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2 Verbale Kommunikation in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 90 - 98

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_90

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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2 Verbale Kommunikation Verbale Kommunikation basiert auf der Sprache und dem gesprochenen Wort. Aus der Vielzahl prinzipiell interessanter Sachverhalte (vgl. Abb. 28) haben wir zwei Themen ausgewählt: • verbale Begrüßungsrituale (vgl. Kap. B-2.1) sowie • Lob & Kritik (vgl. Kap. B-2.2). Abb. 28: Formen verbaler & nonverbaler Kommunikation ArgumentationsstilSprachstil Vokale Kommunikation Nonvokale Kommunikation Verbale Kommunikation Kommunikation Nonverbale Kommunikation • Sprachvarietät - Hochsprache - Dialekt - schichtspezifische Sprache • Formalisierungsgrad - abstrakt - bildhaft • Wortreichtum vs. Wortkargheit • Höflichkeitsformen • faktenorientiert • theorieorientiert • beispielhaftillustrierend • plausibel • dialektisch • faktisch vs. strategisch • moralischnormativ • Intonation • Lautstärke • Sprechgeschwindigkeit • Stimmfrequenz etc. • Körperbau, Gesichtsform, Hautfarbe etc. • Mimik, Gestik, Blickverhalten etc. • Kleidung, Schmuck etc. • Umweltvariablen Quelle: auf Basis von Kroeber-Riel et al. (2009, S. 559). Die verschiedenen Argumentationsstile werden in Kap. F-2.3 eingehender erörtert. Inhaltsverzeichnis 2.1 Verbale Begrüßungsrituale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 2.1.1 Grußformeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 2.1.2 Small Talk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 2.2 Lob & Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 2.2.1 Lob . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 2.2.2 Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 84 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 85 2.1 Verbale Begrüßungsrituale 85 2.1 Verbale Begrüßungsrituale 2.1.1 Grußformeln Hast du schon gegessen? Während man sich im westlichen Kul tur- und Sprachraumraum in vielen Sprachen häufig mit „Wie geht‘s?“ begrüßt, lautete in China lange Zeit die häufigste Grußformel „Hast du schon gegessen?“ Da das „Reich der Mitte“ über viele Jahrhunderte immer wieder von verheerenden Hungersnöten heimgesucht wurde, die sich tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben, ist der tiefere Sinn dieser Begrüßungsformel ebenso leicht nachvollziehbar wie die außerordentliche Bedeutung, welche Tafelfreuden noch heute für die chinesische Gesellschaft haben. Tschüs oder Ade? Die in Nord- und Westdeutschland übliche Abschiedsformel klingt in süddeutschen Ohren allzu flapsig und kumpelhaft. Üblicher sind Auf Wiedersehen, Servus (= Österreich) oder Ade (= Schweiz). Älterer Bruder oder Onkel? Wer sich im konfuzianischen Kulturraum (insb. Ostasien) korrekt verhalten möchte, hat bei der Begrüßung ein kompliziertes Anredesystem zu befolgen. Freunde und Familienangehörige werden je nach Alter und sozialer Stellung als „älterer Bruder“, „Onkel“ oder „Kleine“ gesiezt. In Vietnam etwa lautet die angemessene Anrede … • Nguyen ong, wenn Herr Nguyen deutlich älter ist als man selbst, • Nguyen chu (wenn er deutlich jünger ist), • Nguyen bac (bei geringem Altersunterschied), • Nguyen anh (bei ganz jungen Gesprächspartnern). Entsprechend differenziert gestaltet sich die Anrede von Frauen. Sinn dieses konfuzianischen Begrüßungsrituals ist es, den Beteiligten vor Augen zu führen, dass die Welt eine feststehende Ordnung hat, die auf harmonischen Beziehungen beruht: der Vater als Vorbild für den Sohn, der Lehrer für den Schüler und der Vorgesetzten für den Mitarbeiter (vgl. Kap. C-2.1.4). Du oder Sie? Von der räumlichen Distanz scheint die soziale Distanz weitgehend unabhängig zu sein (⇒ Distanzforschung). Während man in den nordeuropäischen Ländern Fremden ge genüber körperlichen Abstand hält, gilt – zumindest in Dänemark – für die soziale Distanz das Gegenteil. Dort ist das Du auch zwischen Fremden gang und gäbe, wie im Übrigen auch in Schweden, wo das Sie in den 1990er-Jahren offiziell abgeschafft wurde. In Brasilien und vielen anderen beziehungsorientierten Gesellschaften war ein solcher formaler Akt gar nicht nötig: „Der Umgang miteinander wirkt in Brasilien allgemein lockerer als in Deutschland. Gesiezt werden 2.1 Verbale Begrüßungsrituale Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 84 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 85 86 Teil B: Interpersonale Kommunikation nur hochrangige Geschäftspartner, die mindestens eine Generation älter sind. Ansonsten sagt man Du – auch zum Chef“ (Thielitz 2012, S. 81). Deutsche hingegen sind es gewohnt, Fremde durch diese förmliche Anrede auf Abstand zu halten. Möglicherweise korreliert also räumliche Nähe/Distanz mit der Kulturdimension Individualismus/Kollektivismus, soziale Nähe/Distanz aber mit Maskulinität/ Feminität – jedenfalls sind beide voneinander unabhängig (vgl. Abb. 29). Abb. 29: Landkarte der Begrüßungsrituale große körperliche Distanz geringe körperliche Distanz geringe soziale Distanz große soziale Distanz Nordeuropa, angelsächsische Länder Großteil der Welt Kontinentaleuropa Romanische Länder In Frankreich wiederum, dessen Landeskultur derjenigen Deutschlands auf den ersten Blick so sehr ähnelt und sich auf den zweiten Blick dann doch als ganz anders artig erweist (vgl. Wickert 1999), ist die förmliche Anrede per Sie selbst im familiären Bereich nicht unüblich. Natürlich wird der Schwiegersohn lange Jahre gesiezt, bisweilen für immer. Eindeutige Regeln dafür, wie lange man sich siezt und wann man zum Du übergeht, gibt es nicht. „Bieten sich zwei dass Du an, geschieht das fast nebenbei. Die Sitte, sich zuzuprosten oder feierlich die Hand zu drücken, ist hier unbekannt. Die Rück kehr zum Sie ist genauso unkompliziert. Auch die Anrede und der Umgang mit akademi schen Titeln fallen hier unterschiedlich aus. Die Anrede Docteur ist dem Arzt vorbehalten. Im Geschäftsleben wird niemand mit einem akademischen Grad angesprochen, auch Adelstitel sind im Land der Französischen Revolu tion Privatsache. Dafür redet man einen Vorstandsvorsitzenden mit Monsieur le Président oder Monsieur le Directeur an. Bei Damen stehen die weibliche und die männliche Form zur Auswahl: Madame la Présidente/le Président und Madame la Directrice/le Directeur. Im Gegensatz zu Deutschland wäre es lächerlich, eine junge Dame anders als mit Mademoiselle anzusprechen“ (Häg 2002, S. 24). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 86 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 87 2.1 Verbale Begrüßungsrituale 87 Bonjour oder Bonjour, Madame? Zwar setzt sich das knappe „Guten Tag“ auch im französischen Alltagsleben immer mehr durch. Aber nach wie vor gilt es als höflich, nicht nur mit Bonjour, sondern mit Bonjour, Madame (Monsieur, Mademoiselle) zu begrüßen. Unangemessen wäre es indessen, nach deutscher Sitte der Grußformel den Familiennamen anzufügen. Generelle oder individuelle Begrüßung? Wie verhält man sich, wenn man als eine(r) der Letzten einen Raum betritt? Begrüßt man jeden Einzelnen oder genügt ein allgemeiner, an alle gerichteter Gruß? „Wer in Spanien zu einem Geschäftsessen eingeladen wird, sollte jeden einzeln begrüßen, auch wenn 15 Leute am Tisch sitzen. Es wäre ein Affront, einfach ein Hallo in die Runde zu werfen“ (Thielitz 2012, S. 81). Vermutlich präferieren Angehörige von beziehungsorientierten High Touch-Kulturen die individuelle Begrüßung und Angehörige von aufgabenorientierten Low Touch-Kulturen Formen pauschaler Begrüßung. 2.1.2 Small Talk Erster Eindruck In der ersten Phase einer Begegnung wird häufig der für den weiteren Verlauf der Kommunikation und Interaktion wesentliche „erste Eindruck“ gebildet. Dieser hängt von zahlreichen Faktoren ab (z.B. wechselseitiges Gefallen), nicht zuletzt aber auch von der verbalen Kompetenz der Beteiligten: Wird das einleitende, zumeist sehr allgemein gehaltene Gespräch als angenehm oder als mühsam erlebt? Funktion & Stellenwert des Small Talk Trompenaars (1993) unterscheidet diffuse Kulturen von spezifischen Kulturen. Während sich beim spezifischen Typus die verschiedenen Lebensbereiche wechselseitig durchdringen und beeinflussen, trennen spezifische Kulturen bspw. Arbeitsleben und Privatleben strikt voneinander. Dieser Unterschied wird in den verschiedensten Verhaltensbereichen sichtbar, etwa bei der Begrüßung und Anrede. In spezifischen Gesellschaften wie Deutschland ist der Vorname privat und der Familienname öffentlich. Amerikaner, Skandinavier, Südafrikaner etc. trennen weniger stark und sprechen auch Vorgesetzte häufig mit deren Vornamen an, ohne dass dadurch jedoch der Status- bzw. Hierarchieunterschied aufgehoben wird. Bei einer Hausbesichtigung sind in Deutschland Bad und Schlafzimmer zumeist tabu: Privatbereich. Nicht so in den USA. Hier empfiehlt es sich nicht, eine solche Einladung deshalb auszuschlagen, weil man die Intimsphäre des Gastgebers respektieren möchte. „Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eigentum und empfinden es als Beleidigung, wenn man sich nicht dafür interessiert“ (Schröder 2012, S. 81). Ähnlich unterschiedlich ist die Bedeutung, welche diesseits und jenseits des Atlantiks dem Small Talk beigemessen wird. Small Talk: Beiläufige, unverbindliche Unterhaltung. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 86 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 87 88 Teil B: Interpersonale Kommunikation Privates & Berufliches „Die Grenze zwischen privat und beruflich ist in den USA fließender als in Deutschland. Auch bei der Arbeit redet man über Privates. Small Talk ist besonders wichtig. Viele Deutsche verstehen ihn als Gesprächseinstieg, haken ihn dann innerlich ab und sind irritiert, wenn ein amerikanischer Kollege im Laufe des gesamten Gesprächs immer wieder über Privates spricht. ,Es kommt beim Small Talk darauf an, möglichst viele Informationen über den anderen zu sammeln‘, erklärt die US-Amerikanerin D. Klein vom interkulturellen Beratungsunternehmen ICUnet.AG.“ Schröder (2012, S. 81) Geeignete & ungeeignete Gesprächsthemen Analysiert man die für den Small Talk als geeignet oder ungeeignet angesehenen Gesprächsthemen, dann zeigt sich: Weltweit bieten Ereignisse und Sachverhalte, welche für die nationale bzw. die kulturelle Identität bedeutsam sind, eine gute Grundlage für ein angenehm-unverbindliches Gespräch (z.B. Gartenarbeit und Königsfamilie in Großbritannien, Kunst und Essen in Frankreich, Autos und Fußball in Deutschland, Familie und soziales Umfeld in Mexiko, Kamelrennen und Falkenjagd in Saudi Arabien, Sport und Natur (Outdoor) in Norwegen. Hingegen sollten kontroverse Themen im Regelfall gemieden werden. Nationale bzw. kulturelle Traumata sind bisweilen geradezu tabuisiert (vgl. z.B. Chaney/ Martin 2010). Zu den ungeeigneten Gesprächsthemen zählen in … • Frankreich: Krankheit, Alter, Einkommen, • Indien: Armut und Schmutz auf der Straße, Kaschmirkonflikt, Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen, • Indonesien: Verhältnis Inlands-Chinesen/Indonesier, Kritik an Indonesien und Indonesiern, • Italien: Inneritalienischer Nord-/Süd-Konflikt, Mafia, • Japan: Kriegsverbrechen der japanischen Armee, Protektionismus, Trinkgeld, • Mexiko: Drogenkartelle, Grenzprobleme mit den USA, • Philippinen: Kritik an der katholischen Kirche, • Saudi Arabien: Frau, Politik, Religion (z.B. Für und Wider von Beschneidung), • Spanien: Kritik am Stierkampf, • Südkorea: Belehrende Kritik an politischen Verhältnissen, japanische Kolonialzeit, persönliche Lebensverhältnisse, • Thailand: Abfällige Bemerkungen über den König und dessen engere Familie, • USA: Religionskritik, Zweifel an der Ausnahmestellung der USA, Toiletten, Verbrechen amerikanischer Soldaten, • Vietnam: Politik, Kommunismus, Vietnamkrieg. In vielen Ländern gehört es zu den tabu-ähnlichen Verhaltensstandards (vgl. Kap. C-2.4), die Gesprächspartner nicht mit seinen privaten Problemen zu behelligen. So entspricht es der französischen Auffassung von Discrétion, seine Krankengeschichte für sich zu behalten (vgl. Wickert 1999). Und die „Vereinigten Staaten von Amerika“ haben sich in den vergangenen Dekaden in vielerlei Hinsicht zu den „Gespaltenen Staaten von Amerika“ (Wernicke 2011, S. 4) entwickelt, nicht zuletzt hinsichtlich dessen, worüber man spricht und worüber nicht. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 88 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 89 2.2 Lob & Kritik 89 Kommunikationstabus in Frankreich „In Frankreich gilt es als Verstoß gegen die guten Sitten, anderen mit der Miene eines Leichenbestatters gegenüberzutreten. Am Telefon wird zur Begrüßung Small Talk erwartet: eine flink dahinplätschernde Konversation, oberflächlich und brillant. Knapper, schnörkelloser deutscher Stil kommt nicht gut an. Ganz selbstverständlich lächeln Franzosen ihrem unsichtbaren Telefonpartner ständig zu. Gleichzeitig mit dem Bonjour erkundigen sie sich nach dem Befinden. Die Frage wird natürlich – außer man läge in den letzten Zügen – grundsätzlich mit ,très bien‘ beantwortet. Schockierend wäre es, ernsthaft Auskunft zu geben oder gar sämtliche Wehwehchen oder Krankheiten aufzuzählen. Fragen der Gesundheit sind in Frankreich eindeutig Privatsache. Dagegen kann man sich nach dem Wetter erkunden, ein Kompliment für den Sieg der Nationalmannschaft oder ein anderes erfreuliches Ereignis anbringen. Vor dem Auflegen des Hörers werden wieder artige Komplimente ausgetauscht: exzellente Zusammenarbeit, Glückwunsch zu den kompetenten Mitarbeitern, Dank für die Bemühungen, die Hoffnung, bald das Vergnügen zu haben, einander wiederzusehen. In Frankreich liebt man charmante Übertreibungen mehr als nüchterne deutsche Untertreibung. Wer seinen Unmut ausdrücken will, braucht nur auf die üblichen Komplimente zu verzichten.“ Häg (2002, S. 24) Kommunikationstabus in den USA „Republikaner und Demokraten leben in ihren eigenen Welten, gehen separiert in Steakhäuser oder Ökorestaurants, beten in verschiedenen Kirchen, schauen strikt einseitig auf rechts oder links getrimmte Fernsehprogramme. Ein halbes Jahrhundert nach der glorreichen Überwindung der Rassentrennung erlebt die Nation eine neue Segregation: Republikaner und Demokraten verhalten sich wie verfeindete Stämme. Man meidet einander, Politik und Religion sind als Gesprächsthemen tabu. Außer belanglosen Nettigkeiten haben sich beide Seiten im Alltag nichts zu sagen.“ Wernicke (2011, S. 4) 2.2 Lob & Kritik 2.2.1 Lob Nicht nur Kritik, auch Lob ist in konfuzianisch geprägten Gesellschaften geeignet, soziale Beziehungen zu beschädigen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn Einzelne und nicht die gesamte Gruppe gelobt werden. Zum einen hebt das individuelle Lob die Einzelperson auf unangemessene Weise aus der Gruppe hervor und zum anderen impliziert es einen sozialen Vergleich, der zwangsläufig zu Lasten der nicht gelobten Gruppenmitglieder ausfällt. Selbst innerhalb eines Kulturraumes wie den individualistischen Industrieländern bestehen markante Unterschiede in der Art und Weise, wie man loben sollte. Während in Deutschland die Auffassung vorherrscht, dass nur wirklich außerordentliche Leistungen Lob verdienen und Lob deshalb ein knappes Gut ist, „loben sich Amerikaner ständig gegenseitig. Von ihren deutschen Geschäftspartnern fühlen sie sich daher häufig nicht wertgeschätzt. Deutsche empfinden ständiges Loben hingegen oft als übertrieben und kindisch“ (Schröder 2012, S. 81). 2.2 Lob & Kritik Lob: Soziale, teils verbal, teils nonverbal ausgedrückte Form der Anerkennung. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 88 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 89 90 Teil B: Interpersonale Kommunikation 2.2.2 Kritik In weiten Teilen der Welt ist direkte Kritik verpönt. Dies erscheint insofern erstaunlich, als Kritik die Chance auf Korrektur einer Fehlentwicklung eröffnet und insofern einen evolutorischen Vorteil bietet. Wer Gründe für die weit verbreitete Kritik- und Konfliktaversion erfahren möchte, den führt die Spurensuche nach Indien und zum Buddhismus. Dessen Lehrsatz „nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sagen“ erreichte im 8. Jahrhundert den ostasiatischen Raum und wurde dort in die konfuzianische Lehre integriert. Angeblich soll Konfuzius seinen Schüler Yan Yuan folgendermaßen über das „Wesen der Schönheit“ belehrt haben – wobei mit dem „Gesetz der Schönheit“ angemessenes Verhalten, der Drehund Angelpunkt des Konfuzianismus, gemeint ist: • Was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf schaue nicht, • was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht, • was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht, • was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht. Aufgrund einer akustischen Analogie zwischen der Verneinungsform von Hören, Sagen, Tun etc. sowie Affe im Japanischen wurde daraus das Gleichnis der drei Affen, das im westlichen Kulturkreis zumeist falsch wiedergegeben wird – als symbolischer Ausdruck von mangelnder individueller Zivilcourage: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“. Im konfuzianischen Kulturkreis meint es jedoch, dass der Einzelne nicht die kollektive Ordnung stören soll, indem er Problematisches thematisiert. Die vermutlich berühmteste bildhafte Darstellung dieser Lehre zeigt „Die drei Affen von Nikko“ (vgl. Abb. 30). In konfuzianischen Gesellschaften (z.B. China) verstößt Kritik gegen den Kulturstandard „Gesicht wahren“. Konfliktvermeidung hat Vorrang. Kritik wird allen- Homophone: Worte, die weitgehend gleich ausgesprochen, aber unterschiedlich geschrieben werden. Abb. 30: Drei Affen von Nikko Quelle: Wikimedia Commons/4/41/20100727_Nikko_Tosho-gu_Three_wise_ monkeys_5965jpg. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 90 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 91 2.2 Lob & Kritik 91 falls unpersönlich, z.B. mit Hilfe eines Gleichnisses, auf jeden Fall sehr vorsichtig geäußert. Japaner bspw. wiederholen eher ihren Vorschlag mehrmals, als etwas zu kritisieren. Höherrangige werden grundsätzlich nicht kritisiert. Dies ist im Übrigen einer der Gründe, weshalb diese sich im Verlauf von Entscheidungsprozessen erst gegen Ende, wenn sich eine allgemein akzeptierbare Lösung abzeichnet, an der Diskussion beteiligen. Generell sind Diskussionsteilnehmer und Mitglieder von Arbeits- bzw. Projektgruppen bemüht, nur auf die positiven Ansätze der Beiträge ihrer Vorredner (andere Gruppenmitglieder etc.) einzugehen. Kritische Anmerkungen werden „überhört“ und im weiteren Diskussionsverlauf nicht mehr aufgegriffen. Auch in Großbritannien empfiehlt es sich, andere nicht direkt zu kritisieren. „Besser ist, Zweifel oder Ablehnung als höfliche Frage etwa nach den Vorteilen eines Vorschlags zu formulieren“ (Thielitz 2012, S. 80). Nicht nur konfuzianisch sozialisierte Menschen: Auch bspw. in islamischen Gesellschaften und solchen, die, wie die russische, dem orthodoxen Kulturraum angehören, wird üblicherweise versucht, direkte persönliche Konfrontation zu vermeiden: „Die kollektivistische Prägung Russlands, in der Harmonie bewahrt und Auseinandersetzungen auch in Form von Kritik weitgehend vermieden werden, hängt zugleich mit der großen Machtdistanz zusammen, die noch heute das Verhalten der Mitarbeiter prägt“ (Rothlauf 2009, S. 586). Letztlich neigen alle Angehörige von beziehungsorientierten Kulturen dazu, Kritik als fundamentalen Angriff auf ihre Integrität zu empfinden. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 90 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 91 3 Paraverbale Kommunikation Inhaltsverzeichnis 3.1 Grundlagen Wie verbale Kommunikation decodiert wird, hängt in erheblichem Maße von der begleitenden paraverbalen Kommunikation ab. Sie variiert interkulturell wie auch intrakulturell und bedient sich der verschiedensten Ausdrucksmittel: • Zur mündlich-akustischen Kommunikation zählen Lautstärke, Stimmlage und Tonhöhe sowie Sprechrhythmus und Sprechgeschwindigkeit. • Typographie, Interpunktion, Schreibweise und die Anordnung von Bildelementen bspw. werden der schriftlich-visuellen Kommunikation subsumiert. Wir beschränken uns im Folgenden auf zentrale Erscheinungsfor men der mündlich-akustischen Kommunikation: Schweigen, Stimmlage und Tonhöhe, Lautstärke sowie Lachen. 3.2 Stimmlage & Tonhöhe Der für die Überzeugungskraft eines Arguments überaus bedeutsame Tonfall ist teils genetisch bestimmt, teils kulturell geformt (vgl. Scherer et al. 2001; Frick 1985). Zwar drücken laute und scharfe Töne weltweit üblicherweise Ärger, Aggression und Dominanz aus, während hohe und dünne Töne Angst und Hilflosigkeit signalisieren. Da die einzelnen Sprachen aber in ihrer phonologischen und syntaktischen Struktur stark variieren, bestehen erhebliche kulturelle Unterschiede im konkreten stimmlichen Ausdruck. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede: Während in Frankreich Frauen im Laufe ihrer Kindheit und Jugend eine ungewöhnlich hohe Stimmlage erlernen, sprechen französische Männer mit einer durchschnittlichen „männlichen Stimmlage“. Gumperz (1982) erforschte Missverständnisse, die zwischen Gesprächspartnern erwachsen können, wenn die einen „britisches Englisch“ und die anderen „in- 3.1 Grundlagen Paraverbal: „Neben“ der verbalen Kommunikation eingesetzte kommunikative Signale. 3.2 Stimmlage & Tonhöhe 3.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 3.2 Stimmlage & Tonhöhe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 3.3 Schweigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 3.3.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 3.3.2 Funktionen des Schweigens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 3.4 Lautstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 3.5 Lachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 92 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 93

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Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.