4 Einführung in die Mikroökonomie in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 123 - 185

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_123

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Teil II: Mikroökonomie 4 Einführung in die Mikroökonomie Kapitelübersicht 4.1 Mikroökonomie im Wandel der Zeit: Eine kurze Theorie geschichte. . . . . . . . . . . . . 115 4.2 Der Marktmechanismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 4.2.1 Angebots- und Nachfragekurven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 4.2.2 Marktgleichgewicht und -ungleichgewicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 4.2.3 Determinanten von Nachfrage und Angebot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 4.2.3.1 Lageparameter der Nachfragefunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 4.2.3.2 Lageparameter der Angebotsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 4.2.4 Verschiebungen von Angebot und Nachfrage und ihre Auswirkungen auf das Marktgleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 4.3 Elastizitäten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 4.3.1 Differenzenquotient und Elastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 4.3.2 Direkte Preiselastizitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 4.3.2.1 Die Preiselastizität der Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 4.3.2.2 Die Preiselastizität des Angebots. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 4.3.2.3 Determinanten direkter Preiselastizitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 4.3.3 Kreuzpreiselastizitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 4.3.4 Elastizitäten anderer wichtiger ökonomischer Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 4.3.4.1 Einkommenselastizität der Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 4.3.4.2 Elastizitäten im Zusammenhang mit dem Produktionsprozess. . . . . . . . . 157 4.3.4.3 Steueraufkommenselastizitäten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 4.4.1 Marktkonforme staatliche Eingriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 4.4.1.1 Indirekte Steuern und Subventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 4.4.1.2 Direkte Steuern und Einkommenstransfers. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 4.4.2 Preis- und Mengenfixierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 4.4.2.1 Höchstpreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 4.4.2.2 Mindestpreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 4.1 Mikroökonomie im Wandel der Zeit: Eine kurze Theorie geschichte 115 Lehrziele: Mikroökonomie ist die Analyse des einzelwirtschaftlichen Marktgeschehens. Sie erklärt das Zustandekommen des Gleichgewichtspreises und der Gleichgewichtsmenge auf einem Markt. Ein kurzer theoriegeschichtlicher Überblick führt den Leser zunächst in die Gedankenwelt dieser wichtigen Sparte der Volkswirtschaftslehre ein. Anschließend wird der Leser mit den Grundbegriffen der Marktanalyse vertraut gemacht. Dazu gehören die beiden Bestandteile eines Marktes, Angebot und Nachfrage, sowie der Begriff des Gleichgewichtes und des Ungleichgewichtes. Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen Veränderungen bestimmter ökonomischer Rahmenbedingungen und der Lage bzw. Gestalt der Angebots- und Nachfragekurven. Durch Kurvenverschiebungen ergeben sich Störungen des Marktgleichgewichtes, was wiederum Anpassungsprozesse bei Preisen und Mengen hervorruft. Mit Hilfe des Elastizitätsmaßes ist es möglich, die Wirkung solcher Verschiebungen auf Gleichgewichtspreis und -menge auch quantitativ zu erfassen. Das Elastizitätsmaß wird beschrieben, seine Handhabung und Aussagekraft erklärt sowie wichtige Anwendungsbeispiele vorgestellt. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels werden verschiedene Möglichkeiten staatlicher Einflussnahme auf das private Marktgeschehen aufgezeigt. Dabei sind marktkonforme und nicht-marktkonforme Maßnahmen zu unterscheiden. Ein kurzer Abriss deutscher bzw. europäischer Agrarpolitik als besonders krasses Beispiel staatlicher Marktbeeinflussung rundet dieses einführende Kapitel ab. 4.1 Mikroökonomie im Wandel der Zeit: Eine kurze Theoriegeschichte Mikroökonomie ist eine Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre. Sie beschäftigt sich mit dem ökonomischen Handeln von rationalen, perfekt informierten und ausschließlich eigennutzgesteuerten Individuen1. Sie fragt dabei nach deren Handlungsmotiven, ihren Zielen sowie nach ihrem Handlungsspielraum. Institutionenökonomik Gerade die Beantwortung dieser Frage führt jedoch unmittelbar zu der Erkenntnis, dass der Handlungsspielraum jedes Einzelnen davon abhängt, in welchen sozialen Gemeinschaften er lebt, welchen Regeln und Normen sein Zusammenleben mit anderen Individuen unterworfen ist. Die Gesamtheit solcher Regeln und Normen bildet einen institutionalisierten Handlungsrahmen für jedes Wirtschaftssubjekt. Diese sog. Institutionen sind immer historisch entstanden und durch einen gesellschaftlichen Wertekonsens sowie durch die jeweils gültigen Technologien geprägt. Für den Einzelnen sind sie kurzfristig zunächst vorgegeben, mittelfristig jedoch durch eigenes Handeln beeinflussbar und veränderbar: 1 Gemeint ist der homo oeconomicus; vgl. Abschnitt 2.2.3.1 „Rationalität und Effizienz“. 4 Einführung in die Mikroökonomie116 „There is a reciprocal interdependence between institutions and individuals in which actors shape institutions and are themselves reshaped by institutions. Institutions form actors’ identities and preferences.“2 Das bedeutet, dass die mikroökonomische Handlungsebene von einer Mesoebene, nämlich der Ebene der das einzelne Wirtschaftssubjekt umgebenden Institutionen eingeschlossen ist, ohne die das Handeln des Einzelnen nicht erklärt werden kann. Die Mikroökonomie im herkömmlichen Sinne (auch als neoklassische Mikroökonomie bezeichnet), in der ihr Protagonist, der homo oeconomicus, als asozialer Einzelkämpfer mit vollkommener Information über alle für ihn und andere relevanten Daten seinen Eigennutz maximiert, wird daher seit ca. 50 Jahren durch die Neue Institutionenökonomik ergänzt, die sich mit Rechten (v. a. Verfügungs- und Eigentumsrechten) und Verträgen, aber auch mit den bislang vom homo oeconomicus vernachlässigten Kosten ökonomischer Transaktionen befasst3. Spieltheorie Eine zweite wesentliche Erweiterung erfuhr die neoklassische Mikroökonomie in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch die Spieltheorie4. Die Spieltheorie behält zwar die Verhaltensannahme des homo oeconomicus bei. Sie stellt ihn jedoch insofern in einen sozialen Zusammenhang, als er auf dem Markt auf einen anderen homo oeconomicus stößt, der sich möglicherweise als feindlicher Gegner verhält und dadurch in seinen Reaktionen berücksichtigt werden muss. Ökonomische Situationen werden also als strategische Spiele dargestellt, in denen jeder Spieler wie im Schachspiel bei seinem Zug die Reaktion des Gegenspielers einkalkulieren muss. Die Spieltheorie bildet somit die gedankliche Grundlage für jede Art von strategischen Überlegungen, seien sie militärischer (strategische Kriegsführung) oder betriebswirtschaftlicher Natur (strategische Unternehmensplanung). Das erste Anwendungsgebiet der beiden Pioniere der Spieltheorie, Johann v. Neumann und Oskar Morgenstern, war jedoch die Analyse von Märkten, in denen sich wenige gleich starke Konkurrenten gegenüberstehen, sog. Oligopolmärkten. Sie beschäftigten sich also mit einem typisch mikroökonomischen Problem5. So unterschiedlich diese drei mikroökonomischen Modellansätze – der (neo)-klassischen Mikroökonomie, der Spieltheorie und der Institutionenökonomik – auch sein mögen: Eines haben sie gemeinsam, nämlich eine an Nutzenmaximierung ausgerichtete rationale Handlungsweise der Wirtschaftssubjekte. Man bezeichnet dieses Prinzip auch als Utilitarismus. Alle drei genannten Ansätze sind streng positiv-utilitaristisch. 2 Heidenreich, R. (1998), S. 980; vgl. Biesecker, A., Kesting, St. (2003), S. 19. 3 Hervorragende Vertreter der Neuen Institutionenökonomik waren u. a. Ronald H. Coase, der 1991, sowie Douglass C. North, der 1993 dafür den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. 4 Begründer der Spieltheorie waren die beiden Mathematiker Johann von Neumann und Oskar Morgenstern mit ihrer Arbeit „Theory of Games and Economic Behaviour“ aus dem Jahr 1944. U.a. für seine spieltheoretischen Arbeiten wurde im Jahre 1994 auch der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger, Reinhard Selten, geehrt. 5 Vgl. Biesecker, A., Kesting, St. (2003), S. 132 ff. 4.1 Mikroökonomie im Wandel der Zeit: Eine kurze Theorie geschichte 117 Analytischer Ansatz Hauptvertreter Rationalitätskonzept Neoklassische Mikroökonomie Alfred Marshall Kosten-Nutzen-Rationalität Nutzenmaximierung, Effizienz Spieltheorie Johann v. Neumann, Oskar Morgenstern Kosten-Nutzen-Rationalität, optimale Strategie Neue Institutionen- ökonomik Ronald H. Coase, Douglass C. North Kosten-Nutzen-Rationalität, Effizienz der Regeln/Institutionen Abbildung 4-1: Überblick über die mikroökonomischen Modellansätze Der homo oeconomicus als analytische Kategorie Bereits David Ricardo, der den Begriff des homo oeconomicus zu Beginn des 19. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat, erkannte jedoch, dass die ökonomische Rationalität eines homo oeconomicus, der ja eine Kunstfigur ist, ausschließlich analytischen Zwecken dienen kann. Ein Problem entsteht daraus allerdings dann, wenn sie als Eigenschaft realer Menschen missverstanden wird6. Die Tatsache, dass jeder ökonomisch handelnde Mensch immer auch in ein Geflecht von Werten und gesellschaftlichen Normen, d. h. in eine ethisch-moralische, soziale und kulturelle Umwelt eingebettet ist und nur aus dieser heraus erklärt werden kann, nahmen im Verlauf des 20. Jahrhunderts zahlreiche Ökonomen und andere Sozialforscher zum Anlass, das mikroökonomische positive Erklärungsmodell weiterzuentwickeln, durch normative Elemente zu erweitern und so der Wirklichkeit anzunähern. So entstand z. B. das Konzept des in die Gesellschaft eingebetteten Menschen (sog. „I and We“-Mensch), des kulturell und historisch geprägten Menschen (homo culturalis), des ökologisch handelnden Menschen (homo oecologicus) oder auch die Ansätze der feministischen Ökonomik, die den Aspekt des sorgenden oder vorsorgenden Handelns von Menschen betonen7. Die positiv-utilitaristischen Ansätze der klassischen Mikroökonomie wurden also durch normativ geprägte Sichtweisen ergänzt. So entstanden z. B. die praktische Sozial-Ökonomik, die ökologische Ökonomik oder die feministische Ökonomik. Angesichts der substantiellen Erkenntnisfortschritte, die sich in den normativen Ansätzen, aber vor allem auch in der Neuen Institutionenökonomik sowie in der Spieltheorie gegen- über der auf den isolierten homo oeconomicus eingeschränkten Sichtweise der neoklassischen Mikroökonomie ergeben haben, stellt sich die Frage, ob eine Beschäftigung mit dieser überhaupt noch sinnvoll ist. Betrachten wir das Bild des homo oeconomicus näher. Kenneth Boulding, der sich sehr intensiv mit der Frage eines ökonomischen Menschenbildes auseinandergesetzt hat, schrieb dazu im Jahr 1973: „Niemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte möchte seine Tochter mit einem „homo oeconomicus“ verheiratet sehen, mit jemandem, der sämtliche Kosten nachrechnet und stets nach dem Gegenwert fragt, der nie von verrückter Großzügigkeit oder nicht berechnender Liebe heimgesucht 6 Die Verwechslung zwischen analytischer Kategorie und realem Menschen wird daher auch als „Ricardianisches Übel“ bezeichnet. Vgl. Schumpeter, J. A. (1965). 7 Vgl. dazu Biesecker, A., Kesting, St. (2003), S. 125 ff. 4 Einführung in die Mikroökonomie118 ist, … auch wenn er gelegentlich von sorgfältig kalkulierten Erwägungen über Wohlwollen und Missgunst bewegt ist.“8 Aus diesen fürsorglichen Überlegungen Bouldings wird deutlich, dass der homo oeconomicus nicht etwa die Beschreibung eines realen Menschen sein kann. Das wäre für eine mikroökonomische Analyse auch gar nicht hilfreich. Vielmehr muss es darum gehen, einen Teilaspekt aus der realen Vielfalt menschlichen Handelns zu isolieren, um ein abstraktes Bild eines ökonomisch handelnden Menschen zu erhalten. Beim homo oeconomicus handelt es sich also nicht um eine Charakterstudie, sondern um eine analytische Kategorie. Der empathiefähige homo oeconomicus Diese wiederum ist gar nicht so realitätsfern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Zwar maximiert der homo oeconomicus bei gegebenen Mitteln gnadenlos seine eigene Nutzenfunktion. In dieser Nutzenfunktion können jedoch durchaus altruistische, soziale und ökologische Ziele enthalten sein: „… ist es keineswegs richtig, dass das Konzept der Nutzenmaximierung egoistische Menschen im alltagssprachlichen Sinne unterstellt. Es wird lediglich angenommen, dass die Menschen auf der Grundlage gegebener Wünsche diese bestmöglich befriedigen wollen. Zu diesen Wünschen kann ohne weiteres der Friede im ehemaligen Jugoslawien oder die Gleichverteilung der Einkommen gehören, was man kaum als egoistisch bezeichnen würde.“9 Ein interessantes Ergebnis volkswirtschaftlicher experimenteller Studien, bei denen zahlreiche Versuchspersonen in Spielsituationen über die für sie beste Strategie entscheiden müssen, ist, dass die meisten Menschen es offenbar instinktiv vermeiden, sich bewusst auf Kosten anderer zu bereichern, bzw. anderen Gutes tun, auch wenn sie selbst unmittelbar nichts davon haben. Ernst Fehr nennt dies „selbstzentrierte Ungerechtigkeitsaversion“. Er weist zudem nach, dass die Ausprägung dieses Verhaltens stark von der kulturellen Herkunft der Spieler abhängt. Wenn man nicht unterstellen will, dass diese Spieler irrational handeln, bedeutet dies, dass sich die Präferenzen eines Spielers nicht nur auf das erstrecken, was sie selbst bekommen, sondern auch auf das, was der Gegenspieler bekommt10. Diese Erkenntnis macht das Handeln eines homo oeconomicus im weiteren Sinne durchaus sympathisch. Der homo oeconomicus und seine eingeschränkte Rationalität Ferner wird dem homo oeconomicus vor allem seine Allwissenheit vorgeworfen sowie die Fähigkeit, einen beliebig komplexen Datensatz stets perfekt verarbeiten zu können – er ist quasi ein Supercomputer. In der Tat sind normale Menschen alles andere als das. In komplexeren Entscheidungssituationen sind sie von den anstehenden Maximierungsaufgaben schnell überfordert, was ebenfalls in zahlreichen experimentellen Studien nachgewiesen werden konnte. Die Ergebnisse dieser Studien sind ernüchternd, wie der bislang einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten feststellt: „Menschen haben nur sehr begrenzte kognitive Fähigkeiten. Alltägliche Entscheidungssituationen wie das Einkaufen im Supermarkt wären auf der Grundlage eines Nutzenmaximierungskalküls praktisch nicht zu bewältigen. Mindestens ebenso wichtig wie die Schranken der Denk- und 8 Boulding, K. (1973), S. 112. 9 Feess, E. (1997), S. 36. 10 Vgl. Fehr, E., Schmidt, K. (1999). 4.2 Der Marktmechanismus 119 Rechenfähigkeit sind andere empirisch belegte Tatsachen, die der vollen Rationalität entgegenstehen. … Es genügt nicht, zu erkennen, dass es vernünftig ist etwas zu tun, zum Beispiel mit dem Rauchen aufzuhören, sondern man muss auch über die notwendige Selbstkontrolle verfügen.“11 Selten spricht daher von „eingeschränkter Rationalität des tatsächlich beobachteten Verhaltens“12. Dennoch können viele Alltagsentscheidungen auch von Durchschnittsbürgern sehr wohl als „rational“ im Sinne des homo oeconomicus bezeichnet werden. So dürfte es kein allzu großes Problem darstellen, darüber zu entscheiden, ob man mit einem gegebenen Urlaubsbudget und bei gegebenen Preisen lieber ans Meer oder ins Gebirge fahren möchte. 4.2 Der Marktmechanismus Individuelles, eigenbestimmtes ökonomisches Handeln und Entscheiden setzt stillschweigend eine Institution voraus: nämlich den Markt. Nur dort gibt es dezentrale Entscheidungen, die anonym über den Preis koordiniert werden. Wir betrachten daher im Folgenden Märkte, auf denen zunächst beliebig viele einzelne homines oeconomici tätig sind und ihre jeweiligen wirtschaftlichen Ziele anstreben. Der Tauschvorgang Die zentrale wirtschaftliche Transaktion zwischen Wirtschaftssubjekten ist der Tausch. Er besteht darin, dass eine Person ein Gut von jemand anderem haben möchte und im Gegenzug bereit ist, ein anderes Gut, über das sie bereits verfügt, aufzugeben. Ein solcher Tauschwunsch entsteht dann, wenn der subjektive Wert (d. h. der Nutzen) des gewünschten Gutes höher eingeschätzt wird als der des Zahlungsgutes. Es ist klar, dass der Tausch aber nur dann zustande kommen kann, wenn sich ein Tauschpartner findet, der die Sache genau umgekehrt einschätzt – es sei denn, der Partner würde zur Herausgabe des gewünschten Gutes gezwungen. In diesem Fall liegt dann aber eine Zwangsabgabe vor und kein Tausch. Ein Tausch ist immer ein von beiden Seiten gewünschter und damit freiwilliger Vorgang. Durch einen vollzogenen Tausch muss sich das Wohlbefinden, das Nutzenniveau, beider Tauschpartner erhöht haben, sonst hätten sie sich die Mühe wohl nicht gemacht. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Tauschvorgänge und damit Märkte umso wichtiger und unverzichtbarer sind, je arbeitsteiliger die betreffende Wirtschaft funktioniert. Würde die ganze Gesellschaft aus autarken Selbstversorgern bestehen, dann gäbe es keine Märkte – es gäbe gleichzeitig aber auch keinen Wohlstand, sondern buchstäblich steinzeitliche Lebensbedingungen. Die beiden Partner eines Tauschvorganges heißen Anbieter und Nachfrager. Beide haben, bereits bevor sie ihren Counterpart treffen und mit ihm verhandeln können, feste Vorstellungen darüber, wie viel ihnen das Gut, das sie jeweils eintauschen wollen, tatsächlich wert ist, d. h. wie hoch ihre Zahlungsbereitschaft maximal gehen würde. 11 Selten, R. (2000), S. 130. 12 Selten, R. (2000), S. 129. Mit diesem Problemkreis hat sich auch der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2002, Daniel Kahneman, ausführlich beschäftigt. 4 Einführung in die Mikroökonomie120 Ein praktisches Beispiel: Die Auktion Das kann man sich am besten an der Situation einer Versteigerung klar machen: Herr Meier geht zu einer Versteigerung, um dort einen antiken Schreibsekretär zu erwerben. Insgeheim hat er sich vorgenommen, für das Prachtstück maximal 20.000 € auszugeben. Diese seine Zahlungsbereitschaft hängt offensichtlich davon ab, wie stark seine persönliche Vorliebe für einen antiken Schreibsekretär ausgeprägt ist und wie viele andere Angebote dieser Art Herrn Meier zur Verfügung stehen. Nehmen wir an, diese Gelegenheit sei einmalig. Der Auktionator ruft den Sekretär für 12.000 € auf. Sogleich melden sich außer Herrn Meier fünf weitere Interessenten, die bereit sind, diesen Preis zu bezahlen. Offensichtlich ist der Preis „zu“ niedrig, denn dem Angebot von einem Stück steht eine Nachfrage von sechs gegen- über. Nun fangen die Nachfrager an, den Preis zu steigern, sie überbieten sich gegenseitig: 12.500 €, 13.000 €, 13.500 € …. Mit steigenden Preisgeboten treten immer mehr der ursprünglich fünf Mitinteressenten von ihrem Kaufwunsch zurück. Schließlich ist Herr Meier mit einem einzigen Konkurrenten übrig. Geboten sind 15.000 €. „15.500 €“ ruft Herr Meier und siehe da: niemand macht ihm seinen Kauf mehr streitig. Der Auktionator gibt ihm den Zuschlag für 15.500 € und Herr Meier verlässt hoch befriedigt den Versteigerungssaal. Er freut sich vor allem auch deshalb, weil er das Möbelstück billiger bekommen hat, als er insgeheim dafür veranschlagt hatte. Herr Meier hat aus seiner Sicht 4.500 € gespart bzw. geschenkt bekommen. Der Auktionator wusste ja nicht, dass Herr Meier bis 20.000 € gegangen wäre. Was ist geschehen? Aus einer anfänglichen Konfliktsituation (sechs Leute wollen einen Schreibsekretär) ist durch entsprechende Preisanpassungen eine einvernehmliche Lösung geworden. Der Preis stieg so lange, bis das Angebot genau der Nachfrage entsprach. Diese Situation nennt man Markträumung. Der Preis, der das zustande bringt, ist der Gleichgewichtspreis oder der markträumende Preis. Dabei hat offensichtlich derjenige Bieter gewonnen, dem der Sekretär subjektiv den größten Nutzen verschafft, denn dieser, nämlich Herr Meier, hat die höchste Zahlungsbereitschaft. Hier zeigt sich die Umsetzung des ökonomischen Prinzips: Die Ressource (der Schreibtisch) soll dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten Nutzen stiftet. Der Preismechanismus stellt also sicher, dass das ökonomische Prinzip erfüllt wird. Dies gilt auch für die alternative Formulierung: Dieses Ziel wird mit dem geringst möglichen Aufwand erreicht, denn für den Sekretär werden ja nicht die maximal möglichen 20.000 €, sondern nur 15.500 € bezahlt. Der Gleichgewichtspreis entspricht also keineswegs der maximalen Zahlungsbereitschaft des Nachfragers. Der „geschenkte“ Unterschied zwischen Gleichgewichtspreis und der maximalen Zahlungsbereitschaft heißt Konsumentenrente, ein Begriff, der uns noch eingehend beschäftigen wird. Andererseits hat der Verkäufer des Schreibsekretärs als Mindestgebot ja nur 12.000 € verlangt. Mit diesem Preis hat der Auktionator begonnen. Für weniger als 12.000 € hätte sich der Eigentümer nicht von seinem Sekretär getrennt. Er wiederum freut sich nun, dass er nicht nur die geforderte Minimalsumme, sondern 3.500  € mehr bekommen hat. Diesen Betrag nennt man analog die Produzentenrente. Es freuen sich also beide, Anbieter und Nachfrager – eine echte win-win-Situation! 4.2.1 Angebots- und Nachfragekurven Das Verhalten von Anbieter und Nachfrager, wie es im Versteigerungsbeispiel beschrieben worden ist, lässt sich nun verallgemeinern. 4.2 Der Marktmechanismus 121 Gegenseitige Abhängigkeit von Preis und Menge Ein Nachfrager wird umso zögerlicher, je höher der Preis ist, den er zahlen soll. Man kann das auch noch anders ausdrücken: Je höher der geforderte Preis wird, desto weniger Käufer finden sich bereit, noch mitzubieten. Umgekehrt gilt: Je niedriger der Preis wird, desto mehr Käufer melden ihr Kaufinteresse an und auch der einzelne Käufer erhöht möglicherweise seine Nachfrage. Offensichtlich gilt der umgekehrte Zusammenhang für das Angebot: Je mehr für ein Gut bezahlt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass zusätzliche Anbieter auf den Markt treten und das Angebot erhöhen. Wenn es sich z. B. herumspricht, dass für antike Schreibsekretäre 15.500 € bezahlt werden, entschließen sich vielleicht auch solche Besitzer für den Verkauf ihres Erbstücks, die sich für 12.000 € noch nicht davon haben trennen können. Wiederum ist die individuelle Werteinschätzung für das Verhalten auf dem Markt entscheidend. Bezogen auf den einzelnen Anbieter gilt dasselbe: Je mehr er für sein Gut bekommt, desto stärker wird er sein Angebot ausdehnen, da der Verkauf für ihn finanziell immer attraktiver wird. Wir haben bisher stets über die Reaktion von Anbietern und Nachfragern auf gebotene bzw. geforderte Preise gesprochen. Man kann den Zusammenhang aber auch umdrehen: Die Preisgebote und -forderungen hängen auch von den Nachfrage- und Angebotsmengen ab. Betrachten wir dazu ein anderes Beispiel, nämlich den Konsum von Spargel. Ein echter Spargelliebhaber, Herr Müller, fiebert dem Beginn der Spargelsaison entgegen. Wenn dann endlich der erste Bauer Anfang April lokalen Spargel auf den Markt bringt, erhält er dafür zunächst Traumpreise. Jeder Spargelliebhaber, so auch Herr Müller, ist bereit, einen hohen Preis für den ersten Spargel zu zahlen, weil er seit langer Zeit überhaupt keinen mehr gegessen hat. Der Zuwachs an Wohlbefinden durch diesen ersten Spargelgenuss ist also sehr hoch, was sich in einer hohen Zahlungsbereitschaft ausdrückt. Je weiter der Frühling ins Land geht und je mehr Spargel Herr Müller schon gegessen hat, desto mehr nimmt sein Enthusiasmus jedoch ab. Ende Mai ruft ein zusätzliches Spargelgericht bei weitem nicht mehr so viel Befriedigung hervor wie Anfang April und im Juni ist Herr Müller froh, dass der Johannistag naht13. Der Zuwachs an Wohlbefinden durch den Konsum eines Gutes (= Grenznutzen) nimmt also mit zunehmend konsumierter Menge dieses Gutes ab; damit sinkt auch gleichzeitig die Zahlungsbereitschaft des Konsumenten. H. H. Gossen14, ein treuer Verfechter des homo oeconomicus, nennt diesen Tatbestand das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Wir werden dieses „Gesetz“ später noch gründlicher kennen lernen15. Aus Sicht des Anbieters dreht sich der Zusammenhang wiederum um: Jeder Bauer wird sicherlich mindestens so viel Geld für ein Kilogramm Spargel verlangen, dass die Kosten für dessen Produktion gedeckt sind. Wenn der Spargelbauer seine Produktions- und damit seine Angebotsmenge immer weiter ausdehnt, wird die Produktion für ihn zunehmend schwierig. Er muss zusätzliche Aushilfskräfte einstellen, die zum Spargelstechen auf die Felder gehen; diese sind jedoch nicht so erfahren wie reguläre, eingearbeitete Spargelstecher, somit weniger produktiv und verursachen bezogen auf eine Gewichtseinheit verkaufsfertigen Spargel höhere Kosten. Der Bauer wird daher auch seine Mindestpreisforderung 13 Am Johannistag, dem 24. Juni, Festtag Johannes des Täufers, stellen die Bauern traditionsgemäß das Spargelstechen ein. 14 Hermann Heinrich Gossen, preußischer Nationalökonom, geb. 1810 in Düren, gest. 1858 in Köln; formulierte die berühmten Gossenschen Gesetze. 15 Vgl. Abschnitt 5.3.1 „Gesamtnutzen und Grenznutzen“. 4 Einführung in die Mikroökonomie122 erhöhen. Dahinter steht das sog. Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, wovon in Kapitel 6 noch ausführlich die Rede sein wird. Die Darstellung im Preis-Mengen-Diagramm Angebots- und Nachfrageverhalten lassen sich im einfachsten Fall in Angebots- und Nachfragekurven graphisch darstellen (siehe Abbildung 4-2). Die Kurven zeigen geplante Verhaltensweisen. Sie beschreiben, wie sich ein Nachfrager bzw. Anbieter auf dem Tauschmarkt verhalten will, welche Mengen er zu welchem Preis kaufen oder verkaufen möchte. Diese Planungen umfassen viele verschiedene mögliche Handlungsalternativen (= Kombinationen von Preis und Menge). Welche von diesen letztendlich gewählt wird, d. h. welche konkrete Angebots- oder Nachfragemenge tatsächlich umgesetzt wird, ergibt sich erst durch das Zusammentreffen beider auf dem Markt. Es ist also deutlich zu unterscheiden zwischen dem Angebot/der Nachfrage (entspricht dem gesamten Kurvenverlauf) und einer konkreten Angebots-/Nachfragemenge (entspricht einem Punkt auf der jeweiligen Kurve). Wenn man von steigender Nachfrage oder fallendem Angebot spricht, ist stets eine Verschiebung der gesamten Kurve, nicht das Wandern eines einzelnen Punktes gemeint. Die Diagramme werden zwar in aller Regel mit einer senkrechten Preis- und einer waagerechten Mengenachse dargestellt. Rein mathematisch würde das dafür sprechen, dass die Mengenvariable die Unabhängige, die Preisvariable die Abhängige ist. Angebots- und Nachfragekurve lassen sich jedoch auch in umgekehrter Richtung interpretieren (siehe das Versteigerungsbeispiel). Die bloße Konvention der Darstellung lässt nicht unbedingt auf die Art der unterstellten Abhängigkeit schließen. Preis Menge Preis Menge Nachfragekurve Angebotskurve Prohibitivpreis Sättigungsmenge Markteintrittspreis Abbildung 4-2: Nachfrage- und Angebotskurve 4.2 Der Marktmechanismus 123 Die Kurven haben jeweils typische Achsenabschnitte: Der Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der Preisachse bezeichnet einen Preis, der so hoch ist, dass der Nachfrager auf den Tausch insgesamt verzichtet (die nachgefragte Menge ist hier Null). Dieser Preis verhindert (lateinisch: prohibere = verhindern) somit die Nachfrage und heißt deswegen Prohibitivpreis. Der Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der Mengenachse zeigt, wie viel der Nachfrager konsumieren würde, wenn er gar nichts (der Nachfragepreis ist hier Null) für das Gut bezahlen müsste. Das ist gewissermaßen die Schlaraffenlandsituation: Herr Müller würde solange Spargel essen, bis er völlig gesättigt ist und eine einzige weitere Stange ihm körperliches Unbehagen verursachen würde. Man nennt diesen Punkt daher die Sättigungsmenge. Der Schnittpunkt der Angebotskurve mit der Preisachse schließlich markiert den Preis, den der Anbieter mindestens erhalten muss, um überhaupt bereit zu sein, auf dem Markt mitzubieten. Darunter wären auch kurzfristig nicht einmal seine variablen Kosten gedeckt, so dass er sich nicht auf dem Markt halten könnte. Dieser Preis heißt deshalb Markteintrittspreis. Übung 4-1: Angebots- und Nachfragekurven auf dem Aktienmarkt Der Aktienmarkt eignet sich für die Untersuchung der Mechanik von Preismechanismus, Angebot und Nachfrage besonders gut: Auf ihm treten eine Vielzahl von Anbietern und Nachfragern auf, die alle unabhängig voneinander ihre Entscheidungen treffen. Der Markt (die Börse) ist sehr gut organisiert und verfügt über einen zuverlässigen Auktionator. Das gehandelte Gut, nämlich die Aktien einer bestimmten Kapitalgesellschaft, sind streng homogen, d. h. es gibt keine persönlichen Präferenzen, Preisdifferenzierung ist nicht möglich. Auf dem Markt für die Aktien der Firma Schrobenhauser Spargel AG werden an einem Tag folgende Kauf- und Verkaufsaufträge für eine Aktie erteilt: Verkauf Kauf 3 Stk à 201 € 1 Stk à 220 € 5 Stk à 202 € 3 Stk à 217 € 6 Stk à 203 € 2 Stk à 215 € 3 Stk à 204 € 5 Stk à 207 € 1 Stk à 209 € 6 Stk à 206 € 2 Stk à 210 € 2 Stk à 204 € 1 Stk à 215 € 10 Stk à 202 € 10 Stk bestens 8 Stk billigst Offensichtlich bevorzugen die meisten Aktienkäufer und -verkäufer die sog. limitierten Aufträge. Das bedeutet, dass der beauftragte Makler die Aktien nur bis zu dem vorgegebenen Höchstpreis kaufen bzw. nur bis zum vorgegebenen Mindestpreis verkaufen darf. Die Angaben „bestens” oder „billigst” hingegen besagen, dass der Auftraggeber auf jeden Fall kaufen (billigst) oder verkaufen (bestens) möchte und seine Order deshalb nicht an das Erreichen bestimmter Kurse knüpft. Dies nennt man unlimitierte Aufträge. a) Bei welchem Kurs stimmt die Stückzahl der verkauften und derjenigen der gekauften Aktien überein? Mit anderen Worten: bei welchem Kurs wird der Markt geräumt und wie viele Aktien werden dann umgesetzt? 4 Einführung in die Mikroökonomie124 b) Bestimmen Sie die Lösung zunächst ohne Berücksichtigung der unlimitierten Aufträge mit Hilfe einer geeigneten Tabelle und graphisch. Berechnen Sie den Tagesumsatz. c) Wie verändern sich die Ergebnisse unter Berücksichtigung der unlimitierten Aufträge? d) Da die Hauptversammlung der Schrobenhauser Spargel AG in den nächsten Tagen stattfindet, beauftragt die Gesellschaft ihre Hausbank, Kurspflege zu betreiben. Welche Maßnahmen muss die Bank ergreifen, wenn sie einen Kurs von 210 anstrebt (bei Annahmen wie unter b)? Hinweis: Die Legalität eines solchen Vorgehens steht hier nicht zur Debatte! Lösung: a) Dies sind die kumulierten Kauf- und Verkaufsaufträge: Verkauf (= Angebot) Kauf (= Nachfrage) Kurs Menge Kurs Menge 201 3 220 1 202 8 217 4 203 14 215 6 204 17 207 11 209 18 206 17 210 20 204 19 215 21 202 29 b) Gleiche Stückzahl bei Angebot und Nachfrage wird also beim Kurs von 206 € erreicht. Das Handelsvolumen liegt dann bei 17 Aktien, der Umsatz beträgt 3.502 €. 200 205 210 215 0 5 10 15 20 25 Kaufaufträge Verkaufsaufträge Kurs Menge Abbildung 4-3: Aktienkursbildung bei limitierten Aufträgen In der Realität liegen auf einem Aktienmarkt nicht nur 14, sondern sehr viele Aufträge vor. Die Treppenkurve wird daher zu einer durchlaufenden Kurve. 4.2 Der Marktmechanismus 125 c) Die unlimitierten Aufträge verschieben die Angebots- und Nachfragekurve um die jeweilige Stückzahl parallel nach rechts. Unlimitiert bedeutet ja Kauf oder Verkauf um jeden Preis. Unabhängig vom Kurs sind daher in jeder Zeile 10 Aktien mehr im Angebot und 8 Aktien mehr in der Nachfrage. Der neue markträumende Preis liegt daher bei 204 €, das Handelsvolumen bei 27 Stück und der Umsatz bei 5.508 €. 200 205 210 215 0 5 10 15 20 25 30 Kaufaufträge Verkaufsaufträge Kurs Menge Abbildung 4-4: Aktienkursbildung bei limitierten und unlimitierten Aufträgen d) Unter Berücksichtigung der unlimitierten Aufträge (siehe Zeichnung c)) ergibt sich beim Zielkurs von 210 € eine Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Angeboten werden 30 Aktien, nachgefragt aber nur 14. Die Bank muss die Nachfrage also künstlich erhöhen, (anstelle der auftraggebenden AG) selbst als Käufer auftreten und 16 Aktien aus dem Markt nehmen. Dieses Vorgehen würde heute als missbräuchliche Kursmanipulation gerichtlich geahndet. Gleichwohl ist ein solches Vorgehen in bestimmten Bereichen der Wirtschafts- und Währungspolitik ein übliches, häufig angewandtes und höchst legales Mittel, z. B. bei der Stabilisierung der Wechselkurse durch die Zentralbanken im Rahmen von Festkursvereinbarungen oder bei der Stabilisierung von Agrarmarktpreisen im Rahmen der Agrarpolitik der Europäischen Union. 4.2.2 Marktgleichgewicht und -ungleichgewicht Das Marktgeschehen besteht im fortwährenden Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Wie wir schon erfahren haben, agieren beide Marktseiten, ja alle Marktteilnehmer zunächst völlig unabhängig voneinander. Jeder Anbieter und Nachfrager plant seine individuelle Verhaltensweise eigenständig. Es scheint daher auf den ersten Blick unmöglich, dass eine Situation existiert, in der alle Marktteilnehmer ihre Kauf- und Verkaufspläne auch tatsächlich umsetzen können. Ökonomische Bedeutung des Marktgleichgewichts Das Versteigerungsbeispiel hat uns jedoch gelehrt, dass genau dies durch den Preismechanismus erreicht wird: Der Preis koordiniert die unterschiedlichen Wünsche von Anbietern 4 Einführung in die Mikroökonomie126 und Nachfragern. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes erreicht den Ausgleich zwischen beiden Marktseiten, die Markträumung. Diese Situation nennt man das Marktgleichgewicht. Es stellt einen Zustand dar, in dem alle Marktteilnehmer ihre Pläne umsetzen können, in dem niemand durch ein verändertes Handeln ein höheres Nutzenniveau erreichen könnte, in dem es keine immanente Änderungstendenz mehr gibt. Leider lehrt uns das Leben jedoch, dass ein solches Gleichgewicht ziemlich selten tatsächlich erreicht wird. Denken wir an unser Beispiel mit der Versteigerung. Das Gleichgewicht stellt sich nicht von vorn herein, sondern erst nach permanenten Preis- und Mengenanpassungen aller Teilnehmer ein. Genau darin besteht der eigentliche Marktvorgang: in preisgetriebenen Anpassungsprozessen, die stets auf den Gleichgewichtspunkt als Bezugspunkt zulaufen. Der Gleichgewichtsbegriff spielt in der neoklassischen Mikroökonomie eine zentrale Rolle. Es handelt sich um eine Gleichgewichtsökonomik, die alle denkbaren Marktsituationen immer in Bezug auf ein Gleichgewicht beschreibt – sei es als Gleichgewichtssituation selbst oder als Abweichung davon. Mathematische Bestimmung des Gleichgewichts Formal lässt sich Gleichgewicht als Schnittpunkt zwischen Angebots- und Nachfragekurve beschreiben. Es kann daher – die gegebenen Kurvengleichungen vorausgesetzt – sowohl algebraisch wie graphisch leicht hergeleitet werden. Für lineare Kurvenverläufe gilt: für das Angebot: A Ap a b x und die Nachfrage: N Np c d x , wobei a und c die jeweiligen Achsenparameter, b und d die Kurvensteigungen darstellen. Gleichgewichtsmenge: A N c a x x x* b d Preis Menge P Angebot Nachfrage Abbildung 4-5: Marktgleichgewicht 4.2 Der Marktmechanismus 127 Übung 4-2: La Traviata im Gleichgewicht Ein Opernhaus hat ein Fassungsvermögen von 2.000 Plätzen (x). Nun soll die Oper La Traviata mit der berühmten Sopranistin Anna Netrebko aufgeführt werden. Der Veranstalter möchte alle Plätze besetzen und dabei den höchstmöglichen Preis (p) erzielen. Aus technischen Gründen kann nur ein Einheitspreis verlangt werden. Durch Marktstudien wurde herausgefunden, dass die Zahlungsbereitschaft des Opernpublikums dieser Stadt für Stars wie die Netrebko sehr hoch ist. Bei einem Preis von 140 € könnten 1.000 Karten verkauft werden. Jedoch hat jede Opernbegeisterung ihre Grenzen: Der Prohibitivpreis beträgt 210 €. Außerdem ist bekannt, dass die Nachfragekurve linear verläuft. Wie hoch darf der Einheitspreis höchstens sein, damit das Opernhaus ausverkauft ist? Lösung: Algebraisch: Zunächst werden die Gleichungen für die Angebots- und Nachfragekurve berechnet. Die Angebotskurve ist sehr einfach: Im Angebot sind 2.000 Plätze, die auf jeden Fall verkauft werden sollen. Mit anderen Worten: Die 2.000 Plätze werden zu jedem Preis verkauft. Somit ergibt sich als Angebotsfunktion: x = 2000 Die Nachfragekurve verläuft linear. Sie hat also die allgemeine Form p = a – bx, wobei a den Preisachsenabschnitt und b die Steigung der Kurve darstellt. Mit dem Prohibitivpreis ist a bereits gegeben: a = 210. Zur Berechnung der Steigung wird der gegebene Kurvenpunkt (p = 140 und x = 1000) in die Geradengleichung eingesetzt: 210 140 140 210 b 1000 b 0,07 1000 Die Gleichung der Nachfragekurve lautet also p = 210 – 0,07x Zur Berechnung des Gleichgewichtspreises wird der Angebotswert in die Nachfragegleichung eingesetzt: p 210 0,07 2000 210 140 70 Der Gleichgewichtspunkt hat demnach die Koordinaten p = 70 € und x = 2000 Plätze. Graphisch: Preis Menge G(x=2000, p=70) 210 140 70 1000 2000 3000 Nachfrage Angebot Abbildung 4-6: Opernhausgleichgewicht 4 Einführung in die Mikroökonomie128 Ungleichgewicht Betrachten wir nun die Situation des Ungleichgewichts. Abbildung 4-7 zeigt auf der linken Seite das mittlerweile gewohnte Marktdiagramm. Im Punkt G herrscht Gleichgewicht bei p*. Bei diesem Preis stimmen die angebotenen und nachgefragten Mengen überein, eine weitere Anpassung ist nicht erforderlich. Die rechte Seite der Abbildung 4-7 zeigt eine alternative Darstellung für Ungleichgewichtssituationen. Auf der x-Achse stehen hier die jeweiligen Differenzen zwischen den Angebots- und Nachfragemengen, also die Überschussnachfrage und das Überschussangebot. Nur beim Preis p* passen die angebotenen und nachgefragten Mengen zueinander. Die Differenz zwischen beiden ist Null, die Kurve schneidet daher an dieser Stelle die Preisachse. Ist der Preis jedoch höher, z. B. bei ph, so ist dies für die Anbieter attraktiver als für die Nachfrager. Es entsteht ein Überangebot in Höhe der Strecke AB, das bei diesem Preis nicht absetzbar ist. Umgesetzt wird also nur der Punkt A, denn bei diesem hohen Preis sind die Nachfrager nicht bereit, mehr zu kaufen. Die Anbieter müssen also ihre Waren im Umfang von AB – sofern das möglich ist – auf Lager nehmen. Sie werden sich gegenseitig unterbieten, um ihre Waren doch noch loszuwerden, der Preis wird sinken und schließlich nach einer Anpassungsphase, die von der Reaktionsgeschwindigkeit der Marktteilnehmer abhängt, den Gleichgewichtswert erreichen. Überschussangebot bedeutet auf der anderen Marktseite Unternachfrage oder eine Nachfragelücke. In der Situation des Überschussangebots sitzen also die Nachfrager gewissermaßen am längeren Hebel, sie werden umworben und haben somit die größere Marktmacht. Man nennt dies deshalb auch einen Käufermarkt. Ihnen gelingt es, ihre Preissenkungswünsche durchzusetzen, der Preismechanismus arbeitet zu ihren Gunsten. Analog dazu entsteht bei einem Preis unterhalb des Gleichgewichtspreises eine Angebotslücke, Unterangebot oder eine Überschussnachfrage in Höhe der Strecke DC. Der Preis pn ist zu niedrig, um Angebot und Nachfrage auszugleichen, denn die Nachfrager möchten eine größere Menge (C) kaufen, als die Anbieter zu verkaufen bereit sind (D). Umgesetzt Überschussangebot und -nachfrage Angebotskurve A(p) Nachfragekurve N(p) G Preis Menge (A, N) G le ic hg ew ic ht spr ei s Gleichgewichtsmenge C D A B E F A(p) - N(p) = Nachfragelücke N(p) - A(p) = Angebotslücke Überschussnachfrage Überschussangebot Preis G ph = Preis „zu“ hoch pn = Preis „zu“ niedrig p* = Preis markträumend Abbildung 4-7: Überschussangebot und -nachfrage 4.2 Der Marktmechanismus 129 wird wiederum nur die kleinere der beiden Mengen, also D. In diesem Fall sind die Anbieter mächtiger und drücken so den Preis nach oben. Hier spricht man von einem Verkäufermarkt. Unterversorgung im Ungleichgewicht Bemerkenswert an diesen Ungleichgewichtssituationen ist die Tatsache, dass die Marktversorgung, d. h. die tatsächlich umgesetzte Menge, in beiden Fällen geringer ist als im Gleichgewicht. Das bedeutet, dass unabhängig davon, ob der Preis anbieterfreundlich, also „zu“ hoch oder konsumentenfreundlich, also „zu“ niedrig ist, die Nachfrager weniger vom Gut x zur Verfügung haben als beim Gleichgewichtspreis. Dies ist insbesondere in Bezug auf die Beurteilung staatlicher Preisregulierungsmaßnahmen wichtig: Auch wenn der Staat vermeintlich konsumentenfreundliche Preisbeschränkungen für manche Güter einführt, um z. B. lebenswichtige Güter für die breite Öffentlichkeit erschwinglich zu machen, bewirkt er zunächst einmal eine schlechtere Marktversorgung als bei freien Preisen. Auf dieses Dilemma werden wir später noch genauer eingehen. Übung 4-3: Essen für alle Auf dem Markt für Grundnahrungsmittel gelten für Angebot und Nachfrage folgende Funktionen: Nachfrage: pN = 10 – x Angebot: pA = 2 + x Die Regierung ist der Meinung, dass die Marktgleichgewichtslösung zu einer zu geringen Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln führt und möchte aus sozialen Erwägungen die Marktversorgung um 50 % erhöhen. a) Wie hoch ist die angestrebte Marktversorgung? b) Welches Problem gibt es dort? c) Was passiert, wenn die Regierung den Preis auf niedrigem Niveau fixiert, mit dem Ziel, die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern? Ist das die Lösung des Problems? Demonstrieren Sie Ihre Ergebnisse an einer Skizze. Lösung: a) Zunächst muss die Gleichgewichtsmenge ermittelt werden: 10 – x = 2 + x x = 4 Da die gewünschte Marktversorgung um 50 % höher sein soll, liegt sie bei x* = 6. b) Das Problem besteht darin, dass bei dieser Menge eine Zahlungsbereitschaft der Nachfrage von pN = 10 – 6 = 4 besteht, diese Menge andererseits aber nur zum Preis von pA = 2 + 6 = 8 angeboten wird. Zum Preis vom pA = 4 beträgt das Angebot hingegen nur x = 2. c) Wenn die Regierung den Marktpreis bei p = 4 fixiert, erreicht sie ihr Ziel der Verbesserung der Marktversorgung nicht. Im Gegenteil: Es können nur x = 2 Gütereinheiten konsumiert werden, da nicht mehr angeboten wird. Es besteht ein Nachfrageüberhang von 4, der unerfüllt bleibt. Zur Lösung dieses Problems gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Möglichkeit 1: Die Regierung rationiert das Angebot (Bezugsscheine). Dadurch wird der Markt im Kern beseitigt, freier Warentausch findet nicht mehr statt und vor allem wird das Versorgungsziel noch weiter verfehlt als bei freien Preisen. Zusätzliches Problem: Entstehung von Schwarzmärkten! Möglichkeit 2: Die Regierung gleicht die Angebotslücke bei den Privaten durch staatliches Angebot aus (z. B. staatlich finanzierter Import von Lebensmitteln). Problem: Wer soll das bezahlen? Es besteht keinerlei Anreiz für die Privaten, das Marktangebot auszudehnen – im Gegenteil! Der Staat müsste in diesem Fall also langfristig die Marktangebotslücke schließen. 4 Einführung in die Mikroökonomie130 Abbildung 4-8: Lebensmittelversorgung Preis Menge Nachfrage Angebot 2 4 6 8 10 2 4 6 8 10 Nachfrageüberschuss beim Festpreis von p = 4 Märkte ohne Gleichgewicht Manche Märkte können auf Grund besonderer Angebots- und Nachfragestrukturen niemals in einen Gleichgewichtszustand kommen. Genau genommen kann man dann von einem Markt i. e. S. gar nicht sprechen, weil es eben nicht zu Tauschgeschäften kommt (siehe Abbildung 4-9). Im ersten Fall ist die Produktion des Gutes so teuer, dass auch der günstigste Angebotspreis über dem Prohibitivpreis der Nachfrager liegt. Dies trifft vor allem auf neu entwickelte Güter zu, die erst als Prototyp existieren und noch nicht in Serie produziert werden können. Man sagt in solchen Fällen auch, das Gut sei noch nicht „marktreif“. Aktuelle Beispiele dafür sind etwa so exotische Dinge wie Marsflüge, aber auch so praktische und von vielen ersehnte Geräte wie ein wirklich gut funktionierender Haushaltsroboter, der klaglos kochen, waschen, bügeln und Fenster putzen kann. Der zweite Fall betrifft das Schlaraffenland, etwas weniger poetisch ausgedrückt: freie Güter. Ein freies Gut ist bekanntlich ein Gut, das bereits in so großer Menge (in der Natur) vorhanden ist, dass alle Konsumenten, die es haben wollen, bis zu ihrer jeweiligen Sättigungsmenge davon konsumieren können. Es besteht also keine Notwendigkeit, es zu produzieren, somit entstehen keine Kosten und somit gibt es auch (im relevanten Konsumbereich) keine Angebotsfunktion. Angebot entsteht erst dann, wenn die verfügbare Menge des betreffenden Gutes kleiner ist als die Summe aller Sättigungsmengen der Konsumenten. Erst dann entsteht Knappheit und somit die Notwendigkeit, Ressourcen dafür einzusetzen. Wie stets bei freien Gütern gibt es dafür nur zeitlich und örtlich begrenzte Beispiele, denn – wie wir bereits gelernt haben16 – kein Gut ist unbegrenzt frei verfügbar. In diesem Sinne können wiederum Luft oder Wasser als Bespiele für eine solche Schlaraffenlandsituation gelten. 16 Vgl. Abschnitt 2.3.1.2 „Knappe und freie Güter“. 4.2 Der Marktmechanismus 131 4.2.3 Determinanten von Nachfrage und Angebot Angebots- und Nachfragekurven, wie wir sie bisher verwendet haben, beschreiben den funktionalen Zusammenhang zwischen Preis und Menge. Nun ist jedoch klar, dass beispielsweise eine Nachfrageentscheidung nicht nur vom Preis abhängt. Ein wichtiger Einflussfaktor ist in jedem Fall auch das für den Konsum verfügbare Gesamteinkommen. Ähnlich verhält es sich mit der Angebotskurve. Die angebotene Menge wird nicht nur durch den Marktpreis bestimmt, sondern hat sicherlich auch mit der Verfügbarkeit und dem Preis von Produktionsfaktoren zu tun17. Beide Kurven sind daher nicht etwa eindimensionale, sondern vielmehr mehrdimensionale Funktionen, die jeweils von einem ganzen Variablenvektor abhängen: A = f(v1, v2, v3,….vi) und N = f(v1, v2, v3,…vj) In der graphischen Darstellung haben wir bisher immer nur eine Variable dargestellt, nämlich den Preis. Die Gestalt der Angebots- und Nachfragekurven in einem Preis-Mengen- Diagramm beschreibt also die Art der Abhängigkeit zwischen der angebotenen oder nachgefragten Menge und dem Preis. Alle übrigen Variablen sind in einer solchen Darstellung nicht unmittelbar sichtbar. Sie unterliegen der ceteris-paribus-Klausel. Bei der Betrachtung von Störungen des Marktgleichgewichtes war bereits mehrfach von Verschiebungen der Nachfrage- oder Angebotskurven die Rede. Solche Verschiebungen werden durch Veränderungen einer oder mehrerer dieser nicht explizit dargestellten Variablen verursacht. Diese fungieren im Preis-Mengen-Diagramm nämlich als Lageparameter. Die wichtigsten dieser Lageparameter sollen im Folgenden erklärt werden. 17 Der Einfluss von Preisen und Einkommen auf das Verhalten der Wirtschaftssubjekte wird in den Folgekapiteln ausführlich analysiert. Preis Menge Nachfrage Angebot Preis Menge NachfrageAngebot „Schlaraffenlandgut“(Noch) nicht marktfähiges Gut Abbildung 4-9: Marktsituationen ohne Gleichgewicht 4 Einführung in die Mikroökonomie132 4.2.3.1 Lageparameter der Nachfragefunktion Das Haushaltseinkommen Das Einkommen, das dem nachfragenden Haushalt insgesamt für seine Konsumausgaben zur Verfügung steht, begrenzt seine gesamten Konsumausgaben absolut. Es ist klar, dass die Erweiterung des Haushaltsbudgets (z. B. durch eine Lohnerhöhung oder durch eine Steuersenkung) den gesamten Ausgabenspielraum vergrößert und daher – bezogen auf ein bestimmtes Gut – die Kaufwilligkeit erhöht, auch wenn der Preis für dieses Gut gleich geblieben ist. Eine Steigerung des verfügbaren Einkommens führt daher c.p. zu einer Rechtsverschiebung der Nachfragefunktion, eine Senkung zu einer Linksverschiebung. Hier gibt es allerdings eine wichtige Ausnahme. Manchmal führt gerade eine Einkommenserhöhung dazu, dass von bestimmten Gütern weniger gekauft wird, nämlich dann, wenn der Konsument das Gut als minderwertig empfindet und froh ist, es endlich gegen ein – aus seiner Sicht – höherwertigeres ersetzen zu können. Man hat z. B. beobachtet, dass in der Nachkriegszeit der Konsum von Kartoffeln, Kraut und Rüben mit steigendem Einkommen deutlich abgenommen, der Konsum von Fleisch und Geflügel (jedenfalls bis BSE und Hühnerpest) hingegen deutlich zugenommen hat. Man bezeichnet solche Güter, die mit steigendem Einkommen weniger nachgefragt werden, daher als inferiore (= minderwertige) Güter. Ihre Nachfragefunktionen verlagern sich mit steigendem Einkommen nach links statt nach rechts. Hierbei ist jedoch hervorzuheben, dass Inferiorität nicht etwa eine objektive Gütereigenschaft ist (z. B. minderwertige Qualität eines ansonsten wertgeschätzten Produktes), sondern wiederum eine subjektive Nutzeneinschätzung darstellt. Gerade das Beispiel Fleisch zeigt dies sehr deutlich: In der armen Nachkriegszeit galt Fleisch den meisten Haushalten als erstrebenswertes Gut. In Zeiten von Tierseuchen und gesteigertem Umwelt- und Naturbewusstsein wurde Fleisch bei vielen Verbrauchern zum inferioren Gut gegenüber z. B. Biogemüse und Frischfisch. Wertschätzung durch den Nachfrager Die Inferioritätsüberlegungen haben uns gezeigt, dass die Wertschätzung, d. h. die subjektive Nützlichkeitsbeurteilung eines bestimmten Gutes durch seinen Käufer, nicht etwa nur durch objektive, physikalische Eigenschaften des Gutes vorgegeben ist, sondern sich durch vielerlei äußere Einflüsse im Zeitverlauf ändern kann, ohne dass sich das Gut selbst im geringsten verändert hat. So nimmt die Wertschätzung eines dicken Wintermantels zum Beispiel schlagartig zu, wenn das Wetter im Herbst kalt wird. Doch nicht nur die natürlichen Schwankungen des Jahresablaufs, sondern z. B. auch Moden – nicht selten getrieben durch geschickte Werbekampagnen – ändern das Käuferverhalten von Grund auf. Wer hätte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon für möglich gehalten, dass eine Arbeitshose aus grobem dunkelblauem Stoff einst zum Verkaufsschlager nicht nur der amerikanischen Nation, sondern der ganzen Welt werden würde, dass nicht nur schwer arbeitende (ausschließlich männliche!) Farmer, sondern vom Kleinkind bis zum Manager wirklich jeder mindestens eine „Blue Jeans“ im Schrank hängen haben und dafür (je nach Etikett!) auch noch Traumpreise bezahlen würde? Kurzum: Steigende Wertschätzung verschiebt die Nachfragekurve nach rechts, sinkende nach links. 4.2 Der Marktmechanismus 133 Preise von Substitutions- und Komplementärgütern Die Nachfrage eines Gutes wird auch von der Marktsituation anderer Güter bestimmt, sofern diese in einem inhaltlichen Zusammenhang zueinander stehen. Dabei sind zwei Fälle zu unterscheiden: Wenn zwei Güter einen ähnlichen Nutzen stiften, so sind sie für den Käufer in gewissem Umfang austauschbar. Man spricht dann von Substitutionsgütern. Beispielsweise sind Tee und Kaffee beide aromatische, anregende Heißgetränke, die sich sicherlich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig ersetzen können. Allerdings muss es sich nicht unbedingt um einen physikalischen Nutzen handeln. Für manchen Yuppie mögen eine Rolex und ein Armani-Anzug denselben Statuswert besitzen, so dass er beide Güter als Substitute betrachtet. Die Substitutionalität ist hierbei eine graduelle Eigenschaft. Zwei verschiedene Güter sind niemals hundertprozentig austauschbar – denn dann wären sie homogen und als Güter nicht mehr unterscheidbar. Gerade das Tee-Kaffee-Beispiel macht deutlich, dass sich Substitutionsgüter immer nur bis zu einem bestimmten Grad ersetzen können. Dieser Substitutionsgrad ist unternehmensstrategisch ein wichtiges Kriterium bezüglich des Bedrohungspotenzials durch Wettbewerber. Bei derartigen Untersuchungen stellen Marktanalysten stets auf den Nutzen von Produkten ab, nicht auf die äußerliche Gleichartigkeit. So hat das Faxgerät beispielsweise die früher in Behörden üblichen Rohrpostanlagen völlig verdrängt. Es substituiert aber auch weitgehend bestimmte Dienstleister, z. B. den Büroboten oder viele Kuriere. Allgemein ergibt sich zwischen Substitutionsgütern folgender Preis-Mengen- Zusammenhang, hier dargestellt am Beispiel des Kaffeemarktes: Wenn der Preis des Substitutionsgutes – hier Tee – sinkt, so steigt gemäß einer normal negativ geneigten Nachfragekurve die Nachfrage nach Tee an. Wenn man unterstellt, dass der gesamte Bedarf an Heissgetränken insgesamt konstant bleibt (c.p.-Klausel), so zieht der Teemarkt also Nachfrage vom Kaffeemarkt ab; die Nachfrage nach Kaffee sinkt, obwohl der Kaffeepreis konstant geblieben ist. Die Nachfragekurve für Kaffee verschiebt sich nach links. Die marktübergreifende Preis-Mengen-Beziehung zwischen Substitutionsgütern ist also gleichläufig (sinkender Preis bei Gut 1 führt zu sinkender Nachfrage bei Gut 2). Analog dazu gibt es auch Wechselwirkungen zwischen den Märkten für Komplementärgüter. Dies sind solche Güter, die nur gemeinsam genutzt werden können, d. h. bei denen jedes einzelne für sich keinen oder nur einen viel geringeren Nutzen stiftet als beide zusammen. Komplementärgüter ergänzen sich also. Beispiele dafür sind Ski und Skischuhe, Auto und Tee Kaffee Preis pT pK Menge xT xK Einfluss des Teepreises auf den Kaffeemarkt Abbildung 4-10: Kreuzpreiswirkung bei Substitutionsgütern 4 Einführung in die Mikroökonomie134 Reifen, PC und Drucker. Diese Beispiele machen deutlich, dass auch die Komplementarität von Gütern eine graduelle Eigenschaft ist. Zwischen Komplementärgütern besteht folgender Preis-Mengen-Zusammenhang, hier dargestellt am Skischuhmarkt: Wenn der Preis des Komplementärgutes – hier Skier – fällt, so steigt gemäß einer normal negativ geneigten Nachfragekurve die Nachfrage nach Skiern an. Zum Skifahren braucht man aber auch Skischuhe, sonst sind die Skier nutzlos. Daher steigt in der Folge auch die Nachfrage nach Skischuhen an, obwohl sich ihr Preis nicht geändert hat. Die Nachfragekurve für Skischuhe verschiebt sich nach rechts. Die marktübergreifende Preis-Mengen-Beziehung zwischen Komplementärgütern ist also gegenläufig (sinkender Preis bei Gut 1 führt zu steigender Nachfrage auch bei Gut 2). Anzahl der Nachfrager Die bisher genannten Lageparameter wirken sich gleichermaßen auf die Nachfragekurve eines einzelnen Haushaltes wie auch auf diejenige des ganzen Marktes aus. Die Anzahl der Nachfrager ist jedoch ein Lageparameter, der nur die Marktnachfragekurve betreffen kann. Die gesamte Nachfrage nach einem Gut bei einem bestimmten Preis setzt sich aus den entsprechenden Nachfragemengen der einzelnen Haushalte zusammen. Bei jedem Preis sind also die Einzelmengen zur Gesamtnachfrage des Marktes zu addieren. Graphisch ergibt sich eine horizontale Aggregation der Nachfragemengen. Da die Marktnachfrage sich aus den einzelnen Nachfragemengen der Haushalte zusammensetzt, verschiebt sie sich umso weiter nach rechts, je mehr Haushalte auf diesem Markt Nachfrage ausüben. Die Anzahl der Nachfrager kann sich aus verschiedenen Gründen erhöhen. In langfristiger Betrachtung spielt vor allem das Bevölkerungswachstum eine entscheidende Rolle. Kurzfristige Effekte können sich durch die Öffnung ehedem geschlossener Märkte ergeben. So hat zum Beispiel die europäische Einigung die einstmals stark national geprägten Absatzmärkte umfassend erweitert. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, zwischen einer echten Vermehrung der nachfragenden Wirtschaftssubjekte und der Erhöhung der Nachfragemenge je Wirtschaftssubjekt, die z. B. von Preissenkungen ausgelöst werden kann, zu unterscheiden. Allein die Tatsache, dass durch einen sinkenden Marktpreis die Nachfrage einiger Haushalte erstmals wirksam wird (weil der Marktpreis ihre Prohibitivgrenze unterschreitet), bedeutet noch keine Erhöhung der Anzahl der Nachfrager selbst. Ski Skischuhe Preis pK pF Menge xK xF Einfluss des Skipreises auf den Skischuhmarkt Abbildung 4-11: Kreuzpreiswirkung bei Komplementärgütern 4.2 Der Marktmechanismus 135 4.2.3.2 Lageparameter der Angebotsfunktion Faktor- und Vorleistungspreise Wir haben festgestellt, dass für die Mindestpreisforderung der Anbieter in erster Linie die Produktionskosten ausschlaggebend sind. Wenn ein Anbieter überlegt, ob er seine Angebotsmenge ausdehnen soll, so wird er vergleichen, wie viel ihn die Produktion der zusätzlichen Stückzahl kostet und was er dafür erlösen kann. Diese zusätzlichen Kosten nennt man Grenzkosten, den zusätzlichen Erlös Grenzerlös. Sein Angebotsverhalten ist also wesentlich von der Kostenentwicklung geprägt. Wenn sich die Kosten erhöhen, werden für jede Angebotsmenge auch die entsprechende Preisforderung und damit die Angebotskurve als Ganzes steigen. Dies entspricht einer Linksverschiebung der Angebotskurve. Dieselbe Menge wird dann nur noch zu einem höheren Preis, bzw. beim alten Preis nur noch eine geringere Menge angeboten. Die Kostenentwicklung hängt von verschiedenen Faktoren ab; zum einen gehen die Preise der Produktionsfaktoren, zum andern die Produktivität des Produktionsprozesses selbst in die Kostenentwicklung ein. Faktorpreise sind Löhne und Gehälter für den Faktor Arbeit, Zinsen als Entgelt für die Kapitalnutzung sowie Mieten und Pachten für die Nutzung des Faktors Boden. Vorleistungspreise sind die Preise für den Kauf jeglicher Vorleistungen wie z. B. Energie, Logistikleistungen, technische Vorprodukte etc. Steigen diese Preise, so verlagert sich die Angebotskurve nach oben (= Verteuerung des Angebots) bzw. links (Einschränkung des Angebots). Produktivität Produktivität ist eine wichtige Messzahl für die Leistungsfähigkeit von Produktionsfaktoren und Unternehmen. Sie gibt an, wie viele Einheiten Output aus einer Einheit Input gewonnen werden können. Die Produktivität eines Faktors kann durch unterschiedliche Maßnahmen verbessert werden. So kann der Faktor Arbeit zum Beispiel dadurch produktiver werden, dass man ihn besser ausbildet oder dadurch, dass man ihm leistungsfähigere Werkzeuge zur Verfügung stellt. Generell sind kostensparende Prozessinnovationen von besonderer Bedeutung. Der technisch-organisatorische Fortschritt zielt zu einem großen Teil nicht etwa auf eine Verbesserung der Endprodukte, sondern auf eine Verbesserung und damit Verbilligung des Produktionsprozesses selbst ab. Eine Produktivitätssteigerung wirkt demnach wie eine Senkung der Faktorpreise, denn aus einer Einheit Faktorinput wird nun eine größere Menge Output erzielt. Produktivitätssteigerungen verlagern die Angebotskurve somit nach unten (= Verbilligung des Angebots) bzw. nach rechts (= Ausdehnung des Angebots). Kuppel- oder Alternativproduktion Auch durch den Produktionsprozess können Güter auf dem Markt miteinander in Wechselwirkung stehen. Eine Kuppelproduktion liegt vor, wenn durch ein und denselben Produktionsprozess gleichzeitig verschiedene Produkte entstehen. Dies ist sehr häufig in landwirtschaftlichen (z. B. Weizen und Stroh) oder chemischen Produktionsprozessen (z. B. Raffinerie von Erdöl mit zahlreichen verschiedenen Destillationsprodukten vom Teer bis zum Superbenzin) der Fall. Es liegt auf der Hand, dass bei der Produktionssteigerung eines Kuppelproduktes auch das „Abfall“-Produkt vermehrt hergestellt wird und daher auch dessen Angebotskurve nach rechts rutscht. 4 Einführung in die Mikroökonomie136 Alternativproduktion liegt vor, wenn mit der gleichen Produktionsanlage verschiedene Güter hergestellt werden können. So kann etwa auf demselben Feld entweder Mais oder Weizen angebaut werden. Wenn nun der Preis für Mais steigt, so wird die Anbaufläche von Mais zu Lasten derer von Weizen vergrößert und das Weizenangebot geht zurück, d. h. seine Angebotskurve verschiebt sich nach links. Anzahl der Anbieter Wie bei der Nachfragekurve bestimmt auch beim Angebot die Anzahl der einzelnen Akteure die Lage der Gesamtkurve. Die Angebotsmengen der einzelnen Anbieter zusammen genommen bilden das Marktangebot. Dieses ergibt sich, wenn man die Angebotsmengen bei jedem Preis addiert. Für die Zunahme der Zahl der Anbieter kann es viele Gründe geben. Wichtig ist jedoch auch hier, dass man die Zunahme der Anzahl der Marktakteure nicht mit der angebotssteigernden Wirkung von Preisen verwechselt. Je höher der Marktpreis steigt, desto mehr Unternehmen erreichen ihren jeweiligen Markteintrittspreis und treten erstmals mit ihrem Angebot in den Markt ein. Somit steigt wiederum nur die Angebotsmenge je Bieter, nicht etwa die Anzahl der Bieter selbst. Die Zunahme der Bieterzahl hat stets etwas mit dem Fall von Markteintrittsschranken zu tun. Da mit der Zahl der bietenden Unternehmen auch die Wettbewerbsintensität zunimmt, ist die Beobachtung von Markteintrittsschranken ein wichtiger Bestandteil der strategischen Unternehmensplanung18. Markteintrittsschranken können z. B. in einem wirksamen Patentschutz bestehen (z. B. bei Arzneimitteln), ferner in gesetzlichen Gewerbezugangsbeschränkungen (Kassenzulassung für Ärzte, Zuweisung eines Kehrbezirkes für Kaminkehrer etc.) oder in staatlichen Außenhandelsschranken (Zollschutz, Außenhandelskontingente). Daneben gibt es aber auch rein privatwirtschaftliche Markteintrittsschranken, z. B. wenn die für ein strategisches Geschäftsfeld wesentlichen Vertriebskanäle bereits von potenten Wettbewerbern belegt sind (man denke z. B. an den Streit um den Netzzugang bei Bahn und Telekommunikation) oder wenn zur Aufnahme der Produktion ein sehr hoher Kapitaleinsatz erforderlich ist, so dass von vorn herein nur sehr potente Unternehmen Zugang zu den notwendigen Finanzmitteln und damit einen Marktzugang haben. Wann immer eine dieser Schranken fällt und die Anzahl der Anbieter sich dadurch erhöht, verlagert sich die Marktangebotskurve nach rechts bzw. unten. 4.2.4 Verschiebungen von Angebot und Nachfrage und ihre Auswirkungen auf das Marktgleichgewicht Veränderungen der Lageparameter rufen Kurvenverschiebungen und damit auch Verschiebungen des Gleichgewichtspunktes hervor. Unser nächstes Ziel ist es zu lernen, wie man von solchen Ereignissen, die – wie eben beschrieben – Angebots- und Nachfrageverhalten der Marktakteure verändern, auf Veränderungen der Marktlage, also des Gleichgewichtspreises und der Gleichgewichtsmenge schließen kann. Grundsätzlich sind vier verschiedene Veränderungssituationen zu unterscheiden, die in Abbildung 4-12 dargestellt sind. 18 Vgl. z. B. Porter, M. (2004), S. 4 ff. 4.2 Der Marktmechanismus 137 Wenn sich die Angebotskurve verschiebt, so wandert der Gleichgewichtspunkt stets auf der negativ geneigten Nachfragekurve entlang. Das bedeutet, dass sich Gleichgewichtsmenge und Gleichgewichtspreis immer in die entgegen gesetzte Richtung entwickeln. Wenn das Angebot steigt (z. B. durch sinkende Faktorpreise oder steigende Produktivität), so erhöht sich die Gleichgewichtsmenge, der Preis hingegen fällt, da eine höhere Menge bei konstanter Nachfragekurve nur bei niedrigerem Preis abgesetzt werden kann. Wenn das Angebot fällt (z. B. durch die Errichtung neuer Marktschranken oder die Zunahme einer Alternativproduktion) so sinkt die Gleichgewichtsmenge und der Preis steigt. Wenn sich hingegen die Nachfragekurve verschiebt, so entwickeln sich Gleichgewichtsmenge und -preis immer gleichläufig. Die Angebotskurve, auf der der Kurvenschnittpunkt wandert, ist nämlich positiv geneigt. Eine Erhöhung der Nachfrage (z. B. durch Einkommenssteigerungen oder Verteuerung eines Substitutionsproduktes) steigert demnach Gleichgewichtsmenge und -preis. Eine Verringerung der Nachfrage (z. B. durch abnehmende Wertschätzung oder eine Massenabwanderung von Haushalten wie derzeit in einigen Teilen der neuen Bundesländer) führt zu einem neuen Marktgleichgewicht bei geringerer Menge und niedrigerem Preis. Wenn man nun bedenkt, dass in der Realität viele dieser Ereignisse gleichzeitig auftreten und sich daher beide Kurven möglicherweise mehrfach verschieben, wird die Prognose über zukünftige Bewegungen des Gleichgewichtspunktes immer schwieriger. Folgende Kombinationen von Verschiebungen sind denkbar: Angebot Nachfrage Erhöhung Rückgang A0 N(p) Preis Menge p0 p1 m1 m0 A1 A1 N(p) Preis Menge p1 p0 m0 m1 A0 A(p) N0 Preis Menge p0 p1 m1 m0 N1 A(p) N1 Preis Menge p1 p0 m0 m1 N0 Abbildung 4-12: Isolierte Verschiebungen von Angebots- und Nachfragekurven 4 Einführung in die Mikroökonomie138 Wie kommt man auf diese Ergebnisse? Betrachten wir dazu ein Beispiel: Zur Beurteilung der Gesamtwirkung verschiedener gleichzeitig erfolgender Ereignisse auf das Marktergebnis müssen also zunächst die Einzelwirkungen betrachtet und diese im zweiten Schritt aggregiert werden. Wenn also z. B. sowohl die Nachfrage als auch das Angebot steigt (vgl. oberstes linkes Feld der Matrix in Abbildung  4-13), ergeben sich folgende Konsequenzen für den Gleichgewichtspunkt: Steigende Nachfrage wie auch steigendes Angebot bewirken eine Zunahme der gleichgewichtigen Menge. Beide Effekte verstärken sich also im Zusammenwirken. Die Preiswirkungen hingegen sind widersprüchlich: Steigende Nachfrage erzeugt Preisdruck nach oben, steigendes Angebot hingegen bewirkt fallende Preise. Die Gesamtwirkung hängt Abbildung 4-13: Simultane Verschiebungen von Angebot und Nachfrage Nachfrage Angebot steigt bleibt gleich sinkt steigt bleibt gleich sinkt ?x x x x x x x x x p p p p p p p p p ? ? ? A0 Preis Menge p ?? m1 m0 A1 N0 N1 Abbildung 4-14: Gleichzeitige Steigerung von Angebot und Nachfrage 4.2 Der Marktmechanismus 139 also davon ab, welcher der beiden Effekte stärker ist. Wenn genauere Angaben darüber fehlen, kann man über die Preisbewegung keine eindeutige Aussage machen. In erster Näherung kann man davon ausgehen, dass der Gleichgewichtspreis in etwa konstant bleibt. Dies wird in der Abbildung 4-13 durch das Fragezeichen ausgedrückt. Die entsprechenden Erläuterungen für die übrigen Felder seien dem Leser überlassen. Zweckmäßig ist in jedem Fall die Veranschaulichung der Situation durch eine Skizze. Übung 4-4: Whisky-Prognosen Wir betrachten den deutschen Markt für schottischen Whisky. Folgende Ereignisse erschüttern die Volkswirtschaft: Die Einkommen der deutschen Nachfrager stagnieren. Gleichzeitig nimmt die Wertschätzung der Verbraucher von Whisky zu, weil viele Haushaltsvorstände ihren Kummer über die schlechte wirtschaftliche Entwicklung im Alkohol ertränken. Hier sehen irische Whiskey-Produzenten eine gute Absatzchance und drängen mit besonders aggressiven Preisen auf den deutschen Markt. Allerdings erhebt der Staat für Whisk(e)y-Importe, gleich welcher Herkunft, neuerdings einen hohen Importzoll, da er andernfalls zunehmende Leberschäden bei der männlichen Bevölkerung und dadurch steigende Ausgaben im Gesundheitswesen befürchten muss. Wie wirken sich diese unerfreulichen Vorkommnisse auf das Marktgleichgewicht beim schottischen Whisky aus? Lösung: Die Ereignisse sind zunächst getrennt voneinander zu beurteilen. Stagnierende Einkommen bewirken erst mal gar nichts. Wenn sich das Einkommen nicht ändert, verschiebt sich auch die Nachfrage nicht und somit gibt es auch keine Änderungen des Gleichgewichtspunktes. Zunehmende Wertschätzung bewirkt eine Rechtsverschiebung der Nachfragekurve, denn die Verbraucher sind bei jedem Preis bereit, eine größere Menge zu kaufen. Irischer Whiskey ist ein Substitutionsprodukt für den schottischen. Wenn der Preis des irischen Whiskeys sinkt, so zieht dieser Markt Nachfrage auf sich und vom schottischen Whisky ab. Die Nachfragekurve verlagert sich also nach links. Ein Importzoll verteuert sowohl den irischen wie auch den schottischen Whisk(e)y. Dadurch verlagert sich die Angebotskurve nach oben bzw. nach links. Gesamtbeurteilung: Solange über die Stärke der einzelnen Effekte nichts bekannt ist, muss man annehmen, dass sie in etwa gleich stark sind. Die Verlagerungen der Nachfragekurve (Punkt 2 und 3) neutralisieren sich demnach in etwa. Übrig bleibt somit eine Verschiebung der Angebotskurve nach links, die eine Abnahme der Gleichgewichtsmenge und einen Anstieg des Gleichgewichtspreises bewirkt. Die Maßnahme der Regierung ist also erfolgreich. 4 Einführung in die Mikroökonomie140 A0 Preis Menge p0 m1 m0 A1 N p1 Abbildung 4-15: Marktgleichgewicht beim schottischen Whisky 4.3 Elastizitäten Wir haben bisher untersucht, wie sich das Marktgleichgewicht ändert, wenn sich einzelne oder mehrere Lageparameter der Angebots- und Nachfragenkurven ändern. Dabei konnten wir jedoch stets nur die Richtung voraussagen, in der sich Gleichgewichtspreis und Gleichgewichtsmenge voraussichtlich bewegen werden. Wir konnten bislang noch nichts über den Umfang dieser Änderung sagen. Einem Unternehmer, der seine Marketingexperten fragt, mit welchen Markt- und Preisbewegungen in der nächsten Zeit zu rechnen sei, damit er seine Kapazitätsplanungen darauf einstellen kann, wird sich jedoch wohl kaum damit zufrieden geben zu erfahren, dass der Marktpreis wahrscheinlich steige und der Absatz wahrscheinlich zunehme. Er wird vielmehr darauf bestehen, auch eine quantitative Abschätzung der zu erwartenden Effekte zu erhalten. Dasselbe gilt für einen Finanzminister, der sich angesichts steigender Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts für die zukünftige Entwicklung des Steueraufkommens interessiert. Für seine Budgetplanung reicht es nicht zu wissen, dass das Steueraufkommen steigen wird; vielmehr benötigt er quantitative Angaben darüber, um wie viel es steigen wird. Ein wichtiger Bereich der Markt- und Wirtschaftsforschung befasst sich daher mit der Berechnung solcher Reaktionsmaße: Wie stark reagiert die Konsumnachfrage auf Einkommensschwankungen? Wie verändert sich das gesamtwirtschaftliche Steueraufkommen, wenn die Wachstumsrate des Volkseinkommens steigt oder fällt? 4.3.1 Differenzenquotient und Elastizität Ein wichtiges Reaktionsmaß ist bekanntlich die erste Ableitung einer Funktion. 4.3 Elastizitäten 141 Berechnung und ökonomische Bedeutung des Differenzenquotienten Der Differenzenquotient lautet: 0 0 0 0 0 0 f(x) f(x h) f(x ) f(x h) f(x ) tg x x h x h Der Grenzwert des Differenzenquotienten 0 0 h 0 f(x h) f(x ) lim h heißt die erste Ableitung von f(x) an der Stelle x0. Der Differenzenquotient einer Funktion gibt an, um wie viel sich eine abhängige Variable, z. B. das Steueraufkommen, verändert, wenn sich die unabhängige Größe x, z. B. das Volkseinkommen, um einen bestimmten Betrag h erhöht. Je kleiner h wird, desto mehr nähert sich die Sekante des Winkels der Tangente, also der Kurvensteigung an. Existiert der Grenzwert des Differenzenquotienten, so ist die Funktion im Punkt x0 differenzierbar; der Wert der 1. Ableitung an der Stelle x0 kann dann als Näherungswert für die Reaktion der abhängigen Größe auf Veränderungen der Variablen x in der Nähe des Punktes x0 verwendet werden. Damit besitzen wir mit dem Instrument der 1. Ableitung ein nützliches und oft verwendetes Veränderungsmaß. Allerdings ist dieses nicht in jedem Zusammenhang auch tatsächlich aussagekräftig. Nehmen wir an, wir erfahren, dass auf dem Markt für das Gut x eine Preissteigerung von 10 Cent zu einem Absatzrückgang von 1000 Stück führt. Genau dies wäre die Aussage des Differenzenquotienten oder näherungsweise der 1. Ableitung. Wir können aus diesen Angaben aber zunächst noch keinerlei Schlussfolgerungen über die ökonomische Bedeutung der Veränderungen ziehen. Vielmehr ist es notwendig zu wissen, wie hoch der Ausgangsf(x0+h) f(x0) x0+hx0 h x f(x) Δx = x0 + h – x0 Δf(x) = f(x0 + h) – f(x0) α Abbildung 4-16: Steigungsdreieck und Differenzenquotient 4 Einführung in die Mikroökonomie142 preis und wie hoch der ursprüngliche Absatz war. Eine Preissteigerung von 10 Cent kann für den Eiermarkt eine Steigerung von 50 % oder mehr bedeuten. Ein Absatzrückgang von 1000 Stück könnte deshalb überraschend gering sein. Handelt es sich beim Gut x hingegen um Kinokarten, so wäre ein Mengenrückgang von 1000 Stück überraschend hoch, denn auf einer Preisbasis von 8 bis 10 Euro bedeuten 10 Cent eine Steigerung von lediglich 1 %. Berechnung und ökonomische Bedeutung der Elastizität Man verwendet daher für die Abschätzung der Stärke ökonomischer Abhängigkeiten häufig ein relatives Veränderungsmaß statt oder in Ergänzung zum absoluten Maß des Differenzenquotienten. Ein solches relatives Maß ist die Elastizität. Sie setzt die absoluten Veränderungen zu den jeweiligen Ausgangsgrößen in Relation und vermittelt auf diese Weise eine Vorstellung von der ökonomischen Relevanz der Veränderungen. Sie setzt relative Veränderungen (in % des Ausgangswertes) zueinander in Beziehung: Jede Art ökonomischer Abhängigkeit lässt sich mit Hilfe des Elastizitätsmaßes darstellen. Stets geht es darum, die Stärke und die Richtung der Reaktion einer abhängigen (y = f(x)) von Veränderungen einer unabhängigen Größe (x) zu messen. Jede Elastizitätsformel hat daher die Gestalt: y,x dy rel. Veränderung von y y dy y dy x : dxrel. Veränderung von x dx x dx y x Reagiert y sehr stark auf die auslösende Veränderung von x, so ist der Zähler der Formel größer als der Nenner und somit der Betrag des Bruches >1. Man spricht dann von einer elastischen Reaktion der Größe y. Im umgekehrten Fall ist der Bruch <1, die Größe y reagiert dann unelastisch. Die Höhe des Betragswertes des Elastizitätsbruches beschreibt also die Stärke der untersuchten Reaktion. Das Vorzeichen hingegen sagt etwas über deren Richtung aus: Wenn beide Größen y und x steigen oder fallen, ist die Elastizität positiv, wenn die Veränderungsrichtungen unterschiedlich sind, hingegen negativ. Angebotselastizitäten sind daher i. d. R. positiv, da die Angebotsmenge immer dann steigt, wenn der Preis steigt; Nachfrageelastizitäten sind dagegen i. d. R. negativ, da Kunden auf eine Preissteigerung normalerweise mit einer Einschränkung ihrer Nachfragemenge reagieren. Differenzenquotient = Elastizität = absolute Veränderung der Wirkung absolute Veränderung der Ursache relative Veränderung der Wirkung relative Veränderung der Ursache Abbildung 4-17: Differenzenquotient und Elastizitätsmaß im Vergleich 4.3 Elastizitäten 143 Wie die algebraische Umformung der Ausgangsgleichung zeigt, lässt sich jede Elastizität offenbar in einen Grenz- und einen Durchschnittsquotienten zerlegen. Diese haben – je nach Anwendungsfall – oft eine wichtige ökonomische Bedeutung. Wenn man z. B. die Abhängigkeit der geschuldeten Einkommensteuer (T) von der Entwicklung des Bruttoeinkommens (Y) berechnen möchte, dann lautet die Elastizitätsformel = = = dT rel. Veränderung der Einkommensteuerschuld dT TT :T,Y dYrel. Veränderung des Einkommens dY Y Y Man erhält als Ergebnis also das Verhältnis des Grenzsteuersatzes dT/dY zum Durchschnittssteuersatz T/Y. Handelt es sich hingegen um die Abhängigkeit der Investition (I) vom Zinssatz (i), so ergibt sich zwar analog I,i rel. Veränderung der Investition dI I : rel. Veränderung des Zinssatzes di i Der zweite Teilquotient hat hier jedoch keine eigenständige ökonomische Aussage, sondern steht einfach für die Ausgangswerte von Investition und Zinssatz. Übung 4-5: Berechnung von Elastizitäten Gegeben sind die Verhaltensgleichungen C = 60 + 0,8 Y (Konsumfunktion) und I = 120 – 1000i (Investitionsfunktion). Berechnen Sie die Elastizität des Verbrauchs in Bezug auf das Einkommen für Y = 150 und die Elastizität der Investition in Bezug auf den Zinssatz für i = 0,06. Lösung: Gegeben sind in dieser Aufgabe nicht die beobachteten Veränderungen von Konsum und Investitionsausgaben, sondern lediglich deren Funktionsgleichungen sowie die Koordinaten des Ausgangspunktes. Um die Elastizität berechnen zu können, setzt man daher am besten in die bereits umgeformte Formel ein, bei der der Doppelbruch der relativen Veränderungen schon in die Marginal- und Durchschnittsquote aufgelöst worden ist. Einkommenselastizität des Konsums: Ableitung der Konsumfunktion: dC 0,8 dY Berechnung des Ausgangswertes: C(150) 60 0.8 150 180 Einsetzen in die Elastizitätsformel: C,Y 150 2 0,8 180 3 Zinselastizität der Investition: Ableitung der Investitionsfunktion: dI 1000 di Berechnung des Ausgangswertes: I(0,06) 120 1000 0,06 60 Einsetzen in die Elastizitätsformel: I,i 0,06 1000 1 60 4 Einführung in die Mikroökonomie144 Jede Elastizität enthält also die 1. Ableitung der zugrunde liegenden Funktion. Sie baut darauf auf. Dieser Wert wird jedoch mit den Koordinaten des Ausgangspunktes gewichtet. Daraus folgt, dass die Elastizität einer Kurve i. d. R. an jedem Punkt anders ist. Funktionen mit konstanten Elastizitäten Konstante Kurvensteigung bedingt keineswegs eine konstante Elastizität. Konstante Elastizitäten treten nur in ganz speziellen Fällen auf und zwar bei Funktionen der folgenden Form: y f(x) c x c und bezeichnen beliebige Konstanten, die positiv oder negativ sein können. Die Elastizität von y in Bezug auf x lautet: 1 y,x dy x x c x dx y c x Die Elastizität ist also gleich dem Exponenten und damit konstant. Für positive Werte von erhält man Potenzfunktionen, für = 1 eine Ursprungsgerade. Ursprungsgeraden begegnen uns in der mikro- und makroökonomischen Analyse häufig, z. B. im Zusammenhang mit Kosten- oder Konsumanalysen. Diese Funktionen haben dann die gemeinsame Eigenschaft, dass der Marginalquotient (erster Teil der Elastizitätsformel) und der Durchschnittsquotient (zweiter Teil der Elastizitätsformel) identisch sind. Wenn z. B. das Steueraufkommen einer Volkswirtschaft mit der Gleichung T = t · Y beschrieben werden kann, dann ist der Grenzsteuersatz dT/dY, d. h. derjenige zusätzliche Steuerbetrag der für eine zusätzlich verdiente Einkommenseinheit bezahlt werden muss, gleich dem durchschnittlichen Steuersatz T/Y. Beides ergibt nämlich den Wert t. Für negative Werte von handelt es sich um Hyperbeln, im Fall von = –1 um eine gleichseitige Hyperbel. Preis Preis Menge Menge Vollkommene Elastizität: Null-Elastizität = = 0 Abbildung 4-18: Lineare Angebots- und Nachfragefunktionen mit konstanter Elastizität 4.3 Elastizitäten 145 Daneben gibt es aber auch noch zwei besondere Fälle konstanter Elastizität, die im Zusammenhang mit mikroökonomischen Marktanalysen große Bedeutung haben (Abbildung 4-18). Hierzu ein Beispiel: In der Münchner Allianz Arena findet ein Pokalspiel zwischen FC Bayern und Real Madrid statt. Es gibt insgesamt 60.000 Karten, die alle 50 € pro Stück kosten. Das Spiel ist nach wenigen Minuten ausverkauft, Tausende enttäuschter Fans gehen leer aus. Wie sieht die Angebotskurve für dieses Fußballspiel aus? Die Angebotsfunktion ist in diesem Fall eine waagerechte Gerade, die in der Höhe von 50 € die Preisachse schneidet und parallel zur Abszisse bis zur Menge 60.000 geht (Abbildung 4-19, linkes Diagramm). Dort bricht sie ab, denn die Kapazitätsgrenze ist erreicht. Die Nachfragekurve hingegen verläuft offenbar weiter rechts, denn es bleiben viele unzufriedene Marktteilnehmer auf dem Markt übrig. Es gibt noch viele Menschen, die zum Preis von 50 € ebenfalls gerne ins Stadion gegangen wären. Die Angebotskurve ist absolut oder vollkommen elastisch, weil bei jeder Preisänderung nach unten oder oben das gesamte Angebot verschwindet. Ziel der Anbieter ist es, einen bestimmten Preis durchzusetzen – und sei es auf die Gefahr hin, nicht alle Karten verkaufen zu können. Die Situation ist also ungleichgewichtig. Aus markttheoretischer Sicht wäre es effizienter gewesen, die Karten zu versteigern und auf diese Weise denjenigen Preis zu erzielen, der der maximalen Zahlungsbereitschaft der Fußballfans für 60.000 Karten entspricht. Die Angebotskurve wird dann senkrecht, weil die Karten zu jedem, nämlich dem bestmöglichen Preis verkauft werden sollen (Abbildung 4-19, rechtes Diagramm). Die Anbieter hätten in diesem Fall das Ziel, unbedingt alle Karten zu verkaufen, und würden jeden Preis, der dazu nötig ist, in Kauf nehmen. Die Menge der angebotenen Karten wäre bei jedem Preis gleich, nämlich 60.000, die Preiselastizität der Angebotsmenge daher Null. Preis Karten Vollkommen elastisches Angebot 50€ 60.000 Preis Karten Vollkommen unelastisches Angebot 60.000 p2 ε = ∞ ε = 0 Abbildung 4-19: Kartenangebot im Fußballstadion 4 Einführung in die Mikroökonomie146 4.3.2 Direkte Preiselastizitäten 4.3.2.1 Die Preiselastizität der Nachfrage Eine besonders wichtige Anwendung des Elastizitätsmaßes ist die Preiselastizität der Nachfrage. Sie beschreibt, wie stark die Nachfrage nach einem Gut x (abhängige Größe) auf Schwankungen des Preises p (unabhängige Größe) reagiert. Gemäß der Definition in Abschnitt 4.3.1 ergibt sich N,p x rel. Veränderung der Nachfragemenge px x xx : prel. Veränderung des Preises p p p x p Wie die Umformung der Formel zeigt, kann man die Preiselastizität der Nachfrage auch durch Multiplikation der (reziproken) Steigung der Nachfragekurve mit den Koordinaten des Ausgangspunktes berechnen. Betrachten wir ein Beispiel: Ein Haushalt möchte seine Heizölvorräte auffüllen und stellt fest, dass der Ölpreis seit seinem letzten Einkauf um 12 % gestiegen ist. Daraufhin korrigiert der Haushalt seine Bestellung und fordert 5 % weniger Liter Öl beim Ölhändler an als zuvor. Wie hoch ist die Elastizität der Nachfrage nach Öl für diesen Haushalt? Die Antwort ist zunächst einfach. Wir müssen lediglich die gegebenen Werte für die relativen Veränderungen von x und p in die obige Formel einsetzen und erhalten N,p 0,05 0,42 0,12 Bedeutung der Nachfrageelastizität für die Preisstrategie von Unternehmen Was bedeutet diese Zahl? Was hat der Ölhändler von einer solchen Information? Welche Schlussfolgerungen würde er daraus ziehen? Würde er den Preis weiter erhöhen oder eher senken? Um das numerische Ergebnis interpretieren zu können, machen wir uns am besten zunächst ein Bild von der Verkaufssituation, der sich der Ölhändler gegenüber sieht. Die Nachfragepräferenzen seiner Kundschaft lassen sich mit Hilfe einer (im einfachsten Fall) linearen Nachfragekurve p = a – bx beschreiben. Seine Kunden kaufen also mehr, wenn der Preis niedrig ist, reduzieren aber ihre Nachfrage, wenn der Preis steigt. Wir können deshalb auch von einer Preis-Absatz-Funktion sprechen. Der Umsatz des Ölhändlers ergibt sich jeweils als Produkt von Preis und abgesetzter Menge: 2U p(x) x (a bx) x ax bx Der Parabelwert entspricht der Fläche der Rechtecke unter der Preis-Absatz-Funktion. Die Parabel ist also die Integralfunktion zur Preis-Absatz-Geraden. Die Fläche des Rechtecks 0ABC in Abbildung 4-20 entspricht dem Parabelwert in Punkt D. Die Umsatzfunktion des Ölhändlers ist in diesem Fall also eine nach unten geöffnete Parabel, deren Nullstellen einerseits bei der Menge 0, andererseits bei der Sättigungsmenge liegen: der Umsatz wird dann Null, wenn entweder die Menge (beim Prohibitivpreis) oder der Preis (bei der Sättigungsmenge) Null sind. Das Maximum der Parabel, d. h. der maximale Umsatz liegt dann genau in der Mitte der Preis-Absatz-Funktion19. 19 Dort schneidet der Grenzumsatz die Abszisse, da die Grenzumsatzfunktion U’ = a – 2bx beim selben Ordinatenabschnitt a beginnt wie die Preis-Absatz-Funktion, jedoch die doppelte Steigung 4.3 Elastizitäten 147 Wie hat sich der Umsatz des Ölhändlers nach der Preiserhöhung entwickelt? Da Umsatz immer das Produkt aus Preis und Menge ist, muss der Ölumsatz gestiegen sein, denn einer Preissteigerung (erste Umsatzkomponente) von 12 % steht ein Mengenrückgang (zweite Umsatzkomponente) von nur 5 % gegenüber. Die Wirkung der Preiserhöhung fiel also wesentlich schwächer aus, als die auslösende Veränderung war. In der Graphik bedeutet das, dass der Ausgangspunkt des Ölhändlers vor der Preiserhöhung offensichtlich in der rechten Hälfte der Umsatzparabel gelegen sein muss, denn nur dort führt eine Bewegung auf der Nachfragekurve nach links gleichzeitig zu einem Umsatzanstieg (vgl. die Pfeile in Abbildung 4-20). Genau diese Information ist auch im Ergebnis der Elastizitätsrechnung enthalten. Solange die Reaktion (Zähler der Elastizitätsformel) schwächer ist als die Ursache (Nenner der Elastizitätsformel) ergibt der Bruch einen Absolutwert von <1. Ist die Reaktion stärker als die Ursache, hat der Bruch einen Absolutwert von >1. In der Zeichnung entspricht dies genau den beiden Hälften der Umsatzparabel: Steigt der Preis stärker als der Absatz sinkt, so erhöht sich der Umsatz des Ölhändlers (rechte Seite der Parabel). Dies entspricht einem Elastizitätswert von <1 oder einer unelastischen Reaktion. Ist der Absatzrückgang stärker als die auslösende Preissteigerung, so sinkt der Umsatz (linke Hälfte der Parabel) und die Elastizität hat einen Wert >1. Dann spricht man von einer elastischen Reaktion. In der Mitte der Preis-Absatz-Funktion, d. h. genau unterhalb des Umsatzmaximums ist der Absolutwert der Preiselastizität gleich 1. hat. Genaueres zum Grenzumsatz vgl. Abschnitt 7.3.2 „Preis-Absatz-Funktion, Durchschnitts- und Grenzerlös“. Abbildung 4-20: Preis-Absatz-Funktion und Umsatzsituation des Ölhändlers Umsatz = ax-bx2 Preis Nachfragemenge a ε = 1 D 0 A B C E p = a – bx U' = a – 2bx 4 Einführung in die Mikroökonomie148 Das negative Vorzeichen bedeutet, dass die Mengenreaktion in entgegen gesetzter Richtung wie die Preisbewegung erfolgt, was für die meisten Nachfragekurven gilt. Ein Wert der Preiselastizität von – 0,42 sagt dem Ölhändler also, dass er sich im unelastischen Teil seiner Preis-Absatz-Funktion bewegt. Für ihn bedeutet das, dass er mit weiteren Preissteigerungen seinen Umsatz und damit auch seinen Gewinn steigern kann. Jedem Punkt auf der rechten Seite der Parabel entspricht nämlich ein Pendant auf der linken Seite, bei dem der Gewinn höher bzw. der Verlust geringer sein muss. Gewinn ist ja stets die Differenz aus Umsatz und Kosten. Bei gleichem Umsatz wird der Ölhändler also denjenigen Punkt wählen, der die geringeren Kosten verursacht und dieser wird immer auf der linken Parabelseite liegen. Dort sind nämlich die Verkaufsmenge x und damit auch die Produktionskosten dieser Menge stets geringer als bei den entsprechenden Parabelpunkten auf der rechten Seite. Der Ölhändler wird also seinen Preis auf jeden Fall so lange erhöhen, bis er das Umsatzmaximum überschritten hat. Ab diesem Punkt benötigt er, um sein Gewinnmaximum zu finden, genauere Informationen über den Verlauf seiner Kostenfunktion. Sicher ist jedoch, dass sich das Gewinnmaximum in der linken Parabelhälfte befinden muss. Elastische und unelastische Bereiche der Nachfragefunktion Lineare Nachfragekurven kann man also in zwei Bereiche zerteilen: Was hier für den einfachen Fall einer linearen Preis-Absatz-Funktion gezeigt werden konnte, lässt sich für beliebige Nachfragekurven verallgemeinern. Der Umsatz des Ölhändlers bzw. die Ausgabensumme der Nachfrager ergibt sich allgemein als U = p(x) · x. Um festzustellen, in welchem Bereich von x das Gewinnmaximum liegt, wird wiederum der Punkt gesucht, Preis Menge ε = –∞ ε = 0 ε = –1 –∞ < ε < –1 –1 < ε < 0 unelastischer Bereich elastischer Bereich Abbildung 4-21: Elastizitätsbereiche bei linearen Nachfragefunktionen 4.3 Elastizitäten 149 ab dem der Grenzumsatz negativ wird. Differenziert man nach der Produktregel, so ergibt sich: dpdU U' x p dx dx Durch Erweitern des Bruches mit p und anschließendem Ausklammern erhält man: dp dpx x U' p p p (1 ) dx p dx p Wie leicht zu erkennen ist, handelt es sich bei dem zweiten Summanden in der Klammer um den Kehrwert der Preiselastizität, so dass wir schreiben können N,p 1 Grenzerlös p (1 ) Daraus folgt, dass Preissenkungen im elastischen Bereich der Nachfrage ( N|p < –1) zu höheren Umsätzen führen, weil die Erlöszuwächse positiv sind. Im unelastischen Bereich der Nachfrage (0 > N|p > –1) führen dagegen Preissenkungen zu Umsatzeinbußen, weil der Klammerausdruck negativ wird, was mit negativen Umsatzzuwächsen verbunden ist. In dieser Form bezeichnet man die Formel als Amoroso-Robinson-Gleichung. Sie spielt bei der Analyse der Monopolpreisbildung eine wichtige Rolle20. Praxisbeispiel 4-1: Direkte Preiselastizität der Nachfrage Die folgende Tabelle enthält einige in der Konsumforschung ermittelte Preiselastizitäten der Nachfrage für unterschiedliche Güter.21 Tabelle 4-1: Direkte Preiselastizität der Nachfrage für ausgewählte Produkte und Produktgruppen21 Produkt/Produktgruppe q/p Produkt/Produktgruppe q/p Nahrungsmittel Genussmittel Zucker –0,44 Zigaretten –0,51 Milch –0,31 Marihuana –1,51 Kaffee –0,25 Wein und Spirituosen –0,34 Brot und Backwaren –1,80 Wohnungsausstattung Butter –0,70 Haushaltsgeräte –0,67 Margarine –0,30 Möbel –1,20 Eier –0,23 Radios, Fernsehgeräte –1,19 20 Vgl. Kapitel 7, Abschnitt 7.3.4 „Monopolpreis und Preiselastizität der Nachfrage“. 21 Vgl. Samuelson, P. A., Nordhaus, W. D. (1989), S. 453, Gerfin, H., Heimann, P. (1988), Bd. 2, S. 357, Kohler, H. (1986), Tab. 4.5, Lipsey, R. G., Christal, K. A. (2004), S. 73, Deaton, A., Muellbauer, J. (1994), Tab 3.1 4 Einführung in die Mikroökonomie150 Tabelle 4-1: Direkte Preiselastizität der Nachfrage für ausgewählte Produkte und Produktgruppen21 Produkt/Produktgruppe q/p Produkt/Produktgruppe q/p Gemüse Verkehr Kohl –0,40 Bahnnutzung –0,54 Tomaten (frisch) –4,60 Erdgas, Benzin und Öl –0,15 Kartoffeln –0,68 Flugfernreisen –0,70 Obst Kraftfahrzeuge –1,35 Orangen –1,00 Taxi-Leistungen –1,24 Pfirsiche –1,50 Weitere Dienstleistungen Äpfel –1,30 Kabelfernsehen –1,20 Bananen –0,62 Kinofilme –0,87 Fleisch Telefonnutzung –1,00 Rindfleisch –0,92 Postdienste (Briefe) –0,05 Schweinefleisch –0,45 Mahlzeiten im Restaurant –1,63 Hühnerfleisch –1,20 Mieten –0,15 Bei vielen Unternehmensentscheidungen ist es wichtig, numerische Schätzungen der Preiselastizität zu haben. So machen sich PKW-Anbieter Gedanken, welche Konsequenzen es für ihren Absatz bei Diesel Fahrzeugen hat, wenn sie freiwillig oder gezwungenermaßen Rußfilter einbauen, die die Fahrzeuge um einen entsprechenden Betrag verteuern. Die direkte Preiselastizität der Nachfrage nach Dieselfahrzeugen in Abhängigkeit vom Preis würde ihnen die Information liefern, mit welchen Nachfragereaktionen sie in diesem Fall zu rechnen hätten. 4.3.2.2 Die Preiselastizität des Angebots Die Preiselastizität einer Angebotsfunktion errechnet sich analog zur Nachfrageelastizität nach der Formel A,p dx rel. Veränderung der Angebotsmenge pdx x dxx : dprel. Veränderung des Preises dp p dp x p Da Angebotsfunktionen i. d. R. positiv geneigt sind, ist auch die Preiselastizität des Angebots meist positiv: Die Angebotsmenge steigt normalerweise mit dem Preis. Eine Besonderheit stellen die üblichen linearen Angebotskurven dar, die bei einem bestimmten Mindestpreis beginnen und dann mit konstanter Steigung zunehmen. Diese Angebotskurven haben an jedem Punkt eine Elastizität von größer Null, d. h. das Angebot reagiert an jedem Punkt elastisch. Dies lässt sich am besten mit Hilfe einer Skizze erklären: 4.3 Elastizitäten 151 Da Preiselastizitäten jeweils die Reaktion der Menge auf Preisveränderungen untersuchen und nicht umgekehrt, müssen wir das gewohnte Marktdiagramm mit dem Preis als Ordinate und der Menge als Abszisse zur Veranschaulichung auf den Kopf stellen. Wenn man dann die Steigung der Funktion selbst (die dem Winkel entspricht) mit der Steigung des Fahrstrahls vom Nullpunkt an einen beliebigen Kurvenpunkt (die dem Winkel entspricht) vergleicht, stellt man fest, dass die Kurve selbst stets steiler ist als der Fahrstrahl. Der Marginalquotient dx/dp ist größer als der Durchschnittsquotient x/p und daher die Elastizität >1. Die Preiselastizitäten von Angebots- und Nachfragefunktion bzw. ihr gegenseitiges Verhältnis spielen eine wichtige Rolle für die Stabilität von Marktgleichgewichten22. Sie bestimmen, wie stark Gleichgewichtsänderungen ausfallen, wenn sich einer oder mehrere der Lageparameter der Angebots- und/oder Nachfragekurven ändern. Wir werden im folgenden Abschnitt ein wichtiges Anwendungsgebiet dieses Sachverhaltes kennen lernen, nämlich die Steuerüberwälzungs- oder Steuerinzidenzlehre. 4.3.2.3 Determinanten direkter Preiselastizitäten Die Höhe der Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Einer dieser Faktoren ist in jedem Fall die Zeit. Alle Wirtschaftssubjekte benötigen Zeit, um auf Signale zu reagieren. Dies trifft insbesondere auf die Anbieter zu, da sie die Güter ja erst produzieren müssen, bevor sie auf den Markt kommen können. Ein steigender Preis bewirkt also möglicherweise erst nach einem gewissen Zeitverzug eine Ausdehnung der Angebotsmenge, es sei denn, die Anbieter verfügen über Lagerbestände, aus denen das aktuelle Angebot sofort aufgestockt werden kann. Man kann grundsätzlich annehmen, dass kurzfristige Angebots- und Nachfragekurven steiler, d. h. preisunelastischer sind als langfristige. Was die Preiselastizität der Nachfrage betrifft, so spielt die Frage möglicher Ausweichgüter (d. h. Substitutionsgüter) sowie die Art des der Nachfrage zugrunde liegenden Bedürfnis- 22 Vgl. Ergänzungen zu Kapitel 4 im Internet, „Stabilität von Gleichgewichten“. Preis Menge Menge Preis αβ Abbildung 4-22: Preiselastizität einer linearen Angebotsfunktion 4 Einführung in die Mikroökonomie152 ses eine wichtige Rolle. Je mehr Substitutionsgüter vorhanden sind und/oder je leichter die Nachfrager auf ein bestimmtes Gut verzichten können, desto höher ist die Preiselastizität, d. h. die Reagibilität der Nachfragemenge auf Preisveränderungen. Wenn der Preis aller Lebensmittel stark ansteigen würde, würde die nachgefragte Menge wahrscheinlich weniger stark zurückgehen als bei einem analogen Preisanstieg für Mittelmeerkreuzfahrten. Für ein lebensnotwendiges Gut, für das es keinen Ersatz gibt, würde im Extremfall die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager ins Unendliche steigen – die Preiselastizität wäre Null! 4.3.3 Kreuzpreiselastizitäten Auch die Kreuzpreiselastizität beleuchtet das gegenseitige Verhältnis zweier Güter zueinander. Sie beschreibt, wie stark sich die Nachfrage nach einem Gut i verändert, wenn der Preis eines Gutes j erhöht oder gesenkt wird. Man untersucht damit also mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen mikroökonomischen Gütermärkten. Man berechnet die Kreuzpreiselastizität nach der Formel: i j i ji i ii N ,p j j j j i j dx prel. Veränderung der Nachfrage nach Gut i dx x dxx : dprel. Veränderung des Preises für Gut j dp p dp x p Wie wir bereits in Abschnitt 4.2.4.1 gesehen haben, muss man bei Kreuzpreiswirkungen zwischen Substitutions- und Komplementärgütern unterscheiden. Bei Substitutionsgütern sinkt die Nachfrage nach Gut i, wenn der Preis von Gut j sinkt, da dann der Markt j Nachfrager von Markt i auf sich zieht. Menge i und Preis j bewegen sich also in derselben Richtung, so dass infolgedessen die Kreuzpreiselastizität zwischen zwei Substitutionsgütern immer positiv ist. Der Betragswert der Kreuzpreiselastizität ist dabei absolut umso höher, d. h. die Mengenreaktion umso elastischer, je enger die Substitutionsbeziehung ist. Bei Komplementärgütern hingegen bewegen sich die nachgefragte Menge i und der Preis j stets in die entgegengesetzte Richtung, da z. B. bei einer Preissenkung von Gut j nicht nur j, sondern auch i verstärkt nachgefragt werden muss, da sich beide bei der Nutzung bedingen oder zumindest ergänzen. Die Kreuzpreiselastizität von Komplementärgütern ist daher negativ und betragsmäßig wiederum umso höher, je enger beide Güter zusammengehören. Im Extremfall kann Gut j ohne Gut i überhaupt nicht genutzt werden (z. B. Autos und Reifen), so dass die Preisersparnis beim Gut j gleichmäßig auf beide Güter verteilt werden muss. Zusammengefasst lassen sich anhand der Werte der Kreuzpreiselastizität zwei Güter bezüglich ihrer Güterbeziehung wie folgt klassifizieren: Tabelle 4-2: Kreuzpreiselastizität und Güterbeziehung Wertebereich der Kreuzpreiselastizität Güterbeziehung ∞ < < i jx |p - 0 komplementär = xi j|p 0 unabhängig < < ∞ i jx |p 0 substitutiv 4.3 Elastizitäten 153 Praxisbeispiel 4-2: Kreuzpreiselastizität der Nachfrage Die folgende Tabelle enthält einige in der Konsumforschung ermittelte Kreuzpreiselastizitäten für ausgewählte Güter.23 Tabelle 4-3: Kreuzpreiselastizität der Nachfrage für ausgewählte Produkte und Produktgruppen23 Gut der Preisänderung Gut der Mengenänderung Elastizität Margarine Butter +0,67 Butter Margarine +0,81 Schweinefleisch Rindfleisch +0,28 Rindfleisch Schweinefleisch +0,14 Erdgas Elektrizität +0,20 Heizöl Erdgas +0,44 Zucker Obst –0,28 Bananen Orangen +0,28 Orangen Bananen –0,41 Empirisch ermittelte Kreuzpreiselastizitäten der Nachfrage geben zusätzliche Einblicke in das Nachfrageverhalten der Haushalte. Wenn z. B. die direkte Preiselastizität von Bananen –0,6 ist, dann werden die Haushalte bei einer 10-prozentigen Preiserhöhung ihre Bananennachfrage um 6 % einschränken. Entsprechend der obigen Tabelle wird ein Teil des verminderten Bananenkonsums von den Haushalten durch ein Ansteigen der Nachfrage nach Orangen „kompensiert“. Bei einem 10-prozentigen Anstieg des Bananenpreises würde die Orangennachfrage um 2,8 Prozent zunehmen. Aktuell macht allen Fahrzeugherstellern die Absicht der EU-Kommission zu schaffen, längerfristig den Dieselkraftstoff gleich zu besteuern wie Benzin. Dies hätte für die Automobilunternehmen weit reichende Konsequenzen, denn sie müssen für ihre langfristigen produktpolitischen Strategien bereits frühzeitig wissen, in welchem Umfang in den einzelnen Märkten Substitutionsprozesse von Dieselmotoren durch Benzinmotoren stattfinden. Die Kreuzpreiselastizität für Dieselkraftstoff in Bezug auf die Nachfrage nach Benzin-Pkw wäre also für die Hersteller eine wichtige Information für ihre Weichenstellungen. 4.3.4 Elastizitäten anderer wichtiger ökonomischer Funktionen Für die grundlegende mikroökonomische Analyse sind noch einige weitere spezielle Anwendungen des Elastizitätsmaßes von besonderer Bedeutung. Auch makroökonomisch spielen Elastizitätsmaße in manchen Gebieten eine wichtige Rolle, nämlich v. a. dort, wo zur Planung wirtschaftspolitischer Maßnahmen die Reaktion bestimmter gesamtwirtschaftlicher Größen auf veränderte Rahmenbedingungen abgeschätzt werden soll. 23 Kohler, H. (1986), Tab. 3.6, Deaton, A., Muellbauer, J. (1994), Tab 3.1 4 Einführung in die Mikroökonomie154 Im Folgenden werden daher noch einige besonders wichtige Anwendungen des Elastizitätsmaßes dargestellt. 4.3.4.1 Einkommenselastizität der Nachfrage Ein besonders wichtiger Lageparameter der Nachfragefunktion ist das Einkommen. Die Einkommenselastizität der Nachfrage beschreibt, wie stark sich die Nachfrage nach einem Gut verändert, wenn das Einkommen der Nachfrager steigt oder fällt: N,y dx rel. Veränderung der Nachfrage ydx x dxx : dyrel. Veränderung des Einkommens dy y dy x y Normalerweise erhöht sich durch steigendes Einkommen auch das Konsumbudget der Nachfrager und somit c.p. die nachgefragte Menge nach einem bestimmten Gut. Die Einkommenselastizität ist daher i. d. R. positiv. Eine wichtige Ausnahme sind jedoch die inferioren Güter, die vom Nachfrager als minderwertig gegenüber vergleichbaren Substitutionsgütern angesehen werden. Ihre Einkommenselastizität ist negativ, weil die Nachfrager bei steigendem Einkommen das minderwertige durch das höherwertige Gut ersetzen. Mit Hilfe der Einkommenselastizität lassen sich die Güter wie folgt klassifizieren, wobei eine alternative Bezeichnung in Klammern angegeben ist. In der Praxis sind es immer die Elastizitäten, nach denen die Klassifikation eines Gutes erfolgt. Wenn also ein Gut eine negative Einkommenselastizität hat, so ist es ein inferiores Gut. Tabelle 4-4: Einkommenselastizität und Güterklassifikation Einkommenselastizität Güterkategorie Nachfragereaktion exy > 1 Luxusgüter (superiore Güter) Die Nachfragemenge nimmt mit steigendem Einkommen überproportional zu. 0 < exy < 1 lebensnotwendige Güter (relativ inferiore Güter) Die Nachfragemenge nimmt mit steigendem Einkommen unterproportional zu. exy = 0 unabhängige Güter (neutrale Güter) Unabhängig von der Höhe des Einkommens wird das Gut immer in derselben Menge nachgefragt. exy < 0 inferiore Güter (absolut inferiore Güter) Die nachgefragte Menge nimmt mit steigendem Einkommen ab. Übung 4-6: Einkommenselastizität der Nachfrage Ein Konsument leistet sich bei einem Einkommen von 600  € im Monat acht Kinobesuche. Aufgrund eines Einkommensanstiegs um 200 € dehnt er seine Nachfrage auf 12 Besuche aus. Wie groß ist seine Einkommenselastizität der Nachfrage nach Kinobesuchen? Um welche Güterkategorie handelt es sich? 4.3 Elastizitäten 155 Lösung: Ausgangswerte sind das Einkommen mit 600 € und die Nachfragemenge mit 8 Kinobesuchen. Die Einkommensänderung ist + 200 €, der mengenmäßige Zuwachs beträgt vier Einheiten. Daraus ergibt sie ein prozentualer Anstieg des Einkommens von 33 Prozent, die prozentuale Mengenänderung ist 50 Prozent. In die Formel eingesetzt ergibt sich: = = =x/y 4 0,58 1,51 200 0,33 600 Steigt also das Einkommen um ein Prozent, so erhöht der Konsument seine Nachfrage nach Kinobesuchen um 1,5 %. Aus der Sicht des Konsumenten sind Kinobesuche ein superiores Gut. Praxisbeispiel 4-3: Einkommenselastizität der Nachfrage Die folgende Tabelle enthält einige in der Konsumforschung ermittelte Einkommenselastizitäten unterschiedlicher Güter und Gütergruppen.24 Tabelle 4-5: Einkommenselastizitäten der Nachfrage für ausgewählte Produkte und Produktgruppen24 Produkt oder Produktgruppe x/y Produkt oder Produktgruppe qxy Nahrungsmittel Genussmittel Bananen 0,95 Bier 1,22 Brot und Backwaren 0,50 Tabak 0,64 Butter 0,37 Wein und Spirituosen 2,60 Eier 0,37 Verkehr Fleisch und Fleischwaren 0,80 Bahnnutzung –0,40 Kaffee 0,00 Kraftfahrzeuge 2,50 Kartoffeln und Gemüse 0,87 Kraftstoffe, Schmiermittel 3,50 Margarine –0,20 Taxi 2,80 Mehl –0,36 Weitere Dienstleistungen Obst 0,27 Bildung und Unterhaltung 1,40 Öle und Fette –0,32 Kabelfernsehen 0,83 Orangen 0,92 Mahlzeiten im Restaurant 1,40 Schweinefleisch –0,20 Mieten 1,20 Vollmilch –0,50 Nachrichtenübermittlung 2,50 Zucker und Süßigkeiten –0,45 Postdienst (Briefe) 0,65 24 Samuelson, P. A., Nordhaus, W. D. (1989), S. 453, Gerfin, H., Heimann, P. (1988), S. 357, Kohler H. (1986), Tab. 4.5, Deaton, A., Muellbauer, J. (1994), Tab 3.1, Lipsey, R. G., Christal, K. A. (2004), S. 73. 4 Einführung in die Mikroökonomie156 In einer wachsenden und konjunkturanfälligen Volkswirtschaft sind Einkommenselastizitäten von großer Bedeutung für die Unternehmen und deren Märkte. In einer wachsenden Volkswirtschaft werden Branchen in Märkten mit einer Einkommenselastizität von kleiner Eins nur unterdurchschnittlich vom Einkommenswachstum profitieren, während Unternehmen/Branchen mit Produkten hoher Einkommenselastizität bei steigendem Volkseinkommen von einer überdurchschnittlichen Nachfrageentwicklung ausgehen können (Wachstumsmärkte). Gleichzeitig werden diese Branchen und Unternehmen von Konjunktureinbrüchen viel stärker getroffen. Sie müssen mit relativ stärkeren Nachfrageschwankungen rechnen als Unternehmen oder Branchen, die lebensnotwendige Güter herstellen und anbieten. Übung 4-7: Kalbfleisch oder Rindfleisch? Ein Ökonometriker hat die Nachfrage nach Kalbfleisch untersucht und dabei folgende Schätzwerte für verschiedene Elastizitäten erhalten: Preiselastizität: -0,6, Einkommenselastizität: 1,2, Kreuzpreiselastizität zum Rindfleisch: 0,2 Geben Sie an, ob die nachfolgenden Aussagen richtig oder falsch sind und begründen Sie Ihre Antwort. a) Wenn sich sonst nichts verändert, müssen die Metzger mit einem Nachfragerückgang von 12 % rechnen, wenn der Kalbfleischpreis um 20 % steigt. b) Auch wenn Kalbfleisch um 20 % teurer wird, ist doch mit einer unveränderten Absatzmenge zu rechnen, wenn gleichzeitig die Einkommen um 5 % sinken. c) Für den Absatz von Kalbfleisch kommt es ungefähr auf dasselbe heraus, wenn – das Kalbfleisch um 20 % teurer und das Rindfleisch um 10 % billiger wird oder – das Kalbfleisch um 10 % teurer, das Rindfleisch um 10 % billiger wird und – das Einkommen um 5 % zurückgeht. Lösung: Es geht in der Aufgabe darum, mit Hilfe der gegebenen Elastizitäten die Wirkung der in den Teilaufgaben beschriebenen Ereignisse auf den Kalbfleischabsatz zu berechnen, um dadurch die Richtigkeit der drei Aussagen überprüfen zu können. a) Preiselastizität von Kalbfleisch: − = − + 0,12 0,6 0,20 . Dies entspricht dem vorgegebenen Wert, also ist die Aussage korrekt. b) Zur Lösung dieser Teilfrage ist gar keine Rechnung notwendig. Aus Aufgabe a) wissen wir, dass die Preiserhöhung um 20 % zu einer Reduzierung der Kalbfleischnachfrage um 12 % führt. Eine zusätzliche Einkommenssenkung (egal um welchen Betrag) führt auf jeden Fall zu einer zusätzlichen Senkung der Kalbfleischnachfrage, da die Einkommenselastizität positiv ist. Um den Absatzrückgang, der von der Preiserhöhung ausgelöst wird, auszugleichen, müsste das Einkommen auf jeden Fall steigen. c) Fall 1: Kalbfleisch wird um 20 % teurer: x 0,6 x 0,12 12% 0,20 Rindfleisch wird um 10 % billiger: x 0,2 x 0,02 2% 0,10 Insgesamt sinkt der Kalbfleischabsatz also um ca. 14 %. 4.3 Elastizitäten 157 Fall 2: Kalbfleisch wird um 10 % teurer: x 0,6 x 0,06 6% 0,10 Rindfleisch wird um 10 % billiger (siehe Fall 1): x 0,2 x 0,02 2% 0,10 Das Einkommen sinkt um 5 %: x 1,2 x 0,06 6% 0,05 Insgesamt sinkt auch hier der Kalbfleischabsatz um ca. 14 %. Die Aussage ist also richtig. 4.3.4.2 Elastizitäten im Zusammenhang mit dem Produktionsprozess Die Anwendung des Elastizitätsmaßes ist jedoch keineswegs auf Angebots- und Nachfragekurven mikroökonomischer Märkte beschränkt. So haben wir uns zu Beginn dieses Abschnitts ja z. B. bereits mit der Zinselastizität der Investition oder der Steueraufkommenselastizität beschäftigt. Eine besonders wichtige Anwendung von Elastizitäten finden wir in der Produktionstheorie. Die Produktionsfunktion ist eine technische Gleichung, die beschreibt, wie und in welchem Umfang Produktionsfaktoren miteinander kombiniert werden müssen, um Output, d. h. Mehrwert zu erzeugen. Mit Hilfe von sog. Produktionselastizitäten lässt sich berechnen, wie der Output auf Veränderungen einzelner Inputs oder auch des gesamten Inputbündels (Niveauelastizitäten) reagiert. Ferner geben sog. Substitutionselastizitäten das Ausmaß der Ersetzbarkeit oder Austauschbarkeit von Produktionsfaktoren untereinander an. Substitutionselastizitäten werden sogar als Einteilungskriterium für verschiedene Typen von Produktionsfunktionen verwendet. So spricht man von CES-Funktionen immer dann, wenn es sich um eine Produktionsfunktion mit einer konstanten Substitutionselastizität (Constant Elasticity of Substitution) handelt. Ein besonders berühmter Vertreter dieser Familie von Produktionsfunktionen ist die Cobb- Douglas-Funktion, deren Substitutionselastizität immer den Wert 1 hat. Genaueres über die Berechnung, Aussage und Verwendung von Elastizitäten in der Produktionstheorie folgt in Kapitel 6. 4.3.4.3 Steueraufkommenselastizitäten Da Steuern die Haupteinnahmequelle des Staates darstellen und das Steueraufkommen somit die Grundvoraussetzung für die Handlungsfähigkeit des Staates ist, widmen das Finanzministerium und in dessen Auftrag auch die Wirtschaftsforschungsinstitute der Frage nach der Reagibilität des Steueraufkommens in Bezug auf verschiedene Einflussgrößen besondere Aufmerksamkeit. Am wichtigsten für den jeweiligen Finanzminister ist eine Antwort auf die Frage, mit welchen Steuereinnahmen im kommenden Jahr zu rechnen sei, wenn eine bestimmte gesamtwirtschaftliche Entwicklung und damit eine wahrscheinliche Höhe für das Volkseinkommen unterstellt werden. Die geschätzten Steuereinnahmen bilden die Grundlage für die Erstellung des Staatsbudgets. Sollten diese für die Finanzierung der beabsichtigten Staatsausgaben nicht ausreichen, so müssen entweder eine Kreditaufnahme oder entsprechende Sparanstrengungen auf der Ausgabenseite des Budgets in Erwägung gezogen werden. 4 Einführung in die Mikroökonomie158 Den Zusammenhang zwischen Steueraufkommen und Entwicklung des Volkseinkommens misst die Steueraufkommenselastizität. Sie wird berechnet als T,Y dT rel. Veränderung des Steueraufkommens dT TT : dYrel. Veränderung des Volkseinkommens dY Y Y Diese Größe kann für das Steuersystem als Ganzes oder für einzelne Steuern berechnet werden. Ist der Elastizitätswert deutlich über 1, so ist bei einem Konjunkturaufschwung mit überproportional steigenden Steuereinnahmen zu rechnen. Dies gilt z. B. für das Lohnsteueraufkommen, was wenig überraschend ist, da als Bemessungsgrundlage für die Steuer das Arbeitnehmereinkommen verwendet wird und dieses wiederum mehr als zwei Drittel des Volkseinkommens ausmacht25. Schwieriger wird die Schätzung jedoch bei Verbrauchssteuern. Liegt dort die Steueraufkommenselastizität deutlich über 1, dann bedeutet dies, dass die Einkommenselastizität der Nachfrage nach diesem Gut hoch sein muss. Ist der Betragswert hingegen sehr klein, dann handelt es sich wahrscheinlich um lebensnotwendige Güter, auf die zumindest kurzfristig nicht verzichtet werden kann, so dass auch bei Einkommensschwankungen eine annähernd gleich bleibende Menge nachgefragt wird. Praxisbeispiel 4-4: Steueraufkommenselastizitäten in der Bundesrepublik Deutschland26 Tabelle 4-6: Steueraufkommenselastizitäten verschiedener Steuerarten im 30-Jahreszeitraum 1950 – 198026 Steuerart Lohnsteuer 2,10 Einkommensteuer 1,05 Körperschaftsteuer 0,74 Umsatzsteuer insgesamt 0,99 Schaumweinsteuer 1,26 Biersteuer 0,60 Tabaksteuer 0,64 Grundsteuer 0,64 Vermögenssteuer 1,23 Gesamtes Steuersystem 1,02 Besonders interessant ist die Entwicklung der Steueraufkommenselastizität der Mineralölsteuer. Während dieser Wert im Durchschnitt der betrachteten 30 Jahre bei 1,03 lag, durchlief er im Verlauf dieses Zeitraums eine signifikante Entwicklung: Im ersten Jahrzehnt betrug die Elastizität 1,37, im zweiten Jahrzehnt 1,13 und im dritten Jahrzehnt gar nur noch 0,46. Dies zeigt die 25 Vgl. 10.3.4.3 „Die Verteilungsrechnung“. 26 Vgl. Brümmerhoff, D. (1996), S. 410. 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 159 steigende Abhängigkeit der Wirtschaft vom Individualverkehr und damit von der Verfügbarkeit des Mineralöls. 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt Wie wir in Kapitel 3 festgestellt haben, muss der Staat auch in einer Marktwirtschaft immer dann in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen, wenn die Marktmechanismen versagen oder sonstige Funktionsprobleme auftreten. In den bestehenden Marktwirtschaften, v. a. den Sozialen Marktwirtschaften, greift der Staat jedoch auch ein, wenn die Marktmechanismen zwar funktionieren, aber das Marktergebnis aus normativen (politischen) Gründen als korrekturbedürftig angesehen wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Durchgängigkeit des Leistungsprinzips in Frage gestellt und in der Einkommens- und Vermögensverteilung durch andere Verteilungsmaßstäbe ergänzt werden soll. Es gibt jedoch noch weitere Gründe für die staatliche Beeinflussung bzw. Verzerrung von privaten Marktergebnissen. Da der Staat in einer demokratischen Marktwirtschaft seine gesamte Tätigkeit aus Steuern oder sonstigen Abgaben der privaten Leistungsträger finanzieren muss, führt jede Art von staatlicher Aktivität gleichzeitig zu Veränderungen im Privatsektor der Wirtschaft. Wenn z. B. eine Regierung beschließt, sich mit ihren Streitkräften an internationalen Operationen der UNO oder NATO zu beteiligen, wird die Finanzierung dieser Maßnahme zwangsläufig auch die Situation der privaten Wirtschaftssubjekte ver- ändern, obwohl dies nicht das Ziel der Staatstätigkeit darstellt, sondern lediglich deren zwangsläufige Folge ist. Klassifikation von Staatstätigkeit nach der Zielsetzung Bezüglich der Einordnung von Staatstätigkeit und ihrer Folgen im privaten Markt muss man daher zweierlei Arten von Maßnahmen unterscheiden: • Staatliche Maßnahmen, die auf eine Beeinflussung von Marktgleichgewichten gerichtet sind. • Staatliche Maßnahmen, die andere, auch nicht-wirtschaftliche Ziele verfolgen. Im ersten Fall geht es darum, eine Maßnahme zu finden, mit der die gewünschte Veränderung des Marktergebnisses möglichst effektiv (d. h. zielgenau) und effizient (d. h. ressourcensparend) erreicht wird. Voraussetzung dafür ist die genaue Kenntnis der Verhaltensmuster der privaten Wirtschaftssubjekte, damit der Staat genau die erforderlichen Anreize für eine Verhaltensänderung geben kann. Im zweiten Fall sucht man eine Maßnahme, die das Marktergebnis möglichst wenig verändert oder beeinträchtigt. Fast immer betrifft dies die Frage der Erzielung der notwendigen Staatseinnahmen durch entsprechende Steuern: Das Steueraufkommen soll möglichst hoch, die Steuer aber gleichzeitig möglichst wenig spürbar sein. Klassifikation von Staatstätigkeit nach den Instrumenten Eine weitere Unterscheidung bei der Klassifizierung staatlicher Maßnahmen betrifft nicht deren Zielsetzung, sondern deren Umsetzung. 4 Einführung in die Mikroökonomie160 Es gibt einerseits solche Maßnahmen, die zwar – beabsichtigt oder nicht – das Marktgleichgewicht verändern bzw. verzerren, aber dennoch die dezentrale, eigenverantwortliche Marktentscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte (Unternehmen wie Haushalte) unangetastet lassen. Dazu gehören insbesondere alle Arten von Steuern auf der Einnahmenseite sowie Subventionen an private Unternehmen oder direkte Einkommenstransfers an die privaten Haushalte auf der Ausgabenseite. All diese Maßnahmen verändern die Rahmenbedingungen (insbesondere die Einkommenssituation), unter denen die privatwirtschaftlichen Entscheidungen getroffen werden, setzen die Entscheidungsfreiheit selbst jedoch nicht außer Kraft. Solche Maßnahmen nennt man marktkonforme Maßnahmen. Werden hingegen die wichtigsten Parameter des Marktgeschehens, nämlich Preise und Mengen, staatlich vorgegeben, so bleibt kein Platz für privatwirtschaftliche Entscheidungen mehr übrig. Solche Maßnahmen sind Teil eines planwirtschaftlichen Vorgehens, wie sie in Zentralverwaltungswirtschaften üblich sind, und gehören nicht mehr zum Repertoire marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftspolitik. Man spricht deshalb hier von nichtmarktkonformen oder marktkonträren Maßnahmen. Dazu gehören insbesondere staatliche Festsetzungen von Preisen (sog. administrierte Preise, auch in Form von Höchst- oder Mindestpreisen) sowie die staatliche Bewirtschaftung von Mengen (z. B. Rationierung von Lebensmitteln auf Bezugsschein). Dementsprechend wird im Folgenden bei der Darstellung der Wirkungen von Staatstätigkeit auf den privaten Markt nach marktkonformen und nicht-marktkonformen Maßnahmen unterschieden. 4.4.1 Marktkonforme staatliche Eingriffe Steuern und Subventionen sind typische marktkonforme Maßnahmen des Staates, mit denen er einerseits positiv, andererseits negativ auf die Einkommenssituation der privaten Wirtschaftssubjekte einwirkt. Wie bereits in Kapitel 3 dargestellt, lassen sich Steuern und Subventionen gemäß ihrem Anknüpfungspunkt an der Einkommensentstehung einerseits oder der Einkommensverwendung andererseits in direkte und indirekte staatliche Eingriffe einteilen. Beide Kategorien haben sehr unterschiedliche Wirkungen bei den privaten Wirtschaftssubjekten. 4.4.1.1 Indirekte Steuern und Subventionen Indirekte Steuern werden beim Produzenten eines Gutes erhoben. Ein typisches Beispiel dafür ist die Umsatzsteuer. In Deutschland ist sie als Mehrwertsteuer ausgestaltet, d. h. die in den Vorleistungen enthaltenen Umsatzsteuerbeträge der Lieferanten von Material und Vorprodukten können von der Umsatzsteuerschuld abgezogen werden, so dass im Endeffekt nur die Steuer auf den beim steuerpflichtigen Unternehmen entstandenen Mehrwert des Gutes erhoben wird. Indirekte Steuern sind Bestandteil der Kosten und verteuern daher das Angebot. Bei der Einführung oder Erhöhung einer indirekten Steuer verschiebt sich also die Angebotsfunktion nach oben oder links: Der Angebotspreis pro Stück muss nun auch die zusätzlich erhobene Steuer abdecken. Der hier dargestellte, vereinfachte Fall entspricht der sog. Mengensteuer. Dabei verlangt der Staat je verkaufter Mengeneinheit vom Produzenten einen bestimmten Steuerbetrag. Der 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 161 Anbieter erhält dann nur noch den um den Steuerbetrag t reduzierten Verkaufspreis p-t. Bei der Kalkulation des Angebotspreises berücksichtigt der Produzent daher den Steuerbetrag von vorn herein und korrigiert die Angebotskurve um t nach oben27. Wie in Abbildung 4-23 ersichtlich wird, verschiebt sich dabei der Gleichgewichtspunkt nach links oben, d. h. der Marktpreis steigt bei gleichzeitiger Abnahme der Gleichgewichtsmenge. Anders als man zunächst erwarten würde, steigt der Preis jedoch nicht um den gesamten Steuerbetrag t (Strecke AB bzw. ED), sondern um weniger (Strecke CD). Der Grund für dieses überraschende Ergebnis liegt darin, dass die Nachfrager einer Preiserhöhung mit einer Reduzierung der Nachfragemenge begegnen: die Nachfragekurve ist negativ geneigt. Sie weichen der Preiserhöhung aus. Die Steuer kann somit nicht vollständig auf die Nachfrager überwälzt werden und muss zum Teil von den Anbietern getragen werden. Die beiden schraffierten Rechtecke in Abbildung 4-23 zeigen, wie die Steuerlast auf Anbieter und Nachfrager verteilt wird: Das senkrecht schraffierte Rechteck bezeichnet die Steuerlast der Nachfrager. Sie müssen einen um den Betrag CD erhöhten Marktpreis für ihren Einkauf bezahlen. Die Last der Anbieter hingegen repräsentiert das schräg schraffierte Rechteck. Die Anbieter erhalten nur einen um den Betrag EC niedrigeren Erlös pro Stück als vor der Steuererhebung. Analog dazu würde eine Subvention die Angebotskurve nach unten verschieben und der Marktpreis würde c.p. sinken – allerdings auch hier nicht um den gesamten Subventionsbetrag, sondern nur um einen bestimmten Teil. Die Subvention kommt i. d. R. sowohl den Anbietern wie auch den Nachfragern zu Gute. 27 Im realistischeren Fall einer Wertsteuer beträgt die Steuer einen ganz bestimmten Prozentsatz des Stückpreises. Dann verschiebt sich die Angebotsfunktion durch die Steuererhebung nicht parallel nach oben, sondern dreht sich dabei. Die Steigung nimmt zu. Die im Text diskutierten Ergebnisse für die Steuerüberwälzung bleiben dabei jedoch im Grundsatz gültig. Preis Menge Nachfrage Angebot mit Steuer Angebot ohne Steuer Steuer P nach Steuer P vor Steuer M nach Steuer M vor Steuer A B C D E Abbildung 4-23: Überwälzung einer Mengensteuer 4 Einführung in die Mikroökonomie162 Zusammenhang zwischen Preiselastizität und Steuerüberwälzung Wovon hängt nun das Ausmaß der Steuerüberwälzung ab? Wie man aus Abbildung 4-24 leicht erkennen kann, sind für das Ausmaß der Steuerüberwälzung vor allem die Steigungen von Angebots- und Nachfragekurven ausschlaggebend. Die linke Grafik zeigt eine im Vergleich zu Abbildung 4-23 besonders steile Nachfragekurve. Nachfragekurven sind immer dann besonders steil, wenn das nachgefragte Gut besonders wichtig und kaum durch andere Güter ersetzbar ist. Das gilt z. B. für Lebensmittel oder medizinische Leistungen. Der Vergleich zeigt, dass sich die Strecke CD, d. h. die Steigerung des Marktpreises p, der Strecke AB, d. h. dem Steuerbetrag t, annähert. Je steiler, d. h. unelastischer die Nachfragekurve ist, desto vollständiger kann der Steuerbetrag über den Preis auf die Nachfrager überwälzt werden. Das gleiche Ergebnis erhält man, wenn die Angebotsfunktion besonders elastisch, d. h. besonders flach ist (rechte Graphik in Abbildung 4-24). Analog kann man folgern, dass eine besonders flache Nachfragekurve oder eine besonders steile Angebotskurve die Steuerüberwälzung erschwert. Nachfragekurven sind dann besonders flach, wenn das nachgefragte Gut sehr leicht durch andere Güter ersetzt werden kann. Angebotskurven sind dann besonders steil, wenn aus technischen Gründen die Angebotsmenge kaum erhöht werden kann, z. B. weil die Kapazitätsgrenze der Anbieter erreicht ist. Im Extremfall kann die Steuer vollständig überwälzt werden, wenn entweder die Nachfragefunktion senkrecht (völlig preisunelastisch), oder die Angebotsfunktion waagerecht (völlig preiselastisch) verläuft. Im umgekehrten Fall ist gar keine Steuerüberwälzung möglich. An dieser Stelle sei der Leser daran erinnert, dass sich die vorliegende Analyse auf mikro- ökonomische Märkte bezieht, und gleichzeitig davor gewarnt, nicht dem Trugschluss der Verallgemeinerung zu verfallen. Aus makroökonomischer Sicht, d. h. unter Berücksichtigung aller Gütermärkte einer Volkswirtschaft, ist durchaus eine vollständige Steuerüberwälzung vorstellbar. Zum einen ist zu Preis Menge Nachfrage Angebot mit Steuer Angebot ohne Steuer P nach Steuer P vor Steuer M nach Steuer M vor Steuer A B C D Preis Menge Nachfrage Angebot mit Steuer Angebot ohne Steuer P nach Steuer P vor Steuer M nach Steuer M vor Steuer A B C D Besonders unelastische Nachfrage Besonders elastisches Angebot Steuer Steuer E E Abbildung 4-24: Überwälzung einer indirekten Steuer bei alternativen Kurvensteigungen 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 163 berücksichtigen, dass der Staat mit dem eingenommenen Geld ja wiederum als Nachfrager auftritt und selbst Güter nachfragt. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve verschiebt sich dadurch nach rechts, was tendenziell preissteigernde Wirkung hat. Zum andern werden durch die gebräuchlichste indirekte Steuer, nämlich die Mehrwertsteuer, (nahezu) alle Güter erfasst, so dass sich gleichzeitig auch sämtliche Substitutionsgüter verteuern und Ausweichreaktionen unterbleiben. Übung 4-8: Der Pizzapreis und seine Folgen Die Nachfrage nach Pizza in Mampfhausen besitzt die Form x = 8 – p. Das Pizzaangebot lautet x = 4p – 12. Das Gesundheitsamt in Mampfhausen beobachtet mit Sorge den hohen Pizzakonsum und führt eine Mengensteuer von 2,50 € je Pizza ein. a) Wie verändern sich hierdurch der Gleichgewichtspreis und die Gleichgewichtsmenge auf dem Pizzamarkt? b) Daraufhin veranstalten die Pizzabäcker eine Großkundgebung unter dem Motto „Rettet die Pizza und ihre Bäcker!“. Warum regen die sich so auf? Geben Sie den Pizzapreis an, den die Bäcker erhalten und interpretieren Sie das Ergebnis. Menge Menge Preis Preis Preis Menge Menge Preis Angebot mit und ohne Steuer Nachfrage Δp = 0 Δp = 0 Δp = t Δp = t Nachfrage Angebot ohne Steuer Angebot mit Steuer Nachfrage Angebot mit Steuer Angebot ohne Steuer Nachfrage Angebot ohne Steuern Angebot mit Steuern Keine Steuerüberwälzung Vollständige Steuerüberwälzung Steuer Steuer Steuer Abbildung 4-25: Keine oder vollständige Überwälzung einer indirekten Steuer 4 Einführung in die Mikroökonomie164 Lösung: a) Durch die Mengensteuer verschiebt sich die Angebotskurve nach oben. Am besten wird dazu die Angebots- und Nachfragekurve zunächst nach p aufgelöst: Nachfrage: x = 8 – p p = 8 – x Angebot: x = 4p – 12 p = 0,25x + 3 Durch die Einführung der Mengensteuer erhält man: p = 0,25x + 5,5 Errechnet man aus diesen Funktionen die Gleichgewichtswerte, so ergibt sich: vor Einführung der Abgabe: x* = 4 und p* = 4. nach Einführung der Abgabe: x* = 2 und p* = 6. b) Von diesem Preis erhalten die Pizzabäcker nur 3,5, denn die Differenz zum Marktpreis in Höhe von 2,5 muss an die Regierung von Mampfhausen abgeführt werden. Der Umsatz der Bäcker verringert sich also drastisch von 16 auf 7. Zwar verringert sich auch die Absatzmenge x von 4 auf 2, somit entstehen weniger variable Kosten. Es ist allerdings sehr fraglich, ob durch einen so niedrigen Umsatz die fixen Kosten noch gedeckt werden können – daher die Proteste der Pizzabäcker. Zu beachten ist dabei, dass die Regierung von Mampfhausen ihr Steuerungsziel durchaus erreicht: Der Konsum von Pizza schrumpft um die Hälfte. 4.4.1.2 Direkte Steuern und Einkommenstransfers Direkte Steuern knüpfen an der Einkommensentstehung an. Typische Vertreter sind die Lohn- und Einkommensteuer, aber auch die Körperschaftsteuer für Kapitalgesellschaften. Die Körperschaftsteuer knüpft am Einkommen, d. h. am Gewinn eines Unternehmens an. Durch solche Steuern werden daher die Einkommen der Wirtschaftssubjekte unmittelbar reduziert. Abbildung 4-26 zeigt, wie sich dadurch Marktnachfrage- und -angebot verändern. Wenig überraschend ist das linke Diagramm: Eine Lohn- und Einkommensteuer verringert das verfügbare Einkommen der Haushalte. Dadurch sinkt deren Konsumbudget und i. d. R. die Nachfrage nach Gütern ebenfalls. In Abschnitt 4.2.3.1 haben wir das verfügbare Einkommen als Lageparameter der Nachfragefunktion ja bereits kennen gelernt. Durch die Verschiebung der Nachfragekurve nach links bzw. unten sinken sowohl Gleichgewichtspreis wie auch Gleichgewichtsmenge. Analog dazu verschiebt sich die Nachfragekurve Preis Preis Menge Menge Angebot Nachfrage vor Steuer Nachfrage nach Steuer Nachfrage Angebot vor und nach Steuer Lohn- und Einkommensteuer Gewinnsteuer – kurze Frist Abbildung 4-26: Auswirkungen von Einkommens- und Gewinnsteuern auf Nachfrage und Angebot 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 165 nach rechts, wenn den nachfragenden Haushalten vom Staat Transfereinkommen gezahlt werden. Analog dazu könnte man erwarten, dass eine Gewinnsteuer die Lage der Angebotskurve verändert. Wie die rechte Graphik in Abbildung 4-26 zeigt, ist dies – zumindest kurzfristig – aber nicht der Fall! Der Grund dafür liegt darin, dass eine Gewinnsteuer eben nicht an der Produktion, sondern erst am Ergebnis der Geschäftstätigkeit ansetzt. Die Angebotskurve drückt aus, zu welchem (Mindest-)Preis die jeweiligen Angebotsmengen auf dem Markt verfügbar sind. Dieser geforderte Angebotspreis muss natürlich die Produktionskosten decken, die durch die Herstellung der angebotenen Güter entstehen. Genau die werden durch die direkte Steuer jedoch nicht beeinflusst. Langfristige Wirkung einer Gewinnsteuer Die Gewinnsteuer schneidet vielmehr vom möglichen Gewinn, d. h. von der Differenz zwischen Umsatz und Produktionskosten, einen bestimmten Betrag ab. Die Angebotsentscheidung selbst, d. h. die gewinnmaximale Angebotsmenge bei gegebenem Preis, wird von der Steuer nicht beeinflusst. Langfristig reduziert eine Gewinnsteuer daher möglicherweise die Zahl der Anbieter, denn für solche Unternehmen, die sich vor Einführung der Steuer gerade noch über Wasser halten konnten, ist der Betrieb des Geschäfts mit einem um die Steuer reduzierten Unternehmensgewinn vielleicht nicht mehr rentabel. Durch das Verschwinden solcher Grenzanbieter könnte sich die Angebotskurve letztendlich doch nach links bzw. oben verschieben. Menge Gewinn Kapazitätsgrenze Gewinn- Maximum gewinnmaximale Angebotsmenge vor UND nach der Gewinnsteuer Break even Gewinn nach Steuer Gewinn vor Steuer Abbildung 4-27: Auswirkung einer Gewinnsteuer auf die Angebotsentscheidung 4 Einführung in die Mikroökonomie166 4.4.2 Preis- und Mengenfixierungen Im Gegensatz zu Steuern und Subventionen, die die Marktentscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte zwar beeinflussen, die Entscheidungsfreiheit über Preis und Menge jedoch nicht antasten, machen staatliche Festlegungen von bestimmten Preisen und/oder Mengen den Marktmechanismus zunichte. Die beiden wesentlichen Variablen des Marktes werden selbst zu wirtschaftspolitischen Parametern und hoheitlich vorgegeben. Eine solche Wirtschaftspolitik ist mit der Wirtschaftsform einer Marktwirtschaft nicht mehr vereinbar und dürfte aus ordnungspolitischer Sicht auch in Sozialen Marktwirtschaften eigentlich nicht vorkommen. Dennoch trifft man auch dort in teilweise großen Ausnahmebereichen solche systemwidrigen Eingriffe des Staates an. Staatliche Preisfestsetzungen dienen dazu, den Gleichgewichtspreis entweder nach unten (Höchstpreis) oder nach oben (Mindestpreis) zu korrigieren. Höchstpreise sollen die Nachfrager, Mindestpreise die Anbieter schützen. Es lässt sich jedoch zeigen, dass in beiden Fällen gravierende Nachteile für die Volkswirtschaft als Ganze resultieren. Preisfestsetzungen lassen sich ökonomisch daher höchstens als vorübergehende Maßnahme zur Bewältigung besonderer Krisensituationen rechtfertigen. 4.4.2.1 Höchstpreise Ein staatlich festgesetzter Höchstpreis ist nur dann sinnvoll und wirksam, wenn er unter dem Gleichgewichtspreis liegt und so den Marktpreis nach oben begrenzt. Er hat meist sozialpolitische Gründe und tritt i. d. R. bei lebensnotwendigen Gütern des täglichen Bedarfs, wie z. B. bei Lebensmitteln oder Wohnraummieten, auf. Wenn der Gleichgewichtspreis aufgrund bestimmter wirtschaftlicher Mangellagen so hoch ist, dass sich große Teile der Bevölkerung das betreffende Gut nicht mehr leisten können, nehmen insbesondere die Regierungen von Entwicklungsländern immer noch häufig Zuflucht zu Höchstpreisverordnungen. Mit einer solchen Maßnahme sind allerdings gravierende Probleme verbunden. Durch die Preisfestsetzung entsteht zunächst ein Marktungleichgewicht, nämlich eine Überschussnachfrage (Strecke AB in Abbildung 4-28). Wie wir bereits in Abschnitt 4.2.2 Marktpreis Höchstpreis Preis Menge Angebot Nachfrage A B G xA xB xG Nachfrage- überschuss Abbildung 4-28: Höchstpreissetzung 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 167 festgestellt haben, setzt sich im Marktungleichgewicht jedoch immer nur die kürzere Marktseite, in diesem Fall also das Angebot durch. Realisiert wird daher der Punkt A mit der Menge xA, welche noch kleiner ist als die ohnehin als unbefriedigend wahrgenommene Gleichgewichtsmenge xG. Die Höchstpreissetzung verschärft also erst einmal die Mangellage anstatt sie zu verbessern. Diese preispolitische Maßnahme muss daher stets durch eine mengenpolitische ergänzt werden, wenn sie wirksam sein soll. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Rationierung Eine häufig angewandte Methode, mit Mangel umzugehen, ist die Rationierung. Insbesondere in Zeiten extremer Notlagen, wie z. B. bei Kriegen oder großen Naturkatastrophen, kann die Regierung dazu übergehen, die wenigen verfügbaren Güter direkt den Verbrauchern zuzuteilen. Dies funktioniert meist über die Ausgabe von Bezugsscheinen, die im Laden beim Erwerb des Gutes vorzulegen sind. In diesem Fall wird also nicht etwa die Marktversorgung verbessert, sondern lediglich der Mangel staatlich verwaltet. In Zeiten staatlicher Rationierung funktioniert allerdings ein Sektor des privaten Marktes besonders gut: der Schwarzmarkt! Da durch die staatliche Preiskontrolle einerseits die Erlössituation und damit die Gewinnchancen privater Anbieter massiv beschränkt werden, andererseits aber stets auch kaufkräftige Nachfrager vorhanden sind, die gerne höhere als die staatlich vorgegeben Preise für das Gut x bezahlen würden, entsteht hinter dem offiziellen sehr schnell ein illegaler, „schwarzer“ Markt. Der Schwarzmarktpreis liegt i. d. R. deutlich über dem Marktpreis, der sich ohne staatliche Kontrolle einstellen würde, da eine Risikoprämie als Ausgleich für die Gefahr der staatlichen Strafverfolgung und Sanktionierung gezahlt werden muss. Der Schwarzmarkt sorgt dafür, dass das private Angebot auf dem offiziellen Markt umso stärker zurückgeht und verschärft somit die Versorgungslage für wirtschaftlich Schwache. Gleichzeitig entstehen dem Staat durch die notwendigen Kontroll- und Sanktionsmaßnahmen für Schwarzhändler beträchtliche Kosten, die weiter zur Ineffizienz der staatlichen Preispolitik beitragen. Praxisbeispiel 4-5: Ludwig Erhard und die Aufhebung der Preisbindung Bezugsscheine für Lebensmittel gab es auch im Nachkriegsdeutschland bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948. In Deutschland herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln. Wenn überhaupt, so gab es Konsumgüter billig und nur auf Bezugsschein. Die damalige Währung, die Reichsmark, war hoch inflationär und wurde auf dem Schwarzmarkt durch Realtauschgeschäfte oder die Zigarettenwährung ersetzt. Da der Handel aufgrund der rigiden Höchstpreisverordnungen der Alliierten seine Waren praktisch verschenken musste, gelangten immer weniger Waren in die Regale der Läden und immer mehr auf den Schwarzmarkt. Ludwig Erhard war damals als Direktor der „Verwaltung für Wirtschaft“ im besetzten Deutschland für die Wirtschaftspolitik der westlichen Besatzungszonen verantwortlich. Einen Tag vor der Währungsreform ließ er über den Rundfunk verkünden, dass Zwangsbewirtschaftung und Preisbildung mit sofortiger Wirkung aufgehoben seien. Diesen Schritt hatte er nicht mit der alliierten Militärregierung abgesprochen. Als ihm der amerikanische Militär-Gouverneur Lucius Clay tags darauf vorwarf, er habe mit diesem Schritt eigenmächtig die Vorschriften des alliierten Besatzungsrechts verändert, antwortete Erhard „Ich habe sie nicht verändert, ich habe sie abgeschafft!“ Tags darauf waren die Schaufenster voll von Waren, die zuvor nur unter dem Ladentisch illegal den Besitzer gewechselt hatten. Mit dem neuen Geld und einem funktionierenden Preismechanismus war die Voraussetzung für den Nachkriegsaufschwung Deutschlands geschaffen worden. Heute gilt Ludwig Erhards mutige Entscheidung als Grundstein des deutschen Wirtschaftswunders. 4 Einführung in die Mikroökonomie168 Staatliche Eigenproduktion Wenn jedoch tatsächlich die Marktversorgung in Punkt B von Abbildung 4-28 realisiert werden soll, muss der Staat die Angebotslücke in Höhe von AB, die die privaten Anbieter offen lassen, durch eigene Produktion schließen. Abgesehen von der i. d. R. geringeren Produktivität und Effizienz öffentlicher Unternehmen ist dieses Unterfangen wesentlich teurer als im Falle freier Preise. Würde man nämlich den Gleichgewichtspreis tatsächlich zulassen, so müsste nur die Lücke zwischen xG und xB geschlossen werden. Durch den Höchstpreis werden nämlich auch zahlreiche Verbraucher begünstigt, die sehr wohl willens und in der Lage wären, den Gleichgewichtspreis zu bezahlen. Hinzu kommt, dass durch die Höchstpreissetzung langfristig das private Angebot eher noch weiter zurückgehen wird, da Gewinnaussichten schwinden. Die private Angebotslücke bleibt also nicht nur auf Dauer bestehen, sie wird sogar größer – das Füllen der Lücke für den Staat somit immer teurer. Je großzügiger der Staat den privaten Nachfragern Zugriff auf die staatlich verbilligten Güter gestattet, desto stärker wird das private Angebot zurückweichen und im Extremfall vollständig verschwinden, denn wer würde schon freiwillig ein Gut auf dem privaten Markt hoch bezahlen, wenn er ein gleichwertiges vom Staat wesentlich günstiger bekommen kann. Die Fokussierung des staatlichen Ersatzangebotes auf die einkommensschwache Zielgruppe ist für die Wirksamkeit der Maßnahme also essentiell. Praxisbeispiel 4-6: Sozialer Wohnungsbau Ein Beispiel dafür finden wir häufig im Wohnungsbau, wo der Staat durch selbst erstellte Sozialwohnungen v. a. in den Ballungsgebieten und großen Städten eine ausreichende Wohnraumversorgung sicherstellen will. Da Wohnraum zu den lebensnotwendigen Gütern zu zählen ist, scheint es aus sozialpolitischen Gründen sinnvoll, einkommensschwache Haushalte in Ballungsgebieten, auf deren Wohnungsmärkten hohe Nachfrageüberschüsse zu ständig steigenden Mietpreisen führen, durch eine Preisbindung der Mieten zu schützen. Aus ökonomischer Sicht erweist sich eine solche Maßnahme allerdings als nicht unbedingt zielführend. Die Menge xB bezeichnet den vom Staat gewünschten Versorgungsgrad mit Mietwohnraum. Die Mietobergrenze legt den Preis für Mietwohnraum fest, der der Zahlungsbereitschaft (bzw. Zahlungsfähigkeit) der Nachfrager für diesen Versorgungsgrad entspricht. Das Angebot bleibt bei diesem Preis jedoch weit hinter der Nachfrage zurück und beträgt lediglich xA. Bei Einführung der Mietobergrenze beträgt der Nachfrageüberschuss daher xB – xA. Im Laufe der Zeit reduziert sich das private Wohnungsangebot jedoch weiter: Die Mietobergrenze beschneidet die Rentabilität privater Wohnungsbautätigkeit im Vergleich zu anderen, nicht staatlich regulierten Investitionsmöglichkeiten. Der Neubau von Mietwohnungen geht zurück, Renovierungsmaßnahmen am Wohnraumbestand unterbleiben, so dass auch die Qualität des vorhandenen Angebots abnimmt. Die Angebotskurve dreht sich daher nach rechts und wird flacher28. Langfristig wird die Lücke zwischen privatem Angebot und Nachfrage also xB – xA* betragen. Die Wohnungsnot wird demnach größer anstatt kleiner. Dadurch steigen natürlich auch die Anforderungen an den Staat, der die Wohnungslücke mit Sozialwohnungen auffüllen muss. Würde er auf eine Deckelung der Mieten verzichten, dann wäre die Lücke nur xB – xG groß und es müssten weitaus weniger Sozialwohnungen zur Verfügung gestellt werden. Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Sozialwohnungen sollen ein Angebot für einkommensschwache Familien sein. Das bedeutet, die öffentliche Verwaltung muss dafür sorgen, dass tatsächlich nur solche in den Genuss einer staatlich subventionierten Wohnung kommen. Ein solches Vergabeverfahren verursacht Kosten, die die staatliche Wohnungsfürsorge weiter verteuern. 28 Vgl. Abschnitt 4.3.2.3. „Determinanten direkter Preiselastizitäten“. 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 169 Eine entsprechende Einkommensprüfung darf allerdings nicht nur bei Einzug in die Wohnung erfolgen, sondern muss konsequenterweise während der gesamten Nutzungsdauer stattfinden. Streng genommen müssten Familien, die im Laufe der Zeit die förderungswürdigen Einkommensgrenzen übersteigen, aus der Sozialwohnung ausziehen, da sonst eine Fehlbelegung resultieren würde. Manche Kommunen halten dies jedoch für nicht zumutbar und erheben stattdessen von solchen Mietern eine sog. Fehlbelegungsabgabe, deren Höhe vom individuellen Einkommen des Mieters und der jeweiligen Vergleichsmiete in der betreffenden Kommune abhängt. Die Höhe einer solchen Fehlbelegungsabgabe muss also jährlich überprüft und ggf. neu berechnet werden. Der Aufwand für diese Verwaltungsprozedur ist daher beträchtlich! Staatliche Importe Einen ähnlichen Effekt hat der Versuch, das fehlende private Angebot durch staatliche Importe zu ersetzen. Auch hier ist der Staat gefordert, denn die privaten Unternehmen haben wegen der Höchstpreissetzung keinerlei Anreiz, die Angebotslücke zu füllen, sei es mit eigenen oder mit importierten Produkten. Wiederum erweist sich diese Lösung als sehr teuer für den Staat, denn grundsätzlich stellen sich dieselben Probleme ein wie im Fall staatlicher Eigenproduktion: ein langfristiger Rückgang des privaten Angebotes und die Schwierigkeit, die staatlichen Leistungen auf die Zielgruppe, nämlich die einkommensschwachen Bürger zu fokussieren. Bei einer Importlösung kommt jedoch noch eine weitere Schwierigkeit hinzu, nämlich die Notwendigkeit, die zur Bezahlung der Importgüter notwendigen Devisen zu beschaffen. Devisen erhält ein Land entweder durch den Export eigener Produkte oder durch die Aufnahme von Krediten aus dem Ausland. Häufig handelt es sich bei den Ländern, die zu derart drastischen Maßnahmen wie einer Höchstpreissetzung – meist für Lebensmittel – greifen, um Entwicklungsländer, die ohnehin häufig ein Außenhandelsdefizit aufweisen, da sie über Marktmiete Mietobergrenze Preis Menge Angebot kurzfristig Nachfrage A B G xA xB xG Angebot* langfristig A* xA* AL = Angebotslücke kurzfristig AL* = Angebotslücke langfristig AL AL* Abbildung 4-29: Langfristige Effekte einer Mietpreisbindung auf privaten Wohnungsmärkten 4 Einführung in die Mikroökonomie170 wenige weltmarktfähige Produkte verfügen und nur unzureichend in die internationale Arbeitsteilung eingebunden sind. Durch die Höchstpreissetzung verstärkt sich der Importsog und die Devisenknappheit nimmt zu. Das Land muss früher oder später seine Lebensmittelimporte mit Auslandskrediten finanzieren; jedoch besteht dabei keinerlei Aussicht auf eine Besserung der Situation, da sich das Ungleichgewicht ja beständig vergrößert. Dadurch leidet die internationale Kreditwürdigkeit des Landes, private Kreditgeber ziehen sich zurück und das Land muss verstärkt Kredite internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank oder des IWF in Anspruch nehmen. Letztere sind wiederum meistens mit gewissen Auflagen für die Wirtschaftspolitik eines Landes verbunden; der IWF knüpfte in der Vergangenheit seine Kreditzusagen z. B. häufig an die Aufhebung bestehender subventionierter Höchstpreise, da sich die Spirale aus Unterversorgung und Auslandsverschuldung anders nicht durchbrechen lässt. Diese wiederum führte in den betroffenen Ländern nicht selten zu sozialen Unruhen, gewalttätigen Protesten und einer Bedrohung für die betreffenden Regierungen. Praxisbeispiel 4-7: Brot für Ägypten Ägypten subventioniert seit langem eine ganze Reihe von Grundnahrungsmitteln sowie andere lebensnotwendige Güter wie z. B. Energie. Ein ägyptisches Fladenbrot kostete lange Jahre hindurch einen, dann zwei Piaster, seit weit über 10 Jahren liegt sein staatlich festgesetzter Preis bei 10 Piastern, das entspricht im Jahr 2013 in etwa einem Euro-Cent. Die Kosten, die dem ägyptischen Staat durch diese Art von „Sozialpolitik“ entstehen, entsprachen in der Vergangenheit in etwa den jährlichen Einnahmen aus dem Suezkanal. Der IWF hat im Zuge der Umschuldungsverhandlungen von der ägyptischen Regierung wiederholt deutliche Kürzungen bei den Nahrungsmittelsubventionen gefordert, da hiermit insbesondere folgende Probleme verbunden sind: • „Das Subventionssystem ist zu einer enormen Belastung der Staatshaushalte geworden; • von allgemein subventionierten Gütern profitieren in der Regel breite Bevölkerungskreise; eine genaue Allokation der Subventionen auf die arme Bevölkerung ist im Rahmen der bestehenden Systeme nicht möglich; • die Subventionen haben zu teilweise gravierenden Marktverzerrungen geführt, die Fehlallokationen und Verschwendung gefördert haben.“29 Der Versuch einer Aufhebung der Preisbindung von Brot hatte allerdings bereits zu Sadats Regierungszeit zu blutigen Unruhen mit Hunderten von Toten geführt. In der Tat besteht jedoch ein Hauptproblem der allgemeinen Preisbindung darin, dass alle ägyptischen Bürger – auch die zahlungskräftigen – in den Genuss der staatlichen Subvention kommen. Da während der ca. 15 Jahre, in denen der Brotpreis bei 10 Piastern lag, hohe Inflation herrschte, ist Brot mittlerweile im Verhältnis zu anderen, nicht subventionierten Gütern sehr billig. Wer heute durch die Stra- ßen von Cairo geht, wird feststellen, dass Brot zu Hauf im Abfall landet und dort nicht nur die streunenden Hunde, sondern auch Myriaden von Ratten ernährt, sowie in Ergänzung oder als Ersatz für teures Grünfutter als Nahrungsmittel für Esel Verwendung findet. Für welche der geschilderten Varianten auch immer der Staat sich entscheidet: Das Grundproblem, nämlich den Mangel an privatwirtschaftlichem Angebot, kann er auf diese Weise nicht beheben. Eine Höchstpreissetzung führt niemals zu einer nachhaltigen Verbesserung der Marktversorgung, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit zu deren Verschlechterung, was ein immer umfangreicheres und damit auch teureres Eingreifen des Staates erforderlich macht. 29 Weidnitzer, E. (1998), Fundstelle im Internet: http://www.die-gdi.de/, Stand 15.03.2007. 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 171 4.4.2.2 Mindestpreise Analog zu Höchstpreisen dienen Mindestpreise dem Anbieterschutz. Sie sind nur wirksam, wenn sie oberhalb des Gleichgewichtspreises festgesetzt werden. Mindestpreise sollen verhindern, dass die Anbieter einer bestimmten Branche vom Markt verschwinden. Diese Gefahr entsteht immer dann, wenn z. B. infolge internationalen Wettbewerbs der (Welt-)Marktpreis auf ein Niveau sinkt, das unter den Produktionspreisen im Inland liegt. Die inländischen Anbieter würden nacheinander vom Markt verschwinden und die Arbeitsplätze dieser Branche ins Ausland wandern. Die Folge wäre strukturelle30 Arbeitslosigkeit im Inland sowie eine steigende wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland. Wenn es sich dabei um eine Schlüsselbranche der Volkswirtschaft handelt, beschließt der Staat möglicherweise, diese durch die Vorgabe von Mindestpreisen zu erhalten. Da meist der internationale Wettbewerb für den unerwünschten Preisverfall verantwortlich ist, geht die Mindestpreissetzung fast immer mit außenhandelspolitischen Maßnahmen, wie der Erhebung von Zöllen (bei Sachgütern) oder der Einschränkung der Freizügigkeit von Arbeitskräften (bei Dienstleistungen) einher. Die Preisfestsetzung führt in diesem Fall zu einem Angebotsüberschuss (Strecke AB in Abbildung 4-30). Analog zur Situation bei Höchstpreisen wird auch hier die kürzere Marktseite, d. h. heißt der Punkt A realisiert: Die Nachfrager sind nicht bereit, zu dem vorgegebenen hohen Preis die gesamte angebotene Menge xB zu kaufen. Würde sich die Regierung darauf beschränken, nur den Preis festzusetzen und dessen Einhaltung zu überwachen, dann würden die Anbieter auf der Menge xB – xA sitzen bleiben. Sie würden mittelfristig ihr Angebot reduzieren und – je nach der Größe der Nachfragelücke – ihre Produktion einstellen und vom Markt gehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden sie versuchen, ihre Waren illegal und entgegen der staatlichen Vorgabe zu niedrigeren 30 Unter struktureller Arbeitslosigkeit versteht man, dass die Qualifikation der Arbeitssuchenden nicht auf die Qualifikationsanforderungen der vorhandenen Arbeitsplätze passt. Marktpreis Mindestpreis Preis Menge Angebot Nachfrage Angebotsüberschuss A B G xA xB xG Abbildung 4-30: Mindestpreissetzung 4 Einführung in die Mikroökonomie172 Preisen an die Nachfrager zu verkaufen. Der Staat müsste analog zum Schwarzmarkt bei Höchstpreisen fortwährend das Marktgeschehen kontrollieren und Zuwiderhandlungen bestrafen. Die beabsichtigte Schutzwirkung tritt also auch hier nur dann ein, wenn der Staat gleichzeitig eine mengenpolitische Maßnahme beschließt und dafür sorgt, dass der Angebots- überschuss zum vorgegebenen Preis auch tatsächlich abgenommen wird. Auch dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Staatliche Abnahmeverpflichtung Die Regierung könnte z. B. bestimmte Nachfrager dazu verpflichten, die inländischen Waren trotz ihres hohen Preises zu kaufen, d. h. Konsumzwang ausüben. Dies ist sicherlich nicht ohne weiteres auf den großen Konsumgütermärkten durchzuführen, aber auf industriellen Märkten, zumal wenn sie einer staatlichen Regulierung unterliegen, durchaus anzutreffen. Praxisbeispiel 4-8: Der Jahrhundertvertrag Es gibt gerade in Deutschland ein prominentes Beispiel für ein solches Vorgehen und zwar im Energiesektor. Bereits in den fünfziger Jahren, der Zeit der Gründung der Montanunion, zeichnete sich ab, dass die deutsche Steinkohle im Begriff war, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Sie stand zunehmend in Konkurrenz zum damals noch billig und reichlich fließenden Erdöl sowie zur deutlich billigeren Import-Steinkohle. Von den ca. 600.000 Arbeitsplätzen im Kohlebergbau im Jahr 1957 gab es 10 Jahre später nur noch etwa ein Drittel. Um den Fortbestand des deutschen Steinkohlebergbaus zu sichern verabschiedete der Bundestag ab Mitte 1965 drei Gesetze, die die weitere Verstromung deutscher Steinkohle sicherstellen sollten, obwohl diese das ca. Vierfache von Importkohle gleicher Qualität kostete. Mit dem dritten Verstromungsgesetz von 1974 wurde der mittlerweile als verfassungswidrig eingestufte und wieder abgeschaffte „Kohlepfennig“ als Aufschlag auf den Strompreis eingeführt, der die enormen Kosten der Kohleverstromung auffangen sollte. Im Jahr 1980 schließlich verpflichtete sich die deutsche Elektrizitätswirtschaft im sog. Jahrhundertvertrag, eine im Abstand von fünf Jahren jeweils steigende Menge an deutscher Steinkohle zu verstromen. Der Strompreis stieg daraufhin weiter an, da der Kohlepfennig nur etwa zwei Drittel der entstehenden Mehrkosten deckte. Unter dem Druck der europäischen Kommission, die v. a. seit Gründung der Europäischen Union die Liberalisierung und Privatisierung der europäischen Energiemärkte vorantreiben möchte, sowie dem Karlsruher Urteil über die Verfassungswidrigkeit des Kohlepfennigs, werden die Steinkohlesubventionen inzwischen schrittweise abgebaut. Nach dem Beschluss vom 7. Februar 2007 sollen sie bis zum Jahr 2018 vollständig auslaufen. Staatliche Abnahmegarantie Eine einfachere und auch häufiger praktizierte Möglichkeit besteht darin, die Angebots- überschüsse direkt aufzukaufen und auf diese Weise vom Markt zu nehmen. Bietet die Regierung eine solche staatliche Abnahmegarantie jedoch uneingeschränkt an, so wird die Angebotskurve immer flacher und schließlich waagerecht verlaufen, denn durch die fortwährende Produktion der preisgeschützten Waren und den anschließenden Verkauf an den Staat könnte jeder Anbieter risikolos einen beliebig hohen Umsatz generieren. Wie leicht zu erkennen ist, bedeutet auch diese Maßnahme eine hohe finanzielle Belastung für den Staat, denn was soll er mit den Überschüssen anfangen? 4.4 Staatliche Eingriffe in den Markt 173 • Wenn die Aussicht besteht, dass die private Überproduktion in absehbarer Zeit abgebaut werden kann, macht es Sinn, die aufgekauften Waren in staatlichen Lagern aufzubewahren, um sie später auf dem dann wieder aufnahmefähigen Markt zu verkaufen. Darauf besteht allerdings kaum Aussicht, wenn nicht aktiv gleichzeitig etwas zur Eindämmung der Überproduktion unternommen wird. Die staatliche Preis- und Abnahmegarantie bewirken jedenfalls zunächst das Gegenteil. • Eine weitere, radikale Möglichkeit besteht in der Vernichtung der Überschüsse. Diese drastische Maßnahme stellt eine offensichtliche Vergeudung volkswirtschaftlicher Ressourcen und eine starke Belastung des Staatsbudgets dar, da die Überschüsse nicht nur teuer erworben werden müssen, sondern deren Vernichtung zusätzliche Kosten verursacht. • Der Staat könnte ferner versuchen, die Waren auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Auch diese Variante kostet viel Geld, denn auf dem Weltmarkt kann nur ein wesentlich geringerer Preis erlöst werden als aufgrund der Preisgarantie dafür bezahlt werden musste. Dies gilt umso mehr, wenn die Güter – etwa im Rahmen eines Entwicklungshilfeabkommens – an das Ausland gespendet werden. In diesem Fall müssen zusätzlich die möglichen zerstörerischen Wirkungen im Empfängerland berücksichtig werden: Warengeschenke haben einen Preis von Null. Damit kann kein noch so günstiger Anbieter des Empfängerlandes konkurrieren. Wir müssen also feststellen, dass Mindestpreise ebenso wenig wie Höchstpreise in einer Marktwirtschaft dauerhaft durchgehalten werden können. Sie verursachen eine Verstärkung des Ungleichgewichts, zu dessen Bekämpfung sie eingeführt worden sind, und belasten somit dauerhaft und zunehmend das Staatsbudget. Der beabsichtigte sozial- oder struktur- bzw. industriepolitische Zweck, nämlich ein stabiler Nachfrager- oder Anbieterschutz wird nicht erreicht. Praxisbeispiel 4-9: Der tarifgebundene Arbeitsmarkt Auf einem wichtigen volkswirtschaftlichen Markt sind auch in Deutschland die Auswirkungen von Mindestpreisen zu beobachten, nämlich auf dem Arbeitsmarkt. In Deutschland werden die Lohnniveaus durch autonome Tarifverhandlungen zwischen den beiden Tarifvertragsparteien, den Arbeitgeberverbänden einerseits und den Gewerkschaften andererseits, festgelegt. Die Tarifabschlüsse in Form von Flächentarifverträgen sind für alle tarifgebundenen Unternehmen einer Branche verbindlich. Seit den siebziger Jahren hat sich im Zuge der Globalisierung und Technisierung der Märkte die Arbeitswelt entscheidend verändert. Der internationale Handel sowie der schnellere technische Fortschritt beschleunigen einerseits den strukturellen Wandel und machen die Arbeitsnachfrage volatiler, reduzieren aber gleichzeitig auch in den hoch entwickelten Industrieländern die Nachfrage nach einfacher Arbeit drastisch. Dies macht ebenso flexible sektorale, regionale und qualifikatorische Lohnstrukturen notwendig, wie sie nur durch stärker dezentrale, betriebsnahe Tarifabschlüsse möglich wären. Stattdessen zielt insbesondere die Lohnpolitik der Gewerkschaften weiterhin auf die Beibehaltung des Flächentarifvertrags sowie auf eine weitere Reduzierung der Lohnspreizung31 durch einseitige Anhebung insbesondere der untersten Lohngruppen mit dem Argument, dass auch diesen Lohngruppen ein existenzsicherndes Einkommen garantiert sein müsse. Der Marktwert nicht-qualifizierter Arbeit liegt jedoch häufig darunter, so dass der Tariflohn für diesen Teil des Arbeitsmarktes wie ein Mindestlohn wirkt32. Hinzu kommt, dass das soziale Existenzminimum in Deutschland durch das Sozialhilfesystem jedem Bürger garantiert 31 Lohnspreizung bezeichnet den Abstand zwischen der obersten und der untersten Tarifgruppe. 32 Zu den Auswirkungen von Mindestlöhnen vgl. auch die sehr gute Darstellung bei Samuelson, P.A., Nordhaus, W.D. (2005), S. 117 ff. 4 Einführung in die Mikroökonomie174 wird. Durch hohe Transferentzugsraten33 wird die Arbeitsaufnahme eines Sozialhilfeempfängers de facto bestraft. Arbeitsplätze für Tätigkeiten, deren Marktwert unter dem Sozialhilfesatz liegt, entstehen gar nicht erst. Damit zieht der Sozialstaat eine faktische Untergrenze in das Tarifgefüge ein, unter dem sich eine Arbeitsaufnahme auf keinen Fall lohnt. Wie jeder Mindestpreis führt auch der Mindestlohn zu Angebotsüberschüssen und genau wie bei anderen Mindestpreisen auch müsste diejenige Institution, die den Mindestlohn setzt – das sind auf dem Arbeitsmarkt die Tarifvertragsparteien – für die Beseitigung der Angebotsüberschüsse, also die Arbeitslosen, sorgen. Dazu sind diese jedoch nicht bereit. „Sie versuchen vielmehr, Teile der Lasten auf Dritte, zumeist auf den (Sozial-)Staat abzuwälzen, also die Lasten zu sozialisieren. Die Flächentarife helfen den Tarifpartnern, einen Teil der Lasten zu externalisieren. Das erste Opfer dieser Strategie ist der Sozialstaat. Vor allem die Arbeitslosenversicherung leidet darunter. …Der Staat hilft, erhebliche Teile der Anpassungslasten zu sozialisieren und unterstützt das marktwidrige Verhalten der Tarifpartner noch auf eine andere Art und Weise: Er subventioniert seit langem nicht nur einzelne Not leidend gewordene Unternehmungen, sondern auch ganze Branchen, die ihre Zukunft längst hinter sich haben.“34 Wie stets, wenn der Staat oder andere Institutionen korrigierend in das Marktgeschehen eingreifen, zieht also auch hier eine Maßnahme zahlreiche andere nach sich, was das Ausmaß der Verzerrung sowie der Fehlallokation immer weiter erhöht. 33 Das bedeutet, dass Arbeitseinkommen abgesehen von unbedeutenden Freibeträgen praktisch zu 100 % die Sozialhilfe vermindert. 34 Berthold, N. (1999), S. 2. 5 Theorie des Haushalts Lehrziele: In diesem Kapitel soll untersucht werden, welche Faktoren die Güternachfrage eines Haushalts bestimmen und wie sich der Zusammenhang zwischen den Nachfragemengen eines Gutes und seinem Preis begründen lässt. Dabei gehen wir in den folgenden Schritten vor: Ausgehend von der Zielsetzung eines Haushalts, mit den vorhandenen Mitteln ein größtmögliches Maß an Bedürfnisbefriedigung zu erlangen, wird mit den Indifferenzkurven ein analytisches Instrument entwickelt, das es erlaubt, die individuelle Präferenzordnung eines Haushalts abzubilden. In der Bilanzgeraden, die von den Güterpreisen und dem Einkommen des Haushalts bestimmt ist, lässt sich der Raum realisierbarer Güterbündel abgrenzen, aus denen der Haushalt dasjenige auswählt, dass ihm den größtmöglichen Nutzen stiftet. In einem dritten Schritt wird untersucht, wie sich der optimale Konsumplan und damit die Nachfrage nach einem Gut ändern, wenn sich das Einkommen oder die Güterpreise ändern. Dabei erweisen sich die Konzepte der Elastizitäten als hilfreich, um Güter und Güterbeziehungen zu charakterisieren. Kapitelübersicht 5.1 Wirtschaftlichen Entscheidungen eines Haushalts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 5.2 Die Entscheidungssituation des Haushalts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 5.2.1 Zielsetzungen und Verhaltensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 5.2.2 Weitere Elemente des Wirtschaftsplans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 5.3 Die Güternachfrage des Haushalts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 5.3.1 Gesamtnutzen und Grenznutzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 5.3.2 Präferenzordnung und Indifferenzkurven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 5.3.3 Konsummöglichkeiten und Budgetgerade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 5.3.4 Optimaler Konsumplan und individuelle Güternachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 5.3.5 Güternachfrage und Einkommensänderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 5.3.6 Preisänderungen und Güternachfrage. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 5.3.7 Individuelle Nachfragekurve und Marktnachfrage. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 5.3.8 Sozialeffekte des Konsums – Netzwerkexternalitäten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 5.3.9 Anwendungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.