1 Was ist Volkswirtschaftslehre? in:

Sibylle Brunner, Karl Kehrle

Volkswirtschaftslehre, page 12 - 17

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4769-9, ISBN online: 978-3-8006-4770-5, https://doi.org/10.15358/9783800647705_12

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Teil I: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre Was ist Volkswirtschaftslehre? Warum muss sich ein angehender Betriebswirt überhaupt damit abgeben? Diese Fragen schweben sicherlich gar manchen Lesern im Kopf herum, wenn sie sich nolens volens mit diesem Lehrbuch an ihren Schreibtisch setzen und versuchen, mit dessen Hilfe den Stoff der Vorlesung Volkswirtschaftslehre 1 oder 2 nachzuarbeiten. Warum sollte sich ein Betriebswirt mit Volkswirtschaft beschäftigen? Betriebswirte sind in der Regel praktisch veranlagte Menschen. Sie haben sich für ihr Studium entschieden, weil sie lernen wollen, ein Unternehmen zu führen. Dazu gehört die Beherrschung des Rechnungswesens, die Kenntnis der für den Betrieb eines Unternehmens relevanten Rechtsnormen, Fertigkeiten im Bereich der Personalführung und des Marketing u.v.m. Aber gehört dazu tatsächlich auch die Fähigkeit, mit volkswirtschaftlichen Theorien umzugehen, in abstrakten Modellen den Marktmechanismus zu ergründen und die Wirkungsweise von Geld- und Fiskalpolitik zu erklären? Der Leser ahnt die Antwort: Ja! Jedes Unternehmen und nicht nur das, auch jeder private Haushalt wird tagtäglich mit volkswirtschaftlichen Fragestellungen konfrontiert: • Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins um 25 Basispunkte erhöht. Was bedeutet das konkret für mein Unternehmen? Betrifft mich das überhaupt? • Die Mehrwertsteuer wird um 3 %-Punkte erhöht. Wird jetzt alles um 3 % teurer? • Der Dollar ist gestiegen. Was heißt das für meinen geplanten USA-Urlaub? Sollte ich lieber umbuchen? • Der Ölpreis schwankt, die Preisprognosen verheißen nichts Gutes. Hat das irgendwas mit meinem Aktienportfolio zu tun? • Die Bundesregierung beschließt Lockerungen beim Kündigungsschutz. Ist das für mich als Arbeitslosen gut oder schlecht? Politiker unterschiedlicher Couleur behaupten beides. • … Sollte ein Staatsbürger – und Wähler! – nicht in der Lage sein, den Wahrheitsgehalt politischer Wahlaussagen zu wirtschaftlichen Themen zu beurteilen? Sollte ein Unternehmer nicht wenigstens in der Lage sein, derartige Meldungen aus dem Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung zu verstehen und die Konsequenzen der berichteten Ereignisse auf sein Unternehmen abzuschätzen? Um solche Zeitungsmeldungen interpretieren zu können, bedarf es jedoch eines gewissen Grundverständnisses vom wirtschaftlichen Gesamtmechanismus, in dem Größen wie Zinssätze, Steuern, Wechselkurse oder Arbeitslosenquoten wie Zahnrädchen ineinander greifen und zusammenwirken. Die Beschreibung und Erklärung genau dieses Gesamtme- 1 Was ist Volkswirtschaftslehre? 31 Was ist Volkswirtschaftslehre? chanismus ist Gegenstand der Volkswirtschaftslehre oder, wie man sie früher nannte, der Nationalökonomie. Doch dies ist keine triviale Aufgabe, wie folgendes Zitat aus berufenem Munde zeigt: „Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da. Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten. Eine wichtige Rolle im Handel spielt der Export. Export ist, wenn die andern kaufen sollen, was wir nicht kaufen können; auch ist es unpatriotisch, fremde Waren zu kaufen, daher muss das Ausland einheimische, also deutsche Waren konsumieren, weil wir sonst nicht konkurrenzfähig sind. Weil billiger Weizen ungesund und lange nicht so bekömmlich ist wie teurer Roggen, haben wir den Schutzzoll, der den Zoll schützt sowie auch die deutsche Landwirtschaft. Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt, auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. „Stützungsaktion“, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen.“1 Angesichts der aktuellen politischen Stammtischdiskussionen, die teilweise große Ähnlichkeit mit diesen Worten aufweisen, ist kaum zu glauben, dass der Text bereits gute 80 Jahre alt ist. Bedauerlicherweise scheint der Fortschritt der volkswirtschaftlichen Forschungen noch nicht sehr weit ins Bewusstsein der Bevölkerung eingedrungen zu sein. Dabei liegt die Geburtsstunde der Volkswirtschaftslehre schon rund 250 Jahre zurück. Als Gründervater der Disziplin wird im Allgemeinen der schottische Moralphilosoph Adam Smith angesehen, der im Jahr 1776 sein Buch „The Wealth of Nations“2 veröffentlichte, welches zum Grundstein einer neuen Wissenschaft werden sollte. Viele seiner Erkenntnisse, die er in diesem Werk beschreibt, haben auch heute noch Gültigkeit. Wissenschaftliche Einordnung von Volkswirtschaft Zunächst wurde innerhalb der Wirtschaftswissenschaften nicht nach Betriebs- und Volkswirtschaft unterschieden. Erst mit der Industrialisierungsbewegung des 19. Jahrhunderts entstand ein immer größer werdender Bedarf an Spezialisten, die in der Lage waren, große Industrieunternehmen erfolgreich zu führen, so dass sich eine wissenschaftliche Disziplin entwickelte, die für eine angemessene Ausbildung solcher Industriekapitäne sorgte. Bis heute ist jedoch außerhalb des deutschsprachigen Raumes eine formale Unterscheidung zwischen Volks- und Betriebswirtschaftslehre als getrennte wissenschaftliche Disziplinen nicht gebräuchlich. Das englische Wort „economics“ steht für die Wirtschaftswissenschaften insgesamt, die dann in unterschiedlicher Weise während des Studiums vertieft werden. In der Tat liegt der Unterschied zwischen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre nicht etwa darin, dass unterschiedliche Gegenstände behandelt würden. Das Unternehmen als handelnde wirtschaftliche Einheit sowie der Produktionsprozess spielen in beiden Fällen eine zentrale Rolle. Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in der Art der Betrachtung. Während die Betriebswirtschaftslehre vermittelt, wie ein Unternehmen zu führen ist, also handlungsorientiertes Wissen vermittelt, beschäftigt sich die Volkswirtschaftslehre mit der Analyse und Erklärung von wirtschaftlichen Zusammenhängen sowie auf dieser 1 Tucholsky, K. (1994), S. 29 ff. 2 Smith, A., (1776). 1 Was ist Volkswirtschaftslehre?4 Basis mit der Prognose zukünftiger wirtschaftlicher Ereignisse. Volkswirte interessieren sich für Gesetzmäßigkeiten wirtschaftlichen Handelns. Der wissenschaftliche Ansatz der Volkswirtschaftslehre ist somit abstrakter als der der Betriebswirtschaft und verlangt i.a. auch in höherem Maße die Beherrschung quantitativer Methoden als diese. Wirtschaftswissenschaften und somit auch die Volkswirtschaftslehre gehören als Teil der Gesellschaftswissenschaften zu den Realwissenschaften. „Real“ bedeutet in diesem Fall, dass „Realitäten“ Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung sind. Im Gegensatz dazu dienen die Formalwissenschaften, wie z. B. die Mathematik, in erster Linie der Methodenentwicklung. Wissenschaftliche Zielsetzung von Volkswirtschaft Ziel und Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften ist die Beobachtung, Beschreibung und Erklärung eines wichtigen Teiles der gesellschaftlichen Realität, nämlich des Wirtschaftens der Menschen. Das betrifft sowohl das wirtschaftliche Handeln einzelner wie auch wirtschaftliche Vorgänge in der Gesamtwirtschaft und zwar innerhalb eines Landes wie auch im Zusammenwirken mit der Weltwirtschaft. Naturwissenschaften Physik Chemie …… Sprachen… Geschichte … … …PolitologieSoziologie- Volkswirtschaftslehre Betriebswirtschaftslehre Wirtschaftstheorie Wirtschaftspolitik Finanzwissenschaft Wissenschaften Gesellschaftswissenschaften Geisteswissenschaften Wirtschaftswissenschaften Abbildung 1-1: Wissenschaftliche Einordnung der Volkswirtschaftslehre 51 Was ist Volkswirtschaftslehre? Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: • Mikro- und Makroökonomie Innerhalb der Volkswirtschaftslehre sind zwei verschiedene Bereiche zu unterscheiden, nämlich die einzel- und die gesamtwirtschaftliche Betrachtung. Man nennt diese beiden Teilbereiche Mikro- und Makroökonomie. Im ersten Fall ist ein einzelnes Unternehmen oder ein einzelner Haushalt Gegenstand der Analyse. Dabei soll allerdings nicht das Verhalten eines Individuums untersucht werden, wie etwa in der Psychologie, sondern vielmehr ein unter bestimmten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen typisches Verhalten. Aus dieser Betrachtung werden insbesondere Erkenntnisse über die Preisbildung auf Märkten gezogen. Die Makroökonomie hingegen fasst einzelne Akteure zu Gruppen gleichartiger Wirtschaftseinheiten zusammen und betrachtet somit nicht ein einzelnes Unternehmen oder einen einzelnen Haushalt, sondern die Gruppe aller Haushalte oder aller Unternehmen einer ganzen Volkswirtschaft. Dieser Teil der Volkswirtschaftslehre bildet zugleich die Grundlage für wirtschaftspolitische Überlegungen, wie z. B. Fragen der Inflationsbekämpfung, der Arbeitsmarktpolitik oder der Steuer- und Einkommenspolitik. • Von der Nationalökonomie zur Internationalökonomie Die zweite Schlussfolgerung bezieht sich auf den Namen „Volkswirtschaftslehre“ oder gar „Nationalökonomie“. Der Name müsste heute im Grunde „Internationalökonomie“ oder „Weltwirtschaftslehre“ heißen, denn spätestens seit dem 19. Jahrhundert lassen sich wirtschaftliche Vorgänge innerhalb eines Landes nicht mehr isoliert von seiner weltwirtschaftlichen Umgebung betrachten und erklären. 2 Grundlagen Kapitelübersicht 2.1 Erkenntnisgegenstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.1.1 Wirtschaftssubjekte und ihre Aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 2.1.1.1 Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2.1.1.2 Haushalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.1.2 Wirtschaftsobjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2.1.2.1 Input: Faktorleistungen und Vorleistungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 2.1.2.2 Output: Güterkategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.2 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.2.1 Logische Deduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.2.2 Volkswirtschaftliche Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.2.2.1 Modellbestandteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2.2.2 Darstellungsformen von Modellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.3 Grundlegende ökonomische Denkmodelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.2.3.1 Rationalität und Effizienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.2.3.2 Grenzwertentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.2.3.3 Ökonomische Anreize . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.2.4 Positive und normative Ökonomik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.3 Wirtschaftliche Grundphänomene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1 Knappheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1.1 Relative und absolute Knappheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3.1.2 Knappe und freie Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 2.3.1.3 Wahlentscheidung und Opportunitätskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.3.1.4 Das Modell der Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve 33 2.3.2 Arbeitsteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.2.1 Dimensionen von Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.2.2 Der Mengeneffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.2.3 Der Spezialisierungseffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.3.3 Gütertausch und Tauschmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2.3.3.1 Die Tauschmittelfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.3.3.2 Die Wertaufbewahrungsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 2.3.3.3 Die Funktion als Recheneinheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

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Zusammenfassung

Vorteile

- Zugeschnitten auf die Bachelor-Ausbildung

- Moderne didaktische Aufbereitung

Zum Werk

Das Buch deckt das Pflichtfach Volkswirtschaftslehre der Bachelor-Studiengänge Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ab.

Zum didaktischen Konzept des praxisnahen Lehrbuchs gehören insbesondere vier Elemente:

- Den einzelnen Kapiteln sind Lehrziele vorangestellt. Diese vermitteln die wichtigsten Inhalte und die Logik der Argumentation.

- Die Autoren haben darauf geachtet, dass der Lehrstoff sowohl vom Schwierigkeitsgrad als auch vom Abstraktionsniveau her gut lesbar bleibt. Ganz überwiegend haben sie die Zusammenhänge anhand von grafischen Darstellungen oder Zahlenbeispielen untersucht, so dass sie auf ausführliche formale Ableitungen verzichten konnten.

- Zahlreiche Praxisbeispiele stellen den unmittelbaren Praxisbezug her und zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte zum täglichen Leben. Gleichzeitig demonstrieren sie dabei die Anwendungsmöglichkeiten des volkswirtschaftlichen Instrumentariums.

- Schließlich ermöglichen in den Text integrierte Übungen mit den jeweiligen Lösungsmustern eine fortlaufende Verständniskontrolle des erarbeiteten Stoffs.

Autoren

Prof. Dr. Sibylle Brunner, Neu-Ulm; Prof. Dr. Karl Kehrle, München.

Zielgruppe

Studierende in betriebswirtschaftlichen Bachelor-Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen.