9 Makroökonomie als Wissenschaft in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 418 - 427

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_418

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Teil III: Makroökonomie und Wirtschaftspolitik Wir haben uns bisher mit der ökonomischen Handlungsweise einzelner Wirtschaftssubjekte auseinandergesetzt. Einsichten in die Beweggründe und Gesetzmäßigkeit des Handelns einzelner Haushalte oder Unternehmen sind natürlich die Grundlage dafür, Aussagen über gesamtwirtschaftliche Ereignisse treffen zu können. Insofern stellt die mikroökonomische Analyse die Basis für die Betrachtung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und damit auch für wirtschaftspolitische Empfehlungen dar. 9.1 Das Verhältnis zwischen Mikro- und Makroökonomie Allerdings wäre es falsch anzunehmen, dass eine gesamtwirtschaftliche Größe nichts anderes sei als die Summe ihrer Einzelteile, so dass sich die Makroökonomie auf Zusammenfassungen und Verallgemeinerungen mikroökonomischer Aussagen beschränken könnte. In der Ökonomie kann es vielmehr vorkommen, dass 2 + 2 = 5 oder auch nur = 3,75 ist. Wir haben dies bereits unter dem Begriff „Trugschluss der Verallgemeinerung“ kennen gelernt. Trugschluss der Verallgemeinerung: Ein Beispiel Ein Student der Wirtschaftswissenschaften sitzt im Theater. Aufgrund seiner stets deutlich spürbaren Budgetbeschränkung führte sein Nutzenmaximierungskalkül zu einem ziemlich ungünstigen Platz im hinteren Teil des Parketts mit eingeschränkter Sicht auf die Bühne. Da er aber in seiner Mikroökonomievorlesung bereits einiges über den nutzenmaximierenden homo oeconomicus gelernt hat, kommt ihm in den Sinn, seinen Kunstgenuss dadurch zu erhöhen, dass er von seinem Platz aufsteht, sich auf dem hochgeklappten Sitz niederlässt und somit das Geschehen auf der Bühne wesentlich besser verfolgen kann. Gesagt, getan. Leider ist unser Student jedoch von vielen anderen ebenfalls nutzenmaximierenden homines oeconomici umgeben, die alle auf dieselbe Idee kommen. Unterstellen wir bei 9 Makroökonomie als Wissenschaft Kapitelübersicht 9.1 Das Verhältnis zwischen Mikro- und Makroökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 9.2 Makroökonomische Fragestellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 9.3 Makroökonomische Theorie als Basis der Wirtschaftspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 9.4 Grundlegende makroökonomische Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 9.5 Ex post- und ex ante-Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 9.2 Makroökonomische Fragestellungen 411 allen Theaterbesuchern ein wirtschaftsfriedliches Verhalten (was also die Anwendung von Gewalt gegen die Verursacher von Sichtbehinderung ausschließt), so wird im Ergebnis der gesamte Theatersaal mit Ausnahme der ersten Reihe stehen. Das Nutzenniveau des Publikums in seiner Gesamtheit ist also gesunken, denn alle sehen so schlecht wie vorher auch, müssen aber zudem stehen. Merkmale gesamtwirtschaftlicher Aggregation Das Beispiel macht deutlich, dass ein Gesamtergebnis immer auch Interdependenzen zwischen den einzelnen Akteuren beinhaltet und abbildet. Außerdem gehen durch Zusammenfassungen (Aggregationen) einzelwirtschaftlicher Größen stets Detailinformationen verloren. Wenn der Wirtschaftspolitiker zum Beispiel den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt betrachtet, so hat er eine gedachte Zusammenfassung aller angebotenen und nachgefragten Arbeitsleistungen vor sich. Diese setzten sich aber natürlich aus einer Vielzahl nach Art und Funktionsweise unterschiedlicher Teilarbeitsmärkte (z. B. in qualifikatorischer oder regionaler Hinsicht) zusammen, deren Besonderheiten in der Aggregation nicht mehr sichtbar sind. Die Makroökonomie geht vielmehr von durchschnittlichen Strukturen bzw. Verhaltensweisen aus. Solange sich diese im Untersuchungszeitraum nicht grundlegend ändern, ist eine solche Verfahrensweise auch nicht schädlich – im Gegenteil: Erkenntnisobjekt ist ja in diesem Beispiel nicht die Heterogenität der vielen Teilarbeitsmärkte, sondern die Erklärung des gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsniveaus. In einer makroökonomischen Aggregation verschwinden also die Ursprungsgrößen, deren Erklärung das Ziel der mikroökonomischen Analyse ist. Betrachtet wird nur noch das Gesamtbild – der zugrundeliegende Erkenntnisgegenstand, nämlich die Volkswirtschaft, bleibt jedoch in Mikro- und Makroökonomie derselbe. Ebenso wie in der Malerei ein Gemälde dem Betrachter je nach dessen Abstand zur Leinwand völlig unterschiedliche Informationen enthüllt, so unterscheiden sich Mikro- und Makroökonomie lediglich bezüglich der Perspektive, aus der sie sich ihrem Untersuchungsgegenstand nähern. Hier wie dort werden Ursache-Wirkungszusammenhänge untersucht. 9.2 Makroökonomische Fragestellungen Im Zentrum makroökonomischer Beobachtungen und Erklärungsmodelle stehen das Volkseinkommen und die Beschäftigung. Ziel ist es, diese Größen prognostizieren zu können. Die Theorie des Volkseinkommens und der Beschäftigung ist das Kerngebiet der Makroökonomie. Dort werden zum Beispiel folgende Fragen gestellt und beantwortet: • Wie kommt die Höhe des Volkseinkommens und der Beschäftigung zustande? • Welche Rolle spielen dabei Preisniveau und Zinssatz? • Welche Interdependenz besteht zwischen diesen Größen? • Wie hoch sind die Gleichgewichtswerte? Allerdings geht es nicht nur darum, die Höhe von Volkseinkommen und Beschäftigung für einen bestimmten Zeitpunkt vorhersagen zu können. Vielmehr ist auch die Entwicklung dieser Größen in der Zeit von großem Interesse. Makroökonomische Theorie beschäftigt sich daher auch mit den für Volkswirtschaften typischen Wachstumsprozessen. Ein zweites wichtiges Teilgebiet der Makroökonomie, die Wachstumstheorie, fragt nach den Zeitpfaden der gesamtwirtschaftlichen Größen: 9 Makroökonomie als Wissenschaft412 • Welche Bedingungen führen zu einem gleichmäßigen und gleichgewichtigen Wachstum des Volkseinkommens? • Wie hoch ist die gleichgewichtige Wachstumsrate? • Was beschleunigt, was bremst die Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials? • Inwiefern hängt Beschäftigung von Wachstum ab? Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Problem der Stabilität wirtschaftlicher Vorgänge zu, denn gesamtwirtschaftliche Größen folgen in ihrer Entwicklung so gut wie nie den idealtypischen Wachstumspfaden. Vielmehr unterliegen Marktwirtschaften üblicherweise bestimmten zyklischen Schwankungen – ein Phänomen, das seit jeher eines der größten Probleme für industrielle Volkswirtschaften darstellt. Man bezeichnet es als Konjunkturzyklus. Diese Zyklen drücken sich in Schwankungen des Auslastungsgrades des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials aus, welche wiederum eine Folge schwankender Gesamtnachfrage sind. Die praktische Bedeutung solcher Schwankungen für die Wirtschaft ist enorm, da jede Schwankung mit umfangreichen und oft sehr schmerzhaften Anpassungsvorgängen verbunden ist. So entsteht beispielsweise in jedem wirtschaftlichen Abschwung überproportional hohe Arbeitslosigkeit, jede Boomphase ist von inflationären Tendenzen begleitet. Die makroökonomische Theorie befasst sich daher in komplexen dynamischen Modellen eingehend mit der Analyse solcher mittelfristiger Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Größen (Konjunkturtheorie) und fragt: • Weshalb kommt so ein gleichgewichtiges exponentielles Wachstum in der Realität nie zustande? • Was verursacht die Zyklizität der Wachstumsschwankungen? • Wie verhält sich der Auslastungsgrad des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials im Zeitverlauf? • Wie kann man die Stärke der Schwankungen dämpfen? Abbildung 9-1: Zeitreihe einer makroökonomischen Größe Trendabweichungen Gesamtwirtschaftliche Variable Zeit Wac hstu mstr end Wac hstu mstr end Wac hstu mstr end 9.4 Grundlegende makroökonomische Modelle 413 So ist die Erklärung des Trends in Abbildung  9-1 ein Anliegen der Wachstumstheorie, während Höhe und Dauer der Abweichungen vom Trendwachstum Gegenstand konjunkturtheoretischer Analysen sind. 9.3 Makroökonomische Theorie als Basis der Wirtschaftspolitik Da sich die Makroökonomie mit den Abhängigkeiten und damit der Beeinflussbarkeit hoch aggregierter Größen beschäftigt, ist sie die wichtigste Grundlage für die praktische Wirtschaftspolitik. Unabdingbare Voraussetzung für den rationalen Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente, deren Zweck – zumindest in einer Marktwirtschaft – in der Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Größen wie Preisniveau, Beschäftigung oder Wachstum besteht, ist die Fähigkeit, die zeitliche Entwicklung dieser Größen vorherzusagen (makroökonomische Theorie) sowie Ziel-Mittel-Beziehungen, also die Wirkungsweise der wirtschaftspolitischen Instrumente auf die gesamtwirtschaftlichen Zielgrößen, zu quantifizieren (Theorie der Wirtschaftspolitik). In Deutschland sind die wirtschaftspolitischen Ziele sogar in einem Bundesgesetz, nämlich im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 definiert. Dort heißt es in § 1: „Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“ Es handelt sich somit ausschließlich um makroökonomische Zielgrößen. Auf dem Boden einer marktwirtschaftlichen Grundordnung, die ja ebenfalls im Gesetz festgeschrieben ist, wäre es nicht möglich, mikroökonomische Größen, wie einzelne Preise oder die Produktionsentscheidungen einzelner Unternehmen steuern zu wollen. Marktwirtschaft setzt ja bekanntlich dezentrale Entscheidungen sowie die freie Beweglichkeit aller Preise voraus. Marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik kann somit stets nur versuchen, über eine Beeinflussung der Rahmenbedingungen das gesamtwirtschaftliche Ergebnis in den gewünschten Zielkorridor zu steuern, sie kann jedoch niemals einzelwirtschaftliche Größen fixieren. 9.4 Grundlegende makroökonomische Modelle Inwieweit dies gelingt, hängt von der Leistungsfähigkeit des zugrunde liegenden makro- ökonomischen Modells, das heißt von der Qualität der verwendeten Theorien ab. Eine ideale gesamtwirtschaftliche Theorie müsste zuverlässig erklären können, wovon Einkommen, Beschäftigung und Preisniveau abhängen sowie welche Wechselwirkungen zwischen diesen Größen bestehen und zwar sowohl in statischer wie v. a. in dynamischer Betrachtung. Bis heute gehen jedoch die Meinungen nicht nur der Wirtschaftspolitiker, sondern auch der Wissenschaftler selbst über das „richtige“ gesamtwirtschaftliche Erklärungsmodell noch auseinander. Im Wesentlichen liegen zwei grundlegende Denkschulen (Paradigmen) miteinander im Widerstreit, nämlich das 9 Makroökonomie als Wissenschaft414 • neoklassische, später monetaristische und das • keynesianische Modell. Das klassische Denkmodell Die klassische Denkweise geht auf die Ökonomen des 18. und 19. Jahrhunderts1 zurück und basiert überwiegend auf der mikroökonomischen Analyse des Marktmechanismus. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Angebotsbedingungen einer Volkswirtschaft, d. h. der Güterproduktion sowie deren Zuwachs durch die Akkumulation von Kapital. Die klassische Marktsicht unterstellt grundsätzlich völlig flexible Preise, Zinsen und Löhne, so dass jede Störung sofort über Preisanpassungen abgefedert und der Markt in den Gleichgewichtszustand zurückgeführt wird. Diese Marktsicht findet im sog. Say’schen Theorem ihren Niederschlag. Es besagt, dass jede Produktion gleichzeitig auch Verbrauch bedeutet und sich somit jedes Angebot seine Nachfrage – sei es in Form von Konsum oder von Investition – selbst schafft. Jedes Auseinanderweichen von Angebot und Nachfrage könne daher nur kurzfristig sein, da der Preismechanismus sofort wieder zur Markträumung führe. Dem marktwirtschaftlichen System wird also eine inhärente Stabilität unterstellt. Die keynesianische Welt Dieser bis dato unerschütterliche Glaube in die Selbstheilungskräfte des Marktes wurde Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts empfindlich getroffen. Noch ganz unter dem Eindruck der soeben überwundenen Weltwirtschaftskrise, die nach dem „schwarzen Freitag“ an der Wallstreet am 25. Oktober 1929 weltweit zu Schrumpfung, Deflation und gewaltiger Arbeitslosigkeit geführt hatte, entstand Keynes’ Hauptwerk, die „General Theory of Employment, Interest and Money“ aus dem Jahre 1936. Sie kann als Geburtsstunde der modernen Makroökonomie betrachtet werden2. Keynes’ Analyse und die daraus entstandene Denkschule des Keynesianismus ist von der Überzeugung geprägt, dass Marktwirtschaften v. a. wegen immer wieder auftretender Preisstarrheiten inhärent instabil seien, d. h. bei Störungen nicht durch eigene Kraft wieder auf einen gleichgewichtigen Wachstumspfad zurückfinden würden. Zwar leugnete auch Keynes die Selbstheilungskräfte des Marktes nicht. Er stellte jedoch fest, dass in der Realität keineswegs alle Preise vollständig flexibel sind und insbesondere nicht beliebig sinken können. Das trifft seiner Meinung nach vor allem auf die Löhne zu. Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage werden daher womöglich nicht durch Preissenkungen, sondern durch einen Mengenrückgang ausgeglichen, der zu Produktions- und Beschäftigungseinbußen führt. Die Folge ist ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung und das wiederum bedeutet langfristige Arbeitslosigkeit, deren Beseitigung nur mit Hilfe staatlicher Unterstützung gelingt. 1 Die Hauptvertreter der klassischen Theorie sind Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill und Jean Baptiste Say („Say’sches Gesetz“). Aber auch Karl Marx’ Theorien stehen in der klassischen Tradition. Berühmte Neoklassiker sind Hermann Heinrich Gossen, William Stanley Jevons, Carl Menger, Léon Walras, Johann Heinrich von Thünen, Antoine Augustin Cournot und Alfred Marshall. 2 Die Theorien von Keynes wurden in der 40er Jahren des 20. Jahrhunderts von John Hicks und Alvin Hansen im sog. IS-LM-Modell formalisiert. In dieser Form ist das Keynes’sche Modell auch heute noch Bestandteil jedes makroökonomischen Lehrbuches. Weitere Vertreter der Keynes’schen Lehre sind u. a. James Edward Meade, Don Patinkin, James Tobin, Robert A. Mundell und Franco Modigliani. 9.4 Grundlegende makroökonomische Modelle 415 Eine besondere Rolle spielt dabei die unstetige Entwicklung der privaten Investitionen, welche wegen der – je nach Wirtschaftslage – äußerst unsicheren Zukunftserwartungen stark schwanken und womöglich nur unzulänglich auf Zinsanreize reagieren. Um die Volkswirtschaft aus einem solchen Unterbeschäftigungsgleichgewicht zu befreien, sei daher ein aktives Eingreifen des Staates notwendig. Durch staatliche Ausgaben, die notfalls auch durch die Aufnahme von Krediten (keynesianisches „deficit spending“) finanziert werden sollten, müssten Defizite bei der privaten (Investitions-)Nachfrage ausgeglichen werden, da andernfalls – wie in der Weltwirtschaftskrise geschehen – eine dauerhafte Situation der Unterbeschäftigung drohe, aus der sich die private Wirtschaft aus eigener Kraft nicht würde befreien können. Keynes’ Analyse stand damit in direktem Widerspruch zu der bis dahin geltenden Überzeugung der Neoklassiker, die sich vollständig auf die Immunität des Marktes gegenüber exogenen Schocks verließen. Neoklassik und Monetarismus In den sechziger Jahren entstand, ausgehend von der sog. Chicagoer Schule in den USA, eine Gegenbewegung zu den Lehren von Keynes, die häufig als monetaristische Gegenrevolution bezeichnet wird. Deren Hauptvertreter, der spätere Nobelpreisträger Milton Friedman, plädierte für eine Wiederbelebung des neoklassischen Marktideals. In seinem Hauptwerk „Capitalism and Freedom“ aus dem Jahr 1962 formulierte er seine zentralen Thesen: Der Marktmechanismus sei sehr wohl in der Lage, Störungen eigenständig auszugleichen und zu einem stabilen Gleichgewicht zurückzufinden. Voraussetzung sei allerdings, dass der Preismechanismus unbeeinträchtigt von jeder staatlichen Einflussnahme wirken könne und die Märkte funktionsfähig seien. Wenn dies gewährleistet sei, könne es zumindest langfristig nicht zu einem dauerhaften Nachfrageausfall kommen. Die Rolle des Staates bestehe daher vor allem darin, die Angebotsseite des Marktes zu stärken und dafür sei in erster Linie eine streng stabilitätsorientierte, regelgebundene Geldpolitik erforderlich (Monetarismus). Friedman vertrat sogar die Ansicht, dass staatliche Eingriffe, v. a. wenn sie situationsbezogen und nicht regelgebunden erfolgen, nicht nur wirkungslos, sondern sogar destabilisierend seien. Er forderte daher die Wirtschaftspolitik zu größtmöglicher Zurückhaltung auf, v. a. was die Fiskalpolitik betrifft. Der Geldpolitik hingegen kommt nun eine entscheidende Bedeutung zu. Die klassischen Nationalökonomen waren noch von der sog. „Neutralität des Geldes“ ausgegangen, d. h. sie glaubten, dass sich Veränderungen in der Geldmenge nur auf die absoluten Preise, nicht aber auf die Preisrelationen der Güter untereinander und damit auf den realen Sektor der Volkswirtschaft auswirkten. Man sprach vom „Geldschleier“, der auf den realen Güteraustauschrelationen liege. Spätestens seit Alfred Marshall3 wurde jedoch erkannt, dass es sehr wohl wirksame Transmissionsmechanismen gibt, die Impulse von der monetären auf die reale Sphäre einer Wirtschaft übertragen. Die „Monetaristen, angeführt von Milton Friedman, griffen die Grundgedanken der neoklassischen Schule, insbesondere der Quantitätstheorie des Geldes, wieder auf und stellten die Geldpolitik ins Zentrum ihrer wirtschaftspolitischen Empfehlungen, denn „money matters“. Um unvorhergesehene monetäre Schocks für die 3 Alfred Marshall lebte von 1842 bis 1924. Er war Professor in Cambridge und unterrichtete dort u. a. John Maynard Keynes und Arthur Cecil Pigou, den wir bereits im Zusammenhang mit der berühmten Pigou-Steuer kennengelernt haben. 9 Makroökonomie als Wissenschaft416 Wirtschaft zu vermeiden sowie den Spielraum für Preisniveausteigerungen gering zu halten, sollte die Geldmenge mit möglichst konstanter und niedriger Wachstumsrate steigen. Die beiden ökonomischen Denkschulen des Keynesianismus und des Monetarismus, unterscheiden sich somit signifikant: Keynesianer richten ihr Augenmerk auf die Nachfrage als wichtigste makroökonomische Größe; Monetaristen hingegen betonen die Dominanz des Angebotes. Keynesianer misstrauen der Funktionsfähigkeit sowie Anpassungsfähigkeit des Marktes und fordern daher staatliche Interventionen zur Erhaltung der Vollbeschäftigung; Monetaristen vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes und setzen auf wirtschaftspolitische Enthaltsamkeit. Keynesianer konzentrieren sich auf die kurz- und mittelfristige Analyse nach dem (Keynes selbst zugeschriebenen) Motto „In the long run we are all dead“; Monetaristen betonen die Langfristorientierung ihrer Modelle: So unvereinbar diese beiden Ansätze auf den ersten Blick erscheinen mögen: Eine Synthese ist möglich. Während die späten sechziger und siebziger Jahre als Jahrzehnte keynesianischer Wirtschaftspolitik in die Geschichte eingegangen sind, erlebte das neoklassische, marktliberale Gedankengut eine Renaissance in den achtziger Jahren, insbesondere in der Wirtschaftspolitik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, aber auch in Deutschland, wo seit dem Regierungswechsel 1982 lange Zeit hindurch liberale Wirtschaftsminister die deutsche Politik prägten. Heute vermischen sich jedoch angebots- und nachfrageorientierte Maßnahmen immer stärker und das auch zu recht, denn schließlich sind beide Marktseiten für die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich. Keynesianische Rezepte zielen in erster Linie auf die Beeinflussung eher kurzfristiger Konjunkturbewegungen, während für die langfristige Wachstumsentwicklung einer Volkswirtschaft, d. h. zur Lösung der strukturellen Probleme v. a. eine Optimierung der Angebotsbedingungen notwendig ist. Abbildung 9-2: Keynesianismus und Monetarismus Ökonomische Denkschulen des 20. Jahrhunderts nachfrageorientiert bezweifelt die Selbstheilungskraft der Marktwirtschaft in bestimmten Situationen: Marktpessimismus empfiehlt diskretionäre, antizyklische Wirtschaftspolitik, v.a. Fiskalpolitik (deficit spending) kurzfristig angebotsorientiert betont die Selbstheilungskraft der Marktwirtschaft: Marktoptimismus empfiehlt wirtschaftspolitische Zurückhaltung und eine Verstetigung v.a. der Geldpolitik langfristig (Neo-)Klassik/Monetarismus (Alfred Marshall, 1842 – 1924/ Milton Friedman, 1912 – 2006) Keynesianismus (John Maynard Keynes, 1883 – 1946, später u.a. James Tobin, Franco Modigliani) 9.5 Ex post- und ex ante-Betrachtung 417 9.5 Ex post- und ex ante-Betrachtung Um wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreifen zu können, muss die Ausgangslage bekannt sein. Vor dem Blick in die Zukunft liegt die Reflexion über die Vergangenheit. Erst aus der Beobachtung und Beschreibung der bereits abgelaufenen Ereignisse können Erklärungsmodelle und Theorien gewonnen werden, die dann auch einen Blick in die Zukunft erlauben und wirtschaftspolitisches Handeln überhaupt erst ermöglichen. In den Wirtschaftswissenschaften werden dafür die Begriffe „ex post“, d. h. im Nachhinein, und „ex ante“, d. h. im Vorhinein, verwendet. Theoretische Aussagen sind somit grundsätzlich ex ante-Aussagen, während Berichte über abgelaufene Ereignisse ex post erfolgen. Wie in jedem Unternehmen betreibt daher auch die Volkswirtschaft als Ganze eine Art Buchhaltung, in der alle wirtschaftlich relevanten Aktivitäten und Größen planmäßig und systematisch erfasst und zu wichtigen Kennzahlen verarbeitet werden. Dieses Rechenwerk hat verschiedene Ausprägungen. Die wichtigsten davon werden im folgenden Kapitel vorgestellt. 10 Volkswirtschaftliches Rechnungswesen Kapitelübersicht 10.1 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 10.2 Der Wirtschaftskreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 10.2.1 Grundbegriffe der Kreislaufanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 10.2.1.1 Bestandteile und Eigenschaften eines Wirtschaftskreislaufs. . . . . . . . . . 420 10.2.1.2 Darstellungsformen eines Wirtschaftskreislaufs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 10.2.2 Zwei-Sektoren-Wirtschaft mit Vermögensbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 10.2.3 Der Staat im Wirtschaftskreislauf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 10.2.4 Der Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 10.3 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 10.3.1 Die Aktivitätskonten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 10.3.1.1 Das Produktionskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 434 10.3.1.2 Das Einkommenskonto. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 10.3.1.3 Das Vermögensänderungs- und Finanzierungskonto . . . . . . . . . . . . . . . 445 10.3.1.4 Das Auslandskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 10.3.2 Gesamtwirtschaftliche Aggregation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 10.3.2.1 Das nationale Produktionskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 10.3.2.2 Das nationale Einkommenskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 10.3.2.3 Das nationale Vermögensänderungskonto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451 10.3.3 Die Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung . . . . . . . . . . . . . 452 10.3.3.1 Inlands- und Inländerkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 10.3.3.2 Brutto- und Nettokonzept – Marktpreise und Faktorkosten . . . . . . . . . 456 10.3.3.3 Reale und nominale Einkommensberechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457 10.3.4 Grundsätze der Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung . . . 458 10.3.4.1 Die Entstehungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459 10.3.4.2 Die Verwendungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461 10.3.4.3 Die Verteilungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 10.3.5 Die VGR in Deutschland seit der Revision 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466 10.3.5.1 Kurze Geschichte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466 10.3.5.2 Die Sektoren der Volkswirtschaft im ESVG 95 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 10.3.5.3 Die Konten des ESVG 95. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 10.3.5.4 Entwicklung und Struktur des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland 469 10.3.6 Die Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts als Wohlfahrtsindikator . . . . . 471 10.3.6.1 Kritik an der Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts. . . . . . . . . . . . . . 472

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Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.