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Stefan Spies, 4.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht in:

Michael Heidelberger, Lothar Kornherr (Ed.)

Handbuch der Personalberatung, page 174 - 184

Konzepte, Prozesse und Visionen

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4678-4, ISBN online: 978-3-8006-4679-1, https://doi.org/10.15358/9783800646791_174

Series: Management Competence

Bibliographic information
Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 155 1554.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht 4.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht von Stefan Spies Indem Sie die Körpersprache verstehen, können Sie Ihren Eindruck konkret benennen und Ihre Intuition belegen. Das Bewerbungsgespräch ist beendet, der Kandidat wurde hinausbegleitet, die Türe geschlossen und in Ihrer Bauchgegend steht Ihr erster Eindruck bereits seit einiger Zeit fest. Ist man ehrlich, so hatte man schon bei der Begrüßung so ein Gefühl, das sich im Verlauf des Gesprächs nur noch zu verdichten schien. Nun aber steht der Austausch mit dem Klienten an. Doch: Wie sagen, was man fühlt? – Schlimmer noch: Wie sagen, was man meint, ohne zu verraten, dass man es lediglich fühlt? – Wäre das schön, wenn man sein Gefühl durch Fakten belegen könnte. Diese wichtige Instanz käme zu ihrem Recht und würde – in Form sichtbarer Belege – obendrein gegenüber dem Klienten zu einem stichhaltigen Argument, das sich auf nachvollziehbare Beobachtungen und nicht auf die eigene Bauchgegend stützt. Deshalb liegt es nahe, Unterstützung bei einem professionellen Betrachter zu suchen: Ein Regisseur tut nichts anderes, als tagtäglich die Bewegungsabläufe seiner Darsteller zu beobachten, auszuwerten und zu gestalten. Der Regisseur im Dienste des Top-Managements schult die Herren auf beiden Seiten des Tischs: Mit seinem Wissen schärft er den Blick des Beraters und stärkt zugleich den Auftritt seines Kandidaten. In der Weise, in der sich ein alter Hitchcock-Klassiker ins Gemüt schraubt, ohne dass man weiß, warum dieser angestaubte Film aufregender ist als der neuste Tatort, so schraubt sich die Körpersprache unseres Kandidaten in unseren Bauch hinein. „Der Gedanke lenkt den Körper“: Die innere Einstellung des Kandidaten liest der Geübte anhand dessen Körpersprache. Wenn im Folgenden diese verschiedenen körpersprachlichen Elemente für den Leser getrennt beschrieben und analysiert werden, so behält diese papierene Auflistung eine Schwäche: Sie ersetzt nicht die Berufserfahrung des Beraters. Nach wie vor ist vor allen anderen der erfahrene Berater in der Lage, ineinandergreifende Aspekte zu werten und – je nach Situation – zu einer stimmigen Interpretation zu gelangen. Manch einer jedoch möchte nicht ein ganzes Berufsleben auf diese Erfahrung warten, um bis dahin mehr oder weniger fehlerhaft die Körpersprache seiner Kandidaten zu deuten. Die Angelegenheit ist nunmehr überschaubar: Im Vorteil ist derjenige, der nicht nur fühlt, sondern gegenüber seinem Klienten im Anschlussgespräch belegen kann, was er gesehen hat. 4.6.1 Der Gedanke lenkt den Körper „Nichts ist innen, nichts ist außen, denn alles was innen ist, ist außen“, stellte bereits Goethe fest. Mit anderen Worten: Die Gedanken des Kandidaten während des Bewerbungsgesprächs lenken den Ausdruck von Körper und Sprache. Authentisch wirkt ein Mensch immer dann, wenn Persönlichkeit 4.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 156 156 4. Arbeitsweise des Personalberaters in der Personalrekrutierung und innere Haltung ganz direkt und ohne jeden Umweg zu einer stimmigen Körpersprache führen. Nicht authentisch wirkt ein Mensch, wenn er ungeachtet seiner inneren Haltung – z. B. ich habe Angst – seinem Gegenüber eine andere Körpersprache vorzuführen versucht – z. B. ich bin motiviert. Konkret: Nicht authentisch ist der Kandidat, dem man seine hohe innere Spannung anmerkt, die er jedoch durch ein betont entspanntes Verhalten wie ruhige Sprache, zurückgelehntes Sitzen und harmonische, joviale Gesten zu kaschieren versucht. Dieser Kandidat wirkt wie zwanghaft gedämpft, weil er seine hohe innere Spannung durch äußere „Mätzchen“ zu überspielen versucht. Nicht authentisch wirkt aber auch der entgegengesetzte Fall: Ein betont schneller Gang, Übergestikulieren und unnatürlich weit aufgerissene Augen, begleitet von einem Dauermotivationslächeln, sollen immerwährende Aktivität und wahrhaftige Motivation vortäuschen, die man dem Menschen nicht wirklich abnimmt. Bevor Sie sich aber in die Beobachtung unterschiedlicher körpersprachlicher Details vertiefen, ist ein erster genauer Blick auf die Haltung des Kandidaten Ihnen bzw. Ihrem Klienten gegenüber ratsam. 4.6.2 Der Status zeigt die Einstellung zum Gespräch Erfindet man bei der Probe eine Szene – und nichts anderes ist die „Bewerbungsszene“ – so besprechen Regisseur und Darsteller Ort, Situation und Rollenverteilung, etc. und den sogenannten „Status“ der Figuren. In der Schauspielkunst setzt man voraus, dass sich eine Figur der oder den anderen Figuren gegenüber entweder in einem „Hochstatus“ oder aber in einem „Tiefstatus“ befindet. Was in der Managementwelt unter Begriffen wie „auf Augenhöhe sein“, „Du bist o.k., ich bin o.k.“ oder „Erwachsenen-Ich begegnet Erwachsenen-Ich“ Einzug gehalten hat, entspricht in der Schauspiellehre einer 50/50-Verteilung von Hoch- und Tiefstatus. Der Vorteil: Die Anweisung „Sei auf Augenhöhe!“ kann der Unerfahrene nicht umsetzen. Die Anweisung: „Sei 50/50 im Tief- bzw. Hochstatus!“ ist nach kurzer Sensibilisierung für den Status kein Problem. Merkmale eines Tiefstatus sind • ein sich zurückziehender, kleinmachender Körper • ein wackeliger Stand, häufig mit geschlossenen Beinen • eine sparsame Gestik auf kleinem Raum • ein leicht gesenkter Kopf in Kombination mit einem Blick von unten nach oben • kontinuierliches, entschuldigendes Lächeln • ein respektvoller Abstand zu anderen • zu leises, zögerndes Sprechen (Scheu) oder aber zu lautes, sehr schnelles Sprechen (Flucht nach vorne) Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 157 1574.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht Merkmale eines Hochstatus sind • ein sich ausbreitender, großmachender Körper • ein sicherer Stand, mindestens schulterbreit, manchmal weiter • eine dynamische Gestik, häufig ausladend und raumgreifend • ein Blick, leicht von oben nach unten • ein klarer, bestimmter Ausdruck • ein normaler Abstand zu anderen • ruhiges, fast beruhigendes Sprechen, gelegentlich mit kleinen Zäsuren – den Momenten, in denen der Kandidat sich die Zeit nimmt, nachzudenken Abbildung 4.6-1: Tiefstatus im Stehen: Der Redner will dem Publikum gefallen* Abbildung 4.6-2: Tiefstatus im Sitzen: Der Kandidat ist bemüht Abbildung 4.6-3: Hochstatus im Stehen: Der Redner tritt als Experte auf Abbildung 4.6-4: Hochstatus im Sitzen: Der Kandidat prüft * Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Michael Bieser, www.fotografieabstrakt.de Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 158 158 4. Arbeitsweise des Personalberaters in der Personalrekrutierung Vereinfacht bedeutet das für die Bewerbungssituation: Der Kandidat, der den Job unbedingt benötigt, befindet sich im Tiefstatus, derjenige, der das Angebot hingegen nur prüft, befindet sich im Hochstatus. „Vereinfacht“ deshalb, weil die Bewertung von Führungskräften, die sich bewerben, komplexer ist: Der Berufserfahrene trägt durch gelebtes Leben, z. B. bereits gewonnene Schlachten oder genossene Anerkennung durch andere, aber auch durch die – viele Jahre gelebte – Rolle des Chefs seinen Hochstatus in sich. Sein Hochstatus bei der Bewerbung muss also nicht bedeuten, dass er die Position nicht nötig hat. Komplex ist die Bewertung auch deshalb, weil es meistens auf die Mischung ankommt: Einerseits wünschen Sie sich im Gespräch eine Persönlichkeit zu erleben, die man sich als Führungskraft auch vorstellen kann – den Hochstatus. Andererseits wünscht man sich womöglich eine nicht zu selbstbezogene Figur, eine die Vorgesetzten gegenüber solidarisch agiert – den Tiefstatus. Kurzum: Entscheidend ist es, nicht nur Hoch- und Tiefstatus zu erkennen, sondern genau wahrzunehmen, in welcher Phase des Bewerbungsgesprächs welcher Status vom Kandidat eingenommen wird. Indem Sie Ihre Wahrnehmung von Hoch- und Tiefstatus auf die zum jeweiligen Zeitpunkt vorgebrachten Inhalte beziehen, wird sie wirklich wertvoll. Es gibt augenfällige Begegnungen, bei denen Sie innerhalb kürzester Zeit für den Status des Kandidaten „als Ganzen“ intuitiv ein bestimmtes Gefühl haben. Sie spüren, ob der Interessent Ihnen etwas erklärt (Hochstatus) oder aber sich selbst erklärt (Tiefstatus), ob er eine bestimmte Möglichkeit erbittet (Tiefstatus) oder aber prüft (Hochstatus), ob er gekommen ist, um Ihnen zu gefallen (Tiefstatus) oder aber, um die Voraussetzungen einer möglichen Zusammenarbeit zu klären (Hochstatus). Ist der Gesamteindruck aber nicht so eindeutig, wie hier beschrieben, lohnt ein zweiter, auf die Details gerichteter Blick. 4.6.3 Die Begrüßung ist der erste Auftritt Da es sich bei der gängigsten Variante, dem Schütteln der Hände, um einen ersten Körperkontakt handelt, ist dieser Vorgang für die Interpretation einer Begegnung besonders aufschlussreich. Entscheidend ist das Zusammenspiel von drei Elementen: • Der Körper zeigt, wie jemand zu Ihnen steht. Menschen umgibt eine sogenannte „Intimzone“ von ungefähr 70 cm. Kommt jemand deutlich näher, dringt er in diesen Raum, was je nach Situation Vertrautheit, Dominanz oder aber Hilfsbedürftigkeit signalisiert. Der Vertraute sucht eine Nähe, die Sie ihm zuvor gewährt haben, der Dominante nimmt sich eine Nähe, die Sie ihm nicht gewährt haben. Der Hilfsbedürftige geht über Grenzen, weil er nur seine Not kennt und Hilfe sucht. • Die Augen sind die Fenster zur Seele. Sie zeigen, welche Art von Kontakt Ihr Gegenüber sucht. Schauen Sie genau hin, wie Sie jemand bei der Begrü- ßung anblickt: Wischt sein Blick lediglich an Ihnen vorbei? Kehrt sein Blick Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 159 1594.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht nach scheuem Wegsehen wieder zu Ihnen zurück? Geht sein Blick zu Boden, während er sich vorstellt? Oder prüft Sie der Blick von oben bis unten? • Die Hände zeigen nicht mehr allzu viel. Dem anderen nur lasch die Hand zu drücken, vermeiden die meisten inzwischen. Und auch das Zerquetschen der Hand durch eine gegnerische Pranke findet man nur noch selten. Was sich noch nicht herumgesprochen hat – und deswegen schön zu beobachten ist –, sind die Art der Berührung und die Qualität der Spannung, die den Arm hinaufgeht. Dynamische Zeitgenossen hauen ihre Hand in die des anderen wie die Axt in den Baumstamm. Vorsichtige Persönlichkeiten tasten mit abgeknickter Hand zaghaft nach der Hand des anderen. Unsichere und demzufolge verspannte Menschen spannen bei der Begrüßung nicht nur die Hand, sondern gleich den ganzen Arm an; ihre Bewegung wird dadurch ein wenig eckig. Im Einzelnen kann man folgende Charakteristika aus der Art des Händeschüttelns ableiten: Höflich Die Hand gibt einen guten Kontakt und schüttelt lebhaft die andere. Ein freundlicher Blick trifft auf gleicher Linie. Der Blick wird von einem zuvorkommenden Lächeln begleitet. Die Augen blicken den anderen interessiert an. Der Körper ist dem anderen zugewandt. Der Körperabstand ist respektvoll. Herzlich Die Hand gibt einen guten Kontakt und schüttelt lebhaft die andere. Männer klopfen sich gelegentlich auf die Schultern oder boxen sich scherzhaft. Frauen legen gelegentlich die Hände ineinander und halten sie etwas länger. Ein langer und warmherziger Blick trifft auf gleicher Linie. Der Blick wird von einem innigen Lächeln oder herzlichen Lachen begleitet. Der Körper ist dem anderen zugewandt. Der Körperabstand ist nah. In intensiven Momenten umarmt man sich. Routiniert Die Hand drückt und schüttelt kurz. Ein kurzer Blick trifft auf gleicher Linie. Der Blick wird von einem höflichen, nichtssagenden Lächeln begleitet. Der Körper wendet sich dem anderen kaum zu, steht häufig schräg zum Gegenüber. Der Körperabstand ist respektvoll. Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 160 160 4. Arbeitsweise des Personalberaters in der Personalrekrutierung Missachtend Die Hand drückt flüchtig und schüttelt knapp und eckig. Ein flüchtiger Blick trifft aus dem Augenwinkel oder leicht von oben. Den Blick begleitet ein schmaler Mund, gelegentlich ein Verziehen des Mundwinkels. Die Augen sind beim Händedrücken schon wieder woanders. Der Körper wendet sich dem anderen nur kurz zu. Der Körperabstand ist respektvoll, gelegentlich distanziert. Zurückhaltend Die Hand liegt schwach in der anderen und lässt sich schütteln. Der Kopf ist leicht gesenkt. Entsprechend geht der Blick von unten nach oben. Der Blick ist scheu, häufig rutscht er kurz weg, um sofort wieder zurückzukehren. Der Blick wird von zaghaftem Lächeln begleitet. Der Körper wendet sich dem anderen zu. Der Körperabstand ist respektvoll. Prüfend Die Hand drückt lange und fest. Ein kontrollierender, konfrontativer Blick direkt auf gleicher Höhe oder leicht von oben. Den Blick begleitet ein strenger oder falsch lächelnder Mund. Der Körper wendet sich frontal zu. Der Körperabstand ist respektvoll, gelegentlich etwas distanziert. Vereinnahmend Die Hand drückt lange, gelegentlich umschließen zwei Hände die Hand des Gegenübers; manchmal zieht die Hand den anderen zu sich heran. Ein aufgerissener, strahlender Blick auf gleicher Höhe. Den Blick begleitet ein strahlendes Lächeln, das gelegentlich etwas aufgesetzt ist. Die Augen fixieren den anderen, lassen ihn kaum los. Der Körper wendet sich frontal zu. Der Körperabstand ist nah. Nach der Begrüßung dreht sich der Körper gelegentlich in die Perspektive des Gegenübers und der Kopf kommt nah heran. Dominierend Die Hand drückt fest. Der Kopf ist leicht erhoben. Entsprechend geht der Blick von oben nach unten. Der Blick ist fest und konfrontativ, fixiert gelegentlich den anderen. Den Blick begleitet ein strenger oder falsch lächelnder Mund. Der Körper wendet sich frontal zu. Der Körperabstand ist respektvoll. Wegstoßend Die Hand schüttelt kurz, schiebt den anderen ggf. etwas von sich. Ein introvertierter Blick auf gleicher Linie oder leicht von unten nach oben. Der Blick wird von einem kalten Lächeln begleitet. Der Körper wendet sich dem anderen zu. Der Körperabstand ist respektvoll, manchmal etwas distanziert. Abbildung 4.6-5: Was Händeschütteln verrät. Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 161 1614.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht Inzwischen wird deutlich, dass die Wahrnehmung nonverbaler Signale alleine nicht ausreicht, wenn man seinem Klienten gegenüber überzeugend argumentieren möchte. Gewohnte Benennungen über Körpersprache wie „o.k.“/„nicht o.k.“ , „souverän“/„nicht souverän“ oder gar „emotional“/„nicht emotional“ sagen wenig aus, denn was genau „o.k.“ sein soll, welche Art von Souveränität gemeint ist und was für eine Emotion man in einem Bewerbungsgespräch denn erwartet hatte, bleibt im Dunkeln. Was nutzen Ihnen blumig formulierte Anforderungsprofile, wenn die Worte, die das Auftreten des Kandidaten benennen stumpf, unscharf und kantig sind? Ihre Wahrnehmung ist nur so viel wert, wie Ihre Worte genau sind. 4.6.4 Eine differenzierte Wahrnehmung benötigt einen differenzierten Ausdruck Im Folgenden sind beispielhaft unterschiedliche Auftritte von Kandidaten beschrieben, die alle „o.k.“, „souverän“ und „emotional“ sind und dabei sehr verschieden. Klar und bestimmt treten Menschen sowohl aus dem Tief- als auch aus dem Hochstatus heraus auf. Sie treten ohne Wenn und Aber für oder gegen etwas ein. • Sie öffnen mit Elan die Türe und betreten den Raum in aufrechter Haltung, denn sie haben sich für heute etwas vorgenommen und es gibt keinen Grund, sich kleinzumachen. • Schultern und Nacken sind entspannt, der Blick geradeheraus und aufrecht, die Hände werden klar und eindeutig gedrückt. • Sie setzen sich aufrecht hin und suchen auch im Sitzen den Blickkontakt zu anderen. • Sie lächeln nur, wenn sie sich freuen, nicht aber um der Nettigkeit willen, denn sie sind nicht hier, um nett zu sein. • Sie unterstützen ihre Ausführungen durch lebhafte Gestik, denn sie nehmen sich den Raum, den sie für ihr Vorhaben benötigen. Der klare und bestimmte Kandidat zeichnet sich durch eine in sich ruhende und klare Körpersprache aus. Der klare Körper bezieht Position im Raum – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Interessiert und aufgeschlossen können Menschen sowohl aus dem Tief- als auch aus dem Hochstatus heraus sein. Während das Interesse aus dem Tiefstatus heraus den Beteiligten als eher selbstverständlich erscheint, werden in umgekehrter Richtung – der Ranghöhere interessiert sich für den Rangniedrigeren – Brücken gebaut. • Sie begrüßen ihren Gesprächspartner gelöst und freundlich und blicken ihn  ruhig und interessiert an, denn sie zeigen, dass sie sich Zeit für ihn nehmen. • Sie begegnen ihm herzlich, mit einem warmen Blick und lächelnd, denn sie setzen auf ihn und das soll er auch merken. Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 162 162 4. Arbeitsweise des Personalberaters in der Personalrekrutierung • Sie gestikulieren ruhig und entspannt, denn sie möchten ihrem Gesprächspartner seinen Raum lassen. • Sie sitzen still und gelöst, während sie zuhören, damit sich der andere in keiner Weise gehetzt oder gedrängt fühlt. Der interessierte und aufgeschlossene Kandidat hat eine wache Körpersprache, keine unruhige. Der sich ausbreitende und blockierende Körper nimmt dem anderen Raum. Der interessierte Körper gibt dem anderen Raum. Begeistert und animierend können Menschen sowohl aus dem Tief- als auch aus dem Hochstatus heraus auftreten. Andere zu animieren, wenn sowieso alles gut läuft, ist nicht weiter schwierig, da man einen begeisterten Zustand nur weitergeben muss und dieser ohnehin auf fruchtbaren Boden fallen wird. Wenn sich jemand jedoch innerhalb einer kritischen Situation auch noch bewerben muss, wird es schwierig. • Sie öffnen mit Schwung die Türe, ihr Ziel innerlich vor Augen und betreten den Raum zügig, lebhaft und dynamisch, denn sie haben heute etwas vor. • Sie halten Schultern und Nacken entspannt. Wer von seiner Sache überzeugt ist, muss sich nicht anspannen. • Sie blicken geradeheraus in die Augen der anderen, denn sie möchten andere mitnehmen. Sie drücken klar und fest die Hände anderer, denn wer begeistert ist, packt zu. • Sie strahlen innerlich und zeigen ihre Freude, denn wer eine Idee hat, der freut sich. • Sie setzen sich aufrecht und gespannt hin und suchen auch im Sitzen Blickkontakt zu anderen, denn wenn sie heute etwas wollen, dann ist es Kontakt. Einen begeisterten und andere animierenden Eindruck hinterlässt ein Kandidat, wenn er eine Idee, ein Vorhaben oder eine Vision in sich trägt und vorhat, diese lebhaft und glaubhaft nach außen zu transportieren. Der begeisterte und andere animierende Mensch hat eine lebhafte Körpersprache, die aus dem eigenen Enthusiasmus entsteht. Der lebhafte Körper dringt in den Raum, um sich mitzuteilen. Er lässt sich von anderen, womöglich entgegengesetzten Stimmungen nicht bremsen. Wohlwollend und großzügig können Kandidaten nur aus dem Hochstatus heraus auftreten. Das Angenehme für den Entscheider ist, dass er sein Gegen- über entspannt erlebt und dies zu einer gelösten Atmosphäre beiträgt. • Sie öffnen ruhig und sachte die Türe und betreten gelassen den Raum; sie wollen nichts und müssen nichts. • Sie blicken ihren Gesprächspartner freundlich an, gehen ruhig auf ihn zu und begegnen ihm herzlich lächelnd, denn sie selbst fühlen sich gut und ebenso soll sich ihr Gegenüber fühlen. • Sie sitzen locker, ob sie selbst sprechen oder aber zuhören, denn auf diese Weise nehmen sie dem Kennenlernen von Anfang an jeden Druck. Einen wohlwollenden und großzügigen Eindruck vermittelt ein Kandidat, wenn er die Ruhe selbst ist und ihn nichts aus der Fassung bringen kann. Der wohlwollende und großzügige Mensch hat eine entspannte Körpersprache, die aus einer großen inneren Ruhe entsteht. Der entspannte Körper muss Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 163 1634.6 Der Körper Ihres Kandidaten spricht nichts tun und nichts beweisen, er ist einfach nur da und genießt sogar das Vorstellungsgespräch. 4.6.5 Kleine Bewegungen mit großer Wirkung Einen dritten – und für diesen Aufsatz – letzten Blick werfen wir auf die kleinen Bewegungen des Körpers. Aber aus welchem Grund? Szenisch gesehen ist eine Bewerbungssituation langweilig: Ein Mensch sitzt auf einem Stuhl und erzählt über sich, seine Fähigkeiten und Vorstellungen. Innerhalb eines Stückes wäre eine solche Szene eine typische Eröffnungsszene. Um in das nachfolgende Drama eintauchen zu können, muss der Zuschauer nämlich zu Beginn des Stückes zahlreiche Informationen über die Ausgangssituation und ihre Figuren erhalten: Zu Beginn werden die Absichten der Figuren dargestellt und die Handlungsfäden geknüpft, deren dramatische Verwicklung den weiteren Verlauf der Handlung bildet. Für Autoren und Regisseure stellen diese Eröffnungsszenen eine besondere Herausforderung dar, da man den Zuschauer durch die Erzählung packen und unterhalten will, obwohl es noch nicht allzu viel zu erzählen gibt. Die Konsequenz: Wenn man keine interessante Aktion inszenieren kann, dann verlagert man die Spannung zumindest auf die Art und Weise der Darstellung. Je simpler die Situation, desto bedeutsamer die Ausgestaltung der szenischen Details. Für Sie als Interviewer gilt entsprechend: Eine Bewerbungssituation bietet nur eine auf einem Stuhl sitzende und sprechende Person. Möchten Sie mehr als nur einen Gesamteindruck gewinnen, müssen Sie Ihre Aufmerksamkeit den körpersprachlichen Details schenken. 4.6.5.1 Der Kopf zeigt die Perspektive Sie können diese simple Beobachtung bereits bei einem Baby machen, das noch keine sechs Monate alt ist: Es schiebt seinen Kopf nach vorne, wenn es sich für etwas interessiert und drückt ihn nach hinten, wenn es erschrickt oder etwas ablehnt. Bei Erwachsenen spricht man von einem „schrägen Typen“ und meint damit seinen Blick aus dem Augenwinkel, vom „Lady-Di-Blick“ wenn man einen weiblichen Blick von unten nach oben sieht und von einem Menschen, der die „Nase ganz schön hoch trägt“ wenn man sich durch seinen Blick von oben nach unten gemustert fühlt. Die Angelegenheit ist einfach und liegt auf der Hand: Die Haltung des Kopfs bestimmt die Perspektive des Blicks und damit die Perspektive, die der Kandidat gerade auf diesen Moment des Gesprächs richtet. Kein Mensch kann die Kopfhaltung seines Gegenübers permanent studieren, wenn er zugleich inhaltlich einigermaßen etwas mitbekommen will. Das Erstellen eines lückenlosen Kopfbewegungsprofils nutzt auch niemandem. Wichtig für Sie ist vielmehr, Kopfbewegungen an sogenannten „Wendepunkten“ zu beobachten. Die dramatische Handlung lebt von Wendepunkten, also den Momenten, in denen ein neuer Impuls, eine neue Absicht, ein neues Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 164 164 4. Arbeitsweise des Personalberaters in der Personalrekrutierung Hindernis, ein neues Ereignis – oder zusammenfassend: eine neue Information – der Handlung eine neue Richtung gibt. Wie reagieren die anwesenden Figuren in der Sekunde, in der sie erstmalig den abgeschlagenen Kopf des Pompeius sehen? Wie reagiert der Kandidat in der Sekunde, in der er eine entscheidende neue Information aus dem Munde Ihres Klienten erhält? Wie blickt er in entscheidenden Gesprächsphasen, in denen er beispielsweise über sich selbst oder über seine Fähigkeiten spricht? 4.6.5.2 Hände zeigen die Qualität von Aktionen Während man im Gesicht eines Kandidaten nicht selten ein kontrolliertes, unverbindliches Lächeln findet, denken Menschen während des Gesprächs weniger daran, was ihre Hände so tun: Angespannte, in sich verkeilte Hände verraten Momente innerer Anspannung, ebenso Hände, die sich an Stuhllehnen, Oberschenkeln oder Tischkanten festhalten. Gestikulierende Hände hingegen verraten die Qualität von Aktionen. Es mag interessant sein, ob ein Mensch gestikuliert oder nicht. Richtig spannend aber wird es, wenn man sich die Qualität der Gesten genau ansieht: Nehmen sich Hände viel oder wenig Raum, bewegen sie sich tastend oder kraftvoll, kantig oder weich, mechanisch oder spontan, lockern sich die Bewegungen im Verlauf des Gesprächs oder kehren die Hände immer wieder wie ferngesteuert zum selben Ausgangspunkt zurück? Wirkt die Bewegung abfallend und routiniert, vielleicht sogar kraftlos, oder aber frisch und sprudelnd, aufpeitschend? 4.6.5.3 Das Sitzen zeigt die innere Spannung Überforderung, Stress, Angst, aber auch Coolness und Überheblichkeit verrät der Körper durch innere An- bzw. Entspannung. Hilfreich ist es, drei Spannungszustände zu unterscheiden: 1. Eine „Unterspannung“ – der Kandidat ist beispielsweise kraftlos, desinteressiert oder überheblich. 2. Eine „mittlere, wache Spannung“ – der Kandidat ist aufmerksam und offen für die Begegnung. 3. Eine „Überspannung“ – der Kandidat ist beispielsweise überfordert, unter Druck oder ängstlich. Erkennbar sind diese Varianten unter anderem an der Sitzhaltung. Beispiele: Sitzt der Kandidat auf der Vorderkante, als sei er auf dem Sprung? – Hält er sich an dem Stuhl fest, als wäre er sein letzter Strohhalm? – Sitzt er entspannt und wach, offen und interessiert an der Begegnung? – Lehnt er gemütlich auf dem Stuhl, so als fehlten nur noch Fernbedienung und Bier für den Fernsehabend? 4.6.6 Fazit „Intuitiv hatte ich so einen ähnlichen Eindruck, wie Sie ihn beschrieben haben. Aber mir fehlen dafür seltsamer Weise die Worte.“ – So oder ähnlich äußern Klienten, was sie vermissen: nicht etwa eigene Intuition oder Lebenserfahrung, sondern eine präzise Wahrnehmung, verbunden mit einer ebenso präzisen Begrifflichkeit. Regisseure, die gegenüber ihren Darstellern etwas anderes formulieren, als sie meinen, erhalten die Quittung sofort: Der Dar- Verlag: Vahlen – Competence Reihe – Heidelberger/Kornherr – HB der Personalberatung, 2. Aufl. Herst.: Frau Deuringer – Status: Druckdaten – Seite 165 1654.7 Einsatz psychologischer Testverfahren steller setzt nicht das um, was man meint, sondern das, was man sagt. Insofern sind klare und präzise Formulierungen Voraussetzung für effektive Proben und eine exakte Inszenierung. Ebenso steigt die Überzeugungskraft des Beraters gegenüber seinem Klienten in dem Maße, indem er seinen Eindruck mit präzisen Beobachtungen belegt und diese durch klare und treffende Formulierungen benennt. – Wie komme ich zu meinem Eindruck? – Was genau habe ich wann beobachtet? – Mit welchem Begriff oder mit welchen Begriffen lässt sich diese Beobachtung exakt beschreiben? Übrigens gibt auch der Sprachklang des Kandidaten Aufschluss über sein Auftreten, denn der Gedanke lenkt auch den Klang der Sprache, den Subtext, wie man im Theater sagt. 4.7 Einsatz psychologischer Testverfahren von Dr. Rüdiger Hossiep Traditionell gehen Personalberater bei Personalentscheidungen im Rahmen der Besetzung von Vakanzen aus guten Gründen primär erfahrungsgestützt vor. Allerdings stehen mittlerweile geeignete psychologische Instrumente zur Verfügung, die den Meinungsbildungsprozess über infrage stehende Kandidaten zielführend unterstützen können und damit die Eignungsfeststellungen breiter absichern. Insbesondere zur Systematisierung der Persönlichkeitsstruktur bieten berufsbezogene Verfahren einen nachvollziehbaren, plausiblen Zusatznutzen (Hossiep, R./Paschen, M., 1999). 4.7.1 Psychologische Testverfahren Bei psychologischen Testverfahren handelt es sich um die klassischen und am häufigsten verwendeten Instrumente wissenschaftlich kontrollierter Besetzungsentscheidungen. So sind Tests für zahlreiche Kandidaten auch schlechthin synonym mit Selektions- und Bewertungsmethoden. Einer der entscheidenden Gründe für die Verwendung psychologischer Testverfahren ist in der hoch entwickelten Methodologie ihrer Konstruktion zu sehen. Diese erfolgt mit der Zielrichtung, möglichst objektivierte Bewertungsmethoden zur Verfügung zu stellen, um die persönlichen Eignungsvoraussetzungen von Kandidaten in Erfahrung zu bringen. Die Standardisierung psychologischer Testverfahren bezieht sich auf Inhalt, Durchführung und Auswertung. Im Vergleich zu anderen Herangehensweisen ist somit die Grundlage hoher Objektivität gegeben und damit der Einfluss subjektiver Kriterien – die gleichwohl an anderer Stelle durchaus begründet einen gewissen Raum einnehmen können – minimiert. Diese Vorgehensweise schützt den Kandidaten im Auswahlprozess vor möglichen subjektiven Verzerrungen, die bei anderen Selektionsmethoden, wie z. B. dem Interview, a priori eine weitaus größere Rolle spielen. 4.7 Einsatz psychologischer Testverfahren

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Zusammenfassung

Vorteile

- Stellt umfassend und detailliert den gesamten Bereich der Personalberatung dar

- Zeigt auf, worauf bei der Auswahl des richtigen Personalberaters zu achten ist

Zum Werk

Ein guter Personalberater ist ein wichtiger Partner im Wettbewerb um Spezialisten und Führungskräfte. Dieser "war for talents" ist ein Schlüsselthema für den unternehmerischen Erfolg und erfordert eine hochwertige und nachhaltige Beratungsleistung. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. hat mit seinen Grundsätzen ordnungsgemäßer und qualifizierter Personalberatung (GoPB) einen Branchenstandard für diese Dienstleistung in Deutschland entwickelt.

Inhalt

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- Was zeichnet eine professionelle Personalberatung aus?

- Die richtigen Honorarmodelle

- Der geeignete Nachfolger in Familienunternehmen

- Internationale Aufträge und Personalrekrutierung in China

- Personalberatung aus Klienten- und Kandidatensicht

- Zukünftige Tendenzen in der Personalberatung

Herausgeber

Michael Heidelberger und Lothar Kornherr sind seit vielen Jahren Personalberater und als Certified Executive Recruitment Consultant (CERC) qualifiziert. Beide sind geschäftsführende Gesellschafter renommierter Personalberatungen.

Zielgruppe

Personalberater, Personalleiter.