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3 Landeskultur in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 54 - 88

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_54

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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3 Landeskultur Inhaltsverzeichnis Die Ansätze, das Konzept der „Landeskultur“ theoretisch zu fassen, sind kaum minder zahlreich als die Vorschläge, „Kultur“ zu definieren. Bei unserem knappen  Überblick über die wichtigsten Vertreter der Landeskulturforschung übernehmen wir eine Dreiteilung, welche Barmeyer (2010) für Kulturen im Allgemeinen und Landes- bzw. Nationalkulturen im Besonderen vorgenommen hat. Kultur als … • Bedeutungs- und Interpretationssystem, • Orientierungssystem zur Zielerreichung und Problembewältigung, • Gesamtheit der von einer Gemeinschaft geteilten Werte. 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem 3.1.1 Stolz, Ehre und Harmonie: Zur Kulturgebundenheit zentraler Konzepte interpersoneller Kommunikation Wenn US-Amerikaner bei zahllosen Gelegenheiten voller Stolz vor den „Stars and Stripes“ strammstehen, inbrünstig die Nationalhymne mitsingen und sich dabei gefühlvoll an ihr Herz fassen – bzw. an die Stelle ihrer Brust, unter der sie den Sitz ihres Herzens vermuten –, dann blicken viele Deutsche irritiert-verständnislos auf den selbstbewusst-demonstrativen Nationalstolz der Amerikaner. Aufgrund 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.1.1 Stolz, Ehre und Harmonie: Zur Kulturgebundenheit zentraler Konzepte interpersoneller Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.1.2 Concepta & Percepta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung . . . . . . . . 50 3.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.2.2 Kulturelle Orientierungen nach Kluckhohn & Strodtbeck . . . . . . . 52 3.3 Kultur als Gesamtheit der von einer Lebensgemeinschaft geteilten Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.3.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.3.2 Hofstede-Kulturdimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.3.3 GLOBE-Kulturstudie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 3.4 Kulturstandards . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.4.1 Theoretische & methodische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.4.2 Wichtige Kulturstandards . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 3.4.3 Kritische Würdigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 46 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 47 48 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen der „im deutschen Namen“ – wie die bürokratisch-verschleiernde Floskel lautet – zu Zeiten des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen ist zumindest den meisten älteren Deutschen alles, was mit Vaterland, Nation, Deutschland, Stolz etc. zu tun hat, in hohem Maße suspekt. Weil diese Konzepte auf der Symbolebene unterschiedlich codiert sind, ist wechselseitiges Verstehen in diesem Bereich kaum möglich. Ein Extrembeispiel dafür, dass die jeweilige Landeskultur „Eindeutigkeiten schafft, die es ihren Angehörigen ermöglicht, Zeichen und Symbole zu entschlüsseln“ (Barmeyer 2010, S. 20), ist das Konzept der Ehre. Menschen, die in einer der aufgabenorientierten Industrie- und Leistungsgesellschaften sozialisiert wurden, können allenfalls erahnen, welche zentrale Rolle insb. der Schutz der Familie in den beziehungsorientierten Gesellschaften des arabischen Kulturraums spielt. Unvergessen, wie Z. Zidane, in Frankreich geborener Sohn algerischer Einwanderer, meinte, in archaischer Weise die Ehre seiner Schwester verteidigen zu müssen. Zinedine Zidane & die Familienehre „Er war einer der besten Spieler in der Geschichte des Fußballs. Doch sein Abschied war unrühmlich: Im letzten Spiel seiner Karriere, dem WM-Finale 2006 gegen Italien, flog Frankreichs Superstar Z. Zidane vom Platz. Er hatte M. Materazzi mit dem wohl berühmtesten Kopfstoß der Sportgeschichte niedergestreckt. Bei dem Italiener hat er sich bis heute nicht entschuldigt – und wird dies wohl auch nie tun. ,Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben‘, sagte Zidane der spanischen Zeitschrift El Pais. Nach Zidanes Aussetzer in der 109. Minute verlor Frankreich 3:5 im Elfmeterschießen. Zidane begründet seinen Angriff damit, dass Materazzi auf dem Platz mehrmals seine Mutter und seine Schwester beleidigt habe.“ o.V. (2010, S. 28) Ähnlich schwer verständlich ist für Menschen, die außerhalb des Einflussbereiches der im ostasiatischen Raum verankerten konfuzianischen Gesellschaftslehre leben, die Schlüsselfunktion, welche dort Harmonie in allen Lebensbereichen erfüllt. Wer in China, Japan oder Korea die Harmonie stört, bspw. durch offene Kritik, einen Gefühlsausbruch oder das Ansprechen von Konflikten, verliert sein Gesicht und damit seine soziale Stellung. Um mögliche Konflikte zu vermeiden, werden Verträge, wenn überhaupt, möglichst unverbindlich formuliert. Vertragsverletzungen (bspw. Lieferverzögerungen) sind kaum sanktionierbar – und schon gar nicht mit juristischen Mitteln. Denn „vor Gericht“ verlieren beide Parteien ihr Gesicht, unabhängig von der Schuldfrage. Wenn hochrangige deutsche Politiker bei ihren China-Besuchen vor laufenden Kameras die beklagenswerte Menschenrechtslage in diesem Land kritisieren oder von der chinesischen Regierung verbindliche und einklagbare Zusagen zur Reduktion umweltschädlicher Emissionen fordern, dann wissen sie vermutlich nur allzu gut, dass sie damit nichts erreichen werden. Jedenfalls bleibt zu hoffen, dass zu den Beratern der Regierung auch Ostasienexperten zählen, welche nicht nur diese kulturelle Besonderheit kennen, sondern auch die dort grundlegend andersartige Funktion von Verträgen. Während sie im individualistischen Kulturraum geschlossen werden, um möglichst konfliktfreie Beziehungen zu ermöglichen, sind Verträge im konfuzianischen Kulturraum eher dazu bestimmt, die Erkenntnis zu besiegeln, dass die Vertragsparteien sich wechselseitig in ihr Beziehungsnetzwerk aufnehmen, nachdem sie in der zurückliegenden, konfliktfreien Phase der Zusammenarbeit sich von der Zuverlässigkeit des bis dahin Fremden überzeugen konnten. Wem daran gelegen ist, das Kyoto-Protokoll nicht Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 48 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 49 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem 49 nur formal fortzuschreiben, sondern Umweltschutz weltweit zu verankern, sollten der chinesischen Regierung keine verbindlichen Zusagen abverlangen, sondern sie zur Selbstverpflichtung ermutigen. 3.1.2 Concepta & Percepta In den 1950er-Jahren schlug der Anthropolge C. Osgood ein Strukturmodell vor, das eine Vorstellung davon ermöglicht, warum Angehörige einer Kultur mehrdeutige Signale in vergleichbarer Weise decodieren und dadurch ein gleichartiges Realitätsverständnis entwickeln, welches sich systematisch von dem Realitätsverständnis unterscheidet, auf das sich die Angehörigen einer anderen Kultur geeinigt haben (vgl. Osgood 1951). Die Kulturgebundenheit von Risikowahrnehmung und Risikobereitschaft (vgl. Viklund 2003; Xie et al. 2003; Renn/Rohrmann 2000) etwa sorgt dafür, dass es innerhalb der Europäischen Union kaum möglich ist, sich auf einen gesetzgeberischen Umgang mit Risiken zu einigen, den alle Mitgliedsländer akzeptieren können. Denn im eher optimistischen angelsächsischen Kulturraum hat sich über die Jahrhunderte eine andersartige Vorstellung von der Bewertung der großen Lebensrisiken entwickelt als in den vergleichsweise pessimistischen Gesellschaften Kontinentaleuropas. Wie etwa das Scientific Steering Commitee (SSC) anlässlich der Bewertung der von BSE ausgehenden Risiken feststellte, gehen angelsächsische Wissenschaftler und Politiker davon aus, dass kein Handlungsbedarf besteht, so lange kein Beweis für eine reale Gefahr vorliegt. Deutschen oder Franzosen hingegen genügt hierfür bereits die Möglichkeit einer Gefahr. Ihrer Auffassung zufolge muss jegliches Risiko ausgeschlossen sein, um auf Vorsorgemaßnahmen wie Produktionsverbot oder Warnhinweise an die Verbraucher verzichten zu können (vgl. Krahpol 2003). Unterschiedliche Weltbilder, Tabus, Normen, Werte, Einstellungen, Mythen, Rituale, Symbole etc. erweisen sich vielfach als kaum überwindbare Kommunikationsbarrieren. Osgood (1951) ordnete diese Konzepte sachlogisch und fasste sie zu einem einfachen Strukturmodell zusammen, welches ein Großteil der Fachwelt übernommen hat. Dazu teilte er Konstrukt Kultur in einen deskriptiven und einen explikativen Bereich auf. Die un- bzw. vorbewussten Anteile der Landeskultur (insb. Normen und Werte) bezeichnet er als Concepta bzw. mentale Kultur. Davon abzugrenzen sind die soziale Kultur und die materielle Kultur. Zusammengenommen machen sie die Percepta aus: das von einer Kultur unmittelbar Wahrnehmbare. Alternativ sind folgende Bezeichnungen gebräuchlich: • Concepta = Mentefakte bzw. Kulturkern, • Percepta = Artefakte bzw. Oberflächenkultur. Die Unterteilung in sichtbare und nicht-sichtbare Elemente von Kultur fand ihren Niederschlag in diversen, teilweise höchst einfachen Schichtenmodellen (vgl. Abb. 19). Wie das Modell „Kultureisberg“ (vgl. Ting-Toomey 1999, S. 10) und das Modell „Kulturzwiebel“ (vgl. Blom/Meier 2002, S. 40) illustrieren, ermöglichen diese Schichtenmodelle allerdings häufig kaum mehr als die metaphorische Umschreibung des Phänomens Kultur. Demzufolge offenbart sich von dem, was eine Kultur ausmacht, nur ein verschwindend geringer Teil dem Kulturfremden: die sprichwörtliche Spitze eines Eisberges. Das Missverhältnis von Sichtbarem und Scientific Steering Commitee: Wissenschaftlicher Lenkungsausschuss der Europäischen Union Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 48 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 49 50 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Unsichtbarem sorgt beim Aufeinandertreffen von Angehörigen verschiedener Kulturen vielfach für Missverständnisse und Konflikte. Die Metapher der Kulturzwiebel besagt überdies, dass Kulturfremde erst die oberen Schichten freilegen müssen, um Zugang zu den tieferliegenden Schichten zu erlangen. Abb. 19: Typische Schichtenmodelle der deskriptiven Kulturforschung „Kultureisberg“ „Kulturzwiebel“ Sprache, Symbole Helden, Mythen Rituale, Traditionen Werte, Normen Grundannahmen, universelle Bedürfnisse Die vorgelagerten Concepta beeinflussen bzw. determinieren die nachgelagerten Percepta. So bedingt das abendländisch-christliche Weltbild andere Mythen und Rituale als das archaische Weltbild (z.B. Vergebung vs. Blutrache). Ein anderes Beispiel: In einem Umfeld wie dem konfuzianischen Kulturraum, in dem Harmonie und Einordnung in die soziale Hierarchie zentrale Werte sind, dient Mode weniger dem äußeren Schein und der individuellen Inszenierung als in Gesellschaften, in denen Wettbewerb und individuelle Leistung Vorrang haben. Das Concepta-/ Percepta-Modell strukturiert Kapitel C: Einfluss der Landeskultur. 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung 3.2.1 Überblick Eine zweite Kategorie von Kulturtheorien kann als funktional bezeichnet werden. Sie gehen auf die kulturanthropologische Richtung zurück, die von Tylor (1871) inspiriert wurde. Er brach mit der deterministischen Denktradition der Kultur wissenschaften, wonach der Lebenszyklus menschlicher Gesellschaften zwangsläufig vom Zustand der Wildheit über die Barbarei hin zur Zivilisation verläuft, und unterschied nicht mehr zwischen kulturlosen Naturvölkern und Kulturvölkern (⇒ Determinismus; ⇒ Zivilisation). Seitdem wird Kultur nicht mehr als exklusiver Entwicklungsstand einiger weniger Gesellschaften angesehen, sondern als kollektive Errungenschaft der gesamten Menschheit. Ausgehend 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 50 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 51 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung 51 von der Überlegung, dass jede menschliche Gemeinschaft sich im Laufe ihrer Entwicklung ein Regelwerk und Verhaltensstandards gegeben hat, welche ihr Zusammenleben organisieren sowie ihr Überleben in der jeweiligen Umwelt ermöglichen, lautete nun die Schlüsselfrage: Welchen Beitrag leistet die Kultur einer Gesellschaft zur Bewältigung dieser Aufgaben? Kutschker/Schmid (2011, S. 676 f.) geben einen Überblick über die Vielzahl von Antworten, die auf diese Frage gegeben wurden. Motivationsfunktion Kulturen veranlassen ihre Mitglieder zum Handeln. Orientierungsfunktion Kulturen vermitteln den Kulturmitgliedern, welche Verhaltensweisen „richtig“ und welche „falsch“ sind. Sinnstiftungsfunktion Kulturen verleihen den kulturadäquaten Handlungen ihrer Mitglieder eine tiefere Bedeutung. Identitätsfunktion Kulturen bewirken, dass ihre Mitglieder sich zum einen als Einheit und zum anderen als unterschiedlich von anderen sozialen Einheiten empfinden. Koordinationsfunktion Kulturen richten das Verhalten ihrer Mitglieder an einem gemeinsamen Ziel aus. Ordnungsfunktion Kulturen strukturieren die innere Ordnung von sozialen Einheiten. Komplexitätsreduktionsfunktion Kulturen erleichtern ihren Mitgliedern das Zusammenleben, da Handlungen, die komplexe Ursachen und Wirkungen haben, aufgrund des „kulturellen Filters“ (vgl. Sinnstiftungsfunktion) leichter verständlich und auch kanalisiert werden (vgl. Ordnungsfunktion). Legitimationsfunktion Kulturen rechtfertigen die Bewertungen und Handlungen ihrer Mitglieder nach innen und außen. Quelle: auf der Basis von Kutschker/Schmid (2011, S. 676 f.). Parsons (1951), Kroeber/Parsons (1958) und Kroeber/Strodtbeck (1961) haben diesen Grundgedanken aufgegriffen und durch zwei Thesen präzisiert: • Weltweit werden die Menschen mit einer begrenzten Anzahl grundlegender Probleme konfrontiert, die sie lösen müssen, wollen sie ihre Existenz sichern (z.B. Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln, Streitschlichtung). • Zwar gibt es im Prinzip unbegrenzte Möglichkeiten, diese existentiellen Probleme zu lösen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer häufig unbewussten Normen und Werte entwickelt jede Lebensgemeinschaft jedoch eine begrenzte Anzahl kulturadäquater Lösungsstrategien: „dominante Lösungsmuster“. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 50 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 51 52 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Die Wissenschaftler, welche Kultur als die charakteristische Art der Problembewältigung begreifen, gehen davon aus, dass „kulturelle Gruppen spezifische Lösungen finden, um universelle Probleme zu meistern“ (Barmeyer 2010, S. 25). 3.2.2 Kulturelle Orientierungen nach Kluckhohn & Strodtbeck Als Ergebnis einer ersten umfassenden Literaturanalyse schlugen Kluckhohn/Strodtbeck (1961) vor, Kulturen anhand von fünf grundlegenden Orientierungen zu beschreiben (vgl. Tab. 10). Sie reflektieren die für jede Kultur charakteristischen Grundannahmen über die menschliche Existenz, die existentiellen Probleme und die dominanten Lösungsmuster: • ,human nature orientation’, • ,man-nature orientation’, • ,relational orientation’, • ,time orientation’, • ,activity orientation’. Wesen der menschlichen Natur Geht eine Gesellschaft davon aus, dass der Mensch von Geburt an gut oder böse ist (vgl. Tab. 10)? Ist die „Natur“ des Menschen veränderlich oder determiniert, d.h. durch sein Erbgut oder seine soziale Lage vorgegeben (⇒ Determinismus)? Ist der Einzelne davon überzeugt, dass er sein Leben selbst gestalten kann, wie es „Culture consists of patterns, explicit and implicit, of and for behavior acquired and transmitted by symbols, constituting the distinctive achievements of human groups, including their embodiments in artifacts; the essential core of culture consists of traditional (i.e. historically derived and selected) ideas and especially their attached values; culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on the other as conditioning elements of further action.” Kroeber/Kluckhohn (1952, S. 181) Tab. 10: Struktur des anthropologischen Ansatzes Orientierung Ausprägung Wesen der menschlichen Natur böse teils gut, teils böse gut veränderlich determiniert veränderlich determiniert veränderlich determiniert Beziehung zur Natur Unterwerfung des Menschen unter die Natur Harmonische Beziehung mit der Natur Herrschaft des Menschen über die Natur Beziehung zu anderen Menschen kollektivistisch individualistisch hierarchisch gleichberechtigt Zeitorientierung vergangenheitsorientiert gegenwartsorientiert zukunftsorientiert Tätigkeits- bzw. Sinnorientierung Sein Werden Tun Quelle: Kluckhohn/Strodtbeck (1961, S. 12); eigene Übersetzung. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 52 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 53 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung 53 der amerikanische „Vom Tellerwäscher zum Millionär-Mythos“ besagt, oder hält er sich und sein Leben für vorbestimmt? Vertrauensgesellschaften beantworten diese Schlüsselfragen grundlegend anders (d.h. optimistischer) als Misstrauensgesellschaften. Davon wiederum hängt ab, wie die Menschen miteinander umgehen, bspw. welcher Managementstil vorherrscht. Vertrauen die Vorgesetzten ihren Mitarbeitern, so werden sie Aufgaben häufiger delegieren und seltener kontrollieren, wie diese erfüllt wurden (vgl. Kutschker/Schmid 2011, S. 705 f.). Auch findet „Lebenshilfe-Literatur“, d.h. Ratgeber für beruflichen und privaten Erfolg, vorzugsweise in solchen Kulturen Anklang, die von der Veränderlichkeit der Lebensbedingungen überzeugt sind. Beziehung zur Natur Beherrscht der Mensch die Natur, ist er deren Untertan oder lebt er in harmonischem Einklang mit der Natur? Gehen die Angehörigen einer Kultur davon aus, dass Gott als Schöpfer der Natur die Umweltbedingungen bestimmt? Oder sind sie davon überzeugt, dass der Mensch alle dafür notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt und deshalb jeder das erreichen kann, was er erreichen will? Kulturen, die nicht an die Allmacht des Menschen glauben und deshalb versuchen, mit der Natur in Einklang leben, lehnen Umweltzerstörung und Klimaveränderung ab. Unternehmensziele werden dort eher vage formuliert und qualitativ umschrieben. Ganz anders verhält es sich in Kulturen, in denen man von den eigenen Kräften und Gestaltungsmöglichkeiten überzeugt ist. Dort werden Unternehmensziele weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen und möglichst eindeutig, spezifisch sowie quantifizierbar formuliert. Beziehung zu anderen Menschen Wie gehen Menschen miteinander um? Haben die Interessen des Einzelnen (= individualistisch) oder die der Gemeinschaft Priorität (= kollektivistisch)? Falls es sich um eine kollektivistische Kultur handelt: Ist die Gemeinschaft hierarchisch oder egalitär strukturiert? In individualistischen Gesellschaften legen Unternehmen großen Wert auf die Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Hingegen sind in kollektivistischen Ländern solche Eigenschaften wichtig, welche der Einbettung des Einzelnen in die Gemeinschaft dienen (z.B. soziale Kompetenz, ⇒ Kooperationsbereitschaft, Vertrauenswürdigkeit). Dort gestaltet sich die Entscheidungsfindung auch komplexer, da zahlreiche Personen daran beteiligt sind, während in individualistischen Gesellschaften die Figur des Einzelgängers, der sich gegen den Kleinmut der Vielen durchsetzt, idealisiert wird („Great Man Theory“). Zeitorientierung Orientiert sich eine Gesellschaft primär an der Vergangenheit, an der Gegenwart oder an der Zukunft? In vergangenheitsorientierten Kulturen hat das Handeln des Einzelnen in Einklang mit den identitätsstiftenden Traditionen zu stehen, während Zukunftsorientierung dafür sorgt, dass stärker auf den zu erwartenden Nutzen von Maßnahmen geachtet wird. Neben der von Kluckhohn & Strodtbeck in die Diskussion eingeführten Zeitorientierung unterscheidet die einschlägige Great Man Theory: Idealisiert Führungspersönlichkeiten als Menschen mit herausragenden Eigenschaften Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 52 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 53 54 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Forschung (vgl. Levine/Norenzayan 1999; Schmied 1989; Wendorff 1985) noch drei Dimensionen der Zeitwahrnehmung (vgl. Abb. 20). Abb. 20: Dimensionen der Zeitwahrnehmung zyklisch linear monochron polychron Zeitverlauf Industrieländer Monotheistische Religionen Archaische Gesellschaften Polytheistische Religionen Soziales Tempo Tätigkeits- bzw. Sinnorientierung Misst eine Gesellschaft dem Sein, dem Werden oder dem Tun größere Bedeutung bei? Mitglieder handlungsorientierter Kulturen gehen davon aus, dass Leistung prinzipiell messbar ist und folglich belohnt (oder bestraft) werden kann. Zu den extrinsischen Anreizen gehören „Hygiene-Faktoren“ wie Gehalt, Boni, Beförderung oder Aktienoptionen. Daseinsorientierte Kulturen („Sein“) hingegen leben im „Hier und Jetzt“. Ihre Grundthese lautet: Entscheidungen und Maßnahmen lassen sich nur bis zu einem gewissen Grad planen und objektiv bewerten, da sie von vielen exogenen bzw. zufälligen Faktoren abhängen. Anders als den Handlungsorientierten geht es ihnen auch nicht primär darum, „viel zu erreichen“, sondern „viel zu erleben“. Da detaillierte Planung, Zielvorgaben, Soll-/Ist-Vergleiche sowie umfassende Berichts- und Kontrollsysteme häufig nicht realisierbar sind bzw. oft revidiert werden müssen, behindern diese nach Auffassung der Daseinsorientierten die Problembewältigung eher, als sie zu fördern (vgl. Kutschker/ Schmid 2011, S. 709 f.). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 54 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 55 3.3 Kultur als Gesamtheit 55 3.3 Kultur als Gesamtheit der von einer Lebensgemeinschaft geteilten Werte 3.3.1 Überblick Funktion von Werten Im Zuge seiner Sozialisation erwirbt jeder Mensch jene Kognitionen, Emotionen und Handlungsmuster, welche die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, als normal, richtig, wünschenswert etc. ansieht. Diese kulturspezifischen „Muster des Denkens, Fühlens und Handelns […] werden unbewusst gespeichert und festigen sich als Haltungen, Normen, Lebensregeln und Werte“ (Barmeyer 2010, S. 16). Im Mittelpunkt dieser Strömung der Kulturforschung steht das Konstrukt der Werte (bzw. Werthaltung): grundlegende und nur über einen längeren Zeitraum veränderbare Vorstellungen bezüglich dessen, was eine Gesellschaft für wünschenswert, legitim oder notwendig hält. Werte beziehen sich vorzugsweise auf das Leistungs- und Sozialverhalten. Sie erwachsen aus religiösen Überzeugungen, historischen Erfahrungen und Traditionen. Während Normen den sozialen Imperativ verkörpern, verdeutlichen Werte, wie man sich nach Möglichkeit verhalten sollte, um dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Ihre im Vergleich zu Normen geringere Verbindlichkeit (vgl. Kap. C-2.6) erklärt, warum Werte zwar im Falle einer größeren Gruppe von Menschen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Vielzahl von Kognitionen und Handlungen beeinflussen, im konkreten Einzelfall aber häufig nicht zu prognostizieren erlauben, wie sich eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation verhalten wird. Anders als Einstellungen, die in nahezu unerschöpflicher Vielzahl vorkommen, sind mit Werten wenige grundlegende Überzeugungen gemeint. Häufig wird zwischen globalen und bereichsspezifischen Werten unterschieden (vgl. Abb. 21). Globale Werte bzw. Basiswerte wie die Kulturdimensionen (z.B. Feminität) sind sehr allgemein gehalten und eher abstrakt. In Abhängigkeit von den konkreten Erfahrungen, die eine Person in ihrem Lebensumfeld sammelt, können sie sich auf unterschiedliche Weise manifestieren. Diesen Umstand berücksichtigen bereichsspezifische Werte. So mag sich der Basiswert Feminität darin äußern, dass Umweltschutz eine wichtige Rolle spielt, aber auch darin, dass Konfliktmanagement vornehmlich durch Konfliktvermeidung betrieben wird (vgl. Kap. G-3.3). Werte spiegeln sich in den Mythen, Ritualen und Traditionen, welche eine Gesellschaft entwickelt hat. Sie bedingen eine selektive Gerichtetheit der Wahrnehmungen, Denk- und Argumentationsstile und Verhaltensweisen der Angehörigen einer Kultur und schaffen so kulturelle Identität. Dafür sorgt nicht zuletzt die Abgrenzung von anderen Kulturen, in denen andere Werte als wünschenswert gelten. Im Kontext der Interkulturellen Kommunikation helfen Werte zu erklären, wie Angehörige verschiedener Kulturen miteinander kommunizieren. Am Beispiel von Amerikanern einerseits sowie Arabern und Japanern andererseits zeigt Tab. 11 den Unterschied zwischen einem individualistischen und einem kollektivistischen Werteprofil auf. 3.3 Kultur als Gesamtheit Soziale Norm: Wie man sich unbedingt verhalten sollte, um gesellschaftlichen Sanktionen zu entgehen. Einstellung: Zustimmende oder ablehnende Bewertung von Subjekten, Objekten bzw. Situationen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 54 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 55 56 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Tab. 11: Kulturspezifische Wertehierarchie Amerikaner Japaner Araber 1. Freiheit 1. Zugehörigkeit 1. Familiensicherheit 2. Unabhängigkeit 2. Gruppenharmonie 2. Familienharmonie 3. Selbststärke 3. Gruppenstärke 3. Seniorität 4. Gleichheit 4. Alter 4. Alter 5. Individualität 5. Gruppenkonsens 5. Autorität 6. Wettbewerb 6. Zusammenarbeit 6. Kompromiss 7. Effizienz 7. Qualität 7. Zuneigung 8. Zeitbewusstsein 8. Geduld 8. Viel Geduld Quellen: Unger (2002, S. 457); Rothlauf (2009, S. 130). Wie der für den angelsächsischen Kulturkreis zentrale Wert der individuellen Freiheit (vgl. Tab. 11) auf zahlreiche Lebensbereiche ausstrahlt, wird u.a. deutlich, wenn man bedenkt, dass wissenschaftlicher Fortschritt der Freiheit bedarf (insb. Freiheit des Denkens). Während vor allem US-amerikanische Probanden davon überzeugt sind, dass wissenschaftlicher Fortschritt den Menschen auf lange Sicht helfen wird, überwiegt bei japanischen Probanden Skepsis (vgl. Abb. 22). Konzept der Kulturdimensionen G. Hofstede (vgl. Kap. A-3.3.2), House et al. (vgl. Kap. A-3.3.3) und andere empirisch forschende Sozialwissenschaftler (z.B. Schwartz 1999, 1992; Schwartz/Bilsky Abb. 21: Allgemeines Werte-/Einstellungs-/Verhaltensmodell Externes Umfeld (sozio-kulturelle, wirtschaftliche, familiäre Einflüsse) Verhalten (z.B. Kauf, Art des Ge-/ Verbrauchs, Gewohnheiten) System der individuellen Überzeugungen (,beliefs‘) eher zentral verankert eher peripher verankert Bewertung von Eigenschaften (bspw. von Produkten) Tausende Bereichsspezifische Werte Überzeugungen, die sich auf konkrete wirtschaftliche, soziale, religiöse oder sonstige Sachverhalte beziehen Hunderte Globale Werte Dauerhafte Überzeugungen (bezüglich des gewünschten Zustands des Daseins) Dutzende Einstellungen Quellen: Dahlhoff (1980, S. 27); Vinson et al. (1977, S. 46); leicht modifiziert. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 56 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 57 3.3 Kultur als Gesamtheit 57 1987) haben die für die verschiedenen Länder bzw. Regionen charakteristischen Werthaltungen empirisch erfasst und faktorenanalytisch auf ihre grundlegenden Struktur reduziert: die Kulturdimensionen. Mit Hilfe der in Messwerten ausdrückbaren Positionierung dieser Länder auf den dabei identifizierten Kulturdimensionen lassen sich die verschiedenen Landeskulturen systematisch miteinander vergleichen (vgl. Abb. 23). Allerdings ergeben die Kulturdimensionen kein stimmiges, theoretisch geschlossenes und insb. kein widerspruchsfreies Erklärungssystem. Auch bietet deren Vielzahl die Möglichkeit, ,ex post‘ die Kulturdimensionen auszuwählen, welche den größten Erklärungsbeitrag leistet. Nicht jeder Wissenschaftler wird dieser Versuchung widerstehen können (vgl. Kap. A-3.3.3). Wie Hasenstab (1999) durch die Gegenüberstellung von fünf dimensionsanalytischen Erklärungskonzepten zeigt, gibt es bei allen theoretisch bzw. methodisch bedingten Unterschieden auch Gemeinsamkeiten: Alle Vorschläge thematisieren in der ein oder anderen Weise das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft (Kollektivismus vs. Individualismus) sowie das jeweilige Zeitverständnis (vgl. Tab. 12). Überdies wurden folgende dimensionsanalytische Konzepte vorgeschlagen: ⇒ GLOBE-Kulturdimensionen (vgl. Kap. A-3.3.3), ⇒ Kulturdimensionen nach Inglehart (⇒ Postmaterialismus-These), ⇒ Kulturdimensionen nach Kluckhohn/Strodtbeck, ⇒ Kulturdimensionen nach Pinto, ⇒ Kulturdimensionen nach Schwartz (⇒ Wertetheorie nach Schwartz). Definition Kulturdimension Abb. 22: Wissenschaftlicher Fortschritt: hilfreich oder schädlich? 54,3 21,5 19,0 USA 47,8 26,2 21,8 Großbritannien 44,7 29,4 22,3 Kanada 38,2 35,1 20,4 Italien 32,6 39,0 21,1 Deutschland 23,4 57,4 9,6 Japan hilfreich teils/teils schädlich Legende: 36,5 35,9 21,2 Frankreich Quelle: Kistler (1991, S. 63). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 56 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 57 58 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Abb. 23: Kulturprofile der führenden Handelsnationen Akzeptanz von Machtdistanz Individualismus Maskulinität Vermeidung von Unsicherheit Langfristige Orientierung USA Japan Deutschland Tab. 12: Ausgewählte Vorschläge zur dimensionalen Struktur des Konstrukts „Landeskultur“ Hall/Hall (1990; 1987; 1976; 1966; 1959) Hofstede (1997; 1991; 1980) Triandis (1995; 1988) Adler (1983) Trompenaars (1993) Kontextorientierung (high vs. low context) Individualismus vs. Kollektivismus in-group vs. out-group Individualismus vs. Kollektivismus Individualismus vs. Kollektivismus to do vs. to be to do vs. to be erworbener vs. zugeschriebener Status Akzeptanz von Machtdistanz Bedeutung von Alter, Geschlecht, Klasse Gleichheit vs. Hierarchie Dominanz über vs. Unterwerfung unter die Natur außen- vs. innengesteuert ideologischer vs. pragmatischer Umweltbezug Universalismus vs. Partikularismus assoziatives vs. abstraktes Denken analysierend vs. integrierend Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 58 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 59 3.3 Kultur als Gesamtheit 59 3.3.2 Hofstede-Kulturdimensionen Überblick & theoretische Grundlagen Den ersten umfassenden Vorschlag zur Operationalisierung des ⇒ Konstrukts Kultur publizierte der niederländische Organisationswissenschaftler G. Hof stede. Er konnte auf eine Datenbank zurückgreifen, in welcher die Ergebnisse der Befragung von Mitarbeitern aus 72 IBM-Niederlassungen weltweit erfasst waren, insb. deren Wertvorstellungen in Bezug auf das Arbeitsleben. Für die beiden ersten Erhebungswellen in den Jahren 1968 und 1972 musste der Fragebogen in 20 Sprachen übersetzt werden. Gegenstand der Studie, an der 116.000 Probanden aus 50 Ländern sowie drei Regionen (z.B. Arabien) und 38 Berufssparten teilnahmen, waren vier Bereiche: • Zufriedenheit und Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, • subjektive Wahrnehmung des Arbeitslebens, • persönliche Ziele und Einstellungen sowie • demographische Daten (vgl. Hofstede 2010; 2002; 2001; 1997; 1980). Die auf dieser Basis im Rahmen der IBM-Mitarbeiterbefragung erhobenen Einstellungsdaten wurden faktorenanalytisch auf vier Dimensionen, welche zusammen 49 % der Gesamtvarianz erklären, reduziert (vgl. Tab. 13). Um den von zahlreichen Kritikern beklagten ,cultural bias‘ des ursprünglichen Konzepts zu korrigieren, berücksichtigten Hofstede/Bond (1988) in einer gesonderten Untersuchung die in der Basisstudie vernachlässigten „asiatischen Werte“ (vgl. Kap. D-5.6.1). Die in der Chinese Value Survey ermittelte fünfte Kulturdimen sion wurde zunächst Cultural Bias: Systematische, durch die kulturelle Herkunft bedingte Urteilsverzerrung. Si/Cullen (1998) Hall/Hall (1990; 1987; 1976; 1966; 1959) Hofstede (1997; 1991; 1980) Triandis (1995; 1988) Adler (1983) Trompenaars (1993) Raumorientierung (high vs. low touch) high vs. low contact öffentlicher vs. privater Raum Zeitorientierung (monochron vs. polychron) Konfuzianischer Dynamismus Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung sequentielles vs. synchrones. Zeitverständnis Unsicherheitsvermeidung Feminität vs. Maskulinität Aspekte der Selbstwahrnehmung Selbstachtung Menschheit ist grundsätzlich gut oder schlecht Quelle: Hasenstab (1999, S. 115). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 58 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 59 60 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen „Konfuzianische Dynamik“ und im weiteren Verlauf „Kurzfristorientierung vs. Langfristorientierung“ benannt. Sie erfasst … • Fleiß und Durchhaltevermögen als Ausdruck von langfristiger Orientierung und • Traditionsbewusstsein, Erfüllung sozialer Verpflichtungen und „Wahrung des Gesichts“ als Indikatoren von kurzfristiger Orientierung. Tab. 13: Kulturprofil der von G. Hofstede untersuchten Länder bzw. Regionen Kulturdimension Akzeptanz von Machtdistanz Individualismus Maskulinität Ungewissheitsvermeidung Langfristige Orientierung (PDI) (IDV) (MAS) (UAI) (LTO) Arabische Länder 80 38 53 68 k.A. Argentinien 49 46 56 86 k.A. Australien 36 90 61 51 31 Belgien 65 75 54 94 k.A. Brasilien 69 38 49 76 65 Chile 63 23 28 86 k.A. Costa Rica 35 15 21 86 k.A. Dänemark 18 74 16 23 k.A. Deutschland 35 67 66 65 31 Ecuador 78 8 63 67 k.A. Finnland 33 63 26 59 k.A. Frankreich 68 71 43 86 k.A. Griechenland 60 35 57 112 k.A. Großbritannien 35 89 66 35 25 Guatemala 95 6 37 101 k.A. Hong Kong 68 25 57 29 96 Indien 77 48 56 40 61 Indonesien 78 14 46 48 k.A. Iran 58 41 43 59 k.A. Irland 28 70 68 35 k.A. Israel 13 54 47 81 k.A. Italien 50 76 70 75 k.A. Jamaica 45 39 68 13 k.A. Japan 54 46 95 92 80 Jugoslawien 76 27 21 88 k.A. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 60 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 61 3.3 Kultur als Gesamtheit 61 Kulturdimension Akzeptanz von Machtdistanz Individualismus Maskulinität Ungewissheitsvermeidung Langfristige Orientierung (PDI) (IDV) (MAS) (UAI) (LTO) Kanada 39 80 52 48 23 Kolumbien 67 13 64 80 k.A. Malaysia 104 26 50 36 k.A. Mexiko 81 30 69 82 k.A. Neuseeland 22 79 58 49 30 Niederlande 38 80 14 53 44 Norwegen 31 69 8 50 k.A. Ostafrika 64 27 41 52 25 Österreich 11 55 79 70 k.A. Pakistan 55 14 50 70 0 Panama 95 11 44 86 k.A. Peru 64 16 42 87 k.A. Philippinen 94 32 64 44 19 Portugal 63 27 31 104 k.A. Salvador 66 19 40 94 k.A. Schweden 31 71 5 29 33 Schweiz 34 68 70 58 k.A. Singapur 74 20 48 8 48 Spanien 57 51 42 86 k.A. Südafrika 49 65 63 49 k.A. Südkorea 60 18 39 85 75 Taiwan 58 17 45 69 87 Thailand 64 20 34 64 56 Türkei 66 37 45 85 k.A. Uruguay 61 36 38 100 k.A. USA 40 91 62 46 29 Venezuela 81 12 73 76 k.A. Westafrika 77 20 46 54 16 Anmerkung: Die Indices der Kulturdimensionen beschreiben relative Unterschiede zwischen den Ländern; ihr absoluter Wert ist ohne Bedeutung. Quelle: Hofstede (1992, S. 312 f.). Wie Abb. 24 zu entnehmen ist, sticht das Kulturprofil der deutschen Gesellschaft durch seine Durchschnittlichkeit hervor. Auf der 100er-Skala variiert es nur in einem vergleichsweise schmalen Bereich, zwischen 31 (= Langfristige Orientierung) und 67 (= Individualismus vs. Kollektivismus). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 60 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 61 62 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Abb. 24: Deutschlands Kulturprofil Hong Kong Pakistan Malaysia Israel Griechenland Singapur Deutschland Guatemala USA Kurzfristige Orientierung Ablehnung von Machtdistanz Toleranz von Ungewissheit Kollektivismus Femininität Schweden Langfristige OrientierungMachtdistanz Ungewissheitsvermeidung Individualismus Maskulinität Japan 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Extremposition Extremposition Akzeptanz von Allerdings ergaben Reanalysen z.B. von Søndergaard (1994), dass zwei der Kulturdimensionen das statistische Gütekriterium „Unabhängigkeit“ nicht erfüllen: Akzeptanz von Machtdistanz sowie Individualismus/Kollektivismus korrelieren unzulässig hoch miteinander und laden auf einem Faktor. Immer mehr Forscher begriffen u.a. deshalb G. Hofstedes Arbeiten als Ausgangspunkt und nicht als Endzustand des dimensionsanalytischen Paradigmas der Kulturforschung. Die interdisziplinäre Ausstrahlung dieses Ansatzes ist groß. Trotz regelmäßiger, sehr grundlegender Kritik hat er die Forschung u.a. in den Bereichen Human Resources-Management, Kommunikationswissenschaften, Marketing, Organisationswissenschaften und Psychologie nachhaltig beeinflusst. So wollte man wissen, wie die Landeskultur auf die nonverbale Kommunikation einwirkt oder auf die Entscheidungsfindung von Managern oder die Markenpräferenz von Konsumenten (⇒ Beeinflussbarkeit). Individualismus vs. Kollektivismus Keine der fünf Hofstede-Kulturdimension hat von der theoretischen sowie von der empirischen Forschung mehr Aufmerksamkeit erfahren als die Dimension „Individualismus vs. Kollektivismus“. Sie gibt an, in welchem Maße der Einzelne seine Identität aus sich selbst heraus entwickelt oder aber diese aus seiner Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bezieht: dem „Kollektiv“. Individualismus manifestiert sich in vielerlei Hinsicht (vgl. Tab. 14), z.B. in dem Streben nach Autonomie und der Akzeptanz eines leistungsbezogenen Lebensstils. In kollektivistischen Gesellschaften haben hingegen Solidarität und Harmoniestreben Vorrang. Bemerkenswert sind auch die kulturbedingten Unterschiede im Entscheidungsverhalten: Während Kollektivisten durch ihre Landeskultur dafür sensibilisiert werden, Identität: Gesamtheit und Kontinuität des individuellen und sozialen Ichs. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 62 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 63 3.3 Kultur als Gesamtheit 63 auf die sozialen Konsequenzen ihrer Entscheidung zu achten und sich deshalb insb. in unüberschaubaren Situationen eher passiv-risikoavers verhalten und Vermeidungsstrategien bevorzugen (vgl. Ohbuchi et al. 1999), agieren Individualisten vergleichsweise risikofreudig und entschlossen. Denn sie vertrauen ihrer Entscheidungskompetenz (vgl. Mann et al. 1998). Auch sind sie bestrebt, Kontrolle über problematische Entscheidungssituationen zu gewinnen, indem sie vermehrt Informationen gewinnen und bewerten (vgl. Strohschneider/Güss 1998). Tab. 14: Prototypisch vereinfachte Ausdrucksformen von Individualismus und Kollektivismus Individualismus Kollektivismus • Erziehung zu „Ich-Bewusstsein“ • Erziehung zu „Wir-Bewusstsein“ • Persönliche Meinung wird vertreten • Meinung durch Gruppe vorbestimmt • Verpflichtung gegenüber sich selbst ( Eigeninteresse und Selbstverwirklichung haben Vorrang) • Verpflichtung gegenüber Familie und Bezugsgruppe (Harmonie und Respekt haben Vorrang) • Schuld (wichtigste moralische Kategorie) • Scham (wichtigste moralische Kategorie) • Lernen, wie man lernt • Lernen, wie man etwas tut • Universalismus: Werte und Normen gelten für alle gleichermaßen • Partikularismus: unterschiedliche Werte und Normen, je nach Gruppenzugehörigkeit (,in group vs. out group‘) • Zweckbezogene Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (z.B. ,hire and fire‘) • Moralisch fundierte Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (z.B. Prinzip der lebenslangen Beschäftigung) • Aufgaben dominieren die zwischenmenschlichen Beziehungen • Zwischenmenschliche Beziehungen dominieren die Aufgaben Individualismus ist die „Ideologie der Moderne“ (Dumont 1991). Er hat sich im Gefolge der Theorien und Lehren von Philosophen der Neuzeit, insb. R. Déscartes (1596–1650) und J. Locke (1632–1704), den ökonomischen Theorien von A. Smith (1723–1790) sowie der Aufklärung vor allem im abendländischen Kulturraum entwickelt. A. de Tocqueville übertrug diesen Begriff auf die Freiheit, welche der Einzelne, anders als in den absolutistisch-aristokratischen Ländern Europas, in der jungen demokratischen Ordnung der USA genoss. Gemäß dem christlichen Glauben – und insb. der protestantischen Lehre – steht der Mensch seinem Schöpfer alleine gegenüber, während die Philosophen des östlichen Kulturkreises die Rolle des Menschen als Bindeglied zwischen seinen Vorfahren und seinen Nachfahren beschrieben (vgl. Triandis 1995, S. 21). Von allen untersuchten Ländern erzielten in der Hofstede-Studie die USA den höchsten Individualismuswert, knapp vor den übrigen angelsächsisch geprägten Individuelle Freiheit. Dieses Ideal wurde „im antiken Griechenland geboren, in der Tradition der öffentlichen Debatte und des naturwissenschaftlichen Denkens. Die altchinesische Kultur hingegen sah den Menschen in erster Linie als Teil sozialer Netze, eingebunden in Familie, Dorfgemeinschaft und Staat. Diese unterschiedlichen Prinzipien wirken der Globalisierung zum Trotz bis heute.“ Hein (2004, S. 41) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 62 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 63 64 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Industrieländern sowie den nordeuropäischen Industrieländern (vgl. Abb. 25). Der kollektivistische Kulturtypus ist vor allem in Lateinamerika (z.B. Guatemala) sowie in Südostasien (z.B. Pakistan) und in Nordostasien (z.B. China) zu finden. Abb. 25: Prototypen der individualistischen und der kollektivistischen Landeskultur Typisch individualistische Gesellschaft Typisch kollektivistische Gesellschaft USA 91 90Australien 89Großbritannien 80Kanada 80Niederlande 79Neuseeland 76Italien 75Belgien 74Dänemark 71Schweden 70Irland 71Frankreich 6Guatemala 8Ecuador 11Panama 12Venezuela 13Kolumbien 14Fidschi 14Indonesien 14Pakistan 15Costa Rica 15China 17Taiwan 16Peru IDV IDV Akzeptanz von Machtdistanz Diese Kulturdimension erfasst, inwieweit in einer Gesellschaft Hierarchieunterschiede bestehen und ob diese Unterschiede (an Macht, Ansehen etc.) von dem Teil der Gesellschaft akzeptiert werden, der die unteren Stufen dieser Hierarchie bildet. Konkret erfasst diese Kulturdimension die sozialen Beziehungen (am Arbeitsplatz, in der Familie und in der Gesellschaft insgesamt) zwischen Höhergestellten und ihnen nachgeordneten Personen aus der Perspektive der Untergebenen (vgl. Tab. 15). Je mehr sie Ungleichheit empfinden, dieses sozioökonomische Gefälle jedoch als den geeigneten Weg, ein Sozialwesen zu organisieren, akzeptieren, desto größer ist die bestehende Machtdistanz. PDI, der „Index der Machtdistanz“, wird durch Aggregation dreier Items berechnet (z.B.: „In my work environment, subordinates are often afraid to express disagreement with their bosses“). Tab. 15: Prototypisch vereinfachte Ausdrucksformen der Akzeptanz von Machtdistanz Machtdistanz wird abgelehnt Machtdistanz wird akzeptiert • Kinder dürfen ihren Willen zeigen • Eltern werden als Partner betrachtet • Eigeninitiative ist erwünscht • Untergebene erwarten, konsultiert zu werden • Kinder sollen gehorchen • Eltern sind Respektspersonen • Ordnung ist erwünscht • Untergebene erwarten Anweisungen und Vorschriften Länder, in denen Machtdistanz entschieden abgelehnt wird: Dänemark, Israel, Neuseeland, Österreich Länder, in denen Machtdistanz vorbehaltlos akzeptiert wird: Guatemala, Malaysia, Panama, Philippinen Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 64 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 65 3.3 Kultur als Gesamtheit 65 Was „Akzeptanz von Machtdistanz“ im Alltagsleben bedeutet, verdeutlicht u.a. die französische Sicht auf den „Spendenskandal“, der Deutschland in den 1990er- Jahren erschütterte. Erklärbar sind die unterschiedlichen Sichtweisen nur, wenn man bedenkt, dass Frankreich zu den wenigen europäischen Ländern zählt, die einen vergleichsweise hohen PDI-Wert aufweisen. „In den romanischen Staaten sind wir nicht so transparenzsüchtig und gnadenlos wie die deutschen und die amerikanischen Puritaner. Und wir respektieren das persönliche Geheimnis. Sehr protestantisch, ja fast pietistisch wird dagegen von H. Kohl verlangt, dass er seine Schuld öffentlich (möglichst live im Fernsehen) statt katholisch unter vier Augen beichtet. Voyeure, schaltet euren Fernseher ein! Freilich, der Altbundeskanzler hatte aus „seiner“ CDU einen Staat im Staate gemacht. Er benutzte übereifrige Wasserträger, missbrauchte Getreue. Das aber gehört zum Geschäft der Macht“ (Picaper 2000, S. 11). Den Gegenpol bilden in Europa die Niederländer. Zusammen mit den Dänen, Finnen, Briten, Iren, Norwegern, Österreichern, Schweden und Schweizern zählen sie zu den Gesellschaften, die Machtdistanz ablehnen. Wie J. van den Kommer, Chef des Beratungsunternehmens Crossing Cultures berichtet, halten seine Landsleute von Hierarchie wenig. So sei es für einen „Niederländer ganz normal, dem Chef öffentlich zu widersprechen, und selbst, wer unvorbereitet zu einem Kreis erfahrener Experten stößt, werde angehört und ernst genommen. Es gibt da nicht den einen Doktor, der die Welt erklärt. Und überhaupt: Ein Doktor ist in den Niederlanden ein Arzt. Oft ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wer der Chef ist. Er kommt mit dem Fahrrad zu Arbeit, wird geduzt und lässt seine Tür offen stehen. Statussymbole sind den Niederländern fremd“ (Roth 2012, S. 80). Unsicherheitsvermeidung Diese Kulturdimension drückt aus, in welchem Umfang Menschen sich durch ungewisse, unbekannte oder unstrukturierte Situationen bedroht fühlen (vgl. Tab. 16). In Unternehmen sind Eindeutigkeit bzw. Klarheit von Plänen, von unternehmenspolitischen Leitlinien und Abläufen Ausdruck einer ausgeprägten Tendenz zur Ungewissheitsvermeidung. Denn transparente Abläufe, Strategien oder weithin akzeptierte Richtlinien tragen dazu bei, dass der einzelne Mitarbeiter das Gefühl der Unsicherheit verliert und es ihm gelingt, die mit unbekannten Situationen verbundenen Risiken zu bewältigen bzw. zu akzeptieren. In Gesellschaften, denen an der Vermeidung von Ungewissheit gelegen ist, sind soziale Ängste weit verbreitet. Diese Ängste manifestieren sich in überproportional hohen Selbstmordraten, Anzahl von Alkoholikern und psychisch Erkrankten. Den Deutschen und anderen Unsicherheitsmeidern ist das angelsächsische Prinzip des ,trial & error‘ fremd geblieben. Unsere Angst vor dem Wandel ist prinzipieller Natur. Sie wurzelt in der älteren (z.B. Dreißigjähriger Krieg) wie in der jüngeren Geschichte. Seit der moralischen, politischen und militärischen Katastrophe des Dritten Reiches misstrauen viele Deutsche grundlegenden Umbrüchen und, gravierender noch, sich selbst. Einwanderernationen wie Amerika indessen empfinden Veränderungen meist als Gewinn, gesellschaftlich wie persönlich. Die zum Selbstzweifel neigenden Deutschen befürchten mehrheitlich immer das Schlimmste, orientieren sich am Bestehenden und geben mangelnde Wandlungsfähigkeit als Wert an sich aus: „Berechenbarkeit!“ Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 64 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 65 66 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Unsicherheitsmeider sind bereit, Regeln einzuhalten, und fordern dies auch von anderen. Denn Regeln, die befolgt werden, sorgen für Verlässlichkeit und mindern die Ungewissheit. Deutsche vs. Briten „In Deutschland ist die Bereitschaft sehr hoch, Regeln freiwillig einzuhalten. Es ist zulässig, auf Fehlverhalten hinzuweisen. Wer bei einer roten Ampel über die Straße geht, dem wird oft zugerufen: ,Es ist rot!‘ Oder ein Fahrradfahrer hört in der Fußgängerzone: ,Absteigen!‘ In Großbritannien, wo ich herkomme, macht man das nicht. So ist es auch beim Geschäftlichen. Feedback ist in Deutschland als sachliche Rückmeldung zum Verhalten einer Person gemeint und funktioniert unter Deutschen auch wunderbar. In Ländern mit einer höheren Personenorientierung fällt es den Leuten schwerer, Feedback zum Verhalten vom generellen Urteil über die Person zu trennen. Das wird schnell persönlich genommen.“ Frick (2012, S. 79) Wie eine sekundärstatistische Analyse zeigt, trägt im Falle der europäischen Länder diese Kulturdimension – zusammen mit „Akzeptanz von Machtdistanz“ – am meisten dazu bei, das von deren Bewohnern empfundene Lebensglück (,happiness‘) zu erklären. Im Gegensatz zu der Kulturdimension „Individualismus vs. Kollektivismus“ bleibt der Einfluss dieser beiden Variablen auch dann erhalten, wenn man den starken Einfluss des Bruttosozialprodukts auf das Lebensglück (r = .81; p = .00) „herauspartialisiert“ (vgl. Tab. 17). Tab. 17: Einflussfaktoren des empfundenen Lebensglücks in 18 europäischen Ländern Art des Zusammenhangs PDI: Machtdistanz wird abgelehnt UAI: Ungewissheit wird toleriert IDV: Individualismus gilt als erstrebenswert MAS: Feminine Werte gelten als erstrebenswert Bruttosozialprodukt Lineare Korrelation (rxy) .62 (p = .00) .53 (p = .01) .53 (p = .01) .17 (p = .26) .81 (p = .00) Partielle Korrelation (rxy.z) .46 (p = .03) . 47 (p = .03) .37 (p = .07) . 11 (p = .34) Quelle: eigene Auswertung. Partialkorrelation rxy.z: Gibt an, wie eng der Zusammenhang zwischen den Variablen X und Y ohne den Einfluss einer Drittvariable Z wäre. Tab. 16: Prototypisch vereinfachte Ausdrucksformen von Unsicherheitsvermeidung Schwache Tendenz zur Unsicherheitsvermeidung Starke Tendenz zur Unsicherheitsvermeidung • Normabweichendes Verhalten erscheint seltsam, allenfalls lächerlich • Aggressionen und Emotionen sind zu unterdrücken • Gelassenheit, Bequemlichkeit etc. bestimmen das Lebensgefühl • Unstrukturierte Situationen, vage Zielvorgaben und allgemeine Aufgabenstellungen werden akzeptiert • Abneigung gegenüber Vorschriften, Formalisierung und Standardisierung • Normabweichendes Verhalten erscheint gefährlich • Aggressionen und Emotionen dürfen gezeigt werden • Ängste, Sorgen, Stress etc. bestimmen das Lebensgefühl • Bedarf an strukturierten Situationen und präzisen Zielvorgaben sowie konkreten Aufgabenstellungen • Vorschriften, Formalisierung und Standardisierung sind erwünscht Länder mit einer besonders schwachen Tendenz zur Unsicherheitsvermeidung: Dänemark, Jamaica, Singapur Länder mit einer besonders starken Tendenz zur Unsicherheitsvermeidung: Griechenland, Portugal, Uruguay Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 66 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 67 3.3 Kultur als Gesamtheit 67 Abschließend noch ein Ergebnis der Führungsstilforschung: Manager, die aus ungewissheitsmeidenden Kulturen stammen. Überdies neigen sie verstärkt dazu, ihre Mitarbeiter zu kontrollieren. Auch präferieren Ungewissheitsmeider zwischenmenschliche Distanz (⇒  Distanzforschung) und delegieren unterdurchschnittlich. Maskulinität vs. Feminität Die mit dieser Kulturdimension gemeinte „Dualität der Geschlechter“ lässt sich als allgemeine Tendenz folgendermaßen beschreiben: Je mehr eine ⇒ Gesellschaft die Geschlechterrollen differenziert – d.h. die Rollen von Frauen und Männern deutlich unterscheidet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine maskuline Gesellschaft handelt. Umgekehrt präferieren feminine Gesellschaften Werthaltungen wie Fürsorglichkeit (vgl. Tab. 18). Auch sind sie vorrangig bemüht, die sozialen Beziehungen und Lebensbedingungen zu verbessern, während für das Maskuline das Streben nach Macht und Anerkennung charakteristisch ist. Hinzu kommt eine ausgeprägte Wettbewerbsorientierung. Tab. 18: Prototypisch vereinfachte Ausdrucksformen von Feminität und Maskulinität Maskulinität Feminität • Materieller Erfolg und Fortschritt sind wichtig • Leistung als Ideal • Vorrangstellung des Mannes • Konkurrenz • Karriere • Bestes Ergebnis als Maßstab • Analytisches Denken • Selbstvermarktung • Demonstration von Selbstbewusstsein sozial erwünscht • Schutz und Sorge für andere sind wichtig • Wohlfahrt als Ideal • Geschlechter ergänzen sich • Solidarität • Lebensqualität • Durchschnitt als Maßstab • Intuitives Denken • Understatement • Demonstration von Selbstbewusstsein wirkt lächerlich Ausgeprägt maskuline Gesellschaften: Japan, Österreich, Venezuela Ausgeprägt feminine Gesellschaften: Dänemark, Niederlande, Norwegen, Schweden Das Weltwirtschaftsforum, Genf, hat die Strukturdaten von 135 Ländern daraufhin untersucht, in welchem Maße es diesen gelingt, in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Politik und Wirtschaft für Chancengleichheit zu sorgen. Die auf dieser Basis errechnete „Rangliste der Geschlechtergleichheit“ spricht für die externe Validität der Kulturdimension Maskulinität vs. Feminität. Denn offenbar gelingt es den femininen Gesellschaft Nord- und Mitteleuropas besser als anderen, Chancengleichheit zu gewährleisten (vgl. Tab. 19). Feminine Gesellschaften sorgen nicht nur für mehr Chancengleichheit der Geschlechter als maskuline Gesellschaften, sondern auch für mehr ökonomische Gerechtigkeit (vgl. Abb. 26). androgyn: Amalgam von männlichen und weiblichen Eigenschaften. Externe Validität: Übertragbarkeit der in einer Untersuchungssituation gewonnene Befunde auf das reale Leben. MAS: Mexiko = 69 Türkei = 45 USA = 62 Großb. = 66 Italien = 70 Finnland = 26 Schweden = 5 Norwegen = 8 Dänemark = 16 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 66 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 67 68 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Abb. 26: Wirtschaftliche Gleichheit & Ungleichheit 0,15 0,20 0,25 0,30 0,35 0,40 0,45 0,50 1985 2008 Legende: 1 = absolute soziale Ungleichheit (der reichste Einwohner verdient alles) 0 = absolute soziale Gleichheit (alle verdienen dasselbe) Gini-Koeffizient Quelle: OECD. Langfrist- vs. Kurzfristorientierung Diese Kulturdimension spielt in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle. Sie wurde nachträglich, in einer gesonderten Erhebung ermittelt (vgl. Hofstede/Bond 1988). Auch waren nicht IBM-Manager, sondern Studenten die Auskunftspersonen. Und da die Studie nur 21 Länder erfasst, ist von den Hofstede-Kulturdimensionen „Langfrist- vs. Kurzfristorientierung“ die bislang am wenigsten erforschte Kulturdimension. Gesellschaften, welche, wie China oder Japan, von den „konfuzianischen Werten“ (z.B. Fleiß, Durchhaltevermögen, Ausdauer, Sparsamkeit, Pragmatismus) geprägt sind, gelten als langfristorientiert, weil diese Werte dazu beitragen, langfristige Ziele zu erreichen (vgl. Tab. 20). Idealismus und das Bemühen, individuelle Tab. 19: Rangliste der Geschlechtergleichheit (2012) 1. Island 5. Irland 9. Nicaragua 13. Deutschland 128. Mali 132. Syrien 2. Finnland 6. Neuseeland 10. Schweiz ……. 129. Marokko 133. Tschad 3. Norwegen 7. Dänemark 11. Niederlande 20. Österreich 130. Elfenbeink. 134. Pakistan 4. Schweden 8. Philippinen 12. Belgien ……. 131. Saudi- Arabien 135. Jemen Quelle: The Global Gender Gap Report 2012 (World Economic Forum). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 68 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 69 3.3 Kultur als Gesamtheit 69 Ziele zu erreichen, sind hingegen eher gegenwarts- bzw. vergangenheitsbezogen. Diese Art von Kurzfristorientierung ist charakteristisch für Länder, in denen die Lehren von Konfuzius ohne Einfluss blieben (insb. angelsächsische Länder). Somit erfasst diese Kulturdimension das Verhältnis, das in einer ⇒ Gesellschaft zwischen einer pragmatisch-zukunftsorientierten Grundhaltung einerseits und einer dogmatisch-gegenwartsorientierten Grundhaltung andererseits herrscht. „Langfristorientierung“ korreliert erheblich mit der Kulturdimension Individualismus-/Kollektivismus, weshalb diese Kulturdimensionen im methodischen (d.h. faktorenanalytischen) Sinn keine eigenständige Dimension ist. Tab. 20: Prototypisch vereinfachte Ausdrucksformen kurzfristiger und langfristiger Orientierung Kurzfristige Orientierung Langfristige Orientierung • Wahrheit ist absolut (unabhängig von Zeit, Ort und Gegebenheit) • Idealismus • Ungeduld, kurzfristiges Erfolgsstreben • Eigene Ziele dominieren, keine Fremdbestimmung • Soziale Erwartungen bzw. Verpflichtungen müssen ungeachtet der Kosten erfüllt werden • Tradition und Stabilität genießen Respekt und Wertschätzung • Zukunftssicherung durch Investition (Verschuldung) • Wahrheit ist relativ (abhängig von Zeit, Ort und Gegebenheit) • Pragmatismus • Geduld, Fleiß, Durchhaltevermögen, Ausdauer • Bereitschaft, sich kollektiven Zielen unterzuordnen • Soziale Verpflichtungen müssen nur innerhalb bestimmter Grenzen erfüllt werden • Tradition wird veränderten Umweltbedingungen angepasst • Zukunftssicherung durch Haushalten (Sparen) Prototypen kurzfristig orientierter Länder: Großbritannien, Kanada, USA Prototypen langfristig orientierter Länder: China, Hong Kong, Japan, Taiwan Kritische Würdigung Die zusammenfassende Kritik basiert auf den Arbeiten von McSweeney (2002), Kagitçibasi (1997), Chandy/Williams (1994) und Søndergaard (1994). Theoretische Grundlage. Die Hofstede-Studie wird häufig als „atheoretisch“ kritisiert wird. Denn das – im Übrigen nicht übermäßig stabile – theoretische Fundament wurde nachträglich gelegt und konnte somit nicht auf die Konzeption der Studie Einfluss nehmen. Der zweite Vorwurf lautet „Empirizismus“. Damit ist gemeint, dass die gesamte Konzeption „daten-getrieben“ ist und im Mittelpunkt der Studie die Ex post-Auswertung von Daten steht, die ohne speziellen kulturtheoretischen Hintergrund und in einem ganz anderen Zusammenhang (Mitarbeiterbefragung) gewonnen worden waren. Ein weiteres grundsätzliches Problem ist die Gleichsetzung von „Land“ und „Kultur“. Interne Validität. Die Kulturdimension „Akzeptanz von Machtdistanz“ korreliert so stark mit der Kulturdimension „Individualismus vs. Kollektivismus“, dass die Voraussetzung der statistischen Unabhängigkeit nicht erfüllt ist. Die Reliabilitätswerte der Skalen sind stellenweise ungenügend, und in einer Reihe von Replikationsstudien erwies sich die Vier-Faktorenstruktur als nicht stabil. Externe Validität. Befragt wurden im Zuge von IBM-internen Mitarbeiterbefragungen weltweit Angehörige des mittleren Managements. Deshalb und angesichts Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 68 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 69 70 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen der starken Fokussierung auf das Arbeitsleben ist es fraglich, ob die Befunde auch auf andere Lebensbereiche übertragbar sind oder lediglich die IBM-Welt widerspiegeln. Trotz offensichtlicher Schwächen gilt G. Hofstedes Arbeit als die nach wie vor „beste verfügbare Quelle für die Analyse der Nationalkultur“ (Yoo/Donthu 2002, S. 388). Auch biete sie in der zweiten Auflage einen exzellenten Überblick über die kulturvergleichende Forschung der vergangenen zwanzig Jahre. Denn G. Hofstede referiert nunmehr auch die Befunde der wichtigsten Studien, die in diesem Zeitraum auf seinen Ansatz Bezug genommen haben. 3.3.3 GLOBE-Kulturstudie Überblick & theoretische Grundlagen Die Initiatoren der internationalen Forschungskooperation Global Leadership and Organizational Behaviour Effectiveness verfolgten u.a. das Ziel, den Hofstede-Ansatz zu aktualisieren, zu erweitern und insb. methodisch zu verbessern. Initiiert wurde dieses Projekt 1991 von R.J. House von der Wharton University of Pennsylvania. Übergeordnete Zielsetzung der GLOBE-Studie war es, Einflüsse der Landeskultur auf Organisationskultur und Führungseffektivität zu analysieren: Gibt es Verhaltensweisen von Führungskräften, die universell akzeptiert und erfolgreich sind, oder müssen diese kulturspezifisch differenziert werden (vgl. House et al. 2004, S. 10; Javidan et al. 2006a/b; 2004)? Beginnend mit dem Jahr 1993 untersuchte das in der Endphase aus 170 Wissenschaftlern bestehende Projektteam im Verlauf von zehn Jahren weltweit den Einfluss der Landeskultur auf das Führungs- und Organisationsverhalten. Von 1993 bis 1994 entwickelte das Projektteam zunächst die theoretische Grundlagen und die erforderlichen Messinstrumente (vgl. House/Javidan 2004, S. 20). Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine geschlossene Theorie, sondern um einen „theoretisch-konzeptionellen Bezugsrahmen“, der auf vier bereits vorliegende Theorien rekurriert. • Gemäß der „Value-Belief Theory of Culture“ (vgl. Hofstede 2001; 1980; Triandis 1995) kann man anhand der für eine bestimmte Landeskultur charakteristischen Werte und grundlegenden Überzeugungen (,belief‘) vorhersagen, welche Verhaltensweisen in einem Kulturraum verbreitet sind und als legitim, effektiv etc. angesehen werden. • Die „Implicit Leadership Theory“ (vgl. z.B. Lord/Maher 1991) geht davon aus, dass Menschen im Allgemeinen und Mitarbeiter im Besonderen eine individuelle Vorstellung davon entwickeln, was einen guten Führer bzw. Vorgesetzten ausmacht. Zumeist handelt es sich dabei um implizite Überzeugungen. Auch soziale Gruppen entwickeln solche implizite Führungstheorien und Vorstellungen davon, was einen guten und was einen schlechten Führer ausmacht. Die Basishypothese des GLOBE-Konsortiums lautet, dass diese Prototypen nicht zuletzt in Abhängigkeit von der Landeskultur systematisch variieren. • Die „Implicit Motivation Theory“ (vgl. McClelland et al. 1989; McClelland 1985) besagt, dass es drei unbewusste Motive sind, welche langfristiges Verhalten steuern: Leistung, Zugehörigkeit und Macht (= sozialer Einfluss). GLOBE: Global Leader ship and Organizational Behaviour Effectiveness Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 70 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 71 3.3 Kultur als Gesamtheit 71 • Gemäß der „Structural Contingency Theory“ können Unternehmen ihr Überleben und ihre Leistungsfähigkeit gewährleisten, indem sie regelmäßig bestimmten Anforderungen gerecht werden. In dem Maße, wie zwischen diesen ,organizational contingencies‘ und der Organisationsstruktur sowie den Leistungsprozessen ein Fit besteht, wird das Unternehmen erfolgreich sein (vgl. Child 1981). Untersuchungsdesign & Datenerhebung Die an der Hofstede-Studie vielfach kritisierte Vermengung von Landeskultur und Unternehmenskultur vermied das GLOBE-Konsortium insofern, als das informelle Netzwerk von Wissenschaftlern aus 62 Ländern den Datenpool nach einem standardisierten Untersuchungs- und Befragungskonzept in dem jeweiligen Heimatland primärstatistisch und bei Angehörigen der mittleren Führungsebene von verschiedenen Unternehmen und Branchen erhob (aus der Lebensmittelindustrie sowie der Telekommunikations- und Finanzdienstleistungsbranche). Da es sich dabei um lokale Unternehmen handelte, konnte ein weiterer Schwachpunkt der Hofstede-Studie vermieden werden: Mitarbeiter eines Global Players wie IBM werden, anders als Mitarbeiter von lokalen Unternehmen, stärker durch die Unternehmenskultur und weniger durch die Landeskultur beeinflusst (⇒ Beeinflussbarkeit). Auch ist der Mitarbeiterstamm lokaler Unternehmen national homogener, als dies bei Großunternehmen üblicherweise der Fall ist, so dass es weitaus seltener zu einem Misfit zwischen der Nationalität des Mitarbeiters und der Nationalität des (Tochter-)Unternehmens kommt. In einer Vorstudie beantworteten insgesamt 1.943 Probanden 371 Statements, welche das GLOBE-Team aus den theoretischen Vorüberlegungen abgeleitet hatte. Für die Hauptstudie wurden aus diesem Itempool insgesamt 292 Items extrahiert: 75 Statements zur Organisationskultur, 78 Statements zur Landeskultur, 112 Statements zum Führungsverhalten sowie 27 Items zu den demographischen Angaben. Als Auskunftspersonen konnten insgesamt 17.370 Manager gewonnen werden, die zum Zeitpunkt der Erhebung in der mittleren Führungsebene von 951 lokalen Unternehmen in 59 Ländern tätig waren. Da in drei Ländern jeweils zwei Teilstichproben erfasst wurden (Deutschland = Ostdeutschland und Westdeutschland; Schweiz = deutschsprachige Schweiz und französischsprachige Schweiz; Südafrika = weiße Bevölkerung und schwarze Bevölkerung), ergeben sich insgesamt 62 Untersuchungsregionen, in denen 27 bis 1.790 Manager befragt wurden. Diese Spannweite der Teilstichproben ist ungewöhnlich groß und nicht unproblematisch. Da die Auskünfte der in der Tschechischen Republik befragten Manager systematisch verzerrt (,biased‘) waren, wurde diese Teilstichprobe nicht in die Auswertung einbezogen. Eine Besonderheit der GLOBE-Studie besteht darin, dass das Konstrukt Kultur auf vier Ebenen erfasst wurde: • einerseits als gesellschaftliche Kultur (bzw. Landeskultur: ,society‘, vgl. Abb. 27) sowie als Organisations- bzw. Unternehmenskultur und • andererseits auf der Ist-Ebene (= Kulturpraktiken: d.h. wie man sich in einer Gesellschaft oder einer Organisation üblicherweise verhält) sowie auf der Soll- Ebene (= Kulturwerte: d.h. wie man sich in einer Gesellschaft oder einer Organisation verhalten sollte; vgl. Abb. 27). Kontingenz: Zusammentreffen, Zusammenfallen Itempool: Gesamtheit der Fragen, Statements etc., die in einem Fragebogen enthalten sind. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 70 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 71 72 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Abb. 27: Befragungskonzept der GLOBE-Studie 1 2 3 54 6 7 1 2 3 54 6 7 1 2 3 54 6 7 1 2 3 54 6 7 Organization As ls Organization Should Be Society As ls Society Should Be The pay and bonus system in this organization is designet to maximize: In this organization, the pay and bonus system should be designet to maximize: The exonomics system in this society is designet to maximize: I believe that the economis system in this society should be designet to maximize: Individual Interests Individual Interests Individual Interests Individual Interests Collective Interests Collective Interests Collective Interests Collective Interests Quelle: House/Javidan (2004, S. 23). Befunde Von der Vielzahl an Erkenntnissen, welche das GLOBE-Konsortium gewonnen und veröffentlicht hat, sollen im Folgenden in Anlehnung an House/Javidan (2004, S. 12 ff.) die GLOBE-Kulturdimensionen (vgl. Tab. 21) vorgestellt werden. In Kap. G-4 findet sich ein Überblick über die Besonderheiten des Führungsstils von Managern in Abhängigkeit von ihrem kulturellen Umfeld. Tab. 22 informiert über die Positionen, welche die 62 betrachteten Länder bzw. Regionen auf den GLOBE-Kulturdimensionen einnehmen. Dabei ist zu bedenken, dass es sich um sog. ,response-bias corrected values‘ handelt. Mit ihrer Hilfe wollte das GLOBE-Projekt dem Umstand Rechnung tragen, dass die Rohwerte kulturvergleichender Untersuchungen wegen der Kulturspezifität von Antworttendenzen nicht unmittelbar vergleichbar sind. Während etwa im konfuzianischen Kultur- Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 72 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 73 3.3 Kultur als Gesamtheit 73 Tab. 21: Überblick über die GLOBE-Kulturdimensionen Bezeichnung Kurzbeschreibung Beispiel-Item (sinngemäß) Theoretischer Bezug Unsicherheitsvermeidung (,uncertainty avoidance‘) Inwieweit wird versucht, Unsicherheit zu meiden bzw. zu reduzieren, indem man Tradition, Normen, Ritualen und bürokratischen Prozeduren Vorrang gibt vor Neuerungen? Grad der Freiheit, die Vorgesetzten ihren Untergebenen einräumen sollten, damit diese die ihnen gesetzten Ziele erreichen können. Hofstede-Studie Akzeptanz von Machtdistanz Inwieweit erwarten und akzeptieren die Mitglieder einer Gesellschaft oder einer Organisation, dass Macht ungleich verteilt und auf die höheren Ebenen einer Gesellschaft oder Organisation konzentriert ist? Bereitschaft, Befehle zu befolgen Hofstede-Studie Institutioneller Kollektivismus (,institutional collectivism‘) Inwieweit fördern und belohnen organisatorische und gesellschaftliche institutionelle Praktiken gemeinsames Handeln und die kollektive Verteilung von Ressourcen? Präferenz von Team-Sportarten Ergebnis der Aufspaltung der bipolaren Hofstede- Kulturdimension „Individualismus vs. Kollektivismus“ in zwei unipolare Skalen („Institutioneller Kollektivismus“ und „Gruppenkollektivismus“) Gruppenkollektivismus (,in-group collectivism‘) Inwieweit sind die Mitglieder einer Gruppe (Familie, Organisation etc.) stolz auf ihre Gruppenzugehörigkeit und loyal gegenüber dieser Gruppe? Wichtigkeit, dass Gruppenmitglieder einander positiv beurteilen Geschlechtergleichheit (,gender egalitarianism‘) Inwieweit fördert eine Gesellschaft die Gleichbehandlung der Geschlechter Sollten eher Frauen oder eher Männer Führungspositionen bekleiden? Ergebnis der Aufspaltung der bipolaren Hofstede-Kulturdimension „Maskulinität vs. Feminität“ in zwei unipolare Skalen („Geschlechtergleichheit“ und „Durchsetzungsfähigkeit“) Durchsetzungsfähigkeit (,assertiveness‘) Inwieweit gehen die Mitglieder einer Gesellschaft bestimmt, selbstsicher und unter Umständen aggressiv miteinander um, wenn sie ihre Interessen durchsetzen wollen? Menschen sind hart / weich Zukunftsorientierung (,future orientation‘) Inwieweit sind die Mitglieder einer Gesellschaft eher bestrebt, den ,status quo‘ zu erhalten und aktuelle Probleme zu lösen, oder handeln sie eher zukunftsbezogen? Sollten soziale Ereignisse geplant werden oder sich eher spontan ergeben? Die von Kluckhohn/Strodtbeck (1961) vorgeschlagene Wertorientierung ,time orientation‘ Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 72 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 73 74 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen raum die – unentschiedene – mittlere Antwortkategorie bevorzugt wird, nutzen Angehörige des individualistischen angelsächsischen Kulturraumes die gesamte Skalenbreite und scheuen auch „extreme“ Antworten (z.B. „stimme voll und ganz zu“) nicht (vgl. Baumgartner/Steenkamp 2001). Die deshalb durchgeführte ,response-bias correction procedure‘ vollzieht sich in drei Schritten: • Für jede Auskunftsperson wird über alle Items der Mittelwert und die Standardabweichung ermittelt. • Der so berechnete individuelle Item-Mittelwert wird von dem Rohwert jedes Items subtrahiert und durch die Standardabweichung dividiert. • Dieser individuelle ,corrected scale score‘ wird dann über alle Auskunftspersonen, die einer bestimmten Kultur angehören, aggregiert. Durch diese Umrechnungsprozedur verlieren die ,response-bias corrected scores‘ jedoch ihre ursprünglichen Skaleneigenschaften (als siebenstufige Intervallskala). Nunmehr handelt es sich um ipsative Messwerte, die jeweils in Relation zu den Messwerten aller Angehörigen der Stichprobe gesetzt werden. Um dieses Problem zu lösen, wurden im Rahmen des GLOBE-Projekts aus den ,corrected scale scores‘ (= UV) regressionsanalytisch ,uncorrected scale scores‘ (= AV) ermittelt. Diese ,predicted scores‘ sind wieder intervallskaliert und können entsprechend verarbeitet werden. Von den 62 Ländern bzw. Regionen besetzen Dänemark (5x), Russland (4x), Ägypten (3x), Niederlande (3x) und Schweden (3x) am häufigsten die Extremposition auf den verschiedenen GLOBE-Kulturdimensionen. Deutschland (schwächste Humanorientierung) und Österreich (stärkste Tendenz zur Unsicherheitsvermeidung) erzielen je einen Extremwert (vgl. Tab. 23). Antworttendenz: Systematische Verzerrung der Antworten von Auskunftspersonen. ipsativ: ipse (lat.) = selbst Bezeichnung Kurzbeschreibung Beispiel-Item (sinngemäß) Theoretischer Bezug Leistungsorientierung (,perform ance orientation‘) Inwieweit ermutigt eine Gesellschaft, Gruppe, Organisation etc. ihre Mitglieder zu besonderen Leistungen und belohnt sie dafür? Werden innovative Problemlösungen belohnt? Konstrukt des individuellen Leistungsbedürfnisses (vgl. McClelland 1961) und Konstrukt der kollektiven Leistungsorientierung (vgl. Schein 1985) Humanorientierung (,human orientation‘) Inwieweit ermutigt eine Gesellschaft, Gruppe, Organisation etc. ihre Mitglieder zu Altruismus, Fairness, Freundlichkeit, Fürsorglichkeit etc. und belohnt sie dafür. Werden Fehler toleriert? Die von Kluckhohn/Strodtbeck (1961) vorgeschlagene Wertorientierung ‘human nature orientation‘ Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 74 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 75 3.3 K u ltu r als G esam th eit 75 Assertiveness Institutional Collectivism In-Group Collectivism Future Orientation Gender Egalitarianism Humane Orientation Performance Orientation Power Distance Uncertainty avoidance Nr. Land Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices Values Practices 1 Ägypten 3,22 3,91 4,72 4,36 5,39 5,49 5,60 3,80 3,34 2,90 5,13 4,60 5,71 4,15 3,20 4,76 5,24 3,97 2 Albanien 4,39 4,57 4,30 4,28 4,98 5,51 5,17 3,69 4,04 3,48 5,16 4,40 5,47 4,57 3,47 4,44 5,17 4,45 3 Argentinien 3,18 4,18 5,29 3,66 6,07 5,51 5,73 3,10 4,89 3,44 5,50 3,94 6,28 3,63 2,30 5,56 4,62 3,63 4 Australien 3,83 4,29 4,47 4,31 5,82 4,14 5,21 4,09 5,02 3,41 5,60 4,32 5,99 4,37 2,77 4,81 3,99 4,40 5 Bolivien 3,68 3,78 5,03 3,96 5,91 5,44 5,56 3,55 4,65 3,45 5,11 3,99 5,98 3,57 3,31 4,46 4,64 3,32 6 Brasilien 3,06 4,25 5,57 3,94 5,17 5,16 5,60 3,90 4,91 3,44 5,52 3,76 5,98 4,11 2,59 5,24 5,00 3,74 7 China 5,52 3,77 4,52 4,67 5,12 5,86 4,70 3,68 3,73 3,03 5,34 4,29 5,72 4,37 3,01 5,02 5,34 4,81 8 Costa Rica 4,04 3,83 5,14 3,95 5,94 5,26 5,10 3,64 4,59 3,56 5,08 4,38 5,78 4,10 2,66 4,70 4,58 3,84 9 Dänemark 3,59 4,04 4,41 4,93 5,71 3,63 4,49 4,59 5,20 4,02 5,59 4,67 5,82 4,40 2,96 4,14 4,01 5,32 10 Deutschland (O) 3,24 4,77 4,86 3,67 5,38 4,59 5,36 4,04 4,97 3,17 5,56 3,45 6,24 4,16 2,74 5,70 4,02 5,19 11 Deutschland (W) 3,21 4,66 5,07 3,97 5,46 4,16 5,06 4,41 5,06 3,25 5,63 3,30 6,27 4,42 2,66 5,48 3,38 5,35 12 Ecuador 3,57 3,98 5,19 3,82 5,81 5,55 5,62 3,66 4,42 3,09 5,13 4,45 5,95 4,06 2,36 5,29 4,95 3,63 13 El Salvador 3,67 4,49 5,60 3,74 6,28 5,22 5,89 3,73 4,66 3,23 5,38 3,69 6,37 3,72 2,76 5,56 5,27 3,69 14 Finnland 3,91 4,05 4,34 4,77 5,60 4,23 5,24 4,39 4,47 3,55 5,80 4,19 6,23 4,02 2,46 5,08 4,04 5,11 15 Frankreich 3,57 4,44 5,27 4,20 5,88 4,66 5,35 3,74 4,71 3,81 5,91 3,60 6,10 4,43 2,96 5,68 4,65 4,66 16 Georgien 4,29 4,15 3,79 4,03 5,58 6,18 5,45 3,45 3,83 3,52 5,48 4,17 5,63 3,85 2,86 5,15 5,23 3,54 17 Griechenland 3,05 4,55 5,41 3,41 5,47 5,28 5,17 3,53 4,84 3,53 5,28 3,44 5,79 3,34 2,57 5,35 5,16 3,52 18 Großbritannien 3,76 4,23 4,39 4,31 5,66 4,08 5,15 4,31 5,20 3,67 5,52 3,74 6,03 4,16 2,82 5,26 4,17 4,70 19 Guatemala 3,65 3,96 5,16 3,78 5,95 5,54 5,78 3,35 4,49 3,14 5,24 3,91 5,96 3,85 2,49 5,47 4,85 3,44 20 Hongkong 4,80 4,53 4,35 4,03 5,11 5,33 5,52 3,88 4,27 3,26 5,38 3,72 5,71 4,69 3,00 4,94 4,52 4,17 21 Indien 4,65 3,70 4,59 4,25 5,22 5,81 5,43 4,04 4,40 2,89 5,20 4,45 5,87 4,11 2,58 5,29 4,58 4,02 22 Indonesien 4,50 3,70 4,96 4,27 5,46 5,50 5,48 3,61 3,71 3,04 5,06 4,47 5,54 4,14 2,38 4,93 5,04 3,92 23 Irland 4,00 3,93 4,55 4,57 5,72 5,12 5,18 3,93 5,07 3,19 5,45 4,96 5,99 4,30 2,66 5,13 3,94 4,25 24 Israel 3,74 4,19 4,25 4,40 5,69 4,63 5,17 3,82 4,66 3,21 5,51 4,07 5,71 4,03 2,72 4,71 4,34 3,97 25 Italien 3,87 4,12 5,20 3,75 5,76 4,99 6,01 3,34 4,88 3,30 5,57 3,66 6,11 3,66 2,51 5,45 4,52 3,85 26 Japan 5,84 3,69 4,01 5,23 5,44 4,72 5,42 4,29 4,41 3,17 5,53 4,34 5,37 4,22 2,76 5,23 4,40 4,07 27 Kanada 4,15 4,09 4,20 4,36 5,94 4,22 5,34 4,40 5,04 3,66 5,58 4,51 6,13 4,46 2,73 4,85 3,73 4,54 28 Kasachstan 3,88 4,51 4,16 4,38 5,62 5,50 5,22 3,72 4,85 3,87 5,66 4,15 5,57 3,72 3,19 5,40 4,52 3,76 29 Katar 3,72 4,39 5,10 4,78 5,55 5,07 5,92 4,08 3,49 3,86 5,31 4,79 5,94 3,76 3,18 5,05 4,82 4,26 Tab. 22: Kulturprofil der im Rahmen des GLOBE-Projektes untersuchten Länder bzw. Regionen V ahlens H andbuch – M üller/G elbrich – Interkulturelle K om m unikation H erstellung: F rau D euringer S tand: 18.11.2013 S tatus: D ruckdaten S eite: 74 V ahlens H andbuch – M üller/G elbrich – Interkulturelle K om m unikation H erstellung: F rau D euringer S tand: 18.11.2013 S tatus: D ruckdaten S eite: 75 76 Teil A : Ein fü h ru n g & th eo retisch e G ru n d lag en 30 Kolumbien 3,45 4,16 5,27 3,84 5,99 5,59 5,52 3,35 4,85 3,64 5,43 3,72 6,15 3,93 2,21 5,37 4,92 3,62 31 Kuweit 3,61 3,56 5,04 4,32 5,32 5,70 5,62 3,18 3,50 2,59 5,06 4,44 5,89 3,79 3,02 4,97 4,65 4,02 32 Malaysia 4,73 3,77 4,78 4,45 5,77 5,47 5,84 4,39 3,72 3,31 5,43 4,76 5,96 4,16 2,75 5,09 4,81 4,59 33 Marokko 3,68 4,72 5,34 4,18 6,03 6,37 6,33 3,50 4,07 3,08 5,73 4,52 6,12 4,31 3,30 6,14 5,77 3,95 34 Mexiko 3,67 4,31 4,77 3,95 5,78 5,62 5,74 3,75 4,57 3,50 5,10 3,84 6,00 3,97 2,75 5,07 5,18 4,06 35 Namibia 3,76 3,81 4,26 4,02 6,13 4,39 6,30 3,32 4,20 3,69 5,47 3,83 6,52 3,52 2,59 5,29 5,19 4,09 36 Neuseeland 3,52 3,53 4,31 4,96 6,54 3,58 5,90 3,46 4,32 3,18 4,85 4,43 6,24 4,86 3,56 5,12 4,17 4,86 37 Niederlande 3,13 4,46 4,76 4,62 5,39 3,79 5,24 4,72 5,10 3,62 5,41 4,02 5,71 4,46 2,61 4,32 3,34 4,81 38 Nigeria 3,14 4,53 4,86 4,00 5,31 5,34 5,80 3,95 4,16 3,04 5,71 3,96 5,99 3,79 2,66 5,53 5,45 4,14 39 Österreich 2,85 4,59 4,78 4,34 5,32 4,89 5,15 4,47 4,83 3,18 5,68 3,77 6,12 4,47 2,52 5,00 3,65 5,10 40 Philippinen 4,93 3,85 4,55 4,37 5,86 6,14 5,66 3,92 4,36 3,42 5,19 4,88 6,00 4,21 2,54 5,15 4,92 3,69 41 Polen 3,95 4,11 4,24 4,51 5,69 5,55 5,17 3,23 4,53 3,94 5,32 3,67 6,06 3,96 3,19 5,09 4,75 3,71 42 Portugal 3,61 3,75 5,40 4,02 5,97 5,64 5,50 3,77 5,12 3,69 5,40 3,96 6,41 3,65 2,45 5,50 4,50 3,96 43 Russland 2,90 3,86 4,01 4,57 5,90 5,83 5,60 3,06 4,34 4,07 5,62 4,04 5,68 3,53 2,73 5,61 5,26 3,09 44 Sambia 4,24 4,00 4,55 4,41 5,64 5,72 5,76 3,55 4,27 2,88 5,37 5,12 6,08 4,01 2,37 5,23 4,45 3,92 45 Schweden 3,49 3,41 3,91 5,26 6,25 3,46 4,96 4,37 5,19 3,72 5,72 4,09 6,01 3,67 2,49 4,94 3,45 5,36 46 Schweiz deutsch 3,31 4,58 4,87 4,20 5,16 4,04 4,93 4,80 5,01 3,12 5,63 3,73 6,00 5,04 2,54 5,05 3,20 5,42 47 Schweiz frz. 3,83 3,61 4,42 4,31 5,54 3,82 4,89 4,36 4,77 3,46 5,68 3,98 6,17 4,36 2,80 5,00 3,84 5,05 48 Simbabwe 4,60 4,60 4,84 4,84 5,74 5,74 6,01 6,01 4,40 4,40 5,20 5,20 6,33 6,33 2,65 2,65 4,68 4,68 49 Singapur 4,28 4,06 4,42 4,77 5,46 5,66 5,46 4,88 4,43 3,52 5,66 3,29 5,70 4,81 2,84 4,92 4,08 5,16 50 Slowenien 4,61 4,01 4,36 4,09 5,71 5,49 5,43 3,56 4,78 3,84 5,31 3,75 6,41 3,62 2,50 5,32 5,03 3,76 51 Spanien 4,01 4,39 5,25 3,87 5,82 5,53 5,66 3,52 4,82 3,06 5,63 3,29 5,85 4,00 2,23 5,53 4,80 3,95 52 Südafrika (Schwarz) 3,97 4,43 4,46 4,47 5,14 5,18 5,25 4,66 4,43 3,78 5,23 4,46 5,09 4,72 3,80 4,31 4,92 4,64 53 Südafrika (Weiß) 3,65 4,49 4,36 4,54 5,82 4,42 5,59 4,08 4,54 3,25 5,53 3,45 6,13 4,07 2,67 5,10 4,65 4,06 54 Südkorea 3,69 4,36 3,84 5,20 5,50 5,71 5,83 3,90 4,23 2,45 5,61 3,73 5,41 4,53 2,39 5,69 4,74 3,52 55 Taiwan 2,91 3,70 4,95 4,30 5,30 5,45 4,94 3,65 3,88 2,92 5,15 3,82 5,58 4,27 2,77 5,00 5,14 4,04 56 Thailand 3,43 3,58 5,08 3,88 5,73 5,72 6,26 3,27 4,12 3,26 5,05 4,87 5,76 3,84 2,74 5,62 5,71 3,79 57 Türkei 2,68 4,42 5,18 4,02 5,63 5,79 5,71 3,74 4,46 3,02 5,40 3,92 5,34 3,82 2,52 5,43 4,61 3,67 58 Ungarn 3,42 4,71 4,57 3,63 5,58 5,31 5,74 3,31 4,65 4,02 5,48 3,39 5,97 3,50 2,59 5,57 4,74 3,26 59 USA 4,36 4,50 4,20 4,21 5,79 4,22 5,34 4,13 5,03 3,36 5,51 4,18 6,14 4,45 2,88 4,92 3,99 4,15 60 Venezuela 3,34 4,26 5,28 3,96 5,92 5,41 5,61 3,43 4,70 3,60 5,24 4,19 6,11 3,41 2,43 5,22 5,19 3,55 Quelle: House et al. (2004, S. 742 ff.). V ahlens H andbuch – M üller/G elbrich – Interkulturelle K om m unikation H erstellung: F rau D euringer S tand: 18.11.2013 S tatus: D ruckdaten S eite: 76 V ahlens H andbuch – M üller/G elbrich – Interkulturelle K om m unikation H erstellung: F rau D euringer S tand: 18.11.2013 S tatus: D ruckdaten S eite: 77 3.4 Kulturstandards 77 3.4 Kulturstandards 3.4.1 Theoretische & methodische Grundlagen Ziel dieses in Deutschland vor allem von A. Thomas und seinen Mitarbeitern entwickelten Kulturmodells ist es nicht, mit Hilfe eines abstrakten Koordinatensystems (= Kulturdimensionen) eine Vielzahl von Landeskulturen zu vermessen und zu typisieren. Vielmehr sollen konkrete Kulturstandards helfen, mit Angehörigen fremder Kulturen konfliktfrei zu interagieren. Theoretisch-methodische Basis ist die „Critical Incident Technique“ (vgl. Flanagan 1954), welche u.a. von Fiedler et al. (1971) genutzt wurde, um den sog. Kulturassimilator zu entwickeln, ein Instrument der Aus- und Weiterbildung international tätiger Unternehmen. Anfang der 1960er-Jahre erhielten diese Wissenschaftler vom Office of Naval Research der Vereinigten Staaten den Auftrag, die Interaktion kulturell heterogener Gruppen zu untersuchen, um ein Trainingsprogramm zu entwickeln, das es Angehörigen verschiedener Landeskulturen ermöglichen sollte, problematische („kritische“) interkulturelle Kontaktsituationen zu bewältigen. In teilstrukturierten Interviews identifizierten F.E. Fiedler et al. solche grundlegende ,critical incidents‘ und nutzten diese sodann, um in einem mehrstufigen Verfahren ein interkulturelles Trainingsprogramm zu entwickeln. Es soll die Teilnehmer in die Lage versetzen, … • sozial und interkulturell kompetent zu kommunizieren, • Stressoren in interkulturellen Kontaktsituationen zu bewältigen, 3.4 Kulturstandards Tab. 23: Überblick über die Länder mit extremen Positionierungen auf den GLOBE-Kulturdimensionen am stärksten ausgeprägt durchschnittlich ausgeprägt am schwächsten ausgeprägt Unsicherheitsvermeidung Österreich, Dänemark Israel, USA Russland, Ungarn Akzeptanz von Machtdistanz Russland, Spanien Großbritannien, Frankreich Dänemark, Niederlande Institutioneller Kollektivismus Schweden, Südkorea Hong Kong, USA Griechenland, Ungarn Gruppen-Kollektivismus Ägypten, China Großbritannien, Frankreich Dänemark, Niederlande Geschlechtergleichheit Schweden, Dänemark Italien, Brasilien Südkorea, Ägypten Durchsetzungsfähigkeit Spanien, USA Ägypten, Irland Schweden, Neuseeland Zukunftsorientierung Dänemark, Kanada Slowenien, Ägypten Russland, Argentinien Leistungsorientierung USA, Taiwan Schweden, Israel Russland, Argentinien Humanorientierung Indonesien, Ägypten Hong Kong, Schweden Deutschland, Spanien Quelle: Hodgetts/Luthans (2006, S. 119). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 76 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 77 78 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen • stabile persönliche Beziehungen zu Angehörigen anderer Kulturräume aufzubauen und • in einer fremdkulturellen Umgebung ihre Aufgaben zu bewältigen (vgl. Triandis 1984; Albert 1983). Als Kulturstandards werden Verhaltensweisen bezeichnet, welche von der Mehrheit der Mitglieder einer Kultur als normal und/oder verbindlich angesehen werden (vgl. Helfrich 2003c; Thomas 2003c; Holzmüller 1997). Auf Grundlage dieser Standards werden eigenes und fremdes Verhalten beurteilt (normal? ungewöhnlich? freundlich? unfreundlich? etc.) und gesteuert. Zentrale Kulturstandards zeichnen sich dadurch aus, dass sie in den unterschiedlichsten Situationen wirksam werden. Entsprechend ist der Geltungsbereich peripherer Kulturstandards begrenzt. Erfüllt ein Akteur die hinter den Kulturstandards stehenden Normen bzw. Erwartungen nicht, reagiert die soziale Umwelt negativ, d.h. mit Ablehnung, im Extremfall mit realen Sanktionen. 3.4.2 Wichtige Kulturstandards Einer der vielleicht bekanntesten Kulturstandards ist der des „Gesicht wahrens“ (vgl. Kap. C-2.1.4). Dieser Oberbegriff fasst Verhaltensweisen zusammen, wie sie vor allem bei Chinesen und anderen konfuzianisch geprägten Menschen häufig zu beobachten sind (vgl. Tab. 24), und versucht, sie zu erklären. Oberflächlich betrachtet geht es dabei in der einen oder anderen Weise immer darum, peinliche Situationen, Probleme sowie Kritik und offenkundige Fehler zu vermeiden, nicht zuzugeben bzw. offen anzusprechen. Im tieferen Sinn aber drückt dieser Kulturstandard Respekt vor dem Kommunikationspartner aus: Dessen Würde soll geachtet werden. „Gesicht wahren“ ist jedoch weit mehr als das: nämlich zentrale Leitlinie der traditionellen chinesischen Lebensauffassung. Dieser Kulturstandard dient dem Schutz der persönlichen Integrität. Denn das immer als Ganzheit verstandene Individuum wird nach Ansicht von Chinesen durch öffentliche Kritik an seiner Person fragmentiert, d.h. in Teile zerlegt, die ohne Bezug zum Ganzen aber wertlos sind. Das soziale Regulativ „Gesicht“ bewahrt den Einzelnen vor dieser als unerträglich empfundenen Fragmentierung. Individuen bzw. Gruppen von Menschen können „das Gesicht verlieren“, wenn sie ihre Position und die ihres Kommunikationspartners in der hierarchischen Gesellschaftsstruktur nicht beachten, andere Personen in Anwesenheit von Dritten beleidigen oder Erwartungen bzw. Versprechen nicht erfüllen. In anderen Ländern kommt anderen Kulturstandards eine vergleichbar zentrale Funktion zu. Man denke nur an … • die Sachorientierung der Deutschen, • das Hierarchie- und Statusbewusstsein der Inder, • den Kollektivismus der Inder oder • den Individualismus der US-Amerikaner (vgl. Tab. 24). Thomas (1996, S. 112) definiert Kulturstandards als „alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur als normal, selbstverständlich, typisch sowie verbindlich angesehen und im zwischenmenschlichen Verkehr ausgebildet, weitergegeben und eingeübt werden.“ Defiition Kulturstandard Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 78 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 79 3.4 Kulturstandards 79 Tab. 24: Zentrale Kulturstandards im Vergleich China Deutschland Indien Russland USA Gesicht wahren Sachorientierung Hierarchie-, Status- und Autoritätsorientierung Kollektivismus Individualismus Trennung von Arbeits- und Berufsleben Hierarchie- und Autoritätsorientierung Verantwortungsdelegation Vermischung von Arbeitsund Berufsleben Chancengleichheit Hierarchieorientierung Pflichterfüllung Beziehungsorientierung Hierarchieorientierung Handlungsorientierung Freude am Feilschen direkte Kommunikation Familienorientierung Konfliktvermeidung Leistungsorientierung Vertragstreue traditionelle Geschlechterrollen Konfliktvermeidung polychrones Zeitverständnis interpersonale Zugänglichkeit Freundlichkeit und Höflichkeit Trennung von Arbeits- und Berufsleben polychrones Zeitverständnis Gastfreundschaft Naturbeherrschung Gastfreundschaft Konfliktbereitschaft Fatalismus indirekte Kommunikation Mobilität Nationalstolz monochrones Zeitverständnis Paternalismus geringe Verbindlichkeit von Regeln und Strukturen Gelassenheit Bescheidenheit und Selbstbeherrschung selektive Gastfreundschaft Patriotismus Zukunftsorientierung Quellen: Mitterer et al. (2006); Pfister International Group (2007); Schroll-Machl (2003); Thomas (1997, S. 132 f.). 3.4.3 Kritische Würdigung Die unmittelbare Relevanz und Umsetzbarkeit der Kulturstandards im Kontext des interkulturellen Lernens und des Erwerbs interkultureller Handlungskompetenz ist unbestritten. Problematisch wirkt sich allerdings die durch die Erhebungsmethodik bedingte Relativität dieses Ansatzes aus. Denn Kulturstandards werden immer durch den Vergleich einer Ausgangs- mit einer Zielkultur im Hinblick auf die Ausgangskultur ermittelt (vgl. Holzmüller 1997, S. 64). Wenn somit bspw. festgestellt wird, in Österreich bestehe der Kulturstandard „Regelorientierung“, so gilt dies nur im Vergleich mit Belgien. Gemessen an den Gepflogenheiten in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz muss Österreich hingegen eine schwache Regelorientierung attestiert werden (vgl. Casper-Hehne 1999). Offen ist weiterhin die Frage des Geltungsbereichs von Kulturstandards. Denn was mit Blick auf die Praxisrelevanz als Vorteil ansehen kann – dass Kulturstandards am Beispiel konkreter interkultureller Interaktionen erhoben werden –, erweist Interkulturelles Lernen: Wahrnehmung und Akzeptanz kulturell bedingter Verhaltensunterschiede. Götz (2006) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 78 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 79 80 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen sich als Nachteil, wenn man an die Generalisierbarkeit der Befunde denkt: Sind bspw. Erkenntnisse, die im Kontext von „Schüler- und Studentenaustausch, bei Managern oder Entwicklungshelfern gewonnen wurden, wechselseitig relevant und gültig“ (Holzmüller 1997, S. 64)? Weitere Einschränkungen und Schwachstellen betreffen im Übrigen das Konzept der Kulturdimensionen gleichermaßen: Vernachlässigung der … • Existenz von Subkulturen, • Konsequenzen des Kultur- und Wertewandels für die Stabilität des Erklärungskonzepts (⇒ Postmaterialismus-These). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 80 Te il BTeil B: Interpersonale Kommunikation Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 81

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References

Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.