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4 Weltreligionen im Überblick in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 245 - 259

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_245

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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4 Weltreligionen im Überblick 4.1 Judentum 4.1.1 Geschichte des Judentums Die erste der monotheistischen Weltreligionen entstand ca. 1850 v. Chr. in Kanaan. Nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels (70 n. Chr.) lebten die Juden fast zwei Jahrtausende lang in der Diaspora. Anfänglich fanden die meisten von ihnen in Europa Exil, später auch in Nordamerika. Geistiges Zentrum des Judentums war zunächst Spanien. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Reconquista (718–1492) verlagerte sich der Schwerpunkt der Siedlungsgebiete nach Osteuropa, insb. nach Polen. In der Balfour-Deklaration von 1917 sagte die britische Regierung zu, den Aufbau einer „natürlichen Heimstätte der Juden“ in Palästina zu unterstützen. Starken Zulauf und nahezu weltweite Unterstützung erhielt die zionistische Bewegung, als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Holocaust, die systematische Vernichtung eines Drittels des jüdischen Volkes durch die Deutschen und ihre Verbündete, nicht länger geleugnet werden konnte. 4.1 Judentum Reconquista: Rückeroberung der seit 711 von Arabern und Berbern besetzten iberischen Halbinsel durch die Westgoten. Inhaltsverzeichnis 4.1 Judentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 4.1.1 Geschichte des Judentums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 4.1.2 Grundzüge der Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 4.2 Christentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 4.2.1 Grundzüge der Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 4.2.2 Morgenländisches Schisma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 4.2.3 Reformation & Gegenreformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 4.3 Islam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 4.3.1 Geschichte des Islam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 4.3.2 Sunniten vs. Schiiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 4.3.3 Heilige Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 4.4 Hinduismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 4.4.1 Geschichte des Hinduismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 4.4.2 Welt- & Gottesbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 4.4.3 Lehre von Karma & Wiedergeburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 4.4.4 Kastenwesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 4.5 Buddhismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 4.5.1 Geschichte des Buddhismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 4.5.2 Welt- & Menschenbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 4.5.3 Grundzüge der Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 4.6 Konfuzianismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 4.6.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 4.6.2 Neokonfuzianismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 242 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 243 4.1 Judentum 243 Aber erst die Gründung Israels im Jahre 1948 stellte die Einheit von Nation und Religion sowie das Judentum als reale Lebens- und Glaubensgemeinschaft wieder her. Heute lassen sich folgende Hauptströmungen unterscheiden: orthodoxes, liberales und konservatives Judentum sowie Rekonstruktionismus – eine konservative Richtung, die das Judentum nicht nur als Religion begreift, sondern als eine umfassende, in ständiger Fortentwicklung befindliche Lebensweise und Erscheinungsform der ⇒ Zivilisation. 4.1.2 Grundzüge der Lehre Im Mittelpunkt des Judentums steht der Glaube an Jahwe, den Schöpfer der Welt. Er hat sich dem Menschen offenbart und durch Abraham das Volk Israel erwählt: dazu bestimmt, den rechtmäßigen Glauben in der Welt zu bekennen. Äußeres Zeichen des Abraham-Bundes ist die Beschneidung. Religiösen Rang besitzen in dieser Offenbarungsreligion ausschließlich Thora bzw. Halacha (d.h. der gesetzliche Teil der jüdischen Überlieferung sowie einzelne Bestimmungen). Als schriftliche Thora verkündet die Halacha die Gebote der Fünf Bücher Moses, während die mündliche Thora Anleitung zu deren Auslegung gibt. Heilige Stätte ist die Klagemauer in Jerusalem. Religiöse Dogmen und Orthopraxie spielen im Judentum eine untergeordnete Rolle. Aufgrund ihres Auftrags – den Inhalt der Offenbarung „rein“ zu bewahren und Gottes Willen, so wie er Moses am Berg Horeb auf der Halbinsel Sinai offenbart wurde, zu erfüllen – sind immerwährende Diskussionen, sophistischer Streit etc. über die richtige Interpretation der heiligen Schriften für die jüdische Kultur charakteristisch. Mit dieser Eigenheit wird zumeist die starke kognitive Orientierung des „erwählten Volkes“ begründet. Dessen nicht minder ausgeprägte emotional-soziale Komponente lässt sich mit der Aufgabe, die kommende Herrschaft Jahwes zu verkünden, erklären. Denn der Herrschaftsanspruch des jüdischen Gottes bedrohte nicht nur den Herrschaftsanspruch konkurrierender Götter, sondern auch die Autorität weltlicher Mächte – zu Zeiten von Jesus Christus etwa die Ansprüche der damaligen Besatzungsmacht, des Römischen Reiches. Die mit der Aufgabe der Verkündigung verbundene Gefährdung des jüdischen Volkes verpflichtete dieses zu religiöser und sozialer Solidarität und verschwor es zu einer Schicksalsgemeinschaft, welche auf vielfältige Weise vertieft und symbolisiert wurde: durch zahlreiche … • Verhaltensvorschriften (z.B. das Morgengebet, die allgemeine Lebensführung, die Ernährung und das Berufsleben betreffend), • Bräuche (z.B. die Feier des Sabbat) und • rituelle Gebote (z.B. Hygienevorschriften). Maßgeblich aber ist das Gebot der Nächstenliebe (vgl. Maser 1995, S. 568 ff.). Ohne Ansehen der Volkszugehörigkeit oder der Abstammung gelten alle Menschen als gleichwertige eigenständige Persönlichkeiten. Da sich in der Halacha das Doppelprinzip „Souveränität Gottes und Heiligkeit des Individuums“ findet (vgl. Belkin 1960, S. 15 f.), hat das Konzept der Menschenrechte offensichtlich nicht christliche Wurzeln, wie häufig behauptet wird, sondern entspringt jüdischem Denken. Das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet die Gläubigen zu Wohltätigkeit. Indem sie Palästina: Wurde 1920 vom Völkerbund zum Mandatsgebiet Großbritanniens erklärt. Halacha (jd.) = der Weg, den man beschreitet Jahwe (jd.) = ICH BIN DA Sophistik: Mit Scheinbeweisen, Spitzfindigkeiten und Wortverdrehung geführtes Streitgespräch. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 242 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 243 244 Teil D: Einfluss der Religion Arme und Waisen, Begräbnis-Bruderschaften, Frauenverbände etc. unterstützen und die über den Tag verteilten Gebete sprechen, heiligen sie das Leben. Die Rabbiner bemühten sich nie um einen logischen Aufbau der jüdischen Religionslehre. Deshalb scheiterten alle Versuche, die jüdische Theologie zu systematisieren, mehr oder minder (vgl. Donin 1987). Dem Judentum war vielmehr daran gelegen, Bräuche zu entwickeln und einen Kodex religiöser Handlungen festzulegen, welche nicht nur das religiöse, sondern auch das soziale Leben ordnen. Zwar entspringen diese Bräuche und Handlungen theologischen bzw. moralischen Konzepten. Da aber nicht diese Konstrukte, sondern die daraus abgeleiteten religiösen Handlungen wahrnehmbar sind, befassten sich die führenden Rabbiner vor allem mit den ,minjan ha-mitzwot‘, der Klassifizierung der 613 religiösen Pflichten, welche die Thora den Juden auferlegt. Dies erklärt die Doppelfunktion des Rabbinats: • religiöse Autorität des Judentums und • Repräsentant der im Talmud begründeten Rechtstradition (vgl. Kap. D-6.1.2). 4.2 Christentum 4.2.1 Grundzüge der Lehre Das Apostolische Glaubensbekenntnis formuliert die fundamentalen Aussagen des Christentums. Demnach eint alle Konfessionen bzw. kirchlichen Gemeinschaften, die sich auf Jesus von Nazareth berufen, die Vorstellung eines persönlichen Gottes. Hinzu kommt das Bewusstsein, eine Gemeinschaft zu bilden, welche durch die Taufe sichtbar wird. Wesentlich für den christlichen Glauben ist Jesus Christus, der als Gottes Sohn durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten die Menschen von der Erbsünde erlöst hat. Maßgeblich für die christliche Lehre ist weiterhin das Reich Gottes, das im Alten Testament verheißen wurde und in der Person Jesu Christi begonnen hat. Die Werte Vergebung und Versöhnung, welche das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ überwinden, sind der besondere Beitrag des Christentums zur Menschheitsgeschichte: Christen sollen vergeben, weil Gott den Menschen vergab, dass sie seinen Sohn getötet haben. 4.2.2 Morgenländisches Schisma Wie andere Religionen, so wurde auch die christliche Lehre im Laufe der Jahrhunderte auf grundlegend unterschiedliche Weise interpretiert. Deshalb entwickelte sich trotz gemeinsamer historischer Wurzeln eine Vielzahl christlicher Konfessionen, mit teilweise bedeutsamen Unterschieden. Zu nennen sind insb. die … • katholischen Kirchen (v.a. die römisch-katholische, die orthodoxe, die anglikanische und die altkatholische Kirche), • im Verlauf der Reformation entstandenen protestantischen bzw. evangelischen Kirchen. Zu einem ersten, dauerhaften Schisma kam es anlässlich der Christianisierung der romanischen und slawischen Völker. Damals wichen die Überzeugungen und Auffassungen bezüglich der Rolle der Sakramente und der Oberhoheit des 4.2 Christentum Schisma (gr.) = Trennung, Kirchenspaltung Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 244 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 245 4.2 Christentum 245 Bischofs von Rom (d.h. des Papstes) immer mehr voneinander ab. 1054 spaltete sich das Christentum dann in die lateinisch-abendländische Westkirche und die orthodoxe Ostkirche, welche die Patriarchate von Alexandria, Antiochia, Jerusalem und Konstantinopel umfasste. Die Ostkirchen lehnten den Machtanspruch des Papstes, der im Nachhinein durch das Dogma der Unfehlbarkeit legitimiert wurde, ab. Denn die Ostkirchen sahen und sehen sich im Besitz der Rechtgläubigkeit, als Bewahrer des ursprünglichen und wahren Glaubens (gemäß den Überlieferungen der apostolischen Kirchen). Damit ist weniger ein Kanon von Lehrsätzen gemeint als das durch die „göttliche Liturgie“ ermöglichte unverfälschte „Leben mit Christus“. 4.2.3 Reformation & Gegenreformation Protestantismus Der Leitbegriff des Protestantismus fasst zahlreiche theologische Lehren und religiös-kulturelle Phänomene zusammen, deren Ausgangspunkt M. Luthers reformatorischer Protest war. Geistige Klammer des Protestantismus ist die Idee des „Priestertums aller Gläubigen“ (vgl. Graf 2010). Im späten Mittelalter verstärkte sich die Kritik an zahlreichen Missständen und Ärgernissen – insb. am Schisma sowie am Streben des Papstes nach Herrschaft über die politische Welt und am Ablasshandel. Reformation und Gegenreformation waren die Folge. Unter dem Einfluss von M. Luther, H. Zwingli und J. Calvin sagten sich im 16. und im 17. Jahrhundert die protestantische sowie die evangelische Kirche von der Westkirche los. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Streitschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation, von des christlichen Standes Besserung“, in der M. Luther im Jahre 1520 seine Vorwürfe gegen die (katholische) Kirche theologisch begründete. Aus der institutionellen Sicht dieser streng hierarchisch strukturierten Organisation war daran besonders gefährlich, dass der Verfasser dieser Streitschrift die Unfehlbarkeit von Papst und Konzil sowie die Mittlerfunktion der Kirche (zwischen Gott und den Menschen) bestritt. M. Luther und seine Anhänger waren davon überzeugt, dass jeder einzelne Gläubige im Stand des Priestertums ist. Gott spreche direkt durch die Bibel zu den Menschen. Jeder könne im Gebet frei zu Gott sprechen, ohne Vermittler wie Kirche, Sakramente, Priester oder Heilige. Rechtfertigungslehre Die größte Wirkung entfaltete jedoch die Rechtfertigungslehre. Sie basiert auf einer Neuinterpretation von Röm. 1,17 durch M. Luther und ist für die evangelisch-lutherische Kirche maßgeblich. Demnach kann das durch Erbsünde und individuelle Sünden gestörte Verhältnis zwischen Gott und den Menschen nicht durch Frömmigkeit und gute Werke wiederhergestellt werden. Denn Gott erlöst aus Gnade jene Menschen, welche zwar sündigen, aber dennoch glauben. Gott sei durch Jesus Christus zu den Menschen gekommen, um sie in ihrer Sündhaftigkeit anzunehmen und aus seiner Gnade heraus zu „rechtfertigen“ (vgl. Korsch 2007; Peters 1990). Ostkirche: Katholische Kirchen, die aus der östlichen Hälfte der nachkonstantinischen Reichskirche hervorgingen. J. Calvin 1509–1564 M. Luther 1483–1546 H. Zwingli 1484–1531 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 244 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 245 246 Teil D: Einfluss der Religion Prädestinationslehre Abweichend davon gehen die Reformierten Kirchen (bzw. evangelisch-reformierten Kirchen) vom Prinzip der Prädestination aus. Stärker noch als M. Luther lehrte J. Calvin, dass es den Menschen nicht möglich sei, durch ihr individuelles Tun und Lassen – d.h. durch „gute Taten“ – ihr jenseitiges, spirituelles Schicksal zu beeinflussen. Dieses unterliege ausschließlich der absoluten Souveränität Gottes. Aufgabe der Gläubigen sei es, Gottes Verheißung und Gnade zu vertrauen. Der Calvinismus, die vielleicht wichtigste Strömung innerhalb der Reformierten Kirche, erneuerte die Kirchen weiter Teile Westeuropas (Frankreich, Niederlande, Schottland) und Osteuropas (z.B. Ungarn). Die calvinistische Interpretation der Prädestinationslehre, welche auf den Kirchenlehrer Augustinus zurückgeht, war weit über den religiös-konfessionellen Bereich hinaus einflussreich. Denn J. Calvin widersetzte sich der damals weit verbreiteten fatalistischen Deutung des Prinzips der Vorherbestimmung. Vielmehr gebe auch und gerade der materielle Erfolg im Leben eines Menschen Aufschluss über dessen Erwählt- oder Verworfensein. Nur wer erwählt sei, könne beruflich erfolgreich sein. Deshalb eröffne „harte Arbeit“ zum einen den Weg, „Gnadengewissheit“ zu erlangen. Zum anderen trage diese Tugend dazu bei, Gottes Ruhm zu mehren. Reichtum ist demnach nicht von vornherein sündhaft, wie es der Katholizismus bisweilen unterstellt, vorausgesetzt, er wurde durch harte Arbeit erworben. Auch darf Reichtum nicht zum eigenen Vorteil genutzt werden. Vielmehr sei dieses „Gottesgeld“ dem Erwählten von Gott nur geliehen, damit jener, wie M. Webers Vorbild, der Milliardär J.D. Rockefeller, es verwalte und mehre. Sünde sei es nur, den Reichtum zu Müßiggang und Laster zu missbrauchen. Eher noch wird Armut als Sünde betrachtet, jedenfalls als Ausdruck des Nicht-Erwähltseins. Deshalb forderte der asketische Protestantismus von den Gläubigen rationale Lebensführung und ein hohes Maß an Berufsethik: Der Beruf als Berufung, welche den Einzelnen dazu verpflichtet, sein Bestes zu geben. Die Prädestinationslehre ist Teil der für die individuelle Leistungsmotivation und den ökonomischen Erfolg von Volkswirtschaften bedeutsamen Protestantismus- These (vgl. Kap. D-5.2.2). Allerdings kennen auch andere Religionen das Konzept der Prädestination (z.B. der Islam). 4.3 Islam 4.3.1 Geschichte des Islam Der Islam ist die jüngste der monotheistischen Weltreligionen. Die islamische Zeitrechnung beginnt 622 n. Chr., als der Prophet von Mekka nach Medina emigrierte. Anders als zahlreiche Propheten vor ihm war Mohammed erfolgreich, weil seine Lehre die Gefühls- und Glaubenswelt der Araber und Beduinen, deren Lebensform, Stammesbewusstsein und Traditionen sowie die Tugenden der Vorfahren achtete. Die Nachfolger Mohammeds, die Kalifen, unterwarfen innerhalb weniger Jahrzehnte den Vorderen Orient und eroberten im 8. Jahrhundert große Teile Spaniens. Prädestination (lat.) = Vorherbestimmung 4.3 Islam islam (arab.) = sich Gottes Willen unterwerfen muslim (arab.) = der sich Unterwerfende muhamad (arab.) = der Gepriesene Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 246 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 247 4.3 Islam 247 Mittlerweile dominiert der Islam im Vorderen Orient, in Nordafrika, in Pakistan, im Irak und im Iran sowie in Indonesien. Starke muslimische Gemeinschaften haben sich weiterhin in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Zentralasien, aber auch in Indien, China und auf den Philippinen formiert. Der Islam ist eine nicht-missionierende Religion. Folglich sollen nicht die Ungläubigen bekehrt, sondern der eigene Herrschaftsbereich ausgedehnt werden. Deshalb ist der Islam in nahezu allen Ländern, in welchen die muslimische Bevölkerung überwiegt, Staatsreligion (vgl. Antes 2006). 4.3.2 Sunniten vs. Schiiten 90 % aller Muslime sind Sunniten, ca. 10 % Schiiten oder Charidschiten. Als Anhänger der Partei des 4. Kalifen Ali Ibn Abi Talib erkennen die Schiiten nur dessen Nachkommen als rechtmäßige Imame an. Davon abgesehen unterscheiden sich die beiden islamischen Hauptbekenntnisse vor allem durch die Art und Weise, wie sie die Schari’a anwenden. Während die Schiiten auch das Urteil kompetenter Moslems als relevant erachten, beantworten die Sunniten Rechtsfragen ausschließlich auf der Basis von Koran und Sunna. Die Wahabiten, eine radikal-konservative Strömung innerhalb der Sunniten, verbieten jegliche Interpretation beider Schriften und legen diese streng gemäß dem überlieferten Wortlaut aus. Ihr religiöser und weltlicher Führer ist der König von Saudi-Arabien, weshalb die „Saudis“ seit jeher als die konservativsten Muslime gelten. Während etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Koran „großzügig interpretiert“ wird und dort auch Alkohollizenzen erhältlich sind, ist in Saudi-Arabien selbst andersgläubigen Ausländern der Konsum alkoholischer Getränke untersagt (vgl. Ende et al. 2005). In weiten Teilen Nordafrikas und im Oman leben die Charidschiten, wie die Anhänger der ältesten islamischen Sekte genannt werden. Weiterhin gehören etwa 20 % der türkischen Muslime der alevitischen Glaubensrichtung an. Deren Anhänger fasten im Ramadan nicht, begehen dessen Ende aber gleichwohl mit dem Zuckerfest. Klischee & Wirklichkeit „Für sich allein erklärt der Begriff Islam wenig. Es leben mehr Muslime in demokratisch regierten Ländern als in Diktaturen. Der Entwicklungsstand muslimischer Gesellschaften und der sie umgebenden nicht-islamischen Gemeinschaften ist praktisch gleich. Hier wie dort brechen gelegentlich blutige Auseinandersetzungen aus. Populäre Trivialhistoriker liefern für angeblich fundamentale Unterschiede zwischen Ost und West nur Scheinerklärungen: Dass der Islam keine Renaissance kannte, keine Reformation und keine Aufklärung. Aber den Ländern mit hinduistischer und buddhistischer Kultur, die dabei sind, ökonomische Supermächte zu werden, fehlt dieser Hintergrund ebenfalls. Die Mehrheit der in Westeuropa lebenden Muslime betritt nie eine Moschee. Nicht einmal mit den Feindbildern „Islamismus“ oder politischer Islam lässt sich viel anfangen. Wer ist ein Islamist? Der türkische Präsident A. Gül, der B. Obama andachtsvoll lauschte, ist nach eigenem Bekenntnis ein Islamist. Der Taliban-Führer M. Omar, den Amerika im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet mit Raketen verfolgt, ist es auch. Die Grundvorstellung, zwei in sich geschlossene Wertesysteme stünden sich gegenüber, ist eine Illusion. Es gibt so viele muslimische Völker und Glaubensvarianten, wie es westliche Nationen und christliche Konfessionen gibt.“ Chimelli (2009, S. 4) schia (arab.) = Partei Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 246 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 247 248 Teil D: Einfluss der Religion 4.3.3 Heilige Schriften Im Gegensatz zum maskulin dominierten Christentum versteht sich der Islam eher als „feminin“, als Religion der Barmherzigkeit. Der Islam ist keine formal organisierte Kirche wie die katholischen oder die protestantischen Kirchen, sondern vorrangig eine Gesetzesreligion. Denn es waren islamische Rechtsgelehrte, welche die Schari’a entwarfen. Schari’a Diese religiöse Pflichtenlehre umfasst zum einen den Koran und zum anderen die Sunna Hadith. Beide Schriften basieren auf den Reden und Handlungen Mohammeds und zählen nach wie vor zu den primären Quellen des islamischen Rechtssystems. Somit beziehen sich dessen noch heute maßgeblichen Präzedenzfälle auf Ereignisse, die zu Zeiten Mohammeds geschahen. Hinzu kommt, als dritter Pfeiler der islamischen Lehre, Idjma: der Konsens aller Rechtsgelehrten (vgl. Krawietz 2002). Aus Sicht der konservativen islamischen Theologie verkörpert die Schari‘a göttliches Recht, das dem vom Menschen geschaffenen Recht grundsätzlich überlegen ist und durch dieses nicht ersetzt oder verändert werden darf. Die Schari’a beeinflusst in vielen islamischen Staaten zunehmend wieder das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben. Da sich im Koran nur wenige Vorschriften und Anweisungen zu allgemeinen Rechtsfragen finden, werden Entscheidungen aller Art primär aus der Sunna abgeleitet. Deshalb sind in muslimischen Gesellschaften auch Fragen von scheinbar ausschließlichem, ökonomischem bzw. politischem Bezug zumeist untrennbar mit religiösen Prinzipien verbunden. Islamische Pflichtenlehre Aus der Schari’a ergeben sich die Grundpflichten gegenüber dem Schöpfer und den Mit men schen (vgl. Tab. 43). Schon im Diesseits sollen diese Pflichten die Gleichheit, Zusammengehörigkeit und Solidarität aller Gläubigen gewährleisten. Tab. 43: Fünf Säulen des Islam: Grundpflichten der Muslime im Überblick Schahada Wer das Glaubensbekenntnis „Es gibt keine Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Gottes“ bewusst vor anderen ablegt, dokumentiert seine Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft. Salat Das rituelle Pflichtgebet wird fünfmal täglich zu festgelegten Tageszeiten und in bestimmter Körperhaltung verrichtet. Hinzu kommen freiwillige (spontane) Gebete. Sakat Wohlhabende Muslime tragen Verantwortung für arme Menschen. Allerdings genügt es nicht, Almosen zu geben. Vielmehr haben die Armen Anrecht auf einen Teil des Vermögens der Reichen. Saum Während des Ramadan darf der gesunde Erwachsene von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang keine Nahrungsmittel, Getränke oder sonstige Genussmittel (z.B. Tabak) zu sich nehmen. Dadurch sollen Muslime einerseits verzichten lernen und Mitgefühl für Menschen, die in Not geraten sind. Andererseits dient das Fasten dem Ziel, Geduld und Selbstbeherrschung zu erlernen. Das abendliche Fastenbrechen wird häufig gemeinsam mit Nachbarn und Freunden begangen. Der Fastenmonat selbst endet mit dem „Zuckerfest“. Haddsch Jeder Muslim sollte mindestens einmal in seinem Leben nach Mekka pilgern, sofern er dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist. Die fünfte Pflicht der Muslime ist jedoch keine notwendige Voraussetzung für Erlösung. Koran (arab.) = das oft zu Lesende Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 248 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 249 4.4 Hinduismus 249 4.4 Hinduismus 4.4.1 Geschichte des Hinduismus Erst seit der Neuzeit versteht man unter Hinduismus eine Religion. Mittlerweile hat er sich als Oberbegriff für die meisten der aus Indien stammenden Lehren eingebürgert. Deren Vorläufer war die als Brahmanismus bekannt gewordene spätvedische Religion. Entstanden ist der Hinduismus ca. 1800 v. Chr. in Indien als Erfahrungs- bzw. Volksreligion. Er ist polytheistisch und wird in den einzelnen Regionen des Subkontinents und den verschiedenen sozialen Schichten der Bevölkerung höchst unterschiedlich praktiziert. Angeblich verehren die mehr als 700 Mio. Gläubigen insgesamt etwa 330 Mio. Götter. Erklären lässt sich diese ungeheure Vielzahl mit dem breiten Spektrum an Religionen, welche dem Hinduismus zugerechnet werden: • brahmanische Priesterreligionen (Sanskrit-Hinduismus), • Sektenreligionen (die bspw. Vishnu bzw. Shiva verehren), • Volks- und Stammesreligionen, die teils polytheistisch, teils animistisch sind und vielfach lokale Götter verehren, aber auch vergöttlichte Helden und Geister (vgl. Michaels 2006). Verehrt werden überdies der Affengott Hanuman sowie Naturerscheinungen wie Son ne, Mond oder Wind. Ort der kultischen Verehrung (von Bildern) eines Gottes durch Gebet oder Opfergaben ist vor allem der Tempel. 4.4.2 Welt- & Gottesbild In der Vorstellung der Hindus besteht die Welt ewig. Allerdings ist sie nicht die Wirklichkeit, sondern Trug und Schein, einem ständigen Prozess des Werdens und Vergehens unterworfen. Dabei wird eine Dualität zwischen Shiva, dem Zerstörer und Erneuerer der Welt, und Vishnu, dem Bewahrer und Versöhner der Welt, unterstellt. Zusammen mit Brahma, dem Schöpfer der Welt, bilden diese prominentesten der zahllosen Götter Indiens die Dreiheit Trimunti. Sie wird auch als dreiköpfige Gestalt dargestellt. 4.4 Hinduismus Während ihrer Zeit als Kolonialherren des indischen Subkontinents prägten die Briten für die Gesamtheit der Religionen, die damals im Einzugsbereich des Indus verbreitet waren, den Begriff „Hinduismus“. Dadurch wollte man die dort lebenden Heiden bzw. Ungläubigen als „Nicht-Christen“ oder „Nicht-Muslime“ kennzeichnen und ausgrenzen. Die Bewohner dieser Region lehnten diese Wortschöpfung jedoch ab (vgl. Schreiner 1995). Brahmane: Angehöriger der obersten Kaste und Lehrer des Veda Wie Converse et al. (2012) experimentell nachweisen, verhalten sich auch viele Angehörige des westlich-christlichen Kulturkreises so, als ob sie das Karma-Konzept verinnerlicht hätten. „Ein Teil ihrer Probanden sollte über Ereignisse mit ungewissem Ausgang schreiben, die gerade oder bald anstehen. Die anderen ließen sich lediglich über ihren Alltag aus. Nach dem Experiment wurden die Versuchsteilnehmer gefragt, ob sie für bestimmte Arbeiten im Labor zur Verfügung stehen könnten – etwa dafür, andere Probanden mit Essen zu versorgen. Resultat: Die Bereitschaft dafür stieg bei denen deutlich, die demnächst auf die Güte des Schicksals hoffen mussten.“ Wilhelm (2012, S. 14) Trimunti des Hinduismus: • Shiva • Vishnu • Brahma Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 248 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 249 250 Teil D: Einfluss der Religion Aus dem extremen Polytheismus folgt, dass der Hinduismus keine geschlossene, dogmatisch gefestigte Lehre ist. Vielmehr sind die zahlreichen, mitunter sehr heterogenen religiösen Strömungen häufig kaum miteinander vereinbar. Sichtbare Unterschiede bestehen z.B. im Gottesbild und den zu befolgenden Riten. Gemeinsam sind den hinduistischen Lehren nur einige, sehr allgemeine Grundlagen, die hauptsächlich auf die Lehre vom Karma zurückgehen. 4.4.3 Lehre von Karma & Wiedergeburt Lebensziele Gemäß der hinduistischen Vorstellungswelt wird jeder Mensch Mal für Mal wiedergeboren. Im Wesentlichen besagt die Lehre von der Wiedergeburt, dass alle Taten, die ein Mensch in seinem derzeitigen Leben begeht, nach seiner Wiedergeburt im nächsten Leben vergolten werden: Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem. Wer Gutes tut, verbessert sein Karma und wer Böses tut, verschlechtert es. Von dem als Pein erlebten „Rad der Wiedergeburten“ erlöst u.a. die Askese. Hindus erlernen sie in der Jugend, in der Brahmacharya-Phase. In der anschließenden Grihastha-Phase gilt es, sich im Berufsleben zu bewähren und seine weltlichen Pflichten zu erfüllen. Dem späten Erwachsenenalter entspricht es, sich auf den Weg nach Innen und auf die Suche nach dem Selbst zu begeben. Der Mensch verfolgt vier Lebensziele: • Dharma: Pflichten innerhalb der sozialen Hierarchie, • Artha: Besitz und materieller Wohlstand, • Kama: Liebe und sensuelle Erfüllung, • Moksa: Erlösung und Befreiung von der Welt. Verhältnis zur Natur Da jeder Mensch auch als (niederrangiges) Tier wiedergeboren werden kann, lautet das höchste Gebot, alles Lebendige zu schonen. Aus diesem Grund sind Hindus strenge Vegetarier und „verehren“ Rinder. Wie im Buddhismus ist das Verbot, Lebewesen zu verletzen oder zu töten, allerdings weniger Ausdruck einer fundamentalen Naturverbundenheit, wie bisweilen unterstellt wird, sondern hauptsächlich im Kontext der Askese bedeutsam (vgl. Pye et al. 1997). Es repräsentiert auch keine universale ethische Norm, sondern eher eine egozentrische Geisteshaltung, die vorrangig der Selbsterlösung des Asketen dient. Erst M. Gandhi hat diesem Verbot ein soziales und naturethisches Fundament gegeben. Gleichwohl findet sich schon in den ältesten indischen Schriften, den Veden, eine Sakralisierung von Naturkräften und Naturelementen (Flüsse, Berge usw.). Wie in anderen agrarischen Gesellschaften wurden diese Lebensgrundlagen als weibliche Gottheiten aufgefasst und als „Mutter“ verehrt. Daraus wiederum leitet sich die Verpflichtung ab, die Mutter zu ehren und sich für ihre Gaben dankbar zu erweisen. 4.4.4 Kastenwesen Die Brahmanen (= Priester) haben für eine gewisse „Einheit in der religiösen Vielfalt“ gesorgt. Ihnen „verdankt“ der Hinduismus auch das Kastensystem. Die „ewige Ordnung“ zementiert soziale Unterschiede zwischen den Ständen und ist deshalb sozio-ökonomisch überaus schädlich. Grundlegend sind der Glaube an die Sakralisierung: Spiri tuellreligiöse Erhöhung weltlicher (profaner) Phänomene Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 250 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 251 4.4 Hinduismus 251 Wiedergeburt und die Bedeutung von Ritualen (z.B. Verehrung des Götterbildes durch Umschreiten oder Spenden von Geld bzw. Speisen, Pilgerfahrt, rituelles Bad, periodisches Fasten, Meditation). Zusammen mit dem Ideal der Entsagung begründet die Lehre von der Reinkarnation die Ungleichheit der Menschen. Nur wenige Sekten lehnen das System der sozialen Gliederung in die vier Klassen ab (vgl. Abb. 64). Je weiter unten sich eine Klasse in der Pyramide befindet, desto weniger „rein“ ist sie. Die „Unreinen“, die Parias, gehören als Außenseiter der hinduistischen Gesellschaft keiner Kaste an. Ca. 30 % aller Hindus sind Unberührbare. Diese Grundformen des Kastenwesens werden in etwa 3.000 Untergruppen unterteilt. Daneben gibt es zahlreiche weitere Kasten, die regional begrenzt oder auch durch Vererbung des Berufs entstanden sind. Sie überlagern die alte Ordnung. Die Mehrzahl der Vorschriften und Praktiken gilt für eine bestimmte Kaste, Region oder religiöse Strömung. Die ,varnas‘ genannten Kasten grenzen die einzelnen Bevölkerungsgruppen vor allem in spiritueller Hinsicht voneinander ab. Für den Alltag sind jedoch andere soziale Kategorien bedeutsam: die ,jatis‘. Sie vereinen Angehörige derselben Berufsgruppe. In beiden Fällen ist die Zugehörigkeit zu diesen Gemeinschaften unveränderlich und durch Geburt bestimmt (vgl. Biswas/Pandey 1996). ,Jatis‘ beschränken sich oft auf eine bestimmte Region. Ihre Mitglieder pflegen untereinander enge Beziehungen und heiraten nur untereinander – nach außen grenzen sie sich ab. Abb. 64: Gesellschaftsstruktur gemäß der hinduistischen Lehre Brahmanen (Priester) Kschatrijas (Könige, Krieger) Waischjas (Kaufleute, Bauern, Handwerker) Schudras (Arbeiter, Knechte) Paria (Kastenlose) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 250 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 251 252 Teil D: Einfluss der Religion Große Bedeutung messen Hindus der (rituellen) Reinheit bei. Nur wer sauber ist, dessen Gebete und dessen Opfergaben werden erhört. Da die Menschen nach dem Grad ihrer Reinheit hierarchisch geordnet sind, kann der Kontakt mit Niederrangigen zur Verunreinigung führen – derer man sich durch aufwändige Reinigungsrituale entledigen muss. Körperlicher Kontakt wird daher oft vermieden, insb. dann, wenn der „Reinheitsstatus“ des Gegenübers ungeklärt, erst recht, wenn er niedriger ist. Den höchsten Status haben die Brahmanen, weshalb man unter Köchen viele Brahmanen findet. Denn was Ranghöchste gekocht haben, kann jeder Hindu verzehren, ohne Gefahr zu laufen, sich zu verunreinigen. 4.5 Buddhismus 4.5.1 Geschichte des Buddhismus Seinen Namen verdankt der Buddhismus dem „Erwachten“ bzw. „Erleuchteten“: G. Siddhartha (560–480 v.Chr.). Gegenstand der Erleuchtung des Religionsstifters war die Erkenntnis, dass alles Irdische Illusion ist und von Leid erfüllt. Ursache des Leids ist die Begierde. Der Buddhismus war eine Reformbewegung und richtete sich anfänglich gegen das auf dem indischen Subkontinent etablierte Kastensystem sowie die dadurch zementierte Vorherrschaft der Brahmanen. G. Siddhartha brach zwar mit der religiösen Autorität der Veda, nicht jedoch mit deren Lehre von der Wiedergeburt. Während das Christentum eher in Wahr-/Falsch-Kategorien denkt („Deine Rede sei ja, ja und nein, nein – was darüber ist, ist vom Übel“), fordert der Buddhismus Toleranz und Anpassungsfähigkeit (vgl. Mutz 1996, S. 8). Deshalb bekämpfte er weder den Brahmanismus noch andere Lehren bzw. Religionen, sondern akzeptierte sie als bedingt gültige Ausdrucksweisen transzendenter Erfahrung bzw. als Vorstufen einer umfassenden Wahrheit. Da sich alles Irdische in einem ewigen Kreislauf wiederhole, habe es schon vor Buddha Welterleuchter gegeben. Und nach ihm werden wieder neue Buddhas auftreten. Der Buddhismus hat andere Lehren bzw. Religionen nicht nur toleriert, sondern sich mit manchen von ihnen auch vermischt. So ging aus der Begegnung mit dem Animismus der Volksbuddhismus der Vietnamesen hervor. In Ostasien verband sich Buddhismus, der dort für das Verhältnis der Gläubigen zum Jenseits „zuständig“ ist, mit dem Konfuzianismus, der das soziale Leben regelt und Normen für die diesseitige Lebensführung vorgibt (vgl. Kap. D-4.6). In den südostasiatischen Ländern (z.B. südliche Khmer-Regionen Vietnams, Thailand, Laos, Burma und Kambodscha) wird der orthodoxe Hinayana-Buddhismus praktiziert. Dessen bedeutendste Strömung („Theravada“) verknüpft eine religiöse Lebensweise und die damit einhergehenden, tendenziell leistungsfeindlichen Normen mit konfuzianischen Ordnungsvorstellungen. Je nachdem, welche Lehre die Oberhand gewinnt, kann sich die jeweilige Symbiose hemmend oder förderlich auf das politische bzw. wirtschaftliche Handeln auswirken. An den zahllosen Ahnenschreinen kann jeder Thailand-Reisende die Toleranz des Buddhismus erkennen. Denn obwohl 94 % der Thais sich zum Theravada- 4.5 Buddhismus Buddha (Sanskrit) = der Erwachte, Erleuchtete Veda: Sammlung der religiösen Schriften des Hinduismus. Theravada: Lehre der Ordens- älteren Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 252 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 253 4.5 Buddhismus 253 Buddhismus bekennen, bestimmen nach wie vor die ursprünglich animistischen Rituale – wie die Ahnenverehrung – das tägliche Leben insb. der Dorfbevölkerung (vgl. Bechert/Gombrich 2008). Ahnenverehrung Ihren Höhepunkt findet die Ahnenverehrung zwischen dem 13. und dem 20. April, anlässlich der Neujahrsfeierlichkeiten (,songkran‘). Dann „holen die buddhistischen Familien die sterblichen Überreste ihrer Verwandtschaft aus den Ahnenschreinen heraus und bringen sie in den Tempel. Hier beten die Angehörigen gemeinsam mit den Mönchen für das Wohlergehen der Verstorbenen und eine gute Wiedergeburt. Mönche, die als Vermittler zwischen den Lebenden und den Toten gelten, legen die Opfergaben der Angehörigen vor den Schreinen nieder. Zu den wichtigsten Gaben gehören Reis, Süßigkeiten, Wasser, Betelnussblätter und Blumen. Stets werden Kerzen und Räucherstäbchen vor den Schreinen entzündet. Die Opfergaben spielen eine herausragende Rolle. Zum einen dienen sie dazu, die Ahnen zu versorgen, damit es ihnen an nichts fehlt, zum anderen sammeln die Menschen durch das Darreichen der Gaben an die Ahnen und Mönche Verdienst (,bun‘) an, welches sich positiv auf ihre eigenes Karma sowie das Karma der Verstorbenen auswirkt.“ Pein (2007) 4.5.2 Welt- & Menschenbild Ein Auszug aus den Reden Buddhas genügt, um die Verneinung der Welt als das Besondere seiner Lehre zu erkennen: „Die Geburt ist schmerzhaft, das Alter ist schmerzhaft, die Krankheit ist schmerzhaft, der Tod ist schmerzhaft, Leiden, Klagen, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung sind schmerzhaft. Die Berührung mit unangenehmen Dingen ist schmerzhaft, mit Unlieben vereint und von Lieben getrennt sein, ist schmerzhaft. Kurz, das Festklammern am Dasein ist schmerzhaft.“ Zum Umgang der Menschen untereinander gab Buddha, in Anknüpfung an einen Gebetsritus der Brahmanen, eine „sechsfache Erläuterung“. Hierzu zählen u.a. die Lehre über die Beziehung von Lehrern und Schülern sowie die Lehre über die hierarchischen Beziehungen (zwischen Herr und Knecht, zwischen König und ⇒ Volk). Sie ähneln entsprechenden konfuzianischen Thesen. Demnach hat der Untergebene u.a. die Pflicht, ihm übertragene Aufgaben zu erfüllen und Kollegen zu helfen. Hierarchisch Höherstehende wiederum sind zu Fürsorge und kooperativem Führungsstil verpflichtet. Entscheidungen werden angesichts einer als äußerst komplex wahrgenommenen Realität überwiegend intuitiv gefällt. 4.5.3 Grundzüge der Lehre Pfad der Wahrheit Wesentlich für den Buddhismus sind die vier edlen Wahrheiten: das Leiden, die Entstehung des Leidens, die Vernichtung des Leidens und der edle, achtteilige Pfad der Wahrheit. Er führt zur Überwindung des Leidens u.a. durch rechtes Denken, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat und rechtes Sichversenken. Gemäß der buddhistischen Lehre ist der Einzelne in einem leidvollen ewigen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt gefangen (,samsara‘). Daraus kann sich nur befreien und ins ,nirwana‘ gelangen, wer die Flamme des Karma zum Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 252 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 253 254 Teil D: Einfluss der Religion Erlöschen bringt: d.h. das Leiden überwindet. Um den „Durst nach dem Dasein“ – die Lebensgier – zu löschen, muss der Gläubige den Pfad der Wahrheit beschreiten. Am Ende dieses Weges und mit Hilfe von Bodhisattva steht das Verlöschen der Seele (,atman‘) im ,nirwana‘. Das Yin-/Yang-Zeichen symbolisiert die Verschmelzung von ,samsara‘ und ,nirwana‘. Zur Selbsterlösung, dem zentralen Ziel der buddhistischen Ethik, führen weiterhin die Tugenden Gewaltlosigkeit, mitleidige Liebe und Enthaltsamkeit. Nach seinem Tod verliert der Mensch zwar seine Gestalt. Die karmischen Kräfte der „fünf Gruppen des Ergreifens“ (Körper, Empfindung, Wahrnehmung, Willensgestaltung und Bewusstsein), aus denen der Einzelne besteht, formen aber ein neues Individuum. Dieses kann sechs Wesensarten annehmen (z.B. Mensch, himmlisches Wesen, Dämon oder Tier). Je nachdem, welche Taten im vorangegangenen Leben begangen wurden, wird auch die neue Existenz vom Leid geprägt sein (vgl. Pye 1995, S. 175 f.). Buddhistische Ethik Der Religionsstifter hat diverse Regeln und Gebote für den Umgang mit den übrigen Lebewesen aufgestellt. Das Gebot des Nichtverletzens etwa fordert, weder Mensch noch Tier ein Leid zufügen und ihnen mitfühlend zu begegnen. Triebfeder dieser Gebote sind allerdings weder Naturverehrung noch das Ziel, die Natur zu bewahren. Denn … • die Natur gilt dem Buddhismus seit jeher teils mehr (= indischer Buddhismus), teils weniger (= ostasiatischer Buddhismus) als etwas eher Feindseliges bzw. Leidvolles. • das Gebot, Tiere nicht zu töten, ist nicht Ausdruck von Tierliebe, sondern von Mitleid mit dem Individuum, Angst vor den karmischen Folgen der Tat für den Schlächter sowie Furcht vor „moralischer und sinnlicher Abstumpfung des Täters“ (Pye et al. 1997, S. 3). Letztlich beruhen die idealisierenden Vorstellungen, welche sich viele Angehörige des westlichen Kulturraumes vom Umweltbewusstsein des Buddhismus machen, auf einem Missverständnis. Tatsächlich war für den frühen Buddhismus die Verneinung der Welt charakteristisch. Die Natur und mit ihr der Mensch wurden als Sphäre des Leidens und der Vergänglichkeit betrachtet, geschaffen durch „Gier und Verblendung“ (Pye et al. 1997, S. 3). Deshalb gelte es, die Natur zu überwinden, und nicht, mit ihr im Einklang zu leben. Wie der einzelne Buddhist danach strebt, im Nirvana aufzugehen, so ist auf der kosmischen Ebene das höchste Ziel das Verlöschen des Universums. 4.6 Konfuzianismus Die auf Konfuzius zurückgehende Philosophie bzw. Staats- und Gesellschaftslehre hat den ostasiatischen Raum nachhaltig beeinflusst. Obwohl der Konfuzianismus religionswissenschaftlich betrachtet keine Religion ist, wird er hier behandelt, weil er in wichtigen Lebensbereichen für die ostasiatischen Gesellschaften eine religionsähnliche Funktion erfüllt. Bodhisattva: Nach Erleuchtung und Tugendhaftigkeit strebende Wesen. 4.6 Konfuzianismus Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 254 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 255 4.6 Konfuzianismus 255 4.6.1 Grundlagen Im Mittelpunkt der Staats- und Morallehre, die vereinfachend als Konfuzianismus bezeichnet wird, steht das Streben nach Stabilität und Ordnung. Mehr noch: nach Stabilität durch Ordnung. Das traditionelle Japan zählt zu jenen ostasiatischen Gesellschaften, die entscheidend von den konfuzianischen Werten geprägt sind. Neben dem Streben nach Harmonie (z.B. durch Gesicht wahren) sind dies unbedingte Loyalität der hierarchisch Untergeordneten und Verpflichtung der hierarchisch Übergeordneten zur Fürsorge. Im modernen Japan haben diese Prinzipien entscheidend an Verbindlichkeit verloren, wie sich an dem Prinzip der lebenslangen Beschäftigung zeigen lässt. Es war zentraler Bestandteil der traditionellen japanischen Managementlehre im Allgemeinen und des Humanprinzips im Besonderen. Als die Unternehmen sich angesichts der Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre jedoch nicht mehr in der Lage sahen, ihrer Fürsorgepflicht gerecht zu werden, versuchten sie, das Problem auf japanische Weise zu „lösen“: Sie instrumentalisierten die zentrale moralische Kategorie der japa ni schen Gesellschaft: die Scham der Menschen. Damit der Mythos von der lebenslangen Beschäftigung gewahrt werden konnte, mussten die Entlassungskandidaten „freiwillig“ das Unternehmen verlassen. Viele wählten als Alternative zum gesellschaftlich geächteten Arbeitsamt eine Lebenslüge: Der arbeitslose Arbeitsgänger, der Gesichtsverlust mehr fürchtet als Einkommensverlust und seine Arbeitslosigkeit mit allen Mitteln vor der Gemeinschaft verbirgt – im Extremfall durch Selbstmord (vgl. Köhler 1999c). 4.6.2 Neokonfuzianismus Die mit Elementen der buddhistischen Lehre verschmolzene Fortentwicklung des klassischen Konfuzianismus wird als Neokonfuzianismus bezeichnet. Er setzte sich ungefähr 1.000 n. Chr. in Ostasien durch und wurde in einigen Ländern staatstragende Ideologie (z.B. 1392–1910 in Korea, während der Li-Dynas tie). Während gemäß der Protestantismus-These (vgl. Kap. D-5.2.2) „harte Arbeit“ den Weg zur sog. Gnadengewissheit ebnet, erlangt der neokonfuzianischen Sittenlehre zufolge der Einzelne durch Fleiß und Leistungsbereitschaft Gewähr, dass er seiner Familie keine Schande bereitet. Dies wiederum erklärt, warum in diesen Gesellschaften Leistungsorientierung als Wert an sich gilt, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Überdies verpflichtet der Ahnen- bzw. Familienkult den Einzelnen dazu, für seine Eltern und Großeltern, seine Kinder und für sich selbst zu sorgen, weshalb Familien wichtige Entscheidungen langfristig planen müssen und sich in ihrer Zukunftsvorsorge nicht auf die anonyme Gesellschaft verlassen können. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 254 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 255 5 Leistungs- & Wirtschaftsethik Aufgrund ihrer theologischen Divergenzen formulierten die Weltreligionen grundlegend unterschiedliche Wirtschaftsethiken, d.h. ökonomische Theorien der Moral (vgl. Homann/Lütge 2013). „Je nachdem, welche Stellung sie dem Menschen im Kosmos und in der Welt zuwiesen, „entwickelten sie entweder … • Ethiken der Weltdistanz, Weltablehnung und Weltflucht oder • Ethiken der aktiven Aneignung, Umgestaltung und Beherrschung der Welt“ (Graf 2007). 5.1 Jüdische Wirtschaftsethik Während das frühe Christentum Armut verherrlicht, heißt es im Deuternomium, dem 5. Buch Mose: „Es solle überhaupt kein Armer unter Euch sein.“ Dies deutet auf eine erfolgs- und leistungsorientierte Wirtschaftsethik hin. Bei näherer Betrachtung allerdings entfaltet sich ein in sich widersprüchliches Bild. Der arbeitende Mensch gilt als Ebenbild Gottes, des Schöpfers, der – durchaus in einem handwerklichen Sinn – die Welt erschaffen hat. Als ethisch motivierter Verhaltenskodex regeln die mündliche und die schriftliche Thora das gesamte Leben. Ihre teilweise höchst konkreten Verhaltensvorschriften betreffen auch das Arbeitsleben, wobei naturgemäß der Primäre Sektor (d.h. Ackerbau und Viehzucht) im Mittelpunkt der Betrachtung steht. So schreibt die Halacha in Kap. 189 vor, wie das Auf- und das Abladen zu bewerkstelligen sind. Das Leitbild der jüdischen Wirtschaftsethik ist egalitär und darauf ausgerichtet, dem Einzelnen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Denn er ist das Ebenbild Gottes. Dem Ziel eines würdevollen Lebens dienen u.a. … Wirtschaftsethik: Beurteilung wirtschaftlichen Handelns nach Maßgabe moralischer Kriterien. 5.1 Jüdische Wirtschaftsethik Inhaltsverzeichnis 5.1 Jüdische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 5.2 Christliche Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 5.2.1 Katholische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 5.2.2 Protestantische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 5.2.3 Orthodoxe Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 5.3 Islamische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 5.4 Hinduistische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 5.5 Buddhistische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 5.6 Konfuzianische Wirtschaftsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 5.6.1 Asiatische Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 5.6.2 Konfuzianismus-These . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 5.6.3 Neokonfuzianismus-These . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 256 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 257

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References

Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.