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10.1 Elementare Zusammenhänge: Währungssystem, Zahlungsbilanz und ökonomische Aktivität in:

Hans-Jürgen Wagener, Thomas Eger

Europäische Integration, page 363 - 367

Wirtschaft und Recht, Geschichte und Politik

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4761-3, ISBN online: 978-3-8006-4762-0, https://doi.org/10.15358/9783800647620_363

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355 Kapitel 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration 10.1 Elementare Zusammenhänge: Währungssystem, Zahlungsbilanz und ökonomische Aktivität Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wann und mit welchem institutionellen Arrangement die Europäische Währungsintegration ihren Ausgang genommen hat. Verstehen wir darunter institutionell abgesicherte, stabile Währungsrelationen in Europa bei hoher Kapitalmobilität, so reichen die Wurzeln mindestens bis ins 19. Jahrhundert zum System des klassischen Goldstandards zurück. Dabei handelt es sich ebenso wie beim späteren Bretton Woods System um ein Weltwährungssystem, das Europa mit einschloss. Beschränken wir uns hingegen auf spezifisch europäische Arrangements, so ist der Beginn Europäischer Währungsintegration in der Europäischen Zahlungsunion (EZU) zu sehen, die von 1950 bis 1958 Bestand hatte (vgl. Kap. 2). Die geographische Reichweite monetärer Integration in Europa ist nur in den wenigsten Fällen mit den Grenzen der EU deckungsgleich. Der Kreis der EZU-Mitglieder war größer als derjenige der späteren Unterzeichner der Römischen Verträge, wohingegen der Euro nur von einem Teil der EU- Mitgliedstaaten eingeführt wurde. Monetäre Integration hat ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Raum. Darüber hinaus ist das jeweilige Weltwährungssystem ein wichtiger Bestimmungsgrund für währungspolitische Kooperation in Europa. Nachfrage nach europäischen Arrangements für stabile Währungsbeziehungen besteht nur, wenn diese durch das Weltwährungssystem nicht sichergestellt werden können. Box 10.1: Währungsunion – was verstehen wir darunter? Innerhalb einer Währungsunion müssen die Währungen voll und unveränderlich konvertibel sein, es darf keine Schwankungsbreiten um die Wechselkurse geben, die Paritäten sind unwiderrufbar zu fixieren, und der Kapitalverkehr ist völlig frei. Die Geldpolitik ist zentralisiert und entscheidet über Liquidität, Zinssätze, Interventionen auf den Devisenmärkten, das Management der Währungsreserven und die Festlegung des Regimes der Wechselkurse gegenüber dem Rest der Welt. Die nationalen Währungen können bestehen bleiben oder man schafft eine gemeinsame Währung. Technisch bestehen zwischen den beiden Varianten wenig Unterschiede. Psychologische und politische Faktoren geben häufig den Ausschlag zugunsten einer einheitlichen Währung, was die unumkehrbare Natur der Regelung demonstriert. 356 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration Vergleichen wir das System von Bretton Woods mit der Europäischen Währungsunion, dann zeigt sich ersteres zwar als eine internationale Währungsordnung, aber nicht als Währungsunion. Denn die Wechselkurse schwankten in einer bestimmten Bandbreite um den Mittelkurs und die Geldpolitik blieb in nationaler Kompetenz, auch wenn sie erheblichen Beschränkungen unterworfen war, um die festen Kurse aufrecht zu erhalten. (Werner 1970; Gandolfo 1992) Im Zentrum eines voll entwickelten Währungssystems steht konvertibles Geld und damit ein Devisenmarkt, auf dem die eigene gegen fremde Währungen frei gehandelt wird. Der nominale Wechselkurs ist das Austauschverhältnis der beiden Währungen zueinander, also der Preis auf dem Devisenmarkt. Aber der Wechselkurs ist weit mehr als einfach nur ein Preis auf einem Teilmarkt. Zusammen mit dem Zinssatz, dem Lohnsatz und dem Preisniveau gehört er zu den zentralen Preisvariablen, die in einer offenen Marktwirtschaft für makroökonomisches Gleichgewicht sorgen. Wenn alle Preisgrö- ßen völlig flexibel sind, dann sind die monetären und realwirtschaftlichen Sphären einer Volkswirtschaft voneinander getrennt: Das Geld hat keinen Einfluss auf die realwirtschaftliche Entwicklung. Einige Autoren sprechen auch von Neutralität des Geldes. Reagieren hingegen einzelne Preise träge, so gilt diese Trennung nicht mehr: Die Märkte sind interdependent, so dass Veränderungen von nominalen Größen, wie z.B. dem Wechselkurs, realwirtschaftliche Reaktionen auslösen können, etwa im Bereich von Produktion und Beschäftigung. Der Gestaltungsspielraum für die Wirtschaftspolitik verändert sich. Inwieweit von flexiblen Preisen auf den einzelnen Märkten ausgegangen werden kann, hängt von der Marktstruktur und dem institutionellen Rahmen ab, in dem sich die Preisbildung vollzieht. Zinsen auf den Finanzmärkten gelten in der Regel als flexibel, Gütermarktpreise schon etwas weniger. Der Lohnsatz ist relativ starr, wobei international große Unterschiede bestehen aufgrund verschiedener Arbeitsmarktregulierungen und Lohnverhandlungssysteme. Und der Wechselkurs? Nun, das hängt vom Währungssystem ab, und genau deshalb ist es für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung. Box 10.2: Nominale und reale Wechselkurse Der nominale Wechselkurs einer Währung ist der tatsächliche Preis, den man für eine Einheit, z.B. einen Euro, auf dem Devisenmarkt in einer fremden Währung zahlen muss. Steigt dieser Preis, dann wird der Euro nominal aufgewertet, fällt er, dann wird der Euro nominal abgewertet. Sind die Güterpreise in beiden Währungsgebieten gleich geblieben, dann fallen nominale und reale Veränderungen der Wechselkurse zusammen. Durch die Aufwertung des Euro werden fremde Güter in Europa billiger und europäische Güter im Ausland teurer. Die reale Aufwertung der eigenen Währung verringert die internationale Wettbewerbsfähigkeit, aber verbilligt die Importe. 357 10.1Elementare Zusammenhänge Bleiben die Güterpreise in beiden Währungsgebieten nicht gleich, haben z.B. die USA eine höhere Inflation als Europa, dann verändern sich die realen Wechselkurse auch bei unveränderten nominalen Wechselkursen. Ein Beispiel: Das amerikanische Preisniveau habe im Jahr 2013 den Indexwert 100 und im Jahr 2014 den Wert 110 – eine US-Inflation von 10 %. Das europäische Preisniveau bleibe in dieser Periode stabil. In beiden Jahren herrsche der gleiche nominale Wechselkurs von 1,40 $/€. Der reale Wechselkurs des Dollar zum Euro errechnet sich jetzt aus dem Verhältnis des europäischen zum amerikanischen Preisniveau multipliziert mit dem nominalen Wechselkurs, d.h. 100/110 x 1,40 = 1,27. Der Dollar ist bei konstantem nominalen Wechselkurs real aufgewertet worden mit den genannten Folgen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Selbst innerhalb einer Währungsunion mit einheitlicher Währung können sich die realen Austauschverhältnisse verschieben, wenn die Inflation in einem Mitgliedland nicht im Gleichschritt mit den anderen verläuft. Solche Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit haben die Euroländer in jüngster Zeit beunruhigt. Bei flexiblen nominalen Wechselkursen und Kapitalmobilität ist der reale Wechselkurs langfristig relativ konstant. Eine kurzfristige reale Aufwertung, verursacht von einer im Inland höheren Inflation als im Ausland, lässt die Exportnachfrage fallen und die Importnachfrage steigen. Damit steigt die Nachfrage nach Fremdwährung und fällt die Nachfrage nach der heimischen Währung. Die Währung des höher inflationierenden Landes wertet nominal ab. Das Ausmaß der nominalen Abwertung entspricht dem Inflationsgefälle, so dass der reale Wechselkurs sein ursprüngliches Niveau wieder annimmt und die Nachfrageverschiebung ins Ausland rückgängig gemacht wird. Reale Effekte, wenn sie überhaupt auftreten, sind äußerst kurzfristig, denn als Finanzmarktpreis reagiert der nominale Wechselkurs schnell. Ist der nominale Wechselkurs infolge eines Festkurssystems starr oder haben wir es mit einer einheitlichen Währung zu tun, so kommt es nicht zu den beschriebenen Anpassungsreaktionen. Eine höher inflationierende Volkswirtschaft verliert dann sukzessiv an Wettbewerbsfähigkeit. Der Ausgleich kann nur über eine Umkehr der Inflationspolitik erfolgen. Etwas längerfristige reale Effekte können ausgelöst werden, wenn am Anfang der Wirkungskette eine Veränderung des nominalen Wechselkurses steht und so den realen Wechselkurs beeinflusst. Mögliche Ursache sind entweder Marktprozesse, z.B. Bestandsumschichtungen von Anlegern auf den internationalen Kapitalmärkten, oder ein gezielter wirtschaftspolitischer Eingriff in Verbindung mit Kapitalverkehrsbeschränkungen. Die so genannte beggar thy neighbour policy der 1930er Jahre oder auch die derzeit vermutete Unterbewertung der chinesischen Währung sind Beispiele dafür, wie Regierungen durch eine gezielte Manipulation des nominalen Wechselkurses ausländische Nachfrage anzuziehen versuchen. Die Gütermarktpreise reagieren darauf erst mit einiger Verzögerung, weshalb die Strategie kurzfristig mit Erfolg Produktion und Beschäftigung stimulieren kann. Der Preis ist eine Übertragung von Wohlfahrt an das Ausland. Das Währungssystem 358 10 Von der D-Mark zum Euro: Währungsintegration beschränkt oder unterstützt kurzfristig die Geld- und Fiskalpolitik (siehe Box 10.3). Box 10.3: Die unheilige Trinität Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung weist idealerweise drei Eigenschaften auf: Gleichgewicht und Stabilität: – Preisstabilität, was feste Austauschverhältnisse mit dem Rest der Welt einschließt, – Beschäftigungsstabilität bzw. Wachstum bei Vollbeschäftigung, – außenwirtschaftliches Gleichgewicht; Freiheit der Märkte und das schließt internationale Güter- und Kapitalverkehrsfreiheit ein; Souveränität, d.h. Gestaltungsfreiheit für eine nationale Wirtschaftspolitik, um über die Geld- oder Fiskalpolitik konjunkturellen Schwankungen entgegenzusteuern und die drei Stabilitätsziele zu realisieren. Das ist leider nicht gleichzeitig möglich. Verkürzt dargestellt ist die Ursache des Trilemmas darin zu sehen, dass bei festen Wechselkursen und Kapitalverkehrsfreiheit der Zinssatz als wirtschaftspolitisches Instrument nicht mehr frei zur Verfügung steht, bei flexiblen Wechselkursen jedoch die Preisstabilität gefährdet ist (Burda/Wyplosz 2012). Nehmen wir an, der Wechselkurs sei fest und die Freiheit der Märkte stehe nicht zur Disposition. Wir haben also perfekte Kapitalmobilität, so wie sie von der EU im Gemeinsamen Markt angestrebt wird (siehe Kap. 6). Dann können die internen Zinsen eines Landes nicht vom Weltmarktzinssatz abweichen, oder jede solche Abweichung führt zu einem ungebremsten Zustrom bzw. Abfluss von Kapital. Der Zinssatz steht folglich für eine autonome Geldpolitik als Instrument nicht zur Verfügung. Fiskalpolitische Maßnahmen, z.B. staatliche Schuldenaufnahme, können kurzfristig Einkommenswirkungen erzielen. Das erhöht kurzfristig auch die Zinsen, was ausländisches Kapital zuströmen lässt, wodurch die Geldmenge zunimmt und der Zins auf sein Gleichgewichtsniveau zurückfällt – eigentlich die ideale Ergänzung zur stimulierenden Fiskalpolitik. Allerdings ruft das inflationäre Tendenzen hervor, und längerfristig verliert der feste Wechselkurs an Glaubwürdigkeit. Feste Wechselkurse und autonome Geldpolitik vertragen einander schlecht bei offenen Kapitalmärkten. Wieweit eine autonome Fiskalpolitik noch möglich ist, ist innerhalb der Währungsunion umstritten (siehe Kap. 11). In einem System mit flexiblen Wechselkursen ist Preisstabilität bezüglich der internationalen Austauschraten nicht garantiert. Geldmengenvermehrung und Zinssenkungen sind jetzt möglich, in der Regel allerdings um den Preis von Wechselkursanpassungen. Denn die unmittelbar einsetzende Kapitalflucht in die höher rentierlichen ausländischen Kapitalmärkte treibt die Nachfrage nach ausländischer Währung hoch und führt damit zur Abwertung der heimischen, wodurch die Zinsdifferenz wieder ausgeglichen wird – eigentlich auch das eine ideale Ergänzung zur stimulierenden Geldpolitik, denn die Exportnachfrage steigt. Bei einer fiskalpolitischen Erhöhung des Haushaltsdefizits dagegen erhöht sich der Zinssatz, aus- 359 10.2Alles oder nichts ländisches Kapital strömt herein, d.h. die Nachfrage nach der heimischen Währung steigt: Sie wird aufgewertet mit der Folge abnehmender Konkurrenzfähigkeit. Der Stimulierungseffekt ist zunichte gemacht. Flexible Wechselkurse und autonome Fiskalpolitik vertragen einander bei offenen Kapitalmärkten schlecht, während die autonome Geldpolitik kurzfristig von Erfolg gekrönt sein kann, längerfristig aber zu höheren Preisen führen wird. 10.2 Alles oder nichts: die Anfänge europäischer Währungsintegration Die Debatte über Währungsintegration in der Gemeinschaft begann 1960 mit dem Vorschlag von Robert Triffin (1911–1993), einem in den USA lehrenden belgischen Währungsexperten, die Gemeinschaft schrittweise in eine Währungsunion zu überführen. Die Kommission griff diese Idee in einem Aktionsprogramm auf und produzierte verschiedene Vorschläge. Sie stieß jedoch beim Ministerrat zunächst auf wenig Gegenliebe. Erst im Jahre 1968 führte der Vorstoß des damaligen luxemburgischen Premier- und Finanzministers Pierre Werner (1913 – 2002) zu einer erneuten Belebung der Diskussion und schließlich auch zu konkreten Maßnahmen. Hervorzuheben ist insbesondere der zwei Jahre später vorgelegte Werner-Bericht (Werner 1970) über die stufenweise Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion, der die Grundlage für einen entsprechenden Beschluss des Ministerrates im März 1971 darstellte. Box 10.4: Kernpunkte des Werner-Plans Inhaltlich: Zwischen den EU-Währungen wird vollständige Konvertibilität hergestellt und die Wechselkurse werden unwiderruflich fixiert. Die Einführung einer gemeinsamen Währung ist nicht notwendig, trägt aber zur Glaubwürdigkeit der Währungsunion bei. Die Zuständigkeit für die Geld- und Währungspolitik wird auf der Gemeinschaftsebene angesiedelt. Eckpunkte der Haushaltspolitik (Haushaltsvolumen, Höhe des öffentlichen Finanzierungssaldos, Art der Finanzierung und der Mittelverwendung) werden gemeinschaftlich festgelegt – eine Fiskalunion also. Auf Gemeinschaftsebene finden außerdem regelmäßige Konsultationen zwischen den Sozialpartnern statt, um ein gewisses Maß an Koordinierung der Einkommenspolitik zu erreichen. Institutionell: Ein nicht näher spezifiziertes wirtschaftspolitisches Entscheidungsgremium erhält Entscheidungskompetenz in der Haushalts- und Währungspolitik und ist dem Europäischen Parlament rechenschaftspflichtig. Darüber hinaus wird die Verantwortung für andere vergemeinschaftete Wirtschafts- und Sozialpolitiken auf dieses Gremium übertragen. Ein gemeinschaftliches Zentralbanksystem mit föderalem Aufbau betreibt die Geldpolitik.

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References

Zusammenfassung

Dieses erfolgreiche Lehrbuch stellt die Ökonomie in der Europäischen Union im Kontext der rechtlichen, sozialen, politischen und geschichtlichen Zusammenhänge dar. Die Autoren erschließen damit die Komplexität eines historisch einmaligen Projekts – der Europäischen Integration.

Die Neuauflage ist vollständig überarbeitet. Sie geht auf die Krise der Währungsunion ein, die erste ernsthafte Prüfung des europäischen Finanzsystems und damit auch der Euro-Staaten, sowie auf die Bemühungen die Währungsunion zu reformieren. Sie berücksichtigt außerdem die institutionellen Veränderungen und Neuerungen der letzten Jahre. Der Text ist substantiell gekürzt, um den Strukturen und gestrafften Lehrplänen der Bachelor- und Master-Studiengänge entgegenzukommen.

Inhalt

• Integrationstheorie

• Evolution der Europäischen Union

• Prinzipien der Integration: Wirtschaftsordnung und Entscheidungsstrukturen

• Der Gemeinsame Markt und seine politische und rechtliche Unterstützung

• Die EU als Umverteilungsmechanismus

• Die Währungsunion und ihre Reformen

Professor em. Dr. Hans-Jürgen Wagener hat Volkswirtschaftslehre an der Rijksuniversiteit Groningen und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder gelehrt.

Professor Dr. Thomas Eger lehrt Recht und Ökonomie an der Universität Hamburg.