschaft nach Arbeitskräften, d. h. genauer ausgedrückt, nach der Arbeitsleistung der Arbeitskräfte. Diese Arbeitsleistung ist einer der beiden volkswirtschaftlichen Inputfaktoren bei der Erstellung des Bruttoinlandsprodukts. Da zur Produktion grundsätzlich Kapital und Arbeit erforderlich sind, werden für eine Outputsteigerung c.p. mehr Arbeitskräfte benötigt. 11.5 Der Arbeitsmarkt 621 Allerdings hängt das Ausmaß des Zuwachses an Arbeitsinput gleichzeitig auch von der Produktionstechnik ab. Liegt eine substitutionale Produktionsfunktion zugrunde, so kann der Faktor Arbeit flexibel erhöht werden, ohne dass gleichzeitig Kapitalbestand aufgestockt werden muss. Liegt jedoch eine limitationale Produktionstechnik vor, so ist die Arbeitsnachfrage zumindest kurzfristig relativ starr, es sei denn, dass ungenutzte Kapitalkapazitäten vorhanden sind, die durch zusätzlichen Arbeitsinput nun ausgelastet werden können. Abgesehen von den technischen Rahmenbedingungen sind für die Arbeitsnachfrage vor allem wirtschaftliche Faktoren entscheidend. Wie bei allen anderen Gütern auch entscheidet der Preis über den Umfang der Nachfrage. Ein gewinnmaximierendes Unternehmen kann einer Arbeitskraft pro Stunde höchstens so viel bezahlen, wie das Leistungsergebnis dieser Stunde auf dem Markt erbringt. Das bedeutet: Je geringer die Lohnforderung bei gegebenen Güterpreisen oder je höher die Güterpreise bei gegebenen Lohnforderungen sind, desto höher ist die Arbeitsnachfrage der Unternehmen. Dieser Zusammenhang kann nur dann durchbrochen werden, wenn die Produktivität einer Arbeitsstunde steigt, d. h. wenn in derselben Zeiteinheit mehr hergestellt wird, so dass auch bei konstanten Verkaufspreisen der Erlös je Arbeitsstunde wächst. Eine solche Produktivitätssteigerung ist meist das Ergebnis von technischem Fortschritt, also einer besseren Ausstattung mit Werkzeugen und Maschinen oder einer besseren Qualifikation der Arbeitskraft selbst. Aber auch eine höhere Motivation des Arbeitnehmers könnte für eine Produktivitätssteigerung verantwortlich sein. Als Einflussgrößen für die Arbeitsnachfrage können wir also insbesondere folgende Faktoren identifizieren: • Die Höhe des zu erstellenden Bruttoinlandsprodukts • Die Art der Produktionsfunktion • Technischer Fortschritt • Die Höhe der zu zahlenden Entlohnung • Die Höhe der Preise, die für die Endprodukte auf dem Markt erzielt werden können. Herleitung der Arbeitsnachfragefunktion aus einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion Der gesamtwirtschaftliche Produktionsprozess lässt sich annähernd mit einer Cobb-Douglas Produktionsfunktion beschreiben. Wenn Yr der reale Output ist, a eine technische Konstante, N der Arbeitsinput, K der Kapitalinput und α und β die entsprechenden Produktionselastizitäten, kann man für den gesamtwirtschaftlichen Output (der letztlich dem Realeinkommen entspricht) schreiben: rY a N K Kurzfristig ist davon auszugehen, dass der Kapitalstock konstant vorgegeben ist und nicht variiert werden kann. Da die Cobb-Douglas-Funktion jedoch eine substitutionale Funktion ist, kann eine Outputsteigerung auch ohne Kapitalaufstockung nur durch den vermehrten Input des Faktors Arbeit bewirkt werden. Wir erhalten dann rY a N K Für die Bestimmung der Arbeitsnachfrage ist die Grenzproduktivität der Arbeit entscheidend: 11 Makroökonomische Theorie622 r 1Y a N K N Die Gestalt dieser Funktion lässt sich am besten anhand eines Zahlenbeispiels illustrieren. Wenn sowohl die Produktionskonstante als auch der Kapitalstock den Wert 1 haben und die beiden Produktionselastizitäten jeweils 0,5 betragen (symmetrisch bezüglich beider Faktoren, lineare Homogenität), erhalten wir folgende Funktion: r 0,5Y N N, sowie als partielle Ableitung r 1 0,5Y 0,50,5 N N N Für zunehmende Einsätze von Arbeitskraft ergeben sich dann folgende Outputzuwächse: 0 1 1,41 1,73 2 2,24 rY / N ∞ 0,5 0,36 0,29 0,25 0,22 N 0 1 2 3 4 5 Abbildung 11-59 zeigt, dass der Grenzertrag der Arbeit bei konstantem Kapitalstock abnimmt. Bei vollständiger Konkurrenz auf Güter- und Faktormärkten zahlt ein Unternehmen für eine zusätzliche Arbeitskraft höchstens deren sog. Wertgrenzprodukt, d. h. den Marktwert der Leistung, die diese Arbeitskraft zusätzlich pro Stunde erbringt93. Steigende Beschäftigung wird also mit sinkendem Wertgrenzprodukt und damit mit sinkenden Reallöhnen einhergehen. 93 Mit Hilfe des sog. Euler’schen Theorems lässt sich zeigen, dass bei vollständiger Konkurrenz im Gleichgewicht jeder Produktionsfaktor genau mit seinem Wertgrenzprodukt entlohnt und dabei der Output vollständig für die Verteilung ausgeschöpft wird. Die Unternehmensgewinne i. e. S. werden Null. Dies entspricht auch dem Ergebnis der mikroökonomischen Marktanalyse eines langfristigen Marktgleichgewichts bei sollständiger Konkurrenz. 3 2 1 Yr, N Yr N Yr ∂ ∂ 321 54 N Yr ∂ ∂ Abbildung 11-59: Partielle Ertragsfunktion und Grenzertrag der Arbeit im Falle der Cobb-Douglas-Funktion rY N 11.5 Der Arbeitsmarkt 623 Für den Nominallohn w gilt nämlich: rY w P N bzw. für den Reallohn wr: r rw Y w P N Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfragefunktion ergibt sich daher unmittelbar aus der Grenzproduktivitätsfunktion der Arbeit. Gleichzeitig wird deutlich, dass durch den engen Zusammenhang zwischen der Arbeitsnachfrage und der Produktionsfunktion, d. h. dem Güterangebot und damit dem Realeinkommen einer Volkswirtschaft, jede Änderung des Reallohnsatzes unmittelbare Auswirkung auf Produktion, Einkommen und Beschäftigung hat. Wird z. B. in Abbildung 11-60 der Nominallohn erhöht, so dass bei stabilem Preisniveau der Reallohn auf das Niveau 2 steigt, reduziert sich die Arbeitsmenge auf N2 und damit der Output auf Y2, es sei denn, der Kapitalstock und/oder die Produktivität der Arbeitskraft steigen gleichzeitig auch, so dass sich die gesamte Arbeitsnachfrage nach rechts verlagert. Grundsätzlich ist bei vollkommener Konkurrenz eine Lohnerhöhung c.p. nur dann beschäftigungsneutral, wenn sie von einer entsprechenden Produktivitätssteigerung begleitet wird. N N Yr N1 N2 Y1 Y2 Arbeitsnachfragefunktion w P w P ( ) 2 w P ( ) 1 Produktionsfunktion Abbildung 11-60: Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfragefunktion 11 Makroökonomische Theorie624 Praxisbeispiel 11-9: Die Pest – ein Fall für Ökonomen?94 Im 14. Jahrhundert breitete sich über Europa die Beulenpest aus. Die Epidemie dezimierte die Bevölkerung in einem unvorstellbaren Ausmaß. Einige Länder beklagten einen Rückgang der Bevölkerung um mehr als ein Drittel. Auch die ökonomischen Auswirkungen der Pest waren dramatisch. Angesichts der stark geschrumpften Bevölkerung lag ein beträchtlicher Teil des fruchtbaren Bodens brach. Entgegen allen damaligen Erwartungen kam es jedoch nicht zu einem Verfall der Getreidepreise. Zum weiteren Erstaunen genossen die Arbeiter, die die Epidemie überstanden hatten, einen starken Anstieg ihrer Löhne. Was aber des einen Freud, was des andern Leid: Während die arbeitende Landbevölkerung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, mussten die Landbesitzer starke Verluste in ihren Einnahmen aus Renten und Pachten hinnehmen. Der Anstieg der Löhne und der Verfall der Bodenrenten lassen sich mit elementaren Konzepten der Volkswirtschaftslehre, nämlich mit Hilfe der neoklassischen Theorie der Grenzproduktentlohnung erklären. Wegen des starken Bevölkerungsschwundes und der gesunkenen Zahl der Arbeiter stieg das Grenzprodukt und damit der Lohn der Arbeit: ein zusätzlicher Arbeiter half nun mehr, den Ertrag zu erhöhen, als früher, als bereits viele Arbeitnehmer vorhanden waren. Zudem wurden mit dem Rückgang der Bevölkerung nur noch die besseren Böden bewirtschaftet, was wiederum die Produktivität der Landwirtschaft erhöhte und damit die Löhne. Auch der Rückgang der Bodenrenten und -pachten war durch den Rückgang der Anzahl der Arbeitskräfte begründet, da ein zusätzlicher Hektar Land bei der reduzierten Anzahl der Landarbeiter nicht mehr den Mehrertrag bringen konnte, der bei einer großen Anzahl der Landarbeiter möglich gewesen wäre. Land war im Verhältnis zum Faktor Arbeit plötzlich sehr reichlich geworden. So sank das Grenzprodukt des zweiten Produktionsfaktors Land und damit auch sein Preis. 11.5.2 Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot Wie wir bereits aus der mikroökonomischen Analyse wissen, wirken auf das Arbeitsangebot eines Wirtschaftssubjektes zahlreiche Faktoren ein. Die individuelle Messlatte jedes Wirtschaftssubjektes ist zum einen sein angestrebter Lebensstandard, zum anderen seine persönliche Einstellung zur Arbeit bzw. Freizeit. Je weniger Widerwillen jemand gegenüber seiner Arbeit hat, desto eher wird er bereit sein, Freizeit zu opfern und dafür durch erhöhten Arbeitseinsatz sein Einkommen zu erhöhen. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die wirtschaftliche Gesamtsituation dieses Haushalts. Verfügt er über Vermögenseinkommen, dann verringern sich die Notwendigkeit und die Motivation, zusätzlich Arbeitseinkommen zu erzielen, beträchtlich. Aus diesen Überlegungen kann man wichtige Zusammenhänge zwischen Nominallöhnen, Preisen und dem Arbeitsangebot folgern: Wenn c.p. der Lohn pro Stunde steigt, ist es möglich, mit demselben Arbeitseinsatz einen höheren Lebensstandard zu finanzieren als vorher. Pro Arbeitsstunde können nun mehr Konsumgüter erworben werden, so dass der Verzicht auf eine Stunde Freizeit höher kompensiert wird als zuvor. Höherer Lohn macht Arbeit also attraktiver. Derselbe Effekt ergibt sich, wenn bei konstantem Nominallohn das Preisniveau sinkt. Wenngleich in einzelwirtschaftlicher Betrachtung durchaus sehr individuelle Verhaltensprofile beim Arbeitsangebot möglich sind95, geht man in makroökonomischer Betrachtung davon aus, dass das Arbeitsangebot mit dem Reallohn insgesamt steigt: 94 In Anlehnung an Börsch-Supan/Schnabel (1998), S. 3 ff.; vgl. auch Mankiw (1998), S. 62 f. 95 Vgl. Abschnitt 5.4 „Das Arbeitsangebot des Haushalts“. 11.5 Der Arbeitsmarkt 625 Dieser Zusammenhang unterliegt allerdings diversen Einschränkungen. • Reallohnuntergrenze Kein rationales Wirtschaftssubjekt arbeitet für einen Lohn, der geringer oder nur unwesentlich höher ist als das, was der Staat für das Nichtstun bezahlt. Der Sozialhilfesatz ist somit eine faktische Lohnuntergrenze für das Arbeitsangebot. Dies kann wirtschaftspolitisch zu Problemen führen. Arbeitnehmer, deren Produktivität so niedrig ist, dass sie unterhalb des Sozialhilfesatzes liegt, werden nicht bereit sein, eine Arbeit anzunehmen, bei der sie weniger verdienen als die Sozialhilfe bereitstellt. Umgekehrt wird kein Unternehmen bereit sein, mehr Lohn zu zahlen als dem Wertgrenzprodukt der Arbeit entspricht. Diese Arbeitsplätze kommen daher nicht zustande. Es entsteht dauerhaft Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten. Die Lösung dieses Problems liegt in der Umgestaltung der Sozialhilfe zu einer aktivierenden Sozialhilfe, wie sie z. B. das ifo-Institut seit langem fordert: Statt Sozialhilfe zu kürzen oder zu streichen, sobald jemand wieder begonnen hat zu arbeiten, sollte die Sozialhilfe besonders niedrige Löhne aufstocken, d. h. der Staat sollte dann dazuzahlen, wenn jemand arbeitet und nicht, wenn jemand nicht arbeitet – natürlich nur bezogen auf arbeitsfähige Personen. Auch in den USA gibt es seit langem ein System der negativen Einkommensteuer, bei der der Staat bei (zu) niedrigen Einkommen einen gewissen Betrag drauflegt, um ein sozialpolitisch vertretbares Mindesteinkommen für alle zu gewährleisten. • Kurz- und langfristige Reaktion Arbeitnehmer werden in der kurzen Frist anders – nämlich gar nicht – auf Reallohnsteigerungen reagieren, als langfristig. In der Regel sind Arbeitsverhältnisse vertraglich abgesichert und können nicht beliebig schnell verändert werden. Vor allem Anpassungsvorgänge, die den Erwerb neuer Qualifikationen erfordern, benötigen viel Zeit. Insbesondere bei Reallohnsenkungen ist nicht mit einer schnellen Verringerung des Arbeitsangebots zu rechnen. Jeder Haushalt wird versuchen, seinen Lebensstandard zu Reallohnsatz Arbeitsstunden langfristig kurzfristig Sozialhilfesatz Arbeitsangebot Abbildung 11-61: Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebotsfunktion 11 Makroökonomische Theorie626 erhalten und daher sein Arbeitsangebot womöglich sogar ausdehnen, sicher aber nicht reduzieren. • Institutionelle Vorgaben Durch gesetzliche Bestimmungen ist dem Arbeitsangebot von Seiten des Staates eine Grenze gesetzt. In Deutschland dürfen Menschen erst ab einem Alter von 15 Jahren abhängig beschäftigt werden. Das gesetzliche Rentenalter steigt ab 2012 zwar schrittweise von 65 auf 67 Jahre an, bildet aber grundsätzlich eine obere Altersschranke für das Arbeitsangebot. Auch die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit ist sowohl durch die Arbeitsgesetzgebung als auch durch tarifvertragliche Bestimmungen eingeschränkt. • Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen Eine wesentliche Rolle bei der Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials spielen Familienstrukturen und kulturelle Traditionen in einem Land. Die Frauenerwerbstätigkeit z. B. ist in hohem Maße davon abhängig, wie sich im jeweiligen Land das traditionelle Familien- und Frauenbild entwickelt und wie die gesellschaftliche und staatliche Infrastruktur für die Kinderbetreuung beschaffen ist. Die Arbeitsmarktstatistik in Deutschland erfasst das Arbeitsangebot in verschiedenen statistischen Kategorien: Alle arbeitsfähigen Personen der deutschen Wohnbevölkerung zwischen 15 und 65 Jahren96 bilden zusammen das Erwerbspersonenpotenzial. Nicht alle Arbeitsfähigen sind allerdings auch arbeitswillig. Viele Menschen beziehen ihr Einkommen aus Vermögensbesitz oder werden von Familienmitgliedern mitversorgt. Daher zerfällt das Erwerbspersonenpotenzial in die tatsächlichen Erwerbspersonen und in die Nicht-Erwerbspersonen. 96 Bis zum Jahr 2029 wird das gesetzliche Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre erhöht. Es gibt inzwischen sogar weiterführende Vorschläge der Wirtschaftsweisen für eine Erhöhung auf 68 Jahre bis 2045 und auf 69 Jahre bis 2060. E R W E R B S P E R S O N E N P O T E N Z I A L (= arbeitsfähige Wohnbevölkerung zwischen 15 und 65 Jahren) E R W E R B S P E R S O N E N registrierte Arbeitslose Selbständige Erwerbspersonen Abhängige Erwerbspersonen (Abhängige) Erwerbstätige Erwerbslose N I C H T - E R W E R B S - P E R S O N E N Stille Reserve Abbildung 11-62: Das Arbeitsangebot in der deutschen Arbeitsmarktstatistik 11.5 Der Arbeitsmarkt 627 Erwerbspersonen sind Menschen, die eine selbständige oder abhängige Tätigkeit ausüben oder suchen. Man muss daher zunächst die Kategorien „selbständig“ und „abhängig“ unterscheiden und anschließend die abhängigen Erwerbspersonen auch noch danach unterteilen, ob sie tatsächlich erwerbstätig sind, d. h. einen Arbeitsplatz haben oder nicht. Diejenigen, die keinen Arbeitsplatz haben und arbeitssuchend sind, können entweder bei der Arbeitsagentur registriert sein – in diesem Fall werden sie bei der Berechnung der offiziellen Arbeitslosenquote mitgezählt – oder sie gehören zur sog. Stillen Reserve des Arbeitsmarktes. Das sind Menschen, die eine Arbeitsplatz suchen, sich aber nicht registrieren lassen, z. B. weil sie keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützungsleistungen von der Arbeitsagentur haben. In Deutschland ist die Anzahl der Erwerbspersonen zu Beginn der Neunziger Jahre durch die deutsche Wiedervereinigung von rund 32 Millionen auf rund 41 Millionen sprunghaft angestiegen und hat sich seitdem kontinuierlich auf knapp 44 Millionen erhöht. Allerdings war dieser Anstieg auch von zunehmender Arbeitslosigkeit begleitet. Die Arbeitslosenquote – hier definiert als Erwerbslose in % der Erwerbspersonen97 – erreichte mit 10,5 % im Jahr 2005 einen negativen Rekord. Seitdem steigt die Zahl der Erwerbstätigen deutlich an, obwohl die Anzahl der Erwerbspersonen bei rund 43,5 Millionen in etwa stagniert:98 97 Dies entspricht der ILO-Definition. Daneben wird in Deutschland noch eine andere Arbeitslosenquote berechnet und veröffentlicht. Diese bezieht die registrierten Arbeitslosen nur auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen und weist daher stets einen rechnerisch höheren Wert der Arbeitslosenquote aus. 98 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a). Erwerbslosenquote = Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen. 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Erwerbspersonen Erwerbstätige Erwerbslose in Mio. Erwerbslose in % der Erwerbspersonen Mio. 7,9 8,5 8,99,2 8,1 7,4 7,5 8,3 9,2 9,7 10,5 9,8 8,3 7,2 7,4 6,8 8,1 7,5 6,2 5,3 4,5 5,35,7 Abbildung 11-63: Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit in Deutschland, 1990 bis 201298 11 Makroökonomische Theorie628 Zur genaueren Bestimmung des Arbeitsangebotes eines Landes sind darüber hinaus Strukturdaten, v. a. die Qualifikationsstruktur und die Altersstruktur wichtig. 11.5.3 Das Arbeitsmarktgleichgewicht Wie auf jedem anderen Markt herrscht Gleichgewicht, wenn Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage gleich groß sind. Dies ist bei genau einem Reallohnsatz der Fall. Liegt der Reallohn unter dem Gleichgewichtswert, so besteht eine Übernachfrage nach Arbeit in Höhe der Strecke b. Die Unternehmen werden sich im Wettbewerb um die Arbeitskräfte gegenseitig mit ihren Lohnangeboten überbieten, bis der Reallohn zum Gleichgewichtswert gestiegen ist. Wenn der Reallohn höher ist als im Gleichgewicht, dann übersteigt das Arbeitsangebot die Nachfrage und es herrscht Arbeitslosigkeit im Umfang a. In diesem Fall sinken die Nominallöhne, weil die Arbeitnehmer sich gegenseitig mit ihren Lohnforderungen unterbieten, bis beim Gleichgewichtsreallohnsatz wieder Vollbeschäftigung herrscht. Bei vollständig flexiblem Nominallohn pendelt der Reallohnsatz (bei gegebenem Preisniveau) also stets zu seinem Gleichgewichtswert zurück. Dauerhafte Arbeitslosigkeit kann nur dann entstehen, wenn der Lohn seine Anpassungsfähigkeit verliert. Dies wird in der folgenden Übung anhand eines Höchstpreises demonstriert99. Übung 11-14: Arbeit und Brot In einer Volkswirtschaft (neo)klassischer Prägung wird ausschließlich Getreide produziert. Die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion lautet: Y N K , wobei 0,5 und K 2.500 a) Leiten Sie die Grenzproduktivität der Arbeit ab. b) Wie hoch ist der Nominallohnsatz im Gleichgewicht, wenn 36 Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und der Preis für eine Einheit Getreide 24 beträgt? c) Um sicherzustellen, dass sich alle Bevölkerungsschichten Brot leisten können, führt die Regierung einen Höchstpreis für Getreide in Höhe von 20 ein. Was passiert auf dem Arbeitsmarkt? d) Berechnen Sie die Veränderungen und begründen Sie Ihr Vorgehen. e) Was würde in einer keynesianischen Wirtschaft passieren? Lösung: a) 0,5 0,5Y N 2.500 50 N 0,5Y 2550 0,5 N N N b) Der Nominallohn w ist gleich dem Wertgrenzprodukt der Arbeit an der Stelle N=36: 25 25 24 w 24 100 636 99 In Anlehnung an Pfahler/Thuy (1998), S. 190. 11.5 Der Arbeitsmarkt 629 c) Die Höchstpreissetzung führt zu einer Verringerung des Arbeitseinsatzes, denn der bisher geltende Lohnsatz w = 100 liegt über dem neuen Wertgrenzprodukt von ca. 83,3. Wenn der Arbeitseinsatz sinkt, steigt jedoch die Grenzproduktivität: 25 20 100 N 500 100 N 5 N N 25 Es entsteht also Arbeitslosigkeit in Höhe von 11. d) In einer klassischen Wirtschaft würde auf dem Arbeitsmarkt der Nominallohn solange sinken, bis alle Arbeitslosen wieder in den Arbeitsmarkt integriert sind, nämlich auf 25 20 83,3 36 . e) In einer keynesianischen Wirtschaft hingegen ist der Lohnsatz nach unten starr. Wenn sich das Preisniveau nicht ändert, kann daher der Reallohn nicht sinken und die Arbeitslosigkeit bleibt bestehen. Die Outputmenge Y, die bei Vollbeschäftigung produziert wird, ist die höchste Angebotsmenge, die in einer Volkswirtschaft bei gegebenem Kapitalstock möglich ist. Wie in jedem Marktungleichgewicht wird auch im Arbeitsmarktungleichgewicht immer die kürzere Marktseite realisiert, d. h. wenn der Reallohn zu hoch ist, die Nachfrageseite, wenn der Reallohn zu niedrig ist, die Angebotsseite, was bei einer senkrechten Arbeitsangebotsfunktion wie in Abbildung 11-64 ebenfalls zur Vollbeschäftigungsmenge führt. Reallohnsatz Arbeitsstunden Arbeitsangebot (kurzfristig) Sozialhilfesatz Gleichgewichtsreallohn Arbeitsnachfrage a b a: Unterbeschäftigung, d.h. Arbeitslosigkeit; Reallohn ist zu hoch b: Überschäftigung; Reallohn ist zu niedrig Abbildung 11-64: Das Arbeitsmarktgleichgewicht 11 Makroökonomische Theorie630 Das Arbeitsmarktgleichgewicht begrenzt also die Angebotsmenge einer Volkswirtschaft nach oben. Gleichzeitig bedeutet jedes Arbeitsmarktungleichgewicht, das Arbeitslosigkeit erzeugt und daher nur einen Teil des angebotenen Arbeitskräftepotentials ausnutzt, gesamtwirtschaftlichen Verzicht auf Wohlstand: Das Bruttoinlandsprodukt ist dann kleiner als es sein könnte, wenn tatsächlich alle volkswirtschaftlichen Ressourcen eingesetzt würden. Praxisbeispiel 11-10: Das Okun’sche Gesetz100 Beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tragen dazu bei, Güter und Dienstleistungen zu erzeugen, Arbeitslose jedoch nicht. Es ist daher zu erwarten, dass ein Anstieg der Arbeitslosenquote eine Abnahme des realen Inlandsproduktes impliziert. Diese tatsächlich zu beobachtende negative Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und BIP-Wachstum wird als Okun’sches Gesetz bezeichnet. Der amerikanische Ökonom Arthur Okun war der erste, der sich mit diesem Zusammenhang explizit beschäftigte101. Anhand der Jahresdaten für die Vereinigten Staaten ermittelte Okun hierfür eine Regressionsgerade, die folgender Gleichung gehorcht: Prozentuale Änderung des BIP = 3 % – 2 x Änderung der Arbeitslosenquote Bleibt die Arbeitslosenquote unverändert, so wächst das reale BIP um etwa 3 %. Dieses „normale“ Wachstum ist auf Bevölkerungswachstum, Kapitalakkumulation und technischen Fortschritt zurückzuführen. Für jeden Prozentpunkt, um den die Arbeitslosigkeit steigt, sinkt die Wachstumsrate des BIP im Durchschnitt um ca. 2 Prozentpunkte. Steigt daher die Arbeitslosenquote beispielsweise von 6 auf 8 Prozent, ergibt sich für das reale BIP eine Schrumpfungsrate von 1 %. Wenn man die Okun-Gleichung auf deutsche Daten anwendet, ergibt sich folgendes Bild:102 Obwohl in dieser Graphik die Okun-Gleichung ohne strukturelle Anpassung auf die deutschen Daten angewendet wird, tritt der Zusammenhang zwischen der beobachteten realen Wachstumsrate des BIP und der Veränderung der Arbeitslosenquote im Okun-Wachstum deutlich 100 In Anlehnung an Mankiw (1998). 101 Vgl. Okun (1962). 102 Eigene Berechnung auf Basis der standardisierten Arbeitslosenquote. Quellen: Standardisierte Arbeitslosenquote: OECD (2013), reales BIP-Wachstum: Statistisches Bundesamt (2013a). -6 -4 -2 0 2 4 6 8 19 80 19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06 20 07 20 08 20 09 20 10 20 11 20 12 Okun-Wachstum reales BIP-Wachstum Abbildung 11-65: Reales BIP-Wachstum und Okun-Wachstum in Deutschland, 1980 bis 2012102 11.5 Der Arbeitsmarkt 631 zutage. Lediglich während der jüngsten Wirtschaftskrise im Jahr 2009 weichen die beiden Wachstumsraten weiter auseinander, da die Arbeitslosigkeit u. a. dank umfangreicher konjunkturpolitischer Maßnahmen, wie z. B. Kurzarbeit, einen wesentlich geringeren Anstieg verzeichnete als es ohne diese Stützungsmaßnahmen der Fall gewesen wäre. Wenn die Annahme vollkommen flexibler Löhne zutreffen würde, könnte Arbeitslosigkeit langfristig allerdings gar nicht bestehen. Offenbar gibt es in der Realität Mechanismen, die eine Anpassung des Reallohnes an das Vollbeschäftigungsniveau häufig verhindern. Tatsächlich kann man zahlreiche Gründe für Lohnstarrheiten finden: • Tariflöhne und gewerkschaftlicher Organisationsgrad Arbeitsmärkte sind zumeist keine freien Märkte, auf denen die einzelnen Anbieter und Nachfrager miteinander völlig frei Preise aushandeln. Aus verschiedenen, v. a. sozialpolitischen Gründen sind sie in der Regel stark reguliert. In Deutschland handeln im Rahmen der Tarifautonomie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in bilateralen Monopolverhandlungen Löhne und Arbeitsbedingungen aus. Die tarifvertraglich vereinbarten Löhne dürfen von den tarifgebundenen Unternehmen dann nicht unterschritten werden. Sie haben die Funktion verbindlicher Mindestlöhne. Wenn diese Löhne oberhalb des Gleichgewichtslohnes für den betreffenden Sektor liegen, entsteht Arbeitslosigkeit. Es gibt empirische Untersuchungen, die belegen, dass bei steigendem gewerkschaftlichem Organisationsgrad die Arbeitslosigkeit zunimmt. Wenn die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften steigt, gelingt es ihnen möglicherweise, ein Lohnniveau durchzusetzen, das oberhalb des Gleichgewichtsniveaus liegt, so dass auf diese Weise auch die Arbeitslosigkeit höher wird103. Es entsteht somit ein typisches Insider-Outsider-Problem: Je besser die Gewerkschaften für ihre zahlenden Mitglieder, also die, die einen Arbeitsplatz haben, verhandeln, desto höher werden die Wiedereinstiegshürden für jene, die ihren Arbeitsplatz bereits verloren haben oder verlieren104. • Gesetzliche Mindestlöhne Das Gleiche gilt natürlich für gesetzliche Mindestlöhne, bei denen der Staat allgemeinverbindlich für alle Branchen eine untere Schranke in das Tarifgefüge einzieht. Als Begründung für solch einen Schritt wird entweder eine zu geringe tarifliche Bindung der Arbeitgeber, die Bedrohung des inländischen (hohen) Lohnniveaus durch die Konkurrenz mobiler ausländischer Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsleistung (aus Inlandssicht) zu Dumpinglöhnen anbieten, oder die Existenz von Arbeitsnachfragemonopsonen angeführt, die es einzelnen Arbeitgebern erlauben, Löhne durchzusetzen, welche unterhalb des Gleichgewichtsreallohnes liegen. Sofern tatsächlich letzteres zutrifft, sind Mindestlöhne auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll und notwendig, um Marktversagen auszugleichen. Liegen sie allerdings deutlich über dem Gleichgewichtsniveau, ist dauerhafte und branchenübergreifende Arbeitslosigkeit die unausweichliche Folge. Aus diesem Grund äußerten sich zahlreiche Wissenschaftler und Forschungsinstitute einhellig in ungewöhnlich eindeutiger und 103 Vgl. z. B. Grubel (1988) oder Mankiw (1998), S. 149 ff. 104 Allerdings wird die Verantwortung für die Arbeitslosen gerade in einer Sozialen Marktwirtschaft neuerer Prägung beim Staat und nicht mehr bei den Tarifpartnern gesehen. Es wird ihnen dadurch ermöglicht, de facto Verträge zu Lasten Dritter abzuschließen und die volkswirtschaftlichen Kosten „zu hoher“ Tarifabschlüsse zu versozialisieren, d. h. auf Dritte abzuwälzen. Vgl. die Ausführungen zur Geschichte der Sozialen Marktwirtschaft in Abschnitt 3.6.2. Vgl. z. B. auch Berthold (1999) und (2003). 11 Makroökonomische Theorie632 scharfer Form gegen die Einführung eines allgemein verbindlichen Mindestlohnes von 7,50 €, die im Herbst 2007 die politische Diskussion in Deutschland bestimmte. Praxisbeispiel 11-11: Gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland?105 Das Thema „gesetzlicher Mindestlohn“ beherrschte die politischen Auseinandersetzungen vor der Bundestagswahl 2013 wie auch die nachfolgenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/ CSU und SPD. Es ist allerdings nicht neu. Bereits während der großen Koalition in den Jahren 2005 bis 2009 wurde der Mindestlohn von der SPD wie auch den Gewerkschaften vehement eingefordert. Dies nahm Hans Werner Sinn in der Vorweihnachtszeit 2007 zum Anlass für eine pointierte Stellungnahme in den ifo-Standpunkten: „Weihnachten nähert sich, und deshalb muss die Mindestlohndebatte vom Tisch. Die Union springt über ihren Schatten und beschließt den flächendeckenden Mindestlohn in Höhe von 7,50 Euro. Mir wird angst bei dieser Vorstellung. Gut gemeint und gut getan ist nicht dasselbe. Flächendeckende Mindestlöhne in der diskutierten Höhe erzeugen eine Massenarbeitslosigkeit, und die Alternative zu den Mindestlöhnen ist nicht neoliberale Kälte, sondern eine Sicherung von Mindesteinkommen durch Lohnzuschüsse. … Dass Mindestlöhne, die den Markt binden, in großem Umfang Stellen vernichten, wissen wir aus internationalen Vergleichen. In den USA, wo man gerade mal 4 Euro kriegt, ist der Mindestlohn kein Problem, weil er so niedrig ist. Nur etwa 1 % der Lohnbezieher verdient ihn. Ähnlich niedrig (1,9 %) ist der Anteil der Lohnbezieher in Großbritannien, die zum Mindestlohn arbeiten … Ganz anders ist es bei dem hohen französischen Mindestlohn, den 15 % der Lohnbezieher erhalten. Er hat den Arbeitsmarkt genauso kaputt gemacht wie der implizite Mindestlohn, den das deutsche Lohnersatzsystem [gemeint ist das deutsche Sozialhilfesystem, Anm.d.Verf.] schafft. Die brennenden französischen Schulbusse haben ihre Ursache im Mindestlohn. Wir wissen um die Jobverluste auch aus einschlägigen Studien für Deutschland. Das Statistische Bundesamt hat mitgeteilt, dass im Westen ein Neuntel der privat beschäftigten Arbeitnehmer und im Osten ein Viertel weniger als 7,50 Euro pro Stunde verdient. Seriöse und vorsichtige Schätzungen des ifo und IWH kommen zu dem Schluss, dass durch einen Mindestlohn in dieser Höhe im Westen 800.000 und im Osten 300.000 Jobs verloren gehen. … Wenn Frau Merkel bei ihren Bürgern zu Weihnachten nicht nur gute Gefühle wecken will, sondern ihnen wirklich Gutes tun will, dann sollte sie keinerlei Kompromiss in der Mindestlohnfrage zustimmen. Nicht das Christkind, sondern der Teufel hat sich den Mindestlohn ausgedacht.“ • Sozialhilfe als Lohnersatz Wie bereits dargelegt wirkt Sozialhilfe, die immer nur dann gezahlt wird, wenn der Empfänger oder die Empfängerin nicht arbeitet, wie ein Mindestlohn. Kein rationales Wirtschaftsubjekt arbeitet für einen geringeren Lohn, als den, der vom Staat für Freizeit gezahlt wird. Ein solches Sozialsystem fungiert daher als Konkurrent der Arbeitgeber für unqualifizierte Arbeit und zerstört in diesem Sektor des Arbeitsmarktes Arbeitsplätze für all diejenigen, deren Wertgrenzprodukt unterhalb des Sozialhilfesatzes liegt. • Effizienzlöhne Häufig wird auch die Effizienzlohntheorie als Grund für Lohnstarrheiten angeführt. Sie beruht darauf, dass Lohnsteigerungen die Arbeitnehmer motivieren und auf diese Weise zu Produktivitätssteigerungen führen. Umgekehrt würden dann natürlich Lohnsenkungen eine Verschlechterung der Arbeitsqualität und/oder -produktivität bewirken. Auf diese Weise könnten Lohnsteigerungen letztendlich zu einer Senkung der Lohnstückkosten und Lohnsenkungen zu einer Erhöhung führen. Als prominentester Beleg für diese Theorie gilt Henry Ford mit seinem 5-Dollar-Day106. 105 Sinn (2007). 106 Vgl. oben Abschnitt 2.3.2 „Arbeitsteilung“. 11.5 Der Arbeitsmarkt 633 Arbeitsmarktgleichgewicht und Preisniveau: Die Phillips-Kurve Angesichts all dieser Hindernisse, durch Nominallohnsenkungen zu einem markträumenden Gleichgewichtsreallohn zu kommen, drängt sich ein neuer Gedanke auf: Warum lässt man nicht einfach Preissteigerungen zu? Schließlich kann ein Bruch, d. h. der Reallohn, seinen Wert auf zweierlei Wegen verringern: Entweder der Zähler sinkt oder der Nenner steigt! Wenn Ersteres offenbar so problematisch ist, warum sollte man dann nicht das Zweite wählen? Das war und ist in der Tat ein bestechender Gedanke, der unter dem Namen Phillips-Kurve berühmt geworden ist. A.W. Phillips, ein Wirtschaftswissenschaftler an der London School of Economics, fand in einer Langfristuntersuchung für England heraus, dass die Entwicklung der Geldlöhne (ŵ) und die Arbeitslosenquote (u) offenbar gegenläufig ist. Dieser Zusammenhang liegt nahe, wenn man bedenkt, dass Nominallohnsteigerungen am leichtesten dann durchgesetzt werden können, wenn Arbeitskräftemangel besteht. Aus dieser originären Phillipskurve schloss man bald aber auf einen analogen Zusammenhang zwischen der Preissteigerungsrate (p̂) und der Arbeitslosenquote (u). Diese abgeleitete Kurve bezeichnete man nun als Phillipskurve. Dass Lohn- und Preissteigerungen in der Regel zusammentreffen, ist ebenfalls naheliegend, da beide Phänomene typische Kennzeichen konjunktureller Überhitzung, also Folge einer Übernachfrage sind. Aus der Phillipskurve wurde dann der wirtschaftspolitische Schluss gezogen, dass Inflation zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit beitragen könne bzw. dass Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung konkurrierende Ziele seien, zwischen denen ein sog. trade-off bestehe: Eine Senkung der Inflationsrate müsse mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote bezahlt werden und umgekehrt. Nach dem Ölpreisschock Anfang der siebziger Jahre kamen allerdings Zweifel an der Phillipskurve auf. In vielen westlichen Industrieländern schien der bis dato so eindeutige Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit verloren gegangen zu sein. Plötz- Originäre Phillipskurve Abgeleitete Phillipskurve u ^ w u ^ p Abbildung 11-66: Die originäre (links) und abgeleitete (rechts) Phillipskurve 11 Makroökonomische Theorie634 lich waren hohe Inflationsraten mit hohen Arbeitslosenraten verbunden. Das Schlagwort der Stagflation machte die Runde. Ein möglicher Grund für das neue Phänomen sind die sog. adaptiven Erwartungen.107 Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft herrscht aus friktionellen und/oder strukturellen Gründen die Arbeitslosigkeit u bei gleichzeitiger Preisniveaustabilität (Punkt A). Um die als zu hoch empfundene Arbeitslosenquote zu senken, beschließt die Regierung ein expansives Ausgabenprogramm, das zu einer Nachfrage- und Preissteigerung führt. Da die Reallöhne durch die Preissteigerung sinken, erhöht sich die Arbeitsnachfrage und die Arbeitslosenquote geht zurück (Punkt B). Inzwischen ist den Arbeitnehmern aber bewusst geworden, dass ihr Reallohn gesunken ist. Sie erwarten, dass die inzwischen eingetretene Geldentwertung sich auch in Zukunft fortsetzen wird und verlangen in den nächsten Tarifverhandlungen einen entsprechenden Nominallohnzuschlag zum Ausgleich für den realen Kaufkraftverlust. Da die wirtschaftliche Lage gut ist und Arbeitskräfte knapper geworden sind, gelingt ihnen das auch. Die Nominallöhne steigen also, mit ihnen steigen auch die Reallöhne und die Arbeitslosigkeit kehrt ebenfalls auf ihr altes Niveau zurück. In der neuen Situation (Punkt C) ist die Arbeitslosigkeit also genauso hoch wie zu Beginn dieses Teufelskreises; allerdings hat sich die Inflation inzwischen beschleunigt. Langfristig gelingt es daher nicht, Geldwertstabilität für mehr Beschäftigung zu opfern. Preisniveausteigerungen können – wenn überhaupt – nur eine vorübergehende Entlastung auf dem Arbeitsmarkt bewirken. 107 Vgl. Gruber/Kleber (2000), S. 260 ff. oder auch Görgens/Ruckriegel (2002), S. 226 ff. p ^ u p p ^ ^ 2 1 D B E C A u‘ u - ^ ^ ^ 2 p p p e = ^ ^ 1 p p e = 0 e = Abbildung 11-67: Kurzfristige und langfristige Phillipskurven107 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 635 Die Basis-Arbeitslosenquote u nennt man deshalb auch NAIRU-Quote, das bedeutet „Non accelerating rate of unemployment“. Sobald die Arbeitslosigkeit mit expansiven konjunkturpolitischen Maßnahmen unter dieses Niveau gedrückt wird, beschleunigt sich nämlich (wie in Abbildung 11-67 beschrieben) die Inflation, ohne auf dem Arbeitsmarkt langfristig zu Entlastung zu führen. Die NAIRU-Quote kann nur mit geeigneten angebotsorientierten Maßnahmen, d. h. strukturellen Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt verringert werden. 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen Endlich sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die drei großen makroökonomischen Märkte zu einem Gesamtmodell zusammengefügt werden können: Der Gütermarkt, der über die Spar- und Investitionsaktivitäten gleichzeitig die Rahmenbedingungen für den Kapitalmarkt schafft, der Geldmarkt, auf dem sich die monetären Strukturen für die Volkswirtschaft herausbilden, und der Arbeitsmarkt, der bei gegebenem Kapitalstock über die Produktivität der Volkswirtschaft bestimmt. Wir haben bei den bisherigen Analysen fast durchwegs ein konstantes Preisniveau unterstellt. Nominale und reale Größen mussten daher nicht unterschieden werden. Lediglich bei der Analyse des Arbeitsmarktes trat durch den Reallohn erstmals das Preisniveau als mögliche zusätzliche Variable des Modells in Erscheinung. Diese Überlegung soll nun auch auf die beiden anderen Märkte übertragen werden. 11.6.1 Die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion Die reale Kaufkraft einer bestimmten Geldmenge ergibt sich, wenn man den Nominalwert der Geldmenge durch das Güterpreisniveau teilt. Wenn die Geldumlaufsgeschwindigkeit auf 1 normiert wird, kann man schreiben: r r MY P M Y P Aus der nominalen Geldmenge wird die sog. Realkasse, d. h. ein Maß dafür, wie viele Güter und Dienstleistungen mit einer bestimmten Menge Geldes tatsächlich erworben werden können. Jede Änderung des Preisniveaus ruft daher Änderungen der Realkasse hervor: Ein Absinken des Preisniveaus wirkt wie eine Erhöhung des nominalen Geldangebotes. Wenn man annimmt, dass die Wirtschaftssubjekte keiner Geldillusion unterliegen, d. h. ihre Transaktionen an den realen und nicht an den nominalen Werten ausrichten, folgt daraus eine entsprechende Änderung im Nachfrageverhalten auf den Gütermärkten. Da die (reale) Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte durch das Absinken des Preisniveaus über das ursprünglich gewünschte Maß hinaus gewachsen ist, bauen diese ihre Kassenhaltung durch zusätzliche Ausgaben ab. Die Nachfrage steigt. Man nennt diesen Effekt den Realkasseneffekt108. 108 Auf welche Weise es zu diesem Transmissionsmechanismus kommt, wird in der Wirtschaftstheorie unterschiedlich erklärt. Beim sog. Cambridge-Effekt verursacht der Realkassenüberschuss unmittelbar eine Nachfragesteigerung nach Gütern, wodurch bei gegebenem Güterangebot die Preise wieder steigen, bis der gewünschte Wert der Realkassen wieder erreicht ist. Beim sog. Keynes-Effekt führt der Realkassenüberhang zu einer verstärkten Nachfrage nach Wertpapieren, dadurch zu steigenden 11 Makroökonomische Theorie636 Im IS-LM-Modell lässt sich dieser Sachverhalt durch eine Rechtsverschiebung der LM-Kurve darstellen. Da eine Senkung des Preisniveaus die Kaufkraft der Geldmenge M erhöht, verschiebt eine Preissenkung die Budgetrestriktion S TM L L und damit auch die LM-Kurve selbst nach rechts. Der IS-LM- Gleichgewichtspunkt wandert durch die Preissenkung nach rechts, Einkommen und Beschäftigung dehnen sich aus. Der Realkasseneffekt widerlegt daher die Annahme der Klassiker über die Dichotomie des güter- und geldwirtschaftlichen Bereichs. Geld legt nicht nur den Geldschleier über die realen Austauschverhältnisse, sondern es gibt wirksame Transmissionsmechanismen, die monetäre Impulse auf den güterwirtschaftlichen Bereich übertragen können. Verbindet man die Gleichgewichtswerte für die Gütermenge Y mit den dazugehörigen Preisniveaus (unteres Diagramm in Abbildung  11-69), dann erhält man die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion. Sie stellt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Güternachfrage und verschiedenen Preisniveaus bei gegebener nominaler Geldmenge her. Das Geldangebot M ist in diesem Diagramm also ein Lageparameter: Erhöhungen der Geldmenge verschieben die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion nach rechts, Verringerungen von M verschieben sie nach links. 11.6.2 Das gesamtwirtschaftliche Angebot Das gesamtwirtschaftliche Angebot wird – bei gegebener Kapitalausstattung und Technologie – vom Arbeitsmarkt bestimmt. Wie wir in Abschnitt 11.5.3 bereits festgestellt haben, spielt das Preisniveau für die Höhe des Reallohnsatzes und damit auch für die Lage des Arbeitsmarktgleichgewichts eine wesentliche Rolle. Bisher gingen wir allerdings davon aus, dass das Preisniveau konstant sei und haben die Veränderungen des Nominallohnsatzes auf das Arbeitsmarktgleichgewicht untersucht. Wir haben festgestellt, dass es dabei entscheidend darauf ankommt, wie flexibel der Nominallohn auf Störungen des Gleichgewichts reagieren kann. Kursen und fallenden Zinsen, wodurch wiederum die Investitionsnachfrage steigt. In diesem Fall ist der Zusammenhang zwischen Preisniveauänderung und Änderung der Güternachfrage also indirekt, im Ergebnis aber gleich. M/P = Realkasse i wobei P1 > P2 * 1i * 2i 1P M 2P M L = LT + LS= L(i, Y0) Abbildung 11-68: Der Geldmarkt bei flexiblen Preisen 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 637 Wenn wir im Folgenden die Wirkung von Preisniveauschwankungen auf das Arbeitsmarktergebnis und damit das gesamtwirtschaftliche Angebot untersuchen wollen, müssen wir daher die beiden Fälle flexibler und starrer Nominallöhne voneinander unterscheiden. Flexible Nominallöhne Der Quadrant II in Abbildung 11-70 zeigt den Arbeitsmarkt. Angebot und Nachfrage nach Arbeit (N) hängen vom Reallohn w/P ab. Wenn in diesem Modell Preisniveauschwankungen auftreten, würden sich die Nominallöhne immer sofort so anpassen, dass wieder der Gleichgewichtsreallohn (w/P)* erreicht wird. Der Reallohn hat bezüglich des Preisniveaus also die Elastizität von 0. Dieser Sachverhalt ist im ersten Quadranten dargestellt. Der Funktionsgraph des Reallohnes bezüglich des Preisniveaus P ist eine gerade Linie parallel zur Preis-Achse in Höhe des Vollbeschäftigungswertes (w/P)* des Reallohnes. Auf dem Arbeitsmarkt wird daher stets die Vollbeschäftigungsarbeitsmenge N* erreicht. Diese führt in Kombination mit dem gegebenen Kapitalstock über die Produktionsfunktion im dritten Quadranten zur Angebotsmenge YA. Diese ist für jedes Preisniveau konstant i Y LM(P1) IS LM(P2) wobei P1 > P2 P Y Gesamtwirtschaftliche Nachfrage Y1 Y2 P1 P2 YN Abbildung 11-69: Das IS-LM-Gleichgewicht bei flexiblen Preisen und die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion 11 Makroökonomische Theorie638 und immer gleich der Vollbeschäftigungsmenge. Die Angebotsfunktion verläuft ebenfalls parallel zur Preisachse und hat immer den bei gegebener Kapitalausstattung und Technologie höchstmöglichen Wert. Eine Erhöhung des Angebotes wäre nur langfristig über Wirtschaftswachstum möglich. Nach unten starre Nominallöhne Diese Situation ändert sich, wenn man (realistischerweise) annimmt, dass die Nominallöhne vor allem nach unten starr sind und sich nicht ohne weiteres an eine Preissenkung anpassen können. Wenn der Reallohn über dem Gleichgewichtsniveau liegt (z. B. bei (w/P)1 im zweiten Quadranten von Abbildung 11-71), bleibt der Nominallohn starr statt auf Vollbeschäftigungsniveau zu sinken und Arbeitslosigkeit entsteht. Nur eine eventuelle Preissteigerung kann in dieser Situation den Reallohn senken und zum Arbeitsmarktgleichgewicht zurückführen109. Die Reallohnfunktion im ersten Quadranten hat daher bis zum Vollbeschäftigungswert den Verlauf einer Hyperbel, denn der Nominallohn im Zähler ist starr und wird mit zunehmendem Preisniveau durch einen immer größer werdenden Nenner geteilt. Sobald der Reallohn den Vollbeschäftigungswert erreicht hat, würde eine weitere Preissteigerung jedoch zu Überbeschäftigung führen, denn bei Reallöhnen, die unter dem Gleichgewichtsniveau liegen, übersteigt die Arbeitsnachfrage das -angebot. In diesem Fall werden daher auch die Nominallöhne steigen, da die Arbeitgeber über höhere Löhne um die 109 Diese Argumentation passt also wunderbar zum Konzept der Phillipskurve, was den Glauben an einen stabilen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit daher zunächst gestärkt hat. N Y P P w Arbeitsnachfrage Arbeitsangebot Arbeitsmarkt Produktionsfunktion Y = f(N, K; K=const.) Gesamtwirtschaftliches Angebot Reallohn N* Y* YA *) P w( P w I II IV III Abbildung 11-70: Das gesamtwirtschaftliche Angebot bei flexiblen Preisen und Löhnen 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 639 Arbeitnehmer konkurrieren müssen. Der Reallohn kann also auch bei weiterhin steigenden Preisen nicht unter das Vollbeschäftigungsniveau fallen. Die Reallohnfunktion im ersten Quadranten wird ab dem Vollbeschäftigungswert wieder zu einer Parallelen zur Preisachse, genau wie im Modell vollständig flexibler Löhne. In diesem Modell kann es also dazu kommen, dass bei unterschiedlichen Preisniveaus unterschiedliche Arbeitsmengen im Produktionsprozess eingesetzt werden. Die Obergrenze ist die Vollbeschäftigungsarbeitsmenge, aber auch niedrigere Werte sind möglich. Über die Produktionsfunktion ergeben sich daher in Abhängigkeit des Preisniveaus verschiedene Angebotsmengen (vgl. vierter Quadrant in Abbildung 11-71). Das Güterangebot YA ist bis zum Vollbeschäftigungsniveau preisabhängig. 11.6.3 Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht und wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen Nun fügen wir die gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfragekurve zu einem Totalmodell zusammen. 11.6.3.1 Die klassische Sicht Aus klassischer Sicht gibt es nur eine Lösung: Ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht. N Y P P w Arbeitsnachfrage Arbeitsangebot Arbeitsmarkt Produktionsfunktion Y = f(N, K; K=const.) Gesamtwirtschaftliches Angebot Reallohn N* Y* YA *) P w( w I II IV III P* 1) P w( Y1 Arbeitslose N1 P1 Abbildung 11-71: Das gesamtwirtschaftliche Angebot bei flexiblen Preisen und (nach unten) starren Löhnen 11 Makroökonomische Theorie640 Über den flexiblen Nominallohn wird auf dem Arbeitsmarkt stets Vollbeschäftigungsniveau erreicht und daher auch das Vollbeschäftigungseinkommen produziert. Der Arbeitsmarkt entscheidet also über die Höhe der Beschäftigung, den Reallohn und die Produktion. Die Angebotsfunktion YA verläuft senkrecht. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage YN bestimmt lediglich das dazu gehörige Preisniveau. Der Geldmarkt, d. h. die nominale Geldmenge hat auf die realen Größen, einschließlich des Zinssatzes keinen Einfluss. Wird die Geldmenge M erhöht, so führt dies zwar zunächst zu einem Anstieg der Realkasse und damit einer Rechtsverschiebung der LM-Kurve im fünften Quadranten. Dadurch verschiebt sich jedoch auch die die Nachfragekurve YN nach rechts (M ist ein Lageparameter für die Nachfragekurve!), was wegen der völlig unelastischen Angebotsfunktion zu einem Anstieg des Preisniveaus führt. Dieser Preisanstieg bewirkt, dass der Wert der Realkasse (M/P) auf den Gleichgewichtswert zurückfällt und die LM-Kurve an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt. Arbeitsmenge, Beschäftigung und Zins haben sich also im Ergebnis nicht verändert. Lediglich das Preisniveau ist angestiegen. So entsteht das klassische Ergebnis, dass das Geld neutral ist: Eine steigende Geldmenge erhöht nur das Preisniveau (den „Geldschleier“), beeinflusst aber nicht die realen Verhältnisse in einer Volkswirtschaft. N Y P P w Arbeitsnachfrage Arbeitsangebot Arbeitsmarkt Produktionsfunktion Y = f(N, K; K=const.) Gütermarkt Reallohn N* Y* YA *) P w( P w I II IV III LM Y i IS Y* i* P* IS-LM V YN Abbildung 11-72: Das klassische Modell der Gesamtwirtschaft 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 641 Erfolgreiche Wirtschaftspolitik besteht also vor allem darin, die Rahmenbedingungen für den Markt so zu gestalten, dass der Preismechanismus möglichst perfekt wirken kann. Weiteres wirtschaftspolitisches Eingreifen zur Herstellung oder Bewahrung der Vollbeschäftigung ist nicht erforderlich. 11.6.3.2 Die keynesianische Sicht Dieses Ergebnis ändert sich, wenn man die keynesianische Sicht unterstellt und die Anpassungsfähigkeit der Löhne nach unten bezweifelt. Da in diesem Modell die Angebotsfunktion bis zur Kapazitätsgrenze preiselastisch ist, kann es zu einem Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage kommen, der unterhalb des Vollbeschäftigungsniveaus, z. B. bei Y1, liegt. Bei einem Output von Y1 herrscht auf dem Arbeitsmarkt Unterbeschäftigung in Höhe von A. Dies ist also die Situation des berüchtigten keynesianischen Unterbeschäftigungsgleichgewichts. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es hier? N Y P P w Arbeitsnachfrage Arbeitsangebot N1 Y1 YA 1) P w( w P1 V) P w( YV Arbeitslose NV PV LM(P1) Y i IS Y1 IS-LM V YN Arbeitsmarkt Produktionsfunktion Y = f(N, K; K=const.) GütermarktReallohn I II IV III LM(PV) YV 2 1 expansive Geldpolitik 2 1 expansive Fiskalpolitik Abbildung 11-73: Das keynesianische Modell der Gesamtwirtschaft 11 Makroökonomische Theorie642 Die klassische Lösung einer Senkung des Nominallohns, bis der Reallohn wieder Vollbeschäftigungsniveau erreicht hat, scheidet aus. Es bleiben also expansive Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik. Wenn die Zentralbank die Geldmenge M erhöht, verschiebt sich die LM-Kurve im fünften Quadranten nach rechts (Ziffer 1). Dadurch sinkt der Zins, was die Investitionen anregt und die Nachfragekurve YN ebenfalls nach rechts verschiebt (Realkasseneffekt). Anders als im klassischen Modell bewirkt diese Nachfrageerhöhung aber nicht nur eine Preissteigerung, sondern auch eine Ausdehnung des Angebotes und damit der Arbeitsmenge bis ins Vollbeschäftigungsniveau (vgl. vierter Quadrant in Abbildung 11-73). Das Geld ist in diesem Modell also nicht neutral, sondern kann erfolgreich für die Einkommens- und Beschäftigungspolitik eingesetzt werden – es sei denn, die Wirtschaft befindet sich in einer Liquiditätsfalle. Die zweite Möglichkeit besteht im Einsatz expansiver Fiskalpolitik. Durch eine Erhöhung der Staatsnachfrage kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage YN unmittelbar nach rechts zum Vollbeschäftigungswert verschoben werden (vgl. vierter Quadrant, Ziffer 2). Dieser Maßnahme wird von Keynesianern der Vorzug gegeben, da die Zinselastizität der Investitionen bezweifelt wird und außerdem gerade in Unterbeschäftigungssituationen eine Liquiditätsfalle vorliegen kann. Beides schränkt die Wirksamkeit der Geldpolitik erheblich ein. 11.6.4 Angebots- und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Aus diesen beiden Modellvarianten des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts, nämlich der (neo-)klassischen und der keynesianischen, gehen zwei wirtschaftspolitische Paradigmen hervor, die bis heute die wirtschaftspolitische Diskussion prägen. Diese beiden Denkschulen unterscheiden sich vor allem durch ihre jeweilige Auffassung vom Markt. Während die Neoklassiker grundsätzlich auf die Stabilität der Marktmechanismen vertrauen und daher davon überzeugt sind, dass jede Störung, die von außen auf das Marktsystem einwirkt, durch die marktimmanenten Anpassungsmechanismen behoben und ein neues Marktgleichgewicht erreicht werden kann, glauben Keynesianer nicht an die Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern fordern im Falle von Ungleichgewichten das wirtschaftspolitische Eingreifen des Staates. Sie gehen außerdem davon aus, dass der Markt nicht nur durch exogene Schocks aus dem Gleichgewicht kommen kann, sondern vielmehr eine systemimmanenten Instabilität aufweist und endogenen zyklischen Schwankungen unterworfen ist, die nur mit Hilfe staatlicher Maßnahmen einzudämmen sind. 11.6.4.1 Die klassische Sicht Aus (neo-)klassischer Sicht rückt also der mikroökonomische Preismechanismus in das Zentrum der Überlegungen. Als Basis gilt das Say’sche Gesetz, nach dem sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft, solange nur eine freie Bewegung aller Preise für einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage sorgen kann. Die wichtigste Aufgabe des Staates besteht somit darin, diese Beweglichkeit der Preise sowie einen funktionsfähigen Wettbewerb hinsichtlich Steuerungs-, Innovations- und Verteilungsfunktion zu gewährleisten. Unternehmen sollen ein möglichst gutes Umfeld für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten und insbesondere für die Kapitalbildung vorfinden, ihre Risiko- und Leistungsbereitschaft muss durch den Preismechanismus unmittelbar belohnt werden. 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 643 Wenn dies gelingt, verbessert sich die volkswirtschaftliche Effizienz, die Produktion erhöht sich dauerhaft und führt über den Mechanismus des Say’schen Gesetzes zu einem gleichgewichtigen Wachstumspfad, der das Wohlstandsniveau stetig erhöht. Da all diese Überlegungen in erster Linie auf die Angebotsseite des Marktes abzielen, nennt man dieses wirtschaftspolitische Konzept angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (supply-side economics). Sie basiert auf dem makroökonomischen Totalmodell, das in Abbildung 11-72 dargestellt worden ist. Der Kernpunkt dieses Modells besteht in der Annahme, dass durch vollständig flexible Preise und Löhne grundsätzlich Vollbeschäftigung erreicht werden könne. Einer der wichtigsten Vertreter dieser klassischen Lehrmeinung, A.C. Pigou, bringt es auf den Punkt: „Bei absolut freiem Wettbewerb wird immer eine starke Tendenz zur Vollbeschäftigung herrschen. Wenn zu gewissen Zeiten Arbeitslosigkeit besteht, so ist diese zur Gänze auf den Reibungswiderstand zurückzuführen, [der] die geeigneten unverzüglichen Lohn- und Preisanpassungen verhindert.“110 Daraus folgt unmittelbar, dass stets der Vollbeschäftigungsoutput, also ein Punkt auf der Transformationskurve der Volkswirtschaft, produziert wird und die gesamtwirtschaftliche Angebotskurve parallel zur Preisachse verläuft (vgl. Quadrant IV in Abbildung 11-72). Dies hat unmittelbare Konsequenzen für die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Jede Verlagerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve, insbesondere dann, wenn sie durch fiskal- oder geldpolitische Maßnahmen hervorgerufen worden ist, hat keinen dauerhaften Einfluss auf Beschäftigung, Produktion und Zins, sondern lediglich auf das Preisniveau. Es macht demnach keinen Sinn, die Geldmengensteuerung und/oder die staatliche Steuer- und Ausgabenpolitik diskretionär, d. h. gezielt auf die Schwankungen des Konjunkturzyklus auszurichten. Vielmehr muss angebotsorientierte Wirtschaftspolitik von folgenden Grundsätzen geprägt sein: Grundsätze (neo-)klassischer Wirtschaftspolitik • Empfohlen werden eine generelle wirtschaftspolitische Zurückhaltung sowie die Verstetigung aller staatlichen Maßnahmen, damit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die privaten Unternehmen und Haushalte berechenbar werden. Eine weitgehende Regelbindung der Wirtschaftspolitik würde dazu führen, dass das Risiko privater Wirtschaftspläne wie auch die Inflationserwartungen der privaten Marktteilnehmer spürbar sinken und sich damit der Wachstumspfad der Volkswirtschaft verstetigt. • Insbesondere durch die Weiterentwicklung des neoklassischen Ansatzes durch die Monetaristen kommt der Geldpolitik in Form einer regelgebundenen Geldmengensteuerung eine zentrale Bedeutung zu. Da ein stabiles Preisniveau die unabdingbare Grundlage funktionierender Markt- und Wettbewerbsbeziehungen darstellt, hat die Zentralbank eine besondere Verantwortung für die Bekämpfung von Inflation und Deflation. Aus monetaristischer Sicht ist die Geldmenge sogar die einzige wirklich wichtige wirtschaftspolitische Variable, mit der insbesondere auch die Gesamtnachfrage gesteuert werden kann. • Eine staatliche Arbeitsmarktpolitik hingegen ist nicht nur vollständig überflüssig, sondern ausgesprochen fehl am Platz. Die Verantwortung für das Erreichen von Vollbeschäftigung liegt bei den Tarifpartnern. Sie müssen in bilateralen Verhandlungen sicher 110 A.C.Pigou zitiert nach Samuelson (2005), S. 963. 11 Makroökonomische Theorie644 stellen, dass auf der Basis der von der Zentralbank geschaffenen Stabilität des Geldwertes eine hinreichende Nominallohnflexibilität den Arbeitsmarkt stets räumt. • Die Hauptaufgabe des Staates besteht vielmehr darin, durch eine angemessene Ordnungs- und Wettbewerbspolitik (Nachtwächterstaat) dafür zu sorgen, dass der private Markt sich optimal entfalten und v. a. auf Störungen flexibel reagieren kann. Die wirtschaftlichen Aktivitäten des Staates sollten sich auf die Bereitstellung einer angemessenen Versorgung mit öffentlichen Gütern beschränken, die wiederum eine wesentliche Voraussetzung für hohe Standortqualität darstellen. • Nicht zuletzt hinsichtlich der geforderten Langfristorientierung staatlicher Wirtschaftspolitik muss das Budget grundsätzlich ausgeglichen sein. Die Staatsquote soll niedrig sein. 11.6.4.2 Die keynesianische Sicht Auslöser für die sog. keynesianische Revolution, die die wirtschaftspolitische Sicht der Klassiker auf den Kopf stellte, war die Weltwirtschaftskrise: „Während die Klassiker predigten, eine anhaltende Arbeitslosigkeit sei ein Ding der Unmöglichkeit, konnten die Ökonomen der dreißiger Jahre das riesige Heer der Erwerbslosen, die um Arbeit bettelten und an Straßenecken Bleistifte verkauften, schwerlich übersehen. Welche Erklärung fand die Volkswirtschaftslehre für eine derart massive und hartnäckige Unterbeschäftigung?“111 Die Antwort darauf stand in Keynes’s „General Theory of Employment, Interest and Money“ von 1936, in der er eine völlig neuartige Sicht auf die Funktionsfähigkeit des Marktes sowie auf die Wirkungsweise verschiedener wirtschaftspolitischer Instrumente entwickelte. Der grundlegende Unterschied zum Vorgängerkonzept besteht in der Annahme einer inhärenten Instabilität des privaten Sektors in Gestalt der beobachtbaren zyklischen Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität, die von Keynes im Wesentlichen auf Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zurückgeführt werden. Wie bereits weiter oben beschrieben spielen für Keynes hierbei labile Zukunftserwartungen der Marktteilnehmer (insbesondere der Investoren) sowie nur unzureichend anpassungsfähige Preise und Löhne die entscheidende Rolle. Sein wirtschaftspolitisches Konzept, welches primär auf die Verstetigung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausgerichtet ist, nennt man daher nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Zugrunde liegt das makroökonomische Totalmodell aus Abbildung 11-73. Im Unterschied zum klassischen Modell lässt es aufgrund von Lohnstarrheiten dauerhafte Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt zu. Bei Arbeitslosigkeit wird jedoch nicht der Vollbeschäftigungsoutput, sondern eine geringere Angebotsmenge produziert. Die Angebotskurve verläuft daher links vom Potenzialoutput preiselastisch (vgl. Quadrant IV in Abbildung 11-73). Eine Verlagerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve, z. B. durch die Erhöhung der Staatsnachfrage, führt in diesem Bereich also nicht nur zu einer Erhöhung des Preisniveaus, sondern auch der Beschäftigung. Geld- und v. a. Fiskalpolitik erhalten damit eine wesentliche beschäftigungspolitische Bedeutung. Die konkreten Schlussfolgerungen für den Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente widersprechen daher den klassisch/neoklassischen Empfehlungen vollständig. Keynesianer gehen davon aus, dass es nicht nur möglich, sondern sogar unabdingbar ist, dass der Staat mit den Instrumenten der Geld- und Fiskalpolitik diskretionär, d. h. situationsbezogen und 111 Samuelson (2005) S. 964. 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 645 nicht etwa regelgebunden, auf die im Konjunkturverlauf schwankende Gesamtnachfrage antizyklisch einwirkt. Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik gehorcht folgenden Grundsätzen: Grundsätze keynesianischer Wirtschaftspolitik • Der Staat ist kein Nachwächter, sondern greift selbst in das Wirtschaftsgeschehen ein. Kernaufgabe ist nicht mehr die Ordnungs-, sondern vor allem die Prozesspolitik. Seine Hauptaufgabe besteht in einer aktiven Nachfragesteuerung insbesondere durch antizyklische Variation seiner eigenen nachfragewirksamen Ausgaben. Die Maßnahmen sind daher in erster Linie auf die kurzfristige Beeinflussung der zyklischen Schwankungen einer Volkswirtschaft ausgerichtet. Um auch die privaten Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in den Stabilisierungsprozess miteinzubeziehen, setzt der Staat auf die sog. Globalsteuerung. Eine Glättung der zyklischen Schwankungen, so glauben die Keynesianer, kommt zugleich den langfristigen Wachstumszielen zugute. • Speziell dem Arbeitsmarkt wird die Fähigkeit zur Selbstregulierung abgesprochen. Die Verantwortung für Vollbeschäftigung wird stärker beim Staat als bei den Tarifpartnern gesehen. Beschäftigungspolitik wird zu einer Kernaufgabe der Staatstätigkeit. • Auch die Geldpolitik ändert ihre Funktion: Für Keynesianer ist sie nicht mehr ausschließlich zur Stabilisierung des Preisniveaus einzusetzen; vielmehr plädieren sie dafür, Geldpolitik auch als Mittel der Konjunkturstabilisierung zu nutzen und damit im Zweifelsfall den Beschäftigungszielen unterzuordnen. Grundsätzlich ist sie in einem keynesianischen System in ihrer Gesamtbedeutung der Fiskalpolitik unterlegen („money does not matter“). • Durch die umfangreichen Aufgaben v. a. im Bereich der Stabilisierungspolitik nimmt der Umfang der Staatstätigkeit, d. h. die Staatsquote zu. Außerdem wird zur Durchsetzung einer antizyklischen Ausgabenpolitik ausdrücklich auch ein defizitärer Staatshaushalt („deficit spending“) in Kauf genommen, in der Annahme, dass sich die Defizite im Verlauf des Konjunkturzyklus wieder ausgleichen würden. 11.6.4.3 Die wirtschaftspolitische Synthese Die wirtschaftspolitischen Konzepte sowohl der (Neo-)Klassiker und insbesondere der späteren Monetaristen als auch der Keynesianer wurden v. a. in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Industrieländern praktisch erprobt. In der konkreten Umsetzung zeigten sich jedoch in jedem Falle zahlreiche Probleme. Die Politik der strikten staatlichen Ausgabenzurückhaltung unter kompromissloser Beachtung der Budgetrestriktion, wie sie Reichskanzler Brüning in den Jahren 1930 bis 1932 in Deutschland betrieb, gilt heute als ein wesentlicher Beitrag zur Verschärfung der Wirtschaftskrise. Die keynesianische Antwort auf die Weltwirtschaftskrise erwies sich jedoch ebenfalls als problembehaftet: Probleme keynesianischer Wirtschaftspolitik • Die Umsetzung antizyklischer Fiskalpolitik ist schon allein deshalb schwierig, weil es keine zuverlässigen Indikatoren gibt, die rechtzeitig, d. h. ex ante, anzeigen würden, wie der Verlauf der Konjunktur sein wird. Ja selbst die Diagnose des aktuellen Konjunk- 11 Makroökonomische Theorie646 turstandes ist nicht mit Sicherheit möglich. Ohne zuverlässige Konjunkturprognose ist jedoch ein pro-aktiver Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente nicht möglich. • Hinzu kommt, dass es bei allen geld- und vor allem fiskalpolitischen Instrumenten Wirkungsverzögerungen gibt. Diese ergeben sich zum einen aus der langwierigen politischen Entscheidungsphase über den Einsatz und die Dosierung eines bestimmten Instrumentes, zum andern aber auch aus der verzögerten Reaktion112 der privaten Wirtschaftssubjekte auf veränderte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, wie z. B. Änderungen in der Steuerbelastung. • Ferner kann grundsätzlich in Zweifel gezogen werden, dass jede Art von Ungleichgewichten der staatlichen Korrektur bedarf. Schließlich ist es integraler Bestandteil jeder dynamischen Marktwirtschaft, dass fortwährend Anpassungsprozesse an Nachfrageänderungen oder z. B. auf Grund von Innovationen stattfinden. Solche Anpassungen sind Ausdruck der Funktionsfähigkeit des Marktsystems und dürfen nicht durch staatliche Maßnahmen behindert werden; ansonsten drohen strukturelle Verwerfungen und damit langfristige Ungleichgewichte, die umso tiefer werden, je stärker der Staat versucht, die Anpassungen zu verhindern. • Nachfrageorientierte Politik birgt grundsätzlich die Gefahr steigender Staatsverschuldung. In der Tat führten einige keynesianische Experimente westlicher Industrieländer zu stark ansteigenden staatlichen Defiziten. Keynesianisches deficit spending angewandt auf strukturelle Ungleichgewichte kann natürlich nicht zum Ziel führen, sondern verhindert eine notwendige marktmäßige Anpassung mit dem Ergebnis, dass der letztlich unvermeidbare Strukturwandel mit der Zeit immer teurer wird und Staat auf Dauer Schulden anhäuft. Hinzu kommt, dass es auch bei konjunkturell bedingten Staatsdefiziten einer demokratisch gewählten Regierung sehr schwer fällt, in Zeiten sprudelnder Steuerquellen Schulden zu tilgen anstatt Wünsche der Wähler zu befriedigen113. Die wirtschaftspolitische Antwort auf diese keynesianischen Experimente wiederum war der von dem Chicagoer Ökonomen Milton Friedman und seinen Schülern entwickelte Monetarismus. Die Thesen der Monetaristen basieren auf der klassischen Überzeugung, dass der Markt grundsätzlich stabil und in der Lage sei, sich selbst zu regulieren. Insbesondere Arbeitslosigkeit sei vom Staat selbst verschuldet und entstehe v. a. dadurch, dass der Markt in seinen Selbstheilungskräften auf dem Arbeitsmarkt behindert werde. Zusätzlich zu diesen alt bekannten Positionen der Klassiker betonten die Monetaristen jedoch die überragende Bedeutung der Geldmengensteuerung für die wirtschaftliche Entwicklung. Gegen Ende der siebziger Jahre gewann der Monetarismus starken Einfluss in der Wirtschaftspolitik insbesondere der USA und später auch Großbritanniens unter Margaret Thatcher, aber auch in anderen angelsächsischen Ländern wie Irland oder Neuseeland. Die keynesianische Ausgabenpolitik der sechziger und frühen siebziger Jahre hatte insbesondere bei der Bekämpfung der Inflation vollständig versagt. Die amerikanische Federal Reserve Bank startete deshalb im Oktober 1979 ein „monetaristisches Experiment“114. In einer dramatischen Änderung ihrer Strategie beschloss die Fed, künftig nicht mehr über Zinssätze zu steuern, sondern primär die Geldmenge auf einem vorbestimmten Wachstumspfad zu halten. Dieses Experiment war äußerst erfolgreich, was 112 Vgl. z. B. die Abschnitte 11.2.1.1.3 ff. zur Konsumtheorie. 113 Vgl. Praxisbeispiel 11-6: Haushaltskonsolidierung in der großen Koalition. 114 Vgl. auch im Folgenden z. B. Samuelson (2005), S. 973 f. 11.6 Das Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bei flexiblen Preisen 647 die Dämpfung des Wachstums und die Senkung der Inflationsrate betraf. Allerdings stieg die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum von 6 auf 10 %. Genau darin zeigte sich eine der wesentlichen Schwächen des monetaristischen Ansatzes: • Monetarismus als eine Form der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik wirkt mittelfristig. Stabilisierungserfolge stellen sich oft nicht unmittelbar ein. Die Begrenzung des Geldmengenwachstums zur Eindämmung der Inflation führt jedoch kurzfristig dazu, dass unrentable Unternehmen vom Markt verschwinden und dadurch die Arbeitslosigkeit steigt. Dies aber führt zu Protesten der betroffenen Gruppen, v. a. der Gewerkschaften und der politischen Gegner, so dass eine solche Politik in demokratischen Systemen nur schwer durchsetzbar ist. • Außerdem wird bezweifelt, dass die Geldmengensteuerung in expansiver Richtung genauso wirkungsvoll ist wie in restriktiver. Monetaristen gehen davon aus, dass die Gesamtnachfrage nahezu ausschließlich von der Geldmenge beeinflusst werde und dieser Zusammenhang stabil und verlässlich sei. Kritiker hingegen sagen spöttisch, die monetaristische Theorie gehe davon aus, dass man dicker werde, wenn man den Gürtel lockerer schnalle, nicht aber davon, dass man den Gürtel lockerer schnallen müsse, wenn man dicker wird115. Offenbar ist es bisher noch keiner wirtschaftspolitischen Schule – weder den angebotsorientierten noch den nachfrageorientierten Ökonomen – gelungen, sich mit ihrer Sicht der Dinge vollständig durchzusetzen. Tatsächlich konnte man in den letzten 30 Jahren eine zunehmende Annäherung beider Strömungen in der Theorie116, aber auch in der Praxis feststellen. Die Erkenntnis, dass Wirtschaftspolitik sowohl kurzfristige Nachfrageschwankungen wie auch dem langfristigen Wachstumstrend Aufmerksamkeit schenken muss, ist sicherlich beiden Schulen gemeinsam. „Gott gab den Ökonomen zwei Augen, damit sie Angebot und Nachfrage betrachten“ stellte schon Paul Samuelson fest. Praxisbeispiel 11-12: Die Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland im Spiegel wirtschaftspolitischer Lehrmeinungen Die erste Phase der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland war von den Grundsätzen angebotsorientierter Wirtschaftspolitik geprägt. Die ordoliberalen Überzeugungen Ludwig Erhards hatten sich durchgesetzt117. Vertrauen auf die Kräfte des Marktes, eine geringe Staatsquote und Staatsverschuldung, Tarifautonomie, niedrige Steuer- und Abgabenbelastung sowie eine generelle Zurückhaltung des Staates bei Eingriffen in den Wirtschaftsprozess – also alle Charakteristika angebotsorientierter Wirtschaftspolitik – waren das Markenzeichen der Ära Erhard. Die zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland begann mit einem Meilenstein, nämlich dem Inkrafttreten des Stabilitätsgesetzes am 8. Juni 1967. Dieses Gesetz bildete die Grundlage für eine neue Wirtschaftspolitik. In diesem Gesetz wurden Eingriffsinstrumente zur diskretionären Nachfragesteuerung sowie die Grundlagen einer Globalsteuerung festgeschrieben. So waren die siebziger Jahre begleitet von steigenden Staatsausgaben, einer deutlichen Ausweitung der Sozialpolitik, umfangreichen Maßnahmen zur Verhinderung von marktwirtschaftlich notwendigem Strukturwandel (z. B. in den Bereichen Kohle und Stahl), sowie von einem Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik, für die sich nun der Staat zuständig fühlte. Eine der Konsequenzen bestand in einer rasant steigenden Staatsverschuldung Eine weitere Begleiterscheinung dieser nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik zeigte sich zunächst im Anstieg der Inflationsrate. Bereits im Laufe der siebziger Jahre ging die Deutsche 115 Vgl. Hartmann (2007), S. 448. 116 Eine sehr gute Übersicht über die neueren Entwicklungen makroökonomischer Lehrmeinungen findet sich bei Samuelson (2005), S. 975 ff. 117 Vgl. oben Abschnitt 3.6 „Soziale Marktwirtschaft“. 11 Makroökonomische Theorie648 Bundesbank daher zu einer monetaristisch geprägten Politik der strengen Kontrolle des Geldmengenwachstums über. Aufgrund ihrer autonomen Stellung gegenüber der Regierung konnte sie diese Politik trotz mancher Kritik insbesondere aus den Reihen der regierenden Sozialdemokraten durchsetzen. Nicht zuletzt die Reibung zwischen der monetaristischen Geldpolitik, die u. a. zu steigender Zinsbelastung des mittlerweile hochverschuldeten Staates führte, und der nach wie vor ausgabenbetonten Fiskalpolitik der Nachfragesteuerung führte letztlich zur Einleitung der dritten, wiederum stärker marktbetonten Phase Sozialer Marktwirtschaft in Deutschland, in der jedoch zunehmend angebots- und nachfrageorientierte Maßnahmen kombiniert wurden. Die Regierungszeit von Gerhard Schröder 1998 bis 2005 zeigt deutlich, dass die bis dato geltende Identität von konservativen Parteien und angebotsorientierter Wirtschaftspolitik einerseits sowie Sozialdemokratie und nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik andererseits durchbrochen wurde. Insbesondere sein Reformpaket Agenda 2010, das u. a. weitreichende Maßnahmen zur Deregulierung des Arbeitsmarktes sowie zur Reform der Sozialsysteme enthält, zeigt deutliche Züge angebotsorientierter Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig trug ihm diese Neuausrichtung traditioneller sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik viel Kritik aus den eigenen Reihen ein und führte zu einem drastischen Mitgliederschwund bei der SPD im Jahr 2003. Nichtsdestotrotz wird ein wesentlicher Teil der positiven Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit 2006 auf die Wirkungen der Schröderschen Agenda-Maßnahmen zurückgeführt. Seine Amtsnachfolgerin Angela Merkel bedankte sich bereits in ihrer Regierungserklärung am 30 November 2005 bei ihrem Vorgänger für die geleistete Vorarbeit: „Ich möchte Kanzler Schröder ganz persönlich danken, dass er mit der Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, unsere Sozialsysteme an die neue Zeit anzupassen.“118 118 Erste Regierungserklärung Angela Merkel, 30. November 2005, verfügbar im Web-TV des deutschen Bundestages, http://archiv.bundestag.t-bn.de/Archiv/servlets/Rede/ Teil IV: Monetäre Außenwirtschaft

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Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.