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1 Einführung in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 229 - 231

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_229

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Te il D Teil D: Einfluss der Religion Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 225 1 Einführung Neben der Sprache beeinflusst hauptsächlich die Konfession der Wohnbevölkerung die Landeskultur (vgl. Huntington 1996, S. 99) und damit die verschiedenen Erscheinungsformen interpersoneller und kommerzieller Kommunikation. Beide, Religion wie Landeskultur, definieren, welches Verhalten in welchem Kontext „richtig“ ist, allerdings aus unterschiedlicher Perspektive. • Religion = der explizite, d.h. kanonisch definierte Konsens einer ⇒ Gesellschaft darüber, was sie als „richtiges Verhalten“ ansieht, • Landeskultur = der implizite Konsens einer Gesellschaft darüber, was sie als „richtiges Verhalten“ ansieht (vgl. Hoffmann/Härle 1992). Dies erklärt, warum es aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Sicht so schwer fällt, zwischen „Kultur“ und „Religion“ eindeutig zu unterscheiden. Denn formal gesehen lassen sich beide als Kanon spezifischer, von einer Gemeinschaft von Menschen geteilter Werte begreifen. Hinzu kommt, dass es die psychologische Funktion von Religionen ist, die in einer Gesellschaft maßgeblichen Werte zu legitimieren und so den Gläubigen Stabilität und Sicherheit zu vermitteln (vgl. Vivelo 1995, S. 256 f.). Auch andere Funktionen erfüllen Kultur und Religion gleichermaßen: Beide … • integrieren den Einzelnen in die Gemeinschaft der Gläubigen bzw. derer, die in einer bestimmten Weise sozialisiert wurden (= Zugehörigkeits- und Identitätsfunktion) • stiften Sinn (= Bedeutungs- und Sinnfunktion; vgl. Kap. D-2.1.1). Religionen beeinflussen nachhaltig die Überzeugungen (,beliefs‘), Werte (,values‘) und Einstellungen (,attitudes‘) der Gläubigen. Zwar fördert ökonomische Entwicklung Moderni sierung im Allgemeinen und Rationalität, Toleranz, Partizipation sowie Vertrauen in die staatlichen Institutionen im Besonderen. Es wäre jedoch falsch, diesen kulturellen Wandel als einen generellen Bedeutungsverlust der traditionellen Werte zu begreifen. Denn „the broad cultural heritage of a society – Protestant, Roman Catholic, Orthodox, Confucian, or Communist – leaves an imprint on values that endures despite modernization” (Inglehart/Baker 2000). Vor allem bei solchen Personen, die sich zu ihrer Konfession und deren Werten öffentlich bekennen, beeinflusst die religiöse Identität auch das Alltagsverhalten (vgl. Coşgel/Minkler 2004). Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht der Einfluss der Weltreligionen auf das Kommunikationsgeschehen. Dies sind zunächst die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, sodann der Hinduismus (= polytheistische Religion) und der Buddhismus (= atheistische Religion). Obwohl er keine Religion ist, sondern eine Staats- und Gesellschaftslehre, wird schließlich auch der Konfuzianismus behandelt. Denn im ostasiatischen Raum erfüllt er in vielerlei Hinsicht religionsähnliche Funktionen. 1 Einführung Teil D: Einfluss der Religion „Wie hältst du es mit der Religion? Die Antwort auf die Gretchenfrage trennt Amerika von Europa. Und die Kluft wird immer breiter.“ Harprecht (2002) Commitment: Innere Bindung an und öffentliches Bekenntnis zu etwas. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 226 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 227 2 Religion & Religionszugehörigkeit 2.1 Theoretische & begriffliche Grundlagen 2.1.1 Religion Definitionen Umgangssprachlich wird der Glaube, welchen eine Gemeinschaft von Menschen teilt und zu welchem sie sich bekennt, als Religion bezeichnet. Die Religionswissenschaften aber haben, entsprechend der jeweiligen Zielsetzung und ihrem theoretischem Hintergrund, eine Vielzahl von Definitionen formuliert. • Institutionelle Definitionen beschreiben und kategorisieren Religionen nach Maßgabe von Art und Intensität ihrer Bindung an bestimmte Organisationsformen. • Substanzielle Definitionen beschreiben und kategorisieren Religionen aufgrund ihrer Glaubenssätze, Symbole und rituellen bzw. kultischen Verhaltensweisen. • Funktionale Definitionen orientieren sich nicht am „Wesen“ einer Religion, sondern an deren Aufgaben und Leistungen. Der funktionale Ansatz steht im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen. Funktionen von Religionen Zugehörigkeits- bzw. Identitätsfunktion. Welche sakralen Überzeugungen, Ritu ale und Praktiken sind für eine Konfession charakteristisch und grenzen sie sichtbar von anderen Konfessionen ab (vgl. Durkheim 1994)? Bedeutungs- und Sinnfunktion. Religionen vermitteln den Gläubigen Orientierung und grundlegende Einsicht in die Bedeutung des Lebens. Sie stiften Lebenssinn (vgl. Hansen/Bode 1999, S. 90). 2.1 Theoretische & begriffliche Grundlagen Inhaltsverzeichnis 2.1 Theoretische & begriffliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 2.1.1 Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 2.1.2 Konfession . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 2.1.3 Religiosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 2.1.4 Säkularisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 2.2 Religionsphänomenologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 2.2.1 Stammesreligionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 2.2.2 Animismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 2.2.3 Welt- & Kulturreligionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 2.2.4 Mystische Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 2.2.5 Volksfrömmigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 228 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 229

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Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.