I. Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 10 - 12

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_10

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1 1 Einführung in die Makroökonomik I. Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik Die Wirtschaftswissenschaften werden traditionell in die Betriebswirtschaftslehre (BWL) und die Volkswirtschaftslehre (VWL) unterteilt. Wenngleich für diese beiden Bereiche keine einheitlichen Definitionen anzutreffen sind, so ist dennoch festzuhalten, dass sich die Betriebswirtschaftslehre mit dem Betrieb als Ort der Leistungserstellung und Leistungsverwertung sowie der Unternehmung als Entscheidungszentrum befasst, während die Volkswirtschaftslehre weitergehend sämtliche Erscheinungsformen des Wirtschaftslebens zum Gegenstand hat. Häufig erfolgt eine Aufteilung der auch als „Nationalökonomie“ bezeichneten Volkswirtschaftslehre in die drei Blöcke • Wirtschaftstheorie • Wirtschaftspolitik • Finanzwissenschaft Allerdings erweist sich dieses Vorgehen als problematisch. Zum einen wird hierdurch das verbreitete Vorurteil unterstützt, Theorie und Politik seien zwei verschiedene „Welten“, die nichts miteinander zu tun hätten. Diese unzutreffende Vorstellung übersieht jedoch, dass Theorie und Politik untrennbar miteinander verbunden sind. Eine rationale Wirtschaftspolitik benötigt unabdingbar Kenntnisse über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die von der Theorie aufzudecken sind. Umgekehrt eröffnen sich der Wirtschaftstheorie neue Aufgabenfelder durch Probleme, die sich den Wirtschaftspolitikern stellen. Im Rahmen dieses Buches wird zu zeigen sein, inwieweit die Wirtschaftstheorie mithilfe von teilweise komplizierten Modellen der Wirtschaftspolitik fundierte Handlungsanweisungen liefern kann. Zum anderen erscheint die Isolierung der Finanzwissenschaft, die sich mit dem wirtschaftlichen Handeln des Staates befasst, fragwürdig. Wenngleich Gebiete wie Steuereinnahmen oder Staatsausgaben eine eigenständige Abhandlung erlauben, so ist doch die wirtschaftliche Verflechtung der öffentlichen Gebietskörperschaften mit der privaten Wirtschaft sehr ausgeprägt. Der wachsende Anteil des Staates an der Gesamtwirtschaft macht daher dessen Einbeziehung in allgemeine wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische Überlegungen notwendig. Hält man trotz dieser Vorbehalte an der erwähnten Dreiteilung der Volkswirtschaftslehre fest, dann spaltet man die Wirtschaftstheorie üblicherweise in die Mikroökonomik und die für uns im Mittelpunkt stehende Makroökonomik auf. Da für die Makroökonomik keine allgemein gültige Definition existiert, erscheint es zweckmäßig, deren Gegenstand anhand typischer Fragestellungen sowie durch einen Vergleich mit der Mikroökonomik herauszuarbeiten. S. 1-6 Einführung.qxd 05.12.2012 7:35 Uhr Seite 1 Zwischen den beiden genannten Teilbereichen der Wirtschaftstheorie gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sowohl die Mikro- als auch die Makroökonomik analysieren die Verhaltensweisen von Wirtschaftssubjekten (Wirtschaftseinheiten), das sind natürliche und juristische Personen, die ökonomische Entscheidungen treffen. Üblicherweise geschieht die Klassifikation der wirtschaftlichen Akteure nach deren ökonomischer Aktivität: • Haushalte treffen typischerweise Konsumentscheidungen • Unternehmungen treffen typischerweise Produktions- und Investitionsentscheidungen. Erkenntnisobjekt der Mikroökonomik – sie wird auch als „Mikroökonomie“ oder „mikroökonomische Theorie“ bezeichnet – ist das einzelne Wirtschaftssubjekt. Die Betrachtungen des Kaufverhaltens eines einzelnen Haushalts münden in die Theorie der Nachfrage, in der die Herleitung der Determinanten der individuellen Konsumnachfrage aufgrund von Nutzenmaximierungsüberlegungen erfolgt. Analog analysiert die Theorie des Angebots das Produktionsverhalten einer einzelnen Unternehmung, die nach dem Gewinnmaximum strebt. Schließlich ermittelt die mikroökonomische Theorie im Rahmen der Preis- und Markttheorie den Preis eines einzelnen Gutes, der das Angebot und die Nachfrage auf dem Markt dieses Gutes zur Übereinstimmung bringt. Aufgrund ihres Untersuchungsobjektes vernachläßigt die mikroökonomische Theorie verständlicherweise Fragestellungen, welche die Konjunktur, den Arbeitsmarkt, den Staat, die Zentralbank oder das Ausland betreffen. Demgegenüber interessiert sich die Makroökonomik, für die auch die Bezeichnungen „Makroökonomie“ bzw. „makroökonomische Theorie“ gebräuchlich sind, weniger für das Individualverhalten. Im Vordergrund steht hier vielmehr das Durchschnittsverhalten der Wirtschaftssubjekte. An die Stelle der Nachfrage des einzelnen Haushalts tritt die gesamte Nachfrage aller privaten Haushalte einer Volkswirtschaft. Entsprechend tritt an die Stelle der individuellen Produktion einer einzelnen Unternehmung die Gesamtproduktion aller Unternehmungen, die ihren Ausdruck im Sozialprodukt bzw. im Volkseinkommen findet. Außerdem interessieren unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten die Investitionen der Unternehmungen. Bezüglich der Güterpreise erfolgt in der makroökonomischen Betrachtung die Erklärung des Preisniveaus einer Volkswirtschaft, während ein einzelner Preis keine weitere Beachtung findet. Darüber hinaus behandelt die makroökonomische Theorie auch solche Bereiche, die in der Mikroökonomik ausgeklammert bleiben. Hierzu gehören insbesondere Fragen der Beschäftigung sowie die Bedeutung des Staates (Staatseinnahmen, Staatsausgaben, Haushaltsausgleich), des Auslandes (Exporte, Importe) und des Geldes in der Volkswirtschaft. Die bisher aufgezählten Aspekte bilden den Inhalt der makroökonomischen Theorie im engeren Sinne, die auch die Bezeichnung „Einkommens- und Beschäftigungstheorie“ trägt. Des weiteren können der Makroökonomik auch die Konjunktur-, Wachstums- und Verteilungstheorie, die spezifische Geld- und Außenwirtschaftstheorie sowie das Volkswirtschaftliche Rechnungswesen zugerechnet werden. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Theorien liegt also in der Betrachtungsebene. Die makroökonomische Theorie fasst sowohl gleichartige öko- 2 Einführung in die Makroökonomik S. 1-6 Einführung.qxd 05.12.2012 7:35 Uhr Seite 2 Abb. 1.1: Vergleich der mikro- mit der makroökonomischen Theorie 3 I. Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik 3 nomische Größen als auch gleichartige Personengruppen zusammen. Man bezeichnet dieses Vorgehen als Aggregation bzw. die solchermaßen zusammengefassten Größen und Gruppen als Aggregate. An dieser Stelle sollte ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die mikroökonomische Theorie ebenfalls eine makroökonomische Thematik behandelt, nämlich die Struktur gesamtwirtschaftlicher Größen. Die Funktionsweise des mikroökonomisch fundierten Preismechanismus sorgt in einer Marktwirtschaft für die Lösung des Allokationsproblems, d.h. für die optimale Zusammensetzung der Gesamtproduktion. Demgegenüber befasst sich die Makroökonomik mit dem Niveau von gesamtwirtschaftlichen Größen. Einen kurzen zusammenfassenden Überblick zum Verhältnis von mikro- und makroökonomischer Theorie vermittelt folgende Übersicht: Im Mittelpunkt diese Buches steht die makroökonomische Theorie im engeren Sinne, also die Einkommens- und Beschäftigungstheorie. Für deren Verständnis sind jedoch bestimmte Grundkenntnisse des Volkswirtschaftlichen Rechnungswesens unabdingbare Voraussetzung. Diese bilden den Gegenstand des ersten Teils dieses Buches. S. 1-6 Einführung.qxd 05.12.2012 7:35 Uhr Seite 3

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007