2 Grundlagen in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 17 - 63

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_17

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2 Grundlagen Kapitelübersicht 2.1 Erkenntnisgegenstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.1.1 Wirtschaftssubjekte und ihre Aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 2.1.1.1 Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2.1.1.2 Haushalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.1.2 Wirtschaftsobjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2.1.2.1 Input: Faktorleistungen und Vorleistungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 2.1.2.2 Output: Güterkategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.2 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.2.1 Logische Deduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.2.2 Volkswirtschaftliche Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.2.2.1 Modellbestandteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2.2.2 Darstellungsformen von Modellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.3 Grundlegende ökonomische Denkmodelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.2.3.1 Rationalität und Effizienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.2.3.2 Grenzwertentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.2.3.3 Ökonomische Anreize . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.2.4 Positive und normative Ökonomik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1 Knappheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1.1 Relative und absolute Knappheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1.2 Knappe und freie Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 2.3.1.3 Wahlentscheidung und Opportunitätskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.3.1.4 Das Modell der Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve 33 2.3.2 Arbeitsteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.2.1 Dimensionen von Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.2.2 Der Mengeneffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.2.3 Der Spezialisierungseffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.3.3 Gütertausch und Tauschmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2.3.3.1 Die Tauschmittelfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.3.3.2 Die Wertaufbewahrungsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 2.3.3.3 Die Funktion als Recheneinheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 2.1 Erkenntnisgegenstand 7 Lehrziele: Dieses Kapitel soll den Leser mit drei wesentlichen Grundbausteinen der Volkswirtschaftslehre vertraut machen. Zunächst wird der Erkenntnisgegenstand der Volkswirtschaftslehre ergründet. An jedem wirtschaftlichen Vorgang sind sowohl aktiv handelnde und entscheidende Menschen und Institutionen, die Wirtschaftssubjekte, wie auch Güter, die Wirtschaftsobjekte, beteiligt. Wir unterteilen diese Vorgänge hierbei in verschiedene zentrale wirtschaftliche Aktivitäten, wie produzieren, investieren, konsumieren und sparen und lernen dabei einige wichtige volkswirtschaftliche Grundbegriffe und Termini kennen. Im zweiten Teil geht es um die Methodik volkswirtschaftlichen Denkens und Arbeitens. Theoriebildung, logische Deduktionen sowie v. a. die Technik der Modellbildung stehen dabei im Mittelpunkt. Auf dieser Grundlage werden im letzten Abschnitt des Kapitels drei grundlegende ökonomische Sachverhalte analysiert, auf denen alle weiteren Ausführungen dieses Buches aufbauen. Der Leser lernt das Wesen der ökonomischen Knappheit und deren Folgen für das Wirtschaften der Menschen kennen. Er beschäftigt sich anschließend mit der arbeitsteiligen Bewältigung des Knappheitsproblems und den besonderen Wirkungen von Arbeitsteilung. Zum Schluss folgen noch einige Überlegungen zum Gütertausch und dem dazu notwendigen Tauschmittel, dem Geld. 2.1 Erkenntnisgegenstand Der Zugang zu den Erkenntnissen der Volkswirtschaftslehre wird für den Anfänger durch verschiedene Eingangshürden erschwert. • Die Alltäglichkeit vieler wirtschaftlicher Phänomene Die Volkswirtschaftslehre befasst sich mit alltäglichen Gegenständen, mit Vorkommnissen, die alle Bürger aus ihrem täglichen Leben kennen und zu beherrschen glauben. Vieles, was Volkswirte hinterfragen und analysieren, scheint dem Leser daher vielleicht zunächst trivial, eine Selbstverständlichkeit und er macht sich oft nicht die Mühe, darüber nachzudenken. Die Bedeutung mancher wirtschaftlicher Sachverhalte wird deshalb oft unterschätzt. Ein Beispiel dafür ist das Phänomen der Arbeitsteilung. • Ihre hohe Komplexität Eine zweite Hürde besteht darin, dass der Erkenntnisgegenstand in seiner Gesamtheit andererseits derart komplex ist, dass Zusammenhänge zwischen zwei ganz bestimmten Variablen oft nicht leicht aus dem Gesamtzusammenhang zu isolieren und dadurch zu erkennen sind. Nur weil zwei Ereignisse aufeinander folgen, müssen sie noch nicht unbedingt kausal zusammenhängen. So könnte ein unvoreingenommener Beobachter aus der zeitlichen Abfolge des Rückgangs der Storchenpopulation und der Geburtenrate in Deutschland möglicherweise ganz falsche Schlüsse ziehen. Man nennt dieses Phänomen „Post-hoc-Irrtum“1. 1 Dieser Name stammt vom lateinischen Ausdruck „Post hoc, ergo propter hoc“, d. h. „danach und daher notwendigerweise infolgedessen“. 2 Grundlagen8 • Viele Fachtermini Hinzu kommt, dass sich Volkswirte oft einer Art Geheimsprache bedienen, in der viele Worte, die auch in der Alltagssprache der Menschen vorkommen und dort häufig verwendet werden, plötzlich eine andere, ganz spezifische Bedeutung erhalten. Wer würde zum Beispiel vermuten, dass der Begriff „Kosten“ noch etwas anderes bedeuten kann als Geld, dass ein knappes Gut nicht etwa selten sein muss, oder dass ein Theater, an dessen Tür das Schild „Heute freier Eintritt“ steht, keineswegs ein freies Gut ist? Wir wenden uns daher zunächst einigen zentralen volkswirtschaftlichen Begriffen zu, auf denen alle folgenden Kapitel beruhen. Beginnen wir am besten damit, den Erkenntnisgegenstand der Volkswirtschaftslehre genauer zu bestimmen. Paul Samuelson, der 1970 als erster Amerikaner den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, beschreibt ihn folgendermaßen: „Economics is the study of how men and society end up choosing, with or without the use of money, to employ scarce productive resources that could have alternative uses, to produce various commodities and distribute them for consumption, now or in the future, among various people and groups in society. It analyzes the costs and benefits of improving patterns of resource allocation.”2 Es geht also zum einen um handelnde und v. a. entscheidende Menschen und Gruppen von Menschen (men and society), zum andern um die Produktionsfaktoren (productive resources) sowie die Güter (commodities), die aus ihnen hergestellt werden. Die handelnden Personen und Institutionen nennt man Wirtschaftssubjekte, die Güter, über die entschieden wird, heißen Wirtschaftsobjekte. Untersucht werden dabei zweierlei Arten von Entscheidungen: • Die Allokationsentscheidung: Wie kommt die Entscheidung über den Einsatz der knappen Produktionsressourcen zustande? • Die Distributionsentscheidung: Wie werden die produzierten Güter in der Gesellschaft (interpersonelle Verteilung) und über die Zeit hinweg (intertemporale Verteilung) verteilt? Diese beiden Entscheidungen prägen jede Wirtschaft und müssen von jedem Wirtschaftssystem gelöst werden. Es liegt daher nahe, Wirtschaftssubjekte danach einzuteilen, welche Rolle sie bei diesen Entscheidungen spielen bzw. welchen Tätigkeiten sie im Wirtschaftsprozess nachgehen. 2.1.1 Wirtschaftssubjekte und ihre Aktivitäten Wirtschaftssubjekte werden üblicherweise zunächst nach ihrer Gebietsansässigkeit (Inländer und Ausländer bzw. Gebietsansässige und Gebietsfremde), sowie innerhalb eines Landes nach der Art ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit unterschieden. Zwei Kategorien von Wirtschaftssubjekten werden als „privat“, eine dritte als „öffentlich“ bezeichnet. Privat bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Aktivitäten des betreffenden Wirtschaftssubjektes auf seine eigene, individuelle und vor allem eigen bestimmte Zielsetzung ausgerichtet sind. Ein öffentliches Wirtschaftssubjekt hingegen orientiert seine Handlungen an einem gesamtgesellschaftlichen Zielsystem, das zuvor durch irgendeine Art von kollektiver Willensbildung zustande gekommen ist. 2 Samuelson, P.A. (1973), S. 3. 2.1 Erkenntnisgegenstand 9 2.1.1.1 Unternehmen Unternehmen sind diejenigen Wirtschaftssubjekte, die Güter produzieren. Dies bedeutet, dass durch die Kombination der volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Real- oder Sachkapital neue Güter und Dienstleistungen entstehen, deren Wert höher ist als die Summe der Werte der Einzelleistungen, die in die Produktion eingeflossen sind. Produktion geht also mit Wertschöpfung einher. Dabei geht es nicht nur um den technischen Produktionsprozess selbst (Fertigung), sondern um jede unternehmerische Handlung, die den Nutzen und damit den Wert eines Gutes erhöht (Organisation, Transport, Lagerung, Vertrieb). Allerdings findet Wertschöpfung nicht nur in Unternehmen statt. Auch Haushalte betreiben Wertschöpfung, z. B. beim Zubereiten der Mahlzeiten oder bei der Betreuung von Kindern. Im Gegensatz zur Wertschöpfung in einem Unternehmen erbringen Haushalte diese Leistungen aber nicht, um sie an Dritte zu verkaufen, sondern konsumieren sie vielmehr selbst. Man spricht hier vom Eigenverbrauch der Haushalte. Unternehmen hingegen beabsichtigen, die neu geschaffenen Werte am Markt zu verkaufen. In diesem spezifischen Sinne bedeutet Produktion also Wertschöpfung für den Markt. Eine weitere für den Unternehmenssektor typische Aktivität ist das Investieren, das bedeutet Aufbau von Real- oder Sachkapital. Darunter versteht man einen Zuwachs bei den dauerhaften Produktionsanlagen (Gebäude, Maschinen, immaterielle Produktionsanlagen) sowie den Lagerbeständen. Inländische Wirtschaftssubjekte (WiSu) Private Unternehmen Produktionsunternehmen Finanzunternehmen Unternehmen aus Industrie, Landwirtschaft, Bergbau Banken, Versicherungen Private Haushalte i.e.S. Priv. Org. o.Erwerbscharakter Gebietskörperschaften Sozialversicherungen Öff. Haushalte (Staat) Bund, Länder, Gemeinden Gesetzl. Krankenkassen, Rentenversicherungen Priv. Haushalte Selbständige, Arbeitnehmer, Nicht- Erwerbstätige Kirchen, Vereine Ausländische WiSu alle Wirtschaftssubjekte außerhalb nationaler Grenzen Abbildung 2-1: Wirtschaftssubjekte 2 Grundlagen10 Hierbei ist allerdings zu unterscheiden, ob die Investitionen brutto oder netto angegeben werden:3 Die Bruttoinvestition umfasst sämtliche Anschaffungen von Realkapitalgütern oder den Aufbau von Lagerbeständen innerhalb einer Periode. Die Nettoinvestition hingegen berücksichtigt, dass in derselben Periode durch die Nutzung dieser Güter auch Werte ver- 3 Quelle: Statistisches Bundesamt, (2013 b) S. 20; „sonstige Anlagen“ bestehen aus den immateriellen Anlageinvestitionen (Software, Lizenzen, Patente) sowie Nutztieren und -pflanzen. Sachinvestitionen 455,25 Vorratsveränderungen -9,43 Anlagen 464,68 Ausrüstungen 174,96 Bauten 260,49 sonstige Anlagen 29,23 Abbildung 2-2: Arten von Investitionsgütern in der amtlichen Statistik Deutschland 2012 (Bruttowerte, in Mrd. €)3 Afa K0 Ibr Ine Ire K1 t0 t1 Abbildung 2-3: Sachinvestition und Kapitalbestandsveränderung 2.1 Erkenntnisgegenstand 11 braucht worden sind, beim Anlagenkapital somit eine Wertminderung stattgefunden hat, welche mit Hilfe der sog. „Abschreibung für Abnutzung“ (Afa) im betrieblichen Rechnungswesen erfasst wird. Um die tatsächliche Wertsteigerung des Kapitalbestandes in dieser Periode zu ermitteln, muss die Bruttoinvestition um diese Wertminderung bereinigt werden. Der Teil der Bruttoinvestition, der lediglich den Werteverzehr derselben Periode ausgleicht, heißt Re-Investition oder Ersatzinvestition. Er ergibt sich also aus dem Gesamtwert der Abschreibung dieser Periode und ist ihr rein rechnerisch immer gleich4. Nur der Teil der Bruttoinvestition, der über die Abschreibung hinausgeht, erhöht tatsächlich den Kapitalbestand. Die Differenz zwischen Brutto- und Ersatzinvestition ergibt also die Nettoinvestition. Diese kann auch negativ sein. Wenn nämlich die Gesamtinvestition einer Periode kleiner ist als die Abschreibung derselben Periode, sinkt der Wert des Kapitalbestandes.5 Übung 2-1: Investitionsbegriff5 Ein Industrieroboter hat am 1. Januar des Jahres einen Wert von 83.000 €. Zur Leistungssteigerung wird im März eine neue Steuerung für 32.000 € eingebaut. Am 6. November entsteht durch Unfall ein Schaden von 7.000 €, der jedoch nicht repariert wird, da die technische Leistungsfähigkeit des Roboters dadurch nicht beeinträchtigt ist. Am 31.12. des Jahres wird der Wert des Roboters mit 61.000 € angegeben. Wie hoch war in diesem Jahr • die Bruttoinvestition, • die Nettoinvestition, • die Abschreibung? Lösung: Die Bruttoinvestition ist der Gesamtbetrag aller zufließenden Sachkapitalwerte und beträgt 32.000 €. Die Nettoinvestition bezeichnet die Differenz zwischen dem End- und dem Anfangswert des Kapitalbestands, hier also 61.000 € – 83.000 € = -22.000 €. Die Re-Investition lässt sich mit Hilfe der Gleichung Ibrutto = Inetto + Ire berechnen: 32.000 € = -22.000 € + Ire Afa = Ire = 54.000 € 4 Die Ersatzinvestition ist also eine rechnerische Größe. Das bedeutet, dass man einzelne Investitionsprojekte nicht einfach der einen oder anderen Kategorie zuordnen kann. Jede Investition ersetzt normalerweise zu einem bestimmten Teil eine alte, ausgeschiedene Anlage und erhöht aber gleichzeitig auch die Produktionskapazität durch eine leistungsfähigere Technologie oder bessere Qualität. 5 Entnommen aus Wilke, F. (1998), S. 57. 2 Grundlagen12 Die Tätigkeiten des Produzierens und Investierens sind eng miteinander verknüpft. Da zur Produktion von Gütern i. d. R. die Leistungen aller drei Produktionsfaktoren benötigt werden, ist die Investition, d. h. die Bildung von Sachkapital, eine wesentliche Voraussetzung für die Fähigkeit zu produzieren. Umgekehrt kann ein Wirtschaftssubjekt, das nicht produziert, auch nicht investieren. Wenn ein privater Haushalt z. B. ein Auto kauft, so handelt es sich dabei um die Anschaffung eines langlebigen Konsumgutes, denn der Haushalt verwendet das Auto zur Befriedigung der eigenen Konsumbedürfnisse. Wird dasselbe Auto von einem Unternehmen als Dienstfahrzeug eines Vertriebsmitarbeiters erworben, so handelt es sich um eine Investition, weil mit diesem Auto eine Marktleistung erbracht wird. 2.1.1.2 Haushalte Private Haushalte sind die Orte, an denen Wirtschaftssubjekte konsumieren. Der Konsum ist somit die wichtigste und charakteristischste Tätigkeit der Haushalte. Konsumieren bedeutet, dass ein Wirtschaftssubjekt durch die Nutzung eines Gutes seine Bedürfnisse befriedigt. Statistisch erfasst wird der Konsum im Zeitpunkt des Erwerbs von Konsumgütern. Um jedoch Konsumgüter kaufen zu können, benötigt der Haushalt Einkommen. Dieses erzielt er dadurch, dass er den Unternehmen Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital) oder Kredite zum Erwerb dieser Faktoren zur Verfügung stellt. Für die Nutzung der Faktoren bezahlen die Unternehmen den Haushalten die sog. Faktoreinkommen, also Löhne, Gehälter, Mieten, Pachten, Zinsen und Gewinne. Die Haushalte sind mit dem Unternehmenssektor also in zweierlei Hinsicht eng verknüpft: Sie stellen die Produktionsfaktoren zur Verfügung, die die Unternehmen zum Produzieren brauchen, und sie verwenden die Einkommen, die sie dafür erhalten, wiederum für den Kauf von Konsumgütern, die die Unternehmen produziert haben. Abbildung 2-4: Veränderung des Kapitalbestandes durch Investition t0 K0 = 83.000€ K1 = 61.000€ t1 Ibrutto = 32.000€ Afa = - 54.000€ Inetto = -22.000€ 2.1 Erkenntnisgegenstand 13 Allerdings verwenden die Haushalte i. d. R. nicht ihr gesamtes Einkommen für den Konsum. Ein Teil des Einkommens wird aufbewahrt, um davon in der Zukunft Güter erwerben zu können. Diese Tätigkeit nennt man sparen. Durch Ersparnis entsteht Vermögensbildung, d. h. ein Wertspeicher, aus dem zukünftig Einkommen bezogen werden können. In welcher Form der Haushalt dieses Vermögen hält, was er also konkret mit den gesparten Einkommensteilen macht, ist dabei völlig offen. Ein großer Teil der Ersparnis wird für den Kauf von zinstragenden Forderungen verwendet, also z. B. zum Kauf von Aktien, Sparverträgen oder festverzinslichen Staatsanleihen. Auf diese Weise tragen die Haushalte wesentlich zur Finanzierung der Investitionen privater Unternehmen oder des Staates bei. Ersparnis kann aber ebenso im Sparschwein oder unter der Matratze landen, was aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht unproblematisch ist: Solche Ersparnisse bleiben nämlich unproduktiv und bedeuten einen unmittelbaren Nachfrageausfall. Man spricht in diesem Fall auch von „Horten“. Öffentliche Haushalte – oder kurz Staat – sind v. a. die Gebietskörperschaften Bund, Länder und Gemeinden, sowie die Gesetzlichen Sozialversicherungen. Alle Tätigkeiten des Staates sind auf gesamtgesellschaftliche Belange gerichtet, also auf das Erreichen einer für alle privaten inländischen Wirtschaftssubjekte gemeinsamen Zielsetzung. Der Staat ist nichts anderes als der Repräsentant für die Interessen der Gesamtheit – die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte ist der Staat. Dieses Staatsverständnis prägt auch die wirtschaftliche Terminologie: Der Staat stellt eine Vielzahl von Dienstleistungen her, die private Unternehmen entweder nicht anbieten wollen oder dürfen, wie z. B. Sicherheitsdienstleistungen oder Leistungen im Zusammenhang mit der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur. Diese Leistungen werden wiederum von der Gesamtheit der inländischen Wirtschaftssubjekte verbraucht. Man nennt sie deshalb den öffentlichen Konsum oder auch den Eigenverbrauch des Staates, analog zum Eigenverbrauch der privaten Haushalte: Der Staat betreibt Wertschöpfung für sich selbst. Daneben spielt der Staat aber auch für die wirtschaftlichen Aktivitäten der privaten Wirtschaftssubjekte eine zentrale Rolle. Er gibt hoheitlich die Rahmenbedingungen für das Wirtschaftssystem vor und greift mit einer Vielzahl (wirtschafts-)politischer Maßnahmen in das private Wirtschaftsgeschehen ein, z. B. durch Steuern, Subventionen und Transfers, Verschuldung oder direkte Regulierung. 2.1.2 Wirtschaftsobjekte Wirtschaftsobjekte oder auch Wirtschaftsgüter sind das Ergebnis eines Produktionsprozesses. Ein Produktionsprozess ist ein technisch-organisatorisches Verfahren, bei dem verschiedene Güter und Leistungen so miteinander kombiniert werden, dass ein neues Gut entsteht, welches einen höheren Wert besitzt als die Summe seiner Einzelteile (Wertschöpfung). Güter sind also sowohl auf der Input- wie auf der Outputseite des Produktionsprozesses beteiligt. 2 Grundlagen14 2.1.2.1 Input: Faktorleistungen und Vorleistungen Die Inputs des Produktionsprozesses nennt man auch Produktivleistungen. Hierbei wird danach unterschieden, ob diese Leistungen unmittelbar erbracht werden (Faktorleistungen oder primäre Produktivleistungen) oder ob es sich um das Ergebnis eines vorgelagerten Produktionsprozesses handelt (Vorleistungen). Faktorleistungen sind die Leistungen der Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Sachkapital. • Arbeit Der Faktor Arbeit, auch Humankapital oder menschliches Arbeitsvermögen genannt, umfasst alle Fähigkeiten eines Menschen, durch Leistung Einkommen zu erzielen, sei es durch körperliche oder geistige Arbeit. Die Leistungsfähigkeit eines Menschen hängt zum einen von seiner körperlichen und geistigen Gesundheit, zum andern aber auch von Erziehung, Ausbildung und Erfahrung ab. Insofern kann dieser Produktionsfaktor – ähnlich dem Sachkapital – durch Investitionen wie Ausbildung oder gesundheitsfördernde Maßnahmen erhöht werden. • Boden und Kapital Die Faktoren Boden und Kapital wurden früher voneinander deutlich unterschieden. Der Boden, von dem der Jahrhunderte hindurch wichtigste ökonomische Sektor, die Landwirtschaft, abhing, wurde ähnlich dem Faktor Arbeit als naturgegebener Produktionsfaktor betrachtet, während die Kapitalgüter aus produzierten Produktionsmitteln bestehen. Diese Unterscheidung wird heute jedoch in vielen volkswirtschaftlichen Modellen weitgehend fallengelassen, da auch der Boden sowohl als Standortfaktor für Gebäude wie auch als Anbaufaktor für die Landwirtschaft oder als Abbaufaktor für die Gewinnung von Bodenschätzen nicht mehr ein naturbelassenes, sondern in vielfacher Weise bearbeitetes Produktionsmittel ist und daher ebenfalls zum Sachkapital gezählt wird. Lediglich in seiner weiteren Definition als sog. natürliche Ressource spielt der Boden als Sammelbegriff für unterschiedlichste Naturgüter (Rohstoffe, Wasser und Luft, Pflanzen- und Tierbestände, Klima) noch eine wichtige Rolle und zwar immer dann, wenn es darum geht, die Nachhaltigkeit von Wachstumsprozessen zu analysieren. Im Gegensatz zum Sachkapital sind natürliche Ressourcen nämlich nicht beliebig reproduzierbar. Technischer Produktionsprozess INPUT OUTPUT Faktorleistungen Vorleistungen Konsumgüter Produktionsgüter an Haushalte, zur Erzeugung von Nutzen Einsatz in einem Produktionsprozess derselben Periode Einsatz in einem Produktionsprozess über mehrere Perioden an Unternehmen, zum Einsatz in der Produktion: Abbildung 2-5: Produktionsprozess – schematische Darstellung 2.1 Erkenntnisgegenstand 15 Zum Sachkapital im engeren Sinne zählen alle dauerhaften Produktionsmittel, d. h. Anlagen wie Gebäude, Maschinen oder Fahrzeuge, und Lagerbestände. Daneben zählen auch immaterielle Anlagegüter wie Patente, Lizenzen und Software zum Sachkapital. Die Beschaffung eines Sachkapitalgutes nennt man Investition. Die Begriffe Sachkapital und Investition beziehen sich also auf dieselbe Art von Wirtschaftsgütern, betrachten diese jedoch aus einer unterschiedlichen Perspektive: Der Kapitalbestand ist der Wert aller Kapitalgüter, die an einem bestimmten Stichtag in der Volkswirtschaft vorhanden sind (Bestandsgröße). Die (Brutto-)Investition sind diejenigen Kapitalgüter, die innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zu diesem Kapitalbestand dazukommen (Stromgröße). Bei der Analyse des Produktionsprozesses ist es besonders wichtig, zwischen dem Faktor selbst und dessen abgegebener Produktivleistung zu unterscheiden. Die Produktionsfaktoren, also z. B. der Bäckergeselle oder die Betonmischmaschine, gehen nicht in die Produktion ein. Sie geben vielmehr nur ihre Leistung ab (der Bäckergeselle rührt den Teig, die Maschine den Beton), die in das Produkt eingeht und zur Wertschöpfung beiträgt. Wenn der Produktionsprozess abgeschlossen ist, ist die Faktorleistung somit im Produkt enthalten und verlässt mit diesem beim Verkauf das Unternehmen, während der Faktor selbst nach wie vor vorhanden und für den nächsten Produktionsvorgang einsatzbereit ist. Wenn also später von Faktorkosten die Rede sein wird, so ist damit nicht der Preis des Faktors selbst, sondern seine Entlohnung für die abgegebene Leistung (Löhne, Gehälter, Mieten, Zinsen etc.) gemeint. Am deutlichsten wird der Unterschied beim Faktor Arbeit: Der Faktor Mensch selbst ist überhaupt nicht (mehr) käuflich zu erwerben. Ein Unternehmen kann stets nur einen „Kauf“vertrag über die Nutzung seiner Arbeitskraft abschließen. Ebenso ist es nicht unbedingt erforderlich, dass ein Unternehmen die Kapitalgüter oder Grundstücke, die es für den Produktionsprozess benötigt, selbst erwirbt: Wichtig ist vielmehr das Recht, sie zu nutzen (z. B. beim Leasing, Mieten oder Pachten). Vorleistungen sind bereits produzierte Güter, die von einem anderen Unternehmen zugekauft werden. Ein Automobilhersteller produziert z. B. in der Regel die Stahlbleche, aus denen die Karosserie hergestellt wird, nicht selbst, ebenso wenig die Reifen oder die Autoradios und Navigationssysteme, die in das Cockpit eingebaut werden. Vorleistungen sind also Produktionsgüter, die in das Endprodukt eingebaut werden und in diesem aufgehen. Im Gegensatz etwa zur Betonmischmaschine sind sie nach Beendigung des Produktionsprozesses verschwunden und stehen für einen weiteren Prozess nicht mehr zur Verfügung. Man spricht daher von kurzlebigen Produktionsgütern, während Kapitalgüter langlebige Produktionsgüter sind. Vorleistungen müssen aber nicht unbedingt Sachgüter sein. Auch Dienstleistungen wie Transport- oder Versicherungsleistungen gehören zu den Vorleistungen. 2 Grundlagen16 2.1.2.2 Output: Güterkategorien Güter können nach vielen unterschiedlichen Kategorien eingeteilt werden, nämlich nach • Verwendungszweck Das Ergebnis eines jeden Produktionsprozesses sind ebenfalls wieder Güter. Nach dem Verwendungszweck kann man dabei Konsum- und Produktionsgüter unterscheiden. Konsumgüter werden an Haushalte verkauft und dienen dort der Bedürfnisbefriedigung, d. h. aus ihrem Ge- oder Verbrauch entsteht für den Haushalt unmittelbar Nutzen. Produktionsgüter hingegen gehen zunächst in einen weiteren Produktionsprozess ein und zwar entweder als Vorleistung, die in einem neuen Produkt aufgeht, oder als Kapitalgut, das dort über mehrere Perioden seine Leistung abgibt. Man bezeichnet Kapitalgüter daher manchmal auch als langlebige, produzierte Produktionsmittel. In beiden Fällen – also bei Konsum- und Produktionsgütern – ist wiederum nach Sachgütern und Dienstleistungen zu unterscheiden. Offenbar gibt es also unterschiedliche Güterkategorien, die sich gegenseitig überlagern. • Nutzungsdauer Nach der Nutzungsdauer werden Ge- und Verbrauchsgüter unterschieden. Konsumgüter gehören überwiegend zu den Verbrauchsgütern, jedoch gibt es auch hier langlebige Beschaffenheit Sachgüter Dienstleistungen Aktualität Güter Forderungen Kollektivität Private Güter Öffentliche Güter Nutzungsdauer Gebrauchsgüter Verbrauchsgüter Verwendungszweck Konsumgüter Produktionsgüter Abbildung 2-6: Die wichtigsten Güterkategorien 2.1 Erkenntnisgegenstand 17 Güter, die über einen langen Zeitraum genutzt werden, wie z. B. ein Auto oder ein Küchenherd. Typischerweise sind das Güter, die auch in der Produktion eingesetzt werden können. Bei den Produktionsgütern führt uns das Kriterium Lebensdauer zu der Unterscheidung in Vorleistungen und Kapitalgüter. • Beschaffenheit Nach der Beschaffenheit der Güter werden Sachgüter und Dienstleistungen unterschieden. Dienstleistungen sind im Gegensatz zu Sachgütern nicht lagerfähig. Sie werden im Zeitpunkt ihrer Entstehung verbraucht: Eine Massage z. B. wird in dem Moment konsumiert, in dem sie verabreicht wird. Man nennt diese Güter daher auch Uno-actu-Güter. Ein besonderes Problem von Dienstleistungen besteht darin, dass der Käufer ihre Beschaffenheit nicht vor dem Kauf prüfen und daher auch ihre Qualität nicht erkennen kann. Wenn er beim Kauf der Dienstleistung feststellt, dass die Qualität schlecht ist, „ist es schon passiert“. Dem Käufer bleibt nur die Möglichkeit, beim nächsten Mal zu einem anderen Dienstleister zu gehen. Uno-actu-Güter nennt man daher auch experience goods oder Erfahrungsgüter. Noch problematischer wird die Sache, wenn die Wirkung der Dienstleistung weit in der Zukunft liegt oder so komplex ist, dass der Käufer ihre Qualität überhaupt nur schwer oder sehr (zu) spät einschätzen kann. Dies ist z. B. bei Gesundheitsdienstleistungen oder bei Anlageberatungen der Fall. Der Kunde muss „glauben“, dass der Dienstleister gute Qualität anbietet, er muss ihm vertrauen. Solche Dienstleistungen heißen deshalb credence goods. • Aktualität Das Kriterium der Aktualität stellt darauf ab, ob ein Gut bereits physisch vorhanden ist, oder ob es nur für die Zukunft in Aussicht gestellt wird. Versprechen auf Leistungen in der Zukunft heißen Forderungen. Im Gegensatz zu bereits vorhandenen Gütern sind Forderungen stets mit Ungewissheit verknüpft, da ja niemand völlig sicher sein kann, was in Zukunft geschehen wird. Forderungen enthalten somit Risiko – je weiter sie in die Zukunft reichen, desto mehr. Dies spielt bei der Bewertung von Forderungen eine wesentliche Rolle. Ein Gut, das sofort zur Verfügung steht, hat einen höheren Wert als dasselbe Gut, das erst in der Zukunft zur Verfügung stehen wird. Es muss bei seiner Bewertung einen Risikoabschlag hinnehmen, der umso größer ausfällt, je weiter es in der Zukunft liegt. • Kollektivität Das Kriterium der Kollektivität bezieht sich auf die unterschiedlichen Nutzungseigenschaften der Güter. Ein rein privates Gut zeichnet sich dadurch aus, dass sein Besitzer auch sein ausschließlicher Nutzer ist bzw. allein entscheiden kann, ob er jemand anderen am Nutzen des Gutes teilhaben lassen möchte oder nicht. Außerdem schließt sich die Nutzung durch mehrere Personen gegenseitig aus. Ein typisches Beispiel für ein rein privates Gut ist ein Apfel. Ausschließlich der Besitzer des Apfels entscheidet, wer ihn essen darf, ob er ihn selbst isst oder jemand anderen abbeißen lässt. Der Besitzer kann jeden anderen Nutzer vom Konsum ausschließen. Außerdem ist das Stück Apfel, das schon jemand gegessen hat, für andere Nutzer nicht mehr verfügbar. Man nennt dies einen rivalisierenden Konsum. Für ein öffentliches Gut gilt hingegen beides nicht – was in einer Marktwirtschaft zum Problem werden kann. 2 Grundlagen18 Betrachten wir ein Beispiel: Nehmen wir an, in einer großen Stadt wie Chicago lebt ein steinreicher Mann, der ein großes Sicherheitsbedürfnis hat. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als unbesorgt zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Stadtparks schlendern und dabei auch noch sein Haus unversperrt und die Fenster geöffnet lassen zu können. Da er mehrfacher Milliardär ist, kommt ihm der Gedanke, eine schlagkräftige, private Sicherheitspolizei anzuheuern, die ihm diesen Wunsch erfüllt. Absolutes Sicherheitsgefühl wäre ihm jeden Preis wert. Nach einiger Überlegung jedoch nimmt er von dieser Idee wieder Abstand und erwirbt stattdessen eine einsame Südseeinsel, auf der er der einzige Bewohner ist. Der Grund für den Sinneswandel ist klar: Jeder andere Bewohner von Chicago würde von der Leistung der privaten Polizeitruppe profitieren, aber unser Milliardär wäre der einzige Zahler. Er könnte niemanden von der Nutzung „seines“ Gutes ausschließen und hätte Millionen ungebetene Mitkonsumenten, sog. Trittbrettfahrer oder free rider. Das Ausschlussprinzip funktioniert bei diesem Gut also nicht. Gleichzeitig würde der Konsum des Milliardärs mit dem der anderen Einwohner auch nicht rivalisieren: Sein Sicherheitsgenuss würde den seines Nachbarn nicht beeinträchtigen. Eigenschaften öffentlicher Güter Öffentliche Güter sind somit durch zwei wichtige Eigenschaften gekennzeichnet: • Nicht-Rivalität beim Konsum • Nicht-Ausschließbarkeit der Nutzung durch Dritte Die Verwendung des Begriffes „Öffentliches Gut“ ist in der Literatur allerdings nicht einheitlich6. Manche Autoren sprechen auch dann von öffentlichen Gütern, wenn nur eines der beiden Kriterien erfüllt ist. In der Tat gibt es zahlreiche Mischformen. So ist z. B. der Genuss einer Theateraufführung nicht-rivalisierend (jedenfalls innerhalb einer bestimmten Kapazitätsgrenze), aber es ist durchaus möglich, alle Besucher ohne gültige Eintrittskarte vom Besuch auszuschließen. Umgekehrt ist der Genuss eines selbst gesammelten Steinpilzes ohne Zweifel rivalisierend, aber man kann es niemandem verwehren, in der freien Natur Pilze sammeln zu gehen (sog. Allmendegut). Eine wichtige Konsequenz dieser Eigenschaften öffentlicher Güter besteht darin, dass auf einem privaten Markt kein Angebot für solche Güter zustande kommt, obwohl in jeder Gesellschaft ein hohes Bedürfnis nach ihnen besteht. Wegen des Trittbrettfahrerproblems gibt es bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten keine Zahlungsbereitschaft für ein öffentliches Gut. Somit ist auch kein privates Unternehmen daran interessiert, es herzustellen und anzubieten. Würde also eine Gesellschaft ihre Güterversorgung allein dem privaten Markt überlassen, so wäre eine im ökonomischen Sinne drastische Unterversorgung mit öffentlichen Gütern die Folge. Die einzige Lösung dieses Problems besteht darin, den Staat mit der Bereitstellung dieser Güter politisch zu beauftragen. Nur er kann kraft seiner Autorität mit Hilfe eines durch politischen Konsens gestalteten Steuersystems die Gesamtheit der Bürger zur Finanzierung der Produktion öffentlicher Güter heranziehen. Die Existenz öffentlicher Güter ist daher ein erster wesentlicher Ansatzpunkt für die wirtschaftliche Tätigkeit des Staates. 6 Eine ausführliche Erklärung zu öffentlichen Gütern sowie eine Übersicht über diverse Mischformen folgt in Abschnitt 8.3.1 „Definition und Abgrenzung öffentlicher Güter“. 2.2 Methodik 19 Übung 2-2: Korrekte Verwendung ökonomischer Grundbegriffe Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche falsch? Begründen Sie Ihre Antwort. a) In die Produktion eines Gutes gehen sowohl Faktorleistungen als auch Vorleistungen ein. Faktorleistungen und Vorleistungen unterscheiden sich dadurch, dass Vorleistungen bereits einen Wertschöpfungsprozess in einem anderen, vorgelagerten Produktionsprozess durchlaufen haben. b) Der Produktionsfaktor Kapital besteht aus produzierten Produktionsmitteln mit einer Lebensdauer von mehr als einer Periode. Ein Kapitalgut kann demnach kein Verbrauchsgut sein. c) Wenn ein Unternehmen ein Patent erwirbt, so handelt es sich dabei nicht um ein Kapitalgut und daher auch nicht um eine Investition. d) Ein Haushalt produziert nicht. Wenn er produzieren würde, hieße er nämlich Unternehmen. Wertschöpfung findet definitionsgemäß nur in einem Unternehmen statt. e) Ein privater Haushalt verwendet sein Einkommen zum Konsum, zum Sparen und i. d. R. auch zum Steuern zahlen. Ein öffentlicher Haushalt hingegen konsumiert nicht und zahlt auch keine Steuern. f) Wenn ein Gut knapp ist, dann herrscht auf dem Markt, auf dem es gehandelt wird, eine Übernachfrage. Lösung: a) Richtig. Faktorleistungen sind die primären Produktivleistungen, Vorleistungen verdanken ihren Namen der Tatsache, dass sie bereits in einem vorausgehenden Produktionsprozess vorproduziert worden sind. b) Richtig. Ein Kapitalgut gibt seine Leistung im Produktionsprozess ab, bleibt selbst als Produktionsgut jedoch erhalten und steht auch für folgende Produktionsprozesse zur Verfügung. Ein Verbrauchsgut hingegen ist ein Gut, das durch seine bestimmungsgemäße Verwendung – sei es Konsum oder Produktion – verschwindet. Vorleistungen sind daher Verbrauchsgüter, während Kapitalgüter Gebrauchsgüter sind. c) Falsch. Patente gehören zu den „sonstigen Anlagen“ und sind immaterielle Investitionsgüter. Ein Patent stellt das Recht dar, ein bestimmtes Produktionsverfahren zu nutzen. d) Falsch. Zwar trifft es zu, dass ein Haushalt i. e. S. nicht produziert. Wertschöpfung findet aber in jedem Falle auch im Haushalt statt. Im Gegensatz zum Unternehmen verkauft der Haushalt diese Wertschöpfung jedoch nicht an Dritte, sondern konsumiert sie selbst (=  Eigenverbrauch der Haushalte). e) Falsch. Der erste der beiden Sätze ist korrekt. Ein öffentlicher Haushalt konsumiert aber sehr wohl. Unter öffentlichem Konsum oder Eigenverbrauch des Staates versteht man die Gesamtheit der öffentlichen Leistungen, die der Staat für die Gesamtheit der Bürger herstellt. f) Falsch! Sobald überhaupt ein Markt für ein Gut existiert, muss es sich um ein knappes Gut handeln. Andernfalls müsste es ja gar nicht produziert und gehandelt werden. Ob auf diesem Markt dann Übernachfrage oder Überangebot herrscht, ergibt sich aus der Höhe des Preises. 2.2 Methodik Volkswirtschaftliche Analysen dienen der Erklärung komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge und dadurch gleichzeitig der Erstellung von Prognosen künftiger Ereignisse, insbesondere im Dienste wirtschaftspolitischer Beratung. Erster Ansatzpunkt dieser wissenschaftlichen Tätigkeit muss daher die systematische Beobachtung und Beschreibung wirtschaftlicher Vorgänge sein. Dazu bedarf es zum einen eines Ordnungsschemas, nach dem die Beobachtungen sortiert werden können, sowie zum anderen statistisch-mathematischer Methoden, um die Beob- 2 Grundlagen20 achtungen adäquat auszuwerten. Die Beschäftigung mit volkswirtschaftlichen Forschungsgegenständen setzt daher immer statistisches Methodenwissen voraus. Um aus Vergangenheitsbeobachtungen allerdings kausale Schlüsse auf Gesetzmäßigkeiten wirtschaftlicher Abläufe ziehen zu können, bedarf es zusätzlich geeigneter Hypothesen, die auf der Grundlage der Beobachtungen entwickelt, in formalen Modellen miteinander verknüpft und zur Ableitung von Schlussfolgerungen verwendet werden. 2.2.1 Logische Deduktion Logische Deduktion, d. h. folgerichtige Her- oder Ableitung von Aussagen spielt in volkswirtschaftlichen Analysen also eine Schlüsselrolle. Eine Deduktion besteht aus drei Schritten7: • Formulierung der Hypothese • Überprüfung der Anwendungsbedingung • Logische Herleitung des Explicandums, d. h. des zu erklärenden Vorgangs. Die Hypothese ist eine verallgemeinerte Aussage über das Verhalten von Wirtschaftssubjekten oder andere wirtschaftliche Zusammenhänge, die auf den Erkenntnissen einer konkreten Beobachtung beruht. Wirtschaftliche Hypothesen haben also eine empirische Grundlage. Ihr Hauptvorteil besteht darin, dass sie Erkenntnisse, die aus speziellen Beobachtungen gewonnen worden sind, generalisieren und damit auf vergleichbare Sachverhalte übertragbar machen. Volkswirtschaftliche Hypothesen sind verallgemeinerte empirische Aussagen. Eine häufig verwendete Hypothese lautet zum Beispiel: Wenn das verfügbare Einkommen eines Haushaltes steigt, nimmt seine Konsumnachfrage zu. Wenn nun in der Realität ein Anstieg der Konsumnachfrage (= Explicandum) beobachtet wird und der Grund dafür gefunden werden soll, ist zunächst die Anwendbarkeit dieser Konsumhypothese zu überprüfen. Stellt man fest, dass zuvor tatsächlich das verfügbare Einkommen der betreffenden Haushalte gestiegen ist (= Überprüfung der Anwendungsbedingung), kann das beobachtete Phänomen gemäß der Hypothese erklärt werden. Hypothesen stellen also eine logische Verbindung zwischen einer Ursache und einer Wirkung her. Aus Basishypothesen können durch Deduktion weitere Hypothesen, sog. Implikationen oder Konklusionen gewonnen werden. Die Qualität einer wirtschaftswissenschaftlichen Hypothese besteht in einer logisch widerspruchsfreien Formulierung sowie in ihrer empirischen Gültigkeit. In Prüfverfahren wird daher untersucht, ob sich die verwendete Hypothese logisch halten lässt (Konsistenztest) und ob sie womöglich mit den beobachteten Fakten kollidiert (empirischer Test). Allerdings kann man die Gültigkeit einer Hypothese niemals beweisen, sondern lediglich durch erneute empirische Untersuchungen vielleicht widerlegen (falsifizieren). Bestehen die Hypothesen diese Tests, so gelten sie vorläufig als brauchbare Theorien, auf die bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen zurückgegriffen werden kann. Gelegentlich werden wirtschaftswissenschaftliche Hypothesen auch als „Gesetze“ bezeichnet und zwar v. a. dann, wenn dadurch allgemeine Aussagen über regelmäßiges Verhalten von Wirtschaftssubjekten gemacht werden. Die Komplexität wirtschaftlicher Vorgänge ist allerdings so groß und zudem einem ständigen zeitlichen Wandel unterworfen, dass es kaum jemals gelingen dürfte, wirklich um- 7 Vgl. dazu ausführlich Albert, H. (1964). 2.2 Methodik 21 fassende, alle Einflussgrößen einschließende Erklärungen zu formulieren. Wirtschaftswissenschaftliche Hypothesen oder Theorien (= Hypothesensysteme) haben daher niemals denselben Exaktheitsgrad wie etwa in den Naturwissenschaften, wo ein bestimmtes Experiment zur Überprüfung von Hypothesen beliebig oft unter konstanten Laborbedingungen wiederholt werden kann. Wirtschaftswissenschaftliche Theorien können keinen zwingenden Wahrheitsgehalt beanspruchen und müssen sich meist darauf beschränken, Näherungsaussagen über Ursache-Wirkungszusammenhänge zu machen. Übung 2-3: Logische Deduktion Gegeben sind die beiden Aussagen: A: Maxl ist ein Ochse. B: Maxl ist ein Rindvieh. Welche der folgenden logischen Verknüpfungen sind richtig? a) B A f) A B b) B A g) A B c) B A h) A B d) B A i) A B e) A B Lösung: F – F – R – R – F – F – R – F – R Empfehlenswert ist die jeweils ausführliche Formulierung der Beziehungen: Aussage a) z. B. bedeutet: „Wenn Maxl ein Rindvieh ist, dann muss er auch ein Ochse sein.“ Offensichtlich ist das falsch, denn ein Rindvieh könnte ja auch eine Kuh sein. Auch die nächste Aussage ist falsch: „Wenn Maxl ein Rindvieh ist, dann kann er kein Ochse sein.“ Selbstverständlich kann Maxl gleichzeitig Rindvieh und Ochse sein, aber er muss nicht unbedingt Ochse sein. Anhand dieser Beispiele werden folgende zwei wichtige Sachverhalte deutlich: 1. Bedingungen können notwendig und/oder hinreichend sein. Eine notwendige Bedingung muss erfüllt sein, damit eine bestimmte Folge eintreten kann. Die Folge muss aber nicht zwingend eintreten. Das ist vielmehr nur dann der Fall, wenn die Bedingung auch hinreichend ist: Die Rindvieh-Eigenschaft ist eine notwendige Bedingung für einen Ochsen. Sie ist aber nicht hinreichend, da auch andere Tiere als Ochsen zu den Rindern gehören, z. B. eine Kuh. 2. Wenn eine bestimmte Aussage richtig ist, dann muss ihre Verneinung falsch sein und umgekehrt, da beide zusammen den gesamten Ereignisraum beschreiben: Die Aussage B A bedeutet: Wenn Maxl ein Rindvieh ist, muss er auch ein Ochse sein. Das ist offenbar falsch, da die Rindvieheigenschaft nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen Ochsen darstellt. Die Verneinung B A muss demnach richtig sein: Wenn Maxl ein Rindvieh ist, muss er eben nicht unbedingt auch ein Ochse sein. Er könnte auch ein Stier sein. Auf diese Weise lässt sich Aussage c) aus Aussage a), i) aus e) und h) aus g) erschließen. Schwierigkeiten volkswirtschaftlicher Theoriebildung Allerdings gibt es im Zusammenhang mit der Formulierung und Verwendung von Hypothesen auch zahlreiche Fallstricke und verbreitete Irrtümer. • Post-hoc-Irrtum Der erste Irrtum besteht darin, zeitliche Abfolge mit kausaler Abhängigkeit zu verwechseln (sog. Post-hoc-Irrtum). Paul Samuelson gibt hierzu ein anschauliches Beispiel: 2 Grundlagen22 „Als Beispiel mag hier die Interpretation der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA dienen. Einige aufmerksame Beobachter hatten festgestellt, dass die Preise vor oder im Zuge von Wachstumsperioden steigen. Daraus schlossen sie, die Anhebung von Löhnen und Preisen müsse die adäquate Reaktion auf eine wirtschaftliche Depression sein. Es folgte eine ganze Reihe neuer Gesetze und Vorschriften zur – übrigens sehr ineffizienten – Erhöhung von Löhnen und Preisen. Doch führten diese Maßnahmen zum gewünschten Wirtschaftsaufschwung? Nun, das kann praktisch ausgeschlossen werden. Tatsächlich bremsten diese Maßnahmen sogar den Aufschwung, der erst eintrat, als die gesamtwirtschaftlichen Ausgaben aufgrund der militärischen Anstrengungen in Vorbereitung auf den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zu steigen begannen.“8 • Trugschluss der Verallgemeinerung Ein weiterer, sehr verbreiteter Irrtum ist der Trugschluss der Verallgemeinerung. Wenn eine Verhaltensweise für ein Individuum vorteilhaft ist, muss dies nicht unbedingt für die Gesellschaft insgesamt gelten. Der Schluss von einem Teil auf das Ganze kann völlig falsch sein. Für eine einzelne gesetzlich krankenversicherte Person ist es vorteilhaft, so viele Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen wie nur irgend möglich, beispielsweise im Falle einer Erkrankung statt nur zu einem, zu drei Spezialisten zu gehen, um verschiedene Meinungen einzuholen, oder sich Medikamente auf Vorrat verschreiben zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, sie dann wegzuwerfen. Da in Deutschland der Pflichtbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung nur vom Einkommen, aber nicht von den beanspruchten Leistungen abhängt, ist es rational, sich im Gegenzug ein Maximum an Gesundheitsgütern zu verschaffen, unabhängig davon, ob diese medizinisch indiziert sind oder nicht. Verhalten sich jedoch alle Versicherten so, dann steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen signifikant an, so dass der Beitragssatz für alle Mitglieder angehoben werden muss. • Mehrdimensionale Abhängigkeiten Eine dritte Quelle für Irrtümer liegt darin, dass i. d. R. mehrdimensionale Abhängigkeiten vorliegen. Häufig wird bei der Formulierung von Hypothesen übersehen, dass gleichzeitig sehr viele verschiedene Variable auf eine Größe einwirken können. Ein vermeintlich beobachteter und sogar statistisch verifizierter Zusammenhang zwischen zwei Größen kann sich als Trugschluss erweisen, wenn beide Größen von einer dritten Variablen abhängen, die nicht miterfasst worden ist (externe Korrelation). Das trifft zum Beispiel auf das bereits erwähnte Zusammentreffen sinkender Geburtenraten mit dem Rückgang der Storchenpopulation zu. Ähnliches gilt, wenn sich Einflussgrößen überlagern und womöglich gegenseitig neutralisieren. So hängt das Konsumverhalten eines privaten Haushaltes nicht nur von der Entwicklung seines verfügbaren Einkommens, sondern noch von einer Vielzahl weiterer Einflussfaktoren, v. a. von seinen Erwartungen bezüglich der zukünftigen Einkommensentwicklung ab. Wenn also zum Beispiel ein Anstieg der verfügbaren Einkommen beobachtet wird, die Konsumausgaben aber dennoch nicht ansteigen, widerlegt das die Hypothese der Einkommensabhängigkeit des Konsums nicht, sondern könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Haushalte eine pessimistischere Sicht auf die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung gewonnen haben, die den Konsumanreiz des gestiegenen Einkommens kompensiert. 8 Samuelson, P.A.,/Nordhaus, W.D. (2005), S. 22 f. 2.2 Methodik 23 Da die Anzahl möglicher Einflussgrößen meist sehr groß ist, geht es bei wirtschaftswissenschaftlichen Erklärungsansätzen häufig nur darum, bestimmte dominierende Abhängigkeiten zu ermitteln. Dazu betrachtet man Teilsysteme (= partielle oder Partialanalyse), um das Theoriegebäude überschaubar zu halten. Zu diesem Zweck müssen explizit alle Einflussgrößen, die nicht betrachtet werden sollen, konstant gehalten werden. Dies bezeichnet man als „ceteris paribus-Klausel“: Ceteris paribus oder c.p. bedeutet, dass „alles andere gleich bleibt“. Man geht also davon aus, dass alle nicht untersuchten Beziehungen und Einflussfaktoren unverändert bleiben und keine Auswirkungen auf die analysierten Zusammenhänge haben. 2.2.2 Volkswirtschaftliche Modelle Immer dann, wenn Wissenschaftler, Handwerker oder Künstler mit besonders komplexen Gegenständen umgehen müssen, fertigen sie Modelle an. Was ist ein Modell? Worin besteht sein besonderer Nutzen? Ein Modell ist ein vereinfachtes Abbild der Realität, das nur noch diejenigen Teile oder Schichten des Problems enthält, auf die es dem Bearbeiter ankommt. Das Modell eines Architekten zeigt nur die äußere Gestalt, die Proportionen des künftigen Bauwerks, um es optisch zu veranschaulichen. Die gesamte Funktionalität des Gebäudes bleibt zunächst ausgeblendet. So sind auch wirtschaftswissenschaftliche Modelle stark reduzierte Abbilder der wirtschaftlichen Realität. Da es um die Erklärung von logischen Zusammenhängen geht, besteht ein solches Modell aus einem i. d. R. formalisierten System von Hypothesen, das komplizierte Zusammenhänge zwischen vielen Wirtschaftssubjekten und -objekten übersichtlich vereinfacht und verallgemeinert. Ein Modell reduziert und abstrahiert die Realität. Genau das, nämlich die vermeintliche Realitätsferne und der manchmal hohe Abstraktionsgrad, werden gerade volkswirtschaftlichen Modellen häufig zum Vorwurf gemacht. Allerdings besteht das Problem meistens nicht in der Konstruktion der Modelle, sondern in der Interpretation der Ergebnisse, die oft die ceteris-paribus-Klausel nicht ausreichend berücksichtigen und daher zu falschen Schlussfolgerungen verleiten. Betrachtet man zum Beispiel eine Landkarte, so stellt man fest, dass diese ebenfalls ein sehr abstraktes und außerordentlich stark vereinfachendes Abbild der Realität darstellt. Das Aussehen der Karte hat sogar keinerlei äußere Ähnlichkeit mit der dargestellten Realität und sie kann nur von jemandem gelesen werden, der die auf der Karte verwendete Symbolik korrekt zu deuten vermag. Eine Landkarte ist aufgrund des hohen Abstraktionsgrades nicht intuitiv interpretierbar, aber gerade deshalb so wertvoll und nützlich. Ähnlich wie eine Landkarte bedarf auch ein wirtschaftswissenschaftliches Modell einer Symbolerklärung. Außerdem muss genau definiert sein, welche Teile der Realität abgebildet, und welche unter der ceteris-paribus-Klausel subsumiert werden. Mit anderen Worten: Die Grenzen des Modells müssen genau abgesteckt sein, um die Aussagekraft der Ergebnisse einschätzen zu können. Neben den Hypothesen sind somit Definitionen ein zweiter unverzichtbarer Bestandteil von Modellen. Wirtschaftliche Marktmodelle beinhalten daneben häufig auch noch ein drittes Element, das eine wichtige Lösungseigenschaft beschreibt, nämlich eine Gleichgewichtsbedingung. Sie definiert gleichsam einen angestrebten Zielzustand des Marktes, für den im Modell die notwendigen Variablenwerte ermittelt werden sollen. 2 Grundlagen24 2.2.2.1 Modellbestandteile Die meisten volkswirtschaftlichen Modelle bestehen somit aus den drei Elementen • Hypothesen Die Hypothesen beschreiben i. d. R. das Verhalten oder Teilaspekte des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten. Man nennt sie in diesem Fall Verhaltenshypothesen. Ein Beispiel dafür ist etwa die Konsumfunktion C = f(Yv), welche besagt, dass die Konsumausgaben C der privaten Haushalte von der Höhe des verfügbaren Einkommens Yv dieser Haushalte abhängen. Die genaue Art dieser Abhängigkeit kann dann durch eine konkrete Funktionsgleichung beschrieben werden. Daneben gibt es Hypothesen, die sich auf technische Zusammenhänge beziehen. Ein typisches Beispiel dafür sind Produktionsfunktionen, die einen technisch-organisatorischen Zusammenhang zwischen verschiedenen Inputs und Outputs beschreiben. Zum dritten gibt es Hypothesen, die das Verhalten oder besser die Funktionsweise von Institutionen abbilden, wie z. B. die Steuerfunktion T = f(Y), die eine einkommensabhängige Steuer darstellt, wobei T das Steueraufkommen und Y das Einkommen bezeichnet. • Definitionen Definitionen können im Gegensatz zu Hypothesen nicht überprüft werden. Sie sind weder falsch noch richtig und besitzen keinerlei Allgemeingültigkeit, sondern geben vielmehr vor, wie im jeweils vorliegenden Modell bestimmte Begriffe zu verstehen sind. In Marktmodellen muss es mindestens zwei grundlegende Definitionsgleichungen geben, nämlich eine für das Angebot und eine für die Nachfrage. Diese Definitionen beschreiben gleichzeitig die Modellgrenzen. So legt die Nachfragegleichung YN = C(Yv) + I(i) + G, wobei I die Investitionen, i den Zinssatz und G die Staatsausgaben bezeichnet, zum Beispiel fest, dass das Modell eine Volkswirtschaft ohne Ausland – man spricht hier von einer geschlossenen Volkswirtschaft – behandelt, denn sonst müsste die Nachfragegleichung auch die Exportnachfrage beinhalten. • Gleichgewichtsbedingung Eine Gleichgewichtsbedingung beschreibt die Situation der Gleichheit von Angebot und Nachfrage auf dem betrachteten Markt. Diese Bedingung ist i. d. R. notwendig, um das Gleichungssystem überhaupt lösen zu können. Die Lösungswerte der verwendeten Variablen müssen die Gleichgewichtsbedingung erfüllen. Übung 2-4: Ein einfaches makroökonomisches Gleichgewichtsmodell Gegeben sind folgende fünf Modellgleichungen: (1) YN = C + I wobei: Y = Volkseinkommen (2) C = 20 + 0,8Y YN = Gesamtnachfrage (3) I = Iaut = 60 YA = Gesamtangebot (4) YA = Y C = Konsum (5) YA = YN Iaut = autonome Nettoinvestition a) Interpretieren und charakterisieren Sie die Gleichungen. b) Berechnen Sie das Gleichgewichtseinkommen und den Gleichgewichtskonsum. c) Berechnen Sie das neue Gleichgewichtseinkommen, das sich bei einer Erhöhung der autonomen Nettoinvestition um 20 ergibt. d) Interpretieren Sie dieses Ergebnis hinsichtlich seiner ökonomischen und wirtschaftspolitischen Bedeutung. 2.2 Methodik 25 Lösung: a) Interpretation der Gleichungen (1) Definitionsgleichung der Gesamtnachfrage: Sie besteht aus der Konsum- und der Investitionsnachfrage. Das Modell beinhaltet somit weder Staat noch Ausland. Es handelt sich um ein sog. Zwei-Sektoren-Modell. (2) Verhaltenshypothese für die Konsumnachfrage: Sie besteht aus einem einkommensunabhängigen Konsumsockel in Höhe von 20 (Basiskonsum) sowie einem einkommensabhängigen Teil. Von jeder zusätzlich verdienten Einkommenseinheit werden 80 % für Konsumgüter ausgegeben. (3) Verhaltenshypothese für die Investitionsnachfrage: Sie wird als feste Zahl vorgegeben und hängt nicht von Modellvariablen, insbesondere nicht vom Volkseinkommen ab. Das bedeutet, dass die Höhe der Investition in diesem Modell nicht erklärt wird (ceteris-paribus- Klausel). Es bedeutet nicht, dass die Investition keinerlei Einflussgrößen unterliegt. (4) Definitionsgleichung für das Gesamtangebot: Durch die Produktion des Gesamtangebots entstehen Einkommen in gleicher Höhe. Auch aus dieser Gleichung wird deutlich, dass das Modell kein Ausland beinhaltet, denn sonst würde zusätzlich zum inländischen auch das ausländische Angebot, nämlich der Import, berücksichtigt. (5) Gleichgewichtsbedingung: Das Gesamtangebot muss im Gleichgewicht der Gesamtnachfrage entsprechen. b) Berechnung der Gleichgewichtswerte: Die Berechnung muss von der Gleichgewichtsbedingung ausgehen, denn die Lösungswerte müssen diese Gleichung erfüllen: (5) YA = YN Für die beiden Unbekannten YA und YN werden die zwei Definitionsgleichungen eingesetzt: (1) und (4) in (5): Y = C + I Für die beiden Nachfragebestandteile C und I können jetzt die Verhaltenshypothesen (2) und (3) eingesetzt werden: (2) und (3) in (5): Y = 20 + 0,8Y + 60 Diese Gleichung enthält nur noch eine Unbekannte, nämlich das Volkseinkommen Y, und kann daher eindeutig gelöst werden: Y – 0,8Y = 20 + 60 Y(1 – 0,8) = 80 80Y = = 400 0,2 Der Gleichgewichtskonsum ergibt sich dann als C = 20 + 0,8·400 = 340 c) Berechnung des neuen Gleichgewichtseinkommens: Durch Einsetzen von I = 80 in die Lösungsgleichung erhält man: 100Y = = 500 0,2 Das bedeutet, dass das Gleichgewichtseinkommen fünfmal so stark ansteigt wie die Investition. d) Wirtschaftspolitische Interpretation: Offensichtlich führt die Investitionssteigerung zu einem Anstieg des Volkseinkommens um ein Vielfaches. Diesen Zusammenhang könnte sich die Wirtschaftspolitik zu Nutze machen. Wenn in einer Konjunkturflaute möglichst schnell ein Anstieg des Einkommens und damit der Beschäftigung (vgl. Gleichung (4)) herbeigeführt werden soll, so kann der Staat auf eigene Kosten ein Investitionsprogramm durchführen, das zu der oben berechneten Einkommenssteigerung führt. Die Investition wirkt – zumindest in diesem Modellrahmen – multiplikativ auf das Volkseinkommen. 2 Grundlagen26 2.2.2.2 Darstellungsformen von Modellen Modelle können verbal, graphisch oder mathematisch-algebraisch dargestellt werden. Mathematisch-algebraische Formulierung Die gebräuchlichste und einfachste Modellformulierung ist die mathematisch-algebraische. Da Hypothesen Verallgemeinerungen beobachteter Vorgänge bzw. daraus abgeleiteter Zusammenhänge sind, lassen sie sich gut als mathematische Funktionen, d. h. Beziehungen zwischen einer abhängigen und einer oder mehreren unabhängigen Größen darstellen. Der besondere Vorteil dieses Vorgehens besteht darin, mit Hilfe mathematischer Methoden Modelle numerisch lösen zu können. Allerdings muss bei der Interpretation der Ergebnisse darauf geachtet werden, dass immer nur die empirisch relevanten Bereiche der unterstellten Funktionen tatsächlich aussagekräftig sind. Wenn eine Konsumfunktion etwa als C = 100 + 0,8 · Yv beschrieben wird, so läuft diese Funktion für alle Werte von Yv und nimmt dabei selbst Werte von –∞ bis +∞ an. Insbesondere schneidet die Funktion die Ordinate beim Wert 100. Dieser Punkt sowie alle negativen Werte von Yv und auch die unmittelbare Umgebung des Punktes (0/100) im positiven Yv-Bereich sind jedoch empirisch irrelevant, da das verfügbare Volkseinkommen weder negativ noch nahe Null sein kann. Ähnliches gilt für sehr große Werte von Yv. Graphische Darstellung Die eben genannte Konsumfunktion kann man auch zeichnen. Ihr Graph besteht aus einer Gerade mit der Steigung 0,8 und dem Ordinatenabschnitt 100. Abbildung 2-7 zeigt anschaulich, was der mathematische Ausdruck bedeutet: Der Konsum steigt linear mit dem verfügbaren Einkommen an, allerdings nicht proportional, sondern auf einem Sockelbetrag von 100. Das bedeutet, dass ein Teil der Konsumausgaben unabhängig vom Einkommen getätigt wird. 100 200 300 400 100 200 300 400 C = 100 + 0,8Yv Yv C Abbildung 2-7: Graph der Konsumfunktion C = 100 + 0,8Yv 2.2 Methodik 27 Verbale Beschreibung Wollte man dieselbe Konsumfunktion rein verbal ausdrücken, so würde das mehrere Sätze erfordern: „Der gesamtwirtschaftliche Konsum hängt vom verfügbaren Einkommen ab. Alle anderen Einflussgrößen werden konstant gehalten und in der Konsumfunktion nicht berücksichtigt. Die Konsumausgaben steigen mit dem verfügbaren Einkommen an und zwar so, dass von jeder zusätzlich zur Verfügung stehenden Einkommenseinheit 80 % für Mehrkonsum ausgegeben werden. Daneben gibt es aber noch einen Basiskonsum in der Höhe von 100 Geldeinheiten, der unabhängig vom verfügbaren Einkommen getätigt wird. Wovon seine Höhe abhängt, wird in dieser Konsumfunktion nicht erklärt (ceteris paribus!).“ Die Vor- und Nachteile der einzelnen Darstellungsarten werden durch das Beispiel klar: Am präzisesten und eindeutigsten ist die mathematische Formulierung. Sie ist jedoch weder anschaulich noch selbsterklärend. Um mathematische Funktionen verstehen und v. a. ökonomisch interpretieren zu können, ist umfangreiche mathematische Methodenkenntnis notwendig – ähnlich wie zum Lesen einer Landkarte die Kenntnis der Bedeutung der verwendeten Symbolsprache erforderlich ist. Eine ergänzende Zeichnung oder zumindest Skizze unterstützt die Anschaulichkeit einer Funktion meist beträchtlich; allerdings ist das nur bei eindimensionalen Funktionen möglich. Bereits eine Funktion mit zwei Variablen lässt sich auf einem Blatt Papier nur noch in perspektivischer Darstellung einigermaßen veranschaulichen. Drei und mehr Variablen sind überhaupt nicht mehr graphisch zu erfassen. Verbale Erklärungen schließlich können stets nur ergänzend die ökonomische Bedeutung der mathematischen Symbolsprache deutlich machen. Eine ausschließlich verbale Modellbeschreibung hingegen wäre vollständig unübersichtlich und v. a. kaum quantitativ lösbar. 2.2.3 Grundlegende ökonomische Denkmodelle Die Volkswirtschaftslehre ist von einigen Basishypothesen über das menschliche Verhalten geprägt, die in den meisten ökonomischen Modellen – zumindest in denen, die im Grundlagenstudium relevant sind – stillschweigend vorausgesetzt werden. 2.2.3.1 Rationalität und Effizienz In der Volkswirtschaftslehre wird grundsätzlich rationales Verhalten der Wirtschaftssubjekte unterstellt. Rationalität bedeutet, dass jeder, der eine ökonomische Entscheidung trifft, danach trachtet, einen bestimmten Erfolg mit möglichst geringem Aufwand zu erzielen, oder umgekehrt, gegebene Mittel so zu verwenden, dass sie zum größtmöglichen Erfolg führen. Dies gilt gleichermaßen für einen privaten Haushalt, der aus seinem gegebenen Einkommen ein Höchstmaß an „Wohlbefinden“, d. h. Nutzen für sich generieren möchte, wie für ein Unternehmen, das zur Produktion einer Outputeinheit möglichst wenig Inputfaktoren verbrauchen möchte. Eine rationale Verwendung von Mitteln ist somit immer auch eine effiziente. Ein rationales Wirtschaftssubjekt macht aus gegebenen Mitteln „das Beste“, wobei „das Beste“, d. h. letztendlich die angestrebten Ziele, jeweils von ihm selbst definiert werden. In einer Volkswirtschaft ist dann ein effizienter Zustand erreicht (= optimale Allokation), wenn kein Individuum besser gestellt werden kann, ohne ein anderes schlechter stellen zu müssen. 2 Grundlagen28 Ein Mensch, der sich in diesem Sinne rational verhält, heißt homo oeconomicus, der wirtschaftende Mensch. Wie jede Hypothese so stellt auch die Annahme seines Rationalverhaltens eine Abstraktion und Vereinfachung tatsächlicher Vorgänge dar. In der Realität lassen sich zu Hauf Beispiele dafür finden, dass Entscheidungen nicht immer rational im oben definierten Sinne gefällt werden – sei es, dass Menschen nicht genügend Einsicht in die Zusammenhänge haben, mit denen sie umgehen, sei es, dass sie einfach nur nicht genügend über ihre Handlungsweise nachdenken, sei es, dass sie überhaupt nicht vernunftgesteuert, sondern emotionsgesteuert handeln, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Der homo oeconomicus ist daher seit vielen Jahren heftiger wissenschaftlicher Kritik ausgesetzt9. Dennoch durchzieht die (vereinfachende) Grundannahme der Rationalität nach wie vor die wirtschaftswissenschaftliche Theorie. Daraus folgt, dass in vielen Modellen die Lösung durch mathematische Optimierungen, Maximierungen oder Minimierungen, gesucht wird. Für Wirtschaftswissenschaftler ist daher die Beherrschung der Infinitesimalrechnung, speziell der Techniken der Kurvendiskussion unerlässlich. 2.2.3.2 Grenzwertentscheidungen Wenn ein rationales Unternehmen vor der Entscheidung steht, ob es – ausgehend von einer komfortablen Gewinnsituation – seine Produktion und damit sein Angebot weiter erhöhen soll oder nicht, kann es seine Lage sowohl insgesamt, d. h. unter Berücksichtigung aller bisher erzielten Umsätze und Kosten beurteilen oder aber nur den Bereich betrachten, in dem die Veränderung tatsächlich stattfinden soll, also die Umgebung des bereits erreichten Produktionspunktes. Rational im eben definierten Sinne ist allerdings nur die Grenz- oder Marginalbetrachtung. Offensichtlich wird der Gewinn des Unternehmens durch jede Produktionsausdehnung erhöht, bei der das letzte angebotene Stück mehr einbringt als es mehr kostet. Nehmen wir an, ein Reisebusunternehmen führt eine Ausflugsfahrt von München nach Salzburg durch. Der Bus hat 40 Plätze. Unter Berücksichtigung aller Kosten für den Bus, den Fahrer, Treibstoff, die Verwaltung und Vermarktung etc. kostet ein Platz auf dieser Fahrt 50 €. Das Unternehmen bietet die Reise zunächst für 65 € pro Platz an und kann den Bus zu 80 % füllen. Wenn die letzten 8 Plätze bis kurz vor der Abfahrt tatsächlich frei bleiben, aber Interessenten da sind, die in letzter Minute für die Hälfte des Preises mitfahren würden, ist es für das Busunternehmen c.p. rational, die Last-Minute-Reisenden mitzunehmen, vorausgesetzt, dass diese Passagiere weniger als 32,50 € an zusätzlichen Kosten verursachen (erhöhter Treibstoffverbrauch, Bordverpflegung oder sonstige Serviceleistungen). Der Gewinn des Busunternehmens würde dadurch steigen. Wenn sich das Unternehmen hingegen an den Durchschnittkosten orientiert und sich gegen die Last-Minute-Passagiere entscheidet, verzichtet es auf seinen Maximalgewinn – es würde nicht rational entscheiden. Diese Orientierung an den marginalen Veränderungen, die durch bestimmte Handlungen entstehen, ist typisch für alle rationalen Entscheidungen: Ob sich zusätzliche Überstunden für einen Arbeitnehmer lohnen, hängt nicht vom Durchschnittssteuersatz sondern vom Grenzsteuersatz ab. Für den Besucher eines offenen Buffets lohnt es sich – unabhängig von der Höhe des Eintrittsgeldes – so viel zu essen, wie er nur irgend kann, denn jede zusätzlich 9 Vgl. die ausführlichere Darstellung zum homo oeconomicus in Abschnitt 4.1 „Mikroökonomie im Wandel der Zeit: Eine kurze Theoriegeschichte“. 2.2 Methodik 29 verzehrte Speise hat die Grenzkosten Null. Analoges gilt für einen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung und den Konsum von Gesundheitsleistungen. Die Analyse des Entscheidungsverhaltens rationaler Wirtschaftssubjekte ist daher stets eine Marginalanalyse. Ableitungen bzw. der Umgang mit Veränderungsgrößen gehören zum täglichen Handwerkszeug jedes Wirtschaftswissenschaftlers. 2.2.3.3 Ökonomische Anreize Eine weitere zentrale Hypothese zur Erklärung ökonomischen Verhaltens ist ebenfalls eine Deduktion aus dem Rationalitätsprinzip. Wenn rationale Wirtschaftssubjekte tatsächlich ständig die (zusätzlichen) Kosten und Nutzen ihrer Handlungen vergleichen, lässt sich ihr Verhalten ganz einfach dadurch steuern, dass man die Kosten oder Nutzen in der gewünschten Richtung beeinflusst. Das bedeutet, Menschen reagieren auf ökonomische Anreize. Diese Hypothese ist die Basis für jegliche marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik. Durch wirtschaftspolitische Veränderungen in den Anreizstrukturen des Marktes, etwa durch steuerpolitische Maßnahmen, ist es möglich, die Handlungen der privaten Wirtschaftssubjekte in eine gewünschte Richtung zu lenken, ohne dabei die dezentrale Entscheidungsfreiheit des Einzelnen einschränken zu müssen. Allerdings besteht die Kunst darin, wirklich alle denkbaren direkten und indirekten Auswirkungen solcher Anreize adäquat zu berücksichtigen. Der bekannte amerikanische Nationalökonom und Lehrbuchautor Gregory Mankiw führt hierzu ein besonders eindrucksvolles Beispiel an10. Die Einführung von Sicherheitsgurten sollte die Autofahrer vor fatalen Unfallfolgen schützen und die Anzahl der durch Unfall getöteten Fahrer und Beifahrer reduzieren. Was jedoch dabei nicht ausreichend bedacht worden war, ist, dass der Gurt auch gleichzeitig die Kosten eines besonders riskanten Fahrstils senkt. Die Anschnallpflicht reduziert auf diese Weise den Nutzen einer langsamen, vorsichtigen Fahrweise. Die Unfallhäufigkeit stieg an. USamerikanische Untersuchungen haben gezeigt, dass durch die Einführung der Gurtpflicht im Endeffekt zwar die Zahl der Verkehrstoten pro Unfall gesunken, die Zahl der Unfälle jedoch gestiegen ist. Tote Fahrer wurden ersetzt durch tote Fußgänger! 2.2.4 Positive und normative Ökonomik Spätestens bei der Formulierung von wirtschaftspolitischen Empfehlungen gerät der Volkswirt in den Zwiespalt von positiver und normativer Ökonomik. Positive Aussagen sind solche, die ausschließlich die Realität beschreiben. Sie konstatieren, wie die Welt ist. Normative Aussagen hingegen beschreiben, wie die Welt sein soll. Sie beinhalten stets Werturteile. Es ist klar, dass Werturteile nicht zur Erklärung der Wirklichkeit beitragen können. Sie bedürfen politischer Debatten und politischer Entscheidungen. Wissenschaftliche Aussagen im engeren Sinne sind hingegen immer positive Aussagen. Sie müssen sich überprüfen und im Zweifelsfall auch widerlegen lassen. Die Behauptung, dass durch einen umfangreicheren Kündigungsschutz die Arbeitslosigkeit ansteigen könnte, ist eine positive Aussage. Durch entsprechende empirische Befunde 10 Vgl. Mankiw, N. G. (1999), S. 8 f. 2 Grundlagen30 könnte der Zusammenhang zwischen Maßnahmen zum Kündigungsschutz und der Entwicklung von Arbeitslosigkeit untersucht werden. Sollte sich diese Behauptung dabei als zutreffend erweisen und jemand auf Grund dessen fordern, den Kündigungsschutz zu lockern oder abzuschaffen, dann wäre das jedoch eine normative Aussage, die sich jeder statistischen Überprüfung verweigert. Das Beispiel macht deutlich, wie eng in der wirtschaftspolitischen Diskussion positive und normative Standpunkte beisammen liegen und wie eng sie verknüpft sein können. Unsere politischen Werturteile sind nicht selten eine Folge unseres positiven Weltbildes. Sie hängen aber auch mit Ethik, parteipolitischer Ideologie und dem jeweiligen Verständnis von Fairness zusammen. Insbesondere im Bereich wirtschaftspolitischer Beratung besteht daher die Gefahr, dass Ökonomen die Grenzen der reinen Wissenschaft überschreiten und die wertfreie Analyse zugunsten normativer Aussagen verlassen. Sie werden dann vom Wissenschaftler zum Politiker. Übung 2-5: Werturteile oder positive Aussagen? Welche der folgenden Aussagen beinhalten Werturteile? a) Eine Umverteilung zugunsten niederer Einkommensklassen widerspricht dem Verteilungsprinzip der Leistungsgerechtigkeit. b) Es ist nur gerecht, höhere Einkommen stärker zu besteuern als geringe. c) Da der Grenznutzen zusätzlicher Einkommenseinheiten mit steigendem Einkommen abnimmt, müssen höhere Einkommen stärker besteuert werden als niedrigere, wenn allen Einkommensklassen das gleiche Nutzenopfer auferlegt werden soll. d) Die Arbeitslosigkeit ist zu gering, um Preisniveaustabilität wahren zu können. e) Eine Inflationsrate von 3 % ist besser als eine Arbeitslosigkeit von 4 % f) Eine Inflationsrate von 3 % stört den sozialen Frieden weniger als eine Arbeitslosigkeit von 4 %. g) Wer körperlich schwer arbeitet, sollte mehr verdienen als sein Aufseher, der nur herumsteht und zuschaut. h) Wenn nach dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit entlohnt wird, muss die individuelle Entlohnung dem Wert der individuellen Arbeitsleistung entsprechen. Lösung: Werturteile sind enthalten in den Aussagen b), e) und g). Alles andere sind positive Aussagen, auch wenn teilweise Begriffe verwendet werden, die in anderem Zusammenhang politische Diskussionen prägen (z. B. Leistungsgerechtigkeit, sozialer Friede). Es kommt lediglich darauf an, dass die verwendeten Begriffe einen eindeutig definierten Inhalt haben, so dass bestimmte Ereignisse daran gemessen werden können. Ob z. B. eine Inflationsrate von 3 % den sozialen Frieden mehr oder weniger stört als eine Arbeitslosenquote von 4 % (Aussage f), lässt sich empirisch überprüfen, sobald klar ist, was „sozialer Friede“ bedeuten soll (Anzahl Streiktage, Anzahl gewalttätiger Demonstrationen etc.). Was von beiden „besser“, d. h. politisch vorzuziehen ist (Aussage e), kann hingegen nicht empirisch entschieden werden. Das hängt von der jeweiligen normativen Gewichtung der Ziele Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung ab. Allerdings suggeriert die Formulierung von Aussage e), dass beides nicht gleichzeitig erreicht werden kann, denn sonst wäre diese Entscheidung ja gar nicht notwendig. Im Hintergrund dieser normativen Aussage steht also die positive Hypothese, dass zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung ein Zielkonflikt besteht (Aussage d). Diese Hypothese musste inzwischen revidiert werden. Positive Aussagen sind nämlich keineswegs gleichbedeutend mit zutreffenden Aussagen. Der in Aussage d) angesprochene, gegenläufige Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit (sog. Philippskurvenzusammenhang) wurde lange Zeit von der Wissenschaft als zutreffende Hypothese akzeptiert, bis sich in den Jahren nach 1970 – ausgelöst durch Weltwährungs- und Ölkrise – die Erkenntnis durchsetzte, dass der Zusammenhang, wenn überhaupt, dann höchstens kurzfristig gelten kann. 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 31 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene Das Wirtschaften der Menschen ist von einigen Grundphänomenen gekennzeichnet, die unabhängig von der jeweils geltenden Wirtschaftsordnung überall dort zu beobachten sind, wo mehrere Menschen gemeinsam durch ihr wirtschaftliches Handeln nach einer möglichst hohen Befriedigung ihrer Bedürfnisse trachten. Diese Grundphänomene sind Güterknappheit sowie der Umgang damit, Arbeitsteilung beim Wirtschaften sowie der Gütertausch und die Verwendung eines Tauschmittels. 2.3.1 Knappheit Knappheit im ökonomischen Sinne bedeutet, dass es ein Missverhältnis zwischen den Bedürfnissen der Menschen und der Menge vorhandener Güter gibt. In jedem gegebenen Zeitpunkt gibt es zu wenige Güter, um alle Konsumwünsche der Menschen damit befriedigen zu können. Der ökonomische Begriff Knappheit ist somit relativ zu verstehen: ein Gut ist dann knapp, wenn es nicht ausreicht, um alle darauf gerichteten Konsumwünsche zu befriedigen. Ökonomische Knappheit hat demnach nichts mit absoluter Begrenztheit oder Seltenheit zu tun. Faule Eier sind bekanntlich selten, aber sicher nicht knapp, weil kaum jemand ein Bedürfnis nach faulen Eiern hat. 2.3.1.1 Relative und absolute Knappheit Dem ökonomischen Begriff der relativen Knappheit steht das Faktum der absoluten Knappheit gegenüber. Aufgrund der Dreidimensionalität unserer Welt sind grundsätzliche alle Güter in jedem Zeitpunkt absolut knapp, d. h. endlich. Aus dieser Tatsache folgern manche Wissenschaftler und Politiker, dass auch ökonomisches Wachstum irgendwann absolute Grenzen haben müsse und daher das Ziel eines stetigen Wachstums, wie es zum Beispiel im deutschen „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums in der Wirtschaft“ vom 8.6.1967 vorgesehen ist, weder sinnvoll noch wünschens- Bedürfnisse Güter = Empfinden eines Mangels = Wirtschaftsobjekte, die Bedürfnisse befriedigen bzw. Nutzen stiften Abbildung 2-8: Relative Knappheit 2 Grundlagen32 wert sei. Ein besonders prominenter Vertreter dieser Auffassung ist der Club of Rome11, der in seiner ersten Veröffentlichung „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 schreibt: „Auf einer begrenzten Erde ist grenzenloses Wachstum nicht möglich. Wir werden diese Grenzen erreichen. Wir müssen und können dagegen etwas tun. … Wenn die gegenwärtige Zunahme der Bevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten 100 Jahre erreicht.“12 Ob diese Einschätzung zutrifft, ist nach wie vor umstritten. Während Einigkeit darüber besteht, dass zu jedem gegebenen Zeitpunkt die Produktionsmöglichkeiten absolut beschränkt sind, gehen die Meinungen über mögliche Wachstumsszenarien weit auseinander. Zu bedenken ist dabei insbesondere, dass ökonomisches Wachstum nicht zwangläufig physisch-quantitatives Wachstum, sondern vielmehr auch Nutzenzuwachs, d. h. qualitatives Wachstum bedeuten kann. So ist beispielsweise ein immer höherer Verbrauch des absolut knappen Erdöls sicherlich kein ökonomisches Ziel. Vielmehr geht es um den Nutzen des Erdöls für die Produktion von Energie oder bestimmten Kunststoffen. Hierfür wiederum lassen sich – entsprechenden technischen Fortschritt vorausgesetzt – möglicherweise ergiebigere oder gar beliebig reproduzierbare Quellen, wie etwa das Sonnenlicht oder die Kraft des Windes, finden, um so die absolute Beschränkung des Erdölvorkommens zu umgehen. 2.3.1.2 Knappe und freie Güter Güter, die nicht knapp sind, d. h. die so umfangreich (von Natur aus) zur Verfügung stehen, dass jeder davon bis zu seiner Sättigungsmenge13 konsumieren kann, nennt man freie Güter. Wenn alle Güter frei wären, würde der Mensch buchstäblich im Schlaraffenland leben, wo einem die gebratenen Täubchen in den Mund fliegen. Als typische Beispiele für freie Güter werden häufig (Atem-)Luft und (Trink-)Wasser genannt. Für einen Eingeborenenstamm auf einer einsamen Insel mit zahlreichen Süßwasserquellen kann Trinkwasser in der Tat ein freies Gut sein. In den modernen Volkswirtschaften hingegen sind auch diese Güter längst nicht mehr frei. Zahlreiche Abgasreinigungsanlagen, Katalysatoren an Autos sowie Abluftfilter großer Industrieanlagen sorgen dafür, dass die vorhandene Luft wieder Atemluftqualität erhält. Die Luft, die wir einatmen, ist also das Ergebnis eines umfangreichen Produktionsprozesses, bei dem zahlreiche Ressourcen verbraucht worden sind. Ob ein Gut knapp oder frei ist, lässt sich also keineswegs an der Art des Gutes selbst feststellen. Es hängt stets davon ab, in welchem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang das Gut betrachtet wird. Der Sand am Meer ist in Saudi Arabien sicherlich ein freies Gut; der Sand am Strand der Seine, wo er von der Stadt Paris im Sommer aufgeschüttet wird, 11 Der Club of Rome beschreibt sich selbst wie folgt: „Der Club of Rome wurde 1968 in Rom gegründet und vereint 100 Persönlichkeiten aus allen fünf Kontinenten. Sie kommen aus unterschiedlichen Kulturen, wissenschaftlichen Disziplinen und Berufen. Ihnen gemeinsam ist die Sorge um die Zukunft der Menschheit, die sich vielfältigen existentiellen Herausforderungen gegenübersieht. Gleichzeitig sind sie aber auch der Überzeugung, dass diese Zukunft nicht ein für allemal vorausbestimmt ist und dass jeder Mensch zu deren Verbesserung beitragen kann. Der Club of Rome versteht sich als ein unabhängiger, weltweit agierender Katalysator für Veränderungen.“ Siehe www. clubofrome.de/Download am 18.11.2006. 12 Meadows, D. L. u. a. (1972), S. 17. 13 Sättigungsmenge ist diejenige Menge an Gütern, die ein Wirtschaftssubjekt konsumiert, wenn der Preis des Gutes Null ist. Die Grenzkosten einer zusätzlichen Konsumeinheit sind dann ebenfalls Null und der Mensch würde erst dann aufhören zu konsumieren, wenn ihm eine zusätzliche Konsumeinheit keinerlei Nutzen mehr bringt, d. h. wenn er buchstäblich satt ist. Vgl. unten Kapitel 4. 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 33 um den Einwohnern der französischen Metropole ein wenig südliches Urlaubsgefühl zu vermitteln, ist hingegen knapp, weil seine Bereitstellung nur durch einen Produktionsprozess möglich wird. An diesem Beispiel wird auch klar, dass ein Gut, zu dem die Menschen unbeschränkt und v. a. unentgeltlichen Zugang haben, nicht automatisch ein freies Gut ist. Viele öffentliche Güter werden vom Staat unentgeltlich zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel die innere und äußere Sicherheit eines Landes. Gleichwohl müssen sie unter Einsatz von zahlreichen Produktivressourcen hergestellt werden und sind somit eindeutig knapp. 2.3.1.3 Wahlentscheidung und Opportunitätskosten Ökonomische Knappheit führt stets dazu, dass die gewünschten Güter produziert werden müssen, um das Missverhältnis zwischen vorhandener Gütermenge und Bedürfnissen zu verringern. Knappe Güter bedingen somit stets Ressourcenverbrauch, ihre Bereitstellung verursacht Kosten. Das Wesentliche dabei ist jedoch nicht der Ressourcenverbrauch selbst, sondern der Verlust an alternativen Produkten, auf die im Gegenzug verzichtet werden muss. Durch die absolute Beschränktheit der Produktionsmöglichkeiten in einem Zeitpunkt ist jeder Mensch gezwungen, zwischen vorhandenen Alternativen auszuwählen, eine Wahlentscheidung zu treffen. Sprichwörter wie „Man kann nicht alles haben“ oder „Umsonst ist der Tod – und der kostet das Leben“ beschreiben diese Situation. Jede Entscheidung für eine Alternative, bedeutet gleichzeitig eine Entscheidung gegen eine oder mehrere andere. Um etwas zu bekommen, muss etwas anderes aufgegeben werden. Entscheidungen erfordern stets die Abwägung von Alternativen. Dies gilt auf mikro- und makroökonomischer Ebene gleichermaßen: Ein junger Mensch, der vor der Berufswahl steht, ist sich darüber im Klaren, dass ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und die gleichzeitige Karriere als Fußballprofi sich gegenseitig ausschließen. Der Staat, der über die Verwendung von Steuereinnahmen entscheidet, muss abwägen, ob mit diesen Mitteln lieber das Schulsystem verbessert oder die Verkehrssicherheit erhöht werden soll. Der Wert der Alternative, die nicht gewählt wurde und die dem Entscheider somit entgeht, bestimmt die Höhe der sog. Opportunitätskosten. Diese bestehen aus den Gütern der nicht gewählten Alternative, der „verpassten Chance“. Die Höhe der Opportunitätskosten gibt somit an, auf wie viele Güter verzichtet werden muss, um eine Einheit des gewählten Gutes mehr zu erhalten. 2.3.1.4 Das Modell der Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve Die Situation der Knappheit und der daraus resultierende Zwang zu Wahlentscheidungen lassen sich anschaulich mit Hilfe des Modells der Transformationskurve darstellen. Eine Volkswirtschaft verfügt zu jedem gegebenen Zeitpunkt über ein absolut begrenztes Maß an Produktionsfaktoren, für die es alternative Verwendungen gibt. Zur Vereinfachung der Darstellung nehmen wir an, dass die Vielzahl unterschiedlicher Produktionsmöglichkeiten in den zwei Kategorien Konsumgüter und Investitionsgüter zusammengefasst werden kann. Bei Vollauslastung aller vorhandenen Ressourcen kann diese Volkswirtschaft dann 2 Grundlagen34 im Höchstfall all diejenigen Kombinationen von Konsum- und Investitionsgütern herstellen, die als Güterbündel auf der Kurve in Abbildung 2-9 liegen. Die Transformationskurve ist also eine Produktionsmöglichkeitenkurve. Sie gibt an, welche Güterbündel bei gegebenem Bestand an Produktionsfaktoren in einer Volkswirtschaft maximal produziert werden können. Diese Produktionspunkte bezeichnet man als effizient. Wenn in einer Wirtschaft Vollauslastung herrscht (wie z. B. im Punkt A in Abbildung 2-9) und die Produktion von Konsumgütern ausgedehnt werden soll, so geht das offenbar nur dadurch, dass Ressourcen aus der Investitionsgüterindustrie abgezogen und stattdessen für die Produktion von Konsumgütern eingesetzt werden. Ein Mehr an Konsumgütern ( x) „kostet“ also einen Verzicht auf Investitionsgüter (– y). Es entstehen Opportunitätskosten an Investitionsgütern. Diese Opportunitätskosten entsprechen somit dem Verhältnis, – y : x, d. h. der (negativen) Steigung der Transformationskurve in einem bestimmten Punkt. Wenn die Transformationskurve konkav zum Ursprung gekrümmt ist (wie in Abbildung 2-9), so nehmen diese Opportunitätskosten bezüglich einer bestimmten Produktart im Kurvenverlauf zu. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Produktionsfaktoren in einer Volkswirtschaft zum großen Teil auf bestimmte Produktionsarten spezialisiert sind. Eine Maschine, die zur Produktion von Mikrochips eingesetzt wird, kann nicht ohne weiteres zur Herstellung von Kartoffelchips verwendet werden. Ein Jurist, der sich jahrelang mit Konkursrecht beschäftigt hat, kann nicht von heute auf morgen zum Spargelstechen geschickt werden, ohne dass größere Ernteeinbußen zu befürchten wären. Das Umsetzen spezialisierter Produktionsfaktoren von einer Verwendung in eine andere geht daher mit Produktivitätsverlusten einher, die umso höher werden, je mehr man sich den Achsen nähert – die Opportunitätskosten steigen an. x x x x y 1 y 2 y 3 y 4 A Investitionsgüter y Konsumgüter x Abbildung 2-9: Die Kapazitätskurve oder Transformationskurve 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 35 Befindet sich eine Wirtschaft mit ihrem Produktionspunkt auf der Transformationskurve, so spricht man von Produktionseffizienz. Von keinem Gut kann mehr erzeugt werden, ohne auf ein anderes verzichten zu müssen. Punkte unterhalb der Transformationskurve, wie z. B. Punkt B in Abbildung 2-10, lasten hingegen die vorhandenen Produktionsmöglichkeiten nicht aus. Wenn zum Beispiel Arbeitslosigkeit herrscht, so entsteht dadurch eine ineffiziente Produktionssituation, da diese Volkswirtschaft auf einen Teil des maximal möglichen Güterbündels verzichtet. Man kann sich fragen, was Volkswirtschaften dazu veranlasst, bestehende Produktionspotentiale nicht zu nutzen und auf möglichen Wohlstand für die Bevölkerung freiwillig zu verzichten. Offenbar gibt es in den meisten europäischen Ländern, insbesondere auch in Deutschland, seit vielen Jahren ungenutzte Ressourcen. Eine mögliche Quelle von Ineffizienzen sind die Konjunkturzyklen, in deren Verlauf starke Nachfrageschwankungen dazu führen, dass die Produktion und damit die Kapazitätsauslastung immer wieder zurückgefahren werden muss. Andererseits können aber auch Strukturkrisen für ein Absinken des Auslastungsgrades verantwortlich sein. So hat z. B. die Abkehr der ehemaligen DDR vom bisher praktizierten planwirtschaftlichen zu einem marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem zu einem so abrupten Bruch in den gewohnten Abläufen und Produktionsmustern geführt, dass die Wirtschaft auch nach über 20 Jahren noch nicht zur Vollauslastung zurückgekehrt ist. Punkte außerhalb der bestehenden Transformationskurve, wie etwa der Punkt C, können hingegen im gegebenen Zeitpunkt gar nicht erreicht werden. Um dorthin zu gelangen, müssen die Produktionskapazitäten dieser Wirtschaft wachsen, sei es quantitativ durch positive Nettoinvestitionen oder die Zuwanderung von Arbeitskräften, sei es qualitativ durch technischen Fortschritt oder eine verbesserte Ausbildung der Arbeitnehmer. Der Weg von A nach C führt also über Wirtschaftswachstum. A Investitionsgüter y Konsumgüter x C B Abbildung 2-10: Transformationskurve und Wachstum 2 Grundlagen36 Übung 2-6: Autos oder Kanonen? Die Transformationskurve einer Volkswirtschaft zwischen Autos (A) und Kanonen (K) ist durch A = 0,5L2 + C2 –0,06K2 gegeben, wobei L = Arbeitsinput mit L ≤ 200 und C = Kapitalinput mit C ≤ 200 ist. a) Wie viele Kanonen können maximal produziert werden? b) Wie hoch sind die Opportunitätskosten für eine zusätzliche Kanone, wenn schon 100 Kanonen hergestellt werden? Lösung: a) Da auf der Transformationskurve Vollauslastung aller Ressourcen herrscht, muss für die Größen L und C jeweils der Wert 200 eingesetzt werden. Die maximale Anzahl Kanonen kann dann produziert werden, wenn gar keine Autos hergestellt werden und somit sämtliche volkswirtschaftlichen Ressourcen in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden können. Damit ergibt sich folgende Rechnung: A = 0,5 · 2002 + 2002 – 0,06 · K2. Wenn A = 0 folgt: 60000 K 1000000 1000 0,06 . Es können maximal 1000 Kanonen produziert werden. b) Für diese Frage gibt es im Prinzip zwei Rechenmöglichkeiten. Entweder man setzt die Werte K=100 und K=101 in die Transformationskurvengleichung ein und berechnet den Unterschied bei den Werten für die produzierten Autos, oder man ermittelt die Opportunitätskosten mit Hilfe der ersten Ableitung an der Stelle K=100. dA 0,06 2 K 0,12K dK Für K=100 ergibt das den Wert -12. Das bedeutet, für eine Kanone mehr (dK) müssen 12 Autos (dA) aufgegeben werden. 2.3.2 Arbeitsteilung Robinson auf seiner einsamen Insel hatte es schwer: Alles musste er selber machen. Er musste seine Nahrung selbst einfangen oder einsammeln, er musste sich ein Dach über dem Kopf bauen, seine Kleidung instand halten, all seine Gerätschaften selbst herstellen – kurzum: Was er nicht selbst erledigen konnte oder wollte, stand ihm nicht zur Verfügung. Es ist klar, dass es mit seinem Lebensstandard erst in dem Augenblick aufwärts ging, als Freitag zu ihm kam und er sich die Arbeit mit ihm teilen konnte. Wie gut haben wir es doch gegen Robinson! Jeder von uns kann auswählen, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, niemand muss seine Kleider selbst nähen oder gar sein Bett zimmern und für das gemütliche Abendessen zu zweit gibt es das Stammlokal. Arbeitsteilung ist für uns alle eine solche Selbstverständlichkeit, dass niemand so recht dar- über nachdenkt, geschweige denn, dieses Arbeits- und Lebensprinzip infrage stellen würde. Doch woher genau kommt es, dass Arbeitsteilung zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres Wirtschaftens geworden ist? Worin besteht seine Nützlichkeit? 2.3.2.1 Dimensionen von Arbeitsteilung Arbeitsteilung durchzieht jede moderne Volkswirtschaft wie ein roter Faden. Man begegnet ihr auf drei verschiedenen Ebenen. • Innerbetriebliche oder funktionale Arbeitsteilung • Zwischenbetriebliche Arbeitsteilung • Internationale Arbeitsteilung 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 37 Innerbetriebliche oder funktionale Arbeitsteilung besteht darin, dass der Produktionsvorgang in Teilschritte zerlegt und auf verschiedene Arbeiter verteilt wird. Ein einzelner Arbeiter stellt nicht mehr das Produkt als Ganzes her, sondern übernimmt nur noch einen ganz bestimmten Teil des Wertschöpfungsprozesses. Die funktionale Arbeitsteilung ist ein wichtiges Kennzeichen industrieller Fertigung, die im Gegensatz zur handwerklichen Fertigung, der Manufaktur, steht. Mehr noch: funktionale Arbeitsteilung macht industrielle Fertigung überhaupt erst möglich! Praxisbeispiel 2-1: Henry Ford und das Fließband Vorreiter funktionaler Arbeitsteilung war der amerikanische Autobauer Henry Ford. Vor Einführung des berühmten T-Modells war ein Auto im Wesentlichen eine kundenspezifische handwerkliche Anfertigung, ein Luxusartikel, den sich nur wenige Reiche leisten konnten. Um den Preis so weit senken zu können, dass der Erwerb eines Automobils auch in den Möglichkeitsbereich der Arbeiterschaft kam, war eine revolutionäre Umorganisation des Arbeits- und Produktionsprozesses notwendig, die Ford in den Jahren 1908 bis 1914 im Zuge der Einführung seines T-Modells durchführte14. Er erfand die moderne Fließbandfertigung. Notwendige Vorbedingung dazu war die Standardisierung der Teile, so dass diese in großer Zahl vorproduziert und dann entlang des Fließbandes montiert werden konnten. Jeder Handgriff bei der Montage wurde von einem anderen Arbeiter durchgeführt, Werkzeugwechsel wurden überflüssig, die Produktionsgeschwindigkeit gegenüber der Handwerksfertigung stieg dramatisch an und für die Fertigung waren kaum noch teure Fachkräfte notwendig. Durch die extreme Zerlegung des Arbeitsprozesses ergaben sich so einfache Handgriffe, dass „für die meisten Arbeiter eine fünf- bis zehnminütige Demonstration am Fließband ausreichte, um sie für ihren Job einzuarbeiten.“15 Allerdings hatte dies auch eine Kehrseite: Die Arbeit am Fließband wurde so monoton, dass viele Arbeiter unzufrieden wurden. Die Aufmerksamkeit ließ nach, der Krankenstand nahm zu, die Arbeitsmotivation sank auf einen Tiefststand. Die Folge war, dass die Arbeiterfluktuation in den Detroiter Ford-Werken eine rekordverdächtige Höhe erreichte. Im Jahr 1913 betrug sie 370 %! Allein im März gab es 7.300 Kündigungen, von denen die meisten deshalb ausgesprochen wurden, weil die Arbeiter an fünf aufeinander folgenden Tagen ohne Entschuldigung fehlten. Die Arbeit war für sie unerträglich geworden. Ein Arbeiter wird zitiert: „Wenn ich noch 86 weitere Tage nichts als Niete Nr. 86 einkloppe, werde ich der Bekloppte Nr. 86 des Detroiter Irrenhauses sein.“16 Das Beispiel Henry Ford zeigt sehr deutlich, wo die Grenzen der funktionalen Arbeitsteilung liegen. Je feingliedriger die Arbeitsteilung wird, desto eintöniger wird die Arbeit. Damit sinkt die Aufmerksamkeit des Arbeiters, die Fehlerquote und die Qualitätsprobleme steigen an, die physische und psychische Belastung nimmt zu und kann schließlich unerträgliche Ausmaße annehmen. Der Einzelne kann seinen Beitrag im Rahmen des gesamten Produktionsprozesses nicht mehr einordnen, identifiziert sich nicht mehr mit dem Produktionsziel und damit auch nicht mit dem Unternehmensziel insgesamt. Gleichzeitig nimmt die Spezialisierung einzelner Arbeitnehmer zu. Abgesehen von der Zerlegung des Fertigungsprozesses im engeren Sinne entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Funktionsspezialisten (z. B. für Einkauf, Lagerverwaltung, Fertigungsplanung, Personalführung usw.), die kaum noch gegenseitig ersetzbar sind. Ein weiterer gravierender Nachteil funktionaler Arbeitsteilung besteht deshalb darin, dass durch eine zu starke Spezialisierung einzelner Arbeitnehmer ein Kapazitätsausgleich bei Auslastungsschwankungen immer schwieriger wird. Außerdem müssen Funktionen, die 14 Vgl. Womack, J.P., Jones, D.T., Roos, D., (1994), S. 25 ff. 15 Börsch-Supan, A., Schnabel, R. (1998), S. 129. 16 Ebda., S. 129; Original: Meyer, S. (1981), S. 44. 2 Grundlagen38 für einen reibungslosen Produktionsablauf unbedingt erforderlich sind, doppelt vorgehalten werden, da bei einem krankheitsbedingten Ausfall eines solchen Spezialisten womöglich der gesamte Produktionsvorgang stillsteht und dadurch enorme Kosten entstehen. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand deshalb – bemerkenswerterweise wiederum in der Automobilindustrie – eine gegenläufige Entwicklung. Statt zunehmender Zerteilung des Arbeitsprozesses ging man dazu über, Teams aus unterschiedlichen Funktionsspezialisten zu bilden, die gemeinsam für die Herstellung eines ganzen Produktes verantwortlich waren. Wenn Leistungsprämien nur an das Team statt an Einzelpersonen (Akkordlohn) gezahlt werden, sind alle Teammitglieder gezwungen, sich gegenseitig abzustimmen und das Produkt als Ganzes statt nur ihren Einzelbeitrag im Auge zu haben. Einen ähnlichen Effekt hat die bei Großunternehmen mittlerweile übliche „Job rotation“, die den betreffenden Mitarbeiter ebenfalls dazu bringt, sich mit unterschiedliche Perspektiven des Produktes vertraut zu machen. Funktionale Arbeitsteilung ist also zwar ohne Zweifel eine wichtige Vorbedingung industrieller Produktion. Optimale Ergebnisse können jedoch nur dann erzielt werden, wenn ein geeigneter Kompromiss zwischen Arbeitsteilung und ganzheitlicher Organisation gefunden werden kann, bei dem die Kosten der Arbeitsteilung minimiert werden. Insbesondere ist dabei zu berücksichtigen, dass mit zunehmender funktionaler Arbeitsteilung auch die Koordinationskosten stark ansteigen können. Zwischenbetriebliche Arbeitsteilung Neben der Arbeitsteilung innerhalb des Wertschöpfungsprozesses eines Unternehmens spielt sich Arbeitsteilung aber auch zwischen einzelnen Betrieben im Unternehmenssektor ab. Man spricht dann von zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung. Hierbei sind eine horizontale und eine vertikale Arbeitsteilung zu unterscheiden. Vertikale Arbeitsteilung liegt dann vor, wenn – ähnlich wie bei der funktionalen Arbeitsteilung – der Entstehungsprozess eines Gutes zerlegt und auf verschiedene Unternehmen verteilt wird. Auf diese Weise entsteht also eine Kette von Vorleistungslieferungen, die zu einer engen Verflechtung und gegenseitigen Abhängigkeit der beteiligten Unternehmen führt. Die Entscheidung darüber, ob eine bestimmte Produktkomponente im eigenen Hause hergestellt oder besser von einem Lieferanten bezogen werden soll (sog. make or buy-Entscheidung), gehört daher zu den wichtigsten strategischen Weichenstellungen eines Unternehmens. Horizontale Arbeitsteilung besteht darin, dass jedes Unternehmen nur einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem gesamtwirtschaftlichen Güterbündel herstellt. Jedes Unternehmen spezialisiert sich auf eine Produktpalette, für die es eigene Wettbewerbsvorteile identifizieren und verteidigen kann. Es ist natürlich nicht vorstellbar, dass ein Unternehmen quasi als Universalanbieter das gesamte Produktspektrum eines Marktes herstellt. Innerhalb einer Branche sind derartige Überlegungen für ein Unternehmen jedoch durchaus strategisch relevant. Es muss sich entscheiden, ob es ein Komplettanbieter oder ein Spezialanbieter sein möchte. Die Firma Siemens mit ihren diversen Tochtergesellschaften galt zum Beispiel lange Zeit als Komplettanbieter in der Elektro-/Elektronikbranche. Vom Kernkraftwerk bis zur Glühbirne, von Vermittlungsanlagen für öffentliche Telefonnetze bis zur Kaffeemaschine stellte Siemens alles her, was mit der Erzeugung, Verteilung oder Verwendung von elektrischem Strom zu tun hat. Erst die Verkäufe bzw. Ausgliederungen diverser Unternehmensteile 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 39 während der letzten Jahre lassen auf eine Änderung in der strategischen Ausrichtung dieses Industriegiganten schließen. Internationale Arbeitsteilung Findet eine solche Spezialisierung auf bestimmte Produktbereiche zwischen ganzen Ländern statt, so liegt internationale Arbeitsteilung vor. Internationale Arbeitsteilung ergibt sich schon allein daraus, dass bestimmte Rohstoffe oder Waren, die für die industrielle Produktion unbedingt erforderlich sind oder von den Verbrauchern zum Konsum gewünscht werden, nicht in allen Ländern gleichermaßen vorkommen und daher vom Ausland bezogen werden müssen. Deutschland verfügt zum Beispiel weder über Erdöl noch über Baumwolle noch über Südfrüchte – drei Güter, die unverzichtbarer Bestandteil des täglichen Lebens in Deutschland sind. Wie für Unternehmen ist es auch für Länder ökonomisch nicht sinnvoll, eine autarke Selbstversorgung anzustreben und trotz fehlender Wettbewerbsvorteile, Mangel an notwendigen Rohstoffen oder fehlender Kompetenz möglichst alle lebensnotwendigen bzw. von den Nachfragern gewünschten Güter selbst herzustellen. Auf internationaler Ebene ist diese Strategie jedoch trotzdem ziemlich häufig anzutreffen. So verfolgten im 20. Jahrhundert zahlreiche Entwicklungsländer und ehemalige Kolonien, vor allem aber auch die ehemaligen kommunistisch-planwirtschaftlichen Staaten Osteuropas die Strategie der sog. Importsubstitution. Das bedeutet, dass diese Länder versuchten, gezielt in den Bereichen Industrien aufzubauen, in denen wichtige Güter aus dem Ausland importiert werden mussten. Importe sollten durch eigene Produkte ersetzt werden. Da diese jedoch wegen des im Inland fehlenden Know-how sowie mangelnder Produkterfahrung häufig qualitativ nicht mit den auf den Weltmärkten gehandelten Konkurrenzprodukten vergleichbar waren, mussten zudem ergänzende Importverbote erlassen oder hohe Zollschranken errichtet werden, um die Bevölkerung zum Kauf der im Inland produzierten Waren zu zwingen. Dadurch sowie durch die meist zentralistischen Wirtschaftsstrukturen entstanden in diesen Ländern teilweise erhebliche Wohlstandsverluste, die zu Unzufriedenheit, sozialen Unruhen und politischer Instabilität führten. Dennoch spielt das Autarkieziel oder zumindest eine abgeschwächte Form davon immer noch bei vielen Ländern eine wichtige Rolle. Der Grund liegt in der bereits beschriebenen Tatsache, dass jede Art von Arbeitsteilung eine gegenseitige Abhängigkeit aller beteiligten Wirtschaftssubjekte zur Folge hat. Um sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu begeben, muss jedoch zuerst ein Vertrauensverhältnis bestehen, das heißt, jeder Beteiligte muss sicher sein können, diejenigen Güter, die er nicht (mehr) selbst herstellt, durch Warentausch von Handelspartnern beziehen zu können. Notwendige Ergänzung jeder Art von Arbeitsteilung ist daher ein möglichst gut organisiertes System des Warenaustauschs. Genau das ist jedoch auf internationaler Ebene nicht unbedingt gewährleistet. Immer wieder werden Länder, die sich in politischen Konflikten mit Nachbarstaaten oder der internationalen Staatengemeinschaft befinden, durch Warenembargos und Lieferboykotte erpresst oder sind durch die Androhung derartiger Handelskriege erpressbar. Das betrifft durchaus nicht nur Entwicklungsländer: Man denke nur an die durch einen Lieferboykott der OPEC-Staaten ausgelöste Ölkrise Anfang der Siebziger Jahre, die die ganze Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzte. Ein weiterer Grund für die eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Welthandels ist das Fehlen eines einheitlichen Tauschmittels, nämlich einer gemeinsamen Währung. Anders 2 Grundlagen40 als innerhalb eines Landes verfügen internationale Tauschpartner über unterschiedliche Währungen, die als Gegenleistung für eine Warenlieferung somit nur dann akzeptabel sind, wenn sie jederzeit gegenseitig ausgetauscht werden können. Sie müssen konvertierbar sein. Das ist jedoch nicht bei allen Währungen der Fall. Insbesondere die Währungen von Staaten mit Zentralverwaltungswirtschaften sind nicht konvertierbar und können daher nicht als internationales Zahlungsmittel verwendet werden. Allein dieser Umstand erschwert die Integration solcher Länder in die internationale Arbeitsteilung beträchtlich. Doch selbst wenn es sich um konvertible Währungen handelt, entstehen durch den Währungstausch Kosten, die den zugrunde liegenden Warenaustausch verteuern und so die ökonomischen Vorteile der Arbeitsteilung teilweise aufzehren. 2.3.2.2 Der Mengeneffekt Wodurch aber entsteht der ökonomische Vorteil von Arbeitsteilung? Was genau bewirkt denn die Effizienzsteigerung eines arbeitsteiligen gegenüber dem ganzheitlichen Produktionsprozess? Mit dieser Frage beschäftigte sich als erster der Gründervater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, in seinem Buch „The Wealth of Nations“17. Er schilderte die Effekte eines arbeitsteilig organisierten Produktionsprozesses anhand seines weltberühmt gewordenen Stecknadelbeispiels. Nehmen wir vereinfachend an, dass zur Produktion von Stecknadeln in einem Betrieb drei Arbeiter zur Verfügung stehen. Diese besitzen alle dieselben Qualifikationen. Der Produktionsprozess zur Herstellung von Stecknadeln lässt sich in verschiedene Arbeitsschritte zerteilen. In unserem Beispiel unterstellen wir drei Arbeitsschritte: das Schneiden des Drahtes, das Feilen der Spitze und schließlich das Montieren des Stecknadelkopfes18. Wiederum vereinfachend nehmen wir an, dass jeder Arbeitsschritt gleich lang dauert. Bei herkömmlicher ganzheitlicher Produktionsorganisation fertigt jeder Arbeiter in einer bestimmten Zeit eine Nadel. Wird der Arbeitsprozess jedoch arbeitsteilig organisiert, führt jeder der drei Arbeiter jeweils nur noch einen Arbeitsschritt durch und gibt dann das unfertige Produkt an einen Kollegen zur Verarbeitung weiter. In diesem Fall wiederholt jeder Arbeiter seinen Arbeitsschritt drei Mal. Das erste Mal braucht er dazu genauso lang wie bei ganzheitlicher Fertigung. Bei der ersten Wiederholung zeigt sich jedoch bereits eine Beschleunigung, die dadurch entsteht, dass kein Werkzeugwechsel mehr notwendig ist. Jede weitere Wiederholung führt darüber hinaus zu Lerneffekten. Der Arbeitsvorgang wird immer besser beherrscht, so dass sich der Zeitaufwand pro Wertschöpfungsschritt immer weiter verkürzt. Nach dreimaligem (jetzt allerdings sukzessivem) Durchlauf durch die Wertschöpfungskette sind auf diese Weise ebenfalls drei Stecknadeln entstanden. Die Summe der dafür aufgewendeten Zeit ist jedoch geringer als bei ganzheitlicher Produktion. Es bleiben Ressourcen übrig, die nun entweder zur Produktion einer vierten Nadel und somit zur Einkommenssteigerung oder als Freizeit, d. h. zur Steigerung der Lebensqualität, genutzt werden können. In jedem Fall ist das Wohlfahrtsniveau dieser Wirtschaft gestiegen. 17 Smith, A. (1776) 18 Bei Adam Smith sind es sogar 18 Arbeitsschritte. 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 41 Dieser ressourcensparende Mengeneffekt ist in der Industrie von überragender strategischer Bedeutung. Der Produktionsprozess einer jeden Branche ist durch ganz spezifische produktindividuelle Mengeneffekte gekennzeichnet, die vor allem in den großen Konsumgütermärkten wettbewerbsentscheidend sein können. Die Erfahrungskurve Bruce Henderson fand Anfang der Siebziger Jahre in umfangreichen empirischen Untersuchungen heraus, dass die Stückkostenentwicklung in jeder Branche in einer eigenen, ganz spezifischen Weise von der Anzahl der Wiederholungen im Produktionsprozess, also vom Mengendurchsatz abhängt. „Die in der Wertschöpfung eines Produktes enthaltenen Kosten scheinen um 20 % – 30 % abzufallen mit jeder Verdoppelung der kumulierten Menge im Industriezweig als Ganzes, wie auch beim einzelnen Anbieter.“19 Das bedeutet, dass die Stückkosten eines Unternehmens bei jeder Verdoppelung der kumulierten produzierten Menge um einen bestimmten, gleich bleibenden, branchenspezifisch charakteristischen Prozentsatz absinken. Das Ergebnis sind sog. Erfahrungskurven: Das Absinken der Stückkosten um einen gleich bleibenden Prozentsatz bei jeder Volumenverdoppelung erscheint in einer logarithmischen Darstellung als negativ geneigte Gerade, deren Steigung als Erfahrungskoeffizient bezeichnet wird. 19 Henderson, B.D. (1984), S. 19. Abbildung 2-11: Das Prinzip des Mengeneffekts 1 1 1 2 2 2 3 3 3 W er ts ch öp fu ng sk ap az itä t 1 Produkt 1 Produkt 1 Produkt 3 Produkte 1 2 3 1 2 3 1 2 3 frei frei frei 3 Produkte + freie Kapazität Vorher: Nachher: 2 Grundlagen42 Ein typisches Beispiel für einen Markt, auf dem diese Kostendegression zu beobachten ist, ist der Markt für Speicherchips:20 21 20 Entnommen aus Henderson, B.D. (1984), S. 21 21 Quelle: Siemens AG Preisentwicklung je bit in Abhängigkeit von der kumulierten, weltweit verkauften Menge m ill ic en t j e bi t Quelle: Dataquest kumulierte Menge in bit 40 80 100 10 60 6 20 2 8 1 4 200 log. 300 10 11 62 84 62 84 62 8 1987 1984 1980 1976 462 84 log.10 12 10 13 10 14 10 15 Abbildung 2-13: Die Erfahrungskurve von Speicherchips21 Abbildung 2-12: Die Erfahrungskurve20 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 43 Wenn ein Wettbewerber schon lange im Markt ist und daher eine entsprechende Mengenposition erreicht hat, ist seine Stückkostenposition für einen Marktneuling, der ja mit dem ersten Stück beginnen muss, kaum noch einholbar. Märkte, in denen ausgeprägte Mengeneffekte wirksam sind, zeigen daher eine deutliche Tendenz zu Fusionen und Unternehmenskäufen. Dies ist oft die einzige Möglichkeit, die auf den Weltmärkten erforderliche Mengenposition zu erreichen, um damit die Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Stückkostenposition im globalen Wettbewerb zu erfüllen. In Märkten mit weitgehend standardisierten Produkten, in denen eine Leistungsdifferenzierung kaum noch möglich ist und sich ein Unternehmen daher im Wesentlichen nur mit Kosten- und damit Preisvorteilen gegenüber den Wettbewerbern durchsetzen kann, wird die Menge auf diese Weise zur dominierenden Wettbewerbswaffe. Die Gründe für den Mengeneffekt sind vielfältig: • Durch fortwährende Wiederholung entsteht ein Lerneffekt. Die Verfahrensbeherrschung steigt, Produktionsfehler werden weniger, so dass der sog. „first-pass-yield“ – das sind die Stücke, die ohne Nachbesserung auf Anhieb fehlerfrei aus der Produktion kommen – ansteigt. • Die Zerteilung des Produktionsprozesses lässt einfache Arbeitsabschnitte entstehen, die arbeitssparenden Maschinen übertragen werden können. Häufige Werkzeugwechsel entfallen. Auf diese Weise können bei vielen Produktionsverfahren mit steigender Menge immer effizientere Techniken und Organisationsformen eingesetzt werden. • Steigende Stückzahl ermöglicht Kosteneinsparungen beim Einkauf durch Nutzung von Mengenrabatten und größerer Verhandlungsmacht des Einkäufers. • Die Fixkosten pro Stück sinken mit steigender Menge. Diese Mengenvorteile können grundsätzlich bei allen Wertschöpfungsaktivitäten auftreten. Besonders ausgeprägt sind sie jedoch vor allem in den Teilen der Wertschöpfungskette, die gut zu standardisieren sind und möglichst noch nicht kundespezifisch erfolgen. Am deutlichsten sind sie daher häufig in der Fertigung von Standardprodukten oder Komponenten. 2.3.2.3 Der Spezialisierungseffekt Wie Adam Smith bei seinem Stecknadelbeispiel haben wir bisher unterstellt, dass die am Produktionsprozess beteiligten Arbeitnehmer grundsätzlich für ihre Aufgaben gleich gut ausgebildet oder geeignet seien. Beim Mengeneffekt ergibt sich die Vorteilhaftigkeit der Arbeitsteilung allein durch die laufende Wiederholung eines bestimmten Arbeitsschrittes. Allein dadurch wird sich aber sehr schnell auch eine Spezialisierung der Arbeitnehmer auf den jeweiligen Arbeitsvorgang einstellen. Der Erfahrungs- oder Lerneffekt bewirkt, dass die Arbeitnehmer nach einiger Zeit für bestimmte Aufgaben besser geeignet sind als für andere. Unterschiedliche Eigenschaften sowie eine spezifische Ausbildung verstärken diese Ungleichheit und erzeugen eine weitere Quelle von Produktivitätssteigerungen. Die Theorie der komparativen Kosten Die Vorteilhaftigkeit einer Spezialisierung und anschließendem Gütertausch kann besonders eindrucksvoll in einem einfachen Zwei-Länder-Modell gezeigt werden, das bereits der Nationalökonom David Ricardo zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Es wurde berühmt unter dem Namen „Theorie der komparativen Kosten“. 2 Grundlagen44 Nehmen wir an, die beiden Länder A und B produzieren jeweils die zwei Güter Wein und Tuch. Bei Einsatz aller verfügbaren Produktionsfaktoren erreichen die Länder folgende Transformationskurven: Offenbar ist Land A ein armes Land, Land B hingegen reicher: Es kann von beiden Gütern absolut mehr produzieren als Land A. Dass sich eine Spezialisierung und anschließender Außenhandel aber auch für das Land A lohnt, erkennt man erst, wenn man die jeweiligen Opportunitätskosten für Wein und Tuch in den beiden Ländern berechnet und einander gegenüberstellt (wie aus Abbildung 2-15 ersichtlich): Offensichtlich muss Land A für die Produktion einer Einheit Wein auf zwei Einheiten Tuch verzichten. Umgekehrt „kostet“ es die Produktion einer Einheit Tuch aber nur eine halbe Einheit Wein. Land B hingegen verliert bei der Produktion einer Einheit Tuch 0,83 Einheiten Wein. Wenn sich das Land A nun auf die Herstellung von Tuch spezialisiert und anschließend in das Land B exportiert, profitieren beide Länder davon: Für Land A ist jeder Preis vorteilhaft, Land A 100 50 Wein Tuch Land B 100 120 Wein Tuch Abbildung 2-14: Transformationskurven der Länder A und B bezüglich Wein und Tuch Wein Tuch 100 Tuch 50 Wein = 2 50 Wein 100 Tuch = 0,5 W T 100 Wein 120 Tuch = 0,83 W T 120 Tuch 100 Wein = 1,2 Opportunitätskosten von Land A Land B T W T W Abbildung 2-15: Opportunitätskosten von Land A und Land B bezüglich Wein und Tuch 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 45 der über einer halben Einheit Wein liegt. Für Land B ist jeder Preis vorteilhaft, der unter 0,83 Einheiten Wein liegt. Im Bereich zwischen 0,5 und 0,83 Einheiten Wein haben somit beide einen Handelsvorteil – auch das Land A, obwohl es ja einen absoluten Produktionsnachteil bei beiden Gütern aufweist. Land A erhält dann für die exportierten Einheiten Tuch mehr Wein zurück, als es zur Produktion des Tuches hat aufgeben müssen – Land B muss weniger Wein bezahlen als es seinen eigenen Opportunitätskosten für die Produktion von Tuch entspricht. Beide Länder können durch ein solches Handelsgeschäft also von der relativen Überlegenheit des Handelspartners in einer Produktionsart profitieren. Der Konsum kann in beiden Ländern über die in der jeweiligen Transformationskurve gesetzten Grenzen der nationalen Produktionsmöglichkeiten hinaus angehoben werden. Dieses auf den ersten Blick erstaunliche Ergebnis zeigt, dass aus der Tatsache wirtschaftlicher Unterlegenheit eines Landes nicht ohne weiteres darauf geschlossen werden kann, dass es im Welthandel chancenlos sei oder „ausgebeutet“ werde, wie in den zahllosen Diskussionen über die Auswirkungen von Globalisierung und Liberalisierung des Welthandels für die Entwicklungsländer immer wieder behauptet wird. Grenzen der Aussagekraft des Grundmodells der komparativen Kosten Andererseits sollten aus einem so einfachen Modell auch nicht ohne weiteres voreilige Schlussfolgerungen auf konkrete Fälle gezogen werden. Es kommt zum Beispiel sehr darauf an, wie der Handelsvorteil auf die beiden Länder verteilt wird. Wenn sich der Preis in bilateralen Verhandlungen bildet, könnte sich die Überlegenheit des reichen Landes B (das dann wahrscheinlich auch das politisch mächtigere Land ist) deutlich stärker auswirken als wenn eine Marktpreisbildung stattfindet. Ferner müssen die stark vereinfachenden Annahmen berücksichtigt werden, auf denen das Modell beruht: • Transport- und Transaktionskosten (z. B. Kosten des Währungstausches) des Außenhandels werden nicht berücksichtigt. • Zwischen beiden Ländern findet nur ein Güteraustausch statt. Die Produktionsfaktoren hingegen sind völlig immobil, d. h. zum Beispiel Arbeitnehmer können nicht von Land A nach Land B auswandern. • Die Transformationskurven sind linear, d. h. innerhalb eines Landes können die Produktionsfaktoren beliebig von der Wein- in die Tuchproduktion wechseln, ohne dass Produktivitätsverluste eintreten. Die Opportunitätskosten bleiben konstant. • Unterschlagen werden ferner Mengeneffekte, die sich automatisch dann einstellen, wenn sich die Produktionsmengen durch die Spezialisierung bei einer Güterart erhöhen. Dadurch könnten sich die Preisgrenzen, innerhalb derer sich der Weltmarktpreis einspielen kann, noch weiter ausdehnen. Mengen- und Spezialisierungseffekt überlagern sich also. Übung 2-7: Arbeitsteilung Welche der folgenden Aussagen über Arbeitsteilung treffen zu? a) Bei ausgeprägter Arbeitsteilung sind die meisten Menschen in ihrer Arbeit hochspezialisiert. b) Sie hängen daher in ihrer Versorgung weitestgehend von anderen ab. c) Niemand überblickt mehr richtig, von wem er abhängt. d) Dafür unterliegt der Wirtschaftsprozess geringeren Schwankungen als ohne Arbeitsteilung. 2 Grundlagen46 e) Das Versorgungsniveau bei Arbeitsteilung ist besser als in einer vergleichbaren wenig arbeitsteiligen Wirtschaft. f) Das kommt u. a. daher, dass im Produktionsprozess Umrüstzeiten entfallen. g) Immer mehr Tätigkeiten werden von den Haushalten in die Unternehmen verlagert. h) Auch Unternehmen lagern aus: Jedes Produkt durchläuft bis zu seiner Fertigstellung meist mehrere Unternehmen. i) Durch eine arbeitsteilige Organisation kann ein Land seine Selbstversorgung sicherstellen, da jeder Faktor genau in der Produktion eingesetzt wird, für die er am besten geeignet ist. j) Außerdem trägt Arbeitsteilung zur Vollbeschäftigung bei, da für denselben Output mehr Menschen gebraucht und somit Arbeitsplätze geschaffen werden. Lösung: Fast alle Aussagen sind korrekt. Lediglich drei Sätze sind falsch, nämlich: Satz d): Schwankungen des Wirtschaftsprozesses werden durch Arbeitsteilung keineswegs geringer, sondern eher stärker. Ein größerer Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten muss nämlich über Märkte koordiniert werden und unterliegt somit auch entsprechenden Planungsrisiken und Anpassungsverzögerungen. Satz i): Arbeitsteilung führt dazu, dass eben nicht mehr jedes Land alle benötigten Güter selbst herstellt, sondern über eine entsprechende Spezialisierung Austausch mit anderen Volkswirtschaften betreibt. Es kann auf diese Weise die Spezialisierungsvorteile anderer Ländern mitnutzen. Satz j): Das Gegenteil ist der Fall! Arbeitsteilung führt v. a. durch den Mengeneffekt zu Produktivitätssteigerungen. Gerade darin besteht ja seine wohlstandssteigernde Wirkung. Das bedeutet, dass mit denselben Ressourcen mehr Output hergestellt werden kann, oder aber für denselben Output weniger Ressourcen notwendig sind. 2.3.3 Gütertausch und Tauschmittel Notwendige Ergänzung jeder Art von Arbeitsteilung ist der Gütertausch. Nur ein völlig autarkes Wirtschaftssubjekt kann auf Gütertausch verzichten – es verzichtet dann aber gleichzeitig auf wesentliche Teile seines möglichen Wohlstandes, der durch den Spezialisierungs- und den Mengeneffekt der Arbeitsteilung entstehen würde. Doch auch der Gütertausch hat eine wichtige Voraussetzung: Tauschvorgänge sind nur dann in größerem Umfang organisierbar, wenn es ein funktionierendes Tauschmittel gibt, nämlich das Geld. Was unter Geld zu verstehen ist, haben wir zu Beginn dieses Kapitels bereits von Kurt Tucholsky gelernt: „Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann.“22 So seltsam das klingen mag – es trifft genau zu. Geld lässt sich nicht über irgendwelche äußeren Merkmale erkennen, sondern nur durch die Funktionen, die es erfüllt. Wenn es als Tauschmittel von den Menschen akzeptiert wird, ist es Geld. Man unterscheidet drei Geldfunktionen, zwei konkrete und eine abstrakte: • die Tausch- oder Zahlungsmittelfunktion • die Wertaufbewahrungsfunktion • die Funktion als Recheneinheit 22 Tucholsky, K., zitiert nach Trebeis, O.V. (1994), S. 29 f. 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 47 2.3.3.1 Die Tauschmittelfunktion Wenn bei einem Geschäft Ware gegen Ware getauscht wird, so spricht man vom Realtausch. Dazu ist es notwendig, dass man einen Tauschpartner findet, der gleichzeitig das Gut anbietet, das man selbst sucht, andererseits aber auch das Gut eintauschen möchte, das man selbst dafür anbieten kann. Zum Beispiel möchte ein Wirtschaftssubjekt eine Kuh anbieten und Zimtsterne dafür haben. Es ist leicht einzusehen, dass ein solcher Tausch ziemlich selten gelingen wird. In der Regel wird zumindest ein Ringtausch notwendig werden, bei dem ein oder mehrere Zwischentauschpartner eingeschaltet werden: Einen Ringtausch zu organisieren bedeutet viel Aufwand, Zeit und Mühe. Man spricht in diesem Zusammenhang von hohen Transaktionskosten. Verwendet man hingegen ein Tauschmittel, so lässt sich der Realtausch in mehrere voneinander unabhängige Teile zerlegen, nämlich in einen Kauf und einen Verkauf (siehe Abbildung 2-17). Diese beiden Transaktionen sind personell, räumlich, zeitlich und inhaltlich völlig voneinander getrennt. Es ist daher wesentlich einfacher als beim Realtausch, einen Tauschpartner zu finden, der die eigene angebotene Ware haben möchte und dafür Geld als neutralen Gegenwert bezahlt. Das Geld kann man anschließend solange aufbewahren, bis man Bedarf an einem anderen Gut hat, und dieses dann gegen Bezahlung des Tauschmittels erwerben. Die Verwendung von Geld steigert somit die Effizienz von Tauschgeschäften entscheidend: • Die Transaktionskosten sinken, da die Suchkosten (um einen geeigneten Partner zu finden) deutlich abnehmen. • Dadurch werden Tauschgeschäfte attraktiv, die sich in der Abwicklung als Realtausch nicht gelohnt hätten. Arbeitsteilung nimmt zu, somit entstehen auch mittelbare Wohlfahrtsgewinne. • Viele Realtauschgeschäfte lassen sich nur durchführen, wenn gleichzeitig Kredite eingeräumt werden. Wenn etwa Frischfisch gegen Wein getauscht werden soll, kann man die Fische nicht solange aufheben, bis der Wein endlich genießbar ist, sondern muss sie zunächst gegen Kredit an den Weinbauern geben. Kredit birgt aber ein Risiko, so dass Einfacher Realtausch Gut 2 Gut 1 Ringtausch Gut 2 Gut 1 Gut 3 C A B A B Abbildung 2-16: Realtausch und Ringtausch 2 Grundlagen48 sich auch dadurch das Tauschgeschäft verteuert. Mit der Einführung von Geld wird das Tauschgeschäft also gleichzeitig sicherer und billiger. Wichtige Eigenschaften eines Tauschmittels Damit ein Tauschmittel diese Funktion auch tatsächlich wahrnehmen kann und von den Wirtschaftssubjekten akzeptiert wird, muss es bestimmte Eigenschaften besitzen, die es dazu befähigen. Es muss vor allem teilbar (damit man auch geringwertige Güter dafür kaufen kann), homogen (damit man Werte vergleichen kann) und mindestens so haltbar sein, dass es die Zeitspanne zwischen dem Verkauf eines Gutes und dem Kauf eines anderen ohne Wertverlust übersteht. Eine weitere wichtige Eigenschaft besteht darin, dass es einerseits einfach, andererseits aber vor allem kontrolliert herstellbar sein muss. Einerseits macht es nämlich wenig Sinn, für die Produktion von Geld viele Ressourcen einsetzen zu müssen, die bei der Produktion der Tauschgüter selbst dann fehlen. Andererseits muss die Produktion zumindest so schwierig sein, dass es Unbefugten nicht gelingt, das Tauschmittel nach Belieben selbst herzustellen. Die Folge wäre sonst eine unkontrollierte Ausdehnung der umlaufenden Menge des Tauschmittels und somit ein unvermeidlicher Wertverfall. Die Akzeptanz der Wirtschaftssubjekte würde schwinden und das Tauschmittel würde seine Funktion und damit die Geldeigenschaft einbüßen. Erscheinungsformen von Tauschmitteln Im Laufe der Wirtschaftsgeschichte wurden schon zahlreiche verschiedene Güter als Tauschmittel verwendet, wie z. B. Muscheln, Felle, Salz oder Sklaven. Es ist allerdings nicht notwendig, dass das Tauschmittel selbst auch noch einen Gebrauchswert besitzt. Es ist allein wegen seiner Tauschmittelfunktion nützlich und begehrt. So haben sich mit der Zeit Geldarten entwickelt, die immer weniger Gebrauchswert besaßen, dafür aber hinsichtlich Teilbarkeit, Homogenität und Haltbarkeit große Vorteile gegenüber den üblichen Handelswaren hatten, nämlich zunächst geprägtes Edelmetall, später jedoch – v. a. um die Transaktionskosten weiter zu reduzieren – auch reines Zeichengeld wie bedrucktes Papier oder Buchgeld, das nur noch als Gutschrift auf Bankkonten in Erscheinung tritt. C A Gut 1Gut 2 B Geld Geld Kauf Verkauf Abbildung 2-17: Kauf und Verkauf 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 49 Als Synonym für Tauschmittel spricht man auch allgemein von Zahlungsmittel. Während die Bezeichnung Tauschmittel darauf Bezug nimmt, dass die Geldzahlung eine Gegenleistung für eine hingegebene Ware darstellt, hat ein Zahlungsmittel auch bei einseitigen Zahlungen, wie zum Beispiel bei Steuerzahlungen, generell schuldenbefreiende Wirkung. 2.3.3.2 Die Wertaufbewahrungsfunktion Um als Tauschmittel brauchbar zu sein, muss Geld in der Lage sein, Wert zu speichern. Zumindest die Zeitspanne zwischen Verkauf und Kauf muss durch das Geld überbrückt werden können. Jedes Wirtschaftssubjekt hält daher stets Geld, um für die nächste beabsichtigte Transaktion zahlungsfähig zu sein. Diese Geldhaltung nennt man Transaktionskassenhaltung. Hinzu kommt, dass nicht alle bevorstehenden Zahlungsverpflichtungen vollständig vorhersehbar sind oder manche Kaufwünsche spontan entstehen und nicht alle Anschaffungen tatsächlich geplant werden. Auch dafür halten Wirtschaftssubjekte in bestimmtem Umfang Geld, nämlich die sog. Vorsichtskasse. Daneben kann es jedoch noch einen weiteren Grund geben, Geld zu halten – einen Grund nämlich, der auch nicht im weitesten Sinne mit geplanten Käufen oder der Sicherung von Zahlungsfähigkeit, sondern unmittelbar mit dem Wunsch zu tun hat, Wert zu speichern, um Einkommen in die Zukunft zu transferieren, d. h. Vermögen zu bilden. Wer Vermögen bilden möchte, sucht nach Anlagemöglichkeiten, die nicht nur wertbeständig sind, sondern ihren Wert im Laufe der Zeit möglichst noch steigern. Beliebt sind daher zum Beispiel Immobilien oder zinstragende Finanzaktiva, deren Bonität möglichst hoch ist. Geld im engeren Sinne, d. h. Bargeld oder Buchgeld, scheint dafür zunächst wenig geeignet, da es bestenfalls seinen Wert behält, aber i. d. R. keine oder kaum Zinsen einträgt. Dennoch zeigen empirische Untersuchungen, dass zu jedem Zeitpunkt nicht unerhebliche Mengen an Geld gehalten werden, die über den Bedarf an Transaktionsgeld weit hinausgehen. Der Grund besteht darin, dass die Wertentwicklung der zinstragenden Anlagenalternativen von der zukünftigen Zinsentwicklung und somit von den Erwartungen der Anleger über diese Zins- bzw. Kursentwicklung abhängt. Jemand, der fallende Kurse erwartet, wird wahrscheinlich davon absehen, sein Geld so verlustträchtig anzulegen. Er wird vielmehr warten, bis die Zinssteigerung und damit der Kursverfall tatsächlich eingetreten sind, um dann die billigen Wertpapiere mit entsprechenden Kursgewinnaussichten zu erwerben. Bis dahin wird er sein Vermögen in Form von Geld halten. Dieser Teil der Kassenhaltung wird deshalb auch Spekulationskasse genannt. Er repräsentiert die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes im engeren Sinne, d. h. den Teil, der über die Kassenhaltung zu Transaktions- und Vorsichtszwecken hinausgeht. 2.3.3.3 Die Funktion als Recheneinheit Die dritte Geldfunktion ist die Funktion der Recheneinheit. Sie wird auch abstrakte Geldfunktion genannt, da Geld hierbei nur als Maßeinheit für den Wert von Gütern fungiert. Jedem Tauschgeschäft geht die Phase der Bewertung der gehandelten Güter voraus. Die Tauschpartner müssen sich darüber einig werden, wie viele Einheiten eines Gutes für eine Einheit des anderen Gutes zum Tausch aufgegeben werden müssen, damit der Tausch zustande kommen kann. Im Falle eines Realtausches erhält man daher für jedes Gut einen sog. relativen Preis, der das reale Austauschverhältnis der beiden Güter beschreibt. Genau genommen erhält man sogar zwei solche relativen Preise, wobei der eine der Kehrwert des 2 Grundlagen50 anderen ist. Werden in einer Wirtschaft zum Beispiel n Güter gegeneinander ausgetauscht, so ergibt sich bei Realtausch die Tauschmatrix in Abbildung 2-18. Die Zahlenverhältnisse innerhalb der Matrix stellen die relativen Preise (Austauschverhältnisse der beiden Güter zueinander) dar. Beim Handel mit n Gütern entstehen demnach n · n = n2 relative Preise. Allerdings lässt sich diese Zahl noch ein wenig reduzieren. In der Hauptdiagonalen steht n mal die Zahl 1, die für die Tauschpartner irrelevant ist, da ein Gut niemals gegen sich selbst getauscht wird. Zudem muss berücksichtigt werden, dass unterhalb der Hauptdiagonalen lediglich die Kehrwerte der Zahlenverhältnisse des oberen Matrixteiles erscheinen. Wir erhalten somit für n Tauschgüter n(n – 1)/2 unabhängige relative Preise. Würde man in dieser Tauschwirtschaft Geld, also ein neutrales Tauschmittel verwenden, so würde sich die Anzahl der Preise auf n reduzieren. Aus Sicht der Markttransparenz, d. h. der Übersichtlichkeit ist das ein enormer Vorteil. Wenn zum Beispiel n = 10 ist, müssen sich die Tauschpartner bei Realtausch statt 45 relativen nur 10 absolute, d. h. Geldpreise merken. Die Verwendung einer Recheneinheit hat also ebenfalls enorme Vorteile für eine Tauschwirtschaft: • Die Informationskosten sinken sprunghaft. • Dadurch steigt die Markttransparenz und die Wahrscheinlichkeit fehlerhafter Tauschentscheidungen (aus Mangel an Marktübersicht) wird geringer. Die Qualität der Entscheidungen verbessert sich. • Somit verbessert sich auch die Funktionsfähigkeit des Marktes, die Tauschkosten sinken und die Arbeitsteilung wird optimiert. Die Funktion der Recheneinheit muss nicht zwangsläufig gleichzeitig mit der Tauschfunktion wahrgenommen werden. In der Wirtschaftsgeschichte finden sich zahlreiche Beispiele für Geldarten, die ausschließlich Recheneinheitsfunktion hatten. So war etwa der ECU, der Vorläufer des Euro, zunächst kein Tauschmittel, wohl aber eine wichtige Recheneinheit v. a. im innereuropäischen Zentralbankenverkehr. Ein weiteres Beispiel ist die Reichsmark in der Zeit vor der deutschen Währungsreform 1948. Wegen der dramatischen Hyperinflation verlor die Reichsmark damals ihre Tauschmittelfunktion nahezu vollständig. Die Wirtschaftssubjekte gingen entweder zum Realtausch über oder benutzten die allgemein akzeptierte Zigarettenwährung. Sie diente jedoch nach wie vor als Recheneinheit. 1 2 3 … n 1 1:1 1:2 1:3 … 1:n 2 2:1 2:2 2:3 … 2:n 3 3:1 3:2 3:3 … 3:n n n:1 n:2 n:3 … n:n … Tauschgüter Ta us ch gü te r Abbildung 2-18: Tauschmatrix bei Realtausch 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene 51 Übung 2-8: Tauschpartner im Preisdschungel In einer Realtauschwirtschaft werden die Güter Brot, Fisch, Gemüse, Obst, Wein, Kaffee, Holz und Tuch gehandelt. a) Wie viele relative Preise müssen sich Tauschpartner merken? Wie viele voneinander unabhängige Preisverhältnisse gibt es? b) Wie viele absolute Preise gibt es, wenn Wein zum Tauschmittel und zur Recheneinheit erhoben wird? Wie viele absolute Preise gibt es, wenn mit Papiergeld bezahlt wird? c) Welche Gründe sprechen gegen die Verwendung von Wein als Tauschmittel? d) Welche Beziehungen bestehen zwischen absoluten und relativen Preisen? Lösung: a) Da es sich um 8 Güter handelt, gibt es n(n 1) 2 , d. h. also = 56 28 2 voneinander unabhängige relative Preise. Um die Marktübersicht zu behalten, wird es allerdings notwendig sein, sich alle 56 Preisverhältnisse zu merken, da es für die meisten Menschen nicht sofort ersichtlich sein dürfte, dass z. B. 0,8 der Kehrwert von 1,25 ist. b) Wenn eines der Tauschgüter selbst als Tauschmittel verwendet wird, spricht man von einem sog. numéraire. In diesem Fall ergeben sich 7, bei Verwendung von Papiergeld 8 absolute Preise. c) Dennoch wird sich Wein als Tauschmittel langfristig nicht durchsetzen können. Dieses Gut erfüllt die an ein Tauschmittel gestellten Anforderungen nämlich nur sehr ungenügend: Wein ist nur begrenzt haltbar, wenig homogen, sehr teuer und wenig kontrollierbar in der Herstellung sowie sehr unhandlich im Umgang. Lediglich die notwendige Teilbarkeit ist gegeben. d) Wenn die absoluten Preise zweier Güter bekannt sind, so kann daraus auch deren reales Austauschverhältnis (relativer Preis) berechnet werden. Der umgekehrte Weg ist jedoch nicht möglich. Um absolute Preise ermitteln zu können, ist unbedingt eine Angabe über die Menge des vorhandenen Zahlungsmittels erforderlich. Der Wert einer Einheit des Zahlungsmittels (Kaufkraft) ergibt sich stets aus dem Verhältnis zwischen der Menge des Zahlungsmittels und der Menge der Güter, die dafür insgesamt erworben werden können. Bei der Steuerung des absoluten Preisniveaus einer Volkswirtschaft kommt der wirksamen Steuerung der volkswirtschaftlichen Geldmenge daher eine besondere Bedeutung zu. 3 Die Marktwirtschaft – Ordnungspolitisches Leitprinzip und wirtschaftspolitische Praxis Kapitelübersicht 3.1 Grundlagen von Wirtschaftssystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 3.1.1 Begriffsbestimmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 3.1.2 Aufgaben von Wirtschaftssystemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 3.1.3 Konstituierende Elemente von Wirtschaftssystemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 3.1.3.1 Die Eigentumsordnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.1.3.2 Der Koordinationsmechanismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.1.3.3 Grundtypen von Wirtschaftssystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 3.2 Idealtypische Wirtschaftsordnungen im Vergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.2.1 Zielsysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 3.2.2 Koordinationsmechanismus und Anreizsystem. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.2.3 Güterdistribution. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 3.2.4 Die Rolle des Geldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.2.5 Die Rolle des Staates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.3 Marktmechanismus und Marktfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 3.3.1 Marktfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 3.3.1.1 Die Steuerungsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 3.3.1.2 Die Innovationsfunktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 3.3.1.3 Die Verteilungsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 3.3.2 Funktionsvoraussetzungen, Marktversagen und Funktionsmängel des Marktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 3.3.2.1 Fehlende Märkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 3.3.2.2 Instabile Märkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 3.3.2.3 Marktunvollkommenheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 3.3.2.4 Wettbewerbsbeschränkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 3.3.2.5 Unerwünschte Marktergebnisse oder Funktionsmängel. . . . . . . . . . . . . . . 81 3.4 Ansatzpunkte staatlichen Handels in einer Marktwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 3.4.1 Wichtige Bereiche marktwirtschaftlicher Staatstätigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 3.4.2 Staatsversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 3.5 Finanzwissenschaftliche Grundlagen marktwirtschaftlicher Staatstätigkeit . . . . . . 89 3.5.1 Staatseinnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 3.5.1.1 Eigenschaften von Steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 3.5.1.2 Steuerwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 3.5.1.3 Steuererhebungsprinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 3.5.1.4 Direkte und indirekte Steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 3.5.2 Staatsausgaben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.