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2.6 Zeitwertbilanzierung und Finanzkrise in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 42 - 45

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_42

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 29 2.6 Zeitwertbilanzierung und Finanzkrise 29 zulegenden Zeitwert. Er klärt nur die Bestimmung von fair values. Die Frage, für welche Posten sie gelten sollen, bleibt der Überarbeitung des Rahmenkonzepts vorbehalten und ist noch unbehandelt. Flankiert wurde das Projekt durch Vorschläge zur Änderung der Ertragsvereinnahmung86. Im Dezember 2008 hat der IASB ein Diskussionspapier mit Preliminary Views on Revenue Recognition in Contracts with Customers vorgelegt. Auslöser waren fehlende Regelungen, beispielsweise für Mehrkomponentenverträge (wie Mobiltelefone und zugehörige Netznutzungsverträge oder Softwarepakete mit Wartungsverträgen und Updates), und Inkonsistenzen zwischen IAS 18 Umsatzerlöse und IAS 11 Fertigungsaufträge. Es folgten zwei Standardentwürfe vom Juni 2010 und November 2011. Danach wird Ertrag grundsätzlich nach Lieferung und Leistung in Höhe der vertraglich vereinbarten Gegenleistung angesetzt. Das lässt vorher in die Diskussion gebrachte Zeitwerte von Leistungen außer Acht87. 2.6 Zeitwertbilanzierung und Finanzkrise Die Initiative zur Bewertung von Bilanzposten mit Zeitwerten, unabhängig von eventuell sie begrenzenden Anschaffungskosten, folgte u. a. dem Bestreben, Verwerfungen zwischen der internen Überwachung und Leistungsmessung und der externen Rechnungslegung bei Banken zu beseitigen. Es war deshalb kein Zufall, dass Zeitwerte früh bei Finanzinstrumenten eine Rolle spielten (siehe Kapitel 2.5), zumal man für viele Finanzinstrumente liquide Märkte und, damit verbunden, eine relativ problemlose Wertermittlung erwarten konnte. Genau diese Märkte haben zur Entstehung oder Beschleunigung der Finanzkrise88 beigetragen, während des Versuchs ihrer Bewältigung Probleme hervorgerufen und die Kritik an der Zeitwertbilanzierung gefördert: Die Zeitwertbilanzierung lieferte während steigender Preise für Vermögenswerte Buchgewinne, die das Eingehen riskanter Geschäfte und die Ausschüttung hoher leistungsabhängiger Vergütungen an Manager begünstigte. Soweit die Buchwertgewinne auch das regulatorische Eigenkapital von Banken erhöhten, mussten diese – jenseits von Risikoüberlegungen – keine grundsätzlichen Bedenken bei der Ausdehnung ihrer 86 Der IASB sah eine dem assets and liabilities approach folgende Bewertung zu fair values vor, die aber beim FASB auf Widerstand stieß. Vgl. Dobler (2008b). 87 Vgl. insb. Hommel/Schmitz/Wüstemann (2009). 88 Vgl. hierzu insb. Rudolph (2008) und (2011); Baetge (2009), S. 14; Dobler/Kuhner (2009), S. 25–27. 2.6 Zeitwertbilanzierung und Finanzkrise Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 30 2. Regelungsphilosophie des IASB30 Geschäfte haben. Das von Banken erfundene und realisierte Geschäftsmodell der Verbriefung unzulänglich gesicherter Kreditforderungen in Form sog. strukturierter Produkte und deren Handel über mehrere Stufen hinweg mittels nicht im Konzernabschluss konsolidierter Zweckgesellschaften führte bei vielen Industrieunternehmen sowie Banken und Versicherungen zu einem hohen Anteil von Vermögenswerten, die scheinbar werthaltig waren. Dies galt jedoch nur so lange, wie spekulative, d. h. auf Preissteigerung bedachte, Marktteilnehmer und Märkte für diese Produkte existierten. Das Platzen der Immobilienmarktblase in den USA und der damit einhergehende Verfall der Marktpreise strukturierter Produkte wie die sich schnell ausbreitende Unsicherheit über die Werthaltigkeit bestehender Forderungen schaffte große Liquiditätsprobleme bei Investmentbanken und Geschäftsbanken, dem auch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken und die Ausdehnung der Geldmenge nicht entgegenwirken konnte. Es kam zum Erlahmen des Geldmarktes. War die Zeitwertbilanzierung in Zeiten steigender Preise für Vermögenswerte ein Förderer (zu) riskanter Geschäftspolitik, so trägt sie in der Finanzkrise zur Abwärtsbewegung bei, zumindest insoweit, als die Zeitwerte das regulatorische Eigenkapital von Banken und die Stellung von Kreditsicherheiten von Unternehmen jeder Art beeinflussen. Fallende Marktpreise von Vermögenswerten bedeuten Restriktionen des Geschäfts wegen einer Minderung des Haftungskapitals und einer Verringerung des Wertes von Sicherheiten. Ausgerechnet dann, wenn Unternehmen jeder Art, die von der Krise durch fristeninkongruente Finanzierung und sich stark verschlechternde Ertragsaussichten betroffen sind, Geld von Banken zu bezahlbaren Konditionen benötigen, werden diese ihrer Funktion der Kapitalversorgung nur unzureichend gerecht. Verschlechtern sich dadurch die Ertragsaussichten und die Liquidität der Unternehmen, kommt es zu Abschreibungen von Beteiligungen und aktiviertem Geschäfts- oder Firmenwert, der aufgrund von Akquisitionen fremder Unternehmen entstanden ist (vgl. hierzu Kapitel 9.10.1). Das verschlechtert erneut die Ertragslage der betroffenen Unternehmen und trägt weiterhin zu einer Abwärtsspirale bei. Der IASB wurde deshalb in der Finanzkrise durch die EU-Kommission und die europäischen Regierungen im Oktober 2008 dazu gedrängt, die Regeln zur Bewertung von Finanzinstrumenten in zweierlei Hinsicht zu ändern, um Abwertungsverluste zu vermeiden oder zu verringern: (a) Man schuf durch Neufassung von IAS 39.50 und .AG 8 und die Ergänzung durch IAS 39.50B-50F Möglichkeiten der Umwidmung für die in vier Kategorien eingeteilten Finanzinstrumente (vgl. hierzu Kapitel 4.2.4). Deren Nutzung erlaubt es, der Zeitwertbilanzierung Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 31 2.6 Zeitwertbilanzierung und Finanzkrise 31 zu entgehen und fortgeschriebene Anschaffungskosten anzusetzen. Minderungen von Quartalsergebnissen konnten damit stark verringert werden89. (b) Man schuf Möglichkeiten, den Zeitwert in Form eines beobachtbaren und gegen Null tendierenden Marktpreises für unzweckmäßig zu erklären und durch einen Wert zu ersetzen, der aus einem durch Annahmen gestaltbaren Barwertkalkül resultiert. Ausgangspunkt waren hier die USA90. Das Vorgehen wurde gleichermaßen politisch für geboten gehalten wie konzeptionell kritisiert. Saarbrücker Professoren sahen die als entscheidungsnützlich ausgegebene Zeitwertbilanzierung als zu „einer konjunkturabhängigen Bewertungsidee degradiert“91 an. Begründete Probleme sieht man darin, zwischen aussagefähigen und nicht aussagefähigen Marktpreisen zu trennen. Schließlich wurde der „due process“ der Gewinnung von IFRS aufgehoben, um schneller zu politisch gewollten Ergebnissen zu gelangen. Man befürchtet den Präzedenzfall, dessen Weiterungen unabsehbar sind. Die Frage, ob eine andere Bilanzierungsform die Finanzkrise gebremst hätte, ist kaum überzeugend zu beantworten, weil die Krise in erster Linie durch Spekulation auf immerwährend steigende Preise von Immobilien und anderen Gütern sowie ebenso wenig fristenkongruente wie risikogerechte Finanzierung von Transaktionen wenn nicht hervorgerufen, dann unterstützt wurde92. Immerhin sollte es aber Befürworter von IFRS und der Zeitwertbilanzierung nachdenklich stimmen, wenn man zur Bewältigung der Finanzkrise Regelungen einführt, die in den Wirkungen denen des früheren KWG93 für Banken in der Rechtsform einer AG oder KGaA gleichkommen und die dem Vorwurf ausgesetzt waren, das Sanktionieren eines Fehlverhaltens von Managern zu verhindern. Mehr Transparenz wurde gefordert. Diese sollte die Zeitwertbilanzierung leisten. Dass mit dieser auch der Ausweis von Hoffnungswerten 89 Vgl. Zwirner (2009), S. 353 f.; Dobler/Kuhner (2009), S. 31, Fn. 59, und Schildbach (2008). 90 Vgl. SEC (2008b), FASB (2008). Zur Diskussion beim IASB vgl. IASB (2008c). 91 Bieg et al. (2008), S. 2552. Hiergegen Dobler/Kuhner (2009), S. 32: Veränderte Halteabsichten führen zu unterschiedlichen Bewertungsregeln: „Unter rechnungslegungssystematischen Gesichtspunkten erscheint es vertretbar, wenn in der Krise eine Neutarierung der relativen Gewichte konkurrierender Ziele – hier: der Prävention bilanzpolitischer Missbräuche im Gegensatz zu der Vermeidung des Ausweises reiner Opportunitätsverluste – stattfindet.“ Für sie ist die Auflockerung des Fair Value-Paradigmas „logischer Reflex auf Abnormalitäten der Preisbildung an Wertpapiermärkten im Krisenumfeld.“ (S. 33) 92 Vgl. Rudolph (2011), S. 149–192. 93 Danach konnte das strenge Niederstwertprinzip außer Kraft gesetzt werden. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 32 2. Regelungsphilosophie des IASB32 und nicht gewünschte Anreize94 verbunden waren, wollte man nicht sehen oder deren Gefahr für gering halten95. 2.7 Zusammenfassung in Thesen (1) Der IASB will Regeln gestalten, welche Informationen verlangen, die den Adressaten der Rechnungslegung zur Entscheidungsunterstützung und Rechenschaft dienen. Die Regeln stellen vorrangig auf Teilnehmer am Eigen- und Fremdkapitalmarkt ab. (2) Als qualitative Anforderungen an die Rechnungslegung benennt der IASB in seinem Rahmenkonzept Relevanz (inklusive Wesentlichkeit), glaubwürdige Darstellung, Vergleichbarkeit, Nachprüfbarkeit, Zeitnähe und Verständlichkeit. Grundsätzlich soll der Rechnungslegung die Annahme der Unternehmensfortführung zugrunde liegen. (3) Der IASB löst sich bei der Definition von Relevanz und Wesentlichkeit von der Informationsökonomie, weil auch bestätigende Nachrichten als relevant angesehen werden und Wesentlichkeit von Relevanz nur künstlich zu trennen ist. (4) Die Entwicklung der IFRS soll einer Kosten-Nutzen-Abwägung unterworfen werden. Das ist sinnvoll, verlangt aber – entgegen einem ersten Eindruck – auch Wertungen, ergibt sich mit anderen Worten weder rein logisch aus den qualitativen Anforderungen noch aus der „Natur der Sache“. Da Rechnungslegung dem Interessenschutz Dritter dient, ist es besonders wichtig zu erfahren, wie die von den Erstellern der Rechnungslegung ins Feld geführten Kosten berücksichtigt werden. Dazu schweigt das Rahmenkonzept. (5) Die IFRS sollen prinzipienorientiert sein. Das Rahmenkonzept verwendet die Vokabel Prinzip aber bisher nicht. Man muss hierfür stellvertretend die qualitativen Anforderungen und die Annahme der Unternehmensfortführung nehmen. (6) Der IFRS for SMEs fällt aus der Schwerpunktsetzung des IASB zur Entwicklung von Rechnungslegungsregeln für Adressaten am Kapitalmarkt heraus. Er torpediert das explizit genannte Ziel, nur eine einzige Menge von Rechnungslegungsregeln zu entwickeln, da er von den IFRS abweichende Gewinnermittlungsregeln enthält. Für Deutschland ist er wegen des BilMoG auf absehbare Zeit uninteressant; in der EU scheint ebenfalls die Neigung zu fehlen, den Standard in das Regelwerk aufzunehmen. 94 Vgl. hierzu z. B. Ballwieser/Kuhner (1994), S. 97 f. 95 A. A. z. T. Laux/Leuz (2009) und (2010). Vgl. ferner Ryan (2008), S. 1636. 2.7 Zusammenfassung in Thesen

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References

Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS