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A. Kybernetische Erklärungsmodelle in:

Carl-Christian Freidank

Unternehmensüberwachung, page 33 - 36

Die Grundlagen betriebswirtschaftlicher Kontrolle, Prüfung und Aufsicht

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3710-2, ISBN online: 978-3-8006-4612-8, https://doi.org/10.15358/9783800646128_33

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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II. Grundlagen der Überwachungslehre A. Kybernetische Erklärungsmodelle5 Der unternehmerische Überwachungsprozess kann stark vereinfachend wie in Abbildung 26 gezeigt als kybernetisches Regelkreismodell7 dargestellt werden, das folgende Charakteristika aufweist: · Identität von Überwachungs- und Entscheidungsinstanz; · Überwachungsaktivitäten setzen erst beim Eintritt der Störgröße ein; · Überwachungsaktivitäten werden mittels Rückinformationen (Feedback-Informationen) von durch die Störgröße verursachten Abweichungen der Ausprägungen zwischen Soll- und Ist-Objekten ausgelöst; · die Überwachungsaktivitäten der Unternehmensleitung erstrecken sich nur auf Änderungen der Stellgröße (d. h. nicht auf die Störgröße), um die Ausprägungen der Sollobjekte wieder zu erreichen. Abbildung 2: Überwachungssystem vom Typ I (Regelkreissystem) Die Umsetzung dieser einfachsten Struktur eines Überwachungssystems (Überwachungssystem vom Typ I), die in Abbildung 2 verdeutlicht wird, findet sich in fast allen Unternehmen (z. B. Kostenkontrolle in Industrieunternehmen). Im Grund- 5 Vgl. hierzu auch die Ausführungen im Dritten Teil zu Gliederungspunkt I.B.2.1. 6 Modifiziert entnommen von Sieben/Bretzke (1973), S. 626. 7 Die Kybernetik stellt eine Forschungsrichtung dar, die vergleichende Betrachtungen über Gesetzmäßigkeiten im Ablauf von Regelungs- und Steuerungsvorgängen in Technik, Biologie und Soziologie anstellt. II. Grundlagen der Überwachungslehre ¢ 7 satz wird dieses System dadurch charakterisiert, dass die gemessenen Soll-Ist-Abweichungen von den Verantwortlichen in Korrekturentscheidungen transformiert werden, die darauf ausgerichtet sind, die ggf. revidierte Sollausprägung des Überwachungsobjektes zu erreichen. Abbildung 3 zeigt die Struktur einesÜberwachungssystems vom Typ II8, das für Unternehmen mit Interner Revision charakteristisch ist. Im Gegensatz zum Typ I werden hier aus Rationalisierungsgründen Überwachungs- und Korrekturfunktion getrennt und organisatorisch verselbständigt; allerdings bleibt im Gesamtkontext die Überwachung der Entscheidungsinstanz disziplinarisch unterstellt. Im Vergleich zum Überwachungssystem vom Typ I lassen sich folgende Bewertungen vornehmen:9 · Die Überwachungsinstanz steht dem Überwachungsobjekt objektiver gegenüber, da sie auf seinen Zustand keinen unmittelbaren Einfluss hat. · Die Überwachungsinstanz kann den Überwachungsprozess effizienter gestalten, da sie sich auf Überwachungsaufgaben spezialisieren kann. · Die Entscheidungsinstanz wird entlastet und kann sich sorgfältiger mit der Lösung ihrer Entscheidungsaufgaben auseinandersetzen. · Da die Überwachungsinstanz als soziales Subsystem auch eigene Ziele verfolgen kann, besteht die Gefahr der Filterung und Verzerrung des Informationsflusses über die Ergebnisse des Soll/Ist-Vergleichs.10 Abbildung 3: Überwachungssystem vom Typ II Sofern die Ausprägung eines Überwachungsobjektes (z. B. der handelsrechtliche Jahresabschluss nach § 246 HGB i.V.m. § 316 HGB) unmittelbar die Interessen von Personen berührt (z. B. Aktionäre, Gläubiger, Schuldner, Investoren, Arbeitnehmer), die im Gegensatz zur Entscheidungsinstanz (z. B. Vorstand) keineMöglichkeit einer direkten 8 Modifiziert entnommen von Sieben/Bretzke (1973), S. 628. 9 Vgl. Sieben/Bretzke (1973), S. 628. 10 Diesem Dilemma kann die Entscheidungsinstanz aber entgegenwirken, indem sie die Überwachungsinstanz in bestimmten Zeitabständen selbst zum Überwachungsobjekt erklärt (Überwachung der Überwachenden). 8 ¢ Erster Teil: Einführung, Begriffsklärung und Systematisierung Einflussnahme auf dieses Objekt haben, dann bietet es sich ausObjektivitätsgründen an, die Überwachungsfunktion auf eine Instanz (z. B. den Abschlussprüfer nach § 316 HGB i.V.m. § 317 HGB) zu übertragen, die von der Entscheidungsinstanz und dem von ihr zu führende Subsystem vollkommen unabhängig ist. Die Struktur eines solchen Überwachungssystems vom Typ IIIwird in Abbildung 4 wiedergegeben.11 Abbildung 4: Überwachungssystem vom Typ III Derartige Systeme sind häufig dadurch geprägt, dass die Überwachung an Sollgrö- ßen auszurichten ist (z. B. nationale oder internationale Rechnungslegungsvorschriften nach §§ 238–289a HGB bzw. § 315a HGB), die nicht ausschließlich den von der Entscheidungsinstanz verfolgten (Unternehmens-)Zielen entsprechen. Hierdurch besteht die Gefahr, dass von der außenstehenden Überwachungsinstanz konstatierte Soll-Ist-Abweichungen nicht in Korrekturmaßnahmen transformiert werden, wenn es ihr nicht gelingt, die Nichtberücksichtigung der Überwachungsergebnisse an wirkungsvolle Sanktionen zu binden (z. B. Versagung oder Einschränkung des Testats nach § 322 Abs. 4 Satz 1 HGB). Sofern der Eintritt von Störgrößen oder der Eintritt ihrer Wirkungen durch entsprechende Steuerung der Führungsinstanzen verhindert wird, liegt aus kybernetischer Sicht ein Steuerkreismodell (Feedforward-System) vor, das wie folgt gekennzeichnet ist: · Bereits durch Vorabinformation über alle möglichen Störgrößen mit ihren möglichen Wirkungen werden Überwachungsaktivitäten ausgelöst (sog. Frühwarnsysteme). · Diese Aktivitäten erstrecken sich auf die Eliminierung aller Störgrößen oder auf dieKorrektur ihrer Auswirkungen, womit im Idealfall die festgelegten Sollgrößen zu realisieren sind. Da bei Regelkreismodellen (Feedback-Systemen) auf Abweichungen zwischen den Ausprägungen von Soll- und Istobjekten erst nach Störeintritt reagiert werden kann, 11 Modifiziert entnommen von Sieben/Bretzke (1973), S. 629. II. Grundlagen der Überwachungslehre ¢ 9 Steuerkreismodelle (Feedforward-Systeme) aber neben der vollständigen Kenntnis und Quantifizierung aller Störgrößen auch eine exakte Prognose ihrer Auswirkungen auf die Steuergröße voraussetzen, wird zur Vermeidung der Nachteile beider Systeme eine Kombination aus Feedback- und Feedforward-Systemen vorgeschlagen. Derartige Gestaltungen sollten in der Lage sein, „. . . Prozesse derart zu steuern und zu regeln, dass die Störungen, soweit sie hinsichtlich ihrer Art und deterministischen Wirkung auf die Regelgröße bekannt sind, ausgesteuert werden, während die übrigen (unbekannten) Störgrößen ausgeregelt werden“12. Ein solches System, für welches das in einem Unternehmen installierte Controlling (Unternehmenssteuerung) als Beispiel dienen mag, lässt sich in Abänderung des Regelkreismodells vom Typ I wie in Abbildung 5 gezeigt darstellen. Abbildung 5: Kombination aus Regel- und Steuerkreissystem B. Bedeutung der Principal Agent-Theorie Während die historischen kybernetischen Erklärungsmodelle darauf ausgerichtet waren, theoretische Strukturen von Überwachungsmodellen herauszuarbeiten, die in der betriebswirtschaftlichen Realität anzutreffen sind, zielt die neuere Principal Agent-Theorie13 unter Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischenEigenkapitalgeber (Principal) undgeschäftsführendemManager (Agent)u. a.daraufab,die InstallationvonÜberwachungssystemenzubegründen.ErkenntnisobjektderPrincipalAgent- Theorie ist eine vertragliche Auftraggeber-/Auftragnehmer-Beziehung, d. h. dem AgentenwirdvomPrincipal dieAusführung einer bestimmtenAufgabeübertragen. Kennzeichnend für das Principal Agent-Verhältnis ist zum einen eine asymmetrische Informationsverteilung zugunsten des Agenten und zum anderen ein Interessen- 12 Baetge (1974), S. 31. 13 Vgl. hierzu Elschen (1991), S. 1002–1012; Ewert (2007a), Sp. 1–10; Paff/Zweifel (1998), S. 184– 190.

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References

Zusammenfassung

"eine hervorragende Grundlage sowohl für die Lehre als auch ein außergewöhnlich nützliches Nachschlagewerk für die Praxis." Die Wirtschaftsprüfung 24/2012

Alle Überwachungsaktivitäten eines Unternehmens.

Dieses Handbuch führt Sie in die theoretischen, rechtlichen sowie system- und prozessorientierten Grundlagen der betriebswirtschaftlichen Kontrolle, Prüfung und Aufsicht ein. Alle Bereiche der Wirtschaftsprüfung, Internen Revision, des Risikomanagement- und Internen Kontrollsystems, des Vorstands und Aufsichtsrats sowie des Controllings werden eingehend behandelt.

Aus dem Inhalt:

Grundlagen der Überwachungslehre

- Corporate Governance

- Überwachungssysteme

- Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensüberwachung

Betriebswirtschaftliche Kontrolle

- Unternehmenspolitik und Kontrolle

- Internes Kontrollsystem

- Risikomanagement und -controlling

- Aufbau und Einsatz von Kontrollrechnungen

Betriebswirtschaftliche Prüfung

- Grundlagen der Prüfungslehre

- Ausgewählte Prüfer und Prüfungsorgane

- Vorbehaltsprüfungen von Einzelunternehmen und Konzernen

- Sonderprüfungen

Dieses Lehr- und Nachschlagewerk richtet sich an Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Darüber hinaus werden Praktiker, hier vor allem Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Interne Revisoren, Controller, Verantwortliche für Risikomanagement- und Compliancesysteme sowie Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräte angesprochen.

Der Experte

Prof. Dr. habil. Carl-Christian Freidank, Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Univ. Hamburg.