10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 427 - 510

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_427

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10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen Kapitelübersicht 10.1 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 10.2 Der Wirtschaftskreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 10.2.1 Grundbegriffe der Kreislaufanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 10.2.1.1 Bestandteile und Eigenschaften eines Wirtschaftskreislaufs. . . . . . . . . . 420 10.2.1.2 Darstellungsformen eines Wirtschaftskreislaufs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 10.2.2 Zwei-Sektoren-Wirtschaft mit Vermögensbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 10.2.3 Der Staat im Wirtschaftskreislauf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 10.2.4 Der Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 10.3.1 Die Aktivitätskonten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 10.3.1.1 Das Produktionskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 434 10.3.1.2 Das Einkommenskonto. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 10.3.1.3 Das Vermögensänderungs- und Finanzierungskonto . . . . . . . . . . . . . . . 445 10.3.1.4 Das Auslandskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 10.3.2 Gesamtwirtschaftliche Aggregation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 10.3.2.1 Das nationale Produktionskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 10.3.2.2 Das nationale Einkommenskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 10.3.2.3 Das nationale Vermögensänderungskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451 10.3.3 Die Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung . . . . . . . . . . . . . 452 10.3.3.1 Inlands- und Inländerkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 10.3.3.2 Brutto- und Nettokonzept – Marktpreise und Faktorkosten . . . . . . . . . 456 10.3.3.3 Reale und nominale Einkommensberechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457 10.3.4 Grundsätze der Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung . . . 458 10.3.4.1 Die Entstehungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459 10.3.4.2 Die Verwendungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461 10.3.4.3 Die Verteilungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 10.3.5 Die VGR in Deutschland seit der Revision 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466 10.3.5.1 Kurze Geschichte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466 10.3.5.2 Die Sektoren der Volkswirtschaft im ESVG 95 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 10.3.5.3 Die Konten des ESVG 95. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 10.3.5.4 Entwicklung und Struktur des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland 469 10.3.6 Die Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts als Wohlfahrtsindikator . . . . . 471 10.3.6.1 Kritik an der Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts. . . . . . . . . . . . . . 472 10.1 Vorbemerkungen 419 Lehrziele: Grundlage des volkswirtschaftlichen Rechnungswesens ist das Modell des Wirtschaftskreislaufs. Der Leser muss daher als erstes ein Grundverständnis über Aufbau, Bestandteile und Funktionsweise des Kreislaufmodells erwerben. Dies geschieht durch die schrittweise Erfassung der wichtigsten volkswirtschaftlichen Sektoren Private Haushalte und Unternehmen, Staat und Ausland. Darauf aufbauend wird das Kontensystem der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erläutert. Der Leser lernt die Grundstruktur der sog. Aktivitätskonten kennen und kann dann aus den konsolidierten Gesamtkonten die wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungsgrößen, insbesondere das Bruttoinlandsprodukt, ermitteln. Eine kurze Einführung in die Besonderheiten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in Deutschland sowie einige Gedanken zur Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts als Wohlfahrtsmaß runden diesen Abschnitt ab. Der wirtschaftlichen Verflechtung mit dem Ausland ist das Kontensystem der Zahlungsbilanz gewidmet. Die Studierenden lernen den Aufbau und die Buchungssystematik der Zahlungsbilanz kennen und werden mit der Handhabung der Zahlungsbilanzsalden sowie deren Zusammenhang zum Begriff des außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes vertraut gemacht. Auch hier rundet ein Abschnitt über die deutsche Zahlungsbilanzsituation die Darstellung ab. 10.1 Vorbemerkungen Das volkswirtschaftliche Rechnungswesen oder die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wird in Deutschland im Wesentlichen vom Statistischen Bundesamt durchgeführt. Der bedeutendste Teil dieses Rechenwerkes ist der Ermittlung des Nationaleinkommens und des Inlandsprodukts gewidmet. Diese Rechnung beruht auf der Analyse der gesamtwirtschaftlichen Güterproduktion. Sie ermittelt jedoch nicht nur die Höhe der verschiedenen Einkommensgrößen, sondern analysiert dabei auch gewisse Strukturkomponenten. So wird zum Beispiel untersucht, in welchem Umfang die einzelnen Wirtschaftsbereiche zur Einkommensentstehung beitragen, wie das entstandene Einkommen auf die beteiligten Produktionsfaktoren verteilt wird und wofür die produzierten Güter verwendet werden. Daneben gibt es jedoch noch einige weitere Rechenwerke in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, sog. Nebenrechnungen, die Spezialthemen gewidmet sind. Dazu gehören die Input-Output-Rechnung, die Außenwirtschaftsrechnung, die Vermögens- und Finanzierungsrechnung, die Arbeitsvolumensrechnung sowie die Einkommensrechnung für private Haushalte nach sozioökonomischer Gliederung. 10.3.6.2 Besondere Probleme internationaler Einkommensvergleiche . . . . . . . . 476 10.3.6.3 Reformkonzepte für Wohlfahrtsmaße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479 10.4 Die Zahlungsbilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482 10.4.1 Formale Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482 10.4.2 Die Grundstruktur der Zahlungsbilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484 10.4.3 Fallstudie: Die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland . . . . . . . . . 492 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen420 Die Input-Output-Rechnung hängt eng mit der Inlandsproduktberechnung zusammen und ergänzt sie um die Analyse der innerwirtschaftlichen Vorleistungsverflechtung. Die Außenwirtschaftsrechnung enthält als Kernstück die Zahlungsbilanzstatistik, die von der Deutschen Bundesbank durchgeführt wird. Hier werden sämtliche monetären und realen Transaktionen zwischen In- und Ausländern erfasst, d. h. neben der güterwirtschaftlichen Verflechtung sind auch die Kreditbeziehungen mit dem Ausland bzw. deren Veränderungen Gegenstand der Analyse. Die Vermögensrechnung erfasst die Bestände an Sach- und Finanzvermögen in einer Volkswirtschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Auch hier kooperiert das Statistische Bundesamt (Sachvermögen) mit der Deutschen Bundesbank (Finanzvermögen), die dazu ebenfalls die Finanzierungsrechnung ergänzt. Diese befasst sich mit der Frage, wie sich die Forderungen und Verbindlichkeiten infolge der Anlageentscheidungen der abgelaufenen Periode verändert haben. Die Arbeitsvolumensrechnung ermittelt laufend die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer und Selbständigen nach Wirtschaftsbereichen und bildet somit ein Kernstück der Arbeitsmarktstatistik. Die Einkommensrechnung für private Haushalte schließlich erfasst die Einkommensverteilung nach sozioökonomischen Haushaltstypen, d. h. man unterscheidet dort Arbeitnehmer-, Selbständigen- und Nichterwerbstätigen-Haushalte. Die vorliegende Einführung in das volkswirtschaftliche Rechnungswesen beschränkt sich auf einen Überblick über die wichtigsten Rechenwerke der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, nämlich die Inlandsprodukt- und Nationaleinkommensberechnung sowie die Zahlungsbilanz. 10.2 Der Wirtschaftskreislauf Die Vielfalt ökonomischer Aktivitäten in einer Volkswirtschaft scheint auf den ersten Blick unübersehbar, die Aufgabe, sie alle übersichtlich und systematisch in einem einzigen Rechenwerk abzubilden, eines Herkules würdig. Notwendig dafür ist offenbar ein Ordnungsschema, in das alle Aktivitäten einsortiert werden können und das so dem vermeintlichen Chaos klare Strukturen gibt. Dieses Ordnungsschema entlehnt die Volkswirtschaftslehre der Medizin: es handelt sich um das Bild eines Blutkreislaufs. Der Erfinder dieses Bildes war der Franzose François Quesnay, der von 1694 bis 1774 lebte und Leibarzt von Madame Pompadour war. Er beschäftigte sich neben seinem Hauptberuf aber auch eingehend mit wirtschaftlichen Fragestellungen und legte mit seinem Hauptwerk „Tableau Economique“ im Jahre 1758 den gedanklichen Grundstein für alle folgenden volkswirtschaftlichen Rechenwerke. 10.2.1 Grundbegriffe der Kreislaufanalyse 10.2.1.1 Bestandteile und Eigenschaften eines Wirtschaftskreislaufs Wie das Blut in einem lebenden Organismus, so fließen in einem Wirtschaftssystem Güter und Forderungen von einem Wirtschaftssubjekt zum nächsten. Die Gesamtheit dieser Vorgänge nennt man ökonomische Transaktionen. Ein Gut kann gegen ein anderes ausge- 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 421 tauscht, mit einer Forderung bezahlt oder ohne Gegenleistung verschenkt werden. Es gibt daher insgesamt nur fünf Möglichkeiten, eine solche Transaktion abzuwickeln: • Gut gegen Gut , d. h. Naturaltausch • Gut gegen Forderung, d. h. Kauf einer Ware • Forderung gegen Forderung, d. h. Kauf einer Forderung • Übertragung eines Gutes ohne Gegenleistung, d. h. Schenkung oder auch Realtransfer • Übertragung einer Forderung ohne Gegenleistung, d. h. Forderungstransfer oder auch Transferzahlung. Abgesehen von den (eher seltenen) Transfers lassen sich also alle Markttransaktionen als Tauschvorgänge auffassen. Jede Transaktion hat einen Anfang, den Geber, und ein Ziel, den Empfänger. Jeder Tauschvorgang findet somit in Form von Strömen zwischen zwei Wirtschaftssubjekten bzw. Wirtschaftssektoren statt. Anfang und Ende der Ströme nennt man auch Pole. Außerdem hat jeder Wertestrom einen gleichwertigen Gegenstrom, mit dem er bezahlt wird. Andernfalls würde der Tausch ja nicht zustande kommen. Unterstellt man nun eine arbeitsteilige Marktwirtschaft, die ausschließlich aus privaten Wirtschaftssubjekten, also privaten Unternehmen und privaten Haushalten, besteht, so kann man im einfachsten Fall die Tauschvorgänge dieser Wirtschaft folgendermaßen darstellen: Diese (einfachste) Form einer Kreislaufdarstellung zeigt bereits alle wesentlichen Eigenschaften einer funktionsfähigen Kreislaufrechnung, die auch für die komplexen volkswirtschaftlichen Rechenwerke gelten. • Buchung von Strömen, nicht von Beständen Die Pfeile machen deutlich, dass ausschließlich Stromgrößen abgebildet werden. Stromgrößen sind ökonomische Werte, die auf einen Zeitraum bezogen werden, während Bestandsgrößen zeitpunktbezogen ermittelt werden. Der Unterschied zwischen beiden besteht also in der Art der Erhebung, nicht in der Art der Wirtschaftsgüter selbst. Abbildung 10-1: Wirtschaftskreislauf mit zwei privaten Sektoren Unternehmen Arbeitsleistung = 100 Arbeitslohn = 100 Konsumgüter = 80 Konsumausgaben = 80 Haushalte 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen422 Dazu ein Beispiel: Die Menge Wasser, die ein Bach führt, kann nicht zeitpunktbezogen angegeben werden. Man kann jedoch die Durchflussmenge an einer bestimmten Stelle pro Zeiteinheit, also z. B. Liter pro Sekunde, ermitteln. Sobald der Bach jedoch in einen See geflossen ist, kommt das Wasser zum Stillstand. Den Inhalt eines Sees kann man sehr wohl in der Maßgröße Kubikmeter oder Hektoliter zu einem bestimmten Zeitpunkt erfassen. Dasselbe Wasser lässt sich also einmal als Stromgröße, einmal als Bestandsgröße auffassen. Analog dazu kann man Kapitalgüter betrachten. Die Menge an Kapitalgütern, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Volkswirtschaft vorhanden ist, heißt gesamtwirtschaftlicher Kapitalbestand oder auch Kapitalstock und ist offenbar eine Bestandgröße. Diejenigen Kapitalgüter jedoch, die neu angeschafft werden und diesem Kapitalstock somit jährlich zufließen, die Investitionen nämlich, sind eine Stromgröße. Gleichwohl handelt es sich in beiden Fällen um dieselben Wirtschaftsgüter. • Buchung monetärer, nicht realer Ströme Zwischen den beiden Sektoren oder Polen fließen sowohl Sachgüter und Dienstleistungen (reale Ströme) wie auch Geld (monetäre Ströme). Die Summe aller realen Ströme muss der Summe aller monetären Ströme entsprechen, da ihnen jeweils Tauschvorgänge zugrunde liegen. Daraus folgt auch, dass man sich bei der Darstellung des Kreislaufs eine Hälfte der Pfeile sparen kann, denn der Betrachter weiß von vorn herein, dass jedem Strom ein ebenso großer in der Gegenrichtung entspricht. • Buchung geschlossener Kreisläufe Um sinnvolle quantitative Aussagen über einzelne Ströme eines Kreislaufs machen zu können, muss das System geschlossen sein, d. h. das Kreislaufbild muss alle relevanten Ströme berücksichtigen. Ein Kreislauf ist geschlossen, wenn bezogen auf einen Zeitraum die Summe der zufließenden Ströme für jeden beteiligten Pol der Summe der abfließenden Ströme wertmäßig entspricht. Der oben gezeigte Kreislauf ist demnach offen. Anders als im menschlichen Blutkreislauf kehren in einem Wirtschaftskreislauf die Güter allerdings niemals zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Einen tatsächlichen Kreis durchläuft allenfalls das Geld. 10.2.1.2 Darstellungsformen eines Wirtschaftskreislaufs Je nach dem Erklärungsziel bzw. nach dem Komplexitätsgrad kann ein Wirtschaftskreislauf auf vier verschiedene Arten dargestellt werden. Graphik Die graphische Darstellung wie in Abbildung 10-1 hat den Vorteil, intuitiv verständlich und anschaulich zu sein. Allerdings lassen sich damit nur einfachste Kreisläufe bzw. das Kreislaufprinzip abbilden. Solche Graphiken werden daher ausschließlich zu didaktischen Zwecken (meist in Lehrbüchern) verwendet. Kontensystem Die gebräuchlichste Darstellungsform, die u. a. auch in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zur Anwendung kommt, ist die Kontenform. Analog zum Anfangs- und Endpunkt eines Pfeils erscheint der Wert jedes Stromes zweimal auf einem Konto (gemäß dem Prinzip der doppelten Buchführung): Abströme werden auf der linken, Zuströme auf der rechten Kontoseite vermerkt. 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 423 Auf den Konten werden grundsätzlich nur die monetären Ströme verbucht. In einem geschlossenen Kreislauf müssen alle Konten abgeschlossen, d. h. saldiert sein. Im unserem Beispiel ist der Saldo noch offen. Gleichungssystem Zu analytischen Zwecken kann man statt der Konten auch Gleichungen für jeden Sektor aufstellen. In einem Gleichungssystem können am einfachsten Rechenoperationen durchgeführt werden. Allerdings gibt eine Gleichung keinen Aufschluss über die Flussrichtungen der Ströme mehr und ist insofern sicher die abstrakteste Darstellungsform. In einem offenen Kreislauf ist das (Un-)Gleichungssystem nicht lösbar. Es fehlt derjenige Pol, bei dem die Saldengrößen gegengebucht werden können. Unternehmen: Lohnzahlungen 100 > Güterverkäufe 80 Haushalte: Konsumausgaben 80 < Lohneinkünfte 100 Matrix Statt eines Kontensystems bietet sich in bestimmten Fällen auch die Darstellung als Matrix an. Jeder Strom erscheint in einer solchen Matrix nur ein einziges Mal, jedoch können durch die beiden Koordinaten Absender (Zeilenkopf) und Empfänger (Spaltenüberschrift) leicht identifiziert werden. Diese Art der Darstellung wählt man insbesondere dann, wenn es darum geht, innerwirtschaftliche Verflechtungen deutlich zu machen. an von U HH U — 100 HH 80 — Abbildung 10-3: Kreislaufdarstellung in Matrixform Abbildung 10-2: Kreislaufdarstellung in Kontenform Unternehmen Haushalte Y = 100 Y = 100C = 80 C = 80 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen424 10.2.2 Zwei-Sektoren-Wirtschaft mit Vermögensbildung Wenden wir uns nun den noch nicht geklärten Saldengrößen zu. Offenbar geben im obigen Beispiel die Haushalte weniger für ihren Konsum aus, als sie einnehmen, die Unternehmen hingegen zahlen mehr Löhne, als sie durch den Verkauf von Konsumgütern erlösen. Beides ist charakteristisch für eine Volkswirtschaft, in der die Wirtschaftssubjekte für die Zukunft vorsorgen. Wären beide Ströme gleich groß, so würde das bedeuten, dass in dieser Wirtschaft keinerlei Vermögensbildung stattfindet, denn die Haushalte würden ihr gesamtes Einkommen für den gegenwärtigen Konsum verbrauchen und keinerlei Ersparnis bilden; auch die Unternehmen würden weder sparen noch investieren. Die Wirtschaft wäre statio när. Sparen und Vermögensbildung Tatsächlich wird in jeder Volkswirtschaft ein Teil des Einkommens von den Haushalten gespart, d. h. für die Finanzierung des Zukunftskonsums aufbewahrt. Auch Unternehmen können sparen, indem sie einen Teil ihrer Gewinne einbehalten. Sparen führt zur Bildung von Geldvermögen, mit dessen Hilfe Ausgaben der Zukunft finanziert werden können. Dieses Geldvermögen kann entweder einfach im Sparstrumpf gehortet werden – in diesem Fall können die Unternehmen einen Teil ihrer produzierten Güter nicht verkaufen und müssen sie auf Lager nehmen – oder es kann Investoren zur Verfügung gestellt werden, die damit Sachvermögen, d. h. Kapitalgüter finanzieren. Die gesamte Sachvermögensbildung in einer Volkswirtschaft setzt sich also aus den Lagerbestandsveränderungen und den Nettoinvestitionen zusammen. Geldvermögensbildung, d. h. die gesamtwirtschaftliche Ersparnis, und Sachvermögensbildung müssen demnach immer gleich groß sein. Anders ausgedrückt: Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis muss ex-post stets gleich der Nettoinvestition (einschl. Bestandsver- änderungen) sein. Dies lässt sich anhand der Geschichte von Robinson Crusoe besonders anschaulich machen: Robinson ist auf seiner Insel gelandet, allerdings ist Freitag noch nicht in Sicht und er muss seinen Lebensunterhalt ganz allein durch seiner Hände Fischfang sichern. Zunächst fängt Robinson jeden Tag gerade so viele Fische, wie er zum Leben braucht, d. h. sein Realeinkommen (= gefangene Fische) ist gleich seinem Konsum (= gegessene Fische). Eines Tages kommt ihm die Idee, dass sein Fischfang einfacher wäre, wenn er ein Netz, d. h. ein Kapitalgut, hätte. Das Netz muss aber natürlich zunächst angefertigt werden und in der Zeit, die Robinson mit dem Knüpfen des Netzes verbringt (= investiert), kann er nicht gleichzeitig Fische fangen. Wenn er also in dieser Zeit nicht verhungern will, muss er zunächst mehr Fische fangen als er verzehrt, diese räuchern und aufheben, d. h. sparen, um sich in der Zeit des Netzknüpfens davon zu ernähren. Es ist wohl unmittelbar einleuchtend, dass das Netzknüpfen nur so lange dauern darf, wie Fische vorhanden sind – mit anderen Worten: Die Investition (das Anfertigen des Netzes) kann nicht größer sein als die Ersparnis (die aufbewahrten Fische). Sie kann auch nicht kleiner sein. Sollte das Netzknüpfen wider Erwarten schneller gehen als geplant, sind nach der Fertigstellung des Netzes noch Räucherfische übrig (= Lageraufbau), die in der Zukunft verzehrt werden können und daher ebenfalls zu Robinsons Sachvermögen zählen. 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 425 Erweiterung des zwei-Sektoren-Modells Unser Kreislaufmodell erweitert sich dadurch um einen Sektor, nämlich die Vermögensbildung bzw. -änderung (Abbildung 10-4). Dieser Sektor steht nicht – wie der Unternehmensoder Haushaltssektor – für die Gesamtheit einer bestimmten Art von Wirtschaftssubjekten, sondern für eine Aktivität1. Die Zuflüsse (=  Mittelaufkommen) zu diesem Sektor bestehen in den Ersparnissen aller am Kreislauf beteiligten Wirtschaftssubjekte. Die Abflüsse (= Mittelverwendung) repräsentieren die gesamtwirtschaftliche Nettoinvestition einschl. Lagerbestandsveränderungen. Da die Investitionsgüter selbst wiederum produzierte Produktionsmittel darstellen und für die Investitionsgüterindustrie Output und damit – im Falle ihres Verkaufs an Investoren – Umsatz bedeuten, führt der Pfeil der Nettoinvestitionen zum Unternehmenssektor zurück: Die Gleichung Y = C + I wird als Einkommensentstehungsgleichung bezeichnet. Das Einkommen Y entsteht durch die Produktion (und den anschließenden Verkauf) aller Konsum- (C) und Investitionsgüter (I). Die Gleichung Y = C + S bezeichnet die Einkommensverwendung. Das Einkommen Y kann entweder sofort zum Konsum (C) verwendet oder für die Zukunft aufbewahrt werden (S). Die Gleichheit von Investieren und Sparen ist – wie das Robinsonbeispiel gezeigt hat – in der Regel das Ergebnis ungeplanter Anpassungen entweder der Sparer oder der Investoren. In der Realität ist es unwahrscheinlich, dass die Pläne aller Sparer mit denen aller Investoren von vorn herein übereinstimmen. Schließlich werden in einer Marktwirtschaft alle Entscheidungen dezentral gefällt und erst durch das Marktgeschehen koordiniert. Ex ante 1 So ist es nicht hilfreich, sich diesen Sektor als „Bankensektor“ vorzustellen. Die Tätigkeit des Sparens bedeutet nur, dass das Einkommen der laufenden Periode nicht in derselben Periode wieder für Konsumausgaben verwendet, sondern für die Zukunft aufbewahrt wird. In welcher Form das geschieht, also ob tatsächlich eine Anlage über den Bankensektor oder einfach ein Auffüllen des häuslichen Sparstrumpfes erfolgt, ist damit nicht festgelegt. Abbildung 10-4: Wirtschaftskreislauf mit zwei privaten Sektoren und Vermögensbildung Aus Unternehmenssicht: Einkommensentstehung Y = C + I Unternehmen Haushalte Vermögensänderung Y = 100 C = 80 SH = 20 I = 20 Y = C + SI = S (SU = 0) Aus Haushaltssicht: Einkommensverwendung 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen426 sind Ersparnis und Investition daher in der Regel nicht gleich; beide Größen werden vielmehr durch verschiedene Anpassungsprozesse erst ex post zur Übereinstimmung gebracht. Wenn z. B. die geplante Ersparnis größer ist als die geplante Investition, so finden nicht alle Sparer Anlagemöglichkeiten für ihr Geld, da die Kreditnachfrage der Investoren gering ist. Die Sparer können nun entweder ihr Geld horten oder sie können ihre Sparpläne revidieren und mehr konsumieren als sie ursprünglich vorhatten. Im Falle des Hortens bleiben allerdings die Unternehmen auf einem Teil ihres Angebotes sitzen und müssen ungeplant die Lagerbestände erhöhen. Möglicherweise entschließen sich die Unternehmen dann jedoch, lieber die Preise zu senken, um ihre Produkte doch noch los zu werden. Man spricht in diesem Fall von einer deflatorischen Lücke zwischen Gesamtangebot und Gesamtnachfrage. Umgekehrt können die Unternehmen eine unerwartet hohe Nachfrage (= unerwartet geringe Ersparnis) entweder durch den Abbau von Lagerbeständen befriedigen oder, falls keine ausreichenden Bestände vorhanden sind, die Preise erhöhen. Dann liegt eine inflatorische Lücke vor. 10.2.3 Der Staat im Wirtschaftskreislauf Der Staat ist neben den privaten Unternehmen und privaten Haushalten der dritte Typus eines Wirtschaftssubjektes innerhalb einer Volkswirtschaft. Er besteht i.W. aus den Gebietskörperschaften (Bund, Ländern und Gemeinden) sowie aus den Sozialversicherungshaushalten. Der Staat vertritt als Institution die Interessen der Gesamtheit aller privaten Wirtschaftssubjekte. Er nimmt Aufgaben wahr, die die Gesellschaft als Ganze betreffen und in einer Marktwirtschaft von privaten Wirtschaftssubjekten daher nicht erfüllt werden können2. Staatsausgaben Diese bestehen insbesondere in der Bereitstellung der öffentlichen Dienstleistungen (CSt  =  Staatskonsum oder Eigenverbrauch des Staates3), der Erstellung der öffentlichen In frastruktur (ISt = Staatsinvestitionen) sowie in der Gewährung von staatlichen Transferzahlungen an Haushalte (Sozialleistungen) und Unternehmen (Subventionen). Sozialleistungen wiederum können entweder durch die Gebietskörperschaften (Sozialhilfe, Kindergeld) oder durch die Sozialversicherungshaushalte (Renten, Arbeitslosengeld) gezahlt werden. Im Folgenden sollen sämtliche Transferleistungen des Staates unter dem Kürzel TrSt zusammengefasst werden. Die Ausgaben des Staates (ASt) können somit vereinfacht in folgender Gleichung dargestellt werden: ASt = CSt + ISt + TrSt Diese Staatsausgaben haben jedoch für den Privatsektor der Wirtschaft sehr unterschiedliche Auswirkungen. Während die Transferzahlungen insbesondere der Sozialversicherungshaushalte den privaten Wirtschaftssubjekten als Zuschuss zu ihrem Einkommen zufließen, über das diese dann nach eigenem Gutdünken verfügen können (indirekte Wirkung auf die Privatnachfrage), führen die Ausgaben für Staatskonsum oder Staatsinvestition, d. h. die 2 Vgl. Abschnitt 3.4 „Ansatzpunkte staatlichen Handelns in einer Marktwirtschaft“. 3 Da die staatlichen Leistungen nicht verkauft, sondern der Gesamtheit der Bevölkerung unentgeltlich zur Verfügung gestellt und von ihr verbraucht werden, spricht man auch vom „Eigenverbrauch“ des Staates. Der Staat repräsentiert die Gesamtheit der inländischen Wirtschaftssubjekte. Er ist somit gleichzeitig Produzent und Konsument seiner eigenen Leistungen. 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 427 meisten Ausgaben der Gebietskörperschaften, unmittelbar zu einer Erhöhung der Güternachfrage bei den privaten Unternehmen sowie der Beschäftigung von Produktionsfaktoren. Daher werden diese beiden Bestandteile staatlicher Ausgaben meist unter dem Kürzel G (für Government oder Gebietskörperschaften) zusammengefasst: G = CSt + ISt4 Staatseinnahmen Zur Finanzierung seiner Ausgaben benötigt der Staat Einnahmen (ESt)5. Diese gewinnt er im Wesentlichen in Form von direkten (Tdir) und indirekten (Tind) Steuern, die die privaten Wirtschaftssubjekte an die Gebietskörperschaften bezahlen, sowie durch Sozialversicherungsbeiträge, die die Sozialversicherungshaushalte eintreiben. Da diese ähnlich der Lohn- und Einkommensteuer als bestimmter Prozentsatz des Leistungseinkommens erhoben werden, wollen wir sie im Folgenden vereinfachend mit den direkten Steuern zusammenfassen: ESt = Tdir + Tind Da die Sozialversicherungshaushalte vom Grundsatz her dem Versicherungsprinzip folgen, d. h. ihre Transferzahlungen aus den Beiträgen der Versicherten finanzieren, soll aus Vereinfachungsgründen im folgenden nur das Budget der Gebietskörperschaften, also des Staates im engeren Sinne, betrachtet werden. Dieses ergibt sich als G + TrSt = Tdir + Tind +/– Budgetsaldo 4 In Anlehnung an Clement/Terlau/Kiy (2004), S. 29. 5 Vgl. Abschnitt 3.5.1 „Staatseinnahmen“. Abbildung 10-5: Unmittelbar kreislaufwirksame Staatsausgaben4 Konsumausgaben des Staates Investitionsausgaben des Staates Input Output Öffentliche Dienstleistungen U HH Öffentliche Infrastruktur U HH Vorleistungskäufe Abschreibungen Leistungen der Produktionsfaktoren Käufe von Investitionsgütern 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen428 Wenn die Ausgaben des Staates die Steuereinnahmen übersteigen, so ergibt sich ein Budgetdefizit (BD), im umgekehrten Fall ein Budgetüberschuss (BÜ). Sollte ein Budgetdefizit vorliegen, so muss der Staat dieses durch Kreditaufnahme, d. h. durch Staatsverschuldung, schließen. Die staatliche Umverteilungstätigkeit hat Auswirkungen auf die Einkommenssituation der Haushalte. Das ursprüngliche Leistungseinkommen Y (Bruttoeinkommen) wird um direkte Steuern (Tdir) vermindert und um mögliche staatliche Transferzahlungen (TrSt), wie Renten etc. erhöht. Das um diese Ströme veränderte Einkommen bezeichnet man als verfügbares Einkommen oder Nettoeinkommen (Yv): Yv = Y – Tdir + TrSt Der Wirtschaftskreislauf mit Staat Auf dieser Basis kann nun der Staat mit seinen wichtigsten Aktivitäten in das Kreislaufschema eingefügt werden. Wie die folgende Abbildung 10-6 zeigt, vervielfacht sich die Anzahl möglicher Transaktionen zwischen den beteiligten Sektoren schlagartig und erschwert die Lesbarkeit der graphischen Darstellung beträchtlich6. Die Aktivitäten des Staates verändern natürlich auch die Definitionen für die Einkommensentstehung und Einkommensverwendung. Einkommen (Y) entsteht nun durch die Produktion nicht nur der privaten Konsum- (CH) und Investitionsgüter (IU), sondern auch der staatlichen Konsumgüter (also der öffentlichen Dienstleistungen CSt) und Investitionen (ISt): 6 Auf die Eintragung des Staatskonsums CSt wird aus Vereinfachungsgründen verzichtet. Da dieser für den Staat gleichzeitig Output (der Staat als Produzent der öffentlichen Leistungen) und Input (der Staat als Verbraucher der öffentlichen Leistungen) ist, handelt es sich um einen intrasektoralen Strom. Abbildung 10-6: Der Staat im Wirtschaftskreislauf Unternehmen Haushalte Vermögens- änderung Staat YU,H TUdir TUind THdir SH SU SSt ISt IU YSt,H VLSt,U TrSt,H TrSt,U CH 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 429 Y = CH + IU + CSt + ISt Die Verwendung des Einkommens muss andererseits neben privatem Konsum und privater Ersparnis (SH und SU) auch die Steuern (T) berücksichtigen, die an den Staat abzuführen sind: Y = CH + SH + SU + T Daraus folgt: CH + IU + CSt + ISt = CH + SH + SU + T IU + CSt + ISt = SH + SU + T IU + ISt = SH + SU + (T – CSt) IU + ISt = SH + SU + SSt 10.2.4 Der Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft Jede Volkswirtschaft des 21. Jahrhunderts hat wirtschaftliche Beziehungen zum Ausland. Jede Volkswirtschaft der Gegenwart ist somit eine offene Volkswirtschaft. Jede Kreislaufdarstellung, die den Sektor Ausland nicht berücksichtigt, führt zwangsläufig zu offenen Kreisläufen und ist damit nicht eindeutig lösbar. Aus diesem Grund muss in jeder gesamtwirtschaftlichen Kreislaufanalyse ein fünfter Pol, nämlich das Ausland, eingefügt werden. Wie bei der Vermögensänderung handelt es sich auch hier nicht um einen Sektor, der bestimmte Wirtschaftssubjekte repräsentiert, sondern um eine Klassifikation der Tätigkeit selbst: Der Sektor „Ausland“ sammelt sämtliche grenz- überschreitenden Transaktionen auf einem Konto und schließt so den Kreislauf ab7. Grenzüberschreitende Transaktionen Im Rahmen unserer einfachen Kreislaufanalyse werden im Folgenden jedoch nicht alle möglichen Arten grenzüberschreitender Transaktionen erfasst – dieser Aufgabe ist ein eigener, sehr wichtiger Teil des Volkswirtschaftlichen Rechnungswesens gewidmet, nämlich die Zahlungsbilanz – sondern lediglich die Exporterlöse (EX) und Importausgaben (IM) für Güter und Dienstleistungen. Da Exporte und Importe im Wesentlichen nur durch die privaten Unternehmen durchgeführt werden, verändert die Einführung des Auslandssektors unsere Kreislaufdarstellung nur wenig: Die Exporterlöse fließen vom Ausland zum Unternehmenssektor, die Importausgaben von den Unternehmen zum Ausland. Solange sich Exporte und Importe wertmäßig entsprechen, werden die übrigen Sektoren von diesen Transaktionen nicht verändert. Anders sieht es jedoch aus, wenn sich zwischen beiden Strömen eine Differenz, der sog. Außenbeitrag (EX – IM), ergibt. Wenn die Exporterlöse höher sind als die Importausgaben (Exportüberschuss aus Sicht des Inlands), spricht man von einem positiven, andernfalls (Importüberschuss) von einem negativen Außenbeitrag. Liegt – wie derzeit in Deutschland – zum Beispiel ein Exportüberschuss 7 Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass das Auslandskonto aus der Sicht des Auslandes erstellt wird! Das bedeutet, dass die Exporterlöse des Inlands auf der linken Seite des Auslandskontos (= Ausgaben des Auslands) und die Importausgaben des Inlands auf der rechten Seite des Auslandskontos (= Zuflüsse beim Ausland) erscheinen. Diese Sichtweise findet sich später auch bei der Zahlungsbilanz wieder. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen430 vor, so hat das Ausland gegenüber dem Inland eine Nettoschuldnerposition, denn es muss mehr eigene Importe (= Exporte des Inlands) bezahlen als es durch Exporte (= Importe des Inlands) erlöst. Das entspricht einer negativen Ersparnis des Auslandes und damit einer Vermögensänderung: Ein Teil der importierten Waren muss vom Inland kreditiert werden. Die inländische Ersparnis muss dann also nicht nur die inländische Investition, sondern auch das Handelsdefizit des Auslands decken. Der Wirtschaftskreislauf mit Staat und Ausland Die Aktivitäten des Auslands verändern ebenfalls die Einkommensentstehungsgleichung, nicht aber die Einkommensverwendungsgleichung der Volkswirtschaft. Einkommensentstehung (Wertschöpfung) erfolgt in einer offenen Volkswirtschaft nicht nur durch die Produktion der Güter und Dienstleistungen, die im Inland eingesetzt werden, sondern auch durch diejenigen, die ins Ausland exportiert werden. Allerdings sind dabei importierte Güter gegenzurechnen, da deren Wertschöpfung ja nicht im Inland erbracht worden ist. Die Einkommensentstehungsgleichung lautet also jetzt: Y = CH + IU + CSt + ISt + (EX – IM) Die Einkommensverwendungsgleichung bleibt vom Ausland zunächst unberührt: Y = CH + SH + SU + T Abbildung 10-7: Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft mit positivem Außenbeitrag Unternehmen Haushalte Vermögens- änderung Staat YU,H TUdir TUind THdir SH SU SSt ISt IU YSt,H VLSt,U TrSt,H TrSt,U Ausland Ex Im Ex-Im >0 CH 10.2 Der Wirtschaftskreislauf 431 Die ex-post-Identität von Investieren und Sparen lautet demnach: CH + IU + CSt + ISt + (EX-IM) = CH + SH + SU + T IU + CSt + ISt + (EX-IM) = SH + SU + T IU + ISt + (EX-IM) = SH + SU + (T – CSt) IU + ISt + (EX-IM) = SH + SU + SSt Das bedeutet, dass die Ersparnis der inländischen Wirtschaftssubjekte auch dazu ausreichen muss, im Falle eines eigenen Exportüberschusses dem Ausland seinen Importüberschuss per Kredit zu finanzieren. Übung 10-1: Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft ohne Staat Für eine Volkswirtschaft wurden folgende monetären Ströme zwischen den Sektoren Unternehmen (U), Haushalte (HH) und Ausland (A) verzeichnet: Einkommen Y von U nach HH 900 Importe IM 50 Exporte EX 90 Konsum C 750 Bruttoinvestition Ibr 170 Abschreibungen 60 a) Verbuchen Sie die Ströme in einem geeigneten Kontensystem. Benennen Sie die Salden der Konten und schließen Sie den Kreislauf. Wie hoch ist der Unternehmensgewinn? Wie hoch ist die Nettoinvestition? b) Stellen Sie denselben Kreislauf auch graphisch und als Matrix dar. Wodurch drückt sich die Tatsache aus, dass der Kreislauf geschlossen ist? Lösung: a) Lösung in Kontenform: EX-IM = 40 Unternehmen Y = 900 IM = 50 Afa = 60 EX = 90 C = 750 Ibr = 170 1010 1010 Haushalte C = 750 Y = 900 S = 150 900 900 Vermögensänderung Ibr = 170 Afa = 60 S = 150EX-IM= 40 210 210 Ausland 90 EX = 90 IM = 50 90 In dieser Aufgabe wird nicht über die Netto-, sondern über die Bruttoinvestition gesprochen. Ein Teil der Bruttoinvestition, nämlich die Re-Investition, wird jedoch nicht durch Ersparnis, sondern durch die Abschreibung finanziert. Die Abschreibung ist ein Maß für die Abnutzung des Kapitals durch den Produktionsprozess. Diese Abnutzung stellt also zunächst einen Werteabfluss für das Unternehmen dar – daher wird die Abschreibung auf der linken Seite des Unternehmenskontos verbucht. Gleichzeitig fließt der Betrag jedoch über den Preis in den Erlösen wieder dem Unternehmen zu und dient dort der Finanzierung der Ersatzinvestitionen. Die Gegenbuchung erfolgt daher auf der rechten Seite des Vermögensänderungskontos. Auf dessen linker Seite erscheint deshalb die Bruttoinvestition (Netto- und Ersatzinvestition). Der Wert der Nettoinvestition ergibt sich aus Ibr – Ire = In = 110 Der Unternehmensgewinn ergibt sich nach der bekannten Formel: Umsatz – Kosten = Gewinn. Wenn also die rechte Kontoseite länger wäre als die linke, würde sich links der Gewinnsaldo ergeben. Im vorliegenden Fall sind jedoch Umsatzerlöse und Kosten gleich groß, der Unternehmensgewinn daher 0. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen432 b) Lösung in Graphikform: Unternehmen Haushalte Vermögensänd.Ausland Y = 900 C = 750 S = 150 EX- IM = 40 EX = 90 IM = 50 Afa = 60 Ibr = 170 Lösung in Matrixform: an von U H VÄ A Σ U 900 60 50 1010 H 750 150 900 VÄ 170 40 210 A 90 90 Σ 1010 900 210 90 Für jeden beteiligten Sektor gilt: Summe der zufließenden Ströme = Summe der abfließenden Ströme 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) werden mit Hilfe des Kreislaufmodells in Form eines spezifischen Kontensystems alle gesamtwirtschaftlichen Vorgänge einer Volkswirtschaft erfasst. Diese Vorgänge kreisen im Kern um den Wertschöpfungsprozess und bestehen aus den unterschiedlichsten Aktivitäten der Wirtschaftssubjekte, also aller Haushalte und Unternehmen sowie des Auslandes. Hauptergebnis dieses Rechenwerkes ist die Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung und damit des Realeinkommens einer Volkswirtschaft, sowie dessen Entstehung, Verwendung und Verteilung. Um Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen volkswirtschaftlichen Rechenwerken zu gewährleisten, wurde im Jahr 1995 in einer europaweiten Revision das „Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 1995“ (ESVG 95) eingeführt. Damit sollte sichergestellt werden, „dass europaweit harmonisierte Ergebnisse für politische und wirtschaftliche Entscheidungen verwendet werden.“8 Das ESVG 95 besteht aus einem System aus 8 Statistisches Bundesamt (2007), S. 5. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 433 zehn verschiedenen Kontotypen und unterscheidet fünf verschiedene Sektoren von Wirtschaftssubjekten. Im Folgenden soll zunächst jedoch ein vereinfachtes Grundschema eines gesamtwirtschaftlichen Kontensystems dargestellt werden. Die Grundüberlegungen sind identisch mit denen des ESVG 95 und lassen sich anschließend leicht darauf übertragen. 10.3.1 Die Aktivitätskonten Wirtschaftssubjekte kann man, wie bereits in Kapitel  2 besprochen, in drei inländische Sektoren sowie das Ausland zusammenfassen: • Private Unternehmen • Private Haushalte • Öffentliche Haushalte bzw. Staat • Ausland Bei den Aktivitäten unterscheidet man • Produktion, d. h. Einkommensentstehung • Einkommensverwendung • Vermögensänderung • Kreditänderung bzw. Finanzierung Jede dieser Tätigkeiten wird in einem eigenen Konto erfasst und dieses für jeden inländischen Sektor erstellt. Daraus ergeben sich also insgesamt zwölf sog. Aktivitätskonten, d. h. vier für jeden inländischen Sektor. Die Aktivitäten des Auslands werden nicht weiter untergliedert, sondern in einem Auslandskonto zusammengefasst. Man erhält auf diese Weise das in Abbildung 10-8 dargestellte (vereinfachte) Kontensystem. Abbildung 10-8: Vereinfachtes Kontensystem der VGR Ö ko no m is ch e A kt iv itä te n S e k t o r e n 1. Produktion 2. Einkommensverwendung 3. Vermögens- änderung 4. Finanzierung 1. Private Unternehmen 2. Private Haushalte 3. Öffentliche Haushalte 1.1 1.2 1.3 2.1 2.2 2.3 3.1 3.2 3.3 4.1 4.2 4.3 Ausland 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen434 Alle Transaktionen werden auf diesen Konten nach dem Prinzip der doppelten Buchführung jeweils mit Buchung und Gegenbuchung erfasst. Die linke Seite ist die Soll-Seite und enthält alle monetären Abflüsse, die rechte Seite ist die Haben-Seite und enthält die Zuflüsse. Daraus ergeben sich für die vier Aktivitätskonten die in Abbildung 10-9 dargestellten Grundstrukturen. Im Folgenden sollen diese Aktivitätskonten in ihren jeweiligen sektoralen Ausprägungen dargestellt und erklärt werden. 10.3.1.1 Das Produktionskonto Das ökonomische Wesen eines Unternehmens besteht darin, dass es Wertschöpfung betreibt mit dem Ziel, die produzierten Güter am Markt zu verkaufen. Wertschöpfung bedeutet, aus einer bestimmten Anzahl Inputs – das sind entweder primäre Faktorleistungen oder zugekaufte Güter, also Vorleistungen – neue Güter herzustellen, deren Marktwert über der Summe der Marktwerte der Inputgüter liegt. Die Differenz ergibt den Unternehmensgewinn. Jedes Unternehmen produziert also im Laufe eines bestimmten Zeitraumes, z. B. eines Monats oder Jahres, eine bestimmte Anzahl Güter, die i. d. R. am Markt verkauft werden, in manchen Fällen aber auch im Unternehmen verbleiben. Das Produktionskonto fasst alle Transaktionen, die mit der Tätigkeit des Produzierens zusammenhängen, zusammen. Produktionswert Die Summe aller Positionen der linken oder der rechten Seite des Produktionskontos gibt den gesamten Marktwert der im betrachteten Zeitraum hergestellten Güter und Dienstleistungen an9. Man nennt diese Summe daher Produktionswert oder auch Bruttoproduk- 9 In den Konten der ESVG 95 werden die Produktionswerte nicht nach Marktpreisen, sondern nach Herstellkosten, d. h. ohne die zu zahlenden Nettogütersteuern ausgewiesen: „Der Wert der Verkäufe Produktionskonto S H Kosten = Input Erlöse = Output Saldo: Gewinn Einkommenskonto S H Einkommensverwendung Einkommensquellen Saldo: Sparen Vermögensänderungskonto S H Erwerb von Sachvermögen = Mittelverwendung Eigenfinanzierung = Mittelherkunft Saldo: Finanzierungs -defizit (+) -überschuss (–) Finanzierungskonto S H Zunahme der Forderungen Zunahme der Verbindlichkeiten Saldo: Finanzierungs -defizit (–) -überschuss (+) Abbildung 10-9: Grundstruktur der Aktivitätskonten 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 435 tionswert. Die Bezeichnung „Brutto“ bezieht sich darauf, dass der Produktionswert auch die zugekaufte Wertschöpfung, d. h. die Vorleistungen, enthält. Der Nettoproduktionswert enthält hingegen nur noch diejenige Wertschöpfung, die das betrachtete Unternehmen den Vorleistungen hinzugefügt hat. Der Produktionswert lässt sich also von beiden Seiten des Kontos, aus Input- und Outputsicht, errechnen. Beginnen wir zunächst mit der Input-, d. h. der Kostenseite. Vorleistungen Zu den Inputs zählen zunächst alle von anderen Unternehmen aus dem In- oder Ausland zugekauften Güter, d. h. die Vorleistungen. Diese werden vom Statistischen Bundesamt folgendermaßen definiert: „Unter Vorleistungen ist der Wert der Güter (Waren und Dienstleistungen) zu verstehen, die inländische Wirtschaftseinheiten von anderen (in- und ausländischen) Wirtschaftseinheiten bezogen und im Berichtszeitraum im Zuge der Produktion verbraucht haben. Die Vorleistungen umfassen außer Rohstoffen, sonstigen Vorprodukten, Hilfs- und Betriebsstoffen, Brenn- und Treibstoffen und anderen Materialien auch Bau- und sonstige Leistungen für laufende Reparaturen, Transportkosten, Postgebühren, Anwaltskosten, gewerbliche Mieten, Benutzungsgebühren für öffentliche Einrichtungen usw.“10 Vorleistungen werden i. d. R. von anderen in- oder ausländischen Unternehmen erworben, wobei Vorleistungskäufe aus dem Ausland als Import bezeichnet werden. Daneben erhalten Unternehmen aber auch zahlreiche Vorleistungen vom Staat. Dabei handelt es sich in schließt die in Rechnung gestellte Umsatzsteuer nicht ein.“: Statistisches Bundesamt (2007), S. 6. In der vereinfachten Betrachtung soll dennoch von der Marktpreisbewertung ausgegangen werden, da die einzelnen Sozialproduktsbegriffe sich auf diese Weise einfacher herleiten lassen und die Ergebnisse widerspruchsfrei in die ESVG 95 übergeleitet werden können. 10 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. Abbildung 10-10: Produktionskonto privater Unternehmen Produktionskonto Unternehmen Käufe von Vorleistungen – von Unternehmen – vom Ausland Verkäufe von Vorleistungen – an Unternehmen – an den Staat Verkäufe an private Haushalte Verkäufe von Investitionsgütern – an Unternehmen – an den Staat Vorratsveränderungen Selbsterstellte Anlagen Verkäufe an das Ausland Abschreibungen Gütersteuern minus Gütersubventionen Summe aller Faktoreinkommen Brutto-Produktionswert Brutto -Produktionswert N et to -P ro du kt io ns w er t = B ru tto -W er ts ch öp fu ng z u M ar kt pr ei se n B ru tto -W er ts ch öp fu ng z u H er st el lk os te n N et to -W er ts ch öp fu ng 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen436 erster Linie um unentgeltlich abgegebene öffentliche Leistungen wie z. B. innere und äu- ßere Sicherheit oder Verkehrsinfrastrukturleistungen. Für diese Leistungen gibt es wegen des fehlenden Ausschlussprinzips keine Marktpreise. Diese Vorleistungen werden daher in den Produktionskonten der empfangenden Unternehmen nicht aufgeführt, obwohl sie einen beträchtlichen Umfang haben. Nur diejenigen Vorleistungen des Staates, die gegen Gebühren und Beiträge nach dem Äquivalenzprinzip vergeben werden, werden tatsächlich wertmäßig erfasst, sind jedoch – gemessen am Gesamtumfang staatlicher Vorleistungen – so unbedeutend, dass sie in dieser Überblicksdarstellung vernachlässigbar sind. Abschreibungen Der nächste Posten Abschreibungen erfasst den Wertverlust des Anlagevermögens in der abgelaufenen Rechnungsperiode: „Abschreibungen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen messen die Wertminderung des Anlagevermögens während einer Periode durch normalen Verschleiß und wirtschaftliches Veralten unter Einschluss des Risikos für Verluste durch versicherbare Schadensfälle. Sie werden auf das gesamte Anlagevermögen berechnet, also sowohl auf Sachanlagen als auch auf immaterielles Anlagevermögen, wie Suchbohrungen, Computerprogramme, jedoch nicht auf Tiere.“11 Abschreibungen stellen also einen Werteverzehr dar, der durch die Produktion entstanden ist und durch die Erlöse gedeckt werden muss. Sie gehören daher wie die Vorleistungskäufe zu den Kosten der Produktion. Gütersteuern und -subventionen Das trifft ebenfalls auf die Gütersteuern zu. Wie wir bereits in Kapitel 3 besprochen, erhebt der Staat aus wirtschafts- und sozialpolitischen oder auch aus fiskalischen Gründen verschiedene Steuern, die die Handlungsweise von privaten Wirtschaftssubjekten beeinflussen. Wenn die Steuern an der Produktion von Gütern ansetzen, dann verändern sich dadurch die Herstellungskosten sowie die Marktpreise. „Zu den Gütersteuern zählen alle Steuern und ähnlichen Abgaben, die pro Einheit einer gehandelten Ware oder Dienstleistung zu entrichten sind. Sie umfassen die nicht abziehbare Umsatzsteuer, Importabgaben (u. a. Zölle, Verbrauchssteuern und Abschöpfungsbeträge auf eingeführte Güter) und sonstige Gütersteuern (Verbrauchsabgaben, Vergnügungssteuern, Versicherungssteuer usw.).“12 Dasselbe gilt analog, wenn der Staat den Unternehmen Subventionen bezahlt, die mengenoder wertmäßig an die Produktion bestimmter Güter anknüpfen. Sie wirken dann wie negative Steuern. Man fasst daher Gütersteuern und Gütersubventionen im Produktionskonto rechnerisch zusammen. „Gütersubventionen sind Subventionen, die pro Einheit einer produzierten oder eingeführten Ware oder Dienstleistungen geleistet werden. Unter Subventionen versteht man in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen laufende Zahlungen ohne Gegenleistung, die der Staat oder Institutionen der Europäischen Union an gebietsansässige Produzenten leisten, um den Umfang der Produktion dieser Einheiten, ihre Verkaufspreise oder die Entlohnung der Produktionsfaktoren zu beeinflussen.“13 11 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. 12 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. 13 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 437 Bruttowertschöpfung Unter Bruttowertschöpfung versteht man den Teil des Produktionswertes, der im betrachteten Unternehmen über den Wert der zugekauften Vorleistungen hinaus entstanden ist. Er entspricht somit also dem Nettoproduktionswert. Diese Bruttowertschöpfung umfasst den Marktwert aller in diesem Unternehmen hergestellten Güter- und Dienstleistungen, der über den Wert der Vorleistungen hinausgeht. Man spricht daher auch von der Bruttowertschöpfung zu Marktpreisen. Zieht man davon den Saldo der Gütersteuern und -subventionen ab, so erhält man die Bruttowertschöpfung zu Herstellkosten oder Herstellpreisen, d. h. zu den Preisen, die entstanden wären, wenn der Staat nicht durch seine Gütersteuern und/oder -subventionen Einfluss auf die Preisbildung genommen hätte14. Nettowertschöpfung Außer den Ansprüchen des Staates muss aus der Bruttowertschöpfung auch der Wertverlust gedeckt werden, der durch die Erstellung des Outputs entstanden ist und in der Abschreibung erfasst wird. Dieser Teil der Wertschöpfung steht also für die Entlohnung der Produktionsfaktoren ebenfalls nicht zur Verfügung. Zieht man den Abschreibungsbetrag von der Bruttowertschöpfung zu Herstellpreisen ab, so erhält man den letzten Posten auf der Soll-Seite des Produktionskontos, nämlich die Nettowertschöpfung. Sie stellt denjenigen Teil des Produktionswertes dar, der an die an der Produktion beteiligten Faktoren, d. h. an die Arbeitskräfte sowie an die Kapital- und Bodeneigner als Einkommen ausgeschüttet werden kann. Er stellt somit insbesondere wegen des darin enthaltenen Unternehmensgewinns eine Restgröße, d. h. die Saldengröße auf dem Produktionskonto dar und beinhaltet eine Vielzahl unterschiedlicher Einkommensformen bzw. Faktoreinkommen: „Die Nettowertschöpfung enthält das … entstandene Arbeitnehmerentgelt und den Betriebsüberschuss bzw. die Selbständigeneinkommen. Das von den Arbeitgebern geleistete Arbeitnehmerentgelt umfasst die Bruttolöhne und -gehälter, die tatsächlichen Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, an Lebensversicherungsunternehmen und an Pensionskassen, ferner unterstellte Sozialbeiträge, die den Gegenwert der sozialen Leistungen darstellen, die von Arbeitgebern an gegenwärtig oder früher beschäftigte Arbeitnehmer gezahlt … werden. Der Betriebsüberschuss/ Selbständigeneinkommen ergibt sich nach Abzug des Arbeitnehmerentgelts von der Nettowertschöpfung. … Dabei sind ein kalkulatorischer Unternehmerlohn sowie das Entgelt für das eingesetzte eigene und fremde Sach- und Geldkapital der jeweiligen Wirtschaftseinheit und für die unternehmerische Leistung eingeschlossen.“15 Auf der Haben-Seite, der rechten Seite des Produktionskontos werden alle hergestellten Güter erfasst und zwar unabhängig davon, ob sie das Unternehmen verlassen haben oder im Unternehmen verblieben sind und dort z. B. den Lagerbestand erhöht haben. Da der Zweck jedes privaten Unternehmens darin besteht, Güter für den Verkauf auf dem Markt herzustellen, stehen auf der rechten Seite des Produktionskontos vor allem die Umsatzerlöse, d. h. die zu Marktpreisen bewerteten Verkäufe. Güter, die zunächst oder auch auf Dauer im eigenen Unternehmen verbleiben, werden zwar ebenfalls auf der Output-Seite 14 Im ESVG 95 wird Bruttowertschöpfung stets zu Herstellpreisen, d. h. ohne Gütersteuern ausgewiesen. 15 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen438 des Produktionskontos erfasst, jedoch zu Herstellkosten bewertet. Die Untergliederung des Outputs im Produktionskonto erfolgt anhand der verschiedenen Empfänger sowie nach dem Verwendungszweck der Güter. Verkäufe von Vorleistungsgütern Ein Teil der hergestellten Güter wird möglicherweise an andere Unternehmen verkauft, die sie weiterverarbeiten und in ihr eigenes Produkt integrieren. Ein wichtiger Abnehmer von Vorleistungsgütern aus dem privaten Unternehmenssektor ist jedoch auch der Staat, der zur Erstellung seiner öffentlichen Leistungen sowohl Sachgüter als auch Dienstleistungen vom privaten Markt zukauft. Verkäufe an private Haushalte Ein weiterer großer Teil aller verkauften Produkte geht an private Haushalte und dient dort dem Konsum: „Als Konsumausgaben privater Haushalte werden die Waren und Dienstleistungskäufe der inländischen privaten Haushalte für Konsumzwecke bezeichnet. Neben den tatsächlichen Käufen, zu denen u. a. Entgelte für häusliche Dienste gehören, sind auch bestimmte unterstellte Käufe einbegriffen, wie z. B. der Eigenkonsum der Unternehmer, der Wert der Nutzung von Eigentümerwohnungen sowie so genannte Naturalentgelte für Arbeitnehmer.“16 Verkäufe von Investitionsgütern Ein weiterer Teil der hergestellten Güter wird von anderen Unternehmen oder vom Staat als dauerhaftes Produktionsgut erworben und wird dort Bestandteil des Sachkapitals, d. h. des Produktionsapparates. Diese Güter nennt man Investitionsgüter. Sie enthalten gemäß ESVG 95 nicht nur Sachanlagen und Bauten, sondern auch immaterielle Anlagegüter wie Patente oder Software17: „Die Bruttoanlageinvestitionen umfassen die Käufe neuer Anlagen … sowie die Käufe von gebrauchten Anlagen und Land nach Abzug der Verkäufe gebrauchter Anlagen und Land. … als Anlagen werden in diesem Zusammenhang alle dauerhaften reproduzierbaren Produktionsmittel angesehen. … Als dauerhaft gelten in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen diejenigen Produktionsmittel, deren Nutzungsdauer mehr als ein Jahr beträgt und die normalerweise in der betriebswirtschaftlichen Buchführung aktiviert werden. … Die Bruttoanlageninvestitionen untergliedern sich in Ausrüstungen (Maschinen, Geräte, Fahrzeuge), Bauten (Wohnbauten, Nichtwohnbauten) und sonstige Anlagen (u. a. Nutzvieh und Nutzpflanzungen, Computersoftware).“18 Allerdings werden nicht alle Güter, die ein Unternehmen im Betrachtungszeitraum hergestellt hat, auch tatsächlich verkauft. Solche, die vorübergehend oder dauerhaft im eigenen Unternehmen verbleiben, werden ebenfalls der Investition i. w. S. zugeordnet. Hierbei sind zwei Fälle zu unterscheiden: Güter (Vor-, Halb- und Fertigprodukte), die (noch) nicht verkauft werden konnten, erhöhen zunächst den Lagerbestand des Unternehmens und werden als „Vorratsveränderung“ ebenfalls im Produktionskonto bei den Investitionen erfasst. Lagerbestände binden – wie 16 Statistisches Bundesamt (2007), S. 7 f. 17 Vgl. Abschnitt 2.1.2.1 „Input: Faktorleistungen und Vorleistungen“. 18 Statistisches Bundesamt (2007), S. 8. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 439 alle anderen Güter des Anlagevermögens – Kapital und erhöhen die Angebotskapazität der Folgeperiode. Eine zweite Gruppe von nicht verkauften Gütern sind die so genannten selbsterstellten Anlagen. Dies sind Investitionsgüter, die künftig im eigenen Hause zur Produktion eingesetzt werden sollen, also z. B. Fahrzeuge eines Automobilherstellers, die den eigenen Mitarbeitern als Dienstwagen zur Verfügung gestellt werden. Selbsterstellte Anlagen sind quasi Verkäufe von Investitionsgütern an das eigene Unternehmen. Verkäufe an das Ausland Der letzte Posten auf der Haben-Seite des Produktionskontos sind die Verkäufe von Gütern und Dienstleistungen an das Ausland. Als Ausland gelten alle „Wirtschaftseinheiten, die ihren ständigen Sitz (Wohnsitz) außerhalb Deutschlands haben.“19 Nicht eingeschlossen werden allerdings die Verkäufe von Arbeitskraft, d. h. die Arbeitseinkommen, die Inländer (= Gebietsansässige) aus dem Ausland beziehen. Verkäufe an das Ausland heißen Export und zwar unabhängig davon, welchem Zweck die Güter dort dienen sollen. Eine weitere Unterscheidung in Konsum- und Produktionsgüter wird nicht getroffen. Wir haben bisher die typische Struktur eines Produktionskontos für ein privates Unternehmen betrachtet. Daneben gibt es aber noch Produktionskonten für die beiden anderen inländischen Wirtschaftssektoren Staat und Private Haushalte. Diese weisen jedoch im Vergleich zum Unternehmenskonto einige Besonderheiten auf. Die Produktionstätigkeit des Staates Der Staat produziert in erster Linie öffentliche Güter. Diese zeichnen sich durch Nicht- Ausschließbarkeit sowie Nicht-Rivalität des Konsums aus, so dass diese Güter nicht am Markt verkauft, sondern i. d. R. unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Beispiele dafür sind Militär und Polizei, das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie Verkehrsinfrastrukturleistungen. Da es für diese Leistungen keinen Markt gibt, gibt es auch keine Marktpreise. Daher können diese Güter nur zu Herstellkosten bewertet werden. Der Staat verfolgt mit seinen Wertschöpfungsaktivitäten ja nicht das Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, sondern eine entsprechend der gesamtwirtschaftlichen Zielfunktion optimale Ausstattung der Gesellschaft mit öffentlichen Gütern sicherzustellen. Daher fehlt auf der Soll-Seite der Gewinnsaldo; stattdessen ergibt sich der Wert der unentgeltlich abgegebenen öffentlichen Leistungen als Saldo auf der Haben-Seite des Kontos und entspricht der Summe aller zu ihrer Herstellung erforderlichen Inputs. Diese vom Staat produzierten Leistungen werden sowohl von den Unternehmen als Vorleistung für ihre eigene Produktion wie auch von den privaten Haushalten zum Konsum genutzt. Eine solche Zurechnung ist aber wiederum nur für diejenigen (wenigen) Leistungen möglich, die gegen Gebühren oder Beiträge erworbenen werden müssen und somit ihren Erwerbern zurechenbar sind. Eine Betriebsgenehmigung ist beispielsweise eindeutig als staatliche Vorleistung für ein Unternehmen und damit als Produktionsgut zu klassifizieren, während die Zulassung eines privaten Kraftfahrzeuges eine Konsumleistung ist. Theoretisch müsste auch der gesamte Block der unentgeltlich abgegebenen Leistungen des Staates auf diese beiden Kategorien aufgeteilt werden. Da eine solche Zuordnung der Herstellkosten auf die konkreten Nutzer rechnerisch jedoch nicht möglich ist, wird die ge- 19 Statistisches Bundesamt (2007), S. 8. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen440 samte staatliche Produktion (mit Ausnahme der erwähnten gegen Gebühren und Beiträge abgegeben Leistungen sowie der selbsterstellten Anlagen des Staates) als Staatskonsum oder Eigenverbrauch des Staates bezeichnet. Eine weitere Besonderheit des staatlichen Produktionskontos besteht im Fehlen von Gütersteuern und -subventionen, da öffentliche Haushalte keine Gütersteuern an sich selbst bezahlen und generell durch Steuern finanziert werden. Die Produktionstätigkeit der privaten Haushalte Streng genommen findet im Sektor Private Haushalte nach der bisher verwendeten Definition keine Produktion im engeren Sinne statt. Zwar wird von den Haushalten Wertschöpfung betrieben, indem z. B. Haushaltdienstleistungen erbracht und Kinder betreut werden. Jedoch wird diese Wertschöpfung nicht auf dem Markt verkauft, sondern unmittelbar an Ort und Stelle verbraucht. Man nennt dies den Eigenverbrauch der privaten Haushalte. Auf die Darstellung eines eigenen Produktionskontos der privaten Haushalte kann an dieser Stelle daher verzichtet werden. Allerdings sei daraufhin gewiesen, dass das ESVG 95 einen Teil der Produktionsaktivitäten aus dem Unternehmenssektor den privaten Haushalten zuordnet – nämlich insbesondere Aktivitäten von Einzelunternehmern und Selbständigen – so dass in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen auch für die privaten Haushalte ein entsprechendes Produktionskonto erstellt wird. Abbildung 10-11: Produktionskonto des Staates Produktionskonto Staat Käufe von Vorleistungen -von Unternehmen -vom Ausland Abschreibungen Summe aller Faktoreinkommen Eigenverbrauch des Staates = Staatskonsum N et to -W er ts ch öp fu ng B ru tto -W er ts ch öp fu ng zu H er st el lk os te n 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 441 Übung 10-2: Hochprozentige Wertschöpfung20 Der Weinhändler Trinkfest GmbH & Co KG kauft 500 Einzelflaschen Champagner zum Stückpreis von 20 €. Sie werden in Kisten zu 10 Flaschen verpackt. Die 50 Holzkisten werden zu 10 € je Kiste beschafft. Die Kosten für Strom, Büromaterial und sonstige Verbrauchgegenstände betragen 1.000 €. Die Büroausstattung sowie das Firmenfahrzeug des Weinhändlers werden mit 1.300 € abgeschrieben. Für Löhne, Zinsen, Mieten usw. müssen 2.200 € bezahlt werden. 40 Kisten werden zum Preis von 500 € je Kiste verkauft. Ein Großkunde erhält 6 Kisten zum Preis von nur 400 € je Kiste. Die restlichen 4 Kisten werden gelagert. Wie hoch ist der Gewinn des Weinhändlers in dieser Periode? Lösung: Der Gewinn ergibt sich als Saldo des einzelwirtschaftlichen Produktionskontos. Wenn die Summe aller Umsätze einschl. der Lagerzuwächse (rechte Seite des Produktionskontos) größer ist als die Summe aller Kosten (linke Seite des Produktionskontos), entsteht auf der linken Seite des Kontos ein positiver Gewinnsaldo. Zur Lösung der Aufgabe müssen daher zunächst beide Kontoseiten erstellt und die jeweiligen Summen ermittelt werden. Dabei stellt sich jedoch heraus, dass zur Berechnung der Habensumme zunächst die Bewertung der Lagerbestandsveränderung geklärt werden muss. Lagerbestände haben (noch) keine Marktpreise und können daher nur zu Herstellkosten bewertet werden. Diese lassen sich wiederum aus der linken Kontoseite ermitteln, so dass bei der Bearbeitung der Aufgabe mit der Soll-Seite begonnen werden muss. Diese ergibt sich wie folgt: – 500 Flaschen Champagner 10.000 € – 50 Holzkisten 500 € – Strom, Büromaterial etc. 1.000 € Vorleistungen gesamt 11.500 € Abschreibungen 1.300 € Faktorkosten 2.200 € Kosten gesamt 15.000 € Die Herstellkosten pro Champagnerkiste belaufen sich daher auf 300 €. Dieser Betrag kann nun zur Bewertung der auf Lager genommenen 4 Kisten verwendet werden. Die Summe der Haben-Seite errechnet sich also wie folgt: – 40 Kisten zu 500 € 20.000 € – 6 Kisten zu 400 € 2.400 € Umsätze gesamt 22.400 € Lageraufbau: 4 Kisten zu 300 € 1.200 € Summe Brutto-Produktionswert 23.600 € Der Weinhändler hat also einen stolzen Gewinn in Höhe von 8.600 €. 10.3.1.2 Das Einkommenskonto Aus den Produktionskonten wird deutlich, dass Wertschöpfung gleichzeitig Einkommensentstehung bedeutet. Das Entgelt, das den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital für ihre jeweiligen Wertschöpfungsbeiträge gezahlt wird, ist für die Faktoreigner Einkommen. Die aus dem Produktionsprozess heraus entstandene, leistungsbezogene funktionale Einkommensverteilung wird jedoch anschließend durch den Staat über das Steuer- und Transfersystem personell umverteilt.20 20 In Anlehnung an Wilke, F. (1998), S. 209. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen442 Das Einkommenskonto21 zeigt, wie die Wirtschaftssubjekte das durch ihre Beteiligung am Produktionsprozess zugeflossene oder durch den Staat zur Verfügung gestellte Einkommen verwenden. Hierbei weist wiederum jeder Sektor einige Besonderheiten auf. Das wichtigste Einkommenskonto ist das der privaten Haushalte, da diese den größten Teil aller Einkommen erhalten. Das Einkommenskonto privater Haushalte Ein privater Haushalt kann in vielfältiger Weise am Produktionsprozess beteiligt sein: Meist bietet er seine Arbeitskraft den Unternehmen gegen Bezahlung von Lohn oder Gehalt an. Er kann aber als Inhaber eines Handwerksbetriebes auch Gewinneinkommen beziehen oder aus Aktien- und Wertpapierbesitz Zinsen und Dividenden erhalten. All diese Einkommen zählen zu den Faktoreinkommen, da sie der Gegenwert für geleistete Wertschöpfung sind. Abgesehen davon besteht jedoch ferner die Möglichkeit, dass der Staat Transferleistungen, wie Sozialhilfe oder Kindergeld, an den Haushalt zahlt und ihm dadurch fehlendes Leistungseinkommen ersetzt oder zumindest unzureichendes aufbessert. Man unterscheidet daher folgende Einkommensarten:22 Private Haushalte beziehen meist gleichzeitig Einkommen aus mehreren Quellen. Üblicherweise überwiegt jedoch das Arbeitseinkommen. Auf der rechten Seite des Einkommenskontos (Abb. 10-13) werden sämtliche Einkommensarten erfasst. Die Gesamtheit aller Einkommen nennt man das Bruttoeinkommen. Einen Teil der Leistungseinkommen beansprucht der Staat für sich. Der Haushalt muss aus seinem Bruttoeinkommen also zunächst Abgaben in Form von direkten Steuern sowie Sozialbeiträgen an den Staat abführen. 21 Im Kontensystem des ESVG 95 wird das Einkommenskonto auf vier bzw. sechs Detailkonten aufgeteilt (Einkommensentstehung, primäre Einkommensverteilung, sekundäre Einkommensverteilung nach Ausgaben- und Verbrauchskonzept sowie Einkommensverwendung nach Ausgaben und Verbrauchskonzept); vgl: Statistisches Bundesamt (2007), S. 5 f. und S. 20 ff. 22 Vgl. Frenkel, M./John, K.D.: „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“, 6. Aufl., München 2006, S. 50. Abbildung 10-12 Einkommensarten privater Haushalte22 Einkommensarten Arbeitnehmerentgelte (Löhne und Gehälter einschl. Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) Selbstständigeneinkommen (Gewinne einschl. Mieten) Vermögenseinkommen (Zinsen, Dividenden etc.) Transfereinkommen (Kindergeld, Wohngeld, Sozialhilfe etc.) Erwerbseinkommen Faktoreinkommen 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 443 Das verbleibende verfügbare Nettoeinkommen kann der Haushalt nach Belieben auf Konsum oder Sparen (d. h. Zukunftskonsum) aufteilen, wobei sich die Ersparnis als Saldengröße auf der Soll-Seite des Einkommenskontos ergibt. Dieser Saldo muss nicht unbedingt positiv sein. Ein Haushalt kann z. B. Ersparnisse der Vergangenheit auflösen, um seinen Konsum zu finanzieren. In diesem Fall spricht man von Entsparen. Weitere Möglichkeiten, Einkommen zu verwenden außer Konsumieren und Sparen, hat ein Haushalt definitionsgemäß nicht. Insbesondere kann ein Haushalt nicht investieren. Auch der Kauf langlebiger Konsumgüter wird dem Konsum zugerechnet. Das Einkommenskonto privater Unternehmen Analog zu den privaten Haushalten erscheinen auf der Haben-Seite dieses Einkommenskontos (Abb. 10-14) alle Faktor- und Transfereinkommen von Unternehmen. Dabei handelt es sich um diejenigen Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen, die nicht an andere Sektoren ausgeschüttet worden sind. Man spricht auch von unverteilten Gewinnen. Hinzu kommen auch hier etwaige empfangene Transferleistungen des Staates. Unternehmen zahlen aus ihrem Bruttoeinkommen sowohl Einkommens- wie auch Vermögenssteuern. Die gesamte Restgröße ergibt das verfügbare Einkommen der Unternehmen, welches gleichzeitig die Unternehmensersparnis ist, da Unternehmen definitionsgemäß nicht konsumieren können. Abbildung 10-13: Einkommenskonto privater Haushalte Einkommenskonto Haushalt Geleistete Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge Konsum Sparen Faktoreinkommen Ve rf üg ba re s E in ko m m en Transfereinkommen 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen444 Das Einkommenskonto des Staates Auch der Staat erwirtschaftet in gewissem Umfang Faktoreinkommen, nämlich dann, wenn er als Kapitaleigner an privaten Unternehmen beteiligt ist, Grundstücke verpachtet und Gebäude vermietet oder Zinseinkünfte aus vergebenen Krediten erhält. Der größte Teil staatlicher Einkommen besteht jedoch aus den von den privaten Wirtschaftssubjekten gezahlten direkten und indirekten Steuern sowie aus den Sozialversicherungsbeiträgen. Bei der Betrachtung einzelner Gebietskörperschaften kommen dazu noch laufende Transfers anderer öffentlicher Haushalte, z. B. im Zuge eines Finanzausgleichs. Die Haben-Seite des staatlichen Einkommenskontos zeigt die Zusammensetzung der öffentlichen Einkommen: Abbildung 10-14: Einkommenskonto privater Unternehmen Einkommenskonto Unternehmen Geleistete Einkommensund Vermögenssteuern Sparen Unverteilte Gewinne aus Unternehmertätigkeit und Vermögen Ve rf üg ba re s E in ko m m en Transfereinkommen Abbildung 10-15: Einkommenskonto des Staates Einkommenskonto Staat Geleistete Transferzahlungen an private Sektoren Sparen Empfangene Faktoreinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen Ve rf üg ba re s E in ko m m en Empfangene direkte und indirekte Steuern Empfangene Sozialversicherungsbeiträge Staatskonsum = Eigenverbrauch des Staates 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 445 Der Staat verwendet sein Einkommen zunächst zur Zahlung von Transfers an private Wirtschaftssubjekte im Rahmen der Einkommensumverteilung sowie für Zinszahlungen, die auf die Staatsschuld zu leisten sind. Der verbleibende Rest seines Einkommens kann auch als verfügbares Einkommen des Staates bezeichnet werden. Daraus finanziert der Staat seinen Konsum, d. h. die öffentlichen Dienstleistungen, die im Wesentlichen unentgeltlich an die privaten Sektoren der Wirtschaft abgegeben werden. Auf die Zweideutigkeit dieses Konsumbegriffes wurde bereits hingewiesen. Der verbleibende Rest ist auch auf diesem Konto die staatliche Ersparnis. 10.3.1.3 Das Vermögensänderungs- und Finanzierungskonto Der gesamtwirtschaftliche Vermögensbegriff stellt ganz auf das produktionsbezogene Vermögen ab. Er umfasst einerseits das Sachvermögen, d. h. Produktionsanlagen und andere immaterielle Anlagegüter sowie Lagerbestände, andererseits werden die Finanzierungsquellen dieses Sachvermögens betrachtet. Das Vermögensänderungskonto stellt den Sachvermögenserwerb und damit die Veränderung des Sachvermögensbestandes (Soll-Seite) eines Wirtschaftssektors und dessen Finanzierungsquellen (Haben-Seite) dar. Der Sachvermögenserwerb besteht in der Bruttoinvestition des betrachteten Sektors. Er kann entweder durch Abschreibungen oder Ersparnis (Reinvermögensbildung) finanziert werden. Übersteigt die Ersparnis, d. h. die Reinvermögensbildung, die Nettoinvestition, so kommt es zu einem Finanzierungsüberschuss, der in Form von Krediten anderen Wirtschaftssektoren zur Verfügung gestellt werden kann. Diesen Vorgang bezeichnet man als Geldvermögensbildung. Reichen hingegen die eigenen Mittel zur Finanzierung der Sachvermögensbildung nicht aus, so entsteht ein Finanzierungsdefizit, das durch Kreditaufnahme gedeckt werden muss. Das Geldvermögen wird in diesem Fall verringert. Die Gegenbuchung dieser Budgetsalden erfolgt daher auf dem Finanzierungskonto, auf dem alle Veränderungen der Forderungen und Verbindlichkeiten eines Wirtschaftssektors aufgezeichnet werden. Daraus ergibt sich ein enger Zusammenhang des Vermögensänderungs- und des Finanzierungskontos: Einem Finanzierungsdefizit im Vermögensänderungskonto muss ein gleich hoher Überschuss neu eingegangener Verbindlichkeiten auf dem Finanzierungskonto gegenüber stehen – einem Finanzierungsüberschuss analog ein Überschuss vergebener Kredite. Das Vermögensänderungskonto privater Unternehmen Der Sachvermögenserwerb des Unternehmenssektors besteht aus dessen Bruttoinvestition, d. h. aus erworbenen Gütern des Anlagevermögens, selbsterstellten Anlagen sowie Lagerbestandsveränderungen. Auf der Haben-Seite stehen zunächst die Abschreibungen, die die Abnutzung des Sachvermögens in der abgelaufenen Periode wiedergeben. Sie dienen insofern als Finanzierungsquelle, als sie als Kostenbestandteil in die Verkaufspreise einkalkuliert sind und auf diesem Wege dem Unternehmen wieder zufließen. Allerdings setzt dies voraus, dass die Abschreibungen auch tatsächlich verdient worden sind. Rechnerisch entsprechen die Abschreibungen der Re-Investition auf der Soll-Seite des Kontos. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen446 Die zweite Finanzierungsquelle stellt die Unternehmensersparnis dar, d. h. das verfügbare Einkommen der Unternehmen bzw. die versteuerten unverteilten Gewinne23. Typischerweise reichen die Eigenmittel des Unternehmenssektors, d. h. die in den Umsatzerlösen zurückgeflossenen Abschreibungsentgelte sowie die Unternehmensersparnis 23 Genau genommen müsste sowohl auf der Soll- wie auf der Habenseite noch geleistete bzw. empfangene Vermögensübertragungen berücksichtigt werden, was hier sowie im Folgenden jedoch aus Vereinfachungsgründen unterbleibt. Abbildung 10-16: Vermögensänderungskonto privater Unternehmen Vermögensänderungskonto Unternehmen Re-Investition Abschreibung B ru tto in ve st iti on Unternehmensersparnis Finanzierungsdefizit Nettoinvestition Abbildung 10-17: Kombiniertes Vermögensänderungs- und Finanzierungskonto privater Unternehmen Vermögensänderungskonto Unternehmen Re-Investition Abschreibung Unternehmensersparnis Nettoinvestition Zunahme der VerbindlichkeitenZunahme der Forderungen Finanzierungskonto Unternehmen Finanzierungsdefizit 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 447 nicht aus, um die Bruttoinvestition zu finanzieren. Das Vermögensänderungskonto weist daher einen Haben-Saldo, d. h. ein Finanzierungsdefizit auf. Dieses Defizit muss durch Kreditaufnahme ausgeglichen worden sein, andernfalls hätte die Bruttoinvestition nicht in der angegebenen Höhe getätigt werden können. Die Veränderungen der Forderungen und Verbindlichkeiten des Unternehmenssektors können im Finanzierungskonto abgelesen werden. Dort entspricht dem Finanzierungsdefizit bei der Investitionsfinanzierung eine Nettokreditaufnahme in gleicher Höhe. Das Vermögensänderungskonto öffentlicher Haushalte Das Vermögensänderungskonto öffentlicher Haushalte ist dem der privaten Unternehmen sehr ähnlich. Auch der Staat finanziert seine Bruttoinvestition durch Abschreibungen und Ersparnis. Geringfügige Unterschiede ergeben sich bezüglich des Inhalts der öffentlichen Investitionen. Da der Staat seine Anlageninvestitionsgüter stets vom Unternehmenssektor bezieht, sind in den Bruttoinvestitionen des Staates keine selbsterstellten Anlagen enthalten. Auch Lagerbestandsveränderungen kommen beim Staat nicht vor, da öffentliche Haushalte keine Sachgüter, sondern die öffentlichen Dienstleistungen produzieren. Dienstleistungen sind jedoch grundsätzlich nicht lagerungsfähig. Der Saldo des staatlichen Vermögensänderungskontos heißt „Finanzierungssaldo des Staates“. Wie beim Unternehmenssektor ist er i. d. R. negativ und muss durch staatliche Kreditaufnahme ausgeglichen werden. Dieser Größe kommt eine wichtige wirtschaftspolitische Bedeutung zu. In Art. 115 Satz 2 des Grundgesetzes ist nämlich festgelegt, dass die staatliche Kreditaufnahme nicht die Summe der staatlichen Investition übersteigen darf24. Ein Haushalt, der eine höhere Staatsverschuldung vorsieht, ist somit nicht verfassungskonform. Ausnahmen sind nur dann zulässig, wenn die Regierung eine Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtes erklärt, welche abgewehrt werden muss. Dies wiederum wirft kein gutes Licht auf die Wirtschaftspolitik der jeweiligen Regierung, so dass ein großer Anreiz besteht, eine solche Situation zu vermeiden. Dennoch wiesen die Bundeshaushalte der Jahre 2002 – 2004 eine solche übermäßige Verschuldung auf. Das Vermögensänderungskonto privater Haushalte Private Haushalte können definitionsgemäß nicht investieren25. Daher gibt es hier auch keine Abschreibungen. Andererseits entsteht der größte Teil der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis im Haushaltssektor, da diesem auch der größte Teil der Faktoreinkommen zufließt. Die Grundstruktur des Vermögensänderungskontos der privaten Haushalte weist daher signifikante Unterschiede zu dem der beiden anderen inländischen Wirtschaftssektoren auf. Der aus dem Einkommenskonto gegengebuchten Ersparnis steht auf der Soll-Seite lediglich ein entsprechender Finanzierungsüberschuss gegenüber. Private Haushalte bilden also im 24 „Die Einnahmen aus Krediten dürfen die Summe der im Haushaltsplan veranschlagten Ausgaben für Investitionen nicht überschreiten. Ausnahmen sind nur zulässig zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“: GG Art. 115. 25 Die Wohnungsbautätigkeit der privaten Haushalte wird dem Unternehmenssektor zugerechnet, während Käufe anderer dauerhafter Konsumgüter als Konsum gelten und daher ebenfalls nicht im Vermögensänderungskonto privater Haushalte auftauchen. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen448 volkswirtschaftlichen Sinne – zumindest im Rahmen unseres vereinfachten VGR-Modells – kein Sachvermögen, sondern ausschließlich Geldvermögen26. Die privaten Haushalte sind somit wichtige Kreditgeber auf den Geld- und Kapitalmärkten. 10.3.1.4 Das Auslandskonto Während für die inländischen Sektoren für unterschiedliche Aktivitäten auch unterschiedliche Konten eingerichtet werden, gilt dies für den Sektor Ausland nicht. Das Auslandskonto enthält die Gegenbuchungen aller Einnahmen- und Ausgabenströme zwischen In- und Ausländern, wobei als Ausländer alle Wirtschaftssubjekte gelten, die nicht im Inland (Erhebungsgebiet) ansässig sind. 26 Im ESVG 95 allerdings wird auch im Haushaltssektor investiert, da (wie bereits erwähnt) Personengesellschaften sowie die freien Berufe und Selbständige mit ihren unternehmerischen Aktivitäten den Haushalten zugeordnet werden. Abbildung 10-18 Vermögensänderungskonto privater Haushalte Vermögensänderungskonto privater Haushalte Haushaltsersparnis B ild un g vo n R ei nv er m ög en G el dv er m ög en sb ild un g Finanzierungs- überschuss Abbildung 10-19: Auslandskonto Auslandskonto Käufe von Waren und Dienstleistungen aus dem Inland (= Exporte des Inlands) Verkäufe von Waren und Dienstleistungen an das Inland (= Importe des Inlands) An das Inland abgegebene Faktorleistungen Veränderung der Netto-Auslandsposition Aus dem Inland bezogene Faktorleistungen Geleistete Transfers Empfangene Transfers 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 449 Wie bei allen anderen VGR-Konten auch werden Einnahmen auf der Haben-Seite, Ausgaben auf der Soll-Seite des Auslandskontos verbucht. Dabei ist allerdings zu beachten, dass das Konto aus Auslandssicht erstellt wird, gleichzeitig aber die einzelnen Buchungsposten aus Sicht des Inlandes benannt werden. Auf der Soll-Seite stehen die Ausgaben des Auslandes für Käufe von Waren und Dienstleistungen aus dem Inland, also die Exporterlöse des Inlandes, ferner die abfließenden Entgelte für bezogene Faktorleistungen sowie Transferausgaben an inländische Wirtschaftssubjekte. Auf der Haben-Seite erscheinen analog dazu die Importe des Inlandes von Waren und Dienstleistungen, Faktoreinkommen, die das Ausland vom Inland bezieht, sowie Transfers, die dem Ausland zufließen. Die grenzüberschreitenden Faktorleistungen bestehen einerseits aus den Arbeitseinkommen, die Pendler beziehen. Zum größeren Teil jedoch beinhalten sie Vermögenseinkommen für im Ausland investiertes Kapital in Form von Zinsen und Dividenden. Der Saldo dieser grenzüberschreitenden Faktoreinkommen ist verantwortlich für den weiter unten erläuterten Unterschied zwischen dem Inlands- und dem Inländereinkommen. Der Saldo des Kontos weist die aus den gebuchten Leistungstransaktionen resultierende Veränderung der Nettoposition des Auslands, also den Saldo der Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen In- und Ausland aus. Wenn die Soll-Seite des Auslandskontos größer ist als seine Haben-Seite, so bedeutet das ja, dass das Ausland gegenüber dem Inland eine Netto-Schuldner-Position aufgebaut hat. Das Inland hätte gegenüber dem Ausland eine Netto-Gläubiger-Position. Umgekehrt würde sich eine Netto-Gläubiger-Position, d. h. ein Finanzierungsüberschuss des Auslandes ergeben. 10.3.2 Gesamtwirtschaftliche Aggregation Um Aussagen über die wirtschaftlichen Aktivitäten der Gesamtwirtschaft treffen zu können, müssen die Aktivitätskonten, die im letzten Abschnitt für einzelne Wirtschaftseinheiten dargestellt worden sind, zusammengefasst werden. Eine solche Zusammenfassung bezeichnet man als Aggregation von Konten. Die Aggregation erfolgt stufenweise. Zunächst werden aus allen einzelwirtschaftlichen Aktivitätskonten gleichartiger Wirtschaftssubjekte die sektoralen Aktivitätskonten ermittelt. Diese werden dann sektorübergreifend zu gesamtwirtschaftlichen Konten zusammengefasst. Bei diesem Vorgang werden nicht einfach die Buchungen aller Einzelkonten aufaddiert. Zur Vermeidung von Doppelzählungen lässt man vielmehr intrasektorale Ströme weg und erfasst nur noch sektorübergreifende Buchungen. Dieses Verfahren nennt man Konsolidierung. Im letzten Schritt der Aggregation werden anschließend die sektoralen Konten zu gesamtwirtschaftlichen Konten zusammengefasst. 10.3.2.1 Das nationale Produktionskonto Das nationale Produktionskonto erhält man, indem man die Produktionskonten der einzelnen Sektoren zusammenfasst. Bei der Aggregation des Produktionskontos des privaten Unternehmenssektors entfallen auf diese Weise insbesondere alle Vorleistungskäufe und -verkäufe, die innerhalb des Unternehmenssektors stattfinden, während die Vorleistungskäufe und -verkäufe vom und an den 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen450 Staat sowie vom und an das Ausland zunächst sichtbar bleiben. Bei der Erstellung des nationalen Produktionskontos verschwinden auch die Vorleistungsverflechtungen zwischen den Sektoren mit Ausnahme der Lieferungen vom und an das Ausland (Importe und Exporte). Ein wichtiger Begriff taucht als Summe der rechten Kontoseite auf, nämlich die gesamtwirtschaftliche Endnachfrage. Sie enthält den privaten und öffentlichen Konsum, die Bruttoinvestition sowie die Exportnachfrage. 10.3.2.2 Das nationale Einkommenskonto Bei der Konsolidierung des nationalen Einkommenskontos entfallen alle direkten Steuerzahlungen (einschl. der Sozialversicherungsbeiträge) von privaten Haushalten und Unternehmen an den Staat sowie alle Transferzahlungen des Staates an inländische Empfänger, da diese Positionen jeweils mit Buchung und Gegenbuchung auf beiden Seiten der einzelwirtschaftlichen Einkommenskonten auftreten. Hieraus wird deutlich, dass es sich bei diesen Strömen lediglich um eine Einkommensumverteilung und nicht um eine wertschöpfende Tätigkeit handelt. Auf der linken Seite bleiben somit nur noch die Nettotransfers an das Ausland übrig, da deren Gegenbuchung auf dem Auslandskonto erfolgt. Die übrigen Positionen, nämlich der private und öffentliche Konsum sowie die nationale Ersparnis, ergeben zusammen das gesamtwirtschaftlich verfügbare Einkommen. Abbildung 10-20: Nationales Produktionskonto Vorleistungskäufe – von Unternehmen – vom Staat Vorleistungsverkäufe – an Unternehmen – an den Staat Importe Abschreibungen – der Unternehmen – des Staates Gütersteuern – Gütersubventionen Nettowertschöpfung = Summe aller Faktoreinkommen – der Haushalte – des Staates – der Unternehmen Privater Konsum Konsum des Staates Bruttoinvestition – der Unternehmen – des Staates Exporte G es am tw irt sc ha ftl ic he E nd na ch fr ag e B ru tto pr od uk tio ns w er t 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 451 10.3.2.3 Das nationale Vermögensänderungskonto Bei der Zusammenfassung der sektoralen Vermögensänderungskonten fallen alle Finanzierungsüberschüsse und -defizite weg, die über entsprechende Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen inländischen Wirtschaftssektoren ausgeglichen worden sind. Übrig bleibt jedoch die Nettoposition gegenüber dem Ausland, deren Gegenbuchung auf dem Auslandskonto steht. Eine etwaige Nettogläubiger-Position gegenüber dem Ausland muss ebenso wie die Nettoinvestition von inländischer Ersparnis finanziert werden. Auf der rechten Kontoseite werden die Abschreibungen des Unternehmenssektors und des Staates sowie die Ersparnis von Haushalten, Unternehmen und dem Staat aufaddiert. Abbildung 10-21: Nationales Einkommenskonto Nationales Einkommenskonto Nettotransfers an das Ausland Gütersteuern – Gütersubventionen Privater Konsum Ersparnis – der privaten Haushalte – der Unternehmen – des Staates Konsum des Staates Summe aller Faktoreinkommen – der privaten Haushalte – der Unternehmen – des Staates ge s.w i. ve rf üg ba re s E in ko m m en Abbildung 10-22: Nationales Vermögensänderungskonto Nationales Vermögensänderungskonto Re-Investition Abschreibungen Nettoinvestition Änderung der Netto-Auslandsposition Ersparnis – der privaten Haushalte – der Unternehmen – des Staates B ru tto in ve st iti on 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen452 10.3.3 Die Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung Das Hauptziel der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ist die Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung, d. h. der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des betrachteten Landes. Im Zentrum der Analyse steht hierbei das Inlandsprodukt, das in zusammengefasster Form ein Bild der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft in einer Periode t ergibt: „Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden. … Die Veränderungsrate des … BIP dient als Messgröße für das Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaften. Das BIP ist damit die wichtigste Größe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen.“27 Die Höhe dieses wichtigen Leistungsindikators ergibt sich aus dem konsolidierten Produktionskonto. Um tatsächlich nur die im Inland entstandene Wertschöpfung auszuweisen, werden nun auch noch die Vorleistungen aus dem Ausland abgezogen. Auf der rechten Seite des Kontos erscheint daher nicht mehr der gesamte Export, sondern nur noch die Differenz zwischen Exporten und Importen, der sog. Außenbeitrag. 27 Statistisches Bundesamt (2007), S. 9. Abbildung 10-23: Konsolidiertes nationales Produktionskonto Abschreibungen – der Unternehmen – des Staates Gütersteuern – Gütersubventionen Nettowertschöpfung = Summe aller Faktoreinkommen – der Haushalte – des Staates – der Unternehmen Privater Konsum Konsum des Staates Bruttoinvestition – der Unternehmen – des Staates Exporte – Importe G es am tw irt sc ha ftl ic he B ru tto -W er ts ch öp fu ng Konsolidiertes nationales Produktionskonto Bruttoinlandsprodukt Bruttoinlandsprodukt 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 453 Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung oder das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen kann entweder von der Input- oder der Outputseite des Kontos her errechnet werden. Die linke Seite erfasst die Summe aller gesamtwirtschaftlichen Produktionskosten. Diese teilen sich auf in die Abschreibung, die Gütersteuern abzgl. der Subventionen sowie die Faktorkosten, d. h. alle Löhne, Gehälter, Zinsen, Mieten usw. Addiert man dazu alle Gewinnsalden der einzelwirtschaftlichen Produktionskonten, so erhält man die gesamtwirtschaftliche Nettowertschöpfung, d. h. die Summe aller Faktoreinkommen in einer Volkswirtschaft. Auf der rechten Seite stehen alle Verwendungsarten der erbrachten Wertschöpfung. Der erste Posten ist der private Konsum, der üblicherweise den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat. Danach folgt der öffentliche Konsum oder Eigenverbrauch des Staates sowie die Bruttoinvestition, die aus den Investitionen der privaten Unternehmen und des Staates besteht. Zum Schluss wird noch der Außenbeitrag, also die Differenz zwischen Aus- und Einfuhren addiert. Dieser zentrale Wirtschaftsindikator einer jeden Volkswirtschaft kann statistisch in unterschiedlicher Weise abgegrenzt werden. Man unterscheidet • Inlands- und Inländerkonzept • Brutto- und Nettokonzept • Berechnung zu Marktpreisen oder Faktorkosten • Nominale (in jeweiligen Preisen) oder preisbereinigte Darstellung. 10.3.3.1 Inlands- und Inländerkonzept Das Inlandsprodukt stellt auf die wirtschaftliche Leistung ab, die im Inland erstellt worden ist. Zugrunde liegt also ein gebietsbezogenes Erhebungskonzept, das auf den Ort der Leistungserstellung abhebt. Zur Volkswirtschaft wird hierbei „die wirtschaftliche Betätigung aller Wirtschaftseinheiten gerechnet, die ihren ständigen Wohnsitz im Wirtschaftsgebiet haben.“28 Diese Wirtschaftseinheiten heißen „Inländer“ oder „Gebietsansässige“. Alle Wirtschaftseinheiten außerhalb der betrachteten Region werden unter dem Begriff „Übrige Welt“ zusammengefasst. Zur Abgrenzung dient hierbei ausschließlich der Unternehmens- oder Wohnsitz, nicht jedoch die Staatsangehörigkeit29. Für bestimmte Fragestellungen sind jedoch nicht die regionale Wirtschaftskraft, sondern die von den Inländern erzielten Einkommen von Bedeutung, unabhängig davon, wo diese Einkommen entstanden sind. Dies trifft v. a. dann zu, wenn die im Inland vorhandene Kaufkraft bzw. Nachfrageentwicklung von Interesse ist. Statt des gebietsbezogenen Inlandskonzeptes wird dann ein personenbezogenes Inländerkonzept verwendet. Wird die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung nach dem Inländerkonzept ermittelt, so spricht man vom Nationaleinkommen30. Das Ergebnis der gebietsbezogenen Berechnung, das Inlandsprodukt, ist somit ein Produktionsindikator, während das personenbezogene Nationaleinkommen ein Einkommensindikator ist. 28 Statistisches Bundesamt, (2007), S. 5. 29 Ausnahmen von dieser Regel sind diplomatische und konsularische Vertretungen sowie Streitkräfte. 30 Das Nationaleinkommen hieß früher Sozialprodukt. Dieser Begriff wird seit der Reform der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung offiziell nicht mehr verwendet, ist im allgemeinen Sprachgebrauch aber immer noch ein gängiger Ausdruck. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen454 „Das Bruttonationaleinkommen ergibt sich, indem man vom Bruttoinlandsprodukt die Primäreinkommen abzieht, die an die übrige Welt geflossen sind, und umgekehrt die Primäreinkommen hinzufügt, die von inländischen Wirtschaftseinheiten aus der übrigen Welt bezogen worden sind. Es ist in erster Linie ein Einkommensindikator.“31 Den Saldo der grenzüberschreitenden Faktoreinkommen, also die Differenz zwischen der Summe der Einkommen, die Inländer aus dem Ausland beziehen, und der Summe der Einkommen, die Ausländer aus dem Inland beziehen, heißt Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt. 31 Statistisches Bundesamt (2007), S. 6. Abbildung 10-24: Inlands- und Inländerkonzept In der Inlandsproduktion entstandenes Einkommen von Gebietsansässigen In der Inlandsproduktion entstandenes Einkommen von Gebietsfremden In der übrigen Welt entstandenes Einkommen von Gebietsansässigen Inlandseinkommen Inländereinkommen Abbildung 10-25: Vom Inlandsprodukt zum Nationaleinkommen Einkommen von Gebietsansässigen aus der Übrigen Welt Inlandsprodukt Einkommen von Gebietsfremden aus der Inlandsproduktion Nationaleinkommen 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 455 Praxisbeispiel 10-1: Inlandsprodukt und Nationaleinkommen in Deutschland seit 1991 Die folgende Tabelle 10-1 zeigt die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts und Bruttonationaleinkommens in der Bundesrepublik. Aus den Zahlen wird deutlich, dass der Unterschied zwischen Inlandsprodukt und Nationaleinkommen in Deutschland nicht groß ist. Der Saldobetrag der Primäreinkommen aus der übrigen Welt lag in der Vergangenheit durchwegs unter einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Interessant ist jedoch die Veränderung des Vorzeichens. Traditionellerweise ist das gebietsbezogene Inlandsprodukt in Deutschland seit Jahrzehnten niedriger als das personenbezogene Nationaleinkommen. Das bedeutet, der Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt ist positiv. Der Grund hierfür liegt in erster Linie darin, dass deutsche Haushalte und Unterne hmen mehr Kapitalanlagen im Ausland tätigen als umgekehrt. Wenn ein Inländer dem Ausland jedoch Kapital zur Nutzung im dortigen Produktionsprozess zur Verfügung stellt, sind die zurückfließenden Zinszahlungen Faktoreinkommen, nämlich das Entgelt für die (exportierte) Leistung des Kapitals.32 Tabelle 10-1: Inlandsprodukt und Nationaleinkommen in Deutschland von 1991 bis 201232 Bruttoinlandsprodukt Bruttonationaleinkommen Jahr in jeweiligen Preisen je Einwohner in € 1991 19.186 < 19.273 1992 20.431 < 20.506 1993 20.872 < 20.904 1994 21.871 > 21.753 1995 22.636 > 22.468 1996 22.909 > 22.789 1997 23.346 > 23.177 1998 23.960 > 23.711 1999 24.511 > 24.248 2000 25.095 > 24.860 2001 25.664 > 25.409 2002 25.984 > 25.662 2003 26.222 > 26.038 2004 26.798 < 27.055 2005 27.190 < 27.513 2006 28.246 < 28.832 … … < … 2010 30.517 < 31.183 2011 31.914 < 32.636 2012 32.550 < 33.327 32 Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b) und (2013a). 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen456 Zwischen den Jahren 1994 und 2003 kehrte sich dieses Verhältnis offenbar um. Ein wesent licher Grund dafür lag in der deutschen Wiedervereinigung. Der Kapitalbedarf zur Bewältigung der Aufbauleistung in Ostdeutschland führte dazu, dass Deutschland von einem Nettokapitalexporteur zu einem Nettokapitalimporteur wurde und im Gefolge dessen auch die Zinserträge aus ausländischen Kapitalanlagen (= Export von Faktorleistungen) deutlich zurückgingen. Übung 10-3: Inlands- oder Inländerprodukt? Beurteilen Sie, wie sich die geschilderten Ereignisse auf das Bruttonationaleinkommen und/ oder das Bruttoinlandsprodukt auswirken. a) Der existentiell frustrierte Hausmann A ist der Hausarbeit überdrüssig. Er stellt deshalb den bisher arbeitslosen Haushaltsgehilfen B ein und widmet sich fortan den Schriften des Thomas von Aquin. Verändern diese bemerkenswerten Vorgänge das Bruttonationaleinkommen? b) Der dienstlich überlastete Professor C gewinnt in der Lotterie einen deutlich siebenstelligen Geldbetrag und quittiert daraufhin seinen Dienst. Der Fakultät gelingt es trotz nachhaltigen Bemühens nicht, die Stelle neu zu besetzen. Verändern diese erfreulichen Vorgänge das Bruttonationaleinkommen? c) Wenig später wird C Teilhaber eines Kängurumastbetriebes in Australien. C bezieht aus dieser Beteiligung ein stattliches Gewinneinkommen. Dieses transferiert er in seine schwäbische Heimat, in welcher er nach wie vor wohnhaft ist. Zählt das Gewinneinkommen zum Bruttonationaleinkommen und/oder zum Bruttoinlandsprodukt? d) Der dienstlich nicht minder belastete Professor D musiziert in seiner knapp bemessenen Freizeit auf einer Geige. Durch eine erschöpfungsbedingte Unachtsamkeit entgleitet ihm das wertvolle Instrument und zerschellt am Boden. Verändert dieser unerfreuliche Vorgang das Bruttonationaleinkommen? Lösung: a) Die Hausarbeit, die A zuvor im Rahmen seines Eigenverbrauchs geleistet hat, bezieht er nun über den Markt. Da B zuvor arbeitslos war, zählt sein Einkommen nun erstmalig als Faktoreinkommen und schlägt sich in der VGR nieder. Dadurch steigt das Bruttonationaleinkommen. b) Der Lotteriegewinn ist nicht wertschöpfend und verändert zunächst das Nationaleinkommen nicht. Die von C zuvor ausgeübte Professur allerdings verwaist, die Marktleistung und damit auch das Nationaleinkommen nehmen um das Gehalt von C ab. c) Das Gewinneinkommen des C wird in Australien verdient und in Schwaben ausgegeben. Es gehört somit zum Inländereinkommen, aber nicht zum Inlandsprodukt. d) Das Nationaleinkommen wird davon nicht berührt. Das Geigenspiel war für D nur eine Freizeitbeschäftigung und damit Konsum. Die zerstörte Geige gilt daher als Konsumgut, nicht als Kapitalgut, das abgeschrieben werden würde. 10.3.3.2 Brutto- und Nettokonzept – Marktpreise und Faktorkosten Neben dem Bruttoinlandsprodukt und dem Bruttonationaleinkommen werden noch verschiedene andere Abgrenzungen verwendet, die im Folgenden betrachtet werden sollen. Grundlage für diese verschiedenen Abstufungen ist wiederum das konsolidierte nationale Produktionskonto. Der Unterschied zwischen Brutto- und Nettoeinkommenswerten besteht in der Position der Abschreibungen33. Zieht man von beiden Seiten des Kontos die Abschreibungen (linke 33 Diese Abgrenzung ist nicht zu verwechseln mit der Abstufung zwischen Brutto- und Nettoproduktionswert, die sich durch die Einbeziehung der Vorleistungen unterscheiden! 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 457 Seite) bzw. die Re-Investitionen (rechte Seite) ab, so erhält man das Netto-Inlandsprodukt bzw. das Nettonationaleinkommen. Die Bezeichnung „zu Marktpreisen“ oder zu „Faktorkosten“ bezieht sich hingegen auf die Einrechnung der Gütersteuern abzüglich -subventionen. Marktpreise enthalten nämlich auch alle staatlichen Einflüsse, die entweder durch Besteuerung oder Subventionierung des Produktpreises entstanden sind. Subtrahiert man den Posten „Gütersteuern abzügl. Gütersubventionen“ vom Inlandsprodukt bzw. Nationaleinkommen, so erhält man eine Bewertung zu Faktorkosten, d. h. die Bewertung, die entstanden wäre, wenn der Staat nicht in das private Marktgeschehen eingegriffen hätte. Das Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten heißt Volkseinkommen. Zieht man hiervon noch die Nettotransfers an das Ausland ab, so erhält man das verfügbare Einkommen der Volkswirtschaft. 10.3.3.3 Reale und nominale Einkommensberechnung Alle gesamtwirtschaftlichen Einkommensgrößen, die in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ermittelt und analysiert werden, messen letztendlich Wertschöpfung, d. h. die Entstehung neuer Güter und Dienstleistungen. Es handelt sich somit im Kern um reale Größen, d. h. konkrete Mengen an Gütern. Abbildung 10-26 Verschiedene Einkommensbegriffe in der VGR Inlandseinkommen Inländereinkommen Abschreibungen Abschreibungen Gütersteuern – -subventionen Gütersteuern – -subventionen Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten = Nettowertschöpfung Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen zw. In- und Ausland Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten = Volkseinkommen N et to in la nd sp ro du kt zu M ar kt pr ei se n B ru tto in la nd sp ro du kt zu M ar kt pr ei se n N ettonationaleinkom m en zu M arktpreisen B ruttonationaleinkom m en zu M arktpreisen 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen458 Da jedoch die in einer Volkswirtschaft produzierten Güter sehr heterogen sind und daher in physischen Einheiten nicht addiert werden können, ist es notwendig, sie zunächst in Geld zu bewerten, um einen einheitlichen Nenner zu schaffen, auf dessen Basis sie verglichen und miteinander verrechnet werden können. Dazu verwendet man – wie bereits besprochen – die jeweiligen Marktpreise der Güter bzw. deren Herstellkosten, falls Marktpreise nicht verfügbar sind (wie v. a. beim Konsum des Staates). Auf diese Weise erhält man nominale, d. h. in Geld ausgedrückte Werte für die gesamtwirtschaftlichen Größen. Durch dieses Verfahren gelangen allerdings Einflüsse in die Rechnung, die mit der Entwicklung der realen Wertschöpfung nichts mehr zu tun haben. Wenn in einem Land Inflation herrscht, dann erhöht sich das Preisniveau, ohne dass dieser Erhöhung eine Wertsteigerung bei den produzierten Gütern gegenübersteht. In diesem Fall entsteht durch die Verwendung nominaler Werte also ein verzerrtes Bild der realen Produktionsverhältnisse. Daher werden die nominalen Werte (in jeweiligen Preisen) auch preisbereinigt dargestellt. Bei diesem Verfahren soll sichergestellt werden, dass die ausgewiesenen Wertveränderungen der gesamtwirtschaftlichen Einkommensgrößen auch tatsächlich Mengenänderungen widerspiegeln und nicht etwa nur inflationsbedingt sind. Eine solche Preisbereinigung kann mit verschiedenen statistischen Methoden erreicht werden. Bis vor einigen Jahren war es in Deutschland üblich, die gesamtwirtschaftlichen Größen jeweils in Preisen eines in etwa fünfjährlich wechselnden Preisbasisjahres (zuletzt 1995) zu bewerten. Inzwischen ist das Statistische Bundesamt jedoch dazu übergegangen, einen sog. Kettenindex zu verwenden. Bei diesem Verfahren werden Preisindices berechnet, die jeweils auf den Jahresdurchschnitt des Vorjahres normiert sind. Dadurch erhält man eine Sequenz von Jahresergebnissen in konstanten Preisen des Vorjahres, die anschließend durch Verkettung („chain-linking“) zu langen Zeitreihen verknüpft werden. Der Vorteil dieses Verfahrens gegenüber der früheren Vorgehensweise besteht darin, dass die jeweils aktuellen Preisrelationen zwischen den einzelnen Gütern, die sich in einer Volkswirtschaft ja laufend ändern, bei der Deflationierung berücksichtigt werden können und die tatsächliche Entwicklung der realen Größen, v. a. das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, genauer und treffsicherer wiedergegeben werden als beim alten Verfahren. Legt man nämlich ein festes Preisbasisjahr zugrunde, so werden die dort festgehaltenen Preisrelationen für das aktuelle Jahr immer weniger relevant. Außerdem entstehen durch den Übergang auf ein neues Basisjahr stets Diskontinuitäten in den Zeitreihen34. 10.3.4 Grundsätze der Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird nicht nur die Gesamthöhe des Inlandsprodukts bzw. Nationaleinkommens ermittelt. Vielmehr wird zwischen Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung unterschieden. Dabei handelt es sich um verschiedene Berechnungsverfahren, die allesamt auf dieselben Einkommensgrößen hinauslaufen, jedoch im Zusammenhang damit ganz unterschiedliche Fragestellungen beantworten. 34 Zur Vertiefung der statistischen Methode der Preisbereinigung zur Vorjahresbasis vgl. Statistisches Bundesamt Fachserie 18 Reihe S. 24 „Methoden der Preis- und Volumenmessung“. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 459 10.3.4.1 Die Entstehungsrechnung35 Die Entstehungsrechnung widmet sich der Frage, in welchem Umfang die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft zur Erstellung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung beigetragen haben. Diese Information ist insbesondere unter strukturpolitischen Gesichtspunkten wichtig. Man möchte beobachten, ob bzw. in welchem Umfang ein Wandel in der Branchenstruktur einer Volkswirtschaft stattfindet und wie viele Erwerbstätige je Wirtschaftsbereich beschäftigt sind. Auf oberster Ebene wird eine Volkswirtschaft dabei in drei Sektoren gegliedert: • Primärer Sektor: Land- und Forstwirtschaft, sowie Fischerei • Sekundärer Sektor: Warenproduzierendes Gewerbe einschl. Energie- und Bergbausektor sowie Baugewerbe • Tertiärer Sektor: Staatliche und private Dienstleistungen einschl. Handel und Verkehr Die unterschiedlichen Wertschöpfungsbeiträge dieser drei Sektoren werden als Indiz für den Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft verwendet36. In Entwicklungsländern leistet der primäre Sektor häufig einen bedeutenden, wenn nicht den bedeutendsten Beitrag zur 35 In Anlehnung an Statistisches Bundesamt (2007), S. 11. 36 Wichtige Grundthesen dazu entwickelten Clark, C. (1951) sowie Fourastié, J. (1963). Abbildung 10-27 Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung der VGR im  Zusammenhang35 Entstehungsrechnung Produktionswert – Vorleistungen = Bruttowertschöpfung + Gütersteuern – Gütersubventionen Verwendungsrechnung Privater Konsum + Konsum des Staates + Bruttoinvestition + Exporte – Importe = Bruttoinlandsprodukt + Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt = Bruttonationaleinkommen Verteilungsrechnung – Abschreibungen = Nettonationaleinkommen – Produktions- und Importabgaben + Subventionen = Volkseinkommen = Arbeitnehmerentgelt + Unternehmens- und Vermögenseinkommen 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen460 gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung37 und beschäftigt die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Da die Produktivität der Landarbeiter jedoch meistens sehr gering ist und die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Produkte dank der weltweiten Überschüsse fallen, kommt ein wirtschaftlicher Aufschwung meist erst dann in Gang, wenn es gelingt, in größerem Umfang produzierendes Gewerbe im Lande anzusiedeln und auf diese Weise die Wertschöpfungstiefe zu erhöhen. In Schwellenländern ist der Industrialisierungsgrad i. d. R. bedeutend höher38. Die sog. Industrieländer, wie die USA oder Europa, hingegen sind v. a. durch den tertiären Sektor, also durch Dienstleistungen geprägt. Der Anteil der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung beträgt in Deutschland rund 70 %39. Das ESVG 95 verwendet für die Entstehungsrechnung eine detailliertere Klassifikation: • Land- und Forstwirtschaft, Fischerei • Produzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe) • Baugewerbe • Handel, Gastgewerbe und Verkehr • Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister • Öffentliche und private Dienstleister 37 In vielen schwarzafrikanischen Entwicklungsländern liegt der Wertschöpfungsanteil der Landwirtschaft zwischen 40 % und 50 %, der Anteil der industriellen Wertschöpfung hingegen oft unter 10 % (wie z. B. in Malawi, Ruanda oder Tansania): vgl. OECD (Hrsg.): „African Economic Outlook 2010“ 38 In den südamerikanischen Schwellenländern z. B. lag die industrielle Wertschöpfung in den letzten Jahren zwischen 35 % und 40 %, in den südostasiatischen Schwellenländern, wie z. B. in Indonesien oder Malaysia sogar zwischen 40 % und 50 %: vgl. Worldbank (Hrsg.) „World Development Indicators 2011“. 39 Bezogen auf 2012. Quelle: Statistisches Bundesamt (2013b). Abbildung 10-28: Grundschema der Entstehungsrechnung Land- und Forstwirtschaft, Fischerei Produzierendes Gewerbe Baugewerbe Handel, Gastgewerbe und Verkehr Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister Öffentliche und private Dienstleister B ru tt ow er ts ch öp fu ng Gütersteuern abzügl. Subventionen = Bruttoinlandsprodukt Entstehung des Bruttoinlandsprodukts 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 461 Von den Bruttoproduktionswerten dieser Sektoren werden zunächst alle Vorleistungen abgezogen. Auf diese Weise erhält man die jeweiligen Beiträge zur Bruttowertschöpfung (auf Faktorpreisbasis)40. Werden zu dieser dann noch die jeweiligen Gütersteuern saldiert um die Gütersubventionen hinzugerechnet, erhält man das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen und kann so die Wertschöpfungsbeiträge der einzelnen Branchen zum BIP berechnen. Für Deutschland ergibt die Entstehungsrechnung folgende Wertschöpfungsstruktur:41 10.3.4.2 Die Verwendungsrechnung In der Verwendungsrechnung wird untersucht, wofür die in einer Volkswirtschaft hergestellten Güter eingesetzt worden sind. Antwort auf diese Frage gibt die rechte Seite des konsolidierten gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos. Dort ist das Bruttoinlandsprodukt nach den Verwendungsarten der hergestellten Güter aufgespalten. 40 Bis zur Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung im Jahr 2005 erhielt man aus dieser Rechnung zunächst die sog. unbereinigte Bruttowertschöpfung, die anschließend um die unterstellten Bankgebühren ((Financial Intermediation Services, Indirectly Measured, FISIM) korrigiert werden musste. Seit der Revision wird FISIM direkt den Wirtschaftssubjekten zugerechnet, die diese Bankdienstleistungen in Anspruch nehmen. Vgl. Statistisches Bundesamt (2007), S. 7. 41 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013b). Abbildung 10-29: Entstehung des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland 201241 Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 26,0% Baugewerbe 4,6% Handel, Gastgewerbe und Verkehr 16,0% Finanzierung, und Vermietung 15,4% Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit 18,1% Land-/Forstwirtschaft, Fischerei 1,0% IuK 3,9% Unternehmensdienstleister 10,7% Sonst. priv. DL 4,4% 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen462 Die prozentualen Anteile der einzelnen Verwendungsarten am Bruttoinlandsprodukt (Strukturquoten) beschreiben die Güterstruktur einer Volkswirtschaft und sind wichtige gesamtwirtschaftliche Kennzahlen. Die Konsumquote Der private Konsum macht den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt aus. Die Konsumquote der privaten Haushalte (einschl. private Organisationen ohne Erwerbszweck) liegt für Deutschland stets in einem Bereich zwischen 55 % und 60 %. Im Jahr 2012 betrug sie ca. 57,6 %42. Der private Konsum bewegt sich – im Gegensatz zu den anderen Bestandteilen des Bruttoinlandsprodukts – nur verhältnismäßig träge. Da er seinem Umfang nach jedoch die wichtigste Verwendung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung darstellt, ist er aus wirtschaftspolitischer Sicht von zentraler Bedeutung. Ein wesentlicher Teil der makroökonomischen Theorie widmet sich der Erklärung der gesamtwirtschaftlichen Konsumfunk tion. Hierbei wird allerdings die Konsumquote in Bezug auf das verfügbare Volkseinkommen untersucht, die in einer Größenordnung von ca. 90 % liegt. 42 Vgl. auch i.f. Statistisches Bundesamt (2013b), S. 9. Abbildung 10-30: Grundschema der Verwendungsrechnung Konsumausgaben der privaten Haushalte Konsumausgaben der priv. Organisationen ohne Erwerbszweck Konsumausgaben des Staates Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen Sonstige Anlagen Vorratsveränderungen Exporte abzügl. Importe Pr iv at er K on su m = Bruttoinlandsprodukt Verwendung des Bruttoinlandsprodukts B ru tto in ve st iti on A uß en be itr ag 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 463 Das prozentuale Verhältnis der Konsumausgaben des Staates zum Bruttoinlandsprodukt ergibt die Quote des öffentlichen Konsums. Sie liegt für Deutschland in einer Größenordnung um die 20 % und betrug im Jahr 2012 19,5 %. Diese Konsumquote ist nicht zu verwechseln mit der sog. Staatsquote, die i. d. R. die Summe der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt in Beziehung setzt. Die Staatsquote enthält somit nicht nur die wertschöpfenden, sondern insbesondere auch die umverteilenden Ausgaben des Staates, die gar nicht Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts sind. Der Ausdruck Staats“quote“ ist daher irreführend und genau genommen nicht korrekt, da kein tatsächlicher Anteil, sondern vielmehr lediglich eine Beziehungszahl, die ausschließlich zur Abschätzung einer Größenordnung dient, ausgewiesen wird. Die Staatsquote liegt in Deutschland seit Jahren in einer Größenordnung von ca. 45 % – 50 %, was in einer Marktwirtschaft ordnungspolitisch als bedenklich eingestuft wird. Die Investitionsquote Die Bruttoinvestitionsquote stellt das Verhältnis privater und staatlicher Investitionen zum Bruttoinlandsprodukt dar. Sie lag im Jahre 2012 bei 17,2 % und damit relativ niedrig. Im Verlauf der deutschen Nachkriegsgeschichte erreichte die Investitionsquote des Öfteren Werte von 25 % und mehr. Seit Beginn der siebziger Jahre sank die Investitionsquote jedoch nahezu kontinuierlich und erreichte im Krisenjahr 2009 mit 16,50 % ihren bisherigen Tiefststand. Die Investitionsquote ist eine wirtschaftspolitisch besonders bedeutsame Größe, da die Investition sowohl ein wichtiger Konjunkturindikator als auch Wachstumstreiber ist. Die private Investitionstätigkeit signalisiert, ob die Unternehmen optimistische oder pessimistische Zukunftsaussichten haben. Ein Wert von 17,2 % zeigt, dass die Volkswirtschaft mit konjunkturellen und/oder strukturellen Problemen zu kämpfen hat oder hatte. Der kontinuierliche Rückgang der Investitionsquote seit den siebziger Jahren dokumentiert die nachlassende Wachstumsdynamik der deutschen Wirtschaft.43 43 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a). Abbildung 10-31: Bruttoinvestitionsquote in Deutschland von 1970 bis 201243 15 17 19 21 23 25 27 29 31 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen464 Die Außenhandelsquoten Der Beitrag des Außenhandelssaldos zum Bruttoinlandsprodukt ist ein Indikator für das außenwirtschaftliche Gleichgewicht44. Wenn das betrachtete Land einen ausgeglichenen Waren- und Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland hat, dann ergeben sich ein Außenbeitrag von Null und somit auch eine Außenhandelsquote von Null. Diese Größe sagt also nichts über den Grad der außenwirtschaftlichen Verflechtung eines Landes mit der übrigen Welt aus, sondern nur etwas über die Netto-Schuldner- oder Nettogläubigerposition des betreffenden Landes gegenüber seinen Handelspartnern. Die Handelsverflechtung selbst wird durch die Export- und Importquoten erfasst; diese errechnen sich als Quotienten zwischen den Export- bzw. Importströmen und dem Bruttoinlandsprodukt (jeweils ohne Faktoreinkommen vom bzw. an das Ausland). Die Höhe dieser Quoten gibt Aufschluss über das Ausmaß der weltwirtschaftlichen Verflechtung eines Landes sowie dessen Einbindung in die internationale Arbeitsteilung. Sie sind typischerweise umso höher, je kleiner ein Land ist, da ein wesentlicher Teil der stattfindenden Arbeitsteilung dann zwangsläufig grenzüberschreitend stattfinden muss. In Belgien z. B. betragen die Exportquoten45 seit Jahren z.T deutlich mehr als 80 %46, auch in den Niederlanden stiegen sie in den Jahren 2011 und 2012 auf 83 % und sogar 87 %. Länder wie Hongkong, Luxemburg oder Dubai, deren Wertschöpfung in hohem Maße durch ihre Funktion als Handelsdrehscheibe in der betreffenden Region geprägt ist, weisen wegen ihrer hohen Re-Exporte sogar Außenhandelsquoten von über 100 % oder gar 200 % aus. In den USA und Japan hingegen liegen die Ex- und Importquoten nur um die 10 % – 15 %. Diese Länder verfügen über einen riesigen Binnenmarkt, so dass sich deren Arbeitsteilung im Wesentlichen in der Binnenwirtschaft abspielt. In absoluten Zahlen gemessen erreichen diese Länder aber dennoch Spitzenpositionen im internationalen Außenhandel. Die USA sind seit vielen Jahren Exportweltmeister. Auch Deutschland ist sehr exportstark. Das Güterexportvolumen (also ohne die Dienstleistungen) Deutschlands liegt sogar über dem der USA. Da sich Deutschland im Herzen des europäischen Binnenmarktes befindet, ist es eng mit seinen europäischen Nachbarn verflochten. Der Anteil des Exportes am Bruttoinlandsprodukt stieg von ca. 33 % im Jahr 2000 auf mittlerweile 52 % im Jahr 2012 an. Die Importe stiegen jedoch nicht im gleichen Ausmaß, so dass die Quote des Außenbeitrags in der Verwendungsrechnung im Jahr 2012 inzwischen 5,7 % erreicht hat47. 10.3.4.3 Die Verteilungsrechnung Die Verteilungsrechnung untersucht, wie sich das durch die Güterproduktion entstandene Volkseinkommen auf die bei der Herstellung beteiligten Produktionsfaktoren aufteilt. Die Verteilungsrechnung basiert daher nicht auf dem gebietsbezogenen Inlandsprodukt, sondern auf dem personenbezogenen Nationaleinkommen. 44 Eine Erklärung des Begriffs „außenwirtschaftliches Gleichgewicht“ erfolgt in Abschnitt 12.2 „Das Ziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts“. 45 Export von Waren und Dienstleistungen lt. VGR in % des BIP; Quelle: Worldbank (2013). 46 Einzige Ausnahme war das Krisenjahr 2009: Hier betrug die Exportquote „nur“ 73 %. 47 Datenquelle: Statistisches Bundesamt (2013b). 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 465 Ergebnis der Verteilungsrechnung sind die Beiträge der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zur Entstehung des Volkseinkommens. Es handelt sich daher um eine funktionale Einkommensverteilungsrechnung48. Hierbei werden lediglich zwei Bestandteile des Volkseinkommens unterschieden: • Die Arbeitnehmereinkommen, einschl. der Arbeitgeberbeiträge zu den gesetzlichen Sozialversicherungen • Unternehmens- und Vermögenseinkommen Die prozentualen Anteile dieser beiden Einkommensblöcke am Volkseinkommen nennt man Lohnquote und Gewinnquote. Praxisbeispiel 10-2 Unbereinigte und bereinigte Lohnquote in Deutschland Die Lohnquote ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. Diese Tatsache beherrscht oft die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen über Verteilungsfragen. Die Lohnquote wird als Indiz für eine zunehmende Ungleichverteilung in Deutschland herangezogen. Tatsächlich können aus der Lohnquote jedoch keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die (personelle) Einkommensverteilung gezogen werden, da einige wichtige Einflussgrößen auf die Einkommensverteilung unberücksichtigt bleiben:49 • Die Arbeit von Selbständigen und mithelfenden Familienangehörigen, deren Anteil im Laufe des Betrachtungszeitraums zwischen 10 – 15 % aller Erwerbstätigen schwankte, ist im Bruttoeinkommen der Arbeitnehmer nicht enthalten. Der Anstieg der unbereinigten Lohnquote in den sechziger und siebziger Jahren bis zu ihrem Gipfel zu Beginn der achtziger Jahre war von einem Anstieg der Arbeitnehmerquote (Anteil der beschäftigten Arbeitnehmer an allen Erwerbstätigen) von rund 77 % im Jahr 1960 auf 89 – 90 % in den achtziger Jahren begleitet. 48 Im Gegensatz dazu gibt die personelle Einkommensverteilung Auskunft darüber, welches Einkommen einzelnen Haushalten tatsächlich zur Verfügung steht. Das Haushaltseinkommen speist sich jedoch aus vielen unterschiedlichen Quellen. So kann ein Haushalt neben seinem Arbeitseinkommen auch Vermögenseinkommen etwa aus Aktien- oder Immobilienbesitz haben. 49 Datenquelle: Statistisches Bundesamt (2011a), Fachserie 18 und (2013a). Abbildung 10-32: Unbereinigte Lohnquote und Arbeitseinkommensquote in Deutschland von 1970 bis 201249 60 65 70 75 80 85 GesamtdeutschlandWestdeutschland unbereinigte Lohnquote Arbeitseinkommensquote 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen466 Ein Teil des Anstiegs der Lohnquote in diesem Zeitraum kann also allein auf die Strukturänderung bei den Erwerbstätigen zurückgeführt werden. Dieser Struktureffekt wird in der Arbeitseinkommensquote (Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer in % des Volkseinkommens je Erwerbstätigen) heraus gerechnet. • Die Lohnquote berücksichtigt nicht die Querverteilung aller Einkommensarten, die neben den eigentlichen Arbeitseinkommen ebenfalls den Arbeitnehmerhaushalten zufließen. Sie ist daher für Aussagen zur Einkommensverteilung weitgehend unbrauchbar. In Deutschland schwankten die Lohnquoten der Vor- und Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre hinein stets um einen Wert von ca. 60 %. Nach einem überproportionalen Anstieg und dem anschließenden Rückgang der Lohnquote in der Zeit seit 1970 liegt ihr Wert 2012 mit ca. 68 % immer noch mehr als 5 Prozentpunkte über ihrem Langfristniveau. 10.3.5 Die VGR in Deutschland seit der Revision 1995 10.3.5.1 Kurze Geschichte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in Deutschland Das Konzept der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, das heute in Deutschland und Europa verwendet wird, wurde entscheidend durch die Theorien von J.M. Keynes geprägt. Für Keynes war das Volkseinkommen die wichtigste makroökonomische Größe. Er beschrieb in seinem zentralen Werk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ aus dem Jahr 1936, wie es dazu kommen kann, dass sich das Volkseinkommen in Folge von Schwankungen der Nachfrageströme auf einem Niveau einpendelt, bei dem Unterbeschäftigung herrscht. Um dann das Volkseinkommen auf Vollbeschäftigungsniveau zu heben, müsse der Staat geeignete fiskal- und/oder geldpolitische Maßnahmen ergreifen. Die keynesianische Theorie legte den Grundstein für die moderne Makroökonomie und revolutionierte mit ihrem Erscheinen auch die Wirtschaftspolitik. Man versuchte daher bereits Ende der dreißiger Jahre, die zentrale Größe des Volkseinkommens empirisch zu ermitteln und entwickelte auf der Basis des keynesianischen Modells einer Gesamtwirtschaft in verschiedenen Ländern die ersten Konzepte einer nationalen Buchführung50. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden diese Bemühungen durch internationale Institutionen systematisch fortgesetzt. Ziel war es, die unterschiedlichen nationalen Ansätze zu vereinheitlichen und vergleichbar zu machen. Das Statistische Amt der Vereinten Nationen veröffentlichte im Jahr 1947 ein System mit der Bezeichnung „System of National Accounts“ (SNA)51. Drei Jahre später legte die Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) ebenfalls ein Standardsystem vor52. Beide Systeme wurden in den Folgejahren vereinheitlicht und bildeten die Grundlage für das europäische Standardsystem, das „Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen“ (ESVG)53, das zuletzt 1995 revidiert wurde. Für Deutschland entwickelte das Statistische Bundesamt ab 1960 auf der Basis des SNA ein Konzept, das speziell auf die Belange Deutschlands zugeschnitten war. Dieses System wurde in Abständen von ca. fünf Jahren revidiert und den jeweils aktuellen Datengegebenheiten angepasst. Es war bis 1998 im Einsatz. 50 Zur Geschichte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vgl. im Folgenden Peto, R. (2000), S. 22 ff. 51 United Nations (1968). 52 OEEC (1952). 53 Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften (1970). 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 467 Zu Beginn des Jahres 1999 setzte das Statistische Bundesamt die EU-Richtlinie zur Harmonisierung der Erfassung des Sozialprodukts zu Marktpreisen um und löste das deutsche System durch das ESVG 95 ab. Im Zuge dieser Revision wurden nicht nur datenbezogene, sondern vor allem konzept- und methodenbezogene Änderungen eingeführt. Auch terminologisch änderte sich einiges: Insbesondere verschwand der populäre Begriff des Sozialprodukts aus der offiziellen Terminologie der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und wurde durch Nationaleinkommen ersetzt. 10.3.5.2 Die Sektoren der Volkswirtschaft im ESVG 95 Die Sektoreinteilung gemäß ESVG 95 unterscheidet sich sowohl von der in der grundlegenden Kreislaufanalyse verwendeten als auch von der, die das Statistische Bundesamt bis 1998 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zugrunde legte. Die Abbildung 10-33 zeigt eine Übersicht über die fünf im ESVG 95 verwendeten inländischen Sektoren. Der wichtigste Unterschied zur Sektorgliederung des einfachen Kreislaufmodells besteht darin, dass es keinen Unternehmenssektor mehr gibt. Unternehmen sind sowohl bei den nicht-finanziellen wie auch den finanziellen Kapitalgesellschaften sowie im Sektor „Private Haushalte“ enthalten. Nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften produzieren Waren und nicht-finanzielle Dienstleistungen. Als Kapitalgesellschaften gelten dabei nicht nur Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung, sondern auch die sog. Quasi-Kapitalgesellschaften wie Offene Handelsgesellschaften und Kommanditgesellschaften u.ä. Finanzielle Kapitalgesellschaften sind Unternehmen des Finanzsektors einer Volkswirtschaft, die das Kredit- und Versicherungsgewerbe ausüben. Neben Banken und Versicherungsgesellschaften zählen auch Börsen, Versicherungsmakler etc. dazu. Zu den privaten Haushalten gehören Einzelpersonen und Gruppen von Einzelpersonen in ihrer Eigenschaft als Konsumenten wie auch als Produzenten, sofern diese Unternehmen keine eigene Rechtspersönlichkeit haben (selbständige Unternehmer wie Landwirte oder Handwerker, freie Berufe). Somit verfügen auch die privaten Haushalte über ein Produktionskonto, das die Güterproduktion dieses Sektors erfasst. Alle inländischen Sektoren beziehen sich grundsätzlich nur auf gebietsansässige Wirtschaftseinheiten und werden jeweils noch in weitere Untersektoren aufgeteilt. Alle nicht-inländischen Sektoren werden unter dem Begriff „Übrige Welt“ zusammengefasst. Innerhalb der übrigen Welt wird zwischen der Europäischen Union und anderen Drittländern unterschieden. 10.3.5.3 Die Konten des ESVG 95 Die im ESVG 95 verwendeten Konten weisen einen wesentlich höheren Detailierungsgrad auf, als das oben verwendete einfache Kontenmodell. Insbesondere das Einkommenskonto wird sehr viel stärker aufgegliedert. Für die Einkommensentstehung, primäre und sekundäre Einkommensverteilung sowie Einkommensverwendung werden jeweils eigene Konten erstellt. Auch die Vermögensbildung wird in die Konten der Reinvermögensänderung und Sachvermögensbildung aufgeteilt. Insgesamt ergibt sich damit folgende Kontenstruktur54. 54 Vgl. den Überblick in Statistisches Bundesamt (2007), S. 5 f. sowie Brümmerhoff, D./Lützel, H. (2002), S. 123 ff. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen468 55 Gesamtkonten: Konto 0: Konto V: Zusammengefasstes Güterkonto Außenkonten Sektorale Konten: Konto I: Produktionskonto Produktion von Waren und Dienstleistungen Konto II: Einkommensentstehung, -verteilung und -verwendung 1.1 Einkommensentstehungskonto Entstehung von Erwerbs- und Vermögenseinkommen 1.2 Primäres Einkommensverteilungskonto Verteilung der Erwerbs- und Vermögenseinkommen 2 Konto der sekundären Einkommensverteilung – Ausgabenkonzept Umverteilung der Einkommen 55 Statistisches Bundesamt (2007), S. 5. Abbildung 10-33: Sektoren des ESVG 9555 Nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften Kapitalgesellschaften wie AG und GmbH,, Personengesellschaften wie OHG und KG, rechtlich unselbständige Eigenbetriebe des Staates und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck wie Krankenhäuser, Pflegeheime sowie Wirtschaftsverbände. Finanzielle Kapitalgesellschaften Banken, Versicherungen, Hilfsgewerbe und Vermietung als örtliche fachliche Einheit bei Versicherungsgesellschaften Staat Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung Private Haushalte Einzelpersonen und Gruppen von Einzelpersonen als Konsumenten und ggfs auch als Produzenten, wie selbständige Landwirte, Einzelunternehmer, Händler, Gastwirte, selbständige Verkehrsunternehmer, selbständige Versicherungsvertreter, „Freiberufler“ usw. Private Organisationen ohne Erwerbszweck politische Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Vereine usw. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 469 3 Konto der sekundären Einkommensverteilung – Verbrauchskonzept Umverteilung der Einkommen 4.1 Einkommensverwendungskonto – Ausgabenkonzept Verwendung der Einkommen 4.2 Einkommensverwendungskonto – Verbrauchskonzept Verwendung der Einkommen Konto III: Vermögensänderung und Finanzierung 1.1 Konto der Reinvermögensänderung durch Sparen und Vermögenstransfers Vermögensbildung durch Sparen und Saldo der Vermögenstransfers 1.2 Sachvermögensbildungskonto Vermögensbildung durch Anlageninvestition und Vorratsveränderung 1.3 Finanzierungskonto Veränderung der Forderungen und Verbindlichkeiten Abbildung 10-34: Die Konten des ESVG 95 Wie aus dieser Übersicht deutlich wird, handelt es sich beim Kontensystem des ESVG 95 im Kern um dieselbe Struktur wie im vereinfachten Schema der Aktivitätskonten. Aus dem gesamtwirtschaftlichen Güterkonto ergibt sich das Bruttoinlandsprodukt. Die jeweiligen sektoralen Konten dienen der Ermittlung der Bruttoproduktionswerte sowie durch entsprechende Saldierung der Vorleistungen und der Abschreibungen der Bruttound Nettowertschöpfung56. Die Einkommenskonten weisen die Entstehung und Verteilung der Primäreinkommen aus, die Umverteilung der Primäreinkommen zum verfügbaren Einkommen sowie die Aufteilung des verfügbaren Einkommens auf Konsumieren und Sparen. Die Vermögensänderungskonten schließlich erfassen Rein- und Sachvermögensbildung sowie die dazu erforderlichen Finanzierungsvorgänge. 10.3.5.4 Entwicklung und Struktur des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Japan und China gemessen am Bruttoinlandsprodukt die viertgrößte Ökonomie der Welt und die größte in Europa57. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland einen wirtschaftlichen Aufschwung ohnegleichen, der sogar als „Wirtschaftswunder“ in die Geschichte eingegangen ist. So erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt in den Jahren zwischen 1950 und 1960 preisbereinigt von umgerechnet 218,2 Mrd. Euro auf 481,2 Mrd. Euro, also um insgesamt mehr als 120 % oder gut 8 % pro Jahr. Im Folgejahrzehnt sank die durchschnittliche Wachstumsrate auf ca. 5,8 % pro Jahr, in den siebziger Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt real nur noch um ca. 2,8 % pro Jahr, in den achtziger Jahren um etwa 2,3 %. Das Jahrzehnt der Wiedervereinigung, in dem der Osten Deutschlands ein ähnliches Wirtschaftswunder für sich erhoffte, wie es der Westen nach 1945 erlebt hatte, brachte nur ein durchschnittliches Wachstum von jährlich 1,8 % und in den Jahren zwischen 2000 und 2010 schließlich betrug die jährliche Wachstumsrate gar nur noch 0,9 %58. 56 Die Wertschöpfung wird im ESVG 95 stets zu Herstellpreisen, d. h. ohne Gütersteuerung, aber inkl. Gütersubventionen ausgewiesen. 57 Bis zum Jahr 2006 belegte Deutschland den dritten Platz. Es wurde im Jahr 2007 von China überholt. 58 Eigene Berechnungen auf der Basis der Zahlen des Statistischen Bundesamtes (2011b), S. 15. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen470 Die Abbildung zeigt zwei charakteristische Eigenschaften der Nachkriegsentwicklung der deutschen Volkswirtschaft:59 • Die Entwicklung war durch konjunkturelle Schwankungen geprägt. • Die Wachstumskraft der deutschen Wirtschaft ließ im Laufe dieser Jahrzehnte deutlich nach. Die abnehmenden und teilweise sogar negativen Wachstumsraten gehen einher mit steigenden Arbeitslosenquoten. Auch die Arbeitslosenquoten lassen deutlich die Konjunkturzyklen erkennen. Sie folgen darüber hinaus aber seit dem Beginn der siebziger Jahre einem eindeutig steigenden Trend. Offensichtlich hat Deutschland spätestens seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre mit einem zunehmenden Strukturproblem zu kämpfen. Im Jahr 2012 erreichte das Bruttoinlandsprodukt60 eine Höhe von 2.643,9 Mrd. Euro. Das entsprach 32.279 Euro je Einwohner. Im internationalen Vergleich gehört Deutschland damit zu den reichsten Ländern der Welt. 59 Die Ergebnisse von 1950 bis 1969 (Früheres Bundesgebiet) sind wegen konzeptioneller und definitorischer Unterschiede nicht voll mit den Ergebnissen von 1970 bis 1991 (Früheres Bundesgebiet) und den Angaben ab 1991 (Deutschland) vergleichbar. Die preisbereinigten Ergebnisse von 1950 bis 1969 (Früheres Bundesgebiet) sind in Preisen von 1991 berechnet. Die Ergebnisse von 1970 bis 1991 (Früheres Bundesgebiet) sowie die Angaben ab 1991 (Deutschland) werden in Preisen des jeweiligen Vorjahres als Kettenindex nachgewiesen: vgl. Statistisches Bundesamt (2013b), S. 10. 60 In jeweiligen Preisen gerechnet. Abbildung 10-35: Veränderungsraten des Bruttoinlandsprodukts (preisbereinigt) in Deutschland von 1951 bis 201259 -6 -4 -2 0 2 4 6 8 10 12 14 19 51 19 54 19 57 19 60 19 63 19 66 19 69 19 72 19 75 19 78 19 81 19 84 19 87 19 90 19 93 19 96 19 99 20 02 20 05 20 08 20 11 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 471 61 Die Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung des Statistischen Bundesamtes ergab für 2012 folgende Struktur (Abb. 10-37). 10.3.6 Die Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts als Wohlfahrtsindikator Das Bruttoinlandsprodukt ist – neben verwandten Wertschöpfungs- und Einkommensgrö- ßen, wie v. a. dem Volkseinkommen, das wichtigste Maß für den Wohlstand eines Landes. Um einen ersten Eindruck von den Lebensverhältnissen in einem Land zu gewinnen, wird stets zunächst auf die Höhe des Bruttoinlandsprodukts verwiesen. Um den Einfluss unterschiedlich hoher Bevölkerungszahlen auszuschalten, berechnet man meist die Pro-Kopf- Angabe des jeweiligen Indikators und vergleicht so die Wirtschafts- bzw. Einkommenskraft verschiedener Länder miteinander. Kann das Bruttoinlandsprodukt bzw. das Nationaleinkommen aber tatsächlich eine zuverlässige Auskunft über die Lebensverhältnisse in einem Land geben? Geht es Menschen mit einem höheren durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen tatsächlich besser als solchen mit einem niedrigeren? Anders gefragt: Spiegelt sich in der Höhe der Einkommen auch die Lebensqualität eines Landes wider? Beide Fragen können nur mit großen Einschränkungen bejaht werden. In der Tat ist das Bruttoinlandsprodukt ein Produktions- und damit ein Wertschöpfungsindikator und vermittelt einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Er erfasst jedoch nicht alle Aspekte der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Ebenso ist das Volkseinkommen ein Maß für das Einkommen und damit auch das Konsumniveau eines Landes, aber auch hier muss bezweifelt werden, dass alle wichtigen Aspekte der Lebensqualität darin abgebildet werden. 61 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a). Arbeitslosenquote aller abhängigen zivilen Erwerbspersonen; ab 1991 Gesamtdeutschland. Abbildung 10-36: Entwicklung der Arbeitslosenquote in Deutschland von 1950 bis 201261 0 2 4 6 8 10 12 14 19 50 19 52 19 54 19 56 19 58 19 60 19 62 19 64 19 66 19 68 19 70 19 72 19 74 19 76 19 78 19 80 19 82 19 84 19 86 19 88 19 90 19 92 19 94 19 96 19 98 20 00 20 02 20 04 20 06 20 08 20 10 20 12 Deutschland gesamt Früheres Bundesgebiet einschl. Berlin-West 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen472 62 10.3.6.1 Kritik an der Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die Wertschöpfung eines Landes weder vollständig noch korrekt. Wesentliche Teile der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung tauchen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht auf, nämlich die Wertschöpfung, die innerhalb der privaten Haushalte stattfindet, sowie die Wertschöpfung der Schattenwirtschaft. Die Wertschöpfung der privaten Haushalte Da unter Produktionstätigkeit nur diejenigen wertschöpfenden Tätigkeiten erfasst werden, die über den Markt verkauft werden, bleibt die Wertschöpfung der Haushalte unberück- 62 Entnommen aus Statistisches Bundesamt (2013b), S. 9. Abbildung 10-37: Entstehung, Verwendung und Verteilung des Bruttoinlandsprodukts 201262 B r u t t o w e r t s c h ö p f u n g Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 23,0 Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 614,7 Baugewerbe 107,6 Handel, Gastgewerbe und Verkehr 378,9 Finanzierung, Vermietung 364,3 Öffentliche DL, Erziehung, Gesundheit 426,8 Gütersteuern abzügl. Gütersubventionen 279,4 + + – Konsumausgaben des Staates 515,4 Bruttoinvestitionen 455,3 Konsumausgaben der privaten Haushalte 1.521,6 K o n s u m a u s g a b e n Außenbeitrag (Exporte abzügl. Importe) 151,6 Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt 51,4 + + Arbeitnehmerentgelt 1.377,3 Unternehmensund Vermögenseinkommen 644,0 Produktions- und Importabgaben an den Staat abzügl. Subventionen vom Staat 274,7 Abschreibungen 399,3 V o l k s e i n k o m m e n E n t s t e h u n g V e r w e n d u n g V e r t e i l u n g= = Entstehung, Verwendung und Verteilung des Bruttoinlandsprodukts 2012 in Mrd. Euro: 2.643,9 IuK 91,4 Unternehmensdl. 252,8 Sonst. Priv. DL 105,1 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 473 sichtigt. Wenn sich jemand am Morgen sein Frühstück selbst zubereitet, bleibt das Inlandsprodukt von dieser Tätigkeit unberührt. Wenn er oder sie hingegen das Frühstück in einer Cafébar einnimmt, steigt das Inlandsprodukt, da eine Marktleistung erbracht worden ist. Wie leicht einzusehen ist, ist das Wohlbefinden der betreffenden Person jedoch in beiden Fällen durch den Kaffeegenuss gesteigert worden. Ähnliches gilt für den gesamten Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeiten oder der Nachbarschaftshilfe. Alle Leistungen, die nicht über den Markt zugekauft werden, gehen nicht in die Berechnung des Inlandsprodukts ein. Wenn z. B. Kinder von ihren Eltern betreut, oder alte und kranke Menschen von ihren Angehörigen oder ehrenamtlichen Helfern gepflegt werden, wird diese Leistung nicht als Wertschöpfung erfasst. Fremdbetreuung von Kindern hingegen sowie die Versorgung von Invaliden in Pflege- und Altersheimen erhöht das Inlandsprodukt. Es ist unmittelbar einleuchtend, dass mit der Fremdbetreuung nicht automatisch eine qualitative Verbesserung der Lebensverhältnisse einhergeht. Die Begründung für die Vernachlässigung solcher Leistungen, nämlich dass sie eben keine Marktpreise haben und daher schwer zu erfassen sind, ist nicht unbedingt stichhaltig, denn dies trifft auch auf andere Größen zu, die in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingehen, z. B. die öffentlichen Leistungen oder auch die Abschreibungen. Der Umfang dieser nicht erfassten Wertschöpfung ist beträchtlich. Schätzungen gehen davon aus, dass der Anteil der Selbstversorgungswirtschaft in Deutschland bis zu 50 % der ausgewiesenen Wertschöpfung umfasst63. Die Schattenwirtschaft Einen bedeutenden Umfang hat in Deutschland auch die Schattenwirtschaft angenommen. Das sind diejenigen Tätigkeiten, die zur Umgehung der Beiträge zu den Sozialversicherungen sowie der Steuerzahlung „schwarz“ erbracht und entgegengenommen werden. Der Anreiz zur Beteiligung an der Schattenwirtschaft steigt umso stärker, je höher die Steuerund Abgabenbelastung der privaten Einkommen wird. Der Anteil der Schattenwirtschaft in Deutschland wird bereits auf 15 % oder sogar mehr geschätzt64. Die fehlende Berücksichtigung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt an der Berechnungsmethode des Inlandsprodukts betrifft die Behandlung des Gutes Umwelt sowie generell die fehlende Berücksichtigung externer Kosten und Nutzen. Ein kritischer Journalist des International Herald Tribune schreibt dazu: „The GDP figure determines which countries are developing and which have made it to the economic high table…. It’s GDP that decides when a country is in recession. It guides governments and seals their fates. The Problem is that GDP measures neither wealth nor real growth. It lumps together economic pluses and minuses so indiscriminately that if a household or business used its equivalent for guidance it would find itself on the rocks in no time. … The letters GDP might as well stand for Grossly Deficient Pretender. Under the rules for calculating GDP, for example, a country can chop down a forest, record the timber sales as income and ignore the loss of the asset, since it is not counted. Nor is soil degradation – soil erosion, for example – although it is the natural analogue of the depreciation of a man- 63 Vgl. z. B. Neubäumer, R./Hewel, B. (2005), S. 222. 64 Vgl. Enste, D.H./Schneider, F. (2006), S. 185 ff. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen474 made asset. Pollution is not only counted as a positive but may be counted three times: when it is produced, when it is cleaned up and through its costs to health.“65 Die Kritik richtet sich genau genommen gegen zwei wesentliche Schwächen der Sozialproduktsrechnung: Zum einen fehlt die Berücksichtigung von Umweltzerstörung im Zuge der Produktionstätigkeit als Analogon zur Abschreibung des Faktors Kapital. Werden z. B. durch eine Kiesgrube natürliche Ressourcen ausgebeutet und Landschaft zerstört, so müsste dieser Wertverlust durch eine „Umweltabschreibung“ die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung mindern. Stattdessen werden lediglich die Ausbeutung sowie mögliche Reparaturmaßnahmen (z. B. Renaturierung des Abbaugebietes) wertschöpfungserhöhend erfasst. Außerdem bleibt unberücksichtigt, dass durch den endgültigen Verbrauch bestimmter nicht recycling-fähiger Umweltgüter (z. B. des Erdöls) auch die Wohlstandschancen künftiger Generationen geschmälert werden. Der intertemporale Aspekt fehlt völlig. Zum andern werden externe Kosten der Umweltzerstörung, z. B. die Beeinträchtigung der Gesundheit von Anwohnern durch Lärm- oder Abgasemissionen vollständig vernachlässigt. Allerdings gehen aber auch externe Nutzen, wie z. B. die Erhöhung der Wohnqualität einer bestimmten Region, in der wegen der Ansiedlung mehrerer Unternehmen die Verkehrsund Kommunikationsinfrastruktur verbessert worden ist, nicht in die Sozialproduktsrechnung ein. Verzerrungen bei der Erfassung der Staatstätigkeit Besondere Interpretations- und Bewertungsprobleme verursacht die Tätigkeit des öffentlichen Sektors. Wie bereits erläutert werden die staatlichen Leistungen unter der Bezeichnung „Öffentlicher Konsum“ oder „Eigenverbrauch des Staates“ zu Herstellkosten bewertet und in der Verwendungsrechnung dem Konsum zugeschlagen. Daraus ergeben sich jedoch zwei Probleme. Zum einen kann aus den Kosten einer Leistung nicht auf deren Qualität und somit auf deren Wert geschlossen werden. Ist etwa ein teureres Gesundheitssystem stets auch ein besseres? Überspitzt könnte man sogar sagen, dass staatliche Ineffizienz das Inlandsprodukt erhöht: Je mehr Geld der Staat verschwendet, desto stärker schlägt die Staatstätigkeit in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu Buche! Es ist klar, dass die Bewertung staatlicher Leistungen ein besonders schwieriges Problem darstellt. Es ist jedoch nicht unmöglich, Qualitätskriterien für öffentliche Leistungen zu definieren und auf dieser Basis Bewertungen vorzunehmen. So wird z. B. im Gesundheitswesen versucht, mit Hilfe verschiedener Instrumente gesundheitsökonomischer Evaluation das Ergebnis eines nationalen Gesundheitssystems, d. h. neben der mittleren Lebensdauer auch die Qualität des Gesundheitszustands der Bevölkerung, zu bewerten. Zum andern führt die Zuordnung öffentlicher Leistungen zum Konsum zu zahlreichen Doppelzählungen. Öffentliche Leistungen gehen grundsätzlich als Endprodukte in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Dabei wird jedoch übersehen, dass ein wesentlicher Teil von privaten Unternehmen als Vorleistung für die Produktion anderer Güter genutzt wird. So dienen die öffentlichen Straßen sogar überwiegend dem Schwerlast- und 65 Mathews, J. (1995). 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 475 Berufsverkehr, die innere und äußere Sicherheit eines Landes ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Güterproduktion und somit ein wichtiger Standortfaktor etc. Dieser Teil der öffentlichen Leistungen dürfte demnach wie alle anderen Vorleistungen auch nicht in die Berechnung des Inlandsprodukts einbezogen werden. Da es jedoch unmöglich ist, die öffentlichen Leistungen nach ihrer jeweiligen Verwendung genau aufzuteilen, kommt es zwangsläufig zu Doppelzählungen. Wiederum gilt, dass diese Verzerrung umso stärker ausfällt, je umfangreicher die Staatstätigkeit ist. Die staatlichen Ausgaben, die unbedingt zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Wirtschaftsbetriebs erforderlich sind, werden in der Literatur als „regrettable necessities“ bezeichnet66. Als wesentliche Teile dieser „notwendigen Übel“ werden v. a. die Straßenerhaltung sowie die Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit angesehen. Eine genaue Berechnung der „regrettable necessities“ ist jedoch nicht möglich und deren Schätzungen daher stets von subjektiven bzw. normativen Wertvorstellungen geprägt. Das Fehlen von Verteilungsaspekten Schließlich muss auch noch auf die fehlende Berücksichtigung von Verteilungsaspekten eingegangen werden. Für die tatsächlichen Lebensverhältnisse in einem Land ist nämlich nicht allein die Höhe des Durchschnittseinkommens, sondern auch dessen Verteilung auf die Bevölkerung ausschlaggebend. Ein Land mit besonders starker Ungleichverteilung weist neben einer dünnen, aber sehr reichen Oberschicht auch breite Armutsschichten auf. Zudem ist der soziale Friede in solchen Ländern besonders gefährdet. Durch Verteilungskämpfe, die womöglich sogar gewaltsam ausgetragen werden, können erhebliche Wohlstands- und Wohlfahrtsverluste entstehen. Das Fehlen immaterieller Güter Abgesehen von den Mängeln bei der Erhebung der Wertschöpfung an sich, d. h. am Wert des Bruttoinlandsprodukts als Wohlstandsindikator, beruht die Kritik daher vor allem auch darauf, dass aus der Wohlstandsentwicklung nicht unbedingt auf eine bestimmte Wohlfahrtsentwicklung geschlossen werden kann. Das Wohlbefinden eines Volkes beruht eben nicht nur auf der Versorgung mit materiellen Gütern, sondern auch auf der Ausstattung mit vielen immateriellen Gütern. Zu diesen gehört zum Beispiel das Gut Freizeit. Jeder einzelne Arbeitnehmer muss sich immer wieder zwischen der Ausdehnung seiner Arbeitszeit – was zu höherem Einkommen und damit zu einem höheren materiellen Lebensstandard führen würde – und der Ausdehnung seiner Freizeit entscheiden. Freizeit konkurriert mit materiellem Wohlstand und erhöht wie dieser das Wohlfahrtsniveau. Dies gilt ebenso auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Beschließt eine Gesellschaft, eine erreichte Produktivitätssteigerung für eine Arbeitszeitverkürzung anstatt zur Ausdehnung der Wertschöpfung, d. h. zur Erhöhung des materiellen Wohlstandes zu nutzen, so würde dies das Inlandsprodukt nicht anzeigen. Auch andere für die Wohlfahrt eines Landes sehr wichtige immaterielle Güter bleiben unberücksichtigt, zum Beispiel soziale Sicherheit, wirtschaftliche und politische Freiheit, Partizipation am Prozess der politischen Willensbildung u.v.m. 66 Vgl. z. B. Frenkel, M/John, K.D. (2006), S. 162. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen476 Die Rolle der Güterstruktur Ferner spielt nicht nur der Umfang der verfügbaren Güter und Leistungen eine wohlfahrtssteigernde Rolle für ein Land, sondern v. a. auch die Güterstruktur, insbesondere die Zusammensetzung zwischen privaten und öffentlichen Gütern. Letztere müssen durch die Wirtschaftssubjekte schließlich über Steuern und damit durch den Verzicht auf private Güter finanziert werden. Ob diese Umlenkung von Kaufkraft von den Privaten auf den Staat tatsächlich wohlfahrtssteigernd ist, hängt davon ab, wie gut das Spektrum der öffentlichen Leistungen die Präferenzstruktur der Bevölkerung abbildet oder nicht. Insbesondere im Zusammenhang mit der Beurteilung des Wohlfahrtseffektes von Ausgaben für Rüstung und Landesverteidigung wird jedoch häufig bezweifelt, dass diese in jedem Fall zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen. 10.3.6.2 Besondere Probleme internationaler Einkommensvergleiche Abgesehen von der konzeptionellen und wohlfahrtstheoretischen Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Wohlstands- und Wohlfahrtsmaß eines Landes sind bei der Verwendung dieses Indikators für länderübergreifende internationale Vergleiche noch weitere Probleme zu berücksichtigen. Insbesondere sind die Wirtschaftsordnungen – von planwirtschaftlichen Systemen über soziale Marktwirtschaften und andere Mischformen bis hin zu weitgehend ungebremsten marktwirtschaftlichen Systemen – weltweit von Land zu Land sehr verschieden. Auch die Konzepte für die Durchführung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowie generell die Qualität der Datenerfassung und -verarbeitung sind international nicht einheitlich. Abgesehen von diesen grundlegenden Unterschieden gibt es aber auch noch weitere Schwierigkeiten im Ländervergleich, die in den o.g. Erhebungsproblemen und Besonderheiten der Inlandsproduktberechnung begründet sind. Während man bei der Betrachtung eines einzelnen Landes argumentieren kann, dass bestimmte konzeptionelle Schwächen, wie z. B. die Vernachlässigung der Haushaltswertschöpfung oder die problematische Behandlung der öffentlichen Leistungen, die grundsätzliche Aussagekraft des Indikators im Zeitverlauf nicht beeinträchtigen, da ja alle Werte der Zeitreihe gleichermaßen von diesen Einschränkungen betroffen sind67, besteht bei internationalen Vergleichen grundsätzlich die Gefahr der Verzerrung, da die zugrunde liegenden Wirtschafts- und Wertschöpfungsstrukturen von Land zu Land verschieden und somit die jeweiligen Erhebungsfehler unterschiedlich groß sind. Anteil des privaten Eigenverbrauchs Dies gilt in besonderem Maße für das Problem der fehlenden Erfassung des Eigenverbrauchs der Haushalte. Der Anteil dieses Eigenverbrauchs an der gesamten Güterversorgung der Haushalte ist in jedem Land unterschiedlich hoch. Typischerweise ist die Wertschöpfung, die innerhalb der Haushalte erbracht wird, umso höher, je ärmer das Land ist. Haushalte in Entwicklungsländern backen oft ihr eigenes Brot und mahlen womöglich sogar ihr eigenes Mehl, nähen ihre Kleider selbst, fertigen ihr Haushaltsgerät selbst an usw. Die Vernachlässigung all dieser Tätigkeiten in der Volkswirt- 67 Wobei dies auch nur dann gilt, wenn sich die Strukturen der Wertschöpfung über die Zeit hinweg nicht verändern! 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 477 schaftlichen Gesamtrechnung führt somit dazu, dass die Güterversorgung in Entwicklungsländern systematisch zu schlecht dargestellt wird. Das tatsächliche Versorgungsniveau ist höher, als es der Einkommensindikator im Ländervergleich vermuten lässt. Erfassung der staatlichen Wertschöpfung Einen ähnlich systematischen Fehler und damit Verzerrungen im Ländervergleich erzeugt die Erfassung der staatlichen Wertschöpfung als öffentlicher Konsum, d. h. als Endprodukt. In Entwicklungsländern sind die öffentlichen Leistungen üblicherweise weitaus weniger umfangreich als in Industrieländern. Dadurch kommt es allerdings auch zu weniger Doppelzählungen durch die Vernachlässigung des Vorleistungsanteils an den öffentlichen Gütern. Auch dieser Effekt führt also dazu, dass die Einkommen der reichen Länder im Vergleich zu denen der armen Länder tendenziell überzeichnet werden. Einkommens- und Vermögensverteilung Die Verteilung der Einkommen auf die Haushalte (personelle Einkommensverteilung) ist ebenfalls eine Quelle für Fehlinterpretationen von internationalen Einkommenslisten. In Schwellenländern ist das Pro-Kopf-Einkommen durchschnittlich betrachtet durchaus ansehnlich. Allerdings weisen gerade solche Länder oft eine ziemlich krasse Ungleichverteilung der Einkommen auf. Einer relativ dünnen Oberschicht mit extrem hohen Einkommen stehen breite Armutsschichten gegenüber, die in den Slums der städtischen Metropolen oft unter schlimmsten Lebensbedingungen dahinvegetieren (Mexico City, Rio de Janeiro, Cairo …) oder als verarmte Bauern auf dem Land am Rande des Existenzminimums leben. Mangelhafte Datenqualität Meist sind zudem die statistischen Angaben über die Lebenssituation der Haushalte (also z. B. gerade die Einkommensverteilungsstatistik oder auch die Arbeitsmarktstatistik) in Entwicklungsländern kaum verfügbar bzw. wenig zuverlässig. Auch beim grundlegenden Datengerüst der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bestehen oft große Datenunsicherheiten. Angaben zur Arbeitsmarktsituation oder Einkommensverteilungsdaten können je nach Quelle durchaus um mehrere 100 Prozent differieren68. Einheitlicher Währungsmaßstab Ein grundsätzliches Problem bei Ländervergleichen besteht darin, dass alle monetären Größen in einen einheitlichen Währungsmaßstab umgerechnet werden müssen. Der Leser einer solchen Statistik möchte eine Vorstellung von der unterschiedlichen Kaufkraft der Durchschnittseinkommen im betrachteten Ländervergleich erhalten. Meist verwendet man zu diesem Zweck den US-Dollar als gemeinsamen Währungsnenner. Diese Umrechnung kann jedoch auf unterschiedliche Weise geschehen. Zum einen kann man die jeweiligen amtlichen Mittelkurse der Landeswährung zum US-Dollar zugrunde legen. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Wechselkurse zahlreichen Einflüssen unterliegen, die mit der Binnenkaufkraft einer Währung unmittelbar wenig zu 68 Verschiedene Datenquellen verfolgen oft durchaus unterschiedliche Interessen, was sich auch im Ausweis der Daten niederschlägt. So ist es ein häufig anzutreffendes Interesse der ärmeren Entwicklungsländer, bestimmte Wohlstandsindikatoren lieber zu niedrig als zu hoch auszuweisen, da daran nicht selten die Zuweisung von Entwicklungshilfegeldern geknüpft ist. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen478 tun haben. Da der Wechselkurs der Preis einer Währung ist, der sich durch Angebot und Nachfrage auf den Devisenmärkten ergibt, bestimmen nur diejenigen Transaktionen diesen Preis, denen grenzüberschreitende Wirtschaftsbeziehungen zugrunde liegen, also z. B. Au- ßenhandelstransaktionen oder die Aufnahme von Kreditbeziehungen mit Gebietsfremden. Für einen Großteil der Güter, die für die Lebensführung in einem Land typisch sind, trifft das jedoch nicht zu. Darüber hinaus wird der Wechselkurs als Gleichgewichtspreis auf dem Devisenmarkt auch häufig von währungspolitischen Eingriffen verfälscht. In einem System fester (bzw. stufenflexibler) Wechselkurse69 wird der marktmäßige Wechselkurs durch staatlich vorgegebene Ober- und Untergrenzen in einem starren Korridor gehalten. Selbst in flexiblen Wechselkurssystemen greifen Zentralbanken in eigenem Ermessen immer wieder korrigierend in die marktmäßige Kursbildung ein. Aus diesem Grund erfolgt die Umrechnung in einen einheitlichen Währungsmaßstab oft nicht auf der Basis der Wechselkurse, sondern in sog. Kaufkraftparitäten (purchasing power parity). Hierzu ermittelt man, wie viel Landeswährung für einen standardisierten Warenkorb der täglichen Lebenshaltung im Vergleich zum jeweiligen Dollarpreis bezahlt werden muss. Man erhält auf diese Weise einen Kaufkraftvergleich der Währungen untereinander.7071 Tabelle 10-2: Pro-Kopf-Einkommen ausgewählter Industrie- und Entwicklungsländer 2012 in US-Dollar – nach amtlichen Mittelkursen (WK) und Kaufkraftparitäten (2005 KKP) gerechnet70 Land BIP pro Kopf (in $, WK) BIP pro Kopf (in $, KKP) Norwegen Schweiz Singapur USA Österreich Japan Deutschland Frankreich Großbritannien Hong Kong Italien Süd-Korea Argentinien Süd-Afrika China Ghana Vietnam Indien Kambodscha Nepal Ruanda Malawi Burundi 99.558 79.052 51.709 49.965 47.226 46.720 41.514 39.772 38.514 36.796 33.049 22.590 11.452 7.508 6.188 1.605 1.596 1.489 946 707 620 268 251 47.547 39.344 53.266 43.063 36.259 31.425 34.766 29.819 32.723 44.770 26.328 27.991 15.50171 9.860 7.958 1.764 3.133 3.341 2.150 1.279 1.167 777 483 69 Vgl. Abschnitt 12.6.1 „Festes Wechselkurssystem mit Bandbreiten“. 70 Quelle: Worldbank (2013). 71 Ergänzt aus UNDP (2013), da in Worldbank (2013) nicht verfügbar; Angabe bezieht sich auf 2011. 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 479 Allerdings hat auch dieses Verfahren große Nachteile: Insbesondere ist es nicht einfach, für alle Länder der Erde einen Warenkorb zu definieren, anhand dessen der Preisvergleich durchgeführt werden kann. Das Güterangebot ist ja weltweit unterschiedlich, die private Lebenshaltung durch unterschiedlichste Güter geprägt und die Preisrelationen zwischen den einzelnen Gütergruppen zudem von Land zu Land deutlich verschieden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verwendung des Big Mac von McDonalds als reale Vergleichsbasis für die Messung von Kaufkraftunterschieden zwischen Währungen. Zweifellos stellt der Big Mac ein weltweit homogenes Gut dar, dessen landesspezifische Preise sich gut für die Ermittlung von Kaufkraftunterschieden eignen müssten. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass in vielen Entwicklungsländern der Big Mac als Statussymbol und Luxusgut, als Symbol einer fortschrittlichen, liberalen, von amerikanischen Idealen geprägten Lebensund Denkweise gilt. In Industrieländern hingegen ist der Big Mac als Fastfood-Vertreter oft schon ein inferiores Gut, das sicherlich nicht nennenswerter Bestandteil eines gehobenen Warenkorbes ist. Preisunterschiede für den Big Mac reflektieren daher nicht nur Kaufkraftunterschiede der Währungen, sondern v. a. unterschiedliche Preisrelationen innerhalb des landesüblichen Güterspektrums. Dennoch wird die Verwendung von Kaufkraftparitäten der Umrechnung nach durchschnittlichen Wechselkursen meist vorgezogen. Die Unterschiede in den resultierenden Einkommensgrößen sind dabei oft beträchtlich, wie Tabelle 10-2 zeigt. Typischerweise ist das Einkommen auf der Basis der jeweiligen Wechselkurse in Industrieländern deutlich höher als das Kaufkraftäquivalent, während in Entwicklungsländern genau das Gegenteil der Fall ist. Wenn internationale Einkommensvergleiche auf der Grundlage einer Wechselkursbewertung vorgenommen werden, werden die Lebensverhältnisse in Entwicklungsländern also abermals systematisch unterschätzt. 10.3.6.3 Reformkonzepte für Wohlfahrtsmaße Im Jahr 1973 veröffentlichten die Autoren Nordhaus und Tobin einen Vorschlag zur Korrektur des gängigen Inlandsproduktkonzepts um Wohlfahrtsaspekte, das sog. „Measure of Economic Welfare“72. Ziel war es, den vorhandenen Wertschöpfungsindikator Inlandsprodukt zu einem echten, nach wie vor eindimensionalen Wohlfahrtsmaß umzugestalten. Im Wesentlichen müssen dazu folgende Positionen vom herkömmlichen Inlandsprodukt abgezogen werden: • alle Ausgaben, die Vorleistungscharakter haben, d. h. insbesondere die oben erwähnten „regrettable necessities“ (v. a. Rüstungs- und Kriegskosten), aber auch sämtliche privaten und öffentlichen Ausgaben für Ausbildung und Gesundheit • die Kosten der Umweltzerstörung • die Nachteile der Verstädterung, insbesondere durch Umweltverschmutzung und Lärm. Im Gegenzug werden die bisher vernachlässigten Nicht-Markt-Aktivitäten hinzugerechnet, also insbesondere Werte für • Freizeit • den Eigenverbrauch der Haushalte (sog. Hausfrauenarbeit). Die beiden Autoren und anschließend auch P. A. Samuelson ermittelten die Werte des neuen Wohlfahrtsmaßes für die USA im Zeitraum von 1929 – 1965, verglichen das Ergebnis mit 72 Vgl. Nordhaus, W.D./Tobin, J. (1973). 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen480 der Entwicklung des herkömmlichen Inlandsproduktindikators und stellten fest, dass sich zwischen beiden Größen eine zunehmende Kluft auftat. Die Wohlfahrtsentwicklung blieb im betrachteten Zeitraum deutlich hinter der rein quantitativen Wachstumsentwicklung zurück. Offenbar war das materielle Wachstum durch Verzicht auf gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt erkauft worden. Das „Measure of Economic Welfare“ von Nordhaus und Tobin hat jedoch einen wesentlichen Nachteil: Es ist mit unüberwindbaren Erfassungs- und Bewertungsproblemen verbunden. Wie sollte man z. B. den Nachteil des Stadtlebens exakt messen? Wie die „regrettable necessities“? Ohne die Anwendung mehr oder minder subjektiver Wertmaßstäbe lässt sich das Wohlfahrtsmaß sicher nicht berechnen. Umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR) Das Statistische Bundesamt hat daher auch bislang darauf verzichtet, ein wohlfahrtstheoretisch korrigiertes Inlandsprodukt zu veröffentlichen. Stattdessen wird seit Anfang der neunziger Jahre versucht, die Nutzung der Umwelt mit all ihren Folgen im Rahmen einer zusätzlichen umweltökonomischen Gesamtrechnung (UGR) als ergänzendes Satellitensystem zur herkömmlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu analysieren. Sozialindikatoren Neben diesen und anderen Versuchen, den Indikator des Inlandsprodukts selbst zu reformieren, gibt es jedoch auch Ansätze, die darauf abzielen, den eindimensionalen Indikator durch ein ganzes System verschiedener Sozialindikatoren zu ersetzen. Der Vorteil solcher Systeme besteht darin, dass nicht um jeden Preis versucht werden muss, unterschiedlichste qualitative Wohlfahrtsaspekte unbedingt in Geldeinheiten zu messen. Vielmehr werden die einzelnen Größen in ihren jeweiligen Maßeinheiten erfasst und einfach nebeneinander gestellt. Auf diese Weise erhält man ein umfangreiches Profil eines Landes, das die jeweiligen Lebensverhältnisse mehrdimensional beschreibt. Der Nachteil dieses Verfahrens besteht allerdings darin, dass es kaum noch möglich ist, im Falle eines Ländervergleichs eine eindeutige Reihenfolge zwischen ihnen herzustellen. Zu diesem Zweck ist es nämlich wieder erforderlich, die Einzelwerte in irgendeiner Weise zu gewichten und zu einem Indikator zu aggregieren, so dass auch hier letztlich kein absolut objektiver Maßstab für die vergleichende Bewertung von Wohlfahrt gefunden werden kann. Sozialindikatoren werden vor allem von internationalen Organisationen im Zusammenhang mit der Bewertung von Entwicklungsfortschritten oder als Grundlage für die Vergabe von Entwicklungshilfegeldern angewandt. Die von der OECD verwendeten Sozialindikatoren beurteilen die Lebensqualität eines Landes z. B. in den folgenden acht Hauptkategorien: • Gesundheit • Bildung • Arbeit und Arbeitsbedingungen • Zeiteinteilung und Freizeit • Verfügung über materielle Güter und Dienstleistungen • Zustand der physischen Umwelt • Persönliche Sicherheit und Rechtssicherheit • Gesellschaftliche Chancen und Partizipation 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 481 Ähnlich wie bei der Kritik an der Erfassungsmethodik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erhebt sich aber auch hier die Frage, durch welche Indikatoren die Qualität dieser Zielbereiche tatsächlich gemessen werden soll. Äußert sich ein besserer Gesundheitszustand immer in einer längeren Lebenserwartung? Vielleicht werden die Menschen in einer Gesellschaft zwar immer älter aber gleichzeitig auch immer kränker. Was ist negativer zu werten: Hohe Malariainfektionsraten oder hoher Verbreitungsgrad koronarer Herzerkrankungen? Wodurch manifestiert sich ein höherer Bildungsstand? Durch einen durchschnittlich längeren Schulbesuch? Wie geht man dann damit um, dass in Deutschland Kinder und Jugendliche zwar einerseits eine vergleichsweise lange Schulzeit haben, aber dennoch bei der Pisastudie nur unterdurchschnittliche Ergebnisse erreichten? Wie diese Beispiele zeigen, ist es praktisch unmöglich, ein Indikatorensystem zu entwerfen, mit dem ein objektiver und im Zeitablauf stabiler Vergleich der Lebensverhältnisse verschiedener Länder bewerkstelligt werden könnte. Die Sozialindikatoren müssten dazu nämlich folgenden Kriterien genügen: • Validität und Konsistenz Die Indikatoren müssen auch tatsächlich die gesuchte Größe (z. B. das Bildungsniveau oder den Gesundheitszustand) eindeutig messen. Sie dürfen dabei nicht in Widerspruch zueinander stehen. • Komparabilität Die Indikatoren müssen so definiert sein, dass ihr Inhalt für alle untersuchten Länder eindeutig und vergleichbar ist. • Verfügbarkeit und Vollständigkeit Die Daten müssen für alle untersuchten Länder auch tatsächlich gemessen werden können und vollständig vorliegen. Ein besonders prominentes Beispiel für ein System von Sozialindikatoren ist der Human Development Index des United Nations Development Program (UNDP). Dieser Index berücksichtigt drei wesentliche Entwicklungsaspekte, nämlich • das Pro-Kopf-Einkommen • die Lebenserwartung (bei Geburt) • die Ausbildungsdauer Für jeden dieser drei Faktoren wird die relative Position eines Landes zwischen dem besten (100 %) und dem niedrigsten (0 %) Wert weltweit errechnet und anschließend der Durchschnitt gebildet. HDI-Werte liegen somit immer zwischen 1 und 0. Vom UNDP werden alljährlich Ranglisten veröffentlicht, in denen nahezu alle Länder der Erde nach ihrer Position gemäß HDI einsortiert werden. Obwohl in diesem Index neben dem Pro-Kopf-Einkommen nur zwei weitere Entwicklungsfaktoren berücksichtigt werden, weichen diese Rangpositionen oft weit von denen des Pro-Kopf-Einkommens ab, wie die folgende Tabelle für das Jahr 2011 exemplarisch zeigt: 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen482 Tabelle 10-3: Rangfolge ausgewählter Industrie- und Entwicklungsländer nach HDI und Pro-Kopf-Einkommen (KKP) 201173 Land Rang HDI Rang BIP pro Kopf (in $, KKP) Norwegen USA Deutschland Schweiz Japan Hong Kong Österreich Italien Polen Saudi Arabien Malaysia Oman Brasilien Türkei China Ägypten Südafrika Indien Kenya Kamerun Yemen Sudan Kongo 1 3 5 9 10 13 18 25 39 57 64 84 85 90 101 112 121 136 145 150 160 171 186 5 8 16 10 24 7 12 28 45 40 57 32 76 58 94 101 79 125 153 140 143 145 179 10.4 Die Zahlungsbilanz73 Die Zahlungsbilanz dient der Darstellung und Analyse der wirtschaftlichen Verflechtung des Inlandes mit dem Ausland. In ihr kommt nicht nur das Ausmaß der Globalisierung zum Ausdruck, die die modernen Volkswirtschaften prägt. Sie gibt auch wertvollen Aufschluss über die Währungsentwicklung und damit das außenwirtschaftliche Gleichgewicht einer Volkswirtschaft, denn die Vorgänge auf den Devisenmärkten sind unmittelbarer Ausfluss der grenzüberschreitenden Aktivitäten, die sich in der Zahlungsbilanz niederschlagen. 10.4.1 Formale Grundlagen Dabei ist der Begriff „Zahlungsbilanz“ so irreführend, wie er nur sein kann. Weder handelt es sich um eine Bilanz, d. h. eine Bestandsrechnung, noch werden ausschließlich Zahlungen darin festgehalten. Die Zahlungsbilanz ist vielmehr ein ziemlich komplexes Kontensystem, 73 Quelle: UNDP Human Development Report 2013, http://hdrstats.undp.org/en/indicators/20206. 10.4 Die Zahlungsbilanz 483 also eine Stromrechnung, in der laut IWF sämtliche Transaktionen zwischen Inländern und Ausländern74 systematisch aufgezeichnet werden sollen75. Leider lässt sich diese Vorgabe des Internationalen Währungsfonds in der Praxis nicht so einfach umsetzen. Zum einen ist es bis heute praktisch unmöglich, tatsächlich alle Transaktionen zwischen In- und Ausländern statistisch zu erfassen. Daher ergibt sich außerhalb der vorgesehenen Buchungskonten stets ein statistischer Restposten. Zum andern tauchen in der Zahlungsbilanz notwendigerweise auch Transaktionen zwischen Inländern auf, nämlich v. a. dann, wenn zwischen inländischen Geschäftsbanken und der Zentralbank Devisentransaktionen stattfinden, denn die Veränderung der Währungsreserven der Zentralbank wird stets unabhängig von Devisenbestandsveränderungen im privaten Sektor auf einem eigenen Konto ausgewiesen. Wie kommt die Bezeichnung „Bilanz“ überhaupt zustande? In der Grundbedeutung bedeutet Bilanz nichts anderes als Ausgleich oder Gleichgewicht zwischen zwei Seiten und genau dies liegt dem Rechenwerk der Zahlungsbilanz zugrunde. Jede Transaktion wird dort nämlich doppelt erfasst, als Leistung und Gegenleistung. Zwar gilt auch in der VGR das Prinzip der doppelten Buchführung, jedoch wird dort jeder Strom je beteiligtem Pol nur einmal festgehalten, nämlich als Abfluss oder als Zufluss. Die Gegenbuchung erfolgt also jeweils auf einem anderen Konto. Die Zahlungsbilanz hingegen stellt ein ausdifferenziertes und erweitertes Auslandskonto dar, auf dem bei jeder Transaktion sowohl der abfließende wie auch der dazu gehörende zufließende Strom verbucht werden. Man nennt dieses Verfahren vertikale oder offene Doppelbuchung: Daraus folgt, dass die Zahlungsbilanz insgesamt niemals einen Saldo aufweisen kann. Sie ist buchungstechnisch immer ausgeglichen. Dass sich in der Realität dennoch stets eine 74 Zur Erinnerung sei nochmals darauf verwiesen, dass mit Inländern stets Gebietsansässige – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – gemeint sind. Das bedeutet also Haushalte, die ihren festen Wohnsitz im Inland haben, oder Unternehmen, deren Firmensitz sich im Inland befindet, unabhängig davon, ob sie in in- oder ausländischem Eigentum sind. Nicht als Inländer im Sinne der Zahlungsbilanz hingegen gelten Angehörige ausländischer Streitkräfte, die im Inland stationiert sind, sowie das Personal diplomatischer Vertretungen. 75 Vgl. International Monetary Fund (1993), S. 6 ff. sowie Deutsche Bundesbank (1995), S. 33 – 43. Abbildung 10-38: Buchungsmethoden in der VGR und der Zahlungsbilanz im Vergleich Beispiel: Güterexport in der Zahlungsbilanz Beispiel: Güterexport in der VGR Konto Inländer Konto Ausländer von anWare vonan Zahlung Konto Inländer Konto Ausländer von anWare vonan Zahlung 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen484 Abweichung zwischen den Summen der Aktiv- und Passivbuchungen ergibt, liegt an den bereits erwähnten statistischen Erfassungsproblemen. Wenn hingegen in der politischen Diskussion von einem „Zahlungsbilanzungleichgewicht“ die Rede ist, so ist nicht der statistische Restposten, sondern der Saldo einer oder mehrerer Teilbilanzen gemeint. Wie wir noch sehen werden, spielen diese Salden nämlich für die Beurteilung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts eine wichtige Rolle. Wie das Auslandskonto wird auch die Zahlungsbilanz aus der Sicht des Auslandes erstellt. Das bedeutet, dass Transaktionen, die für das Ausland einen Zahlungszustrom bedeuten, auf rechten, d. h. der Haben-Seite verbucht werden, Zahlungsabflüsse auf der linken, der Soll-Seite. Aus Inlandssicht stehen daher Zuflüsse links und Abflüsse rechts, was auf den ersten Blick ungewohnt erscheinen mag. Die Bezeichnung der Ströme folgt der Inlandssicht. Warenexporte (vom Inland an das Ausland) werden daher ebenso wie Kapitalimporte (vom Ausland ins Inland) auf der linken Seite der Zahlungsbilanz (da jeweils Zahlungsabstrom vom Ausland) verbucht. Die empirische Zahlungsbilanzstatistik wird allerdings nicht in Kontenform, sondern in Tabellenform veröffentlicht. Dabei erscheinen Buchungen auf der linken Kontoseite, sog. „Aktiv-Buchungen“, mit einem Plus-Zeichen, „Passiv“-Buchungen mit einem Minus- Zeichen. Allerdings wird dieses Prinzip nicht in allen einschlägigen Veröffentlichungen eingehalten, so dass im Zweifel immer ein Blick in die Erläuterungen zur jeweiligen Statistik empfehlenswert ist. Die Zahlungsbilanz für Deutschland wird monatlich von der Deutschen Bundesbank erstellt. Sie verwendet dazu die Außenhandelsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Alle Unternehmen in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, ihre Außenhandelsaktivitäten dem Statistischen Bundesamt zu melden. Seit Inkrafttreten des EU-Vertrages, also seit 1993, wird diese Statistik in die sog. Intra-(Handel zwischen Deutschland und anderen EU- Staaten) und Extrahandelsstatistik (Handel zwischen Deutschland und Nicht-EU-Ländern) unterteilt. Seit 1999 erstellt die Europäische Zentralbank zusätzlich eine Zahlungsbilanz für die Länder des Euro-Währungsgebietes. Für die Währungsentwicklung der gemeinsamen europäischen Währung ist schließlich die Nettoposition des gesamten Euro-Raumes zu anderen Währungsräumen von Bedeutung. Allerdings sind auch die nationalen Zahlungsbilanzen weiterhin notwendig und wichtig, zum einen um die Beiträge der einzelnen Eurogebiete zur gesamten Währungsposition identifizieren zu können, zum andern um weiterhin auf nationaler Ebene Informationen über die außenwirtschaftliche Verflechtung des Landes zu gewinnen. 10.4.2 Die Grundstruktur der Zahlungsbilanz Zahlungsbilanzen sollen Aufschluss über den Grad der außenwirtschaftlichen Verflechtung der Volkswirtschaften untereinander geben. Sie sind daher ein wichtiges Informationsinstrument für die Währungspolitik sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss der Aufbau der Zahlungsbilanz in allen Ländern vergleichbar sein. In der Tat folgt die Grundstruktur der Zahlungsbilanzen aller Länder im Wesentlichen den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds, der Folgendes festlegt: „The balance of payments of a country may …be defined as a systematic record of the economic transactions during a given period between its residents and residents of the rest of the world.“76 76 International Monetary Fund (1961), S. 2. 10.4 Die Zahlungsbilanz 485 Da Transaktionen entweder Güter, Forderungen oder Transfers, d. h. unentgeltliche Übertragungen zum Gegenstand haben, erhielt die Zahlungsbilanz dieser Vorgabe folgend eine grundsätzliche Dreiteilung. Auf der Zahlungsbilanz werden also alle Arten von Transaktionen – jeweils mit ihrem Zuund Abstrom – abgebildet: Leistungstransaktionen, Finanztransaktionen und Transaktionen ohne Gegenleistung. Die (fiktive) Gegenbuchung für solche einseitigen Übertragungen erfolgt dann auf der Übertragungsbilanz. Im Jahr 1993 führte der Internationale Währungsfonds eine Reform der Prinzipien zur Zahlungsbilanzerstellung durch77. Sie trug den durch den Globalisierungsprozess veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und erhöhten Informationsanforderungen Rechnung und führte einige Neuerungen in die Zahlungsbilanzstatistik ein. Das in Abbildung 10-39 dargestellte Grundprinzip blieb dabei jedoch erhalten. In der heute gültigen Gliederung setzt sich die Zahlungsbilanz aus den in Abbildung 10-40 dargestellten Teilkonten zusammen. Leistungsbilanz Im ersten Teil der Zahlungsbilanz, der sog. Leistungsbilanz, werden alle im weitesten Sinne auf Leistungstransaktionen basierenden Ströme zusammengefasst. Sie besteht aus den vier Teilen Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie Bilanz der laufenden Übertragungen. 77 Vgl. hierzu International Monetary Fund (1993). Abbildung 10-39: Grundschema der Zahlungsbilanz Grundschema der Zahlungsbilanz Güterexporte (vom Inland ins Ausland) Güterimporte (vom Ausland ins Inland) Zunahme Verbindlichkeiten (vom Inland gegenüber dem Ausland) = Kapitalimport (Unentgeltliche) Übertragungen an das Inland Zahlungseingänge (aus Inlandssicht) Zahlungsausgänge (aus Inlandssicht) Zunahme Forderungen (vom Inland gegenüber dem Ausland) = Kapitalexport (Unentgeltliche) Übertragungen an das Ausland Waren- und Dienstleistungsbilanz Kapitalbilanz Übertragungsbilanz 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen486 Neu an dieser Aufteilung ist zum einen die Herauslösung der Erwerbs- und Vermögenseinkommen aus der Dienstleistungsbilanz, in der sie bis zur Reform von 1993 enthalten waren, sowie zum andern die Aufteilung der Übertragungsbilanz in laufende Übertragungen und Vermögensübertragungen. Ursprünglich war die gesamte Übertragungsbilanz Bestandteil der Leistungsbilanz. Der Grund für diese neue Aufteilung besteht darin, dass in der Leistungsbilanz nur solche Ströme Berücksichtigung finden sollen, die unmittelbar das verfügbare Einkommen der betreffenden Volkswirtschaften und somit deren Nachfrageverhalten beeinflussen78. Handelsbilanz In der Handelsbilanz werden alle Exporte (linke Seite) und Importe (rechte Seite) von Handelswaren erfasst79. Hierbei werden alle Güter nach Möglichkeit „fob“ („free-on-board“) 78 Auf dem Hintergrund der Erkenntnisse der Konsumtheorie ist diese Zweiteilung allerdings fragwürdig, da in der gesamtwirtschaftlichen Konsumfunktion bekanntlich auch Vermögenseffekte wirksam sind. Vgl. dazu auch Görgens, E./Ruckriegel, K. (2000), S. 42. 79 Außer Transithandel: dieser wird in der Dienstleistungsbilanz erfasst. Abbildung 10-40: Kontendarstellung der Zahlungsbilanz Warenexporte Warenimporte 1. Handelsbilanz 2. Dienstleistungsbilanz Dienstleistungsexporte Dienstleistungsimporte Empfangene Erwerbs- und Vermögenseinkommen Geleistete Erwerbs- und Vermögenseinkommen 3. Bilanz der Erwerbs- und vermögenseinkommen 4. Bilanz der laufenden Übertragungen 5. Bilanz der Vermögens- übertragungen 6. Bilanz der Direktinvestitionen 7. Wertpapierbilanz 8. Bilanz des Kreditverkehrs 9. Devisenbilanz 10. Restposten Nettokredite von Ausländern an Inländer Nettokredite von Inländern an Ausländer Nettoerwerb von inländischen Wertpapieren durch Ausländer Nettoerwerb von ausländischen Wertpapieren durch Inländer Nettodirektinvestitionen im Inland Nettodirektinvestitionen im Ausland Geleistete Vermögens- übertragungen Empfangene Vermögens- übertragungen Empfangene laufende Übertragungen Geleistete laufende Übertragungen Abnahme der Währungsreserven der Zentralbank Zunahme der Währungsreserven der Zentralbank Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen Zahlungszuflüsse Summe Zuflüsse Summe Abflüsse= Zahlungsabflüsse L ei st un gs bi la nz K ap ita lb ila nz i. w .S . K ap ita lb ila nz i. e. S. 10.4 Die Zahlungsbilanz 487 bewertet, d. h. mit dem Wert, den die Waren an der Zollgrenze des exportierenden Landes besitzen. Die Wegekosten für Transport, Versicherung etc. werden unabhängig vom Warenwert in der Dienstleistungsbilanz ausgewiesen. Nur wenn tatsächlich alle Warenströme zu fob-Werten in der Zahlungsbilanz erscheinen, sind die Außenhandelszahlen verschiedener Länder miteinander vergleichbar. Tatsächlich wird die fob-Bewertung aber zuverlässig nur für die Exporte angewandt. Importe werden wegen der Schwierigkeit der Datenbeschaffung (zumindest vorläufig) oft zu „cif“-Werten („cost, insurance, freight“) in der Zahlungsbilanz erfasst. Kommt es in der Handelsbilanz zu einem Exportüberschuss, so spricht man von einer positiven oder aktiven Handelsbilanz. Dienstleistungsbilanz In der Dienstleistungsbilanz werden eine Vielzahl sehr heterogener Leistungen erfasst, z. B. Transport- und Versicherungsleistungen, der Handel mit Lizenzen und Patenten, Leistungen der Tourismusbranche sowie Leistungen für die in Deutschland stationierten ausländischen Truppen. Auch hier stehen Exporte auf der linken, Importe auf der rechten Seite des Kontos. Einnahmen aus der Beherbergung ausländischer Touristen sind zum Beispiel Dienstleistungsexporte, da die Leistungen von Inländern an Ausländer verkauft werden. Der Ort der Leistungserbringung spielt dabei keine Rolle. Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen Grenzüberschreitende Faktoreinkommen hingegen, also Gewinne, Zinsen und Einkommen aus unselbständiger Arbeit von Pendlern, werden getrennt in der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen erfasst. Zufließende Faktoreinkommen, also z. B. das Arbeitsentgelt, das ein deutscher Pendler mit Wohnsitz in Baden Baden und einem Arbeitsplatz in Strasbourg/Frankreich erhält, erscheint auf der linken Seite dieser Teilbilanz. Der Pendler „exportiert“ nämlich eine spezielle Dienstleistung, eben seine Arbeitsleistung, denn er stellt sie einem Ausländer zur Verfügung. Umgekehrt sind Gewinnanteile oder Dividenden, die an ausländische Kapitaleigner gezahlt werden, Importe von Faktorleistungen, denn zugrunde liegt ein Kapitalnutzungsrecht, das ein Ausländer einem Inländer eingeräumt hat. Bilanz der laufenden Übertragungen Die Bilanz der laufenden Übertragungen schließlich dient der Erfassung aller Gegenbuchungen zu einseitigen grenzüberschreitenden Strömen, d. h. zu Güter- und Forderungsbewegungen, denen keine direkte ökonomische Gegenleistung gegenüber steht. Hierzu gehört natürlich Entwicklungs-80 und Militärhilfe, Überweisungen von Gastarbeitern an ihre Familien, Beitragszahlungen an die EU oder andere internationale Organisationen u.v.m. Die fremden Leistungen, d. h. empfangene Zahlungen, werden auf der linken, eigene, d. h. geleistete Zahlungen, auf der rechten Kontoseite verbucht. 80 Allerdings nur, sofern diese nicht als Vermögensübertragungen eingestuft werden: „Maßgeblich für die Klassifizierung der Transaktionen ist, ob die Transfers die Vermögensposition der beteiligten Länder verändern.“: Deutsche Bundesbank (1999b), S. 51. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen488 Leistungsbilanzsalden Die vier Teilbilanzen der Leistungsbilanz wie auch die Leistungsbilanz als Ganze weisen charakteristische Salden auf, die jeweils ihre eigene ökonomische Bedeutung haben. Fasst man die Handels- und Dienstleistungsbilanz zusammen, so erhält man die sog. Leistungsbilanz im engsten Sinne. Ihr Saldo ist der Außenbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt. Nimmt man die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen hinzu, so berücksichtigt der entstehende Saldo zusätzlich die Einkommensdifferenz zwischen In- und Ausländern. Man erhält daher den Außenbeitrag zum Bruttonationaleinkommen (= Inländereinkommen). Der gesamte Leistungsbilanzsaldo schließlich repräsentiert die Differenz aus gesamtwirtschaftlicher Ersparnis und der Nettoinvestition eines Landes. Bilanz der Vermögensübertragungen Die Bilanz der Vermögensübertragungen gehört nicht mehr zur Leistungsbilanz. In ihr werden alle Übertragungen verbucht, die einmalig sind und Auswirkung auf die Vermögensposition der beteiligten Länder haben. Dies sind zum Beispiel Schuldenerlasse oder Infrastrukturleistungen an Entwicklungsländer, Erbschaften oder Schenkungen sowie Vermögensmitnahmen von Aus- und Einwanderern. Finanzierungssaldo Leistungsbilanz und Bilanz der Vermögensübertragungen zusammen repräsentieren alle leistungsbezogenen Transaktionen einer Volkswirtschaft. Den Saldo dieser ersten fünf Teilbilanzen bezeichnet man als Finanzierungssaldo einer Volkswirtschaft. Ist dieser Saldo positiv, so bedeutet das, dass die Volkswirtschaft im abgelaufenen Jahr eine Zunahme ihrer Nettoauslandsforderungen zu verzeichnen hatte. Man nennt das auch eine Erhöhung der Netto-Auslandsposition oder eine Erhöhung des Netto-Auslandsvermögens des betreffenden Landes. Kapitalbilanz Der untere Teil der Zahlungsbilanz kann unter dem Begriff Kapitalbilanz zusammengefasst werden. Hier werden sämtliche Finanztransaktionen zwischen In- und Ausländern sowie Devisentransaktionen der Zentralbank erfasst. Im Zuge der Revision der Grundsätze zur Zahlungsbilanzerstellung wurde die bis dato übliche Unterscheidung in kurz- und langfristige Kapitalbilanz durch eine differenziertere funktionale Gliederung ersetzt. Unterschieden werden derzeit • Direktinvestitionen • Wertpapiere • Finanzderivate • Kreditverkehr • Sonstige Kapitalanlagen. Es werden also Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen In- und Ausländern in jeder Form erfasst, unabhängig davon, ob bzw. in welcher Form diese Forderungen verbrieft sind oder nicht. Entsprechend umfassen die Verbindlichkeiten jeden Anspruch von Ausländern auf das Vermögen des Inlands. In diesem Sinne sind zum Beispiel Euro-Guthaben, die von Ausländern gehalten werden, als Verbindlichkeit des Euro-Gebietes zu werten. Repräsentieren sie doch einen Anspruch des ausländischen Kontoinhabers auf einen entsprechen- 10.4 Die Zahlungsbilanz 489 den Anteil am Sozialprodukt des Euro-Raumes. Umgekehrt gelten Dollar-Guthaben eines deutschen Kontoinhabers als Forderung gegenüber den USA. Bilanz der Direktinvestitionen Auf der Bilanz der Direktinvestitionen sollen diejenigen Kapitalflüsse zusammengefasst werden, denen ein besonderes unternehmerisches Engagement zugrunde liegt. Direktinvestitionen sind nach der Definition der Deutschen Bundesbank grenzüberschreitende Kapitalanlagen, die vom Investor in der Absicht durchgeführt werden, einen unmittelbaren Einfluss auf die Geschäftstätigkeit des Kapital nehmenden Unternehmens zu gewinnen oder einem Unternehmen, an dem der Investor bereits maßgeblich beteiligt ist, neue Mittel zuzuführen81. Praktisch werden in dieser Teilbilanz Unternehmensbeteiligungen (in Form von Aktien oder anderen Beteiligungsarten), sofern diese 10 % des Kapitals oder der Stimmrechte übersteigen82, langfristige Darlehen verbundener Unternehmen oder der grenzüberschreitende Erwerb von Immobilien zusammengefasst. Inländische Anlagen im Ausland stellen eine Erhöhung der Forderungen gegenüber dem Ausland dar (Kapitalexport), bedingen also einen Zahlungsabfluss und werden daher auf der rechten Seite der Kapitalbilanz verbucht. Ausländische Anlagen im Inland gelten dementsprechend als Erhöhung der Verbindlichkeiten (Kapitalimport) und erscheinen im Konto links. Bilanz der Wertpapiere und Derivate Analog dazu wird die Bilanz der Wertpapiere und Derivate erstellt. Derivate werden erst seit 1998 in einer eigenen Teilbilanz ausgewiesen; vorher wurden sie mit den Wertpapieren auf einer Teilbilanz zusammengefasst83. Wertpapiere sind verbriefte Forderungen (einschl. Aktien); ihr Erwerb wird aber nur dann auf dieser Teilbilanz erfasst, wenn er weniger als 10 % des Kapitals oder der Stimmrechte eines Unternehmens ausmacht. Andernfalls gilt der Beteiligungserwerb als Direktinvestition. Ziel ist es, den Erwerb von Beteiligungen, die nur zum Zweck der Finanzanlage getätigt werden, von solchen Beteiligungskäufen zu trennen, die ausdrücklich unternehmerischen Zwecken dienen. Die 10 %-Marke ist hierbei sicherlich nicht trennscharf, jedoch zumindest ein ungefährer Anhaltspunkt für die Klassifizierung des Kapitalflusses. Der Erwerb von Wertpapieren stellt wiederum eine Zunahme von Auslandsforderungen dar und erscheint daher als Kapitalexport auf der rechten Seite der Bilanz; der Verkauf von inländischen Wertpapieren an Ausländer steht als Kapitalimport auf der linken Seite. Bilanz des Kreditverkehrs Die Bilanz des Kreditverkehrs fasst alle Änderungen der Kreditbeziehungen zwischen In- und Ausländern zusammen. Sie wird durch eine Bilanz der sonstigen Kapitalanlagen als Restbilanz ergänzt. Die Kreditbeziehungen werden in der Zahlungsbilanz sowohl nach Fristigkeit (wie früher die gesamte Kapitalbilanz) wie auch nach den beteiligten Institutionen unterteilt. Unterschieden werden dabei insbesondere Kreditinstitute, private Nicht- Banken (also Unternehmen und Haushalte), Staat und Zentralbank, in Deutschland also die Deutsche Bundesbank. Allerdings erscheinen auf diesem Teilkonto nur die Änderungen 81 Vgl. Deutsche Bundesbank (1965), S. 19. 82 Vgl. Deutsche Bundesbank (1999b), S. 59. Grundsätzliches zur Frage der Erfassung von Direktinvestitionen in der Zahlungsbilanz vgl. auch Deutsche Bundesbank (1997b). 83 Vgl. Deutsche Bundesbank (1999b), S. 57. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen490 in Kreditbeziehungen zwischen der Bundesbank und anderen Teilnehmerländern des Euro-Währungssystems: Änderungen von Forderungen und Verbindlichkeiten in anderen Währungen werden hingegen in der Devisenbilanz erfasst. Bis zu dieser Teilbilanz wurden gewissermaßen alle marktwirtschaftlich motivierten Transaktionen erfasst. Manchmal wird die Gesamtheit dieser Teilbilanzen insgesamt als „Zahlungsbilanz“ oder auch als „Gesamtbilanz“ bezeichnet. Wenn sich nämlich in der Gesamtheit der Leistungs- und Kapitalbilanz i. e. S. ein Saldo, der sog. „Zahlungsbilanzsaldo“ ergibt, bedeutet das, dass die Zentralbank korrigierend durch den Einsatz ihrer Währungsreserven eingegriffen und somit den marktmäßig entstandenen Kurs der Währung nach oben oder unten korrigiert haben muss. Devisenbilanz Um einen deutlichen Ausweis der währungspolitisch bedeutsamen Transaktionen der Notenbank zu erhalten, wird daher in der Devisenbilanz die Veränderung der Währungsreserven der Zentralbank getrennt von allen anderen grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen dargestellt. Ein Saldo auf dieser Teilbilanz bedeutet, dass sich der Bestand an Währungsreserven bzw. die sog. Netto-Auslandsposition der Zentralbank geändert hat. Seit Beginn der europäischen Währungsunion zählen in der deutschen Zahlungsbilanz dazu nur noch „liquide Fremdwährungsforderungen der Bundesbank gegenüber Ansässigen außerhalb des Euro-Währungsgebietes“84 sowie Goldreserven und die IWF-Position (v. a. Sonderziehungsrechte). Aus der Devisenbilanz ergibt sich also nicht mehr wie früher die Veränderung aller Auslandsforderungen und -verbindlichkeiten der Bundesbank, sondern nur noch der Währungsreserven im engeren Sinne. Die Veränderungen aller übrigen Auslandsaktiva und -passiva werden auf der Kapitalbilanz unter den entsprechenden Instrumenten (beim Kreditverkehr in einer eigenen Unterbilanz) ausgewiesen. Die Devisenbilanz erfasst nur transaktionsbedingte, nicht jedoch bewertungsbedingte Veränderungen der Währungsreserven. Seit dem 1.1.1999 werden alle Währungsreserven einheitlich zum Marktwert bewertet85. Bewegungen auf der Devisenbilanz sind somit ein Indikator dafür, dass sich die Notenbank auf den internationalen Devisenmärkten (mit entsprechenden Konsequenzen für die jeweiligen Wechselkurse) engagiert hat. Kauft die Notenbank Devisen von Ausländern, so nehmen ihre Währungsreserven zu, was auf der rechten Seite der Devisenbilanz verbucht wird. Andererseits bezahlt die Notenbank diese Devisenkäufe mit eigener Währung, so dass auch die Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland zunehmen. Die Gegenbuchung zur Zunahme der Währungsreserven findet somit auf der linken Seite der Kapitalbilanz (Kapitalimport) statt und zwar auch dann, wenn die Notenbank die Devisen von inländischen Geschäftsbanken erwirbt86. Der Abbau von Währungsreserven schlägt sich analog dazu auf der linken Seite der Devisenbilanz nieder, die Gegenbuchung auf der Passivseite der Kapitalbilanz (Rückkauf eigener Währung von Ausländern gegen Devisen entspricht der Abnahme von Auslandsverbindlichkeiten). Da die Devisenbilanz alle übrigen Teilbilanzen der Zahlungsbilanz ergänzt, entspricht ihr Saldo genau dem übrigen Zahlungsbilanzsaldo mit umgekehrten Vorzeichen. Um den Net- 84 Deutsche Bundesbank (1999b), S. 57. 85 Zuvor wurde das Niedrigstwertprinzip angewandt. Dies bescherte der Bundesbank bereits in der Eröffnungsbilanz einen Buchgewinn von 25,3 Mrd. Euro! 86 Dies liegt daran (wie bereits weiter oben geschildert), dass in diesem Fall die Forderungen der Geschäftsbanken gegenüber Ausländern abnehmen. 10.4 Die Zahlungsbilanz 491 toeffekt aller marktwirtschaftlich bedingten grenzüberschreitenden Transaktionen auf den Wechselkurs und das außenwirtschaftlichen Gleichgewicht zu ermitteln, ist also ein Blick auf den Saldo der Devisenbilanz ausreichend. Der Devisenbilanzsaldo wird so zu einem wichtigen außenwirtschaftspolitischen Indikator. Restposten Unter Einschluss der Devisenbilanz müsste jede Zahlungsbilanz aufgrund des Prinzips der vertikalen Doppelbuchung formal ausgeglichen sein. Allerdings ergeben sich in jeder Zahlungsbilanz aufgrund des hohen Komplexitätsgrades und Umfangs der grenzüberschreitenden Transaktionen rechnerische Abweichungen zwischen beiden Seiten. Diese werden, um einen tatsächlichen Ausgleich der Zahlungsbilanz zu erreichen, im sog. Restposten bzw. „Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen“ zusammengefasst. Zahlreiche Gründe können für Abweichungen zwischen Buchung und Gegenbuchung verantwortlich sein. Allein aufgrund der Tatsache, dass für die Erfassung der Leistungs- und Finanzierungsströme unterschiedliche Institutionen, in Deutschland, nämlich das Statistische Bundesamt einerseits und die Deutsche Bundesbank andererseits, verantwortlich sind, sind Abweichungen in der Zuordnung der Ströme wahrscheinlich. Zwar sind alle Exporteure und Importeure im Rahmen der Außenhandelsstatistik verpflichtet, Meldungen über ihre Warenein- und ausfuhren beim Statistischen Bundesamt zu machen. Jedoch enthalten diese Meldungen keine Angaben über die damit einhergehenden Änderungen ihrer internationalen Kreditbeziehungen. Zwar melden auch die Geschäftsbanken, die die Finanzierung der Leistungstransaktionen abwickeln, die Änderungen ihrer Auslandspositionen an die Deutsche Bundesbank, jedoch ebenfalls ohne den Zusammenhang zum zugrunde liegenden Warengeschäft herzustellen. So können allein schon Abweichungen in der Fristigkeit der beiden Transaktionsteile zu statistischen Diskrepanzen führen. Dies gilt umso mehr, wenn bei der Finanztransaktion womöglich gar keine Bank unmittelbar beteiligt ist (z. B. Einräumen eines Lieferantenkredits, was zu einem stark verzögerten Zahlungsfluss führt). Weitere Fehlerquellen sind die bestehenden Meldefreigrenzen, fehlerhafte Meldungen, Verwendung unterschiedlicher Wechselkurse oder auch illegale Geschäfte („Koffergeschäfte“), die ganz bewusst der Statistik nicht gemeldet werden. All diese statistischen Unzulänglichkeiten kompensieren sich teilweise. Aus dem resultierenden Restposten, also der Nettoabweichung, kann man daher nicht auf die zugrunde liegenden Bruttofehler schließen. Übung 10-4: Buchungsbeispiele für Zahlungsbilanztransaktionen a) Warenexport gegen Bezahlung durch Überweisung Ein inländischer Automobilhersteller liefert einen LKW im Wert von 100.000 US$ an seinen amerikanischen Kunden. Dieser bezahlt durch eine Überweisung des Dollarbetrages auf das Devisenkonto des Automobilherstellers auf einer inländischen Geschäftsbank. b) Kauf von ausländischen Wertpapieren gegen Dollarguthaben Der LKW-Exporteur möchte aufgrund einer hohen positiven Zinsdifferenz zum Inland amerikanische Wertpapiere erwerben und verwendet dafür seine im LKW-Geschäft verdienten US-Dollars, die er an den Verkäufer der Papiere, eine amerikanische Geschäftsbank, überweist. c) Umtausch des Dollarguthabens gegen Euro Der LKW-Exporteur beabsichtigt keine Wiederanlage der Dollar in den USA, sondern benötigt den Geldbetrag in inländischer Währung zur Bezahlung seiner Mitarbeiter und Lieferanten. Daher tauscht er den Dollarbetrag in inländische Währung bei seiner Geschäftsbank um. Diese verkauft die Devisen an die Deutsche Bundesbank weiter. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen492 d) Import von Vorleistung gegen Stundung, später Erlass der Zahlung Der LKW-Hersteller bezieht Motorkomponenten von einem japanischen Lieferanten. Der Rechnungsbetrag hat ein Zahlungsziel von 3 Monaten, d. h. der LKW-Hersteller erhält einen Lieferantenkredit. Nach Ablauf dieser Zeitspanne stellt sich heraus, dass der LKW-Hersteller in großen Zahlungsschwierigkeiten steckt. Nach längeren Verhandlungen entschließt sich der japanische Zulieferer, auf die Bezahlung der letzten Rechnung gänzlich zu verzichten, um einen Konkurs und damit den vollständigen Verlust seines bislang sehr guten Kunden zu verhindern. e) Entwicklungshilfe für Tansania Die Bundesrepublik Deutschland spendet einen Computer-Tomographen für das Muhimbili- Krankenhaus in Dar es-Salaam. Lösung: a) Der Export des LKW wird auf der linken Seite der Handelsbilanz verbucht, denn aus Sicht des Auslands führt dieser Kauf zu einem Zahlungsabfluss. Die Überweisung des Dollar- Betrages wird als Zunahme kurzfristiger Forderungen interpretiert und erscheint daher rechts der Kreditbilanz. b) Der Erwerb der Wertpapiere schlägt sich auf der rechten Seite der Wertpapierbilanz nieder, denn der Bestand an ausländischen Wertpapieren im Inland hat zugenommen. Die abfließenden Dollarguthaben verringern hingegen die Kreditforderungen gegenüber dem Ausland, so dass diese Seite der Kreditbilanz um denselben Betrag abnimmt. Man spricht hier von einem Passivtausch. c) Der Umtausch der Devisen bei der Geschäftsbank tangiert die Zahlungsbilanz zunächst nicht, da sowohl der Exporteur als auch die Geschäftsbank Gebietsansässige und damit Inländer sind. Wenn die Dollars jedoch an die Deutsche Bundesbank verkauft werden (wobei diese im gegenwärtigen Währungssystem keine Annahmeverpflichtung hat!), ändert sich deren Bestand an Währungsreserven. In diesem Fall nimmt die Kreditbilanz auf der rechten Seite um den getauschten Dollarbetrag ab und die Devisenbilanz ebenfalls auf der rechten Seite im gleichen Umfang zu. Auch hier entsteht also ein Passivtausch. d) Der Bezug der Motorkomponenten stellt einen Warenimport dar und wird auf der rechten Seite der Handelsbilanz verbucht. Da der inländische Hersteller mit dem Lieferantenkredit gleichzeitig eine Verbindlichkeit gegenüber dem Ausland eingeht, erfolgt die Gegenbuchung auf der linken Seite der Kreditbilanz. In dem Moment, in dem der Lieferant auf die Rückzahlung verzichtet, erlischt die Verbindlichkeit, d. h. die linke Seite der Kreditbilanz verkürzt sich. Da es sich dabei um eine Schenkung, d. h. um einen einseitigen Schuldenerlass, handelt, erscheint die Gegenbuchung auf der Übertragungsbilanz ebenfalls im Soll, also links. In diesem Fall liegt somit ein Aktivtausch vor. e) Die Lieferung des Computer-Tomographen wird als Warenexport auf der linken Seite der Handelsbilanz verbucht. Da keine Gegenleistung erfolgt, handelt sich um eine einseitige Vermögensübertragung, die auf der rechten Seite der Vermögensübertragungsbilanz erscheint. 10.4.3 Fallstudie: Die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland Die Bundesrepublik Deutschland ist die größte Volkswirtschaft innerhalb des Euro-Raumes und die viertgrößte der Welt. Deutschlands außenwirtschaftliche Aktivitäten prägen somit den Währungsraum des Euro entscheidend mit. Zwischen den Zahlungsbilanzen des Euro-Währungsgebietes und Deutschlands bestehen jedoch signifikante Unterschiede. Wie aus Tabelle 10-4 hervorgeht, weisen beide Zahlungsbilanzen bei den entscheidenden Leistungs- und Kapitalbilanzsalden ein entgegen gesetztes Vorzeichen auf. 10.4 Die Zahlungsbilanz 493 Tabelle 10-4: Wichtige Positionen der Zahlungsbilanz Deutschlands und des Euro-Raums (in Mio. €) 201287 Deutschland Euro-Raum Leistungsbilanz + 185.619 + 122.437 Warenhandel + 188.255 + 98.206 Dienstleistungen - 2.873 + 92.225 Erwerbs- und Vermögenseinkommen + 64.373 + 38.454 Laufende Übertragungen - 36.822 - 107.194 Vermögensübertragungen + 40 + 15.054 Kapitalbilanz - 233.829 - 146.807 Direktinvestitionen - 52.088 - 64.081 Wertpapieranlagen - 107.955 + 90.398 Finanzderivate - 17.885 + 17.796 Übriger Kapitalverkehr - 176.548 - 176.771 Veränderung der Währungsreserven zu Transaktionswerten - 1.297 - 14.150 Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen + 48.170 + 9.317 87 Die deutsche Wirtschaft war praktisch seit der Zeit der Industrialisierung sehr exportstark. Gerade in den letzten Jahren wurde Deutschland immer wieder als „Exportweltmeister“ gepriesen. Inzwischen hat China Deutschland auch in dieser Hinsicht überholt: Mit einem Gesamtexportvolumen von 1.898 Mrd. US-Dollar stand China im Jahr 2011 auf Platz 1 der Liste der exportstärksten Länder, gefolgt von den USA mit 1.480 Mrd. Dollar und Deutschland mit 1.472 Mrd. Dollar88. Japan folgt erst mit großem Abstand (823 Mrd. Dollar) auf Platz 4. Da die Volkswirtschaften der USA und Japans jedoch gemessen am Bruttoinlandsprodukt um ein Vielfaches größer sind als Deutschland ergeben sich hieraus sehr unterschiedliche Verflechtungsgrade der nationalen Volkswirtschaften mit der Weltwirtschaft und damit auch eine sehr unterschiedliche Abhängigkeit nicht zuletzt der Arbeitsplätze vom Außenhandel. Ein wichtiges Maß dafür ist die Exportquote, also das Verhältnis zwischen den Exporten und dem Bruttoinlandsprodukt. Typischerweise ist diese bei kleinen Volkswirtschaften signifikant höher als bei großen. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland nach den USA, Japan und China die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, fällt die ausgewiesene Exportquote von 50 % besonders auf. In vielen Industriebranchen wird sie sogar noch weit übertroffen. So liegt die direkte Export- 87 Quelle: Deutsche Bundesbank (2013), S. 68 ff. 88 Datenquelle: WTO, International Trade Statistics 2012, www.wto.org ; diese Zahlen beziehen sich nur auf den Export von Gütern. Nimmt man den Dienstleistungsexport hinzu, so führt China nur noch sehr knapp mit 2.080 Mrd. Dollar, gefolgt von den USA mit 2.061 und Deutschland mit 1.725 Mrd. Dollar. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen494 abhängigkeit des deutschen Maschinenbaus bei ca. 80 %, der Automobilindustrie und der Chemiebranche nur wenig tiefer bei ca. 75 %89 – Tendenz steigend. Rechnet man diejenigen Lieferungen hinzu, die als Vorleistungen an andere deutsche Unternehmen gehen, dort aber in Exportprodukte einfließen (indirekte Exportabhängigkeit) so steigen diese Prozentsätze zum Teil nochmals signifikant an. Der internationale Vergleich mit den anderen großen Industriestaaten zeigt somit, dass Deutschland in sehr viel größerem Umfang von den Schwankungen der Weltwirtschaft getroffen werden kann, als die verhältnismäßig autarken Wirtschaften der USA, Japans oder auch Chinas.90 Angesichts dieser Tatsache mag es zunächst verwundern, dass die enorme Wertsteigerung des Euro gegenüber dem Dollar, der ab dem Jahr 2002 die deutschen Exporte für ausländische Kunden ständig verteuert hat, dem Exportboom offenbar nichts anhaben konnte. 89 Quelle: VDMA, VDA, VCI. 90 Quelle: Exportwerte: WTO, International Trade Statistics 2012, www.wto.org. Exportquoten: Worldbank (2013); Export von Waren und Dienstleistungen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (nominal in US-$ auf Wechselkursbasis). Abbildung 10-41: Die weltgrößten Exporteure 2011: Warenexporte (in Mrd. €) und Exportquoten (in %)90 0 200 400 600 800 1.000 1.200 1.400 1.600 1.800 2.000 31 14 50 15 83 27 56 29 30 84 32 225 83 Legende: Absolutwert der Warenexporte Exportquote in % 10.4 Die Zahlungsbilanz 495 Ein wesentlicher Grund dafür besteht darin, dass ein immer geringer werdender Teil der deutschen Exportgüter auch tatsächlich in Deutschland, d. h. mit deutschen Arbeits- und Standortkosten gefertigt wird.91 Die wichtigsten Ausfuhrgüter Deutschlands sind Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile, Maschinen, Erzeugnisse der chemischen Industrie sowie EDV-Geräte. Diese vier Warengruppen dominieren – wenn auch in anderer Reihenfolge – ebenso die Importe92, ein Indiz dafür, dass sich Deutschland tatsächlich auf dem Weg in eine „Basarökonomie“ befindet, in der ein immer kleiner werdender Teil der Wertschöpfung tatsächlich im eigenen Land stattfindet. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Porsche Cayenne, „der scheinbar in Leipzig produziert wird, bei dem aber in Wahrheit 88 % des Wertes bereits in dem vorgefertigten Auto stecken, das Porsche von seinem Werk in Bratislava anliefern lässt. … Wenn der Cayenne nach Amerika exportiert wird, steht er zu 100 % in der deutschen Exportstatistik, obwohl nur 12 % der Wertschöpfung in Form von Gewinnen, Löhnen, anderen Einkommen 91 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a), Außenhandel 2012. 92 Mit Ausnahme von Erdöl und Erdgas, das bei den Importen Position 1, bei den Exporten aber nur Position 18 einnimmt. Kraftwagen und -teile Maschinen Chemische Erzeugnisse DV-Geräte, elektr./opt. Erzeugnisse Sonstige Waren Elektrische Ausrüstungen Metalle Pharmazeutische Erzeugnisse Sonstige Fahrzeuge Nahrungsmittel und Futtermittel Gummi- und Kunststoffwaren Metallerzeugnisse Papier, Pappe und Waren daraus Kokereierzeugnisse, Mineralölerz. Bekleidung Glas, Keramik, bearb. Steine, Erden Textilien Erdöl und Erdgas Erzeugnisse der Lanwirtschaft und Jagd Möbel Holz- und Flechtwaren ohne Möbel Leder und Lederwaren Getränke Tabakerzeugnisse Energieversorgung Steine, Erden, Bergbauerzeugnisse Forstwirtschaftliche Erzeugnisse Fische und Fischereierzeugnisse Erze Kohle 190.544 164.758 104.877 86.413 74.085 66.046 58.196 55.758 51.258 46.080 38.277 37.397 18.998 15.728 13.657 12.941 10.410 9.016 8.824 8.578 5.893 5.114 4.831 3.774 3.671 1.353 345 227 162 135 81.539 69.083 72.163 88.478 75.459 43.659 55.410 38.438 34.492 39.316 25.334 23.875 14.278 29.867 25.861 8.676 9.747 97.220 27.466 9.686 5.367 9.601 5.254 1.038 2.302 1.533 650 476 8.246 4.575 Einfuhren Ausfuhren Abbildung 10-42: Ein- und Ausfuhren Deutschlands nach Warengruppen 2012 (in Mio. €)91 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen496 und Deckungsbeiträgen für Abschreibungen in Leipzig anfielen. Der Export ist in diesem Beispiel mehr als achtmal so groß wie die Wertschöpfung für den Export.“9394 Ein weiterer Grund für die Robustheit der Exportentwicklung liegt jedoch vor allem darin, dass die wichtigsten Kunden für deutsche Exportgüter nicht im Dollar-Raum, sondern in Europa sitzen. Knapp zwei Drittel aller deutschen Exporte wurden im Jahr 2012 in andere europäische Länder verkauft und zwar überwiegend in andere Euro-Länder, allen voran nach Frankreich. Unter den 20 größten Außenhandelspartnern Deutschlands sind neben den USA nur noch 6 weitere nicht-europäische Länder, nämlich China, Russland, die Türkei, Japan, Brasilien und Südkorea. Einzelne Unternehmen jedoch, die ihre Wertschöpfung zwar überwiegend im Euro-Raum erzeugen, wesentliche Teile ihrer Umsätze jedoch im Dollarraum abwickeln, wie z. B. Airbus Industries, wurden durch den starken Verfall des Dollar gegenüber dem Euro schwer getroffen: Die Kosten fallen in der starken Währung, die Umsätze jedoch in der schwachen Währung an, so dass ein erheblicher Sparzwang entsteht. Der hohe Grad an wirtschaftlicher Verflechtung zwischen den europäischen Ländern macht deutlich, dass die Einführung einer europäischen Währung und damit die Beseitigung sowohl der Währungsrisiken wie auch hoher Transaktionskosten des Außenhandels für Europa ein wichtiger und notwendiger Schritt zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den beiden anderen großen Zentren der Weltwirtschaft USA und Japan, welche beide über riesige Binnenmärkte verfügen, war. Mit der Einführung des Euro im Jahr 1999 entstand in Europa mit ca. 6.000 Mrd. € Bruttoinlandsprodukt und ca. 300 Millionen Verbrauchern95 ein Binnenmarkt, der endlich ein adäquates Gegengewicht zu den Wirtschaften der USA und Japans darstellte. 93 Sinn, H.W.: „Basarökonomie Deutschland – Exportweltmeister oder Schlusslicht?“, Ifo-Schnelldienst 6/2005. 94 Quelle: Statistisches Bundesamt (2013a), Außenhandel 2012. 95 Quelle: Eurostat, Euro umgerechnet zu KKP gerundet. Ausfuhren nachEinfuhren aus Frankreich USA Großbritannien Niederlande China Österreich Italien Schweiz Belgien Polen Russland Tschechien Spanien Schweden Türkei Japan Ungarn Dänemark Südkorea Brasilien 104.367 86.831 72.930 70.895 66.629 57.535 55.863 48.830 44.399 42.213 38.055 31.563 31.181 21.172 20.069 17.101 16.355 15.039 13.373 11.688 64.614 50.604 43.642 86.519 77.698 36.984 48.848 37.686 38.246 33.470 42.477 33.033 22.866 13.905 12.031 21.814 18.623 11.567 8.403 10.635 Abbildung 10-43: Deutschlands wichtigsten Außenhandelspartner 2012 (in Mio. €)94 10.4 Die Zahlungsbilanz 497 Der Exportstärke im deutschen Warenhandel steht ein negativer (= passiver) Saldo der Dienstleistungsbilanz gegenüber. Ein wichtiger Grund dafür ist die Reiselust der Deutschen: Sie waren in den letzten Jahren nämlich nicht nur Export-, sondern auch Reiseweltmeister. Die deutsche Dienstleistungsbilanz wies aber nicht nur im Jahr 2012 einen Passivsaldo auf; vielmehr folgte sie seit Jahrzehnten einem negativen Trend.96 Mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung stürzte der Dienstleistungsbilanzsaldo deutlich nach unten. Grund ist ein sprunghafter Anstieg des Reiseverkehrs der Einwohner der neuen Bundesländer, die nach 45 Jahren Fremdbestimmung die neu gewonnene Reisefreiheit gründlich nutzten. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 hingegen nahm die Reiselust der Europäer (insbesondere bei Flugreisen) und damit auch der Deutschen ab. Dennoch bleibt der Saldo auch im Jahr 2012 noch insgesamt negativ.97 96 Quelle: Deutsche Bundesbank, Zeitreihendatenbank, Stand: Oktober 2013. 97 Quelle: Deutsche Bundesbank, Zeitreihendatenbank, Stand: Oktober 2013. Abbildung 10-44: Saldo der deutschen Dienstleistungsbilanz 1981 bis 2012 (in Mio. €)96 -60.000 -50.000 -40.000 -30.000 -20.000 -10.000 0 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 Anschlag auf das World Trade Center Deutsche Wiedervereinigung Abbildung 10-45: Saldo der deutschen Erwerbs- und Vermögenseinkommen, 1981 bis 2012 (in Mio. €)97 -30.000 -20.000 -10.000 0 10.000 20.000 30.000 40.000 50.000 60.000 70.000 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen498 Der Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen zeigte im gleichen Zeitraum ein sehr heterogenes Bild. Neben den grenzüberschreitenden Pendlereinkommen sind in diesem Saldo vor allem die Zinserträge enthalten, die inländischen Investoren aus ihren ausländischen Kapitalanlagen zufließen. Diese gelten als Entgelte für exportierte (dem Ausland zur Verfügung gestellte) Faktorleistungen des Kapitals; das bedeutet, dass solchen Zinszuflüssen in der Vergangenheit Direktinvestitionen Deutscher im Ausland (also entsprechende Kapitalexporte) vorausgegangen sein müssen. Durch den gewaltigen Ressourcenbedarf für den „Aufbau Ost“ nach der deutschen Wiedervereinigung kehrten sich diese Kapitalströme jedoch um. Der Bestand an deutschem Auslandskapital schrumpfte zwischen den Jahren 1990 und 1997 auf 25 % seines ursprünglichen Wertes98, so dass in der Folge auch deutlich weniger Zinserträge aus Auslandsanlagen zu verzeichnen waren. Eine Trendwende dieser Entwicklung fand erst 2002 statt, was v. a. im Zusammenhang mit der verstärkten Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen in den osteuropäischen Nachbarstaaten zu sehen ist. Der Saldo der laufenden Übertragungen Deutschlands ist traditionsgemäß deutlich negativ. Wichtige Positionen dabei sind die Überweisungen der zahlreichen Gastarbeiter an ihre Familien in den Heimatländern, sowie v. a. die hohen, stets negativen Nettozahlungen Deutschlands an die EU. Insgesamt dominiert in der Leistungsbilanz also der hohe Exportüberschuss der Handelsbilanz, so dass im Jahr 2012 ein deutlich positiver Leistungsbilanzsaldo von 185.619 Mio. € resultiert. Dem steht ein Kapitalbilanzdefizit – also ebenfalls ein Exportüberschuss, in diesem Fall von Kapital – gegenüber. Deutschland ist somit ein wichtiger internationaler Kapitalgeber. Das war in der jüngeren Vergangenheit nicht immer so.99 Wieder zeigt sich hier der gravierende Einfluss der Wiedervereinigung: Deutschland mutierte in den 10 Jahren der gewaltigen Aufbauanstrengungen in Ostdeutschland von einem internationalen Nettokapitalgeber zu einem Netto-Kapitalnehmer, d. h. von einem Netto- 98 Vgl. Deutsche Bundesbank (1997a), S. 56. 99 Quelle: Deutsche Bundesbank, Zeitreihendatenbank, Stand: Oktober 2013. Abbildung 10-46: Kapitalbilanzsaldo 1981 bis 2012 (in Mio. €)99 -250.000 -200.000 -150.000 -100.000 -50.000 0 50.000 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 10.4 Die Zahlungsbilanz 499 Kapi talexporteur (negativer Kapitalbilanzsaldo) zu einem Netto-Kapitalimporteur (positiver Kapitalbilanzsaldo). Allerdings dürfte der Kapitalbilanzsaldo im Jahr 2012 angesichts des Leistungsbilanz- überschusses von +  185.619  Mio.  € und einem Saldo der Vermögensübertragungen von +40 Mio. € rein rechnerisch nur –185.659 Mio. € betragen. Tatsächlich beträgt er jedoch nur – 233.829 Mio. €. Die beträchtliche Differenz von 48.170 Mio. € füllt der Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen (Restposten), der in seiner Größenordnung – er erreichte in den Jahren zwischen 2003 und 2007 stets die Dimension von 25.000 bis 30.000 Mio. € – die Aussagekraft der übrigen Zahlungsbilanzpositionen natürlich beeinträchtigt. Eine typischerweise sehr schwer zu erfassende und abzugrenzende Zahlenreihe sind die Direktinvestitionsströme. Die Entwicklung der Direktinvestitionen von und nach Deutschland zeigt für die letzten gut 20 Jahre Abbildung 10-47.100 Die Abbildung  10-47 zeigt zum einen, dass die internationale Standortverflechtung der deutschen Wirtschaft während der letzten 20 Jahre gravierend gestiegen ist. Zum andern wird jedoch auch deutlich, dass kontinuierlich mehr deutsche Unternehmen im Ausland investieren als ausländische Unternehmen in Deutschland. Wie eine Analyse der Deutschen Bundesbank zeigt101, liegen die Gründe für deutsche Direktinvestitionen zwar nicht überwiegend in dem Wunsch, an ausländischen Standorten Kosten zu sparen; vielmehr dominieren die sog. horizontalen Direktinvestitionen, die vornehmlich dem Ziel der Markterschließung dienen. Insofern kann aus dem negativen Saldo zwischen zu- und abfließenden Direktinvestitionen nicht unmittelbar auf negative Beschäftigungseffekte geschlossen werden. Allerdings weist die Bundesbank ausdrücklich daraufhin, „dass manches Investitionsprojekt bei besseren Standortbedingungen auch im Inland realisiert werden könnte. Fortschritte bei der Anpassung der Rahmenbedingungen für Investitionen sind jedoch eine 100 Quelle: Deutsche Bundesbank, Zeitreihendatenbank, Stand: Oktober 2013. 101 Vgl. Deutsche Bundesbank (2006), S. 45 – 61. Abbildung 10-47: Direktinvestitionsbestände in und aus Deutschland, 1989 bis 2011, (in Mio. €)100 Deutsche Direktinvestitionen im Ausland Ausländische Direktinvestitionen in Deutschland 0 200.000 400.000 600.000 800.000 1.000.000 1.200.000 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen500 Grundvoraussetzung dafür. Dazu zählen unter anderem Reformen des Arbeits-, Tarif- und Steuerrechts sowie ein durchgreifender Bürokratieabbau.“102 102 Deutsche Bundesbank (2006), S. 61. 11 Makroökonomische Theorie Kapitelübersicht 11.1 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 11.2 Der Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 11.2.1 Die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 11.2.1.1 Der private Konsum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 11.2.1.1.1 Kurze Geschichte der Konsumtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509 11.2.1.1.2 Die absolute Einkommenshypothese. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511 11.2.1.1.3 Die Hypothese des permanenten Einkommens . . . . . . . . . . . . . . . 518 11.2.1.2 Die private Investition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520 11.2.1.2.1 Optimaler Kapitalstock und Kapitalstockanpassung . . . . . . . . . . 523 11.2.1.2.2 Die Zinsabhängigkeit der Investition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 526 11.2.1.2.3 Die Einkommensabhängigkeit der Investition . . . . . . . . . . . . . . . . 534 11.2.1.3 Die Nachfrage des Staates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541 11.2.1.4 Die Nachfrage des Auslandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542 11.2.2 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsunabhängiger Investition. . . . . . . . . . 543 11.2.2.1 Komparativ-statische Multiplikatoranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 546 11.2.2.2 Staatstätigkeit im Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 547 11.2.2.3 Das Ausland im Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554 11.2.3 Das Gütermarktgleichgewicht bei zinsabhängiger Investition . . . . . . . . . . . . 556 11.2.3.1 Das IS-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 556 11.2.3.2 Wirtschaftspolitische Implikationen des IS-Modells . . . . . . . . . . . . . . . . 560 11.3 Der Geldmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1 Geldarten und Geldgesamtheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1.1 Geldarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 11.3.1.2 Die Geldmenge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569 11.3.2 Das gesamtwirtschaftliche Geldangebot. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 570 11.3.2.1 Der Geldschöpfungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571 11.3.2.2 Grenzen der Geldschöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574 11.3.3 Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584 11.3.3.1 Grundbegriffe der Geldnachfragetheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585 11.3.3.2 Die Quantitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587 11.3.3.2.1 Die ältere Quantitätstheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587 11.3.3.2.2 Die Neoquantitätstheorie des Geldes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590 11.3.3.3 Die keynesianische Liquiditätspräferenz-Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 11.3.3.3.1 Das Transaktionsmotiv. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 595

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.