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Grundbegriffe der Unternehmensführung in:

Ralf Dillerup, Roman Stoi

Unternehmensführung, page 16 - 25

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4592-3, ISBN online: 978-3-8006-4593-0, https://doi.org/10.15358/9783800645930_16

Bibliographic information
1. Grundlagen der Unternehmensführung In fo rm ati on normativ strategisch operativ OrganisationPlanung & Kontrolle Personal 1.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1.1.1 Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1.1.2 Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 1.1.3 Unternehmensführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.2 Theorien der Unternehmensführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 1.2.1 Industrieökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.2.2 Ressourcenorientierter Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1.2.3 Neue Institutionenökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 1.2.4 Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.2.5 Evolutionstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 1.3 System der Unternehmensführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 1.3.1 Führungsebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 1.3.2 Führungsprozess und -funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 1.3.3 Integriertes Führungssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3 11.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung 1.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung Leitfragen ▪ Was ist ein Unternehmen? ▪ Was ist Führung? ▪ Was ist Unternehmensführung? 1.1.1 Unternehmen Es gibt eine Vielzahl von Definitionen eines Unternehmens. Diese unterscheiden sich durch unterschiedliche theoretische Perspektiven, unter denen ein Unternehmen betrachtet wird. So kann es z. B. als System, rechtliches Gebilde oder Ansammlung von Ressourcen und Fähigkeiten angesehen werden (vgl. Kap. 1.2). Jeder dieser Aspekte kann für die Beantwortung einzelner Fragestellungen hilfreich sein. Die Bestimmung des Begriffes Unternehmen beginnt deshalb mit der Entstehung von Unternehmen (vgl. Kieser/Walgenbach, 2010, S. 4 ff.): ◾ Altertümliche Gesellschaften der Frühgeschichte entwickelten bereits Hierarchien. An deren Spitze standen z. B. Stammesälteste oder Heerführer. Diese Hierarchien waren meist durch verwandtschaftliche Strukturen geprägt. Bis ins frühe Mittelalter waren Herrenhöfe dominierende Institutionen. Beispielsweise gehörten bei den Germanen unfreie Bauern und das Gesinde zum Besitz des Grundherrn. Die Arbeiter des Herrenhofs konnten nur zusammen mit dem Land verkauft bzw. zu Lehen gegeben werden. ◾ Mittelalterliche Zünfte betrieben gewerbliche Produktion und versorgten Dritte mit ihren handwerklichen Produkten und Dienstleistungen. Sie regelten neben der Leistungserstellung aber auch andere Lebensbereiche. Sie bildeten daher eine soziale Schicht, ohne die Möglichkeit eines freiwilligen Ausscheidens oder dem Wechsel in eine andere Zunft. ◾ Gesellschaften der Fernhandelskaufleute waren die ersten Unternehmen Europas. Als Pionier gilt die 1380 gegründete Große Ravensburger Gesellschaft. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts gab es nur wenige solcher Organisationen, die sich meist auf den Handel beschränkten. Einzelne Kaufleute konnten solchen Gesellschaften beitreten und diese auch wieder verlassen. Sie konnten entscheiden, ob sie ihre Geschäfte über die Gesellschaft abwickeln. Einige brachten neben Kapital ihre Arbeitskraft ein, während andere eher stille Gesellschafter waren. ◾ Verlage und Manufakturen waren die ersten Unternehmen der gewerblichen Herstellung von Produkten für den Fremdbedarf. Ihre Ausbreitung begann im 18. Jahrhundert. Mit der Entstehung von Arbeits- und Kapitalmarkt entwickelten sich spezialisierte Institutionen, die sich ausschließlich auf ökonomische Aufgaben konzentrierten. Unter rechtlich zuverlässigen Rahmenbedingungen konnten sich zwischen diesen Verlagen, Manufakturen und Händlern Marktmechanismen entwickeln. Entstehung von Unternehmen Marktwirtschaft Grundlagen der Unternehmensführung 4 1 Im Laufe der Zeit konnten sich Unternehmen auf diesen Märkten durchsetzen, da sie flexibler und effizienter entscheiden konnten. Sie konzentrieren sich auf die planvolle und rationale Bedürfnisbefriedigung und orientieren sich am ökonomischen Prinzip. Dieses kommt in folgenden Ausprägungen vor (vgl. Dillerup, 2009a, S. 31; Wöhe/Döring, 2010, S. 2): ◾ Maximalprinzip: Erwirtschaftung des maximalen Güterertrags mit gegebenem Aufwand. ◾ Minimalprinzip: Erbringung eines definierten Güterertrags mit minimalen Einsatzfaktoren. ◾ Optimumprinzip: Erwirtschaftung eines möglichst günstigen Verhältnisses zwischen Gütermenge und Einsatzfaktoren. Unternehmen in diesem Sinne weisen folgende gemeinsame Elemente und Merkmale auf (vgl. Dillerup, 2009a, S. 32 f.; Hummel/Zander, 2008, S. 1; Thommen, 2008, S. 627 f.): ◾ Ziele: Ein Unternehmen verfolgt dauerhafte Ziele. So haben Stahlproduzenten z. B. eine jahrhundertealte Tradition. Im Gegensatz dazu verfolgen z. B. Bürgerinitiativen für besseren Hochwasserschutz ebenfalls Ziele, welche jedoch keine Basis für eine auf lange Zeit eingerichtete Organisation sind. – Zielgerichtet: Menschen arbeiten in einem Unternehmen zweckbezogen zusammen, um Ziele zu erreichen. Daran richten sich die Aktivitäten und ihre Mitglieder aus. Hinsichtlich der Gewinnerzielungsabsicht wird zwischen gemeinnützigen und erwerbswirtschaftlichen Unternehmen unterschieden. – Teilautonom: Unternehmen legen ihre Ziele innerhalb bestimmter Grenzen bis hin zur Entscheidung über die Selbstauflösung selbst fest. Diese Selbstständigkeit erfordert Eigeninitiative, Verantwortung und die Übernahme wirtschaftlichen Risikos. ◾ Mitglieder: Ein Unternehmen besteht aus Eigentümern, Führungskräften und Mitarbeitern. Diese Mitglieder arbeiten gemeinsam auf die Erreichung der Unternehmensziele hin. Das Unternehmen basiert auf vertraglichen Beziehungen: Eigentümer begründen durch Verträge ein Unternehmen und legen damit den Rechtsmantel fest. Sie oder eine von ihnen eingesetzte Unternehmensführung regeln in Arbeitsverträgen das Verhältnis zu den Mitarbeitern. – Hierarchisch: Die Mitarbeiter begeben sich in eine Abhängigkeit und akzeptieren ein Direktionsrecht des Arbeitgebers. Damit wird eine hierarchische Beziehung begründet, welche die Ausrichtung auf die Unternehmensziele ermöglicht. – Sozial: Die Zusammenarbeit von Menschen in Gruppen und Teilsystemen macht ein Unternehmen zu einem sozialen System (vgl. Ulrich, 2001, S. 157 f.; Kap. 1.2.3). ◾ Aktivitäten: Vertraglich bringen die Mitglieder ihre Arbeitskraft oder Kapital in das Unternehmen ein und verpflichten sich zur Ausführung bestimmter Handlungen. Sie werden aber nicht Bestandteil des Unternehmens, wie dies bei sozialen Schichten wie z. B. Zünften der Fall war. Unternehmen werden dadurch gezwungen, die Leistungen ihrer Mitarbeiter so zu präzisieren, dass die Unternehmensziele möglichst gut erreicht werden. – Produktiv: Unternehmen sind auf die Erstellung von Leistungen gerichtet. Durch die Transformation von Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Betriebsmittel) erzeugen sie eine Wertschöpfung (vgl. Gutenberg, 1984, S. 1). Während Haushalte nur ihren Eigenbedarf decken, erstellen die Unternehmen Leistungen für Dritte und betreiben damit Fremdbedarfsdeckung. Ökonomisches Prinzip Ziele Mitglieder Aktivitäten 5 11.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung – Offen: Da Unternehmen nicht den eigenen, sondern fremden Bedarf decken, stehen sie in vielfältiger Weise zum Absatzmarkt und anderen Bereichen ihrer Umwelt in Beziehung. Da sie somit über ihre Systemgrenzen hinaus aktiv sind, werden sie als offene Systeme bezeichnet. Diese drei Elemente und ihre Merkmale beschreiben ein Unternehmen. In einer systemorientierten Denkweise (vgl. Kap 1.2.3) bestehen Unternehmen aus einer Vielzahl an Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern, Zielen und Aktivitäten. Diese Beziehungen sind laufenden Veränderungen unterworfen. Somit sind Unternehmen Systeme aus vielen verschiedenen Elementen, die sich im Zeitablauf ändern. Sie werden daher als komplexe Systeme bezeichnet. Ein Unternehmen ist ein komplexes System aus Zielen, Mitgliedern und Aktivitäten. Es strebt die Erreichung von Zielen an, die es zuvor weitgehend autonom festlegt. Seine Mitglieder bilden ein hierarchisches soziales System, welches auf die produktive Erbringung von Leistungen im offenen Austausch mit der Unternehmensumwelt gerichtet ist. ! Unternehmen gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen. Beispiele sind Dienstleistungsunternehmen, Krankenhäuser, Hochschulen, Verwaltungen oder Industrieunternehmen. Um deren Besonderheiten zu berücksichtigen, haben sich spezifische Betriebswirtschaftslehren mit unterschiedlichen Geltungsbereichen gebildet. Zur Klassifikation von Unternehmen werden folgende Kriterien herangezogen (vgl. Kieser/ Walgenbach, 2010, S. 26): ◾ Ziele – Privatwirtschaftliche Unternehmen bzw. erwerbswirtschaftliche oder ökonomische Unternehmen verfolgen die Absicht, Gewinn zu erzielen. Dies ist für selbstständige Organisationen erforderlich, um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu gewährleisten. – Gemeinnützige Unternehmen bzw. Non-Profit-Unternehmen setzen sich andere Ziele. Im Vordergrund steht die Erfüllung eines gemeinnützigen Zwecks, wie z. B. kommunale Versorgungsunternehmen oder Behindertenwerkstätten. ◾ Sektoren und Branchen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Unternehmen ergeben sich vor allem aus ihrem Tätigkeitsbereich. Daher ist eine Unterscheidung nach Privatwirtschaftliche & gemeinnützige Ziele Unternehmen Ziele Mitglieder Aktivitäten ■ zielgerichtet ■ teilautonom ■ produktiv ■ offen ■ hierarchisch ■ sozial Abb. 1.1.1: Elemente und Merkmale eines Unternehmens Grundlagen der Unternehmensführung 6 1 Sektoren bzw. Branchen üblich. Beispiele sind Verkehrsbetriebe, IT-Unternehmen oder Maschinenbau-Unternehmen. In einer groben Branchengliederung werden folgende Unternehmenstypen unterschieden: – Sachleistungsunternehmen produzieren materielle Güter. Solche Industrie- und Handwerksunternehmen können weiter nach der Erzeugungsstufe unterteilt werden. Gewinnungsunternehmen erzeugen Rohstoffe und Veredelungs- und Verarbeitungsunternehmen stellen Endprodukte her. – Dienstleistungsunternehmen produzieren immaterielle Güter. Dienstleistungen sind nicht lagerbar, kaum übertragbar und benötigen zur Erbringung einen Kunden. ◾ Rechtsformen: Da die Aktivitäten eines Unternehmens über Verträge geregelt werden, wird häufig die Rechtsform als Unterscheidungsmerkmal für Unternehmen herangezogen. So kann z. B. nach Einzelunternehmen, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommanditgesellschaften, Aktiengesellschaften, öffentlichen Betrieben oder Genossenschaften unterteilt werden. Häufig wird auch von mittelständisch geprägten Unternehmen gesprochen, wobei weniger die Größenklasse gemeint ist, sondern vielmehr Unternehmen mit persönlicher Haftung der Unternehmensführung. Dies trifft z. B. für eigentümergeführte Unternehmen zu, welche aufgrund ihrer Rechtsform, der Haftung und der engen Verbindung zum Unternehmen in besonderer Weise unternehmerisch geführt sind. ◾ Größe: Sie wird meist an den Kriterien Umsatz, Beschäftigtenzahl und z. T. auch der Bilanzsumme gemessen. So definiert die Europäische Union seit 2005 Unternehmen nach den Größengrenzen Beschäftigte und Umsatzerlös oder Bilanzsumme. Das deutsche Handelsgesetzbuch unterteilt Kapitalgesellschaften nach § 267 HGB. Dabei dürfen mindestens zwei der drei Merkmale Beschäftigte, Umsatz und Bilanzsumme an den Abschluss-Stichtagen von zwei aufeinander folgenden Geschäftsjahren nicht überschritten werden. Aufgrund der Verwendung unterschiedlicher Kriterien ist die Zuordnung jedoch nicht immer eindeutig. Sehr häufig wird daher die Einteilung des Instituts für Mittelstandsforschung (vgl. Brink/Wallau, 2011) herangezogen, die nur auf den zwei Kriterien Beschäftigte und Umsatz basiert. Sach- und Dienstleistungsunternehmen Rechtsformen Größenkriterien Kleine, mittlere und große Unternehmen Größenklassen Kriterien Europäische Union Deutsches HGB § 267 Institut für Mittelstandsforschung Kleinstunternehmen Beschäftigte ≤ 10 Umsatz ≤ 2 Mio. € Bilanzsumme ≤ 2 Mio. € Kleine Unternehmen Beschäftigte 10 bis 49 ≤ 50 ≤ 10 Umsatz 2 bis 10 Mio. € ≤ 9,68 Mio. € ≤ 1 Mio. € Bilanzsumme 2 bis 10 Mio. € ≤ 4,84 Mio. € Mittelgroße Unternehmen Beschäftigte 50 bis 249 50 b is 250 10 bis 499 Umsatz 10 bis 49,9 Mio. € 4,85 bis 38,5 Mio. € 1 bis 49,9 Mio. € Bilanzsumme 10 bis 43 Mio. € 4,84 bis 19,25 Mio. € Große Unternehmen Beschäftigte > 250 > 250 > 500 Umsatz > 50 Mio. € > 19,25 Mio. € > 50 Mio. € Bilanzsumme > 43 Mio. € > 19,25 Mio. € Abb. 1.1.2: Elemente und Merkmale eines Unternehmens 7 11.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung Neben der reinen Größenunterscheidung wird häufig auch zwischen Großunternehmen und den Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) unterschieden. Großunternehmen erfahren viel Beachtung, was auch durch deren Umsatzanteil von rund 66 Prozent in Deutschland gerechtfertigt ist. Die überwiegende Zahl von 99,3 Prozent der Unternehmen gehört jedoch zu den KMU. Sie haben lediglich einen Anteil am Gesamtumsatz von 34 Prozent, aber einen Beschäftigungsanteil von rund 61 Prozent. Die Bedeutung der KMU ist somit insbesondere als Arbeitgeber sehr hoch. Darüber hinaus werden KMU häufig auch vereinfachend mit den eigentümergeführten Unternehmen gleichgesetzt. Diese zeichnen sich durch schnelle Entscheidungen, flache Hierarchien und i. d. R. Haftung der Eigentümer aus. Auch Großunternehmen können durch Eigentümerfamilien dominiert werden, wie z. B. die BMW-Gruppe von den Familien Quandt und Klatten oder die Würth-Gruppe von der Familie Würth. Eigentümergeführte Unternehmen sind jedoch die häufigste Form von KMU’s. Deshalb werden sie auch oft als deutscher Mittelstand bezeichnet. Umgangssprachlich werden die Begriffe Betrieb und Unternehmen meist synonym verwendet. Die Unterscheidung ist z. B. aufgrund des Gesellschafts- und Mitbestimmungsrechts erforderlich, da zwischen Unternehmens- und Betriebsverfassung differenziert wird. Betriebe sind ein Überbegriff für eine wirtschaftliche Einheit, die sowohl in Plan- als auch in Marktwirtschaften existieren und sich auf die Befriedigung von Bedürfnissen nach knappen Gütern konzentrieren. Betriebe sind demnach planvoll organisierte Wirtschaftseinheiten, welche sich mit der Erstellung und dem Absatz von Sachgütern und Dienstleistungen beschäftigen (vgl. Wöhe/Döring, 2010, S. 2, 35). Unternehmen sind eine besondere Form eines Betriebs, nämlich solche in marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen (vgl. Dillerup, 2009a, S. 32). Sie legen ihre Ziele selbstständig und weitgehend unabhängig von staatlichen Einflüssen fest und sind erwerbswirtschaftlich ausgerichtet (vgl. Gutenberg, 1983, S. 507 ff.). Mit dem Niedergang des Sozialismus hat diese Unterscheidung an Bedeutung verloren. Heute ist das Unternehmen der Oberbegriff für autonome, rechtlich-wirtschaftliche Betriebe. Im Gegensatz dazu ist ein Betrieb eine technisch-organisatorische Einheit eines Unternehmens. Beispiele sind ein Werk, eine Verkaufsniederlassung oder ein Entwicklungsstandort. Ein Unternehmen kann somit aus mehreren Betrieben bestehen (vgl. Wöhe/Döring, 2010, S. 2 ff.). In der Organisationslehre wird ein strukturiertes System als Unternehmung bezeichnet. Juristen hingegen sprechen vom Unternehmen als rechtlicher Einheit. Auf diese Differenzierung wird in diesem Buch verzichtet und fortan der Begriff Unternehmen verwendet. Klein- und Mittelständische Unternehmen (KMU) Betrieb Unternehmen Unternehmung 99,3% 80,9% 15,3% 3,1% 0,7% KMU insgesamt Kleinstunternehmen Kleine Unternehmen Mittlere Unternehmen Großunternehmen Anzahl 61% 19% 22% 20% 39% Beschäftige 34% 7% 12% 16% 66% Umsatz Abb. 1.1.3: Verteilung von Unternehmen nach Größenklassen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011) Grundlagen der Unternehmensführung 8 1 1.1.2 Führung Führung ist im deutschsprachigen Raum ein sehr erklärungsbedürftiger Begriff. Er bezeichnet allgemein die unbedingte Autorität und Entscheidungskompetenz in einer Organisation. Der Begriff des „Führers“ ist allerdings mit Befehlsgewalt und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft belegt. Deshalb wird er häufig durch den englischsprachigen Begriff „Leader“ ersetzt. Der angloamerikanische Begriff Management leitet sich aus dem englischen Verb „to manage“ ab. Dieses hat viele Bedeutungen. So steht es je nach Kontext für etwas handhaben, durchführen, erledigen oder verwalten, aber auch etwas leiten oder zustande bringen. Der lateinische Ursprung des Wortes ist unklar. Es könnte abgeleitet sein von „manu agere“ (mit der Hand arbeiten), von „manus agerer“ (an der Hand führen) oder von „mansionem agere“ (der das Haus bestellte). Diese weite Begriffsauffassung ist stark verbreitet und wird nicht nur in der Betriebswirtschaftslehre verwendet. In der englischsprachigen Literatur wird auch der Begriff des Leadership verwendet. Leadership umfasst die Entwicklung von Visionen und Strategien, die dem Unternehmen neue Richtungen geben. Leader befähigen ihre Mitarbeiter, bei der Umsetzung von Veränderungen herausragende Leistungen zu vollbringen (vgl. Kap. 6.3). Leadership stiftet durch Zukunftsvisionen (vgl. Kap. 2.2) bei den Mitarbeitern Sinn und führt zur Identifikation mit gemeinsamen Aufgaben und Zielen. Management ist dagegen vor allem für die Entwicklung und Umsetzung strategischer Maßnahmen und die Lösung dabei auftretender Probleme zuständig. Dort dominieren die Führungsfunktionen Planung und Kontrolle sowie Organisation, während beim Leadership die Personalführung im Vordergrund steht. Management und Leadership schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich im Idealfall gegenseitig. Die Unternehmensführung umfasst daher beide Aufgabenbereiche. In einem solchen Verständnis der Unternehmensführung existieren zwei Bedeutungsvarianten (vgl. Hummel/Zander, 2008, S. 1; Staehle, 1999, S. 65; Steinmann/ Schreyögg, 2005, S. 6): ◾ Funktionales Führungsverständnis beschreibt Führung als Gesamtheit der Aktivitäten, um etwas zu bewerkstelligen. Dies umfasst die erforderliche Planung, Steuerung und Kontrolle der ausführenden Handlungen. Hierunter fallen somit alle Mitarbeiter, die ihren Aufgabenbereich verantworten und nicht ausschließlich ausführende Tätigkeiten erbringen. Führung umfasst danach alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung eines Systems. Management Leadership Funktionale Führung Führung Funktion Führungsaufgaben Institution Führungspersonen Alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung. Alle Personen oder Gruppen von Personen mit Weisungsbefugnissen. Abb. 1.1.4: Differenzierung des Führungsbegriffs 9 11.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung ◾ Institutionales Führungsverständnis begreift Führung als eine Instanz, die eine Organisation führt. Solche Organisationen können z. B. Unternehmen, Verbände oder Parteien sein. Führung gibt es daher in allen hierarchischen Organisationen. Diese Institutionen verfügen über Entscheidungsgewalt, um Handlungen auf angestrebte Ziele auszurichten und können sowohl Eigentümer eines Unternehmens oder einer Organisation als auch eingesetzte Führungskräfte sein. Führung beinhaltet demnach alle Personen oder Gruppen von Personen, die mit Weisungsbefugnissen ausgestattet sind. Um einen systematischen Überblick der Unternehmensführung zu geben, wird diesem Buch das funktionale Führungsverständnis zugrunde gelegt und die Führungsaufgaben im Weiteren detailliert dargestellt. Daher wird Führung wie folgt definiert: Führung umfasst funktional alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung eines Systems. ! 1.1.3 Unternehmensführung Die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre setzt sich aus verschiedenen Funktionslehren wie z. B. Absatz, Produktion oder Forschung & Entwicklung zusammen. Eine solche Funktionslehre der Betriebswirtschaftslehre befasst sich mit der Unternehmensführung. Da diese die einzelnen Funktionsbereiche eines Unternehmens zu einer zielkonformen Gesamtheit zusammenfasst, übernimmt sie eine Querschnittsfunktion (vgl. Steinmann/ Schreyögg, 2005, S. 8; Wöhe/Döring, 2010, S. 49). Sie steht im Mittelpunkt des betrieblichen Geschehens und konzentriert sich auf die Führung des Betrachtungsobjekts Unternehmen. Dabei wird ein Unternehmen durch die in Kap. 1.1.1 aufgezählten Elemente und Merkmale beschrieben. Die Führung wird in Kap. 1.1.2 in einem funktionalen Verständnis definiert und umfasst alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung. Dieses Begriffsverständnis geht über die institutionale Führung hinaus. Mitarbeiterführung gewinnt für die Unternehmensführung zwar zunehmend an Bedeutung, bildet bei der Führung des Gesamtsystems Unternehmen allerdings lediglich einen Teilaspekt Institutionale Führung Besondere Betriebswirtschaftslehre General Management Führung Funktional Führungsaufgaben Unternehmen Ziele ■ zielgerichtet ■ teilautonom Mitglieder Aktivitäten ■ produktiv ■ offen Unternehmensführung ■ hierarchisch ■ sozial Zielorientierte Gestaltung, Lenkung und Entwicklung Abb. 1.1.5: Unternehmensführung als funktionale Führung von Unternehmen Grundlagen der Unternehmensführung 10 1 (vgl. Kap. 1.3). Die Unternehmensführung umfasst neben den Mitarbeitern auch andere Perspektiven wie z. B. Markt, Wettbewerb, Kunden oder Wirtschaftlichkeit. Sie wird deshalb auch als „General-Management “ bezeichnet. Unternehmensführung umfasst alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung eines Unternehmens.! Diese eindeutige Definition ist erforderlich, da in Literatur und Praxis der Begriff Unternehmensführung sehr uneinheitlich gebraucht wird. Dies liegt auch daran, dass die Betriebswirtschaftslehre sich in vielen Bereichen an verwandte Disziplinen wie z. B. die Psychologie oder Sozialwissenschaft anlehnt. Die zugrunde liegenden Theorien werden in Kap. 1.2 näher erläutert. Ein Ausschnitt unterschiedlicher Begriffsauffassungen, die jeweils einzelne Aspekte der Unternehmensführung betonen, gibt folgender Überblick: ◾ Ansoff (1966, S. 9): „Unternehmensführung ist eine komplexe Aufgabe: Es müssen Analysen durchgeführt, Entscheidungen getroffen, Bewertungen vorgenommen und Kontrollen ausgeübt werden.“ ◾ Anthony (1989): „Management consists of decision making and influence.” ◾ Drucker (1986, S. 4): „Management is the organ of society specifically charged with  making resources productive by planning, motivating, and regulating the activities of persons towards the effective and economical accomplishment of a given task.” ◾ Hahn (1996, S. 37): „Unternehmensführung ist ein Prozess der Willensbildung und  Willensdurchsetzung zur Erreichung eines Ziels oder mehrerer Ziele gegenüber anderen Personen unter Übernahme der hiermit verbundenen Verantwortung.“ ◾ Schwaninger (1994, S. 15): „Unternehmensführung ist zielgerechte Lenkung, Gestaltung und Entwicklung von Strukturen und Prozessen.“ ◾ Stoner et al. (1995, S. 4): „Management is the process of planning, organizing, leading and controlling the efforts of organizational members and the use of other organizational resources in order to achieve stated organizational goals.” ◾ Wild (1971, S. 57): „Unternehmensführung kann definiert werden als die Verarbeitung von Informationen und ihre Verwendung zur zielorientierten Steuerung von Menschen und Prozessen.“ Dieses Buch behandelt die grundlegenden Aufgaben der Unternehmensführung. Als Basis für deren Verständnis werden zunächst in Kap. 1.2 wesentliche Theorien der Unternehmensführung vorgestellt. Die Funktionen und der Prozess der Unternehmensführung werden dann in Kap. 1.3 erläutert. Begriffs auffass ungen 11 11.1 Grundbegriffe der Unternehmensführung Management Summary ▪ Ein Unternehmen ist ein komplexes System aus Zielen, Mitgliedern und Aktivitäten. Es strebt die Erreichung von Zielen an, die es weitgehend autonom festlegt. Seine Mitglieder bilden ein hierarchisches soziales System, welches auf die produktive Erbringung von Leistungen im offenen Austausch mit der Unternehmensumwelt gerichtet ist. ▪ Führung umfasst alle Aufgaben und Handlungen zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung eines Systems. ▪ Unternehmensführung umfasst alle Aufgaben und Handlungen der Planung, Steuerung und Kontrolle zur zielorientierten Gestaltung, Lenkung und Entwicklung eines Unternehmens. Literaturempfehlungen Kieser, A./Walgenbach, P.: Organisation, 6. Aufl., Stuttgart 2010.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Alles zur Unternehmensführung

Dieses Lehrbuch stellt das gesamte Spektrum der modernen Unternehmensführung in verständlicher und praxisorientierter Form dar. Mit zahlreichen Abbildungen, Merksätzen und Anwendungsbeispielen sowie Leitfragen und Management Summaries wird es höchsten didaktischen Ansprüchen gerecht.

Die Neuauflage

wurde um weitere Praxisbeispiele ergänzt. Zusätzlich integriert wurden die Themen Nachhaltigkeit und deren Umsetzung in der Unternehmensführung sowie Internationalisierung. Bei der "Strategischen Führung" wurden neue anwendungsbezogene Instrumente aufgenommen.

Die Autoren

Prof. Dr. Ralf Dillerup, Heilbronn, und Prof. Dr. Roman Stoi, Stuttgart.

Zielgruppe

Alle Studierende der betriebswirtschaftlichen Bachelor- und Master-Studiengänge. Für Praktiker ist das Buch aufgrund seines umsetzbaren Wissens eine wertvolle Ressource zur Unterstützung sämtlicher Führungsaufgaben.

»Wegen der überzeugenden inhaltlichen und der perfekten methodischen Konzeption zählt dieses Lehrbuch schon heute zu den Standardwerken...«

Prof. Bernd W. Müller-Hedrich zur 3. Auflage

"Verständlich, praxisorientiert und aktuell."

Dr. Andreas Brokemper, Mitglied der Geschäftsführung, Henkell & Co. Sektkellereien KG

»Dillerup und Stoi vertiefen das breite Themenspektrum ... anhand gut gewählter Praxisbeispiele - ein empfehlenswertes Standardwerk!«

Dr. Heinz-Walter Große, Vorstandsvorsitzender B. Braun AG

"Dieses Buch gibt einen sehr gut strukturierten und - mittels vieler Beispiele und Grafiken - anschaulichen Überblick über die hohe Schule der Unternehmensführung. Daneben erleichtern viele Hilfsmittel es dem Leser, sich in der komplexen Materie leicht zurechtzufinden."

Prof. Dr. Günter Müller-Stewens, Direktor des Instituts für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen

"Die Verbindung von Theorie und Praxis wird durch Beispiele geschaffen, die Denkanstöße für die tägliche Arbeit bilden."

Dr. Dietmar Voggenreiter, President Audi China, Executive Vice President of Volkswagen Group China

"Die anschauliche und mit vielen Beispielen versehene Darstellung schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis."

Prof. Dr. Erich Zahn, Universität Stuttgart, Vorstand der Graduate School of Excellence