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2 Kultur in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 40 - 54

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_40

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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2 Kultur Inhaltsverzeichnis 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur Der auf den ersten Blick vergleichsweise eindeutige Begriff „Kultur“ erweist sich bei näherer Betrachtung rasch als mehrdeutig. Dafür sorgt nicht zuletzt der Umstand, dass die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und intellektuellen Denktraditionen diesen Terminus in fachspezifischer und damit häufig unterschiedlicher Weise verwenden (vgl. Bahadir 2003). Im angelsächsischen Sprachraum lässt sich das Wort ,culture‘ erstmals 1483 in gedruckter Form nachweisen: i.S. von ,worship‘ und ,reverential homage‘. Gemäß Oxford English Dictionary (1989, S. 121) war damit „Verehrung“ bzw. „ehrerbietende Huldigung“ gemeint (vgl. Abb. 12). Abb. 12: Bedeutungswandel des Kulturbegriffs Vergleich verschiedener Gesellschaften Ethnologie / Vergleichende Kulturwissenschaft PflegeAusbildung Kultur vs. Natur Verehrung, ehrerbietende Gefolgschaft angelsächs. frühdt. „kultiviert“ Lebensstil gepflegt gebildet höfischer Griech.römische Antike 1492 19. Jh 18. Jh 1692 ,agricultura‘ vs. ,cultura animi‘ Europäische, afrikanische, asiatische Kultur Entdeckungsreisen z.B. A. von Humboldts Weltreise Das Begriffsverständnis variierte im Laufe der Zeit. Wenn Cicero mit ,cultura animi‘ die Philosophie bezeichnete und diese von der ,agricultura‘ abhob, so deutete sich bereits damals eine begriffliche Mehrdeutigkeit an, die auch für das 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.2 Konzepte & Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.2.2 Inhaltliche Kriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.3 Kulturgenese & Enkulturation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 32 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 33 34 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Frühhochdeutsche charakteristisch war. Gemäß ersten schriftlichen Zeugnissen aus dem Jahre 1692 meinte man in dieser Epoche mit „Kultur“ vor allem „Pflege“ bzw. „Ausbildung“ (vgl. Paul 2002). Auf beide Wurzeln lässt sich vermutlich unser heutiges Wortverständnis von „kultiviert“ zurückführen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts verwendet man den Begriff Kultur auch im Kontext des Vergleichs von Gesellschaftsformen (z.B. die europäische, die asiatische oder die afrikanische Kultur). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die „bedeutungsvolle“ Kultur von der „gleichgültigen“ Natur abgegrenzt, die „frei“ aus der Erde wachsenden (Natur-)Produkte hervorbringt. Deshalb verkörpert Natur das „von selbst Entstandene“. Kultur hingegen ist das vom Menschen Geschaffene oder z.B. durch Ackern und Säen absichtlich Gepflegte (vgl. Rickert 1926, S. 18): Ein Zustand, in dem der Mensch sich dank eigenen Tuns „als des Glücks fähig“ erweist. Der seinem Wesen nach embryonale Mensch, der ohne eine angeborene zweckdienliche Ausstattung an Sinnen, Instinkten und Waffen auszukommen hat, muss die ihn umgebende, unwirtliche bzw. feindliche Natur zu seiner menschlichen Welt umarbeiten: zur Kultur (vgl. Gehlen 1993, S. 36 ff.). Abb. 13 informiert über die wichtigsten der heute gebräuchlichen Verwendungen des Begriffs „Kultur“. Quelle: www.ikkompetenz.thueringen.de. Abb. 13: Wichtige aktuelle Verwendungen des Begriffs Kultur Materielle Kultur Agrikultur bebauen, Ackerbau betreiben• Bakterienkultur • Kulturflüchter • Kulturfolger • Kulturpflanze • kultivieren cultura Anthropologische Kultur Landeskultur bewohnen, ansässig sein Spirituelle Kultur Kultverehren, anbeten, feiern • Kultstätte • Marienkult • Kulthandlung • kultig • Kultgemeinde Intellektuell- ästhetische Kultur Hochkultur pflegen, schminken, ausbilden, veredeln • Kunst • kultiviert • Kulturgut • Geisteskultur • Weltbild • Tabus • Normen • Werte Angesichts des wiederholten Bedeutungswandels wird der Kulturbegriff nicht selten als beliebig bzw. irreführend kritisiert (vgl. Opielka 2006). So deutet Baeker (1985, S. 1) das Konzept „Kultur“ als eine ethnozentrische Konstruktion der Europäer: „Wer glaubt, mit unserem Kulturbegriff einfache Gesellschaften von Fischern, Jägern und Sammlern beschreiben zu können, sitzt der Selbsttäuschung der Ethnologie auf, die auch eine Erfindung der Moderne ist.“ Ethnozentrismus: Bezogenheit auf die eigene Ethnie als einzig gültiger Maßstab. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 34 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 35 2.2 Konzepte & Definitionen 35 Eine verbindliche Begriffsdefinition steht deshalb weder zur Verfügung noch ist sie zu erwarten. Man kann lediglich die verschiedenen Theorien bzw. Strömungen danach unterscheiden, ob sie sich mit der Genese von Kultur mehr (= dynamische Konzepte) oder weniger (= statische Konzepte) befassen (vgl. Williams 1976; Sobrevilla 1971). Im 19. Jahrhundert etwa dominierte ein statisches, universalanthropologisches Konzept, das wesentlich zur Vermengung der Begriffe „Kultur“ und „Region“ beitrug. Die verschiedenen regionalwissenschaftlichen Disziplinen setzen beide Konzepte noch heute gleich. Entsprechendes gilt für die ,area studies‘: Multidisziplinäre Regionalstudien, welche die politischen, sozioökonomischen und kulturellen Gegebenheiten z.B. Europas, Nordamerikas oder Lateinamerikas analysieren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es dann zu einer Aufspaltung, gleichermaßen als Konsequenz und Ausdruck einer damals akuten Rivalität zwischen Anthropologie und Soziologie. Im Gegensatz zu den Anthropologen, die ihre ursprüngliche statische Konzeption beibehielten und Kultur als spezifische Gesamtheit von Verhaltensmustern interpretierten (,culture patterns‘), entwickelten Soziologen eine vergleichsweise dynamische Perspektive: Sie begriffen Gesellschaft als eine Sozialstruktur (,social structure‘), d.h. als ein Netzwerk bzw. System sozialer Beziehungen, für das Kultur die „Inhalte“ (,content‘) zur Verfügung stellt. Was später Hofstede (1991) metaphorisch als ,software of the mind‘ und Jaeger (1986, S. 179) als ,mental programs that are shared‘ umschrieben, bezeichnet die nüchterne Wissenschaftssprache als die für eine Gesellschaft charakteristische Kombination von … • Werten, • Überzeugungen und • grundlegenden Annahmen (über die Welt, die Menschen etc.). Im weiteren Verlauf der Entwicklung der Kulturwissenschaften interessierte sich die Forschung verstärkt für die Folgen, welche die unterschiedliche kulturelle Prägung für eine Vielzahl von Einstellungs- und Verhaltensbereichen hat (z.B. Inglehart 1998, S. 302 ff.; Mauritz 1996; Usunier/Lee 2009): • Beziehungsmanagement (z.B. Vertrauen, Kooperation und Konflikt), • Entscheidungsfindung (z.B. Intuition), • Erfolg und Misserfolg (z.B. Leistungsmotivation) • Konsumentenverhalten (z.B. Markenbewusstsein), • Konfliktmanagement (z.B. Konsensorientierung), • Verhandlungsführung (z.B. Bedeutung formeller Verträge vs. loser Absprachen). 2.2 Konzepte & Definitionen 2.2.1 Überblick Das allgegenwärtige Defizit an theoretischer Fundierung beeinträchtigt auch die kulturvergleichende Forschung (vgl. Holzmüller 1995). Falls überhaupt vorhanden, so überwiegen „Mini-Theorien“, d.h. Theorien mit begrenzter Reichweite, die überdies zumeist positivistisch angelegt sind (vgl. Abb. 14). Weiterhin fußt die Mehrzahl der Studien nicht auf einem expliziten Kulturkonzept (vgl. Sojka/ Regionalwissenschaften: Afrikanistik, Indologie, Orientalistik, Sinologie etc. 2.2 Konzepte & Definitionen Positivismus: Beschränkung auf das Wirkliche und Zweifellose. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 34 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 35 36 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Tansuhaj 1995, S. 469). Manche Autoren versuchen, ihre Arbeit ,ex post‘ mit einer theoretischen Basis „nachzurüsten“ (vgl. von Keller 1982, S. 559) oder setzen aus Gründen der Vereinfachung „Nation bzw. Land“ mit „Kultur“ gleich. Deshalb sind die meisten Studien nicht wirklich interkulturell, sondern länderübergreifend. Abb. 14: Methodologische Struktur der kulturvergleichenden Management-Forschung Parsons Weber Schein Geertz Mintzberg Hofstede Child England Ghiselli & Porter Porter Überwiegende Mehrheit der westlichen Theorien zum Comparative Management Positivismus (= beschreibend, sich mit Fakten beschäftigend) Ethno- Wissenschaft (= interpretierend, sich mit Bedeutungen beschäftigend) Tatsache Bedeutung Forschungsstrategie Mini-Theorie Kroeber & Kluckhohn nomothetisch (= auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten zielend) idiographisch (= auf das Eigentümliche, Singuläre zielend) umfassende Theorie Mikro-Theorie Quasi-Theorie Ökonomische Perspektive Soziologische Perspektive Quelle: Redding (1994, S. 332). Die modernen Sozialwissenschaften definieren „Kultur“ als den „gemeinsamen Wissensvorrat“, den eine Gruppe von Menschen teilt und der sie zugleich von Mitgliedern anderer Kulturen unterscheidet. Kulturanthropologen und Soziologen zählen dazu nur die … • beobachtbaren Verhaltensweisen (z.B. Rituale, Bräuche) und • Verhaltensergebnisse (z.B. Bauwerke; vgl. Bauernfeind 1995, S. 17). Kulturvergleichende Psychologen und kognitive Anthropologen hingegen subsumieren dem Konzept „gemeinsamer Wissensvorrat“ auch … • nicht-beobachtbare psychische Prozesse (z.B. Denken) sowie die • Art und Weise der Interpretation von Emotionen (vgl. Dmoch 1997, S. 82 f.; Hofstede 1993, S. 19). Neben einer inhaltlichen Abgrenzung sind auch formale Klassifikationen möglich, welche z.B. auf den Geltungsbereich der jeweiligen Definition Bezug nehmen. Zwar stimmen alle Autoren mehr oder weniger darin überein, dass jede Kultur im Kern aus einer bestimmten Art von Weltsicht sowie den damit verbundenen Definition Kultur Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 36 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 37 2.2 Konzepte & Definitionen 37 Wertvorstellungen besteht und gleichermaßen Konsequenz wie Antezedenz von Handlungen ist. Jedoch argumentieren dabei … • die einen mit einer relativ engen Perspektive, wenn sie Kultur „als Komplex aus erlernten Verhaltensweisen und aus Verhaltensresultaten“ (Linton 1974, S. 33) definieren oder als ,shared meaning system‘ (Shweder/Le Vine 1984, S. 166), • die anderen eher weit gefasst. Zu ihnen zählt Herskovitzs (1948, S. 348), der Kultur als „the man-made part of the environment“ begreift. 2.2.2 Inhaltliche Kriterien 2.2.2.1 Ursachen des Pluralismus Im Laufe der Wissenschaftsgeschichte schlugen Anthropologen, Historiker, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler entsprechend ihrer jeweiligen erkenntnistheoretischen Position teils ähnliche, teils unterschiedliche Definitionen vor. Dies hatte zur Konsequenz, dass mittlerweile eine kaum mehr überschaubare Vielzahl von Konzepten und Klassifikationsversuchen vorliegt. Kroeber/Kluckhohn (1952) wiesen in ihrer grundlegenden Analyse der amerikanischen Literatur 164 verschiedene Definitionen von Kultur nach und Allison (1995, S. 92) 40 Jahre später 241 Definitionen. Wie Holzmüller (1989, Sp. 1152) anmerkt, missverstanden nicht wenige in der Folge diese übergroße Vielfalt als Freibrief dafür, nahezu willkürliche Operationalisierungen vorzuschlagen (⇒ Konstrukt). Neben unvereinbaren Paradigmen, Denkhaltungen und Untersuchungskonzeptionen (vgl. Wolf 1997, S. 156) sorgte ein weiterer Umstand für die letztlich destruktive terminologische und konzeptionelle Mehrdeutigkeit: die in diesem Bereich lange Zeit weit verbreitete atheoretische Arbeits- bzw. Forschungsweise (vgl. Ajiferuke/Boddewyn 1970, S. 154). Unter vergleichbaren Problemen litten lange Zeit auch die Studien zur Unternehmenskultur. Auch sie wurden durch einen übertriebenen definitorischen Pluralismus bei gleichzeitig ungenügender theoretischer Fundierung behindert (vgl. Deshpande/Webster 1989). In beiden Fällen hat zu diesem Missverhältnis beigetragen, dass die Mehrzahl der Forscher Kultur lange Zeit lediglich als Residualgröße betrachtete, welche erst dann in die Analyse eingeführt wird, wenn andere Faktoren das Erkenntnisobjekt nicht (hinreichend) erklären können (vgl. Bhagat/McQuaid 1982). Ob man diese Flut an Definitionen, wie Meissner (1997, S. 3), als Ausdruck einer intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung positiv werten darf, ist fraglich. Denn aus wissenschaftstheoretischer Sicht sollten Forscher überprüfbare Aussagen über die Realität formulieren. Dazu aber sind die Tatbestände, die zur Diskussion stehen, eindeutig zu definieren. Voraussetzung hierfür wiederum sind Begriffe, die Sprache und Realität in einer intersubjektiv nachvollziehbaren, eindeutigen Weise miteinander verbinden. Mehrdeutige Begriffe wie Kultur sollten deshalb mithilfe von möglichst operationalen Definitionen eineindeutig in die wissenschaftliche Terminologie eingeführt werden. Hinzu kommt, dass manche Autoren Kultur als ein deskriptives Konstrukt begreifen, das hilft, die Verhaltensmuster und Merkmale, die eine bestimmte Gruppe von Menschen auszeichnen, umfassend zu beschreiben. Andere hingegen billigen Erkenntnistheorie: Befasst sich mit der Frage, wie Wissen gewonnen wird. Unternehmenskultur: Gesamtheit der Werte und Überzeugungen, die sich in einem Unternehmen entwickelt haben. Wissenschaftstheorie: Befasst sich metatheoretisch mit den Regeln und Instrumenten wissenschaftlicher Arbeit. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 36 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 37 38 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen ihm die Funktion eines explikativen Konstrukts zu, geeignet, die interkulturelle Variabilität dieser Verhaltensmuster und Merkmale zu erklären (⇒ Konstrukt). 2.2.2.2 Struktur & Inhalt der Kulturkonzepte Die von Kroeber/Kluckhohn (1952) dokumentierten Definitionen lassen sich zwei Klassen zuordnen: je nachdem, ob sie Kultur beschreiben (z.B. deskriptive Definitionen) oder erklären (z.B. psychologische Definitionen). Beschreibender Ansatz • Deskriptive Definitionen begnügen sich mit einer Aufzählung der ,a priori‘ festgelegten Bestandteile, Elemente, Faktoren etc. von Kultur. Im einfachsten Fall wird dabei zwischen der materiellen Kultur (= Artefakte) und der immateriellen Kultur (= Mentefakte) unterschieden (vgl. Kap. C-1). • Historische Definitionen akzentuieren den Aspekt der Stabilität: Kultur als das von Generation zu Generation überlieferte „Erbgut“ einer Gesellschaft. • Strukturalistische Definitionen legen das Hauptaugenmerk auf die innere Struktur des Erkenntnisobjekts. Zumeist handelt es sich dabei um einfachste Schichtenmodelle, wie die in Abb. 15 dargestellte „Kulturzwiebel“. Abb. 15: Metapher der „Kulturzwiebel“ 1. Haut: Symbole (z.B. Halbmond) 2. Haut: Helden (z.B. Jeanne d' Arc) 3. Haut: Rituale (z.B. Feilschen) 4. Haut: Werte (z.B. Verlässlichkeit) Kulturkern: Grundannahmen (z.B. wechselseitige Abhängigkeit) Quelle: in Anlehnung Blom/Meier (2002, S. 40). „Im Inneren der Zwiebel befinden sich die tiefstgehenden Verinnerlichungen von Kultur, an der Oberfläche finden wir die sichtbaren Kulturäußerungen. Die Metapher der Zwiebel zeigt, wie die inneren Teile einer Kultur erst dann erkennbar werden, wenn die äußeren Ringe der Kulturzwiebel abgeschält werden. Sogar die Erfahrung, dass beim Schälen einer Zwiebel die Augen gereizt werden und tränen, lässt sich auf die Begegnung mit einer fremden Kultur übertragen: Eine Konfrontation mit den „harten Teilen“ einer fremden Kultur, die aus ihren Grundannahmen besteht, ist oft ebenso reizbar: Man wird mit seinem eigenen Selbstverständnis konfrontiert“ (Blom/Meier 2002, S. 40). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 38 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 39 2.2 Konzepte & Definitionen 39 Erklärender Ansatz • Normative Definitionen versuchen zu erfassen, wie und warum Kulturen Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder bestimmen bzw. beeinflussen: durch Normen, Werte und Kulturstandards. • Psychologische Definitionen nähern sich dem Phänomen „Kultur“ vorzugsweise aus der Perspektive der Informationsverarbeitung und der Entscheidungsfindung. • Genetische Definitionen schenken demgegenüber der Frage, wie Kulturen sich entwickeln und welche Funktion Symbole dabei erfüllen, größere Aufmerksamkeit. Nach Olsen (1991) verkörpern sie die oberste Ordnungsebene der sozialen Organisation menschlicher Gemeinschaften (vgl. Tab. 9). Kultur als Konstruktion einer gemeinsamen sozialen Realität Kulturanthropologen definieren Kultur zwar relativ abstrakt, aber übereinstimmend als die von den Mitgliedern einer Gesellschaft geteilten Standards des Wahrnehmens, Glaubens, Bewertens und Handelns (vgl. Goodenough 1957, S. 60): d.h. als gleichsinnige Realitätskonstruktion. Im weiteren Verlauf der Diskussion über die daran primär beteiligten psychischen Prozesse wurden allerdings jeweils andere Akzente gesetzt. Demnach teilen die Mitglieder einer Kultur vorrangig Art und Struktur … • des Wahrnehmens (vgl. Triandis 1972, S. 17), • der sozialen Normen (vgl. von Keller 1982, S. 114 ff.), • der kognitiven Schemata (vgl. Wyer/Srull 1984, S. 39), • des Denkens (vgl. Hofstede 1997, S. 5), • des Fühlens (vgl. Kroeber-Riel/Weinberg 2009, S. 553), • des Verhaltens (vgl. Jahoda/Krewer 1997, S. 4). Manche Wissenschaftler begreifen Kultur als Summe der Vorstellungen über Menschen und soziale Gruppen sowie deren Beziehungen. Diese „gedanklichen Gemeinsamkeiten“ (Schuh 1997, S. 77) bilden ein System von Wissen und gelernten Standards, welches das Verhalten von Individuen und Organisation in nahezu jeder Hinsicht prägt bzw. beeinflusst: Wahrnehmungen, Überzeugungen, Bewertungen und Verhalten. Stellvertretend für diese Richtung deutet Simmet-Blomberg (1998, S. 78 ff.) Kultur nicht als Umweltfaktor, welcher der ökonomischen, der rechtlichen oder der politischen Umwelt gleichgestellt, sondern diesen Umwelten übergeordnet ist: als umfassendes Hintergrundphänomen (vgl. Abb. 16). Definition Kultur Tab. 9: Ebenen & Mechanismen sozialer Organisation Ebene Strukturbildendes Prinzip Zentrales Konzept Symbolische Ordnung Ideen Kultur Soziale Ordnung Beziehungen, Transaktionen Struktur Individuelle Ordnung Kognitionen und Emotionen Persönlichkeit Organische Ordnung Leben Organismus Quelle: Olsen (1991, S. 2); entnommen: Mauritz (1996, S. 23), leicht modifiziert. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 38 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 39 40 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Abb. 16: Kultur als Ideensystem Kultur Organisationen / Unternehmen / Individuen Technologische Umwelt Soziale Umwelt Ökologische Umwelt Politische Umwelt Rechtliche Umwelt Ökonomische Umwelt Quelle: Simmet-Blomberg (1998, S. 79). Während Kulturanthropologen vorrangig wissenschaftlich argumentieren, versteht sich die auf Harbison/Myers (1959) zurückzuführende kulturvergleichende Management-Forschung primär als anwendungsorientiert. Ihrer Auffassung zufolge umfasst Kultur die „von Menschen internalisierten und vertretenen Normen sowie Wertvorstellungen, Denkweisen, Einstellungen, Überzeugungen und Regeln“ (Hentze 1987, S. 171). Der dazu erforderliche Lernprozess, d.h. die individuelle Übernahme der wichtigsten Maßstäbe des sozialen Handelns, wird als Enkulturation, als Hineinwachsen des Einzelnen in einen Kulturraum bezeichnet. Ist, wie im Falle einer längerfristigen Auslandsentsendung, Anpassung an eine fremde Kultur gefordert, so handelt es sich um Akkulturation (vgl. Lackner 2008). Treffen, bspw. durch Zuwanderung, verschiedene Kulturen aufeinander, dann geht gewöhnlich die weniger vitale in der dominanten Kultur auf bzw. unter (vgl. z.B. Hui et al. 1992). Manchen, wie den Chinesen, den Juden, den Kurden oder den Palästinensern, gelang es in der Vergangenheit allerdings besser als anderen, sich diesem Konformitätsdruck zu widersetzen. Dass Menschen selbst nach einem längeren Aufenthalt im Gastland ihre ursprüngliche kulturelle Konditionierung nicht gänzlich ablegen, zeigt das Beispiel eines Barmixers aus Bolivien, der, obwohl er bereits seit langem in Deutschland lebt, seine deutschen Gäste bisweilen nicht versteht: „Wenn ich gerade mal einen faulen Moment habe und die Gäste dann selbst an den Tresen kommen müssen, um zu bestellen, lassen sie einen sofort ihre moralische Missbilligung spüren.“ Enkulturation: Übernahme der Normen und Werte der Herkunftskultur. Akkulturation: Übernahme der Normen und Werte einer fremden Kultur. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 40 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 41 2.2 Konzepte & Definitionen 41 2.2.2.3 Auf den Raum bezogene Kriterien Kultureller Raum Seit J. Caesar wird die durch Rom militärisch geschaffene, äußerlich durch das Mittelmeer und innerlich durch die römische Kultur verbundene geografische Region als ,mare nostrum‘ bezeichnet (vgl. Abb. 17). Wie dieses Beispiel jedoch zeigt, verändern sich Kulturräume im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende nicht zuletzt deshalb, weil sie auch Gegenstand und Instrument der politischen Auseinandersetzung sind. So benutzte B. Mussolini diesen Begriff, um den Anspruch der italienischen Faschisten auf Vorherrschaft im Mittelmeerraum historisch zu verbrämen. B. Mussolini: 1883–1945, Gründer und Führer der Faschistischen Partei Italiens (1921–1945). A b b . 1 7: M it te lm ee r al s B in n en m ee r d es R ö m is ch en R ei ch es Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 40 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 41 42 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Für Historiker wie Schieder (1994) ist mit Blick auf den Kulturraum Europa das Konzept des Vorfeldes bedeutsam. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war das mittelmeerisch-afrikanische Vorfeld Drehscheibe des Handels und damit maßgeblich für Europas Geschichte. Konflikte und Kriege um die Hegemonie über das von den Römern ,mare internum‘ genannte Binnenmeer waren die Folge, betrieben von den verschiedensten Mächten (Venedig, Byzanz, Osmanisches Reich, Großbritannien und schließlich Italien). Der Zweite Weltkrieg veränderte die weltpolitische Lage dramatisch. Die europäischen Staaten wurden nun ihrerseits zu Vorfeldern der beiden Weltmächte USA und UdSSR. Den Kampf um die Vorherrschaft in dieser Region konnte lange Zeit keiner der beiden Kontrahenten für sich entscheiden. Das Mittelmeer wurde vielmehr zum ,mare divisum‘, mit klar abgegrenzten Einfluss- und Interessenzonen (Balkan und Südeuropa), aber auch mit Zonen scharfer Machtkonkurrenz (z.B. Naher Osten). Nach dem Ende des Ost-/West-Konfliktes scheint das mittelmeerisch-afrikanische Vorfeld Europas erneut erheblichen Einfluss auf die Geschicke des alten Kontinents zu nehmen. Jacobs/Masala (1999) verweisen in diesem Zusammenhang auf die Zunahme ethnischer und zwischenstaatlicher Konflikte in dieser Randzone Europas (z.B. islamische Fundamentalisten und Terroristen aus dem Maghreb und dem Nahen Osten, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und unkontrollierte Migration). Die realen sozio-ökonomischen Verhältnisse sorgten im Laufe der Zeit für eine unterschiedliche Entwicklung. Über Jahrhunderte hindurch verlief die Nahtstelle zwischen christlicher und muslimischer Welt mitten durch Spanien, bevor die Mauren im Zuge der Reconquista, der Rückeroberung der iberischen Halbinsel durch die Christen, seit 1031 n. Chr. immer weiter zurückgedrängt und schließlich über die Meerenge von Gibraltar verdrängt wurden. Als Folge des Zerfalls des kommunistischen Einflussbereiches ist die Grenzlinie zwischen diesen beiden Weltreligionen vor allem in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wieder aufgebrochen. Auch gemessen an den Hofstede-Kulturdimensionen (vgl. Kap. A-3.3.2) ist der Mittelmeerraum mittlerweile ausgesprochen kulturell heterogen. Die Mittelmeerländer, deren empirisches Kulturprofil bekannt ist, bilden drei vergleichsweise homogene Untergruppen (vgl. Abb. 18): • Ägypten, Kroatien, Türkei und Serbien, • arabische Länder und Libanon, • Frankreich, Spanien und Italien. Hinzu kommen zwei „Außenseiterländer“, die in dieser clusteranalytischen Betrachtung eine teils größere (= Israel) bzw. eine teils geringere (= Griechenland) Sonderrolle spielen. Diese Sonderrolle kann man dem Dendrogramm bzw. dem dadurch visualisierten sprunghaften Zuwachs der Fehlerquadratsumme bei der Zusammenfassung der verschiedenen Länder zu homogenen Gruppen entnehmen. Trotz aller Gemeinsamkeiten unterscheiden sich aber auch die Länder innerhalb dieser Kulturcluster in vielerlei Hinsicht voneinander. So ist die französische Gesellschaft wesentlich individualistischer (IVD = 71) als die spanische Gesellschaft (IVD = 51). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 42 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 43 2.2 Konzepte & Definitionen 43 Abb. 18: Kulturelle Heterogenität des Mittelmeerraumes 0 5 10 15 20 25 Ägypten Kroatien Türkei Serbien Arabische Länder Libanon Griechenland Frankreich Spanien Italien Israel Quelle: eigene Auswertung und Darstellung auf der Basis von Hofstede (1992). Territorial-politischer Raum Im Zeitalter des Kolonialismus, als man kulturelle Besonderheiten für zweitrangig hielt und mehr oder minder willkürlich Landesgrenzen zog, erlebten die Regionalkonzepte ihre Blütezeit. Nicht nur im Falle des arabischen Kulturraumes geschah dies zumeist vorrangig nach machtpolitischen Erwägungen. Auch bei der „Neuordnung“ Afrikas trennten die Kolonialmächte ursprünglich kulturell homogene Gesellschaften durch willkürliche Grenzziehung mit fatalen Folgen voneinander und fügten andere zu künstlichen Staatswesen zusammen (⇒ Staat). Noch heute leiden diese unter der ungenügenden Identifikation der in diesen Gebilden lebenden Menschen. Die unvorstellbar grausame Auseinandersetzung bspw. zwischen Hutu und Tutsi im Zentralafrika der 1990er-Jahre steht als ein Beispiel in einer langen Reihe ähnlicher Tragödien (z.B. Biafra). Der beginnende Ost-/West-Konflikt trug schließlich dazu bei, dass nach dem Zweiten Weltkrieg neue, primär politisch definierte Ansätze die Oberhand gewannen. Im Einklang mit dem allgegenwärtigen Ost-/West-Schema wurde bspw. die Bezeichnung „islamischer Orient“ durch „Naher Osten“ ersetzt. „The lines of demarcation of any cultural unit chosen for description and analysis are in large part a matter of level of abstraction and of convenience for the problem at hand. Occidental culture, Graeco-Roman culture, nineteenth-century European culture, German culture, Swabian culture, the peasant culture of the Black Forest in 1900 – these are all equally legitimate abstractions if carefully defined.“ Kroeber/Kluckhohn (1952, S. 181) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 42 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 43 44 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Das mehr oder minder willkürlich definierte „kulturelle Erbe“ spielt bei dem Versuch der räumlichen Definition Europas eine Schlüsselrolle. Obwohl schon Kroeber/Kluckhohn (1952, S. 181) dies in überzeugender Weise in Frage stellten, setzen nach wie vor viele Wissenschaften „Kultur“ mit „territorial abgegrenzter Region“ gleich. Dies gilt nicht nur für die sog. Regionalforschung: Vielmehr werden in weiten Teilen des betriebswirtschaftlichen Schrifttums die Begriffe „Gesellschaft“, „Land“ oder „Nation“ mehr oder weniger synonym verwandt und beobachtete Unterschiede, z.B. im Entscheidungsverhalten der Angehörigen verschiedener Länder, mit Besonderheiten der einen oder anderen Kultur begründet. Die meisten Länder sind aber nicht kulturell homogen, sondern kultur-pluralistisch. So leben in Indien höchst verschiedene ethnische Gruppen zusammen, werden mehr als zwanzig Sprachen gesprochen und prägen neben Hinduismus und Islam zahlreiche andere Religionsgemeinschaften das spirituelle, aber auch das reale Leben. Aus wissenschaftlicher Sicht ist deshalb die Variable „Land“ zumeist kein guter Indikator für Kultur, allenfalls eine mal mehr, mal weniger geeignete Proxy-Variable. So werden Variablen bezeichnet, die auf einfache und plausible Weise eine komplexe Eigenschaft, die einer objektiven Messung nicht oder nur sehr schwer zugänglich ist, messen (z.B. Einkommen als „Proxy“ für Berufserfolg). Proxy-Variable „Differences in behavior which are culturally based would exist even if the world were not organized into nation states. They are not due to mechanical or controllable factors but rather due to life experiences of people from different cultures. The experience of ,being Japanese‘ comes under this meaning, as does the American frontier folklore and the influence of value systems such as Islam, Confucianism, and Christianity. Culture and country are not synonymous, so cultural factors are only loosely related to the nation state, and assuming that a country variable is a suitable proxy for capturing culture specific factors can be dangerous. Few large countries are culturally homogeneous, and many are visibly or even legally multicultural – a fact which may cause systematic within-country measurement differences.“ Farley/Lehmann (1994, S. 113) Trotz der unstrittigen Abgrenzungsprobleme ist aber nicht nur aus forschungs- ökonomischen Gründen die Gleichsetzung von Land und Kultur häufig die einzig pragmatische Möglichkeit (vgl. Schmid 1996, S. 260). Zunächst fällt es leichter, in wenigen (und folglich umso gröber klassifizierenden) Kategorien zu denken. Im Extremfall wird nur zwischen der „eigenen“ und der „fremden“ Kultur differenziert. Weiterhin sorgen wechselseitige Anpassungsprozesse dafür, dass auch in kulturell heterogenen Ländern die Varianz der Werte und Verhaltensweisen abnimmt (vgl. Basanez et al. 1997; Inglehart 1997). Auf Dauer sind die Bewohner von Little Italy anderen New Yorkern eben doch ähnlicher als ihren Vettern und Cousinen, deren Vorfahren Sizilien nicht verlassen haben. 2.3 Kulturgenese & Enkulturation Die Frage, wann, warum und wie unterschiedliche Kulturen entstanden sind, lässt sich nicht abschließend beantworten. Fraglos gilt es dabei, eine Vielzahl von Einflussfaktoren, die sich im Übrigen gegenseitig beeinflussen bzw. im Laufe der Zeit verändern, zu beachten. Schon allein deshalb ist es streng genommen nicht möglich, von „der“ Kultur zu sprechen. 2.3 Kulturgenese & Enkulturation Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 44 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 45 2.3 Kulturgenese & Enkulturation 45 Wesentlich für die Entwicklung einer Kultur sind zunächst die physikalischen Verhältnisse, etwa das Klima oder die Topografie eines Landes. Dass sich bspw. die Bewohner der Niederlande oder Indonesiens stärker als andere an der Gegenwart orientieren, kann man teilweise mit der Nähe ihrer Wohnstätten zum Meer erklären. Angesichts der in Uferregionen allgegenwärtigen Gefahr, von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht zu werden, war es für die Bewohner dieser Landstriche psychisch effizient, im „Hier und Jetzt“ zu leben, zumal die überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der Überschwemmungsgebiete sie weniger als andere zur Daseinsvorsorge zwang – und damit nicht zu einer ausgeprägten Zukunftsorientierung. Bisweilen scheinen (abrupte) Veränderungen des Klimas den Niedergang ganzer Kulturen wenn nicht bedingt, so doch beschleunigt zu haben. So soll eine durch die Verschlechterung des Klimas begünstigte Malaria- Epidemie zum Untergang des Römischen Reiches beigetragen haben. Geografisch gesehen liegen die meisten unterentwickelten Länder zwischen den beiden Wendekreisen, d.h. um den Äquatorgürtel herum. Dies legte die These nahe, dass tropisches und subtropisches Klima der Arbeitsmotivation und Arbeitsorganisation abträglich sind (vgl. Landes 1999, S. 21 ff.). Entscheidend sind weiterhin Art und Verbindlichkeit der von den Institutionen eines Landes garantierten oder gewährten Eigentumsrechte; denn nur dann, wenn diese hinreichend verbindlich sind, ist es rational, Investitionen vorzunehmen. Die Gegenthese zu diesem materiellen Erklärungsansatz ist spiritueller Natur. Sie begründet die Genese von Kultur damit, dass der Mensch (vermutlich) als einziges Lebewesen Bewusstsein vom eigenen Tod erlangt hat. Um dieser existenziellen Bedrohung Sinn zu verleihen, entwickelte er u.a. den Totenkult. Einem vergleichbaren Zweck dienen religiöse Überzeugungen, kulturspezifische Mythen, Symbole u.v.a.m. (vgl. Kap. C-3; D-2.2). Die individuelle Entwicklung des Menschen vollzieht sich als Interaktion von genetischer Ausstattung und Umwelteinflüssen. Dazu zählen zwangsläufig auch die kulturellen Besonderheiten des jeweiligen Lebensumfeldes. Im Zuge seiner Enkulturation erwirbt der Einzelne das Wertesystem der Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, und damit eine Vorstellung von der „Auffassung vom Wünschenswerten“ (Kluckhohn 1951, S. 395), welche das reale Leben in seiner sozialen Umwelt bestimmt (z.B. eine Ich-zentrierte Spielart der Leistungsmotivation, die für individualistische Leistungsgesellschaften typisch ist). Die überwiegend unterschwellige, d.h. vom Einzelnen nicht bewusst wahrgenommene Übernahme von Wertvorstellungen geschieht zunächst und hauptsächlich im … • primären sozialen Umfeld (insb. Familie), später dann im • sekundären sozialen Umfeld (Bildungseinrichtungen, Religionsgemeinschaft, Arbeitsleben etc.). Während die sekundären, d.h. sozialen ⇒ Bedürfnisse (z.B. nach Anerkennung und Selbstverwirklichung) stark kulturabhängig sind, gilt dies für die primären Bedürfnisse (Hunger, Durst, Wärme, Schlaf, Sexualität) nicht bzw. weniger. Angesicht ihrer zentralen Bedeutung für die Existenzfähigkeit des Organismus sind sie weitgehend genetisch determiniert. Wie diese Bedürfnisse gestillt werden, ist jedoch nicht durch Erbanlagen festgelegt, weshalb die sichtbaren Ausdrucksformen auch dieser Verhaltens- und Erlebensbereiche „kulturell überformt“ sein können. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 44 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 45 46 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Den Extremfall verkörpert die Ritualisierung von Ess- und Trinkgewohnheiten. Die japanische Teezeremonie etwa steht ganz offensichtlich in keinem Zusammenhang mehr mit der physiologisch gegebenen Notwendigkeit, regelmäßig Flüssigkeit aufzunehmen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 46 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 47 3 Landeskultur Inhaltsverzeichnis Die Ansätze, das Konzept der „Landeskultur“ theoretisch zu fassen, sind kaum minder zahlreich als die Vorschläge, „Kultur“ zu definieren. Bei unserem knappen  Überblick über die wichtigsten Vertreter der Landeskulturforschung übernehmen wir eine Dreiteilung, welche Barmeyer (2010) für Kulturen im Allgemeinen und Landes- bzw. Nationalkulturen im Besonderen vorgenommen hat. Kultur als … • Bedeutungs- und Interpretationssystem, • Orientierungssystem zur Zielerreichung und Problembewältigung, • Gesamtheit der von einer Gemeinschaft geteilten Werte. 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem 3.1.1 Stolz, Ehre und Harmonie: Zur Kulturgebundenheit zentraler Konzepte interpersoneller Kommunikation Wenn US-Amerikaner bei zahllosen Gelegenheiten voller Stolz vor den „Stars and Stripes“ strammstehen, inbrünstig die Nationalhymne mitsingen und sich dabei gefühlvoll an ihr Herz fassen – bzw. an die Stelle ihrer Brust, unter der sie den Sitz ihres Herzens vermuten –, dann blicken viele Deutsche irritiert-verständnislos auf den selbstbewusst-demonstrativen Nationalstolz der Amerikaner. Aufgrund 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem 3.1 Kultur als Bedeutungs- & Interpretationssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.1.1 Stolz, Ehre und Harmonie: Zur Kulturgebundenheit zentraler Konzepte interpersoneller Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.1.2 Concepta & Percepta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3.2 Kulturelle Orientierungen als Mittel der Problembewältigung . . . . . . . . 50 3.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.2.2 Kulturelle Orientierungen nach Kluckhohn & Strodtbeck . . . . . . . 52 3.3 Kultur als Gesamtheit der von einer Lebensgemeinschaft geteilten Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.3.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.3.2 Hofstede-Kulturdimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.3.3 GLOBE-Kulturstudie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 3.4 Kulturstandards . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.4.1 Theoretische & methodische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.4.2 Wichtige Kulturstandards . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 3.4.3 Kritische Würdigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 46 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 47

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Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.