Content

B. Überblick über die Erkenntnisziele und -objekte in:

Carl-Christian Freidank

Unternehmensüberwachung, page 148 - 162

Die Grundlagen betriebswirtschaftlicher Kontrolle, Prüfung und Aufsicht

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3710-2, ISBN online: 978-3-8006-4612-8, https://doi.org/10.15358/9783800646128_148

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
124 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung B. Überblick über die Erkenntnisziele und -objekte 1. Einführung Nachdem dargelegt wurde, dass Prüfungen zum Gegenstand eines akademischen Fachs geworden sind, gilt es zunächst vor dem Hintergrund der Betriebswirtschaftslehre, verstanden als praktisch-normative Wissenschaft (Entscheidungstheorie), folgende Fragen zu klären: · Welche Erkenntnisziele und -objekte charakterisieren das Fach der betriebswirtschaftlichen Prüfungslehre? · Inwieweit tragen die bereits vorliegenden Aussagesysteme nach neueren Erkenntnissen zur begrifflichen, methodologischen und konzeptionellen Fundierung der PrüfungslehreWissenschaftscharakter? Ansatzpunkte, um den Erkenntniszielen und -objekten der Prüfungslehre näher zu treten, bietet zunächst die Definition des Prüfungsbegriffs. Aus dieser sind dann Funktionen abzuleiten, die die betriebswirtschaftliche Prüfungslehre zu erfüllen hat. Die terminologischen Untersuchungen im Ersten Teil der Abhandlung316 führten zu dem Ergebnis, Prüfungen als aus dem Zielsystem der Unternehmenspolitik abgeleitete Informationsbeschaffungs- und Informationsverarbeitungsprozesse zu verstehen, denen die Aufgabe zukommt, durch Soll-Ist-Vergleiche die Normkonformität von Prüfungsobjekten festzustellen undUrteile hierüber abzugeben. Das der Prüfungslehre häufig beigefügte Attribut „betriebswirtschaftlich“ soll eine Abgrenzung zu denkbaren anderen Revisionslehren herstellen und auf die (betriebs-)wirtschaftliche Ausrichtung des Prüfungsprozesses hinweisen. Als Beispiele für andere Prüfungen innerhalb der Unternehmung sind etwa Prüfungen des Technischen Überwachungsvereins (TÜV), Prüfungen des Gewerbeaufsichtsamtes oder feuerpolizeiliche Prüfungen zu nennen. Gegenstand betriebswirtschaftlicher Prüfungen sind prinzipiell Entscheidungen und ihreAuswirkungen imwirtschaftlichen Bereich eines Unternehmens. In der Realität dominiert insbesondere die Prüfung solcher Entscheidungen, die sich im betrieblichen Rechnungswesen niederschlagen. Deshalb stellen die in- und externe Unternehmensrechnung, im anglo-amerikanischen Sprachraum auch als Management bzw. Financial Accounting oder neuerdings als Business Reporting317 bezeichnet, sowie die hieraus abgeleiteten Dokumentationsinstrumente Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Anhang und Lagebericht diewichtigstenObjekte für eine externeUnternehmensprüfung dar.318 Sofern die in der externen Revision (Wirtschaftsprüfung) tätigen Personen als Treuhänder in ihrem eigenen oder fremden Namen von Treugebern in deren Interesse und auf deren Weisungen Vermögen verwalten, wird nach h.M. vom Treuhandwesen gesprochen.319 316 Vgl. hierzu die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II. C. 317 Vgl. hierzu Freidank/Velte (2007), S. 746–751. 318 Vgl. auch §§ 316, 317 HGB. 319 Vgl. auch § 2 Abs. 3 Nr. 3, § 129 Abs. 3 Nr. 3 WPO. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 125 Weiterhin spielen im Rahmen des Revisions- und Treuhandwesens Beratungs- und Begutachtungsaufgaben eine wichtige Rolle (z. B. Unternehmensbewertungen und Rechts-, Steuer- sowie betriebswirtschaftliche Beratungen), mit denen häufig Personen des Prüfungswesens betraut werden.320 Somit können die folgenden vier elementaren Funktionen des betriebswirtschaftlichen Prüfungswesens abgeleitet werden:321 · Konstatierungsfunktion: Feststellung der Normentsprechung bestimmter realer ökonomischer Sachverhalte durch einen Soll-Ist-Vergleich (z. B. Überprüfung von Prüfungsobjekten wie Jahresabschluss und Lagebericht anhand gesetzlicher Vorschriften). · Urteilsfunktion: Abgabe vertrauenswürdiger Urteile über die geprüften ökonomischen Sachverhalte (z. B. das Testat des Wirtschaftsprüfers über den geprüften Jahresabschluss und Lagebericht). · Treuhandfunktion: Übernahme (rechtlicher) Aufgaben im Rahmen der Vermögensverwaltung. · Service- oder Consultingfunktion: Übernahme von Beratungs- und Begutachtungsaufgaben. Da in jüngster Zeit vor allem der Internen Revision nicht nur Konstatierungs- und Urteilsaufgaben bei Unternehmensprüfungen zugewiesen werden, sondern auch Aufgaben, die die Beseitigung festgestellter Abweichungen sowie ihre künftige Vermeidung betreffen, müsste als fünfte Hauptfunktion weiterhin die Beseitigungs- und Präventivfunktion in den Katalog aufgenommen werden. Darüber hinaus hat sich die betriebswirtschaftliche Prüfungslehre mit aktuellen Fragen zu beschäftigen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit den Stichworten Regulierung (z. B. Vereinbarkeit von Prüfung und Beratung, Unabhängigkeit und Haftung der Prüfungsorgane, Berufsaufsicht), Struktur und Entwicklung des Marktes für Prüfungsleistungen, Qualitätsforschung (z. B. Qualitätsmanagement in Revisions- und Treuhandbetrieben) und Risikoanalyse (z. B. Risikomanagement in Revisions- und Treuhandbetrieben sowie risikoorientierte Rechnungslegung und Prüfung)322 umschrieben werden können. Allerdings existiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine in sich geschlossene Prüfungstheorie.323 Es liegen lediglich Ansätze vor, die aus verschiedenen Blickwinkeln versuchen, Lösungen für die unterschiedlichen betriebswirtschaftlichen Prüfungsprobleme zu entwickeln, die bei der Realisierung der einzelnen Aufgaben des Revisions- und Treuhandwesen auftreten können. Die ältere Prüfungslehre beschäftigte sich ganz pragmatisch zuerst mit relevanten Einzelproblemen aus der Revisionspraxis. Der Aufbau der Wissenschaft vollzog sich mithin stark funktionsorientiert unter Berücksichtigung persönlicher Erfahrungen, über rezepthafte Empfehlungen zu Detailfragen vor allem imHinblick auf die Buchprüfungstechnik und die Gesetzesinterpretation. Neben der Behandlung einzelner 320 Vgl. auch § 2 Abs. 2, Abs. 3 Nr. 1 und Nr. 2, § 129 Abs. 2 und Abs. 3 Nr. 1 und Nr. 2 WPO. 321 Vgl. Ludewig (1993), Sp. 3790–3791. 322 Vgl. hierzu die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II.E.2. und im Zweiten Teil zu Gliederungspunkt III. 323 Vgl. hierzu Ballwieser (2002), Sp. 1827–1831; Ewert (2007c); S. 1119–1121; Ewert/Wagenhofer (2000), S. 31–60; Ludewig (1993), Sp. 3790. 126 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung auf bestimmte Objekte ausgerichtete Prüfungsarten (primär der Prüfung des Jahresabschlusses) bildeten berufsrechtliche und politische Betrachtungen der Prüfungslehre einen weiteren Forschungsschwerpunkt.324 In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurde das Revisions- und Treuhandwesen um ein wichtiges Erkenntnisobjekt erweitert. Basierend auf den Überlegungen von Loitlsberger stellte die angewandte Betriebswirtschaftslehre dem traditionell und auch heute noch im Schrifttum vorherrschenden funktionellen Erkenntnisobjekt „Prüfung“, verstanden als eine Beschreibung und Analyse von Prüfungsaufgaben, Prüfungsgrundsätzen, Prüfungsplanung und Prüfungsmethoden, das institutionelle Erkenntnisobjekt „Prüfungsbetrieb“ zur Seite.325 Eine derartige Betrachtungsweise fokussiert auf spezifische Sachziele von Revisions- und Treuhandbetrieben (z. B. Prüfungs-, Treuhand- und Beratungsziele) und beabsichtigt, Organisationsfragen zu beantworten und Lösungen für strategische und operative Entscheidungsprobleme zu erarbeiten, die Unternehmen dieses spezifischen Wirtschaftzweiges betreffen. Wie noch zu zeigen sein wird, können die für Dienstleistungsunternehmen von der Betriebswirtschaftslehre entwickelten Führungsgrundsätze in modifizierter Form auf Revisions- und Treuhandbetriebe übertragen werden.326 Die als neuere Richtung der Revisionslehre bezeichneten theoretischen Ansätze lassen sich dadurch charakterisieren, dass sie einerseits versuchen, die Vielzahl von Einzelproblemen und Detailerkenntnissen zu einem System zu ordnen und andererseits darauf abzielen, betriebswirtschaftliche und mikroökonomische Zusammenhänge darzustellen, die das Wesen von Prüfungen bestimmen. Diese Bestrebungen beabsichtigen, eine geschlossene „Theorie der Prüfung“ zu entwickeln, um hierdurch die Voraussetzungen für die Einbettung der Prüfungslehre als spezielle Fachdisziplin in das Lehrgebäude der Betriebswirtschaftslehre zu erreichen. Im Folgenden werden die wichtigsten Charakteristika von vier unterschiedlichen, aber gleichberechtigt nebeneinander stehenden Basiskonzepten beleuchtet, die herausragende Bedeutung im Kontext einer theoretischen Fundierung der Prüfungslehre erlangt haben. Allerdings sind diese Ansätze lediglich in der Lage, bruchstückhaft Beschreibungen, Erklärungen, Prognosen und Gestaltungen für die wesentlichen Erkenntnisobjekte der Prüfungslehre zu liefern. Der Weg zu einer umfassenden betriebswirtschaftlichen Prüfungstheorie scheint deshalb noch weit zu sein. Abbildung 46 gibt einen zusammenfassenden Überblick über Funktionen, Forschungsschwerpunkte und Theorien der betriebswirtschaftlichen Prüfungslehre. 324 Vgl. etwa Hintner (1949); Koch (1957); Mayer (1959), S. 89–114; Schnutenhaus (1959), S. 25–44; Wysocki (1967), S. 9–21. 325 Vgl. Loitlsberger (1966), S. 36–58. 326 Vgl. hierzu die Ausführungen im Dritten Teil zu Gliederungspunkt II. B. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 127 Abbildung 46: Funktionen, Forschungsschwerpunkte und Theorien 2. Neuere Prüfungstheorien 2.1 Kybernetischer oder regelungstheoretischer Ansatz327 Dieses Theoriekonzept stellt darauf ab, den Prüfungsprozess als Regelkreismodell zu erklären, wobei auf Abweichungen zwischen Ausprägungen von den Soll- und Istobjekten, die z. B. von der in- oder externen Revision konstatiert werden, erst nach Störeintritt, z. B. durch die Unternehmensleitung, reagiert wird. Die als Rückkoppelungssysteme konzipierten Regelkreismodelle sind darüber hinaus in der Lage, auch Hinweise für die Prognose und die Gestaltung betriebswirtschaftlicher Prüfungsprozesse und -systeme unter Kostenaspekten zu geben.328 Im Ergebnis liefert der auf der Systemtheorie basierende Regelungsansatz einen begrifflichen und konzeptionellen Bezugs- und Orientierungsrahmen, um · Gemeinsamkeiten, Zusammenhänge und Unterschiede in der betriebswirtschaftlichen Praxis existierende Prüfungssysteme sichtbar zu machen, · Ansatzpunkte für deren Beurteilung zu liefern, um Fragen nach möglichen Effizienzsteigerungen etablierter Prüfungssysteme beantworten zu können, · Abgrenzungen zwischen Regel- und Steuerkreissystemen vorzunehmen, aus der dann eine theoretisch einsichtige Trennung zwischen Prüfungs- und Controllingmodellen abgeleitet werden kann. 327 Vgl. hierzu Baetge/Oberdörster (2007), S. 1113–1116; Baetge/Thiele (2002), Sp. 1899–1908 und die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II. A. 328 Vgl. hierzu Baetge/Mochty (1980), S. 1–63; Baetge/Thiele (2002), Sp. 1903–1906. 128 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung 2.2 Messtheoretischer Ansatz329 Das messtheoretische Konzept fasst Prüfungen als Soll-Ist-Vergleiche auf, die Ausgangspunkt für die Urteilsbildung durch den Prüfer sind. Im Zentrum dieser Prüfungstheorie stehen in Abhängigkeit von bestimmten Merkmalsausprägungen der Prüfungsobjekte, die aus den Prüfungsnormen abgeleitet werden, spezifische Prüfungshandlungen als besondere Formen derAbweichungsmessung. Nach Maßgabe des verfolgten Prüfungsziels und der jeweiligen Struktur der Prüfungsobjekte werden zum Zwecke der Abweichungsbestimmung und der daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen für die Urteilsbildung folgende Skalen zugrunde gelegt. · Nominalskalen: Den Merkmalsausprägungen der Prüfungsobjekte sind lediglich Klassen in dem Sinne zuordbar, dass keinerlei Ordnungsvorschriften für diese Kategorien gegeben sind. Nominalskalen lassen deshalb lediglich eine Messung von „richtig“ oder „falsch“ bzw. „ordnungsgemäß“ und „nicht ordnungsgemäß“ zu. Beispiel 8: – Erforderliche Rückstellungen nach § 249 Abs. 1 HGB wurden im Jahresabschluss bilanziert (richtig) oder nicht (falsch). – Die im Rahmen der Inventur nach § 240 Abs. 2 HGB ermittelten Mengen des Vorratsvermögens decken sich mit den Aufzeichnungen im Lagerbuch (richtig) oder nicht (falsch). · Ordinalskalen: Zwischen allen Merkmalsausprägungen wird eine Reihenfolge definiert, wobei der Abstand zwischen den Merkmalsausprägungen damit noch nicht festgelegt ist. Hierdurch wird es möglich, Rangbeziehungen zwischen den gemessenen Ergebnissen und den Normen anzugeben, ohne etwas über die Grö- ßenunterschiede auszusagen. Beispiel 9: Im Rahmen der Wirtschaftlichkeitsprüfung durch die Interne Revision wird aufgrund der besseren Marktchancen Investitionsobjekt A Vorrang vor dem ähnlichen Investitionsobjekt B eingeräumt. · Intervall- oder Kardinalskalen: Für die Merkmalsausprägungen wird nun eine Maßeinheit eingeführt, mit deren Hilfe der Umfang der Abweichungen angegeben werden kann. Sofern die Merkmalsausprägungen eines Prüfungsobjekts die Bestimmung eines absoluten Nullpunktes auf der Skala zulassen (z. B. bei den Maßgrößen des Rechnungswesens wie Menge, Wert, Aufwand, Ertrag) werden auf der Grundlage der festgestellten Abweichungen zusätzlich Aussagen über die Verhältnisse zwischen allen Maßgrößen des Soll- und des Ist-Objekts möglich. Beispiel 10: Die Soll-Erlöse für eine Produktgruppe betragen 1,8Mill. Euro, die entsprechenden Ist-Erlöse 1,35Mill. Euro.Nebender absolutenErlösabweichungvon 0,45Mill. Euro kannnundie relative Erlösabweichung, bezogen auf die Soll-Erlöse, ermittelt werden, die – 25% beträgt.330 Weiterhin setzt sich der messtheoretische Ansatz mit einer Verdichtung der über die Prüfungsobjekte gefällten Einzelurteile zu einem Gesamturteil auseinander. In diesem Zusammenhang spielt die Aggregation unverbundener, d. h. unabhängig von- 329 Vgl. hierzu Ludewig (1993), Sp. 3793;Wysocki (2002a), Sp. 1886–1899;Wysocki (2007), S. 1116– 1117. 330 Vgl. hierzu auch die Ausführungen im Zweiten Teil zu Gliederungspunkt IV.C. 1.2. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 129 einander gefällter Einzelurteile und die Zusammenfassung von verbundenen Einzelurteilen eine entscheidende Rolle. So wird beim Vorliegen unabhängig voneinander gefällter Einzelurteile bezüglich der Prüfungsmerkmale in ein- und mehrdimensionale Ausprägung und hinsichtlich der Untersuchungseinheiten des Prüfungsobjektes in singuläre und plurale Kennzeichnung unterschieden (vgl. Abbildung 47). Sofern sämtliche Belege auf ein Merkmal (z. B. Betrag) geprüft werden, trägt das Urteil eindimensionalen Charakter, da nur ein Prüfungsmerkmal eingeflossen ist. Bezüglich der einbezogenen Untersuchungseinheiten (alle drei Belege) wird das Gesamturteil als plural bezeichnet. Würden aber nur eine Untersuchungseinheit (z. B. Beleg), aber alle drei Prüfungsmerkmale (Betrag, Kontierung, Belegtext) einbezogen, wäre das Gesamturteil hinsichtlich der Untersuchungseinheiten singulär. Abbildung 47: Urteilsbildung im Rahmen der Belegprüfung Probleme treten auf, wenn Einzelurteile, die sich auf eine Untersuchungseinheit, aber auf verschiedene Prüfungsmerkmale beziehen, zu einem Gesamturteil aggregiert werden sollen (z. B. Urteil über Beleg 1 imHinblick auf Betrag, Kontierung und Belegtext in Abbildung 47). Um hier zu einemGesamturteil zu kommen, bedarf es einerGewichtung der nominal, ordinal oder kardinal gemessenen Einzelabweichungen untereinander (z. B. bezüglich Betrag, Kontierung und Belegtext in Abbildung 47). Eine derartige Gewichtungmuss es gestatten, einen Index für die Güte des gesamtenmehrdimensionalen (singulären und pluralen) Prüfungskomplexes zu ermitteln (z. B. auch ein gewichtetes Gesamturteil für die vollständige Belegprüfung in Abbildung 47). Allerdings besitzen diese methodischen Überlegungen keine praktische Relevanz, da der IDW PS 400 „Grundsätze für die ordnungsmäßige Erteilung von Bestätigungsvermerken bei Abschlussprüfungen“ wie folgt ausführt: Das Gesamturteil „. . . ergibt sich aber nicht lediglich als Summe der Beurteilungen der Teilgebiete des Prüfungsstandards, sondern erfordert eine Gewichtung der Einzelergebnisse und die Ableitung eines abschließenden Gesamturteils durch den Abschlussprüfer“331. Mithin liegt 331 IDW PS 400, Rz. 9, S. 4. 130 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung es im Ermessen des Abschlussprüfers, die Einzelurteile im Hinblick auf das zu fällende Gesamturteil über den gesamten Prüfungsprozess zu bewerten. Bei komplexen Prüfungen ist es aber nicht immer möglich, die erforderlichen Einzelvergleiche unabhängig voneinander vorzunehmen, so dass Interdependenzen zwischen den gefällten Einzelurteilen vorliegen. Dieses Problem tritt etwa im Rahmen von Abstimmungsprüfungen332 auf, bei denen dann die Notwendigkeit besteht, die Urteilsbildung bezüglich eines Prüfungskomplexes mit Hilfe sog. Prüfungsketten vorzunehmen. Derartige Konstruktionen als Ausprägungen progressiver und retrograder Prüfungen stellen Verknüpfungen von Soll-Ist-Vergleichen dar, wobei „. . . das Soll-Objekt des jeweils nachfolgenden Soll-Ist-Vergleichs nach bestimmten Regeln aus dem Ist-Objekt des vorhergehenden Soll-Ist-Vergleichs abgeleitet wird“333. So zeigt Abbildung 48334 beispielhaft, dass das Soll-Objekt des Soll-Ist-Vergleichs der Stufe 3 (z. B. Posten „Fertige Erzeugnisse“ des Umlaufvermögens335) nach bestimmten mengen- und wertmäßigen Bilanzierungsregelungen aus dem Ist-Kontenbestand der Stufe 2 (z. B. Ist-Endbestand des Kontos „Fertige Erzeugnisse“) deduziert wird. Bei der Bildung von Gesamturteilen aufgrund von Prüfungsketten ist mithin darauf zu achten, dass das Ergebnis des jeweils letzten Soll-Ist-Vergleichs (hier Soll-Ist-Vergleich in Stufe 3) wegen des sog. Fehlerfortpflanzungseffektes jeweils das gesamte Urteil über die im Rahmen einer Prüfungskette gefällten Partialurteile zum Ausdruck bringt. Beispiel 11: Bei einer Prüfung von Verkaufsrechnungen wird aufgedeckt, dass wegen eines Übertragungsfehlers auf dem Konto „Fertige Erzeugnisse“ der buchmäßige Endbestand nicht 50 Stück, sondern 60 Stück, bewertet mit Anschaffungskosten von 20 € pro Stück, betragen müsste. Hieraus ergibt sich folgendes Partialurteil für Stufe 2. Soll-Endbestand: 50 Stück · 20 € = 1.000 € – Ist-Endbestand: 60 Stück · 20 € = 1.200 € = Abweichung Stufe 2: = – 200 € Im Rahmen der Inventur wird festgestellt, dass lediglich 45 Stück der fertigen Erzeugnisse auf Lager sind, die aber höchstens mit 15 € pro Stück bewertet werden dürfen. Hieraus ergibt sich folgendes Partialurteil für Stufe 3, das dem Gesamturteil der Prüfungskette entspricht. Soll-Bilanzansatz: 60 Stück · 20 € = 1.200 € – Ist-Bilanzansatz: 45 Stück · 15 € = 675 € = Abweichung Stufe 3: = 525 € Sofern direktes Messen zur Abweichungsermittlung nicht zulässig, angebracht und erforderlich ist, besteht die Möglichkeit des indirekten Messens, indem über Hilfsgrößen unter Verwendung eines Syllogismus336 auf die entsprechenden abzubildenden Messwerte geschlossen wird. Das entsprechende Schema zur Hypothesenbildung im Rahmen der Methode des indirekten Messens hat folgendes Aussehen.337 332 Derartige Buchprüfungen zielen etwa darauf ab, festzustellen, ob Euro-Beträge ordnungsgemäß von Belegen oder Endbestände ordnungsgemäß von Konten in die Schlussbilanz übernommen wurden. 333 Wysocki (2002a), Sp. 1893. 334 Entnommen von Knoth (2002), Sp. 1726. 335 Vgl. § 266 Abs. 2 Posten B. I. 3. HGB. 336 Als Syllogismus wird in der Logik der aus verschiedenen Urteilen (Sätzen) bestehende Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere verstanden. 337 Vgl. Ludewig (1993), Sp. 3793;Wysocki (2002), Sp. 1894. I. G ru n d lag en d er Prü fu n g sleh re ¢ 131 A b b ild u n g 48: B eisp ielein er p ro g ressiven Prü fu n g skette 132 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung · Majorprämisse (Obersatz): Gesetz, Erfahrung, theoretische Annahme. · Minorprämisse (Untersatz): Vorliegen der Rahmenbedingungen des Gesetzes, des Erfahrungssatzes oder der theoretischen Annahme. · Konklusion (Schlusssatz): Voraussage durch indirekten Schluss. Hauptanwendungsgebiete der indirekten Prüfung sind etwa System-, Verprobungs- und Stichprobenprüfungen, die alle auf eine Rationalisierung des Prüfungsprozesses ausgerichtet sind. Beispiel 12: · Majorprämisse: In den betrieblichen Bereichen, in denen ein funktionsfähiges IKS existiert, ist aller Voraussicht nach nicht mit fehlerhaften Abläufen und dolosen Handlungen der Beschäftigten zu rechnen (Erfahrung). · Minorprämisse: Im Bereich des Eingangslagers besteht ein lückenloses, funktionsfähiges IKS. · Konklusion: In der Lagerbuchhaltung werden mit großer Wahrscheinlichkeit keine Fehler zu finden sein, wodurch Einzelfallprüfungen (z. B. Belegprüfungen der Eingangsrechnungen) entbehrlich sind. Beispiel 13: · Majorprämisse: Es kann davon ausgegangen werden, dass die möglichen Stichprobenergebnisse aus einer bestimmten Grundgesamtheit normal verteilt sind (Gesetz der Normalverteilung). · Minorprämisse: In einer zufällig ausgewählten Stichprobe mit einem festgelegten Umfang findet sich eine bestimmte Zahl fehlerhafter Elemente. · Konklusion: Nunmehr kann unter Berücksichtigung einer bestimmten Irrtumswahrscheinlichkeit auf die fehlerhaften Elemente in der Grundgesamtheit geschlossen werden. Im Ergebnis liefert der messorientierte Ansatz wichtige Gesichtspunkte für die theoretische Fundierung des Soll-Ist-Vergleichs und die sich anschließende Beurteilung von Revisionsobjekten, die beide im Zentrum der Erkenntnisgewinnung der betriebswirtschaftlichen Prüfungslehre stehen. Dies gilt umso mehr, wenn die im Kontext der betriebswirtschaftlichen Kontrolltheorie entwickelten Methoden zur Abweichungsanalyse in das messtheoretische Konzept einbezogen werden.338 Allerdings ist die in Rede stehende Prüfungstheorie nicht in der Lage, wissenschaftliche Aussagen über die tatsächlichen Verhaltensweisen von Prüfern und Prüfungsorganen im Rahmen einer empirisch untermauerten Verhaltenslehre zu liefern. 2.3 Verhaltensorientierter Ansatz339 Dieses Konzept versucht, das Defizit des messtheoretischen Ansatzes zu vermeiden, indem das Individual- undGruppenverhalten von Prüfern und geprüften Personen unter Einbeziehung ihres sozialen Umfeldes bei der Formulierung einer Prüfungstheorie Berücksichtigung findet (Behavioral Accounting and Auditing). Der Urteilsprozess des Prüfers hängt dabei sowohl von prüfungsexternen Vorgängen (z. B. Prüferteam, Prüfungsunternehmen, Berufsstand der Wirtschaftprüfer) als 338 Vgl. hierzu die Ausführungen im Zweiten Teil zu Gliederungspunkt IV.C.2. 339 Vgl. hierzu Egner (1980); Lenz (2002b), Sp. 1924–1938; Ludewig (1993), Sp. 3794. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 133 auch von prüfungsinternen Vorgängen (z. B. Informationswahrnehmung und -verarbeitung) ab. Im Ergebnis beabsichtigt diese Prüfungstheorie, das Verhalten und Handeln von Revisoren und zu prüfenden Individuen durch empirisch bewährte verhaltenswissenschaftliche Hypothesen zu beschreiben, zu erklären, zu prognostizieren und zu gestalten. So kann der verhaltensorientierte Ansatz auch in Form des Syllogismus als logisches Modell für heuristische Methoden340 bei der Konzipierung von Expertensystemen zum Prüfungswesen dienen, bei denen das (permanent zu aktualisierende) Erfahrungswissen von (Revisions-)Experten in der sog. Heuristikenbank abgelegt wird.341 Beispiel 14: · Majorprämisse: Durch repräsentative empirische Erhebungen wurde festgestellt, dass das unternehmerische Insolvenzrisiko nach einem Wechsel der Prüfungsgesellschaft besonders hoch ist (Beobachtung). · Minorprämisse: Nach dem letzten Wechsel der Prüfungsgesellschaft vor fünf Jahren wurden von dem prüfungspflichtigen Unternehmen grobe Mängel bei der Jahresabschlussprüfung festgestellt, die auf das Informationsdefizit der neuen Prüfer zurückzuführen waren. · Konklusion: Die Hauptversammlung des prüfungspflichtigen Unternehmens342 entscheidet sich gegen einen nochmaligenWechsel der Prüfungsgesellschaft, um das Risiko der Bestandsgefährdung, das durch die erforderliche Einarbeitung der neuen Prüfer besteht, einzuschränken. Durch das erfahrungswissenschaftliche Verständnis der verhaltensorientierten Prüfungstheorie besteht die Möglichkeit, empirisch beobachtbare Revisionsphänomene zu erklären bzw. zu prognostizieren und hieraus zugleich Vorschläge für eine Verbesserung bestehender Prüfungssysteme ableiten zu können (vgl. Beispiel 14). Somit stellt der verhaltensorientierte Ansatz eine sinnvolle Ergänzung zur kybernetischen und zur messorientierten Prüfungstheorie dar. 2.4 Spieltheoretischer Ansatz343 Die Bedeutung der Spieltheorie in den Wirtschaftswissenschaften liegt darin, dass sie in der Lage ist, Lösungen fürKonfliktsituationen zu entwickeln, bei denen den involvierten Individuen zu ihrer Zielrealisation mehrere Strategien zur Verfügung stehen und bei denen der Zielerreichungsgrad von der Strategie des Gegners abhängt.344 Derartige Konstellationen sind auch im Bereich des betriebswirtschaftlichen Prüfungswesens, etwa bezüglich der gesetzlich vorgeschriebenen Jahresabschlussprüfung, zu beobachten. Während der Abschlussprüfer bei rationalem Verhalten unter Berücksichtigung des Zeitbedarfs und den anfallenden Prüfungskosten diejenige Strategie wählt, die zur größtmöglichen Fehleraufdeckung führt, wird sich das geprüfte Unternehmen für diejenige (rechnungslegungspolitische) Strategie entscheiden, die eine niedrigstmögliche Fehleraufdeckung nach sich zieht. Derartige Konflikt- 340 Hierunter werden nicht-mathematische, erfahrungswissenschaftliche Methoden zur Erkenntnisgewinnung verstanden. 341 Vgl. hierzu auch Freidank (1993), S. 313–323. 342 Vgl. § 119 Abs. 1 Nr. 4 AktG. 343 Vgl. hierzu Ewert (2002), Sp. 1908–1923; Ewert (2007b), S. 1117–1119; Fischer-Winkelmann (1975), S. 206–227; Klages (1968). 344 Vgl. Ludewig (1993), S. 3793. 134 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung situationen können in Matrizenform als ein stochastisches Nullsummenspiel von zwei Individuen beschrieben werden, da der Gewinn der einen Partei (z. B. Prüfer bei höchstmöglicher Fehleraufdeckung) den Verlust der anderen Partei (z. B. des geprüften Unternehmens bei höchstmöglicher Fehleraufdeckung) zum Ausdruck bringt.345 Allerdings wurde dieses schon früh in der betriebswirtschaftlichen Prüfungslehre entwickelte einfache spieltheoretische Konzept damit kritisiert, dass es aufgrund seiner einschränkenden Prämissen (z. B. Zweipersonensituation, vollständige Informationen über die Strategie der anderen Seite) ein nur stark vereinfachtes Abbild der Realität darstellt, obwohl es in der Lage ist, typische unterschiedliche Interessenlagen von Prüfern und geprüften Unternehmen zu berücksichtigen.346 In jüngerer Zeit wurden die spieltheoretischen Ansätze unter Einbeziehung der Modelle der neueren informationsökonomischen Theorie347 erweitert. Diesen Erklärungsmodellen ist einerseits gemeinsam, dass sie von individuell rationalem Handeln der einbezogenen Individuen und einer asymmetrischen Informationsverteilung zwischen den konkurrierenden Parteien (z. B. in Gestalt von Prinzipal und Agent) ausgehen.348 Andererseits stellt die Methodologie der auf praktische Prüfungssituationen ausgerichtetenKonzepte darauf ab, durchqualitativeUntersuchungendie strukturellenWirkungszusammenhänge bestimmter Prüfungsmodelle zu beschreiben, damit die Auswirkungen von Veränderungen einzelner Modellparameter auf das analysierte Gesamtsystem sichtbar werden. Darüber hinaus sollen aus den gewonnenen Erkenntnissen dieser Erklärungsmodelle Hinweise für konzeptionelle Gestaltungen einzelner Prüfungssysteme gewonnen werden. Vor dem skizzierten Hintergrund lassen sich die folgenden fünf informationstheoretischenModellrichtungen unterscheiden.349 · Kontraktorientierte Ansätze: Hier stehen optimale Anreizverträge zwischen dem zu prüfenden Unternehmen bzw. den Eignern und Managern einerseits sowie den Prüfern andererseits im Zentrum des Interesses. · Interdependenzorientierte Ansätze: Diese Konzepte zielen auf die strukturelle Analyse der Konsequenzen strategischer Handlungsinterdependenzen verschiedener Beteiligter bei in- und externen Prüfungen ab. · Haftungsorientierte Ansätze: Das Untersuchungsziel dieser Modelle ist auf unterschiedliche Aspekte der Prüferhaftung ausgerichtet. · Quasi-Renten-Ansätze: Diese Konzepte analysieren, welche ökonomische Auswirkungen (sog. Quasi-Renten) aus bestehenden Prüfungsmandaten resultieren und welche Konsequenzen für das Prüferverhalten hieraus abzuleiten sind. · Publizitätsorientierte Ansätze: Hier wird untersucht, welche Beziehungen zwischen dem Einsatz von Prüfungen und der freiwilligen Unternehmenspublizität bestehen. Den höchsten Bekanntheitsgrad haben im betriebswirtschaftlichen Schrifttum die Quasi-Renten-Ansätze erlangt, die auch den Ausgangspunkt für weitere Forschungsbestrebungen im Kontext der informationstheoretischen Prüfungslehre dar- 345 Vgl. hierzu im Detail Loitlsberger (1992), Sp. 1558–1564. 346 Vgl. Ludewig (1993), Sp. 3794. 347 Vgl. hierzu Ewert/Wagenhofer (2000), S. 49–56. 348 Vgl. hierzu die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II. B. 349 Vgl. Ewert (2002), Sp. 1910–1921; Ewert (2007b), S. 1118. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 135 stellten. Prinzipiell zielen die Konzepte auf eine Analyse potenzieller ökonomischer Vorteile ab, die aus der Beibehaltung von Prüfungsmandaten resultieren. Die ihnen zugrunde liegenden Überlegungen werden im Folgenden beispielhaft verdeutlicht. Einen besonderen Stellenwert besitzt in diesem Zusammenhang die auch in der nationalen und internationalen Praxis zu beobachtende „Low Balling-Strategie“ von Prüfungsunternehmen, die vor dem Hintergrund des Ziels einer Mandatserhaltung darauf ausgerichtet ist, Erstprüfungsgebühren unterhalb der Kosten für diese Erstprüfung anzusetzen. Allerdings wird davon ausgegangen, dass die Prüfungsgesellschaft beabsichtigt, die anfangs ungedeckten Kosten der Erstprüfung in den künftigen Perioden aus den Überschüssen der Folgeprüfungen wiederzuerlangen. Hierdurch besteht die Gefahr, dass Prüfungsunternehmen dazu verleitet werden, dem Druck von Vorstand und Aufsichtsrat bei strittigen Rechnungslegungsfragen (z. B. durch Abweichungen von einer ordnungsgemäßen Informationspolitik im Prüfungsbericht und/oder im Testat) nachzugeben, um ihre Wiederwahl nicht in Frage zu stellen. Somit könnte eine Ursache für die Beeinträchtigung der Unabhängigkeit von Abschlussprüfern und das Sinken der Prüfungsqualitätmit der Folge der Zunahme von Unternehmenszusammenbrüchen in der Übernahme von „Low Balling-Mandaten“ liegen. Weiterhin kann bei rationalem Handeln aller involvierten Parteien davon ausgegangen werden, dass aus „Low Balling-Mandaten“ im Gesamtergebnis keine Verluste zu erwarten sind, da auch die prüfungspflichtigen Unternehmen infolge alternativ anfallender Transaktionskosten bei einem Prüferwechsel (z. B. muss Einarbeitungshilfe für die neuen Prüfer geleistet und derMarkt informiert werden) sowie der komperativen Kostenvorteile des Erstprüfungsunternehmens gegenüber Konkurrenten (so fallen bei diesen Zusatzkosten an, weil sie sich zunächst mit dem Unternehmen, seinen Strukturen und Märkten vertraut machen müssen) bereit sind, die (höheren) Gebühren für die Folgeprüfungen zu akzeptieren. Vor diesem Hintergrund weist De Angelo mit Hilfe eines dynamischen mikroökonomischen Erklärungsmodells nach, dass Low Balling unter Berücksichtigung einer im Zeitablauf zielgerichteten Gestaltung von Prüfungsgebühren auf wettbewerbsintensiven Prüfermärkten ein Charakteristikum desGleichgewichtes darstellt.350 Durch die neueren informationsökonomischen Ansätze wird die betriebswirtschaftliche Prüfungstheorie um wichtige Aspekte erweitert. Infolge der Analyse praktischer Prüfungssituationen aus dem Blickwinkel der Mikroökonomie besteht nicht nur die Möglichkeit, Wirkungszusammenhänge in komplexen Prüfungskonstellationen zu erklären, sondern hieraus auch konkrete Gestaltungsstrategien für den Aufbau und Einsatz von Prüfungssystemen (z. B. durch den Gesetzgeber) abzuleiten. Jedoch können alle spieltheoretischen Konzepte die zuvor beleuchteten regelungs-, mess- und verhaltensorientierten Ansätze der Prüfungstheorie nicht ersetzen. Sämtliche Einzelkonzepte haben ihre Berechtigung und bilden wichtige Bausteine auf demWege zu einer geschlossenen Theorie der betriebswirtschaftlichen Prüfung. 350 Vgl. hierzu im einzelnen De Angelo (1981a), S. 113–127; De Angelo (1981b), S. 183–199; Ewert (1998), S. 5–8. 136 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung 2.5 Stewardship Ansatz351 Die Stewardshiptheorie stellt das Gegenstück zur Principal-Agent-Theorie dar, die von der Nutzung asymmetrischer Informationsverteilungen zwischen Principal und Agent zum Vorteil des Managements und zu Lasten der Eigentümer ausgeht. Nach der Stewardshiptheorie steht nicht die Verfolgung von Individual- und Finanzzielen der Stewards (Agenten) zum Nachteil der Eigentümer im Mittelpunkt, sondern bei diesem Ansatz wird in erster Linie auf nicht-finanzielle (intrinsische) Absichten des Managements abgestellt, die darauf ausgerichtet sind, zu einem Interessenausgleich und damit zu einem harmonischen Konzept der von Management und Eigentümern verfolgten Zielstrukturen zu gelangen. Folglich unterstellt die Stewardshiptheorie, dass keine Zielkonflikte zwischen Principal und Agent bestehen und weiterhin keine Überwachungs- und Anreizsysteme installiert zu werden brauchen. Abbildung 49 verdeutlicht die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Theorien.352 Unterscheidungskriterien Principal Agent-Theorie Stewardship-Theorie Motive der Unternehmensverwaltung überwiegend finanziell (materialistisch; extrinsisch) überwiegend nicht-finanziell (idealistisch; intrinsisch) Messbarkeit der Motive unmittelbar quantifizierbar nur mittelbar quantifizierbar Hauptziel der Unternehmensverwaltung primär Erhöhung des persönlichen Einkommens, aber auchMinimierung des Arbeitsleids Erhöhung von Reputation, Vertrauen, Verantwortung und des Engagements Verhältnis der Managementziele zu den Interessen der Eigentümer Zielkonflikt Zielkonformität Form der Zusammenarbeit methodologischer Individualismus Kollektivgedanke („Teamorientierung“) Philosophie der Verwaltungsorgane überwachungsorientiert; abgrenzend beratungsorientiert; integrierend Ausgestaltung der Corporate Governance institutionelle Überwachungsmaßnahmen (z. B. Aufsichtsrat) im Vordergrund vertrauensbildende Maßnahmen gegenüber den Stakeholdern im Vordergrund Machtausübung institutionalisiert (offizielle Legitimation, basiert auf normativen Vorgaben) personalisiert (Expertise, Charakter, soziale Integrationsfähigkeit) Werte und Berufsethik geringe Bedeutung hohe Bedeutung Zeithorizont kurzfristig langfristig Abbildung 49: Principal Agent-Theorie und Stewardship-Theorie im Vergleich 351 Vgl. hierzu Davis/Schoormann/Donaldson (1997), S. 20–47; Donaldson/Davis (1991) S. 49–64; Velte (2010e), S. 285–293. 352 Modifiziert entnommen von Velte (2010e), S. 287. I. Grundlagen der Prüfungslehre ¢ 137 Die Stewardship-Theorie ist u. a. als Erklärungsansatz für das Verhältnis zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Abschlussprüfer im dualistischen System der Unternehmensverfassung geeignet. Da die Leitungstätigkeit des Vorstandes nach der in Rede stehenden Theorie prinzipiell mit den Zielen der Hauptversammlung korrespondiert, ist die Installierung eines internen Überwachungsorgans in Gestalt des Aufsichtsrats entbehrlich. Weiterhin würde aus den Prüfungshandlungen des Aufsichtsrats, der als Interessenvertreter der Hauptversammlung agiert, ein Misstrauensverhältnis zur Unternehmensleitung resultieren, das einen Motivationsverlust des Vorstandes mit der Folge einer Qualitätsbeeinträchtigung des Managements nach sich zieht.353 Allerdings kommt dem Aufsichtsrat als Beratungsinstanz im Rahmen der Stewardship-Theorie eine zentrale Bedeutung zu, da durch diese Funktion optimale Rahmenbedingungen für die Unternehmensleitung geschaffen werden, um die Zielsetzungen der Stakeholder der Gesellschaft zu erreichen. Die Integration des Abschlussprüfers in den Ansatz der Stewardship-Theorie gelingt, sofern dieser als Gehilfe des Aufsichtsrats angesehen wird.354 Die Gehilfenfunktion konkretisiert sich vor allem in der Redepflicht im Prüfungsbericht nach § 321 Abs. 1 Satz 3 HGB und gegenüber dem Aufsichtsrat in der Bilanzsitzung nach § 171 Abs. 1 Satz 2 AktG sowie in der Hinweispflicht im Prüfungsbericht nach § 321 Abs. 4 Satz 2 HGB, „. . . ob Maßnahmen erforderlich sind, um das interne Überwachungssystem zu verbessern“. Hierdurch unterstützt der Abschlussprüfer einerseits den Aufsichtsrat im Hinblick auf seine originären Überwachungsaufgaben nach § 111 Abs. 1 i.V.m. § 171 Abs. 1 AktG. Andererseits unterstützt auch der Aufsichtsrat die Tätigkeit desWirtschaftsprüfers, indem er etwa den Prüfungsauftrag erteilt (§ 318 Abs. 1 Satz 4 HGB), gemeinsam mit dem Abschlussprüfer Revisionsschwerpunkte festlegt oder Stellung zum Ergebnis der Prüfung des Jahresabschlusses durch den Abschlussprüfer nimmt (§ 172 Abs. 2 Satz 3 HGB). Im Gesamtbild resultiert hieraus ein intensives Kooperationsverhältnis von Aufsichtsrat und Abschlussprüfer, die beide als Stewards der Hauptversammlung agieren und zur Erfüllung ihrer Überwachungsaufgaben ähnliche Prüfungsmaßstäbe heranziehen. Diese Verbindung ist von einemwechselseitigen Informationsaustausch beider Organe geprägt. Allerdings liegen der Stewardship-Theorie Annahmen zugrunde, die kein getreues Abbild der betriebswirtschaftlichen Realität geben. Insbesondere die Bilanzskandale der jüngeren Zeit sowie die Finanzmarktkrise haben gezeigt, dass auch Interessenkonflikte und opportunistisches Verhalten der Unternehmensorgane in Erklärungsund Gestaltungsansätze einfließen müssen, um die Prüfungstheorie überzeugend weiter zu entwickeln.355 353 Vgl.Dutzi (2005), S. 153. 354 Vgl. hierzu Velte (2010c), S. 451–457. Neben der Gehilfenfunktion für den Aufsichtsrat hat der Abschlussprüfer die sog. Gatekeeper-Funktion für die Hauptversammlung zu erfüllen. Die letztgenannte Aufgabe besteht darin, durch die Abfassung des Bestätigungsvermerks nach § 322 HGB das Ergebnis seiner Prüfung im öffentlichen Interesse als sog. „PublicWatchdog“ den Stakeholdern zu kommunizieren. Vgl. hierzu Velte/Weber (2010), S. 393–417; Velte/ Weber (2011c), S. 223–239. 355 Vgl. Velte (2010e), S. 291–292. 138 ¢ Dritter Teil: Betriebswirtschaftliche Prüfung C. Prozesse der Prüfung356 1. Unterscheidungskriterien Im Schrifttum und der Praxis existieren eine Vielzahl von Kriterien, nach denen sich betriebswirtschaftliche Prüfungen sowie die mit ihnen verbundenen Abläufe unterscheiden und damit systematisieren lassen.357 Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden ausgewählte Differenzierungsmerkmale vorgestellt, die in der Prüfungslehre herausragende Bedeutung für die Prüfungseinteilung erlangt haben und denen im Rahmen der Konzeption des Lehrbuchs ein besonderer Stellenwert zukommt. Sämtliche dieser Prüfungsarten weisen untereinander wiederum Schnittmengen auf. Im Hinblick auf unterschiedliche Prüfungsorgane können Prüfungen zunächst ganz allgemein in · unternehmensinterne (Interne Revision) oder unternehmensexterne (z. B. Vorbehaltsprüfungen des Wirtschaftsprüfer358), · staatliche (z. B. Prüfungen der Rechnungshöfe und Finanzämter) oder private (inund externe Revision) sowie · gesetzliche (z. B. Vorbehaltsprüfungen des Wirtschaftsprüfers) oder freiwillige (z. B. Prüfungen der Internen Revision) unterschieden werden. Ferner sind Differenzierungen möglich, die auf den geprüften Sachverhalt abzielen, wie z. B. · Jahresabschlussprüfungen, · Kosten- und Preisprüfungen, · Management-(Geschäftsführungs-)prüfungen, · Organisationsprüfungen, · Unterschlagungsprüfungen, · Kreditwürdigkeitsprüfungen, · Überschuldungsprüfungen, · Sanierungsprüfungen. Ebenso wie mit der vorstehenden kasuistischen Unterscheidung können durch die Vierteilung in (1) Ordnungsmäßigkeitsprüfungen, (2) Aufdeckungsprüfungen, (3) Institutionsprüfungen und (4) Situationsprüfungen nicht alle möglichen Prüfungsphänomene erfasst werden.359 356 Vgl. hierzu auch die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II.C. 357 Vgl. hierzu Küting (2006), S. 819–824. 358 Vorbehaltsprüfungen dürfen aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades nur von bestimmten Personen oder Institutionen (z. B. Wirtschaftsprüfer, vereidigte Buchprüfer) durchgeführt werden, die eine bestimmte Qualifikation (z. B. ein abgelegtes Examen) aufweisen. Vgl. hierzu die Ausführungen im Dritten Teil zu Gliederungspunkt II. 359 Vgl. zu diesen genannten Prüfungsarten die entsprechenden Stichworte in Freidank/Lachnit/ Tesch (2007) und die Ausführungen imDritten Teil zu Gliederungspunkt I.E., III.C.5., IV.C., V.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"eine hervorragende Grundlage sowohl für die Lehre als auch ein außergewöhnlich nützliches Nachschlagewerk für die Praxis." Die Wirtschaftsprüfung 24/2012

Alle Überwachungsaktivitäten eines Unternehmens.

Dieses Handbuch führt Sie in die theoretischen, rechtlichen sowie system- und prozessorientierten Grundlagen der betriebswirtschaftlichen Kontrolle, Prüfung und Aufsicht ein. Alle Bereiche der Wirtschaftsprüfung, Internen Revision, des Risikomanagement- und Internen Kontrollsystems, des Vorstands und Aufsichtsrats sowie des Controllings werden eingehend behandelt.

Aus dem Inhalt:

Grundlagen der Überwachungslehre

- Corporate Governance

- Überwachungssysteme

- Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensüberwachung

Betriebswirtschaftliche Kontrolle

- Unternehmenspolitik und Kontrolle

- Internes Kontrollsystem

- Risikomanagement und -controlling

- Aufbau und Einsatz von Kontrollrechnungen

Betriebswirtschaftliche Prüfung

- Grundlagen der Prüfungslehre

- Ausgewählte Prüfer und Prüfungsorgane

- Vorbehaltsprüfungen von Einzelunternehmen und Konzernen

- Sonderprüfungen

Dieses Lehr- und Nachschlagewerk richtet sich an Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Darüber hinaus werden Praktiker, hier vor allem Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Interne Revisoren, Controller, Verantwortliche für Risikomanagement- und Compliancesysteme sowie Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräte angesprochen.

Der Experte

Prof. Dr. habil. Carl-Christian Freidank, Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Univ. Hamburg.