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Kai Bockelmann, Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich in:

Albert Galli, Vera-Carina Elter, Rainer Gömmel, Wolfgang Holzhäuser, Wilfried Straub (Ed.)

Sportmanagement, page 265 - 281

2. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3678-5, ISBN online: 978-3-8006-4613-5, https://doi.org/10.15358/9783800646135_265

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Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 259 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich von Kai Bockelmann Inhaltsverzeichnis 17.1 Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 17.2 Der Prozess des Risikomanagements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 17.2.1 Risikoidentifikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 17.2.2 Risikobewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 17.2.3 Risikobewältigung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 17.2.4 Risikokontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 17.2.5 Externe Unterstützung des Prozesses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 17.3 Wesentliche Risiken und deren Versicherbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 17.3.1 Das Haftpflichtrisiko des Sportveranstalters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 17.3.1.1 Schadenhöhe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 17.3.1.2 Rechtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 17.3.1.3 Absicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 17.3.1.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 17.3.2 Haftpflichtrisiken der Stadioneigentümer/-betreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 17.3.3 Das Vermögensschaden-Haftpflichtrisiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 17.3.4 Persönliche Haftungsrisiken für Management und Aufsichtsorgane . . . . 271 17.3.5 Ausfallrisiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 17.3.5.1 Ausfall von Sportveranstaltungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 17.3.5.2 TV-Ausfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 17.3.5.3 Ausfall von Werbemitteln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 17.3.6 Risiken von Spielerkadern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 17.3.7 Sonstige Versicherungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274 17.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 260 17.1 Einleitung Professionalisierung und Kommerzialisierung haben den Sport aus wirtschaftlicher Sicht in eine neue Dimension gerückt. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass Risiken entstanden sind, die zum Teil neu bzw. in der Höhe bisher nicht bekannt waren. Dabei überrascht es, dass das Risiko- und Versicherungsmanagement im Sport häufig noch nicht den Stellenwert einnimmt, der ihm in Wirtschaftsunternehmern vergleichbarer Größe eingeräumt wird. Die Gründe hierfür sind in der rasanten Entwicklung des Wirtschaftssektors Sport, aber auch in der Versicherungswirtschaft selbst zu finden. Die Versicherungsindustrie konnte der Geschwindigkeit, in der sich der professionelle Sport wirtschaftlich entwickelt hat, nur bedingt folgen. Nur wenige Maklerhäuser und Versicherer haben sich frühzeitig auf das Kerngeschäft der Analyse, Bewertung und Absicherung von Risiken im Umfeld des Sports konzentriert und auf diesem Wege notwendiges Know-how entwickeln können. Dieser Beitrag zeigt wie Entscheidungsträger in Sportverbänden, -vereinen und Unternehmen, auch in der Eigenschaft als Sportveranstalter (im folgenden unter dem Allgemeinbegriff „Unternehmen“ beschrieben), Risiken managen können. Hierzu liefert er Lösungsansätze zur Identifikation, Bewertung und Absicherung von Risiken. Typische Gefahren im Umfeld des professionellen Sports und dafür geeignete Versicherungslösungen werden, auch anhand von Beispielen, vertieft dargestellt. 17.2 Der Prozess des Risikomanagements Mit unternehmerischen Tätigkeiten sind auch im Umfeld des Profisports Risiken verbunden. Diese Risiken können die Zielerreichung negativ beeinflussen und resultieren aus der Unsicherheit zukünftiger Ereignisse. Wirkungsbezogen schlagen sie sich in negativen Abweichungen von einer festgelegten Zielgröße nieder. Der Erfolg des Unternehmens kann gefährdet sein, wenn Risiken unerkannt bleiben und ihnen somit nicht in gebotenem Maße begegnet werden. Dieselbe Gefahr besteht, wenn Risiken unterschätzt oder ignoriert werden. Im schlimmsten Fall kann bei der Verwirklichung von Risiken eine existenzgefährdende Situation eintreten. Eine allgemeingültige Definition des Begriffs Risikomanagement findet sich in der Literatur nicht. Für diesen Beitrag soll der Begriff den Umgang mit versicherbaren Risiken umfassen. Nicht behandelt werden Risiken, die aus dem Führungs- und Durchführungsprozessen im Unternehmen entstehen können, und denen wegen ihrer überwiegenden Unversicherbarkeit durch andere Maßnahmen begegnet werden muss. Grundsätzlich lässt sich der Prozess des Risikomanagements in die Phasen der Risikoidentifikation (2.1), Risikobewertung (2.2), Risikobewältigung (2.3) und Risikokontrolle (2.4) einteilen. Basis des Prozesses sollte eine von der Unternehmensleitung vorgegebene Risikopolitik sein. Diese berücksichtigt den Sicherheitsgedanken in der Unternehmung, indem sie die Grundsätze zum Umgang mit Risiken – aber auch mit Chancen – festlegt, in welchem Verhältnis Chancen und Risiken eingegangen werden können und welche Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 261 26117 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich maximalen Risikoausprägungen in Kauf genommen werden sollen. Die Risikopolitik kann angepasst werden, insbesondere wenn sich die finanziellen Rahmenumstände verändern (z. B. Veränderung der Höhe des Eigenkapitals). 17.2.1 Risikoidentifikation Der erste Schritt des Prozesses dient dem Aufspüren aktueller und zukünftiger Risiken. Das Ergebnis ist von herausragender Bedeutung und entscheidend für die in allen nachfolgenden Prozessschritten ablaufenden Aufgaben. Wird ein Risiko nicht erkannt, kann es weder bewertet noch eliminiert werden, und stellt folglich eine Bedrohung für das Unternehmen dar, da es ihm ungeschützt ausgeliefert ist. Die Instrumente, die zur Identifikation von Risiken eingesetzt werden können, sind  vielfältig. Unersetzlich ist der Dialog mit den richtigen Ansprechpartnern im Unternehmen. Die verantwortlichen Personen kennen zwar ihr Unternehmen gut, oft sind sie sich der Risiken aber nicht bewusst. Dem Berater muss es gelingen, dieses Know-how zu aktivieren. In der Praxis bewährt haben sich diesbezüglich Interviews und Gesprächsrunden mit den verschiedenen Know-how-Trägern im Unternehmen. Vorgeschaltet werden können Fragebögen, deren Fragen systematisch und gezielt auf Risiken in den verschiedenen Geschäftsbereichen zielen. Die zu befragenden Personen werden dabei nicht ausschließlich Führungskräfte sein. Beispielsweise  kann ein Mitarbeiter der Eventabteilung eines Sportverbands u. U. sehr viel genauer Auskunft über die anzumietende Sportstätte und den diesbezüglichen Mietvertrag  geben  als  der Versicherungsverantwortliche. Der externe Berater sollte sich diesbezüglich im Vorfeld einen Überblick über die Struktur des Unternehmens verschaffen. UNTERNEHMEN Risikoidentifikation Risikokontrolle Risikobewertung Risikobewältigung (z.B. durch Versicherung) Abb.1: Tätigkeitszyklus beim Risiko- und Versicherungsmanagement Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 262 Kai Bockelmann262 Beispiel: Bei einer internationalen Eishockey-Veranstaltung, die in einem überdachten Fußballstadion ausgetragen wurde, konnten die mit der Organisation des Umbaus betrauten Personen detailliert Auskunft über die Abläufe und den Zeitpuffer bei Schwierigkeiten geben. Identifiziert wurde schließlich ein Ausfallrisiko des geplanten Spiels, falls die Eisfläche nicht bis zum Zeitpunkt X nach Verbandsstatuten spielfertig zur Verfügung stehen sollte. Bei der Risikoanalyse wurden neben den finanziellen Risiken auch die organisatorischen Konsequenzen identifiziert (Umzug in ein anderes Stadion und damit verbundene logistische und kommunikative Maßnahmen, Ticketmanagement etc.). 17.2.2 Risikobewertung Um die Auswirkung eines Risikos abschätzen zu können, werden die identifizierten Risiken bewertet. Die Bewertung erfolgt üblicherweise in den Dimensionen der Eintrittswahrscheinlichkeit und dem möglichen Ausmaß. Hilfreich bei der Visualisierung der Ergebnisse ist eine Risikomatrix. Bewertet können neben dem finanziellen Schadenausmaß, das in diesem Beitrag im Vordergrund steht, auch Auswirkungen auf andere Bereiche (z. B. Marke). Der Schnittpunkt der beiden Achsen trifft eine Aussage zur ersten Gesamtbewertung des Risikos vor Einleitung eventueller Maßnahmen der Risikobewältigung. Sind Maßnahmen umgesetzt worden, kann das Risiko neu bewertet werden. Der Schnittpunkt der Achsen sollte sich dann in den tolerablen Bereich verschieben. Die Abkürzung „ALARP“ für den mittleren Bereich kommt aus dem Englischen und beschreibt „as low as reasonably practicable“. In diesem Bereich sollten die Risiken möglichst gemindert, ggf. auch überwälzt werden. Bei der Bewertung kann das Unternehmen auch auf die Kompetenz des Beraters zurückgreifen. Dieser hat idealerweise aufgrund seiner Erfahrung und Kernkompetenz im Umgang mit vergleichbaren Risiken Zugriff auf Datenmaterial und das Know-how mit dessen Hilfe die Bewertung von Risiken erleichtert wird. Ein in der Praxis quasi in jedem Bereich des Sports anzutreffendes Risiko liegt im Bereich Haftung. S ch ad en au sm aß unwesentlich gering katastrophal Eintrittswahrscheinlichkeit unvorstellbar unwahrscheinlich entfernt vorstellbar gelegentlich wahrscheinlich häufig kritisch ALARP-Bereich Akzeptabler Bereich Inakzeptabler Bereich Abb.2: Risikomatrix Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 263 26317 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich Beispiele: Der Ausrichter einer kommerziellen Sportveranstaltung trägt die Verantwortung für die Sicherheit und Unversehrtheit insbesondere der Teilnehmer und Zuschauer. Bei der Bewertung des Haftpflichtrisikos ist zunächst die Eintrittswahrscheinlichkeit zu beurteilen. Durch bauliche, organisatorische Vorkehrungen, gewissenhafte Auswahl bewährter Subunternehmer (Sicherheitsunternehmen etc.), Umsetzung präventiver Maßnahmen und Abstimmung mit den Behörden, kann das Eintrittsrisiko von Personen- und Sachschäden reduziert werden. Allerdings belegt eine Studie der Munich Re-Gruppe (Munich Re, 2005), dass Massenpaniken in Stadien kaum gänzlich auszuschließen sind. Deshalb ist einzuschätzen, wie hoch ein potenzieller Schaden sein könnte. Werte zu Sachgegenständen wie z.B. das angemietete Stadion sind dabei relativ einfach zu ermitteln. Bei den Personenschäden wird es ungleich schwieriger, wobei spezialisierte Makler entsprechende Datenbanken zur Höhe von Haftpflichtforderungen bei einzelnen Personenschäden vorhalten. Mithilfe derartiger Informationen kann eine „Worst-Case-Berechnung“ unterstützt werden. Im Vergleich dazu lässt sich das finanzielle Risiko eines Spielertransfers im Fall der Sportinvalidität oder bei Tod des Lizenzspielers wesentlich einfacher bewerten. Die Höhe der Ablösesumme wird in der Bilanz des Unternehmens aktiviert. Anders ist es, wenn z.B. ein junger Spieler aus eigenem Nachwuchs Begehrlichkeiten anderer Klubs weckt und noch längerfristig vertraglich gebunden ist. Soll der Spieler nicht abgegeben werden, muss sein Marktwert vom Unternehmen bestimmt werden, da kein objektivierbarer Wert in Form einer Ablösesumme gegeben ist. Allerdings können die verantwortlichen Mitarbeiter des Lizenzspielerbereichs regelmäßig potentielle Ablösewerte einschätzen. 17.2.3 Risikobewältigung Bei der Risikobewältigung werden Maßnahmen für die identifizierten und bewerteten Risiken ergriffen. Diese stehen im Einklang mit der festgelegten Risikopolitik. Ziel ist, das Verhältnis von Chancen und Risiken auszugleichen und die Risikostrategie umzusetzen. Dabei stehen grundsätzlich vier verschiedene Steuerungsmöglichkeiten zur Auswahl: Vermeidung (ggf. verbunden mit gleichzeitigem Geschäftsverzicht), Verminderung, Überwälzung resp. Transfer (z. B. auf einen Versicherer) oder das Selbsttragen des Risikos. Wurde ein Risiko identifiziert und in der Bewertung insgesamt hoch eingestuft, muss ein Weg zum Umgang mit diesem Risiko gefunden werden. Beispiele: Ein Unternehmen nimmt von einem geplanten Transfer Abstand (Risikovermeidung), weil der unter Aufwendung einer hohen Transfersumme zu verpflichtende Spieler aufgrund von Vorverletzungen nicht oder nicht umfassend versichert werden kann. Grundlage der Entscheidung wäre in diesem Fall der Umstand, dass das finanzielle Risiko der Sportinvalidität nicht weitgehend genug auf einen Versicherer abgewälzt werden kann. Das Risiko des Ausfalls eines Skispringens kann z.B. dadurch vermindert werden, dass Zusatztage eingeplant werden, die bei starkem Wind oder Nebel eine zeitliche Verschiebung des Wettbewerbs ermöglichen (Risikoverminderung). Die Überwälzung eines Risikos ist insbesondere auf spezialisierte, auch internationale, Versicherungsgesellschaften möglich. Bestehen Risiken und sind diese im Wege der Bewertung als absicherungsnotwendig eingestuft, wird der Versicherungsmakler mit der Erstellung und Ausschreibung eines Versicherungskonzepts beauftragt. Das Versicherungskonzept wird der Makler in enger Abstimmung mit dem Versicherungsnehmer erstellen. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 264 Kai Bockelmann264 Bezogen auf das Versicherungsprodukt bedeutet „Best Advice“ des Maklers in diesem Zusammenhang nicht, das beste Produkt zum günstigsten Preis zu finden. Soweit der Versicherungsnehmer Produkt und Dienstleistung des Risikoträgers in den Fokus stellt, sind unter dem Gebot des „Best Advice“ vielmehr zu betrachten (Zinnert, 2009, 226): Eignung des Produkts, gemessen am Bedarf und der Risikopolitik des Unternehmens (Abgleich Risikosituation und gebotene Deckung) Qualität des Produkts (Prüfung des Vertragswerks) Preis des Produkts (günstig, gemessen an dem, was es bietet?) Bonität und Solvenz des Risikoträgers (Ist der Versicherer dauerhaft in der Lage, seine finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen?) Leistungsgeschwindigkeit des Versicherers (Wie ist die Verfahrensweise bei der Regulierung? In welcher Zeit wird ein durchschnittlicher Versicherungsfall abgewickelt?) Allgemeine Dienstleistungsqualität des Versicherers (Servicequalität, Abwicklung der Korrespondenz, Ausfertigung von Versicherungsdokumenten) 17.2.4 Risikokontrolle Die Risikokontrolle gewährleistet, dass die tatsächliche Risikosituation mit der festgelegten Risikopolitik des Unternehmens übereinstimmt. Zur Unterstützung der Kontrolle ist es sinnvoll, ein Berichtswesen im Unternehmen zu implementieren, das die Risikosituation aufzeigt, die Risiken im Zeitablauf darstellt und einen Gesamtüberblick ermöglicht. Prozessbegleitend ist eine Risikokommunikation sinnvoll, die eine rechtzeitige Weiterleitung der relevanten Informationen an die jeweils Verantwortlichen sicherstellt und das Risikobewusstsein insgesamt stärkt. Mit dem Versicherungsmakler wird regelmäßig, zumindest einmal jährlich, eine Bestandsaufnahme der Ist-Situation erfolgen und künftige Herausforderungen resp. Maßnahmen besprochen. 17.2.5 Externe Unterstützung des Prozesses Ein Großteil der Unternehmen hält kein für das Risikomanagement ausgebildetes Personal vor. Insoweit ist für den Erfolg des Prozesses regelmäßig externe und unabhängige Unterstützung vonnöten. Der Versicherungsmarkt zeigt hierfür eine besondere Vielfalt an Anbietern: Einfirmenvertreter, Mehrfachagenten, Strukturvertrieb, Underwriting Agencies, Lloyd’s Coverholder, Bankenvertrieb usw. Bei der Suche nach dem geeigneten Typus des externen Beraters hebt sich der Versicherungsmakler markant heraus: Nach dem sog. Sachwalterurteil des Bundesgerichtshof aus dem Jahr 1985 ist der Versicherungsmakler als einziger Berufsstand ausschließlich dem Versicherungsnehmer verpflichtet und dessen treuhänderischer Sachwalter und Interessenvertreter (BGH v. 22.05.1985 – IVa ZR 190/83). Im Gegensatz zum Versicherungsvertreter, der von einem Versicherer oder einem Versicherungsvertreter mit dem Verkauf von Versicherungsverträgen betraut ist (§ 59 III VVG), übernimmt der Versicherungsmakler nur Pflichten gegenüber seinem Auftraggeber (§ 59 III VVG). Die Tätigkeit des Versicherungsmaklers beschränkt sich dabei nicht mehr nur auf die Vermittlung individuellen Versicherungsschutzes. Vielmehr hat der Makler im Vorfeld der Vermittlung das Risiko zu analysieren und zu bewerten. Die Empfehlung zum Umgang mit dem Risiko muss Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 265 26517 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich dabei nicht zwangsläufig der Abschluss einer Versicherung sein. Der sachgerechte Rat des Maklers kann auch lauten, Teile des Risikos unversichert zu lassen oder entsprechende Rücklagen zu bilden. Heutzutage wird der Versicherungsmakler deshalb auch als versicherungsfachlicher Anwalt des Versicherungsnehmers bezeichnet. Der Versicherungsmakler hat dem Gebot des „Best Advice“ zu folgen. Die angelsächsische Formulierung „Best Advice“ beschreibt die vom Makler gegenüber dem Versicherungsnehmer zu erfüllende Pflicht und ist ein „mixtum compositium“ der verschiedenen auf hohem Qualitätsniveau befindlichen Komponenten der Maklerdienstleistung, in deren Mittelpunkt die am Kundeninteresse ausgerichtete Problemlösungskompetenz angesiedelt ist. Das Berufsbild des (professionellen) Versicherungsmaklers hat sich somit den beratenden Berufen wie Rechtsanwälten oder Steuerberatern angenähert. 17.3 Wesentliche Risiken und deren Versicherbarkeit Nachfolgend werden exemplarisch bedeutende Risiken praxisnah anhand von Beispielen aufgezeigt. Damit einhergehend werden auch vom Versicherungsmarkt darstellbare Lösungen beschrieben, mit denen Risiken begegnet werden kann. Auf die Haftpflichtrisiken wird aufgrund der potenziell existenzbedrohenden Auswirkungen vertieft eingegangen. 17.3.1 Das Haftpflichtrisiko des Sportveranstalters Als Ursachen für Schäden und eine ggf. daraus resultierende Schadenersatzpflicht bei Sportveranstaltungen kommen sowohl menschliche Handlungsweisen insbesondere der Zuschauer (z. B. Fankrawalle, Massenpanik), Eingriffe externer Dritter (z. B. terroristische Anschläge), ein fehlerhaftes Umfeld (z.B. Einsturz der Dachkonstruktion des Stadions) als auch das Zusammenwirken mehrerer unterschiedlicher Faktoren in Frage. In einer im Jahr 2005 abgeschlossenen Studie der Munich Re-Gruppe kam diese zu dem Ergebnis, dass Katastrophen in Fußballstadien schwer vorhersehbar sind. Insbesondere der starke situative Charakter vermag Katastrophen plötzlich mit allen Konsequenzen auftreten lassen (Munich Re, 2005). Katastrophen bei Großveranstaltungen können durch eine Massenpanik ausgelöst werden. Die panische und dadurch unkontrolliert in Bewegung gekommene Menschenmasse kann in derartigen Fällen Stauungen und Extrembelastungen im Ein- und Ausgangsbereich verursachen. In Erinnerung bleibt diesbezüglich auch die Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg im Juli 2010. Beispiel: Zu einer Massenpanik kam es beim Brandunglück von Bradford im Jahr 1985. Im Stadion geriet eine Holztribüne in Brand, was im ersten Moment von keinem der Anwesenden ernst genommen wurde. Doch bereits Sekunden später geriet die Masse in Panik. Schon die Angstreaktion eines Einzelnen kann zu einer Kettenreaktion führen. Nach der bereits erwähnten Studie entsteht die Kettenreaktion im Durchschnitt bereits nach acht Sekunden. Hunderte von Besuchern strömen zum Ausgang. Dabei kommt es vor dem Ausgang zu einem Stau. Die durch Angst entstandene Hektik bringt den Menschenfluss ins Stocken. In solchen Situationen wirken auf den eingeklemmten menschlichen Körper mehrere Tonnen Staudruck, der schwerste innere Verletzungen oder sogar den Tod zur Folge haben kann. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 266 Kai Bockelmann266 Großveranstaltungen ist immanent, dass eine heterogene Gruppe von Kindern, Erwachsenen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Charaktere, bei internationalen Events auch unterschiedlicher Nationalitäten und Mentalitäten vorzufinden ist, bei der jeder Einzelne unterschiedlich reagiert. Hinzu kommen psychologische Phänomene bei Massenveranstaltungen, wie das Herabsinken der Hemmschwelle sowie eine allgemein steigende Gewaltbereitschaft, die eine vollständige Kontrolle über eine Großveranstaltung unmöglich erscheinen lassen. Neben den Zuschauern sind aber auch Teilnehmer von Sportveranstaltungen vom Veranstalter zu schützen. Beispiel: In Erinnerung geblieben ist das Attentat auf Monica Seles 1993 in Hamburg. Beim Damen- Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum wurde Seles im Viertelfinale in einer Seitenwechselpause von einem psychisch gestörten Mann in den Rücken gestochen, nur wenige Millimeter neben die Wirbelsäule, wie Seles später in ihrer Biografie beschrieb. Erst nach mehr als zwei Jahren fand Seles den Weg zurück in den Tennissport. Seles reichte gegen den Veranstalter des Turniers eine Schadenersatzklage in zweistelliger Millionenhöhe wegen der Verletzung der Verkehrssicherungspflicht beim Landgericht Hamburg ein. Allerdings wies das LG Hamburg die Klage ab. Den Veranstalter des Turniers am Hamburger Rothenbaum treffe keine Pflichtverletzung bei der Organisation des Turniers im Jahr 1993, meinten die Richter (LG Hamburg, Urt. v.19.12.96 – 305 O 140/96), insbesondere weil damals mit einem derartigen Angriff nicht gerechnet werden konnte. Deshalb ist sehr fraglich, ob ein Gericht heute zum gleichen Urteil kommen würde, wenn sich ein solcher Vorfall wiederholt. 17.3.1.1 Schadenhöhe Die Schadenschätzung bei der Verwirklichung von Haftpflichtrisiken ist immer schwierig. Die Schadenersatzansprüche können insbesondere aus Personen-, Sachund Folgeschäden resultieren. Das größte Schadenpotenzial ist in den Personenschäden zu sehen. Um eine nach heutigem Standard seriöse und verlässliche Aussage zu potenziellen Forderungen der Geschädigten resp. deren Angehöriger zu treffen, kann mit durchschnittlichen Annahmen auf Basis von Erfahrungswerten gerechnet werden. Insbesondere Ansprüche von dauerhaft geschädigten Schwerverletzten können immense Schadenersatzsummen zur Folge haben. Die endgültige Höhe eines Personenschadens ist im Einzelfall von einer Vielzahl von Kriterien abhängig. Ein wesentlicher Aspekt ist die persönliche Situation des Geschädigten wie Alter, Geschlecht, Beruf und Familienstand. Der Aufwand für Personenschäden setzt sich i. d.R. vor allem aus Kosten der medizinischen Versorgung, Schmerzensgeld und dem Erwerbsschaden zusammen. Auch spielen die Kosten für die Rechtsverteidigung eine wesentliche Rolle bei der Abwicklung von Haftpflichtschäden. Der Bereich der Sachschäden lässt sich wesentlich klarer fassen. Die Reparatur eines vom Veranstalter gemieteten und beschädigten Fußballstadions, möglicherweise mit infolge eines Feuers in Mitleidenschaft gezogener Statik, kann je nach Umfang der Beschädigungen ebenfalls beträchtliche Kosten verursachen. Der Folgeschaden in Form eines Vermögensschadens, z. B. fehlende Nutzbarkeit eines Fußballstadions wegen der Beschädigung, kann, je nach Dauer der Beeinträchtigung, ebenfalls gravierend sein. Im schlimmsten Fall treffen die Schadenereignisse Personen-, Sach- und Folgeschaden zusammen. Vorleistende andere Versicherer (Unfall-, Kranken- oder Lebensversicherer) werden ggf. Rückgriff beim Veranstalter nehmen, wenn dieser haftbar ist. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 267 26717 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich 17.3.1.2 Rechtliche Grundlagen Juristisch werden sich die Anspruchsteller (Kläger) einen Anspruchsgegner (Beklagten) suchen, bei dem sie ihre Anspruchsziele, mit Anspruchsnormen untermauert, durchsetzen können. Als Anspruchsteller werden, basierend auf den angenommenen Schadenszenarien, zunächst insbesondere Zuschauer und Teilnehmer (Spieler) in Betracht kommen. Der Katalog wird sich je nach Fallkonstellation erweitern. Anspruchsgrundlagen können sich aus Vertrag, Delikt und Gefährdung ergeben. Vertragliche Ansprüche ergeben sich z. B. bei Pflichtverletzungen im Verhältnis zwischen Veranstalter und Zuschauer (Eintrittskarte/Zuschauervertrag). Deliktische Ansprüche der Zuschauer resp. deren Angehörigen könnten gegen alle handelnden oder unterlassenden Personen möglich sein, § 823 I BGB (Palandt/Sprau, § 823, Rn. 78). Sogar deliktische Ansprüche gegen ein Unternehmen wegen Organhaftung scheinen denkbar, §§ 823 I, 31 BGB. Hierzu sei auf die Ausdehnung des Begriffs „verfassungsmäßig berufener Vertreter“, § 31 BGB, verwiesen. Mittlerweile kann Haftung sogar für Repräsentanten zugerechnet werden (Palandt/Ellenberg, §31, Rn. 6). Für andere Personen, die – ohne Organ zu sein – Aufgaben der juristischen Person wahrnehmen, kann der Geschäftsherr für den Verrichtungsgehilfen einzustehen haben, § 831 BGB. Beim Blick auf die oben genannten Anspruchsgrundlagen fällt auf, dass unter Haftungsgesichtspunkten nur wenige wichtige Abgrenzungskriterien zur Verfügung stehen, nämlich: Pflichtverletzung, Verschulden (Verschuldensvermutung), Verletzung von Nebenpflichten, Produktfehler, Haftung für Dritte sowie Verkehrssicherungspflichten. Schließlich sei noch das mit der Schuldrechtsmodernisierung 2002 geänderte Schadenersatzrecht erwähnt, das zu einschneidenden Änderungen im Schuldrecht des BGB geführt hat. Der mit der vorerwähnten Gesetzesänderung in Kraft getretene neue Begriff der Pflichtverletzung, § 280 I BGB, Voraussetzung für den Schadensersatzanspruch im Vertragsrecht, wird weit ausgelegt und umfasst die Nichterfüllung, Schlechterfüllung und die Verletzung von Nebenpflichten (Palandt/Grüneberg, § 280, Rn. 12). Bei einer Pflichtverletzung muss der Schuldner Schadensersatz leisten, wenn er eine Pflicht aus dem Schuldverhältnis verletzt und dies zu vertreten hat. Gemäß § 280 I, Satz 2 wird das Vertretenmüssen vermutet. Diese Beweislastumkehr für das Verschulden kommt dem Gläubiger zugute. Das bedeutet, dass sich z.B. ein Sportveranstalter, bei einer gegen ihn sprechenden Annahme, entlasten muss. Unverändert gegenüber dem alten Recht hat der Schuldner für sein eigenes Verschulden, d. h. Vorsatz und Fahrlässigkeit, und für das Verschulden derjenigen einzustehen, deren er sich zur Erfüllung seiner Verbindlichkeit bedient (§ 278 BGB). Insoweit wird dem Schuldner im Rahmen eines Vertragsverhältnisses fremdes Verschulden unwiderleglich zugerechnet. Wesentliche Bedeutung kommt der Verletzung von Nebenpflichten zu. Als Hauptleistungspflichten werden diejenigen angesehen, an deren Erfüllung der Gläubiger ein vertragscharakteristisches Interesse hat. Die Nebenpflichten dienen der Vorbereitung, Durchführung und Sicherung der Hauptleistung (Palandt/Grüneberg, § 241, Rn. 5). Die Rechtsprechung zu den Nebenpflichten ist umfangreich. Je nach Sachverhalt werden einzelne Pflichten ausgeprägter sein als andere. Da Gerichte nach eingetretenen Katastrophen einen gegebenen Sachverhalt unter die lange Liste von geschriebenen und ungeschriebenen Pflichten subsumieren, fällt es schwer, vorherzusagen, was das Ergebnis sein wird. Möglicherweise werden Gerichte im durchaus nachvollziehbaren Interesse eines Gläubigers feststellen, dass zu einem bestimmten neuen Risiko der Schuldner im gegebenen Fall noch besser hätte aufklären, beraten oder schützend mitwirken müssen. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 268 Kai Bockelmann268 Die Haftung des Veranstalters eines Sportevents kann sich auch aus Delikt ergeben. Die aus §823 I BGB von der Rechtsprechung entwickelte Verkehrssicherungspflicht beschreibt einen (Rechts-)Grundsatz, nachdem derjenige, der eine Gefahrenlage für Dritte schafft, d. h. sie selbst hervorruft oder andauern lässt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutze anderer Personen zu treffen hat (Palandt/Sprau, § 823, Rn.46). Für eine Schadenersatzpflicht ist das schuldhafte Unterlassen der Maßnahmen zur Verkehrssicherung maßgebend. Für den Sportveranstalter ist festzustellen, dass die Verkehrssicherungspflichten mit der Eröffnung der Veranstaltung (inkl. Planung und Abbau) entstehen. Die Verkehrssicherungspflichten bestehen bei Sportveranstaltungen gegenüber den einzelnen Anwesenden, unabhängig vom Vorliegen vertraglicher Beziehungen, immer (Palandt, § 823, Rn.45). Bezüglich des Inhalts und Umfangs von Verkehrssicherungspflichten muss der Veranstalter die sportarten- und sportstättentypischen Gefahren sowie die Zahl der erwarteten Zuschauer hinreichend berücksichtigen. Insgesamt gilt der Grundsatz: Je größer die Wahrscheinlichkeit der Schädigung und je schwerer der drohende Schaden, desto höher sind die Erfordernisse an die Verkehrssicherungspflichten bzw. die zu treffenden Sicherheitsvorkehrungen. Insbesondere bei kommerziellen Massenveranstaltungen wird aufgrund auftretender Phänomene, wie z.B. das Herabsinken der Hemmschwelle, ein Höchstmaß an Sicherheitsvorkehrungen verlangt. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass der Sportveranstalter auch für Gefahren, die nicht von ihm, sondern von Dritten ausgehen, verantwortlich gemacht werden kann, wie z. B. Gewalt unter Zuschauern (Palandt/Sprau, § 823, Rn.51). Die Rechtsprechung, auf die an dieser Stelle aufgrund von Platzmangel nicht eingegangen werden kann, legt den Schluss nahe, dass die Gerichte einen hohen Maßstab an die Erfüllung der Verkehrssicherungspflichten legen. So kann in Bezug auf die erforderlichen Maßnahmen nicht nur das „Übliche“, sondern unter Umständen das „Äußerste“ an zu erbringender Sorgfalt erwartet werden. Aus diesem Grund muss sich der Sportveranstalter jedes Mal aufs Neue einer eigenverantwortlichen Überprüfung seiner Sicherheitsmaßnahmen unterziehen. Ein haftungsbefreiendes Delegieren der Verkehrssicherungspflichten an Dritte ist nahezu unmöglich. Vertragliche Haftungsausschlüsse gegenüber Zuschauern, z. B. durch Hinweise auf der Eintrittskarte, sind rechtlich kaum wirksam, § 309 Nr.7 BGB. 17.3.1.3 Absicherung Eine allgemeine Haftpflichtversicherung für den Veranstalter zur Absicherung von Schadersatzansprüchen Dritter aufgrund von Personen- und Sachschäden sowie sich daraus ergebender Vermögensschäden aufgrund gesetzlicher Bestimmungen privatrechtlichen Inhalts erscheint unverzichtbar. Die Haftpflichtversicherung ist an die Bedürfnisse des Veranstalters anzupassen; hier gibt es zahlreiche Anpassungen, die in den gewöhnlich am Markt erhältlichen Konzepten vorzunehmen sind. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 269 26917 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich Beispiel: Bei Anmietung einer Sportstätte ist eine ausreichende Deckungssumme für Mietsachschäden an Gebäuden sicherzustellen. Häufig bieten die Versicherer hier im Vergleich zum Wert der Veranstaltungsstätte nur unzureichende Sublimits an. Bei der Wahl der Versicherungssumme ist insbesondere auch der Wert des angemieteten Gebäudes resp. potenzielle Wiederherstellungskosten zu beachten. Ein Terrorausschluss in der Haftpflichtversicherung sollte vermeidbar sein. Die allgemeine Haftpflichtversicherung übernimmt die Prüfung der Rechtslage, die Befriedigung begründeter Ansprüche und die Abwehr unbegründeter Ansprüche (passiver Rechtsschutz). 17.3.1.4 Zusammenfassung Die Rechtsprechung kann insgesamt als streng angesehen werden. Praktisch jede Form von Pflichtverletzung, Mangel und Verschulden könnte bei Kausalität zu Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüchen führen. Diesbezüglich ist die mit der Schuldrechtsmodernisierung einhergehende Beweislastumkehr des § 280 I BGB ebenso wie die Ausdehnung des Schmerzensgeldanspruchs auf alle Anspruchsgrundlagen bedeutsam. So ist § 847 BGB vom Besonderen Teil in den Allgemeinen Teil des BGB verschoben worden, § 253 II. Dies könnte bei angenommener Pflichtverletzung unter Annahme von Grundsätzen der Beweislastumkehr zu einem vertraglichen Anspruch auf Schmerzensgeld in – nach BGB unbegrenzter Höhe – führen. 17.3.2 Haftpflichtrisiken der Stadioneigentümer/-betreiber Aus haftungsrechtlicher Sicht ist der Stadioneigentümer/-betreiber neben dem Veranstalter auch für die Verkehrssicherheit verantwortlich. Die Verkehrssicherungspflichten beziehen sich insbesondere auf einen baulich und technisch sicheren Zustand des Stadions. Es ist zudem sicherzustellen, dass Gefährdungen aus Zuschauergedränge und Massenbewegungen sowie Ausschreitungen durch Schutzgitter, Absperrungen, ausreichende Freiräume und Ausgänge möglichst ausgeschlossen werden. Insoweit ist der Stadioneigentümer/-betreiber also dafür verantwortlich, dass das Stadion den bereits oben beschriebenem Zuschauerverhalten und den besonderen damit verbundenen Gefahren standhält. Diesbezüglich ähneln die Pflichten denen des Veranstalters. Der Schwerpunkt liegt für den Stadionbetreiber/-eigentümer dabei in der baulichen Herstellung und Aufrechterhaltung gefahrvermeidender Einrichtungen und deren Überwachung (Fritzweiler, 2007, 456). Nach den Bestimmungen des § 836 ff. BGB haftet der Stadioneigentümer ebenfalls für die Verletzung aus Verkehrssicherungspflichten. Der Unterschied zur Haftung aus §823 BGB liegt in der Umkehr der Beweislast (Palandt/Sprau, §836, Rn. 1). Er haftet für fehlerhafte Errichtung oder mangelhafte Unterhaltung, z. B. wenn durch Einsturz der Tribüne oder Ablösung von Teilen des Bauwerks Personen verletzt oder Sachen beschädigt werden (Fritzweiler, 2007, 456). Fehlerhaft ist ein Bau dann, wenn er nicht alle Anforderungen erfüllt, um Leben und Gesundheit anderer nicht zu gefährden (Palandt/Sprau, §836, Rn. 8). Eine vollständige, wirksame Abwälzung der Haftung auf den Veranstalter dürfte kaum möglich sein. Dies dürfte insbesondere für Bereiche gelten, auf die der Veranstalter keinen Einfluss hat, z. B. die Erhaltung der Bausicherheit. Es besteht dann zumindest eine Überwachungs- und Überprüfungspflicht fort. Stadioneigentümer und Veranstalter haften dem Geschädigten gegenüber somit u. U. gesamtschuldnerisch, § 840 BGB (Fritzweiler, 2007, 456 u. Herrmann, 2008, 193). Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 270 Kai Bockelmann270 Absichern können sich Stadioneigentümer/-betreiber ebenfalls mit einer allgemeinen Haftpflichtversicherung, die sämtliche Verantwortlichkeiten und Tätigkeitsbereiche in den Deckungsschutz einbezieht. 17.3.3 Das Vermögensschaden-Haftpflichtrisiko Neben den Personen- und Sachschäden ist auch ein sog. reiner Vermögensschaden denkbar. In Abgrenzung zu den obigen Ausführungen ist ein reiner Vermögensschaden weder Folge eines Personen- noch eines Sachschadens. Der typische Fall eines Vermögensschadens resultiert zumeist aus vertraglichen Beziehungen, d. h. der geschädigte Dritte ist im Regelfall der Vertragspartner. Hierbei handelt es sich u. a. um Fälle sog. „Schlechtleistung“ und um die Verletzung vertraglicher Nebenpflichten. Diese Pflichtverletzungen haben zur Folge, dass dem Vertragspartner, neben dem nicht gedeckten Erfüllungsanspruch oder Garantieansprüchen aus Vertrag, ein Schadenersatzanspruch aufgrund eines erlittenen Vermögensschaden zusteht. Daneben geht es um Leistungsstörungen, die der Versicherungsnehmer zu vertreten hat. Sind ausnahmsweise auch Eigenschäden in der Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung mit gedeckt, beziehen diese sich regelmäßig nicht auf sogenanntes Organhandeln (Gegenstand einer D&O-Versicherung, s. u.), sondern auf den operativen Tätigkeitsbereich der Versicherten. Beispiel: Ein Verband sprach gegenüber einer Mitarbeiterin eine personenbedingte Kündigung aus. Die Kündigung war, zunächst unerkannt, formunwirksam, da Unterschriften der vertretungsberechtigten Personen fehlten und keine vorherige Abmahnung erfolgte. Der Verband lehnte das Arbeitsangebot der Mitarbeiterin außergerichtlich sowie später gerichtlich ab und stellte umgehend eine neue Kraft ein, noch während das Kündigungsschutzverfahren lief. Erst im letzten Gerichtstermin wurde der Formmangel problematisiert, als die Probezeit der neuen Mitarbeiterin bereits abgelaufen war. Der Verband musste nun Mehraufwendungen erbringen, die bei wirksamer Kündigung vermeidbar gewesen wären (höhere Abfindung, doppelte Vergütung bis zur formwirksamen Kündigung der vorherigen Mitarbeiterin). Die Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung ist typischerweise eine Berufs-Haftpflichtversicherung für bestimmte Berufsgruppen. Sie ist auch bei Firmen, Körperschaften und Verbänden gebräuchlich, da Betriebs- oder Vereins-Haftpflicht-Versicherungen („allgemeine Haftpflichtversicherung, s. o.) grundsätzlich reine Vermögensschäden, die aus „beruflichen Versehen“ resultieren, nicht abdecken. Sollen Vermögensschaden-Haftpflichtrisiken aus bestimmten Verträgen abgesichert werden, ist zu prüfen, ob die vertragliche Haftpflicht aus den entsprechenden Haftungsklauseln über die gesetzliche hinausgeht. In derartigen Fällen muss eine Sondervereinbarung mit dem Versicherer zur Übernahme der über die gesetzliche hinausgehende Haftpflicht getroffen werden. Üblicherweise übernehmen die Versicherer nämlich nur die reinen Vermögensschäden, für die der Versicherte von Dritten aufgrund von gesetzlichen Haftpflichtbestimmungen privatrechtlichen Inhalts in Anspruch genommen wird. Die Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung übernimmt wie die allgemeine Haftpflichtversicherung die Prüfung der Rechtslage, die Abwehr unbegründeter Ansprüche (passiver Rechtsschutz) sowie die Befriedigung begründeter Ansprüche. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 271 27117 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich 17.3.4 Persönliche Haftungsrisiken für Management und Aufsichtsorgane Das Management und die Aufsichtsorgane eines jeden Unternehmens haben zahlreiche Pflichten, die sowohl durch aktives Handeln als auch durch Unterlassen verletzt werden können. Genannt seien hier exemplarisch die Bereiche Personal, Buchführung oder Beteiligungen. Eine Pflichtverletzung kann diesbezüglich bereits beim Verschuldensgrad der leichten Fahrlässigkeit zur persönlichen Haftung mit dem gesamten Privatvermögen führen. Beispiel: Ein Verein hatte ein Grundstück veräußert. In der Presse wird der Verkauf als außergewöhnlich gutes Geschäft für den Erwerber dargestellt. Daraufhin wird eine interne Prüfung des Vorgangs veranlasst. Dabei stellte sich heraus, dass seitens eines Vereinsreferenten versehentlich der Verkehrswert des Grundstücks zu niedrig angesetzt wurde. Seitens des Vorstands waren weder Vorgaben zur Wertermittlung gemacht worden, noch war der später ermittelte Verkehrswert geprüft worden. Der Verein macht Ersatzansprüche in Höhe von 250.000 Euro gegen den Vorstand geltend. Die ordentliche Ermittlung des Verkehrswerts bei Veräußerung von Grundstücken könnte in die Instruktions- und Überwachungspflicht eines Vorstands fallen und somit zu einer persönlichen Haftung des Vorstands mit seinem Privatvermögen führen. Mit einer Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung für Unternehmensleiter (Directors’& Officers’) können verantwortliche Manager, in aller Regel Vorstände, Geschäftsführer und Aufsichtsräte, gegen die Folgen einer persönlichen Inanspruchnahme aus gesetzlichen Haftpflichtpestimmungen abgesichert werden. Die Police wird vom Unternehmen abgeschlossen. Die D&O-Versicherung ist versicherungstechnisch überaus komplex, weshalb ihr in der Praxis große Beachtung geschenkt werden sollte. Dies insbesondere deshalb, weil es auch in dieser Sparte zahlreiche Standard-Ausschlüsse gibt, die teilweise verhandelbar sind. Hier gilt es, nach umfassender Beratung die für das Unternehmen passende Police zu entwickeln. 17.3.5 Ausfallrisiken 17.3.5.1 Ausfall von Sportveranstaltungen Die Absage, der Abbruch, die zeitliche Verschiebung oder örtliche Verlegung einer Sportveranstaltung kann vielfältige Gründe haben. Manche Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge sind offensichtliche Bedrohungen für Veranstaltungen. Andere Ursachen werden aber auch bei einer sorgfältigen Risikoanalyse nicht vorhersehbar bleiben, da sie in der Vergangenheit nicht aufgetreten sind. Beispiel: Die Auswirkungen einer Aschewolke auf den Flugverkehr waren vor ihrem erstmaligen Auftreten nicht abzusehen. Zahlreiche Sportveranstaltungen mussten deshalb abgesagt oder zeitlich verschoben werden, z.B. weil das gegnerische Team aufgrund der Sperre des Luftraums nicht oder nicht rechtzeitig anreisen konnte. Muss eine aufwändig geplante Sport-Veranstaltung abgesagt, abgebrochen, in der Durchführung geändert, zeitlich verschoben oder örtlich verlegt werden, entstehen Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 272 Kai Bockelmann272 den Beteiligten, allen voran dem Veranstalter selbst, finanzielle Verluste. Die vertragliche Verpflichtung zur Leistungserbringung erlischt regelmäßig, wenn keine der Vertragsparteien den Ausfall zu vertreten hat. Für den Sportveranstalter kann dies den Verlust von geplanten Einnahmen, insbesondere aus TV-Rechten, Eintrittskarten und Sponsoring bedeuten. Dem gegenüber stehen vergeblich aufgewendete Kosten. Neben dem Veranstalter selbst, kann je nach Vertragskonstellation und Zeitpunkt des Ausfalls, jedes Glied der Wertschöpfungskette einer Veranstaltung von einer Störung der Veranstaltung finanziell betroffen sein. Die finanziellen Verluste können durch Abschluss einer Veranstaltungs-Ausfallversicherung abgewendet werden, die den Vermögensschaden deckt, der durch Ausfall, Abbruch, Unterbrechung, zeitliche Verschiebung oder örtliche Verlegung der Veranstaltung entsteht. Diese sollte versicherungstechnisch als Allgefahrendeckung („All Risk“) konzipiert sein, so dass alle Ursachen eines Ausfalls außerhalb der Kontrolle des Versicherten, mit Ausnahme von wenigen explizit genannten Ausschlüssen, gedeckt sind. Deckungen, deren Versicherungsschutz auf Basis von benannten Gefahren („named perils“) aufgebaut sind, ist immanent, dass diverse Risiken unversichert bleiben (s. o. Beispiel „neue“ Aschewolke). 17.3.5.2 TV-Ausfall Bei einer TV Live-Übertragung kann es aus verschiedenen Gründen zu einer Unterbrechung des TV-Signals bzw. der TV-Übertragung kommen. In der Folge können dem Rechteinhaber finanzielle Verluste entstehen. Zu den Voraussetzungen werden insbesondere die mit den Partnern (i. d. R. Fernsehsender und Sponsoren) geschlossenen Verträge eine Aussage treffen. Zum einen können finanzielle Verluste aus Schadenersatzforderungen der Fernsehsender und Sponsoren entstehen, wenn der Inhaber der TV-Rechte den Fernsehsendern eine unterbrechungsfreie Übertragung vertraglich zugesichert hat. Voraussetzung für Schadenersatzansprüche ist grundsätzlich ein Verschulden. Dabei würde auch ein Verschulden eines Subunternehmers auch zur Haftung des Rechteinhabers führen, weil dem Schuldner ein Verschulden seines Erfüllungsgehilfen zugerechnet wird (§278 BGB). Der Nachweis eines Verschuldens kann in der Praxis problematisch sein, z.B. wenn Unwetter bei der Unterbrechung der TV-Übertragung mitgewirkt haben. Sofern „höhere Gewalt“ Ursache eines TV-Ausfalls ist und keine Hinweise für ein Verschulden des Vertragspartners bestehen, scheiden Schadenersatzansprüche aus. Zudem dürfte es dem Fernsehsender schwerfallen, den entstandenen Schaden dem Grunde und der Höhe nach zu substantiieren. Neben Schadenersatzansprüchen kommen insbesondere Mängelansprüche aus dem gesetzlichen Gewährleistungsrecht in Betracht. Vorbehaltlich der Ausgestaltung der Verträge könnten von Fernsehsendern und Sponsoren somit – verschuldensunabhängige – Minderungsansprüche gegen den Inhaber der TV-Rechte geltend gemacht werden (Summerer/Ludwig, 2008, 45). Zur Absicherung eines Bildausfalls eignet sich eine verschuldensunabhängige TV- Ausfallversicherung. Diese würde grundsätzlich auch dann leisten, wenn der Inhaber der TV-Rechte durch einen TV-Ausfall infolge „höherer Gewalt“ den Anspruch auf Leistung des Vertragspartners verliert. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, eine Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung zur Deckung von Schadensersatzsansprüchen Dritter abzuschließen. Diesbezüglich muss in der Vertragsprüfung eruiert wer- Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 273 27317 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich den, ob die Deckung auch Schutz für über die gesetzliche Haftpflicht hinausgehende vertragliche Haftpflicht bieten muss. 17.3.5.3 Ausfall von Werbemitteln Bei Sportveranstaltungen, die live im TV übertragen werden, setzen die Rechteinhaber resp. Vermarkter verstärkt LED/LCD-Werbebanden ein, um die Botschaften der Werbenden an die Zielgruppen zu senden. Ein Total- oder Teilausfall der Werbebanden, auch Drehbanden (Roto) kann finanzielle Verluste bedeuten, z.B. weil die vertraglich zugesicherte Ausstrahlung aufgrund eines Defekts des Bandensystems nicht erbracht werden konnte. Probleme können auch durch eine nicht rechtzeitige Lieferung oder Zerstörung der Banden entstehen. Eine spezielle Ausfallversicherung kann die finanziellen Risiken wirksam abfedern. 17.3.6 Risiken von Spielerkadern Die Spielerkader entscheiden im Profisport regelmäßig über den sportlichen und damit verbunden auch wirtschaftlichen Erfolg. Gleichzeitig stellen sie Werte dar. Zum Club transferierte Spieler werden mit den Anschaffungskosten nach § 255 HGB als immaterieller Vermögensgegenstand bilanziert (inkl. Kosten des Spielerberaters) und über die Vertragslaufzeit planmäßig abgeschrieben. Tritt die dauernde Sportinvalidität oder der Tod des Spielers ein, erfolgt eine außerplanmäßige Abschreibung. Liegt eine vorübergehende Wertminderung vor, besteht gem. § 253 II HGB ein sog. Abschreibungswahlrecht (Petzold/Makselon, 2012, 128). Werte stellen aber auch Spieler dar, beispielsweise weil sie aus der eigenen Jugend kommen oder ablösefrei verpflichtet werden konnten. Aus Sicht des Risiko- und Versicherungsmanagement ist festzustellen, dass die mit den Transferrechten verbundenen Werte dem Risiko des Untergangs unterliegen. Beispiel: Im September 2011 stürzte ein Flugzeug in der russischen Stadt Jaroslawl ab. An Bord war das Profi-Team des Eishockey-Club Lokomotive Jaroslawl, das in der russischen Profiliga KHL – Kontinental Hockey League spielte. Lediglich ein Spieler überlebte das Unglück. Die Versicherer bieten Katastrophendeckungen für Großschadenereignisse auf Jahresbasis an. In Anbetracht der Tatsache, dass die Teams häufig zusammen reisen (Flugzeug, Bus, Hotel) erscheint diese Grunddeckung, die ausschließlich bei Unfällen leistet, unverzichtbar. Versichert werden können sowohl der Todes- als auch der Invaliditätsfall. Auch hier können die Versicherungssummen individuell für den einzelnen Spieler bestimmt werden. Beispiel: Ein 26jähriger Fußball-Profi verdreht sich bei einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart das Knie und erleidet einen Kniebinnenschaden mit Knorpelabsprengung. Es folgen Operationen und Rehabilitationsmaßnahmen. Nach zwei Jahren steht fest, dass das Knie den Belastungen des Berufssports aufgrund der beim Unfall erlittenen Schädigungen nicht mehr standhält. Der Spieler muss seine Karriere beenden. In der Konsequenz erleidet das Unternehmen aufgrund der eingetretenen dauernden Sportinvalidität des Spielers einen finanziellen Verlust, sei es in Form einer außerordentlichen Abschreibung und/oder entgangenen Einnahmen aus einem etwaigen späteren Transfererlös. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 274 Kai Bockelmann274 Absichern können sich die Unternehmen gegen solche Risiken mit sogenannten Marktwertdeckungen. Diese bieten Deckungsschutz für den Fall, dass ein Spieler infolge eines Unfalls oder einer akut und im Versicherungszeitraum erstmals auftretenden Krankheit Sportinvalide wird und die Karriere beenden muss. Gleichzeitig wird auch das Todesfallrisiko übernommen. Die Wahl der Versicherungssumme wird dem Unternehmen überlassen, wobei der Versicherer die Plausibilität prüft. Bei Spielern, die unter Aufwendung einer Transfersumme verpflichtet werden, wird regelmäßig der Bilanzwert angesetzt. Bei anderen Spielern nimmt das Sportmanagement eine subjektive Bewertung des Marktwerts vor. In diesem Bereich gibt es sowohl nationale als auch internationale Anbieter auf Maklerund Versichererseite. Dem Bedingungswerk kommt eine außerordentliche Bedeutung zu und unterscheidet sich bei den verschiedenen Anbietern z. T. erheblich. Insbesondere die Definitionen zu Versicherungsumfang, Vorschäden, Degenerationen und Fristen sind dabei im Detail zu analysieren. In der Praxis kann es ansonsten aufgrund von Vorschäden und Verschleiß (Degenerationen) in diesem Bereich zu Unstimmigkeiten kommen. Neben dem Bedingungswerk ist auch das sogenannte medizinische Underwriting für den Deckungsschutz bedeutsam ist. Dabei werden die einzelnen Spieler vom Versicherer anhand von med. Fragebögen, die der Spieler wahrheitsgemäß ausfüllen muss, und medizinischen Gutachten, die i.d.R. vom Vereinsarzt erstellt werden, einem Check unterzogen. Der Versicherer entscheidet dann über individuelle Ausschlüsse bei den einzelnen Spielern. Beispiel: Ein Fußballclub verpflichtet zu Saisonbeginn zum 1.7. einen hochkarätigen Spieler aus Spanien. Dieser hat im Rahmen der Vertragsverhandlungen erreicht, dass sein Gehalt auch bei Arbeitsunfähigkeit über die gesetzliche Lohnfortzahlungsverpflichtung hinaus vom Club gezahlt wird. Am 10.9. verletzt sich der Spieler infolge eines Trainingsunfalls schwer und fällt in der Folge neun Monate aus. Der Club muss in dieser Zeit aufgrund der individualvertraglichen Vereinbarung das volle Gehalt des Spielers weiter zahlen. Wird individualvertraglich eine über die gesetzliche Entgeltfortzahlung hinausgehende Lohnfortzahlung vereinbart, kann sich der Arbeitgeber gegen das Risiko der Lohnfortzahlung bei einem Ausfall infolge eines Unfalls oder einer akut und erstmals auftretenden Krankheit versichern. Die Versicherer werden hier regelmäßig auf einen zeitlichen Selbstbehalt bestehen (z.B. 42 Tage). Die maximale Zahlungsdauer derartiger Deckung ist meist auf ein Jahr nach Ablauf des Selbstbehalts begrenzt. Diese Deckungsart ist inhaltlich ähnlich anspruchsvoll wie die Marktwertdeckung. Der Versicherungsmarkt im Bereich der Spielerversicherung resp. Sportinvanliditätsversicherung unterliegt einer hohen Fluktuation. Der Versicherungseinkäufer sollte sich deshalb ein Bild über die Kontinuität, Schadenerfahrung und -performance der verschiedenen Anbieter auf Makler- und Versichererseite entscheiden. 17.3.7 Sonstige Versicherungen Neben den dargestellten Risiken und Deckungen, die im Sport eine Bedeutung haben, hängt das Versicherungsportfolio von den individuellen Verhältnissen des Unternehmens ab. Eine pauschalierte Aussage zu den Notwendigkeiten kann deshalb nicht getroffen werden. Vahlen Allgemeine Reihe – Galli u.a. – Sportmanagement (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 26.07.2012 Status: Imprimatur Seite 275 27517 Versicherungsmanagement im professionellen Sportbereich 17.4 Fazit Das von großen Wirtschaftsunternehmen überwiegend praktizierte Risiko- und Versicherungsmanagement ist auch für Unternehmen im Sport anzuraten. Die Risiken sind z.T. substantiell und bedürfen daher einer sorgsamen Beachtung. Bei Aktiengesellschaften ist der Vorstand sogar gesetzlich gefordert, geeignete Maßnahmen zu treffen, damit der Fortbestand der Gesellschaft nicht gefährdet wird (§ 91 AktG). Die Wahl der geeigneten Maßnahmen sind mithin Führungsaufgaben, die auch unter Aspekten der Organhaftung ernst genommen werden sollten. Die Beantwortung von Versicherungsfragen im Sport erfordert spezielles Know-how. Bei Haftpflichtfragen sind beispielsweise nicht nur Deckungs-, sondern auch materiellrechtliche Fragen zu beantworten. Die deutschen und internationalen Versicherungsmärkte bieten eine Reihe von standardisierten Deckungen an, sind aber für individuelle Lösungen offen. Erfahrungsgemäß sind unabhängige Versicherungsmakler eine geeignete Anlaufstelle für die Risikoberatung. Dabei wird der spezialisierte Berater zunächst umfassende Dienstleistungen in Zusammenhang mit der Identifikation und Bewertung der Risiken anbieten und erst dann das Versicherungsprogramm entwickeln wollen. Wichtig ist es, dass beide Seiten diese Zusammenarbeit als kontinuierlichen und gemeinsam zu gestaltenden Prozess ansehen. Literaturverzeichnis Fritzweiler, J./Pfister, B./Summer, T.: Praxishandbuch Sportrecht, München 2007. Heermann, P.: Haftung im Sport, in: Wüterich, C./Breucker, M (Hrsg.): Arbeitsrecht im Sport, Stuttgart 2006. Munich Re: Wenn Massen außer Kontrolle geraten: Weltkarte der Katastrophe bei Fußballveranstaltungen, München 2005. Palandt: Bürgerliches Gesetzbuch, Kommentar, 71. Auflage, München 2012. Summerer, T./Ludwig, D.: Bildausfall und seine Folgen, in: SpuRt, 2008, S. 44–45. Petzold, J./Makselon, D.: Welchen Wert hat ein Profisportler, in: Versicherungswirtschaft, Heft 2, 01/2012, S. 128–129. Zinnert, M.: Recht und Praxis des Versicherungsmaklers, Karlsruhe 2008.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"Das vorliegende Handbuch [...] gibt eine exzellente Orientierung für modernes und professionelles Sportmanagement [...]"

Wolfgang Niersbach

Präsident des Deutschen Fußball-Bundes

Immer weiter reichende ökonomische Aktivitäten und damit verbundene Risiken - Entscheidungsträger im professionellen Sport müssen nicht nur ihren Partnern aus der Wirtschaft auf gleicher Augenhöhe begegnen, sie müssen vielmehr die Klubs und deren Tochtergesellschaften bzw. die Organisationseinheiten um Einzelsportler in entsprechender Weise ausrichten und leiten, um den sportlichen vor allem aber den ökonomischen Wettbewerb erfolgreich bestreiten zu können.

Dieses umfassende Handbuch liefert Ihnen Lösungen zu den zentralen Fragen im professionellen Sportmanagement - es stellt die wesentlichen Ansatzpunkte für die unternehmerische Führung und die dafür notwendigen Grundlagen aus Betriebswirtschaftslehre, Steuern und Recht vor.

Vor allem am Beispiel des aus der ökonomischen Perspektive am weitesten entwickelten professionellen Fußballsports richtet sich dieses praxisorientierte Nachschlagewerk insbesondere an Verantwortliche in Klubs - Vereinsvorstände, Organe der Kapitalgesellschaften, Leiter der betriebswirtschaftlichen Bereiche und deren Mitarbeiter -, natürlich aber auch an Einzelsportler und ihre Berater sowie an Kapitalgeber, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Studierende.

Über die Autoren und Herausgeber

Das Handbuch "Sportmanagement" ist ein Gemeinschaftswerk von ausgewiesenen Praktikern, die über langjährige Erfahrungen im professionellen Sport verfügen. Es wird herausgeben von Prof. Dr. Albert Galli, Prof. Dr. Vera-Carina Elter, Prof. Dr. Dr. h.c. Rainer Gömmel, Wolfgang Holzhäuser und Wilfried Straub.

"(...) Wenn das Buch auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, es befasse sich nur mit dem Profisport, so ist das ein falscher Eindruck. Da es sich in allen Teilbereichen um einen professionellen Umgang mit dem Sport bemüht, ist es bestimmt auch für den "normalen" Vereinsführer ein hilfreiches Werk. Hilfreich ist auch die klare Gliederung in kurze Artikel zu Teilbereichen."

In: Der Budoka 12/2002, zur 1. Auflage