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2.2 Theoretische Erklärungsansätzezur Entstehung von Nonprofit-Organisationen in:

Silke Boenigk, Bernd Helmig

Nonprofit Management, page 53 - 65

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3707-2, ISBN online: 978-3-8006-4614-2, https://doi.org/10.15358/9783800646142_53

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 44 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors44 schen Wohlfahrtsverbände im Kontext der Europäischen Integration auch Lange 2003). Abbildung 2-1 fasst die skizzierte Entwicklung graphisch zusammen. 2.2 Theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von Nonprofit-Organisationen 2.2.1 Theoretische Erklärungsansätze im Überblick Theorien zur Existenz von Nonprofit-Organisationen bzw. des Nonprofit- Sektors finden sich in verschiedenen Fachdisziplinen, insbesondere in den Bereichen Ökonomie, Soziologie und Politologie (Anheier/Ben-Ner 1997). Trotz jüngerer theoretischer Weiterentwicklungen sind die volkswirtschaftlichen Theorien, die maßgeblich in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt wurden, „im Mittelpunkt des konzeptionellen Verständnisses des Nonprofit-Sektors“ (Toepler/Anheier 2005, S. 48). Theorieblock: Was ist eine Theorie? Der Begriff kommt aus dem Griechischen: théa „das Anschauen, das Angeschaute“ und horáein „sehen“. Unter einer Theorie versteht man sowohl ein widerspruchsfreies System von wissenschaftlichen Aussagen über eine (hypothetische) gesetzmäßige Ordnung, als auch über einzelne empirische Befunde eines bestimmten Erkenntnis- bzw. Objektbereichs. Einen Überblick über ausgewählte Theorien zu dem Zweck der Erklärung der Entstehung von Nonprofit-Organisationen (sog. Existenztheorien) vermittelt Abbildung 2-2. Neben den volkswirtschaftlichen Existenztheorien wurden insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren auch politikwissenschaftliche Ansätze entwickelt. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Interdependenztheorie zu nennen, die jedoch stark auf ökonomischen Argumenten basiert. So wird postuliert, dass Nonprofit-Organisationen wegen geringerer Transaktionskosten Vorläufer staatlicher Eingriffe aufgrund von Marktversagen sind. Ferner ergeben sich wegen des gleichzeitigen Philanthropieversagens, so die Vertreter der Interdependenztheorie, Synergien aus einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nonprofit-Organisationen und Staat. Insofern wird im Rahmen dieses Denkansatzes Abstand genommen von der Annahme eines Markt- und Staatsversagenstheorie (Heterogenitätstheorie) Kontraktversagenstheorie (Theorie der Informations-Asymmetrie) und Theorie der Konsumentenkontrolle (Stakeholderansätze) Theorien des Unternehmertums Soziologische Theorien Ökonomische Theorien Politologische Theorien Abbildung 2-2: Überblick über theoretische Ansätze zur Erklärung des Vorhandenseins von Nonprofit-Organisationen (Existenztheorien) Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 45 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 45 inhärenten Konfliktes zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen. Somit können beispielsweise Public Private Partnerships (PPPs) theoretisch fundiert und erklärt werden, wobei hier die Annahme eines neutralen, gut meinenden Staates getroffen wird. Zudem wird im Rahmen der Interdepenztheorie auch nicht zwischen wertorientiertem und wertneutralem Verhalten differenziert und die Bedingungen, unter denen Synergien durch Partnerschaften entstehen, werden nicht weiter spezifiziert (Toepler/Anheier 2005, S. 63). Ein anderer bekannter politikwissenschaftlicher Ansatz ist die Institutionelle Theorie (Social Origins Theory; Salamon/Anheier 1998). Gemäß dieser Denkweise reflektiert die Größe und die Struktur des Nonprofit-Sektors eines Landes den Grad seiner Einbindung in komplexe Beziehungsnetzwerke und soziale Klassen. Dabei handelt es sich um einen historisch-vergleichenden Ansatz auf der Basis der Analyse von Pfadabhängigkeiten (Path Dependencies), der die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft betrachtet. Die Institutionelle Theorie nimmt Abstand von den herkömmlichen mikroökonomischen Theorien und kontextualisiert damit die Interdependenztheorie. Nachteilig erscheint jedoch, dass die theoretischen Aussagen im Hinblick auf historische, länderspezifische und kulturelle Variationen in der Entwicklung des jeweiligen Nonprofit-Sektors empirisch kaum überprüfbar sind (Toepler/Anheier 2005, S. 63). Ein prominenter Vertreter der Politikwissenschaften, der die Diskussion zur Existenz von Nonprofit-Organisationen in Deutschland stark geprägt hat, ist Wolfgang Seibel. Er verdeutlichte das Zusammenspiel von Staat und Nonprofit-Organisationen, das er „funktionalen Dilettantismus“ bzw. „erfolgreiches Scheitern“ bezeichnet. Im Rahmen seines Erklärungsansatzes wird davon ausgegangen, dass Nonprofit-Organisationen an ineffizienten Strukturen, Missmanagement, mangelndem Verantwortungsbewusstsein und unklaren Entscheidungsstrukturen leiden. Gerade diese Unzulänglichkeiten sind es, die das Überleben von Nonprofit-Organisationen durch die Förderung des Staates garantieren: Der Staat überträgt gesellschaftliche Probleme, die er selbst nicht lösen kann, an die Nonprofit-Organisationen, die er dann finanziell unterstützt. Die Nonprofit- Organisationen sind dem gemäß lediglich eine „politische Mülltonne“, weil vordergründig etwas gegen die gesellschaftlichen Probleme getan wird (Seibel 1994). In der soziologischen Forschung wurden die Nonprofit-Organisationen erstmalig intensiv in den 1970er Jahren behandelt. Ausgangspunkt war dabei das ehrenamtliche bzw. freiwillige Engagement als Ausdruck bürgerschaftlicher Partizipation (Simsa 2007). Eine bedeutsame Rolle spielt dabei der kommunitaristische Zugang, der die Bedeutung wertorientierten Handelns und der gemeinschaftlichen Verankerung von Gesellschaft betont (Etzioni 1973). Andere soziologische Arbeiten beziehen sich auf verschiedene Nonprofit-Typen bzw. -Rechtsformen, wie Verbände, Genossenschaften oder soziale Bewegungen. Insofern konstatieren die soziologischen Vertreter auch, dass bislang noch nicht von einer integrierten Soziologie der Nonprofit-Organisationen gesprochen werden kann (Simsa 2007; Wex 2004), während innerhalb der Ökonomie eine weitaus umfassendere Theoriebildung stattfindet. Dies überrascht umso mehr, als die Forderung nach einer übergreifenden Perspektive der Nonprofit-Organisationen von Max Weber bereits 1910 anlässlich des ersten deutschen Soziologentages auf- Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 46 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors46 gestellt wurde: „Fundamentale Aufgabe einer jeden Gesellschaft für Soziologie ist [es], diejenigen Gebilde zum Gegenstand ihrer Arbeit zu machen, welche man konventionell als ,gesellschaftliche‘ bezeichnet, d. h. alles das, was zwischen den politisch organisierten und anerkannten Gewalten – Staat, Gemeinde und offizielle Kirche – auf der einen Seite und der naturgewachsenen Gemeinschaft der Familie auf der anderen Seite in der Mitte liegt. Also vor allem: eine Soziologie des Vereinswesens im weitesten Sinne des Wortes, vom Kegelclub – sagen wir es ganz drastisch! – angefangen bis zur politischen Partei und zur religiösen oder künstlerischen oder literarischen Sekte.“ (Weber 1988, S. 441 f.). Bislang gibt es also nicht die Soziologie der Nonprofit-Organisationen, sondern vielmehr verschiedene Denkansätze, die sich hinsichtlich ihrer Reichweite in makro- und mikrosoziologische Theorien differenzieren lassen. Erstere analysieren gesamtgesellschaftliche Phänomene, wie beispielsweise die Rahmenbedingungen und Funktionen von Nonprofit-Organisationen. Ein tiefgreifendes Verständnis des Nonprofit-Sektors setzt die Kenntnis gesellschaftlicher Phänomene voraus. Einige dieser Phänomene, wie beispielsweise die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit (Volunteering) bzw. zu ehrenamtlicher Mitarbeit (Board Membership) oder die Partizipation an sozialen Bewegungen (Social Movements), sind dabei von besonderer Relevanz für Nonprofit-Organisationen. Ferner zeigen makrosoziologische Theorien die vielschichtige Bedeutung des Nonprofit-Sektors, da die Soziologie auch die Funktionen von Nonprofit-Organisationen aus gesellschaftlicher Perspektive berücksichtigt. Mikrosoziologische Theorien widmen sich nicht der Frage nach der Existenz von Nonprofit-Organisationen und deren Einbettung in die Gesellschaft, sondern analysieren organisationale Strukturen. Dass hierbei viele Berührungspunkte mit der Betriebswirtschaftslehre existieren ist offensichtlich. Der Organisationssoziologie geht es dabei primär um das umfassende Verstehen von Nonprofit-Organisationen und ihren Strukturen (Simsa 2007). Einen soziologischen Erklärungsansatz zur Entstehung von Nonprofit-Organisationen liefert Rudolph Bauer (1990) mit seinem Konzept der Mediatisierung. Im Rahmen dieses Ansatzes wird ein charakteristisches Merkmal der institutionellen Rolle der Nonprofit-Organisationen hervorgehoben, nämlich dass Nonprofit-Organisationen die „Mediations-Agenturen“ zwischen den formalen Strukturen von Staat und Markt darstellen (Bush 1992). Diese genannten, stark verkürzt und vereinfachend dargestellten Erklärungsansätze aus der soziologischen bzw. politologischen Literatur sollen verdeutlichen, dass Wissenschaftler zur Beantwortung von nonprofit-relevanten Fragestellungen zumeist eine integrative und breite theoretische Basis benötigen und somit neben den ökonomischen auch Theorien aus der Soziologie, Politikwissenschaft oder gar anderen Fachdisziplinen herangezogen werden müssen (vgl. auch Douglas 1987; Zimmer/Hallmann 2005; Clemens 2006). Im Bereich der wissenschaftlichen Forschung zum Nonprofit-Sektor bilden die aufgeführten Theoriestränge insgesamt eine wichtige Verständnisgrundlage. So helfen die verschiedenen Ansätze bzw. Denkweisen dabei, so grundsätzliche Fragen wie die nachfolgend aufgelisteten zu beantworten (Toepler/Anheier 2005; Wörz 2008): Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 47 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 47 • Warum existieren Nonprofit-Organisationen zwischen Markt und Staat? • Warum gibt es unterschiedliche Kombinationen von gemeinnützigen, staatlichen und kommerziellen Dienstleistern in verschiedenen Tätigkeitsbereichen (z. B. Kultur, Sozial- und Gesundheitswesen, Umweltschutz)? • Warum unterscheidet sich der Nonprofit-Sektor in seinen Dimensionen und Strukturen im Ländervergleich? Unten stehend werden nun die wesentlichen, in Abbildung 2-2 aufgeführten, ökonomischen Theorien zur Erklärung der Existenz von Nonprofit-Organisationen beschrieben (zu Evaluationen der ökonomischen Theorien vgl. auch Hansmann 1987; DiMaggio/Anheier 1990; James 1990; Steinberg 1997 sowie Hughes 2006). 2.2.2 Theorie des Marktversagens/Staatsversagens ( Heterogenitäts theorie) Der wohl bedeutsamste und einflussreichste theoretische Ansatz zur Erklärung des Vorhandenseins von Nonprofit-Organisationen stammt von Burton A. Weisbrod (1977), der die Existenz dieser Organisationen mit der klassischen Wirtschaftstheorie in Einklang zu bringen versuchte. Dieser Versuch ist in der Literatur bekannt als Theorie des „Marktversagens/Staatsversagens“, teilweise wird dieser Theorieansatz auch als Heterogenitätstheorie bezeichnet (Steinberg 2006). Die Theorie des Markt-/Staatsversagens geht von der Erkenntnis aus, dass der Markt, trotz seiner Vorteile, nicht immer dazu im Stande ist, die sogenannte Trittbrettfahrerproblematik in der Bereitstellung öffentlicher bzw. kollektiver Güter zu lösen. Dieses „Versagen des Marktes“ liefert im klassischen ökonomischen Denken die Rechtfertigung für Eingriffe des Staates, um die vom Markt nicht befriedigte Nachfrage nach öffentlichen oder kollektiven Gütern zu decken (Salamon/Anheier 1997). Theorieblock: Kollektivgut (öffentliches Gut)/Meritorisches Gut Der Kollektivgut-Begriff dient zur Abgrenzung von Individualgütern aufgrund von bestimmten Merkmalen, v. a. der Nichtanwendbarkeit des Ausschlussprinzips (die Nutzung des kollektiven Gutes kann nicht von der Zahlung eines Entgelts abhängig gemacht werden, weil der Nutzungsausschluss nicht durchsetzbar ist) und dem nicht rivalisierenden Konsum (der den Individuen aus der Nutzung des Kollektivguts entstehende Nutzen ist unabhängig von der Zahl der Nutzer, d. h. es besteht kein Überfüllungsproblem). Abzugrenzen davon ist der Begriff „Meritorisches Gut“, der auf Richard A. Musgrave zurückzuführen ist. Hierunter versteht man in den Wirtschaftswissenschaften ein grundsätzlich privates Gut, das durch den Staat (bzw. durch staatliche Subventionen) bereitgestellt wird. Die Annahme ist, dass aufgrund verzerrter Präferenzen der Nachfrager (Bürger/Konsumenten) deren Wünsche – gemessen am gesellschaftlich wünschenswerten Versorgungsgrad („Merit Wants“) – zu einer suboptimalen Allokation dieser Güter führen. Umgekehrt bezeichnet man ein Gut als demeritorisch, wenn dieser Nutzen als geringer angesehen wird, und daher die Nachfrage behindert werden sollte. Die Förderung meritorischer Güter wird als Meritorisierung bezeichnet. Beispiele für meritorische Güter sind das Ausbildungs-, Gesundheits- und Kulturwesen. Allerdings zeigt Weisbrod (1977) auf, dass der Staat diese Rolle in einer Demokratie nur dann ausüben kann, wenn eine Mehrheit der Wähler die Produktion Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 48 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors48 eines bestimmten Kollektivguts unterstützt. Dort hingegen, wo es zu größeren Meinungsverschiedenheiten darüber kommt, welche kollektiven Güter staatlich bereitgestellt werden sollen, kann es mitunter zu Schwierigkeiten kommen, den notwendigen Mehrheitskonsens zu erzielen. In der Folge bleibt der Bedarf für Kollektivgüter weitgehend unbefriedigt. Dieses „Staatsversagen“ ist theoriegemäß dort am wahrscheinlichsten, wo die Bevölkerung sehr heterogen zusammengesetzt ist und daher Meinungsverschiedenheiten über die Art der vom Staat bereitzustellenden Kollektivgüter sehr leicht auftreten. In einer solchen Situation werden sich Individuen an Nonprofit-Organisationen wenden, um diejenigen Kollektivgüter zu erhalten, die ihnen weder der Markt noch der Staat bieten können. Nach dieser Heterogenitätstheorie liegt die Funktion von Nonprofit-Organisationen also darin, die unbefriedigte Nachfrage nach Kollektivgütern zu decken, bei deren Bereitstellung sowohl der Markt als auch der Staat „versagen“. Theorieblock: Trittbrettfahrereffekt Die fehlende Bereitschaft der Individuen einen Preis für ein öffentliches Gut zu entrichten wird in der Ökonomie als „Trittbrettfahrerverhalten“ bezeichnet. Weil es zu viele dieser „free rider“ gibt, wird das öffentliche Gut der Theorie nach gar nicht erst angeboten. Weil die Marktteilnehmer nicht in der Lage sind, öffentliche Güter in ausreichendem Maße bereitzustellen (Marktversagen), springt der Staat ein. Die Individuen bringen dann über Steuern und Abgaben die Kosten für die öffentlichen Güter auf. 2.2.3 Theorien des Kontraktversagens und der Konsumentenkontrolle Die Theorien des Kontraktversagens, die eine Variante des Prinzipal-Agent Problems darstellen, führen die Existenz von Nonprofit-Organisationen nicht auf ein Versagen von Markt und Staat in der Bereitstellung bestimmter kollektiver Güter zurück, sondern auf eine andere Art von Marktversagen, nämlich auf Informationsasymmetrien, die wiederum zu „Vertrags- bzw. Kontraktversagen“ führen (Ortmann/Schlesinger 1997). Diesem Ansatz zufolge können Nachfrager (bzw. Konsumenten) bei bestimmten Transaktionen nicht auf alle notwendigen Informationen zurückgreifen, um die Qualität angebotener Leistungen vernünftig beurteilen zu können. Dies trifft insbesondere in solchen Fällen zu, in denen der Leistungskäufer nicht mit dem Leistungsnachfrager übereinstimmt. Beispiele für solcherlei Leistungsbeziehungen sind die Auswahl eines Kinderkrankenhauses durch die Eltern der betroffenen Kinder (Helmig 2003) oder die Wahl eines Seniorenwohnheimes durch einen Angehörigen des betroffenen älteren Menschen (Helmig/Michel 2000). In diesen Fällen ergeben sich für die Leistungsproduzenten Anreize die Informationsasymmetrien auszunutzen und geringwertigere Leistungen zu produzieren als vertraglich vereinbart. Die Leistungsbezieher haben daher Anlass, dem Produzenten zu misstrauen. Daher werden die Nachfrager nach anderen Kriterien suchen, um die Menge und Qualität der vereinbarten Leistungen sicher zu stellen. Eines dieser möglichen Kriterien ist der Nonprofit-Status des Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 49 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 49 Leistungsanbieters. Auf Grund des Gewinnausschüttungsverbotes (der sog. „nondistribution constraint“, die als Charakteristikum von Nonprofit-Organisationen erstmalig von Hansmann (1980) diskutiert wurde) haben Nonprofit- Organisationen im Gegensatz zu kommerziellen Leistungsanbietern keinen Anreiz durch Senkung der Leistungsqualität zusätzliche Gewinne zu erzielen. Von daher signalisiert der Nonprofit-Status Vertrauenswürdigkeit und potenzielle Nachfrager werden sich in diesen Fällen vorzugsweise an Nonprofit- Organisationen wenden. Insbesondere Hansmann (1980) erklärt die Entstehung der Nonprofit-Organisation mit Hilfe der vorgenannten Schwächen der privaterwerbswirtschaftlichen Unternehmen. Er geht insbesondere im Bereich der Sozialdienste und der privaten Wohlfahrt davon aus, dass die Konsumenten Nonprofit-Organisationen den normalen Wirtschaftsunternehmen auf Grund ihrer höheren Vertrauenswürdigkeit vorziehen. Minicase: Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter Insgesamt verzichte allein das Gesundheitswesen durch die Privilegierung der Wohlfahrtspflege auf ein Outsourcingpotenzial von jährlich fast 270 Millionen Euro, behauptet Caterer de Haan. Das schadet Krankenkassen, nützt aber den karitativen Einrichtungen, deren Löhne und Gehälter sich immer noch am gut gepolsterten öffentlichen Dienst orientieren. „Insoweit sind weniger die Leistungsempfänger, sondern eher die Leistungserbringer Nutznießer der umsatzsteuerlichen Vergünstigungen“, hat der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium jüngst in einem Gutachten festgestellt. Gemeinnützigkeit hat ihren Preis: Sie verführt zu teurer Ineffizienz, während gewinnorientierte Anbieter wie Sodexho, zu Disziplin verdammt, die Kassen der Sozialversicherer schonen würden. Schon Ende der neunziger Jahre drosch die Monopolkommission ziemlich ungnädig auf die Wohltäter ein. „Das kartellartige Erscheinungsbild der Wohlfahrtsverbände stellt den Gegenpol zu der Verhandlungs- und Nachfragemacht des Staates dar“, heißt es in dem Gutachten. Mit anderen Worten: Die staatlich gewährten Privilegien sichern der Wohlfahrtspflege ihre führende Marktstellung im Sozialbereich. Unbehelligt von Wettbewerbern, handeln sie mit den Kostenträgern Pflegesätze für das Altenheim oder Betreuungskosten für den Kindergarten aus: Im teuren Kartell wird Hand in Hand gearbeitet. Die Wohlfahrtsbranche kennt diese Kritik. Und reagiert ziemlich gelassen. Denn sie weiß die öffentliche Meinung auf ihrer Seite. Wer Gutes tut, ist vor Wirtschaftlichkeitskritik geschützt. Durch den Verweis auf ihren Nonprofit-Status (der in Wirklichkeit nur ein Verzicht auf Gewinnausschüttung ist) fühlen sich Caritas & Co. immun. Caritas-Direktor Peter Neher leugnet nicht, dass die privaten Wettbewerber Nachteile haben, ins Geschäft zu kommen (…). Doch er rechtfertigt die Sonderstellung mit dem Auftrag zur Daseinsvorsorge. Quelle: Hank, R. (2006): Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 03.12.2006, Nr. 48, S. 38. Theorien der Konsumentenkontrolle (mitunter auch „Stakeholderansätze“ genannt; Krashinsky 1997) können als Erweiterung der Kontraktversagenstheorie angesehen werden, da erstere exakt hier ansetzen: Der zentrale Aspekt liegt nach den Theorieverfechtern in der Annahme, dass das Gewinnausschüttungs- Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 50 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors50 verbot alleine nicht ausreichend ist, um den Vertrauensschutz für die Nachfrager (bzw. Konsumenten) zu bewahren (Ben-Ner/van Hoomissen 1991). So kann die „nondistribution constraint“ bspw. durch verdeckte Gewinnausschüttungen in Form von überzogenen Gehältern für Manager, durch übertriebene Aufwandsentschädigungen für – eigentlich ehrenamtlich tätige – Vorstandsmitglieder („board members“) oder durch sonstige geldwerte Vergünstigungen dieser beiden Personengruppen umgangen werden. Dieses Problem kann dadurch behoben werden, dass Nachfrager bzw. Konsumenten oder andere Stakeholder diesen Missbrauch verhindern, indem sie die Kontrolle über die Organisation übernehmen. Ein Beispiel hierfür ist eine von Eltern gegründete und von diesen geleitete Kindertagesstätte (Toepler/Anheier 2005). 2.2.4 Theorien des Unternehmertums Einen weiteren theoretischen Ansatz zur Entstehung des Nonprofit-Sektors bietet Dennis R. Young (1986) der postuliert, dass Nonprofit-Organisationen entstehen, weil Individuen ihren Profit maximieren wollen. Gemäß diesem Theorieansatz haben unterschiedliche Unternehmer (Entrepreneurs) verschiedene Motivationen und Ziele (zum Beispiel Geld, Macht, Autonomie, Sicherheit, Kreativität, Werte), die sie erreichen wollen. Die Existenz der Nonprofit-Organisationen beruht nun auf Überlegungen der rationalen Nutzenmaximierung von Entrepreneurs, weil diese die Nonprofit-Organisationen für ihre Zielerreichung für nützlich halten (Badelt 1997). Allerdings lassen sich mit dieser Entrepreneurshiptheory bei weitem nicht alle Typen von Nonprofit-Organisationen erklären; der Ansatz zielt primär auf die Entstehung von Social Entrepreneur-Organisationen oder auch auf Wirtschaftsverbände ab. Insbesondere passt er nicht auf diejenigen Nonprofit- Organisationen, die aus altruistischen Motiven gegründet werden. Minicase: Profit und Ethik passen zusammen Da ist zum Beispiel das Unternehmen Grameen Shakti. Gerade hat es im ländlichen Bangladesch 160.000 Armenhaushalte mit Solaranlagen ausgestattet, damit diese ausreichend Strom zur Verfügung haben. Kein Almosen, keine Subventionen, die Firma gewährt den armen Familien Kredite: Sie zahlen drei Jahre lang exakt den gleichen monatlichen Betrag zurück, den sie bisher für Energie aufgewandt haben; da die Solarzellen aber mindestens acht Jahre lang halten, beziehen die Menschen fünf Jahre lang kostenlos Strom. „Solch ein System lässt sich überall anwenden, ein Riesenmarkt für die Armen der Welt“, sagt Anne- Kathrin Kuhlemann begeistert, „das ist globales Social Business!“ (…) Unternehmer, die gewinnorientiert arbeiten und mit einem Teil des Gewinns einen sozialen Zweck finanzieren; so geht Social Business. „Nur wenn Unternehmen neben ihren finanziellen auch soziale Ziele verfolgen, kann die Wirtschaft Probleme nachhaltig lösen“, findet Kuhlemann. Und der Genisis-Institutsgründer Peter Spiegel ergänzt: „Wenn sich in der jetzigen Krise die Philosophie von Social Business durchsetzen würde, käme eine ganz andere ökonomische Logik zum Tragen.“ Soziales nicht mehr als staatlich garantierter Ausgleich, sondern als direkter Leistungsantrieb. Quelle: Schallenberg, J. (2008): Köpfe – Fressen mit Moral. Dass Profit und Ethik zusammenpassen, davon ist Anne-Kathrin Kuhlemann überzeugt. Beim neuen Genisis-Institut fördert sie soziales Unternehmertum, in: Handelsblatt Nr. 212 vom 31.08.2008, S. p05 Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 51 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 51 Während sich die Theorie des Marktversagens/Staatsversagens ausschließlich auf die unbefriedigte Nachfrage nach kollektiven Gütern und auf das Versagen der Marktkräfte sowie des Staates als deren Ursache konzentriert, sehen die Angebotstheorien darin nur eines von mehreren notwendigen Elementen, um die Organisationen des Nonprofit-Sektors zu erklären. 2.2.5 Grenzen ökonomischer Theorien im Lichte neuer Herausforderungen für Nonprofit-Organisationen Bevor die Grenzen der ökonomischen Theorien herausgearbeitet werden, präsentiert die nachfolgende Tabelle 2-1 eine Kurzübersicht über die oben beschriebenen, maßgeblichen Existenztheorien von Nonprofit-Organisationen. Theoretischer Ansatz Zusammenfassung Stärken Schwächen Wichtigste(r) Vertreter Theorie des Marktversagens/ Staatsversagens (Heterogenitätstheorie) Unbefriedigte Nachfrage nach öffentlichen und kollektiven Gütern bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Heterogenität führt zur Entstehung von NPO. Partielle Erklärung der Institutionenwahl zwischen öffentlicher und privater Bereitstellung von Gütern in der Demokratie. Erklärt auch die Lückenfüllerfunktion von NPO, gerade bei leeren Staatskassen. Legt einen inhärenten Konflikt zwischen Staat und Nonprofit- Sektor in der Leistungsbereitstellung nahe. Burton A. Weisbrod Kontraktversagenstheorie (Theorie der Informationsasymmetrie) und Theorie der Konsumentenkontrolle Das Gewinnausschüttungsverbot von NPO signalisiert Vertrauensschutz für Konsumenten in Situationen, wo Informationsasymmetrie Vertragskontrolle erschwert oder verhindert und Produzenten dies entsprechend ausnutzen können. Partielle Erklärung der Institutionenwahl zwischen kommerziellen und gemeinnützigen Anbietern in Anbetracht der Schwierigkeit, die Leistungen, die NPO produzieren, klar zu bestimmen und zu evaluieren. NPO-Wahl nicht unumgänglich, da institutionelle Alternativen (z. B. staatliche Regulierung) das Problem gleichfalls beheben können; Gewinnausschüttungsverbot kann durch verdeckte Ausschüttungen umgangen werden (for profits in disguise). Henry Hansmann Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 52 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors52 Theoretischer Ansatz Zusammenfassung Stärken Schwächen Wichtigste(r) Vertreter Theorie der Konsumentenkontrolle (Stake holderansätze) Als Reaktion auf Informationsasymmetrie zwischen Produzenten und Konsumenten übernehmen Konsumenten die Kontrolle der Organisation und Leistungserstellung in NPO. Einführung einer Dreierbeziehung zwischen Konsumenten (Stakeholder), Produzenten und Begünstigten als theoretisches Grundproblem, das über einfache Prinzipal- Agent-Bezie hun gen hinaus geht. Eingeschränkte Anwendung auf Informationsprobleme von direkt betroffenen Anspruchsgruppen; konventionelle NPO sind kaum zu erklären. Avner Ben-Ner Theorie des Unternehmertums NPO entstehen, weil Individuen ihren Profit maximieren wollen. Die Existenz der NPO beruht nun auf Überlegungen der rationalen Nutzenmaximierung von Entrepreneurs, weil diese die Nonprofit- Organisationen für ihre Zielerreichung für nützlich halten. Guter Ansatz, um die Existenz von Wirt schaftsver bän den zu erklären, da deren Mit glieder aus ihrer Mitgliedschaft einen ökonomischen Vorteil für sich selbst erwarten. Es lassen sich bei weitem nicht alle Typen von NPO erklären, insbesondere diejenigen nicht, die aus altruistischen Motiven gegründet werden. Dennis R. Young Tabelle 2-1: Kurzübersicht über ökonomische Theorien zur Erklärung der Existenz von Nonprofit-Organisationen (Quelle: In Anlehnung an Toepler/Anheier, 2005, S. 62 f.) Obwohl die maßgeblichen Erklärungsansätze bereits vor knapp 40 Jahren entwickelt wurden, haben sich diese im Rahmen der wissenschaftlichen Analyse von Nonprofit-Organisationen als nützliche und weitgehend ausreichende Denkansätze erwiesen. Dies mag einer der Hauptgründe dafür sein, warum die Existenztheorien in jüngerer Vergangenheit kaum noch weiterentwickelt werden. „Daraus kann allerdings nicht geschlossen werden, dass das theoretische Gerüst vollständig und nicht mehr verbesserungsfähig sei. Eher im Gegenteil lässt sich feststellen, dass die bestehenden Theorien immer noch fragmentarisch sind und nur partielle Antworten auf die Frage, warum der Nonprofit-Sektor besteht, geben können.“ (Toepler/Anheier 2005, S. 55). Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 53 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 53 Dies gilt insbesondere für die Theorien der Konsumentenkontrolle (Stakeholderansätze), da in der Realität nur sehr wenige gemeinnützige Einrichtungen von ihren Anspruchsgruppen direkt kontrolliert werden können. Auch die Theorie des Kontraktversagens bezieht sich nur auf einige wenige Nonprofit- Branchen, wie beispielsweise privat-gemeinnützige Pflegeheime und Kindergärten. Auf andere Nonprofit-Industrien, wie beispielsweise Kultur- und Umweltschutzorganisationen, ist dieser Denkansatz hingegen nicht anwendbar. Innerhalb der Gruppe der ökonomischen Existenztheorien bleibt die Heterogenitätstheorie somit die am meisten verbreitete und nützlichste Theorie, während die anderen Ansätze sinnvolle Ergänzungen darstellen. Insgesamt ist das Grundproblem der ökonomischen Theoriebildung zur Erklärung der Existenz von Nonprofit-Organisationen, dass ein zu starker Fokus auf den Dienstleistungscharakter dieser Institutionen gelegt wird. Weder Markt-, noch Staats- oder Philanthropieversagen sind in der Lage, eine plausible Erklärung für die Existenz von nicht (primär) dienstleistungsorientierten Nonprofit- Organisationen, wie beispielsweise Vereinen, Stiftungen oder sozialen Bewegungen, zu liefern. Dennoch muss mit Toepler/Anheier (2005, S. 565) festgehalten werden, „dass die Frage nach der Existenz von Nonprofit-Organisationen trotz aller Schwächen prinzipiell als beantwortet gilt.“ Ungeachtet dessen sind in der jüngeren Vergangenheit neuere Entwicklungen zu beobachten gewesen, die zwar nicht direkt die Grundfrage nach der Existenz von Nonprofit-Organisationen tangieren, die aber einen Einfluss auf die zukünftige Theorieentwicklung aufweisen. So ist der Nonprofit-Sektor in den letzten Jahren in Deutschland, aber auch in vielen anderen Nationen verschiedenen Trends unterworfen gewesen, die nach wie vor anhalten. Diese Entwicklungen, die sich vornehmlich unter den Schlagworten Professionalisierung, Legitimität und Rechenschaftslegung sowie Kommerzialisierung subsumieren lassen (vgl. hierzu Kapitel 3.2 Nonprofit Governance- Initiativen), haben auch einen Einfluss auf die Theoriebildung im Nonprofit-Sektor (Kramer 2000). Aus theoretischer Sicht zeigt beispielsweise die Legitimitätskrise der Nonprofit-Organisationen die Grenzen der Kontraktversagenstheorie, die postuliert, dass der Nonprofit-Status in erster Linie dem Vertrauensschutz der Leistungsempfänger dient, auf. Insofern ist bei Betrachtung der in der Realität vorzufindenden Probleme von Nonprofit- Organi sationen eine Weiterentwicklung dieser Theorie notwendig (Toepler/ Anheier 2005). Neben dem Trend der zunehmenden Professionalisierung war in den vergangenen gut 20 Jahren auch ein starker Trend zur Kommerzialisierung im Nonprofit-Sektor zu beobachten (Weisbrod 1998). Mitunter fällt es schwer, zwischen Nonprofit-Organisationen und kommerziellen Anbietern zu unterscheiden, obwohl diese Unterscheidung die steuerliche Bevorzugung der Nonprofit- Organisationen rechtfertigt. Zur Illustration dieser Problematik ist die frühe idealtypische Unterscheidung von Hansmann (1980) hilfreich. Er unterscheidet Nonprofit-Organisationen anhand von zwei Dimensionen: Zum einen danach, ob sie sich primär über Spenden oder primär über den Verkauf von Waren und Dienstleistungen finanzieren, erstere bezeichnet er als spendenorientierte Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 54 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors54 („donative“), letztere hingegen als kommerzielle Nonprofit-Organisationen (Hansmann 1980). Zum anderen differenziert Hansmann zwischen wechselseitigen („mutual“) und unternehmerischen („entrepreneurial“) Nonprofit-Organisationen. Bei ersteren üben die Geldgeber der Nonprofit-Organisationen auch die Kontrolle über die Organisation aus (als Beispiel wird der Amerikanische Automobilclub genannt), während bei letzteren die Nonprofit-Organisationen zumindest formal unabhängig von den Geldgebern ist. Als Beispiele werden Krankenhäuser und Pflegeheime genannt (Hansmann 1980, S. 842). Idealtypisch betrachtet, werden hier unter Nonprofit-Krankenhäusern solche verstanden, die kommerziell und unternehmerisch sind. Gemäß dieser Notation geht der Trend stark in Richtung kommerziell-unternehmerische Nonprofit-Organisationen, wobei auch diese Organisationen teilweise aggressiv Spenden einwerben. Die Tatsache, dass die sektoralen Grenzen zwischen Nonprofit-Organisationen und privaterwerbswirtschaftlichen Leistungserbringern auch in Deutschland zunehmend verschwinden, wird auch dadurch reflektiert, dass kommerzielle Krankenhausketten gemeinnützige (wie auch öffentliche) Kliniken aufkaufen. So überrascht es nicht, dass Nonprofit-Organisationen beginnen, sich wie kommerzielle Unternehmen zu verhalten (Weisbrod 1997; 1998). Auf theo retischer Ebene wird daher zunehmend die Gefahr des „mission displacement“ diskutiert, die eine Verdrängung oder wenigstens eine Überlagerung der gemeinnützigen Zwecksetzung durch wirtschaftliche Motive induziert, obwohl man verstärkte kommerzielle Aktivitäten auf Seiten der Nonprofit-Organisationen auch als Versuch auffassen kann, die Erreichung der sozialen Ziele durch wirtschaftliche Tätigkeiten mittels Quersubventionierung sicher zu stellen (Weisbrod 1997). In der Literatur wird in diesem Zusammenhang auch die Frage diskutiert, ob das „progressive blurring of boundaries“ (Billis 1993, S. 241; Kramer 2000, S. 1), also die Tendenz zur Auflösung der traditionellen sektoralen Grenzen, auf lange Sicht dazu führt, das der Nonprofit-Sektor ganz verschwinden wird. Andere Autoren widmen sich der Frage, ob diejenigen Nonprofit-Organisationen, die einem eher als traditionell zu bezeichnenden „voluntary spirit model“ (ein Organisationsmodell basierend auf freiwilliger Partizipation und Mitgliedschaft) folgen, langfristig erfolgreicher sind als solche, die einem „economic model“ (kommerziell orientiert) folgen, das die Anwendung von „businesslike methods“ (Brainard/Siplon 2004, S. 435) impliziert. Dabei dominiert in der Nonprofit-Praxis die Ansicht, dass Nonprofit-Organisationen – nicht zuletzt aufgrund der historischen Tradition des Altruismus, des Mitleids und der Philanthropie – eher missionsbasiert und -bestimmt sein sollten, anstatt einem wettbewerbsbasierten Managementansatz zu folgen („competition-based management approach“; Bush 1992, S. 391). Ob Nonprofit-Organisationen ihrer gemeinnützigen Grundausrichtung treu bleiben oder nicht, hat insofern gravierende Folgen für die ökonomisch-theoretische Auseinandersetzung mit den Nonprofit-Organisationen, als damit u. a. die Frage nach der Legitimität der steuerrechtlichen Begünstigung aufgeworfen wird, die durch die Theorie des Marktversagens/Staatsversagens erklärt und gerechtfertigt werden kann. So wird im Rahmen dieser Thematik immer wieder auf staatliche Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 55 2.2 Theoretische Erklärungsansätze 55 Unterstützungsleistungen für Nonprofit-Organisationen eingegangen. Es wurde etwa argumentiert, dass Reformbestrebungen in den USA in den 1950er bis 1990er Jahren unter anderem mit dem Ziel, Nonprofit-Organisationen ihre Steuererleichterungen (bzw. -befreiungen; engl. „tax-exemption“; Frumkin 2002) zu nehmen, erheblich dazu beitrugen, dass Nonprofit-Organisationen überhaupt als ein separater gesellschaftlicher Teilbereich wahrgenommen wurden (Hall 1992). Minicase: Weniger Steuervorteile bei Gemeinnützigkeit Die Abgabenordnung knüpft die steuerliche Förderung der Gemeinnützigkeit an zwei Voraussetzungen: Die Allgemeinheit muss von der Tätigkeit profitieren und die Tätigkeit selbstlos erfolgen. Vereinfacht formuliert, wird eine Tätigkeit dann steuerlich gefördert, wenn der Anbieter in dem Sinne selbstlos handelt, dass er auf eine eigennützige Gewinnverwendung verzichtet und die Tätigkeit der Allgemeinheit und nicht einem fest abgeschlossenen Kreis von Personen wie zum Beispiel einer Familie oder der Belegschaft eines Unternehmens zugute kommt. Der Verzicht auf eine eigennützige Gewinnverwendung ist ein Merkmal, das für die Außendarstellung von Institutionen zweifellos große Bedeutung haben kann. So ist es beispielsweise vorstellbar, dass sich ältere Menschen in Einrichtungen besser aufgehoben fühlen, die mit ihren Dienstleistungen keinen Gewinn erzielen wollen. Da eine entsprechende Selbstverpflichtung auch tatsächlich erfüllt sein will, muss der Staat regeln, wann eine eigennützige Gewinnverwendung vorliegt. Warum der Verzicht auf eine eigennützige Gewinnverwendung steuerliche Begünstigungen nach sich ziehen soll, ist allerdings ökonomisch nicht nachvollziehbar. Gewinn sollte in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nichts Anrüchiges sein, denn er ist Ausdruck für nachfragegerechte Leistung. Eine steuerliche Förderung ist nur angezeigt, wenn befürchtet werden muss, dass eine entsprechende Tätigkeit anderenfalls nicht in ausreichendem Maße angeboten wird. Nach ökonomischer Auffassung muss eine steuerlich geförderte Tätigkeit Nutzen stiften, der bei Dritten anfällt (externer Nutzen), und eine steuerliche Privilegierung darauf lediglich erfolgen, falls der Staat von Pflichtaufgaben entlastet wird. Die Gewährung steuerlicher Vergünstigungen nach der geltenden Abgabenordnung ist zu großzügig, weil der Verzicht auf eine eigennützige Gewinnverwendung reicht, obwohl die Stiftung eines externen Nutzens das sachgerechte Kriterium ist. Zusätzlich wird das Merkmal einer Förderung der Allgemeinheit nicht konsequent beachtet. Zwar verlangt das Gesetz eine Tätigkeit zum Nutzen der Allgemeinheit, jedoch gibt sich die Praxis in zahlreichen Einzelfällen auch mit engen Ausschnitten der Allgemeinheit zufrieden. Hinzu kommen Ungereimtheiten. Beispielsweise gilt Schach als Sport und genießt abgabenrechtliche Privilegien, Bridge und Go hingegen nicht. Beim sogenannten „Essen auf Rädern“ hängt die Förderung im Rahmen der Umsatzbesteuerung vom Status des Anbieters ab: Liefern amtlich anerkannte Verbände der freien Wohlfahrtspflege das Essen, ist die Leistung von der Umsatzsteuer befreit und der Vorsteuerabzug ausgeschlossen. Liefert ein gemeinnütziger Verein, wird ein ermäßigter Steuersatz angewendet, der Vorsteuerabzug jedoch uneingeschränkt gewährt. Und ein privat-gewerblicher Anbieter muss eine solche Leistung voll versteuern. Während man die unterschiedliche Behandlung von Schach und Bridge/Go noch als steuerliche Anekdote ansehen und auf sich beruhen lassen mag, sollte man die Differenzierungen beim Essen auf Rädern nicht akzeptieren. Denn hier geht es um steuerliche Diskriminierung, die den Leistungswettbewerb ohne ökonomisch einleuchtenden Grund behindert. Quelle: Feld, L./Henke, K.-D./Richter, W./Söhn, H. (2007): Standpunkte: Weniger Steuervorteile bei Gemeinnützigkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.04.2007, Nr. 90, S. 16. Helmig/Boenigk – Nonprofit Management – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.04.2012 Status: Druckdaten Seite 56 2 Historische Entwicklung und Theorien des Nonprofit-Sektors56 2.3 Zusammenfassung Die historische Entwicklung der Nonprofit-Organisationen lässt sich in vier Zeitabschnitte unterteilen: Die Antike (ca. 1400 AC bis 600 AD), das Frühmittelalter (ca. 601 bis 1050), das Hoch-/Spätmittelalter (ca. 1051 bis 1500), die Frühe Neuzeit (ca. 1501 bis 1800) sowie die Neuzeit (ca. 1801 bis heute). Die ersten Wurzeln der Nonprofit-Organisationen in Deutschland lassen sich demnach bis auf die griechisch-römische Antike zurückführen, in der es bereits erste Stiftungen und Vereine gab, die soziale und bildungspolitische Ziele verfolgten. Auch die Gründung der Diakonie innerhalb der christlichen Gemeinden fällt in diese Zeitspanne. Die Basis der heutigen Nonprofit-Landschaft in Deutschland wird jedoch in der einschlägigen Literatur im Wesentlichen im 19. Jahrhundert, also in der Neuzeit, gesehen. Hier wurde die ständische Gesellschaft durch die moderne Bürgergesellschaft abgelöst und der Nonprofit-Sektor konstituierte sich in seiner Gesamtheit. Durch die Industrialisierung und Verstädterung erfuhren Staat, Wirtschaft und Gesellschaft eine breite Ausdifferenzierung, was dem aufstrebenden Bürgertum vielfältige Formen der Selbstorganisation, auch und vor allem in Form von Vereinstätigkeiten, ermöglichte. Darüber hinaus entstand in diesem Zeitabschnitt eine Vielzahl neuer institutioneller Formen, wie beispielsweise Kammern und Innungen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich das privatwirtschaftliche Gesellschaftsrecht komplett ausdifferenziert, so dass die verschiedenen Rechtsformen von Nonprofit-Organisationen durch ihre institutionelle Flexibilität vielfältige Möglichkeiten für die Organisation unterschiedliche Interessen boten. Zur Erklärung der Existenz von Nonprofit-Organisationen wurde eine Vielzahl von Theorien entwickelt, hier vor allem seitens der Ökonomie, der Politologie und der Soziologie. Am weitesten ist der Entwicklungsstand bei den volkswirtschaftlichen Theorien ausgeprägt, innerhalb derer wiederum die Theorie des Marktversagens/Staatsversagens (Heterogenitätstheorie) von Burton A. Weisbrod eine zentrale Rolle spielt. Auch wenn insbesondere die ökonomischen Theorien eine einigermaßen hinreichende Antwort auf die Existenz von Nonprofit-Organisationen hervorgebracht haben und die Existenzfrage damit mehr oder weniger theoretisch geklärt ist, so zeigen jüngere Entwicklungstendenzen die Notwendigkeit einer stetigen Weiterentwicklung der Nonprofit-Theorien. Zu diesen Entwicklungen gehören beispielsweise die Trends zu mehr Ökonomisierung, Kommerzialisierung, Professionalisierung, aber auch die Forderung nach mehr Transparenz, Legitimität und Rechenschaftslegung (Accountability) von Nonprofit-Organisationen.

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References

Zusammenfassung

Gewinner des VHB-Lehrbuchpreises 2013!

Die Bedeutung von Nonprofit-Organisationen wird angesichts der immer schwieriger werdenden staatlichen Finanzierung vieler Aktivitäten stetig steigen. Einhergehend mit dieser Entwicklung und den großen Spendenvolumina, die teilweise damit verbunden sind, nimmt auch der Bedarf an der Professionalisierung des Nonprofit-Sektors zu. Dies sollte jedoch nicht durch eine unreflektierte Anwendung von betriebswirtschaftlichen Instrumenten erfolgen. Dementsprechend zeigt dieses Buch die Besonderheiten des Management von Nonprofit-Organisationen systematisch auf. Nur so kann dem Wunsch von Spendern und sonstigen Anspruchsgruppen von Nonprofit-Organisationen nach effizienter und effektiver Mittelverwendung sowie nach Transparenz, Rechenschaftslegung und Verantwortlichkeit Rechnung getragen werden.

Dieses Lehrbuch führt Studierende, Wissenschaftler und Führungskräfte aus der Praxis in die Grundlagen des Nonprofit Management ein. Dabei werden alle zentralen Bereiche des so genannten Dritten Sektors vorgestellt. Zahlreiche Beispiele und Fallstudien aus verschiedenen Nonprofit-Branchen veranschaulichen die Konzepte und ermöglichen ein schnelles Umsetzen in die Praxis.

Ergänzend zum Buch wurde unter www.nonprofit-management.biz eine umfassende Lernplattform mit Videos, Selbsttests, Fallstudien und Beispielen eingerichtet.

Preise:

Am 24. Juni 2013 erhielten die Autoren Bernd Helmig und Silke Boenigk für Ihr Lehrbuch "Nonprofit Management" den Lehrbuchpreis des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. (VHB). In der Laudation von Prof. Dr. Dorothea Greiling heißt es dazu: Das vom VHB in diesem Jahr ausgezeichnete Lehrbuch schließt hier nicht nur eine inhaltliche Lücke, sondern zeichnet sich auch durch die didaktische Aufmachung als hervorragend geeignet für den Einsatz in der akademischen Lehre aus: Umfangreiche E-Learning-Angebote, das Wechselspiel zwischen Theorieblöcken und Minicases und der klare Duktus in der Leserführung sind vorbildhaft nicht nur, was die Ausbildung in Methoden und Konzepten des Nonprofit-Managements angeht, sondern auch betreffend die praktische Umsetzung.

Pressestimmen:

"Das Lehrbuch vermittelt eine zeitgemäße Einführung in den Themenbereich des Nonprofit Management und ist auf dem besten Weg, sich als Standardwerk zu etablieren. Es kann daher als Einführungswerk sowohl für Studierende und Wissenschaftler als auch für Führungskräfte aus der Nonprofit-Praxis mit Interesse an dieser Thematik bestens empfohlen werden."

Manfred Bruhn, in: Zeitschrift für öffentliche und gemeinwirtschaftliche Unternehmen 04/2012

"Kurzum: Wer einsteigen will, rindet in diesem Buch einen sehr guten Wegweiser, wer weiterarbeiten möchte, profitiert von der Literaturauswertung und der klaren Struktur."

in: Verbändereport 05/2012, zur 1. Auflage 2012

"Alle Themen werden kurz und klar dargestellt. Besonders gefällt die häufige und zu den jeweiligen Themen gut passende Einbeziehung von Beispielen. Damit gewinnt diese Publikation für Praktiker, Studenten und Wissenschaftler als Einstiegs- und Nachschlagewerk in Lehre und Praxis eine besondere Bedeutung."

Swen Neumann, in: Die Stiftung 04/2012

"Wegen der zunehmenden Bedeutung der NPOs war es an der Zeit, die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten von Profit- und Nonprofit-Organisationen systematisch in einem Lehrbuch aufzubereiten. Den beiden Autoren ist dies nicht nur inhaltlich, sondern auch in didaktischer Hinsicht hervorragend gelungen."

in: WISU 07/12

Über die Autoren:

Prof. Dr. Bernd Helmig lehrt Public und Nonprofit Management an der Universität Mannheim. Prof. Dr. Silke Boenigk lehrt Betriebswirtschaft, insbesondere Management von Öffentlichen, Privaten & Nonprofit-Organisationen, an der Universität Hamburg