III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 188 - 205

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_188

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183 18 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Bereits an anderer Stelle wurden die Hintergründe des Paradigmawechsels in der makroökonomischen Theorie beleuchtet. Die schwere Depression der Jahre 1929 bis 1933 forderte ein Überdenken der klassischen Theorie geradezu heraus. Deren Prämissen waren in der Realität nicht mehr erfüllt. Vor allem die in den zwanziger Jahren verstärkt aufgekommenen Monopolisierungs- und Kartellierungstendenzen setzten den Wettbewerb mehr und mehr außer Kraft. Damit stürzte eine entscheidende Säule, auf der die Stabilität des privaten Sektors ruht, ein. Mit Blick auf die damaligen aktuellen Geschehnisse bezweifelte Keynes verständlicherweise die von klassischer Seite unterstellte Stabilität des privaten Sektors. Stattdessen ging er von einer inhärenten Instabilität eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems aus. Insbesondere die im realen Sektor angesiedelte Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals sowie die dem monetären Sektor zugehörige Liquiditätsneigung erweisen sich aus Keynesianischer Sicht als instabile Größen. Der klassischen Vorstellung voll flexibler Preise und Löhne stellt die Keynesianische Theorie empirisch beobachtbare Preis- und Lohnstarrheiten gegenüber. Sie behindern die Funktionsfähigkeit des Sayschen Theorems. Schließlich steht die Existenz einer Spekulationskasse der Neutralität des Geldes im Wege. Als Folge des Auftretens dieser Faktoren kommt es bei der Nachfrage nach Waren und Diensten zu zyklischen Schwankungen, die zu Fehlentwicklungen des Outputs, der Beschäftigung und des Preisniveaus führen. Daraus ergibt sich unmittelbar die Stoßrichtung einer Keynesianisch ausgerichteten Wirtschaftspolitik. Ihr fällt die Aufgabe zu, die Schwankungen der privaten Nachfrage zu glätten. Die Einflussnahme auf die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage bezeichnet man auch als „Globalsteuerung“ oder „demand management“. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hat einen kurzfristigen Charakter; folglich kann sie kurzfristig starken Veränderungen unterworfen sein. Daher handelt es sich bei der Keynesianischen Wirtschaftspolitik um eine kurzfristig angelegte Strategie. Angesichts der Tatsache, dass hierbei die Steuerung der Nachfrage im Zentrum steht, spricht man auch von einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik. Die Steuerung der Nachfrage kann prinzipiell auf zwei Wegen geschehen. Entweder beeinflussen die Wirtschaftpolitiker die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf indirekte Weise, indem sie mithilfe geeigneter Maßnahmen die private Nachfrage zu steuern versuchen. Oder aber sie variieren ihre eigene Nachfrage, betreiben also eine direkte Nachfragesteuerung. Als entscheidende Bereiche der Wirtschftspolitik rücken damit die Geldpolitik und die Fiskalpolitik in den Vordergrund. Die Geldpolitik hat die Beeinflussung der zinsabhängigen Ausgaben des privaten Sektors zum Ziel. Mit ihrer Zinspolitik wirkt sie allerdings nur indirekt auf die Güternachfrage ein. Demgegenüber kann die Fiskalpolitik sowohl indirekt (z.B. über Steuersätze) als auch direkt (staatliche Güterkäufe) die Nachfrage beeinflussen. Es S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 183 184 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen ist daher zu erwarten, dass Keynesianer der Fiskalpolitik größere Erfolgschancen einräumen als der Geldpolitik. Der analytisch fundierten Beurteilung dieser beiden Politikbereiche gilt abschließend das Interesse. Als theoretischer Rahmen dient hierfür das bekannte IS-LM-Diagramm; von außenwirtschaftlichen Beziehungen wird abstrahiert. 1. Möglichkeiten und Grenzen der Fiskalpolitik Die von der öffentlichen Hand betriebene Fiskalpolitik konkretisiert sich in einer Variation der Staatseinnahmen und Staatsausgaben zum Zwecke der Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Der Einsatz der Fiskalpolitik hat nach Keynesianischer Auffassung antizyklisch zu erfolgen. Befindet sich die Volkswirtschaft in einer rezessiven Konjunkturphase, so muss der Staat eine expansive Politik betreiben. Dies kann über eine Erhöhung der Staatsausgaben sowie durch Steuersenkungen, welche die private Nachfrage beleben sollen, geschehen. Formal bewirkt diese Politik eine Verlagerung der IS-Kurve nach rechts. Umgekehrt ist in einer Boomphase eine restriktive Fiskalpolitik angezeigt. Hier gilt es, die überschäumende Nachfrage einzudämmen. Möglich ist dies prinzipiell durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen. Dadurch kommt es im Hicks-Hansen-Diagramm zu einer Linksverschiebung der IS-Kurve. Die Auswirkungen des Einsatzes der antizyklischen Fiskalpolitik hängen allerdings entscheidend von der konjunkturellen Ausgangssituation ab. Befindet sich die Wirtschaft in einer Rezession ( Abb.3.2), so bewirkt die expansive Fiskalpolitik, z.B. in Form einer Erhöhung der autonomen Staatsausgaben, eine Rechtsverschiebung der IS-Kurve innerhalb des Keynesschen Bereichs der LM-Kurve (in Quadrant 4 von IS1 nach IS2). Zur Finanzierung der Ausgaben kann der Staat auf bestehende Haushaltsüberschüsse zurückgreifen. Die erhöhten Staatsausgaben ziehen einen Einkommensanstieg nach sich. Dies hat Rückwirkungen auf den monetären Sektor, denn ein höheres Einkommen erfordert eine höhere Transaktionskasse. Da man sich im Bereich der Liquiditätsfalle befindet, kann das erforderliche Geld aus der Spekulationskasse freigesetzt werden, ohne dass der Zins steigt. Die gestiegene Güternachfrage birgt grundsätzlich die Gefahr von Inflation in sich. Für den im Keynesschen Bereich vorliegenden Fall von unterausgelasteten Kapazitäten (d.h. die Angebotsfunktion verläuft parallel zur Abszisse) bleibt das Preisniveau jedoch unverändert (Quadrant 5). Auf dem Keynesianischen Arbeitsmarkt (Quadrant 3) verschiebt sich die Funktion der Arbeitsnachfrage infolge der gestiegenen Güternachfrage nach rechts; dadurch steigt die Beschäftigung. Das Ausmaß des Einkommens- und Beschäftigungseffekts hängt dabei von den Funktionsverläufen (Steigung und Lage) sowie von der Höhe der zusätzlichen Staatsnachfrage ab. Schematisch ergibt sich somit für eine expansive Fiskalpolitik in einer Rezession die in Abbildung 3.3 dargestellte Wirkungskette. Betreibt der Staat in „normalen“ Konjunkturphasen eine expansive Fiskalpolitik, dann fällt der Einkommens- und damit Beschäftigungseffekt schwächer aus. Hier schneidet die IS-Kurve die LM-Kurve im Zwischenbereich (vgl. Abb.3.4; auf die Darstellung der übrigen Quadranten wurde verzichtet). Seine Erklärung findet S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 184 185 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 185 Abb. 3.2: Expansive Fiskalpolitik im Keynesschen Bereich S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 185 Abb.3.4: Crowding-out-Effekt Abb.3.3: Schematische Wirkung einer expansiven Fiskalpolitik im Keynesschen Bereich dieser Sachverhalt im Zinsanstieg. Aufgrund der Nachfrageerhöhung steigt das Einkommen; dies bedingt im monetären Sektor eine höhere Transaktionskasse. Bei gegebener Geldmenge muss dies zulasten der Spekulationskasse gehen, wozu es allerdings eines höheren Zinsniveaus bedarf. Dieser Zinsanstieg hat wiederum Rückwirkungen auf den realwirtschaftlichen Sektor, da die zinsabhängigen Investitionen nunmehr zurückgehen. Dadurch wird ein negativen Multiplikatorprozeß in Gang gesetzt, der den ursprünglichen expansiven Einkommenseffekt der gestiegenen Staatsausgaben abschwächt. Die Verdrängung der privaten Investitionen durch den Staat bezeichnet man auch als zinsbedingten „crowding-out-Effekt“. Schematisch ergibt sich die Darstellung in Abbildung 3.5. Sofern der Staat seine Ausgaben durch Kreditaufnahme bei der Zentralbank finanziert, wird die Expansionswirkung verstärkt. Denn die Aufnahme von Krediten führt zu einer Erhöhung der Geldmenge. Dadurch verlagert sich die LM-Kurve nach rechts, wodurch die Zinssenkung stärker ausfällt. Auf eine genauere Erörte- 186 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 186 Abb. 3.6: Restriktive Fiskalpolitik im klassischen Bereich Abb.3.5: Expansive Fiskalpolitik im Zwischenbereich 187 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 187 rung der Implikationen alternativer Finanzierungsformen eines Defizits soll jedoch nicht näher eingegangen werden. Umgekehrt erfordert eine Boomphase den Einsatz einer restriktiven Fiskalpolitik. In der Situation einer Hochkonjunktur liegt der Schnittpunkt der güter- und geldwirtschaftlichen Gleichgewichtskurven im klassischen Bereich der LM-Kurve (Abb.3.6). Durch Kürzungen staatlicher Ausgaben bzw. Steuererhöhungen (Verschiebung der IS-Kurve nach links) sinkt der Zins. Daraufhin steigt die private Investitionsnachfrage; sie tritt an die Stelle der staatlichen Nachfrage, so dass sich lediglich die Struktur, nicht aber das Volumen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage verändert. Die Bekämpfung konjunktureller Überhitzungserscheinungen mithilfe S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 187 der staatlichen Einnahmen- und Ausgabenpolitik erscheint offenbar nicht erfolgversprechend. Die theoretischen Betrachtungen haben gezeigt, dass die Effizienz der Fiskalpolitik in erster Linie von der konjunkturellen Ausgangssituation abhängt. In der Rezession sind die Erfolgsaussichten zur Ankurbelung der Volkswirtschaft günstig; die Eindämmung einer Hochkonjunktur erscheint jedoch mithilfe staatlicher Maßnahmen kaum möglich. Analytisch stehen hinter diesen unterschiedlichen Konjunktursituationen die alternativen Bereiche der LM-Kurve. Ihre Neigung wird von der Liquiditätsneigung (l’) sowie der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) determiniert. Weisen diese beiden Steigungsparameter hohe Werte auf, so verläuft die LM-Kurve flach; dies begünstigt die Fiskalpolitik. Umgekehrt bedingen niedrige Werte von l’ und v einen steilen Verlauf der LM-Kurve; diese Parameterkonstellation steht einer erfolgreichen Fiskalpolitik im Wege. Daneben spielt die Steigung der IS-Kurve eine wesentliche Rolle für die Wirksamkeit der Fiskalpolitik. Eine Verschiebung der IS-Kurve bewirkt grundsätzlich einen umso stärkeren Einkommenseffekt, je steiler die IS-Kurve verläuft. Dahinter verbergen sich eine hohe marginale Sparneigung (s’) bzw. eine niedrige Zinsreagibilität der Investitionen (z’). Es leuchtet unmittelbar ein, dass dann die privaten Investoren kaum auf Zinsänderungen reagieren, so dass der crowding-out-Effekt abgeschwächt wird. Umgekehrt steht ein flacher Verlauf der IS-Kurve, der ein niedriges s’ bzw. ein hohes z’ impliziert, der Effizienz der Fiskalpolitik entgegen. Zu bedenken sind weiterhin die Konsequenzen einer Veränderung des Preisniveaus. Bei einer expansiven Fiskalpolitik steigen im Zuge der Nachfrageausweitung die Preise. Dies gilt zumindest dann, wenn die Wirtschaft in den Bereich beginnender Kapazitätsengpässe eintritt, d.h. die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion ansteigt. Die Folge des Preisniveauanstiegs ist ein Rückgang der realen Geldmenge bzw. des Realwertes des Vermögens. Dadurch werden der Keynes-Effekt bzw. der Pigou-Effekt ausgelöst. Diese Vermögenseffekte können die Wirksamkeit der Fiskalpolitik beeinträchtigen. Die bisherigen Überlegungen gingen davon aus, dass der Staat die in der Rezession erforderlichen Ausgaben durch Auflösung von Haushaltsüberschüssen finanziert. Sollten derartige Mittel nicht vorhanden sein, so darf sich der Staat nach Keynesianischer Ansicht durchaus verschulden. Eine Rückzahlung scheint insofern möglich, als der Staat durch seine zusätzlichen Ausgaben einen konjunkturellen Aufschwung in Gang setzt, in dessen Gefolge die Einkommen, die Umsätze und die Beschäftigung steigen. Dies bedeutet für den Staat höhere Steuereinnahmen und rückläufige Ausgaben für die Arbeitslosenversicherung. Das Haushaltsdefizit finanziert sich auf diese Weise automatisch von selbst. Damit rückt die Keynesianische Theorie grundlegend vom klassischen Postulat des jährlichen Budgetausgleichs ab. Stattdessen wird ein Haushaltsausgleich über den gesamten Konjunkturzyklus hinweg angestrebt. In der Rezession entstehen hierbei Haushaltsdefizite durch Ausgabenerhöhungen und Steuersenkungen. Dagegen sind in Zeiten der Hochkonjunktur Haushaltsüberschüsse zu bilden, die aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen resultieren. Mit dieser antizyklischen Strategie sollen die Konjunkturausschläge geglättet werden. Das fallweise, im frei- 188 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 188 189 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 189 en Ermessen des Staates liegende Eingreifen in den Wirtschaftsprozess wird auch als diskretionäre Politik bezeichnet. Die Keynesianisch fundierte Wirtschaftspolitik plädiert somit für staatliche Interventionen, die allerdings marktkonform sein sollten. Wie bereits erwähnt, erfährt die diskretionär betriebene Fiskalpolitk eine Unterstützung durch „automatische Stabilisatoren“. Diese „built-in stabilizers“ folgen typischerweise zum einen aus dem progressiven Steuersystem und zum anderen aus dem System der Arbeitslosenversicherung. Die praktische Durchsetzbarkeit der Strategie der antizyklischen Fiskalpolitik muss allerdings stark angezweifelt werden. Wie zurückliegende Erfahrungen zeigen, neigen staatliche Stellen im Aufschwung vielmehr zum Muster einer sog. Parallelpolitik. Darunter ist der Tatbestand zu verstehen, dass steigende Staatseinnahmen nicht, wie gefordert, stillgelegt, sondern relativ schnell für höhere Ausgaben verwendet werden. Dies findet seine Erklärung darin, dass Ausgabenkürzungen bzw. Steuererhöhungen naturgemäß ein unpopuläres Unterfangen darstellen und deshalb aus politischen Gründen bei den Regierungen auf Ablehnung stoßen. Die Abschaffung lieb gewonnener Besitzstände dürfte um so schwerer fallen, je näher Wahlen rücken, welche die Politiker durch „Wahlgeschenke“ zu gewinnen suchen. Zum anderen ist zu bedenken, dass Staatsausgaben in hohem Maße inflexibel sind. Gesetzliche Regelungen führen in zahllosen Ausgabenbereichen zu Dauerverpflichtungen (z.B. Sozialleistungen oder Personalausgaben), d. h. der Staat kann im konjunkturellen Aufschwung seine Ausgaben nicht ohne weiteres zurückfahren und beispielsweise Sozialhilfeempfänger quasi zum Spielball seiner Konjunkturpolitik machen. Schließlich ist bei fiskalpolitischen Beschlüssen die sog. „parlamentarische Zähflüssigkeit“ zu beachten; sie führt unter Umständen zur Verschleppung von Entscheidungen, die als notwendig angesehen werden. Gleichwohl existiert in der Bundesrepublik Deutschland eine gesetzliche Grundlage für das antizyklische Handeln des Bundes und der Länder. Es ist dies das Keynesianisch geprägte „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ (kurz: Stabilitätsgesetz), welches im Jahr 1967 erlassen wurde. In diese Zeit fällt auch die erste Rezession nach dem zweiten Weltkrieg, in der die gesamtwirtschaftliche Produktion vorübergehend leicht rückläufige Werte aufwies. Die Überwindung dieser Konjunkturschwäche wird insbesondere aus Keynesianischer Sicht auf die vom damaligen Wirtschaftsminister K. Schiller praktizierte antizyklische Fiskalpolitik zurückgeführt. Gemäß dieses Gesetzes (§§26 und 27) kann die Regierung mit Zustimmung des Bundesrates bei einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zum einen die Einkommen- und Körperschaftsteuersätze um maximal 10 % für höchstens ein Jahr erhöhen bzw. senken; zum anderen sind im Boom die Aussetzung von Sonderabschreibungen und erhöhten Absetzungen sowie in der Rezession eine Investitionszulage von 7,5% vorgesehen. Diese Regelungen erlauben einen schnellen Einsatz antizyklischer fiskalpolitischer Maßnahmen. In den defizitfinanzierten Ausgaben sehen Keynesianer gleichzeitig eine „Initialzündung“ für private Investitionen. Aus dem staatlich initiierten Nachfrageanstieg und dem damit einhergehenden Einkommenszuwachs erhofft man sich induzierte Investitionen der Privatunternehmen, die den Aufschwung verstärken. Dieses Prinzip der vom Staat ausgehenden Multiplikator- und Akzeleratoreffekte zur Ankurbelung der Konjunktur trägt daher auch die Bezeichnung „pump priming“. S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 189 Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass die staatliche Schuldenaufnahme ihre Rechtfertigung in der Belebung der Konjunktur und den damit verbundenen positiven Impulsen für den Arbeitsmarkt findet. Die Legitimation der öffentlichen Verschuldung erstreckt sich mithin auf konjunkturelle Defizite. Sie sind Folge von zeitlich befristeten Ausgabenerhöhungen bzw. Steuersenkungen und somit nur temporärer Natur. Liegt das Wachstum der Staatsausgaben jedoch dauerhaft über den Steuereinnahmen, so entstehen sog. strukturelle Defizite. Ihr Auftreten ist auch möglich, falls die konjunkturellen Aufschwungskräfte nicht ausreichen, um die zur Schuldentilgung erforderlichen Steuermehreinnahmen zu erbringen. Die öffentliche Verschuldung wächst dann immer stärker an. Gegen strukturelle Defizite bestehen allerdings sowohl aus wachstums- als auch aus ordnungspolitischer Sicht teilweise erhebliche Bedenken. Der in den westlichen Volkswirtschaften beobachtbare starke Anstieg der Budgetdefizite seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis zu Beginn der achtziger Jahre ist in hohem Maße auf strukturelle Defizite zurückzuführen. Dies gilt auch für die Zunahme der öffentlichen Verschuldung infolge der deutschen Wiedervereinigung. Die Tatsache, dass sich trotz steigender Staatsverschuldung die Wachstums- und Beschäftigungsprobleme noch verschärften, ließ zunehmende Zweifel an der Keynesianischen Theorie und damit verbunden an der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik aufkommen. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Keynesianische Wirtschaftspolitik prinzipiell auf den Ausgleich von Schwankungen in der effektiven Nachfrage ausgerichtet ist. Insoweit kann sie nur erfolgreich sein, wenn die Störungen auf der Nachfrageseite liegen, d.h. kurzfristigen Charakter haben. Sind die Hauptursachen für Fehlentwicklungen jedoch auf der Angebotsseite der Wirtschaft angesiedelt, wie dies offenbar seit den siebziger Jahren der Fall ist, so bedarf es einer adäquaten wirtschaftspolitischen Strategie. Konsequenterweise fand seitdem auch die bereits beschriebene angebotsorientierte („neoliberale“) Wirtschaftspolitik verstärkt Beachtung und Anwendung. Vor dem Hintergrund des Ausbruchs der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 schlug das paradigmatische Pendel jedoch wieder in die andere Richtung aus. 2. Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik Neben der Fiskalpolitik bildet die Geldpolitik die zweite Säule der Konjunkturpolitik. Träger der Geldpolitik ist üblicherweise die Zentralbank (Notenbank, Währungsbehörde) eines Landes. In der Bundesrepublik Deutschland war dies bis zum 31.12. 1998 die Deutsche Bundesbank. Am 1.1. 1999 ging im Zuge der Einführung des Euro die Verantwortung für die Geldpolitik in den Euroländern auf das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) über. Es besteht aus der EZB im engeren Sinne sowie den Nationalen Zentralbanken der Mitgliedsländer der Europäischen Union. Die EZB bildet zusammen mit den gegenwärtig zwölf Euroländern das sog. „Eurosystem“. Gemäß des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft ist es das vorrangige Ziel des ESZB, die Preisstabilität zu gewährleisten. So weit dies ohne Beeinträchtigung dieses Zieles möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft (Artikel 2 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank). Entscheidend für den Erfolg der Geldpolitik ist die Autonomie der Zentralbank, d.h. die Unabhängigkeit von Weisungen der Regierung. In diesem 190 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 190 Abb.3.7: Expansive Geldpolitik im Keynesschen Bereich 191 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 191 Punkt ist die Voraussetzung für die Gewährleistung der Preisstabilität in den Euroländern gegeben, denn es ist im Vertrag sowie in der Satzung des ESZB ausdrücklich geregelt, dass die Organe des Europäischen Zentralbanksystems keinerlei Weisungen von Regierungen oder sonstigen Einrichtungen der Mitgliedstaaten einholen oder entgegennehmen dürfen. Zentraler Aktionsparameter der Geldpolitik ist die Geldmenge, deren Volumen in der Lage der LM-Kurve zum Ausdruck kommt. Eine Erhöhung der Geldmenge, d.h. eine expansive Geldpolitik, ist in einer rezessiven Situation angezeigt; formal führt dies zu einer Verlagerung der LM-Kurve nach rechts. Dagegen erfordern konjunkturelle Überhitzungserscheinungen und die damit verbundene Inflationsgefahr den Einsatz einer restriktiven Geldpolitik in Form der Geldmengenreduzierung. Dann verschiebt sich die LM-Kurve nach links. Als Instrument zur Geldmengensteuerung bietet sich insbesondere die Offenmarktpolitik mit Nichtbanken an. Die Zentralbank betreibt hierbei Wertpapiergeschäfte mit privaten Haushalten und Unternehmungen, die das Geldvolumen unmittelbar verändern. Die Effizienz der Geldpolitik hängt stark von der jeweiligen Konjunkturlage ab. Wie aus Abbildung 3.7 hervorgeht, bleibt eine expansive Geldpolitik in der Rezession völlig wirkungslos. Zumindest gilt diese Aussage dann, wenn man den eingezeichneten horizontalen Verlauf der LM-Kurve als ein Abbild der Realität akzeptiert. Die ökonomische Erklärung liegt in den Implikationen des Keynesschen Bereichs, in dem die Liquiditätsneigung sehr hoch, im Extremfall sogar unendlich ist. Das zusätzlich von der Zentralbank ausgegebene Geld fließt in vollem Umfang in die Spekulationskasse, ohne dass es einer weiteren Zinssenkung bedarf. Die LS- Kasse erweist sich als „Liquiditätsfalle“; das zusätzlich von der Zentralbank bereit gestellte Geld wird nicht, wie von der Währungsbehörde beabsichtigt, für zusätzliche Transaktionen verwendet, sondern einfach „stillgelegt“. Da die Zinsen nicht weiter sinken, verharren die privaten Investitionen auf ihrem ursprünglichen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 191 Abb.3.8: Schematische Darstellung einer expansiven Geldpolitik im Keynesschen Bereich („Liquiditätsfalle“) 192 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen Niveau. Der für den Aufschwung erforderliche Multiplikatoreffekt kommt nicht in Gang, Volkseinkommen und Beschäftigungsstand bleiben unverändert. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Quantitätsgleichung des Geldes. Im Keynesschen Bereich gehen von einer Geldmengenerhöhung keinerlei Wirkungen auf die Güternachfrage aus, d.h. auf der rechten Seite der Gleichung bleiben P und Y unverändert. Folglich muss die Zunahme von M durch einen Rückgang von V kompensiert werden: ↑ ↓ M · V = P · Y Dieses Ergebnis ist kennzeichnend für die Keynesianische Sichtweise, derzufolge es sich bei der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes um eine höchst instabile und damit für die Geldpolitik nicht berechenbare Größe handelt. Die Wirkung einer expansiven Geldpolitik in einer Rezession ist in Abbildung 3.8 schematisch dargestellt. Im Zwischenbereich hingegen zieht die Geldpolitik realwirtschaftliche Wirkungen nach sich. Wie Abbildung 3.9 zeigt, ist infolge der gestiegenen Geldmenge ein höheres Einkommen bei gesunkenem Zinssatz zu verzeichnen. Der Weg zum neuen Gleichgewicht (Punkt C) kann dabei in zwei Komponenten zerlegt werden. Im ersten Schritt gelangt die zusätzliche Geldmenge in die Spekulationskasse, wozu es eines Zinsrückganges auf z’ bedarf. Man bezeichnet dies als den „Liquiditätseffekt“ (im Bild von Punkt A nach Punkt B). Der Zins stellt nun das Bindeglied zwischen monetärem und realem Bereich der Volkswirtschaft dar, er ist die sog. S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 192 Abb.3.9: Expansive Geldpolitik im Zwischenbereich 193 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 193 „Transmissionsvariable“. Aufgrund der Zinssenkung steigt die Investitionstätigkeit der Unternehmer. Dadurch wird ein Multiplikatorprozess in Gang gesetzt, der das Einkommen und die Beschäftigung steigert. Die Finanzierung des höheren Einkommens bedarf jedoch ceteris paribus einer höheren Transaktionskasse. Da das Geldangebot unverändert bleibt, kann das erforderliche „Transaktionsgeld“ nur aus der Spekulationskasse bereitgestellt werden. Zur Freisetzung dieses erforderlichen Geldbetrages bedarf es eines höheren Zinssatzes. Dieser aber schwächt die Investitionsnachfrage teilweise wieder ab. Das neue Gleichgewicht stellt sich schließlich bei z*2 und Y*2 ein. Den Einkommensanstieg (von Punkt B nach Punkt C) nennt man den „Einkommenseffekt“; mit ihm ist ein entsprechender positiver Beschäftigungseffekt verbunden. Das Ausmaß der Preisniveauerhöhung hängt davon ab, wie weit die Wirtschaft bereits in die Engpasszone hineingewachsen ist. Wie aus Abbildung 3.9 unmittelbar ersichtlich, hängt das Ausmaß des Einkommensanstiegs von der Neigung der IS-Kurve ab. Je flacher sie verläuft, desto stärker fällt der Einkommenseffekt aus. Die Effizienz der Geldpolitik wird somit durch eine geringe Sparneigung bzw. eine hohe Zinsreagibilität der Investitionen begünstigt. Umgekehrt behindert eine geringe Zinsreagibilität der Investitionen die Geldpolitik ebenso wie eine hohe Sparneigung. Im Extremfall bedeutet dies einen senkrechten Verlauf der IS-Kurve und damit eine völlige Unwirksamkeit der Geldpolitik. Ebenso kann eine Verlagerung der IS-Kurve nach links den Erfolg einer expansiven Geldpolitik beeinträchtigen; als Auslöser hierfür kommt insbesondere eine gesunkene Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals in Betracht. Schematisch ergibt sich für die expansive Geldpolitik in „normalen“ konjunkturellen Zeiten der in Abbildung 3.10 dargestellte Ablauf. S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 193 Abb.3.10: Schematische Darstellung einer expansiven Geldpolitik im Zwischenbereich Die möglichen Auswirkungen einer Geldmengenzunahme innerhalb des Zwischenbereichs kann man sich wiederum anhand der Quantitätsgleichung vor Augen führen. Bei unveränderten Zahlungssitten führt die Geldmengenerhöhung nach Maßgabe der relevanten Funktionsverläufe zu einem Anstieg des Realeinkommens und des Preisniveaus: ↑ - ↑ ↑ M · V = P · Y Fände die Geldmengenausweitung in der Hochkonjunktur, d.h. im senkrechten Teil der LM-Kurve statt, so könnte die Produktion wegen der bereits voll ausgelasteten Kapazitäten nicht weiter gesteigert werden. In diesem Fall käme es ausschließlich zu Inflation – ein Ergebnis, zu dem bekanntlich die Klassik gelangte: ↑ - ↑ M · V = P · Y Dieser Tatbestand macht die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung „klassischer Bereich der LM-Kurve“ deutlich. Die Ergebnisse der klassischen Theorie können insoweit als ein Spezialfall der „Allgemeinen Theorie“ von Keynes interpretiert werden. Von besonderer Bedeutung ist der restriktive Einsatz der Geldpolitik im Boom (siehe Abb.3.11). Liegt das Gleichgewichtseinkommen auf sehr hohem Niveau, schneidet die IS-Kurve die LM-Kurve also im klassischen Bereich, so besteht die Gefahr von Inflation, der die Zentralbank entgegenzutreten hat. Die erforderliche Reduzierung der Geldmenge, die aus Wertpapierverkäufen seitens der Zentralbank resultieren kann, verschiebt die LM-Kurve nach links. Infolge des gestiegenen Zinses gehen die privaten Investitionen zurück, ein negativer Multiplikatorprozess setzt ein, in dessen Gefolge das Einkommen auf Y*2 absinkt. Sowohl der höhere Zins als auch das geringere Einkommen verringern die 194 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 194 Abb. 3.11: Restriktive Geldpolitik im klassischen Bereich 195 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 195 S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 195 Abb.3.12: Schematische Darstellung einer restriktiven Geldpolitik im klassischen Bereich 196 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen Geldnachfrage, die sich dem gesunkenen Geldangebot anpasst. Die geringere Güternachfrage bewirkt einen Rückgang des Preisniveaus (Quadrant 5) bzw. der Inflationsrate, sofern von Veränderungsraten der Variablen P ausgegangen wird. Auf dem Keynesianischen Arbeitsmarkt verschiebt sich die Arbeitsnachfragefunktion nach links; dadurch kommt es zu einer Verringerung der Arbeitsnachfrage und damit zu Arbeitslosigkeit. Daraus wird deutlich, dass die Wiedergewinnung der Preisniveaustabilität zumindest kurzfristig durch einen Anstieg der Arbeitslosigkeit erkauft werden muss. Hinter diesem Zielkonflikt verbirgt sich nichts anderes als die bekannte „Phillips-Kurve“. Sie markiert den „schmalen Grat“, auf dem sich die Geldpolitik bewegt, wenn sie Inflations- und Beschäftigungsrisiken abzuwägen hat. Auch die Auswirkungen der restriktiven Geldpolitik im klassischen Bereich können schematisch dargestellt werden (siehe Abb.3.12). Wie bereits erwähnt, fällt die Effizienz der Geldpolitik umso geringer aus, je steiler die IS-Kurve verläuft. Dies ist auf eine hohe Sparneigung bzw. auf eine geringe Zinsreagibilität zurückzuführen. Insbesondere mit letzterer Konstellation ist in der Hochkonjunktur zu rechnen. Die Unternehmer reagieren hier kaum auf eine Zinserhöhung, da sie im Boom sehr positive Gewinnerwartungen haben. Trotz einer Verteuerung des Geldes sind sie daher nicht gewillt, ihre Investitionstätigkeit einzuschränken. Im Extremfall verläuft die IS-Kurve senkrecht. Man nennt eine derartige Situation auch die „Investitionsfalle“. Sie hat schematisch das in Abbildung 3.13 dargestellte Aussehen. Bei den bisherigen Überlegungen blieben die Vermögenseffekte, die durch Änderungen des Preisniveaus ausgelöst werden, außer Acht. Betreibt die Zentralbank beispielsweise eine expansive Geldpolitik, die einen Nachfrageanstieg auslöst, so steigt je nach dem Bereich der gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion, in dem S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 196 197 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 197 man sich befindet, das Preisniveau. Dadurch sinkt die reale Geldmenge. Die damit einhergehende Linksverschiebung der LM-Kurve führt dann zu einer Beeinträchtigung der Wirksamkeit der expansiven Geldpolitik. Umgekehrt stellt sich bei einer restriktiven Geldpolitik die beabsichtigte Linksverschiebung der LM-Kurve nur teilweise ein, da infolge des Preisniveaurückgangs die reale Geldmenge ansteigt. Insoweit führen der Keynes-Effekt bzw. der Pigou-Effekt, sofern sie zum Tragen kommen, zu einer Effizienzminderung der Geldpolitik. 3. Das Konzept der Globalsteuerung Die Betrachtungen des Einsatzes der Geld- und Fiskalpolitik machten deutlich, dass die Erfolgsaussichten dieser Politikbereiche wesentlich von den Steigungsparametern der IS-Kurve und der LM-Kurve abhängen. In Tabelle 13 ist dieser Sachverhalt zusammenfassend dargestellt: Abb.3.13: Investitionsfalle Tab. 13: Effizienz der Geld- und Fiskalpolitik Kurve Verlauf Steigungs- Fiskal- Geldparameter politik politik flach l’ hoch, k niedrig + – LM-Kurve steil l’ niedrig, k hoch – + flach z’ hoch, s’ niedrig – + IS-Kurve steil z’ niedrig, s’ hoch + – + : günstig – : ungünstig S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 197 Vor dem Hintergrund der Keynesianischen Theorie gebührt in der Rezession die Priorität eindeutig der Fiskalpolitik. Sie besitzt die besten Möglichkeiten zur Überwindung einer Wirtschaftskrise. Dagegen versagt in einer solchen konjunkturellen Situation die von der Zentralbank betriebene „Politik des billigen Geldes“; infolge der hohen Liquiditätsneigung werden die zusätzlich eingegebenen Zahlungsmittel nicht nachfragewirksam eingesetzt. Demgegenüber erweist sich die Geldpolitik bei der Boombekämpfung als überlegen. Für die Wirtschaftspolitik wird daher ein entsprechend kombinierter Mitteleinsatz beider Politikbereiche empfohlen, ein sog. „policy mix“. Dies bedeutet zugleich eine bestimmte Rollenverteilung bezüglich der Verantwortung für die Ziele der Wirtschaftspolitik. Die Fiskalpolitik trägt in erster Linie die Verantwortung für die Sicherung der Vollbeschäftigung sowie für die Entwicklung des Volkseinkommens, also für das Wachstum. Der Zentralbank hingegen überträgt man vorrangig das Ziel der Erreichung und Sicherung der Preisniveaustabilität. Die Zuordnung der Stabilitätsziele auf die Träger der Wirtschaftspolitik steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der prinzipiellen Wirkungsweise der alternativen Politikbereiche. Die Fiskalpolitik wirkt sowohl indirekt als auch direkt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auf Produktion und Beschäftigung. Dagegen beeinflusst die Geldpolitik die volkswirtschaftliche Endnachfrage grundsätzlich nur auf indirektem Wege. Daher nimmt der antizyklische Einsatz der Fiskalpolitik eine dominierende Rolle in einer Keynesianisch fundierten Stabilisierungspolitik ein. Diesem Tatbestand hat der Keynesianismus die vielfach verwendete Etikettierung „Fiskalismus“ zu verdanken. Dementsprechend werden Keynesianer häufig als „Fiskalisten“ bezeichnet. Die Keynesianisch ausgerichtete interventionistische Strategie der antizyklischen Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist auch, wie bereits erwähnt, als „demand management“ oder „Globalsteuerung“ bekannt. Die erste Bezeichnung lässt erkennen, dass die Nachfrage und damit die Konjunktur in den Augen der Keynesianer grundsätzlich „machbar“ ist. Der zweite Begriff verdeutlicht, dass es bei dieser stabilitätspolitischen Strategie nicht um die Steuerung des wirtschaftlichen Handelns einzelner Wirtschaftssubjekte geht. Vielmehr steht die Beeinflussung der Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, d.h. die Steuerung volkswirtschaftlicher Aggregate, im Zentrum. Auch wirtschaftliche Probleme einzelner Branchen und Regionen finden in diesem wirtschaftspolitischen Konzept keine spezifische Berücksichtigung. Die Vernachlässigung sektoraler und regionaler Aspekte bildet einen wichtigen Kritikpunkt an der Globalsteuerung. Sie sollte in Verbindung mit einer den jeweiligen Erfordernissen entsprechenden Struktur- und Regionalpolitik betrieben werden. Ein weiteres Problem im Konzept der antizyklischen Nachfragesteuerung ist das diskretionäre Element, d. h. der freie Entscheidungs- und Handlungsspielraum der Träger der Wirtschaftspolitik. Es liegt im Ermessen der öffentlichen Stellen und der Zentralbank, ob und wie lange die zur Verfügung stehenden Instrumente zum Einsatz kommen sollen. Auch die Auswahl der Instrumente sowie der Zeitpunkt des Einsatzes und die Dosierung unterliegen allein der politischen Willensbildung. Um in diesen Punkten „richtig“ zu entscheiden, ist letztlich die genaue Kenntnis aller Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge einschließlich des Zeitbedarfs der An- 198 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 198 199 III. Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik 199 passungsvorgänge erforderlich. Die „wahren“ Zusammenhänge sind jedoch nicht vollständig bekannt, so dass Ermessensentscheidungen im Rahmen der antizyklischen „Stop-and-go-Politik“ stets mit Risiken behaftet sind. Insbesondere der Aspekt von Zeitverzögerungen („time lags“) nimmt innerhalb der von monetaristischer Seite geübten Kritik an der Keynesianisch betriebenen Stabilitätspolitik einen breiten Raum ein. Zunächst besteht die Schwierigkeit darin, eintretende Fehlentwicklungen möglichst frühzeitig anhand geeigneter Indikatoren zu erkennen. Neben dieser sog. Erkennungsverzögerung treten aber noch weitere time lags auf, die für die beiden im Mittelpunkt stehenden Politikbereiche von unterschiedlicher Bedeutung sind. Bei der Fiskalpolitik ist vor allem mit Entscheidungs- und Handlungsverzögerungen zu rechnen. Zu denken ist hier etwa an langwierige Prozesse der politischen Willensbildung, speziell an innerparteiliche Abstimmungsverfahren oder an das Zögern von Politikern beim Einsatz unpopulärer Instrumente. Die Wirkung der Fiskalpolitik auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage tritt jedoch, insbesondere bei der direkten Steuerung der Staatsausgaben, schnell ein; der Wirkungs-lag („outside-lag“) der Fiskalpolitik ist also vergleichsweise kurz. Umgekehrt sieht es bei der Geldpolitik aus. In der Bundesrepublik tagt der für die geld- und kreditpolitischen Beschlüsse zuständige Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank alle zwei Wochen, so dass von dieser Seite her im Bedarfsfall mit einer raschen Entscheidung gerechnet werden kann. Angesichts der indirekten Wirkungsweise der Geldpolitik entstehen jedoch unter Umständen lange externe Wirkungsverzögerungen. Empirische Untersuchungen gelangten zu dem Ergebnis, dass geldpolitische time lags eine Länge von ca. zwei bis neun Quartalen aufweisen, wobei die Wirkungsverzögerungen einer expansiven Geldpolitik länger ausfallen als beim restriktiven Einsatz. Die antizyklische Geldpolitik ist offenbar durch relativ lange und variable time lags gekennzeichnet und damit schwer berechenbar. Aus der Existenz von time lags folgt, dass der antizyklische Einsatz geld- und fiskalpolitischer Instrumente prozyklische Wirkungen auslösen kann. Die nach Keynesianischem Muster betriebene Stabilisierungspolitik erreicht dann aber keine Glättung der Konjunkturausschläge, sondern sie verstärkt die konjunkturellen Schwankungen. Die Kritiker der Keynesianischen Stabilisierungsstrategie sehen daher in der antizyklischen Wirtschaftspolitik eine entscheidende Ursache für das Auftreten von Konjunkturschwankungen. Um die destabilisierenden Kräfte der antizyklischen Wirtschaftspolitik auszuschalten, bedarf es nach Auffassung der Gegner des Keynesianischen Konzepts eines grundlegenden Strategiewechsels. An die Stelle von Ermessensentscheidungen sollen nach neoklassischer Auffassung längerfristig ausgerichtete Regelbindungen treten. Die Geldpolitik hat danach ein am Zuwachs des Produktionspotenzials ausgerichtetes Wachstum der Geldmenge anzustreben. Für den fiskalischen Bereich wird eine sog. „potentialorientierte Finanzpolitik“ gefordert; danach sollen die Einnnahmen und Ausgaben des Staates mit dem gleichen Prozentsatz wachsen wie das Produktionspotenzial. Aus der Verstetigung des Geldmengenwachstums sowie der Entwicklung der Staatseinnahmen und Staatsausgaben versprechen sich die auf klassischer Basis argumentierenden Kritiker der Keynesianischen Strategie eine Stabilisierung des Wirtschaftsprozesses. S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 199 Teilweise gehen die Vorschläge zur Regelbindung sogar so weit, dass die Träger der Wirtschaftspolitik über keinerlei Handlungsspielraum mehr verfügen sollten. Eine derart extreme Forderung, bei deren Erfüllung die Geld- und Finanzpolitik nur noch technokratischen Charakter hätten, wird jedoch überwiegend als zu weitgehend empfunden. Zwar legen die beschriebenen Probleme einer antizyklischen Wirtschaftspolitik die Abkehr von dieser Strategie und die prinzipielle Ausrichtung an der längerfristigen Entwicklung der Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft nahe. Trotzdem sollten nach verbreiteter Meinung die Geld- und Fiskalpolitik noch einen ausreichenden Spielraum besitzen, um bei stärkeren Fehlentwicklungen kurzfristig korrigierend eingreifen zu können. Zweifellos waren die angeführten Mängel, die der Keynesianisch orientierten Wirtschaftspolitik anhaften, mitverantwortlich dafür, dass diese stabilitätspolitische Konzeption auf zunehmende Skepsis stieß. Vor allem spielt aber auch die Erkenntnis über die Ursachen der seit den siebziger Jahren verstärkt auftretenden wirtschaftlichen Fehlentwicklungen eine entscheidende Rolle für den „Paradigmawechsel“ in der Stabilisierungspolitik. Wie an früherer Stelle erörtert, liegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der jüngeren Vergangenheit nicht primär auf der Nachfrageseite, sondern auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft. An die Stelle von konjunkturellen Schwierigkeiten traten zunehmend strukturelle Probleme; sie basieren zu wesentlichen Teilen auf unzureichenden Flexibilitäten der Marktteilnehmer sowie auf ungünstigen Rahmenbedingungen für Investitionen und Produktion in einer globalisierten Wirtschaft. Vor dem Hintergrund dieses Befundes konnte in den meisten Ländern ein Konzeptionswechsel in der Wirtschaftspolitik zugunsten der neoklassischen Richtung nicht überraschen. Nach dem Regierungswechsel in Deutschland Ende 1998 zeichnete sich in der rot-grünen Koalition allerdings zunächst ein Schwenk hin zur nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik ab. Nach kurzer Zeit setzten sich aber wieder verstärkt die angebotspolitischen Elemente durch. Angesichts der im Jahr 2008 aufflammenden Finanz- und Wirtschaftskrisen sahen sich jedoch praktisch alle wichtigen Wirtschaftsnationen der Welt unter Zugzwang. Sie legten teilweise gigantische Konjunkturprogramme auf, verbunden mit staatlichen Beteiligungen bis hinzu Verstaatlichungen privater Unternehmen („außergewöhnliche Ereignisse erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“). Ob sich diese staatlichen Interventionen als Strohfeuer erweisen, bleibt abzuwarten. Zugleich betonten die Verantwortlichen, dass die Eingriffe zeitlich begrenzt bleiben sollten und der Staat sich auf längere Sicht wieder aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen möchte. Insoweit ist es etwas voreilig, vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrisen breits von einem Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik zu sprechen. Zweifellos haben die Finanzkrisen Mängel einer liberalistischen Wirtschaftspolitik in einer globalisierten Welt aufgedeckt. Das Regelwerk im internationalen Finanzsystem erwies sich als unzureichend. Allerdings ist der Keynesianische Glaube an interventionistische Erfolge ebenso eine Fehleinschätzung wie die überzogene neoliberale Hoffnung auf die uneingeschränkte Selbstregulierung. Versagt haben letztlich nicht die Märkte, versagt hat vielmehr die Ordnungspolitik, die keine ausreichenden Rahmenbedingungen in einer globalisierten Welt geschaffen hat. Dies nachzuholen, hierin liegt die entscheidende Herausforderung für die anstehenden wirtschaftspolitischen Reformen. Weiterhin sollte gelten: „So viel Markt wie möglich, so viel ordnungspolitische Gestaltung durch den Staat wie nötig!“ 200 Dritter Teil: Wirtschaftspolitische Konsequenzen S. 175-200 3. Teil.qxd 05.12.2012 8:06 Uhr Seite 200

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007