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1 Grundlagen der Bewertung in:

Hanspeter Gondring

Immobilienwirtschaft, page 973 - 978

Handbuch für Studium und Praxis

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4572-5, ISBN online: 978-3-8006-4573-2, https://doi.org/10.15358/9783800645732_973

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Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 929 IX. Immobilienbewertung 1 Grundlagen der Bewertung 1.1 Wirtschaftswissenschaftliche Bewertungslehren Die Wirtschaftswissenschaft unterscheidet zwischen objektiven und subjektiven Werttheorien. Die objektiven Werttheorien gehen von einer Objekt-Objekt-Beziehung aus, d. h. der Wert eines Gebrauchsobjektes ergibt sich aus objektiv messbaren Größen. Vereinfacht ausgedrückt ist der objektive Wert eines Gegenstandes oder einer Dienstleistung mit den Selbstkosten (Herstellkosten zzgl. Vertriebs- und Verwaltungskosten) gleichzusetzen. So leitet bereits Adam Smith den Güterwert langfristig aus den Produktionskosten ab und auch nach David Ricardo sind die Arbeitskosten wertbestimmend. Die objektivistische Wert- und Preislehre wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der subjektivistischen Wertlehre abgelöst. Diese unterstellen eine Subjekt-Objekt-Beziehung, d. h. der Wert eines Gebrauchsgutes ergibt sich aus dem subjektiven Nutzen, gleichwohl geht die subjektive Wertlehre noch viel weiter zurück, z. B. auf die Arbeiten von Bernoulli oder Turgot. Im Vordergrund dieser Theorieansätze steht der Grenznutzen, d. h. der Nutzenzuwachs der zuletzt verbrauchten Konsumeinheit. Während also der objektive Wertansatz von der Angebotsseite ausgeht (kosteninduzierter Wert), geht der subjektive Wertansatz von der Nachfrageseite (subjektives Nutzenempfinden) aus. Erst A. Marshall „versöhnt“ in seinem Werk „Principles of Economics“ beide sich konträr gegenüberstehenden Denkansätze. Dies war insofern notwendig, da die Preisbildung am Markt weder von der objektiven noch von der subjektiven Wertlehre schlüssig erklärt werden kann. Für Marshall ist die objektive Wertlehre die These und die subjektive Wertlehre die Antithese. Aus beiden ergibt sich die Synthese, indem sich der Preis als Tauschwert eines Wirtschaftsgutes sowohl aus den subjektiven Faktoren (wie Nutzenpräferenz, finanzielle Ausstattung, Wissen und Kenntnis) des Nachfragers einerseits, und den objektiven Faktoren (wie Produktionsbedingungen, betrieblicher Wertschöpfungsprozess, Kostenstruktur) des Angebots andererseits, ergibt. Insgesamt orientieren sich Preise langfristig eher an der Angebotsseite, kurzfristig eher an der Nachfrageseite (Gravitationswirkung des Angebots).1 Wert und Preis sind demnach nicht ein- und dasselbe. Der Wert ist intersubjektiv nachprüfbar, z. B. aufgrund der Kostenkalkulation, die im Wesentlichen auf dem Einsatz von Produktionsfaktoren sowie deren Verbrauch und Gebrauch im Produktionsprozess basiert, oder durch gesetzliche Regelungen (wie z. B. berufsständische Gebührenordnung für Steuerberater, Notare, Ärzte usw.) festgelegt ist und von jedem Dritten nachvollzogen und überprüft werden kann. Der Preis dagegen ist nicht intersubjektiv nachprüfbar und ergibt sich aus einer augenblicklichen Wertübereinstimmung von Angebot und Nachfrage als Wert einer konkreten Tauschbeziehung. In diese augenblickliche Austauschrelation fließen alle relevanten Entscheidungsfaktoren mit ein, sei es die Marktmacht, sei es Knappheit/Überschuss, sei es Nutzen- und Wertvorstellungen usw. 1 Vgl. Kruse, A. (1959), S. 19 ff. 1 Grundlagen der Bewertung Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 930 930 IX. Immobilienbewertung Lange vor der Immobilienbewertung hat sich sehr früh, bereits im 19. Jahrhundert, die Lehre von der Unternehmensbewertung entwickelt. Entsprechend der Theorie des objektiven Wertes, wonach der allgemein gültige Wert den dem Gut innewohnenden Eigenschaften entspricht. Demzufolge ist der objektive Wert des Objektes der unter normalen Bedingungen erzielbare Preis, der losgelöst ist von subjektiven Interessen und dem Bewertungszweck. Diese „Objektbezogenheit und Entpersonifizierung“2 führt dazu, dass sich die Wertbestimmung an vergangenen und gegenwärtigen, aber nicht an zukünftigen wertbestimmenden Größen orientiert. Bereits in den 1920 Jahren schrieb Liebermann, dass der Wert eines Objektes (Unternehmung) eine subjektive Komponente haben muss.3 In den 1960er Jahren wurde die objektive Bewertungslehre von der subjektiven Bewertungslehre mehr und mehr abgelöst. Danach ergibt sich der Wert eines Objektes aus der Abwägung von Chancen und Risiken des Käufers/Investors, womit die zukünftigen Entwicklungsperspektiven eines Objektes bestimmend für seinen Wert sind. Im Gegensatz zur objektiven Bewertungslehre, wonach es nur einen (objektiven) Wert für ein Objekt geben kann, existiert nach der subjektiven Bewertungslehre ein Wert, der abhängig ist von dem Subjekt, dem Bewertungszeitpunkt und dem Ort der Bewertung. Der Wert ist damit ein singuläres Ergebnis. Genau darin liegt aber das Problem, weil a) ein Objekt für jede Person einen anderen Wert hat und b) singuläre Ereignisse/Ergebnisse nicht wissenschaftlich sind, weil sie nicht intersubjektiv nachprüfbar und damit objektivierbar sind. Unter wissenschaftstheoretischen Aspekten sind subjektive Werte/Wertergebnisse irrational und normativ. Sowohl die Wissenschaft als auch die Bewertungspraxis suchte eine Lösung für diese Problematik und entwickelte schon Ende der 1960er Jahre das Konzept der funktionalen Bewertungslehre. Vereinfachend ausgedrückt besteht dies darin, dass einerseits objektive Bewertungskriterien festgelegt werden, andererseits aber dem Bewertungssubjekt zweckabhängig und zukunftsbezogen Freiräume in der Bewertung eingeräumt werden. Am ehesten entspricht der funktionalen Bewertungslehre das Ertragswertverfahren. Dieses Mischverfahren besteht zum einen in der objektiven Verfahrenstechnik und dem Bewertungszweck (Zweckadäquanzprinzip), zum anderen in den subjektiven und realistischen (nachvollziehbaren) Ertragsaussichten, die ein Gutachter dem Bewertungsobjekt zuordnet. Im Gegensatz zur objektiven Wertermittlung (Substanzwert) existiert bei der funktionalen Wertermittlung (Ertragswert) kein einziger allgemeingültiger Wert. „Die funktionale Unternehmensbewertung ist nun seit fast 40 Jahren das Maß aller Dinge in der deutschen Unternehmensbewertungslehre und bis auf wenige Ausnahmen so gut wie unbestritten. Dennoch existieren unterschiedliche Sichtweisen hinsichtlich verschiedener Bewertungsfunktionen und deren inhaltlichen Ausgestaltungen.“4 Das gilt auch für die Immobilienbewertung. Seit den 1990er Jahren drängt der Marktwert immer mehr in den Vordergrund und damit auch die marktorientierte Bewertung. So werden zur Ermittlung des Marktwertes tatsächliche Marktpreise zu Grunde gelegt, wie z. B. bei der Unternehmensbewertung die Marktpreise (Aktienkurse) börsennotierter Unternehmungen oder bei der Immobilienbewertung die Kaufpreise herangezogen werden. Damit wird die subjektive Komponente (Ermessensspielraum des Gutachters), obgleich nicht vollständig, ersetzt durch die objektivere Komponente des marktbezogenen Wertvergleichs. In Deutschland hat sich über Jahrzehnte das Ertragswertverfahren durchgesetzt, während im angelsächsischen Raum die Bewertung eher als ein investitionstheoretisches Problem gesehen wurde. 2 Vgl. Matschke, M./Brösel, G. (2007), S. 14 3 Vgl. Liebermann, B. (1923), Der Ertragswert der Unternehmung, Frankfurt a. M., zit. in: Schmitz, C. (2010), S. 15 4 Schmitz, C. (2010), S. 39 Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 931 1 Grundlagen der Bewertung 931 Aus Investitionssicht fehlt dem Ertragswert die handlungsorientierte Wachstumskomponente, d. h. der Wert eines Objektes besteht nicht nur aus seinen Erträgen, sondern auch aus seinen zukünftigen Wertsteigerungen. Bereits 1986 legte Rappaport in seinem Werk „Creating Shareholder Value“ den Bewertungsschwerpunkt auf die Sicht des Eigenkapitalgebers und führte gleichzeitig den Discounted-Cashflow-Ansatz (DCF-Verfahren) in Theorie und Praxis ein. Heute ist das DCF-Verfahren ohne Zweifel etabliert.5 Ebenso wurde in den 1990er Jahre das Vergleichswertverfahren als ein weiterer marktorientierter Unternehmensbewertungsansatz aus den USA in den deutschsprachigen Raum übernommen. Das Vergleichswertverfahren findet Anwendung für Objekte, für die selbst keine Marktpreise existieren (z. B. nicht börsennotierte Unternehmungen). Für diese nicht marktfähigen oder nicht marktgängigen oder nicht am Markt gehandelten Objekte wird der Wert aus tatsächlichen Marktpreisen von Objekten abgeleitet, die in ihren Merkmalen vergleichbar sind. Das Vergleichswertverfahren wurde 2000 vom Institut der deutschen Wirtschaftsprüfer im Standard 1 (IDW S1) akzeptiert. Ebenso wurde das Vergleichswertverfahren 2009 im Erbschaftsteuer- und Schenkungsgesetz und im Bewertungsgesetz (§ 11 Abs. 2) zur Ermittlung des gemeinen Wert von nicht kapitalmarktorientierten Unternehmungen aufgenommen. 1.2 Die Begriffe Preis und Wert Entsprechend der wirtschaftswissenschaftlichen Wertlehren ergeben sich die verschiedenen Definitionen des Begriffs „Wert“. Die objektive Wertlehre des 18. und frühen 19. Jahrhunderts leitete den Wert eines Wirtschaftsgutes aus seinem Werteverzehr an Produktionsfaktoren (= Kosten) ab. Bereits im Utilitarismus von Adam Smith sowie dem klassischen Leitbild des homo oeconomicus ist die individuelle Nutzenmaximierung als zentrale Größe für das Wirtschaften der Subjekte an sich angelegt. Davon ausgehend entwickelte der deutsche Nationalökonom H.H. Gossen die kardinale Nutzentheorie vom abnehmenden Grenznutzen und lieferte damit die Grundlage für weitere ökonomische Schulen des 19. Jahrhunderts: Wiener Schule (Carl Menger), Lausanner Schule (Léon Walras, Vilfredo Pareto), Cambridge Schule (William Jevons, A. Marshall, F. Edgeworth, I. Fisher), Schwedische Schule (K. Wicksell). Der Wert eines Gutes wird bestimmt nach dem Nutzen (Grad der Bedürfnisbefriedigung), den das Gut für das Subjekt hat. Damit ist die Wertbeimessung für ein- und dasselbe Gut jeweils von Subjekt zu Subjekt verschieden. Der Begriff Preis leitet sich aus dem lateinischen Wort pretium (Wert, Kaufpreis) ab. Im Deutschen werden auch die Begriff pretiös (wertvoll) und Pretiosen (Kostbarkeiten) verwendet. Der Preis ist das Ergebnis einer Verhandlung zwischen Subjekten über den Tausch/Handel eines Objektes, d. h. der Preis ergibt sich aus der jeweiligen Übereinkunft zwischen Anbieter und Nachfrager. Damit ist der Preis ein Marktergebnis in der Vergangenheit. Wert und Preis müssen nicht unbedingt übereinstimmen. Dass der Preis einer Sache nicht ihrem Wert entsprechen muss, stellte der BGH in einem Urteil fest.6 Wenn auch der BGH 1967 grundsätzlich festgestellt hat, dass Preis und Wert einer Sache auseinander liegen können, so hat der BGH 2001 ausdrücklich entschieden, dass bei einem Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung der Wuchertatbestand nach § 138 Abs. 2 BGB erfüllt ist, wenn der Wert der Leistung knapp doppelt so hoch ist wie der Wert der Gegenleistung7 und das Geschäft dann ggf. rückabgewickelt werden muss. 5 Vgl. ebenda, S. 40 6 Vgl. BGH, Urteil vom 25.10.1967, AZ: VIII ZR 215/66 7 Vgl. BGH, Urteil vom 19.01.2011, AZ: V ZR 437/99; vgl. hierzu auch BGHZ 146, 298, 302 m. w. N. Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 932 932 IX. Immobilienbewertung In Abb. IX 1 gehen Käufer und Verkäufer mit maximalen/minimalen Preisvorstellungen (rationales Verhalten unterstellt) in die Verhandlungen. Beide haben eine subjektive Wertvorstellung von dem Wirtschaftsgut. Der Verkäufer bewertet subjektiv über und der Käufer bewertet subjektiv unter dem inneren Wert. Dieser subjektive Bereich ergibt sich aus der individuellen Nutzenvorstellung des Wirtschaftsgutes. Während der Verkäufer seine Dienstleistung/sein Produkt mehr oder weniger bewusst überschätzt, hat der Käufer eine individuell konkrete Nutzenvorstellung. Beispielsweise wird der Verkäufer eines Gebrauchtwagens oder einer Gebrauchtimmobilie viele Details als Verkaufsargumente anführen, die für ihn wichtig sind, während der Käufer wiederum andere Merkmale subjektiv bewertet, die es für ihn lohnend erscheinen lassen, sich überhaupt mit dem Wirtschaftsgut näher zu beschäftigen. Diese subjektiven Bereiche können sehr unterschiedlich ausfallen: Bei einem Luxusgut wie z. B. mit einem Auto der Premiumklasse, verbindet der Käufer nicht nur die Funktionen und die technischen Leistungen des Autos, sondern auch den Imagegewinn, den Grad des Auffallens, das sich Abheben von der Masse, den Wert des Luxusautos als Statussymbol usw., während der Verkäufer sein Premiumauto als nahezu konkurrenzlos einschätzt. Der Besitzwunsch des Käufers bei superioren Gütern ist bei dem Käufer derart groß, dass er bereit ist, einen Preis weit über dem inneren Wert des Autos zu bezahlen (in der BWL wird dieser Bereich quasi-monopolitisch genannt, da die Preiselastizität der Nachfrage extrem gering ist). In Abb. IX 1 würde sich in diesem Fall die Linie der subjektiven Wertbeimessung des Käufers so weit nach oben verschieben, dass sich ein Preis oberhalb der max. (rationalen) Preisobergrenze ergibt, d. h. der Käufer bewertet den subjektiven Nutzengewinn höher als das Luxusauto objektiven Wert hat. Bei der Verkehrswertermittlung von Immobilien sind genau diese subjektiven Wertmaßstäbe auszublenden. Wenn die subjektiven Einflussgrößen am Verhandlungsbeginn weitgehend eliminiert sind, treten sowohl Käufer als auch Verkäufer in den Verhandlungsbereich ein. In der Verhandlungszone spielen dann andere Kräfte eine Rolle (= Unvollkommenheit der Märkte), die auf die Preisbildung einwirken, wie z. B. die asymmetrische Informationsverteilung zwischen Käufer und Verkäufer, die Abb. IX 1: Preisbildung Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 933 1 Grundlagen der Bewertung 933 Marktmacht (Wettbewerbssituation), das Verhandlungsgeschick und ggf. der Zeitdruck, unter dem Käufer oder Verkäufer stehen. Im Fall 1 in Abb. IX 1 sind Preis und Wert identisch (idealtypisch). So haben inferiore Güter wie z. B. Butter einen Preis, der sehr nahe am inneren Wert liegt. In den Fällen 2 und 3 ergeben sich Preise, die im Verhandlungsbereich liegen (die Abweichungen vom Gleichgewichtspreis ergeben sich aus der Unvollkommenheit der Märkte. Die Fälle 4 und 5 sind sog. Ausreißer (Extremwerte), die außerhalb der Marktrationalität liegen und sich nur aus der individuellen und einmaligen Situation des Käufers (z. B. Sammlerleidenschaft) oder des Verkäufers (z. B. Notverkauf) erklären lassen. Bei der Ableitung des Vergleichswertes aus den Kaufpreissammlungen würde der Gutachterausschuss solche „Ausreißer“ ebenfalls außer Acht lassen. 1.3 Anlässe und Funktion der Immobilienbewertung Es gibt eine Vielzahl von Anlässen, welche die Bewertung von Grundstücken und Gebäuden erforderlich machen. Solche Anlässe sind neben Kauf und Verkauf auch Gutachten für steuerliche Zwecke, Zwangsversteigerungen und Bilanzerstellung. Des Weiteren können Vermögensauseinandersetzungen, z. B. im Erb- oder Scheidungsfall oder Verfahren im Städtebaurecht, wie z. B. Enteignung, Umlegung oder Sanierungs- bzw. Entwicklungsmaßnahmen Auslöser einer Gutachtenserstellung sein. Auch für die Beleihung eines Objektes ist eine Bewertung erforderlich.8 Der zu bestimmende Wert einer Immobilie muss dabei immer im Zusammenhang mit dem ausschlaggebenden Bewertungsanlass gesehen werden, da sich die Höhe des Wertes einer Immobilie auch nach dem Zweck der Bewertung richtet. Aus diesem Grund ist es erforderlich, bei der Wertermittlung den Bewertungsanlass bzw. -zweck mit anzugeben. Nur so ist der von dem Gutachter ermittelte Wert begründbar, nachprüfbar und nachvollziehbar. Ebenso muss in dem Gutachten angegeben werden, welche Funktion der Gutachter innehat und was seine Aufgabe ist. Außerdem muss die Wertgröße, d. h. die jeweilige Immobilie und die anzuwendende Wertdefinition (Verkehrswert, Marktwert, Beleihungswert etc.) festgelegt und begründet werden. Das Wertermittlungsverfahren (Ertragswert-, Sachwert-, Vergleichswertverfahren etc.) muss dabei sorgfältig und aus nachvollziehbaren Gründen ausgewählt werden. Die Wertermittlung muss gemäß den Grundsätzen ordnungsgemäßer Immobilienbewertung durchgeführt werden. So entsteht schließlich das gewünschte nachprüfbare Wertermittlungsergebnis. Dieser Ablauf entspricht der so genannten funktionalen Wertlehre. Sie macht deutlich, dass eine brauchbare Immobilienbewertung die Beachtung der jeweiligen Aufgabenstellung voraussetzt. Die funktionale Wertlehre unterscheidet drei Hauptfunktionen und drei Nebenfunktionen. Als Hauptfunktionen gelten Vermittlungs-, Beratungs- und Argumentationsfunktion. Die Nebenfunktionen sind Bilanz-, Steuerbemessungs- und Vertragsgestaltungsfunktion. Diese Funktionen bestimmen die Aufgaben des Gutachters. Die Beratungsfunktion bedeutet für den Gutachter, dass er beispielsweise die Preisober- und Preisuntergrenze ermittelt. Im Zuge der Vermittlungsfunktion vermittelt der Gutachter zwischen den Vertragsparteien und bemüht sich um Vorlage eines fairen Einigungspreises. Die Argumentationsfunktion besteht darin, dass der Gutachter eine der Parteien in der Verhandlung argumentativ unterstützt. Im Rahmen der Bilanzfunktion hat der Gutachter die Aufgabe, die Immobilie entsprechend der handels- und steuerrechtlichen Vorgaben in der Bilanz abzubilden. Die Steuerbemessungsfunktion verlangt vom Gutachter, dass er einen Immobilien- 8 Vgl. Paul, E. (2001), S. 612 f. Vahlen Handbücher – Gondring, Immobilienwirtschaft, 3. Auflage – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 11.02.13 Status: Druckdaten Seite 934 934 IX. Immobilienbewertung wert als Steuerbemessungsgrundlage ermittelt. Die Bestimmung eines Werts zur Sicherung von Gesellschafts- und Gesellschafterinteressen resultiert schließlich aus der Vertragsgestaltungsfunktion. Zusammenfassend kann somit festgestellt werden, dass der in einem Gutachten ermittelte Wert nicht nur von den Faktoren, die in § 194 BGB aufgezählt sind, abhängt, sondern auch vom Bewertungsanlass und von den einzelnen Bewertungsfunktionen. 2 Die Immobilienbewertung in Deutschland 2.1 Rechtsgrundlagen und Historie der Immobilienbewertung Die nachfolgenden Gesetze und Verordnungen bilden aktuell den rechtlichen Rahmen für die Immobilienbewertung in Deutschland: • Baugesetzbuch i. d. F. von 2011 • Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV10) • Wertermittlungsrichtlinie (WertR 2006) • Bundeshaushaltsordnung (BHO) • Wohnraumförderungsgesetz (WoFG) • Baunutzungsverordnung (BauNV) • Verordnung über die Aufstellung von Betriebskosten (BetrKV) • Verordnung zur Berechnung der Wohnfläche (WoFLV) • Zweite Berechnungsverordnung (II. BV) i. d. F. von 2007 • Bundeskleingartengesetz (BKleinG) • Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) In den neuen Bundesländern gelten zusätzlich: • Sachenrechtsbereinigungsgesetz (SachenRBerG) • Schuldrechtsanpassungsgesetz (SchuldRAnpG) • Grundstücksrechtsbereinigungsgesetz (GrundRBerG) • Nutzungsentgeltverordnung (NutzEV) • Verkehrsflächenbereinigungsgesetz (VerkFlBerG) Weitere Normen für die Immobilienbewertung sind • Normalherstellkosten (NHK 2010) • DIN 276; Kosten im Hochbau • DIN 277; Grundflächen und Rauminhalte von Bauwerken im Hochbau Kernstück der deutschen Immobilienbewertung ist die Verkehrswertermittlung auf der Basis der Immobilienwertverordnung von 2010. Nachfolgend ein kurzer historischer Abriss der Wertermittlungsverordnungen in Deutschland: Die Urfassung der heutigen Verordnung über die Ermittlung der Verkehrswerte von Grundstücken trat am 07.08.1961 in Kraft. Gemäß § 199 Abs. 1 BauGB, wonach die Anwendung gleicher Grundsätze bei der Ermittlung von Verkehrswerten gefordert wird (sog. normiertes Verfahren), konkretisierte die WertV61 zum ersten Mal die Verfahrensgrundsätze zur Verkehrswertermittlung. Der Gesetzgeber wirkte damit den unterschiedlichen, zum Teil erheblich voneinander abweichenden 2 Die Immobilienbewertung in Deutschland

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References

Zusammenfassung

Alles zur Immobilienwirtschaft.

Immobilienwirtschaft komplett

Gondrings Lehr- und Nachschlagewerk umfasst alle wesentlichen Bereiche der Immobilienwirtschaft und eignet sich als allgemeine Einführung in einen bislang von der Betriebswirtschaftslehre vernachlässigten Wissenschaftszweig. Es berücksichtigt sowohl traditionelle als auch für die Zukunft richtungsweisende Themengebiete.

Der „Gondring“

orientiert sich am Lebenszyklus einer Immobilie, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf das ganzheitliche Management von Immobilien in allen Bereichen gelegt wird. Die Schwerpunkte:

– Allgemeiner Teil

– Rechtlicher Teil

– Planen, Bauen, Betreiben

– Vermarktung, Verwaltung und Bewirtschaftung

– Die Immobilie als Asset im Portfolio

– Klassische Finanzierung

– Strukturierte Instrumente und Real Estate Investment Banking

– Bilanzierung und Basel II/Basel III

– Bewertung

– Immobilienmarkt und Ausbildung

Der Autor

Prof. Dr. Hanspeter Gondring, Studiengangsleiter Immobilienwirtschaft an der DHBW Stuttgart.

Zielgruppe

Studierende der Immobilienwirtschaft und immobiliennaher Studienfächer sowie Praktiker.