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Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 411 - 461

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_411

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 22.1. Gegenstand, Methoden und Aufgaben Forstliche Entwicklungsökonomie beschäftigt sich mit der entwicklungstheoretischen Analyse ökonomischer Aktivitäten im Zusammenhang mit der Waldnutzung insbesondere in den Ländern des Tropengürtels. Die meisten Staaten in dieser Region weisen erhebliche Entwicklungsrückstände auf, die sich in besonders stark ausgeprägten Knappheiten von Gütern und Ressourcen äußern: Teile der Bevölkerungen in den Tropenstaaten sind nach wie vor nicht in der Lage, ihre elementaren Grundbedürfnisse - das sind jene das physische Existenzminimum sichernden Bedürfnisse nach sauberem Trinkwasser, Nahrung, Wohnung, Bekleidung und Energie (D. Bender, 1999b, S. 595) - zu befriedigen. Auch die in Industriestaaten beinahe selbstverständliche Bereitstellung von Sicherheit, von Gesundheits- oder Bildungsdienstleistungen in hinreichender Qualität und Menge bleibt in den Tropenstaaten vielfach defizitär. Es ist nachvollziehbar, dass die Staaten in der Region zum Abbau dieser Defizite auch auf die heimischen Waldvorkommen zurückgreifen, die Brennholz, Nichtholzprodukte, Nutzholz und - nach Flächenräumung - Agrarflächen zur Verfügung stellen und mit deren Hilfe sich die Konsum- und Produktionsmöglichkeiten lokaler Haushalte und Unternehmen erweitern lassen. Dass sich durch eine verstärkte Inanspruchnahme von Wäldern interne und externe Nutzungskonkurrenzen einstellen können und welche Mittel der nationalen und internationalen Waldschutzpolitik zur Konfliktlösung zur Verfügung stehen, wurde in den Kapiteln zur Waldschutzökonomie und zum Internationalen Umwelt- und Waldschutz thematisiert. Um Wiederholungen zu vermeiden, konzentriert sich die in diesem Abschnitt vorgestellte Forstliche Entwicklungsökonomie auf die Untersuchung der Wirkungen, die die wirtschaftliche Nutzung von Wäldern beim Versuch des Abbaus von Entwicklungsrückständen insbesondere in tropischen Staaten erzeugt. Die Forstliche Entwicklungsökonomie ist demnach eine sektoral und regional ausgerichtete spezielle Volkswirtschaftslehre, die sich für ihre auf Entwicklungsländer ausgerichteten Analysen der Methodik und der Erkenntnisse der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, der Umwelt- und Waldschutzökonomie und der Marktlehre der Forst- und Holzwirtschaft aus nationaler sowie internationaler Perspektive bedient. Die spezifischen Aufgabenstellungen für die Forstliche Entwicklungsökonomie ergeben sich aus der Diagnose wirtschaftlicher Unterentwicklung. Folgerichtig beschäftigen wir uns im nächsten Abschnitt mit Indi- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie404 katoren zur Messung des Entwicklungsstandes. Ursachen wirtschaftlicher Unterentwicklung und Ansatzpunkte forstlicher Entwicklungspolitik werden im daran anschließenden Abschnitt 22.3 überblicksartig thematisiert. Aus diesem Überblick ergeben sich zwei Handlungsfelder forstlicher Entwicklungspolitik, die gut geeignet sind, das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Entwicklung und nachhaltiger Waldnutzung aufzuzeigen, in dem sich forstliche Entwicklungspolitik befindet. Dies ist zum einen die Förderung des Außenhandels mit Holz und Waren aus Holz, die eindeutig mit dem Ziel postuliert wird, die wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen; die ihrerseits aber vielfach im Verdacht steht, nicht-nachhaltige Waldnutzungsverfahren hervorzubringen. Zum anderen ist dies die Förderung der nachhaltigen Waldnutzung im informellen Sektor, deren Zielsetzung die Bewahrung der Wälder in Entwicklungsländern ist und die häufig genug das Entwicklungsziel vernachlässigt. 22.2. Indikatoren zur Messung des Entwicklungsstandes Ökonomische Unterentwicklung liegt dann vor, wenn die Wirtschaftseinheiten in einer Volkswirtschaft eine im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Wohlfahrt realisieren. Das Ausmaß der realisierten gesellschaftlichen Wohlfahrt ist somit die Messgröße für die Bestimmung des Entwicklungsstandes einer Volkswirtschaft und dient - nach der Definition einer Norm - als Maßstab für das Ranking von Volkswirtschaften hinsichtlich des ökonomischen Entwicklungsstandes. Sowohl die Bestimmung des Entwicklungsstandes als auch dessen internationaler Vergleich verlangt nach quantifizierbaren Indikatoren für die realisierte Wohlfahrt. Ferner bedarf es der Bestimmung eines Grenzwertes für diese Indikatoren, der die Klassifizierung von Ländern als (im ökonomischen Sinne entwickelte) Industrieländer oder als (ökonomisch unterentwickelte) Entwicklungsländer erlaubt. Aus ökonomischer Sicht lässt sich der Entwicklungsstand an der gesellschaftlichen Wohlfahrt messen, die in einer Volkswirtschaft in einer Periode realisiert wird. Dabei wird die gesellschaftliche Wohlfahrt als ein Aggregat des individuellen Nutzens aufgefasst, mit dem das einzelne Mitglied der Volkswirtschaft die von ihm konsumierten Güter und Dienstleistungen und die dadurch entstehende Bedürfnisbefriedigung bewertet. Der individuelle Nutzen ist aber einer empirischen Messung nicht direkt zugänglich, so dass auf second-best-Maßstäbe - wie Konsumentenrenten und Zahlungsbereitschaften - zurückgegriffen wird, um den individuellen Nutzen zu approximieren (siehe Kapitel 9 bis 12 und Kapitel 14). Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 405 Auch wenn sich diese Verfahren für die Ermittlung des Beitrages eines isolierten Entwicklungsprojektes im Forst- und Holzsektor zur gesellschaftlichen Wohlfahrt eines Landes gut eignen (J. R. Vincent et al., 1991), so sind sie doch für die Bestimmung des Entwicklungsstandes einer Volkswirtschaft zu aufwendig. In der entwicklungspolitischen Praxis verwendet man stattdessen den in einer Volkswirtschaft realisierten Lebensstandard als third-best-Maßstab für die gesellschaftliche Wohlfahrt und damit für den Entwicklungsstand. Der Lebensstandard knüpft an den eigentlich korrekten Maßstab für den Entwicklungsstand - die gesellschaftliche Wohlfahrt - nur insoweit an, dass er die auf Märkten gehandelte und dort bewertete Menge der Güter und Dienstleistungen beinhaltet, die den Mitgliedern einer Volkswirtschaft für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung stehen. Über das tatsächliche Ausmaß der individuell aus dem Konsum realisierten Bedürfnisbefriedigung sagt der Lebensstandard dagegen nichts, woraus seine Einordnung als third-best-Maßstab für den Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft resultiert. Das Pro-Kopf-Einkommen Der Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft gemessen am Lebensstandard der Bevölkerung lässt sich - bei völliger Vernachlässigung der Einkommensverteilung - durch den durchschnittlichen Anteil jedes Einwohners an dem Güterberg beschreiben, der in der betrachteten Volkswirtschaft im Laufe eines Jahres für Konsum- und Investitionszwecke und damit letztlich für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Um diesen durchschnittlichen Anteil abzubilden, ist das Pro-Kopf-Einkommen (PKE) der geeignete Indikator. Man erhält das PKE, indem man das Volkseinkommen - das dem Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten entspricht - durch die Bevölkerungszahl (B) des betreffenden Landes dividiert. In der entwicklungspolitischen Praxis wird allerdings bei der Berechnung des PKE überwiegend das Bruttonationaleinkommen (BNE) zu Marktpreisen oder das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu Marktpreisen verwendet, da seine Erfassung geringere Ansprüche an die Genauigkeit der nationalen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen stellt. Um Vergleiche hinsichtlich des erreichten Lebensstandards und damit des Entwicklungsstands anstellen zu können, werden die nationalen Pro-Kopf-Einkommen mit Hilfe der offiziellen Wechselkurse in eine einheitliche Währung in der Regel in US-Dollar - umgerechnet. Tabelle 22.1 zeigt das Bruttoinlandsprodukt, die Bevölkerungszahl und das Pro-Kopf-Einkommen für drei Staaten im Tropengürtel, nämlich für Bolivien, Ghana und Malaysia. Diese drei Staaten werden in diesem Abschnitt als Referenzländer verwendet, da sie über spezifische Datenkonstellationen hinsichtlich Wirtschaftsleistung, Bevölkerungsgröße und Einkommensverteilung verfügen, mit deren Hilfe sich konzeptionelle Un- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie406 terschiede zwischen in der Praxis eingesetzten Entwicklungsindikatoren gut herausarbeiten lassen. Tab. 22.1: Pro-Kopf-Einkommen einiger tropischer Entwicklungsländer Land Bruttoinlandsprodukt 2010 ([BIP] in Mio. US-$) Bevölkerung 2010 ([B] in Mio. Einw.) Pro-Kopf-Einkommen 2010 ([PKE = BIP/B] in US-$) Bolivien 19.650 9,93 1.979 Ghana 32.175 24,39 1.319 Malaysia 237.797 28,40 8.373 OECD-Staaten 42.810.411 1.237 34.602 Welt 63.134.668 6.894 9.157 Quelle: World Bank (2012): World Development Indicators Die Tabelle weist aus, dass alle drei Staaten als Entwicklungsländer einzustufen sind, da sie gemessen am realisierten Lebensstandard einen Rückstand aufweisen. Diese Diagnose gilt, wenn man den Warenkorb im Wert von 34.602 US$ zugrunde legt, der einem Einwohner der in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengeschlossenen Hocheinkommensstaaten im Durchschnitt pro Jahr zur Verfügung steht. Und sie gilt ebenfalls, wenn das PKE des Weltdurchschnitts des Jahres 2010 (9.157 US$) als Maßstab verwendet wird. Die Einordnung von Staaten zur Gruppe der Entwicklungsländer erfolgt also entsprechend einer Normvorstellung darüber, welcher Entwicklungsstand - gemessen am Pro-Kopf-Einkommen - entwickelte Länder von in der Entwicklung befindlichen Ländern trennt. Der Vergleich der in Tabelle 22.1 aufgelisteten Pro-Kopf-Einkommen zeigt eine klare Rangfolge: Der mit Abstand höchste Lebensstandard wird im Durchschnitt von Einwohnern in den OECD-Staaten realisiert, mit großem Abstand gefolgt vom Weltdurchschnitt und Malaysia sowie nun wieder mit großem Abstand - von Einwohnern Boliviens und Ghanas. Die Tabelle könnte daher zu Aussagen wie „der am Lebensstandard gemessene Entwicklungsstand in den OECD-Staaten ist viermal höher als in Malaysia“ oder „der Lebensstandard Ghanas beträgt knapp ein Sechstel des Lebensstandards in Malaysia“ verleiten. Solche Aussagen, die aus PKE-Unterschieden auf ein Entwicklungsgefälle schließen, sind oftmals problematisch, wenn diese Unterschiede eher gering ausfallen, wie es zwischen Bolivien und Ghana ausweislich Tabelle 22.1. der Fall ist. Das liegt an Unschärfen in der PKE-Berechnung, die zum einen aus allgemeinen und entwicklungsländerspezifischen Messproblemen im Zusammenhang mit der Erfassung des Nationaleinkommens oder des Bruttoinlandsproduktes re- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 407 sultieren und zum anderen das Ergebnis von Divergenzen in der Altersstruktur der Bevölkerungen sowie von Unterschieden in den Einkommensverteilungen zwischen Staaten sind. Allgemeine und entwicklungsländerspezifische Messprobleme: Bei der Berechnung von Nationaleinkommen oder Inlandsprodukt werden im allgemeinen alle über Märkte gehandelten - privaten - Güter mit Marktpreisen bewertet. Bei öffentlichen Gütern (wie innere und äußere Sicherheit, Bildung, Gesundheitsdienstleistungen, Umwelt- und Naturschutzdienstleistungen), die vom Staat bereitgestellt und nicht auf Märkten verkauft werden, existiert kein Marktpreis, mit dessen Hilfe die gesellschaftliche Wertschätzung für die bereitgestellten Leistungen ausgedrückt werden könnte. Öffentliche Güter werden daher hilfsweise mit Herstellungskosten bewertet, um sie überhaupt in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbeziehen zu können. Vollständig unberücksichtigt bleiben dort externe Effekte, wie z.B. Änderungen der Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes oder Änderungen der Luft-, Wasser- oder Bodenqualität. Diese Bewertungsprobleme haben zur Folge, dass Staaten mit hohen Herstellungskosten für öffentliche Güter und schlechter Umweltqualität systematisch ein höheres PKE ausweisen als solche, die öffentliche Güter effizienter produzieren und eine bessere Umweltqualität bereitstellen, was die Vergleichbarkeit von Pro-Kopf- Einkommensdaten beschränkt. Entwicklungsländerspezifisch ist die große relative Bedeutung, die dem informellen Sektor bei der Produktion des gesamtwirtschaftlich verfügbaren Güterbergs zukommt. Den zum informellen Sektor gehörenden Unternehmen ist gemeinsam, dass die von ihnen angebotenen Güter und Dienstleistungen durch keine staatliche Statistik erfasst werden und somit ihr Beitrag bei der Ermittlung von Nationaleinkommen und Inlandsprodukt entweder vollständig vernachlässigt oder in Einzelfällen lediglich durch grobe Schätzungen berücksichtigt wird. Dieses gilt für legale ökonomischen Transaktionen in der Landwirtschaft, die via Naturaltausch abgewickelt werden, genauso wie für die Eigenproduktion landwirtschaftlicher Haushalte oder für kleine städtische Produktionsbetriebe, für Straßenhändler oder die wirtschaftlichen Aktivitäten von Heimarbeitern. Aber auch illegale wirtschaftliche Transaktionen wie der Anbau von Schlafmohn oder Kokapflanzen, die Weiterverarbeitung zu Rauschgift und dessen Export können dem informellen Sektor zugerechnet werden. Fallstudien weisen darauf hin, dass die wirtschaftliche Bedeutung des informellen Sektors und des Subsistenzbereichs bei steigendem Entwicklungsstand abnimmt (H.-R. Hemmer, 2002, S. 11f. u. S. 358 ff.). Daraus aber folgt, dass in weniger entwickelten Ländern das statistisch erfasste PKE den Wert des tatsäch- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie408 lich pro Kopf zur Verfügung stehenden Warenkorbes stärker unterschätzt als dies in PKE-reicheren Staaten der Fall ist. Divergierender Altersaufbau: Das Pro-Kopf-Einkommen kann als Indikator für den durchschnittlichen Lebensstandard der Mitglieder einer Volkswirtschaft interpretiert werden; hier ist die Verwendung der gesamten Einwohnerzahl als Bezugsgröße sinnvoll. Häufig aber wird das PKE auch für internationale Vergleiche der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften herangezogen. In diesem Fall ist es zweckmäßig, statt der gesamten Bevölkerungszahl die Anzahl der arbeitsfähigen Einwohner als Bezugsgröße einzusetzen, um somit einen potentiell produktivitätsorientierten Leistungsfähigkeitsindikator zu erhalten. Gerade bei Leistungsfähigkeitsvergleichen zwischen den OECD- Staaten und Entwicklungsländern in Südasien, Lateinamerika und Afrika ist eine solche Modifikation bei der Ermittlung des PKE sinnvoll, da hier große Unterschiede im Altersaufbau der Bevölkerung vorliegen: Während in den OECD- Ländern etwa 66 % der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren potentiell zur Erwirtschaftung des Bruttosozialproduktes beitragen kann, beträgt dieser Anteil in den genannten Regionen nur etwa 55 %. Berücksichtigt man diese Divergenzen im Altersaufbau bei der Berechnung des PKE als Leistungsfähigkeitsindikator, so folgt daraus eine Verringerung der Unterschiede der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Unterschiede in der Einkommensverteilung: Das Pro-Kopf-Einkommen gibt den Anteil am Güterberg wieder, der dem Durchschnittseinwohner eines Staates zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zur Verfügung steht. Es gibt somit keinen Aufschluss darüber, wie dieser Güterberg tatsächlich innerhalb einer Volkswirtschaft auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen verteilt wird. Eine solche Differenzierung ist aber besonders bei der Betrachtung von Entwicklungsländern bedeutsam, da hier das PKE per definitionem erheblich kleiner als in den industrialisierten Staaten ausfällt. Ist in einem Entwicklungsland mit niedrigem PKE das Nationaleinkommen sehr ungleich verteilt, so kann dies dazu führen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung kaum in der Lage ist, seine elementaren Grundbedürfnisse zu befriedigen - ein Tatbestand, der Rückwirkungen auf die Bestimmung des Entwicklungsgefälles zwischen Ländern nach sich ziehen kann. Dieses Problem verdeutlicht die Tabelle 22.2, aus der wir, wie schon aus Tabelle 22.1, entnehmen können, dass Malaysia den höchsten am PKE gemessenen Entwicklungsstand erreicht, gefolgt von Bolivien und Ghana. Diese PKE-Informationen werden nun in Tabelle 22.2 durch Angaben darüber ergänzt, in welchem Maß die ärmste Gruppe der Einwohner unserer drei Beispielländer Anteil am Einkommen hat. Im PKE-ärmsten der drei Staaten, in Ghana, verfügt Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 409 das ärmste Fünftel der Bevölkerung über einen relativen Einkommensanteil von 5,24 %, in Malaysia über 4,54 % und in Bolivien über 2,13 % (siehe Zeile (5) in Tab. 22.2). Auf der Grundlage dieser Anteile lässt sich das Bruttoinlandsprodukt berechnen, über welches das ärmste Fünftel der jeweiligen Bevölkerung verfügen kann (Zeile 6). Bezieht man den resultierenden Wert auf die Anzahl der Einwohner, die diesen ärmsten 20 % der Bevölkerung angehören (Zeile 4), so ergibt sich für die drei Staaten der Lebensstandard des jeweilig ärmsten Bevölkerungsfünftels (Zeile 7). Zwar fällt im PKE-reichsten der drei Beispielländer, in Malaysia, auch der Lebensstandard der ärmsten Bevölkerungsgruppe mit einem durchschnittlichen Wert des verfügbaren Warenkorbes von 1.901 US$ am höchsten aus. Dagegen tauschen das PKE-ärmere Ghana und das PKE-reichere Bolivien die Rangplätze bei der Versorgung der Ärmsten, da die stärkere Ungleichverteilung des Einkommens in Bolivien den Vorteil des Landes beim PKE überkompensiert. Tab. 22.2: Pro-Kopf-Einkommen und Einkommensverteilung Zeile Berech-nung Indikator Bolivien Ghana Malaysia (1) BIP (in Mio. US$) 19.650 32.175 237.797 (2) B (in Mio. Einwohner) 9,930 24,392 28,401 (3) (1)/(2) PKE (in US$) 1.979 1.319 8.373 (4) 0,2*(2) ärmste 20 % (in Mio. Einw.) 1,986 4,878 5,680 (5) relativer Anteil ärmste 20 %am Einkommen (in %) 2,13 (aus 2008) 5,24 (aus 2006) 4,54 (aus 2009) (6) (5)/100*(1) absoluter Anteil ärmste 20 % am Einkommen (in Mio. US$) 419 1.686 10.796 (7) (6)/(4) PKE ärmste 20% (in US$) 211 346 1.901 Quelle: World Bank (2012): World Development Indicators Unser Ländervergleich macht deutlich, dass die Berücksichtigung der Einkommensverteilung dann sinnvoll ist, wenn man bei der Bestimmung von Entwicklungsunterschieden weniger am durchschnittlichen Warenkorb und vielmehr an den Möglichkeiten der Ärmsten interessiert ist, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Verteilungsindikatoren Im Gegensatz zum Pro-Kopf-Einkommen, das als reiner Durchschnittswert die Menge an Gütern und Diensten misst, die pro Jahr auf einen Einwohner eines Staates entfällt, vernachlässigen Verteilungsindikatoren die Größe des verfügbaren Warenkorbes völlig und stellen ausschließlich auf seine Verteilung auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ab. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie410 Die Berücksichtigung von Einkommensverteilungsaspekten lässt sich unter Rückgriff auf das Konzept der gesellschaftlichen Wohlfahrt als korrektes Maß für den Entwicklungsstand begründen. Fasst man die gesellschaftliche Wohlfahrt als Summe der individuellen Nutzen aller Gesellschaftsmitglieder auf, so wird ein Wohlfahrtsmaximum dann erreicht, wenn der zusätzliche Nutzen der Verausgabung einer zusätzlichen Einkommenseinheit - der Grenznutzen des Einkommens - in allen Verwendungsarten und für alle Gesellschaftsmitglieder übereinstimmt. Ist diese Situation erreicht, so ist dies gleichbedeutend mit einer optimalen Verteilung des innerhalb einer Volkswirtschaft in einer Periode erwirtschafteten Einkommens auf die Gesellschaftsmitglieder. Steigt das Volkseinkommen im Zeitverlauf, so stellt sich die Frage, wie diese Zuwächse auf die Gesellschaft verteilt werden sollen. Einen Hinweis darauf liefert der gesellschaftliche Grenznutzen des Einkommens, von dem im allgemeinen angenommen wird, er nehme mit sinkendem Einkommen zu (N.A. Barr, 1993, S. 136ff.): der zusätzliche Nutzen, den ein Armer aus einem zusätzlichen Dollar zieht, ist größer als jener eines Reichen. Gilt diese Annahme, so ist im Sinne der Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt zu fordern, dass an Einkommenszuwächsen primär die unteren Einkommensschichten partizipieren, da die Summe der dort entstehenden Nutzenzuwächse den Wohlfahrtsgewinn einer auf die oberen Einkommensschichten konzentrierten Verteilung übersteigen. Tab. 22.3: Zur Messung der Einkommensverteilung ärmste reichste Land Indikator 20% 20% 20% 20% 20% relativer Anteil am Einkommen (in %) 2,13 6,8 11,91 19,85 59,31Bolivien kumulativer Anteil am Einkommen (in %) 2,13 8,93 20,84 40,69 100,00 relativer Anteil am Einkommen (in %) 5,24 9,84 14,73 21,64 48,55Ghana kumulativer Anteil am Einkommen (in %) 5,24 15,08 29,81 51,45 100,00 relativer Anteil am Einkommen (in %) 4,54 8,65 13,72 21,64 51,45Malaysia kumulativer Anteil am Einkommen (in %) 4,54 13,19 26,91 48,55 100,00 Quelle: World Bank (2012): World Development Indicators Eine im Zusammenhang mit Entwicklungsstandsvergleichen häufig verwendete Illustration von Verteilungsmustern ist die Lorenz-Kurve [Max Otto Lorenz, US-amerikanischer Statistiker und Ökonom, 1876-1959]. Sie zeigt das Ausmaß der Ungleichverteilung des Volkseinkommens durch die Gegenüberstellung der Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 411 nach der Höhe des Haushaltseinkommens geordneten Bevölkerungsgruppen mit den kumulierten Anteilen am Volkseinkommen, die auf die jeweiligen Bevölkerungsgruppen entfallen. Die für die Konstruktion der Lorenz-Kurve benötigten Informationen enthält die Tabelle 22.3. Im Gegensatz zur Tabelle 22.2 zeigt sie nicht nur die Verteilungsposition des ärmsten Fünftels der Bevölkerung, sondern auch die Verteilungspositionen aller anderen der nach dem Einkommen geordneten Bevölkerungsgruppen für Bolivien, Ghana und Malaysia. Die Verteilungsposition A in Abbildung 22.4 zeigt den relativen Anteil am Volkseinkommen, der dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung in den drei betrachteten Ländern zukommt. Wir wollen uns die Konstruktion der Lorenz- Kurve anhand des Beispiels Boliviens verdeutlichen. Gemäß Tabelle 22.3 entfällt auf die ärmsten 20 % der Bevölkerung ein Anteil des Volkseinkommens von 2,13 %. Der gleichen Bevölkerungsgruppe standen dagegen in Malaysia 4,54 % bzw. in Ghana 5,24 % des verfügbaren Warenkorbes zur Verfügung. Die Verteilungsposition (A) des ärmsten Fünftels der bolivianischen Bevölkerung befindet sich unterhalb jener der beiden anderen untersuchten Volkswirtschaften. E 0 20 40 60 80 100 % der Einkommensbezieher 0 20 40 60 80 100 % des Volkseinkommens bzw. Konsums Bolivien Ghana Malaysia Gleichverteilung D B A Abb. 22.4: Lorenzkurven für Bolivien, Ghana und Malaysia Auf das nächste Fünftel der nach steigendem Einkommen angeordneten Bevölkerung entfiel in Bolivien in Betrachtungszeitraum ein Anteil von 6,8 % des Volkseinkommens. Den ärmsten 40 % der bolivianischen Bevölkerung standen somit im Bezugsjahr zusammen 8,93 % des Volkseinkommens zur Verfügung, was anhand der Verteilungsposition B in Abbildung 22.4 abgelesen werden kann. Für alle Einkommensgruppen lassen sich solche Verteilungspositionen identifizieren. Durch Interpolation zwischen den einzelnen länderspezifischen Vierter Teil: Internationale Forstökonomie412 Wertepaaren aus Tabelle 22.3 erhält man dann die in Abbildung 22.4 dargestellten Lorenz-Kurven. Das Ausmaß der herrschenden Ungleichverteilung in einer Volkswirtschaft lässt sich dann durch den Vergleich der Lorenz-Kurve mit der Geraden OD ermitteln. Diese Gerade ist eine Gleichverteilungsgerade. Sie zeigt eine hypothetische Verteilung des Volkseinkommens an, bei der keine Einkommensdifferenzen zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen auftauchen: Eine solche Verteilung impliziert, dass jeder Einkommensbezieher das gleiche Einkommen erhält. Je größer die Ungleichverteilung des Volkseinkommens ausfällt, desto stärker wölbt sich die Lorenz-Kurve von der Gleichverteilungskurve OD nach rechts unten. Abbildung 22.4 verdeutlicht, dass in Bolivien das Ausmaß der Ungleichverteilung erheblich größer als in Malaysia oder Ghana ist: Die bolivianische Lorenz- Kurve ist stärker als die beiden anderen von der Gleichverteilungskurve OD weggewölbt, während für die Einkommensverteilungen in Malaysia und Ghana weniger stark voneinander abweichen. Verwendet man nun statt des im Durchschnitt pro Kopf verfügbaren Teils des Warenkorbes - statt des PKE - die mit der Lorenz-Kurve gemessene Verteilung des Volkseinkommens auf die Bevölkerung als Indikator für den Entwicklungsstand der untersuchten Volkswirtschaften, so verändert sich die Tabelle 22.1 abgeleitete Rangfolge: Das PKEarme Ghana steht nun an der Spitze des Rankings gefolgt von dem PKEreicheren Staaten Malaysia und Bolivien. Dieses verteilungsbezogene Ergebnis bestätigt sich auch bei dem Vergleich der Gini-Koeffizienten [Corrado Gini, italienischer Statistiker, 1884-1965]. Bei dem Gini-Koeffizienten handelt es sich um einen Verteilungsindikator, der die in den Lorenz-Kurven enthaltenen Informationen in einer Kennzahl verdichtet. Man erhält den Gini-Koeffizienten für eine Volkswirtschaft, indem man die Fläche zwischen der Gleichverteilungsgeraden OD und der länderspezifischen Lorenz- Kurve durch das Dreieck ODE dividiert und das Ergebnis mit 100 multipliziert. Demnach kann der Gini-Koeffizient Werte zwischen 100 (totale Ungleichverteilung) und null (hier entspricht die Lorenzkurve der Gleichverteilungsgeraden) annehmen. Entsprechend errechnen sich Gini-Koeffizienten für Ghana von 42,8, für Bolivien von 56,3 und für Malaysia von 46,2. Bisher diente als Vergleichsnorm für die Einkommensverteilung die Gleichverteilung: Je geringer der Abstand zwischen der Lorenz-Kurve und der Gleichverteilungsgerade bzw. je kleiner der Gini-Koeffizient desto positiver wurde die Einkommensverteilung eingeschätzt. Diese Einschätzung ist aber dann zu revidieren, wenn man sich die Implikationen hinsichtlich der Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt verdeutlicht, die eine proportionale Verteilung des Volkseinkommens auf die Bevölkerung mit sich bringen kann. Wie oben darge- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 413 legt, wird das Wohlfahrtsmaximum dann realisiert, wenn der Grenznutzen des Einkommens bei allen Gesellschaftsmitgliedern gleich ist. Da Menschen aber unterschiedliche Bedürfnisse haben, werden sich bei einer einheitlichen Höhe der individuellen Einkommen differierende Grenznutzen des Einkommens einstellen; Einkommensumschichtungen mit dem Ergebnis einer differenzierten Verteilung führen demnach zu Wohlfahrtszuwächsen. Somit bleibt festzuhalten, dass das Wohlfahrtsmaximum durch eine Gleichverteilung des Volkseinkommens nur unter der unrealistischen Annahme zu erreichen ist, alle Individuen hätten die gleichen Bedürfnisse und es stellt sich nun die Frage, wie gleich oder wie ungleich das Einkommen zwischen den Mitgliedern einer Volkswirtschaft verteilt werden soll. Eine Antwort darauf kann das Konzept der maximalen Toleranzbreiten des Gini-Koeffizienten bieten (H. R. Hemmer, 2002, S. 87ff.). Ebenso wie im Falle des Pro-Kopf-Einkommens können zur Festlegung dieser Toleranzschranken unterschiedliche Maßstäbe herangezogen werden: In den PKE-reichen OECD-Staaten wird - der dort herrschenden marktwirtschaftlichen Ordnung adäquat - das Volkseinkommen entsprechend der Faktorleistung an die Produktionsfaktoren verteilt. Diese Primärverteilung des Volkseinkommens wird dann durch eine sozialpolitisch motivierte Umverteilung auf dem Wege der Erhebung von Steuern und der Zahlung von Transfers korrigiert, so dass auch jenen Gesellschaftsmitgliedern Einkommen zufließt, die nicht über wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verfügen. Danach ergibt sich für die Zeitspanne zwischen der Mitte der 1990er Jahre und dem Jahr 2010 für den tatsächlichen Gini-Koeffizienten (Gt) eine maximale Toleranzbreite von Gmax ≥ Gt ≥ Gmin bzw. 40,8USA, 2000≥ Gt ≥ 24,7Dänemark, 1997 wobei Gmax durch die USA und Gmin durch Dänemark vorgegeben wird. Die Zahlen sind der online zugänglichen Datenbank World Development Indicators der Weltbank entnommen. Die Gini-Koeffizienten der übrigen OECD-Ländern liegen in den Jahren zwischen 1990 und 2010 innerhalb der durch diese beiden Staaten vorgegebenen Schwankungsbreiten, während Ghana (G: 42,8 in 2006), Bolivien (G: 56,3 in 2008) und Malaysia (G: 46,2 in 2009) die maximale Schwankungsbreite einigermaßen deutlich überschreiten. Die drei Beispielländer wiesen unter Verwendung des OECD-Vergleichsmaßstabs demnach inakzeptabel große Ungleichverteilung aus. Alternativ lassen sich die drei Verteilungsmuster auch am Weltdurchschnitt messen. Zwischen 1995 und 2010 liefern die World Development Indicators für die Gini-Koeffizienten der insgesamt 213 berichtenden Staaten 633 Einzelwerte, woraus sich ein globaler mittlerer Gini-Koeffizient von 42,36 berechnen lässt. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie414 Akzeptiert man als Toleranzbreite für den tatsächlichen Gini-Koeffizienten das Datenintervall, dass durch diesen globalen Mittelwert minus/plus einer Standardabweichung (hier: 9,78) aufgespannt wird, dann ergibt sich: Gmax = 52,14 ≥ Gt ≥ Gmin = 32,58. Aus diesem globalen Verteilungsmaßstab folgt, dass Ghana und Malaysia nun akzeptable Verteilungsmuster aufweisen: Die Gini-Koeffizienten der beiden Staaten liegen mit Werten von 42,8 und 46,2 in der vorgegebenen Toleranzbreite. Von den drei Beispielländern liegt jetzt lediglich Bolivien mit einem Koeffizientenwert von 56,3 außerhalb des Tolerablen. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Schwierigkeiten bei der Bestimmung des ökonomischen Entwicklungsstandes einer Volkswirtschaft. Je nach Messgröße (PKE, PKE der Ärmsten, Gini-Koeffizient) und Maßstab können sich unterschiedliche Rangfolgen der betrachteten Volkswirtschaften einstellen: ein Problem, das durch die Hinzunahme weiterer, nicht-ökonomischer Entwicklungsindikatoren nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch verschärft werden kann. 22.3. Wirtschaftliche Entwicklung und Waldnutzung in tropischen Staaten Unterschiedliche internationale Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit haben als Lösung des oben geschilderten Klassifikationsproblems pragmatische Verfahren zur Einordnung von Staaten in die Gruppe der Industrie- und der Entwicklungsländer vorgeschlagen. So klassifiziert die OECD alle Volkswirtschaften, die als Nehmer von Entwicklungshilfe auftreten, als Entwicklungsländer. Dagegen ordnet die Weltbank alle Staaten nach dem realisierten Pro-Kopf- Einkommen (PKE) in Einkommensklassen ein. Dort werden Staaten mit einem im Jahr 2010 realisierten Bruttonationaleinkommen pro Kopf von • kleiner gleich US-$ 1.005 als low income countries (LICs), • zwischen US-$ 1.006 und US-$3.975 als lower middle income countries (LMICs), • zwischen US-$ 3.976 und US-$ 12..275 als upper middle income countries (UMICs), • größer gleich US-$ 12.276 als high income countries (HICs) eingeordnet, wobei alle Länder mit niedrigem und mittlerem Pro-Kopf-Einkommen (LICs, LMICs und UMICs) sowie jene mit gravierenden Schuldenproblemen als Entwicklungsländer eingestuft werden können. Akzeptiert man das von der Weltbank vorgeschlagene Klassifizierungsmerkmal des PKE als third-best-Maßstab zur Messung des Entwicklungsstands, ergibt sich sowohl für Bolivien, Ghana und Malaysia ein wirtschaftlicher Entwick- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 415 lungsrückstand, der sich durch einen im Vergleich zu den Industrieländern geringeren Lebensstandard äußert. Tabelle 22.5 gibt eine Übersicht über den am PKE gemessenen Lebensstandard einiger zwischen den Wendekreisen von Krebs und Steinbock, d.h. in den Tropen gelegener Staaten. Alle dort aufgelisteten Staaten sind entsprechend der Weltbankklassifizierung Entwicklungsländer. Die Liste wird zwar dominiert von Niedrigeinkommensstaaten und von Ländern mit mittlerem Einkommen, allerdings finden sich mit Brasilien, Gabun und Malaysia auch drei Staaten, die nur noch geringe PKE-Rückstände zu den Industrieländern aufweisen. Ebenso heterogen zeigt sich die Liste hinsichtlich der Größe und der Bewaldung der Länder, denn sie enthält sowohl große Flächenstaaten (z.B. Brasilien, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien und Niger) als auch flächenmäßig kleine Länder (z.B. die Kapverdischen Inseln und Liberia) genauso wie Staaten mit hohem (Gabun, Laos, Sambia) oder geringem Bewaldungsprozent (Niger und Äthiopien) oder großen (Brasilien, Demokratische Republik Kongo, Indonesien) und kleinen Tropenwaldbeständen (Kapverdische Inseln, Niger). Tab. 22.5: Pro-Kopf-Einkommen und Beiträge der Forst- und Holzwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt und zu den Exporterlösen Anteil (in %) der Forst- und Holzwirtschaft Land Gruppea PKE 2010 (in US-$)b am BIP in 2006c an den gesamten Exporterlösen in 2010d Myanmar LIC 0,30 11,89 Congo, Dem. Rep. LIC 199 2,30 Liberia LIC 247 17,10 0,11 Sierra Leone LIC 325 4,80 1,36 Malawi LIC 339 2,60 0,57 Niger LIC 349 3,30 0,18 Ethiopia LIC 358 5,20 0,03 Mozambique LIC 394 3,10 2,33 Madagascar LIC 421 3,10 0,68 Central African Republic LIC 451 11,10 Uganda LIC 515 4,00 0,13 Nepal LIC 535 4,30 0,43 Guinea-Bissau LIC 551 6,30 1,14 Zimbabwe LIC 595 5,30 Benin LIC 741 2,60 1,35 Cambodia LIC 795 2,80 0,52 Cameroon LMIC 1.147 1,90 11,21 Lao PDR LMIC 1.158 3,00 9,65 Cote d'Ivoire LMIC 1.161 5,00 3,88 Vietnam LMIC 1.224 2,40 0,15 Vierter Teil: Internationale Forstökonomie416 Anteil (in %) der Forst- und Holzwirtschaft Land Gruppea PKE 2010 (in US-$)b am BIP in 2006c an den gesamten Exporterlösen in 2010d Zambia LMIC 1.253 5,90 0,11 Ghana LMIC 1.319 7,20 4,61 Papua New Guinea LMIC 1.382 6,70 5,02 Bolivia LMIC 1.979 2,70 1,37 Paraguay LMIC 2.840 3,60 0,86 Guatemala LMIC 2.873 2,00 0,52 Indonesia LMIC 2.952 2,50 5,64 Cape Verde LMIC 3.345 2,00 0,16 Ecuador UMIC 4.008 2,30 1,18 Malaysia UMIC 8.373 3,00 2,17 Gabon UMIC 8.768 3,00 9,53 Brazil UMIC 10.993 2,80 3,78 Quelle: a: Gruppenzuordnung auf Basis des BNE-pro Kopf, entnommen aus World Development Indicators Database, World Bank 1. Juli 2011; b: PKE-Berechnung als BIP pro Kopf auf Basis von World Bank (2012): World Development Indicators; c: BIP-Anteile entnommen aus FAO (2011): The State of the World’s Forests, Table 6, Annex. d: Summe der Exportwerte der Warengruppen Industrial Roundwood, Sawnwood, Wood-based Panels, Pulp for Paper, Paper and Paperboard aus FAO (2012): FAOSTAT Forestry) dividiert durch Total Exports aus World Bank (2012): World Development Indicators Dieser heterogenen Gruppe von Tropenstaaten ist gemeinsam, dass für sie die Forst- und Holzwirtschaft eine mehr als marginale volkswirtschaftliche Bedeutung besitzt. Die Wichtigkeit eines Sektors kann anhand seiner Anteile an gesamtwirtschaftlichen Größen wie z.B. dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder den gesamten Exporterlösen eines Landes gemessen werden. Für die in Tabelle 22.5 aufgelisteten Staaten beläuft sich der BIP-Anteil der Forstwirtschaft sowie der Holzbe- und -weiterverarbeitung im Mittel auf 4,2 % und ist damit mehr als viermal größer als der Weltdurchschnitt von einem Prozent (FAO 2011, S. 156). Die Anteile der Forst- und Holzwirtschaft an den Exporterlösen der Tropenstaaten fallen mit 2,8 % ebenfalls überdurchschnittlich aus. Hier zeigt sich, dass der Export von Nutzholz und Holzhalb- und -fertigwaren in tropischen Entwicklungsländern substantiell zu den insgesamt erwirtschafteten Devisenerlösen beitragen kann. Aufgrund dieser relativ großen volkswirtschaftlichen Bedeutung der waldnutzenden Sektoren finden sich in der überwiegenden Mehrheit der Staaten des Tropengürtels dezidierte Bewirtschaftungspläne für die heimischen Wälder, die der Staat als Waldbesitzer - mehr als 80% der Waldbestände in den Tropen sind Staatswald (FAO 2010, S. 122) – aufstellt und implementiert. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Waldbewirtschaftungspläne ist die Zuweisung von Funktio- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 417 nen zu einzelnen Waldgebieten. Wald wird entweder als Wirtschaftswald, als Konversionsfläche oder als (Natur-)Schutzgebiet ausgewiesen. Für Wirtschaftswälder und Konversionsflächen vergibt der Staat zeitlich befristete Nutzungsrechte (auch als Holzkonzessionen bezeichnet) an Holzeinschlagsbetriebe (folgerichtig Konzessionäre genannt), die im Gegenzug verpflichtet sind, Nutzungsgebühren an den Staat abzuführen. Die Holzeinschlagsbetriebe sind also nicht die Eigentümer der Wälder, sondern lediglich deren kurzfristige Nutzer. Aus der Kurzfristigkeit der Nutzungsperiode einerseits und der Unsicherheit des Konzessionärs darüber andererseits, ob er vor dem Hintergrund der in tropischen Staaten häufig anzutreffenden politischen Instabilitäten die ihm zugesicherte Konzessionsdauer ausnutzen bzw. die Konzession nach Ablauf verlängern kann, folgt, dass der Konzessionär kein wirtschaftliches Interesse an der längerfristigen Erhaltung der ihm zur Nutzung übergebenen Wälder besitzt. Als Konsequenz ist in den Tropen vielfach ein Einschlagsverfahren zu beobachten, das als ‘Creaming’ bezeichnet wird und den Einschlag aller marktfähigen Spezies mit marktfähigem Durchmesser ohne Rücksicht auf Schäden am verbleibenden Bestand meint. Im Ergebnis bleiben nach der Nutzung degradierte Waldflächen zurück, auf denen ein erneuter Einschlag erst weit nach Ablauf der Konzessionsperiode wieder rentabel ist. Um dennoch weiterhin Nutzungsgebühren aus den brachliegenden Flächen zu beziehen, ändert der Staat als Waldbesitzer nach Ablauf der Holzkonzession häufig die der Fläche zugeordnete Funktion: Aus dem nun degradierten Wirtschaftswald wird eine Konversionsfläche, deren Nutzung in einem ersten Schritt an Zellstoffproduzenten weitergegeben wird. Diese ernten den verbleibenden, für die Herstellung von Zellstoff nutzbaren Bestand und führen dafür eine Gebühr ab. Schließlich erfolgt die Konversion zu landwirtschaftlicher Fläche, die dann vielfach zur Produktion von Palmöl, Reis und Gewürzen (Südostasien), Kakao, Kaffee und Früchten sowie zur Rinderproduktion (Lateinamerika und Afrika) genutzt wird; Nutzungsformen, die wiederum Nutzungsgebühren generieren können. Die Abfolge von Naturwald, Wirtschaftswald und degradiertem Sekundärbestand ist allerdings ebenso wenig zwangsläufig wie die Sukzession von Wirtschaftswald, Konversionsfläche und landwirtschaftlicher Fläche. Beide sind keineswegs ein quasi automatisches Resultat der Holznutzung, sondern sie basieren auf den Vorgaben der mit der Planung der Landnutzung und der Überwachung dieser Pläne befassten Verwaltungen. Wir wollen diese Vorgaben im Folgenden als gegeben ansehen. Aus forstökonomischer Sicht lassen sich die mit Tropenwald ausgestatteten Länder demnach wie folgt charakterisieren: Es sind Länder, die Forstwirtschaft Vierter Teil: Internationale Forstökonomie418 im Konzessionssystem betreiben, mit einem im internationalen Vergleich und gemessen am BIP überdurchschnittlich bedeutsamen Sektor Forstwirtschaft ausgestattet sind, einen nicht unbedeutenden Anteil ihrer Exporterlöse aus der Ausfuhr von Holz und Waren aus Holz erzielen und die gegenüber den Industriestaaten einen zum Teil erheblichen Entwicklungsrückstand aufweisen. Einige der möglichen Ursachen dieses wirtschaftlichen Entwicklungsrückstands werden im folgenden Abschnitt analysiert. Dabei werden insbesondere solche Ursachen betrachtet, für deren Behebung Ansatzpunkte aus der Forstlichen Entwicklungsökonomie abgeleitet werden können. 22.4. Ursachen des wirtschaftlichen Entwicklungsrückstandes und Ansatzpunkte Forstlicher Entwicklungspolitik Das Wachstum des Lebensstandards innerhalb einer Volkswirtschaft meint eine Vergrößerung des im Durchschnitt für jeden Menschen verfügbaren Anteils am gesamtwirtschaftlich produzierten Güterberg. Die dazu benötigte Mehrproduktion ist ceteris paribus einerseits dann möglich, wenn der Unternehmenssektor zusätzliches Sachkapital - nämlich Maschinen und Ausrüstungsgegenstände sowie Vorräte und Betriebs- und Hilfsstoffe - einsetzt. Diesen Zuwachs an Sachkapital bezeichnet man als private Nettoinvestition. Andererseits erhöht auch technischer Fortschritt und die zusätzliche Bereitstellung (und Nutzung) von Sozial- und Humankapital - dabei handelt es sich um staatliche Nettoinvestitionen in die Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur sowie um private und staatliche Nettoinvestitionen in den Bildungs- und den Gesundheitssektor - die gesamtwirtschaftliche Produktion. Kapitalmangel Somit hängt die Verbesserung des Lebensstandards der Menschen in einer Volkswirtschaft unter anderem entscheidend von der (privaten und staatlichen) Investitionstätigkeit ab. In diesem Zusammenhang sind Hypothesen formuliert worden, die zeigen sollen, dass in Entwicklungsländern eine ausreichende Investitionstätigkeit nicht möglich und deshalb eine anhaltende Verbesserung des dortigen Lebensstandards nicht zu erwarten sei. Diese als „Teufelskreise der Unterentwicklung“ apostrophierten Hypothesen zeigt Abbildung 22.6 (verändert nach H.-R. Hemmer, 2002, S. 180 und S. 192). Die „Teufelskreise“ beginnen und enden bei einem niedrigen Pro-Kopf-Einkommen. Das niedrige PKE hat einerseits eine geringe gesamtwirtschaftliche Sparquote und andererseits eine niedrige Nachfrage auf den Märkten des Entwicklungslandes zur Folge, so dass selbst dann, wenn ausreichende Ersparnisse zur Verfügung stünden, diese aufgrund pessimistischer Gewinnerwartungen der Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 419 Unternehmen nicht für Investitionen im Inland genutzt würden. Das Ausbleiben der Investitionen verfestigt einen zu niedrigen Bestand an Sachkapital pro Arbeitsplatz woraus eine geringe Grenzproduktivität der Arbeit, niedrige Lohnsätze und ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen resultieren. Damit ist der erste „vicious circle“ geschlossen. niedriges Pro-Kopf- Einkommen niedrige Investitionsbereitschaft infolge pessimistischer Gewinnerwartungen niedriger Bestand an Sozial- und Humankapital niedriger Sachkapitalbestand pro Arbeitsplatz niedrige Produktivität kleines Besteuerungspotential geringe Sparfähigkeit geringes Nachfragevolumen Abb. 22.6: „Teufelskreise“ der durch Kapitalmangel bedingten Unterentwicklung Der zweite „Teufelskreis“ bezieht sich auf die mangelnde Fähigkeit des Staates, in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit zu investieren. Dieser Mangel lässt sich auf die geringen Steuereinnahmen in dem Entwicklungsland zurückführen, die dem Staat aufgrund des niedrigen Pro-Kopf-Einkommens zufließen. Werden im Produktionsprozess gegebene Bestände an Arbeitskraft und Sachkapital mit einem niedrigen Bestand an Sozial- und Humankapital kombiniert, dann fallen die Grenzproduktivitäten von Arbeit und Kapital ebenfalls gering aus, was wiederum niedrige Entlohnungen der Produktionsfaktoren und damit ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen erzeugt. Es spricht einiges dafür, dass es für die Entwicklungsländer möglich ist, diese „Teufelskreise“ zu überwinden. Im Folgenden soll untersucht werden, welchen Beitrag die Forst- und Holzwirtschaft dazu leisten kann: Waldreiche Entwicklungsländer nutzen in der Frühphase der wirtschaftlichen Entwicklung die Ressource Wald zur Gewinnung von Stammholz, das häufig ohne weitere Be- und Verarbeitung exportiert wird. Die Holznutzung ist dabei von traditionellen Verfahren geprägt, bei denen in hohem Maß der Faktor Arbeit, aber in nur geringem Umfang Sachkapital eingesetzt wird. Für solche traditionellen Verfahren der Vierter Teil: Internationale Forstökonomie420 Holznutzung kann davon ausgegangen werden, dass die anfallenden Arbeiten häufig durch Mitglieder von Großfamilien verrichtet werden, welche die Zahl der arbeitenden Familienmitglieder als Datum ansehen (H.-R. Hemmer, 2002, S. 603ff.). Die Tätigkeiten im Rahmen von Holzernte und Holzbringung werden dort unabhängig von der Einschlagsmenge relativ gleichmäßig auf die arbeitsfähigen Familienangehörigen verteilt, so dass jedes Gruppenmitglied nur teilbeschäftigt ist. Der Abzug einzelner Arbeiter kann so ohne eine Änderung des Holzernteverfahrens durch eine entsprechend stärkere Arbeitszeitbelastung der in der Holzernte verbliebenen Arbeitskräfte voll kompensiert werden, so dass der Holzeinschlag konstant bleibt. Hier herrscht verdeckte Arbeitslosigkeit und die Grenzproduktivität einer in der Holzernte eingesetzten Arbeitsstunde ist gleich null. Entsteht in dem betrachteten Land - sei es durch unternehmerische Aktivitäten, sei es durch Intervention des Staates - eine leistungsfähige Holzindustrie, so sieht sich diese folglich einem vollkommen elastischen Arbeitsangebot gegen- über. Die Umlenkung der verdeckt Arbeitslosen aus Holzernte und -bringung in die Holzbe- und -verarbeitung führt dann zu einem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt und, da die Industriearbeiterlöhne konstant bleiben, zu (im Verhältnis zu Sozialprodukt und Lohnsumme) überproportional steigenden Gewinneinkommen der holzwirtschaftlichen Unternehmerhaushalte. Zusätzliches Sachkapital kann dann bei steigender Sparquote der Unternehmerhaushalte aus diesen gestiegenen Gewinnen finanziert werden. Ferner ergibt sich für den Staat die Möglichkeit, einen Teil der entstehenden Gewinne durch Besteuerung abzuschöpfen und die Einnahmen für die Finanzierung von Investitionen in die Infrastruktur und das Bildungswesen zu verwenden (D. Bender, 1999b, S. 604). Ein weiterer Ausweg aus dem oben skizzierten „Teufelskreis“ ist die Finanzierung von privaten und staatlichen Investitionen durch die Inanspruchnahme ausländischer Ersparnis. Dies kann einerseits durch eine Verschuldung im Ausland, andererseits aber auch durch die Anziehung ausländischer Direktinvestitionen in die heimische Holzwirtschaft geschehen. Ferner unterstellt der in Abbildung 23.6 präsentierte „Teufelskreis“ implizit, dass Außenhandel nicht stattfindet, sondern die Unternehmen einzig und allein auf die Binnennachfrage angewiesen sind (H.-R. Hemmer, 2002, S. 193). Dabei wird angenommen, die Binnennachfrage sei zu gering, um den Unternehmen ausreichende Gewinnmöglichkeiten zu eröffnen und so ihre Investitionsbereitschaft zu wecken; eine Annahme, die für die in der Forst- und Holzwirtschaft in Entwicklungsländern engagierten Unternehmen sicher nicht zutrifft, wie der rege Holzaußenhandel dieser Länder belegt. Es zeigt sich somit im Ergebnis, dass die doch sehr plakativen „Teufelskreis-Hypothesen“ zu relativieren sind. Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 421 Struktur des Außenhandels Entwicklungsländer weisen häufig einen sehr hohen Exportanteil an Primärgütern wie unverarbeiteten Agrarprodukten, Nutzholz und anderen Rohstoffen auf (siehe dazu auch Tab. 22.5). Für diese Primärgüter werden Einkommenselastizitäten der ausländischen Nachfrage von kleiner eins angenommen, was mit Hinweis auf die Geltung des Engel'schen Gesetzes, den Einsatz rohstoffsparenden technischen Fortschritts und die Möglichkeit zur Substitution natürlicher Rohstoffe durch synthetische Inputs seitens der Industrieländer begründet wird, welche die wichtigsten Handelspartner der Entwicklungsländer sind (D. Bender, 1999b, S. 609). Diese einkommensunelastische Auslandsnachfrage nach den wichtigsten Exportgütern der Entwicklungsländer hat zur Folge, dass selbst bei gleichen Wachstumsraten des Volkseinkommens in Industrie- und Entwicklungsländern die Primärgüterexporte zwar ebenfalls ansteigen; dieser Anstieg aber mit dem des Sozialproduktes nicht Schritt halten kann. Der Anteil der Exporterlöse am Sozialprodukt - die Exportquote - ist somit rückläufig. Die Einfuhren der Entwicklungsländer konzentrieren sich dagegen häufig auf industriell produzierte Halb- und Fertigprodukte für Konsumzwecke, für die Einkommenselastizitäten von größer eins unterstellt werden können. Ein Anstieg des Volkseinkommens hat somit zur Folge, dass die Importausgaben für Konsumgüter überproportional zunehmen; die Importquote für Konsumgüter steigt. Durch das wirtschaftliche Wachstum bedingt nimmt die relative Verfügbarkeit an Devisen, die durch Exporte erwirtschaftet werden, ab, während in zunehmendem Maße Devisen für die Einfuhr von Konsumgütern benötigt werden. Diese Devisen stehen dann nicht mehr für den Import von Kapitalgütern zur Verfügung, die sonst vom Unternehmenssektor für den Aufbau einer leistungsfähigen heimischen Industrie oder vom Staat für die Bildung von Sozial- oder Humankapital genutzt werden könnten. Die hier skizzierte Außenhandelsstruktur der wirtschaftlich unterentwickelten Staaten stellt sich somit als schwerwiegendes Entwicklungshemmnis dar: der niedrige Bestand bzw. die geringe Zunahme an Sach-, Sozial- und Humankapital führt zu einem niedrigen bzw. nur wenig wachsenden Sozialprodukt mit der Folge, dass der wirtschaftliche Entwicklungsrückstand zu den Industrieländern nicht abgebaut werden kann. In der Forst- und Holzwirtschaft erfordert diese Diagnose zum einen den Aufbau einer leistungsfähigen heimischen Holzindustrie, um bisher importierte Holzprodukte, wie Schnitt- und Sperrholz, Spanplatten und Papier durch heimische Produktion ersetzen zu können und um auf diese Weise Devisen für den Import von Kapitalgütern einzusparen. Zum anderen verlangt sie die Diversifizierung der Struktur der Exporte hin zu der verstärkten Ausfuhr industriell gefertigter Holzprodukte wie Sperrholz, Spanplatten und Schnittholz, um so einen gleich- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie422 mäßigen Devisenzufluss aus dem Außenhandel mit Holzprodukten zu ermöglichen. Der Forstlichen Entwicklungsökonomie erwächst daraus die Aufgabe, Maßnahmen vorzuschlagen und kritisch zu prüfen, welche die Substitution bisher importierter Holzprodukte durch heimische Herstellung ermöglichen bzw. die notwendigen Änderungen der Exportstruktur befördern. Umweltschäden Der Tatbestand der ökonomischen Unterentwicklung von Staaten wurde im vorangegangenen Abschnitt anhand des im Vergleich zu den Industrieländern geringeren Lebensstandards diagnostiziert. In Entwicklungsländern manifestiert sich dieser geringere Lebensstandard häufig in dem Unvermögen breiter Bevölkerungsgruppen, ihre harten Grundbedürfnisse zu befriedigen. steigendes PKE ........ vgl. Abb. 22.6 Produktivitätszuwächse niedriges Pro-Kopf-Einkommen verstärkte Nutzung natürlicher Ressourcen ProduktivitätszuwächseAnstieg der Exporte verbesserte Investitionsfähigkeit durch die Möglichkeit zum Kapitalgüterimport steigender Sachkapitalbestand pro Arbeitsplatz Abb. 22.7: Erhoffte entwicklungsrelevante Wirkungen einer verstärkten Nutzung natürlicher Ressourcen Wirtschaftliches Wachstum durch eine verstärkte Inanspruchnahme im Land verfügbarer natürlicher Ressourcen zur Linderung der Armut steht somit im Zentrum der entwicklungspolitischen Anstrengungen, wobei die mögliche Überlastung der Regenerations- und Absorptionsfähigkeit der Umwelt durch Zerstörung und Verschmutzung als zwar unwillkommene aber aus ökonomischer Sicht rationale Begleiterscheinung hingenommen wird (W. Löwenstein, 2004, S. 176 ff.). In Anlehnung an Abbildung 22.6 lässt sich das zugrunde liegende Kalkül darstellen (siehe Abb. 22.7). Die forcierte Nutzung der Umwelt als Deponie für Reststoffe kann unter Vernachlässigung der dabei möglicherweise entstehenden negativen externen Effekten zu Produktivitätszuwächsen der Faktoren Arbeit und Kapital und damit zu steigenden Pro-Kopf-Einkommen führen. Der Anstieg des PKE setzt dann Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 423 einen sich selbst tragenden Entwicklungsprozess in Gang, der sich anhand Abbildung 22.6 verdeutlichen lässt, wenn man die dort enthaltenen negativ besetzten Adjektive durch positive ersetzt. Darüber hinaus kann die Nutzung der natürlichen Ressourcen - wie Holz - durch Weiterverarbeitung im Land einerseits zum Ersatz bisher importierter Halb- und Fertigwaren und andererseits zur Steigerung der Exporte und so zum vermehrten Zufluss von Devisen führen und damit die Investitionsfähigkeit des Unternehmenssektors erhöhen. Unter der Annahme einer ausreichenden Investitionsbereitschaft führt dies zu einer verbesserten Kapitalausstattung der Arbeitsplätze, woraus sich in der Folge weitere Produktivitätszuwächse mit dem Ergebnis steigender Pro-Kopf-Einkommen ergeben. Sowohl für einige erdölexportierende Staaten (Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Indonesien) als auch für einige tropenwaldbesitzende Länder (Brasilien, Indonesien, Malaysia) scheinen die in Abbildung 22.7 enthaltenen Hypothesen für eine bestimmte Periode nicht unplausibel zu sein. So basierten die bisher identifizierten Ansatzpunkte Forstlicher Entwicklungstheorie zur Überwindung der Ursachen der ökonomischen Unterentwicklung gerade auf den erhofften positiven Wachstumswirkungen einer intensivierten Nutzung der natürlichen Ressourcen. Allerdings wurde dabei von den Effekten einer Übernutzung und der damit möglicherweise einhergehenden Überforderung der Regenerations- und Absorptionsfähigkeit der natürlichen Umwelt abstrahiert. Eine solche Überforderung aber kann negative Rückwirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum mit sich bringen. So können sich Umweltschäden, die aus der Übernutzung tropischer Wälder resultieren, durch die sinkende Qualität der Umweltmedien Luft, Wasser und Boden offenbaren. Dieser Qualitätsrückgang bewirkt unter sonst gleichen Bedingungen, dass die Grenzproduktivität der durch die Umweltmedien beeinflussten Faktoren sinkt. Werden letztere entsprechend ihres Wertgrenzproduktes (= Produkt aus Güterpreis und Grenzproduktivität) entlohnt, ist eine Abnahme der Faktoreinkommen zu beobachten: 1. Ein Rückgang der Luft- und Wasserqualität führt zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Arbeitskräfte. Ihre Leistungsfähigkeit und die von ihnen erbrachte Arbeitsleistung geht zurück. Gesamtwirtschaftlich sinkt die Grenzproduktivität der Arbeit mit der Folge niedriger Arbeitseinkommen. 2. Die zunehmende Degradation der Böden führt zu sinkenden mengenmäßigen Erträgen. Mit dem Sinken der Grenzproduktivität der Böden schrumpfen die Einkommen, die aus der Bereitstellung des Faktors Boden bezogen werden können. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie424 3. Der Rückgang der Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte und die sinkenden Erträge aus der Bewirtschaftung der Böden führen ebenfalls zu einer rückläufigen Grenzproduktivität des Sachkapitals, woraus sinkende Kapitaleinkommen resultieren. Ferner können negative Rückwirkungen entweder durch die Erschöpfung nichterneuerbarer natürlicher Ressourcen oder - bei erneuerbaren Ressourcen wie den tropischen Wäldern - durch die Nutzung über die Regenerationsfähigkeit hinaus entstehen. Die entstehenden negativen Wachstumseffekte äußern sich ceteris paribus in rückläufigen Exporterlösen und damit in der abnehmenden Fähigkeit der Entwicklungsländer zum Import von Sach- und Sozialkapital, das für die wirtschaftliche Entwicklung benötigt wird. Da die genannten Rückwirkungen erst dann relevant werden, wenn durch die Übernutzung der natürlichen Ressourcen produktivitätsmindernde Umweltschäden auftreten, ist die Hypothese, dass eine verstärkte Ressourcennutzung entsprechend der Abbildung 22.7 entwicklungsfördernde Effekte mit sich bringt und damit die Abstraktion von der möglichen Überforderung der Regenerationsund Absorptionsfähigkeit der Umwelt - solange statthaft, wie Umweltschäden eben keine spürbaren Rückwirkungen auf das Wachstumsziel mit sich bringen. 22.5. Förderung des Außenhandels mit Holz und Waren aus Holz Wie im vorangegangenen Abschnitt festgestellt, sind bedeutende Ursachen wirtschaftlicher Unterentwicklung der Mangel an Kapital einerseits und eine auf Primärgüter konzentrierte Außenhandelsstruktur andererseits. Zur Bekämpfung dieser Unterentwicklungsursachen wurde für tropenwaldbesitzende Entwicklungsländer ein Wandel der Außenhandelsstruktur durch den Aufbau einer leistungsfähigen Holzindustrie vorgeschlagen, die sich - neben der Befriedigung der heimischen Nachfrage - auf den Export von Holzhalbwaren und Fertigprodukten aus Holz orientiert und auf diese Weise die im Entwicklungsprozess benötigten Devisen zur Einfuhr von Hochtechnologiegüter verdienen soll. Aus Abschnitt 20.1 ist bekannt, dass der globale Holzaußenhandel - bei einer Versiebzehnfachung seines Wertes zwischen 1970 und dem Ende der 2000er Jahre - einen Strukturwandel aufweist, der die Schwerpunkte des globalen Au- ßenhandels vom Nutzholz zum Handel mit Holzhalb- und -fertigwaren verlagert hat. Wie positionieren sich tropische Entwicklungsländer in diesem globalen Strukturwandel? Abbildung 22.8 macht deutlich, dass sich der Holzaußenhandel der tropischen Entwicklungsländer im Jahr 1970 stark auf die Ausfuhr von Nutzholz (NH) Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 425 konzentrierte und die Exporte an Holzhalb- und -fertigwaren aus den Tropen mit Ausnahme von Schnittholz (SH) - im Vergleich zum Welthandel nur eine untergeordnete Rolle spielten. Zwischen 1970 und 2010 ändert sich dieses Bild beträchtlich (FAOSTAT Forestry, 2012). Im Gegensatz zum weltweiten Trend im Nutzholzaußenhandel, dessen Volumen mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von 0,81 % wächst, reduzieren die Staaten des Tropengürtels ihre Nutzholzausfuhren im Durchschnitt um 1,6 % pro Jahr. Dies hat zur Folge, dass sich ihr absoluter Anteil am Nutzholzhandelsvolumen um mehr als ein Drittel vermindert (36.2 Mio. m3 in 1970 zu 12,9 Mio. m3 in 2010). Berücksichtigt man das gestiegene weltweite Handelsvolumen mit Nutzholz, so reduziert sich der relative Anteil der Tropenwaldländer am gesamten Nutzholzhandel um beinahe drei Viertel (von 42,2 % in 1970 auf 11,4 % in 2010). Der globale Schnittholzexport wächst zwischen 1970 und 1990 weltweit mit einer jährlichen Rate von durchschnittlich 2,5 %, wobei die Zuwächse in den Tropenstaaten in dieser Periode mit +4 ,1% p.a. stärker zulegen als im Rest der Welt. Zwischen 1990 und 2010 wachsen weltweit die Schnittholzausfuhren weiter (+2,3 % p.a.), nun allerdings koppeln sich die Tropenstaaten von diesem Wachstumstrend ab und reduzieren ihre Ausfuhren dieser Holzwaren der ersten Verarbeitungsstufe um jährlich 1,1 %, so dass – wie schon beim Nutzholz zu beobachten – auch hier der Weltmarktanteil der tropischen Staaten fällt. Wesentlich dynamischer entwickelt sich der internationale Handel mit stärker weiterverarbeiteten Holzwaren und damit in jenen Segmenten, in denen ausweislich Abbildung 22.8 die Tropenstaaten mit ihrem Exportangebot im Jahr 1970 noch kaum eine Rolle spielten. Zwischen 1970 und 1990 nimmt der globale Außenhandel mit Holzplatten und Sperrholzplatten (HP) – bei jährlichen Zuwachsraten von mehr als 10 % - am stärksten zu. Von niedrigen Startwerten ausgehend, wird dieser Zuwachs zu weit überproportionalen Anteilen durch tropische Staaten getragen. Die Länder im Tropengürtel, insbesondere in Südostasien, konnten auf diese Weise ihren Anteil an den Weltausfuhren in dieser Warengruppe von wenig über 12 % im Jahr 1970 auf knapp 40 % im Jahr 1990 ausweiten. Die globale Wachstumsdynamik reduziert sich in den beiden Folgejahrzehnten sowohl global als auch in den Tropenstaaten: Die Weltausfuhren von Holz- und Sperrholzplatten wachsen nun jahresdurchschnittlich mit 6,8 %, jene tropischen Ursprungs mit lediglich 1,9 %, was zur Folge hat, dass der Weltmarktanteil der Tropenstaaten bis 2010 auf nur noch 23 % fällt. Diese Entwicklung ist wesentlich durch starke Produktionsrückgänge beim ehemaligen Weltmarktführer Indonesien bedingt, die auch durch das Aufkommen neuer Anbieterstaaten aus der Region nicht vollständig kompensiert werden können. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie426 NH Welt NH Tropen SH Welt SH Tropen HP Welt HP Tropen ZH Welt ZH Tropen PP Welt PP Tropen 0 20 40 60 80 100 120 1970 1990 2010 (NH, SH und HP in Mio. cum, ZH und PP in Mio. t) Abb. 22.8: Außenhandel mit Holz und Waren aus Holz im Vergleich (Quellen: FAO (1997): SOFO 1997. Oxford, S. 65; FAOSTAT Forestry 2012) Da die tropischen Länder im Basisjahr 1970 über keine nennenswerten Kapazitäten zur Produktion exportfähigen Zell- und Holzstoffs (ZH) sowie von Papier und Pappe (PP) verfügten, sind mit dem Aufbau solcher Kapazitäten extrem hohe Änderungsraten der Ausfuhrmengen verbunden. Diese erzeugen Steigerungen der Weltexportanteile der Staaten im Tropengürtel startend aus dem Promillebereich im Basisjahr 1970 über 5 % in 1990 auf einen Weltmarktanteil von 23,2 % beim Zell- und Holzstoff im Jahr 2010 sowie bei den Ausfuhren von Papier und Pappe über einen Weltmarktanteil von 2,7 % in 1990 auf knapp ein Viertel des Weltmarktangebots in 2010. Offensichtlich haben Staaten im Tropengürtel die Struktur ihres Holzaußenhandels stärker auf die Exporte be- und weiterverarbeiteter Holzprodukte ausgerichtet als der Rest der Welt. Welches sind die Triebkräfte, die im Zeitverlauf zu diesem Strukturwandel geführt haben? Zur Beantwortung dieser Frage scheint es sinnvoll, die Außenhandelsstrategien jener tropischen Länder näher zu beleuchten, die prominent an dem in der Abbildung 22.8 ersichtlichen Wandel in der Außenhandelsstruktur beteiligt waren. Dies sind insbesondere einige südostasiatische Länder, die - neben den im Abschnitt 20.4. beschriebenen Maßnahmen des internationalen Holzmarketings - quantitative Hemmnisse beim Außenhandel mit Nutzholz implementiert haben. Dazu zählen insbesondere Nutzholzexportverbote, die von den Regierungen in Kamerun, der Elfenbeinküste, in Djibouti, Gabun, Ghana, Madagaskar, Mosambik, Nigeria, Sierra Leone, in beinahe allen tropischen Staaten Lateinamerikas einschließlich Brasiliens sowie in Sri Lanka, in Vietnam und Kambodscha und Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 427 in Indonesien und Malaysia erlassen worden sind. Diese Einschränkungen des freien Handels mit Nutzholz, die auch in einigen wichtigen Holzhandelsstaaten der Nordhalbkugel (Kanada, USA) eingesetzt werden, begründen die Tropenstaaten mit der Erwartung, auf diesem Weg ihre Anteile an der Wertschöpfung und an den globalen Ausfuhren von Holzhalb- und Holzfertigwaren steigern, die Beschäftigung in der Holzindustrie erhöhen und gleichzeitig die heimischen Wälder schützen zu können (Datenquellen: FAO (1993b); FAO (1997): SOFO 1997; FAO (2001): SOFO 2001, S. 16f.; B. P. Resosudarmo und A. A. Yusuf, 2006, S. 76; Forest Legality Alliance, 2012). Warum aber wirken Handelsbeschränkungen für Nutzholz auf die heimische Holzindustrie in den Tropen? Wie ändern sich Einschlag, Produktion und Devisenerlöse durch diese Maßnahme? Welche Akteure im Forst- und Holzsektor profitieren von der Implementierung quantitativer Hemmnisse beim Außenhandel mit Nutzholz, welche werden durch sie geschädigt? Zur Untersuchung dieser Fragen wird ein vereinfachender Analyserahmen eingesetzt (W. Löwenstein, 2004, S. 150ff.): Er unterscheidet lediglich zwei Holzprodukte: 1. Nutzholz (V), das Sägeholz, Furnierholz, für die Zellstoffproduktion geeignetes Nutzholz sowie Industrierestholz umfasst. 2. Holzhalb- und Holzfertigwaren (X), die gesägtes Holz, Schwellen, Sperrholz, Span- und Faserplatten sowie Zell- und Holzstoff beinhalten. V und X sind jeweils homogene Güter - es besteht also vollständige Substituierbarkeit von V und X, unabhängig davon, welchen ökozonalen Ursprungs sie sind. V und X werden auf polypolistischen Märkten gehandelt. Alle Marktteilnehmer verhalten sich als Gewinnmaximierer. Für unsere Analyse benötigen wir ein geeignetes Instrumentarium. Dies liefert die mikroökonomische Außenhandelstheorie in Form des bereits aus Abschnitt 20.2. bekannten Substitutionsmodells. Im Rahmen einer Partialanalyse betrachten wir zwei Länder, die beide Nutzholz produzieren und - vor Aufnahme des Außenhandels - auf den jeweiligen nationalen Märkten verkaufen. Bei diesen Ländern handelt es sich zum einen um das mit Tropenwald ausgestattete Entwicklungsland Z und zum anderen um den Rest der Welt R, der alle übrigen Länder umfasst. Sowohl Z als auch R produzieren darüber hinaus Holzhalb- und -fertigwaren. Auch hier wird zuerst der Autarkiezustand - also eine Situation ohne Außenhandel - unterstellt. Wenden wir uns zuerst den Nutzholzmärkten zu. In beiden Ländern agieren hier die Holzkonzessionäre als Anbieter. Jene aus Z bieten Nutzholz ausschließlich in Z an, jene aus R ausschließlich in R. Entsprechend der eingangs unterstellten Gewinnmaximierungshypothese steigern die Konzessionäre mit steigenden Nutzholzpreisen ihr Nutzholzangebot. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie428 Auf der Nachfrageseite der Nutzholzmärkte agieren holzbe- und -verarbeitende Unternehmen, wie Säge- und Zellstoffwerke, Sperrholz- und Plattenproduzenten. Sie verringern ihre Nachfrage nach Nutzholz mit steigenden Preisen des von ihnen benötigten Inputs ‘Nutzholz’ (Bewegung auf der Nachfragekurve) und erhöhen sie bei steigenden Preisen für ihre Endprodukte ‚gesägtes Holz’, ‚Sperrholz’ und ‚Platten’ (Verlagerung der Nachfragekurve). Auf beiden Märkten wird der Autarkiezustand durch die Marktgleichgewichte E1Z bzw. E1R beschrieben. Dieses ist in Z (siehe Abb. 22.9, links) mit dem Preis q1Z verbunden, in R mit q1R. Beide Preise werden in einer Währung ausgedrückt, zum Beispiel in $. Dies sei die Währung des Rests der Welt, während die Preise in Z zum Zwecke der Vergleichbarkeit in $ umgerechnet werden. Betrachtet man die in Z und R im Autarkiezustand herrschenden Preise, so stellt sich Z als Niedrig- und R als Hochpreisland dar: q1Z < q1R. Damit ist bei Aufnahme des Außenhandels mit Nutzholz die Richtung der Handelsströme vorgegeben: Das in Z produzierte Nutzholz ist billiger als jenes aus R; Z exportiert folglich Nutzholz auf den Markt des Rests der Welt. Welche Konsequenzen hat die Aufnahme des Nutzholzaußenhandels für Z und R? Wir wissen aus Abschnitt 20.2., dass Außenhandel Preisunterschiede zwischen den beteiligten Ländern abbaut. Im dort untersuchten ‚Normalfall’, in dem das Hochpreisland kein marginaler Akteur in der Nutzholzweltproduktion ist, hatte die Aufnahme des Außenhandels für das Hochpreisland eine Senkung des Marktpreises für das nun international gehandelte Nutzholz bis zum Weltmarktpreis zur Folge und für das Niedrigpreisland eine Steigerung des Marktpreises bis zu Erreichen des Weltmarktpreises. Die Geltung dieses Normalfalls wird vorerst auch für die folgende Analyse unterstellt. Abbildung 22.9 zeigt, dass sich im Normalfall das Nutzholzangebot in R, das vor Aufnahme des Außenhandels ausschließlich durch die heimischen Konzessionäre bestritten wurde, bei Preisen oberhalb von q1Z um das Exportangebot aus Z (VsZexp) vergrößert. T ist der Anfangspunkt der neuen Nutzholzangebotskurve (VsR+VsZexp) im Rest der Welt (siehe Abb. 22.9, rechts). Um den weiteren Verlauf dieser Kurve zu konstruieren, benötigen wir Informationen über die Änderung des neuen Nutzholzexportangebots bei steigenden Preisen: Dazu greifen wir uns auf dem Markt von Z willkürlich einen Nutzholzpreis oberhalb des alten Gleichgewichtspreises q1Z heraus. Sei dies q0W. Bei diesem Preis verringern die Holzbe- und -verarbeiter in Z ihre Nachfrage auf eine Nutzholzmenge, die der Menge 0VAZ entspricht. Gleichzeitig aber planen die Holzkonzessionäre in Z bei diesem Preis die Menge 0V0Z abzusetzen. Bei einem Preis von q0W ergibt sich damit in Z ein Angebotsüberschuss entsprechend der Menge VAZV0Z. Dieser Angebotsüberschuss wird nun zum Exportangebot auf Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 429 dem Nutzholzmarkt des Rests der Welt. Für die graphische Konstruktion der Nutzholzgesamtangebotskurve im Rest der Welt haben wir nun alle notwendigen Informationen beisammen: Sie beginnt im Punkt T auf der alten Nutzholzangebotskurve VsR. Ein zweiter Punkt der Nutzholzgesamtangebotskurve lässt sich durch die Addition des Exportangebots von Z zum heimischen Nutzholzangebot in R konstruieren: Bei q0W ist dies die Menge VARV0R = VAZV0Z. E0R ist somit der zweite Punkt auf der neuen Nutzholzgesamtangebotskurve. Verbindet man den Anfangspunkt der Kurve ‘T’ mit dem Punkt E 0R (und zieht die Kurve über E 0R hinaus), dann ergibt sich die gesuchte neue Nutzholzgesamtangebotskurve auf dem Markt des Rests der Welt. Entwicklungsland Z 0 S Rest der Welt R Z AV Z 1V Z 0V ZV Z autV= W 0q R 1q Z dV Rimp d Z d VV + Z sVZA Z 1E Z 0E 0 WZ,q W 0q Z 1q WR,q RA T R 0E R 1E R dV R sV Zexp s R s VV + R AV R 1V R 0V RV R autV= Abb. 22.9: Außenhandel mit Nutzholz: Der ‚Normalfall’ E 0R ist gleichzeitig das neue Marktgleichgewicht für Nutzholz im Rest der Welt. Vergleicht man dieses mit dem dortigen Autarkiegleichgewicht, so zeigt sich, dass der Gleichgewichtspreis entsprechend den Überlegungen im Abschnitt 20.2. im Hochpreisland nach Aufnahme des Außenhandels gesunken und die gleichgewichtige Nutzholzmenge gestiegen ist. Spiegelbildlich bringt die Aufnahme des Außenhandels natürlich auch Änderungen auf dem Nutzholzmarkt von Z mit sich. Ursprünglich waren dort auf der Nachfrageseite lediglich die heimischen Holzbe- und -verarbeiter aktiv. Nun kommt die Importnachfrage der Holzindustrie des Rests der Welt dazu. Diese wird wirksam bei Preisen unter dem Autarkiegleichgewichtspreis q1R. Lotet man von q1R nach links auf die ursprüngliche Nachfragekurve VdZ so erhält man den ersten Punkt S der neuen Nutzholzgesamtnachfragekurve auf dem Markt in Z. Bei niedrigeren Preisen steigt die Importnachfrage: Bei einem Nutzholzpreis von q0W beträgt sie VzZV0Z = VARV0R. Addiert man diese Menge zur Nachfragemenge der Holzindustrie aus Z hinzu, so erhält man E0Z als zweiten Punkt der Nutzholzgesamtnachfragekurve. Beide Punkte lassen sich verbinden. Extrapo- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie430 liert man die resultierende Gerade über E0Z hinaus, so erhält man die neue Gesamtnachfrage nach Nutzholz in Z. E0Z ist das Gleichgewicht auf dem Nutzholzmarkt von Z nach Aufnahme des Außenhandels. Bei einem Vergleich mit dem Autarkiegleichgewicht zeigt sich, dass die im Niedrigpreisland die gehandelte Nutzholzmenge und der Nutzholzpreis erwartungsgemäß gestiegen sind. Ein etwas anderes Ergebnis stellt sich dann ein, wenn wir annehmen, dass der Rest der Welt hinsichtlich der Nutzholzproduktion und des Nutzholzhandels als sogenanntes ‚Kleines Land’ agiert. In diesem Fall ist typischerweise sowohl seine heimische Nutzholzproduktion V1R als auch seine spätere Importmenge im Vergleich zur Produktionsmenge V1Z des Entwicklungslands vernachlässigbar klein. Dies lässt sich daran ablesen, dass die Aufnahme des Außenhandels mit Nutzholz auf dem Nutzholzmarkt im Großen Land Z zu keinen graphisch darstellbaren Änderungen führt (siehe Abb. 22.10). Die Konzessionäre in Z befriedigen die vernachlässigbar kleine Importnachfrage aus R quasi nebenbei zum unveränderten Preis q1Z. In R zeigt sich dies anhand des vollkommen elastischen Nutzholzexportangebots aus Z. Wie auch beim oben untersuchten Normalfall kommt es im Fall des Kleinen Landes zu einer Preisangleichung, die in diesem Fall aber keine Angleichung auf ein mittleres Weltmarktpreisniveau mit sich bringt, sondern eine Preissenkung im Kleinen Land auf jenes Nutzholzpreisniveau bedeutet, das im Großen Land im Autarkiezustand herrschte: q1Z wird mit Aufnahme des Handels zum Weltmarktpreis q0W. Entwicklungsland Z 0 Rest der Welt R Z 1V ZV Z autV= W 0q R 1q Z dV Z sV Z 1E 0 WZ,q W 0q Z 1q= WR,q R KLA R 0KLE R 1E R dV R sV Zexp sKL R s VV + R AV R 1V R 0KLV R KLV R autV= Abb. 22.10: Außenhandel mit Nutzholz: Der ‚Kleine-Land-Fall’ Analog zum Nutzholzaußenhandel lässt sich der Außenhandel mit Holzhalbund Holzfertigwaren (X) modellieren, wie Abbildung 22.11 verdeutlicht. Wiederum ist das Entwicklungsland Z im Autarkiezustand das Niedrigpreisland und der Rest der Welt das Hochpreisland für X. Z ist somit Exporteur von Holzhalbund Holzfertigwaren, R ist Importeur. Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 431 Entwicklungsland Z 0 Rest der Welt R 0 Wp W 0p Wp Z 0X ZX RXR0X Z 0E Zh 0X Rimp d0 Z d XX + R s0XZ s0X WT 0X Zexp s0 R s0 XX + R 0E WT 0X Rh 0X R dX W 0p Z dX Abb. 22.11: Außenhandel mit Holzhalb- und -fertigwaren Auf dem Markt für X agieren die Unternehmen der Holzindustrie als Anbieter. Sie erweitern ihr Angebot bei steigenden Preisen für X (Bewegung auf der Angebotskurve) und verringern ihr Angebot bei steigenden Preisen für Nutzholz (Verlagerung der Angebotskurve). Als Nachfrager für Halb- und Fertigwaren treten Unternehmen der Bauindustrie und die Papierindustrie sowie private Haushalte auf. Sie verringern ihre Nachfrage nach X mit steigenden Preisen für dieses Produkt. In der Ausgangslage gilt für X der Weltmarktpreis p0W, für V der Weltmarktpreis q0W. Land Z produziert für den heimischen Gebrauch die Menge X0Zh und exportiert die Menge X0WT in den Rest der Welt. Dort wird über die Importmenge hinaus die in R selbst produzierte Menge an Holzhalb- und Holzfertigwaren X0Rh verbraucht. Die Weltproduktion an X beträgt demnach X0Zh + X0Rh + X0WT. Damit ist der Instrumentenkasten vollständig, mit dessen Hilfe wir die Wettbewerbseffekte der Einführung von mengenmäßigen Außenhandelsbeschränkungen für Nutzholz untersuchen wollen, die in der Holzindustrie wirksam werden. Dazu wird ein vollständiges Exportverbot für Nutzholz betrachten, das unmittelbar sowohl auf den Nutzholzmarkt als auch auf den Markt für Holzhalb- und Holzfertigwaren wirkt. Wenden wir uns dazu gedanklich zuerst dem Nutzholzmarkt und dem in Abbildung 22.9 untersuchten Normalfall zu. Dort ist das Exportverbot gleichbedeutend mit einem Ende des Nutzholzaußenhandels. Die Nutzholzmärkte in Z und in R bewegen sich von ihren Ausgangsgleichgewichten E0Z,R zurück zum jeweiligen Autarkiegleichgewicht E1Z,R. Im Entwicklungsland Z führt das Exportverbot zu einem Wegfall der Importnachfrage VdRimp. Halten wir gedanklich den Nutzholzpreis in Z konstant, so hat der Wegfall der Importnachfrage ein Überschussangebot an Nutzholz im Ausmaß V0Z-VAZ zur Folge. Dieses Über- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie432 schussangebot resultiert in einem Druck auf den Nutzholzpreis nach unten, der erst im Autarkiegleichgewicht abgebaut ist. In Z ist dieses Autarkiegleichgewicht im Vergleich zur Ausgangslage E0Z durch einen niedrigeren Marktpreis und eine geringere Marktmenge gekennzeichnet. Welche weiteren Marktergebnisse lassen sich identifizieren? Die Holzkonzessionäre aus Z verlieren durch das Ausfuhrverbot vollständig ihre Deviseneinnahmen, die in der Ausgangslage anhand der Fläche VAZAZE0ZV0Z abgelesen werden können. Zwar steigen aufgrund des gesunkenen Nutzholzpreises ihre Verkäufe an die heimische Holzindustrie um (V1Z-VAZ) ⋅ qz1 an. Allerdings reicht diese Umsatzsteigerung nicht aus, um die Holzkonzessionäre für den Verlust ihres Exportmarktes zu entschädigen. Dieses Ergebnis bestätigt sich auch bei der Betrachtung der Produzentenrente, die den Konzessionären vor und nach dem Exportverbot zufließt: Sie ist entsprechend der Fläche q1Zq0WE0ZE1Z gesunken. Dagegen profitiert von dem Exportverbot für Nutzholz die in Z heimische Holzindustrie. Vor dessen Implementierung bezog sie die Nutzholzmenge VAZ und entrichtete für den m3 den Marktpreis q0W. Nach dem Erlass des Ausfuhrverbots dagegen kann sie die nunmehr gestiegene Inputmenge V1Z zum gesunkenen Marktpreis q1Z beziehen. Ihre Nachfragerrente steigt entsprechend der Fläche q1Zq0WAZE1Z. Insgesamt hat das Importverbot also zu einer Umverteilung der Marktvorteile von den Konzessionären zu den Unternehmen der Holzindustrie geführt. Diese Umverteilung ist aber nicht zum Nulltarif zu haben: Neben dem Verlust an Devisen aus der Nutzholzausfuhr verringert sich durch das Nutzholzexportverbot die Summe aus erzielter Produzenten- und Nachfragerrente auf dem Nutzholzmarkt, die Wirtschaftseinheiten aus Z zufließt, insgesamt um die Fläche E1ZAZE0Z. Abgesehen von der Änderung von Marktvorteilen hat das Nutzholzexportverbot unter sonst gleichen Bedingungen auch eine Änderung des weltweiten Nutzholzeinschlags mit sich gebracht: Der Einschlag in Z sinkt von V0Z auf V1Z, während im Rest der Welt eine Zunahme der Einschlagsmenge von VAR auf V1R zu beobachten ist, die aber nicht hinreicht, um die Senkung des Einschlags in Z auszugleichen: der globale Nutzholzeinschlag geht zurück. Im Kleine-Land-Fall dagegen führt - und das belegt Abbildung 22.10 - das Nutzholzexportverbot in Land Z zu keinen darstellbaren Änderungen. Weder Konzessionäre noch Holzindustrie verzeichnen Änderungen ihrer Produzentenoder Nachfragerrenten. Im Rest der Welt ist das in Z implementierte Exportverbot sowohl im Normalals auch im Kleine-Land-Fall gleichbedeutend mit einer Angebotssenkung (siehe Abb. 22.9 und 22.10). Beim alten Gleichgewichtspreis q0W entsteht dadurch ein Nachfrageüberschuss mit entsprechendem Preisdruck nach oben. Dieser Nachfrageüberschuss, der im Kleine-Land-Fall jenen des Normalfalls übersteigt, Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 433 ist erst beim Gleichgewichtspreis für Nutzholz von q1R vollständig abgebaut. Im neuen Marktgleichgewicht E1R ist der Rest der Welt mit einem gestiegenen Nutzholzpreis und einer verringerten Nutzholzmenge konfrontiert, wobei Preissteigerung und Mengensenkung im Kleine-Land-Fall stärker als im Normalfall sind. Von dieser Änderung profitieren die Konzessionäre des Rests der Welt. Sie setzen nunmehr eine höhere Nutzholzmenge (V1R statt VAR bzw. VAKLR) zu einem höheren Marktpreis q1R ab. Ihre Produzentenrente steigt somit im Vergleich zur Ausgangslage um q0Wq1RE1RAR im Normalfall bzw. um q0Wq1RE1RAKLR im Kleine- Land-Fall. Die Holzindustrie in R verliert dagegen durch das Exportverbot. Statt auch auf das billiger aus Z eingeführte Nutzholz zurückgreifen zu können, ist sie nun vollständig auf die weniger wettbewerbsfähigen Konzessionäre aus R und deren Nutzholzangebot angewiesen. Ihre Nachfragerrente verringert sich im untersuchten Normalfall um q0Wq1RE1RE0R bzw. um q0Wq1RE1REKL0R im Kleine-Land- Fall. Die Wettbewerbseffekte des Nutzholzexportverbots für die Holzindustrien des Entwicklungslands Z sowie des Rests der Welt werden noch deutlicher, wenn wir uns den Markt für Holzhalb- und Holzfertigwaren anschauen und dort zuerst vom Normalfall auf dem Nutzholzmarkt ausgehen, wie er in Abbildung 22.9 dargestellt ist. In Land Z wurde in der Ausgangslage die Gleichgewichtsmenge X0Z zum Weltmarktpreis p0W gehandelt. Von dieser Handelsmenge verkaufte die Holzindustrie des Entwicklungslandes Z die Menge X0Zh im eigenen Land, der Rest an Holzhalb- und -fertigwaren (X0WT) wurde in den Rest der Welt exportiert, wofür Devisen im Wert von X0WT٠p0W erlöst werden. Durch das von Land Z verhängte Exportverbot für Nutzholz verringert sich dort der Nutzholzpreis auf q1Z. Mithin verbilligt sich für die heimische Holzindustrie die Produktion von Holzhalb- und -fertigwaren für jeden m3. Die Wettbewerbsfähigkeit der Holzindustrie im Entwicklungsland Z verbessert sich. In Abbildung 22.12 resultiert daraus eine Verlagerung der heimischen Angebotskurve nach unten (Xs0Z auf Xs1Z). Im Rest der Welt treten für die Holzindustrie genau die entgegengerichteten Wirkungen ein: Der Nutzholzpreis steigt und damit erhöhen sich die Produktionskosten für jede Menge an Holzhalb- und -fertigwaren (Verlagerung der Angebotskurve von Xs0R auf Xs1R). Die Wettbewerbsposition der Holzindustrie in R hat sich verschlechtert. Die Zwischengleichgewichte nach Einführung des Exportverbots für Nutzholz durch das Land Z lassen sich an EBZ und EBR ablesen. Beides sind Zwischengleichgewichte, weil Änderungen auf den Märkten für Holzhalb- und Holzfertigwaren, wie sie in Abbildung 22.12 dargestellt werden, unmittelbar zu Anpassungen auf den Nutzholzmärkten führen, die ihrerseits wieder zu Störungen auf Vierter Teil: Internationale Forstökonomie434 den Holzhalbwarenmärkten führen. Wir beschränken uns vorerst auf die Betrachtung dieser Zwischengleichgewichte und klammern Rückwirkungen von den Nutzholzmärkten aus. In den Zwischengleichgewichten gilt nun sowohl in Z als auch in R der höhere Gleichgewichtspreis pBW. Im Vergleich zur Ausgangslage hat sich in Z der Preis für den Input ‚Nutzholz’ verringert, in R, wie oben abgeleitet, dagegen erhöht. Dies hat zur Folge, dass Z in einem ersten Schritt seinen Anteil auf dem Markt für X ausbauen kann. Die Exporte in den Rest der Welt steigen auf XBWT, die heimische Versorgung in Z verbessert sich auf XBZh, während die Produktionsmenge der Holzindustrie im Rest der Welt auf XBRh sinkt. Entwicklungsland Z 0 Rest der Welt R 0 Wp W 0p Wp Z 0X ZX RXR0X Z 0E Zh 0X Rimp d0 Z d XX + R s0XZ s0X WT 0X Zexp s0 R s0 XX + R 0E WT 0X Rh 0X R dX R s1XZs1X Rimp d1 Z d XX + Zexp s1 R s1 XX + Z BE R BE Zh BX Rh BX WT BX WT BX W Bp W 0p W Bp Z dX Z BX R BX Abb. 22.12: Außenhandel mit Holzhalb- und -fertigwaren nach Einführung des Exportverbots für Nutzholz Allerdings relativieren sich in einem zweiten Schritt, der graphisch nicht mehr dargestellt wird, diese positiven Wirkungen für die Holzindustrie in Z in dem hier untersuchten Normalfall durch Rückwirkungen vom Nutzholzmarkt. Durch die vermehrte Produktion an Holzhalb- und -fertigwaren in Z kommt es zu einer steigenden Nachfrage nach Nutzholz. In der Folge steigt dessen Preis in Z an. Genau spiegelbildlich führt die zurückgehende Produktion von Holzhalbwaren im Rest der Welt zu einer verringerten Nutzholznachfrage und damit zu sinkenden Nutzholzpreisen. Damit aber reduziert sich der anfängliche Wettbewerbsvorteil der im Entwicklungsland Z heimischen Holzindustrie im Vergleich zum Rest der Welt. Die Endgleichgewichte, die sich im untersuchten Normalfall aus dem Nutzholzexportverbot auf den Märkten für Nutzholz sowie für Holzhalb- und Holzfertigwaren einstellen, lassen sich in einer graphischen Analyse nicht zweifelsfrei ableiten. Eine mathematische Modellierung des Problems hilft hier weiter. Danach verliert das Land Z durch das Exportverbot - wie oben bereits abgeleitet - Deviseneinnahmen aus der Ausfuhr von Nutzholz und gewinnt andererseits zusätzli- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 435 che Deviseneinnahmen aus dem Export von Holzhalb- und -fertigwaren. Ohne weitere Annahmen über die Marktanteile des Landes Z auf dem Weltmarkt für Nutzholz lässt sich kein eindeutiges Ergebnis hinsichtlich der Nettodevisenwirkung des Exportverbots bestimmen und damit auch nichts darüber aussagen, ob das Exportverbot zu Nettodeviseneinsparungen oder -verlusten und damit zu einer gesteigerten verminderten Importfähigkeit des betrachteten Landes insgesamt für Hochtechnologiegüter und damit zu einem für die Entwicklung benötigten verbesserten Zugang zu Technologie führt. Unbeeinflusst von diesen nicht eindeutigen Ergebnissen, lässt sich die Wirkung des Exportverbots auf die Produktionsstruktur des Forst- und Holzsektors von Z ablesen. War der Sektor vor der Einführung des Verbots primär auf die Produktion und die Vermarktung von Nutzholz konzentriert, so bewirkt das Exportverbot zu Lasten der heimischen Holzkonzessionäre den Ausbau konkurrenzfähiger Kapazitäten der heimischen Holzindustrie, die in der Lage ist, der ausländischen Konkurrenz auf deren Inlandsmarkt Marktanteile abzunehmen. Wenden wir uns schließlich noch dem Kleine-Land-Fall zu. Wie der Vergleich der Abbildungen 22.9 und 22.10 verdeutlicht, führt das Exportverbot für Nutzholz in diesem Spezialfall auf dem Nutzholzmarkt in Z zu keiner Änderung des Nutzholzpreises. Er verharrt auf dem im Vergleich zum Normalfall niedrigeren Preis q1Z, der gleichzeitig dem Weltmarktpreis q0W für Nutzholz entspricht. Dieser ist im Kleine-Land-Fall niedriger als im Normalfall. Da der Nutzholzpreis Lageparameter der Angebotskurven für Holzhalb- und -fertigwaren ist, verlaufen diese im Ausgangsgleichgewicht des Kleine-Land-Falls unterhalb jener des Normalfalls. Im Rest der Welt führt das Ausfuhrverbot zu einer Preissteigerung für Nutzholz, die im Kleine-Land-Fall aufgrund des niedrigeren Nutzholzausgangspreises q1Z = q0W erheblich stärker als im Normalfall ist. Dies schlägt sich unmittelbar auf dem Markt für Holzhalb- und -fertigwaren nieder, wie Abbildung 22.13 zeigt. Das Ausbleiben einer Preisänderung für Nutzholz in Z hat zur Folge, dass das Ausfuhrverbot die Angebotskurve der in Z angesiedelten Holzindustrie unberührt lässt. Dagegen fällt die Linksverschiebung der Angebotskurve im Rest der Welt aufgrund der im Vergleich zum Normalfall größeren Preissteigerung stärker aus. Für die Holzindustrie des Rests der Welt, die im Kleine-Land-Fall aufgrund des geringern Ausgangspreise für Nutzholz bei Freihandel - einen gro- ßen Anteil der heimischen Nachfrage befriedigen konnte (X0Rh), führt das Nutzholzexportverbot und die damit einhergehende drastische Preissteigerung für Nutzholz zu einem erheblich größeren Verlust an Anteilen auf dem heimischen Holzhalbwarenmarkt als im Normalfall (vergleiche dazu die Verhältnisse von XBRh und X0Rh in den Abb. 22.12 und 22.13). Vierter Teil: Internationale Forstökonomie436 Entwicklungsland Z 0 Rest der Welt R 0 Wp Wp Z 0KLX ZX RXR0KLX Rimp d0 Z d XX + R s0X R 0E Rh 0X R dX Z sX W 0KLp Z dX R BKLX Z 0E WT 0X WT 0X Zh 0X Rimp d1 Z d XX + Z BE Zexp s0 R s0 XX + Zexp s1 R s1 XX + R BE R s1X Zh BX Rh BX WT BX WT BX W BKLp W 0KLp W BKLp Z BKLX Abb. 22.13: Außenhandel mit Holzhalb- und -fertigwaren nach Einführung des Exportverbots für Nutzholz (Kleine-Land-Fall) Die mathematische Analyse zeigt, dass sich die hier anhand von Zwischengleichgewichten skizzierten negativen Wirkungen für den Rest der Welt auch im graphisch nicht dargestellten Endgleichgewicht einstellen. Dies gilt auch für die Wirkungen, die sich aus Abbildung 22.12 für das Entwicklungsland Z herleiten lassen. Auf dem dortigen Nutzholzmarkt bewirkt der Ausfuhrstopp keine Änderungen der Marktvorteile von Konzessionären und Holzindustrie. Auch ein Verlust an Devisenerlösen ist im Kleine-Land-Fall nicht zu beobachten. Auf dem Markt für Holzhalb- und -fertigwaren dagegen lässt sich aufgrund des gestiegenen Weltmarktpreises und der größeren Produktionsmenge an X ein Anstieg der Produzentenrente der Holzindustrie im Umfang von p0KLWpBKLWEBZE0Z feststellen. Außerdem steigen mit dem Weltmarktpreis und der Exportmenge die Devisenerlöse der Holzindustrie von Z an. Dem Produzentenrentengewinn der Holzindustrie in Z steht zwar ein Verlust an Nachfragerrente der heimischen Bauwirtschaft und der privaten Haushalte gegenüber; dieser Verlust ist aber kleiner als die zusätzlichen Marktvorteile der Holzindustrie, so dass im Kleine- Land-Fall das Exportverbot für Nutzholz für das Entwicklungsland Z volkswirtschaftlich eindeutig positiv zu beurteilen ist. Die Analyse hat gezeigt, dass das Exportverbot für Nutzholz durch die resultierende Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Holzindustrie zu der erwünschten Änderung in der Außenhandelsstruktur - weg von Primärgüterexporten hin zur Ausfuhr von im Land be- und weiterverarbeiteten Holzes - führen kann. Dies gilt sowohl im Fall des Kleinen Landes als auch im Normalfall. Durch die im Vergleich zu Nutzholz einkommenselastischere Nachfrage nach Holzhalb- und -fertigwaren besteht mit der geänderten Außenhandelsstruktur eine bessere Chance, durch den Devisenzufluss aus dem Außenhandel mit Holz- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 437 produkten am Wirtschaftswachstum der Industrieländer zu partizipieren als dies bei Ausfuhr von Nutzholz möglich wäre. Diese Chance ist - und das belegt unsere Analyse unter der Annahme, der Rest der Welt agiere auf dem Nutzholzmarkt als Kleines Land - für das Entwicklungsland umso eher realisierbar, je größer sein Anteil am Nutzholzweltmarkt vor Einführung des Exportverbots war. In diesem Fall kann die aus dem Exportverbot für Nutzholz resultierende Mehrproduktion des Outputs Holzhalb- und -fertigwaren, die bei steigenden Outputaber bei sinkenden Inputpreisen eintritt, bei ausländischen Investoren Interesse wecken, in den Aufbau der nun wettbewerbsfähigeren Holzindustrie in Z zu investieren, was zusammen mit der gesteigerten Importfähigkeit für Sachkapital die Kapitalausstattung pro Arbeitsplatz verbessert, die Arbeitsproduktivität steigert und das Pro-Kopf-Einkommen erhöht. Wohl gemerkt: Diese für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess positiven Ergebnisse gelten nur dann, wenn das Entwicklungsland in der Ausgangslage ein bedeutender Exporteur von Nutzholz war. Für Staaten, die auf dem Weltnutzholzmarkt nur eine unbedeutende Rolle spielen, verbietet sich, wie oben abgeleitet, aufgrund der zu erwartenden negativen Nettodeviseneffekte und der Nettoverluste an Marktvorteilen, der Einsatz des Nutzholzexportverbots als Instrument zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung. Erweitert man den in diesem Abschnitt verwendeten Modellrahmen und integriert Transportkosten mit in die Überlegungen, so wird das Argument, ein Exportverbot für Nutzholz verbessere die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Holzindustrie, noch deutlicher. Wir wollen uns dies anhand eines Vergleichs der Angebotspreise verdeutlichen, die die Unternehmen der Holzindustrie aus Z und R kalkulieren, wenn sie darüber entscheiden, ob sie ihre Produkte überhaupt auf dem Weltmarkt anbieten wollen. Diese Angebotspreise stellen Zielvorgaben dar. Im Minimum müssen sie die jeweiligen variablen Produktionskosten für die Herstellung eines m3 Holzhalb- und -fertigwaren der Holzindustrie abdecken, die aus den Kosten des Nutzholzeinsatzes, den Verarbeitungskosten und den Transportkosten bis zum Endabnehmer bestehen. Die so kalkulierten Angebotspreise werden mit dem Weltmarktpreis pw für Holzhalb- und -fertigwaren verglichen und das individuelle Unternehmen bietet seine Holzhalb- und -fertigwaren nur dann an, wenn der Weltmarktpreis größer gleich seinem Angebotspreis ist. Die folgenden Gleichungen zeigen die Kalkulation eines Anbieters von Holzhalb- und -fertigwaren aus dem Entwicklungsland Z bzw. jene eines Anbieters aus dem Rest der Welt: tcqp ZZ X VZ s ++⋅= (22.1) Vierter Teil: Internationale Forstökonomie438 ( )ttcqp X VRR X VR s ⋅+++⋅= (22.2) psZ ist der Angebotspreis eines Holzverarbeiters aus Z. Der erste in der Gleichung (22.1) enthaltene Term beschreibt die Kosten seines Nutzholzeinsatzes: sie errechnen sich als das Produkt aus der Nutzholzmenge, die für die Produktion eines m3 an Holzhalb- und -fertigwaren benötigt wird, und dem Marktpreis für Nutzholz in Z, der in der Ausgangslage, in der Freihandel mit Nutzholz herrscht, gleich dem Weltmarktpreis qW für Nutzholz ist. Dazu kommen noch die landesspezifischen Verarbeitungskosten cZ für die Produktion eines m3 Holzhalb- und -fertigwaren in Z sowie die Transportkosten ‚t’, die bei der Lieferung des m3 auf den Weltmarkt entstehen. Zur Vereinfachung sei unterstellt, dass durch die Lieferung eines m3 Holzhalb- und -fertigwaren auf den Weltmarkt immer Transportkosten in Höhe von ‚t’ entstehen, unabhängig davon, ob aus Z oder aus R geliefert wird. Ferner sei angenommen, dass die Holzindustrie des Rests der Welt ihren Nutzholzinput teils selbst produziert, teils aus Z importiert. Der Angebotspreis psR der Holzindustrie des Rests der Welt (siehe Gleichung 22.2) setzt sich dann aus den gleichen Elementen zusammen wie jene des Entwicklungslands Z: aus dem Produkt aus Nutzholzbedarf pro m3 Holzhalbund Holzfertigwaren und dem Nutzholzpreis in R, der vor der Verhängung des Exportverbots dem Weltmarktpreis für Nutzholz entspricht, den landesspezifischen Verarbeitungskosten cR sowie den Kosten des Transports zum Weltmarkt. psR enthält aber einen zusätzlichen Term. Dieser zusätzliche Teil ermöglicht es, den Angebotspreis von Z mit jenem von R zum einen unter der Annahme zu vergleichen, der betrachtete Holzverarbeiter aus R verwende nur Nutzholz aus dem Rest der Welt: Dann wird der in Klammern gesetzte Term in der Angebotspreisgleichung von R gleich Null. Verwendet der Holzverarbeiter dagegen aus Z importiertes Nutzholz für die Produktion von X, so muss er für die Einfuhr des Nutzholzes zusätzliche Transportkosten auf sich nehmen: Der Klammerterm in Gleichung 22.2 wird größer Null. Welche Aktivitäten muss das Entwicklungsland Z unternehmen, um seine Wettbewerbsfähigkeit jener des Rests der Welt anzugleichen, m.a.W. mindestens den gleichen Angebotspreis für Holzhalb- und -fertigwaren zu erzielen? Bei Beantwortung dieser Frage hilft der Vergleich der Angebotspreise, wie er in Gleichung 22.3 dargestellt ist. [ ] ( ) 0tttccqqpp X V X V X V ZRZRZ s R s =⋅−+⋅−⋅ ++−=− ⎥⎦ ⎤ ⎢⎣ ⎡ (22.3) In der Ausgangslage, d.h. vor der Verhängung des Nutzholzexportverbots, entsprechen die Beschaffungspreise für Nutzholz in Z und in R einander. Damit Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 439 wird der Term in der ersten eckigen Klammer in 22.3 gleich Null. Gleiches gilt für den Term in der zweiten eckigen Klammer, da die Transportkosten von X zum Weltmarkt für Z und R gleich groß sind. Wenn ein Produzent von Holzhalb- und -fertigwaren im Rest der Welt nun ausschließlich Nutzholz aus R einsetzt, und damit auch die runde Klammer in 22.3 den Wert Null annimmt, dann entscheidet die Höhe der variablen Produktionskosten cR und cZ darüber, ob der Holzverarbeiter aus Z oder jener aus R über einen Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt für Holzhalb- und -fertigwaren verfügt (siehe Gleichung 22.4). RZR s Z s ccpp =⇒= (22.4) Dieses Ergebnis ist zu modifizieren, wenn der Holzverarbeiter im Rest der Welt auf den Import von Nutzholz aus dem Entwicklungsland Z angewiesen ist. Dann entscheiden nicht mehr allein Produktionskostendifferenzen über die Wettbewerbsposition eines Landes, sondern zusätzlich Transportkostendifferenzen, wie sie in der Angebotspreisdifferenz in der eckigen Klammer in 22.3 enthalten sind, und die jetzt zum Tragen kommen, da die Holzverarbeiter in R nun annahmegemäß Nutzholz aus Z einführen. Transportkosten verringern den Wettbewerbsdruck. Während ohne die Existenz von Transportkosten für eine Angleichung der Konkurrenzfähigkeit ein Ausgleich der Verarbeitungskosten in Z und R zwingend notwendig ist, reicht es - wie Gleichung 22.5 zeigt - für die Holzindustrie des Landes Z bei Existenz von Transportkosten nun aus, darauf zu achten, dass ihre Holzverarbeitungskosten nicht größer werden als die Summe aus Verarbeitungs- und Transportkosten des Rests der Welt. Das Entwicklungsland Z kann es sich nun ohne Verlust von Wettbewerbsfähigkeit leisten, Nutzholz erheblich ineffizienter weiterzuverarbeiten als der Rest der Welt. ( )tccpp X VRZR s Z s ⋅+=⇒= (22.5) Die Existenz von Transportkosten stellt somit einen natürlichen Schutz der Holzindustrie tropischer Entwicklungsländer gegenüber ausländischer Konkurrenz dar, wenn diese bei der Holzverarbeitung auf Nutzholzimporte aus den Tropen zurückgreifen. Wie entwickelt sich dieser natürliche Schutz, wenn ein tropisches Entwicklungsland Z ein Nutzholzexportverbot verhängt? Wir wissen aus unseren Analysen, dass ein Exportverbot zur Verteuerung von Nutzholz im Rest der Welt im Vergleich zum Entwicklungsland Z führt. Es gilt somit: qZ < qR. In der Folge steigt der Schutz der Holzindustrie in Z und es verringern sich die Anstrengungen, die notwendig sind, um Wettbewerbsfähigkeit mit dem Rest der Welt aufrechtzuerhalten wie Gleichung (22.6) zeigt. ⎥⎦ ⎤ ⎢⎣ ⎡ ⋅−⋅+== ⇒ ZRRZRs Z s qqccpp X V X V (22.6) Vierter Teil: Internationale Forstökonomie440 Nun können die variablen Holzverarbeitungskosten pro Einheit von X in Z ohne Verlust der Wettbewerbsfähigkeit jene von R um den Wert des Klammerausdrucks in 22.6 übersteigen. Dieses Ergebnis erklärt auch, warum einige südostasiatische Staaten trotz erheblicher Ineffizienzen in der Holzbe- und -verarbeitung erfolgreiche Spieler auf dem Weltmarkt für Holzhalb- und -fertigwaren werden konnten. 22.6. Förderung der nachhaltigen Waldnutzung im informellen Sektor Im Gegensatz zu dem vorangegangenen Abschnitt, der sich mit entwicklungspolitischen Maßnahmen in den formellen - weil durch die amtliche Statistik zumindest grob erfassten - Sektoren Forstwirtschaft und Holzindustrie mit dem Ziel der Wachstumsförderung auseinandergesetzt hat, steht nunmehr der informelle, tropenwaldnutzende Sektor und der Versuch im Fokus der Analyse, entwicklungspolitische Maßnahmen aufzuzeigen, die den informellen Sektor zu einer nachhaltigen Waldnutzung bewegen können. Diese Zielsetzung lässt sich damit begründen, dass die Tropenwaldnutzung durch den informellen Sektor als die bedeutendste Einzelursache für den weltweit zu beobachtenden Rückgang an Waldflächen im Tropengürtel angesehen wird. Je nach Quelle entfällt auf die dem Sektor zugehörigen und an den Rändern der Tropenwälder lebenden legalen und illegalen Siedler alleine ein Anteil zwischen 40 und 60 % der gesamten Tropenwaldzerstörung (zum Vergleich: den Sektoren Forstwirtschaft und Holzindustrie wird ein Anteil von 2 bis 10 % zugerechnet). Die Siedler betätigen sich im Wesentlichen als Subsistenzbauern, welche die Landnutzung in Form von Shifting Cultivation betreiben. Dabei werden pro Familie zu Beginn der niederschlagsarmen Zeit auf einer Primär- oder - und dies häufiger - auf einer Sekundärwaldfläche von ein bis drei Hektar weitgehend alle Bäume gefällt. Vor dem Ende der Trockenzeit legen die Siedler dann auf der Fläche Feuer und pflanzen mit dem Beginn der Regenzeit zwischen den verbliebenen Bestandsresten Feldfrüchte an. Bereits nach Ablauf weniger Jahre stellt sich auf den durch Brandrodung gewonnenen landwirtschaftlichen Flächen aufgrund der geringen Fruchtbarkeit tropischer Waldböden ein drastischer Rückgang der Erträge ein. Im Ergebnis weichen die Siedler auf bisher nicht genutzte Flächen aus und der mit Shifting Cultivation bezeichnete Landgewinnungsprozess aus Einschlag und Brandrodung, Anbau von Feldfrüchten und einsetzendem Ertragsrückgang beginnt von neuem. Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 441 Der hohe Anteil des informellen, tropenwaldnutzenden Sektors an der Zerstörung der Naturwälder in den südlichen Breiten macht eine Auseinandersetzung der Forstlichen Entwicklungsökonomie mit jenen Rahmenbedingungen und Anreizen sinnvoll, welche die Mitglieder des Sektors dazu in die Lage versetzen bzw. dazu motivieren sollen, tropische Wälder nachhaltiger zu nutzen als bisher. Aus dieser Analyse abgeleitete Handlungsempfehlungen sind folglich nicht am Wachstumsziel, sondern am Ziel des Tropenwaldschutzes orientiert. In einem ersten Analyseschritt soll eine Wirtschaftseinheit mit ihren ökonomischen Kalkülen als Repräsentant für den gesamten tropenwaldnutzenden informellen Sektor modelliert werden. Dieser besteht hauptsächlich aus privaten Haushalten, die einerseits Holz- und Nichtholzprodukte aus den tropischen Wäldern zu gewinnen und andererseits mit Tropenwald bestockte Flächen in landwirtschaftliche Flächen umwandeln, um die dann darauf angebauten Feldfrüchte zu ernten. Die dem informellen, tropenwaldnutzenden Sektor zugehörigen Haushalte agieren somit als Produzenten. Gleichzeitig aber verbrauchen sie die von ihnen geworbenen Holz- und Nichtholzprodukte sowie Feldfrüchte und agieren damit auch als Konsumenten der von ihnen selbst hergestellten Güter. Zur Vereinfachung wird bei der folgenden Analyse vernachlässigt, dass die im informellen Sektor aktiven privaten Haushalte eine über den Subsistenzkonsum hinausgehende Menge an Holz- und Nichtholzprodukten werben bzw. an Feldfrüchten ernten und diese Mengen auf informellen Märkten tauschen oder verkaufen. Ebenso wird von der Möglichkeit abstrahiert, dass die Haushalte ihr Subsistenzeinkommen durch Faktoreinkommen erhöhen können. Schließlich wollen wir eingangs unterstellen, dass der dem tropenwaldnutzenden Haushalt gegebenenfalls zur Verfügung stehende Sachkapitalstock K0 - dies sind Werkzeuge, Saatgut, Dünger, Pestizide - konstant ist. Welche Produktions- und Konsumentscheidungen hat der Haushalt zu treffen? 1. Er muss darüber entscheiden, wie viele Feldfrüchte er ernten und wie viel Holz und Nichtholzprodukte er werben will. Der Haushalt bestimmt damit über die Zusammensetzung seiner Produktpalette und die Höhe des angestrebten Produktionsergebnisses (X). 2. Mit der Entscheidung über die Höhe des Produktionsergebnisses legt der Haushalt bei Kenntnis der Ertragskraft des Bodens und des Waldes gleichzeitig fest, wie viel Arbeitszeit (einschließlich Transportzeit (TL)) er insgesamt für die Ernte auf dem Feld und das Werben von Holz- und Nichtholzprodukten im Wald einsetzen will. 3. Wir wollen unterstellen, dass in die Produktpalette des Haushaltes die Feldfrüchte sowie Holz- und Nichtholzprodukte unabhängig von der Höhe des Produktionsergebnisses in konstanten Anteilen eingehen. Damit aber be- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie442 stimmt der Haushalt über den zu wählenden Produktionsprozess; mithin über die Intensität, mit der er die Produktionsfaktoren ‚landwirtschaftliche Fläche’ (A), die ihm Feldfrüchte liefert, und ‚Wald’ (F), in dem Holz- und Nichtholzprodukten geworben werden, zur Erstellung des Produktionsergebnisses einsetzen will. Die angestrebte Produktionsmenge (X) legt dann fest, in welchem flächenmäßigen Umfang der Haushalt Wald (F) und landwirtschaftliche Fläche (A) nutzen wird. 4. Simultan mit der Entscheidung über die Höhe und die Zusammensetzung des Produktionsergebnisses und damit über die Höhe der dafür benötigten Arbeitszeit fällt der Haushalt seine Konsumentscheidungen. Dazu konfrontiert er seine Konsumwünsche, nämlich nach Konsum von Feldfrüchten und Holz- und Nichtholzprodukten, mit seinen Konsummöglichkeiten. Letztere werden durch die Konsumzeit (TC) dargestellt. Die Konsumzeit beschreibt jenen Zeiteinsatz, den der Haushalt maximal für die Konsumvorbereitung der einzelnen Produkte (transportieren, schälen, zerkleinern, kochen, braten; transportieren, kürzen, hobeln, einpassen) und den eigentlichen Konsum (essen, trinken; verbrennen, ein- und anbauen) aufwenden kann. Vergegenwärtigt man sich, dass das disponible Zeitbudget Tdisp der Siedlerfamilie - dies ist das um konstant gesetzte Erholzeiten (TR) verminderte Zeitbudget T - für Ernte auf dem Feld und im Wald sowie für Konsum verwandt wird, so wird die Simultaneität der Konsum- und Produktionsentscheidungen deutlich. Mit der Festlegung der Arbeitszeit wird die Konsumzeit determiniert, die für den Haushalt als Restriktion bei der Bestimmung des optimalen Konsumbündels wirkt. Das optimale Konsumbündel aber ist jenes Produktionsergebnis, das der Haushalt als Output bei seinen Produktionsentscheidungen anstrebt. Da die Produktions- und Konsumentscheidungen des Siedlerhaushaltes simultan fallen, ist es nicht notwendig, sich explizit mit allen Kalkülen auseinander zusetzen. Es reicht aus, sich mit einer der Entscheidungssphären zu beschäftigen. Dies soll anhand der Produktionsentscheidungen geschehen. Wir wollen vorab unterstellen, der Haushalt habe sich entschieden, von der ihm zur Verfügung stehenden Zeit T0C mit Konsum zu verbringen. Damit ist auch jene Zeit festgelegt, welche die Siedlerfamilie maximal der Feld- und Waldarbeit widmen will, nämlich T0L = T – TR – TC = Tdisp – T0C. (22.7) Diese maximale und jede andere Arbeitszeit verteilt die Siedlerfamilie auf Feldund Waldarbeit: Für das Abernten von landwirtschaftlicher Fläche (A) haben die Squatter einen bestimmten Zeitbedarf. Dieser wird durch einen konstanten Zeitbedarf pro ha landwirtschaftlicher Fläche beschrieben und mit ta benannt. Ebenso besteht ein konstanter Zeitbedarf pro ha Waldfläche (F) für die Werbung von Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 443 Holz- und Nichtholzprodukten, der mit tf abgekürzt wird. Jetzt lässt sich - wie in 22.8 geschehen - die Verteilung der Arbeitszeit auf Wald- und Feldarbeit mathematisch beschreiben: T0L = ta ⋅ A + tf ⋅ F. (22.8) Wird (22.8) nach A aufgelöst, so ergibt sich die Gerade A = T0L/ta – tf/ta ⋅ F, (23.9) die als Isozeitlinie interpretiert werden kann und in der Abbildung 22.14 in einem A/F-Diagramm eingezeichnet ist. Die Bearbeitung jeder Kombination von A und F, für die genau die Arbeitszeit T0L benötigt wird, befindet sich auf dieser Isozeitlinie. Die Steigung dieser Linie (tf/ta) gibt die objektive Grenzrate der Substitution zwischen den Produktionsfaktoren Waldfläche und landwirtschaftlicher Fläche an und zeigt, auf welchen Einsatz an landwirtschaftlicher Fläche (A) der Haushalt bei Einhaltung der Arbeitszeit T0L verzichten muss, wenn er auf einer zusätzlichen Waldflächeneinheit (F) Holzwerbung betreiben will. Der Haushalt setzt die Arbeitszeit T0L ein, um mit dem als konstant angenommenen Sachkapitalstock K0 landwirtschaftliche Fläche und Wald zu bearbeiten, damit Feldfrüchte und Waldprodukte zu gewinnen, die schließlich konsumiert werden sollen. Die entstehenden Güterbündel wollen wir mit X bezeichnen und aus Vereinfachungsgründen unterstellen, dass der Haushalt Feldfrüchte und Waldprodukte in einem konstanten Mischungsverhältnis konsumieren möchte. Aus dieser Annahme resultiert gleichzeitig, dass der Siedlerhaushalt das Güterbündel X mit einem unveränderten Produktionsprozess - also mit konstanter Faktorintensität k = A/F - und damit mit einem konstanten Einsatzverhältnis von Wald und landwirtschaftlicher Fläche herstellt. Die Produktionsentscheidungen des Siedlerhaushaltes, basierend auf der skizzierten linearen Produktionsfunktion, illustriert Abbildung 22.14. Die unterstellte Produktionsfunktion X = X(A, F, K0) (22.10) ist linear und generiert in der graphischen Darstellung eine Schar rechtwinkliger Isoquanten, die eine umso höhere Produktionsmenge darstellen, je weiter sie vom Ursprung entfernt sind (X1 < X0). Der Siedlerhaushalt setzt lediglich jene Kombinationen von Wald und landwirtschaftlicher Fläche ein, die durch den Produktionsprozess FkA ⋅= (22.11) beschrieben werden, da nur sie jene Faktorintensität besitzen, die für das optimale Mischungsverhältnis von Feldfrüchten und Waldprodukten sorgen. Dies lässt sich anhand des Punktes S in Abbildung 22.14 verdeutlichen. Vierter Teil: Internationale Forstökonomie444 S ist eine Faktormengenkombination, die auf der Isoquante X1 liegt, mithin Feldfrüchte und Waldprodukte in der Menge X1 produziert. Gleiches gilt auch für die Faktormengenkombination E1. Allerdings wird bei einer Produktion mit der Faktormengenkombination S zu viel landwirtschaftliche Fläche eingesetzt. Das resultierende Güterbündel enthält zu viel an Feldfrüchten und besitzt demnach nicht das optimale Mischungsverhältnis. Folglich wird der Siedlerhaushalt den Einsatz landwirtschaftlicher Fläche verringern bis das optimale Mischungsverhältnis von Feldfrüchten und Waldprodukten erreicht ist. Dies ist in E1 der Fall. Mit der Faktormengenkombination E1 (A1, F1) setzt der Haushalt Arbeitszeit in Höhe von T1 ein und produziert X1. Der zeitliche Einsatz ist kleiner als die ursprünglich geplante Arbeitszeit T0L, die der Haushalt mit der Produktion von X verbringen wollte. Mit anderen Worten: der Haushalt produziert weniger X als gewünscht und muss zur Realisierung des gewünschten Produktionsergebnisses X0 seinen Zeiteinsatz für Feld- und Waldarbeit bis T0L ausweiten. A 0X F 1X 0E 1E S 0A 1A 1F 0F FkA ⋅= − a L 0 t T a L 1 t T f L 0 t T f L 1 t T Abb. 22.14: Produktionsentscheidung eines Siedlerhaushalts Stellen wir uns vor, der Haushalt intensiviere in einem ersten Schritt die Feldarbeit und nutze Wald in unverändertem Ausmaß (F1). Im Punkt S hat der Haushalt den gewünschten Arbeitseinsatz von T0L erreicht, produziert allerdings noch immer X1, da das Faktorbündel S zuwenig Waldfläche nutzt, um ein nächst grö- ßeres Güterbündel X in optimalem Mischungsverhältnis produzieren zu können. Um das größere Güterbündel X0 zu produzieren, muss der Haushalt seine Arbeitszeit neu ordnen: Er verzichtet auf Feldarbeit und setzt die so frei gewordene Zeit für die Waldarbeit ein. Das Güterbündel X0 ist das höchste Produktionsergebnis, das der Haushalt in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit mit dem von ihm gewählten Produktionsprozess herstellen kann. Dieses Güterbün- Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 445 del X0 stellt sein Unternehmensoptimum dar, bei dessen Herstellung der Siedlerhaushalt seine vorher festgelegte Arbeitszeit T0L so auf Land- und Forstwirtschaft verteilt, dass er landwirtschaftliche Fläche im Ausmaß A0 bewirtschaftet sowie auf einer Fläche F0 Holz- und Nichtholzprodukte wirbt. Die Inanspruchnahme des Bodens für landwirtschaftliche Nutzung erfordert die Rodung von Tropenwaldflächen. Demnach hat unser repräsentativer Siedlerhaushalt durch seine ökonomische Aktivität A0-ha ehemalige Tropenwaldfläche in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt und F0-ha Waldfläche zur Gewinnung von Holz- und Nichtholzprodukten eingesetzt. In einer Welt ohne Risiko und ohne Änderungen der Rahmenbedingungen ökonomischer Aktivität wäre die durch den Repräsentativhaushalt entwaldete Fläche (A0) sowie die durch forstliche Nutzung beanspruchte Waldfläche (F0) konstant. Der einzelne Siedlerhaushalt hätte keinen Anlass zur Revision seiner Produktionsentscheidungen. Bliebe auch die Anzahl und die Größe der Siedlerfamilien unverändert, so würde damit auch der Landverbrauch durch den informellen, tropenwaldnutzenden Sektor auf einem einmal erreichten Niveau verharren und der Beitrag dieses Sektors zur Entwaldung in den Folgejahren wäre gleich null. Entwaldete Fläche der Ausgangslage: Deforestated AreaI (DAI) = ∑ = n 1i A0i mit A0 = durchschnittlicher Einsatz von in landwirtschaftliche Fläche umgewandelter Waldfläche pro Siedlerhaushalt und i = 1, ..., n Siedlerhaushalten. Die Annahmen konstanter Anzahlen der Siedlerhaushalte und konstanter Haushaltsgrößen sind - wie jene einer sicheren Welt und konstanter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen - sehr restriktiv. Sie sollen im Folgenden schrittweise aufgehoben werden, um die resultierenden Änderungen im Landverbrauch zu verdeutlichen und um Ansatzpunkte Forstlicher Entwicklungsökonomie zum Schutz tropischer Wälder herauszuarbeiten. Änderung der Anzahl der Siedlerhaushalte Bei zunächst konstant gehaltener Familiengröße der Siedlerhaushalte steigt die Anzahl der Siedlerfamilien durch Zuwanderung aus den anderen Sektoren der Volkswirtschaft. Solche Zuwanderung setzt dann ein, wenn die Möglichkeiten zum Einkommenserwerb in den übrigen Sektoren geringer sind als im informellen, tropenwaldnutzenden Sektor. Da in letzterem annahmegemäß lediglich Subsistenzeinkommen erwirtschaftet werden können, müssen die Einkommensmöglichkeiten für die abwandernden Haushalte in den übrigen Sektoren unter dem Subsistenzniveau liegen; mithin die abwandernden Haushalte sich in einer Situ- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie446 ation absoluter Armut befinden. Häufig befinden sich die Quellgebiete von Neusiedlern in urbanen Zentren, die durch hohe Arbeitslosigkeit und damit für viele Arme durch zu geringe Einkommenserwerbsmöglichkeiten gekennzeichnet sind. Um dieses Problem zu vermindern, bieten einige Regierungen im Tropengürtel z.T. mit Unterstützung internationaler Geberorganisationen - Umsiedlungsprogramme an, die zu einem nennenswerten Zustrom an Siedlern zu den Rändern tropischer Wälder führen. Dieser Zustrom speist sich ferner aus ‘illegalen’ Siedlern, die aus o.g. Gründen alternative Einkommensmöglichkeiten an den Tropenwaldrändern suchen. Unterstellt man, dass jeder dieser Neusiedlerhaushalte im Durchschnitt die gleichen Flächenbedarfe besitzt wie die „Altsiedler“, so führt der Zuzug der Neusiedler zu einer verstärkten Flächeninanspruchnahme und damit zu einer verstärkten Entwaldung. Entwaldete Fläche bei Zustrom von Siedlerhaushalten: DAII =∑ = m 1j A0j mit DAI < DAII, da n < m. Bevölkerungswachstum Wenn der Bevölkerungszuwachs gleichmäßig über alle Sektoren der Volkswirtschaft verteilt ist und die Zunahme der Möglichkeiten zum Einkommenserwerb in den formellen Sektoren - das Wirtschaftswachstum - und dem informellen urbanen Sektor hinter dem Bevölkerungswachstum zurückbleibt, dann führt dies zu einem vermehrten Zustrom an Neusiedlern an die Ränder des Tropenwaldes. Gleichzeitig aber steigt die durchschnittliche Familiengröße der „Altsiedlerhaushalte“ an, woraus folgt, dass nun zusätzliche Arbeitskräfte pro Familie und damit zusätzliche Arbeitsstunden für die Wald- und Feldarbeit zur Verfügung stehen (TL nimmt zu). Ferner steigt die für die Subsistenz notwendige Gütermenge an Feldfrüchten und Holz- und Nichtholzprodukten (X nimmt zu). In Abbildung 22.14 ist dies - bei unveränderter objektiver Grenzrate der Substitution zwischen Wald- und Landwirtschaftsfläche - gleichbedeutend mit einer Parallelverschiebung der Isozeitlinie nach außen. Das Unternehmensoptimum des repräsentativen Siedlerhaushaltes wird nun durch eine größere Menge an X beschrieben als zuvor. Daraus aber folgt, dass der durchschnittliche Siedlerhaushalt eine größere Fläche Tropenwald in landwirtschaftliche Fläche umwandeln muss als zuvor. Im Ergebnis bewirkt Bevölkerungswachstum einen vermehrten Zustrom von Neusiedlern, einen Anstieg der Familiengrößen der Altsiedlerfamilien und somit einen zunehmenden Verlust an bewaldeter Fläche. Entwaldete Fläche bei Zustrom von Siedlerhaushalten und Bevölkerungswachstum: Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 447 DAIII = ∑ = l 1k A1k mit DAII < DAIII, da m < l und A0 < A1. Auf Wachstum ausgerichtete Entwicklungsstrategien können den Zuzug von Neusiedlern an die Ränder des Tropenwaldes vermindern, indem im Zuge des Wachstums auch für arme Bevölkerungsgruppen zusätzliche Möglichkeiten zum Einkommenserwerb entstehen, die als attraktivere Alternative zur informellen Subsistenzlandwirtschaft genutzt werden können. Dies gilt sowohl für Strategien, die das Wachstum in urbanen Zentren befördern sollen als auch für jene, die auf Wachstum formeller Sektoren in ruralen Gebieten abstellen. Somit sind auch jene entwicklungspolitischen Maßnahmen, die auf den Aufbau einer leistungsfähigen, heimischen Holzindustrie abstellen, durch die resultierende Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze im formellen Forst- und Holzsektor geeignet, einen Teil des Zustroms potentieller Siedler in rurale Gebiete zu absorbieren. Unsicherheit Für die Familien, die sich außerhalb von regierungsamtlich abgesegneten Umsiedlungsprogrammen als Subsistenzfarmer im Tropenwald niederlassen, besteht das Problem, dass sie über keinerlei Rechtstitel verfügen, welche die Nutzung des von ihnen bewirtschafteten Landes juristisch absichern. Ihre Landnutzung ist im Gegenteil oft illegal, da sie keine Nutzungserlaubnis beim Waldeigentümer Staat eingeholt haben und dieser für die von den illegalen Siedlern beanspruchten Flächen in der Regel bereits Verfügungsrechte an Dritte (z. B. für Wirtschaftswaldflächen an Holzkonzessionäre, für Konversionsflächen an die Zellstoffindustrie oder die industrielle Landwirtschaft) ausgegeben oder die Flächen vollständig aus jeder Nutzung ausgeklammert hat (Schutzgebiete). Mithin besteht für die illegalen Siedler die Gefahr, dass sie entweder durch den Staat oder durch die von ihm mit der Nutzung betrauten Wirtschaftseinheiten von ihren durch Brandrodung gewonnenen Flächen und aus dem von ihnen genutzten Waldgebiet vertrieben werden. In einer mit Risiko behafteten Welt ist folglich das auf den Siedlungsflächen erwirtschaftete Produktionsergebnis und damit auch das für Konsumzwecke zur Verfügung stehende Güterbündel der illegalen Siedler der Höhe nach unsicher. Zwei Ereignisse sind hier möglich: entweder der Siedlerhaushalt wird vertrieben - dann beläuft sich sein Produktionsergebnis auf null; oder der Siedlerhaushalt kann unbehelligt wirtschaften - dann produziert er entsprechend seinem Unternehmensoptimum das Güterbündel X in der Menge X0. Um den Erwartungswert der von ihm herzustellenden bzw. zu konsumierenden Feldfrüchte und Holz- und Nichtholzprodukte berechnen zu können, muss der Haushalt Vorstellungen hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses ‚unbehelligtes Wirtschaften’ (sei π), der Gegenwahrscheinlich- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie448 keit dazu - dies ist die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses ‚Vertreibung’ - (sei 1-π) und den damit verbundenen Konsequenzen für das Produktionsergebnis entwickeln: E(X) = π ⋅ X0 + (1- π) ⋅ 0. (22.12) Der Erwartungswert des Produktionsergebnisses geht mit sinkender Wahrscheinlichkeit des Ereignisses ‘unbehelligtes Wirtschaften’ zurück. Unterstellen wir, dass der repräsentative Siedlerhaushalt mindestens 70 % der Gütermenge X0 zur Sicherung seiner physischen Existenz benötigt. Dann wird er die von ihm bewirtschafteten Flächen A0 und F0 verlassen, wenn die Wahrscheinlichkeit der Vertreibung 30 % (in Dezimalschreibweise: 0,3) übersteigt. Mit steigender Vertreibungswahrscheinlichkeit für eine gegebene Fläche werden also immer mehr Siedlerhaushalte diese Flächen verlassen und sich dort ansiedeln, wo die Wahrscheinlichkeit des unbehelligten Wirtschaftens größer (für unseren repräsentativen Haushalt: größer gleich 0,7) ist. Diese Abwanderung, motiviert aus der Furcht vor Vertreibung, bewirkt, dass die illegalen Siedler an anderem Ort zusätzlich Wald in landwirtschaftliche Flächen transformieren. Entwaldete Fläche bei Zustrom von Siedlerhaushalten, Bevölkerungswachstum, Unsicherheit: DAIV =∑ = l 1k A2k mit DAIII < DAIV , da A1 < A2. Für die Forstliche Entwicklungspolitik erwächst aus dem Bemühen zum Schutz der Tropenwälder die Aufgabe, die oben beschriebene, durch das Fehlen von Landnutzungsrechten bedingte Migration und die damit verbundene Zerstörung der Tropenwälder zu verringern. Unter der Annahme einer ungebremsten Zuwanderung von Siedlern wären einerseits hinsichtlich Standorteigenschaften und Ertragskraft geeignete Siedlungsgebiete auszuweisen und die Neusiedler mit Landnutzungsrechten auszustatten. Andererseits sollten die Regierungen der Staaten im Tropengürtel dort, wo anderen Sektoren Landnutzungsrechte zugesprochen worden sind bzw. wo der Wald aus der Nutzung herausgenommen worden ist, verstärkt kontrollieren und existierende Landnutzungsrechte durchsetzen. Beide Maßnahmen zusammen verringern die Unsicherheit über die Höhe des durch die Siedler produzierbaren Güterbündels, indem einerseits durch die Vergabe von einklagbaren Landnutzungsrechten die Vertreibung der Siedler von den ausgewiesenen Flächen erheblich erschwert wird und andererseits durch verstärkte Kontrollen auf Flächen, die besiedlungsfrei bleiben sollen, der Erwartungswert des Produktionsergebnisses unter ein für die Siedler akzeptables Maß gesenkt wird. Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 449 Im Ergebnis führen die skizzierten Maßnahmen einerseits zu einer Verringerung der Entwaldung in der Zukunft, da die Siedler auf den einmal erschlossenen Flächen bleiben. Zum anderen bewirken die Vergabe von Landnutzungsrechten für ausgewiesene Siedlungsgebiete und die Kontrolle auf den übrigen Flächen eine Steuerung der Besiedlung und erhöhen somit die Chance, dass die Tropenwälder tatsächlich entsprechend der ihnen von den jeweiligen Regierungen zugewiesenen Waldfunktionen genutzt werden. Verlust der Bodenproduktivität Der Verlust an Bodenproduktivität ist - wie eingangs bereits angedeutet - der Standortsfaktor, der ursächlich für die Landnutzungsform des Shifting Cultivation ist. Der Prozess abnehmender Bodenproduktivität über die Jahre (τ) hinweg lässt sich in unser Modell einbauen: τδ KA,δ Xδ δ 0 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ < 0, τδ KF,δ Xδ δ 0 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ < 0 mit τ = 1, ..., υ. Die beiden Ungleichungen unterstellen, dass mit der Zeit abnehmende Produktivität sowohl die land- als auch die forstwirtschaftlich genutzte Fläche betrifft. Ersteres bedingt durch den geringen Nährstoffgehalt des Bodens, letzteres aufgrund eines über dem nachhaltigen Hiebsatz liegenden Einschlags auf der Fläche F für die Gewinnung von Feuerholz. Welche Folgen hat diese im Zeitverlauf abnehmende Ertragskraft? Unterstellt man, dass der Arbeitszeitbedarf pro ha sowohl für landwirtschaftliche als auch für forstliche Aktivitäten gleichmäßig mit der Bodenproduktivität zurückgeht, so wird durch den Ertragsrückgang der bewirtschafteten Flächen Arbeitszeit frei, die für die Bewirtschaftung zusätzlicher Flächen eingesetzt werden wird, da der Haushalt wiederum sein Unternehmensoptimum anstrebt. Es ist denkbar, dass durch diese Vergrößerung der genutzten Flächen - und damit der zusätzlichen Umwandlung von Tropenwald - der Ertragsrückgang auf den Flächen A0 und F0 temporär ausgeglichen werden kann. Somit würde im Jahr τ0 das gleiche Produktionsergebnis X0 wie im Folgejahr (τ1) mit dem gleichen Arbeitseinsatz T0L hergestellt, allerdings nun auf größeren land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen als im Vorjahr. Dem Versuch, dem Ertragsrückgang durch Ausweitung der genutzten Flächen entgegenzuwirken, sind allerdings enge Grenzen gesetzt. Dies ist bedingt durch den Anstieg der Konsumvorbereitungszeit, zu der auch die Transportzeiten der geernteten Feldfrüchte sowie der geworbenen Holz- und Nichtholzprodukte von der Fläche bis zur Behausung gehören. Mit der Vergrößerung der bewirtschaf- Vierter Teil: Internationale Forstökonomie450 teten Flächen steigen die Transportzeiten, damit die Konsumvorbereitungszeit TC und es verringert sich die Arbeitszeit TL, die für Holzwerbung und landwirtschaftliche Ernte eingesetzt werden kann (siehe Gleichung 22.7). Mithin wird auch im hier skizzierten Fall das Produktionsergebnis des Siedlerhaushalts zurückgehen mit dem Ergebnis, dass die Siedler neue Flächen durch Brandrodung erschließen. Entwaldete Fläche bei Zustrom von Siedlerhaushalten, Bevölkerungswachstum, Unsicherheit, Verlust an Bodenproduktivität: DAV =∑ = l 1k A3k mit DAIV < DAV, da A2 < A3. Shifting Cultivation ist also ein Produktionsverfahren, das aus Sicht der Siedler gut an die Standortgegebenheiten der Tropen - nämlich an eine im Laufe der Jahre schnell zurückgehende Bodenproduktivität - angepasst ist. Würde auf Shifting Cultivation durch Naturverjüngung wieder Tropenwald entstehen, so wäre diese Form der Landnutzung weniger kritisch zu beurteilen. Häufig aber führt Shifting Cultivation durch den starken Nährstoffentzug des Bodens, der durch die landwirtschaftliche Nutzung bedingt ist, zum Entstehen von Hartgras- Savannen, die das Aufkommen von Wald entweder vollständig verhindern oder sehr stark verlangsamen. Darüber hinaus säen primär in Südamerika im formellen Agrarsektor agierende Landwirte am Ende der Shifting-Cultivation-Nutzung Futtergräser ein. In Afrika und Asien dagegen werden die Shifting-Cultivation- Flächen anschließend häufig für den Anbau von Ölpalmen, Gewürzen, Kakao und Kaffee genutzt. Insgesamt resultieren diese Aktivitäten vielfach in einer dauerhaften Umwandlung von Tropenwald und somit in der Zerstörung des Ökosystems auf den betroffenen Flächen. Folgerichtig stellt die Erhaltung der Ertragskraft der vom informellen, tropenwaldnutzenden Sektor bewirtschafteten Böden einen wichtigen Ansatzpunkt einer am Ziel des Waldschutzes orientierten Forstlichen Entwicklungspolitik dar. Auf geeigneten Siedlungsflächen kann dazu den Siedlern leistungsfähigeres Saatgut, Dünger und Pestizide in Verbindung mit einer entsprechenden Schulung, die Kenntnisse über die sachgerechte Verwendung dieser Kapitalgüter vermittelt, an die Hand gegeben und auf diese Weise dem Ertragsrückgang der landwirtschaftlichen Flächen entgegengewirkt werden. Ein weiterer Schritt wäre die Einführung effizienterer Verfahren der Konsumvorbereitung, zum Beispiel durch die Verbesserung der von den Haushalten genutzten Kochstellen durch den Einsatz brennholzsparender Öfen und Herde. Auf diese Weise ist bei vorher bestehender Übernutzung der bewirtschafteten Tropenwaldflächen eine Annäherung an den Nachhaltshiebsatz möglich. Kapitel 22: Forstliche Entwicklungsökonomie 451 Die Bereitstellung von Dünger, Pestiziden und Saatgut bzw. von leistungsfähigeren Öfen ist im Modell gleichbedeutend mit einer Erhöhung des Sachkapitalstocks von K0 auf K1, die den Verlust an Bodenproduktivität über die Jahre hinweg entweder verlangsamt oder stoppt. Formal argumentiert: τδ KA,δ Xδ δ 0 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ < τδ KA,δ Xδ δ 1 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ ≤ 0 sowie τδ KF,δ Xδ δ 0 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ < τδ KF,δ Xδ δ 1 ⎟⎟ ⎠ ⎞ ⎜⎜ ⎝ ⎛ ≤ 0, mit τ = 1, ..., υ und K0 < K1. Die Zufuhr von Sachkapital enthebt die Siedler von der Notwendigkeit, nach kurzer Bewirtschaftungszeit neue Flächen zu erschließen und macht damit Shifting Cultivation und die daraus resultierende Entwaldung überflüssig. Je nach Art und Menge der nun zusätzlich verwendeten Kapitalgüter wird die Bodenproduktivität entweder auf dem Ausgangsniveau gehalten oder gar über das ursprüngliche Maß hinaus erhöht. Im ersten Fall erreicht der Siedlerhaushalt wieder sein ursprüngliches Unternehmensoptimum (Ergebnis 1, entspricht E0 in Abb. 23.14), im zweiten Fall ist eine Revision der Produktions- und Konsumentscheidungen des Haushalts notwendig. Aus dem Entscheidungsraum des Haushalts wollen wir zwei mögliche Ergebnisse herausgreifen: Entweder produzieren die Siedler das ursprüngliche Güterbündel X0 aufgrund der gestiegenen Ertragskraft der Böden unter Einsatz einer geringeren Arbeitszeit und kleinerer Feld- und Waldflächen als im ursprünglichen Unternehmensoptimum E0 (Ergebnis 2); oder sie weiten ihre Produktion über X0 hinaus aus und produzieren unter Einsatz der Arbeitszeit T0L auf Flächen, die größer gleich A0 bzw. F0 sind (Ergebnis 3). Alle drei Ergebnisse haben Implikationen für die Finanzierung des zusätzlich benötigten Sachkapitals, die bisher nicht thematisiert wurden. Es wäre denkbar, dass das Sachkapital den Siedlern unentgeltlich im Rahmen von Umsiedlungsprogrammen der Regierungen tropischer Länder bereitgestellt wird oder dass Drittländer das Saatgut, den Dünger, die Pestizide oder die verbesserten Kochstellen aus Mitteln der technischen Zusammenarbeit finanzieren. Der Erfolg der Bemühungen um den Schutz der Tropenwälder wäre dann auf Sicht von dem unentgeltlichen Zustrom an Sachkapitalgütern abhängig; eine sich selbst tragende, nachhaltige Flächennutzung könnte nicht erfolgen. Vorzuziehen wäre eine Finanzierung des benötigten Sachkapitals aus Mitteln, welche die Siedler selbst erwirtschaften. Wenn durch den Einsatz von Saatgut, Dünger, Pestiziden und brennholzsparender Feuerung die Ertragskraft der Böden lediglich auf dem Ausgangsniveau gehalten wird (Ergebnis 1), dann ist eine Vierter Teil: Internationale Forstökonomie452 solche Selbstfinanzierung nicht möglich. Steigert der vermehrte Einsatz der Sachkapitalgüter dagegen die Ertragskraft über das ursprüngliche Maß hinaus, ist mindestens eine Teilfinanzierung des Sachkapitals durch die Siedler denkbar: Einerseits durch den Einsatz der frei gewordenen Arbeitszeit in anderen Verwendungsbereichen gegen Entlohnung (Ergebnis 2) oder durch den Verkauf von Produktionsüberschüssen, die über X0 hinaus erzielt werden (Ergebnis 3). Aus den Erwägungen zur Verringerung von Ertragsverlusten der Böden durch die Zufuhr von Sachkapitalgütern für die waldnutzenden Siedler lassen sich die folgenden Schlussfolgerungen ziehen: Die Zufuhr von Sachkapital sollte durch die Siedler selbst finanziert werden, um eine sich selbst tragende, nachhaltige Landnutzung zu ermöglichen. Diese Finanzierung aus eigenen Mitteln ist im Prinzip nur dann möglich, wenn die Ertragskraft der Böden nicht nur stabilisiert (Ergebnis 1), sondern über das ursprüngliche Maß hinaus verbessert wird. Hinreichende Bedingung für die - zumindest teilweise - Bezahlung aus selbst erwirtschafteten Mitteln ist die Existenz von Märkten, auf denen entweder freigesetzte Arbeitskraft gegen Entlohnung verkauft (Ergebnis 2) oder aber die Überschussproduktion an Feldfrüchten, Holz- und Nichtholzprodukten vermarktet werden kann (Ergebnis 3). Die Implementierung von Maßnahmen, die dazu geeignet sind, die Umwandlung von Tropenwaldflächen zu verringern, hat erhebliche Konsequenzen für die Wirtschaftsweise der Siedlerfamilien an den Rändern tropischer Wälder. Die Vergabe von Nutzungsrechten für Siedlungsgebiete und die verstärkte Kontrolle in Nichtsiedlungsgebieten nimmt ihnen die Freiheit, ihren Siedlungsort selbst zu bestimmen. Dieser Verlust an Freiheit wird durch die Sicherheit kompensiert, von den einmal gewählten Siedlungsflächen nicht mehr vertrieben zu werden. Der Einsatz von selbst finanzierten Kapitalgütern führt dazu, dass eine Landnutzung mittels Shifting Cultivation nicht mehr notwendig ist und erfordert die Integration der Siedler in monetarisierte Märkte und damit die Abkehr von der Subsistenzlandwirtschaft. Der Erfolg der Waldschutzmaßnahmen wird in entscheidendem Maß davon abhängen, ob es gelingt, die Siedler von der Notwendigkeit zu überzeugen, diese Änderungen zu akzeptieren. Perspektiven einer sektoralen Volkswirtschaftslehre Gründe für eine sektorale Volkswirtschaftslehre Die Volkswirtschaftslehre sucht nach vernünftigen Lösungen für die optimale Bereitstellung von Gütern und Ressourcen. Diese Suche gestaltet sich aufgrund der Vielschichtigkeit der Entscheidungsprobleme oftmals schwierig. Es ist nicht nur zu entscheiden, wer welche Güter und Ressourcen verwendet, sondern auch wie darüber entschieden werden soll: auf Basis von Effizienz, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit? Mittels dezentraler oder zentraler Institutionen (siehe Abb. 1.1 und 9.1)? Die ‚Forstökonomie‘ bietet durch ihre bewusste sektorale Abgrenzung die Möglichkeit, volkswirtschaftliche Grundprobleme beispielhaft und anwendungsorientiert darzustellen. Dabei erweist es sich als vorteilhaft, dass a) Wälder eine Vielzahl unterschiedlicher Güter und Ressourcen bereitstellen, b) die forstökonomische Forschung sich bereits seit Jahrhunderten mit Effizienz- und Nachhaltigkeitsproblemen auseinandersetzt und c) der Forstsektor auf ganz verschiedene Weise in ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden ist. Letzteres spiegelt sich zum einen in vielfältigen Marktbeziehungen wider, die im vorliegenden Buch mithilfe verschiedener ökonomischer Modelle analysiert werden. Zum anderen wird die Rolle des Forstsektors im entwicklungsökonomischen Kontext untersucht und beispielhaft dargelegt, welcher Entwicklungsbeitrag aber auch welche Zielkonflikte zu erwarten sind. Die Bandbreite der Fragestellungen gewährleistet damit einen umfassenden Erkenntnisgewinn für einen weiten Leserkreis. Gleichzeitig kann das Potenzial zur Anwendung der verwendeten Methoden in anderen Zusammenhängen und Sektoren demonstriert werden. Herausforderungen für eine sektorale Marktlehre Die Märkte für forst-und holzwirtschaftliche Güter sind in gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden und können von regionalen, nationalen und internationalen Einflüssen geprägt werden. Anbieter und Nachfrager auf diesen Märkten haben ein Interesse daran, das Marktgeschehen besser zu verstehen. Sie sind auf verlässliche Informationen angewiesen, um ihre eigene Situation besser einschätzen zu können und auf dieser Grundlage vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Dazu ist es wichtig, zu erkennen, in welchem Marktumfeld ein Unternehmen agiert und welches die relevanten Einflussgrößen sind. In den vergangenen Jahren hatten beispielsweise die weltweite Finanzkrise, die Wech-

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Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.