IV. Der Arbeitsmarkt in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 151 - 161

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_151

Bibliographic information
145 145 IV. Der Arbeitsmarkt Als dritter zentraler Markt in der makroökonomischen Theorie ist der Arbeitsmarkt zu erörtern. Dort stehen sich das Arbeitsangebot und die Arbeitsnachfrage gegenüber. Stimmen die Interessen beider Marktseiten miteinander überein, so liegt ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt vor. Die Menge an Arbeit kann sowohl durch die Anzahl der Arbeitskräfte als auch über die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ausgedrückt werden. Hinter dem Arbeitsangebot verbergen sich die privaten Haushalte, d.h. die Arbeitnehmer. Dieser Begriffsinhalt darf also nicht mit dem in der Alltagssprache gebräuchlichen „Stellenangebot“ der Firmen verwechselt werden. Im Arbeitsangebot kommt die Bereitschaft der Haushalte zum Ausdruck, ihre Arbeitskraft den Unternehmungen zur Verfügung zu stellen. Den Rahmen hierfür bildet das Erwerbspersonenpotenzial. Demgegenüber entfalten die Unternehmungen die Arbeitsnachfrage. Dahinter steht die Absicht der Arbeitgeber, Arbeitskräfte für ihren Produktionsprozess einzustellen. Auch diesen Begriff darf man nicht mit den „Stellengesuchen“ der Haushalte assoziieren. Im Folgenden sollen die paradigmatischen Sichtweisen des Arbeitsmarktes in ihren Grundzügen vorgestellt werden. 1. Der klassische Ansatz a. Arbeitsangebot Die Bereitschaft der Haushalte, ihre Arbeitskraft anzubieten, entspringt in aller Regel dem Zweck der Einkommenserzielung, die zur Finanzierung des Lebensunterhaltes erforderlich ist. Daraus resultiert unmittelbar die plausible Hypothese, dass die Höhe des Lohnsatzes prinzipiell den Umfang des Arbeitsangebots determiniert. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen zwei verschiedenen Lohnsätzen. Der Geldoder Nominallohnsatz (l) stellt den Geldbetrag dar, den der Arbeitnehmer beispielsweise für eine geleistete Arbeitsstunde erhält. Beim Reallohnsatz (lr) hingegen handelt es sich um das Verhältnis von Geldlohnsatz zu Preisniveau: llr = –P Anhand eines einfachen Zahlenbeispiels kann man sich den Unterschied zwischen diesen beiden Lohnsätzen leicht klarmachen. Angenommen, der Geldlohnsatz betrage 10 EUR pro Stunde. Liegt der Preis eines Gutes bei 2 EUR pro Stück, so kann der Arbeitnehmer mit der Arbeitsleistung von einer Stunde 5 Stück des Gutes erwerben, der Reallohnsatz beträgt 5. Kostet das Gut dagegen 10 EUR, so ist mit dem Nominaleinkommen von einer Arbeitsstunde der Kauf von nur einer Gütereinheit möglich, der Reallohnsatz hat den Wert 1. Der Reallohn drückt also nichts anderes wie die Kaufkraft des Geldlohnes aus. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 145 146 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.75: Klassisches Arbeitsangebot Nach klassischer Ansicht orientieren die Arbeitnehmer ihr Arbeitsangebot am Reallohnsatz. Da die Haushalte das verständliche Interesse haben, möglichst viel zu verdienen, wird ihr Arbeitsangebot (BA) umso höher ausfallen, je höher der Reallohnsatz liegt. Damit lautet die Arbeitsangebotsfunktion: dBABA = BA (lr), mit –––– > 0dlr Graphisch weist sie folgende Gestalt auf: Sofern die Arbeitskräfte mit zunehmendem Einkommen ihre Freizeit als komplementäre Größe zur Arbeitszeit höher schätzen, verläuft die Angebotsfunktion progressiv. Bei sehr kurzfristiger Betrachtung ergäbe sich ein senkrechter Verlauf, d.h. die Arbeitsmenge würde auf Änderungen des Reallohnsatzes nicht reagieren. Unter sehr langfristigem Aspekt käme nach klassischer Auffassung hingegen eine horizontal verlaufende Angebotsfunktion zustande. Dahinter verbirgt sich das sog. „Malthusianische Gesetz“, wonach die Bevölkerungsentwicklung auf Dauer nur einen Lohnsatz zulässt, der dem Existenzminimum entspricht. Im Folgenden wird jedoch an Abbildung 2.75 ankgeknüpft und unterstellt, dass die Höhe des Arbeitsangebots weder völlig elastisch noch völlig unelastisch auf Lohnänderungen reagiert. b. Arbeitsnachfrage Bei der Erklärung der Arbeitsnachfrage tritt die den klassischen Ansatz kennzeichnende mikroökonomische Fundierung besonders deutlich zutage. Analog zur Nachfrage nach dem Produktionsfaktor Kapital verhalten sich die Unternehmer bei der Arbeitsnachfrage nach den Regeln des Grenzproduktivitätssatzes. Ein Zahlenbeispiel soll diesen Sachverhalt deutlich machen (Abb.2.76). Ausgangspunkt ist eine ertragsgesetzliche Produktionsfunktion. Bei konstantem Sachkapitalbestand führt eine Erhöhung des Arbeitseinsatzes zu einem unterproportionalen Anstieg des Outputs. Aus der willkürlichen Skalierung der Achsen folgen die in Abbildung 2.76 aufgeführten Zuordnungen von Arbeitseinsatz und S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 146 147 IV. Der Arbeitsmarkt 147 Abb.2.76: Produktionsfunktion und physisches Grenzprodukt der Arbeit S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 147 148 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.77: Klassische Arbeitsnachfrage Produktionsmenge. Der erste Arbeiter produziert 33 Stück eines Gutes, durch den zweiten Arbeiter erhöht sich die Produktion um 19 Stück auf 52 Gütereinheiten usw. Zeichnet man den Produktionszuwachs, der auf den jeweils zusätzlich eingestellten Arbeiter zurückgeht (= physisches Grenzprodukt der Arbeit) in das untere Diagramm von Abb.2.76 ein und verbindet diese Punkte miteinander, so erhält man die erste Ableitung der Produktionsfunktion. Die mathematische Herleitung des Grenzproduktivitätssatzes zeigt, dass diese Kurve nichts anderes darstellt als die Nachfrage nach Arbeit: Gewinn = Erlös-Kosten G = P · Y – l · B dG dY !––– = P · ––– – l = 0 dB dB dYP · ––– = l dB dY l––– = –– = lrdB P Die Unternehmer stellen aufgrund dieser Bedingung zusätzliche Arbeitskräfte so lange ein, wie der Grenzerlös der Arbeit (= Grenzwertprodukt = Produkt aus Preis und physischem Grenzprodukt der Arbeit) höher liegt als die Grenzkosten der Arbeit (= Geldlohnsatz). Die gewinnmaximale Produktionsmenge ist dann erreicht, wenn Grenzerlös und Grenzkosten übereinstimmen. Dann ist das physische Grenzprodukt der Arbeit gleich hoch wie der Reallohnsatz. Allgemein lautet die Funktion für die Arbeitsnachfrage (BN): dBNBN = BN (lr), mit –––– < 0dlr Graphisch hat sie folgendes Aussehen: S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 148 149 IV. Der Arbeitsmarkt 149 Abb.2.78: Gleichgewicht auf dem klassischen Arbeitsmarkt Aus diesen Überlegungen geht deutlich die Rolle der Löhne in der Klassik hervor. Löhne sind nach klassischer Ansicht in erster Linie als ein Kostenfaktor für die Wirtschaft zu sehen. Je höher die Arbeitskosten ausfallen, welche die Unternehmer tragen müssen, desto geringer ist deren Bereitschaft, neue Arbeitsplätze zu schaffen. c. Vollbeschäftigungsgleichgewicht Der Arbeitsmarkt ist der ökonomische Ort des Aufeinandertreffens von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Damit ergibt sich folgendes Bild: Im Gleichgewicht herrscht nach klassischer Auffassung stets Vollbeschäftigung. Dieser Tatbestand resultiert aus der Definition, wonach die Vollbeschäftigung ein Zustand ist, bei dem zum herrschenden Lohnsatz alle Arbeitswilligen auch einen Arbeitsplatz finden. Sollten beim Gleichgewichtslohnsatz l*r Arbeitskräfte nicht bereit sein, eine Arbeit aufzunehmen, so handelt es sich um freiwillige Arbeitslosigkeit. Existiert jedoch ein Lohnsatz, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, dann besteht zunächst eine unfreiwillige Arbeitslosigkeit (siehe Abb. 2.79). Beim Reallohnsatz lr, 1 beträgt das Arbeitsangebot BA1, dagegen liegt die Arbeitsnachfrage lediglich bei BN1. Dieser Angebotsmengenüberschuss bedeutet unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Nach klassischer Auffassung ist dieser Unterbeschäftigungszustand jedoch nicht von Dauer. Der Arbeitsmarkt ist ein Konkurrenzmarkt, d.h. es gelten die bekannten Modellannahmen wie Homogenität und Mobilität des Faktors Arbeit, volle Flexibilität der Löhne usw. Unter diesen Voraussetzungen werden die Arbeitslosen den bis dahin bestehenden Lohnsatz lr, 1 unterbieten, was durch geringere Nominallohnforderungen gelingt. Dadurch nimmt die Arbeitsnachfrage der Unternehmer zu. Dieser Prozess hält so lange an, bis l*r und damit Vollbeschäfti- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 149 150 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.79: Ungleichgewicht auf dem klassischen Arbeitsmarkt gung erreicht ist. Im umgekehrten Fall würden sich die Unternehmer bei einer bestehenden Überbeschäftigung mit dem Reallohnsatz überbieten, bis das Gleichgewicht wieder erreicht wäre. Die für die Erreichung des Vollbeschäftigungsgleichgewichts erforderliche Höhe des Reallohnsatzes ist nicht nur auf dem Weg von Änderungen des Nominallohnsatzes möglich. Denkbar sind auch Änderungen des Preisniveaus. Herrscht Arbeitslosigkeit, d.h. ist der Reallohnsatz zu hoch, so kann dessen Absinken auch über einen Anstieg des Preisniveaus herbeigeführt werden. Daraus folgt eine zentrale Aussage der Klassik: unfreiwillige Arbeitslosigkeit kann auf Dauer nur dann entstehen, wenn die Löhne auf zu hohem Niveau verharren, d.h. der Preismechanismus versagt. Genau dies ist aber zu erwarten. Die Prämissen der vollkommenen Konkurrenz treffen in der Realität nämlich nur auf wenige Märkte zu, insbesondere die Finanzmärkte. Der Arbeitsmarkt ist hingegen durch Marktunvollkommenheiten gekennzeichnet. So zeigen die Lohnverhandlungen, dass es sich beim Arbeitsmarkt eher um ein bilaterales Monopol bzw. ein unvollkommenes Oligopol als um ein vollkommenes Polypol handelt. Auch ist der Produktionsfaktor Arbeit nicht als homogen anzusehen. Ebenso realitätsfern ist die Annahme der unendlich schnellen Reaktionsgeschwindigkeit von Löhnen, die – wenn überhaupt – nur langsam reagieren („zähe Preise“). Hinzu kommen hohe Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt, wie etwa Mindestlöhne. Dadurch wird zu „falschen“ Preisen getauscht mit der Folge von sog. Mengenrestriktionen: eine Marktseite (hier die Arbeitnehmerseite) kann ihre Pläne nicht realisieren. Die Folge wird sein, dass die Haushalte ihre Konsumpläne nach unten revidieren. Die Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt haben also Konsequenzen für den Gütermarkt („spill-over-Effekte“), denn die rückläufige Güternachfrage zieht auf dem Gütermarkt eine Drosselung der Produktion nach sich mit entsprechend negativen Rückwirkungen auf die Arbeitsnachfrage. Im Übrigen ist zu bedenken, dass der gleichgewichtstheoretisch zustande kommende Reallohnsatz ein derart niedriges Niveau aufweisen könnte, dass es zu Massenelend käme. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 150 151 IV. Der Arbeitsmarkt 151 Abb. 2.80: Keynesianisches Arbeitsangebot 2. Der Keynesianische Ansatz a. Arbeitsangebot Auch nach Keynesianischer Ansicht determiniert der Lohnsatz das Arbeitsangebot. In der Literatur trifft man dabei auf die weit verbreitete These, dass die Haushalte die Bereitstellung ihrer Arbeitskraft am Nominallohnsatz orientieren, d.h. der sog. Geldillusion unterliegen. Dies besagt, dass die Arbeitnehmer bei der Bereitstellung ihrer Arbeitsleistung weder der Höhe noch der Veränderung des Preisniveaus Beachtung schenken, sondern nur „vordergründig“ auf den Geldlohnsatz schauen. Die neuere Exegese der Keynesschen Werke widerlegt jedoch diese populäre Interpretation. Auch nach Auffassung von Keynes richten nämlich die Arbeitnehmer ihr Arbeitsangebot am Reallohnsatz aus. Insofern besteht in diesem Punkt eine Gemeinsamkeit mit der klassischen Theorie. Eine Keynesianische Besonderheit stellt hingegen die Starrheit der Löhne dar. Bedingt durch die Organisation und die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt ist der Nominallohnsatz nach unten hin starr. Die Arbeitnehmer und deren Organisationen sind nicht bereit, ihre Arbeitsleistung unterhalb eines bestimmten Mindestlohnsatzes anzubieten. Bei konstantem Preisniveau ist auch der Reallohnsatz nach unten starr (lr, min). Damit nimmt die Arbeitsangebotsfunktion folgende Gestalt an: Der gestrichelt gezeichnete Teil der Arbeitsangebotsfunktion ist in der Realität nicht relevant. Die Funktion verläuft daher geknickt. b. Arbeitsnachfrage Auch auf der anderen Seite des Arbeitsmarktes schließt sich Keynes teilweise der klassischen Sicht an. Er übernimmt die Vorstellung, wonach zwischen der Arbeitsnachfrage und dem Reallohnsatz ein inverser Zusammenhang besteht. Im Gegensatz zur Klassik interpretiert Keynes dieses gegenläufige Verhältnis jedoch nicht als Kausalzusammenhang. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 151 152 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.82: Keynesianische Arbeitsnachfrage Abb.2.81: Gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsfunktion Entscheidend für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsnachfrage ist nach Auffassung der Keynesianer aber nicht die Höhe des Reallohnsatzes, sondern die effektive Gesamtnachfrage im güterwirtschaftlichen Bereich. Wie bereits an früherer Stelle dargelegt, entscheidet die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage über das Produktionsvolumen und damit den Beschäftigungsstand in der Volkswirtschaft. Daraus resultiert eine gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsfunktion, wie sie in Abbildung 2.81 dargestellt ist. Mit steigender Nachfrage nimmt ceteris paribus der Beschäftigungsgrad zu. Allerdings dürfte kaum damit zu rechnen sein, dass diese Funktion reversibel ist. Denn bei einem Rückgang der Nachfrage von N2 auf N1 erscheint es fraglich, ob angesichts bestehender institutioneller Faktoren, wie z.B. Kündigungsschutz, ein Abbau der Beschäftigung in dem Maße zustandekommt, wie es der Funktionsverlauf erwarten lässt. Die Funktion der Arbeitsnachfrage nimmt daher folgende Form an: S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 152 153 IV. Der Arbeitsmarkt 153 Abb.2.83: Unterbeschäftigungsgleichgewicht auf dem Keynesianischen Arbeitsmarkt Die Arbeitsnachfrage weist bis zur Beschäftigungsmenge B’ den aus der Klassik bekannten Verlauf auf. Dann knickt die Funktion allerdings senkrecht nach unten ab. Der gestrichelt gezeichnete Teil der Funktion ist nach Keynesianischer Auffassung makroökonomisch irrelevant. Ursache hierfür ist die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, zu deren Befriedigung lediglich der Arbeitseinsatz B’ erforderlich ist. Eine Ausdehnung der Beschäftigung über B’ hinaus kommt für die Unternehmer nicht in Betracht, da die dann zusätzlich eingestellten Arbeitnehmer infolge fehlender Auftäge keine Arbeit hätten. c. Unterbeschäftigungsgleichgewicht Fügt man das Arbeitsangebot und die Arbeitsnachfrage zusammen, so erhält man den Arbeitsmarkt, wie er sich aus Keynesianischer Sicht darstellt: Trotz Übereinstimmung von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage (Punkt P) finden nicht alle Arbeitswilligen, die zum herrschenden Lohnsatz (lr, min) arbeiten wollen, einen Arbeitsplatz, sondern nur der Teil BUB findet eine Stelle. Mit anderen Worten, es tritt unfreiwillige Arbeitslosigkeit (AL) auf. Diesen Zustand bezeichnet man als „Unterbeschäftigungsgleichgewicht“. Der Begriff erscheint zunächst als ein Widerspruch in sich selbst, denn mit „Gleichgewicht“ verbindet man auf dem Arbeitsmarkt üblicherweise die Erreichung der Vollbeschäftigung. Das Unterbeschäftigungsgleichgewicht ist so zu verstehen, dass der Arbeitsmarkt im Zustand der Unterbeschäftigung verharrt. Hintergrund hierfür ist das Verharren der Güternachfrage auf einem Niveau, welches eine zu geringe Arbeitsnachfrage zur Folge hat. Verantwortlich für die zu geringe Güternachfrage können insbesondere die noch näher zu beschreibende „Investitionsfalle“ (IS-Kurve verläuft senkrecht) bzw. die „Liquiditätsfalle“ (LM-Kurve verläuft waagrecht) sein. Eine Verbesserung der Beschäftigungslage wäre selbst dann nicht möglich, falls die Nominallöhne gesenkt würden. Die Arbeitsangebotsfunktion würde sich (sofern S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 153 154 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens das Preisniveau nicht stärker sinkt als der Nominallohnsatz) nach unten verschieben, ohne dass es zu einer Mehrbeschäftigung käme. Die sinkenden Nominallöhne könnten sogar die Arbeitslosigkeit noch erhöhen, da mit einem Rückgang der Konsum- und damit der Güternachfrage gerechnet werden muss; dies würde eine Verschiebung der Arbeitsnachfragefunktion nach links zur Folge haben. Allgemeine Lohnsenkungen sind also bei Keynes – im Gegensatz zur Klassik – kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. Um das Vollbeschäftigungsgleichgewicht (B*VB) zu erreichen, muss die Kurve der Arbeitsnachfrage so weit nach rechts verschoben werden, bis sie durch den Punkt Q geht. Dies erfordert einen entsprechenden Anstieg der Güternachfrage. Auslöser hierfür könnte beispielsweise der Staat sein, indem er seine autonomen Ausgaben erhöht bzw. die Steuern senkt, oder die privaten Haushalte, die sich zu einer Steigerung der marginalen Konsumneigung entschließen. Eine weitere Möglichkeit für die Rechtsverlagerung der Arbeitsnachfragefunktion ist nach Keynesianischer Meinung in einer Erhöhung der Nominallöhne zu sehen. Dadurch steigt das Einkommen der Arbeitnehmer an, worauf diese eine höhere Nachfrage nach Konsumgütern entfalten können. Die solchermaßen ausgelöste Steigerung der Güternachfrage zieht ebenfalls einen positiven Beschäftigungseffekt nach sich; dieser kann sogar noch verstärkt werden, falls die steigende Güternachfrage zu einem Anstieg des Preisniveaus und damit sinkenden Reallöhnen führt. Diese Überlegungen bilden den Inhalt der sog. „Kaufkrafttheorie“. Sie betont die Rolle der Löhne in ihrer Eigenschaft als Einkommen und damit potenzielle Nachfrage. Allerdings sieht sich dieser Ansatz verschiedenen Kritikpunkten ausgesetzt. Zunächst müssen die Sickerverluste beachtet werden. Beträchtliche Anteile der Löhne und Gehälter entfalten im Inland keine unmittelbare Nachfrage, sondern fließen an den Staat (Steuern und Beiträge), ins Ausland (Importe) bzw. werden gespart. Ein weiteres Problem ist in der Tatsache zu sehen, dass Lohn- und Gehaltssteigerungen für die Arbeitgeberseite einen Anstieg der Kosten bedeuten. Neben den an die Arbeitnehmer zu zahlenden höheren Bruttolöhne und -gehälter fallen für die Unternehmen zusätzliche Lohnnebenkosten an. Diese Kostensteigerungen können – insbesondere, wenn sie den Zuwachs der Arbeitsproduktivität übersteigen – zu einer Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führen bzw. bergen die Gefahr der Tätigung von Rationalisierungsinvestitionen sowie der Verlagerung von Produktionsstätten ins kostengünstigere Ausland in sich. All diese Effekte wirken kontraproduktiv auf den Beschäftigungsstand im Inland. Schließlich ist zu erwarten, dass Lohn- und Gehaltserhöhungen in die Güterpreise hineinkalkuliert werden und damit die Inflation anheizen können. Dies wiederum verschlechtert nicht nur die Reallohnposition der Arbeitnehmer, sondern gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Volkswirtschaft; außerdem verringert Inflation das Realvermögen, wodurch mit negativen Rückwirkungen auf die Konsumnachfrage der privaten Haushalte zu rechnen ist. Sollten die Preise stärker steigen als die Lohn- und Gehaltserhöhungen ausfallen, so würde dies ein Absinken des Reallohnsatzes bedeuten. Die Folge wäre ceteris paribus eine höhere Arbeitsnachfrage und damit eine Zunahme der Beschäftigung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob in einem inflatorischen Umfeld überhaupt S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 154 155 IV. Der Arbeitsmarkt 155 Neueinstellungen vorgenommen werden. Bekanntlich zieht Inflation negative Konsequenzen für das gesamte Wirtschaftsleben nach sich. Die Allokationsfunktion der Preise wird gestört mit all den negativen Folgen für Wachstum und Beschäftigung, es kommt zu einer ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung, das Geld kann unter Umständen seine Funktionen nicht mehr erfüllen. Lohn- und Gehaltserhöhungen sollten daher nur in dem Maße erfolgen, wie sie nicht inflatorisch wirken, da sonst die Gefahr besteht, dass sich die Arbeitnehmer per Saldo schlechter stellen als vor den Einkommenserhöhungen. Abb.2.84: Zusammenfassende Übersicht des Arbeitsmarktes Abbildung 2.84 enthält eine zusammenfassende Übersicht des Arbeitsmarktes. Die unterschiedlichen paradigmatischen Positionen hinsichtlich der Bedeutung der Löhne als Kostenfaktor einerseits bzw. als nachfrageschaffendes Einkommen andererseits machen die kontroverse Diskussion zur Lösung des Arbeitslosenproblems bzw. bei Tarifverhandlungen verständlich. Während nach klassicher Meinung die Unterbeschäftigung eine Folge zu hoher Löhne ist, vertreten die Keynesianer die Meinung, die Arbeitslosigkeit sei Ergebnis zu geringer Löhne. Angesichts dieser rivalisierenden Auffassungen liegt es auch nahe, dass sich die Tarifpartner die jeweils ihren Interessen entsprechende Position zueigen machen. Verknüpft man den Arbeitsmarkt mit dem Gütermarkt und dem Geldmarkt, so ergibt sich das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht. Dieses bildet den Gegenstand des nächsten Punktes. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 155

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007