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9.5 Theoretische Grundlagen des Konzernabschlusses in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 183 - 187

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_183

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 172 9. Konzernbesonderheiten172 (d) Im Konzern beherrscht die Muttergesellschaft ihre Töchter. Dadurch lassen sich z. B. Geschäfte aus dem Bereich der Mutter auf Töchter verlagern, was das Bilanzbild der Mutter verbessern kann266. Gleichermaßen lassen sich marktunübliche Konditionen bei Verträgen zwischen konzernzugehörigen Gesellschaften vereinbaren. Die Jahresabschlüsse der einzelnen Konzerngesellschaften machen beides regelmäßig nicht deutlich. Außenstehende erhalten ohne Konzernabschlüsse keine Indizien hierauf. (e) Konzerne sind regelmäßig international tätig und betreiben ihre Geschäfte in unterschiedlichen Währungen. Ohne Umrechnung der verschiedenen Währungen in eine Berichtswährung ist bereits die Erstellung des Summenabschlusses nicht zu bewältigen. Außenstehende können die Fremdwährungsumrechnung nur wenig aussagekräftig vornehmen und erhalten kein gutes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns. (f) Konzerne haben konzernzugehörige Gesellschaften, die nicht zwingend auf den denselben Stichtag bilanzieren. Hieraus resultiert ein Problem wie das unter Punkt (e) genannte. Es ist von Außenstehenden nicht gut zu bewältigen. 9.5 Theoretische Grundlagen des Konzernabschlusses Der Konzernabschluss kann an zwei theoretischen Konzepten verankert sein: (a) der Einheitstheorie und (b) der Interessentheorie267. Nach der Einheitstheorie soll der Konzernabschluss Einblick in die wirtschaftliche Einheit Konzern derart geben, wie auch Einblick in eine Rechtseinheit zu geben wäre. Dies scheint durch die IFRS gefordert, weil IAS 27.4 – wie schon zitiert – lautet: „Der Konzernabschluss ist der Abschluss eines Konzerns, bei dem Vermögenswerte, Schulden, Eigenkapital, Erträge, Aufwendungen und Cashflows des Mutterunternehmens und seiner Tochterunternehmen so dargestellt werden, als handle es sich um ein einziges Unternehmen.“ Annahmen und Konsequenzen der Einheitstheorie sind: 266 Vgl. auch Hayn/Grüne (2006), S. 1 f. 267 Zur Begriffsbildung vgl. Bores (1935); zu Auseinandersetzungen mit den Konzepten vgl. insb. Ordelheide (1987); Ebeling (1995), S. 5–12. 9.5 Theoretische Grundlagen des Konzernabschlusses Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 173 9.5 Theoretische Grundlagen des Konzernabschlusses 173 (a) Mehrheit wie Minderheit der Eigentümer an einer Tochterunternehmung haben gleiche Interessen. Der Konzernabschluss muss beide Gruppen gleichermaßen informieren. (b) Im Abschluss einer Tochter ausgewiesene Vermögenswerte und Schulden sind auch dann im Konzernabschluss zur Gänze auszuweisen, wenn die Mutter an der Tochter weniger als 100 % Kapitalanteil hält. Der Minderheit zustehende Anteile am Eigenkapital oder Erfolg des Konzerns müssen aber erkennbar sein268. (c) Beim Erwerb von Unternehmen zahlt man regelmäßig einen Teil des Preises für immaterielle Geschäftswertkomponenten, die sich nicht in einzeln identifizierbaren und bewertbaren Vermögenswerten niederschlagen. Sie gehen stattdessen im Goodwill auf. Wenn einzeln identifizierbare Vermögenswerte und Schulden auch dann zur Gänze auszuweisen sind, wenn die Mutter oder eine andere konzernzugehörige Gesellschaft weniger als 100 % des Kapitalanteils an der Tochter hält (siehe (b)), dann ist dies auch für den Goodwill geboten269. (d) Zwischenerfolge durch Geschäfte zwischen Konzerngesellschaften sind vollständig zu eliminieren. Bei einer Transaktion „nach oben“ (von Tochter zu Mutter; Upstream-Transaktion) ist das zu eliminierende Zwischenergebnis proportional gegen die Anteile der Minderheit zu verrechnen; bei einer Transaktion „nach unten“ (von Mutter zu Tochter; Downstream-Transaktion) ist das Zwischenergebnis vollständig den Eigentümern der Mutter zuzurechnen270. Entsprechendes gilt für die Ertrags- und Aufwandskonsolidierung. (e) Für die Fremdwährungsumrechnung ist die Zeitbezugsmethode anzuwenden, nach der in fremder Währung angefallene bilanzierungsrelevante Ereignisse und Bestände so zu behandeln sind als wären sie im Inland in der Berichtswährung angefallen271. (f) Latente Steuern sind für die fiktive Rechtseinheit Konzern zu berechnen272. Im Gegensatz zur Einheitstheorie stellt die Interessentheorie darauf ab, die Eigentümer der Muttergesellschaft zu informieren. Der Einblick in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage orientiert sich allein an ihren Interessen. Minderheitsgesellschafter an Tochterunternehmen werden wie Fremdkapitalgeber behandelt. Der Konzernabschluss ergänzt den Jahresabschluss der Mutter. 268 Vgl. hierzu auch Hendler/Zülch (2005). 269 Vgl. auch Baetge/Kirsch/Thiele (2011), S. 21; Hendler/Zülch (2005), S. 1157. 270 Vgl. Hendler/Zülch (2005), S. 1157. 271 Vgl. Busse von Colbe/Ordelheide/Gebhardt/Pellens (2006), S. 159 f. und S. 163 f. (in Abwehr der Stichtagskursmethode). 272 Vgl. Busse von Colbe/Ordelheide/Gebhardt/Pellens (2006), S. 44 f. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 174 9. Konzernbesonderheiten174 Da es verschiedene Varianten der Interessentheorie gibt273, sind die Aussagen über die Konsequenzen der Interessentheorie an einer bestimmten Variante zu verankern. Gehen wir von dem engsten Konzept, dem sog. Proprietary-Konzept, aus, so gilt: (a) Der Abschluss hat die Mehrheitseigentümer an einer Tochterunternehmung zu informieren. Der Minderheit zustehende Anteile an Eigenkapital oder Erfolg sind nicht auszuweisen. Weist man sie in der Bilanz als Fremdkapital aus, so hat man das engste Konzept bereits verlassen und sich dem sog. Parent-Company-Konzept zugewandt, das die anderen Gesellschafter wie konzernfremde Dritte behandelt. (b) Vermögenswerte (inklusive Goodwill) und Schulden von Tochterunternehmen sind nach der Kapitalbeteiligung der Mutter – und insofern quotal – auszuweisen. Sofern man davon abweicht, lässt sich das nur über die faktisch vollständige Verfügungsmacht bei nur quotaler Kapitalbeteiligung zu begründen versuchen274. Man hat sodann das engste Konzept verlassen und sich dem Parent-Company-Konzept zugewandt, das auf die Verfügungsmacht des Mutterunternehmens abstellt. (c) Quotale Eliminierungen finden auch bei Zwischenergebnissen und Ertrags- und Aufwandskonsolidierungen statt. (d) Für die Fremdwährungsumrechnung und latente Steuern folgt aus der engsten Form der Interessentheorie nichts Eindeutiges. Nimmt man neben dem Proprietary-Konzept weitere Formen der Interessentheorie auf und behandelt auch den Zu- und Abgang von Tochterunternehmen, so resultieren die in Tabelle 8 dargestellten Unterschiede. Interessentheorie Einheitstheorie Proprietary- Konzept Parent- Company- Konzept Parent- Company- Extension- Konzept Übernahme von Vermögenswerten und Schulden bei Erstkonsolidierung In Höhe der Anteilsquote des MU Vollständig Vollständig Vollständig Aufdeckung stiller Reserven/Lasten bei Erstkonsolidierung In Höhe der Anteilsquote des MU In Höhe der Anteilsquote des MU Vollständig Vollständig Bewertung des Goodwill Anteil MU Anteil MU Anteil MU Vollständig 273 Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele (2011), S. 17–20; Hendler/Zülch (2005), S. 1161. 274 Vgl. in diesem Sinne Baetge/Kirsch/Thiele (2011), S. 19 f. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 175 9.5 Theoretische Grundlagen des Konzernabschlusses 175 Interessentheorie Einheitstheorie Proprietary- Konzept Parent- Company- Konzept Parent- Company- Extension- Konzept Schuldenkonsolidierung In Höhe der Anteilsquote des MU Vollständig Vollständig Vollständig Eliminierung von Zwischenergebnissen/ Ertrags- und Aufwandskonsolidierung In Höhe der Anteilsquote des MU In Höhe der Anteilsquote des MU Vollständig Vollständig Ausweis der Anteile anderer Gesellschafter Kein Ausweis Schulden Separat von Eigenkapital und Schulden Eigenkapital Abbildung des Zukaufs von Anteilen an TU Erwerb Erwerb Erwerb Kapitaltransaktion Veräußerung von Anteilen an TU ohne dessen Ausscheiden aus dem Vollkonsolidierungskreis Veräußerung Veräußerung Veräußerung Kapitaltransaktion Legende: MU Mutterunternehmen, TU Tochterunternehmen Tab. 8: Wesentliche Konsequenzen von Einheits- und Interessentheorie Die IFRS folgen keiner der skizzierten Theorien vollständig: Sie lassen mit IAS 27.4 die Orientierung an der Einheitstheorie erkennen. Hierzu passt die bei der Kapitalkonsolidierung vorgenommene vollständige Aufnahme von Vermögenswerten und Schulden von Tochterunternehmen in den Konzernabschluss auch bei einer Kapitalbeteiligung von unter 100 % (IFRS 3.10 und IFRS 10.B86). Hingegen ist es – entgegen SFAS 141 – auch nach dem im Jahr 2008 revidierten IFRS 3 erlaubt, nur den im Kaufpreis abgegoltenen Goodwill zu aktivieren (IFRS 3.19 und .32; vgl. auch IFRS 3.BC328-329), der sich bei einer Beteiligung von unter 100 % nicht auf das ganze Unternehmen bezieht275. Weil dies zu Recht als inkonsequent bezeichnet wurde und nach US-GAAP anders gehandhabt wird, darf auch der volle, sich auf Mehr- und Minderheit insgesamt beziehende, Geschäfts- oder Firmenwert angesetzt werden. Davon abgesehen gilt weiterhin nicht allein die 275 Vgl. auch Kapitel 9.10.1.1. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 176 9. Konzernbesonderheiten176 Zeitbezugsmethode für die Fremdwährungsumrechnung (vgl. hierzu Kapitel 9.9). Aus diesen Feststellungen folgt aber keine Orientierung an der engsten Form der Interessentheorie. Hiermit ist z. B. die Angabe von Minderheitsanteilen nicht vereinbar. Außerdem werden die Minderheiten nicht als Fremdkapitalgeber gezählt (IFRS 10.22). Die Unterschiede zwischen der weitesten Form der Interessentheorie und der Einheitstheorie beziehen sich auf die Behandlung des Goodwill und des Erwerbs und Verkaufs von Beteiligungen. Hier ist in der Entwicklung der IFRS eine kontinuierliche Annäherung an die (Reinform der) Einheitstheorie festzustellen276. 9.6 Konsolidierungskreis Gemäß IFRS 10 Anhang A gelten ein Weltabschluss- und damit verbunden ein Vollständigkeitsprinzip: Der Konzernabschluss umfasst das Mutter- und sämtliche Tochterunternehmen, inklusive beherrschter Zweckgesellschaften (vgl. Kapitel 9.3). Eine abweichende Geschäftstätigkeit eines Tochterunternehmens von der Geschäftstätigkeit anderer Konzernunternehmen führt nicht zum Ausschluss aus dem Konsolidierungskreis. Unternehmen, die ausschließlich mit dem Ziel der Weiterveräußerung in naher Zukunft erworben wurden, sind nach IFRS 5 zu behandeln, jedoch zugleich zu konsolidieren277. Dasselbe gilt für andere Tochterunternehmen, deren Veräußerung vorgesehen ist. Erst der Verlust der Beherrschung oder die Aufgabe des Gemeinschaftsunternehmens begründen das Ausscheiden aus dem Konsolidierungskreis. 9.7 Stichtagsanpassung Bei abweichenden Stichtagen von Abschlüssen ist für Tochterunternehmen die Erstellung zusätzlicher Finanzinformationen auf den Stichtag des Mutterunternehmens (nach altem IAS 27.22 hieß es: ist ein Zwischenabschluss) nötig, „sofern dies nicht undurchführbar ist“ (IFRS 10.B92). „Falls dies undurchführbar ist, hat das Mutterunternehmen 276 Vgl. hierzu Hendler/Zülch (2005), S. 1164–1166. 277 Vgl. Hayn/Grüne (2006), S. 19 f. 9.6 Konsolidierungskreis 9.7 Stichtagsanpassung

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References

Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS