8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 372 - 418

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_372

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8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts Kapitelübersicht 8.1 Bedingungen für eine optimale Allokation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 8.2 Externe Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 8.2.1 Definition und Arten externer Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 8.2.2 Konsequenzen negativer externer Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 8.2.3 Konsequenzen positiver externer Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 8.2.4 Internalisierung externer Effekte am Beispiel der Umweltpolitik . . . . . . . . . . . . 369 8.2.4.1 Internalisierung externer Effekte durch Verhandlungen . . . . . . . . . . . . . . . 369 8.2.4.2 Emissionsstandards und Grenzwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 8.2.4.3 Internalisierung externer Effekte durch Umweltsteuern . . . . . . . . . . . . . . . 374 8.2.4.4 Handelbare Emissionsrechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 8.3 Öffentliche Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380 8.3.1 Definition und Abgrenzung öffentlicher Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380 8.3.2 Optimale Bereitstellung öffentlicher Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382 8.3.3 Finanzierung öffentlicher Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 8.4 Gemeineigentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386 8.5.1 Formen unvollständiger Information. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386 8.5.2 Asymmetrische Information – Principal-Agent-Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 8.5.3 Asymmetrische Information – Adverse Selection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394 8.6 Transaktionskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398 8.6.1 Grenzen der neoklassischen Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398 8.6.2 Transaktionskosten als Ursache für die Entstehung von Unternehmen. . . . . . . 399 8.6.3 Transaktionen und Transaktionskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400 8.6.4 Verhaltensannahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 8.6.5 Merkmale von Transaktionsbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 8.6.6 Zuordnung von Vertragstypen zu Transaktionstypen – einige Ergebnisse der Transaktionskostentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 8.1 Bedingungen für eine optimale Allokation 363 Lehrziele: In diesem Kapitel werden weitere Ursachen diskutiert, die verhindern, dass eine optimale Ressourcenallokation im Sinne eines Pareto-Optimums zustande kommt. Ein funktionierender Marktmechanismus setzt voraus, dass die Kosten der Produktion auch von denen getragen werden, die den Ressourcenverzehr verursacht haben, und der Nutzen eines Gutes denen zugutekommt, die dafür bezahlt haben. Wird dieses Prinzip verletzt, liegen so genannte externe Effekte vor, die zu Marktversagen führen. Ein wichtiges Beispiel für externe Effekte sind Umweltschäden. Wir werden untersuchen, welche Instrumente zur Verfügung stehen, um negative externe Effekte in Form von Umweltbelastungen zu korrigieren und das Verursacherprinzip durchzusetzen. Eine weitere Ursache für Marktversagen sind so genannte öffentliche Güter. Bei öffentlichen Gütern ist ein Ausschluss vom Konsum nicht möglich. Einmal bereitgestellt kann das Gut von allen Beteiligten genutzt werden, ohne dass sie dafür bezahlen. Unter dieser Bedingung wird kein privates Angebot zu Stande kommen. Daher muss der Staat solche Güter bereitstellen. Ein weiteres Problem stellen Güter dar, die von zahlreichen Nutzern gemeinschaftlich genutzt werden. Ohne Regelung des Zugangs ergibt sich das Problem der Übernutzung und eines ineffizienten Ressourceneinsatzes. Als vierten Problembereich werden wir die Annahme vollständiger Information hinterfragen. Es lässt sich zeigen, dass bei unvollständiger und/oder asymmetrischer Information nur noch Second-best-Lösungen zu Stande kommen oder ein Markt völlig zum Erliegen kommt. Der letzte Problembereich befasst sich mit Transaktionskosten, die es unter der Bedingung vollkommener Märkte nicht gibt. Unsicherheit, eingeschränkte Rationalität und die Komplexität der Umwelt sind Gründe für die Entstehung von Transaktionskosten. Transaktionskosten sind die Ursache dafür, dass sich bei der Koordination von wirtschaftlichen Aktivitäten über die reinen Formen von Markt und Hierarchie hinaus zahlreiche weitere institutionelle Arrangements herausgebildet haben. 8.1 Bedingungen für eine optimale Allokation In diesem Kapitel werden wir Ursachen kennen lernen, die dazu führen, dass auf Märkten keine optimale Ressourcenallokation zu Stande kommt. Wir haben im Kapitel 7 die optimale Allokation der Ressourcen damit begründet, dass auf idealisierten Märkten (unter den Bedingungen der vollkommenen Konkurrenz) im Marktgleichgewicht die Summe aus Produzenten- und Konsumentenrente maximal ist. Operationalisiert wird eine effiziente Ressourcennutzung mit Hilfe des Pareto-Kriteriums. Danach liegt eine effiziente Nutzung der Ressourcen vor, wenn es nicht möglich ist, durch eine Reallokation der Ressourcen mindestens ein Individuum besser zu stellen, ohne mindestens ein Individuum schlechter zu stellen. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts364 Gleichgewicht auf Märkten mit vollkommener Konkurrenz ist Pareto-optimal Obwohl dieses Konzept unmittelbar verständlich ist, kann man es in der Praxis unter realen Bedingungen nicht immer direkt umsetzen. Deshalb hat die Wohlfahrtsökonomik Bedingungen formuliert, die erfüllt sein müssen, damit ein allgemeines Gleichgewicht auf Märkten mit vollkommener Konkurrenz ein Pareto-Optimum darstellt. Die zentrale Aussage zur Beurteilung realer Allokationen lautet: Befindet sich eine Marktwirtschaft im Gleichgewicht, in dem alle Märkte geräumt sind, alle Haushalte ihren Nutzen und alle Unternehmen ihren Gewinn maximieren, dann ist dieses Marktgleichgewicht Paretoeffizient. Gesteuert wird der Marktprozess über Preise, die sich auf den einzelnen Märkten bilden. Damit die Preise in der Lage sind, die Ressourcenallokation effizient zu steuern, müssen die Preise die Grenzkosten der Produktion und die Opportunitätskosten des Konsums widerspiegeln, um den mit der Produktion und dem Konsum tatsächlich verbundenen Ressourcenverzehr korrekt anzuzeigen. Das ist unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz der Fall, dann entspricht der Preis eines Gutes sowohl den Grenzkosten der Produktion als auch der marginalen Zahlungsbereitschaft/dem Grenznutzen der Konsumenten. Dies ergibt sich allerdings schon aus den Modellbedingungen. Diese Modellbedingungen beschreiben nicht notwendigerweise die Realität. Sie ermöglichen es aber, im Abgleich des Modells mit der Realität solche Situationen zu bestimmen, in denen reale Märkte von den Bedingungen abweichen und in ihrer Effizienz eingeschränkt sind oder als Allokationsinstrument versagen. Ursachen für Marktversagen Die Analyse der Preisbildung hat gezeigt, dass in zahlreichen Marktformen, insbesondere wenn sich einzelne Unternehmen einer fallenden Preis-Absatz-Funktion gegenübersehen, keine optimale Ressourcenallokation zustande kommt. Der Grund dafür ist, dass die Unternehmen einen Preis setzen, der über den Grenzkosten liegt, und deshalb eine geringere Menge produzieren. Eine solche Allokation der Ressourcen ist allerdings suboptimal, weil sie mit Rentenverlusten bei Produzenten und Konsumenten verbunden ist. Es gibt jedoch weitere Ursachen, die verhindern, dass es zu einer effizienten Allokation der Ressourcen kommt. Dies ist insbesondere der Fall, • wenn Wirtschaftssubjekte durch die Produktions- und Konsumentscheidungen anderer Marktteilnehmer positiv oder negativ tangiert werden (externe Effekte), • wenn es nicht möglich ist, die Nutzung von Gütern auf die Konsumenten zu beschränken, die dafür zu zahlen bereit sind (öffentliche Güter), • wenn Ressourcen von allen genutzt werden können, weil es an ihnen keine Eigentumsrechte gibt (Gemeineigentum), • wenn die Informationen zwischen Marktteilnehmern ungleich verteilt sind, so dass eine Marktseite bessere Informationen besitzt als die andere (asymmetrische Information), • wenn als Folge hoher Transaktionskosten der Markt als ein Instrument einer effizienten Allokation nur unzureichend funktioniert (Transaktionskosten). 8.2 Externe Effekte 365 8.2 Externe Effekte 8.2.1 Definition und Arten externer Effekte Unter den Bedingungen der vollkommenen Konkurrenz ist sichergestellt, dass sämtliche Kosten, die bei der Produktion eines Gutes anfallen, vom Hersteller getragen werden, und sämtliche Nutzen, die beim Konsum eines Gutes anfallen, dem Konsumenten zugutekommen. Dann wird der Ressourcenverzehr von denen getragen, die ihn verursacht haben, und der Nutzen kommt denjenigen zugute, die dafür bezahlt haben. Kosten und Nutzen der Produktion und Konsumtion sind vollständig internalisiert. Dieses Prinzip ist nicht erfüllt, wenn es externe Effekte gibt. Dabei handelt es sich um Kosten oder Nutzen, die bei der Produktion oder beim Konsum bei anderen unbeteiligten Wirtschaftssubjekten anfallen, für die aber die betroffenen Wirtschaftssubjekte keine Entschädigung erhalten (Kosten) beziehungsweise kein Entgelt entrichten (Nutzen). Externe Produktionseffekte und Konsumeffekte Externe Effekte können sowohl bei der Produktion als auch beim Konsum entstehen. Sie können positive oder negative Auswirkungen haben. Positive Auswirkungen können etwa vorkommen in Form von Zusatznutzen, zusätzlichen Erträgen oder ersparten Aufwendungen. Negative externe Effekte verursachen Kosten oder reduzieren den Nutzen oder die Erträge bei betroffenen Unternehmen und Haushalten. Externe Produktionseffekte entstehen, wenn die Produktion und Kosten eines Unternehmens direkt von den Produktions- und Kostenentscheidungen eines anderen Unternehmens beeinflusst werden, ohne dass der Verursacher dafür eine Entschädigung leistet oder erhält. Externe Konsumeffekte liegen vor, wenn die Konsumentscheidung eines Haushalts positiv oder negativ von den Nachfrageentscheidungen anderer Haushalte beeinflusst wird, ohne dass es zu Ausgleichszahlungen infolge der Nutzensteigerung beziehungsweise -minderung zwischen den beteiligten Wirtschaftssubjekten kommt. Beispiele für positive und negative externe Effekte sind in der folgenden Übersicht zusammengestellt: Tabelle 8-1: Arten externer Effekte Art Externe Effekte der Produktion Konsumtion positiv Ein Unternehmen entwickelt ein neues Produkt oder Verfahren. Aufgrund von spill over Effekten gelingt es anderen Unternehmen, das Produkt oder Verfahren zu imitieren. Ein Hauseigentümer in einer Altstadt restauriert sein Haus und erhält damit nicht nur den Wert seines Gebäudes, sondern trägt auch zu einem schöneren Stadtbild bei. negativ Ein Unternehmen leitet Abwässer in einen Fluss. Dadurch steigen die Kosten und sinken die Erträge der flussabwärts tätigen Fischer. Ein privater Haushalt nutzt seinen Garten im Sommer extensiv mit lauten Partys und Grillfesten. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts366 Externe Effekte der Produktion und des Konsums sind eine der wichtigsten Ursachen des Umweltproblems. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass es freie Güter gibt. Beispiele dafür sind Luft, Sonne, ein schöner Ausblick, Meere etc., für die keine Eigentumsrechte festgelegt und durchgesetzt werden können. Eigentumsrechte sind gesellschaftliche Institutionen, die das Eigentum, die Nutzung und Verwendung von Produktionsfaktoren, Gütern und Diensten regeln. Märkte sind Institutionen, auf denen Eigentumsrechte übertragen werden und Preise für die gehandelten Güter zustande kommen. Umweltgüter haben keinen Preis Der größte Teil der Güter, die in einer Wirtschaft bereitgestellt werden, erfordern einen Ressourcenverzehr und haben deswegen einen Preis. Wenn man Umweltgüter in der Produktion oder beim Konsum nutzt, geht die Nutzung dieser Güter nicht als Ressourcenverzehr in die Produktionskosten ein, da es für sie keinen Markt gibt, an dem sie gehandelt werden, und sie deshalb keinen Preis haben. Allerdings ist die Inanspruchnahme der Umweltgüter nur aus der Sicht des Produzenten „kostenlos“, denn die Luft oder das Wasser, das nach der Nutzung wieder an die Umwelt abgegeben wird, hat Auswirkungen auf andere Wirtschaftssubjekte. Das mit Schadstoffen belastete Wasser ist für andere Produktionsprozesse möglicherweise unbrauchbar und muss vor einer weiteren produktiven oder konsumtiven Verwendung gereinigt werden. Die mit Treibhausgasen belastete Luft verursacht in der Umgebung Atemwegserkrankungen in der Bevölkerung, deren Behandlung von der Allgemein heit/Krankenversicherung getragen werden muss. In entfernt liegenden Gegenden trägt sie als saurer Regen zum Waldsterben bei und reduziert die Erträge der Waldbesitzer. Nutzung von Umweltgütern: Private Kosten der Produktion sind niedriger als die sozialen Kosten Die Nutzung von Umweltgütern verursacht folglich über die Produktionskosten hinaus, die im produzierenden Unternehmen anfallen, weitere externe Kosten oder Wohlfahrtverluste, die von anderen Wirtschaftssubjekten oder der Allgemeinheit getragen werden müssen und nicht kompensiert werden. Diese externen Kosten werden in der Produktion nicht berücksichtigt, weil für die Nutzung der Umweltgüter keine Preise existieren. Dies führt dazu, dass die im Unternehmen angefallen, privaten Kosten der Produktion niedriger sind als die gesamten sozialen Kosten, die durch die Güterproduktion tatsächlich verursacht wurden. Die sozialen Kosten der Produktion setzen sich zusammen aus den privaten Kosten, die vom Unternehmen direkt getragen werden, und den externen Kosten, die von Dritten getragen werden. Analog setzen sich die sozialen Erträge oder Nutzen zusammen aus den privaten Erträgen/Nutzen und den externen Erträgen, die bei Dritten als Folge der Produktion oder des Konsums anfallen. In einer Marktwirtschaft werden bei Nutzen- und Gewinnmaximierung lediglich private Grenzkosten und private Grenzerträge/Grenznutzen berücksichtigt. Dann kommt es auf freien Märkten zu keiner optimalen Allokation der Ressourcen, wenn private und soziale Kosten und Erträge auseinander fallen. Soll in einer Gesellschaft eine optimale Allokation der Ressourcen zustande kommen, müssen soziale Grenzkosten und soziale Grenzerträge/Grenznutzen zum Ausgleich gebracht werden. 8.2 Externe Effekte 367 8.2.2 Konsequenzen negativer externer Effekte Die Konsequenzen negativer externer Effekte können wir uns anhand einer graphischen Darstellung klarmachen. Wir betrachten ein Unternehmen, das für seine Produktion in großem Umfang Wasser benötigt und dies aus einem vorbei fließenden Fluss entnimmt. Die Abwässer werden in den Fluss zurückgeleitet und belasten den Unterlauf des Flusses. Die Belastung des Wassers mit Schadstoffen verlaufe proportional zur Produktionsmenge. Solange für die Umweltbelastung von dem Unternehmen keine Kompensation zu zahlen ist oder eine Klärung der Abwässer nicht gefordert wird, fallen private und soziale Grenzkosten der Produktion auseinander. In Abbildung 8-1 sind der Zusammenhang und die Konsequenzen der Umweltbelastung dargestellt. In einem wettbewerblich organisierten Markt ist N die Marktnachfrage. Solange den Unternehmen für die Einleitung der Abwässer keine Kosten entstehen, planen sie ihr Angebot entsprechend den bei ihnen angefallenen Grenzkosten, den privaten Grenzkosten. Somit gilt: 'privK Angebot. Das Marktgleichgewicht ergibt sich im Schnittpunkt von Nachfragekurve und privater Grenzkostenkurve im Punkt G. Zum Preis p0 werden die Unternehmen die Menge x0 produzieren und anbieten. Werden lediglich die privaten Kosten und Nutzen bei den Marktentscheidungen berücksichtigt, ergibt sich ein ineffizientes Marktergebnis, weil die externen Kosten im Preis nicht berücksichtigt sind. Bei der Produktionsmenge x0 sind die sozialen Grenzkosten ' gesK als Summe aus privaten und externen Grenzkosten höher als die marginale Zahlungsbereitschaft der Konsumenten, d. h. die zuletzt produzierte und konsumierte Produkteinheit verursachten für die Gesellschaft höhere Kosten als sie Nutzen stiftet. Im Marktgleichgewicht G entspricht die Konsumentenrente den Flächen ABCD und die Produzentenrente den Flächen HIJKL. Solange weder Produzenten noch Konsumenten die externen Kosten berücksichtigen, wird die gesellschaftliche Wohlfahrt (= Summe aus Produzenten- und Konsumentenrente) zu hoch ausgewiesen, weil die externen Kosten nicht x0 p0 [Menge] p in € A N D p* B G* C ' gesK ' externKJ G M x* AngebotK'priv = K L H I Abbildung 8-1: Negative externe Effekte und allokative Ineffizienz 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts368 berücksichtigt sind. Für die Bestimmung der Nettowohlfahrt müssen die externen Kosten in Ansatz gebracht werden. Diese entsprechen den Flächen LIJCDM. Die Nettowohlfahrt entspricht somit den Flächen ABHK – Fläche M. Der Wohlfahrtverlust kann vermieden werden, wenn die Unternehmen bei ihren Angebotsentscheidungen nicht nur die privaten, sondern auch die externen Grenzkosten 'externK berücksichtigen. Dann sind die sozialen Grenzkosten 'gesK für die Angebotsplanung relevant und das Marktgleichgewicht liegt bei G* mit dem Gleichgewichtspreis p* und der Ausbringungsmenge x*. Dieses Marktergebnis ist ökonomisch effizient. Der Preis entspricht den sozialen Grenzkosten der Produktion und ist gleich der marginalen Zahlungsbereitschaft der Konsumenten. Im gesellschaftlichen Optimum entspricht die Summe aus Produzenten- und Konsumentenrente den Flächen ABHK. Als Folge der geringeren Produktion ergibt sich ein Nettowohlfahrtsgewinn in Höhe der Fläche M. 8.2.3 Konsequenzen positiver externer Effekte Als Beispiel für positive externe Effekte wählen wir den Besitzer eines Hauses in einer historischen Altstadt. In dem Umfang, in dem er sein Gebäude in Stand hält, erhält er den wirtschaftlichen Wert der Immobilie und sichert so ihre Verwertbarkeit zum Beispiel bei Vermietung. Instandhaltungen privater Eigentümer können darüber hinaus auch den Effekt haben, dass sich das Bild der Altstadt verbessert, und die Stadt an touristischer Attraktivität gewinnt. Insoweit nützen Instandhaltungen nicht nur dem Eigentümer, sondern z. B. auch den Eigentümern angrenzender Gebäude (Aufwertung des Ensembles) und der gesamten Stadt (höhere touristische Attraktivität). Mit der Instandhaltung sind somit externe Erträge verbunden, die proportional mit dem Umfang der Instandhaltung steigen. Allerdings sind die positiven „Nebeneffekte“ für den einzelnen Eigentümer kein Kriterium, in welchem Umfang er sein Gebäude restaurieren lässt. Denn bei seiner Entscheidung über den Umfang der Instandhaltung wird er sich überlegen, welchen Nutzen er hat und was ihn die einzelne Maßnahme kostet. Er wird sich für einen solchen Umfang entscheiden, bei dem die Grenzkosten einer zusätzlichen Baumaßnahme dem zusätzlichen privaten Nutzen der Maßnahme entsprechen. In der Abbildung 8-2 ist der Ausgleich von privaten Grenznutzen und den Grenzkosten im Schnittpunkt von 'privU = Nachfrage mit K’ im Punkt G erreicht. Der Umfang der Instandhaltung ist x0. In diesem Gleichgewicht sind die Konsumentenrente BCH und die Produzentenrente KL. Die externen Erträge, die anderen als dem Bauherrn zugutekommen, betragen ADI. Die gesamte gesellschaftliche Wohlfahrt entspricht der Summe der Flächen ABCDHIKL. Wir können nun zeigen, dass auch dieses Marktgleichgewicht suboptimal ist, denn bei der Menge x0 sind die sozialen Grenznutzen 'gesU als Summe aus privaten und externen Grenznutzen höher als die Grenzkosten. Das Niveau der Instandhaltung ist aus gesellschaftlicher Sicht suboptimal, d. h. zu niedrig. Könnte man den Hauseigentümer veranlassen, den sozialen Grenznutzen als Entscheidungsgrundlage zu nehmen, wäre eine Instandhaltung im Umfang von x* optimal. Bei dieser Menge sind die Grenzkosten K’ der Instandhaltung mit dem sozialen Grenznutzen 'gesU einer zusätzlichen Baumaßnahme zum Ausgleich gebracht. Darüber hinaus gehende Baumaßnahmen wären ineffizient, weil dann die Grenzkosten jeder zusätzlichen Maßnahme höher wären als der soziale Grenznutzen. Im gesellschaftlichen Optimum beträgt die Konsumentenrente ABCDE und die Produzentenrente HIJKL. Der Nettowohlfahrtsgewinn entspricht den Flächen EJ. 8.2 Externe Effekte 369 8.2.4 Internalisierung externer Effekte am Beispiel der Umweltpolitik 8.2.4.1 Internalisierung externer Effekte durch Verhandlungen Externe Effekte sind eine Ursache für Marktversagen und eine ineffiziente Ressourcenallokation. Der Grund dafür ist, dass für die Nutzung von Umweltgütern wie Luft, Wasser usw. keine Märkte existieren, weil an diesen Gütern keine Eigentumsrechte bestehen. Werden diese Güter in der Produktion genutzt, müssen die Nutzer keine Preise zahlen, die als Kosten in der Kalkulation berücksichtigt werden. Damit stellt sich die Frage, welche Ansatzpunkte es gibt, um die daraus resultierende ineffiziente Ressourcenallokation zu korrigieren und externe Kosten zu internalisieren. Als mögliche Instrumente kommen dafür in Frage: • Verhandlungen zwischen den Betroffenen, • Emissionsstandards und Grenzwerte, • Umweltsteuern und Abgaben, • handelbare Emissionsrechte. Ronald Coase1 hat gezeigt, dass Externalitäten durch die Einrichtung und Durchsetzung von Eigentumsrechten im Verhandlungswege korrigiert werden können. Um zu sehen, wie so ein Ergebnis zu Stande kommen kann, kommen wir nochmals auf das Unternehmen zurück, das das Wasser eines Flusses für die Produktion nutzt. Solange an dem Fluss keine Eigentumsrechte bestehen, kann es die Abwässer kostenlos einleiten. Somit besteht kein Anreiz, das Abwasser zu klären und die externen Kosten selbst zu tragen. Weiter flussabwärts liege eine Kommune, die das Flusswasser zur Trinkwasserversorgung benötigt und deren Kosten der Wasseraufbereitung umso höher sind, je mehr Abwässer von der am Oberlauf liegenden Fabrik eingeleitet werden. Solange der Fluss von allen als gemeinsame Ressource betrachtet wird, wird die am Oberlauf gelegene Unternehmung mehr produzieren als ökonomische effizient ist, weil die privaten Grenzkosten der Produktion niedriger 1 Coase, R. H. (1960), S. 1 – 44. Abbildung 8-2: Positive externe Effekte und allokative Ineffizienz x0 p0 x [Menge] p in € B E G p* A C K' tobegnA= ' gesU ' externU H D x* G* NachfrageU'priv = I J K L 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts370 sind als die sozialen Grenzkosten. Umgekehrt sind am Unterlauf die Grenzkosten der Wasseraufbereitung wegen der Schadstoffbelastung höher, so dass bei gegebenem Wasserpreis eine geringere Menge Wasser produziert wird. Wir wollen anhand des Beispiels überlegen, ob bzw. wie die Ressourcenallokation verbessert werden kann, wenn am Fluss Eigentumsrechte bestehen. Einrichtung und Durchsetzung von Eigentumsrechten Unterstellen wir zunächst, der Fluss gehöre dem Unternehmen. Das Unternehmen betrachtet seinen Fluss als ein „Mittel“ zur Abwasserentsorgung und leitet sämtliche Abwasser ein. Dies schädigt die Kommune, denn dadurch steigen die Kosten der Wasseraufbereitung. Nehmen wir an, der Kommune entstehen zusätzliche Kosten der Wasseraufbereitung in Höhe von 2 €/m3. Sie überlegt sich, ob es nicht kostengünstiger wäre, die Abwässer vor der Einleitung in den Fluss zu klären und dem Unternehmen dafür eine Ausgleichszahlung anzubieten. Aber wie hoch soll die Kompensation sein? Ab welcher Höhe der Kompensation wird das Unternehmen bereit sein, auf eine ungeklärte Einleitung der Abwässer zu verzichten und zur Schadensvermeidung beizutragen? Nach dem Verhandlungsangebot der Kommune hat das Unternehmen recherchiert und herausgefunden, dass bei einer Klärung der Abwässer Grenzkosten in Höhe von 1 €/m3 anfallen. Wenn sich folglich beide Seiten auf eine Kompensation von beispielsweise 1,5 €/ m3 verständigen, ist beiden geholfen. Das Unternehmen erhält für die Klärung eine Kompensation, die über den Grenzkosten der Schadensvermeidung liegt. Für die Kommune sinken die Grenzkosten der Schädigung von 2 €/m3 auf 1,5 €/m3. Eine solche Kompensation ist aus der Sicht der Kommune immer dann rational, wenn die Grenzschadenskosten (des Geschädigten) höher sind als die Grenzvermeidungskosten (des Schädigers). Wenn wir z. B. annehmen, die Kommune könnte die zusätzlichen Kosten der Wasseraufbereitung auf 0,5 €/m3 senken, wird sie nicht mehr bereit sein, eine Kompensation an das Unternehmen zu zahlen. Unterstellen wir nun, der Fluss gehöre der Kommune. Dann wird die Kommune von dem Unternehmen fordern, keine Abwässer in den Fluss einzuleiten. Das Unternehmen weiß, dass bei einer vollständigen Klärung der Abwässer in einer eigenen Anlage Kosten von 1 €/ m3 entstehen. Für die Kommune belaufen sich bei einer ungeklärten Einleitung die zusätzlichen Kosten der Wasseraufbereitung auf 2 €/m3. Das Unternehmen wird es unter dieser Bedingung vorziehen, die Klärung der Abwässer selbst vorzunehmen, weil die Grenzkosten der Schadensvermeidung (1 €/m3) niedriger sind als die Grenzschadenskosten der Kommune (2 €/m3). Denn wollte sich das Unternehmen das Einleitungsrecht von der Kommune erkaufen, müsste es mindestens 2 €/m3 bieten. Nehmen wir nun an, die zusätzlichen Kosten der Wasseraufbereitung wären bei ungeklärter Einleitung der Abwässer nur 0,5 €/m3. Wenn die Kommune nun das Unternehmen auffordert, keine ungeklärten Abwässer einzuleiten, wird das Unternehmen feststellen, dass seine Klärkosten je Kubikmeter höher sind als die Aufbereitungskosten der Kommune. Daher wird es der Kommune vorschlagen, gegen einen Beitrag von beispielsweise 0,75 €/m3 die Abwässer ungeklärt einleiten zu dürfen. Die Kommune wird diesem Vorschlag zustimmen, weil ihre Grenzschadenskosten mit 0,5 €/m3 niedriger sind als die Kompensationszahlung des Unternehmens. Das Unternehmen selbst spart ebenfalls, denn die zu zahlende Kompensation ist niedriger als seine Grenzvermeidungskosten. Die Gesamtwohlfahrt steigt, weil das Umweltproblem zu den geringstmöglichen Kosten gelöst wird. 8.2 Externe Effekte 371 Die Überlegungen zeigen, dass bei einer eindeutigen Definition der Eigentumsrechte zwischen den betroffenen Parteien Verhandlungen zu Stande kommen und über eine Internalisierung der externen Effekte eine effiziente Ressourcenallokation erreicht wird und zwar unabhängig davon, welcher Seite die Eigentumsrechte zugesprochen werden. Dieses Ergebnis ist bekannt als das Coase-Theorem. Es zeigt, dass Umweltprobleme nicht allein durch staatliche Eingriffe, sondern auch auf privatwirtschaftlicher Ebene durch Verhandlungen gelöst werden können. Außerdem macht es deutlich, dass die Durchsetzung des Verursacherprinzips als alleinige Strategie der Internalisierung externer Effekte nicht in jedem Fall eine effiziente Lösung darstellt. Vielmehr sind die Grenzvermeidungskosten des Verursachers/Schädigers den Grenzschadenskosten des Geschädigten gegenüberzustellen. Praxisbeispiel 8-1: Verhandlungen zur Lösung grenzüberschreitender Umweltprobleme Ein Beispiel für das Zustandekommen einer Verhandlungslösung bei grenzüberschreitenden Umweltproblemen ist das international privatrechtliche Vorgehen des Rotterdamer Hafens2. Um die Befahrbarkeit des Hafens zu sichern, muss die Stadt Rotterdam jährlich 23 Millionen Tonnen Schlick aus dem Hafen baggern. Als Folge der zunehmenden Belastung des Rheins mit Schwermetallen anfangs der 80er Jahre konnte der Schlick nicht mehr auf Felder ausgebracht oder in der Nordsee verklappt werden, sondern musste in einer rd. 200 Mio. NLG teuren Großdeponie gelagert werden. Um solche Kosten künftig zu vermeiden, initiierte die Stadt Rotterdam 1984 das „Projekt Onderzoek Rhijn“ (POR), das aus den drei Verfahrensschritten technische Untersuchungen, Öffentlichkeitsarbeit und juristische Umsetzung bestand. Im Rahmen der technischen Untersuchungen wurde die Verschmutzung des Rheins und seiner wichtigsten Nebenflüsse untersucht und durch umfangreiche Entnahmen von Wasserproben die größten Einleiter von fünf Schwermetallen ermittelt. Damit konnte auf Grundlage der Analysen und der Frachtberechnungen der Umfang der Einleitungen quantifiziert und ihr Anteil an der gesamten Rheinverschmutzung genau bestimmt werden. Mit der gleichzeitig einsetzenden PR Kampagne wollte die Stadt die Ziele und Aktivitäten des POR in Deutschland, Frankreich und der Schweiz bekannt machen. Dies sollte das allgemeine Bewusstsein stärken, wonach eine Verminderung der Schadstoffeinträge nötig sei. Außerdem sollte das Verhandlungsklima mit den Einleitern positiv beeinflusst werden. Bei der rechtlichen Umsetzung setzte die Stadt ganz überwiegend auf eine privatrechtliche Strategie. Der Schadensverursacher sollte für den Schaden verantwortlich sein. Gestützt wurde diese Auffassung durch den juristischen Erfolg niederländischer Gärtnereien gegen französische Kalibergwerke wegen Rheinversalzung. Wichtigstes Ergebnis der juristischen Umsetzung war der Entwurf einer Mustervereinbarung mit den Schadensverursachern. Erste Besprechungen mit Einleitern fanden 1986 statt. Dabei ging es um die Messungen über den Umfang der Einleitungen und die Probleme des Rotterdamer Hafens mit dem kontaminierten Baggerschlick. Nachdem die für die Schwermetallbelastungen verantwortlichen Einleiter identifiziert waren, begann die Stadt Rotterdam mit den betreffenden Industrieunternehmen, ihren Dachverbänden und Kommunen zu verhandeln. Bis 1994 konnten mit allen großen und einer Vielzahl kleinerer Punkteinleiter Vereinbarungen in vertraglicher Form oder als Garantieerklärung über die Reduktion der Einleitungen getroffen werden. Dabei nutzte der Rotterdamer Hafen seine Informationen als Tauschobjekt, indem er sich die Nichtverbreitung abhandeln ließ. Mit dieser Strategie konnte der Rotterdamer Hafen innerhalb von zehn Jahren einen großen Teil seiner Ziele verwirklichen. Allerdings benötigt die Stadt Rotterdam auch weiterhin Deponieraum für Hafenschlick, weil die diffusen, im Einzelnen nur schwer identifizierbaren Einleiter in den Vordergrund der Rheinbelastung gerückt sind. Wegen der großen Anzahl möglicher Einleiter sind die Möglichkeiten einer Verhandlungslösung begrenzt. Die Reduktionsmöglichkeiten sind hier nicht so wirksam. 2 Vgl. zum Folgenden Durth, R. (1996), S. 38 ff. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts372 Grenzen von Verhandlungen: Trittbrettfahrerproblem und Transaktionskosten Dass es in der Realität vielfach nicht zu Verhandlungen zwischen Verursachern und Betroffenen von Externalitäten kommt, kann mit den Annahmen des Theorems begründet werden. Diese besagen, dass es sich um zwei Beteiligte handelt und beim Zustandekommen der Verhandlungslösung keine Transaktionskosten entstehen. In Wirklichkeit haben wir es bei externen Effekten und insbesondere bei Umweltproblemen selten mit nur wenigen „Verursachern“ und wenigen „Geschädigten“ zu tun. Bei mehreren oder vielen Absendern externer Effekte, z. B. von Emissionen, ist es häufig schwierig, die Anteile der einzelnen Emittenten zu bestimmen. Andererseits ist die Reichweite der Effekte nicht immer klar, so dass die Zahl der Betroffenen nur unscharf abgegrenzt werden kann. Je mehr Beteiligte es aber auf jeder Verhandlungsseite gibt, desto schwieriger wird eine Verhandlungslösung, weil es immer problematischer wird, die Interessen zu organisieren. Bei vielen Beteiligten wird die Zusammenarbeit noch dadurch erschwert, dass das Trittbrettfahrerproblem auftritt. Einzelne Verhandlungspartner wollen selbst nichts zu einer effizienten Verhandlungslösung beitragen, obwohl ein gemeinsames Handeln auch ihnen Vorteile bringen würde. Eine weitere Ursache, die effiziente Verhandlungslösungen verhindern kann, sind Transaktionskosten. Unter Transaktionskosten fassen wir alle Kosten zusammen, die unmittelbar mit Markttransaktionen verbunden sind. Dazu zählen die Kosten für die Informationsbeschaffung, für das Aushandeln und den Abschluss von Verträgen sowie die Kosten für die Durchführung und Kontrolle von Vereinbarungen zwischen rivalisierenden Nutzern. Hohe Transaktionskosten können dazu führen, dass Verhandlungen erst gar nicht aufgenommen werden, wenn die Transaktionskosten höher sind als die von den Beteiligten erwarteten Gewinne. Dies ist umso eher der Fall, je mehr Betroffene an den Verhandlungen beteiligt sind. Eine effiziente Ressourcenallokation unterbleibt trotz bestehender Eigentumsrechte. In diesen Fällen wird man sich mit den externen Effekten arrangieren, oder es ergibt sich ein kollektiver Handlungsbedarf, so dass die Regierung im Auftrag der Bevölkerung interveniert und für eine Internalisierung des externen Effekts sorgt. Übung 8-1: Externe Effekte Beantworten Sie kurz folgende Fragen: a) In welcher Form können externe Effekte zwischen Wirtschaftssubjekten auftreten? b) Was heißt es, einen externen Effekt zu internalisieren? c) Welche Bedeutung haben Transaktionskosten für die Internalisierung externer Effekte? d) Was ist von der Forderung, negative externe Effekte zu verbieten, zu halten? Lösung: a) Bei externen Effekten zwischen zwei Wirtschaftssubjekten kann jedes Wirtschaftssubjekt sowohl Absender/Verursacher als auch Empfänger des externen Effekts sei. Die Auswirkungen des externen Effekts können sowohl in einer Nutzensteigerung, also positiv, als auch in einer Wohlfahrteinbuße, also negativ, bestehen. b) Eine Internalisierung eines externen Effekts erfolgt dann, wenn für die erzielte Nutzensteigerung bzw. für die erlittene Wohlfahrteinbuße eine Kompensation erfolgt. Damit werden die Wirkungen eines externen Effekts in die tauschwirtschaftliche Sphäre einbezogen. c) Zu den Kosten der Internalisierung zählen Kosten der Informationsbeschaffung über Ursachen und Ausmaß des externen Effekts, die Kosten der Vertragsverhandlungen und des Vertragsabschlusses und die Kosten der Vertragsdurchsetzung und Kontrolle. Bei sehr hohen Transaktionskosten kann eine Internalisierung unterbleiben oder staatliches Handeln erforderlich sein. 8.2 Externe Effekte 373 d) Ein Verbot negativer externer Effekte ist mit einem Rückgang gesellschaftlicher Wohlfahrt verbunden. Eine Produktion von Gütern steigert immer dann die gesellschaftliche Wohlfahrt, wenn die mit dem Konsum des Gutes verbundenen Grenznutzen höher sind als die sozialen Grenzkosten der Produktion. Bei einem Verbot des negativen externen Effekts müsste auch die Produktion des Gutes eingestellt werden. Damit würde aber auch der Nettowohlfahrtsgewinn aus dieser Güterproduktion entfallen. 8.2.4.2 Emissionsstandards und Grenzwerte Zur Internalisierung externer Kosten kann der Staat mit Auflagen oder Grenzwerten arbeiten. Tatsächlich setzen viele Maßnahmen zur Luftreinhaltung hier an. So wurden in der EU mit Hilfe von Grenzwerten für die Verwendung von Blei in Kraftstoffen die Bleiemissionen und über Abgasnormen der Schadstoffausstoß der Kraftfahrzeuge ständig gesenkt. In der Bundesrepublik unterliegen die Heizungsanlagen einer ständigen Kontrolle im Hinblick auf die Einhaltung bestimmter Grenzwerte. Regierungen arbeiten häufig mit Umweltauflagen und Grenzwerten, weil sie einfach anzuwenden, in der Regel leicht zu überwachen und aus Sicht der Regierung kostengünstig umzusetzen sind. Das Problem ist, dass Umweltauflagen ineffizient sind, weil bei ihrer Anwendung die Gesamtkosten der Vermeidung von Emissionen nicht minimiert werden. Grenzwerte minimieren nicht die Kosten zur Schadstoffvermeidung Die Minimierung der Kosten zur Schadstoffvermeidung erfordert, dass die Grenzkosten der Schadstoffvermeidung für alle Emittenten gleich hoch sind. Dies ist bei Emissionsgrenzwerten nicht der Fall, wie die folgende Grafik deutlich macht. In Abbildung 8-3 sind die Kurven GVK1 und GVK2 die Grenzvermeidungskosten zweier vergleichbarer Unternehmen mit einem angenommenen Schadstoffausstoß von 120.000 t pro Jahr. Die Grenzvermeidungskosten sind die Kosten, den man für die Vermeidung einer zusätzlichen Schadstoffmenge, wie z. B. einer zusätzlichen Tonne Schwefeldioxid, aufwenden muss. Diese Grenzkosten sinken umso mehr, je mehr Schadstoffe emittiert werden können. Sie sind null, wenn keine Schadstoffvermeidung vorgeschrieben ist. Aufgrund unterschiedlicher Umwelttechnologie habe das Unternehmen 1 höhere Vermeidungskosten als das Unternehmen 2. Nun beschließe die Regierung den Schadstoffausstoß zu halbieren. Als Grenzwert legt sie für jedes Unternehmen eine maximale Emission von 60.000 t Abgase fest. In diesem Fall hätte das Unternehmen 1 Grenzvermeidungskosten von 8 Euro für die zuletzt angefallene Emissionseinheit, während das Unternehmen 2 lediglich 4 Euro aufwenden muss. Im Durch schnitt beider Unternehmen betragen die Grenzkosten 6 Euro je Tonne. Es stellt sich die Frage, ob das Ziel einer Halbierung der Emissionen nicht kostengünstiger erreicht werden kann. Aufgrund des Verlaufs der Grenzvermeidungskosten wissen wir, dass eine Reduktion der Emissionen bei Unternehmen 2 kostengünstiger erreicht werden kann. Würde folglich das Unternehmen 2 seine Emissionen über 60.000 t hinaus einschränken, könnte das Unternehmen 1 seine Emissionen im selben Umfang ausdehnen. Da die Grenzkosten der Schadstoffvermeidung bei Unternehmen 1 stärker sinken als sie bei Unternehmen 2 steigen, wäre damit ein Effizienzgewinn verbunden und zwar solange, bis die Grenzkosten der Emissionsvermeidung für beide Unternehmen gleich sind. In der Abbildung 8-3 ist dies für beide Unternehmen erreicht bei Grenzkosten von 5,60 € je Tonne. Das Unternehmen 1 kann 72.000 t emittieren, während das Unternehmen 2 seine Emissionen auf 48.000 t begrenzt. Das Ziel der Halbierung der Emissionen ist so kostengünstiger erreicht. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts374 Offensichtlich hätte die Regierung dieses Ergebnis auch ohne Grenzwerte erreichen können, indem sie die Unternehmen mit einer einheitlichen Umweltabgabe in Höhe der Grenzvermeidungskosten von 5,60 € belastet hätte. Daher werden in vielen Fällen Steuern und Abgaben gegenüber Grenzwerten und Standards bevorzugt. Allerdings haben staatliche Gebote und Verbote dort ihre Berechtigung, wo gesundheitliche Grenzwerte eingehalten werden müssen. 8.2.4.3 Internalisierung externer Effekte durch Umweltsteuern Eine Alternative zur Festlegung von Grenzwerten ist die Besteuerung von Aktivitäten, die negative externe Effekte verursachen. Dieser Ansatz geht auf den englischen Ökonomen Pigou (1877 – 1959) zurück3. Er gilt als ein Pionier in der Entwicklung von Instrumenten zur Kontrolle und Vermeidung von Umweltproblemen. Die von ihm entwickelte Umweltsteuer zielt darauf ab, den negativen externen Effekt zu internalisieren. Mit der Besteuerung wird korrigiert, was der Markt versäumt hat, indem der Verursacher sozialer Kosten mit einer Steuer belegt wird, die den Kosten entspricht, die extern entstanden sind. Die Summe aus Steuer und privaten Grenzkosten entspricht im Idealfall den sozialen Grenzkosten der Produktion und führt so zu einer effizienten Ressourcenallokation. Mit der Pigou-Steuer kann der Staat somit das Marktversagen korrigieren. Internalisierung der externen Grenzkosten durch Umweltsteuer Die Idee und Wirkung der Pigou-Steuer sind in Abbildung 8-4 dargestellt. K’priv sind die privaten Grenzkosten der Produktion, die unter der Bedingung der Gewinnmaximierung das Marktangebot darstellen. Greift der Staat nicht ein, sind für die Unternehmen bei ihrer Produktionsentscheidung die privaten Grenzkosten relevant. Beim Preis p0 wird die Menge x0 produziert und abgesetzt. K’extern sind die externen Grenzkosten und K’ges die sozialen Grenzkosten der Produktion. Wenn der Staat eine Mengensteuer pro emittierte Schadenseinheit in Höhe der Differenz zwischen sozialen Grenzkosten und privaten Grenzkos- 3 Pigou, A. C. (1923). Abbildung 8-3: Reduzierung externer Effekte durch Auflagen oder Grenzwerte 0 2 4 6 8 10 12 14 30 60 90 120 € je t GVK1 GVK2 Emissionen in 1000 t 8.2 Externe Effekte 375 ten bei der Menge x0 erhebt, verschiebt sich die Angebotskurve um den Steuerbetrag von t € nach oben. Das neue Gleichgewicht ergibt sich im Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der A + t-Kurve. Im Gleichgewicht G* beträgt die Angebotsmenge x*, die zum Marktpreis p* abgesetzt wird. Dieses Marktergebnis ist ökonomisch effizient, weil die Konsumenten mit p* einen Preis zahlen, der ihrem Grenznutzen entspricht und zum Preis p* die sozialen Grenzkosten der Produktion gedeckt sind. Die Produzenten erzielen den Preis pP, der die privaten Grenzkosten deckt. Der Staat schließlich erhält eine Steuer in Höhe von t = p* – pP. Dieser Steuerbetrag entspricht exakt den externen Grenzkosten im Marktgleichgewicht. Damit sind die externen Grenzkosten in vollem Umfang internalisiert. Die Wohlfahrtwirkungen der Pigou-Steuer können in Abbildung 8-4 anhand der Renten dargestellt werden. Bei vollständiger Internalisierung externer Kosten durch die Steuer entspricht die Konsumentenrente der Fläche A, die Produzentenrente den Flächen JK. Das Steueraufkommen des Staates ist gegeben durch die Flächen BCHI. Externe Kosten sind in Höhe der Flächen CIK entstanden. Die Nettowohlfahrt ergibt sich somit aus der Summe der Konsumenten- und Produzentenrente, dem Steueraufkommen minus der externen Kosten. Sie entspricht der Summe der Flächen ABHJ. Dies stellt ein soziales Optimum dar. Somit ist durch Einsatz der Pigou-Steuer eine Pareto-effiziente Allokation bewirkt worden. Vorteile und Probleme von Umweltsteuern Umweltsteuern haben noch einen weiteren Vorteil. Sie schreiben den Unternehmen nicht vor, wie sie Umweltschäden vermeiden sollen. Die Unternehmen können ihre negativen externen Effekte mit den aus ihrer Sicht effizientesten Techniken vermeiden und damit die sozialen Kosten und als Folge davon ihre Steuerbelastung reduzieren. Ein Problem der Pigou-Steuer ist die genaue Bestimmung des Steuersatzes. Für eine präzise Anwendung müsste vor Einführung der Steuer bekannt sein, wie hoch die externen Grenzkosten nach Einführung der Steuer im Marktgleichgewicht sein werden. Der Staat verfügt aber nicht über die Informationen, um die Auswirkungen der Steuer auf die Umwelt korrekt abschätzen zu können. Diese Informationen liegen bei den Privaten und die privaten Verursacher des Umweltproblems haben kein Interesse, diese Informationen offen zulegen. Abbildung 8-4: Korrektur von Marktversagen mit der Pigou-Steuer x0 p0 x [Menge] p in € A N p* B G* C ' gesK ' externKI J G H x* pP t = AngebotK'priv K t K'priv + t = A + t 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts376 Aber auch wenn die exakte Festlegung der Steuer in vielen Fällen nicht möglich ist, sind Ökosteuern ein geeignetes Instrument zur Reduktion von Umweltbelastungen, weil sie einen Anreiz zur Schadstoffvermeidung darstellen und die Schadstoffreduktion zu minimalen Kosten erfolgt. Emittenten werden den Schadstoffausstoß solange reduzieren, solange die Grenzkosten zur Vermeidung von Schadstoffemissionen niedriger sind als der Steuersatz. Im Gleichgewicht werden sich – wie bereits in Abbildung 8-3 dargestellt – die Grenzvermeidungskosten der Emittenten angleichen, so dass die erreichte Reduktion von Schadstoffen zu den geringst möglichen Gesamtkosten realisiert wird. Übung 8-2: Internalisierung eines externen Effekts durch eine Umweltsteuer Die Nachfrage nach einer Chemikalie in 1000 t sei x = 1250 – 2,5p. Die Unternehmen in einem Wettbewerbsmarkt bieten dieses Produkt entsprechend ihrer aggregierten Grenzkostenkurve an. Sie lautet 'privK  = 45 + 0,3x, wobei x die Menge in 1000 t ist. Bei der Produktion treten externe Effekte in Form von Abwässern auf, die aber erst ab einer Produktionsmenge von über 100.000 t spürbar werden. Für darüber hinaus gehende Produktions mengen ergeben sich Umweltschäden. Die externen Grenzkosten lauten ' externK  = –18 + 0,16x. a) Wie lauten die sozialen Grenzkosten der Produktion? b) Welche Menge und welcher Preis ergeben sich in diesem Markt, wenn die Unternehmen bei der Gewinnmaximierung nur ihre privaten Grenzkosten zugrunde legen? c) Der Staat wolle die externen Kosten internalisieren. Wie hoch muss der Steuerbetrag in Euro sein, um eine effiziente Ressourcenallokation sicherzustellen. Welcher Marktpreis kommt zu Stande, welche Menge wird produziert und welchen Preis erzielen die Produzenten? d) Stellen Sie diesen Markt grafisch dar und bestimmen Sie die Marktgleichgewichte ohne Berücksichtigung bzw. unter Berücksichtigung der sozialen Grenzkosten. Lösung: a) Die sozialen Grenzkosten ergeben sich aus den privaten und den externen Grenzkosten: ' gesK = ' privK + ' externK = 45 + 0,3x –18 + 0,16x = 27 + 0,46x für x ≥ 100. b) Das privatwirtschaftliche Gewinnmaximum der Unternehmen ist dort, wo sich die Nachfragekurve und Angebotskurve schneiden. Die Angebotskurve entspricht den privaten Grenzkosten. Die Bedingung für das Gewinnmaximum lautet p = K’. Für das Gewinnmaximum gilt folglich 500 – 0,4x = 45 + 0,3x → 0,7x = 455 → x0 = 650 p0 = 500 – 0,4 · 650 = 240 Im Marktgleichgewicht kommt ein Preis von 240 € zustande. Zu diesem Preis wird eine Produktionsmenge von 650.000 t umgesetzt. c) Eine effiziente Ressourcenallokation liegt vor, wenn die sozialen Grenzkosten der Produktion gleich den Grenznutzen der Nachfrager sind. Um das Marktgleichgewicht einer optimalen Allokation zu bestimmen, gilt die Bedingung: Preis = soziale Grenzkosten: 500 – 0,4x = 27 + 0,46x → 0,86x = 473 → x* = 550 p* = 500 – 0,4 · 550 = 280 Werden den Unternehmen sämtliche Kosten der Produktion in Rechnung gestellt, wird die Menge von 550.000 t zum Preis von 280 € angeboten und nachgefragt. Bei einer Produktionsmenge von 550.000 betragen die externen Grenzkosten ' externK = –18 + 0,16 · 550 = 70 €. Dies ist der optimale Steuerbetrag. Der Preis, den die Produzenten erzielen, beträgt dann 280 – 70 = 210 €. Dieser Betrag entspricht exakt den Grenzkosten der Produktion bei einer Produktionsmenge von 550.000 t. 8.2 Externe Effekte 377 d) Grafische Darstellung: 0 100 200 300 400 500 250 500 750 1000 ' gesK ' externK A'priv = p0 x G p* G* N t t'priv + t p K K Abbildung 8-5: Internalisierung negativer externer Effekte durch eine Ökosteuer 8.2.4.4 Handelbare Emissionsrechte Handelbare Emissionsrechte sind eine wichtige Alternative zu Umweltschutzauflagen und Ökosteuern, weil sie die Probleme, die mit diesen beiden Instrumenten verbunden sind, vermeiden. Anstatt den Unternehmen über Auflagen zur Pflicht zu machen, ihre Emissionen bis zu einer bestimmten Obergrenze zu reduzieren, erhält jedes Unternehmen ein Emis sionsvolumen, bis zu dem Schadstoffemissionen erlaubt sind. Dazu legt der Staat das gesamte Emissionsvolumen fest und teilt den Unternehmen anteilige Emissionsrechte zu. Gleichzeitig schafft er die Rahmenbedingungen für einen Markt für Emissionsrechte und erlaubt den Unternehmen, diese Emissionsrechte zu handeln. So können sich Unternehmen, die mehr emittieren wollen, Emissionsrechte von Unternehmen kaufen, die ihr Emissionsvolumen nicht ausschöpfen, weil sie weniger produzieren und daher weniger Emissionen anfallen oder weil sie aufgrund von Umweltinvestitionen ihr Emissionsvolumen reduziert haben. Außerdem können sich Unternehmen mit hohen Grenzvermeidungskosten Emissionsrechte von Unternehmen mit niedrigeren Vermeidungskosten zukaufen. Unternehmen mit geringen Grenzvermeidungskosten verkaufen, Unternehmen mit hohen kaufen Emissionsrechte Die Funktionsweise von handelbaren Emissionsrechten lässt sich an Hand von Abbildung 8-3 illustrieren. In diesem Beispiel legt die Regierung ein Emissionsvolumen von 120.000 t CO2 Emissionen pro Jahr fest. Da die Unternehmen 1 und 2 gleich groß sind, bekommt jedes Unternehmen Emissionsrechte von 60.000 t zugeteilt. Nun hat Unternehmen 1 Grenzvermeidungskosten von 8 €/t und Unternehmen 2 Grenzvermeidungskosten von 4 €/t. Es wäre folglich für Unternehmen 1 interessant, dem Unternehmen 2 Emis sionsrechte zu einem Preis von unter 8 € abzukaufen. Für Unternehmen 2 wiederum wäre ein Verkauf von Emissionsrechten gewinnbringend, wenn der Preis, den es für ein Emissionsrechte bekommt, höher ist als seine Grenzvermeidungskosten. Das Unternehmen 2 verkauft Emissionsrechte und reduziert seine Emissionen, Unternehmen 1 kauft Rechte zu und emittiert mehr. Am Ende gewinnen beide. Das Unternehmen 2 erzielt einen Gewinn aus dem Verkauf der Emissionsrechte, wenn ein 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts378 Preis zu Stande kommt, der über seinen Grenzvermeidungskosten liegt, das Unternehmen 1 hat niedrigere Kosten der Schadstoffvermeidung, wenn der Preis der Emissionsrechte unter seinen Grenzvermeidungskosten liegt. Im Marktgleichgewicht ergibt sich ein Preis für die Emissionszertifikate, der den Grenzvermeidungskosten in den beiden Unternehmen entspricht. Damit erfolgt die CO2 Reduktion zu den geringstmöglichen Kosten. Der Preis eines Emissionszertifikates zur Vermeidung einer Tonne Schadstoffe ist im Marktgleichgewicht gerade so hoch wie die Höhe der Pigou-Steuer, die der Staat festsetzen müsste, um die gleiche Menge an Emissionen am kostengünstigsten zu vermeiden. Aber bei Emissionsrechten müssen die staatlichen Behörden lediglich das insgesamt angestrebte Reduktionsvolumen festlegen und in dem entsprechenden Umfang Zertifikate ausgeben. Dann entscheidet der Markt über die Höhe des Preises der Zertifikate. Die Informationen, die der Staat benötigt, um die genaue Höhe der Steuer festlegen zu können, werden von den Unternehmen bei der Festlegung der Zertifikatpreise automatisch offen gelegt. Praxisbeispiel 8-2: Ausgestaltung des Handels mit Emissionsrechten in Deutschland Bei der Ausgestaltung des Emissionshandels müssen folgende Probleme gelöst werden: a) Es ist die Gesamtmenge an zulässigen Emissionen festzulegen und zu entscheiden, welche Sektoren in den Handel einbezogen werden sollen. b) Die Gesamtmenge der Emissionsrechte ist auf die einzelnen Unternehmen/Anlagen aufzuteilen (Allokation der Emissionsrechte). c) Der Gesetzgeber muss durch Regelungen sicherstellen, dass die Rechte auch gehandelt werden können. d) Es muss kontrolliert werden, dass die tatsächlichen Emissionsmengen durch gleich hohe Emissionsrechte gedeckt sind. Bei Zielverletzungen sind Sanktionen vorzusehen. a) Gesamtmenge an zulässigen Emissionen und einbezogene Sektoren4 Aufgrund des Kyoto Protokolls sowie des EU internen Burden Sharings ergibt sich für die Bundesrepublik ausgehend von der Basis 1990/1995 bis 2008/2012 eine Reduktionsverpflichtung der CO2-Emissionen von 21 %. Daraus wurden Emissionsbudgets für die einzelnen Sektoren abgeleitet, die in Tabelle 8-2 zusammengestellt sind. Tabelle 8-2: CO2-Emissionen nach Energiebilanz-Sektoren von 1990 – 2002 sowie Emissionsbudgets für die Perioden 2005 – 2007 und 2008 – 2012 (Mio. t CO2 pro Jahr) Zeitraum In den Handel einbezogene Sektoren Übrige Sektoren Insgesamt Basis 1990/1995 636 378 1014 Durchschnitt 2000/2002 533 358 891 Zuteilung 2005/2007 503 356 859 Zuteilung 2008/2012 453 351 804 Die Treibhausgasemittenten werden in Deutschland fünf Makrosektoren zugeordnet: Energiewirtschaft, Industrie, Handel/Gewerbe/Dienstleistungen, Verkehr, Haushalte. Zur Teilnahme am 4 Vgl zum Folgenden Nationaler Allokationsplan für die Bundesrepublik Deutschland 2005 – 2007, Bundesministerium für Umwelt, Internet http://www.bmu.de/emissionshandel/doc/5721.php, 8.5.2006, Nationaler Allokationsplan 2008 – 2012 für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2006, http://www.bmu.de/files/emissionshandel/downloads/application/pdf/nap_2008_2012.pdf, 28.4.2011 sowie ausführliche Informationen unter http://www.emissionshandel-fichtner.de/. 8.2 Externe Effekte 379 Emissionshandel sind im ersten Schritt energieintensive Unternehmen aus den Sektoren Industrie und Energiewirtschaft verpflichtet. Insgesamt sind die Betreiber von etwa 1850 Anlagen (ca. 55 % der Emissionen) in den Handel einbezogen. Nach europäischem Recht werden ab dem Jahr 2012 der Luftverkehr und ab 2013 weitere emissionsintensive Industriebranchen in den Emissionshandel einbezogen. Die Gesamtemissionsmenge für alle emissionshandelspflichtigen Anlagen sinkt ab 2013 kontinuierlich um 1,74 Prozent pro Jahr. b) Allokation der Emissionsrechte Gemäß Artikel 9 der EU Richtlinie müssen die Mitgliedsstaaten für jede Verpflichtungsphase einen Nationalen Allokationsplan (NAP) erstellen und diesen der EU-Kommission zur Genehmigung einreichen. Darin werden die Gesamtmenge der zuzuteilenden Emissionsrechte sowie die vorgesehene Aufteilung auf die betroffenen Anlagen festgelegt. Für bestehende Anlagen wird als Allokationsmethode die Zuteilung auf Basis historischer Emissionen angewandt. Die Zuteilung von Emissionsberechtigungen für eine Anlage ergibt sich dabei aus der Multiplikation der historischen, jahresdurchschnittlichen CO2-Emissionen der Anlage in der Basisperiode mit einem einheitlichen Erfüllungsfaktor. Seit dem 01.01.2010 werden 10 Prozent des Zertifikate-Budgets auf Grundlage der Emissionshandels-Versteigerungsverordnung versteigert. Ab 2013 werden sämtliche Zertifikate auf Grundlage der Emissionshandels-Versteigerungsverordnung versteigert. c) Ausgestaltung des Handelssystems Rechtsgrundlage für den Emissionshandel ist das Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz (TEHG), das am 15.07.04 in Kraft getreten ist. Es regelt die grundlegenden Strukturen der nationalen Umsetzung des Emissionshandels (Genehmigung, Emissionsberichte und Überwachung, Verfahren für den Allokationsplan und die Zuteilung, Verwaltung und Handel der Zertifikate, Sanktionen). Für diese Aufgaben wird eine Emissionshandelsstelle geschaffen. Die Zuteilung der Emissionszertifikate erfolgt jährlich am 28.02. auf so genannten „Operator Holding Accounts“. Auf diesen Online-Konten werden Vergabe, Besitz, Übertragung und Löschung von Zertifikaten verbucht. Bei einer Übertragung von Zertifikaten weist der Verkäufer die kontoführende Stelle an, den Rechtetransfer auf dem Konto des Erwerbers einzutragen. Der Rechtsrahmen des Handelssystems legt nicht fest, wie und wo der Handel mit Zertifikaten stattfindet. Unternehmen/Personen können Zertifikate direkt untereinander handeln oder über einen Makler oder einen anderen Marktmittler kaufen bzw. verkaufen. In der Bundesrepublik werden Zertifikate u. a. an der Strombörse in Leipzig gehandelt. Abbildung 8-6 zeigt, wie sich der Preis eines Emissionszertifikats für die Emission einer Tonne CO2 2012/13 entwickelt hat. Die Zertifikatspreise wiesen erhebliche Schwankungen auf. Der Preis lag zu Beginn des Emissionshandels bei 20 bis 25 €/t CO2. Ein starker Preiseinbruch am Ende der ersten Abrechnungsperiode 2007 war darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen in vielen Ländern sehr großzügig mit Emissionsrechten ausgestattet wurden. Nach in Krafttreten des NAP II 2008 ist der Preis pro Tonne CO2 aufgrund der restriktiveren Zuteilung rasch angestiegen und schwankte zwischen 2009 und 2011 zwischen 14 bis 16 €/t CO2. In den letzten 12 Monaten ist der Kohlenstoffpreises auf rund 4–5 € je Tonne gesunken. Ursache dafür ist, dass sich im EU Handelssystem ein Überschuss an Zertifikaten angesammelt hat, der von der Kommission auf nahezu 2 Mrd. Zertifikate geschätzt wird. Ursache hierfür ist die Kombination aus einem Rückgang der Nachfrage nach Zertifikaten infolge der Wirtschaftskrise bzw. ein zu geringes Ambitionsniveau in den ersten beiden Handelsperioden. d) Kontrolle der Emissionsmengen und -rechte, Sanktionen bei Zielverletzungen Bis zum 31.03. des Folgejahres muss für jede Anlage ein zertifizierter Bericht über den CO2- Ausstoß im Vorjahr erstellt werden, aus dem die Differenz zwischen verfügbaren und tatsächlich benötigten Emissionsrechten hervorgeht. Hat ein Unternehmen weniger CO2 ausgestoßen als es an Rechten hält, kann es die Überschüsse in das nächste Jahr übertragen (Banking) oder auf dem Markt verkaufen. Hat ein Unternehmen mehr CO2 ausgestoßen als es an Berechtigungen hält, ist es verpflichtet, die Lücke zu schließen. Dazu kann es die entsprechende Emissionsrechte auf dem Markt zukaufen oder Emissionsberechtigungen aus dem folgenden Jahr als Ausgleich für Emissionsüberschreitungen des Vorjahres einsetzen („periodenbegrenztes borrowing“). Falls dieser Ausgleich nicht bis zum 30.04. nach dem jeweiligen Berichtsjahr erfolgt, werden Strafzahlungen in Höhe von 100 EUR/t CO2 fällig. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts380 5 8.3 Öffentliche Güter 8.3.1 Definition und Abgrenzung öffentlicher Güter Am Beispiel des historisch wertvollen Gebäudes haben wir gesehen, dass die Vorteile der Restaurierung nicht nur dem Eigentümer zu Gute kommen, sondern auch Dritte davon einen Vorteil haben. Dies wird dazu führen, dass sich der Eigentümer an seinen eigenen Vorteilen orientiert und das Gebäude nur in dem Umfang restauriert, den er unter seinen Kostenaspekten für vertretbar hält. Im Ergebnis wird der Umfang der Restauration hinter dem zurückbleiben, was für den Erhalt des historischen Stadtbildes wünschenswert wäre. Daher wird die Kommune den Eigentümern historischer Gebäude einen Zuschuss gewähren, um eine aus gesellschaftlicher Sicht optimale Instandsetzung zu gewährleisten. Es gibt jedoch Güter, bei denen die gesellschaftlichen Nutzen so hoch sind, die privaten Vorteile im Vergleich zu den erforderlichen Kosten aber so niedrig, dass niemand bereit sein wird, dieses Gut herzustellen, obwohl mit seiner Produktion hohe gesellschaftliche Nutzen verbunden sind. Solche Güter bezeichnet man als öffentliche Güter. Öffentliche Güter: Nichtrivalität im Konsum und Nichtausschließbarkeit Öffentliche Güter weisen zwei Eigenschaften auf. Es herrscht Nichtrivalität im Konsum und Nichtausschließbarkeit. Jeder Akteur, der ein Gut oder eine Dienstleistung produziert und am Markt anbietet, muss in der Lage sein, all diejenigen Konsumenten oder Nutzer des Gutes vom Konsum oder der Nutzung auszuschließen, die nicht bereit sind, für das Gut oder die Dienstleistung zu bezahlen. Nur wenn das Ausschlussprinzip des Marktes funktioniert, können Unternehmen aus dem Verkauf der Güter und Dienste die Erlöse erwirtschaften, die für die Deckung der Produktionskosten benötigt werden. Damit dieses Ausschlussprinzip durchgesetzt werden kann, müssen Eigentumsrechte an den Gütern festgelegt werden, und der Inhaber dieser Eigentumsrechte muss in der Lage sein, alle diejenigen, die für das Gut nicht zu zahlen bereit sind, vom Konsum auszuschließen. Die Durchsetzung dieses Ausschlussprinzips muss nicht nur technisch, sondern auch zu 5 Quelle: Strombörse Leipzig, Internet: http://www.eex.com/de/Marktdaten/Handelsdaten/Emissionsrechte/Emission Allowances | Spotmarkt/EU Emission Allowances Chart | Spotmarkt/ spot-eua-chart/2011-04-28/0/0/a, Download am 30.9.2013. Abbildung 8-6: Preisentwicklung eines Emissionszertifikats am Spotmarkt der Leipziger  Strombörse5 8.3 Öffentliche Güter 381 wirtschaftlich vertretbaren Kosten möglich sein. Zur Durchsetzung des Ausschlussprinzips sind kostenträchtige Maßnahmen erforderlich, wie z. B. Sicherungseinrichtungen gegen unberechtigte Nutzung oder unbefugten Zugang, Kassiereinrichtungen, Abschluss von Verträgen und deren Durchsetzung usw. Bei öffentlichen Gütern ist ein Ausschluss vom Konsum nicht möglich. Ist das Gut erst einmal produziert, kann es von allen konsumiert werden, selbst wenn sie nichts dafür zahlen. Ein Beispiel dafür ist die äußere Sicherheit durch Landesverteidigung. Bei einem Gut liegt Rivalität im Konsum vor, wenn zwei Leute nicht gleichzeitig dieselbe Einheit konsumieren können. Wenn jemand eine Tafel Schokolade kauft, kann er selbst über die Schokolade verfügen. Er muss niemanden daran partizipieren lassen. Wenn er sie isst, kann niemand anderer diese Tafel Schokolade verzehren. Nichtrivalität im Konsum bedeutet dagegen, dass die Menge eines Gutes, die von einer Person konsumiert wird, unabhängig davon ist, welche Mengen andere Personen von dem Gut konsumieren. Wenn zum Beispiel jemand als Rundfunkanbieter ein Radioprogramm anbietet und dazu ein öffentliches Rundfunksignal sendet, wird der Hörgenuss eines Hörers nicht dadurch beeinträchtigt, dass gleichzeitig tausende anderer Leute das gleiche Programm hören. Die Grenzkosten, die entstehen, wenn eine weitere Person das Radioprogramm hört, sind null. Wenn wir die beiden Gütereigenschaften kombinieren, erhalten wir 4 Güterkategorien, die in der folgenden Tabelle 8-3 zusammengestellt sind. Private Güter erfüllen die Eigenschaft der Rivalität im Konsum und der Ausschließbarkeit, während bei reinen öffentlichen Gütern die beiden Merkmale nicht erfüllt sind. Klassische Beispiele dafür sind die Bereitstellung äußerer und innerer Sicherheit durch Landesverteidigung und Polizei und Justiz. Tabelle 8-3: Klassifizierung der Güter nach Rivalität und Ausschlussmöglichkeit Rivalität im Konsum Nichtrivalität (bis zur Kapazitätsgrenze) Ausschluss möglich Private Güter Wohnung, Nahrung, Auto, Computer, Flugticket, Kino Club- oder Mautgüter Museen, Kunstgalerien, Straßen und Brücken, Pay TV, Kabelfernsehen Ausschluss nicht möglich Allmendegüter Luft, Fische in den Ozeanen, Wanderwege im Gebirge Öffentliche Güter Landesverteidigung, Öffentliche Sicherheit, Freies Fernsehen Aus Tabelle 8-3 wird deutlich, dass zahlreiche Güter, die vom Staat bereitgestellt werden, keine öffentlichen Güter i. e. S. sind. Soweit das Ausschlussprinzip durchsetzbar ist, könnten zahlreiche, staatlich bereitgestellte Güter auch von privaten Unternehmen produziert und angeboten werden. Beispiele dafür sind das Kabelfernsehen oder Pay TV-Sender. Mit modernen Technologien kann nicht nur auf Autobahnen, sondern auch auf weiteren Straßen das Ausschlussprinzip durchgesetzt und eine nutzungsabhängige Preissetzung eingeführt werden. Dann könnten diese Güter auch von privaten Unternehmen bereitgestellt werden. Soweit allerdings bei privatwirtschaftlicher Produktion externe Erträge anfallen, kommt es zu einer aus gesellschaftlicher Sicht zu geringen Angebotsmenge, die dann gegebenenfalls ein staatliches Handeln erfordert. So finden wir in vielen Ländern gleichzeitig private und öffentliche Hochschulen. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts382 Ein besonderes Problem ergibt sich, wenn bestimmte Ressourcen allen zugänglich sind, aber gleichzeitig der Umfang, in dem eine Person die Ressource nutzt, die Nutzungsmöglichkeiten anderer Nutzer einschränkt. Ein Beispiel dafür ist die Meeresfischerei oder der Walfang. Bei solchen Gütern spricht man von Gemeineigentum oder so genannten Allmendegütern. Die Problematik dieser Güter wird im folgenden Abschnitt untersucht. 8.3.2 Optimale Bereitstellung öffentlicher Güter Eine effiziente Allokation bei der Bereitstellung privater Güter erfordert, dass der Grenznutzen, den die zuletzt konsumierte Einheit stiftet, gerade so hoch ist wie die Grenzkosten, die bei ihrer Produktion entstanden sind. Dieses Prinzip gilt auch für die Bereitstellung öffentlicher Güter. Dabei sind die Grenzkosten der Ressourceneinsatz, der erforderlich ist, um eine zusätzliche Mengeneinheit zu produzieren. Der Grenznutzen entspricht der marginalen Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für die Bereitstellung einer zusätzlichen Mengeneinheit. Aufgrund der Eigenschaften öffentlicher Güter kommen alle Konsumenten in den Genuss einer zusätzlich produzierten Mengeneinheit, so dass die sozialen Grenznutzen den Grenzkosten gegenüberzustellen sind. Der soziale Grenznutzen entspricht dabei der Summe des Grenznutzens, den die Konsumenten aus der Bereitstellung einer zusätzlichen Mengeneinheit ableiten. Um das Prinzip der effizienten Bereitstellung öffentlicher Güter zu illustrieren, betrachten wir folgendes Beispiel. Eine Kommune plane die Bereitstellung eines öffentlichen Parks. Aufgrund der Planungen erwarte sie konstante Grenzkosten in Höhe von 3.500 € für jeden zusätzlichen Hektar. Für die Verantwortlichen stellt sich die Frage, welches die optimale Größe des Parks ist. Um unsere Darstellung einfach zu halten, beschränken wir uns auf zwei Einwohner. In Abbildung 8-7 sind die Nachfragekurven der beiden Bürger mit N1 und N2 dargestellt. Die Nachfragekurven beschreiben den Grenznutzen, den jeder von ihnen bei einer Vergrößerung des Parks um einen zusätzlichen Hektar hat. Dieser Grenznutzen entspricht zugleich der marginalen Zahlungsbereitschaft für einen zusätzlichen Hektar Park. So misst z. B. Abbildung 8-7: Effiziente Bereitstellung öffentlicher Güter 0 p1 = 1000 2000 3000 4000 20 40 60 100 x [ha] p in € N1+2 80 N1 K’ = 3500 N2 p2 = 2500 G 8.3 Öffentliche Güter 383 der erste Konsument dem 20. Hektar einen Grenznutzen bei, der dem Gegenwert von 2.500 € entspricht, während Konsument 2 diesem Hektar einen Wert von 1.000 € beimisst. Da beide Konsumenten zunächst für jeden zusätzlichen Hektar Park einen Nutzenzuwachs erfahren, ergibt sich der soziale Grenznutzen dadurch, dass man für jede zusätzliche Mengeneinheit die Grenznutzen der beiden Bürger vertikal addiert. Daraus ergibt sich die N1+2-Kurve als gesellschaftliche Nachfragekurve. Diese repräsentiert zugleich die marginale Zahlungsbereitschaft der beteiligten Bürger. Die aus Sicht der Bürger optimale Größe des Parks ist dort, wo der soziale Grenznutzen eines zusätzlichen Hektars gerade den Grenzkosten entspricht. Dies ist der Fall im Punkt G. Der 20. Hektar verursacht Grenzkosten in Höhe von 3.500 €. Der Nutzen, den die Bürger diesem Hektar beimessen, entspricht in der Summe einem Wert von ebenfalls 3.500 €. Eine Parkgröße von 20 ha wäre somit optimal. Würde man einen größeren Park bauen, wären bei jedem zusätzlichen Hektar die Kosten höher als der Nutzenzuwachs. Dies wäre eine Verschwendung von Ressourcen. Bei einer geringeren Menge als 20 ha sind die Grenznutzen höher als die Grenzkosten. In diesem Fall könnte mit einer Ausdehnung des Parks die soziale Wohlfahrt gesteigert werden. Öffentliche Bereitstellung von Gütern, wenn die Zahlungsbereitschaft der einzelnen Bürger niedriger ist als die Grenzkosten Die Abbildung 8-7 gibt uns auch eine Antwort auf die Frage, warum der Park nicht von einem privaten Unternehmen bereitgestellt wird. In unserem Beispiel verläuft die Grenzkostenkurve im gesamten Bereich über den individuellen Nachfragekurven, das heißt, die Zahlungsbereitschaft jedes einzelnen Bürgers ist niedriger als die Grenzkosten, so dass ein Unternehmen zu keinem Zeitpunkt einen kostendeckenden Preis verlangen und durchsetzen kann. Ein Beispiel dafür ist etwa die Verwendung von Forschungsergebnissen. Werden Forschungsergebnisse bekannt und von Konkurrenten zur Nachahmung von Produkten verwendet, sinkt der Preis des Gutes. Wenn als Folge davon das Risiko steigt, dass das Unternehmen die Forschungskosten nicht mehr über den Produktpreis hereinholen kann, wird sich das Unternehmen aus der Forschung zurückziehen. 8.3.3 Finanzierung öffentlicher Güter Die Regel für die optimale Bereitstellung öffentlicher Güter liefert uns gleichzeitig auch eine Information, in welchem Umfang der einzelne für die Bereitstellung öffentlicher Güter an den Kosten beteiligt werden soll. Danach sollten die betreffenden Bürger in dem Umfang an der Finanzierung öffentlicher Güter beteiligt werden, der ihrer eigenen Zahlungsbereitschaft entspricht. In unserem Beispiel würde also der Konsument 1 einen Betrag von 2.500 € je Hektar und der Konsument 2 den Betrag von 1.000 € je Hektar übernehmen. Trittbrettfahrer: Bürger werden ihre Zahlungsbereitschaft freiwillig nicht offen legen Allerdings ist es in der Praxis nicht möglich, die individuelle Zahlungsbereitschaft zu ermitteln, und die Bürger ihrerseits werden freiwillig nicht offen legen, was ihnen die Bereitstellung eines öffentlichen Gutes wert ist. Weil das Ausschlussprinzip nicht funktioniert, hat jeder Bürger einen Anreiz, den persönlichen Wert des öffentlichen Gutes möglichst niedrig anzugeben, solange er davon ausgehen kann, dass die anderen Bürger nur ein 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts384 genügend großes Interesse an der Bereitstellung haben. Dieses Verhalten bezeichnet man als Trittbrettfahrerproblem. Es macht jede Zurechnung der Kosten öffentlicher Güter, die sich an den individuellen Nutzen orientiert, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Als Alternative bleiben daher nur die staatliche Bereitstellung öffentlicher Güter und deren Finanzierung über Steuern. Die Steuerbelastung orientiert sich jedoch nicht an der individuellen Zahlungsbereitschaft der Mitbürger. Wenn etwa unser Park durch eine Umlage oder Kopfsteuer finanziert würde, würde der Konsument 1 zusätzlich begünstigt, weil seine Finanzierungslast niedriger ist als seine individuelle Zahlungsbereitschaft. Konsument 2 wäre hingegen benachteiligt, weil sein Finanzierungsbeitrag höher ist als sein Grenznutzen. Weil aber der Staat über sein Budget zahlreiche Güter bereitstellt, die den einzelnen Bürgern unterschiedlich viel wert sind, wäre es denkbar, dass sich die individuellen Unterschiede in der Tendenz ausgleichen6. 8.4 Gemeineigentum Wie in Tabelle 8-3 dargestellt, sind Güter im Gemeineigentum Kollektivgüter, weil das Ausschlussprinzip nicht funktioniert. Sie haben aber auch den Charakter von privaten Gütern, weil Rivalität im Konsum gegeben ist. Der Grund liegt darin, dass die Ressource in Gemeineigentum begrenzt ist und jeder zusätzliche Nutzer dieser Ressource die Erträge der bisherigen Nutzer beschränkt oder reduziert. Dieses Problem stellte sich im Mittelalter beim Kollektiveigentum an Allmenden. Das waren gemeinsam genutzte Wiesen und Wälder, die von den Dorfbewohnern unbeschränkt als Viehweiden genutzt werden konnten. Die Folge war eine Übernutzung, weil zu viel Vieh auf die Weiden getrieben wurde. Ähnliche Probleme stellen sich bei der Hochseefischerei, soweit die Fanggründe nicht in den nationalen Hoheitsgewässern liegen und der jeweilige Staat Fangbeschränkungen erlässt. Weitere Beispiele für Ressourcen in Gemeineigentum sind die Luft, der tropische Regenwald oder Wildbestände. So betrachteten die Siedler in Amerika die riesigen Büffelherden als Ressource in Gemeineigentum, die wegen ihrer Häute fast bis zur Ausrottung gejagt wurden. Um das Problem der Übernutzung eines Gemeinschaftsgutes zu verstehen, betrachten wir folgendes Beispiel (vgl. Tabelle 8-4). Nehmen wir an, an einem großen See, z. B. dem Bodensee würden derzeit fünf Fischer ihren Beruf ausüben. Jeder von ihnen fängt durchschnittlich 2.000 t Fisch pro Jahr. Dieser Fang könne zu einem Preis von 25 € je Kilogramm verkauft werden. In der Ausgangssituation erzielen die Fischer einen durchschnittlichen Erlös von 50.000 €. Die Kosten (Boot, Netze, Arbeitszeit) seien bei allen Fischern gleich hoch und beliefen sich auf jährlich 35.000 €, so dass pro Fischer ein Jahresgewinn in Höhe von 15.000 € erzielt werde. 6 Siehe dazu auch die Ausführungen zu den Steuererhebungsprinzipien in Kapitel 3.5.1.3. 8.4 Gemeineigentum 385 Tabelle 8-4: Auswirkungen des Markteintritts bei Gemeineigentum Anzahl der Fischer Gesamterlös aller Fischer Durchschnittserlös Grenzerlös Gesamtkosten Grenzkosten = Ø-kosten Gesamtgewinn Durchschnittsgewinn 5 250 000 50 000 175 000 35 000 75 000 15 000 6 279 000 46 500 29 000 210 000 35 000 69 000 11 500 7 297 500 42 500 18 500 245 000 35 000 52 500 7 500 8 310 000 38 750 12 500 280 000 35 000 30 000 3 750 9 315 000 35 000 5 000 315 000 35 000 0 0 Nun haben wir im Modell der vollkommenen Konkurrenz gelernt, dass durch Gewinne in einem Markt Marktzutritte induziert werden. Die Auswirkungen dieser Markteintritte sind beispielhaft in der Tabelle 8-4 dargestellt. Wenn ausgehend von fünf bestehenden Fischern ein weiterer Fischer seinen Betrieb aufnimmt, muss er sich den bestehenden Fischbestand mit den bisherigen Fischern teilen mit der Folge, dass das durchschnittliche Fangergebnis bei allen Fischern zurückgeht. Diese sozialen Kosten, die bei den bestehenden Nutzern des Sees entstehen, berücksichtigt der neu eintretende Kollege nicht, denn er vergleicht seinen Erlöszuwachs (= sein Durchschnittserlös) in Höhe von 46.500 € mit seinen Kosten und stellt fest, dass er einen Gewinn in Höhe von 11.500 € erwirtschaftet hat. Zwei weitere Fischer vergleichen ebenfalls ihren Umsatz mit ihren Kosten und erzielen auch noch bescheidene Gewinne. Sind insgesamt 9 Fischer am See tätig, ist für jeden der Durchschnittserlös gerade so hoch wie die Durchschnittskosten. Die Gesamtkosten aller Fischer sind gerade gedeckt mit den Erlösen, die aus der gemeinsamen Nutzung des Sees erzielt werden. Der Vergleich von Durchschnittserlösen mit den privaten Grenzkosten führt dazu, dass zu viel Fisch produziert wird, der See folglich überfischt wird. Der Grund dafür ist, dass bei der Nutzung einer gemeinsamen Ressource, die zusätzlichen Erlöse, die durch einen Markteintritt generiert werden, den zusätzlichen Kosten dieses Markteintritts gegen- übergestellt werden müssen. Betrachten wir z. B. die Auswirkungen des Markteintritts des 6. Fischers. Der zusätzliche Fang, den er erzielt, erbringt einen Erlöszuwachs von 29.000 €. Dafür sind zusätzliche Kosten in Höhe von 35.000 € entstanden. Folglich waren die mit dem Markteintritt verbundenen Grenzkosten höher als der dadurch erzielte Erlöszuwachs, so dass der Gesamtgewinn aller Fischer gesunken ist. Weil aber jeder neu eintretende Fischer seinen Durchschnittserlös als seinen Erlöszuwachs betrachtet und diesen seinen privaten Grenzkosten gegenüberstellt, die sozialen Kosten der übrigen Fischer aber ignoriert, kommt es zu einer zu hohen Produktionsmenge und zu einer Übernutzung des Sees. Lösung des Problems der Übernutzung Eine Lösung des Problems der Übernutzung kann nur durch den Staat erfolgen, indem er den Zugang zu Gemeinschaftsgütern reguliert. Dazu muss er das optimale Niveau einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen festlegen und im Falle einer Übernutzung die Überkapazitäten durch Schließung und Stilllegung abbauen. Die weitere Nutzung muss reguliert werden, indem Marktzutritte und das Produktionsniveau durch Festlegung von Quoten begrenzt werden. Häufig reguliert der Staat den Zugang zu einer 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts386 Ressource auch durch Lizenzen. So kann man einen Radiosender nur betreiben, wenn man eine Lizenz für die Nutzung einer Sendefrequenz erwirbt. Häufig sind Gemeinschaftsgüter in ihrer Ausdehnung so groß, dass sie von einem Staat allein gar nicht kontrolliert werden können. Im Falle von Fischgründen oder Rohstoffen haben deshalb einzelne Länder ihr Hoheitsgebiet über die 12 Meilenzone hinaus ausgedehnt, um die wirtschaftliche Nutzung kontrollieren zu können. In vielen Fällen sind aber Verhandlungen erforderlich, um das Problem zu lösen. Beispiele dafür sind die Fischgründe vor Neufundland, die außerhalb der 12 Meilen Zone Kanadas von zahlreichen Nationen intensiv befischt wurden, so dass die kanadische Regierung der EU ein räuberisches Überfischen vorwarf. In den darauf folgenden Verhandlungen haben die EU und Kanada Fangquoten vereinbart. Das Problem bei international vereinbarten Fangquoten ist allerdings deren Überwachung. Sie ist kostenintensiv und die Beweisführung ist häufig schwierig. Ein dritter Weg zur Lösung des Problems der Übernutzung ist die Privatisierung des Gemeinschaftsgutes. In Deutschland wurden die gemeinschaftlich genutzten Weideflächen nach und nach abgelöst, indem das Gemeinschaftseigentum in Einzelnutzungsrechte aufgespalten wurde. Der alleinige Nutzer konnte andere Allmendeberechtigte von der weiteren Nutzung der Weideflächen ausschließen, was zu einer effizienten Landnutzung unter quasi privater Eigentümerschaft führte. 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 8.5.1 Formen unvollständiger Information Der mikroökonomischen Theorie mit der neoklassischen Annahme der vollständigen Information liegt ein instrumentales Rationalitätskonzept zu Grunde. Dies setzt drei Arten von Informationen als gegeben voraus: • Für ein Wirtschaftssubjekt müssen die Handlungsalternativen bekannt sein. • Es muss Informationen haben über die Folgen seiner Entscheidungen. • Man benötigt ein Verfahren zur Auswahl der besten Alternative. Dies impliziert, dass für die Beschaffung der Informationen über Handlungsalternativen und Handlungsfolgen keine Kosten aufgewendet werden müssen und diese Informationen allen Interessierten frei zur Verfügung stehen. Diese Annahme ist in vieler Hinsicht realitätsfremd, denn jeder, der sich eine Wohnung suchen muss, weiß, wie zeit- und kostenintensiv eine Wohnungssuche sein kann. Dies bedeutet, dass der Suchprozess, der Vertragsabschluss usw. sowohl für den Käufer als auch für den Verkäufer Kosten verursachen, so dass in der Regel unvollständige Information vorliegt. Darüber hinaus ist es häufig der Fall, dass die relevanten Informationen zwischen den beteiligten Akteuren ungleich verteilt sind. Die Fälle unvollständiger Informationen und asymmetrischer Informationen sind wichtige Bereiche der Neuen Institutionenökonomik und der Informationsökonomik. Die wichtigsten Bereiche der Neuen Institutionenökonomik sind • die Theorie der Verfügungsrechte (Property Rights), • die Anreiz- und Vertragstheorie, die sich in wichtigen Teilen mit der Informationsökonomik überschneidet, und • die Transaktionskostentheorie. 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 387 Tabelle 8-5: Einordnung ausgewählter Zweige der ökonomischen Theorie7 Ausmaß der Rationalität Utilitaristisches Verhalten bei Einhaltung der Regeln bei Nichteinhaltung der Regeln (Opportunismus) vollständig Allgemeine Gleichgewichtstheorie Informationsökonomik, Anreiz- und Vertragstheorie begrenzt Temporäre Gleichgewichtstheorie Transaktionskostentheorie Transaktionskostentheorie: begrenzte Rationalität und opportunistisches Verhalten7 Sowohl der Transaktionskostenansatz als auch die Anreiz- und Vertragstheorie haben die Gestaltung von Verträgen zum Inhalt. Sie unterscheiden sich aber hinsichtlich des Ausmaßes an Rationalität. In der Transaktionskostentheorie ist die Rationalität der handelnden Wirtschaftssubjekte begrenzt. Daher kommen unvollständige Verträge zu Stande. Aufgrund der Unsicherheit und der Komplexität der Umwelt können nicht alle für eine Transaktion relevanten Umstände erfasst und geregelt werden. Opportunistisches Verhalten verhindert im Falle unvollständiger Verträge die Erarbeitung gemeinsamer Lösungen, in denen beide Vertragspartner gewinnen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Vertragspartner unerwartete Umstände ausnutzen, um sich einseitige Vorteile zu verschaffen und ihren eigenen Nutzen zu steigern. Folge solcher Verhaltensweisen ist z. B. die Notwendigkeit, Verträge nach Abschluss nachzuverhandeln und auf unvorhergesehene Notwendigkeiten anzupassen. Informationsökonomik: Arten von Informationsasymmetrien Inhalt der Anreiz- und Vertragstheorie sind dagegen Informationsasymmetrien zwischen den Vertragsparteien. Die Informationen zwischen den beteiligten Vertragsparteien sind ungleich verteilt, so dass eine Marktseite aufgrund ihrer Informationsüberlegenheit sich Vorteile verschaffen kann. Allerdings können die Vertragsparteien das Ergebnis ihrer Handlungen feststellen und verfügen auch über alle weiteren Informationen für die Gestaltung vollständiger Verträge. Die Informationsökonomik und die Anreiz- und Vertragstheorie untersuchen Informationsasymmetrien (vgl. Abbildung 8-8), die sich zwischen einem Auftraggeber, dem sog. Prinzipal, und einem Auftragnehmer, dem Agenten, ergeben können. Dabei ist der Prinzipal derjenige, der einen anderen beauftragt, für ihn eine Leistung zu erbringen oder in seinem Auftrag tätig zu werden. Der Agent als Auftragnehmer hat die Anweisung, im Sinne des Prinzipals tätig zu werden. Zwischen Prinzipal und Agent sind drei Dimensionen von Informationsasymmetrien möglich. Die Informationsasymmetrie besteht bereits vor Vertragsabschluss. Danach hat der Prinzipal bereits vor Vertragsabschluss ein Informationsdefizit im Hinblick auf die Eigenschaft oder Qualität des vom Agenten angebotenen Gutes bzw. der angebotenen Leistung8. 7 In Anlehnung an Krebs, D. M. (1990), S. 747. 8 Vgl. dazu die Ausführungen zu den Eigenschaften von experience und credence goods in Kapitel 2.1.2.2. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts388 In diesem Fall spricht man von Hidden Characteristics. So ist etwa für den Erfolg eines Unternehmens die Leistungsfähigkeit der einzustellenden Mitarbeiter von erheblicher Bedeutung. Tatsächlich kennt der Mitarbeiter seine Leistungsfähigkeit besser als das Unternehmen, das nach Möglichkeit nur solche Mitarbeiter einsetzen möchte, die eine möglichst hohe Qualifikation besitzen. Ein ähnliches Problem ergibt sich bei der Kenntnis über die Qualität der angebotenen Produkte. Häufig haben die Verkäufer eines Produkts bessere und differenziertere Informationen über die Qualität der angebotenen Produktvarianten als die Käufer. Zur Überwindung dieses Marktversagens können Prinzipal und/oder Agent verschiedene Wege gehen. Beim Signaling kann ein Stellenbewerber sein Produktivitätspotenzial zum Beispiel durch Zeugnisse und Referenzen signalisieren und die Informationsasymmetrie vermindern. Der Verkäufer kann durch Zusagen oder Garantien eine bestimmte Produktqualität zusichern. Beim Screening wird der Arbeitgeber die Bewerber in ein Assessment Center einladen, um sie hinsichtlich ihrer Leistungspotenziale zu überprüfen. Konsumenten können sich z. B. an Hand von Testberichten oder aufgrund der Erfahrungen anderer Käufer über die Produktqualität informieren. Wenn der Auftraggeber den Auftragnehmer nach Vertragsabschluss unvollständig kontrollieren kann, spricht man von Hidden Action bzw. Hidden Information. Hier besteht die Gefahr, dass der Agent vertraglich zugesicherte Leistungen unterlässt oder Handlungen durchführt, die seinen Nutzen zu Lasten des Prinzipals steigern. Der Grund für Abbildung 8-8: Informationsasymmetrien und Probleme mit möglichen Lösungsansätzen Informationsasymmetrie „Hidden Charakteristics“ Unsicherheit in Bezug auf die vom Agenten angebotene Qualität der Güter oder Leistungen vor Vertragsabschluss „Hidden Action“ Unsicherheit in Bezug auf das Verhalten des Agenten nach Vertragsabschluss „Hidden Intention“ Unsicherheit in Bezug auf die Motive des Agenten nach Vertragsabschluss Probleme „Adverse Selection“ „Hold up“ Lösungsansätze Anreizverträge anreizkompatible Zuweisung von Property Rights Montoring Signaling Interessenangleichung langfristige Verträge mit Sicherheiten Neuverhandlungen Mechanismen zur Konfliktlösung Signaling Screening Self-Selection Garantien und Gewährleistungen „Moral Hazard“ 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 389 die Entstehung von hidden Action besteht darin, dass der Prinzipal zwar das Ergebnis der Handlungen des Agenten beobachten kann, aber nicht weiß, welcher Anteil direkt dem Agenten und seinen Aktionen und welcher Anteil exogenen Faktoren zuzurechnen ist. Häufig kommt noch hinzu, dass der beauftragte Agent auch über Informationen verfügt, die den Prinzipal grundsätzlich verborgen sind, so dass eine fehlende Sachkenntnis die Bewertung der Handlungen des Agenten erschwert oder unmöglich macht. Diese Informationsasymmetrie führt zum Problem des Moral Hazard. Mit dem moralischen Risiko ist gemeint, dass Wirtschaftssubjekte deswegen hohe Risiken eingehen, weil sie aus ihren Handlungen Nutzen ziehen, wenn sie erfolgreich sind, aber im Falle des Misserfolgs nicht in vollem Umfang die Verluste tragen müssen. Für den Prinzipal ergibt sich die Notwendigkeit, die richtigen Anreizstrukturen zu setzen, damit der Agent in seinem Interesse handelt. Außerdem wird er bestrebt sein, den Agenten zu überwachen. Dieses verstärkte Monitoring verursacht jedoch Kosten, so dass ein Trade off zwischen den hinzunehmenden Verlusten aufgrund des Moral Hazard und der Höhe der Kontrollkosten besteht. Der Agent kann seinerseits das moralische Risiko reduzieren, in dem er sich verpflichtet, durch regelmäßiges Reporting seine Handlungen transparenter zu machen. Auch das Problem des Hold up tritt nach Vertragsabschluss auf. Der Begriff bezeichnet das opportunistische Ausnutzen von Lücken in Verträgen durch den Auftraggeber. Dies ist etwa der Fall bei Abnehmer-Lieferanten-Beziehungen, wenn der Lieferant aufgrund eines Auftrags in spezifische Anlagen investiert, die nur zur Abwicklung dieses Auftrags eingesetzt werden können. Dadurch gerät der Abnehmer in die Rolle eines Monopsonisten. Das spezifische Kapital eröffnet die Möglichkeit der Erpressung z. B. in Form einer einseitigen Senkung der Abnahmepreise. Der Grund für die Entstehung des Hold up besteht darin, dass der Auftragnehmer bei Vertragsabschluss die wahren Absichten und Ziele des Auftraggebers nicht kennt, und es daher unmöglich ist, Verträge so zu formulieren, dass alle künftigen Eventualitäten abgedeckt sind. Um das Problem des Hold up zu reduzieren, sind vertragliche Abmachungen notwendig, die zu einer Interessensangleichung beitragen können. Diese können etwa in Sicherheiten wie z. B. Leistungsgarantien, Bürgschaften oder auch in Gegengeschäften bestehen. Aber auch Regelungen über Mechanismen zur Streitbeilegung im Falle von Meinungsverschiedenheiten kommen in Frage. 8.5.2 Asymmetrische Information – Principal-Agent-Ansatz In einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft entstehen fortlaufend Principal-Agent-Beziehungen in Form von Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehungen. Die Beziehung zwischen einem Prinzipal und einem Agenten, der vom Prinzipal einen bestimmten Auftrag erhält oder mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt wird, finden wir in vielen unterschiedlichen Ausprägungen. Beispiele dafür sind die Beziehung zwischen Auftraggeber und Lieferant/Berater/Projektleiter, die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, Aktionären/Vorstand und Management, Arzt und Patient, Politiker und Wähler. Das Gemeinsame in diesen sehr unterschiedlichen Beziehungen ist, • dass Informationen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer unvollständig und ungleich verteilt sind und bei positiven Informations- und Kontrollkosten des Auftraggebers der Auftragnehmer Handlungsspielräume hat. Der Handlungsspielraum des Auftragnehmers und die Unsicherheit über dessen Verhalten sind umso größer, je weniger der Auftraggeber die Handlungen des Auftragnehmers unmittelbar kontrollieren kann. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts390 • dass Auftragnehmer und Auftraggeber unterschiedliche Ziele verfolgen und jeder für sich individuell seinen Nutzen maximiert mit der Folge, dass der Auftragnehmer sich nicht ausschließlich an der Zielsetzung des Auftraggebers orientiert, sondern auch seine davon abweichenden Interessen verfolgt. • dass die Risikoeinstellungen von Auftraggeber und Auftragnehmer differieren, so dass mit der Vertragsgestaltung auch eine angemessene Risikoaufteilung festzulegen ist. Ziel der Principal-Agent-Theorie ist es, die aufgrund von Informationsasymmetrien auftretenden Verhaltensunsicherheiten zu analysieren und Vorschläge zur Überwindung des Zielkonflikts aufzuzeigen. Der Principal-Agent-Theorie liegen folgende Annahmen zu Grunde: • Die Akteure haben als Zielsetzungen die individuelle Nutzenmaximierung unter Unsicherheit. Andere Ziele als Einkommenserzielung werden nicht berücksichtigt. • Ursache der Unsicherheit sind beschränkte kognitive Fähigkeiten, unvollkommene Information und positive Informations- und Kontrollkosten. • Die Akteure haben rationale Erwartungen und verhalten sich rational. • Die Analyse erfolgt auf der Basis des methodologischen Individualismus9. Wir wollen das Principal-Agent-Problem an Hand eines Standard-Modells zur Bestimmung eines optimalen Entlohnungssystems untersuchen. Trennung von Eigentum und Kontrolle an einer Ressource: Moral-Hazard-Problem Ein Beispiel für die Entstehung des Moral-Hazard-Problems ist die Trennung von Eigentum und Management bzw. von Eigentum und Kontrolle an einer Ressource (Unternehmung, Land). Für den Eigentümer besteht die Gefahr, dass der Manager nach Vertragsabschluss nur unzureichende Leistungen erbringt oder die Ressource schlecht bewirtschaftet. Er kann die Aktionen des Managers nicht unmittelbar beobachten, sondern nur das Ergebnis der Handlungen, den Unternehmenserfolg. Dieser ist aber nicht allein dem Manager zurechenbar, da der Erfolg außer von den Fähigkeiten des Managements auch von anderen Faktoren, wie z. B. der Branchen- oder Konjunkturentwicklung abhängt. Schließlich hat der Manager gegenüber dem Eigentümer einen Informationsvorsprung, denn nur er kann beurteilen, inwieweit mit seiner Entscheidung der Unternehmenserfolg direkt beeinflusst wird bzw. inwieweit damit auch seine eigenen Bedürfnisse (Reichtum, Prestige, Macht usw.) befriedigt werden. Das Problem der asymmetrischen Information besteht somit darin, dass der Manager weiß, wie sehr er sich einsetzt, aber der Eigentümer nur das Ergebnis beobachten kann. Die zeitliche Folge der Interaktion zwischen Prinzipal und Agent ist in Abbildung 8-9 dargestellt. Wie sollte in so einem Fall der Vertrag zwischen Eigentümer und Manager optimal gestaltet werden, dass der Gewinn des Eigentümers maximiert wird? Wir wollen das Principal- Agent-Problem an Hand eines kleinen Beispiels untersuchen. Für eine Niederlassung in Hamburg sucht ein Firmeninhaber (Prinzipal) einen Niederlassungsleiter (Agent). Die Erträge der Hamburger Niederlassung hängen u. a. vom Arbeitseinsatz und Engagement des Niederlassungsleiters ab. Gleichzeitig spielen aber auch andere 9 Danach ist das Individuum der einzige Handlungsträger der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Handeln lässt sich dadurch erklären, dass man die individuellen Handlungen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder erklärt. Gesellschaftliches Verhalten ergibt sich aus individuellen Entscheidungen. 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 391 Faktoren eine Rolle, die der Niederlassungsleiter nicht beeinflussen kann. Für den Firmeninhaber ist eine direkte Überwachung der Arbeit des Niederlassungsleiters nicht möglich, so dass er nicht sagen kann, dass der gleiche Arbeitseinsatz des Niederlassungsleiters immer zum gleichen Ertrag führt. Aufgrund von Erfahrungen ist dem Firmeninhaber jedoch bekannt, dass ein hoch motivierter Niederlassungsleiter im besten Fall 60.000 €, ein fauler und wenig engagierter dagegen im schlechtesten Fall nur 10.000 € monatlich erwirtschaftet. Im Einzelnen erwartet der Firmeninhaber in Abhängigkeit vom Niveau des Arbeitseinsatzes folgende Gewinne, wobei die beiden Fälle gleich wahrscheinlich seien. Arbeitseinsatz Ertrag im schlechtesten Fall besten Fall gering 10.000 € 30.000 € hoch 30.000 € 60.000 € Die Tabelle zeigt, dass unabhängig vom Arbeitseinsatz des Niederlassungsleiters ein Gewinn von 30.000 € erzielt werden kann. Der Firmeninhaber kann also nicht wissen, ob der Niederlassungsleiter mit hohem oder geringem Arbeitseinsatz gearbeitet hat. Da der Firmeninhaber den Arbeitseinsatz seines Niederlassungsleiters nicht beobachten kann, kann die Bezahlung nur am messbaren Erfolg anknüpfen. Als Zielfunktion des Firmeninhabers unterstellen wir, dass er seinen Gewinn als Differenz aus dem in Geldeinheiten gemessenen Ertrag und den Kosten, dem Lohn des Agenten maximieren möchte. Betrachten wir als nächstes die Situation des Niederlassungsleiters. Er erhält einen Lohn, der aus einem fixen Betrag und/oder einem variablen Einkommensbestandteil bestehen kann. Er verhält sich als Nutzenmaximierer, mit zunehmender Entlohnung steigt sein Einkommensnutzen. Arbeit und Anstrengung mindern jedoch den Einkommensnutzen, da die Arbeit Opportunitätskosten in Form von Arbeitsleid und entgangener Freizeit verursacht. Ein Einkommenszuwachs aus einem steigenden Arbeitseinsatz ist mit zusätzlichen Kosten in Form von Arbeitsleid und Anstrengung verbunden, so dass das aus der Sicht des Agenten optimale Anstrengungsniveau vom angebotenen Lohnsatz und vom wahrgenommenen Arbeitsleid bestimmt wird. Ein Kandidat für den Posten des Niederlassungsleiters wird einen Vertrag nur akzeptieren, wenn ihm ein Einkommen angeboten wird, das ihm einen gewissen Mindestnutzen gewährleistet. Der Mindestnutzen, auch Reservationsnutzen genannt, könnte etwa der Abbildung 8-9: Interaktion zwischen Prinzipal und Agent bei unbeobachtbarem Verhalten des Agenten Prinzipal legt Vertragsbedingungen fest. Agent entscheidet über Vertragsannahme oder Ablehnung. Agent führt Handlungen aus, für den Prinzipal unbeobachtbar Externe Einflussfaktoren wirken auf das Ergebnis ein. Aufgabenerfolg; für Prinzipal und Agent sichtbar; Entlohnung 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts392 Einkommensnutzen aus einer Arbeitslosenunterstützung sein. Unterschreitet der erwartete Einkommensnutzen aus dem Vertrag diesen Mindestnutzen, wird der Niederlassungsleiter den Vertrag ablehnen. Nehmen wir nun an, ein potentieller Kandidat bewertet einen niedrigen Arbeitseinsatz mit Opportunitätskosten von null, weil er seinen Arbeitstag mit Kaffeetrinken und Internet surfen verbringt. Ein hoher Arbeitseinsatz würde bei ihm ein Arbeitsleid verursachen, das er mit persönlichen Kosten in Wert von 3.000 € bewertet. Welcher Arbeitsvertrag sollte dem Niederlassungsleiter offeriert werden, wenn man unterstellt, dass der Kandidat sein erwartetes Einkommen abzüglich seiner persönlichen Kosten maximieren möchte. Möglichkeiten der Vertragsgestaltung Nehmen wir zunächst an, der Firmeninhaber vereinbart mit dem Niederlassungsleiter ein festes Gehalt von 5.000 €. In diesem Fall hat der Niederlassungsleiter keinen Anreiz, einen hohen Arbeitseinsatz zu zeigen, denn bei einem hohen Arbeitseinsatz sind die Opportunitätskosten des Arbeitseinsatzes 3.000 € und das Einkommen und der Einkommensnutzen des Niederlassungsleiters sind in diesem Fall 5.000 € – 3.000 € = 2.000 €. Diese Überlegung gilt auch für jeden anderen festen Lohn, den der Firmeninhaber anbieten könnte. Wegen der höheren Opportunitätskosten der Arbeit hat der Niederlassungsleiter keinen Anreiz, mit hohem Einsatz zu arbeiten. Der Grund liegt darin, dass er an den zusätzlichen Erträgen, die er bei hoher Arbeitsleistung erwirtschaftet, nicht beteiligt ist. Der erwartete Gewinn des Firmeninhabers wird folglich bei einem festen Lohn immer 0,5 ∙ 10.000+0,5 ∙ 30.000- 5.000 = 15.000 € sein. Könnte der Firmeninhaber dagegen den Arbeitseinsatz des Niederlassungsleiters direkt beobachten und kontrollieren (symmetrische Information), würde er den Niederlassungsleiter vertraglich zu einem hohen Arbeitseinsatz verpflichten. Bei einem vertraglich vereinbarten Festgehalt von 5.000 € wäre der erwartete Ertrag der Niederlassung 0,5 ∙ 30.000 + 0,5 ∙ 60.000 = 45.000 € und der Firmeninhaber würde einen Gewinn 40.000 € erzielen. Der Vergleich zwischen der Situation mit symmetrischer und asymmetrischer Information zeigt, dass Informationsmängel zu Effizienzverlusten führen. Betrachten wir nun den Fall, dass der Firmeninhaber dem Niederlassungsleiter einen Lohn anbietet, der aus einem Fixgehalt von 5.000 € und einer variablen Ertragsbeteiligung besteht. Es sei p der Prämiensatz als Prozentsatz des erwarteten Ertrags der Niederlassung. Ist der Niederlassungsleiter faul, ist sein erwartetes Einkommen 5.000 + (0,5 ∙ 10.000 + 0,5 ∙ 30.000)p = 5.000 + 20.000p. Erbringt der Kandidat einen hohen Arbeitseinsatz, ist sein erwartetes Einkommen 5.000 + (0,5 ∙ 30.000 + 0,5 ∙ 60.000)p – 3.000 = 2.000 + 45.000p. Um dem Niederlassungsleiter einen Anreiz für eine hohe Leistung zu geben, muss sein erwartetes Einkommen bei hoher Leistung höher sein als bei geringem Arbeitseinsatz: 2.000 + 45.000p > 5.000 + 20.000p → p > 0,12. Wird dem Niederlassungsleiter also zusätzlich zum Fixgehalt eine Gewinnbeteiligung von 12 % offeriert, sollte dies ein Anreiz sein, dass er hart arbeitet. Der erwartete Ertrag der Hamburger Niederlassung ist bei hohem Arbeitseinsatz des Niederlassungsleiters 0,5 ∙ 30.000 + 0,5 ∙ 60.000 = 45.000 €. Nach Abzug der Entlohnung des Niederlassungsleiters kann der Firmeninhaber einen Gewinn von 34.600 € erwarten. Gegenüber dem reinen Fixlohnmodell steigt sein erwarteter Gewinn um 19.600 €. Auch der Niederlassungsleiter stellt sich besser, denn sein erwartetes 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 393 Einkommen ist mit 5.000 € + 5.400 € – 3.000 € = 7.400 € höher als das Festgehalt. Dies ist aus der Sicht des Niederlassungsleiters auch erforderlich, da sein Gehalt in diesem Bonussystem Schwankungen unterliegt. Wenn der Niederlassungsleiter risikoavers ist und für die Einkommensunsicherheit eine Kompensation haben will, müsste der Prämiensatz ggf. höher sein. Gleichwohl kommt es im Prämienmodell zu einer Verbesserung des Ressourceneinsatzes, da sich sowohl der Firmeninhaber als auch der Niederlassungsleiter besser stellen. Ein drittes, mögliches Entlohnungsmodell könnte sein, dass der Firmeninhaber die Hamburger Niederlassung dem Niederlassungsleiter gegen Zahlung einer Pacht oder Franchisegebühr überlässt. Bei diesem Arrangement hat der Firmeninhaber einen sicheren Ertrag. Sein Einkommen ist nicht mehr von der Arbeitsleistung des Niederlassungsleiters abhängig. Der Niederlassungsleiter müsste dagegen das gesamte Risiko des Geschäftsbetriebs tragen. Einen solchen Vertrag wird der Niederlassungsleiter nur eingehen, wenn er bereit ist, das gesamte Risiko des Geschäftsbetriebs zu übernehmen. In diesem Fall sagen wir, er ist risikoneutral. Einen solchen Vertrag wird er nur eingehen, wenn sein erwartetes Einkommen eine Kompensation für die Übernahme des Risikos enthält. Die Franchisegebühr müsste folglich niedriger sein als der erwartete Gewinn im Prämienmodell. Praxisbeispiel 8-3: Informationsasymmetrien im Gesundheitssystem Auf dem Gesundheitsmarkt sind Ärzte/Krankenhäuser als Anbieter von Gesundheitsleistungen tätig. Nachfrager dieser Leistungen sind die Patienten. Allerdings werden im Gesundheitswesen Verträge in der Regel nicht unmittelbar zwischen Arzt und Patient geschlossen. Vielmehr ist eine Versicherung in das Verhältnis eingebunden, so dass die Nachfrage nach medizinischen Leistungen, ihr Konsum und deren Bezahlung auseinander fallen. Die Beziehungen zwischen diesen Akteuren sind durch weit reichende Informationsasymmetrien geprägt, so dass man von einem „Three-Player Agency Problem“ spricht. Ein weiteres Merkmal des Gesundheitsmarktes ist, dass Informationsasymmetrien nicht nur einseitig, sondern regelmäßig wechselseitig bestehen, so dass das Problem des „double moral hazard“10 vorliegt. Die Akteure und die wechselseitigen Informationsasymmetrien im Gesundheitssektor sind in Abbildung 8-10 zusammengefasst11. Besonders ausgeprägt sind die Informationsasymmetrien zwischen Arzt und Patient. Auf dem Ärzte-Patienten-Markt haben wir auf der Nachfrageseite als Prinzipal den Patienten. Er hat als wenig Informierter in Gesundheitssachen einen Informationsnachteil, als Vollversicherter in der Krankenversicherung sind seine Grenzkosten einer zusätzlichen medizinischen Leistung gleich null, so dass seine Nachfragemenge der Sättigungsmenge entspricht. Als Anbieter mit einem gro- ßen Informationsvorsprung befinden sich die Ärzte in einer Doppelrolle: Sie stellen die Diagnose und bestimmen als Therapeut die Nachfrage des Patienten, denn durch den Informationsvorsprung des Arztes wird seine Funktion als Berater des Patienten so stark, dass der Arzt faktisch entscheidet, welche medizinischen Leistungen der Patient „nachfragen“ soll. Der Arzt befindet sich in einer Situation, in der er gleichzeitig über die therapeutischen Maßnahmen und – soweit er sie selbst erbringt – über sein Einkommen entscheidet. Dies eröffnet den Leistungserbringern Handlungsspielräume, die sie zu ihren Gunsten ausnutzen können. In der Gesundheitsökonomie spricht man von dem Phänomen der arztinduzierten Nachfragesteigerung. Da diese Verhaltensweise nicht unmittelbar beobachtbar ist, konnten die vorliegenden empirischen Untersuchungen bislang noch keinen eindeutigen Nachweis für eine arztinduzierte Nachfrage erbringen12. Umgekehrt gibt es in der Arzt-Patienten-Beziehung eine Informationsasymmetrie zu Gunsten des Patienten. Bei der Dienstleistungsproduktion im Gesundheitswesen fallen Produktion und Konsum zusammen. Der Patient ist als Nachfrager aber auch gleichzeitig in den Prozess der Leistungserbringung integriert, so dass der Erfolg einer Behandlung nicht nur von den medizinischen Leistungen, sondern auch von der Mitwirkung des Patienten bestimmt wird. Dies bezeichnet man als Compliance. Darunter versteht man das Befolgen der ärztlichen Anweisungen und andere 10 Vgl. Schneider, U. (1999). 11 In Anlehnung an Schneider, U. (1998). 12 Vgl. Kern, A. O. (2002). 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts394 Maßnahmen zur Unterstützung der Behandlung. Der Patient entscheidet selbst über den Umfang seiner Compliance. Da die eigenen Anstrengungen mit Kosten verbunden sind (z. B. Befolgen von ärztlichen Anweisungen, Änderung der Lebensführung, Maßnahmen zur Prävention), bei einer Vollversicherung des Patienten die Leistungen des Arztes zu Grenzkosten von null zur Verfügung gestellt werden, besteht für den Patienten ein Anreiz, eigene Anstrengungen durch ärztliche Leistungen zu substituieren13. Informationen über weggeworfene Medikamente und die daraus resultierenden weiteren Behandlungskosten sind z. B. ein Indiz für ein solches Verhalten. Beide Informationsasymmetrien können somit dazu führen, dass die Allokation im Gesundheitssystem ineffizient und der Umfang der Bereitstellung und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen zu hoch ist. Abbildung 8-10: Informationsasymmetrien im Markt für Gesundheitsleistungen Arzt Versicherung Patient Informationsvorsprung aufgrund medizinischer Kenntnisse entscheidet über die Nachfrage an medizinischen Leistungen kennt den Umfang der „Compliance“ beeinflusst durch seine Mitwirkung den Behandlungserfolg kennt den Gesundheitszustand des Patienten kennt das persönliche Gesundheitsrisiko kennt das Ausmaß der Prävention und des gesundheitsbewussten Verhaltens besitzt Erfahrungswerte über die Behandlungskosten aufgrund von Behandlungen und Abrechnungen desselben Krankheitsbildes Vorteile in der Vertragsgestatung/Schadensabwicklung aufgrund von Erfahrungswerten Angebote an Patienten zur Teilnahme an Disease Management Programmen, Managed Care Informationsvorteil entscheidet über den Umfang der Behandlung und die Behandlungskosten 8.5.3 Asymmetrische Information – Adverse Selection Bei der Untersuchung der Marktpreisbildung sind wir davon ausgegangen, dass beide Marktseiten gleich gut informiert sind. In diesem Abschnitt untersuchen wir das Problem, dass eine Marktseite besser über die angebotene oder nachgefragte Ware oder Dienstleistung informiert ist als die andere. Während etwa die Preise der angebotenen Güter vergleichsweise leicht zu ermitteln sind, also für beide Marktseiten transparent sind, bestehen häufig Informationsasymmetrien bezüglich der Qualität oder Eigenschaft der Güter. 13 Schneider, U. (2002), S. 447 – 458. 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 395 Verkäufer besitzen i. d. R. bessere Informationen über die Qualität der Produkte. Versicherungsnehmer, die zum Beispiel eine Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung oder eine Krankenversicherung abschließen wollen, kennen die möglichen Risiken aufgrund ihres Fahrstils beziehungsweise ihres Gesundheitszustands besser als die Versicherungsgesellschaft. Potentielle Kreditnehmer haben bessere Informationen über die Ausfallrisiken als ihre Bank. Akerlof14 untersuchte als erster einen Markt, in dem Käufer und Verkäufer asymmetrische Informationen über die Qualität der gehandelten Produkte besitzen. So werden auf dem Gebrauchtwagenmarkt sowohl qualitativ hochwertige Fahrzeuge als auch Pkws mit minderwertiger Qualität (so genannte „Lemons“) angeboten. Auf dem bekannten „Market for Lemons“ kennen die Verkäufer die Qualität ihres Gebrauchtwagens genau. Die Käufer können dagegen die Qualität eines Kraftfahrzeugs nicht beurteilen. Selbst wenn sie das Fahrzeug von einem Fachmann untersuchen lassen, hat der Verkäufer einen Informationsvorsprung, denn er hat den PKW längere Zeit gefahren. Verkäufer guter Pkws wiederum können ihre Information über die Qualität des Fahrzeugs nicht glaubwürdig übermitteln, da jeder Verkäufer behaupten kann, dass sein Produkt von hoher Qualität sei. Folglich orientiert sich der Käufer an einer Durchschnittsqualität. Er ist dann auch nur bereit, einen Preis zu zahlen, der der durchschnittlichen Qualität des Fahrzeugtyps entspricht. Dieser Preis ist den Verkäufern guter Gebrauchtwagen zu niedrig. Sie bieten ihre Fahrzeuge nicht mehr an, so dass der Markt für gute Gebrauchtwagen zum Erliegen kommt und nur noch Zitronen gehandelt werden. Verkäufer kennen die Qualität ihres Gebrauchtwagens Wir wollen diese Überlegungen an Hand eines kleinen Beispiels darstellen. In Abbildung 8-11 nehmen wir an, am Markt für Gebrauchtwagen werden zwei Qualitäten gehandelt: Fahrzeuge hoher Qualität (HQ) und schlechter Qualität (SQ). Die Anbieter hochwerti- 14 Akerlof, G. (1970), S. 488 – 500. Abbildung 8-11: Der Markt für Gebrauchtwagen 0 4000 6000 8000 20 40 60 p in € 80 NHQ AHQ GHQ 2000 NSQ ASQ NMQ GSQ A B Anzahl PKW 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts396 ger Fahrzeuge wollen für ihr Fahrzeug mindestens 5.000 € erlösen, ihr Angebot entspricht der Angebotsfunktion AHQ, während die Verkäufer von Lemons ihr Fahrzeug schon ab 2000 € abgeben würden (Angebot ASQ). Die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager sei unabhängig von der Menge, sie werde aber von der Qualität bestimmt. Wenn die Nachfrager die Qualität der gehandelten Gebrauchtwagen kennen würden, wären diejenigen, die ein hochwertiges Fahrzeug wollen, bereit, einen Preis von 7.500 € zu bezahlen (NHQ). Diejenigen, die sich für die niedrige Qualität entscheiden, hätten eine Zahlungsbereitschaft von 4.500 € (NHQ). Wir hätten folglich zwei Märkte mit zwei unterschiedlichen Produkten, auf denen sich jeweils ein Marktgleichgewicht ergibt (GHQ und GSQ in Abbildung 8-11). Nachfrager orientieren sich an der Durchschnittsqualität der angebotenen PKW Können dagegen die Nachfrager die Qualität der gehandelten Gebrauchten nicht einschätzen, orientieren sie sich an der Durchschnittsqualität. Nehmen wir an, die Käufer erwarten, dass jeweils die Hälfte der angebotenen Gebrauchtwagen von hoher und schlechter Qualität sei. Dann wird ein typischer Käufer nur bereit sein, einen Preis zu zahlen, der der mittleren Erwartungsqualität entspricht. Seine Zahlungsbereitschaft, dargestellt durch die Kurve NMQ, wäre 0,5∙7.500 + 0,5∙4.500 = 6.000 € und entspräche dem Preis für eine mittlere Qualität. Werden alle Gebrauchtwagen zum Preis einer mittleren Qualität gehandelt, zieht sich ein Teil der Verkäufer hochwertiger Fahrzeuge vom Markt zurück, während der Anteil der minderwertigen Fahrzeuge kräftig steigt. Bei Kenntnis dieser Qualitätsverschlechterung des Angebots werden die Käufer ihre durchschnittliche Qualitätserwartung nach unten korrigieren. Entsprechend sinkt der Preis weiter. Der Markt für gute Qualitäten bricht zusammen. Zum Preis von 4 500 € werden nur noch minderwertige Gebrauchtfahrzeuge gehandelt. Es findet solange eine Negativauslese statt, bis auf dem Markt nur noch „Zitronen“ gehandelt werden. Der Markt würde geräumt bei unvollständiger Information Wären beide Marktseiten über die angebotenen Qualitäten gleich schlecht informiert, hätten wir den Fall unvollständiger Information. Dann würden sich auch die Verkäufer ebenso wie die Käufer an der durchschnittlichen Qualität orientieren. Bei einem Angebot von je der Hälfte der Fahrzeuge mit guter und schlechter Qualität ergebe sich ein Angebotspreis von 0,5∙7.500 + 0,5∙4.500 = 6.000 €. Diese Preisforderung entspricht gerade der Zahlungsbereitschaft der Nachfrager für die mittlere Qualität. Der Markt würde geräumt. Am Gebrauchtwagenmarkt ergäbe sich bei unvollkommener Information beider Marktseiten ein Marktgleichgewicht beim Preis von 6.000 €. Der Gebrauchtwagenmarkt ist nur einer von zahlreichen Märkten, auf denen das Phänomen der adverse Selektion tatsächlich auftritt und empirisch nachgewiesen wurde15. Ein weiteres bekanntes Beispiel sind die Versicherungsmärkte. Wenn sich jemand entschließt, eine Lebensversicherung abzuschließen, kennt er seinen Gesundheitszustand besser, als die Versicherungsgesellschaft durch ihre Fragen zum Gesundheitszustand oder eine einmalige ärztliche Untersuchung herausfinden kann. Eine Differenzierung der Versicherungsprämien nach dem Risiko des Versicherungsnehmers ist daher nicht möglich. Alle Personen einer bestimmten Kategorie (Alter, Geschlecht) bezahlen dieselbe Prämie, die sich am durchschnittlichen Gesundheitszustand bzw. Risiko orientiert. Folglich werden 15 Emons, W., Sheldon, G. (2005). 8.5 Unvollständige und asymmetrische Information 397 diejenigen, deren Gesundheitszustand besser ist als der Durchschnitt, eine zu hohe Prämie bezahlen, während die Prämien derjenigen, die ein überdurchschnittliches individuelles Risiko darstellen, zu niedrig sind. Damit subventionieren die guten Risiken die schlechten. Für die schlechten Risiken ist der Abschluss eines Versicherungsvertrages folglich interessant, weil ihre tatsächlich gezahlte Prämie niedriger ist als diejenige, die ihrer Risikoklasse entsprechen würde. Für die guten Risiken wird der Abschluss eines Vertrages zunehmend uninteressant, je größer der Anteil der Personen ist, die ein überdurchschnittliches Gesundheitsrisiko darstellen. In dem Umfang, in dem Personen mit einem ungünstigen Risiko der Versicherung beitreten, steigt nun auch das durchschnittliche Risiko und folglich die Prämien der Versicherung, was den Effekt der Abwanderung guter Risiken verstärkt. Würde sich dieser Prozess fortsetzen, könnten schließlich gute Risiken am Markt nicht mehr abgesichert werden. Die beschriebene Entwicklung kann man in der Schweiz bei der Zahnarztkostenversicherung beobachten16. In der Schweiz sind Zahnarztkosten nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung enthalten. Die Versicherung der Zahnarztkosten ist freiwillig. Wegen der negativen Auslese sind die Versicherungsprämien für Zahnarztkosten sehr hoch. Personen mit guten Zähnen werden von den hohen Kosten einer Zahnarztversicherung abgeschreckt. Sie versuchen, durch Prävention und gründliche Zahnpflege ihre Zahnarztkosten möglichst gering zu halten. Sie fragen keine Versicherung nach, so dass den Unternehmen nur die schlechten Risiken bleiben. Daher sind die Versicherungsprämien für Zahnarztkosten viel höher als in Ländern mit einer allgemeinen Versicherungspflicht. Versicherungsgesellschaften werden versuchen, dem Problem der negativen Auslese zu begegnen, indem sie ihre Prämien nach Risikoklassen differenzieren. So sind in der Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung die Prämien gestaffelt nach Regionalklassen. Darüber hinaus wird unterschieden nach Fahrzeugtypen. Außerdem gibt es Rabatte für Tatbestände, die mit geringeren Risiken verbunden sind, wie z. B. eine geringe jährliche Fahrleistung oder ein Garagenstellplatz für das Fahrzeug. Trotz dieser Gruppierung der Risiken und grup penbezogener Prämiengestaltung gibt es innerhalb jeder Gruppe Unterschiede im Risikobewusstsein der Versicherungsnehmer. Diejenigen, die sich risikoavers verhalten, werden mit vergleichsweise hohen Prämien bestraft, während risikofreudige Individuen mit relativ niedrigen Prämien belohnt werden. Dieses Problem lässt sich in der Kfz-Haftpflichtversi cherung schon deshalb nicht umgehen, weil es sich um eine Pflichtversicherung handelt. Strategien zur Überwindung der asymmetrischen Information und der Negativauslese Zur Überwindung der asymmetrischen Information und der negativen Auslese wurden mehrere Strategien entwickelt. Bei der Marktsignalisierung versucht die informierte Marktseite Signale auszusenden, um die Marktgegenseite von der Qualität der eigenen Leistung zu überzeugen. Diese Signale zeichnen sich dadurch aus, dass es leistungsfähigen Marktteilnehmern leichter fällt, ein solches Signal auszusenden, als weniger leistungsfähigen. Gebrauchtwagenhändler versuchen durch die Gewährung von Gewährleistungen oder Mobilitätsgarantien eine hohe Qualität der angebotenen Gebrauchtwagen zu signalisieren, während private Autoverkäufer ein solches Angebot nie machen würden. So zeigt 16 Vgl. Emons, W. (2001), S. 665. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts398 die bereits zitierte Untersuchung17, dass die Qualität der von Privatpersonen verkauften Gebrauchtwagen signifikant schlechter ist als die Qualität von Fahrzeugen aus dem Gebrauchtwagenhandel. Garantien sind ein Mittel, um auf eine hohe Produktqualität hinzuweisen, denn bei hochwertigen Produkten ist das Risiko, dass ein Hersteller im Garantiefall in Anspruch genommen wird, geringer als bei Produkten minderer Qualität. Alternativ können Händler und Dienstleister versuchen, durch Werbung oder den Aufbau eines Qualitätsimages beim Kunden eine Reputation aufzubauen. Der gute Ruf eines Unternehmens bestärkt den Käufer in dem Eindruck, dass er tatsächlich ein Produkt oder eine Leistung von hoher Qualität erwirbt. Er ist dann auch bereit, diese hochwertigen Leistungen mit einem hohen Preis zu honorieren. Damit verbessert sich durch Signalisierung und Reputation die Effizienz des Marktes, weil auch ein Markt für hohe Qualitäten möglich wird. Als Alternative zum Signaling der informierten Marktseite kann auch die uninformierte Marktseite versuchen, die Marktteilnehmer der informierten Marktseite in solche mit einer guten Leistung und solche mit einer schlechten Leistung zu trennen. So wissen Versicherungsgesellschaften, dass Individuen unterschiedliche Risiken eingehen. Durch Screening versuchen Sie, Versicherungsnehmer entsprechend ihren Risiken einzuordnen. So sind etwa die Versicherungsprämien für Fahranfänger wegen des höheren Unfallrisikos höher als bei älteren Fahrzeughaltern. Bei Self-Selection werden sie unterschiedliche Policen mit oder ohne Selbstbehalt oder mit unterschiedlichen Rabatten oder Zuschlägen anbieten, aus denen die Versicherungsnehmer entsprechend ihrem Risikoprofil wählen können. Gute Risiken werden bereit sein, einen Vertrag mit einem höheren Selbstbehalt zu wählen. Ihre erwartete Ersparnis in Form einer niedrigeren Prämie ist größer als die erwarteten Ausgaben einer Eigenbeteiligung im Schadensfall. Schlechte Risiken werden dagegen auf die Eigenbeteiligung verzichten und dafür eine höhere Prämie bezahlen. Damit gelingt es Versicherungen, ihre Versicherungsnehmer nach Risikoklassen zu sortieren und dem Risiko entsprechend angepasste Prämien zu kalkulieren. Beispiele dafür finden wir in der Kaskoversicherung und in der Krankenversicherung. 8.6 Transaktionskosten 8.6.1 Grenzen der neoklassischen Analyse In der neoklassischen Theorie geht man von am Eigennutz orientierten Akteuren aus, die in einem gegebenen Analyserahmen ihre Eigeninteressen verfolgen. Dabei sind die agierenden Wirtschaftssubjekte jeweils auf „Funktionen“ reduziert. Haushalte maximieren ihren Nutzen für eine gegebene Nutzenfunktion. Unternehmen werden reduziert auf eine Produktionsfunktion, auf deren Grundlage sie das Produktionsergebnis ermitteln, das ihren Gewinn maximiert. Grundlage für das Funktionieren von Märkten sind zwei Institutionen. Die Institution des Privateigentums stellt sicher, dass die Eigentümer der Ressourcen sich systemkonform verhalten und sich bei ihren Entscheidungen am Eigeninteresse orientieren. Damit das Privateigentum diese Funktion erfüllt, muss die Eigentumsordnung vom Staat institutionalisiert und durchgesetzt werden. Die Institution des Marktes stellt sicher, dass die Austauschbeziehungen zwischen den agierenden Wirtschaftssubjekten möglichst effizient verlaufen. 17 Vgl. Emons, W., Sheldon, G. (2005), S. 22. 8.6 Transaktionskosten 399 Unter Bedingungen vollkommener Märkte entstehen keine Transaktionskosten Unter den restriktiven Bedingungen vollkommener Märkte entstehen den einzelnen Marktteilnehmern keine Kosten bei der Durchführung von Markttransaktionen. Die Durchführung der Markttransaktionen erfolgt auf der Grundlage vollständiger Verträge, in denen die vollständige Beherrschbarkeit der Unsicherheit unterstellt wird. Für jeden denkbaren Zustand der Welt sind explizite Regelungen über die dann eintretenden Rechte und Pflichten der Vertragsparteien vereinbart. Die Tatsache, dass Anbieter und Nachfrager jederzeit ihren Abnehmer/Lieferanten wechseln können, dass Unternehmen und Nachfrager jederzeit in einen Markt eintreten und auch wieder austreten können, stellt zusammen mit der Annahme der vollkommenen Information sicher, dass sich Anbieter und Nachfrager jederzeit an die Regeln des Marktes halten und Verträge eingehalten werden. Jeder Versuch, das Marktergebnis durch List, Betrug oder Täuschung zu seinen Gunsten zu verbessern, würde von der Marktgegenseite unverzüglich mit einem Abwandern zu anderen Marktteilnehmern oder einem Rückzug aus dem Markt bestraft. Aufgrund der Ordnung des Privateigentums führt somit ein von den Regeln des Marktes abweichendes Verhalten zu Vermögensverlusten, so dass der Wettbewerb und die Durchsetzung der Eigentumsordnung durch den Staat (Gerichte) dafür sorgen, dass Opportunismus und Nichteinhaltung von Verträgen mittels Abwanderung sanktioniert werden. Die Neue Institutionenökonomik erkennt die Analyse der neoklassischen Markt- und Preistheorie grundsätzlich an, kritisiert jedoch die Annahme, dass die Koordination der einzelwirtschaftlichen Pläne ausschließlich über Märkte erfolgt und dass sich alle Marktteilnehmer aufgrund der vollständigen Verträge an die Regeln des Marktes halten. Dies führt dazu, • dass Unternehmen als einheitliche Organisation betrachtet werden und die Koordination von Leistungsbeziehungen und -prozessen innerhalb eines Unternehmens ausgeblendet wird, • dass andere Formen wirtschaftlicher Austauschbeziehungen, die zwischen den Extremen „Markt“ als dezentrale Organisationsform und „Hierarchie“ als zentralistische Organisation liegen, als Institutionen der Organisation von Leistungsprozessen nicht problematisiert werden. In einer Welt mit unvollständiger Information und Unsicherheit können dagegen Verträge nicht mehr vollständig sein, so dass in der Realität über die Durchführung der Transaktionen verhandelt werden muss, der Austausch von Verfügungsrechten mit Zeitaufwand verbunden ist und somit jede Ausübung von Transaktionen Kosten verursacht. 8.6.2 Transaktionskosten als Ursache für die Entstehung von Unternehmen Die Grundlagen des Transaktionskostenansatzes wurden von Ronald Coase gelegt. Er stellte in dem bekannten Artikel „The Nature of the Firm“18 die Frage, warum die Integration einer Produktionsleistung in einem Unternehmen der Alternative „Bezug von Waren über Märkte“ vorzuziehen ist. In der Realität beobachten wir komplexe, hierarchisch strukturierte Unternehmen, während nach der klassischen Markt- und Preistheorie viele kleine 18 Coase, R. H. (1937), S. 386 – 405. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts400 Anbieter und Abnehmer in einer dezentralen Koordination der Einzelpläne über Märkte eine effiziente Ressourcenallokation gewährleisten. Die Antwort von Coase lautet: „The main reason why it is profitable to establish a firm would be that there is a cost of using the price mechanism”19. Der Bezug von Waren über Märkt verursacht Kosten der Nutzung des Marktmechanismus („marketing costs“), die bei einer Integration der Aktivität in einem Unternehmen entfallen. Es ist also (bis zu einem gewissen Grad) kostengünstiger, Produk tionsprozesse unter zentraler Lenkung im Unternehmen zu organisieren als die Produkte auf Märkten zu beschaffen. Organisation von Leistungsprozessen über Märkte oder in Unternehmen? Allerdings steigen mit zunehmender Zentralisierung und vertikaler Integration die internen Organisationskosten („Organizational Costs“), so dass die Grenze einer zunehmenden vertikalen Integration dann erreicht ist, wenn die ersparten „marketing costs“ einer zusätzlich integrierten Aktivität gerade so hoch sind wie die zusätzlichen „organisational costs“, die die Koordination dieser Aktivität im Unternehmen verursacht. Dabei geht Coase davon aus, dass die Kosten der unternehmensinternen Koordination überproportional zu den integrierten Aktivitäten steigen, weil bei zunehmender Konzentration von Leistungstransaktionen in einem Unternehmen aufgrund eines überproportional steigenden Ressourceneinsatzes für Analyse-, Planungs- und Kontrollaufgaben die Grenzerträge der Koordination abnehmen und das Risiko unternehmerischer Fehlentscheidungen steigt. Mit seinem Transaktionskostenansatz liefert Coase eine Erklärung für die Entstehung und Größe von Unternehmen und für die gleichzeitige Existenz von Märkten und Unternehmen in einer Volkswirtschaft. Deren institutionelle Struktur ergibt sich in neoklassischer Tradition aus der Minimierung der Transaktionskosten. Um dieses Problem lösen zu können, muss folglich geklärt werden, was Transaktionen und Transaktionskosten sind und welche Faktoren die „marketing costs“ und „organisational costs“ beeinflussen. 8.6.3 Transaktionen und Transaktionskosten Die Transaktionskostentheorie wurde maßgeblich von Williamson entwickelt. Er greift den Ansatz von Coase auf, um den Begriff der Transaktionskosten zu operationalisieren und um Entscheidungshilfen für die Gestaltung von Institutionen geben zu können. Insoweit geht Williamson über den reinen Unternehmensansatz von Coase hinaus und entwickelt die Transaktionskostentheorie zu einer allgemeinen Vertragstheorie20. Transaktion – Übertragung von Verfügungsrechten an Gütern Eine Transaktion bezeichnet die Übertragung von Verfügungsrechten an Gütern und Dienstleistungen zwischen zwei Parteien. Dabei ist der Transaktionsbegriff sehr weit angelegt, denn er bezieht sich nicht nur auf den marktmäßigen Austausch von privaten Verfügungsrechten, sondern auch auf die Übertragung oder Veränderung kollektiver Verfügungsrechte sowie auf die Organisation von Leistungsbeziehungen innerhalb einer Unternehmung. Entsprechend unterscheiden Richter/Furubotn21 zwischen Markttransaktionskosten, politischen Transaktionskosten und Unternehmenstransaktionskosten. 19 Ebenda S. 390. 20 Williamson, O. E. (1985), sowie Williamson, O. E. (1992), S. 335 – 352. 21 Richter, R., Furubotn, E.G. (2003), S. 47. 8.6 Transaktionskosten 401 Austausch von privaten Verfügungsrechten über Märkte Handelt es sich bei der Übertragung von Verfügungsrechten um eine Markttransaktion, können wir im Zuge der Durchführung dieser Transaktion folgende Transaktionskosten unterscheiden: • Kosten der Vertragsanbahnung (Informations- und Suchkosten, Vergleich von Preisen und Qualitäten), • Kosten des Vertragsabschlusses (Verhandlungs- und Einigungskosten), • Kosten der Vertragsdurchsetzung (Kosten der Überwachung und Durchsetzung von Verträgen, Kosten der Nachverhandlung von Verträgen, Anpassungskosten)22. Übertragung oder Veränderung kollektiver Verfügungsrechte Die Kosten bei der Übertragung oder Veränderungen öffentlicher Verfügungsrechte umfassen vor allem Transaktionskosten des Staates im Zusammenhang mit der Bereitstellung öffentlicher Güter. Insoweit der Staat die Produktion öffentlicher Güter nicht selbst vornimmt, sondern deren Bereitstellung organisiert, die eigentliche Produktion aber in Unternehmen stattfindet, sind die mit der Bereitstellung öffentlicher Güter verbundenen Kosten Transaktionskosten. In diesem Sinn können auch die Aufwendungen zur Einrichtung und Durchsetzung privater Verfügungsrechte mittels Justiz und Polizei als Teil der staatlichen Transaktionskosten betrachtet werden, denn die Kosten der Organisation des Gemeinwesens bestehen schließlich in Errichtung, Veränderung und Durchsetzung von Verfügungsrechten. Organisation von Leistungsbeziehungen innerhalb einer Unternehmung In Unternehmen stehen bei den Transaktionskosten nicht Eigentumsrechte im Vordergrund, sondern es geht um die Koordination von Entscheidungen im Sinne eines möglichst effizienten Ressourceneinsatzes und um die Motivation der Akteure, um zu gewährleisten, dass das Koordinationsproblem gelöst wird. Da die Koordination und Motivation zwei Aspekte des Organisationsproblems darstellen, können wir die betrieblichen Transaktionskosten mit den Kosten der betrieblichen Organisation gleichsetzen. Die Gesamtkosten eines Unternehmens lassen sich folglich aufteilen in solche, die organisationsunabhängig sind, diese entsprechen den reinen Produktionskosten, und solche, die organisationsabhängig sind, das sind die Unternehmenstransaktionskosten, die zur Abwicklung von Transaktionen innerhalb eines Unternehmens erforderlich sind. In der neoklassischen Theorie gibt es keine Transaktionskosten In der neoklassischen mikroökonomischen Theorie werden Transaktionskosten aufgrund der restriktiven Annahmen weg definiert. Wegen der Annahme der vollständigen Information ist die Vertragsanbahnung problemlos möglich, da keine Informations- und Suchkosten anfallen. Der Abschluss von Verträgen verursacht keine Kosten, da Vertragsverhandlungen entfallen. Aufgrund der vollständigen Information kann für alle während der Vertragsausführung auftretenden Ereignisse vorgesorgt werden. Schließlich ergeben sich auch keine Probleme in der Vertragsabwicklung, da sich eine Vertragsverletzung nicht lohnt, wenn vertragliche Ansprüche kostenlos durchsetzbar sind. In der Welt der Neoklassik können somit vollständige Verträge abgeschlossen werden in dem Sinn, dass für jeden 22 Vgl. Martiensen, J. (2000), S. 272. 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts402 zukünftigen Zustand der Welt die Leistungsrechte und -pflichten der Vertragsparteien abschließend geregelt sind und kostenlos durchgesetzt werden können. In einer Welt mit unvollständiger Information entstehen Transaktionskosten Transaktionskosten führen dazu, dass dieses Ideal nicht mehr erreicht werden kann. Man wird bei unvollständiger Information in einem Vertrag nicht für alle Eventualitäten Vorsorge treffen können, so dass die abgeschlossenen Verträge im Normalfall unvollständig sind. Unvollständige Verträge eröffnen die Möglichkeit des opportunistischen Verhaltens, wodurch sich Probleme in der Vertragsabwicklung ergeben, die zu einer Revision des Vertrages führen können. Ein wichtiges Ziel der Transaktionskostentheorie ist daher zu untersuchen, welche vertraglichen Regelungen beziehungsweise institutionellen Arrangements für welche Art von Transaktionen unter Berücksichtigung der dabei anfallenden Transaktionskosten angemessen sind. 8.6.4 Verhaltensannahmen Ein grundlegender Unterschied zwischen der Transaktionskostentheorie von Williamson und der neoklassischen Theorie besteht in der Annahme begrenzter Rationalität23. Die Annahme eingeschränkter Rationalität hat zur Folge, dass Wirtschaftssubjekte wegen ihrer beschränkten Kapazität zur Informationsverarbeitung nicht alle Handlungsalternativen kennen und die Handlungsfolgen nicht voll abschätzen können. Aufgrund der Komplexität der Umwelt lassen sich Probleme nicht vollständig strukturieren und lösen. Dies führt dazu, dass die Suche nach im neoklassischen Sinn optimalen Lösungen mit hohen Kosten verbunden ist, so dass Entscheidungen unter subjektiv begrenzter Information getroffen werden. Unter dieser Bedingung können dann keine vollständigen Verträge mehr geschlossen werden, weil die Kosten des Vertragsabschlusses (Informationssuche, Verhandlungen) zu hoch würden. Daher werden die geschlossenen Verträge unvollständig sein mit der Folge, dass es zu Vertragsstörungen kommen kann, die eine Neuaushandlung und Anpassung des Vertrages notwendig machen. Opportunistisches Verhalten Als zweite Verhaltensannahme unterstellt Williamson den Wirtschaftsakteuren opportunistisches Verhalten. Er versteht darunter eine gesteigerte Form des Eigennutzes unter Anwendung von List. Opportunismus als menschliche Verhaltensweise führt dazu, dass unvollständige Verträge nicht im wechselseitigen Einvernehmen mit dem Ziel einer gemeinsamen Nutzen- oder Gewinnmaximierung erfüllt worden, sondern dass die Vertragspartner Lücken im Vertrag ausnutzen, um einseitig einen Vorteil zu erzielen. Dies kann dadurch geschehen, dass Informationen bewusst zurückgehalten, arglistig verfälscht oder in anderer Weise manipuliert werden, oder dass Ressourcen, deren Verwendung vertraglich nicht oder nicht eindeutig geregelt ist, zur Verfolgung eigennütziger Ziele und zulasten des Vertragspartners zweckentfremdet werden. Unter der Annahme begrenzter Rationalität und opportunistischen Verhaltens ist nun von Bedeutung, dass vertragliche Regelungen nicht kostenlos durchgesetzt werden können. Die Absicherung vor opportunistischem Verhalten verursacht Kosten der Rechtsdurchset- 23 Vgl. Martiensen, J. (2000). S. 281 f. 8.6 Transaktionskosten 403 zung, die zu unterschiedlichen Formen der Streitschlichtung führen. Daneben haben sich zur Absicherung vor opportunistischem Verhalten auch andere Formen der Vertragsgestaltung herausgebildet, wie z. B. Sicherheitsleistungen in Geld oder andere glaubwürdige Bindungen der Vertragspartner. Welche Institution der Absicherung vertraglicher Regelungen oder der Rechtsdurchsetzung gewählt wird, hängt somit von der Höhe der damit verbundenen Transaktionskosten ab, die ihrerseits von den unterschiedlichen Merkmalen der Transaktionen beeinflusst sind. 8.6.5 Merkmale von Transaktionsbeziehungen Ziel der Transaktionskostentheorie ist es, Aussagen über die zur Anwendung kommenden Koordinationsmechanismen wirtschaftlicher Entscheidungen und über typische vertragliche Regelungen bei der Abwicklung von Transaktionen zu machen. Dazu müssen Transaktionen nach Determinanten untergliedert und die damit einhergehenden Transaktionskosten offen gelegt werden. Nach Williamson unterscheiden sich Transaktionen im Hinblick auf Unsicherheit, Spezifität und Häufigkeit. Unsicherheit über zukünftige Umweltzustände und das Verhalten der Akteure Ein wichtiger Faktor, der Auswirkungen auf Transaktionen hat, ist die Unsicherheit. Dabei geht es einmal um zukünftige Ereignisse, denen aufgrund ihrer Häufigkeit subjektive oder objektive Eintrittswahrscheinlichkeiten zugeordnet werden können, so dass Entscheidungen unter Risiko getroffen werden können. Zum anderen bedeutet Unsicherheit auch, dass Wirtschaftssubjekte die zahlreichen Zustände in ihrer Umwelt nur unvollständig erfassen können. Aufgrund ihrer beschränkten Rationalität sind die Akteure nicht in der Lage, die Entwicklung relevanter, zukünftiger Umweltdeterminanten vorauszusehen und diese im Vertrag oder in einem institutionellen Arrangement abschließend zu regeln. Unsicherheit bezieht sich aber nicht nur auf die zukünftigen Umweltzustände, sondern auch auf das zukünftige Verhalten der Akteure. Mögliches opportunistisches Verhalten wird insbesondere begünstigt durch unterschiedliche Informations- und Wissensstände der Akteure und/oder unterschiedlich hohe Informationskosten der Akteure. Schließlich bezieht sich die Unsicherheit auch auf das Verhalten nach Vertragsabschluss, nämlich inwieweit sich die Vertragsparteien an die ausgehandelten Verträge halten. Dies ist von besonderer Bedeutung, wenn mit einer Transaktion hohe spezifische Investitionen verbunden sind. Einsatz spezifischen Kapitals steigert die Produktivität Spezifität ist für die Transaktionskostentheorie das wichtigste Merkmal einer Transaktionsbeziehung. Spezifisches Kapital bzw. spezifische Investitionen sind auf eine bestimmte Transaktion (z. B. Ein-Zweck-Technologien) zugeschnitten, um z. B. ein spezielles Produkt für einen bestimmten Vertragspartner herzustellen. Der Vorteil dieser spezifischen Investitionen in Maschinen und Ausbildung der Mitarbeiter liegt in der höheren Produktivität der Faktoren, den niedrigeren Stückkosten der Produktion oder in einer höheren Qualität der Produkte. Bei einem Scheitern der Partnerschaft müssten die spezifischen Ressourcen (Anlagen, Arbeitskräfte) einer anderen Verwendung zugeführt werden, für die sie weniger geeignet und damit weniger wert sind. Die Differenz zwischen dem Wert der Investitionen bei erstbestem Ressourceneinsatz und zweitbester Verwendung bezeichnet man 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts404 als Quasi-Rente. Diese Quasi-Rente des spezifischen Kapitals wird damit erkauft, dass die Verwendungsmöglichkeiten des spezifischen Kapitals in alternativen Produktionen reduziert werden. Damit ist ein im Vergleich zur bestmöglichen Verwendung äquivalente Verzinsung des eingesetzten Kapitals in zweitbester Verwendung ausgeschlossen. Aus der Sicht des einbringenden Unternehmens stellen die Investitionskosten, die außerhalb der Partnerschaft nicht mehr zurückgewonnen werden können, Sunk Costs dar. Im Extremfall sind die in einer Partnerschaft getätigten Investitionen in voller Höhe Sunk Costs, wenn die eingebrachten Ressourcen in keiner anderen Vertragsbeziehung verwendet werden können. Dies ist etwa der Fall, wenn ein Zulieferer der Automobilindustrie in eine Anlage investiert, um ein Fahrzeugteil herzustellen, das ausschließlich von einem Hersteller benötigt wird. Mit der Durchführung der spezifischen Investition begibt sich der Zulieferer in eine Abhängigkeit vom Automobilhersteller. Bei einem Scheitern der Lieferbeziehung ist die Anlage wertlos oder muss mit erheblichem Kostenaufwand für andere Einsatzmöglichkeiten umgerüstet werden. Allerdings ist in diesem Fall die Abhängigkeit zweiseitig. Denn auch der Automobilhersteller ist von den Lieferungen des Teileherstellers abhängig. Im Falle einer Leistungsstörung des Zulieferers muss er sich einen neuen Lieferanten suchen, der zu den erforderlichen spezifischen Investitionen bereit ist. Sowohl Zulieferer als auch Automobilhersteller können von der Vertragsbeziehung profitieren, indem beide an der Quasi-Rente beteiligt sind. Die spezifische Investition des Zulieferers ermöglicht eine höhere Produktivität und niedrigere Stückkosten, verbunden mit der höchstmöglichen Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Das Automobilunternehmen kommt in den Genuss niedrigerer Preise verbunden mit einer höheren Konsumentenrente. Spezifisches Kapital bindet den Investierenden an festgelegte Verwendungen des eingesetzten Kapitals und an einen bestimmten Vertragspartner. Während vor Vertragsabschluss eine Situation des Wettbewerbs zwischen mehreren Anbietern besteht, entsteht nach Vertragsabschluss und Durchführung der spezifischen Investition ein bilaterales Monopol mit der Gefahr des Hold up. Damit ist der „Raub“ der Quasi-Rente gemeint. Jeder Vertragspartner verfügt über ein Drohpotenzial, den Vertrag zu kündigen. Die unterschiedliche Verhandlungsmacht bestimmt die Aufteilung der Quasi-Rente zwischen den beiden Vertragspartnern. Falls eine Vertragsseite spezifische Investitionen getätigt hat, besteht die Gefahr, von der anderen Vertragsseite zu günstigeren Lieferkonditionen, Preiszugeständnissen usw. erpresst zu werden. Der andere Vertragspartner wird sich dagegen um so weniger zur Wehr setzen können, je höher der Anteil der Sunk Costs an der getätigten Investitionssumme ist, denn ein Wechsel des Vertragspartners ist mit hohen Verlusten verbunden. Besteht somit die Gefahr der Erpressung, wird nicht investiert, oder es müssen in den Verträgen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, um das Risiko des Hold up auszuschalten, indem die Aufteilung der Quasi-Rente, die aus dem Vertragsverhältnis erwächst, vertraglich geregelt und durch entsprechende vertragliche Institutionen abgesichert wird. Häufigkeit gleichartiger Transaktionen je Periode Ein drittes Merkmal einer Transaktion, welches Einfluss auf die Vertragsform und die Höhe der Transaktionskosten hat, ist die Häufigkeit gleichartiger Transaktionen je Periode. Regel mäßig wiederkehrende Transaktionen erfordern andere vertragliche Lösungen zur Koordination als einmalige Transaktionen. Mit zunehmender Zahl gleichartiger Transaktionen besteht die Möglichkeit, Kostenvorteile, Skalen- und Synergieeffekte zu realisieren. Kostenintensive Probleme in der Vertragsauslegung werden durch kostengünstigere Me- 8.6 Transaktionskosten 405 chanismen der Konfliktlösung ersetzt. Sofern solche Potenziale genutzt werden, sinken die transaktionsbedingten Stückkosten mit zunehmender Zahl der Transaktionen. 8.6.6 Zuordnung von Vertragstypen zu Transaktionstypen – einige Ergebnisse der Transaktionskostentheorie Die Transaktionskostentheorie analysiert Verträge auf ihre Fähigkeit, Transaktionskosten zu senken. Sie versucht dabei, die in der Realität häufig beobachtbaren Vertragstypen für die Erklärung ökonomischer Phänomene nutzbar zu machen. Nach der Transaktionskostentheorie tritt an die Stelle des vollständigen Vertrags der unvollständige Vertrag als Koordinierungsinstrument für unvollkommene, von Unsicherheit und Spezifität gekennzeichnete Austauschbeziehungen. In der Praxis werden die Transaktionsbeziehungen durch ein Kontinuum an hybriden Koordinationsformen zwischen den beiden extremen Markt und Hierarchie beschrieben. Die große Vielfalt an Mischformen reicht von langfristigen Verträgen, Kooperationsvereinbarungen über Beteiligungen bis hin zu horizontaler oder vertikaler Integration. Die Effizienz unterschiedlicher institutioneller Arrangements spiegelt sich in der Höhe der damit verbundenen Transaktionskosten wider. Die Organisation oder der Vertrag mit den geringsten Transaktionskosten gilt ceteris paribus als ökonomisch effiziente Institution. Für die Zuordnung von Vertragstypen zu Transaktionstypen werden die drei Merkmale „begrenzte Rationalität/Unsicherheit“, „Opportunismus“ und „Faktorspezifität“ kombiniert. Es ergeben sich insgesamt acht Transaktionstypen, von denen allerdings nur vier relevant sind. Diesen vier Transaktionstypen können entsprechende Vertragstypen/institutionelle Arrangements zugeordnet werden (siehe Tabelle 8-6). Alle zukünftigen Umweltzustände können im Vertrag geregelt werden Der Transaktionstyp (a) bedeutet, dass alle zukünftigen Umweltzustände im Vertrag geregelt werden können, dass man sich aber nicht darauf verlassen kann, dass die Vertragspartner ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen. Es besteht aufgrund spezifischer Investitionen ein beiderseitiges Interesse an der Zusammenarbeit. In diesem Fall sollte ein vollständiger Vertrag abgeschlossen. Er enthält keinen Verhaltensspielraum für die Erfüllung der Vertragspflichten, da die Leistungspflichten für alle Zustände der Welt festgelegt sind. Beispiele für solche Verträge sind die klassischen Verträge mit vollständiger Rationalität und kostenlos durchsetzbaren Ansprüchen. Aber auch die in Abschnitt 8.5.2 diskutierten Principal-Agent-Verträge gehören hierher. Hier sind zwar nicht die Handlungen des Agenten vertraglich festgelegt, aber die Entlohnung, die er für ein bestimmtes Ergebnis seiner Handlungen erhält. Persönlichen Transaktionsbeziehungen – Verzicht auf Absicherung vor opportunistischem Verhalten Für die Transaktion (b) wird von begrenzter Rationalität der Akteure und transaktionsspezifischen Investitionen ausgegangen. Jedoch wird auf eine Absicherung vor opportunistischem Verhalten verzichtet, weil beide Vertragsparteien ihre Bereitschaft bekunden, im Falle unvorhergesehener Ereignisse, die eine Anpassung des Vertrages notwendig machen, eine einvernehmliche Lösung anzustreben. Eine in diesem Sinn effiziente Lösung würde den gemeinsamen Nutzen/Gewinn der Beteiligten maximieren. Grundlage solcher Vertragsbe- 8 Abweichungen von den Bedingungen des allgemeinen Gleichgewichts406 ziehungen ist Vertrauen, Freundschaft oder Partnerschaft. Bei diesen sehr persönlichen Transaktionsbeziehungen wird auf eine umfassende Absicherung vor opportunistischem Verhalten verzichtet, weil bereits der Versuch einer Absicherung die Vertragsgrundlage empfindlich stören bzw. zerstören würde.24 Tabelle 8-6: Zuordnung von Vertragstypen zu Transaktionstypen24 Transaktionstyp Merkmale des Transaktionstyps angemessenes institutionelles Arrangement/Vertragstyp Rationalität ist begrenzt Gefahr oppor tunistischen Verhaltens Faktorspezifität ist gegeben (a) nein ja ja Vollständiger Vertrag (b) ja nein ja Unvollständiger Vertrag ohne Absicherung gegen opportunistisches Verhalten („Versprechen“) (c) ja ja nein Vertrag mit einmaligem Leistungsaustausch (Markt) (d) ja ja ja umfassender Beherrschungs- und Überwachungsvertrag Marktmäßige Transaktionen – opportunistisches Verhalten kann durch Abwanderung sanktioniert werden Wenn keine spezifischen Investitionen getätigt werden, aber begrenzte Rationalität und Opportunismus das Verhalten bestimmen, liegt die typische Form marktmäßiger Transaktionen vor (Transaktion (c)). Opportunistisches Verhalten kann unmittelbar dadurch sanktioniert werden, dass man einen anderen Vertragspartner sucht. Dieser Wechsel des Vertragspartners ist ohne weiteres möglich, da keine transaktionsspezifischen Investitionen getätigt wurden und deshalb keine Sunk Costs zu tragen sind. Die Vorteilhaftigkeit einer Transaktion ist somit auch mit einem anderen Vertragspartner gewährleistet. Für jede Leistungstransaktion wird ein neuer Vertrag geschlossen. Eine spezielle Absicherung vor opportunistischem Verhalten ist somit nicht nötig. Die Drohung vor Abwanderung und der Wettbewerb bieten ausreichenden Schutz vor Opportunismus. Vertraglicher Rahmen, der die negativen Einflussfaktoren Unsicherheit und Opportunismus reduziert Bei der Transaktionsart (d) sind alle drei Merkmale erfüllt. Begrenzte Rationalität und Opportunismus bestimmen das Verhalten der Vertragspartner. Die Durchführung der Transaktionen erfordert transaktionsspezifische Investitionen. Die anonymen Markttransaktionen werden ersetzt durch eine persönliche, partnerbezogene Transaktionsbeziehung. Das Risiko opportunistischen Verhaltens, das durch die spezifischen Investitionen entsteht, und das hierin begründete Hold-up-Problem muss durch ein entsprechendes institutionel- 24 Vgl. Martiensen, J. (2000). S. 287. 8.6 Transaktionskosten 407 les Arrangement oder eine angemessene Organisationsform beherrschbar gemacht werden, ansonsten werden die transaktionsspezifischen Investitionen nicht getätigt und die damit verbundenen Effizienzgewinne können nicht realisiert werden. Für diesen Transaktionstyp haben sich zahlreiche Beherrschung- und Durchsetzungsstrukturen (governance structure) herausgebildet. In Frage kommen zum Beispiel ein Unternehmen, eine Kooperation, langfristige Verträge (z. B. Arbeitsverträge, Rahmenlieferverträge), Franchise- oder Leasingverträge, Formen der vertikalen oder horizontalen Integration zwischen den Vertragspartnern. Ziel dieser institutionellen Arrangements ist es, einen vertraglichen Rahmen für die Transaktionsbeziehungen festzulegen, der die negativen Einflussfaktoren Unsicherheit und Opportunismus reduziert, auf eine Interessenangleichung der jeweiligen Vertragspartner hinwirkt, durch vertragliche Regelungen sicherstellt, dass sich beide Vertragspartner am Risiko eines Fehlschlags beteiligen, und/oder Regelungen über die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätzen durch entsprechende Streitschlichtungsmechanismen bereitstellt. Instrumente dazu sind etwa langfristige Vertragsbeziehungen, die Vereinbarung von Ex-ante oder Ex-Post Kompensationen, Vereinbarungen über eine unabhängige Schiedsstelle bis hin zur wechselseitigen Kapitalbeteiligung. Der Ansatz der Transaktionskostentheorie kann hier nur in seinen Grundgedanken skizziert werden. Seine Anwendungsmöglichkeiten in Volks- und Betriebswirtschaftslehre sind aufgrund von weiteren Entwicklungen breit gestreut. Die weitere Differenzierung von Transaktionen in ihren Dimensionen „Grad der Unsicherheit“, „Grad der Spezifität“ und „Häufigkeit“ erlaubt Aussagen über geeignete Governance Strukturen und führt zu Institutionen, die im Rahmen der neoklassischen Theorie keinen Platz haben. Ein Beispiel dafür sind Finanzintermediäre, für die es in einer neoklassischen Welt unter der Annahme vollkommener Kapitalmärkte keinen Platz gibt. Die Existenz eines Bankensystems als Institution der Kapitalsammlung und Kapitalvermittlung lässt sich aber damit begründen, dass das Bankensystem bei bestimmten Finanzierungsarten die mit der Unternehmensfinanzierung verbundenen Transaktionskosten senkt. Ein weiteres Beispiel für die Anwendung der Transaktionskostentheorie ist die häufig anzutreffende Make or Buy-Entscheidung, deren Grundgedanken in einem Onlinedokument dargestellt sind. Teil III: Makroökonomie und Wirtschaftspolitik

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Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.