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10.4 Die Theorie des optimalen Währungsraums in:

Hans-Jürgen Wagener, Thomas Eger

Europäische Integration, page 376 - 380

Wirtschaft und Recht, Geschichte und Politik

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4761-3, ISBN online: 978-3-8006-4762-0, https://doi.org/10.15358/9783800647620_376

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368 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration Ohne eine solide wirtschaftspolitische und institutionelle Absicherung ist sie jedoch wie dieses nicht krisenfest. 10.4 Die Theorie des optimalen Währungsraums In einer Währungsunion verlieren die beteiligten Staaten die nationale Souveränität über zwei wirtschaftspolitische Instrumente, die Geld- und die Wechselkurspolitik. Was bedeutet das? Solange die Geldpolitik nur auf Preisstabilität gerichtet ist, kann sie diese Aufgabe ebenso gut – wenn nicht besser – auf supranationalem Niveau erfüllen. Wird sie allerdings zur konjunkturellen Stabilisierung eingesetzt, wie im keynesianischen Paradigma, ist der Verlust mit möglichen Kosten verbunden. Der Wechselkurs hat, wie wir sahen, in einer offenen Volkswirtschaft zusammen mit anderen makroökonomischen Preisgrößen die Funktion, das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht herzustellen. Wie aber kann das erreicht werden, wenn der Wechselkurs nicht mehr als Instrument der Wirtschaftspolitik zur Verfügung steht? Dieser Frage ist als erster der kanadische Ökonom Robert A. Mundell (1932*) nachgegangen (Mundell 1961), und er wurde dafür 1999 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Denn er gab den Anstoß zu einer über Jahrzehnte andauernden Diskussion, ob und wie ein optimaler Währungsraum bestimmt werden könne. Ein Währungsraum gilt als optimal, wenn die Integrationskosten geringer sind als die Integrationsgewinne. Der Gewinn einer gemeinsamen Währung folgt aus dem Fortfall des Wechselkursrisikos, niedrigeren Transaktionskosten, größerer Transparenz dank der einheitlichen Recheneinheit, der Integration der Kapitalmärkte und der Austrocknung der Währungsspekulation innerhalb des Währungsraums. All das lässt den Güter- und Kapitalverkehr und damit die Wohlfahrt zunehmen. Die Kosten sind schwerer zu quantifizieren und potentiell mit dem Verlust der nationalen Interventions- und Steuerungsmöglichkeiten über die beiden genannten Instrumente verbunden. Das klassische Beispiel, mit dem Mundell (1961) mögliche Kosten der Abschaffung einer eigenen Währung veranschaulicht, ist ein asymmetrischer Nachfrageschock, wie er in Abb. 10.2 für Deutschland und Frankreich dargestellt wird. Deutsche Verbraucher oder Investoren verlagern ihre Nachfrage nach heimisch produzierten Gütern und Dienstleistungen auf Importe aus Frankreich. Dem mag eine Präferenzverschiebung der Konsumenten zu Grunde liegen oder wachsende technische Überlegenheit französischer Investitionsgüter. Dadurch verschieben sich die aggregierten Nachfragefunktionen in Deutschland von AND0 nach links auf AND1 und in Frankreich von ANF0 nach rechts auf ANF1. Deutschland sieht sich einem Abschwung gegenüber, der einhergeht mit steigender Arbeitslosigkeit und einem Leistungsbilanzdefizit. Umgekehrt nehmen in Frankreich Produktion und Volkseinkommen zu, ein Leistungsbilanzüberschuss entsteht, und gleichzeitig ziehen auf Grund der gestiegenen Nachfrage die Preise an. 369 10.4Die Theorie des optimalen Währungsraums Wenn beide Länder über eigenes Geld verfügen, können die wirtschaftspolitischen Probleme rasch durch eine nominale Abwertung der deutschen Währung gegenüber der französischen behoben werden. Deutsche Produkte werden in Frankreich billiger und wettbewerbsfähiger und französische Produkte werden in Deutschland teurer, so dass sich tendenziell die aggregierten Nachfragekurven in beiden Ländern in Richtung ihres ursprünglichen Niveaus zurückverlagern. Längerfristig wirken sich allerdings in Deutschland die gestiegenen Preise für importierte Güter negativ aus. Nominale Abwertungen bringen deshalb insbesondere für kleine, offene Wirtschaften nur geringe Wettbewerbsvorteile (McKinnon 1963). Der Wechselkurs hat auch aus einem weiteren Grund an Attraktivität verloren. Denn in einer Welt mit hoher Kapitalmobilität kann er schockartigen Schwankungen unterworfen sein und ist dann nicht mehr als Stabilisierungsmechanismus brauchbar (Mundell 1973; De Grauwe 2006a). Eine einheitliche Währung, die entsprechende Spekulationen unterbindet, gewinnt damit an Attraktivität. Der nominalen äquivalent ist die reale Ab- bzw. Aufwertung über Lohnflexibilität. Die aggregierten Angebotskurven AAD und AAF in Abb. 10.2 gelten für einen bestimmten Nominallohnsatz. Sinkende Arbeitsnachfrage in Deutschland führt bei Lohnflexibilität zu einer Lohnsenkung, welche die Angebotskurve nach rechts in Richtung auf die Ausgangssituation verschiebt. In Frankreich kommt es durch die zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskräften zu Lohnauftrieb, der die Angebotskurve nach links ebenfalls in Richtung auf das alte Gleichgewicht verschiebt. Lohnflexibilität stellt also das Gleichgewicht auf den Arbeitsmärkten wieder her ebenso wie die ausgeglichene Leistungsbilanz. Denn damit sind Preisveränderungen verbunden, Deflation in der Region, aus der sich die Nachfrage wegverlagert hat, und Inflation in der Region, in die sich die Nachfrage hinverlagert hat, eben eine reale Abbzw. Aufwertung. O YD pF O pD AAD AAF ANF 0 YF ANF 1 AND 0AND 1 Abbildung 10.2: Asymmetrischer Nachfrageschock 370 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration Ein möglicher weiterer Anpassungsmechanismus besteht in der Mobilität der Arbeitskräfte. Sie könnte das gestörte Arbeitsmarktgleichgewicht wieder herstellen. Zwischen Ost- und Westdeutschland hat das nach der Wiedervereinigung in großem Umfang stattgefunden. Zu berücksichtigen sind allerdings die Mobilitätskosten, die über Grenzen und Kulturräume hinweg erheblich sind. Schließlich ist noch an einen Finanzausgleich zwischen den betroffenen Ländern zu denken, ähnlich dem deutschen Länderfinanzausgleich. In Kapitel 9 haben wir gesehen, dass ähnliche Überlegungen bei der Einführung der gemeinsamen Agrarpolitik eine Rolle spielten und im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Währungsunion zur Einrichtung des Kohäsionsfonds führten. Ein derartiger Finanzausgleich wird auf internationaler Ebene aber eher selten in ausreichendem Umfang und zeitnah bereitgestellt werden können, es sei denn, es handele sich um besonders bedürftige Länder und besondere Katastrophen wie Tsunami, Erdbeben oder Vogelgrippe. Als Solidargemeinschaft hat die Europäische Union sehr enge Handlungsspielräume. Doch wie wahrscheinlich ist eigentlich ein asymmetrischer Schock? Die meisten Schocks bleiben auf das mikroökonomische Niveau beschränkt. Ein BSE-Skandal in Großbritannien z.B. trifft die britischen Viehzüchter schwer, auf dem aggregierten Niveau macht er sich jedoch nicht bemerkbar und wird von einer vermehrten Nachfrage nach Schweinefleisch teilweise ausgeglichen. In entwickelten Volkswirtschaften, die über breit diversifizierte Produktions- und Außenhandelsstrukturen verfügen, sind asymmetrische Nachfrageschocks eher unwahrscheinlich (Kenen 1969). Anders ist die Situation bei Angebotsschocks, wie z.B. drastischen Lohnsteigerungen oder Ölpreiserhöhungen, die eine ganze Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Letztere treffen die meisten Volkswirtschaften aber in vergleichbarem Ausmaß, so dass es sich um symmetrische Schocks handelt. Ein optimaler Währungsraum hat also drei Anforderungen zu genügen: Symmetrie Flexibilität Integration Als man 1998 über die Mitgliedschaft in der Währungsunion entschied, war es in der EU mit allen dreien nicht weit her. Die Symmetrie war vielleicht in den Kernländern der Union gegeben, doch in Irland, Portugal und Griechenland liefen auf Grund des sehr viel niedrigeren Entwicklungsniveaus die Uhren noch etwas anders. Mit der Arbeitsmarktflexibilität, eine Voraussetzung für reale Auf- und Abwertungen, taten sich viele Länder schwer. Die Integration war zwar im Güterhandel dank des gemeinsamen Marktes weit vorangekommen. Doch ohne ein nennenswertes zentrales Budget und soziales Sicherungssystem blieben grenzüberschreitende Transfers in einem engen Rahmen. Hinzu kommt, dass in einem Europa der kulturellen, vor allem sprachlichen Vielfalt die Wanderungsbewegungen mit zunehmender realer Konvergenz schwächer ausfallen als innerhalb eines Nationalstaates wie der USA oder auch Deutschlands. Daher zeigten sich viele Ökonomen äußerst skeptisch über den möglichen Erfolg der Währungsunion. 371 10.4Die Theorie des optimalen Währungsraums Doch selbst wenn der Euroraum vor Einführung der gemeinsamen Währung nicht die Eigenschaften eines optimalen Währungsraumes aufweisen sollte, so hat die Theorie die Vermutung aufgestellt, und die Empirie hat das im Wesentlichen bestätigt, dass sich diese Eigenschaften ex post einstellen können. Das bedeutet, die Schaffung einer Währungsunion zieht die Bildung eines optimalen Währungsraums nach sich. Das wird Endogenität eines optimalen Währungsraums genannt (Frankel/Rose 1997). Man könnte es auch den Münchhausen-Effekt einer Währungsunion nennen: Sie zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ungünstiger Voraussetzungen. Die theoretische Vermutung wird mit verschiedenen Prozessen begründet (De Grauwe/ Mongelli 2005): Endogenität der realwirtschaftlichen Integration: Währungsunterschiede stellen wirtschaftliche Grenzen dar. Schafft man sie ab, dann sinken die Handelskosten oder anders ausgedrückt, die Distanz zwischen Wirtschaftsräumen nimmt ab und damit nimmt die Intensität ihres Austausches zu. Währungsintegration hat handelsschaffende Wirkung (vgl. Kap. 5). In einem einheitlichen Währungsraum werden zum Beispiel die Außenhandelsrisiken auch für kleinere Unternehmen überschaubar. Endogenität der finanziellen Integration: Eine einheitliche Währung fördert die finanzielle Integration, das scheint auf der Hand zu liegen. Der Fortfall des Wechselkursrisikos und zunehmende Transparenz lassen eine bessere interregionale Risikoverteilung erwarten. Dadurch werden auch regional beschränkte, asymmetrische Schocks bis zu einem gewissen Grad abgefedert, abgesehen von der handelsschaffenden Wirkung finanzieller Integration. In Kapitel 6 haben wir gesehen, dass die Finanzmarktintegration in der Gemeinschaft noch einiges zu wünschen übrig lässt, so dass dieser Effekt sich erst über längere Zeiträume auswirken wird. Endogenität der Symmetrie von Schocks: Wirtschaftliche und finanzielle Integration erhöhen die Interdependenz der Teilräume eines einheitlichen Währungsraums und führen dadurch zu einer stärkeren Korrelation der Konjunkturentwicklung. Darüber hinaus machen sie eine gewisse Koordination der Wirtschaftspolitik erforderlich, so dass sich auch die Politik-Schocks gleichmäßiger verteilen. Dem wirken Spezialisierungsund Agglomerationseffekte auf Grund von Skalenvorteilen in vergrößerten Märkten entgegen (Krugman 1991). Endogenität der Produkt- und Arbeitsmarktflexibilität: Die gemeinsame Währung, die einen hohen Grad von Inflationskonvergenz erforderlich macht, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, erzwingt sozusagen die Absorption von asymmetrischen Schocks über die Arbeitsmärkte. Die Rolle der Produktmarktintegration ist im zugenommenen Wettbewerb zu sehen: Wenn mit den Preisen die Renten gedrückt werden, nehmen die Verteilungsspielräume ab, und Tarifverhandlungen entscheiden unmittelbar über die Konkurrenzfähigkeit. Die Währungsunion ruft eine politische Reaktion hervor mit dem Ziel, den institutionellen Rahmen und damit auch das Verhalten wenn nicht zu harmonisieren, so doch zumindest zu koordinieren: der Luxemburg- und Lissabon-Prozess. 372 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration Die Überlegungen zu Kosten und Nutzen der Teilnahme an einer Währungsunion lassen sich vereinfacht zusammenfassen: Eine Währungsunion ist um so eher vorteilhaft, je kleiner ein Land ist und umgekehrt. Die Größe eines Landes widerspiegelt dabei gleichermaßen seine Bevölkerungsstärke, seine Wirtschaftskraft sowie seine Fläche. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Staaten einheitliche Währungsräume sind. Das war in der Vergangenheit nicht immer so: Die Überlegungen, die heute auf europäischem Niveau angestellt werden, waren in früheren Jahrhunderten auf nationalem Niveau relevant. Der Verlust des Wechselkurses als wirtschaftspolitisches Instrument wiegt für ein kleines Land nicht besonders schwer, da kleine Länder in der Regel einen vergleichsweise hohen Offenheitsgrad aufweisen, so dass eine Abwertung ohnehin kein sinnvolles Instrument zum Auffangen eines asymmetrischen Schocks sein kann. Der Nutzen einer Währungsunion ist hingegen für ein kleines Land hoch, da viele Unternehmen in Auslandsgeschäften engagiert sind und die Transaktionskostengewinne daher hoch ausfallen. 10.5 Die Währungsunion à la Maastricht Maastricht, eine 120 000 Einwohner zählende Stadt im Südosten der Niederlande, ist zum Synonym für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) geworden. Der Grundstein wurde bereits im Juni 1988 gelegt, als sich der Europäische Rat von Hannover darauf verständigte, das Ziel der Währungsunion nach dem fehlgeschlagenen Versuch von 1970 ein zweites Mal in Angriff zu nehmen. Die Motive waren unterschiedlich: Frankreich und Italien forderten ein neues monetäres Arrangement in Europa, da sie nicht glücklich mit der entstandenen Asymmetrie des Europäischen Währungssystems waren. Obwohl von den europäischen Partnern heftig für die deutsche Dominanz im EWS kritisiert, reagierte die Bundesregierung nicht ablehnend, sondern ergriff die Chance, erste Vorschläge für die Gestaltung eines solchen Arrangements zu machen. Parallelen zum „deutschen Modell“, namentlich der Koexistenz von Bundesbankgesetz und Stabilitätsgesetz, waren in diesen Vorschlägen nicht zu übersehen. Großbritannien verhielt sich traditionsgemäß reserviert. Die Europäische Kommission sah eine Wirtschafts- und Währungsunion als logischen und notwendigen Schritt zur Vollendung des gemeinsamen Marktes, wie der Titel „Ein Markt, eine Währung“, einer von der Kommission in Auftrag gegebenen Kosten-Nutzen-Analyse, deutlich macht (Emerson et al. 1992). Im April 1989 präsentierte eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Jacques Delors den „Delors-II-Bericht“ über die EWWU, wodurch sich der französische Kommissionspräsident, nachdem er bereits 1985 die Vollendung des gemeinsamen Marktes auf die Bahn gebracht hatte, endgültig einen Platz in den europäischen Geschichtsbüchern sicherte. Die anschließenden Beschlüsse zur Umsetzung des Projektes folgten eng den Kernelementen des Delors- II-Berichts, den der Europäische Rat von Madrid im Juni 1989 annahm. Ein Drei-Stufen-Plan für den Übergang zur EWWU war somit beschlossen.

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References

Zusammenfassung

Dieses erfolgreiche Lehrbuch stellt die Ökonomie in der Europäischen Union im Kontext der rechtlichen, sozialen, politischen und geschichtlichen Zusammenhänge dar. Die Autoren erschließen damit die Komplexität eines historisch einmaligen Projekts – der Europäischen Integration.

Die Neuauflage ist vollständig überarbeitet. Sie geht auf die Krise der Währungsunion ein, die erste ernsthafte Prüfung des europäischen Finanzsystems und damit auch der Euro-Staaten, sowie auf die Bemühungen die Währungsunion zu reformieren. Sie berücksichtigt außerdem die institutionellen Veränderungen und Neuerungen der letzten Jahre. Der Text ist substantiell gekürzt, um den Strukturen und gestrafften Lehrplänen der Bachelor- und Master-Studiengänge entgegenzukommen.

Inhalt

• Integrationstheorie

• Evolution der Europäischen Union

• Prinzipien der Integration: Wirtschaftsordnung und Entscheidungsstrukturen

• Der Gemeinsame Markt und seine politische und rechtliche Unterstützung

• Die EU als Umverteilungsmechanismus

• Die Währungsunion und ihre Reformen

Professor em. Dr. Hans-Jürgen Wagener hat Volkswirtschaftslehre an der Rijksuniversiteit Groningen und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder gelehrt.

Professor Dr. Thomas Eger lehrt Recht und Ökonomie an der Universität Hamburg.