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Kapitel 3: Theorie des Haushalts in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 23 - 44

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_23

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Kapitel 3: Theorie des Haushalts 3.1. Analyse der Konsumentscheidung Ein privater Haushalt ist eine Wirtschaftseinheit, die vornehmlich Einkommen (Y) bezieht, Konsumgüter (C) verbraucht, Steuern (T) zahlt und durch Ersparnis (S) Vermögen bildet. Die Einnahmen-Ausgaben-Gleichung lautet: Y=C+T+S. Diese ökonomischen Aktivitäten sind das Ergebnis ökonomischer Entscheidungen des Haushalts. Wir beschränken uns auf die Analyse der Konsumentscheidung. Die Fragestellung lautet hier: Welche Gütermengen wird der Haushalt kaufen, wenn die Summe seiner Konsumausgaben C festliegt? Wir nehmen also an, der Haushalt kenne sein verfügbares Einkommen Y-T und habe bereits entschieden, wie viel er davon konsumieren wolle. Es ist üblich, anstelle der Konsumausgaben von Einkommen zu sprechen. Dies ist dann zulässig, wenn man annimmt, dass die Steuern und die Ersparnis gleich Null sind. Diese Annahme kann aufgehoben werden, hier stellt sie lediglich eine Vereinfachung dar. Wenn der Haushalt entscheiden will, welche Ausgaben er für welche Güter in dem vor ihm liegenden Zeitraum tätigen will, braucht er folgende Informationen: 1. Welche Güterarten will er überhaupt kaufen? Welche Güter fallen in seinen Begehrkreis? Wie bewertet er die Güter? Welchen Nutzen kann er aus ihrem Konsum ziehen? Mit diesen Informationen werden die Präferenzen des Haushalts beschrieben. 2. Welche Preise muss der Haushalt für die Güter bezahlen? Über welche Konsumausgaben = Einkommen kann er verfügen? Diese Informationen beschreiben die Beschränkungen (Restriktionen) des Haushalts. 3. Welches Ziel verfolgt der Haushalt, das er mit dem Mittel des Güterkonsums erreichen will? Diese Information beschreibt die Zielsetzung des Haushalts. Sind Präferenzen, Restriktionen und Zielsetzung des Haushalts bekannt, dann kann die Verbrauchsentscheidung des Haushalts bestimmt werden. 3.2. Güterbewertung Der Haushalt kauft solche Güter, die ihm einen Nutzen stiften. Alle Güter, die diese Eigenschaft besitzen, werden von ihm begehrt. Die Wohlfahrt eines Haushalts hängt folglich davon ab, welche Mengen solcher Güter vom Haushalt gekauft und konsumiert werden. Wir bezeichnen die Beziehung zwischen den ge- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen14 nutzten Gütermengen und dem durch sie erreichbaren Wohlfahrts- oder Nutzenniveau als Präferenzfunktion, Nutzenindexfunktion oder als Nutzenfunktion. Aus Vereinfachungs- und Darstellungsgründen wollen wir annehmen, der Haushalt habe die Mengen von nur zwei Gütern festzulegen. Diese Güter wollen wir mit X1 und X2 bezeichnen. Die Nutzenfunktion lautet dann: U=U(X1,X2). Sie besagt, dass das Nutzenniveau des Haushalts von den verbrauchten Mengen der beiden Güter bestimmt wird. Die verbrauchten Mengen der beiden Güter werden mit dem Nutzen bewertet. Welche Eigenschaften besitzt nun diese Nutzenfunktion? Oder anders ausgedrückt: In welcher Weise hängt das Nutzenniveau von den Verbrauchsmengen der beiden Güter ab? Die Eigenschaften der Nutzenfunktion lassen sich graphisch darstellen. In der Abbildung 3.1 sind auf der Abszisse die Mengen des Gutes X2, auf der Ordinate die Mengen des Gutes X1 in ihren jeweiligen Mengeneinheiten abgetragen. Der Punkt P0 stellt eine Mengenkombination dar. Er repräsentiert ein bestimmtes Güterbündel, hier von X10 Mengeneinheiten des Gutes 1 und X20 Mengeneinheiten des Gutes 2. Mit dem Nutzenniveau U0=U(X10,X20) bewertet der Haushalt dieses Güterbündel. 0 1X 1X 0 2X 2X 0P 0 Abb. 3.1: Bewertetes Güterbündel Welche Güterbündel (X1,X2) stiften dem Haushalt den gleichen Nutzen wie das Güterbündel P0? Um diese Frage zu beantworten, machen wir von der Annahme der zunehmenden Bedeutung abnehmender Mengen Gebrauch. Danach ist ein Haushalt zwar zum Verzicht auf Einheiten des Gutes 1 bereit, allerdings nur dann, wenn er den damit verbundenen Nutzenentgang durch die Zunahme der Menge des Gutes 2 ausgleichen kann. Soll er den Konsum des Gutes 1 noch weiter einschränken, dann fällt ihm der Verzicht immer schwerer, und er verlangt eine immer größer werdende Zunahme der Menge des Gutes 2. Anders Kapitel 3: Theorie des Haushalts 15 ausgedrückt: Für eine zusätzliche Einheit des Gutes 2 ist der Haushalt freiwillig nur bereit, abnehmende Mengen des Gutes 1 abzugeben. Die Abbildung 3.2 zeigt diese plausible Verhaltensweise. Bei Zunahme des Gutes 2 um jeweils eine Mengeneinheit verzichtet der Haushalt freiwillig auf Gut 1 mit den Mengen |a|>|b|>|c|. Die Güterbündel P0, P1, P2, und P3werden vom Haushalt in dem Sinne als gleichwertig eingeschätzt, als sie ihm den gleichen Nutzen stiften. Er ist ihnen gegenüber deshalb indifferent eingestellt. Diese Güterbündel liegen auf der Indifferenzkurve U0=U(X1,X2) . Das ist der geometrische Ort aller Güterbündel, denen der Haushalt das gleiche Nutzenniveau U0 zuordnet. +1 -a -b -c 0 1X 1X 0 2X 2X 0P +1 +1 1P 2P 3P 0U 0 Abb. 3.2: Indifferenzkurve Die Indifferenzkurve fällt von links oben nach rechts unten. Darin kommt das Substitutionsprinzip zum Ausdruck. Der Haushalt ist bereit, das eine Gut durch das andere Gut zu ersetzen (substituieren), ohne dadurch sein Nutzenniveau zu ändern. Die Substitution fällt ihm jedoch umso schwerer, je weniger er von dem zu ersetzenden Gut hat. Die Indifferenzkurve verläuft deshalb konvex, sie ist zum Nullpunkt hin durchgebogen. Zur Kennzeichnung dieser beiden Eigenschaften einer Indifferenzkurve haben sich die Begriffe Grenzrate der Substitution und Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution eingebürgert. Die Grenzrate der Substitution des Gutes 1 durch das Gut 2 ist gleich dem Verhältnis der ersetzten Menge des Gutes 1 und der sie ersetzenden Menge des Gutes 2. Dabei wird von sehr kleinen (streng genommen: infinitesimal kleinen) Gütermengenänderungen ausgegangen. Was das bedeutet, können wir uns an der Abbildung 3.3 verdeutlichen. Um die zusätzliche Menge ∆X2 zu erhalten, muss der Haushalt die Menge ∆X1 aufgeben. Die durchschnittliche Rate der Substitution beträgt also hier |-∆X1/∆X2|, wobei nur der Absolutbetrag, also der Zahlenwert ohne das negative Vorzeichen verwendet ist. Diese Rate der Substitution Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen16 entspricht dem Tangens des Winkels β (= Gegenkathete durch Ankathete). Lässt man nun ∆X2 immer kleiner werden, dann dreht sich die Winkelgerade P0P1 (Hypotenuse) im Uhrzeigersinn am Punkt P0. !" 1X 0 2X 2X 0P 0 1X 1P 0U 1X- ∆ 2X∆+0 Abb. 3.3: Grenzrate der Substitution Sie wird schließlich in P0 zur Tangente an die Indifferenzkurve. Die Substitutionsrate hat sich nun verändert und entspricht dem Tangens des Winkelsα. Die ersetzte Menge ist nun die marginale Menge dX1, die ersetzende Menge die marginale Menge dX2. Es gilt: Grenzrate der Substitution von Gut 1 durch Gut 2 = GRS1,2 = |dX1/dX2 | = tg α. Gehen wir von P0 nach P1, dann sehen wir, dass die Grenzrate der Substitution fortlaufend abnimmt. Der Winkel α wird kleiner. Mit zunehmendem Verbrauch des ersetzenden Gutes nimmt die Grenzrate der Substitution des ersetzten durch das ersetzende Gut ab. Das ist das Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution. 1X 2X 0U 01 UU > 0P 0Q 0 Abb. 3.4: Unersättlichkeit Kapitel 3: Theorie des Haushalts 17 Welche Güterbündel (X1,X2) stiften dem Haushalt einen höheren bzw. einen geringeren Nutzen als das Güterbündel P0? Um diese Frage zu beantworten, machen wir von der Annahme der Unersättlichkeit Gebrauch. Danach zieht ein Haushalt ein Güterbündel einem anderen vor, wenn es von mindestens einem Gut mehr und von keinem Gut weniger enthält als das andere Güterbündel. Die Unersättlichkeitsannahme besagt also: Mehr Gutes ist stets besser als weniger Gutes. Die Annahme der Unersättlichkeit bedeutet, dass in der Abbildung 3.4 alle Güterbündel, die rechts oberhalb von P0 liegen, dem Güterbündel P0 vorgezogen werden. Alle Güterbündel links unterhalb von P0 werden geringer als P0 eingeschätzt. Das Güterbündel Q0 enthält von beiden Gütern mehr als P0. Q0 wird demnach gegenüber P0 präferiert. Q0 liegt auf einer höheren Indifferenzlinie mit dem Nutzenniveau U1, wobei U1>U0. 1X 2X 0U 1U 1Q 0P 1P 0 Abb. 3.5: Inkonsistente Bewertungen Die Indifferenzkurve U1 verläuft durchgehend rechts oberhalb derjenigen von U0. Sind die Bewertungen konsistent, dann können sich Indifferenzkurven nicht schneiden. In der Abbildung 3.5 sind zwei sich schneidende Indifferenzlinien eingezeichnet. Daran lässt sich zeigen, dass dieser Fall zu widersprüchlichen Ergebnissen führt. Das Güterbündel P0 liegt auf zwei Indifferenzkurven. Da sich zwei Indifferenzkurven im Nutzenniveau unterscheiden, bedeutet dies, dass das Güterbündel P0 sich selbst vorgezogen wird. Das macht keinen Sinn. Man erkennt das auch, wenn man die Güterbündel P0, P1 und Q1 miteinander vergleicht. Gemäß der Unersättlichkeitsannahme wird Q1 dem P1 vorgezogen. P1 wird gleich eingeschätzt wie P0, denn beide liegen auf U0. Q1 wird ebenfalls gleich eingeschätzt wie P0, denn beide liegen auf U1. Wenn P1 so gut ist wie P0 und P0 so gut ist wie Q1, dann muss auch Q1 so gut sein wie P1. Das widerspricht jedoch der Unersättlichkeitsannahme, nach der Q1 dem Güterbündel P1 vorgezogen wird. Es gilt Q1>P1. Es gilt aber auch P1=P0 und P0=Q1, also Q1=P1, das widerspricht jedoch der ersten Bewertung. Konsistente Präferenzen bedeuten somit, Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen18 dass sich Indifferenzkurven nicht schneiden. Wenn sich Indifferenzkurven doch schneiden, dann sind die Präferenzen des Haushalts inkonsistent, d.h. nicht widerspruchsfrei. Dies mag vorkommen, wird aber von uns im Verlauf unserer Analyse der Verbrauchsentscheidungen durch die Konsistenzannahme ausgeschlossen. 1X 2X 0U 01 UU > 12 UU > 0 Abb. 3.6: Nutzenfunktion Aufgrund unserer Überlegungen erhalten wir eine Schar von Indifferenzkurven (siehe Abb. 3.6), die in ihrer Gesamtheit die Nutzenfunktion darstellen. Mit dieser Darstellung der Präferenzen eines Haushalts werden wir die Analyse der Verbrauchsentscheidung eines Haushalts durchführen. Die Präferenzen implizieren abnehmende Grenzraten der Substitution, Unersättlichkeit der Konsumenten und konsistente Bewertungen. Sie können als neoklassische Eigenschaften der Güterbewertung bezeichnet werden. Drei Konzepte sind dabei von besonderer Bedeutung: a. bewertetes Konsumgüterbündel U0 = U(X10, X20) b. Indifferenzkurve U0 = U(X1, X2) c. Nutzenfunktion U = U(X1, X2) 3.3. Budgetrestriktion Im vorangegangenen Abschnitt haben wir uns mit den Wünschen des Haushalts beschäftigt, nun wenden wir uns seinen Möglichkeiten zu. Seine Konsummöglichkeiten werden durch seine Kaufkraft angegeben, das ist seine Fähigkeit, mit seinem Einkommen Güter zu kaufen, für die er Preise bezahlen muss. Wir gehen wieder davon aus, dass der Haushalt nur zwei Güter konsumiert. Die Budgetrestriktion des Haushalts lautet dann: Y ≥ p1X1+p2X2. Dabei bezeichnet Y das für Kapitel 3: Theorie des Haushalts 19 Konsumgüterkäufe verfügbare Einkommen, p1 und p2 bezeichnen die Konsumgüterpreise. In einer monetären Volkswirtschaft trägt Y die Dimension Geldeinheit je Zeiteinheit, die Preise haben die Dimension Geldeinheit je Mengeneinheit. Die Summe (p1X1+p2X2) sind die Konsumausgaben des Haushalts. Die Budgetrestriktion besagt, dass der Haushalt nicht mehr Geld ausgeben kann, als er an Konsumausgaben geplant hat. Das Ungleichheitszeichen deutet darauf hin, dass der Haushalt auch weniger ausgeben kann. Die Eigenschaften der Budgetrestriktion lassen sich am besten durch eine graphische Darstellung in Abbildung 3.7 verdeutlichen. Die Budgetrestriktion soll wie die Präferenzen in den (X1,X2)-Koordinaten dargestellt werden. Dazu muss man die Budgetrestriktion umformen in: 2 1 2 1 1 Xp p p YX −≤ Die Konsummöglichkeiten werden durch das graue Dreieck angegeben. Schöpft der Haushalt seine gesamten Konsumausgaben aus, dann realisiert er Güterbündel auf der Budgetgeraden, dem rechten Rand der Budgetrestriktion. Sie trennt die Güterbündel, die der Haushalt realisieren kann, das sind diejenigen links unterhalb und auf der Budgetlinie, von solchen Güterbündeln, die der Haushalt nicht realisieren kann, das sind diejenigen rechts oberhalb der Budgetlinie. Die Budgetgerade hat die Steigung (-p2/p1). Beweis: 1 2 21 p p p Y: p Ytgα == 1X 2X " 1p Y 2p Y 1 2 p ptg =α 0 Abb. 3.7: Budgetrestriktion Was besagt dieses Preisverhältnis? Das erkennt man, wenn man die Dimension dieser Relation ermittelt: 2 1 12 GuteitMengeneinh GuteitMengeneinh GuteitMengeneinh tGeldeinhei: GuteitMengeneinh tGeldeinhei = . Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen20 Die Preisrelation ist offensichtlich ein Mengenverhältnis. Es besagt, welche Menge des Gutes 1 der Haushalt aufgeben muss, wenn er ohne Erhöhung seiner Konsumausgaben eine zusätzliche Mengeneinheit des Gutes 2 erhalten möchte. Ein Beispiel: Ein kg Brot (X1) kostet 3 € (p1), ein kg Kartoffeln (X2) kostet 1 € (p2). Das Preisverhältnis beträgt dann kgK 1/3kgB 3 kgB kgK 1 1kgB €3 : 1kgK 1€ =⋅= . Der Haushalt kann 1 kg Kartoffeln gegen 1/3 kg Brot tauschen. Das Preisverhältnis repräsentiert somit seine Austauschmöglichkeiten. Bei vorgegebenen und konstanten Preisen sind die Austauschmöglichkeiten für den Haushalt nicht ver- änderbar und über den gesamten Verlauf der Budgetlinie konstant. Man spricht deshalb auch von der objektiven Grenzrate der Substitution oder von der Grenzrate der Transformation. Die Lage der Budgetlinie hängt von der Höhe der Preise der Güter und des Einkommens ab. Eine Erhöhung des Einkommens bei konstanten Preisen verschiebt die Budgetlinie parallel nach rechts oben. Die Konsummöglichkeiten vergrößern sich, ohne dass sich die Austauschmöglichkeiten an der Grenze verändern. Wenn der Preis von Gut 1 steigt, dann dreht sich die Budgetlinie in Punkt Y/P2 nach links unten. Die Konsummöglichkeiten werden geringer. Gleichzeitig bedeutet das eine Änderung der Austauschmöglichkeiten. Gut 1, also Brot, ist teurer geworden, für ein zusätzliches kg Kartoffeln muss der Haushalt nun weniger Brot aufgeben. Die Grenzrate der Transformation hat sich verringert. Wenn beide Preise und das Einkommen um den gleichen Prozentsatz steigen, dann bleibt die Budgetgerade liegen, die Konsummöglichkeiten ändern sich nicht. Das zusätzliche Einkommen verschiebt zwar die Budgetlinie nach rechts. Die gestiegenen Preise verschieben sie aber nach links in die Ausgangslage zurück. Man erkennt das auch an der Budgetgleichung. Multipliziert man das Einkommen und beide Preise mit einem Faktor λ dann ergibt sich 2 1 2 1 2 1 2 1 1 Xp p p YX λp λp λp λYX −=−= . Durch die monetäre Erweiterung haben sich weder die maximale Menge des Gutes 1 (Y/p1 ) noch die Austauschrelation (p2/p1) geändert. Die monetäre Erweiterung hat nicht zu einer realen Erweiterung der Konsummöglichkeiten geführt. Kapitel 3: Theorie des Haushalts 21 3.4. Haushaltsoptimum Nach der Darstellung der Präferenzen und der Budgetrestriktion bringen wir nun beide Bausteine zusammen. Die Frage lautet hier: Welches Güterbündel wird der Haushalt angesichts seiner Budgetrestriktion und unter Beachtung seiner Präferenzen auswählen? Wie viel von Gut 1 und wie viel von Gut 2 plant er zu kaufen? Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es einer Präzisierung der Zielsetzung des Haushalts. Mit der Annahme der Unersättlichkeit haben wir bereits eine Vorentscheidung getroffen. Wenn der Haushalt mehr Güter stets weniger Gütern vorzieht, dann ist er offensichtlich an einer Maximierung seines Nutzens interessiert. Er wählt dasjenige Güterbündel aus, das ihm das höchstmögliche Wohlergehen verschafft. Das nutzenmaximale Güterbündel repräsentiert für den Haushalt einen Zustand, der nicht mehr verbesserungsfähig ist. Wie kann man nun das nutzenmaximale Güterbündel bestimmen? Hierzu müssen wir die Konsumwünsche des Haushalts mit seinen Konsummöglichkeiten konfrontieren. Zu diesem Zweck zeichnen wir die Nutzenfunktion und die Budgetrestriktion gemeinsam in das (X1,X2)-Diagramm ein. Die Abbildung 3.8 zeigt das Ergebnis. A * 1X * 2X0 B 0U 1U 2U E 0P 1P 2P 1X 2X Abb. 3.8: Haushaltsoptimum Wir wissen bereits, dass der Haushalt nur Güterbündel im Dreieck OAB realisieren kann. Er könnte z.B. das Güterbündel P0 wählen. Hier hätte er jedoch seine Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Er könnte seinen Zustand verbessern, indem er das Güterbündel P1 wählt, das ihm mehr von beiden Gütern bietet und somit seinen Nutzen erhöht. Dem Güterbündel P1 äquivalent ist auch das Güterbündel P2, denn beide liegen auf einer Indifferenzkurve U0. Wählt er das Güterbündel P2, dann schöpft er seine Konsummöglichkeiten wiederum nicht aus. Das äquivalente Güterbündel P1 kann also nicht nutzenmaximal sein, obwohl es die Kon- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen22 summöglichkeiten ausschöpft. Von P2 aus könnte er das Güterbündel E wählen, das ihm einen Nutzenzuwachs bringt. Der durch E repräsentierte Zustand lässt sich nicht mehr verbessern. Hier schöpft er seine Konsummöglichkeiten voll aus. Jedes andere realisierbare Güterbündel bedeutet ein Verlassen der Indifferenzkurve U1 nach links, also in Richtung auf ein niedrigeres Nutzenniveau. Das Güterbündel E ist somit das nutzenmaximale Güterbündel mit den Konsummengen X1* und X2*. Man bezeichnet diesen Zustand als Haushaltsoptimum oder als Haushaltsgleichgewicht. Welche Eigenschaften besitzt dieses Haushaltsoptimum? (1) Es liegt im Bereich der Konsummöglichkeiten und kann somit realisiert werden. Man sagt auch, der Kauf des Güterbündels E ist zulässig (Optimalbedingung der Zulässigkeit). (2) Es schöpft die Konsummöglichkeiten voll aus. Das für Konsumzwecke verfügbare Einkommen wird vollständig für den Kauf von Konsumgütern genutzt (Optimalbedingung der Vollnutzung). (3) Im Haushaltsoptimum ist die Grenzrate der Substitution von Gut 1 durch das Gut 2 gleich dem Verhältnis der Preise von Gut 2 und Gut 1: GRS1,2 = |dX1/dX2| = p2/p1. Die Grenzrate der Substitution ist die subjektive Austauschrelation zwischen beiden Gütern, das Preisverhältnis stellt die objektive Austauschrelation zwischen beiden Gütern dar. Wäre z.B. die Grenzrate der Substitution gleich ½, dann wäre der Haushalt bereit, für eine Einheit des Gutes 1 zwei Einheiten des Gutes 2 zu tauschen, ohne sich zu verschlechtern. Ist das Preisverhältnis nun gleich ¼, dann könnte der Haushalt ohne Mehrausgaben für eine Einheit X1 vier Einheiten X2 erhalten. Erinnern Sie sich, das Preisverhältnis trägt die Dimension Mengeneinheit des Gutes 1 dividiert durch Mengeneinheit des Gutes 2. Der Haushalt könnte nun eine Einheit X1 weniger und dafür vier Einheiten X2 mehr kaufen. Um sich nicht zu verschlechtern, braucht er jedoch entsprechend der subjektiven GRS nur zwei Einheiten X2. Er verfügt dann also über zwei zusätzliche Einheiten X2, die er nutzenerhöhend einsetzen kann. Die Ausgangslage kann also nicht optimal gewesen sein. Überträgt man das Zahlenbeispiel in die Abbildung 3.8, dann kann das Güterbündel P1 als Ausgangssituation identifiziert werden. Hier ist die GRS größer als das Preisverhältnis. Das Haushaltsoptimum verlangt den Ausgleich der subjektiven und objektiven Grenzrate der Substitution (Optimalbedingung des Grenzraten-Ausgleichs). Das Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution besitzt eine große Bedeutung für die Bestimmung des Haushaltsoptimums. Ohne seine Geltung verliefen die Indifferenzkurven nicht konvex, sondern konkav oder linear. Die Konsequenzen ergeben sich aus der folgenden Abbildung 3.9. Bei konkaven Indifferenzkurven kann kein Güterbündel, das beide Gütermengen enthält, nut- Kapitel 3: Theorie des Haushalts 23 zenmaximal sein. Der Grenzratenausgleich gewährleistet kein Haushaltsoptimum. Dieses liegt stets in den Eckpunkten A oder B, enthält also nur jeweils ein Gut. In der Abbildung 3.9 ist dies für A angenommen. 1X 2X 01 UU >0U A 0 B Abb. 3.9: Ecklösungen Das gleiche gilt auch bei linearen Indifferenzkurven. Ecklösungen sind dann optimal, wenn die konstante Grenzrate der Substitution vom Preisverhältnis abweicht. Ist sie gleich dem Preisverhältnis, dann kann gar kein Haushaltsoptimum bestimmt werden. Jedes Güterbündel am Rande der Konsummöglichkeiten ist dann optimal. Eine zunehmende oder konstante Grenzrate der Substitution zwischen verschiedenen Gütern erscheint ökonomisch nicht plausibel. Das Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution gewährleistet dagegen die Existenz des Nutzenmaximums, und zwar eines eindeutigen, inneren Nutzenmaximums. Der Haushalt findet sein Optimum, in dem er seine Konsumwünsche seinen Konsummöglichkeiten bestmöglich anpasst. Dazu muss er ein Güterbündel auf der Budgetlinie realisieren. Das Einkommen und die beiden Güterpreise bestimmen also maßgeblich den maximal erreichbaren Nutzen. Diesen Zusammenhang können wir in der Form einer indirekten Nutzenfunktion darstellen: U = V(Y, p1, p2) Diese Nutzenfunktion wird als indirekt bezeichnet, weil der Nutzen noch immer aus dem Konsum der Gütermengen X1 und X2 resultiert, die Gütermengen aber durch Einkommen und Güterpreise bestimmt werden. Der durch die indirekte Nutzenfunktion bestimmte Nutzen ist der maximal errreichbare Nutzen, es ist also der Nutzen im Haushaltsoptimum (R. Linde, 1996, S. 42f.). Das Konzept der indirekten Nutzenfunktion kann bei der Bewertung von öffentlichen Gütern Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen24 des Waldes verwendet werden, wenn die Werte durch Befragungen ermittelt werden sollen. Siehe dazu die Kapitel 11 und 12. 3.5. Einkommen und Güternachfrage Als Rahmenbedingungen des Haushalts gelten solche Determinanten seiner Verbrauchsentscheidung, auf die der Haushalt selbst keinen spürbaren Einfluss hat. Hierzu gehören annahmegemäß sein Einkommen und die Güterpreise. Gemeinsam bestimmen sie die Lage der Budgetlinie, die das Haushaltsoptimum beeinflusst. Die dort bestimmten Gütermengen X1 und X2 sind somit abhängig von den exogenen Determinanten Einkommen und Güterpreise. Um diese Gütermengen konsumieren zu können, muss der Haushalt sie bei den Produzenten dieser Güter nachfragen. Die allgemeinen Nachfragefunktionen für die beiden Güter sind dann folgendermaßen zu formulieren: X1 = X1(p1, p2, Y) und X2 = X2(p1, p2, Y). Die Eigenschaften der Nachfragefunktionen ergeben sich aus dem Nutzenmaximierungskalkül, das zu ihrer Aufstellung geführt hat. Aus Gründen einer vereinfachten Schreibweise ist auf eine Kennzeichnung der Konsummengen als Gleichgewichtsmengen verzichtet. Um die Eigenschaften der Nachfragefunktionen zu ermitteln, bedient man sich der Methode der isolierenden Abstraktion. Sie wird nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in vielen anderen Wissenschaften verwendet. Es ist deshalb nützlich, sie zu kennen. Wird eine Variable von mehreren anderen bestimmt, und will man wissen, in welcher Weise die abhängige Variable von jeder einzelnen der sie beeinflussenden Variablen abhängt, dann denkt man sich alle Einflussgrößen - mit Ausnahme derjenigen, deren Einfluss man untersuchen will - als konstant. Man nennt diese Vorgehensweise auch die ceteris-paribus-Bedingung: im Übrigen ist alles konstant. Dann lässt man ebenfalls gedanklich - die Variable, deren Einfluss auf die abhängige Variable untersucht werden soll, alternative Beträge annehmen. Man prüft, welche Werte die abhängige Variable jeweils annimmt. Die ceteris-paribus-Bedingung besagt nicht, dass alle Variablen in der Realität tatsächlich konstant wären. Sie vereinfacht oder ermöglicht lediglich die Analyse. Wenn wir die allgemeinen Nachfragefunktionen betrachten, dann sehen wir, dass die nachgefragten Mengen von jeweils drei Determinanten bestimmt werden. Mit der Methode der isolierenden Abstraktion können wir nun folgende Fragen stellen: (1) Wie ändert sich die nachgefragte Menge eines Gutes, wenn sich ceteris paribus das Einkommen ändert? (2) Wie ändert sich die nachgefragte Menge eines Gutes, wenn sich ceteris paribus der jeweils eigene Güterpreis ändert? (3) Wie ändert sich die nachgefragte Menge eines Gutes, wenn sich ceteris paribus der Preis anderer Güter ändert? Kapitel 3: Theorie des Haushalts 25 In diesem Abschnitt wollen wir die 1. Frage beantworten. Wie ändert sich die Nachfrage nach einem Gut, wenn sich nur das Einkommen ändert? Die geometrische Darstellung dieses Zusammenhangs nennt man eine Engel-Kurve [Ernst Engel, sächsischer Statistiker, 1821-1896]. Um sie und ihre Eigenschaften abzuleiten, verwenden wir die Darstellung zur Bestimmung eines Haushaltsoptimums in der Abbildung 3.10. Die Ausgangssituation sei E0 mit dem Einkommen Y0. Nun erhöht sich das Einkommen auf Y1. Für den Haushalt erweitern sich dadurch seine Konsummöglichkeiten. Die Budgetlinie verschiebt sich parallel nach rechts oben. Der Haushalt wählt ein neues Haushaltsoptimum E1 mit erhöhten Nachfragemengen von beiden Gütern. Beim Einkommen Y2 wählt er das Konsumbündel E2 mit nochmals erhöhten Nachfragemengen von beiden Gütern. Die Verbindungslinie aller Haushaltsoptima nennt man eine Einkommen-Konsum-Kurve. In der Abbildung 3.10 verläuft sie konkav. Ordnet man nun den unterschiedlichen Einkommensniveaus Y0, Y1, Y2 die nutzenmaximalen Konsumgütermengen X10, X11, X12 bzw. X20, X21, X22 zu, dann erhält man die Engel-Kurven für die beiden Konsumgüter. Für das Gut 1 ergibt sich die Engel-Kurve der Abbildung 3.11. A" ! 1X 2X 0E 1E 2E 0E 1E 2E2 1X 1 1X 0 1X 1X 2 1X 1 1X 0 1X EKK 0U 1U 2U 2 0 p Y 2 1 p Y 2 2 p Y22X 1 2X 0 2X 0Y 1Y 2Y Y Engel- Kurve 00 Abb. 3.10: Einkommen- Abb. 3.11: Engel-Kurve Konsum-Kurve Die Nachfrage nach Gut 1 steigt mit zunehmendem Einkommen, sie erhöht sich jedoch nur unterproportional im Vergleich zum Einkommen. Einen solchen Zusammenhang hat der Statistiker Engel im 19. Jahrhundert für Nahrungsmittel errechnet. Das sogenannte Engel'sche Gesetz lautet: Die Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln ist positiv, aber kleiner als Eins. Hier ist der Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der Konsumgüternachfrage Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen26 als Elastizität beschrieben. Da wir uns mit Elastizitäten noch häufiger beschäftigen werden, lohnt es sich, dieses Konzept näher zu betrachten. Als Einkommenselastizität der Nachfrage nach einem Gut, hier Gut 1, bezeichnet man das Verhältnis aus der relativen Veränderung der nachgefragten Menge dieses Gutes und der sie auslösenden relativen Veränderung des Einkommens: Man kann diese Elastizität auch als Quotient der marginalen Konsumneigung und der durchschnittlichen Konsumneigung auffassen. Dies ermöglicht eine einfache geometrische Abschätzung ihrer Größe. Die marginale Konsumneigung entspricht der Tangente an die Engel-Kurve in einem beliebigen Punkt, die durchschnittliche Konsumneigung entspricht dem Fahrstrahl aus dem Nullpunkt an denselben Punkt. In der Abbildung 3.11 ist die marginale stets kleiner als die durchschnittliche Konsumneigung in bezug auf das Gut 1, die Einkommenselastizität ist deshalb kleiner als Eins und positiv. Die Einkommenselastizität der Nachfrage ist weder in der Größe noch im Vorzeichen beschränkt. Beides wird bestimmt von der Gestalt der Nutzenfunktion des Haushalts. Die folgende Abbildung 3.12 zeigt eine Nutzenfunktion mit einer Einkommen-Konsum-Kurve, die von rechts unten nach links oben verläuft. 2 2X 1 2X 0 2X 2X 0U 1U 2U 1X 0E 1E 2E 2X 2 2X 1 2X 0 2X 0 E 1E 2E EKK Engel- Kurve 0Y 1Y 2Y00 Y Abb. 3.12: Rückwärtsgekrümmte Abb. 3.13: Inferiores Gut Einkommen-Konsum-Kurve Für das Gut 2 folgt hieraus eine Engel-Kurve, die abwärts geneigt ist. Ein Gut mit einer negativen Einkommenselastizität bezeichnet man als inferiores Gut (siehe Abb. 3.13). Das sind solche Güter, deren Verbrauch mit steigendem Einkommen immer geringer wird. Das gilt z.B. für minderwertige Nahrungsmittel oder auch für die Benutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel. Aus den Indifferenzkurvensystemen der Haushalte, die lediglich dem Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution, der Unersättlichkeitsannahme und der Kon- 222 11 1 1 Y,X EY:AEtgβ:tgαY X: dY dX Y dY: X dXη 1 ==== Kapitel 3: Theorie des Haushalts 27 sistenzannahme genügen, lassen sich mehrere Verläufe von Engel-Kurven ableiten. Diese können für verschiedene Güter unterschiedlich sein. Es ist deshalb die Aufgabe von empirischen Untersuchungen, die tatsächlichen Einkommenselastizitäten der Nachfrage für einzelne Güter zu ermitteln. Worin besteht die ökonomische Bedeutung solcher Informationen? Unternehmen, die mit einer einkommensunelastischen Nachfrage konfrontiert sind, haben Schwierigkeiten, mit dem wirtschaftlichen Wachstum Schritt zu halten. Ihr Wirtschaftssektor wird im Vergleich zum Rest der Volkswirtschaft schrumpfen, eine Strukturkrise steht bevor. Als Beispiel kann man die Landwirtschaft aufführen, deren Schwierigkeiten u.a. auch auf die geringe Einkommenselastizität der Nachfrage nach ihren Produkten (ca.+0,6) zurückzuführen ist. Für die Forstwirtschaft beträgt die Einkommenselastizität der Rohholznachfrage in den letzten zwei Jahrzehnten im Durchschnitt +0,95, dies ermöglicht ihr, mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung eher Schritt zu halten. Siehe dazu Kapitel 18. 3.6. Güterpreise und Güternachfrage Wir wenden uns nun der 2. Frage zu: Wie ändert sich die nachgefragte Menge eines Gutes, wenn sich lediglich sein Preis ändert? Die geometrische Darstellung dieses Zusammenhangs nennt man eine Nachfragekurve. Um sie und ihre Eigenschaften abzuleiten, verwenden wir wiederum die Darstellung zur Bestimmung eines Haushaltsoptimums. Die Abbildung 3.14 zeigt die Vorgehensweise. Die Ausgangssituation sei E0 mit dem Güterpreis p20. Nun erhöht sich der Preis auf p21. Für den Haushalt sinken dadurch die Konsummöglichkeiten. Die Budgetgerade dreht sich in Punkt A nach links unten: Würde der Haushalt sein Einkommen ganz für das Gut 2 ausgeben, dann könnte er nicht mehr die Menge Y0/p20 sondern nur noch die Menge Y0/p21 kaufen. Die Budgetgerade weist eine größere Steigung (tg α1) auf, denn das Gut 2 ist relativ zu Gut 1 teurer geworden. Der Haushalt wählt nun ein neues Haushaltsoptimum E1 mit einer verringerten Nachfragemenge des 2. Gutes und einer größeren Menge des 1. Gutes. Steigt der Preis für Gut 2 weiter auf p22, dann reduziert er die Nachfragemengen des 2. Gut weiter und dehnt die Nachfrage nach dem 1. Gut weiter aus. Die Verbindungslinie aller Haushaltsoptima nennt man eine Preis-Konsum-Kurve. In der Abbildung 3.14 verläuft sie konvex. Ordnet man den unterschiedlichen Preisen des Gutes 2, also p20, p21, p22 die nutzenmaximalen Konsumgütermengen X20, X21 und X22 zu, dann erhält man die Nachfragekurve für das Gut 2. Die Abbildung 3.15 zeigt ihren Verlauf. Die Nachfragekurve stellt eine Preis-Mengen- Beziehung dar. Sie besagt, welche Menge eines Gutes der Haushalt kaufen will, wenn sein Preis eine bestimmte Höhe hat. In der Abbildung 3.15 reagiert der Haushalt auf eine Preiserhöhung mit einer Nachfragesenkung. Wenn man wissen Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen28 will, wie stark die Reaktion ist, dann kann man sich wiederum des Elastizitäts- Konzeptes bedienen. A 0α 1E PKK 0E 2E 2 2 0 p Y 1 2 0 p Y 0 2 0 p Y 2X 0 2X12X 0 2X 2 1X 1 1X 0 1X 1X 0 1α2α Nachfragekurve B αβ 1E 0E 2E 2X 0 2X12X 0 2X A 2p 2 2p 1 2p 0 2p 0 Abb. 3.14: Preis-Konsum-Kurve (oben) Abb. 3.15: Normale Nachfragekurve(unten) Als Preiselastizität der Nachfrage nach einem Gut, hier Gut 2, bezeichnet man das Verhältnis aus der relativen Veränderung der nachgefragten Menge dieses Gutes und der sie auslösenden relativen Veränderung seines Preises: AE BE 0X BX BX XE: 0X XE tgα tgβ tgβ 1: tgα 1 p X: dp dX p dp: X dXη 0 0 0 2 0 2 0 2 0 20 0 2 0 20 2 2 2 2 2 2 2 2 p,X 22 ==== === Auch diese Elastizität lässt sich geometrisch deuten und erlaubt so eine Abschätzung ihrer Größe. Die Preiselastizität der Nachfrage nach Gut 2 ist also im Punkt E0 der untere Streckenabschnitt BE0 dividiert durch den oberen Streckenabschnitt E0A, also kleiner als Eins. Eine 1%ige Preiserhöhung beantwortet der Kapitel 3: Theorie des Haushalts 29 Haushalt ausgehend von der Menge X20 mit einer Mengenreduktion, die weniger als 1% beträgt. Seine Nachfrage reagiert hier unelastisch. Eine Nachfragekurve mit einer negativen Preis-Mengen-Beziehung bezeichnet man als eine normale Nachfragekurve. Im Gegensatz dazu stellte der Engländer Giffen (1837-1910) im vergangenen Jahrhundert fest, dass Arbeiter auf eine Erhöhung des Brotpreises mit einer Erhöhung der Nachfrage nach Brot reagierten. Ihre Nachfragekurve zeigt somit einen anomalen Verlauf, wie er in Abbildung 3.16 dargestellt ist. Warum ein solcher Verlauf eher die Ausnahme als die Regel ist, kann man erkennen, wenn man die Reaktionen auf die Preisänderung mit Hilfe der Darstellung zur Bestimmung eines Haushaltsoptimums zerlegt. Man kann dann der Preisänderung einen Substitutions- und einen Einkommenseffekt zuordnen. Diese beiden Effekte bestimmen den Verlauf der Nachfragekurve. Der Giffen-Fall verlangt eine sehr spezielle Konstellation beider Effekte. Nachfragekurve 2p 2X 1 2p 0 2p 0 2X 1 2X 1E 0E 0 Abb. 3.16: Anomale Nachfragekurve In der Ausgangssituation konsumiert der Haushalt das Güterbündel E0. Steigt nun der Preis für Gut 2, dann verringern sich dadurch seine Konsummöglichkeiten und er wählt das Güterbündel E1. Den Übergang von E0 nach E1 können wir nun gedanklich in zwei Mengenreaktionen zerlegen (siehe Abb. 3.17). Stellen Sie sich vor, der Haushalt würde eine Einkommenserhöhung erhalten, welche die Preiserhöhung in einem Umfang kompensiert, dass er sein Ausgangsnutzenniveau U0 erhalten kann. Diese kompensatorische Einkommenserhöhung kann man bestimmen, indem man eine Parallele zur neuen Budgetgeraden zeichnet, welche die Indifferenzkurve U0 tangiert. Das ist in Q der Fall. Die hierzu notwendige Einkommenserhöhung beträgt (Y1–Y0)/p10 · p10 = Y1–Y0 = (Y1–Y0)/p21 · p21. Der Übergang von E0 nach E1 ist damit zerlegbar in den Übergang von E0 nach Q und in den Über- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen30 gang von Q nach E1. Die Mengenreaktion von E0 nach Q bezeichnet man als Substitutionseffekt (SE). Auf die relative Verteuerung des Gutes 2 reagiert der Haushalt mit einer Substitution des Gutes 2 durch das Gut 1. 1X 2X 0E1 E SE EE Q 0U 1U 0 F D C 0 1 1 p Y 0 1 0 p Y 1 2 1 p Y 0 2 0 p Y 1 2 0 p Y Abb. 3.17: Einkommens- und Substitutionseffekt einer Preisänderung Warum tut er das, obwohl er doch dadurch sein Nutzenniveau nicht erhöhen kann? Die Ausgangssituation E0 liegt bei der Einkommenskompensation Y1-Y0 außerhalb seiner Konsummöglichkeiten. Er könnte dann nur ein niedrigeres Nutzenniveau erreichen. Erst die Substitution macht es ihm möglich, sein Ausgangsnutzenniveau zu halten. Die Substitution mildert also die negativen Auswirkungen des Kaufkraftverlustes infolge der Preiserhöhung. Der Substitutionseffekt ist wegen des Gesetzes von der abnehmenden Grenzrate der Substitution stets negativ, die Preisänderung löst eine entgegengerichtete Mengenänderung aus, das teurer gewordene Gut 2 wird durch das relativ billiger gewordene Gut 1 substituiert. Die Mengenreaktion von Q nach E1 bezeichnet man als Einkommenseffekt (EE). Der Haushalt erhält ja tatsächlich nicht die Einkommenskompensation. Dieser Effekt heißt Einkommenseffekt, weil der Übergang von Q nach E1 bei gedachtem konstantem Preisverhältnis durchgeführt wird, die Parallelverschiebung einer Budgetgeraden aber durch eine Einkommensänderung bewirkt wird. Wie wir aus der Diskussion der Engel-Kurve wissen, kann die nachgefragte Menge eines Gutes mit sinkendem Einkommen zurückgehen, sie kann aber auch steigen. Im letzteren Fall bezeichnet man das Gut als inferior. In der Abbildung 3.17 ist der Einkommenseffekt positiv eingezeichnet, die Einkommensänderung löst eine gleichgerichtete Mengenänderung aus. Die Nachfrage nach dem Gut 2 sinkt mit sinkendem Einkommen. Die Substitutions- und Einkommenseffekte Kapitel 3: Theorie des Haushalts 31 wirken beide in der gleichen Richtung, die Preiserhöhung bewirkt eine Nachfragesenkung, die Nachfragekurve verläuft normal, wie in Abbildung 3.15 eingezeichnet. Der Einkommenseffekt könnte aber auch negativ sein, eine Einkommensänderung löst eine entgegengerichtete Mengenänderung aus. Dann läge das Güterbündel E1 rechts von der Menge D in Abbildung 3.17. Liegt es weiterhin links von der Menge C, dann bewirkt die Preiserhöhung noch immer eine Nachfragesenkung im Vergleich zur Ausgangssituation. Erst dann, wenn der negative Einkommenseffekt so stark ist, dass er das Güterbündel E1 rechts von der Menge C ansiedelt, ergibt sich eine Zunahme der nachgefragten Menge aufgrund der Preiserhöhung. Da diese Konstellation nur in Extremfällen, bei Beziehern von Einkommen in der Nähe des physischen Existenzminimums, plausibel ist, wird eine solche Reaktion als anomal bezeichnet. Nachfragekurven, insbesondere normal verlaufende Nachfragekurven, spielen in der ökonomischen Analyse eine sehr wichtige Rolle. Wir werden sie noch häufig verwenden. Es ist deshalb wichtig, sich dieses Konzept klar zu machen und damit umgehen zu können. Mit einer Anwendungsmöglichkeit von Nachfragekurven zur Bewertung von Gütermengen, dem Konzept der Konsumentenrente, wollen wir uns gleich jetzt beschäftigen. 3.7. Güternachfrage und Konsumentenrente Der Haushalt möchte Gut 2 konsumieren. Was ist es dem Haushalt wert, dass er das Gut 2 in der seinem Haushaltsoptimum entsprechenden Menge konsumieren kann? Lässt sich diese Bewertung in Geldeinheiten ausdrücken? Um den Wert des Konsums von Gut 2 durch den Haushalt bestimmen zu können, muss man die Situation mit Gut 2 mit der Situation ohne Gut 2 vergleichen. Angenommen, der Preis für Gut 2 wäre so hoch, dass der Haushalt auf den Konsum von Gut 2 ganz verzichtet, das ist die Situation ohne Gut 2. Wie bewertet der Haushalt den Unterschied zwischen der eben definierten Situation ohne Gut 2 und der tatsächlichen Situation mit Gut 2 in Geldeinheiten? Dieser Betrag wird als Konsumentenrente bezeichnet. Das ist derjenige Geldbetrag, mit dem ein Haushalt die Differenz zwischen dem Höchstpreis und dem tatsächlichen Preis eines von ihm verbrauchten Gutes bewertet. Dieser Betrag wird als Rente bezeichnet, weil es nicht das Verdienst des Haushalts ist, wenn der Preis des Gutes niedriger ist als der Höchstpreis. Man kann also diesen Geldbetrag als eine Größe ansehen, die dem Haushalt zugute kommt, ohne dass er dafür etwas hingeben muss (R. Linde, 1996, S. 55). Wie kann man nun die Konsumentenrente messen? Die Nachfragekurve eines Haushalts ist eine Preis-Mengen-Beziehung. Sie zeigt, wenn man sie von unten nach links liest, welchen Preis der Haushalt für jede Mengeneinheit maximal zu Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen32 zahlen bereit ist. Sie ist also auch der Ausdruck der maximalen marginalen Zahlungsbereitschaft des Haushaltes. Die Abbildung 3.18 zeigt den Zusammenhang. Nachfragekurve: Kurve maximaler marginaler Zahlungsbereitschaft 2p 2X 0 2X 2 2X 1 2p 0 2p 1 2X0 2 2p max 2p C B KR A Abb. 3.18: Konsumentenrente Für die erste Einheit des Gutes 2 ist der Haushalt bereit, p2max Geldeinheiten (GE) zu zahlen; für die zweite und alle folgenden Einheiten der Nachfragekurve entsprechend weniger. Für die Menge X20 ist er bereit, maximal den Betrag 0X20Ap2max zu bezahlen. Beträgt der Marktpreis p20 GE je Mengeneinheit, dann möchte der Haushalt X20 Einheiten des Gutes kaufen, und er muss dafür den Betrag 0X20Ap20 bezahlen. Die Differenz zwischen seiner maximalen Zahlungsbereitschaft und seiner Zahlungsverpflichtung beträgt p20Ap2max GE. Das ist seine Konsumentenrente KR. Sie ist für ihn ein monetärer Vorteil (Benefit), da er diesen Betrag für andere Güter ausgeben und aus ihnen Nutzen ziehen kann. Die Kenntnis der Nachfragekurve ermöglicht also die Bestimmung des Benefit. Würde der Preis auf p21 GE sinken, dann würde der Haushalt X21 Einheiten des Gutes 2 kaufen. Dafür müsste er 0X21Bp21 GE ausgeben. Durch diese Preissenkung erhöht sich seine Konsumentenrente um den Betrag p21BAp20. Dies ist der monetäre Vorteil der Preissenkung. Das ist der Betrag unterhalb der Nachfragekurve zwischen dem alten Preis und dem neuen Preis. Er entspricht der Veränderung der Konsumentenrente. Würde der Preis auf p22 GE steigen, dann würde der Haushalt nur noch X22 Einheiten des Gutes kaufen. Dafür müsste er 0X22Cp22 GE ausgeben. Durch diese Preiserhöhung vermindert sich seine Konsumentenrente um p20ACp22 GE. Diese Verminderung seiner Konsumentenrente stellt einen monetären Nachteil (Cost) dar, der ihn schlechter stellt. Kapitel 3: Theorie des Haushalts 33 Mit der Konsumentenrente und ihren Änderungen können wir Transaktionen und deren Änderungen aus der Sicht des Haushaltes bewerten. Die Nutzen- Kosten-Analyse macht von dieser Bewertung Gebrauch. Darauf werden wir in den Kapiteln 8 und 14 näher eingehen. Wir können damit auch Güter bewerten, die nicht auf Märkten gehandelt werden und deshalb keinen Preis haben. Denken Sie beispielsweise an die Erholungsleistungen des Waldes, einen Waldspaziergang. Wenn wir eine Nachfragekurve nach Waldspaziergängen des Haushalts ermitteln könnten, dann ergäbe die Fläche unter der Kurve zwischen dem Höchstpreis und dem Preis von Null ein Maß für den monetären Vorteil dieser Dienstleistung des Waldeigentümers für den Haushalt. Eine Bewertung von öffentlichen Gütern des Waldes ist so möglich, darauf werden wir in den Kapiteln 10, 11 und 12 näher eingehen. Kapitel 4: Theorie der Unternehmung 4.1. Analyse der Produktionsentscheidung Eine Unternehmung ist eine Wirtschaftseinheit, die vornehmlich Güter produziert und aus deren Verkauf Umsatzerlöse (U) erzielt, Produktionsfaktoren beschafft und einsetzt und damit Kosten (Q) auf sich nimmt, Steuern (T) zahlt und durch Ersparnis (S) Vermögen bildet. Die Einnahmen-Ausgaben-Gleichung lautet: U=Q+T+S. Diese ökonomischen Aktivitäten sind das Ergebnis ökonomischer Entscheidungen des Unternehmens. Die natürlichen Ressourcen bilden die Basis für die Bedürfnisbefriedigung der privaten Haushalte. Häufig sind die Ressourcen jedoch nicht unmittelbar zur Bedürfnisbefriedigung geeignet oder die Konsumenten wünschen sich Dinge, welche die Natur in dieser Form nicht zur Verfügung stellt. Die natürlichen Ressourcen müssen deshalb in Güter transformiert werden, die der menschlichen Bedürfnisbefriedigung dienen können. Das ist der gesellschaftliche Zweck von Unternehmen: Die Transformation von Ressourcen in Güter. Die Produktion von Gütern vollzieht sich meist in mehreren Stufen. Nehmen wir z.B. die Möbelherstellung. Der Forstbetrieb produziert Rohholz. Aus ihm fertigt die holzbearbeitende Industrie Spanplatten. Die Möbelindustrie baut daraus Möbel. Diese werden an den Handel geliefert, der sie schließlich an den Konsumenten weitergibt. Fragen wir, was allen diesen Produktionsvorgängen gemeinsam ist (R. Linde, 1996, 83f.). Erstens werden sie zu dem Zweck veranstaltet, ein Produktionsergebnis (Produktionsmenge, Output) zu erzielen. Die produzierten Güter gehen entweder an den Endverbraucher oder werden als Vorprodukte in anderen Produktionsprozessen eingesetzt. Zweitens ist allen Produktionsvorgängen gemeinsam, dass bestimmte Mittel eingesetzt werden müssen. Man nennt diese Mittel die Produktionsfaktoren (Faktormengen, Inputs). Aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften kann man die Produktionsfaktoren in drei Gruppen einteilen: (1) Arbeitsleistungen (des Menschen mit einem eigenen Willen) (2) Kapitalleistungen (des Sachkapitals, nicht des Geldkapitals) (3) Vorleistungen (Materialien und Energie) Drittens verkörpert jeder Produktionsvorgang ein bestimmtes Produktionsverfahren. Damit wird die Art und Weise bezeichnet, in der die Inputs bei der Erstellung des Outputs zusammenwirken. Jedes Produktionsverfahren beruht auf

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References

Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.