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5.1 Materialbewertung in:

Manuel René Theisen

Wissenschaftliches Arbeiten, page 82 - 96

Erfolgreich bei Bachelor- und Masterarbeit

16. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4636-4, ISBN online: 978-3-8006-4637-1, https://doi.org/10.15358/9783800646371_82

Bibliographic information
VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 89 5 Materialauswahl Zwischen Materialübersicht und Materialauswahl besteht im Arbeitsprozess ein fließender Übergang. Je umfangreicher die gefundene Literatur sowie weitere potenzielle Quellen sind, desto frühzeitiger sollte mit den zwei wichtigsten Teilaufgaben der vierten Arbeitsphase begonnen werden (s. Darst. 05). Darst. 05: Teilaufgaben der Materialauswahl Materialauswahl BeschaffungBewertung Ein vollständig paralleles Vorgehen bei der Materialübersicht und Materialauswahl ist nur bei Übungs- bzw. Seminararbeiten mit geringerem wissenschaftlichen Anspruch und Umfang sowie (überwiegend) vorgegebener Literatur sinnvoll. Soweit eine eigene Literaturrecherche erforderlich ist, führt eine zeitgleich vorgenommene Materialauswahl regelmäßig zu unsystematischen wie unökonomischen – weil Zeit und Geld raubenden – Ergebnissen: Wer jedes Buch, dessen Titel er habhaft werden kann, bestellt, jeden Aufsatz sofort kopiert, jedes Dokument aus dem Internet ausdruckt oder potenzielle Informanten mit unkontrollierten (bzw. nicht getesteten) Fragebögen oder E-Mails überschüttet, wird wohl eher für den Altpapierhändler ein interessanter Partner. 5.1 Materialbewertung Unabhängig von der Menge des in der Arbeitsphase der Materialübersicht ermittelten – und vollständig bibliographierten – Materials muss für jeden Titel eine Bewertung und Qualifizierung vorgenommen werden; das Ausmaß bzw. die Gründlichkeit dieser Beurteilung hängt vom Umfang und der Erreichbarkeit des Materials sowie der verfügbaren Bearbeitungszeit ab. Anstatt sofort mit dem vertieften Studi- Systematisch vorgehen Kritisch bewerten VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 90 5 Materialauswahl90 um oder zumindest einer systematischen Lektüre einzelner Titel zu beginnen, sollten für diese erste Bewertung folgende Methoden beachtet und angewendet werden (s. Darst. 06). Darst. 06: Methoden der Materialbewertung Materialbewertung Buchbesprechungen Closed-circlesystem Anlesen Einige dieser Beurteilungsschritte können bereits bei der bibliografischen Aufnahme bzw. Erfassung eines Titels vorgenommen werden: Die umfassenden Angaben und ersten Informationen, die ein (gedruckter oder elektronischer) Katalognachweis beinhaltet, sollten für diesen Zweck intensiv genutzt und auch notiert werden. 5.1.1 Anlesen Ein Teil der ermittelten Materialien, insbesondere die bibliografierte Literatur, kann am Bibliotheksstandort oder der sonstigen (realen) Fundstelle bzw. auch digital eingesehen bzw. angelesen werden: Hier kann, nach der vollständigen bibliografischen Erfassung1 – parallel zur Recherche – gleich eine erste Bewertung nach einem einheitlichen System vorgenommen werden (vgl. dazu auch Holzbaur/Holzbaur, 1998, S. 32 f.). Für eine später verwertbare Recherche und Auswertung sollte ein festes Prüfschema verwendet werden, das als „check-list“ für eine systematische und kritische Qualifizierung der gesamten Literatur benutzt wird (vgl. Kornmeier, 2010, S. 82–84). Bei umfangreicheren Arbeiten empfiehlt es sich, die Ergebnisse der Prüfung stichwortartig konsequent entweder in der entsprechend aufgebauten Verfasserdatei oder einem gesonderten (elektronisch angelegten) Beurteilungsbogen zu notieren. Damit entsteht eine kritische, themenbezoge- 1 Vgl. unten Kapitel 6.2, S. 121–131. Notizen machen VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 91 5.1 Materialbewertung 91 ne Literaturübersicht, die wertvolle Hilfestellungen geben kann (vgl. Franck/Stary, 2011, S. 131–143). Digital ermittelte Titel lassen diesen „check“ zu, soweit der Text eingesehen („Leseprobe“) werden kann; können keine befriedigenden oder ausreichenden Antworten auf die nachfolgenden Fragen gewonnen werden, ist zu erwägen, ob der nachgewiesene Titel nicht als „hard copy“ ausgeliehen werden sollte. Folgende Informationen und Textteile eines Buches sollten in der angegebenen Reihenfolge systematisch geprüft werden. Checkliste: Erste Beurteilung von Büchern •• Titel, Untertitel •• Verfasser, Herausgeber •• Schriftenreihe •• Verlag, Verlagsort •• Auflage, Erscheinungsjahr •• Geleitwort, Motto •• Vorwort, Einleitung, Nachwort •• Abkürzungsverzeichnis •• Klappentext, Deckblätter •• Inhaltsübersicht, Gliederung, Umfang •• Anmerkungen, Zitate •• Literaturverzeichnis •• Titel, Untertitel Wird ein Buch über einen Stichwortkatalog gefunden, sollte zuerst überprüft werden, ob der Inhalt auch hält, „was das Stichwort verspricht“: Liegt mit dem, aus dem Titel entnommenen Stichwort ein Werk vor, dass tatsächlich einen für die eigene Arbeit auch verwertbaren Text enthält? Zusammen mit einem gegebenenfalls vorhandenen Untertitel lassen sich häufig erste Einschätzungen vornehmen (z. B. grundlegende Werke wie „Einführung in die Logik individueller Entscheidungen“, „Grundzüge des Steuersystems“ oder aber Spezialtitel: „Bemerkungen zur makroökonomischen Theorie von M. Max“). •• Verfasser, Herausgeber Sind Ihnen der Verfasser und/oder der Herausgeber nicht bekannt, können im Literaturverzeichnis, dem Formalkatalog, im aktuellen Gelehrten-Kalender oder im Internet die weiteren Werke und Arbeitsgebiete dieser Personen Titel analy sieren Qualität beachten VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 92 5 Materialauswahl92 ermittelt werden. Wichtige ergänzende Informationen bietet zudem ein Blick auf die von einem Verfasser insgesamt bearbeiteten Themen („Allround-Genie“, der über Gott-und-die-Welt schreibt oder „Themen-Monopolist“, der seit Jahren im selben wissenschaftlichen Loch bohrt). Darüber hinaus lassen auch die (akademischen) Grade, Berufsbezeichnungen oder Institutsangaben (oft am Ende eines Vorwortes sowie auf der Buch-Rückseite zu finden) bzw. im Lebenslauf (Dissertation) erwähnten biografischen Daten Rückschlüsse über das fachliche Umfeld des Verfassers bzw. Herausgebers zu. Weitere biografische Details von Unternehmen, Organisationen, Lehrstühlen u. a. lassen sich über die jeweilige Homepage ermitteln. Eine solche erste Einschätzung ist zeitsparend, denn damit gelingt es in vielen Fällen zumindest grob, den vorliegenden Text einer Richtung, akademischen Schule oder einem politischen Lager zuordnen zu können. So wird beispielsweise ein Richter eines deutschen Steuergerichts nur in Ausnahmefällen eine vom geltenden Steuerrecht abweichende Rechtsauffassung literarisch stützen. Ebenso wenig sind z. B. Veröffentlichungen des zuständigen Beamten eines Landes- oder Bundesministeriums zu erwarten, in denen sich der Verfasser inhaltlich vehement gegen einen (d. h. in der Regel auch seinen) Regierungsoder Gesetzesentwurf wendet. Wenngleich diese Erwartungen sich nicht in jedem Fall erfüllen, und eine nähere Überprüfung erforderlich machen, können so wichtige erste Informationen gewonnen werden. Werden institutionelle Herausgeber ausgewiesen (Arbeitgeber-Verband: Institut der deutschen Wirtschaft und Otto A. Friedrich-Kuratorium; DGB: Hans-Böckler-Stiftung; Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU); Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD); Friedrich-Naumann-Stiftung (F.D.P.); Hanns-Seidel- Stiftung (CSU)) liegen entsprechende politische bzw. thematische Grundströmungen nahe. •• Schriftenreihe Die große Zahl an gedruckten und digital publizierten wissenschaftlichen Schriftenreihen erschwert die Zuordnung einer Schrift (dazu bereits Borchardt, 1973, S. 116–119). Die Stellung und Bedeutung eines in einer Reihe herausgegebenen Titels lässt sich aber anhand der VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 93 5.1 Materialbewertung 93 sonstigen Reihentitel, welche häufig am Ende einer Arbeit ausgewiesen werden, zumindest überblicken. Ein Kennzeichen qualifizierter Reihen ist die Existenz weiterer komplementärer, also inhaltlich themennaher Titel. „Gemischtwarenläden“, also Buchreihen, bei denen kein thematischer Zusammenhang erkennbar erscheint, sind kein „Qualitätsausweis“, ebenso wie Schriftenreihen, die nach einigen Jahren über wenige Titel nicht hinauskommen. Bekannte Herausgeber und/oder ein renommierter Fachverlag können andererseits als ein Signal für eine erste (positive) Einschätzung verstanden werden. •• Verlag, Verlagsort Wissenschaftliche Verlage legen Wert auf ihr „Gesicht“, das durch das Verlagsprogramm und den damit angesprochenen Leserkreis bestimmt wird. Wer während seines Studiums (auch) die Verlage seiner Studienbücher zur Kenntnis nimmt, der gewinnt schnell ein weiteres wichtiges Zuordnungskriterium: In Abhängigkeit der eigenen Zielsetzung kann es von Interesse sein, ob es sich z. B. um einen „Praktiker-Verlag“ oder um einen „Dissertations- Verlag“ handelt; erste Informationen hierzu geben auch die Verlagsanzeigen (bzw. Homepages) sowie der dabei jeweils angesprochene Adressatenkreis. Beispiel: Der Verlagsort Dem Verlagsort – gibt nicht der Verlagsname bereits eine Auskunft (z. B. VEB Bibliographisches Institut Leipzig) – kann insoweit Bedeutung zukommen, als z. B. ein Titel nach 1945 und vor 1990 aus Halle bzw. Hamburg sich in dem wissenschaftstheoretischen und meist auch politischen Verständnis unterscheiden werden. •• Auflage, Jahr Der Vergleich des Erscheinungsjahres und der Auflagenzahl eines zu beurteilenden Textes mit den bibliografischen Angaben im Bibliothekskatalog gewährleistet die wichtige Information über die jeweils neueste Ausgabe des gewünschten Titels, soweit diese nicht ohnehin bereits vorliegt. Zusammen mit der Datumsangabe am Ende eines Geleit-, Vor- oder Nachwortes kann zudem schon (pauschal) auf die Aktualität der Ausführungen Fachverlage beachten Auflage prüfen VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 94 5 Materialauswahl94 und des Literatur- und Rechtsprechungsverzeichnisses geschlossen werden. Beispiel: Das Erscheinungsjahr So belegt ein Erscheinungsjahr 2013 z. B. zusammen mit einem „im Juni 2012“ unterfertigten Vorwort (das als letztes in den Druck geht), dass die Arbeit vermutlich Ende 2011 abgeschlossen wurde. Für Dissertationen ist der Tag der Abgabe und der mündlichen Prüfung (auf der Rückseite des Titelblattes meist zusammen mit den Namen der Referenten/Gutachter vermerkt) zu beachten; zwischen diesen Terminen können nochmals erhebliche Zeiträume liegen, es dürfen in dieser Zeit aber häufig keine (oder nur unwesentliche) Bearbeitungen bzw. Ak tualisierungen mehr durch den Doktoranden vorgenommen werden. •• Geleitwort, Motto Ein Geleitwort enthält häufig weitere Angaben über die Stellung und Bedeutung einer Schrift in einer Reihe bzw. einem Fachgebiet; darüber hinaus finden sich oft ergänzende Angaben zum Umfeld des Verfassers. Der Inhalt und/oder der ausgewählte Autor eines Mottos lassen sich – nicht selten als das „Credo“ (lat.: „ich glaube“) des Verfassers – als eine Art verkürztes Bekenntnis auswerten: Ein Zitat von W. Busch – wie es meinem Vorwort zu dieser Auflage vorangestellt ist – könnte z. B. als Hinweis verstanden werden, dass dieser Text nicht gerade als amtliche Verordnung verstanden werden sollte. •• Vorwort, Einleitung, Nachwort Vorworte und Nachworte sollten zur ersten Bewertung auch gelesen werden, Einleitungen nur, soweit sie kurz sind oder – fälschlicherweise – anstelle eines Vorwortes stehen.1 Neben der Zielsetzung der Arbeit enthält das Vorwort in vielen Fällen Angaben über die finanzielle oder sonstige materielle Unterstützung von Institutionen, den Anlass der Arbeit (Dissertation, Gutachten, Vorlesungsmanuskript) und den gewünschten Leserkreis. Die Angabe zu der, mit dem Werk angesprochenen Zielgruppe ist allerdings häufig eher verlags- bzw. absatzpolitisch motiviert. 1 Vgl. dazu Kapitel 8.4, S. 215 f. VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 95 5.1 Materialbewertung 95 •• Abkürzungsverzeichnis Ein Blick in das Abkürzungsverzeichnis – soweit vorhanden – gibt Aufschluss über die verwendeten, nationalen oder internationalen Quellen, Gesetzestexte, Zeitschriften oder Textsammlungen und damit mittelbar auch Informationen über die Struktur und den Inhalt eines Textes sowie gegebenenfalls über den dominant ausgewerteten Sprachraum. Weitere Verzeichnisse (Symbole, Formeln) und deren Umfang geben zu erkennen, ob die Ausführungen eher verbal-qualitativ oder formal-quantitativ (mathematisch) angelegt sind. •• Klappentext, Deckblätter Kurze Inhaltsangaben des Verlages oder Verfassers, die – in Anlehnung an eingenähte Anweisungen in textiler Bekleidung – auch „Waschzettel“ genannt werden, finden sich auf den Innenseiten der Buchdeckel, der Buchrückseite oder dem Schutzumschlag. Eine kritische Lektüre aber ist angezeigt: Verlage versuchen durch (bestellte) positive Empfehlungen („Testimonials“) oder Lobpreisungen („Blurbing“) Dritter auf ihre Werke aufmerksam zu machen. •• Inhaltsübersicht, Gliederung, Umfang Unabhängig von einer (vom Autor selbst verfassten) Inhaltsangabe kann der Inhalt einer Arbeit auch über die Inhaltsübersicht, die Gliederung des Textes und die Kapitelüberschriften erschlossen werden. Zusammen mit den Seitenangaben lassen sich die thematischen Schwerpunkte dann zutreffend ermitteln, wenn der Verfasser selber die Grundregeln der Gliederungsordnung beachtet hat;1 das Studium einer systematisch angelegten Gliederung erspart häufig ein erstes, zeitintensives kursorisches Lesen eines Textes. •• Anmerkungen, Zitate Ohne im Detail Überprüfungen vorzunehmen, sprechen Existenz, Umfang und Form der Anmerkungen und Zitate „Bände“. Der wissenschaftliche Anspruch und das Selbstverständnis eines Verfassers lassen sich auf einen Blick erfassen: Werden Fußnoten bzw. entsprechende Nachweise im Text nur sehr vereinzelt aufgeführt oder 1 Vgl. dazu Kapitel 6.1, S. 117 f. VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 96 5 Materialauswahl96 kommt ihnen – häufig am Ende eines Kapitels oder Textes zusammengestellt („Endnoten“) – bereits nach ihrer äußeren Form eher ausschmückender Charakter zu, so ist die wissenschaftliche Zielsetzung eines Textes (und/oder die Redlichkeit des Verfassers) kritisch zu hinterfragen. Auch wenn geniale „Würfe“, also Ideen, die keine oder nur wenige Vordenker haben, niemals ausgeschlossen sind, bleiben sie erfahrungsgemäß doch eher eine Ausnahme. Fehlen Zitate und Anmerkungen vollständig, sollte vorrangig überprüft werden, ob der Verfasser die einschlägige Literatur überhaupt zur Kenntnis genommen oder – noch schwerwiegender – zwar zum Teil gelesen und verwertet, aber nicht auf die Quelle seiner Gedanken verwiesen hat:1 Expertenurteil „Texte ohne Fußnoten sind für den Leser heimatlose Ufos. Man kann ihre geistige Qualität nicht recht zuordnen: Sind sie Geniestreiche oder bloß Plagiate oder von beiden etwas?“ (Behrens, 1989, S. 96) •• Literaturverzeichnis Das Studium des Literaturverzeichnisses eignet sich zur Überprüfung der bis zu diesem Zeitpunkt jeweils selber bereits recherchierten sowie zur Entdeckung weiterer themenspezifischer Titel. Darüber hinaus lassen – mit zunehmender Vertrautheit mit einem Thema und dem dafür einschlägigen Verfasserkreis – diese Angaben mittelbar auch Einschätzungen der wissenschaftstheoretischen und/oder politischen Präferenzen des jeweiligen Bearbeiters zu. Fehlen z. B. Angaben über den Doktorvater im Vorwort, lassen sich diese regelmäßig z. B. anhand eines auffallend häufig zitierten Autors ebenso ermitteln wie die wissenschaftliche Schule oder das Theorieverständnis des Verfassers. Expertenurteil „Das Literaturverzeichnis zeigt sofort … aus welcher Ecke der Wind in einer Arbeit weht“ (Krämer, 2009, S. 66 f.). 1 Zu Betrug und Fälschung in der Wissenschaft vgl. Kapitel 11, S. 271– 278. VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 97 5.1 Materialbewertung 97 Die vom Autor zitierte und nachgewiesene Literatur ist auch hinsichtlich der Entstehungsgeschichte einer Arbeit interessant. Verarbeitet der Verfasser nahezu ausschließlich Titel aus den letzten Jahren, so besteht beispielsweise die Gefahr, dass er in seiner Arbeit wichtige „Altmeister“ der jeweiligen Fachdisziplin und deren fundamentale – und oft noch aktuelle – Gedanken vernachlässigt, oder ohne eigene Lektüre von Dritten übernommen hat. Für die Beurteilung der Qualität von Aufsätzen ist neben der, vorstehend angesprochenen Prüfung der Verfasser- und Textangaben zusätzlich auch die Zeitschrift selber, soweit ihr Profil dem Auswertenden nicht bereits bekannt ist, zu überprüfen. Die äußere Form, das Verhältnis Text/Bild/ Anzeigen, lässt den (gewünschten oder angesprochenen) Adressatenkreis erkennen. Neben dem gesuchten Autor sollten auch die Herausgeber einer Zeitschrift und die anderen dort veröffentlichenden Autoren sowie der Verlag beachtet und beurteilt werden (dazu Häberle, 1989). Das national wie international wichtigste Beurteilungskriterium für Fachzeitschriften ist die Qualifikation als „Referiertes Journal“. Dieses Kriterium besagt, dass die dort ver- öffentlichten Beiträge ausnahmslos „doppelt blind“ beurteilt werden: Nach diesem Verfahren bleibt den Fachgutachtern, die über die Aufnahme bzw. Ablehnung eines eingereichten Manuskripts zu entscheiden haben, der Autor unbekannt und dem Autor werden später zwar die Gutachten und die dort geäußerte Kritik, nicht aber die Namen der begutachtenden Experten bekannt gegeben (dazu instruktiv Ebers, 2008). Dieses, international als „double blind review“ bezeichnete Vorgehen soll helfen, die fachliche Einschätzung zu objektivieren, um beispielsweise persönlich motivierte Kriterien auszuschließen. Für die Beurteilung von Internetquellen gelten die vorstehend genannten Kriterien für die Bewertung von Büchern bzw. Aufsätzen. Unter Berücksichtigung des flüchtigen und häufig anonymen Charakters der digitalen Dokumente sind einige weitere Prüfsteine zu berücksichtigen (vgl. Kollmann/ Kukertz/Voege, 2012, S. 47 f.) Aufsätze bewerten Referierte Zeitschriften VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 98 5 Materialauswahl98 Checkliste: Erste Beurteilung von Internetdokumenten •• Institutionelle, kommerzielle oder private Website •• Ziel der Publikation: Information, Werbung oder Selbstdarstellung •• Inhaltliche Vollständigkeit: Quellennachweis, Grafiken •• Aktuelle oder aktualisierte Version des Textes und der Links •• Qualität der angebotenen bzw. aufgenommenen Links •• Verantwortliche Organisation, Autorennachweis •• Verfassernachweis und Verfasserumfeld •• Weiterführende Hinweise und zusätzliches Material Die aufgezeigten Prüfschemata mögen dem Anfänger unter den wissenschaftlichen Arbeitern wie eine eigene wissenschaftliche Arbeit erscheinen; der Zeitaufwand dafür ist auch nicht unerheblich. Der Vorteil: Ohne vertieft in die nächste Arbeitsphase, die Materialauswertung, einzutreten, können auf der Grundlage dieser Erkenntnisse im Literaturapparat bereits erste (vorläufige) Gruppen gebildet und thematische Schwerpunkte herausgearbeitet werden. Sie erleichtern die gezielte und damit qualifizierte weitere Literaturauswertung erheblich (a. M. Kerschner, 2006, S. 181: „Wird wenig Zeit sparen“). 5.1.2 Buchbesprechungen Der Lektüre von namentlich gekennzeichneten Buchbesprechungen und Besprechungsaufsätzen kann als Auswahlmethode eine besondere Bedeutung zukommen. Vor 100 Jahren sollten Buchbesprechungen dem Leser die Chance geben, seinen eigenen Leseeindruck von einem neuen Fachbuch mit der Einschätzung des rezensierenden (Fach-)Kollegen vergleichen zu können (vgl. Fonck, 1908, S. 73–88). Bei der heutigen Publikationsflut tritt die Lektüre einer Besprechung nicht selten an die Stelle des eigenen Studiums. Jeder Studierende kann und sollte wissenschaftliche Besprechungen und Rezensionen zur Auswahl bibliografierter Titel sowie zur Information über geeignetes Material nutzen. Aktuelle Rezensionen erscheinen – gedruckt oder digital – in vielen wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie in speziellen Besprechungszeitschriften, Literaturheften und insbesondere in den elektronischen Medien. Rezensionen lesen VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 99 5.1 Materialbewertung 99 Für die Einschätzung der Qualität und Gewichtigkeit einer Rezension gelten allerdings die für die Aufsatzauswahl erarbeiteten Prüfkriterien. Dabei ist zu beachten, dass sich der Inhalt, die Person des Rezensenten und die Beurteilung (auch) nach dem Leserkreis der die Besprechung veröffentlichenden Zeitschrift richten. So wird in einer Praktiker-Zeitschrift besonders der Praxisbezug Erwähnung finden; ein juristisch ausgebildeter Rezensent wird dagegen regelmäßig (auch) auf rechtliche Bezüge hinweisen (vgl. dazu Hirte, 1991, S. 99–102, 113–118; Häberle, 1989). Den größten Informationswert besitzt eine Buchbesprechung, die von einem Fachkollegen mit einem ähnlichen Interessenschwerpunkt verfasst und unter möglichst ausführlicher Diskussion der Arbeit in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird. Deren Herausgeber wählen geeignete Rezensenten sowie die wichtigsten Neuerscheinungen regelmäßig selber aus. Gefälligkeitsrezensionen aus dem persönlichen Umfeld eines Autors, oder (politisch motivierte) „Schlecht“-achten, werden damit ebenso ausgeschlossen wie eine nur sprachlich modifizierte Wiedergabe des „Waschzettels“ oder eines als Musterbesprechung formulierten Werbetextes. Hinweis: Eine fachlich kompetente, informative Rezension enthält: •• das Vorverständnis, die Methode und Zielsetzung des rezensierten Autors •• die wichtigsten Inhalte und Schwerpunkte der Arbeit •• die Position und den Wert der Arbeit in der wissenschaftlichen Diskussion •• eine Analyse der Position des Textes innerhalb aktueller themenspezifischer Arbeiten •• den gewünschten und den nach Ansicht des Rezensenten tatsächlich erreichbaren Adressatenkreis •• eine im Einzelnen begründete, klare Empfehlung bzw. Kritik Eine zweifelhafte Variante der klassischen Buchrezension ist jedem Internet-User bekannt. Die hier beschriebene, tradierte „Rezensionskultur“ hat in der elektronischen Welt ihre eigene Weiterentwicklung gefunden: Zahlreiche kommerziell interessierte Vertreter des elektronischen Buch- Wer schreibt für wen Nutzlose Waschzettel VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 100 5 Materialauswahl100 handels (u. a. amazon.de, buecher.de) fordern ihre Käufer auf ihrer Website zur Abgabe von „Kurzrezensionen“ auf. Die Resultate solcher (ungeprüften und oft subjektiv-emotionalen) Stellungnahmen sind sehr unterschiedlich und für wissenschaftliche (Auswertungs-)Zwecke nicht zu verwenden: Nicht selten bekämpfen sich Wettbewerber hier anonym oder weniger erfolgreiche Autoren (und deren Verlage) „lassen“ für ihr Werk in der Form „lobpreisender“ Beurteilungen werben. Im Herbst 2012 wurde beispielsweise bekannt, dass der erfolgreiche britische Kriminalautor R. J. Ellory unter verschiedenen Pseudonymen Rezensionen seiner eigenen Bücher auf der Amazon-Website veröffentlicht hatte („Modernes Meisterwerk“) und dafür jeweils fünf Sterne vergab (SZ Nr. 204 v. 04.09.2012, S. 14). Im selben Jahr hat der Gründer der Internetseite „getting-bookreviews.com“, T. Rutherford, seinen erfolgreichen Dienst eingestellt: Sein Starangebot waren 50 Jubelkritiken für den Schnäppchenpreis von 999 US-$ (vgl. Schröder, 2012, S. 28). Wissenschaftler arbeiten aktuell an Programmen, die solche Fälschungen sowie Fakes nachweis- und damit eliminierbar machen. Zudem sollen Nicht- bzw. Scheinkäufe aufgedeckt und organisierte Bewertungen identifiziert werden können. Wer dennoch auf digitale Urteile nicht verzichten will, dem gibt der Informatikprofessor Bing Lui, Universität Chicago, einen pragmatischen Tipp: „Vertrauen Sie lieber den Bewertungen mit drei Sternen als denen mit fünf“ (zit. nach Schröder, 2012, S. 28). Expertenurteile „Ein Drittel aller Produktbewertungen im Internet sind vermutlich gefälscht. Mit Rezensionen von Büchern dürfte das kaum besser aussehen.“ „Online-Rezensionen sind problematisch. Man kann ihnen oft nicht vertrauen. … Ein Kritiker, der mit Namen und Karriere für seine … gedruckten Urteile einsteht, ist allemal vertrauenserweckender als unbekannte Stimmen aus dem Netz“ (Beide Zitate: Wittstock, 2012, S. 133). Jubelkritiken Fälschungen VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 101 5.1 Materialbewertung 101 Von Buchbesprechungen zu unterscheiden sind Abstracts. Sie enthalten die komprimierte Wiedergabe des Inhalts eines Buches, eines Zeitschriftenartikels oder sonstigen Beitrags ohne Bewertung durch den Abstract-Verfasser. Folgende Punkte sollten regelmäßig dabei berücksichtigt bzw. angesprochen werden: Fragestellung, Zweck, Reichweite, Grenze, Untersuchungsdesign, Methode, Hauptergebnisse, wichtigste Botschaft, Hauptinterpretationen und -folgerungen, Beweiskraft (vgl. Schnur, 2005, S. 75). In informativen Abstracts werden die Kernaussagen und deren Folgerungen zusammengefasst, wobei die Auswahl der Aussagen allerdings durch die Meinung und Einstellung des Abstract-Autors beeinflusst sein kann. Abstracts zu wissenschaftlichen Arbeiten erstellen auf Anfrage auch die kommerziellen Dokumentationsdienste und Hinweis- Datenbanken.1 5.1.3 Closed-circle-system Eine Mischung aus eigener und fremder Literaturbewertung stellt eine Methode dar, die als Closed-circle-system bezeichnet werden kann. Bevor mit der Auswertung der Literatur begonnen wird, kann eine kritische Durchsicht der Literaturverzeichnisse in den bibliografierten Titeln zu Folgendem genutzt werden: Zunächst führt die Überprüfung der Literaturverzeichnisse unter Einsatz der gemischten Strategie dazu, dass die potenziell geeignete, einschlägige Literatur lawinenartig anschwillt („Lawinen- oder Schneeballeffekt“). Soweit bei der Literaturermittlung systematisch vorgegangen wurde, verdichtet sich dann aber die Literatur zunehmend auf eine bestimmte Menge ständig wiederholt zitierter Werke. Gegen Ende der dritten bzw. vierten Arbeitsphase zeichnet sich ein „harter Kern“ der von einschlägigen Autoren regelmäßig zitierten Literatur ab. Ergebnis: Der Kreis der (vermutlich) themenrelevanten Literatur schließt sich, noch hinzukommende Titel sind entweder Neuerscheinungen oder liegen inhaltlich eher am Rande des bearbeiteten Gebietes. 1 Vgl. Kapitel 4.7, S. 76–78. Kreise und Zirkel meiden VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 102 5 Materialauswahl102 Diese Methode kennzeichnen, als einziges Auswahlverfahren gewählt, gefährliche Klippen. Risiken eines mit Hilfe des Closed-circle-system ermittelten, geschlossenen Literaturkreises sind •• Ein auf einem das Thema verfehlenden Gebiet gebildeter Literaturkreis. •• Ein manifester Zirkelschluss, wenn bei Beginn der Literaturübersicht nicht auf ein Mindestmaß an Meinungsvielfalt geachtet worden ist. •• Ein Zitierkartell, bei dem nicht die inhaltlich bedeutendsten und fachbezogen renommiertesten Beiträge, sondern die eines Doktorvaters, seiner Freunde und Kollegen erfasst werden. •• Der systematische Mangel an interessanten und/oder neuen Ansätzen, da sie in der zu Grunde gelegten Literatur (noch) keine Berücksichtigung gefunden haben oder finden konnten. Der Einsatz des Closed-circle-system wird daher als Ergänzung und Prüfstein empfohlen: Ergeben sich in der eigenen Arbeit nicht vergleichbare literarische Schwerpunkte wie in dem größten Teil der bibliografierten bzw. verarbeiteten Literatur, liegt der Verdacht nahe, dass das Thema bisher noch nicht hinreichend „in den Griff“ bekommen worden ist. Findet sich dagegen die bevorzugte Literatur – obwohl sie auch ältere Titel umfasst – nicht (oder nur vereinzelt) in vergleichbaren themenverwandten Schriften, muss dringend überprüft werden, ob mit dem eigenen Ansatz das Thema nicht insgesamt verfehlt und/oder die Arbeit zu sehr auf „exotische“ Autoren gestützt wird. Insoweit kann dem closed-circle-system (auch) die Funktion einer Alarmglocke zukommen; sie sollte nicht erst beim Korrektor läuten. Vor einem Auszählen der in der Literatur zu themenrelevanten Problemen immer wieder vertretenen Meinungen muss gewarnt werden: Eine herrschende (= richtige?) Meinung als das Ergebnis der, an Zahl und/oder Gewichtigkeit und Bedeutung gemessen, „Herrschenden“ ist kein Sachargument. Risiko Herrschend ≠ richtig VAHLEN WiSt Theisen – Wissenschaftliches Arbeiten Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.06.2013 Status: Imprimatur Seite 103 5.2 Materialbeschaffung 103 Expertentipps „,Überwiegende Meinung‘ bedeutet zahlenmäßiges Überwiegen. ,Herrschende Meinung‘ dagegen setzt eine Gewichtung nach Rang und Ansehen … voraus, weshalb die h. M. in Einzelfällen auch einmal eine einzige Stimme sein kann“ (Zuck, 1990, S. 909 FN 21). „Der bloße Hinweis auf die herrschende Meinung … ist kein Argument“ (Möllers, 2010, S. 102; im Original z. T. in Fettdruck). Die Zitierhäufigkeit mag vor der Erfindung der Buchdruckerkunst ein Beweis für die Mehrheit überzeugende – und daher immer wieder abgeschriebene – Argumente gewesen sein. Das Internet kann „herrschende Meinungen“ über Nacht produzieren. Expertentipp eines Klassikers „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich accomodiren, aus Schwachen, die sich assimiliren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will“ (Goethe zit. nach Sachsen, 1893, S. 137). 5.2 Materialbeschaffung Spätestens nach der bewertenden Übersicht muss die Beschaffung organisiert werden. Nach Art der notwendigen Materialien sollen die Beschaffungswege für Quellen einerseits und Sekundärmaterial andererseits getrennt dargestellt werden. Als Quellen sollen nur solche Materialien bezeichnet werden, die – möglicherweise bearbeitet – aber noch nicht für wissenschaftliche Zwecke verarbeitet worden sind, die deshalb als „Original“ angesehen werden können (s. Darst. 07). Sekundär material vs. Quellen

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References

Zusammenfassung

Das Standardwerk zum wissenschaftlichen Arbeiten - neu gestaltet, bewährte Qualität.

"hervorragend, ganz große Klasse. Da steht ganz klar drin, wie man schreibt." Prof. Dr. Debora Weber-Wulff, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin

"Egal, ob man vor einer Seminar-, Bachelor-, Master- oder Facharbeit steht: Auf den 'Theisen' ist Verlass." Der Neue Tag

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Dr. Dr. Manuel René Theisen ist Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und begeistert von der "Lehre des wissenschaftlichen Arbeitens" (Hodegetik).