6 Das Börsenwesen in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch

Finanzierung in Übungen, page 150 - 163

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4724-8, ISBN online: 978-3-8006-4725-5, https://doi.org/10.15358/9783800647255_150

Series: Vahlens Übungsbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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6 Das Börsenwesen 6.1 Grundlagen Aufgabe 6.1: Begriff „Börse“ Was versteht man unter einer Börse? Lösung: Unter einer Börse versteht man einen hochgradig organisierten sowie zeitlich und örtlich zentralisierten Markt für fungible (vertretbare) Sachen oder Rechte. Sachen oder Rechte sind dann vertretbar (fungibel), wenn sie im Verkehr üblicherweise nach Zahl, Maß oder Gewicht bestimmt werden können. Aufgabe 6.2: Börsenarten Wie lassen sich Börsen klassifizieren? Lösung: Börsen lassen sich anhand verschiedener Merkmale systematisieren. Mögliche Klassifizierungskriterien sind hierbei − die Art der gehandelten Gegenstände (Handelsobjekte), − der Zeitpunkt der Erfüllung der abgeschlossenen Geschäfte bzw. die Geschäftsart sowie − die Organisationsform der Börse. 30 30 Vgl. hierzu Deutsche Börse AG: Börsenlexikon – Stichwort „Börse“, www.deutscheboerse.com (Stand: 16.07.2013). 124 Finanzierung in Übungen Zeitpunkt der Erfüllung der abgeschlossenen Geschäfte (Geschäftsart) Art der gehandelten Gegenstände Wertpapierbörsen Devisenbörsen Warenbörsen Kassabörsen Terminbörsen Organisationsform Parketthandel Computerhandel Edelmetallbörsen Abbildung 13: Börsenarten Aufgabe 6.3: Unterschied zwischen einer Kassabörse und einer Terminbörse Erläutern Sie den grundlegenden Unterschied zwischen einer Kassabörse und einer Terminbörse! Lösung: An Kassabörsen stehen bei Abschluss eines Geschäfts der Zeitpunkt der Konditionenfestlegung (Vertragsabschluss) und der Zeitpunkt der Vertragserfüllung (Lieferung und Bezahlung) in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang. Dagegen erfolgt die Vertragserfüllung von an Terminbörsen abgeschlossenen Geschäften erst zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten späteren Zeitpunkt. Aus diesem Grund wird in diesem Zusammenhang auch von Kassa- bzw. Termingeschäften gesprochen. Börsenwesen 125 Aufgabe 6.4: Volkswirtschaftliche Funktionen der Wertpapierbörsen Erläutern Sie wichtige volkswirtschaftliche Funktionen, die Wertpapierbörsen erfüllen! Lösung: Wertpapierbörsen erfüllen insb. folgende volkswirtschaftliche Funktionen: Wertpapierbörsen nehmen primär eine Finanzierungsfunktion für Investitionen wahr, indem Kapitalgeber Mittel in Form von Eigen- und Fremdkapital zur Verfügung stellen. Das Eigen- und Fremdkapital soll hierbei über die einzelnen Wertpapierbörsen in diejenigen Investitionen gelenkt werden, die – unter Berücksichtigung der unterschiedlich eingeschätzten Risikosituation – am renditestärksten eingeschätzt werden (Selektionsfunktion). - Eine jederzeitige Veräußerungsmöglichkeit von Wertpapieren über die Wertpapierbörsen stellt sicher, dass die unterschiedlichen Interessen von Kapitalnehmern und Kapitalgebern hinsichtlich der Kapitalverfügungsdauer bzw. der Kapitalüberlassungsdauer in Einklang gebracht werden können (Fristentransformationsfunktion). - Große Kapitalbeträge, welche die Kapital suchenden Unternehmen für ihre Investitionen benötigen, lassen sich über die Ausgabe sehr vieler Wertpapiere zu vergleichsweise niedrigen Emissionskursen (Kapitalbeträgen) aufnehmen (Losgrößentransformationsfunktion). 6.2 Die geografische Verteilung des Börsenhandels Aufgabe 6.5: Börsenstruktur in Deutschland Geben Sie einen Überblick über die Börsenstruktur in Deutschland! Lösung: - Kassahandel mit Wertpapieren: 7 Börsenplätze, 7 Regionalbörsen: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg und Hannover, München, Stuttgart; 126 Finanzierung in Übungen - Terminhandel mit Finanzderivaten: vollelektronische Terminbörse Eurex (European Exchange) 31; - Kassahandel mit Waren: nur regionale Bedeutung (z. B. Rheinische Warenbörse zu Köln und Krefeld, Mannheimer Produktenbörse, Stuttgarter Waren- und Produktenbörse, Frankfurter Getreide- und Produktenbörse); - Terminhandel mit Waren: Eurex in Frankfurt; - Kassa- und Terminhandel für Elektrizität, EU-Emissionsrechte, Kohle, Erdgas etc.: EEX (European Energy Exchange) Leipzig. 6.3 Die Börsenaufsicht Aufgabe 6.6: Bedeutung der Börsenaufsicht Worin liegt die Bedeutung der Börsenaufsicht? Lösung: Die Börsenaufsicht hat sicherzustellen, dass Wertpapierbörsen ihre wichtigen volkswirtschaftlichen Funktionen erfüllen können. Zu diesem Zweck ist es notwendig, dass die potenziellen Anleger Vertrauen in eine faire Abwicklung ihrer Börsenaufträge haben und nicht wegen unfairer Praktiken vor einem Engagement an den Wertpapierbörsen zurückschrecken. Es muss daher seitens der Börsenaufsicht gewährleistet sein, dass alle Anleger gleich behandelt werden, gegen die Verwendung von (Insider-)Informationen geschützt sind und dass Manipulationen der Börsenkurse ausgeschlossen sind. Die Schaffung derartiger staatlicher bzw. institutioneller Rahmenbedingungen trägt entscheidend zur Reputation und somit zur – vor allem auch internationalen – Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität eines Finanzplatzes bei. 31 Betreiber sind die Deutsche Börse AG und SIX Swiss Exchange. Börsenwesen 127 6.4 Die Organisation von Börsen Aufgabe 6.7: Aufgaben eines Börsenträgers Welche Aufgaben obliegen dem Träger einer Börse? Lösung: Die Aufgabe eines Börsenträgers liegt zum einen in der Bereitstellung von Mitteln und Ressourcen, damit der Börsenhandel überhaupt stattfinden kann (Schaffung der materiellen Voraussetzungen für die Existenz einer Börse). Zum anderen besitzt ein Börsenträger Verwaltungs- und Organisationskompetenzen, die ihn in die Lage versetzen, den organisatorischen Rahmen für den Börsenhandel zu schaffen. Er ist somit zuständig für den Aufbau einer Börsenverwaltung sowie für die personelle und sachliche Ausstattung einer Börse. 6.5 Die Organisation des Börsenhandels Aufgabe 6.8: Zugänge zum Kapitalmarkt Unternehmen stehen für die Eigenkapitalaufnahme verschiedene Zugangsmöglichkeiten zum Kapitalmarkt zur Verfügung. Erläutern Sie kurz und stellen Sie grafisch dar, a) welche Zugänge zum Kapitalmarkt bestehen und b) wie sich ein Zugang an der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) mittels der Deutschen Börse AG vollziehen kann! Lösung: 32 Teilaufgabe a) Börsenwillige und -fähige Unternehmen können in Europa im Hinblick auf die Beschaffung von Eigenkapital zwischen zwei Zugängen zum Kapital- 32 Vgl. hierzu Deutsche Börse AG: Börsenlexikon – Stichworte „Entry Standard“, „First Quotation Board“, „General Standard“, „Marktsegment“, „Open Market (Freiverkehr)“, „Prime Standard“, „Quotation Board“, „Regulierter Markt“, „Second Quotation Board“, „Transparenzstandard“, www.deutsche-boerse.com (Stand: 16.07.2013); Xetra: Transparenzstandards – Maßgeschneiderte Kapitalmarktzugänge, www.xetra.com (Stand: 16.07.2013). 128 Finanzierung in Übungen markt wählen: den EU-Regulated Markets oder den Regulated Unofficial Markets, also den von den Börsen selbst regulierten Märkten. Letztgenannte sind keine amtlichen, sondern privatrechtliche Börsensegmente und können unter den Voraussetzungen des § 48 BörsG in Deutschland in Form des Open Market (früher: Freiverkehr) zugelassen werden. Abbildung 14: Zugänge zum Kapitalmarkt zur Beschaffung von Eigenkapital Teilaufgabe b) Ergänzend zum Zulassungssegment optieren die Emittenten an der Frankfurter Wertpapierbörse im Rahmen des Going Public für einen Transparenzstandard bei der Börsennotierung. Dieser ist entscheidend für die zu erfüllenden Zulassungsfolge- respektive Veröffentlichungspflichten nach der Börsennotierung, welche die Markttransparenz für die Investoren sichern sollen. Emittenten im Regulierten Markt können hierbei den Prime Standard oder den General Standard wählen, Emittenten im Open Market den Entry Standard bzw. das Quotation Board: 1. Gesellschaften, die die hohen Transparenzanforderungen des gesetzlich geregelten Regulierten Markts erfüllen, werden bei einem Going Public über die Frankfurter Wertpapierbörse direkt in den General Standard einbezogen (gesetzliche Mindestanforderungen an Zulassungsfolgepflichten). ⇒ General Standard = Regulierter Markt Regulierter Markt (früher: Geregelter und Amtlicher Markt) Open Market (früher: Freiverkehr) EU-Regulated Markets (von der EU regulierte Märkte) Regulated Unofficial Markets (von den Börsen selbst regulierte Märkte) Zugang zum Kapitalmarkt Börsenwesen 129 Dieser Transparenzstandard ist vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, die eine Kapitalbeschaffung über die Börse anstreben, geeignet, da die Anforderungen an das Mindestkapital sowie das Stückvolumen geringer sind als im Prime Standard. 2. Wenn neben den Transparenzanforderungen des Regulierten Markts bestimmte zusätzliche Transparenzanforderungen eingehalten werden, kann ein Aufstieg in den Prime Standard erfolgen (hohen internationalen Standards genügende Transparenzanforderungen). ⇒ Prime Standard = Regulierter Markt + zusätzliche Transparenzanforderungen Dieser Transparenzstandard eignet sich primär für Unternehmen, die sich international aufstellen möchten und/oder die Aufnahme in einen der Auswahlindizes anstreben. 3. Unternehmen, die der Öffentlichkeit grundsätzlich nur wenige Informationen zur Verfügung stellen möchten, können eine Notierungsaufnahme im Open Market, also dem „Freiverkehr“ der Frankfurter Wertpapierbörse, anstreben (grundsätzlich wenige formale Einbeziehungsvoraussetzungen, kaum Folgepflichten für Emittenten sowie geringe Transparenzanforderungen). ⇒ Open Market = „Freiverkehr“ (an jeder Börse individuell gestaltbar) Dabei können Gesellschaften, die beabsichtigen, (potenziellen) Investoren mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, die aber dennoch hinter den Transparenzanforderungen des Regulierten Markts zurückbleiben möchten, einen Börsengang im Entry Standard – ein Teilsegment des Open Market – durchführen (geringe Zulassungsfolgepflichten). ⇒ Entry Standard = „Freiverkehr“ + zusätzliche Transparenzanforderungen Neben dem Entry Standard stellt das Quotation Board, welches im Zuge der Neustrukturierung des Aktienmarktes im Jahr 2012 das Second Quotation Board ersetzt hat, das zweite Teilsegment des Open Market („Freiverkehr“ der Frankfurter Wertpapierbörse) dar. In das Quotation Board werden alle Unternehmen einbezogen, deren Aktien bereits an einem anderen inländischen oder ausländischen Handelsplatz zugelassen oder einbezogen wurden und zusätzlich eine Notierung im Open Market anstreben. Das First Quotation Board wurde aufgrund vermehrter Verdachtsfälle auf Marktmanipulationen – bedingt durch die geringen Transparenzanforderungen – zum 15.12.2012 geschlossen. 130 Finanzierung in Übungen zwei Zugängen zum Kapitalmarkt: und drei respektive vier Transparenz-Levels (Deutsche Börse Primärmarktsegmente): zweiMarktsegmenten: Emittenten haben bei der Eigenkapitalbeschaffung die Wahl zwischen ... EU-Regulated Market Regulated Unofficial Market Regulierter Markt (seit 01.11.2007) Open Market (Freiverkehr) (seit 01.05.1987) General Standard Prime Standard (Teilbereich) Entry Standard (Teilbereich) Quotation Board (Teilbereich) Abbildung 15: Zugänge zum Kapitalmarkt zur Beschaffung von Eigenkapital am Beispiel der FWB 33 Aufgabe 6.9: Voraussetzungen der Zulassung zum Börsenhandel im Regulierten Markt Welche wesentlichen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Wertpapiere zum Börsenhandel im Regulierten Markt zugelassen werden? Lösung: Folgende wesentliche Voraussetzungen müssen grundsätzlich erfüllt sein, damit Wertpapiere zum Börsenhandel im Regulierten Markt zugelassen werden: - Der Wertpapieremittent muss die Zulassung von Wertpapieren zum Börsenhandel im Regulierten Markt zusammen mit einem Kreditinstitut, einem Finanzdienstleistungsinstitut oder einem Unternehmen, das nach § 53 Abs. 1 Satz 1 KWG oder § 53b Abs. 1 Satz 1 KWG tätig ist, beantragen. Ferner müssen die den Wertpapieremittenten begleitenden Unternehmen − selbst an einer inländischen Wertpapierbörse zum Handel zugelassen sein und − ein haftendes Eigenkapital in Höhe von 730.000 EUR nachweisen. 33 Modifiziert entnommen aus Waschbusch, Gerd; Staub, Nadine; Horváth, Thomas: Mittelstandsfinanzierung: Der Entry Standard – Das Börseneinstiegssegment für mittelständische Unternehmen, in: Der Steuerberater 2009, S. 228. Börsenwesen 131 Ist der Wertpapieremittent ein Institut (oder ein Unternehmen i. S. d. § 32 Abs. 2 Satz 1 BörsG) und erfüllt er diese Voraussetzungen selbst, kann er den Zulassungsantrag alleine stellen. - Ein Börsenzulassungsprospekt muss über die tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse, die für die Beurteilung der zuzulassenden Wertpapiere wesentlich sind, Auskunft geben. - Das Börsenzulassungsprospekt ist nach Prüfung und Billigung durch die zuständige Zulassungsstelle der Börse zu veröffentlichen. - Der Gesamtkurs der zuzulassenden Aktien muss mindestens 1.250.000 EUR bzw. der Gesamtnennwert anderer Wertpapiere mindestens 250.000 EUR betragen (§ 2 BörsZulV). - Der Antrag auf Zulassung von Aktien muss sich grundsätzlich auf alle Aktien derselben Gattung beziehen (§ 7 BörsZulV). - Der Wertpapieremittent muss mindestens drei Jahre lang als Unternehmen bestanden und seine handelsrechtlichen Jahresabschlüsse für die drei dem Zulassungsantrag vorangegangenen Geschäftsjahre offen gelegt haben (§ 3 BörsZulV). - Die Wertpapiere müssen frei handelbar sein, in einer den Bedürfnissen des Börsenhandels Rechnung tragenden Stückelung emittiert werden und, sofern es sich um Aktien handelt, im Publikum breit gestreut werden. Aktien gelten i. d. R. dann als ausreichend gestreut, wenn mindestens 25 % des Gesamtnennbetrages, bei nennwertlosen Aktien der Stückzahl, der zuzulassenden Aktien vom Publikum erworben wurden (§ 5 Abs. 1, § 6, § 7 und § 9 BörsZulV). Aufgabe 6.10: Abgrenzung der Marktsegmente an der Frankfurter Wertpapierbörse Ein Unternehmen möchte an der Frankfurter Wertpapierbörse vom General Standard in den Prime Standard wechseln. Wie unterscheiden sich diese Segmente und welche zusätzlichen Voraussetzungen muss das Unternehmen für einen Wechsel erfüllen? Stellen Sie ihr Ergebnis grafisch dar! 132 Finanzierung in Übungen Lösung: Prime Standard: Unternehmen, die die zusätzlichen internationalen Transparenzanforderungen erfüllen, können auf Antrag in diesen Transparenzstandard aufgenommen werden und somit Zugang zu den Auswahlindizes (DAX, MDAX, SDAX, TecDAX, GEX) der Deutschen Börse AG erlangen. - Berichterstattung in deutscher und englischer Sprache, - Veröffentlichung von Quartalsfinanzberichten (auch in englischer Sprache), - Veröffentlichung von Ad hoc-Mitteilungen und Meldungen über Insiderinformationen (auch in englischer Sprache), - Durchführung von mindestens einer Analystenkonferenz pro Jahr, - Veröffentlichung eines aktuellen Unternehmenskalenders im Internet, - Anwendung internationaler Rechnungslegungsstandards. General Standard: Unternehmen, die unter den gesetzlich normierten Mindest-Transparenzanforderungen des Regulierten Markts Wertpapiere zulassen, werden automatisch in diesen Transparenzstandard der FWB aufgenommen. Int ern atio nal e Tra nsp are nzanf ord eru nge n Abbildung 16: Marktsegmente an der FWB 34 Aufgabe 6.11: Voraussetzungen der Zulassung zum Börsenhandel im Entry Standard Mit dem Entry Standard hat die Deutsche Börse AG einen auf mittelständische Unternehmen zugeschnitten Kapitalmarktzugang geschaffen. Welche wesentlichen Voraussetzungen und Folgepflichten müssen Emittenten erfüllen, damit ihre Wertpapiere zum Handel in diesem Segment zugelassen werden? Lösung: Damit die Aufnahme eines Unternehmens in den Entry Standard erfolgen kann, müssen zunächst die Einbeziehungsvoraussetzungen des Open Market erfüllt werden. Diese sind ausführlich in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Deutschen Börse AG für den „Freiverkehr“ an der Frankfurter Wertpapierbörse geregelt. Wesentliche Einbeziehungskriterien für die Notierungsaufnahme im Open Market sind: 34 Entnommen aus Waschbusch, Gerd; Staub, Nadine; Karmann, Oliver: Die Zukunftsfähigkeit der kapitalmarktorientierten Mittelstandsfinanzierung über die Börse, in: FINANZ BETRIEB 2009, S. 693. Börsenwesen 133 - der schriftliche Antrag auf Einbeziehung des Emittenten durch den Handelsteilnehmer mit näheren Angaben über den Emittenten, - die Einreichung eines von der Aufsichtsbehörde bewilligten Prospekts oder eines Exposés sowie - der Nachweis, dass der Emittent über ein durch Bareinlage geleistetes Grundkapital i. H. v. 250.000 EUR verfügt. Sind die Aktien zum Handel im Open Market einbezogen, kann der Handelsteilnehmer mit Einverständnis des jeweiligen Emittenten eine Einbeziehung der Wertpapiere in den Entry Standard beantragen, sofern die folgenden zusätzlichen Voraussetzungen erfüllt sind: - die Einreichung eines für das der Antragstellung vorhergehenden Geschäftsjahr geprüften (Konzern-)Jahresabschlusses nebst Lagebericht des Emittenten nach den nationalen GAAP oder IFRS, - das Vorliegen eines speziellen Vertrags mit einem Deutsche Börse Listing Partner, - die Veröffentlichung eines Unternehmenskurzporträts des Emittenten auf dessen Homepage. Wesentliche Folgepflichten der Einbeziehung sind u. a. die Pflicht: - zur regelmäßigen Veröffentlichung und Aktualisierung der für die Zulassung zum Entry Standard notwendigen Unterlagen, - zur Veröffentlichung von Tatsachen, die den Aktienkurs erheblich beeinflussen sowie eines aktuellen Unternehmenskalenders auf der Homepage des Emittenten. Aufgabe 6.12: Börsensegmente für den Mittelstand a) Geben Sie einen Überblick über die derzeit in Deutschland existierenden Börsensegmente für mittelständische Unternehmen! b) Nennen Sie mögliche positive wie negative Aspekte der kapitalmarktorientierten Finanzierung mittelständischer Unternehmen über die Börse! Lösung: Teilaufgabe a) Im Vergleich zu den bereits in Aufgabe 6.11 erläuterten Transparenzstandards des Regulierten Marktes bzw. Open Markets („Freiverkehr“) zeichnen sich die Anforderungen der speziell auf mittelständische Unternehmen zugeschnit- 134 Finanzierung in Übungen tenen Börsensegmente durch niedrigere Zugangshürden und Folgepflichten aus. Aus diesem Grund eignen sich die Mittelstandsbörsen besonders für die Eigen- und Fremdkapitalaufnahme kleiner und mittlerer Unternehmen. Schon seit 2005 gibt es mit „M:access“ in München und dem „Entry Standard“ an der Frankfurter Wertpapierbörse zwei Segmente, die sich mit ihren Anforderungen explizit an mittelständischen Unternehmen orientieren. Im Jahr 2010 führte die Börse Stuttgart mit „Bondm“ ebenfalls ein Mittelstandssegment ein, welches insbesondere für eine Fremdkapitalaufnahme in Form einer Anleiheemission geeignet ist. Im gleichen Jahr startete auch der „Mittelstandsmarkt“ an der Börse Düsseldorf. Hier ist neben der Emission von Anleihen auch die Ausgabe von Aktien zur Eigenkapitalbeschaffung möglich. Zuletzt wurde im Jahr 2011 durch die Börsen Hamburg und Hannover die „Mittelstandsbörse Deutschland“ ins Leben gerufen. Auch hier können sich kleine und mittlere Unternehmen sowohl Fremd- als auch Eigenkapital beschaffen. Zu den bedeutendsten Börsenplätzen – insbesondere bei der Emission von Anleihen – für das Mittelstandssegment gehören das Handelssegment „Bondm“ der Börse Stuttgart und das Börsensegment „Entry Standard“ der Frankfurter Wertpapierbörse. Teilaufgabe b) 35 Die Beschaffung von Fremd- und Eigenkapital über den Kapitalmarkt stellt für mittelständische Unternehmen eine zusätzliche Finanzierungsalternative dar. Mittels einer kapitalmarktorientierten Finanzierung ist es den Unternehmen möglich, die Struktur der Passivseite ihrer Bilanz, d. h. ihre Finanzierungsstruktur zu diversifizieren. Neben die herkömmlichen Finanzierungsinstrumente von Mittelständlern in Form der traditionellen Kreditvergabe durch die Hausbank tritt eine Aufnahme von Fremd- oder Eigenkapital – beispielsweise in Form einer Anleihe- oder Aktienemission – über den Kapitalmarkt. Gerade kapitalschwachen mittelständischen Unternehmen eröffnen sich durch einen Börsengang neue Finanzierungsmöglichkeiten, was zu einer vermehrten Unabhängigkeit von der zuletzt zunehmend restriktiver werdenden Kreditvergabepolitik der Kreditinstitute führt. Auch die Möglichkeit, ein Betreuungsangebot der Kapitalmarktpartner in Anspruch nehmen zu können, steigert für mittelständische Unternehmen die Attraktivität einer Kapitalbeschaffung über die Börse. Ein negativer Aspekt der Aufnahme von Eigenkapital durch die Emission von Aktien ist gerade für die häufig traditionell eigentümergeführten Familienunternehmen in der – von der jeweiligen Ausgestal- 35 Vgl. zur Bedeutung der Börsen für den Mittelstand Bohnert Group of Partners: Mittelstand und Börse – die Unternehmerperspektive – empirische Analyse von Börsensegmenten für den Mittelstand, Düsseldorf o. J. Börsenwesen 135 tung der Aktien abhängigen – möglichen Einflussnahme neuer Eigentümer auf das Unternehmensgeschehen zu sehen. Weiterhin entstehen aufgrund der Zugangsvoraussetzungen und Folgepflichten einer Börsennotierung erhebliche Kosten, da die Anforderungen der jeweiligen Börsensegmente in Form von Berichterstattungen, Ratings o. Ä. zur Börsenzulassung erfüllt werden müssen. Diese Mehrkosten können z. B. einen Einfluss auf den Effektivzins bei einer Anleiheemission haben. Daher lohnt sich eine Kapitalaufnahme für die Unternehmen oft erst ab größeren Volumina. Aufgabe 6.13: Bedeutung der Clearingstelle im Terminhandel Welche Bedeutung kommt der Clearingstelle einer Terminbörse zu? Lösung: Bei einem Handelssystem mit einer Clearingstelle werden die Verträge zwischen den Marktpartnern nicht direkt abgeschlossen. Kommt es zu einem Geschäftsabschluss zwischen zwei Handelsteilnehmern, so tritt vielmehr die Clearingstelle als Vertragspartner zwischen den Käufer und Verkäufer des Kontrakts, so dass Rechte und Pflichten eines Handelsteilnehmers aus einem Termingeschäft nur gegenüber der Clearingstelle bestehen. Die Kontraktpartner bleiben dabei anonym. Die Clearingstelle wickelt die Geschäfte ab, sorgt für eine adäquate Besicherung, regelt gegebenenfalls die Lieferungsund Ausgleichsverpflichtungen aus den Kontrakten und trägt so zur Senkung der Sach-, Verhandlungs- und Prüfungskosten der Kontraktpartner bei. Darüber hinaus spricht die Clearingstelle eine Erfüllungsgarantie für alle an der Terminbörse gehandelten Kontrakte aus, so dass die Marktteilnehmer praktisch keinem Erfüllungsrisiko ausgesetzt sind. Aufgabe 6.14: Aktienindizes a) Erläutern Sie die Unterschiede zwischen Auswahl- und All Share-Indizes und geben Sie jeweils ein Beispiel an! b) Wodurch unterscheiden sich Kursindizes und Performance-Indizes? Lösung: Teilaufgabe a) In einem Auswahlindex wird die Anzahl der zugehörigen Werte anhand verschiedener Kriterien wie z. B. Börsenumsatz und Marktkapitalisierung begrenzt, wodurch ein hoher Grad an Handelbarkeit sichergestellt werden soll. Zum bekanntesten deutschen Auswahlindex zählt der DAX. In einem All 136 Finanzierung in Übungen Share-Index ist dagegen die Anzahl der enthaltenen Werte im Vergleich zu einem Auswahlindex unbeschränkt. All Share-Indizes sind daher breiter angelegt und werden insbesondere von Kapitalanlagegesellschaften genutzt, die den Anlageerfolg ihrer Portfolios anhand der Entwicklung dieser Indizes messen. Ein bekannter deutscher All Share-Index ist der Prime All Share-Index, der alle im Prime Standard notierten Werte umfasst. Teilaufgabe b) Kursindizes stellen lediglich die um Bezugsrechtsabschläge und Aktienkapitalveränderungen bereinigten Kursveränderungen eines Aktienportfolios dar, während Performance-Indizes sämtliche Renditekomponenten, d. h. Kursveränderungen und Ausschüttungen – wie z. B. Dividenden- und Bonuszahlungen – berücksichtigen.

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