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5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 148 - 150

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_148

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 137 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße 137 In jedem Falle sind Marktpreise dann aussagegefährdet, wenn sie aufgrund zahlreicher Annahmen durch Barwertkalküle (oder Optionspreismodelle) rekonstruiert werden. Schließlich ist auf das Problem aufmerksam zu machen, dass nicht zu belegen ist, wie man mittels einwertiger Größen wie Marktpreisen zu einer Prognose der Dimensionen künftiger Zahlungsströme, d. h. deren Höhe, zeitliche Struktur und Unsicherheit, gelangen kann. Genau dies ist aber die vermeintliche Zwecksetzung der Rechnungslegung nach IFRS zur Entscheidungsunterstützung. 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße Im- wie explizit schätzt man die Einhaltung des Kongruenzprinzips226. Nach diesem ist über die gesamte Lebensdauer des Unternehmens die Summe der Periodenerfolge identisch mit dem Totalgewinn des Eigentümers. In der englischsprachigen Literatur ist in diesem Zusammenhang von der clean surplus relation oder dem clean surplus accounting die Rede227. Nach dieser Bedingung ergibt sich in jeder Periode t der Buchwert des Reinvermögens in t aus dem Buchwert des Reinvermögens in t-1 zuzüglich des Periodenerfolgs in t und abzüglich der Ausschüttungen an die Eigentümer in t. Das clean surplus accounting ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung der Einhaltung des Kongruenzprinzips228. Ein Verstoß gegen das clean surplus accounting in einer bestimmten Periode kann in einer späteren Periode oder in mehreren späteren Perioden durch einen weiteren Verstoß kompensiert werden und verletzt deshalb nicht automatisch das Kongruenzprinzip229. Von der Gültigkeit des clean surplus accounting wird ausgegangen, wenn man zeigen will, dass aus der Diskontierung erwarteter Dividenden derselbe Unternehmenswert resultiert wie aus der Addition von Buchwert des Eigenkapitals und Barwert der Residual- oder Übergewinne (vgl. auch Kapitel 10.7.2). Man kennt diese Beziehung in der 226 Schmalenbach (1926), S. 99, diskutiert die „Kongruenz zwischen Einnahme- und Ausgaberechnung mit der Erfolgsrechnung“. Nach Schmalenbach (1939), S. 96, drückt sich der Kongruenzgedanke aus durch Summe der Periodengewinne = Totalgewinn. Er verweist hierbei auf van Aubel. Zur Bedeutung vgl. auch insb. Ordelheide (1998). 227 Vgl. Ohlson (1995), S. 666; Feltham/Ohlson (1995), S. 694. 228 Vgl. auch Gaber (2005), S. 286. 229 Vgl. Gaber (2005), S. 286 f. 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 138 5. Bilanzbewertung138 deutschen Literatur als Lücke-Theorem230. In der englischsprachigen Literatur verbindet man sie mit dem Namen Preinreich231. Die Beziehung wird für die Unternehmenssteuerung im Sinne wertorientierter Unternehmensführung („value based management“ oder Wertsteigerungsmanagement) bemüht232 und liegt weiterhin den in der Literatur u. a. im Zusammenhang mit Wertrelevanzstudien (vgl. auch Kapitel 10.4) stark diskutierten Modellen von Ohlson und Feltham/Ohlson233 zu Grunde. Das Lücke-Theorem geht über das Kongruenzprinzip insoweit hinaus, als das Kongruenzprinzip nur eine Summenidentität (der Periodengewinne mit dem Totalgewinn) verlangt, während es beim Lücke-Theorem auf die Barwertidentität (der diskontierten, als ausgeschüttet anzusehenden Periodengewinne mit dem Unternehmenswert für die Eigentümer) ankommt. Verstöße gegen das Kongruenzprinzip entstehen, wenn (a) Eigenkapitaländerungen, die nicht auf Einlagen oder Entnahmen der Eigentümer zurückgehen, in einer Periode erfolgsneutral verbucht und nicht wieder in einer späteren Periode rückgängig gemacht werden (d. h. das sog. Recycling unterbleibt) oder wenn (b) erfolgswirksame Buchungen keine Eigenkapitaländerung zur Konsequenz haben und dies nicht korrigiert wird234. Die Literatur unterscheidet deshalb zur genaueren Analyse temporäre Verstöße gegen das Kongruenzprinzip, welche durch Recycling wieder aufgehoben werden, gegenüber permanenten Verstößen, bei denen eine Kompensation früherer Verstöße unterbleibt. Hierbei ist zu beachten, dass das Recycling noch nicht ausreicht, um Barwertidentität zu erzielen, weil hierzu auch Zinseffekte zu berücksichtigen sind235. Zahlreiche Bewertungsregeln der IFRS führen zu vorübergehenden (temporären) und endgültigen (permanenten) Verstößen gegen das Kongruenzprinzip236. Ein Beispiel für einen permanenten Verstoß ist die Erfassung des Wertes von bestimmten Aktienoptionen für das Management als auszahlungsloser Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung bei gleichzeitiger Gegenbuchung auf dem Eigenkapitalkonto. Der Buchungssatz „(Optionseinräumungs-)Aufwand an Eigenkapital“ (IFRS 2.7 f.; vgl. auch Kapitel 5.2.5) führt zu einem Saldo im Eigenkapital von Null und erfüllt den 230 Vgl. Lücke (1955). 231 Vgl. Preinreich (1938). 232 Vgl. z. B. Hebertinger (2002), S. 36 f. 233 Vgl. Ohlson (1995); Feltham/Ohlson (1995). 234 Vgl. auch Preißler (2005), S. 205. 235 Vgl. auch Preißler (2005), S. 205. 236 Vgl. Gaber (2005), S. 287–289; Preißler (2005), S. 204–211. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 139 5.6 Zusammenfassung in Thesen 139 obigen Punkt (b)237. Weitere Beispiele ergeben sich aus der Fremdwährungsumrechnung, die erst in Kapitel 9.9 im Zusammenhang mit dem Konzernabschluss behandelt wird, und der hier unbehandelt bleibenden Berücksichtigung von Fehlern gemäß IAS 8. Ein Beispiel für einen temporären Verstoß ist die erfolgsneutrale Erfassung von Auf- und Abwertungen aufgrund von Änderungen des beizulegenden Zeitwertes bei der Neubewertung von Sachanlagen (vgl. Kapitel 5.3.1) und bestimmten Finanzinstrumenten (vgl. Kapitel 5.3.2). Weitere Beispiele ergeben sich bei der erfolgsneutralen Erfassung des effektiven Teils von bestimmten Sicherungsgeschäften (IAS 39.86, .95(a) und .97-100). Auf diese bin ich nicht eingegangen238. Die Liste der Verstöße ist nicht vollständig239. Wie sehr die Verstöße die Verwendung von IFRS-Zahlen im Wertsteigerungsmanagement stören, wird hier nicht weiter behandelt. 5.6 Zusammenfassung in Thesen (1) Für die Bilanz werden im Rahmenkonzept und in den IFRS sechzehn Wertkategorien für die Zugangs- oder Folgebewertung von Vermögenswerten oder Schulden genannt, die aber teilweise deckungsgleich sind (unternehmensspezifischer Wert und Nutzungswert), nicht mit dem genannten Ausdruck verwendet werden (Tageswert) oder einen Oberbegriffe für mehrere Werte darstellen (Barwert und erzielbarer Betrag). (2) Die Zugangsbewertung von Vermögenswerten erfolgt grundsätzlich erfolgsneutral, d. h. ohne Gewinnwirkung. Einige Schulden werden hingegen erfolgswirksam, andere erfolgsneutral beim Zugang erfasst. (3) Von besonderer Bedeutung ist der beizulegende Zeitwert, der sowohl für die Zugangsbewertung (IAS 41.12) als auch für die Folgebewertung verwendet wird. Er ist definitionsgemäß und damit im Idealfall ein bei Veräußerung eines Vermögenswerts erzielbarer oder bei Ablösung einer Schuld zu zahlender Marktpreis. Tatsächlich muss er in praxi überwiegend modellhaft mithilfe eines Barwertkalküls konstruiert werden, was die Relevanz und die glaubwürdige 237 Vgl. auch Schildbach (2003b), S. 897: „Die Buchung erschließt damit neue Welten der Rechnungslegung. Ohne per Saldo das Eigenkapital zu verändern, eröffnet sie die Möglichkeit, den Aufwand zu erhöhen.“ 238 Vgl. hierzu insb. Kuhn/Scharpf (2006); Brötzmann (2004). 239 Zu weiteren Beispielen vgl. Dobler (2008a), S. 264. 5.6 Zusammenfassung in Thesen

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Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS