D. Fremdfinanzierung durch Kredite in:

Martin Bösch

Finanzwirtschaft, page 200 - 241

Investition, Finanzierung, Finanzmärkte und Steuerung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4662-3, ISBN online: 978-3-8006-4663-0, https://doi.org/10.15358/9783800646630_200

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D. Fremdfinanzierung durch Kredite Das lernen Sie in diesem Abschnitt Welche Gruppen von Fremdkapitalgebern gibt es? Was versteht man unter der Zinsstrukturkurve und welche Bedeutung hat sie für die Höhe des Kundenzinssatzes? Wie beeinflusst die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kreditnehmers den für ihn relevanten Kreditzins? Wie können wir einen möglichen Verlust berechnen, der bei einer Kreditvergabe aus Sicht des Kreditgebers auftritt? Welche Rolle spielt er für die Höhe des Zinssatzes? Welche Faktoren fließen in eine Kreditwürdigkeitsprüfung ein und welche Faktoren sind dabei von herausragender Bedeutung? Wie wird die Bonitätsbeurteilung eines Kreditnehmers durchgeführt? Was sind die „Produktionskosten“ eines Kredits aus Bankensicht? Welche Größen fließen in die Produktionskosten ein und wie wirken sie sich auf Kreditvergabe und geforderten Kundenzinssatz aus? Welche aufsichtsrechtlichen Bestimmungen haben Einfluss auf die Höhe des Kundenzinssatzes? Was versteht man in diesem Zusammenhang unter Basel I und Basel II? Kreditgeber fordern bei der Kreditvergabe häufig Sicherheiten. Welche Sicherheiten gibt es, welche Vor- und Nachteile haben sie aus Sicht der Kreditgeber und Kreditnehmer? Welche Kreditarten gibt es und welche Charakteristika haben Sie? D. Fremdfinanzierung durch Kredite 186 D. Fremdfinanzierung durch Kredite 18 Fremdfinanzierung im Überblick 18.1 Einordnung der Fremdkapitalgeber Die Bundesbank veröffentlicht seit 1994 regelmäßig die „Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen“.143 Der gewichtete Durchschnitt (Bilanzsumme) ihrer Passivseite zeigt Tabelle D-1: Verhältniszahlen in % Umsatz von …. bis (in Mio. €) Alle < 2 2 < 10 10 < 50 > 50 Eigenkapital 29,8 23,8 29,5 32,7 28,9 Verbindlichkeiten 49,8 68,7 60,7 54,0 48,8 kurzfristige 37,4 40,1 41,7 40,1 36,9 gegen Kreditinstituten 3,1 10,9 9,9 7,6 2,2 aus Lieferungen und Leistungen 7,7 9,1 10,3 9,8 7,3 gegen verbundenen Unternehmen 16,6 7,8 8,1 10,8 17,7 langfristige 12,4 28,6 19,0 13,8 11,9 gegen Kreditinstituten 5,4 22,0 14,2 9,2 4,5 gegen verbundenen Unternehmen 4,7 4,3 3,3 3,1 4,9 Rückstellungen 20,2 6,8 9,2 12,6 21,6 darunter Pensionsrückstellungen 6,7 1,6 2,2 3,2 7,3 Tabelle D-1 : Verhältniszahlen deutscher Unternehmen 2010, Passiva (in %) Demnach betragen die Verbindlichkeiten 49,8 % aller Passiva. Die kurz- und langfristigen Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten belaufen sich auf 8,5 % der Bilanzsumme. Ihr Anteil wird umso höher, desto kleiner die Unternehmung ist. Die Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen (Lieferantenkredite) betragen 7,7 %. Die Kreditvergabe innerhalb des jeweiligen Unternehmensverbunds spielt mit 16,6 % der Bilanzsumme eine wichtige Rolle. Diesem Posten auf der Passivseite steht allerdings auf Seite der kreditgebenden Unternehmungen ein entsprechender Ausweis auf der Aktivseite gegenüber (Forderung gegen verbundene Unternehmungen). In Summe fließt dem Unternehmensverbund kein Geld von außen zu. Allerdings zeigt sich hier das Ausmaß der Kreditvergabe innerhalb des Unternehmensverbunds. Abbildung D.1 zeigt die zwei Wege und die damit verbundenen Kreditarten bei der Fremdkapitalbeschaffung: Fremdkapital kann einerseits über den betrieblichen Leistungsprozess in die Unternehmung fließen, sei es in Form von Kundenanzahlungen144 oder in Form der bereits angesprochenen Lieferantenkredite. Den Löwenanteil des 143 Vergleiche hierzu Fußnote 16, S. 15. Die Bundesbank liefert dabei nicht nur aggregierte Daten, sondern schlüsselt nach Rechtform, Größe und Branchen auf. 144 Erscheint in der Bilanz als passiver Rechnungsabgrenzungsposten. Diese Größe wird in der oben genannten Bundesbankstatistik nicht berücksichtigt. 18 Fremdfinanzierung im Überblick 18 Fremdfinanzierung im Überblick 187 Fremdkapitals beschafft sich eine Unternehmung über das Bankensystem, den Kapitalmarkt und über verbundene Unternehmungen. Vereinzelt spielen auch Förderprogramme eine gewisse Rolle. Die Kriterien, ob und unter welchen Bedingungen Fremdkapital zur Verfügung gestellt wird, unterscheiden sich stark bei hier aufgeführten Kreditarten. Der Lieferantenkredit etwa ist aus Sicht des Kreditgebers schwer zu steuern, bei öffentlichen Förderprogrammen145 oder der Kreditvergabe innerhalb eines Unternehmensverbundes soll über die Kreditvergabe hingegen auf das Unternehmen eingewirkt werden. Hauptsächlich aber wird Fremdkapital durch darauf spezialisierte Institutionen – allen voran Banken – und über den Kapitalmarkt zur Verfügung gestellt. Die Fremdkapitalgeber fordern dabei eine angemessene Verzinsung und die fristgerechte Rückzahlung des gewährten Kredits. Ihre größte Sorge sind unvollständige Zins- und Tilgungszahlungen der Kreditnehmer. Betrachten wir zunächst die Banken als größte Fremdkapitalgebergruppe. Wonach bestimmt sich der Zinssatz für einen Unternehmenskredit? Banken unterliegen bei der Festlegung des geforderten Zinssatzes zwei wesentlichen Beschränkungen. Einerseits muss sich der Zinssatz am allgemeinen Marktzinssatz für vergleichbare Kredite orientieren, andererseits muss der geforderte Zinssatz aber auch die „Produktionskosten“ des Kredits decken. Im nächsten Kapitel betrachten wir daher zunächst die Marktpreise für Kredite. Danach schließt sich die Analyse der Produktionskosten von Krediten an. 18.2 Die Zinsstrukturkurve Ausgangspunkt der Marktbetrachtung ist die sogenannte Zinsstrukturkurve der Abbildung D.2. Sie zeigt den Marktzinssatz iT in Abhängigkeit von der Laufzeit T eines Kredits. 145 Etwa die Förderung strukturschwacher Regionen oder die Förderung bestimmter Technologien. Fremdkapitalgeber Über Leistungsprozess Über Institutionen und Märkte Lieferanten Kunden Banken Kapitalmarkt Öffent. Sektor Lieferantenkredit Kundenkredit (Anzahlung) KK-Kredit Kreditleihe Darlehen Anleihen Obligationen Förderprogramme Verbundene Unternehmungen Abbildung D.1 : Fremdkapitalgeber und Kreditarten 188 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Die Zinsstrukturkurve ist eine Zeitpunktbetrachtung, d. h. zu einem bestimmten Zeitpunkt werden die tatsächlichen Kredite nach ihrer Laufzeit auf der x-Achse sortiert und ihr dazu gehöriger Zinssatz auf der y-Achse abgetragen. Die Darstellung in Abbildung D.2 ist idealtypisch zu verstehen, da in Wirklichkeit die Zinsstrukturkurve nur aus einzelnen Punkten besteht.146 Typischerweise steigt der geforderte Zinssatz mit der Laufzeit des Kredits. Man spricht dann von einer „normalen Zinsstrukturkurve.“ Es gibt aber immer wieder Zeiträume, in denen die Zinsstrukturkurve „invers“ ist und der Zinssatz mit der Kreditlaufzeit sinkt. Dies war z. B. in den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung der Fall. Von einer „flachen Zinsstrukturkurve“ spricht man hingegen, wenn sich die Zinssätze nicht mit der Laufzeit ändern.147 Zu jedem Zeitpunkt gibt es einen Schuldner mit den geringsten Kreditzinssätzen. Es ist der Schuldner mit der besten „Bonität“. Bonität ist ein Synonym für „Kreditwürdigkeit“. Je kreditwürdiger ein Schuldner ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen zukünftigen Zins- und Tilgungsverpflichtungen nicht nachkommt. Diese Wahrscheinlichkeit wird Ausfallwahrscheinlichkeit genannt. Der Schuldner mit der besten Bonität für Eurokredite für jede Laufzeit ist derzeit die Bundesrepublik Deutschland, der „BUND“, wie er oft verkürzt genannt wird. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass der BUND seinen Zins- und Tilgungsverpflichtungen nicht nachkommt, da er über Steuererhöhungen ausreichend Finanzmittel zur Bedienung seiner Kreditverpflichtungen beschaffen kann. Die Staatsschuldenkrise in Europa hat aber gezeigt, dass nicht alle Staaten Europas als ausfallsicher gelten. 146 Wir werden später in Kapitel 23.4 sehen, dass wir die Zinsstrukturkurve eigentlich Renditestrukturkurve oder als Kreditzinsstrukturkurve bezeichnen müssten. Wir sprechen aber weiterhin vereinfachend von der Zinsstrukturkurve. 147 Eine Diskussion über die Gründe für unterschiedliche Formen findet sich in Steiner, Bruns, Wertpapiermanagement, 2007, S. 145 ff. Laufzeit T Zinsstrukturkurve für den Schuldner mit der „besten Bonität“ (BUND) A 3 Monate 1 Jahr 5 Jahre …… … B Kreditrisikoprämie rRA für A Gewünschte Laufzeit Zinssatz rf,10 für „BUND“ 10 Jahre Kreditrisikoprämie rRA für B rf,10 A RA10,f A 10 rri += A 10i B 10i iT Abbildung D.2 : Zinsstrukturkurve und Risikoaufschläge 18 Fremdfinanzierung im Überblick 189 Kredite an den BUND gelten nach wie vor als weitgehend ausfallsicher und sind in diesem Sinne risikolos für die Kreditgeber. Der Zinssatz für den BUND wird daher oft mit dem risikolosen Zinssatz rf gleichgesetzt. Die Zinsstrukturkurve für den BUND wird üblicherweise als „ d i e  Zinsstrukturkurve“ bezeichnet. In der Abbildung ist der Zinssatz für den BUND für einen Kredit mit einer Laufzeit von 10 Jahren abgetragen. Im Vergleich zum BUND muss jeder andere Schuldner einen höheren Zinssatz bezahlen. Der Zinsaufschlag hängt dabei vom Ausfallrisiko des Schuldners im Vergleich zum BUND ab. Wir nennen diesen Zinsaufschlag deshalb Kreditrisikoaufschlag oder Kreditrisikoprämie rRA. In der Abbildung ist der Zinsaufschlag für zwei Schuldner A und B eingezeichnet. Da B eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit als A aufweist, muss B eine höhere Kreditrisikoprämie und damit einen höheren Kreditzins i bezahlen. Den Zinssatz für einen Kredit der Laufzeit T für einen Schuldner A können wir auf Basis dieser Überlegungen gedanklich in zwei Teile aufspalten, nämlich in den Zinssatz rf für einen ausfallsicheren Schuldner plus einer Kreditrisikoprämie, die das Ausfallrisiko des Schuldners A kompensieren soll. Damit gilt: A A A T RAf ,T f ,Ti r Kreditrisikoprämie r r= + = + Formel D-1: Komponenten des Kreditzinses i Solange keine Verwechslungsgefahr besteht, verzichten wir auf den Zusatz „A“. 18.3 Ausfallwahrscheinlichkeit, Kre ditrisikoprämie und Rating Bei jeder Kreditvergabe besteht die Gefahr, dass der Schuldner die vereinbarten Zinsund Tilgungsleistungen nicht vertragsgerecht erfüllt und es zu einem Zahlungsverzug bis hin zur Insolvenz des Schuldners kommt. Diese Gefahr wird als Kreditrisiko bzw. als Ausfallrisiko bezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, ist eines der wichtigsten Risikomaße für die Abschätzung des Ausfallrisikos aus Sicht des Kreditgebers. Ein Kreditausfall bedeutet dabei nicht notwendigerweise die Insolvenz eines Schuldners, er verdeutlicht aber die erhebliche Gefährdung seines wirtschaftlichen Überlebens. Im Englischen wird für Kreditausfall der Begriff Credit Default verwendet. Um über eine Kreditvergabe entscheiden zu können, versuchen die Kreditgeber die Bonität des Schuldners zu beurteilen. Hierzu wird mit Hilfe geeigneter Verfahren zunächst seine Kreditfähigkeit untersucht. Bei einer Kreditfähigkeitsprüfung stehen die aktuelle betriebliche Situation des Schuldners im Mittelpunkt sowie seine Fähigkeit, auf ein sich verschlechterndes wirtschaftliches Umfeld zu reagieren. Ihr Ergebnis fließt in die Beurteilung der Ausfallwahrscheinlichkeit ein. Die Schlüsselgröße für die Höhe der Kreditrisikoprämie ist die Ausfallwahrscheinlichkeit des Schuldners. Als Daumenregel kann man sagen: Beträgt die jährliche Ausfallwahrscheinlichkeit 1 %, muss auch der geforderte Kreditrisikoaufschlag etwa 1 % betragen. Machen wir uns diesen Sachverhalt an einem Beispiel klar. Beispiel D-1 : Eine Bank vergibt an 100 Unternehmungen einen Jahreskredit über je 1,0 Mio. €. Der Zinssatz rf für einen Jahreskredit an den als ausfallsicher angenommenen Schuldner „Bundesrepublik Deutschland“ (BUND) betrage 4,5 %. Aus Erfahrungswerten weiß die Bank, dass jeder Unternehmenskredite mit einer Wahrscheinlichkeit von 2,0 % ausfällt. Die Bank rechnet daher mit dem Ausfall von zwei Krediten mit 190 D. Fremdfinanzierung durch Kredite einem Volumen von 2,0 Mio. € (= 2,0 % ∙ 100 ∙ 1,0 Mio. €). Um sich bei der Kreditvergabe nicht schlechter zu stellen als bei einer Kreditvergabe an den BUND, muss die Bank den erwarteten Ausfall von 2,0 Mio. € plus Zinsen auf die 98 verbleibenden Unternehmungen in Form von höheren Zinssätzen verteilen. Die Zahl von 98 Unternehmungen erhalten wir, wenn wir die ursprüngliche Kreditanzahl mit der Überlebenswahrscheinlichkeit (= 100 % – Ausfallwahrscheinlichkeit) multiplizieren. Der Zinsaufschlag für die Kredite beträgt daher: ( ) ( )f f Ausfallwahrscheinlichkeit Kreditrisikoprämie 1 r 1 r Ausfallintensität   Überlebenswahrscheinlichkeit = + ⋅ = + ⋅ Formel D-2: Komponenten des Kreditrisikoaufschlags Die Ausfallintensität kompensiert den Ausfall des Kredits selbst, der zweite Faktor (rf ∙ Ausfallintensität) kompensiert die ausgefallenen Zinszahlungen.148 Für unser Beispiel ergibt sich ein Zinsaufschlag von rund 2,13 % (= 1,045 ∙ 0,02/0,98 = 0,021327). Wenn die Bank von allen Unternehmungen diesen Zinsaufschlag erhält, dann gleicht der daraus resultierende zusätzliche Zinsertrag (98 Mio. € ∙ 2,1327 %) exakt den Kredit- und Zinsausfall aus (2,0 Mio. € ∙ 1,045). Es gibt eine Reihe von Organisationen, sogenannte Ratingagenturen, deren Hauptbetätigungsfeld die Bonitätsbeurteilung von Unternehmungen und Staaten ist. Das Verfahren, die Kreditnehmer auf ihre Kreditwürdigkeit hin zu untersuchen und in Risiko- bzw. Ratingklassen einzuteilen, wird als Ratingverfahren bzw. Ratingprozess bezeichnet. Die größte Agentur weltweit ist Standard & Poor’s (S&P) mit rund 2.400 Kreditanalysten und über 10.000 bewerteten Unternehmungen. Die zweitgrößte Agentur, Moody’s, beschäftigt etwa 1.000 Kreditanalysten, gefolgt von Fitch mit etwa 900. Zusammen kommen diese drei Ratingorganisationen auf einen weltweiten Marktanteil von 95 %.149 Wenn diese Agenturen eine Unternehmung „raten“, vergeben sie als wesentliches Ergebnis eine Note, die die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredits an diese Unternehmung widerspiegeln soll. Da S&P und Moody’s US-amerikanische Unternehmungen sind, ist ihre Notengebung ebenfalls amerikanisch, mit „A“ als der besten Note, gefolgt von B und C, bis hin zu zahlungsunfähigen Unternehmungen mit der Note D (Default). Eine verbale Beschreibung der acht zentralen Ratingklassen für Moody’s und S&P sowie deren Notensystem wird in Abbildung D.3 wiedergegeben. Das Rating kann sich dabei sowohl auf die betroffene Unternehmung selbst beziehen, aber auch auf die Anleihen, die von dieser Unternehmung emittiert werden. Da eine Anleihe einen direkten Kredit des Anleihekäufers an die Unternehmung darstellt, erhalten die Anleger mit der Bewertung eine Beurteilung über das mit dem Anleihekauf verbundene Ausfallrisiko. Mit „AAA“ für beste Bonität beginnt die Bewertung.150 Geringere Bewertungen als BBBbzw. Baa3 werden mit dem Attribut „spekulativ“ eingestuft. Der Kauf von Anleihen in diesem Bereich ist einigen institutionellen Anlegern untersagt. 148 Der Quotient aus Ausfallwahrscheinlichkeit und Überlebenswahrscheinlichkeit wird „Ausfallintensität“ oder auch „bedingte Ausfallwahrscheinlichkeit“ genannt. 149 National operierende Unternehmungen in Deutschland sind die Creditreform Rating AG oder die Euler-Hermes Rating. 150 AAA wird als Triple A bezeichnet. 18 Fremdfinanzierung im Überblick 191 Je schlechter das Rating eines Schuldners, desto höher ist die Ausfallwahrscheinlichkeit und desto höher ist die geforderte Kreditrisikoprämie. Ausfallwahrscheinlichkeiten werden häufig historisch betrachtet, d. h. es wird betrachtet, welche Schuldner mit welchem Rating in der Vergangenheit wie häufig ausgefallen sind. Banken geben weder die Schätzung der erwarteten noch die Daten über die historischen Ausfallwahrscheinlichkeiten ihrer Kunden der allgemeinen Öffentlichkeit preis. Allerdings können derartige Informationen für verbriefte Kredite (Anleihen) von Ratingorganisationen wie Standard & Poors oder Moody’s abgerufen werden. Abbildung D.4 zeigt die von Moody’s erhobenen kumulierten historischen Ausfallwahrscheinlichkeiten von Schuldner weltweit für den Zeitraum 1970 bis 2010. Die Grafik ist folgendermaßen zu lesen: Ein Schuldner mit einem anfänglichen Rating von A fällt innerhalb der ersten fünf Jahre (daher der Begriff kumulierte Ausfallwahrscheinlich- 151 Quelle: Moody’s Investor Service, 28.2.2011, S. 32. Einschätzung des Ausfallrisikos Moody‘s S & P Beste Qualität, geringes Ausfallrisiko Aaa AAA Hohe Qualität, etwas größeres Ausfallrisiko Aa 1 AA+ als Spitzenklasse Aa 2 AA Aa 3 AA – Gute Qualität, viele gute Investmentattribute, aber A 1 A+ auch Elemente, die sich bei veränderter A 2 A Wirtschaftsentwicklung negativ auswirken können A 3 A – Mittlere Qualität, aber mangelnder Schutz gegen die Baa 1 BBB+ Einflüsse sich verändernder Wirtschaftsentwicklung Baa 2 BBB Baa 3 BBB– Spekulative Anlage, nur mäßige Deckung für Zins- Ba 1 BB+ und Tilgungsleistungen Ba 2 BB Ba 3 BB– Sehr spekulativ, generell fehlende Charakteristika B 1 B+ eines wünschenswerten Investments, langfristige B 2 B Zinszahlungserwartungen gering B 3 B– Niedrigste Qualität, geringster Anlegerschutz, in Caa CCC Zahlungsverzug oder in direkter Gefahr des Verzugs Ca CC C C Ausfall (Default) D D In vestm en tq u alität Sp eku lative A n lag e Abbildung D.3 : Ratingklassen und deren Aussagekraft 0,76 1,95 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 Jahr 1 Jahr 2 Jahr 3 Jahr 4 Jahr 5 Jahr 6 Jahr 7 Jahr 8 Jahr 9 Jahr 10K u m u lie rt e A u sf al lw ah rs ch ei n lic h ke it en in % Aaa A Baa Investmentqualität Abbildung D.4 : Historische Ausfallwahrscheinlichkeiten, Schuldner weltweit, 1970–2010151 192 D. Fremdfinanzierung durch Kredite keit) mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,76 % aus, während Schuldner mit einem anfänglichen Rating von Baa in den ersten fünf Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,95 % ausfallen. Ratingagenturen sind in den letzten Jahren stark kritisiert worden. Die Kritik richtete sich einerseits auf das Unvermögen der Ratingagenturen, im Vorfeld der Finanzmarktkrise die Ausfallwahrscheinlichkeiten für manche Schuldner korrekt zu berechnen. Hier wurden starke Interessenskonflikte ausgemacht, weil die Auftraggeber der Ratingagenturen gleichzeitig die Betroffenen waren. Kritik entstand aber auch im Zuge der Staatsschuldenkrise. Die Ratingorganisationen hätten, so der Vorwurf, durch die Herabstufung der Bonität einiger Euroländer die Schwierigkeiten dieser Länder erst ausgelöst, weil die Herabstufungen zu höheren Zinskosten und damit zu einer Verschärfung der Haushaltslage dieser Länder geführt hätten. Die gesetzgebenden EU-Institutionen haben deshalb im November 2012 beschlossen, Ratingorganisationen zukünftig für fehlerhafte Bonitätsnoten in die Haftung zu nehmen. 18.4 Erwarteter Verlust bei Kreditvergabe und Kreditzins Erwerbsmäßige Kreditgeber wie Banken werden versuchen, das Ausfallrisiko der Kreditnehmer zu schätzen und in sogenannte Risikoklassen aufzuteilen (auch Ratingklassen genannt). Jeder Kreditnehmer einer Risikoklasse hat dabei, wie im letzten Beispiel D-1, dieselbe geschätzte Ausfallwahrscheinlichkeit und damit einen gleich hohen ausfallbedingten Zinsaufschlag. Je größer die Anzahl der Kreditnehmer in einer Risikoklasse ist, desto mehr nähert sich nach dem Gesetz der großen Zahlen der tatsächliche Ausfall dem erwarteten Ausfall an. Nicht jeder Ausfall eines Schuldners bedeutet automatisch den vollständigen Verlust des Kreditbetrags. Im Insolvenzfall können Teile der Ansprüche der Kreditgeber unter Umständen aus der Insolvenzmasse befriedigt werden. Je kooperativer dabei ein Kreditnehmer ist, desto geringer fällt der tatsächliche Verlust aus. Banken führen deshalb neben der Kreditfähigkeitsprüfung auch eine Prüfung der Kreditwürdigkeit durch, bei der die fachlichen und persönlichen Eigenschaften des Schuldners eingeschätzt werden. Je weniger der Kreditgeber fürchten muss, dass der Kreditnehmer vorsätzlich Maßnahmen zu Lasten der Bank unternimmt, desto geringer fällt der Verlust bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage aus. Denken Sie bei diesen Maßnahmen etwa an Angaben des Kreditnehmers zur Werthaltigkeit der gestellten Sicherheiten, der Verwendung der Kredits oder seiner Bereitschaft, notfalls zusätzliches Eigenkapital zur Verfügung zu stellen. Um den Verlust im Insolvenzfall weiter zu reduzieren oder gar vollständig zu vermeiden, fordern Kreditgeber bei der Kreditvergabe häufig auch Sicherheiten. Um die bereitgestellten Sicherheiten und das Ergebnis der Kreditwürdigkeitsprüfung berücksichtigen zu können, müssen wir einen neuen Begriff einführen, den erwarteten Verlust (EV) bei einer Kreditvergabe. Hier zunächst die Definition: EV    Ausfallwahrscheinlichkeit  Inanspruchnahme bei Ausfall   Verlustquote bei Ausfall= ⋅ ⋅ Formel D-3: Erwarteter Verlust bei Kreditvergabe Das mit der Ausfallwahrscheinlichkeit verbundene Rating eines Kunden ist die Basis, um den erwarteten Verlust aus einem Kreditgeschäft zu ermitteln. Der erwartete Verlust ist aber auch damit verknüpft, wie hoch die Inanspruchnahme des Kredits 18 Fremdfinanzierung im Überblick 193 beim Ausfall noch ist, d. h. welche Tilgungsleistungen bisher erfolgten oder wie hoch die Inanspruchnahme einer eingeräumten Kreditlinie zum Zeitpunkt des Ausfalls152 tatsächlich war. Fällt der Kreditnehmer aus, hat die Bank die Möglichkeit die vorhandenen Sicherheiten zu verwerten. Ist der Verwertungserlös mindestens so hoch wie der ausstehende Kreditbetrag, erleidet die Bank trotz des Kreditausfalls keinen Verlust. Die sogenannte Verlustquote bei Ausfall ist wegen der Verwertungserlöse null. Die Verlustquote bei Ausfall hängt folglich auch davon ab, ob ein Kreditnehmer seiner Bank bei der Kreditaufnahme Sicherheiten übertragen hat und wie werthaltig sie zum Zeitpunkt des Ausfalls noch sind. Abbildung D.5 fasst zusammen.153 Übung D-1: Ein Schuldner hat eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 2,0 %. Ihm wurde vor fünf Jahren ein Kredit in Höhe von 10 Mio. € ausgezahlt, der bereits zu 60 % getilgt wurde. Der Bank liegen verwertbare Sicherheiten in Höhe von 3,0 Mio. € vor. Wie hoch ist der erwartete Verlust in % und €? Antwort: Die Inanspruchnahme bei Ausfall beträgt 4,0 Mio. €, d. h. 40 %. Im Insolvenzfall sind davon 3,0 Mio. € durch Sicherheiten gedeckt. Die Bank würde damit 1,0 Mio. € verlieren. Die Verlustquote bei Ausfall beträgt damit 25 %. Damit erhalten wir: EV(%) = 0,02 ∙ 0,4 ∙ 0,25 = 0,002 = 0,2 % bzw. EV(€) = 0,02 ∙ 4,0 Mio. € ∙ 0,25 = 0,02 Mio. € = 20.000 €. Banken müssen bei einer Kreditentscheidung alle drei hier genannten Größen berücksichtigen: Ein schlechtes Rating eines Kunden (hohe Ausfallwahrscheinlichkeit) kann dabei durch werthaltige Sicherheiten (geringe Verlustquote bei Ausfall) ausgeglichen werden und umgekehrt. Selbst bei einem sehr schlechten Rating kann der erwartete Ausfall immer noch null sein, solange die Verlustquote bei Ausfall null ist und damit die Sicherheiten des Kunden stets den offenen Forderungsbetrag übersteigen. Innerhalb 152 Die Verlustquote bei Ausfall wird auch häufig als Kreditäquivalentbetrag bezeichnet. 153 Abbildung in Anlehnung an Neuhaus, M., Modernes Kreditportfolio-Management, 1999, S. 20. Der erwartete Ausfall wird im Englischen mit Expected Loss übersetzt. Die in Klammern stehenden Ausdrücke stehen für die häufig verwendeten englischen Formulierungen: PD für Probability of Default, EAD für Exposure at Default und LGD für Loss Given Default. Kundenspezifische Merkmale Rating Offene Linien Aktuelle Nutzung Art und Werthaltigkeit der Sicherheiten Erwarteter Verlust (EV) in % = Ausfallwahrscheinlichkeit in % (PD) X Inanspruchnahme bei Ausfall (in %) (EAD) X Verlustquote bei Ausfall in % (LGD) Ratingklasse Kredittyp Bürgschaften, Garantien, etc. Kreditspezifische Merkmale Abbildung D.5 : Einflussgrößen und Berechnung des erwarteten Verlusts (EV) in % 194 D. Fremdfinanzierung durch Kredite gewisser Grenzen sind Rating und die Stellung von Sicherheiten daher austauschbar. Allerdings haben Banken üblicherweise interne Richtlinien, bis zu welcher Ratingstufe sie – unabhängig von der Sicherheitenstellung - Kredite vergeben. Das Geschäftsmodell der Banken besteht nämlich in erster Linie in der Kreditgewährung und nicht in der Verwertung der Sicherheiten.154 Nach diesen Überlegungen können wir nun den Zinssatz iT für einen Kredit an den Schuldner A auf Basis des erwarteten Verlusts EV (in %) allgemein formulieren: A A A A T RAf ,T f ,T f ,Ti r Kreditrisikoprämie r r r EV(%)= + = + = + Formel D-4 : Kreditzins und Kreditrisikoprämie Der geforderte Zinssatz iT für einen Kredit der Laufzeit T für einen Schuldner A setzt sich demnach zusammen aus dem Zinssatz rf für einen ausfallsicheren Schuldner plus dem erwarteten Verlust in % p.a. Der erwartete Verlust wiederum wird maßgeblich von der Ausfallwahrscheinlichkeit des Schuldners A sowie der Verlustquote bei Ausfall bestimmt. 154 In den letzten Jahren haben Banken weltweit oft notleidende Kredite an Organisationen verkauft, deren Stärke eben genau darin besteht, Forderungen einzutreiben und die gestellten Sicherheiten profitabel zu verwerten. Siehe hierzu Bösch, Heinig, Der Verkauf von Non Performing Loans durch deutsche Kreditinstitute, Jenaer Beiträge 07/2007. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 195 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 19.1 Der Ratingprozess bei Banken Obwohl die Ratingagenturen sehr viele Unternehmungen raten, ist doch die Anzahl im Vergleich zu den Kredit suchenden Firmen verschwindend gering. Banken können daher in den wenigsten Fällen auf die externe Beurteilung durch Ratingagenturen zurückgreifen. Ferner wollen und müssen sich die Banken selbst ein Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen der Kreditnehmer machen.155 Die Einordnung der Kreditnehmer durch Banken wird als internes Rating bezeichnet. Es werden hierfür bankinterne Kriterien verwendet und das Rating ist nur für den internen Gebrauch gedacht.156 Doch wie kann eine Bank wissen, wie hoch die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredits ist und welchen Zinsaufschlag sie verlangen soll? Banken verfahren hierfür ähnlich wie Ratingorganisationen. Sie versuchen auf Basis aller verfügbaren Informationen das Ausfallrisiko eines Kunden abzuschätzen. Welche Informationen sie benutzen und vor allem wie sie die einzelnen Einflussfaktoren gewichten ist oft „Betriebsgeheimnis“. Über alle Banken hinweg können wir aber sagen, dass die Bankkunden für den Ratingprozess nach gewissen Kriterien wie Umsatz, Bilanzgröße etc. in Kundensegmente eingeteilt werden.157 Innerhalb der Kundensegmente werden die Kunden wiederum in „Risikoklassen“ unterteilt. Jede Risikoklasse wird dann mit einem Kreditrisikoaufschlag verknüpft. Die HypoVereinsbank ordnet z. B. jede Unternehmung in eines von insgesamt 14 Kundensegmenten158 ein. Jedes Kundensegment wiederum ist in acht Bonitätsklassen unterteilt. Abbildung D.6 zeigt, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse dabei mit einem Gewicht von 70 % in die Beurteilung eingehen, während 30 % durch die konkrete Unternehmenssituation beeinflusst werden. Der Sparkassensektor hat ein ähnliches Verfahren wie die HypoVereinsbank, jedoch unterscheiden sich die Details im Ratingprozess erheblich wie Abbildung D.7 zeigt: 155 § 18 KWG legt fest, dass ein Kreditinstitut nur dann einen Kredit über 750.000 € gewähren kann, wenn es sich vom Kreditnehmer die wirtschaftlichen Verhältnisse offenlegen lässt. Hierzu zählt insbesondere die Prüfung seiner Jahresabschlüsse. 156 Im Gegensatz dazu wird das Rating von Ratingagenturen als externes Rating bezeichnet. 157 Die Segmentierung im Sparkassensektor lautet für Unternehmungen: Firmenkunden, Gewerbekunden, Geschäftskunden, Freiberufler, Existenzgründer, Bauträger, Wohnungsbaugesellschaften und Betreiber. 158 Die Segmente unterscheiden sich deutlich von denen des Sparkassensektors: Produktionsbetriebe, Einzelhandel, Autohandel, Großhandel, Bau, Gastgewerbe, Dienstleistungen, Freie Berufe. Dabei werden noch teilweise Größenklassen gebildet. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht Teilrating: Wirtschaftliche Verhältnisse (70%) Teilrating: Unternehmenssituation (30%) Bonitätsklasse 1–8 Bilanz Kennzahlen Zusatzfaktoren Branchenstandards Bestandsgefährdende Negativkriterien? Branchenstandards erfüllt? Abbildung D.6 : Ratingverfahren der HypoVereinsbank 196 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Das Finanzrating wird von Kennziffern über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage der Unternehmung bestimmt (z. B. Operativer Cashflow, Eigenkapitalanteil, Zinsaufwand zum Umsatz) und geht mit einem Gewicht von 60 % ins Basisrating eines Kunden ein. Harte qualitative Faktoren (z. B. Dauer der Kundenbindung, Rechtsform) und weiche159 qualitative Faktoren (z. B. Planungsqualität, Managementqualität, Unternehmensstrategie und Branchenentwicklung) determinieren hingegen 40 % des Basisratings. Zusammen mit Ratingabstufungen durch vorliegende Warnsignale wie Kontoüberziehungen, Scheckrückgaben, Verzögerungen bei Zinszahlungen etc. bestimmen sie das Kundenrating. Da Unternehmungen oft in Haftungsverbünden und Konzernstrukturen eingebunden sind, werden die sich daraus ergebenden Bonitätseinflüsse erfasst, bewertet und zum Gesamtrating verdichtet. Machen wir uns die Vorgehensweise an einem hypothetischen Ratingverfahren klar: Beispiel D-2: Eine Bank nutzt sieben Kriterien zur Bonitätsbeurteilung ihrer Kunden. Die Ausprägung jedes Kriteriums reicht dabei von 0 bis maximal 100. Die Kriterien sind aus Sicht der Bank unterschiedlich bedeutsam und erhalten daher unterschiedliche Gewichtungen. Die Ratingklassen erfolgen in Abstufungen von je 5 Punkten. Jede Ratingklasse ist mit einem entsprechenden Zinsaufschlag verbunden. Bei der Ratingklasse 10 wird kein Kredit mehr vergeben. Die nachfolgende Tabelle bewertet einen hypothetischen Kunden anhand dieses Verfahrens. Kriterien Ausprägung Gewicht Kennzahl Ratingklassen Zinsaufschlag Qualitative Faktoren 1. Ertragslage 2. Finanzlage 3. Vermögenslage Quantitative Faktoren 4. Rechtsform 5. Planungsqualität 6. Strategie 7. Branchenentwicklung Gesamt   70 60 70 100 50 50 80 20 % 12 % 11 %   9 % 13 % 15 % 20 % 100 %   14 7,2 7,7 9 6,5 7,5 16 67,9 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 > 95 90–95 85–89 80–84 75–79 70–74 65–69 60–64 55–59 < 55 0,10 % 0,20 % 0,35 % 0,50 % 0,70 % 0,90 % 1,05 % 1,30 % 1,5 % Tabelle D-2 : Beispielhafte Bestimmung von Ratingklassen Der Kunde erreicht eine Kennzahl von 67,9 und wird damit in Ratingklasse 7 eingestuft. Mit der Ratingklasse 7 ist ein Zinsaufschlag von 1,05 % verbunden. 159 Bei harten qualitativen Faktoren sollten zwei Kreditsachbearbeiter, unabhängig voneinander, zu nahezu gleichen Ergebnissen kommen, wohingegen bei weichen qualitativen Faktoren Ermessensspielräume in der Beurteilung bestehen. Bilanzfaktoren Finanzkennzahlen Qualitative Faktoren Warnsignale Haftungsverbünde Finanzrating ( 60%) Ratingabstufung Bonitätseinflüsse Basisrating Kundenrating Qualitatives Rating ( 40%) Gesamtrating Abbildung D.7 : Ratingverfahren im Sparkassensektor 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 197 Da Banken die Zukunft ebenso wenig kennen wie alle anderen Marktteilnehmer, werden die Ausfallwahrscheinlichkeiten und damit die Risikoaufschläge vorwiegend auf Basis von historischen Daten ermittelt. Hierzu testen die Banken „rückwärts“160 wie gut ihre Kriterien und wie gut die damit verbundenen Risikoaufschläge den tatsächlichen Ausfall von Krediten abgebildet hätten. Diese Rückwärtstest führen Banken regelmä- ßig durch, um etwaige Brüche in der Wirkungskette „Kriterien → Kreditrisikoaufschlag“ rechtzeitig erkennen zu können.161 Bei aller Unterschiedlichkeit in der Auswahl und Gewichtung der Kriterien zur Prognose der Ausfallwahrscheinlichkeit, geht es im Kern stets um zwei zentrale Faktoren: Das Ausfallrisiko und damit das Rating einer Unternehmung werden erstens von der Höhe und der Struktur ihrer finanziellen Verpflichtungen bestimmt sowie zweitens von ihrer Fähigkeit, operative Erträge zu generieren. Eines der wichtigsten Kriterien für Banken ist daher das sogenannte Zinsdeckungsverhältnis. Es ist definiert als Verhältnis von EBIT zu Zinsaufwand. EBIT Zinsdeckungsverhältnis Zinsaufwand = Formel D-5: Zinsdeckungsverhältnis Das EBIT soll die Fähigkeit der Unternehmung messen operative Erträge zu generieren, während der Zinsaufwand den Umfang der finanziellen Verpflichtungen zum Ausdruck bringt. Je höher diese Kennzahl ist, desto kreditwürdiger ist die Unternehmung. Beträgt der Wert z. B. zwei, dann ist das EBIT doppelt so hoch wie die laufenden Zinsverpflichtungen. Anders formuliert: Die Unternehmung muss die Hälfte ihres EBIT für ihre laufenden Zinsverpflichtungen verwenden. Um ein Gefühl für reale Größenordnungen zu bekommen, haben wir in Abbildung D.8 die tatsächliche Höhe des Zinsdeckungsverhältnisses einiger der im DAX enthaltenen Unternehmungen abgetragen.162 Finanzwerte wurden ausgeklammert, da aus nahelie- 160 Dieses Verfahren wird Back-Testing genannt. 161 Es gibt eine Reihe von frei zugänglichen Tools, mit denen sich Unternehmungen selbst bewerten können. Eine fundierte Diskussion und Einschätzung findet sich in Hundt, I., Denke H., Betrachtung verschiedener Self-Rating-Verfahren im Kontext von Basel II, in Rating nach Basel II, Reichmann, Pyszny, (Hrsg.), 2005. 162 Alle Finanzdaten basieren, so nicht anders erwähnt, auf Datastream, der Datenbank von Thomson Reuters Markets. 0,0 2,0 4,0 6,0 8,0 10,0 12,0 14,0 16,0 18,0 20,0 AD ID AS BA SF BM W BA YE R DA IM LE R FR ES EN IU S M ED .C AR E FR ES EN IU S E ON HE ID EL BE RG CE M EN T HE NK EL P RE F. IN FIN EO N… K + S LIN DE DE UT SC HE LU FT HA NS A RW E M ET RO M AN M ER CK K GA A SIE M EN S TH YS SE NK RU PP VO LK SW AG EN P RE F. Abbildung D.8 : Zinsdeckungsverhältnis ausgewählter DAX-Unternehmungen in 2011 198 D. Fremdfinanzierung durch Kredite genden Gründen deren Werte nicht sinnvoll interpretiert werden können. Wir können erkennen, dass einige Unternehmungen in 2011 deutliche Schwierigkeiten hatten, die Zinszahlungen aus dem EBIT zu finanzieren, allen voran Eon und Thyssen. 19.2 Produktionskosten eines Kredits Wir können Kreditzinsen nicht nur von der Marktseite betrachten (i = rf + rRA), sondern auch von der Kostenseite. Die „Produktion“ eines Kredits aus Sicht von Banken beinhaltet dabei vier Kostenbestandteile: 1. Refinanzierungskosten: Banken sammeln Finanzmittel in Form von Einlagen, Termingelder oder Sparbriefen ein und reichen sie in Form von Krediten weiter. Hierfür müssen die Banken Zinsen an die Anleger zahlen. Einige Banken begeben auch Anleihen, falls die Kundeneinlagen zu gering sind. Die Käufer dieser Bankanleihen erhalten ebenfalls Zinsen. Aus Bankensicht stellen die Einlagen und die emittierten Anleihen Fremdkapital dar. Die damit verbundenen Zinsaufwendungen werden Refinanzierungskosten genannt. Da jede Bank bestrebt ist, möglichst geringe Zinsen an die Anleger zu zahlen, ist bei allen Banken die durchschnittliche Laufzeit der ausgegebenen Kredite höher als die Laufzeit der Kundeneinlagen. Diese Fristentransformation ist immer dann vorteilhaft, wenn die Zinsstrukturkurve normal ist, d. h. die Zinssätze für kurzfristige Einlagen geringer sind als die für langfristige Einlagen. 2. Bearbeitungskosten: Mit der Beurteilung des Kreditnehmers sowie der Vergabe und anschließenden Überwachung eines Kredits sind in Banken viele Abteilungen und viele Mitarbeiter beschäftigt, die auf komplexe IT-Systeme zurückgreifen müssen. Die „Produktionskosten“ eines Kredits umfassen damit auch die Bearbeitungs- und Überwachungskosten eines Kredits. 3. Risikokosten (= erwarteter Verlust in %): Die dritte Kostenkomponente bilden die Risikokosten des Kredits. Sie entsprechen dem erwarteten Verlusts bei der Kreditvergabe. 4. Eigenkapitalkosten: Banken müssen im Rahmen ihres Kreditgeschäfts Teile des Kreditvolumens mit Eigenkapital finanzieren, um mögliche Kreditausfälle ohne Gefährdung der Kundeneinlagen bewältigen zu können. Da Eigenkapital „teurer“ ist als Fremdkapital, erhöht sich c.p.163 der Kundenzins, je höher der Eigenkapitalanteil an der Gesamtrefinanzierung ist. Die erforderliche Mindesthöhe können Banken nicht selbst festlegen, vielmehr ist sie gesetzlich vorgegeben. Ihre Einhaltung wird von der verantwortlichen Aufsichtsbehörde, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), überwacht. Man spricht in diesem Zusammenhang deshalb auch vom regulatorischem Eigenkapital. Wir werden diesen Punkt anschließend noch intensiv erörtern. 163 Ceteris paribus ist ein lateinischer Ausdruck und heißt übersetzt „unter sonst gleichen Umständen“. Ökonomen benutzen diesen Ausdruck häufig um klarzustellen, dass alle anderen relevanten Größen - mit Ausnahme der gerade diskutierten – konstant gehalten werden. Oft wird ceteris paribus abgekürzt mit c.p. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 199 Die vier Kostenblöcke, jeweils ausgedrückt als Prozentgröße der Kreditsumme, ergeben den Mindestzinssatz, der die „Produktionskosten“ der Bank abdecken soll. Typischerweise wird auf den Mindestzins noch eine Marge geschlagen, die stark von der Verhandlungsposition des Kreditnehmers und der Marktlage abhängt. Refinanzierungskosten (in %) Für unterschiedliche Banken unterschiedlich hoch + Bearbeitungskosten (in %) + Risikokosten (in %) Erwarteter Verlust EV eines Kredits + Eigenkapitalkosten (in %) Regulatorisches Eigenkapital (siehe Basel II) = Mindestzinssatz + Marge (in %) Gewinnmarge im engeren Sinne = Kundenzinssatz i (in %) Tabelle D-3 : Komponenten des Kundenzinssatzes Refinanzierungskosten 3,60 % (4,3 % ∙ 0,9) + Bearbeitungskosten 0,10 % + Risikokosten 1,05 % + Eigenkapitalkosten 1,50 % (15 % ∙ 0,1) = Mindestzinssatz 6,25 % + Marge 0,35 % = Kundenzinssatz 6,60 % Beispiel: Eine Bank muss annahmegemäß 10 % ihrer ausgegebenen Kredite mit Eigenkapital finanzieren, wobei die Eigenkapitalkosten 15 % betragen. Die verbleibenden 90 % der Kreditsumme können mit durchschnittlich 4,3 % refinanziert werden. Die Bearbeitungskosten eines Kredits betragen umgerechnet 10 Basispunkte164 der Kreditsumme. Die Bank vergibt den Kredit an eine Unternehmung in der Rating klasse 7, was gemäß Tabelle D-2 Risikokosten von 1,05 % nach sich zieht. Die Marge soll 35 Basispunkte betragen. Der Kundenzins ergibt sich aus der Summe all diese Einzelgrößen und beträgt 6,60 %. 19.3 Basel II Der Begriff Basel II steht für all die Regelungen, die die Eigenkapitalvorschriften von Kreditinstituten betreffen. Sie wurden vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht165 mit dem Ziel vorgeschlagen, die Insolvenzvorsorge der einzelnen Banken zu verbessern und zu vereinheitlichen. Die Regelungen umfassen dabei drei „Säulen“: In Säule 1 (Eigenkapitalunterlegung) werden die Anforderungen an die Mindesteigenkapitalausstattung geregelt, Säule 2 (Bankenaufsicht) regelt den Überprüfungsprozess innerhalb der Banken, aber auch den Überwachungsprozess der Banken durch die Aufsichtsbehörde (BaFin). Die dritte Säule (Erweiterte Offenlegung) schließlich hat zum 164 Statt den Zins in Prozent zu benennen wird er häufig in „Basispunkten“ ausgedrückt. Ein Basispunkt entspricht einem Zinssatz von 0,01 %. 20 Basispunkte bedeuten demnach 0,2 %. 165 Den Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht gibt es seit 1974. Hochrangige Vertreter der G10- Staaten für Bankenaufsicht treffen sich i. d. R. alle drei Monate in der BIZ, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, daher auch der Name. 200 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Ziel, den Informationsumfang und die Informationsqualität für Außenstehende im Rahmen der externen Rechnungslegung der Banken zu erhöhen. Seit 1.1.2007 sind die Regelungen für alle Kreditinstitute der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verbindlich. Sie wurden durch das KWG (Kreditwesengesetz), die MaRisk (Mindestanforderungen an das Risikomanagement) sowie die SolvV (Solvabilitätsverordnung) in deutsches Recht umgesetzt. Wir werden im Folgenden aus der Vielzahl der Regelungen nur die herausgreifen, die für die Kreditvergabe an Unternehmungen relevant sind. Abbildung D.9 zeigt das Prinzip. Auf der Aktivseite einer Bankbilanz stehen die Kreditforderungen, während die Passivseite zeigt, mit wie viel Eigenkapital und Fremdkapital (= Einlagen der Bankkunden) die ausgegebenen Kredite finanziert werden. Da Eigenkapital teuer ist als Fremdkapital, besteht für Banken ein großer Anreiz, ihre Kreditforderungen weitgehend über Kundeneinlagen zu refinanzieren. Die aufsichtsrechtlichen Bestimmungen sehen aber eine Mindestmaß an Eigenkapital gemäß Formel D-6 vor. Diese geforderte Mindesteigenkapitalfinanzierung zur Finanzierung der Aktiva einer Bank nennt man das aufsichtsrechtliche Eigenkapital. Eigenkapital Kreditbetrag 8% Risikogewicht≥ ⋅ ⋅ Formel D-6 : Eigenkapitalbedarf nach Basel II Wenn eine Bank einen Kredit an eine Unternehmung vergibt, dann muss sie nach den aufsichtsrechtlichen Bestimmungen mindestens 8 % des Kreditbetrags als Eigenkapital vorhalten. Dieser Betrag wird mit einem Risikogewicht multipliziert, das sich an der Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers orientiert. Je ausfallgefährdeter der Kreditnehmer ist, desto höher das Risikogewicht und desto höher ist die geforderte Eigenkapitalunterlegung.166 Diese Regelung dient einerseits dem Gläubigerschutz und soll sicherstellen, dass die Banken jederzeit über ausreichend Eigenkapital verfügen, um unerwartete Kreditausfälle finanziell verkraften zu können. Andererseits begrenzt die Regelung aber auch die Höhe der ausgegebenen Kredite. Wenn Sie die Formel D-6 nach dem Kreditbetrag auflösen erhalten wir: Eigenkapital Kreditbetrag 8% Risikogewicht ≤ ⋅ 166 Der Begriff „Eigenkapitalunterlegung“ stiftet bei Studenten manchmal Verwirrung. Banken müssen bei der Aufsicht nicht Eigenkapital hinterlegen im Sinne von „deponieren“. Sie müssen vielmehr der Aufsicht gegenüber nachweisen, dass ihre Eigenkapitalausstattung die geforderte Höhe erreicht. Fremdkapital Eigenkapital Kreditforderungen PassivaAktiva Abbildung D.9 : Vereinfachte Bankbilanz 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 201 Bei einem Risikogewicht von 100 % kann eine Bank für jeden Euro Eigenkapital maximal 12,5 Euro Kredite vergeben. Der aus den Krediten resultierende aufsichtsrechtliche Eigenkapitalbedarf war bis zur Einführung von Basel II im Jahre 2007 unabhängig von der Bonität des Kreditnehmers, d. h. es war aus aufsichtsrechtlicher Sicht einerlei, ob der Kredit an eine höchst solvente und profitable Unternehmung oder an eine bereits in finanziellen Schwierigkeiten steckende Unternehmung vergeben wurde. Das sogenannte Risikogewicht jedes Unternehmenskredits betrug immer 100 % (Basel I). Erst mit Basel II wurden Risikogewichte eingeführt, die sich an der Ausfallwahrscheinlichkeit orientieren. Übung: Eine Bank hat Eigenkapital in Höhe von 2,5 Mrd. €. Sie vergibt einen Unternehmenskredit in Höhe von 100 Mio. €. Das Risikogewicht dieses Kredits beträgt 150 %. a. Wie viel Eigenkapital muss die Bank für diesen Kredit unterlegen? b. Welches Kreditvolumen kann sie mit ihrem Eigenkapital von 2,5 Mrd. € insgesamt vergeben, wenn das durchschnittliche Risikogewicht ihrer Kredite 100 % beträgt? Antwort: a. Der Eigenkapitalbedarf beträgt 12 Mio. € (100 Mio. € ∙ 0,08 ∙ 150 %). b. Sie kann Kredite in Höhe von 31,25 Mrd. € vergeben (= 2,5 Mrd. €/(0,08 ∙ 100 %)). Das Beispiel können wir auf die Finanzmarktkrise anwenden: Wenn eine Bank einen Verlust von 2,5 Mrd. € macht, sinkt ihr Eigenkapital um diesem Betrag. C.p. muss sie daher ihr Kreditvolumen um 31,25 Mrd. € zurückfahren. Aus Bankverlusten können daher schnell Kreditklemmen werden, die nur vermeidbar sind, wenn frisches Eigenkapital von außen zugeführt wird. Festlegung der Risikogewichte Wie werden die Risikogewichte festgelegt und von wem werden sie festgelegt? Banken haben hierzu gemäß Abbildung D.10 zwei Möglichkeiten. Standardansatz: Sie können im sogenannten Standardansatz auf das externe Rating von Kreditnehmern zugreifen. In diesem Fall sind die Risikogewichte der Tabelle D-4 verbindlich. Bei einem Rating eines Kreditnehmers z. B. unter BB – liegt das Risikogewicht bei 150 %, was eine Eigenkapitalunterlegung von 12 % bedeutet (150 % ∙ 8 %). Standardansatz Bonitätsabhängige Staffeln (20%; 50%, 100%; 150%) Für ungeratete Forderungen Anrechnung zu 100% Privatkunden (Kleinbetriebe) zu 75% Fortgeschrittenen Ansatz Internes Rating durch Kreditinstitute Alle Forderungen werden geratet Eigene Schätzung der Ausfallwahrscheinlichkeiten Aufsichtsrechtliche Risikogewichtsfunktion Eigene Risikogewichtsfunktion Externes Rating der Kreditnehmer Basis IRB-Ansatz Abbildung D.10 : Festlegung der Risikogewichte in Basel II 202 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Bonitätsklasse167 AAA bis AA– A+ bis A– BBB+ bis BB– unter BB– Retail Kein Rating Risikogewichtung 20 % 50 % 100 % 150 % 75 % 100 % Erforderliches EK 1,6 % 4 % 8 % 12 % 6 % 8 % Tabelle D-4 : Bonitätsklassen, Basel II mit Standardansatz Liegt kein externes Rating vor, dann beträgt der Ansatz wie bisher in Basel I 100 %. Allerdings gibt es eine „Mittelstandskomponente“: Für Kredite an Privatkunden aber auch für Kredite an kleine Unternehmungen wird das Risikogewicht pauschal auf 75 % abgesenkt. Damit sinkt die Eigenkapitalunterlegung für klassische Mittelstandskredite von bisher 8 % auf 6 %.168 Internes Rating: Tatsächlich nutzen die Banken aber vorwiegend die zweite Möglichkeit, die auf dem bestehenden, internen Rating ihrer Kreditnehmer aufsetzt. Im „Basis-IRB- Ansatz“, IRB steht für Internal Rating Based, schätzen die Banken die Ausfallwahrscheinlichkeit ihrer Kreditnehmer, die sie in mindestens sieben Risikoklassen einteilen müssen. Diese Ausfallwahrscheinlichkeit wird anschließend über eine von der Aufsicht vorgegebene, komplexe Risikofunktion in ein Risikogewicht umgerechnet. Der „Fortgeschrittenen-Ansatz“ geht noch darüber hinaus, da die Banken hier die Risikogewichtsfunktion selbst festlegen können.169 Die verwendeten Ausfallwahrscheinlichkeiten im Basis-IRB-Ansatz sowie die Risikofunktion im Rahmen des Fortgeschrittenen-Ansatz können von den betroffenen Banken nicht nach Belieben festgelegt werden. Vielmehr müssen sie der Aufsicht gegenüber in einem Back-Testing nachweisen, dass ihre Ansätze für historische Daten „robust“ waren, d. h. ein zutreffendes Bild über die Ausfallwahrscheinlichkeiten und die notwendige Eigenkapitalunterlegung ergeben hätten. Nicht nur das Rating selbst ist für die geforderte Eigenkapitalunterlegung relevant, sondern auch die Stellung von Sicherheiten. Wie wir gesehen haben, reduzieren Sicherheiten den erwarteten Verlust aus Sicht der kreditgebenden Bank. In Basel II wird daher den gestellten Sicherheiten umfänglich durch reduzierte Eigenkapitalanforderungen Rechnung getragen.170 Basel II, Eigenkapitalkosten und Kundenzins Hat Basel II Auswirkungen auf die Kreditvergabe und den geforderten Kreditzins? 167 Hier wird die Einteilung von S&P verwendet. 168 Kredite an kleine Unternehmungen liegen nach Basel II dann vor, wenn zwei Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sind: Der Kredit muss erstens kleiner als 1 Mio. € sein und zweitens darf der Kredit an diesen Schuldner nicht mehr als 0,2 % des gesamten Kreditvolumens ausmachen (Granularitätskriterium). Diese Regelung war für die Vertreter deutscher Banken im Rahmen der Verhandlungen zu Basel II von größter Wichtigkeit, da ca. 99 % aller Kredite in diese Kategorie fallen. 169 Auch hier gibt es wieder eine „Mittelstandskomponente“: Einerseits werden wie bei Standardansatz Kredite an Unternehmungen unter 1,0 Mio. € dem Retailsegment zugeschlüsselt, andererseits sinkt das Risikogewicht noch weiter ab, wenn der Jahresumsatz der Unternehmung unter 50 Mio. € liegt. Alternativ kann eine Bank auch das Bilanzvolumen heranziehen. 170 Eine Übersicht über die Anrechnung von Sicherheiten bei der Ermittlung des Eigenkapitalbedarfs findet sich im Monatsbericht der deutschen Bundesbank, Dezember 2006, S. 69 ff. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 203 Der Mindestzinssatz setzt sich aus vier Kostenelementen zusammen: Die Refinanzierungskosten, die Eigenkapitalkosten, die Bearbeitungskosten sowie die Risikokosten. Da jeder Kredit durch Eigenkapital EK und/oder Fremdkapital FK in Form von Kundeneinlagen finanziert werden muss, gilt Kreditbetrag = FK+EK. Wenn rFK den Zinssatz bezeichnet, den die Bank durchschnittlich für ihre Kundeneinlagen zahlt (Refinanzierungszins) und rEK die Eigenkapitalkosten in %, dann können wir schreiben: FK EK FK EK Risikokosten Bearbeitungskosten Mindestzinssatz r r EK FK EK FK EK FK EK FK = + + + + + + + Formel D-7: Berechnung des Mindestzinssatzes Der Mindestzinssatz errechnet sich demnach aus dem gewichteten Fremd- und Eigenkapitalkostensatz plus dem Bearbeitungs- und Risikokostensatz in % der Kreditsumme. Bei dieser Darstellung können wir leicht erkennen, dass der Mindestzinssatz steigt, wenn Fremdkapital durch teureres Eigenkapital ersetzt wird. Damit können wir aber auch unmittelbar ableiten, dass sich der Mindestzinssatz erhöht, wenn Kredite an Unternehmungen mit geringerer Bonität vergeben werden. Sie erfordern nach den Vorschriften von Basel II ja eine höhere Eigenkapitalunterlegung. Übung D-2: Vergleichen wir die Kreditvergabe von jeweils 5,0 Mio. € an zwei Firmen X und Y. X hat annahmegemäß eine Bonität von AA und Y eine Bonität von B+. Die Risikokosten betragen für X annahmegemäß 20 Basispunkte p.a. und für Y 90 Basispunkte. Weiterhin unterstellen wir einen Refinanzierungssatz der Bank in Höhe von 4,3 %, einen Eigenkapitalkostensatz von 15 % sowie Bearbeitungskosten von 2.000 €. Wie hoch ist der Mindestzins für X und Y? Verwenden Sie dabei den Standardansatz. Antwort: X hat einen Risikofaktor von 20 %, Y einen von 150 % (siehe Tabelle D-4). Wir erhalten damit folgende Finanzierungsanteile von Eigen- und Fremdkapital: Risikogewicht Anteil EK Anteil FK Kostensatz EK Kostensatz FK X 8 % ∙ 20 % = 1,6 % 98,4 % 15 % 4,3 % Y 8 % ∙ 150 % = 12 % 88 % 15 % 4,3 % Da X ein Risikogewicht von 20 % hat, muss die Bank den Kredit an X nur mit 1,6 % Eigenkapital finanzieren. Folglich können 98,4 % des Kredits mit dem billigerem Fremdkapital finanziert werden. Setzen wir die Ergebnisse in die Formel für den Mindestzins ein, erhalten wir: Mindestzins Refinanz.kosten EK-Kosten Risikokosten Bearbeitungskosten X 4,71 % = 4,3 % ∙ 0,984 + 15 % ∙ 0,016 + 0,2 % + 2.000/5.000.000 ∙ 100 Y 6,52 % = 4,3 % ∙ 0,880 + 15 % ∙ 0,120 + 0,9 % + 2.000/5.000.000 ∙ 100 Der erforderliche Mindestzins für den Kredit an Y ist höher, weil der erwartete Verlust (= Risikokosten) höher ist und weil wegen des erhöhten Risikos auch der Eigenkapitalanteil zur Finanzierung des Kredits höher sein muss. Berücksichtigen Banken die Ausfallrisiken ihrer Kunden nicht doppelt? Steigt das Ausfallrisiko eines Kredits, steigen die Risikokosten einer Bank und sie fordert einen 204 D. Fremdfinanzierung durch Kredite entsprechenden Zinsaufschlag (siehe Tabelle D-3). Andererseits steigt mit der Ausfallwahrscheinlichkeit das Risikogewicht. Dadurch muss ein höherer Anteil des Kredits mit Eigenkapital finanziert werden, was wiederum die Eigenkapitalkosten erhöht. Hat die Bank aber in den Risikokosten nicht bereits ihre erhöhten Kosten berücksichtigt? Ist die erhöhte Eigenkapitalunterlegung daher nicht überflüssig? Hierzu müssen wir zwei Verlusttypen aus Bankensicht klar trennen. Es gibt einerseits den Verlust aus einem erwarteten Kreditausfall und andererseits den Verlust aus einem unerwartetem Ausfall. Selbst wenn die erwartete Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kunden171 hoch ist, ist es aus Bankensicht unkritisch, solange sie die Risikokosten in Form einer adäquaten Kreditrisikoprämie im Kundenzins berücksichtigt und am Markt auch durchsetzen kann. Die „überlebenden“ Schuldner einer Risikoklasse finanzieren faktisch den Ausfall der Schuldner in Form eines Zinsaufschlags. Erst wenn die tatsächlichen Ausfälle höher als erwarteten sind, erleidet die Bank einen Verlust. Und genau hier setzt Basel II an: Innerhalb jeder Risikoklasse wird es immer wieder zu Abweichungen zwischen erwarteten und unerwarteten Kreditausfällen kommen. Um auch in dieser Situation eine Gefährdung des Fremdkapitals und damit der Kundeneinlagen zu vermeiden, muss die Bank stets über genügend Eigenkapital verfügen, um diese unerwarteten Ausfälle abfedern zu können. Die Aufsichtsbehörde geht dabei implizit davon aus, dass bei höherer Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kunden auch die Abweichungen vom erwarteten Ausfall größer sind. Damit erklärt sich auch die höhere Eigenkapitalunterlegung. Kreditausfall Abdeckung durch Annahme Erwartet Risikokosten Risikokosten schlagen sich im Kundenzins nieder Unerwartet Eigenkapitalunterlegung höhere Ausfallwahrscheinlichkeit → höhere Abweichung Tabelle D-5: Erwarteter versus unerwarteter Kreditausfall Im Ergebnis können wir deshalb sagen, dass Banken die Ausfallrisiken nicht doppelt berechnen; vielmehr finden unterschiedliche Risikoelemente ihren Niederschlag in unterschiedlichen Sicherungsmechanismen. Ein letztes Wort zur Frage, ob die Einführung von Basel II zwangsläufig die Kreditzinsen für bonitätsmäßig schlechtere Kunden erhöht: Falls die Banken bisher aus dem Vorsichtsprinzip heraus ihre Kredite mit Eigenkapital unterlegt hatten, das gleich hoch oder größer war als das regulatorisch geforderte Eigenkapital, hat die Einführung von Basel II keinen Einfluss auf die Höhe der Kreditzinsen. Falls Basel II die Banken aber zu einer Eigenkapitalunterlegung zwingt, die über ihre bisher vorgenommene Vorsorge hinausgeht, führt Basel II zu einer Anpassung der Kreditzinsen. Die Antwort auf die Frage nach den Wirkungen von Basel II auf die Kreditzinsen ist damit sicherlich nicht pauschal zu beantworten. Der große Vorteil von Basel II aber ist in jedem Fall die Festlegung und Standardisierung der Eigenkapitalunterlegung für Kreditnehmer unterschiedlicher Bonität. Damit wird es für Banken schwieriger, kurzfristige Wettbewerbsvorteile auf Kosten einer angemessenen Eigenkapitalvorsorge zu erlangen. 171 Wir sprechen hier stets von einem Beispielskunden. Es sollte aber klar sein, dass wir hier die Gesamtheit der Kunden in einer Risikoklasse meinen, da jeder einzelne Kunde von seinem Erwartungswert mehr oder weniger stark abweichen wird. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 205 19.4 Basel III Die Finanzmarktkrise 2008 war der Auslöser, die bestehenden aufsichtsrechtlichen Regelungen zu überarbeiten, allen voran die Regelungen zur Liquiditäts- und Eigenkapitalausstattung von Banken. Die Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 hatte nämlich deutlich gemacht, dass der Interbankenmarkt schlagartig zum Erliegen kommen kann, wenn Banken Zweifel am Überleben einzelner Kreditinstitute haben. Nur durch eine Zufuhr von neuem Eigenkapital durch nationale Regierungen und durch eine großzügige Liquiditätsversorgung seitens der Zentralbanken konnte eine fatale Kettenreaktion verhindert werden. Im Dezember 2010 hatte der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht das sogenannte Basel-III-Rahmenwerk beschlossen. Die Regelungen sollten ursprünglich bis Ende 2012 in nationales Recht umgesetzt werden und zum 1.1.2013 in Kraft treten. Doch es zeigte sich bald, dass sich in Europa die Einführung wesentlicher Teile der neuen Eigenkapitalvorschriften verzögert. In den USA wurde die Einführung sogar auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit wird eine der wichtigsten globalen Reformen der Bankenbranche in Frage gestellt. Der Kern von Basel III liegt in vier Punkten: Erstens soll die Qualität und Quantität des Eigenkapitals von Banken gestärkt werden, zweitens wird eine Verschuldungsobergrenze eingeführt, drittens soll die Liquiditätslage von Banken verbessert und international vereinheitlicht werden und viertens wird das Risikomanagement insbesondere von systemrelevanten Banken verstärkt. Qualität und Quantität des Eigenkapitals Die Vorschriften zur Mindestausstattung mit Eigenkapital (aufsichtsrechtliches Eigenkapital) sollen einerseits sicherstellen, dass etwaige Verluste im laufenden Geschäftsbetrieb ausgeglichen werden können. Andererseits begrenzen sie aber auch die Verlustrisiken aus Bankgeschäften, da für jeden Euro Eigenkapital einer Bank nur ein bestimmter Umfang an Risikoaktiva, etwa Kreditforderungen, vorliegen darf. Eine wesentliche Frage in diesem Zusammenhang ist, was man unter Eigenkapital genau versteht. Im Rahmen von Basel II konnten Banken neben „hartem Eigenkapital“ – es wird hartes Kernkapital172 genannt –, auch eine Reihe von „weichem Eigenkapital“ nutzen, das geringere Haftungsqualität aufweist. Es wird Ergänzungskapital genannt und weist auch Elemente von Fremdkapital auf, etwa die zeitliche Befristung der Kapitalüberlassung. Basel III sieht deutlich mehr hartes Kernkapital zu Lasten des Ergänzungskapitals vor.173 Dabei müssen die Banken bereits ab 2013 ihr hartes Kernkapital von derzeit 2,0 % der risikogewichteten Aktiva auf 3,5 % erhöhen und bis 2015 auf 4,5 % ausweiten. Zusätzlich müssen die Banken ab 2016 „in guten Zeiten“ einen sogenannten Kapitalerhaltungspuffer aufbauen, der in Krisenzeiten bei Verlusten im laufenden Geschäftsbetrieb abschmelzen darf. Sobald der Puffer in Anspruch genommen wird, unterliegt die Bank allerdings in zunehmenden Maße Restriktionen bei der Gewinnausschüttung und bei Bonuszahlungen. Bis 2019 soll der Kapitalerhaltungspuffer 2,5 % der risikogewichteten Aktiva betragen. Da der Kapitalerhaltungspuffer in hartem Kernkapital gehalten wer- 172 Es besteht bei Aktiengesellschaften aus dem Nominalkapital, den Kapitalrücklagen plus die Gewinnrücklagen. Die Regelungen sind für Genossenschaftsbanken und für öffentlich-rechtliche Sparkassen natürlich abweichend. 173 Ein guter Überblick findet sich in Deutsche Bundesbank, Basel III Leitfaden, 2011. 206 D. Fremdfinanzierung durch Kredite den muss, stünden bis 2019 insgesamt 7 % der risikogewichteten Aktiva in Form von hartem Kernkapital zur Verfügung. Ein offener Punkt sind noch die Regelungen für Mittelstandskredite. Hier drängen insbesondere deutsche Banken darauf, dass für Kredite von höchstens 1,5 Mio. Euro, die an Firmen mit höchstens 50 Mio. Jahresumsatz vergeben werden, künftig nur so viel Eigenkapital benötigt wird wie im Rahmen von Basel II. Verschuldungsobergrenze (Leverage Ratio) Die aufsichtsrechtliche Eigenkapitalunterlegung risikobehafteter Aktiva wie Kreditforderungen begrenzt das Volumen risikobehafteter Geschäfte wie wir in Formel D-6 (S. 200) gesehen haben. Aktiva allerdings, die aufsichtsrechtlich ein Risikogewicht von null haben, können prinzipiell vollständig mit Fremdkapital finanziert werden. Solange eine Bank ausreichend Refinanzierungsmöglichkeiten hat, können diese Aktiva in unbegrenzter Höhe erworben werden. Das wohl derzeit wichtigste Beispiel für Aktiva mit einem Risikogewicht von null sind paradoxerweise europäische Staatsanleihen. Erwirbt eine Bank italienische oder portugiesische Staatsanleihen entsteht kein Eigenkapitalbedarf. Diese Regelung begünstigt aus Bankensicht die Finanzierung von Staaten gegenüber einer Kreditvergabe an Unternehmungen und ist sicherlich mit ein Grund für die aktuelle Staats- und Bankenkrise. Um die Finanzierung von Staaten durch Banken nicht zu gefährden, wurde diese unter Risikoaspekten völlig unsinnige Regelung im Rahmen von Basel III nicht angepasst. Allerdings wurde mit der Einführung einer Verschuldungsobergrenze der Umfang der Fremdfinanzierung insgesamt eingeschränkt. Die Regelung sieht vor, dass Banken mindestens 3 % aller nicht risikogewichteten Aktiva als Kernkapital aufweisen müssen. Anders formuliert: Banken können pro Euro Kernkapital Aktiva von maximal 33,3 Euro finanzieren. Damit führen auch Aktiva ohne Risikogewicht zu einer Volumensbegrenzung. Da die Einführung einer Verschuldungsobergrenze erstmalig erfolgt, wird ihre Einhaltung bis 2017 zunächst nur „beobachtet“. Erst danach ist vor dem Hintergrund der bis dahin gewonnenen Erkenntnisse eine endgültige Entscheidung und Festlegung der numerischen Werte geplant. Liquiditätsregeln Bei einer normalen Zinsstruktur bringt die Refinanzierung langfristiger Kredite mit kurzfristigen Kundeneinlagen einen Zinsvorteil. Allerdings steigt dabei auch das Refinanzierungsrisiko, da die Banken immer wieder auf eine revolvierende kurzfristige Finanzierung angewiesen sind. Um die damit verbundenen Risiken zu begrenzen, müssen Banken zwei Kennziffern einhalten: Bestand an hochliquiden Aktiva Liquiditätsdeckungskennzahl 1 Nettozahlungsabgang in 30 Tagen unter Stress = ≥ Die Einhaltung dieser Kennzahl174 soll die jederzeitige Zahlungsfähigkeit eines Kreditinstituts sicherstellen, ohne auf externe Hilfe angewiesen zu sein. Hierzu wird in einem von der Aufsicht festgelegten Stressszenario prognostiziert, wie hoch die Liquiditätsabflüsse einer Bank in einem Zeitraum von 30 Tagen sein werden. Die Höhe dieser geschätzten Abflüsse muss dabei durch einen Bestand an hochliquiden Aktiva mindestens gedeckt sein. Als hochliquide Aktiva gelten laut Baseler Ausschuss neben Barmitteln und Zentralbankguthaben insbesondere Staatsanleihen. Mit Risikoabschlägen sind im 174 Häufig wird der englische Begriff Liquidity Coverage Ratio verwendet. 19 Kreditfinanzierung aus Bankensicht 207 begrenzten Umfang aber auch Aktiva wie Unternehmensanleihen, Pfandbriefe und sogar Aktien anrechenbar. Die Liquiditätsdeckungskennzahl sollte ursprünglich nach einer Beobachtungsphase ab 1.1.2015 verbindlich sein. Am 6.1.2013 beschloss der Baseler Ausschuss allerdings eine schrittweise Einführung ab 2015 (60 %) und die vollständige Einführung erst ab 2019. Die zweite Kennziffer, die Net Stable Funding Ratio, soll sicherstellen, dass mittelfristig die Vermögenswerte einer Bank zumindest anteilig mit „stabilen“ Mitteln refinanziert werden. Dabei wird die Liquidierbarkeit der Vermögenswerte explizit berücksichtigt. Die Kennzahl wird wie folgt berechnet: Tatsächliche stabile Refinanzierung Net Stable Funding Ratio 1 Erforderliche stabile Refinanzierung = ≥ Als tatsächliche stabile Refinanzierung werden Passivpositionen angesehen, die einer Bank auch in Stresssituationen noch mindestens ein Jahr zur Verfügung stehen. Der Baseler Ausschuss hat hierfür eine Liste erstellt, zu welchem Prozentsatz (Gewicht) einzelne Passivpositionen als „stabil“ angerechnet werden dürfen. Stabile Privatkundeneinlagen mit einer Restlaufzeit unter einem Jahr haben z. B. ein Gewicht von 90 %. Die erforderliche stabile Refinanzierung wiederum ist die Summa aller Aktiva, die ebenfalls mit einem von der Aufsicht vorgegebenem Gewicht versehen wird. Hochliquide Staatsanleihen haben z. B. ein Gewicht von 5 %. Die Kennzahl soll allerdings erst ab dem 1.1.2018 verbindlich eingeführt werden. Es ist zu erwarten, dass bis zur Wirksamkeit der einzelnen hier skizzierten Regelungen noch deutliche Modifikationen vorgenommen werden. Systemrelevante Banken Der Ausfall einer großen Bank kann zu einer Kettenreaktion führen. Wenn Bank A seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber B nicht erfüllen kann, kann auch B seine vertraglichen Verpflichtungen gegen C nicht erfüllen usw. Diese Gefahr einer Kettenreaktion, die das gesamte System gefährdet, wird als systemisches Risiko bezeichnet. Je mehr sich die Geschäftsvolumina auf wenige Marktteilnehmer konzentrieren, desto gefährlicher sind diese systemischen Risiken. Die größten Investmentbanken weisen Aktiva aus, die der Wirtschaftsleistung europäischer Staaten wie Italien, Frankreich oder Deutschland entsprechen. Wenn der Ausfall eines solchen Marktteilnehmers, sei es aus Pech, Unfähigkeit oder Gier, zu einer Gefährdung des gesamten Finanzsystems führt, dann müssen zwangsläufig die nationalen Regierungen die dabei auftretenden Verluste tragen. Wenn Banken „too big to fail“ sind, werden ihre Verluste im Extremfall sozialisiert, während ihre Gewinne den Anteilseignern zufließen. Es ist daher nur folgerichtig, dass als Konsequenz der Finanzmarktkrise der Finanzstabilitätsrat175 im November 2011 insgesamt 29 Großbanken mit herausragender Marktstellung identifiziert hat und einer verschärften Regulierung unterwirft.176 Da deren Insolvenz eine Gefährdung des internationalen Bankensystems zur Folge hätte, gelten für diese Banken im Rahmen von Basel III verschärfte Eigenkapitalvorschriften und Überwachungsmaß- 175 Der Finanzstabilitätsrat wird im Englischen als Financial Stability Board bezeichnet. Die Aufgabe dieser internationalen Organisation mit Sitz in Basel ist die Überwachung des globalen Finanzsystems. Er wurde von den G-20-Ländern im April 2009 als Nachfolger des Financial Stability Forum eingerichtet, das seinerseits 1999 ins Leben gerufen worden war. 176 Aus deutscher Sicht waren Commerzbank und Deutsche Bank vertreten. Allerdings wurde die Commerzbank am 1.11.2012 vom Internationalen Finanzstabilitätsrat aus der Liste gestrichen. 208 D. Fremdfinanzierung durch Kredite nahmen.177 Die Deutsche Bank müsste z. B. nach den Maßstäben von Basel III eine Kernkapitalquote von 7,2 % erreichen. Die Systemrelevanz des Instituts erfordert jedoch eine Quote von 9,5 % und damit einen Systemrelevanzzuschlag von 2,3 %.178 Die Kriterien für die Systemrelevanz sind die Größe der Bank, ihre Internationalität, ihre Vernetzheit innerhalb der Bankenwelt, die Komplexität ihres Geschäftsmodells (Derivate, eigenes Handelsvolumen usw.) sowie der Grad der Unersetzlichkeit hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Zahlungsverkehr, das Investmentbank oder der Vermögensverwaltung. 177 Vergleiche hierzu Deutsche Bundesbank, Basel III-Leitfaden zu den neuen Eigenkapital- und Liquiditätsregeln für Banken, 2011. 178 Handelsblatt, Aufsicht verlangt Notfallpläne, 5.11.12, S. 30. 20 Sicherheiten 209 20 Sicherheiten 20.1 Sicherungsinstrumente Die Insolvenz eines Schuldners ist häufig mit dem Ausfall einer Forderung verbunden. Da im Insolvenzfall üblicherweise sein Vermögen geringer ist als die Summe seiner noch offenen Verbindlichkeiten, ist es für Kreditgeber sehr wichtig, dass sie „privilegierte Gläubiger“ sind, d. h. Gläubiger mit besicherten Forderungen. Privilegierte Gläubiger haben bei allen Sachsicherheiten ein Absonderungsrecht, d. h. die Sicherheiten werden von der Insolvenzmasse abgetrennt und gesondert verwertet.179 Beim einfachen Eigentumsvorbehalt von gelieferten Waren haben privilegierte Gläubiger ein Aussonderungsrechte, d. h. die gelieferten Gegenstände werden nicht Bestandteil der Insolvenzmasse. Eigentümer bleibt weiterhin der Lieferant der Waren. Nicht privilegierte Gläubiger hingegen werden aus der Insolvenzmasse180 heraus bedient und erhalten oft nur einen Bruchteil ihrer offenen Forderungen. Die Abbildung zeigt, dass es zwei große Gruppen von Sicherungsinstrumenten gibt. Bei Personalsicherheiten stellt das Sicherungsrecht einen persönlichen, schuldrechtlichen Anspruch des Sicherungsnehmers (z. B. die kreditgebende Bank) gegen einen Sicherungsgeber dar. Dieses Recht wird in einem eigenen Besicherungsvertrag dokumentiert. Der Kreditgeber erhält neben dem aus dem Kreditvertrag abgeleiteten, bereits bestehenden Anspruch an den Kreditnehmer einen weiteren, davon unabhängigen Anspruch an einen zusätzlich auftretenden Sicherungsgeber. Bei Sachsicherheiten, häufig auch Realsicherheiten genannt, erhält der Sicherungsnehmer ein dingliches Recht an Sicherungsmitteln, die im Insolvenzfalle aus der Insolvenzmasse ausgesondert und gesondert verwertet werden. Einige der Sicherungsinstrumente sind unmittelbar mit den besicherten Forderungen verknüpft. Man nennt sie deshalb akzessorisch (angelehnt). Sie sind weder allein begründbar noch übertragbar. Vielmehr existieren die Sicherheiten nur, solange es die zugrunde liegenden Forderungen gibt. Sie sind in der Abbildung dick umrahmt. Bei 179 Mögliche Übererlöse aus der Verwertung der Sicherheiten fließen wieder in die Insolvenzmasse zur Befriedigung der Ansprüche der ungesicherten Insolvenzgläubiger ein. 180 Die Insolvenzmasse ist gemäß § 35 Insolvenzordnung (InsO) das gesamte Vermögen eines Insolvenzschuldners zum Zeitpunkt der Eröffnung des Insolvenzverfahrens. 20 Sicherheiten Abbildung D.11: Übersicht über Sicherungsinstrumente Personalsicherheiten Sachsicherheiten Bürgschaft Garantie Covenants Eigentumsvorbehalt Sicherungs- übereignung Pfandrechte Grundpfandrechte HypothekGrundschuldFinancial CovenantsSicherungsklauseln Forderungsabtretung 210 D. Fremdfinanzierung durch Kredite akzessorischen Sicherheiten kann der Sicherungsgeber grundsätzlich die gleichen Einreden geltend machen wie der Hauptschuldner (Verjährung, Gegenaufrechnung von Forderungen, usw.). Alle nicht eingerahmten Sicherungsinstrumente nennt man fiduziarisch (treuhänderisch). Hier erwirbt der Sicherungsnehmer eine Rechtsstellung, die über den Sicherungszweck hinausgeht. Fiduziarische Sicherheiten erlöschen nicht mit der zugrunde liegenden Forderung. Diese Sicherungsrechte sind vielmehr selbstständig verkehrsfähig. Im Sicherungsvertrag verpflichtet sich aber der Sicherungsnehmer, dass er treuhänderisch die Interessen des Sicherungsgebers beachtet181, deshalb auch der Name „fiduziarisch“. Betrachten wir die wichtigsten Sicherungsinstrumente genauer: 20.2 Bürgschaft Die Bürgschaft ist eine der wichtigsten Personalsicherheiten. Sie ist in den §§ 765–778 BGB gesetzlich geregelt. Ausgangspunkt ist die Vergabe eines Kredits (1). In einem Bürgschaftsvertrag verpflichtet sich ein Dritter gegenüber dem Kreditnehmer, für die Erfüllung der Ansprüche gegen den Schuldner einzustehen. Um dem Bürgen die Bedeutung der eingegangenen Verpflichtung deutlich zu machen, muss die Bürgschaftserklärung schriftlich erfolgen (2). Anderenfalls ist sie nichtig.182 Mit der Rückzahlung des Kredits (3) erlischt die Verpflichtung des Bürgen (akzessorische Sicherheit). Falls jedoch keine Rückzahlung 181 Eine sehr gute Darstellung der wesentlichen Sicherungsinstrumente findet man in Zantow, Finanzwirtschaft der Unternehmung, 2007, S. 153–184 sowie in Wöhe, Bilstein, Grundzüge der Unternehmensfinanzierung, 2002, S. 187–207. 182 Als einzige Ausnahme gilt, wenn der Bürge Vollkaufmann ist und die Übernahme für ihn ein Handelsgeschäft darstellt. Abbildung D.12: Struktur einer Bürgschaft Bürge Schuldner Kreditgeber (4) K ein e R ü ckzah lu n g (6) Fo rd eru n g sü b erg an g (2) B ü rg sch aftsvertrag (5) Zah lu n g (1) K red itvertrag (3) K red it (7) Rückgriffsanspruch des Bürgen Kreditwürdigkeitsprüfung Ausfallbürgschaft (Normalfall) Selbstschuldnerische Bürgschaft (kein Recht der Vorausklage) Modifizierte Bürgschaft (Zwischenposition) Weitere Formen (Mitbürgschaft Nachbürgschaft) 20 Sicherheiten 211 erfolgt (4), entsteht eine subsidiäre Forderung gegen den Bürgen. Subsidiär heißt, dass der Bürge nur in Anspruch genommen werden kann, wenn der Kreditgeber ohne Erfolg eine Zwangsvollstreckung gegen den Hauptschuldner versucht hat. Man bezeichnet dies als Einrede der Vorausklage. Wenn sich die Verpflichtung des Bürgen auf den Teil der Forderungen bezieht, der nach der Zwangsvollstreckung noch verbleibt, spricht man von einer Ausfallbürgschaft. Sie wird im BGB als Normalfall angesehen Da der Nachweis einer erfolglosen Zwangsvollstreckung im Einzelfall sehr lange dauern kann, ist eine Ausfallbürgschaft als Instrument einer Kreditsicherung nur bedingt tauglich. Deutlich besser ist hierzu die selbstschuldnerische Bürgschaft. Der Kreditgeber muss dabei lediglich eine erfolglose Mahnung gegen den Schuldner nachweisen, bevor er seine Ansprüche gegen den Bürgen geltend machen kann.183 Faktisch verzichtet der Bürge bei dieser Bürgschaftsform auf das Recht der Vorausklage. Mit der Zahlung des Bürgen an den Kreditnehmer (5) geht die Forderung des Kreditnehmers an den Bürgen über (6), der jetzt seine Ansprüche gegen den Schuldner geltend machen kann (7). Die modifizierte Ausfallbürgschaft ist ein Kompromiss zwischen einer Ausfallbürgschaft und einer selbstschuldnerischen Bürgschaft. Hier werden klare Kriterien dafür festgelegt, ab wann der Ausfall als eingetreten gelten soll. Ein Beispiel hierfür ist die Nichtzahlung bis spätestens drei Monate nach Fälligkeit. Als Bürgen kommen nicht nur Privatpersonen oder Unternehmungen in Frage, sondern auch öffentliche Organisationen und die Gebietskörperschaften. Dabei verbürgen sie sich im Rahmen wirtschaftspolitischer Ziele für solche Unternehmungen, die selber nicht ausreichend Fremdmittel beschaffen können. Beispiele hierfür sind investitionsfördernde Maßnahmen, Strukturpolitik oder die Mittelstandförderung. Gehen mehrere Bürgen Verpflichtungen ein, entstehen weitere Bürgschaftsformen. Bei einer Mitbürgschaft haften mehrere Bürgen als Gesamtschuldner.184 Eine Nachbürgschaft liegt vor, wenn eine Haftungsreihenfolge zwischen den Bürgen festgelegt wird. 20.3 Garantie Die Garantie ist mit der Bürgschaft eng verwandt und stellt ebenfalls einen einseitig bindenden Schuldvertrag dar. Der Garantiegeber verpflichtet sich, für eine in der Zukunft liegende Leistung einzustehen. Sprachlich werden Bürgschaft und Garantie oft verwechselt. Garantien sind aber im Gegensatz zu Bürgschaften fiduziarisch, d. h. sie existieren losgelöst von einer Hauptschuld und können daher auch weitergereicht werden. Garantien findet man häufig bei öffentlichen Ausschreibungen und im Au- ßenhandel, etwa wenn ein Exporteur die Garantie einer Bank (= Bankgarantie) vom Importeur verlangt, bevor er die Waren verschickt. Die Garantie ist in Deutschland nicht gesetzlich geregelt. Beim Garantieversprechen handelt es sich daher um einen Vertrag, der den Grundsätzen der Vertragsfreiheit folgt. 183 Die Bürgschaft eines Kaufmanns ist stets selbstschuldnerisch (§ 349 HGB). 184 Bei Gesamtschuldnern kann der Gläubiger die Leistung von jedem der Schuldner ganz oder zu einem bestimmten Teil fordern. Bis zur Bewirkung der ganzen Leistung bleibt jeder der Gesamtschuldner verpflichtet (geregelt in § 421 BGB). 212 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Der Vertrag kommt durch die Annahme der Garantie durch den Garantiebegünstigten zustande. Da es keine rechtlichen Vorgaben gibt, bedarf es nur bestimmter Mindesterfordernisse. Eine Garantie sollte mindestens folgende Elemente beinhalten: – ein verbindliches, abstraktes Zahlungsversprechen des Garanten über – eine bestimmte Geldsumme gegenüber dem Garantienehmer sowie – eine Beschreibung der Garantieart im Rahmen eines zu beschreibenden Grundgeschäfts. Im internationalen Geschäftsverkehr haben sich feste Formulierungen herausgebildet wie „Zahlung auf erstes und einfaches Anfordern unter Verzicht auf Einreden und Einwendungen“, „ohne Prüfung des Grundgeschäfts“, „unter Verzicht auf jedwede Einrede der Vorausklage“. Im Normalfall wird die Garantie in einem Sicherungsvertrag auf eine Hauptschuld bezogen und der Garantiegeber verpflichtet sich zur Leistung, falls die Hauptschuld nicht eingelöst wird. Abhängig von der Art der Hauptschuld gibt es die unterschiedlichsten Arten von Garantien wie Bietungsgarantien, Anzahlungsgarantien, Liefergarantien, Gewährleistungsgarantien, Zahlungsgarantien usw. 20.4 Forderungsabtretung Eine Forderungsabtretung (Zession) ist fiduziarisch. Im Sicherungsvertrag verpflichtet sich der neue Gläubiger (Zessionar) die Sicherheiten nur dann zu verwerten, wenn ihm dieses Recht laut Vertrag zusteht. Wie bei allen fiduziarischen Sicherheiten kann der neue Gläubiger (Zessionar) die Forderungen weiterreichen. In Abbildung D.13 gehen wir davon aus, dass eine Unternehmung eine Forderung gegen einen belieferten Kunden hat (1). Erhält diese Unternehmung nun einen Kredit (2), kann sie ihre Forderungen als Sicherheit an den Kreditgeber abtreten (3), solange kein gesetzliches oder vertragliches185 Abtretungsverbot vorliegt. 185 Zum Beispiel darf bei einem abgetretenen Lohn der verbleibende Teil eine bestimmte Summe gesetzlich nicht unterschreiten. Großunternehmungen und die öffentliche Auftraggeber wiederum schließen häufig Forderungsabtretungen vertraglich aus. Abbildung D.13 : Grundstruktur der Forderungsabtretung Drittschuldner Kreditgeber (Zessionar = neuer Gläubiger) (5) Zah lu n g B efreien d e Zah lu n g b ei o ffen er Zessio n (7) (2) K red it (1) Forderung (4) Zahlung Unternehmung (Zedent = alter Gläubiger ) Gesetzliches und vertragliches Abtretungsverbot Offene Zession Stille Zession Einzelzession Globalzession A b tretu n g san zeig e b ei o ffen er Zessio n (6) (3) Fo rd eru n g sab tretu n g 20 Sicherheiten 213 Wird die Abtretung zur Vermeidung einer negativen Publizitätswirkung nicht offen gemacht (stille Zession), erfolgt die befreiende Zahlung vom Drittschuldner über die Unternehmung an den Kreditgeber (4),(5). Das Risiko für den Kreditgeber liegt allerdings darin, dass die Unternehmung alle offenen Forderungen weitgehend selbst eintreibt und verwertet, wodurch die Werthaltigkeit der Sicherheiten stark geschmälert wird. Wird die Forderungsabtretung dem Drittschuldner angezeigt, spricht man von einer offenen Zession. In diesem Falle muss die befreiende Zahlung vom Drittschuldner an den Kreditgeber (Zessionar) erfolgen (6),(7). Die Verwertung der Sicherheiten aus Sicht des Kreditgebers ist – abhängig von den zugrunde liegenden Forderungen - teilweise schwierig und unsicher. Daher werden Zessionar oft hohe Abschläge vom Nominalwert bei der Ermittlung der Werthaltigkeit der Forderung vorgenommen. Forderungsabtretungen können sich auf (große) Einzelforderungen beziehen. Bei kleineren Forderungsbeträgen wird hingegen bevorzugt eine Globalzession verwendet, bei der alle Forderungen einer bestimmten Kategorie global abgetreten werden (z. B. alle Forderungen von Kunden einer bestimmen Region, einer bestimmten Höhe, mit bestimmten Anfangsbuchstaben usw.). 20.5 Covenants Unter Covenants versteht man Vereinbarungen, bei denen sich der Kreditnehmer verpflichtet, bestimmte Handlungen vorzunehmen oder zu unterlassen. Im Deutschen spricht man daher häufig auch von Positiv- bzw. Negativerklärungen. Beispiele hierfür sind ein Verbot des Verkaufs von Vermögenswerten während der Laufzeit des Kredits oder Regelungen für die zukünftige Gewinnausschüttung. Häufig wird auch die Verpflichtung auferlegt, dass bei zukünftigen Krediten von Dritten keine Sicherheiten gegeben werden dürfen. All diese Vereinbarungen sollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Kreditnehmer vereinbarungsgemäß seine Verbindlichkeiten begleichen kann oder dass im Insolvenzfall die Rechtsposition des Kreditgebers gestärkt wird. Im Falle von Financial Covenants beziehen sich die Vereinbarungen auf bestimmte Finanzkennzahlen, die nicht über- oder unterschritten werden dürfen. Beispiele sind eine Eigenkapitalquote, die während der Kreditlaufzeit nicht unterschritten werden darf, ein Zinsdeckungsverhältnis von mindestens vier usw. Covenants regeln auch, welche Folgen ein Verstoß gegen die Vereinbarungen hat. Typische Konsequenzen sind das Recht auf fristlose oder vorzeitige Kündigung des Kredits, Zinsanpassungen, die Stellung von weiteren Sicherheiten und ähnliches. Covenants sind im internationalen Kreditgeschäft weit verbreitet. In Deutschland hingegen findet man in den „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ (AGB) bzw. in den „Speziellen Bedingungen für das Kreditgeschäft“ Regelungen, die es den Banken erlauben, bei Eintritt bestimmter Bedingungen (zusätzliche) Sicherheiten zu fordern. 20.6 Eigentumsvorbehalt Der Eigentumsvorbehalt stellt das klassische Instrument zur Absicherung von Lieferantenkrediten dar. Beim Eigentumsvorbehalt geht zwar der Besitz an einer gelieferten 214 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Ware an den Käufer über, allerdings bleibt sie bis zur vollen Bezahlung des vereinbarten Kaufpreises Eigentum des Lieferanten. Ohne Eigentumsvorbehalt würden die Waren im Insolvenzfall des Käufers Bestandteil der Insolvenzmasse werden. Der einfache Eigentumsvorbehalt bezieht sich auf eine einzelne Lieferung und eine einzelne Forderung. Diese Grundform erweist sich in der Praxis allerdings als unbrauchbar, wenn der Käufer die Waren bereits weiterverarbeitet hat. Für solche Fälle eignet sich der Eigentumsvorbehalt mit Verarbeitungsklausel, durch den sich der Eigentumsvorbehalt auch auf das neue Produkt ausdehnt. Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn die Waren bereits weiterverkauft wurden. Solche Situationen treten häufig in der Handelsbranche auf. Hier greift der verlängerte Eigentumsvorbehalt, bei dem sich der Erstlieferant die Forderungen, die beim Weiterverkauf der Waren entstehen, im Voraus abtreten lässt. Ergänzend seien noch die Formen Eigentumsvorbehalt mit Kontokorrent- oder Konzernvorbehalt erwähnt. Hier erlischt der Eigentumsvorbehalt nicht mit der Bezahlung der gelieferten Waren, sondern erst, wenn alle Verbindlichkeiten des Abnehmers gegenüber dem Lieferanten (oder gegenüber dem Konzern) beglichen wurden. 20.7 Verpfändung, Lombardkredit und Sicherungsübereignung Das Pfandrecht gestattet dem Sicherungsnehmer die verpfändete Sache mit Vorrang vor anderen Gläubigern zu verwerten. Sie ist eine akzessorische Sicherheit.186 Es können sowohl bewegliche Sachen als auch Forderungen verpfändet werden. Das Pfandrecht entsteht durch Einigung zwischen beiden Parteien sowie durch Übergabe des Pfands bzw. der Anzeige an den Drittschuldner im Falle von Forderungen. Die Verwertung des Pfandes kann erfolgen, wenn der Kreditnehmer seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist und der Gläubiger den Verkauf des Pfandes angedroht hat. Der Verkauf des Pfandes muss in Form einer öffentlichen Versteigerung erfolgen bzw. über eine amtliche Börse, falls es sich beim Pfand um Wertpapiere handelt. Kredite, die mit einem Pfandrecht als Sicherheit gewährt werden, nennt man Lombardkredit.187 Banken vergeben häufig Lombardkredite auf Basis von verpfändeten Wertpapieren. Der Vorteil von Wertpapieren ist, dass sie üblicherweise bereits bei der Bank verwahrt werden, was der Bank einen direkten Zugriff auf das Pfand ermöglicht. Darüber hinaus haben Wertpapiere einen Marktpreis und werden an Börsen gehandelt. Daher lassen sie sich jederzeit verwerten. Die Schwierigkeiten bei der Lagerung und Verwertung beschränken die Verpfändung üblicherweise auf Wertpapiere oder werthaltige, nicht benötigte Waren. Im Laufe der Zeit hat sich deshalb mit der Sicherungsübereignung ein Instrument entwickelt, welches das Pfandrecht mit der betrieblichen Nutzung des Pfandes verbindet. Die Sicherungsübereignung ist fiduziarisch und nicht explizit gesetzlich geregelt. An Stelle der Übergabe des Pfands wird eine Verabredung getroffen, demnach der Sicherungsgeber weiterhin im Besitz des Sicherungsguts bleiben und es nutzen kann. Der Vorteil für den Gläubiger ist, dass die Verwertung freihändig erfolgen kann und nicht mehr den strengen Regelungen des Pfandrechts unterliegt. 186 Geregelt wird sie in §§ 1204–1296 BGB. 187 Da Banken aus der Lombardei (Oberitalien) die ersten waren, die Kredite auf Basis von hinterlegten Sicherheiten ausgaben, benennt man diese Kredite bis heute nach dieser Region. 20 Sicherheiten 215 Die bisher betrachteten Realsicherheiten (Eigentumsvorbehalt, Verpfändung, Sicherungsübereignung188) haben den Nachteil, dass sie für Dritte unsichtbar sind. Das tatsächliche Vermögen kann damit deutlich geringer ausfallen als das in der Bilanz ausgewiesene Vermögen. Dies führt schnell zu Fehleinschätzungen der Vermögenslage des Schuldners. 20.8 Die Grundpfandrechte Hypothek und Grundschuld Grundstücke oder Gebäude werden sehr häufig als Sicherheiten verwendet, insbesondere bei langfristigen Krediten. Auch zum Bau von Häusern und Wohnungen sind Grundpfandrechte bei Privat- und Geschäftskunden beliebt, weil das zu erstellende Gebäude gleichzeitig als Sicherungsobjekt fungiert. Grundpfandrechte umfassen nicht nur das Grundstück selbst, sondern auch das Gebäude auf dem Grundstück sowie alle damit verbundenen Forderungen. Bei vermieteten oder verpachteten Grundstücken sind dies insbesondere die Miet- und Pachtzinsforderungen. Die Bestellung von Grundpfandrechten erfordert den Eintrag in ein sogenanntes Grundbuch. Es wird beim zuständigen Amtsgericht geführt und stellt das öffentliche Register aller im Bezirk geführten Grundstücke dar. Für jedes Grundbuch wird ein Grundbuchblatt angelegt, aus dem Lage, Art und Größe des Grundstücks sowie alle mit dem Grundstück verbundenen Rechte und Pflichten sowie deren Veränderungen festgehalten werden. Grundpfandrechte werden in der dritten Abteilung des Grundbuchs geführt. Das Volumen der eingetragenen Grundpfandrechte beträgt in Deutschland über 400 Mrd. Euro. Hypothek Eine Form des Grundpfandrechts ist die Hypothek. Dabei wird ein Grundstück in der Weise belastet, dass an den Sicherungsnehmer „eine bestimmte Geldsumme zur Befriedigung wegen einer ihm zustehenden Forderung aus dem Grundstück zu zahlen ist“.189 Die Hypothek entsteht durch Einigung zwischen den Parteien sowie der Eintragung der Namen der Gläubiger, der Höhe der Forderung, des Zinssatzes sowie aller sonstiger Nebenabsprachen ins Grundbuch. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Hypotheken, die sich insbesondere hinsichtlich der Rechtsansprüche der Gläubiger unterscheiden. Die Normalform ist die Verkehrshypothek. Hier muss der Gläubiger im Gegensatz zur Sicherungshypothek die Höhe seiner Forderungen nicht nachweisen, wenn er sein Grundpfandrecht ausüben will.190 Die Hypothek ist akzessorisch. Damit sinkt mit dem Abbau der Kreditverpflichtungen auch die Höhe der Hypothek. Dies ist aus Sicht der kreditgebenden Banken unvorteilhaft, da die Kreditverpflichtungen oft vielfältig und der Höhe nach stark schwankend sind. 188 Sie werden Mobiliarsicherheiten genannt. 189 § 1113 BGB. 190 Eine Unterform der Sicherungshypothek ist die Höchstbetragshypothek, bei der nur der Höchstbetrag festgehalten wird, bis zu dem das Grundstück haften soll. 216 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Grundschuld Hypotheken eignen sich wegen ihres akzessorischen Charakters bestenfalls zur Besicherung eines konkreten Objekts, aber nicht als generelle Sicherheit für langfristige und wechselnde Kreditbeziehungen. Hierzu eignet sich die Grundschuld deutlich besser. Sie ist fiduziarisch und kann deshalb flexibler eingesetzt werden. Das Gesetz definiert die Grundschuld in § 1191 Abs. 1 BGB als eine von einer Forderung unabhängige Grundstücksbelastung des Inhalts, „dass an denjenigen, zu dessen Gunsten die Belastung erfolgt, eine bestimmte Geldsumme aus dem Grundstück zu zahlen ist“. Gemeint ist damit die Befugnis des Gläubigers, das belastete Grundstück im Wege der Zwangsverwaltung und Zwangsversteigerung zu verwerten.191 Die Verbindung zwischen Kreditvertrag und Sicherungsobjekt erfolgt über einen Sicherungsvertrag, der neben dem Sicherungszweck auch die Voraussetzungen benennt, unter denen eine Verwertung der Sicherheiten erfolgen kann. Die Standardverträge der Banken enthalten meistens eine sehr weite Auslegung der besicherten Forderungen in einer sogenannten erweiterten Sicherungsabrede. Sie umfassen neben dem konkreten Sicherungsobjekt oft alle anderen gegenwärtigen und zukünftigen Forderungen zwischen Bank und Kreditnehmer. Auf diese Weise haben Banken ein sehr schnell und flexibel einsetzbares Sicherungsinstrument, das für aktuelle und zukünftige Kreditgeschäfte gleichermaßen tauglich ist. Banken sind bestrebt, neben der erweiterten Sicherungsabrede auch eine sogenannte Zwangvollstreckungsklausel zu vereinbaren. Sie besagt, dass sich Gläubiger nicht auf dem Klageweg ein Recht zur Zwangsvollstreckung beschaffen müssen, sondern dass die Zwangsvollstreckung sofort vollzogen werden kann. Diese Regelung wird insbesondere bei Privatkunden fast immer vereinbart. Wird ein Grundpfandrecht verwertet, so erfolgt dies im Zuge einer Zwangsvollstreckung, die strengen formalen Regelungen unterliegt.192 Die Verwertungserlöse werden aber nicht wie bei einem Insolvenzverfahren auf alle eingetragenen Schuldner prozentual verteilt. Entscheidend ist vielmehr die zeitliche Reihenfolge des Eintrags des Grundpfandrechts. Die Position in der zeitlichen Reihenfolge der eingetragenen Gläubiger wird Rang genannt. Die Verwertungserlöse im Zuge der Zwangsvollstreckung fließen dabei kaskadenartig auf die einzelnen Ränge. Übersteigt der Verwertungserlös die Forderungen des Gläubigers mit Rang 1, wird Rang 2 bedient. Etwaige Verwertungs- überschüsse fließen dann in Rang 3 usw. Erfahrungsgemäß sinken aber die Chancen auf mögliche Verwertungserlöse nach dem ersten Rang sehr stark. 191 § 1192 und § 1147 BGB in Verbindung mit den Vorschriften des Zwangsversteigerungsgesetzes. 192 § 1147 BGB. In seltenen Fällen erfolgt eine Zwangsverwaltung, bei denen die Gläubiger sich aus den Grundstückerträgen schadlos halten wollen. 21 Charakteristika von Krediten 217 21 Charakteristika von Krediten 21.1 Kreditarten Ein Kredit ist eine Gebrauchsüberlassung von Sachen oder Geld auf Zeit. In der Abbildung D.1, S. 187 hatten wir die Kredite nach Fremdkapitalgebern unterschieden. Kredite können aber nach vielen weiteren Kriterien kategorisiert werden und erhalten damit stets unterschiedliche Namen oder Zusatzbezeichnungen.193 Die übliche Systematisierung erfolgt nach Kreditnehmern, nach Kreditlaufzeiten, nach dem Kreditzweck, den getroffenen Zinsvereinbarungen, den Tilgungsformen sowie dem Kreditinhalt. Kreditnehmer Die Unterscheidung „Kreditnehmer“ führt zu einem Interbankenkredite (Kredit zwischen Banken), zu einem gewerblichen Kredite (Bankkredit an Unternehmung), einem Kommunalkredit (Kredit an öffentliche Kreditnehmer) und zu Konsumentenkrediten (Kredite an private Haushalte meist für langlebige Konsumgüter). Laufzeit Kredite werden im Normalfall mit einer festen Laufzeit vereinbart. Üblicherweise steigt der geforderte Zins mit der Laufzeit des Kredits, wie wir in Abbildung D.2 gesehen haben. Kreditlaufzeiten unter einem Jahr werden als kurzfristig bezeichnet, Kredit zwischen einem und fünf Jahren als mittelfristig und Kredit über fünf Jahren als langfristig. Jeder langfristige Kredit wird im Zeitablauf zu einem mittel- bzw. kurzfristigen Kredit, da sich die Restlaufzeit von Tag zu Tag verkürzt. Es gibt Kredite, die vom Grundsatz her unbefristet sind, aber von der Bank jederzeit gekündigt werden können. Der Kontokorrentkredit ist ein Beispiel dafür. Beim Kontokorrentkredit wird dem Kunden von der Bank eine Kreditlinie eingeräumt, bis zu der er sein laufendes Konto zu einem vereinbarten Zinssatz überziehen kann. Die Kontokorrentzinssätze sind dabei sehr hoch. Nimmt er einen Kredit über diese Linie in Anspruch, kann die Bank ihm diese Erhöhung gewähren, ist aber nicht dazu verpflichtet. In jedem Fall steigt der dafür verrechnete Zinssatz (= Überziehungszinssatz). Bei Privatkunden wird der Kontokorrentkredit häufig auch Dispositionskredit genannt. Kreditzweck Die Unterscheidung „Kreditzweck“ führt zu Investitionskrediten, Betriebsmittelkrediten (Finanzierung des Umlaufvermögens), zu Immobilienkrediten usw. Etwas ausführlicher beschäftigen wir uns im Folgenden mit den verschiedenen Verzinsungsformen, den Tilgungsformen sowie den Kreditinhalten von Krediten: 193 Da Bankkredite eine lange Tradition haben und Banken insbesondere in den letzten Jahren sehr kreativ in der Namensfindung für neue Kreditarten waren, ist die Aufzählung nicht erschöpfend. 21 Charakteristika von Krediten 218 D. Fremdfinanzierung durch Kredite 21.2 Verzinsungsformen von Krediten Werden zwischen Bank und Kreditnehmer feste Zinsen vereinbart, d. h. Zinsen, die sich während der Vertragslaufzeit nicht ändern, spricht man von einem Festzinskredit. Dies ist die übliche Form von Bankkrediten. Der Vorteil aus Sicht des Kreditnehmers ist die gute Planbarkeit der Zinsbelastung. Selbst wenn die Marktzinsen während der Laufzeit ansteigen, bleibt der vereinbarte Zinssatz für den Kreditnehmer unverändert. Das Zinsänderungsrisiko liegt bei der Bank. Allerdings profitiert der Kreditnehmer auch nicht von rückläufigen Marktzinsen. Vereinbaren die Vertragspartner, dass der Zinssatz in regelmäßigen Abständen angepasst wird, liegt ein Kredit mit variabler Verzinsung vor. Üblicherweise wird der Zinssatz an die Höhe der zukünftigen Geldmarktzinsen gekoppelt. Hierzu wird fast immer der EURIBOR verwendet. EURIBOR steht für Euro Interbank Offered Rate und stellt die durchschnittliche Zinshöhe dar, zu denen europäische Banken im Interbankenhandel194 untereinander unbesichert195 Geld verleihen. Die Zinsanpassungsperioden können 1, 2, 3, 6 und 12 Monate betragen. Am häufigsten sind die Zeiträume 3 und 6 Monate. Da die Bonität einer Unternehmung fast immer unter der von Banken liegt, müssen sie zum EURIBOR einen Zinsaufschlag zahlen, der von ihrem Rating bestimmt wird. Variabel verzinste Kredite können eine lange Laufzeit haben. Lediglich der Kreditzins wird an den vereinbarten Referenzzinssatz angepasst. Übung: Unternehmung A vereinbart einen Kredit über 5 Jahre, dessen Zinssatz alle 6 Monate an den 6-Monats-EURIBOR angepasst wird. Aktuell liegt er bei 4,0 % p.a. Auf Basis ihrer Bonität und der gestellten Sicherheiten zahlt A einen Risikoaufschlag von 125 Basispunkten. Wie hoch ist der Zinssatz? Wann wird er zum ersten Mal angepasst? Antwort: A zahlt einen Zinssatz von EURIBOR + Risikoaufschlag = 5,25 %. Der Zinssatz wird erstmalig in 6 Monaten überprüft. Jede Veränderung des EURIBOR wird dann an A weitergegeben, der Risikozuschlag bleibt unverändert bei 125 Basispunkten. Bei variabel verzinsten Krediten kann sich eine Unternehmung langfristig Geld zu kurzfristigen Kreditzinssätzen leihen. Da im Falle einer normalen Zinsstrukturkurve die Zinssätze für kurzfristige Kredite geringer sind als für langfristige, hat die Unternehmung einen Zinsvorteil. Allerdings trägt die Unternehmung auch das Risiko, dass sich während der Laufzeit die Zinssätze erhöhen. Unternehmungen werden daher nur dann variabel verzinste Kredite aufnehmen, wenn sie glauben, dass die variablen Zin- 194 Ursprünglich beteiligten sich daran 57 europäische Großbanken mit bester Bonität. Die Sätze werden um 11.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit ermittelt und täglich veröffentlicht. Der EURI- BOR ist ein häufig genutzter Referenzzinssatz, d. h. ein Zinssatz, an dem sich andere Zinssätze orientieren. Zwischenzeitlich nehmen allerdings nur noch 39 Banken teil (darunter 7 deutsche Banken; Stand 1/2013). Hintergrund ist der LIBOR-Skandal (siehe Fußnote 210) und der Bedeutungsverlust des Interbankenhandels, seit die Europäische Zentralbank wegen der europäischen Staatsschuldenkrise den Banken nahezu unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellt. 195 Mit Wertpapieren besicherte Geldgeschäfte werden Repo-Geschäfte genannt. Repo steht dabei verkürzt für Sale and Repurchase Agreement. Der Begriff soll verdeutlichen, dass Wertpapiere an einen Kontrahenten verkauft und zu einem bereits heute vereinbarten Preis zurückgekauft werden. Die Preisdifferenz entspricht dem vereinbarten Kreditzinssatz. Da der Kontrahent Wertpapiere erhält, ist das Kreditgeschäft faktisch besichert. 21 Charakteristika von Krediten 219 sen in naher Zukunft nicht über den aktuellen Zinssatz eines Festzinskredits für die gewünschte Laufzeit steigen. 21.3 Tilgungsformen Eine der häufigsten Kreditformen stellt das Darlehen dar.196 Es stellt einen Kredit dar, bei dem die Rückzahlung in festen Beträgen vereinbart wird. Üblicherweise handelt es sich um einen langfristigen Kredit. Wir können dabei drei Hauptformen unterscheiden: Endfällige Darlehen oder auch Zinsdarlehen genannt: Hier erfolgt die Rückzahlung am Laufzeitende in einem einmaligen Betrag. Die Zinszahlungen bleiben während der Kreditlaufzeit konstant. Tilgungsdarlehen oder auch Abzahlungsdarlehen genannt: Hier erfolgen regelmäßig Tilgungungszahlungen in festen, gleichbleibenden Beträgen. Dadurch sinken die Zinszahlungen während der Laufzeit. Annuitätendarlehen: Die Summe aus Tilgung und Zinszahlung bleibt während der Kreditlaufzeit konstant. Wir wollen diese drei Grundformen an einem Beispiel verdeutlichen: in € Jahresende Zinsen Kreditbetrag/ Tilgung Kreditbetrag/ Restschuld Tilgung Zinsen Zins plus Tilgung Zinsen Kreditbetrag/ Tilgung Zins plus Tilgung Jahr 0 100.000 100.000 100.000 Jahr 1 – 5.000 0 80.000 – 20.000 – 5.000 – 25.000 – 5.000 – 18.097 – 23.097,5 Jahr 2 – 5.000 0 60.000 – 20.000 – 4.000 – 24.000 – 4.095 – 19.002 – 23.097,5 Jahr 3 – 5.000 0 40.000 – 20.000 – 3.000 – 23.000 – 3.145 – 19.952 – 23.097,5 Jahr 4 – 5.000 0 20.000 – 20.000 – 2.000 – 22.000 – 2.147 – 20.950 – 23.097,5 Jahr 5 – 5.000 – 100.000 0 – 20.000 – 1.000 – 21.000 – 1.100 – 21.998 – 23.097,5 Summe – 25.000 – 100.000 – 100.000 – 15.000 – 15.487 – 100.000 TilgungsdarlehenZinsdarlehen Annuitätendarlehen Tabelle D-6: Tilgungsformen eines Darlehens Im Beispiel nimmt ein Darlehensnehmer einen Kredit in Höhe von 100.000 €, Laufzeit fünf Jahre, zum Zinssatz von 5,0 % im Jahr 0 auf. Wird ein Zinsdarlehen vereinbart, fallen jährlich Zinszahlungen in Höhe von 5.000 Euro an, errechnet aus Zinssatz ∙ Darlehensbetrag. Die volle Tilgung erfolgt am Laufzeitende des Kredits, d. h. nach fünf Jahren. Bei einem Tilgungsdarlehen werden jährliche Tilgungsleistungen über einen bestimmten Betrag vereinbart, im Beispiel 20.000 €. Dadurch sinkt die Höhe des offenen Kreditbetrags von Jahr zu Jahr. Als Konsequenz reduzieren sich auch die Zinszahlungen an die Bank von Jahr zu Jahr. Durch die konstanten Tilgungsleistungen nimmt beim Tilgungsdarlehen die Summe aus Zins- und Tilgungszahlungen während der Restlaufzeit des Kredits ab. Will der Kreditnehmer ein Darlehen, bei dem die Summe aus Zins- und Tilgung während der Laufzeit konstant bleibt, dann entscheidet er sich für ein Annuitätendarlehen. Im Beispiel beträgt die Annuität197 23.097,5 €. Sie lässt sich leicht mit Hilfe der Kapital- 196 Rechtsgrundlage ist § 488 BGB. 197 Annuität bezeichnet eine regelmäßig wiederkehrende Zahlung in konstanter Höhe. Sie entspricht der Summe aus Zins- und Tilgungsteil. 220 D. Fremdfinanzierung durch Kredite wertformel für regelmäßige Zahlungen ermitteln, die wir in Kapitel A.5.3, Barwert und Kapitalwert kennen gelernt haben. Die Formel A-14 auf Seite 56 lautet: n n i (1 i ) Z Annuität KW (1 i ) 1 ⋅ + = = ⋅ + − Dabei bezeichnet i den vereinbarten Zinssatz, n die Laufzeit des Kredits und KW die Darlehenshöhe. Damit können wir die Höhe der Annuität Z ermitteln. Setzen wir die Werte ein, erhalten wir den oben genannten Betrag:198 5 5 0 ,05 (1 0 ,05 ) Z Annuität 100.000 23.097 ,5 €. (1 0 ,05 ) 1 ⋅ + = = ⋅ = + − Vergleicht man die Zinszahlungen der drei Darlehensformen über den gesamten Kreditzeitraum, sieht man, dass die Summe der Zinszahlungen beim Zinsdarlehen mit 25.000 Euro am höchsten ist. Dies hängt damit zusammen, dass bei dieser Kreditform der ausstehende Kreditbetrag ab dem ersten Jahr am höchsten ist, da keine Tilgungsleistungen erfolgen. 21.4 Nominalzins, Effektivzins und Kreditvertrag Der Nominalwert eines Kredits ist der Betrag, der zur Zinsberechnung und Kreditrückzahlung herangezogen wird. Der Nominalzins ist der Zins, der sich auf den Nominalwert des Kredits bezieht, Im Beispiel zuvor war der Nominalwert des Kredits 100.000 Euro und der Nominalzins 5,0 %. Solange der Auszahlungs- und der Rückzahlungsbetrag eines Darlehens identisch sind, stimmen auch der Nominalzins und der tatsächliche Zins (Effektivzins) überein. Häufig vereinbaren die Parteien allerdings ein Disagio, d. h. einen Abschlag vom Nominalwert des Kredits.199 Das Disagio wird üblicherweise in Prozent angegeben. Bei einem Disagio von z. B. 5 % ist der ausbezahlte Kreditbetrag um 5 % kleiner als der Nominalwert des Kredits. Als Ausgleich für den reduzierten Auszahlungsbetrag vereinbaren die Parteien einen geringeren Nominalzins für die Laufzeit des Kredits, der sich deshalb vom Effektivzins unterscheidet. Aus Sicht eines Darlehensnehmer kann ein Disagio vorteilhaft sein, da es als sofortiger Zinsaufwand die Bemessungsgrundlage des zu versteuernden Einkommens reduziert.200 Al lerdings sinkt dafür in den Folgejahren der Zinsaufwand. Ein Disagio stellt daher für Unternehmungen ein Instrument dar, um die Zinszahlungen aus Liquiditätsund Steuersicht zu optimieren. Banken sind gezwungen, den Effektivzins bei der Krediterteilung zu ermitteln und zu benennen.201 Er kann nicht ohne weiteres selbst errechnet werden, aber es gibt eine Berechnungsformel, mit der der Effektivzins näherungsweise für Zinsdarlehen ermittelt werden kann. 198 Das Beispiel findet sich in L, Excel und Finanzwirtschaft . 199 Es wird auch als Damnum bezeichnet. Das Gegenteil ist ein Aufschlag, Agio genannt. 200 Der Darlehensnehmer hat ein handelsrechtliches Aktivierungswahlrecht als Rechnungsabgrenzungsposten (§ 250 Abs. 3 HGB). Wird das Wahlrecht nicht ausgeübt, ist das Disagio als Betriebsaufwand bzw. Zinsaufwand zu buchen. Bei privaten Darlehen wird das Disagio als Zinsaufwand üblicherweise anerkannt, solange es 5 % des Darlehensbetrags nicht übersteigt. 201 Laut Preisangabenverordnung für Kreditinstitute. Er entspricht inhaltlich der Berechnung nach der internen Zinsfußmethode, die wir später kennenlernen werden. 21 Charakteristika von Krediten 221 No min al Disagioi Kreditlaufzeit ( in Jahren)Näherungswert für Effektivzins i 1 Disagio + ≈ − Formel D-8 : Näherungswert für Effektivzins bei endfälligen Krediten Übung: Bank und Kunde vereinbaren einen Nominalzins iNominal von 4,25 %, eine Kreditsumme von 100.000 €, eine Laufzeit von 5 Jahren sowie ein Disagio von 3 %. Wie hoch ist der Effektivzins? Antwort: Setzen wir die Werte in die Formel ein, erhalten wir: 0 ,0425 0 ,03 / 5 0 ,0425 0 ,006 Näherungswert für Effektivzins 0 ,05 5 ,0% 1 0,03 0 ,97 + + ≈ = = = − Ein Auszahlungsabschlag von 3 % zu Beginn der Kreditlaufzeit von 5 Jahren hat damit die gleiche Wirkung wie die Erhöhung des Zinssatzes von 4,25 % auf 5,0 % p.a. Selbstverständlich können wir die Formel nach jedem beliebigen Wert „umstellen“ und z. B. den Nominalzinssatz bei gegebenem Effektivzins ermitteln. Banken schließen für alle Kredite und Darlehen einen entsprechenden Vertrag. Er beinhaltet die Namen der Gläubiger und Schuldner, den Kreditbetrag, die Kreditzinsen nominal und effektiv, die Laufzeit, die Rückzahlungsmodalitäten, Kündigungsrechte und gegebenenfalls Kreditsicherheiten. Meistens werden auch die AGB und die Schufa- Klausel202 mit einbezogen. Vertragsende ist bei Zeitablauf, Rückzahlung oder Kündigung des Kredits. 21.5 Kreditinhalt Lieferantenkredit Kredite können auch nach dem Inhalt unterschieden werden. Bezieht sich der Inhalt auf Sachen, spricht man von einem Warenkredit. Der klassische Vertreter ist der Lieferantenkredit, bei dem der Lieferant die Waren an den Abnehmer ausliefert, aber die Zahlung der Waren erst später erfolgt. Er spielt eine wichtige Rolle in der Unternehmensfinanzierung wie Tabelle D-1, S. 186 gezeigt hat. Teilweise wird der Lieferantenkredit als absatzpolitisches Instrument bewusst eingesetzt, teilweise entsteht er ungewollt, da der Kunde länger als gewünscht seine Rechnung nicht begleicht. Die Hauptinstrumente zur Steuerung von Lieferantenkrediten sind die eingeräumte Zahlungsfrist und das Skonto. Unter Skonto versteht man dabei einen prozentualen Preisnachlass bei Zahlung innerhalb einer bestimmten Frist, die üblicherweise 10 Tage beträgt. Da es aus Kundensicht teuer ist Skontomöglichkeiten ungenutzt zu lassen, gibt es einen hohen finanziellen Anreiz, die Waren innerhalb der Skontofrist zu bezahlen. Eine kleine Rechnung mag das verdeutlichen: Einem Kunden wird bei einem Zahlungsziel von 30 Tagen eine Skontofrist von 10 Tagen bei 2 % Skonto eingeräumt. Nutzt der Kunde das Skonto nicht, dann hat er maximal 20 Tage länger Zeit, die Waren zu begleichen. 2 % in 20 Tagen bedeuten einen Jahreszins von 36 %, wenn wir das Jahr mit 360 Tagen ansetzen (2 % ∙ 360/20). 202 Gemäß der Schufa-Klausel erklärt sich der Kreditnehmer bereit, dass seine Kreditdaten an die Schufa weitergeleitet werden. Insoweit entbindet er das Kreditinstitut vom Bankgeheimnis. 222 D. Fremdfinanzierung durch Kredite Lieferanten werden insbesondere bei Neukunden und bei größeren Beträgen Erkundigungen einholen, um das Ausfallrisiko abzuschätzen.203 Als Sicherheit wird üblicherweise der Eigentumsvorbehalt in seinen verschiedenen Ausprägungen verwendet. Kreditleihe Es gibt Kreditarten, die weder Waren noch Geld zum Inhalt haben. Vielmehr leiht sich der Kreditnehmer vom Kreditgeber dessen Kreditwürdigkeit. Sie werden deshalb Kreditleihe genannt. Garantien und Bürgschaften sind Formen der Kreditleihe, die wir bereits kennengelernt haben.204 Sie führen nicht notwendigerweise zu einer Kapitalüberlassung, sondern geben nur das Vertrauen, dass unter definierten Voraussetzungen ein kreditwürdiger Dritter zur Verfügung steht. Kreditleihen findet man oft im internationalen Handel. Wir wollen aus den vielen Ausprägungsformen den Akzeptkredit in der nächsten Abbildung kurz vorstellen: Ein Exporteur liefert Waren (1) und erhält vom Importeur einen akzeptierten Wechsel (2). Ein Wechsel ist ein Wertpapier, das eine Zahlungsaufforderung des Aussteller an den Bezogenen beinhaltet, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort eine bestimmte Geldsumme an den Aussteller oder einen Dritten (Begünstigter oder Remittent genannt) zu zahlen.205 Wird der Wechsel vom Bezogenen akzeptiert heißt der Wechsel Akzept. Wenn der Exporteur die Bonität nicht beurteilen kann oder sie als zu gering erachtet, kann sich der Importeur die Bonität seiner Bank „leihen“, falls sich die Bank bereit erklärt, Bezogener des Wechsels zu werden. Hierfür wird ein Vertrag geschlossen (3) und die Bank wird für diese Kreditleihe in Form eines Akzeptkredits Gebühren erheben, die stark von der Bonität des Importeurs (und/oder seinen Sicherheiten) abhängen. Vor Fälligkeit des Wechsels stellt der Importeur seiner Bank die Mittel zur Verfügung (4), die diese wiederum als Bezogene an den Importeur bei Fälligkeit des Wechsels weiterreicht (5). Damit muss die Bank zu keinen Zeitpunkt eigene Mittel zur Verfügung stellen. Sie leiht nur ihren guten Namen. 203 Informationen können direkt über Banken, über Firmendatenbanken (die Firmendatenbank der Hoppenstedt Holding GmbH) oder über die Schufa eingeholt werden. 204 Avalkredit ist der Oberbegriff für Bürgschaften und Garantien, die eine Bank im Auftrag eines Kunden an einen Dritten übernimmt. 205 Genau genommen handelt es sich hier um einen gezogenen Wechsel. Es gibt noch einen Solawechsel, bei dem sich der Aussteller selbst verpflichtet an den im Wechsel genannten Wechselnehmer oder einen Dritten bei Fälligkeit einen bestimmten Betrag zu zahlen. Im p o rt eu r B ez o g en er Ex p o rt eu r A u ss te lle r Waren (1) Ausstellung eines Wechsels (2) Im p o rt eu r Ex p o rt eu r B A N K B ez o g en er Wechsel (5) Vertrag/Gebühr (3) Mittel vor Fälligkeit des Wechsels (4) Abbildung D.14: Grundstruktur eines Akzeptkredits 21 Charakteristika von Krediten 223 Abschnitt D: Was Sie unbedingt wissen und verstanden haben sollten Die Zinsstrukturkurve zeigt die Abhängigkeit des Kreditzinses von der Laufzeit des Kredits. Bei einer „normalen Zinsstrukturkurve“ steigt dabei der Kreditzins mit der Laufzeit. Da Kredite an die Bundesrepublik Deutschland (BUND) als nahezu ausfallsicher gelten, dient die Zinsstrukturkurve des BUNDS als Ausgangspunkt für die Ermittlung der Kreditzinsen an einen Kreditnehmer A. Zum laufzeitabhängigen risikolosen Kreditzins addieren wir eine Kreditrisikoprämie rRA für den Kreditnehmer A, d. h. A A A T RAf ,T f ,Ti r Kreditrisikoprämie r r= + = + rRA wiederum hängt von der Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers ab. ( ) ( )f f Ausfallwahrscheinlichkeit Kreditrisikoprämie 1 r 1 r Ausfallintensität Überlebenswahrscheinlichkeit = + ⋅ = + ⋅ Kreditsicherheiten können den erforderlichen Risikoaufschlag reduzieren, da sich der erwartete Verlust (EV) aus Kreditgebersicht reduziert. EV    Ausfallwahrscheinlichkeit    Inanspruchnahme bei Ausfall   V  erlustquote bei Ausfall= ⋅ ⋅ Wir können den Kundenzins nicht nur von der Marktseite (rf,T + rRA), sondern auch auf Basis der „Produktionskosten“ eines Kredits aus Bankensicht bestimmen. Die Produktionskosten stellen dabei die Summe aus folgenden Größen dar: Refinanzierungskosten, Bearbeitungskosten, Risikokosten (= EV), Eigenkapitalkosten sowie der am Markt durchsetzbare Gewinnzuschlag (Marge). Aufsichtsrechtliche Bestimmungen beeinflussen die Produktionskosten eines Kredits, da sie die Höhe des Eigenkapitals festlegen, welches eine Bank zur Kreditfinanzierung mindestens einsetzen muss. Da Eigenkapital teurer als Fremdkapital ist, steigen die Produktionskosten mit der Höhe der erforderlichen Eigenkapitalunterlegung an. Gemäß Basel II richtet sich die Höhe der erforderlichen Eigenkapitalunterlegung nach folgender Formel: Eigenkapital Kreditbetrag 8% Risikogewicht≥ ⋅ ⋅ Die Banken können dabei zwischen drei Verfahren wählen, wie sie die Höhe des aufsichtsrechtlichen Risikogewichts bei Krediten an Unternehmungen und Privatpersonen ermitteln: Nach dem Standardansatz, dem Basis-IRB-Ansatz und dem Fortgeschrittenen Ansatz. Im Zuge der Finanzmarktkrise wurde das Bankgeschäft weiter reguliert. Basel III sieht eine höhere Eigenkapitalunterlegung von Risikoaktiva und eine modifizierte Definition von Eigenkapital vor. Ferner wurde eine Verschuldungsobergrenze (leverage ratio) und verschärfte Liquiditätsvorschriften eingeführt (Net Stable Funding Ratio und Liquiditätsdeckungszahl). Die Sicherheitenstellung eines Kreditnehmers reduziert den geforderten Kundenzinssatz über eine Verringerung der Risikokosten aus Bankensicht. Einige Sicherheitsinstrumente erhöhen den Sicherungspool durch neue, zusätzliche Kreditgeber (Personalsicherheiten), andere Sicherheiten beziehen sich auf verwertbare Objekte des Sicherungsnehmers (Sachsicherheiten). Fiduziarische Sicherheiten wie die Grundschuld oder abgetretene Forderungen existieren unabhängig vom Sicherungsobjekt 224 D. Fremdfinanzierung durch Kredite und können deshalb weitergereicht oder veräußert werden. Akzessorische Sicherheiten hingegen existieren nur, solange es die zu Grunde liegende Forderung gibt. Die Charakteristika von Krediten können sich in folgenden wichtigen Punkten unterscheiden: Laufzeit, Verzinsungsformen, Tilgungsformen, Sicherheitenstellung und Kreditinhalt. Wird ein Kredit mit einem Disagio vergeben, dann ist die Effektivverzinsung höher als die Nominalverzinsung. Aufgaben zum Abschnitt D Hinweis: Die Lösungen finden Sie auf der Webseite zum Buch unter www.vahlen.de. 1. Eine Bank vergibt an die Unternehmung A einen nicht besicherten Kredit über 100.000 € mit einer Laufzeit von 5 Jahre. Der Zinssatz für einen Kredit an den BUND betrage 4,0 % p.a. Die Ausfallwahrscheinlichkeit von A betrage 1,5 % p.a. Wie hoch sollte der Marktzins für A sein? 2. Was sind die zwei wesentlichen Faktoren zur Beurteilung der Schuldendienstfähigkeit einer Unternehmung? Welche Kennzahl wird hierfür oft herangezogen? 3. Welchen Zinsaufschlag müsste die Bank für die Unternehmung in der Tabelle D-2 auf Seite 196 verlangen, wenn im Ratingprozess die Kriterien Finanzlage und Vermögenslage jeweils mit der Ausprägung 40 bewertet werden? 4. Welche der folgenden Aussagen sind richtig? a. Der erwartete Verlust bei einer Kreditvergabe kann trotz schlechtem Rating durch ausreichende und werthaltige Sicherheiten auf null reduziert werden. b. Zwei Kreditinstitute kommen beim selben Kunden stets zum gleichen Ratingergebnis. c. Die Risikokosten eines Kredits entsprechen dem erwarteten Verlust bei Kreditvergabe. d. Die Risikokosten ändern sich mit der Einschätzung der allgemeinen Wirtschaftslage. 5. Welche der folgenden Aussagen sind richtig? a. Bei einer selbstschuldnerischen Bürgschaft entsteht für den Bürgen dann ein Risiko, wenn eine Zwangsvollstreckung des Hauptschuldners nicht erfolgreich war. b. Sicherungsübereignete Vermögensgegenstände müssen physisch übergeben werden. c. Grundschulden können auch ohne zugrundeliegende Forderungen bestehen. d. Fiduziarische Sicherheiten können weitergereicht werden. e. Pfandkredite spielen keine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben. 6. Eine Bank verfügt über Eigenkapital von 10,0 Mrd. €. Sie bedient sich des Standardansatzes zur Ermittlung der regulatorischen Eigenkapitalunterlegung. a. Welches Kreditvolumen ist maximal möglich, wenn das durchschnittliche Risikogewicht ihrer Kreditnehmer 100 % beträgt (Berechnung auf Basis Standardansatz)? b. Welche Auswirkungen hat es, wenn der Durchschnitt mit B+ geratet wäre? 21 Charakteristika von Krediten 225 c. Welche Folgen hat es, wenn die Bank unter a. einen Verlust von 2,0 Mrd. Euro macht? d. Welche Auswirkungen auf den Mindestzinssatz hat es c.p., wenn ein Kreditnehmer mit B+ statt mit A– bewertet wird? Gehen Sie dabei von Eigenkapitalkosten in Höhe von 15 % und Refinanzierungskosten von 5,0 % aus. 7. Ein Zinsdarlehen hat folgende Kennzeichen: Laufzeit 5 Jahre, Nominalzins 6,0 %, Nominalwert des Kredits 50.000 €. Auszahlungsbetrag 100 %. a. Stellen Sie das Zinsdarlehen einem Tilgungsdarlehen und einem Annuitätendarlehen hinsichtlich Tilgung und Zinszahlung gegenüber. b. Wie hoch wäre näherungsweise der Nominalzins für das Zinsdarlehen, falls ein Damnum von 5 % vereinbart wird? E. Fremdfinanzierung über den Kapitalmarkt Das lernen Sie in diesem Abschnitt Was ist eine Anleihe und was sind die wesentlichen Ausstattungsmerk male einer Anleihe, die in den Anleihebedingungen zum Emissionszeitpunkt festgelegt werden? Welche Vor- und Nachteile hat aus Unternehmungssicht eine Anleihefinanzierung über den Kapitalmarkt verglichen mit einem klassischen Bankkredit? Wie wird der Anleihezins (Kupon) festgelegt, den eine Unternehmung bei einer Anleihefinanzierung zahlen muss? Warum kann sich der Kupon von der Rendite einer Anleihe unterscheiden? Wie können wir den Preis einer Anleihe ermitteln? Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Kurs, dem Kupon und der Rendite einer Anleihe? Welche Rolle spielt dabei die Laufzeit? Warum erleiden Anleihebesitzer einen Kursverlust, wenn sich die Bonität des Emittenten verschlechtert oder wenn die allgemeinen Kapitalmarktzinsen steigen? Wie können wir diesen Verlust berechnen? Was sind Stückzinsen und warum treten sie auf? Was ist das besondere an Zerobonds? Was ist die Duration einer Anleihe und warum ist sie eine wichtige Größe aus Anlegersicht? Welche Rolle spielt die Duration im Management von Zinsänderungsrisiken? Was sind Wandelanleihen, Optionsanleihen und Mezzaninkapital? Welche Vor- und Nachteile haben diese Kapitalmarktinstrumente aus Sicht einer Unternehmung und aus Anlegersicht? E. Fremdfinanzierung über den Kapitalmarkt

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References

Zusammenfassung

Alles zur Finanzwirtschaft

Dieses Lehrbuch stellt die Theorie der Finanzwirtschaft umfassend dar. Die dabei aufgezeigten Zusammenhänge helfen Antworten auf die zentralen finanzwirtschaftlichen Fragestellungen zu finden. Neben den unterschiedlichen Finanzierungsformen werden auch wichtige Verfahren der Investitionsrechnung und Unternehmensbewertung sowie zentrale Fragen des Finanz- und Risikomanagements behandelt.

Finanzwirtschaft verständlich erklärt

Der Einsatz zahlreicher Abbildungen und Beispiele erleichtert das Verständnis des Textes. Darüber hinaus helfen die Aufgaben am Ende eines Kapitels bei der aktiven Erarbeitung des Stoffes. Dabei wird durchgehend Wert auf eine verständliche Sprache, Anschaulichkeit und eine praxisnahe Darstellung gelegt.

Aus dem Inhalt:

Teil I: Grundlagen der Finanzwirtschaft

Teil II: Finanzierung

Teil III: Investitionen und Unternehmenswert

Teil IV: Planung, Steuerung und Internationalisierung

Über den Autor:

Dr. Martin Bösch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Jena mit dem Schwerpunkt Finanzwirtschaft. Er ist Autor des erfolgreichen Kurzlehrbuches „Derivate – Verstehen, anwenden und bewerten“.