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Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 176 - 198

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_176

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 11.1. Systematisierung der Methoden Aus den in Kapitel 10 vorgestellten volkswirtschaftlichen Theorien sind bereits in den 1920er und 1930er Jahren erste rudimentäre empirische Anwendungen hervorgegangen. Ab den 1960er Jahren finden sich im Schrifttum stärker theoretisch fundierte Fallstudien, die sich zunächst auf die marktanaloge Ermittlung des Wertes von Erholung in der freien Natur und auf die Bewertung alternativer Land- und Gewässernutzungen konzentrierten. Im Zeitverlauf erschließen sich weitere Politikfelder diese praktikablen Bewertungsverfahren und so finden sich heute Fallstudien in den Sektoren Bildung, Transport, Energie, Immobilienwirtschaft und Gesundheitswesen (R.E. Just et al., 2004), wobei die Bewertung von Umweltgütern nach wie vor das wichtigste Anwendungsfeld ist. Umweltgüter sind entweder private oder öffentliche Güter. Für private Güter lassen sich die Bewertungen der Menschen anhand von Marktdaten ermitteln, die durch das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage auf Märkten entstehen. Damit sind sie Ausdruck unmittelbar beobachtbarer Wahlhandlungen (‚actual preferences’), was jener Gruppe von Verfahren, die Marktdaten zur monetären Bewertung von Umweltgütern einsetzen, im englischen Sprachgebrauch den Namen ‚market methods’ eingetragen und zu ihrer Verortung unter der Überschrift ‚actual preferences’ geführt hat. Der theoretische Ansatz, der als Basis für die Bewertung privater Umweltgüter dient, ist im Abschnitt 10.1 vorgestellt worden, empirische Anwendungsbeispiele liefern die Abschnitte 12.2 und 12.3. Für die monetäre Bewertung von Umweltgütern, die die Eigenschaften öffentlicher Güter aufweisen, bietet sich eine Vielzahl von Verfahren an, die sich hinsichtlich der Datenanforderungen in zwei Gruppen einordnen lassen. Dies sind zum einen Methoden, die dann eingesetzt werden können, wenn Wirtschaftseinheiten das öffentliche Umweltgut in Verbindung mit privaten Gütern für Konsum- oder Produktionszwecke einsetzen: Voraussetzung für Erholung in der Natur (öffentliches Gut) ist der Transport (privates Gut) dorthin, der durch Wald gestiftete Schutz vor Erosion angrenzender landwirtschaftlicher Flächen (öffentliches Gut) steigert die Bodenproduktivität und damit den landwirtschaftlichen Output (privates Gut). Liegen Beziehungen zwischen privaten Gütern und öffentlichen Gütern vor, dann lassen sich die Bewertungen der Menschen für die Nutzung öffentlicher Güter aus ihren in der Realität beobachtbaren Wahlhandlungen über die verbundenen privaten Güter herleiten (‚revealed preferences’, siehe N.E. Bockstael und K.E. McConnell, 2010). Die dieser Gruppe zugehöri- Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 167 gen Bewertungsverfahren werden in den folgenden Abschnitten vorgestellt. Dies sind die Produktivitätsmethode (Abschnitt 11.2), die Reisekostenmethode (Abschnitt 11.3), die Implizite Preismethode (Abschnitt 11.4), die Alternativkostenmethode (Abschnitt 11.5) und die Mehraufwand-Minderertrag-Methode (Abschnitt 11.6). Produktivitätsmethode öffentlichen Umweltgütern mit messbarem Bezug zu privaten Gütern Reisekostenmethode Implizite Preismethode Alternativkostenmethode Mehraufwand- Minderertrag- Methode Bedingte Bewertungsmethode öffentlichen Umweltgütern ohne messbaren Bezug zu privaten Gütern Auswahlexperiment Marktmethode privaten Umweltgütern 'actual preferences' 'revealedpreferences' 'stated preferences' Bereitstellung von Abb. 11.1: Praktikable Verfahren zur monetären Bewertung von Umweltgütern Schließlich finden sich öffentliche Umweltgüter, für die sich keine empirisch tragfähigen Verbindungen zu privaten Gütern herstellen lassen. Dazu gehören auch Umweltgüter, die von Menschen aktuell zwar nicht genutzt werden, denen die Wirtschaftseinheiten aber aufgrund der Möglichkeit künftiger Nutzung (Optionswert) oder wegen ihrer bloßen Existenz (Existenzwert) einen Wert zuschreiben. Da hier für die Bewertung der Umweltgüter aus Wahlhandlungen über private Güter keine Anhaltspunkte gewonnen werden können, sind die einschlägigen empirischen Verfahren darauf angewiesen, dass die von der Bereitstellung solcher Umweltgüter Betroffenen ihre beabsichtigten Wahlhandlungen im Rahmen von experimentellen Versuchsanordnungen äußern (‚stated preferences’). Die Vorstellung der auf Befragungen basierenden Bedingten Bewertungsmethode (R.T. Carson, 2011) sowie des Auswahlexperiments beschließen dieses Kapitel (Abschnitte 11.7 und 11.8). Abbildung 11.1 zeigt überblicksartig, welche der praktikablen Methoden für die monetäre Bewertung unterschiedlich klassifizierter Umweltgüter zur Verfügung stehen. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie168 11.2. Produktivitätsmethode Wie aus Kapitel 4 bekannt, setzen Unternehmen für die Produktion von Gütern - ihres Outputs - Produktionsfaktoren wie Arbeit, Sachkapital, Boden und Vorleistungen ein und kombinieren diese im Produktionsprozess entsprechend des im Unternehmen verfügbaren Stands des technischen und administrativen Wissens. Produktionsfaktoren werden durch das Unternehmen auf Märkten beschafft. Die Produktivität dieser Inputs, d.h. ihre Leistungsfähigkeit in der Erstellung des Unternehmensoutputs, kann auf vielfältige Weise durch die Existenz von öffentlichen Umweltgütern beeinflusst werden: • Die Aufnahme von Luftschadstoffen durch Blatt-, Nadel- und Wurzelwerk reduziert die Zuwachsleistung von Waldbeständen (Rückgang der Kapitalund der Bodenproduktivität) und mindert damit den Holzertrag. • Die Aufforstung reduziert die durch Wind und Wasser ausgelöste Erosion angrenzender landwirtschaftlicher Flächen und steigert den Ernteertrag durch Aufrechterhaltung der Bodenproduktivität. • Die Einleitung von Abwässern reduziert die Gewässergüte und damit die Fangleistung von flussabwärts gelegenen Fischereibetrieben (Rückgang der Kapitalproduktivität). Diese Beziehungen zwischen privaten Gütern, Produktionsfaktoren und öffentlichen Umweltgütern ermöglichen die Bewertung von Umweltgütern mit Hilfe der Produktivitätsmethode, wie das folgende Beispiel zeigt: Ein landwirtschaftlicher Betrieb produziert in der Ausgangslage unter Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden sowie der Vorleistung ‚Dünger’ ein landwirtschaftliches Produkt X. Die den Äckern des Landwirts benachbarten Flächen werden aufgeforstet. Dadurch wird für die landwirtschaftlichen Flächen Bodenschutz erzeugt, der das zu bewertende öffentliche Umweltgut darstellt. Die Aufforstung schützt die Äcker vor dem durch Wind und Oberflächenwasserabfluss bedingten Austrag von Nährstoffen. Aufgrund der Aufforstung reicht es für die Aufrechterhaltung der Bodenproduktivität nun aus, wenn der Landwirt seine Äcker weniger intensiv düngt. Er spart Vorleistungen ein und kann nun jede Angebotsmenge mit geringeren Grenzkosten herstellen. Wie bewertet der Landwirt die mit der Aufrechterhaltung der Bodenproduktivität infolge verringerter Bodenerosion einhergehenden Einsparungen von Düngemitteln? Welchen Wert misst er dem Gebrauch des öffentlichen Umweltguts ‚Bodenschutz’ bei? Für die Beantwortung dieser Fragen greift die Produktivitätsmethode vielfach auf das analytische Konzept der aus Kapitel 4 bekannten Produktionsfunktion Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 169 zurück; in unserem Beispielfall auf eine Produktionsfunktion für das landwirtschaftliche Gut X: )B]φ(E,A,K,X[T,X γ= Die Produktionsfunktion erklärt den mengenmäßigen landwirtschaftlichen Output X in Abhängigkeit des eingesetzten Stands der Technik (T), des für die Produktion verwendeten Bestands an Sachkapital (K), des mengenmäßigen Arbeitseinsatzes (L) und der landwirtschaftlichen Fläche (B), die eine bestimmte Bodenproduktivität (ϕ) besitzt und die ihrerseits vom Ausmaß der stattfindenden Erosion (E) sowie anderen Variablen (γ) abhängt. In einem ersten Schritt ist der Zusammenhang zwischen Bodenproduktivität und Erosion zu validieren. Dazu kann auf die umfangreiche bodenkundliche Literatur zurückgegriffen werden. Sie liefert den mengenmäßigen Zusammenhang zwischen der Bodenproduktivität ϕ einerseits und Erosion E sowie den sonstigen die Leistungsfähigkeit von Böden beeinflussenden Variablen γ andererseits und zeigt an, wie sich die Bodenproduktivität einer gegebenen Fläche mit unterschiedlichen Ausprägungen von Wind- und Wassererosion verändert. Im zweiten Schritt wird die Produktionsfunktion unter Verwendung der empirisch beobachtbaren Werte von K, A und B sowie der im ersten Schritt ermittelten Werte der Bodenproduktivität (ϕ) regressionsanalytisch geschätzt, wobei der Stand der Technik (T) unter der Regression durch das autonome Glied der Regressionsfunktion erfasst wird. Auf diese Weise lässt sich quantifizieren, welche Wirkung die Verringerung der Bodenerosion moderiert über die Bodenproduktivität auf den landwirtschaftlichen Output und damit auf das Angebot eines landwirtschaftlichen Produkts ausübt. Die empirisch zu prüfende Argumentationskette lautet dann wie folgt: Durch verminderte Erosion steigt die Bodenqualität, so dass mit reduziertem Düngereinsatz auf konstanter Fläche und bei gleichbleibendem Kapital- und Arbeitseinsatz ein höherer mengenmäßiger Ertrag erwirtschaftet werden kann (Drehung der Produktionsfunktion nach oben). Durch die Reduzierung des Düngerverbrauchs vermindern sich die variablen Kosten der Produktion des landwirtschaftlichen Gutes (Drehung der variablen Kostenkurve nach unten), so dass nun jede Einheit des Gutes mit geringeren Grenzkosten produziert wird (Verlagerung der mit der Grenzkostenkurve verlaufsgleichen Angebotsfunktion nach unten, siehe Abb. 11.2). In der Ausgangslage stellt ein landwirtschaftlicher Betrieb von einem Gut die Menge X0 her und realisiert für jede Mengeneinheit den Marktpreis p. Der Output X0 ist in dieser Ausgangslage für den Betrieb gewinnmaximal, da hier die Gleichheit von Marktpreis und Grenzkosten der Produktion gilt. Der Umsatz des Landwirts (U0 = pX0) lässt sich in der Abbildung 11.2 als Fläche mit den Eck- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie170 punkten 0pCX0 ablesen. Seine variablen Produktionskosten (Qv) entsprechen der Fläche unter der mit der Grenzkostenkurve verlaufsgleichen Angebotskurve X0A. Der monetäre Vorteil des Landwirts aus dem Verkauf seiner gewinnmaximalen Menge wird durch seine Produzentenrente repräsentiert. Sie lässt sich als die Differenz zwischen Umsatz und variablen Kosten [U0 – Qv(X0)] ermitteln, die der Summe aus fixen Kosten und Gewinn entspricht [Qf + G0] und anhand der Fläche zwischen der Preisgeraden und der Angebotskurve X0A (Produzentenrente: Fläche BpC) dargestellt wird. Unsere Vorüberlegungen haben gezeigt, dass die Aufforstung der an die Äcker des Landwirts angrenzenden Flächen zur Verminderung der Erosion und zur Reduzierung der Grenzkosten der landwirtschaftlichen Produktion führt. Entsprechend verlagert sich die Angebotskurve für das landwirtschaftliche Produkt X nach unten, und es gilt die neue Angebotsfunktion X1A. Die ursprüngliche Angebotsmenge X0 ist bei unverändertem Marktpreis nicht mehr gewinnmaximal, da der Preis (Strecke 0p) über den Grenzkosten (Strecke X0G) liegt. Um bei verminderten Grenzkosten seinen Gewinn maximieren zu können, weitet der Landwirt seine Produktion auf den neuen Output X1 aus. Preis C F 0 Menge B H p 1X A 1X A 0X G 0X Abb. 11.2: Bestimmung des Wertes des öffentlichen Umweltgutes mit der Produktivitätsmethode Sein Umsatz steigt um die Fläche X0CFX1. Um diesen Anstieg realisieren zu können, muss der Landwirt seinen Output von X0 auf X1 steigern, mehr variable Produktionsfaktoren einsetzen und damit zusätzliche variable Kosten (Fläche X0GFX1) auf sich nehmen. Der aus der Outputsteigerung folgende monetäre Vorteil lässt sich nun anhand der Fläche CFG ermitteln. Er entspricht dem Produzentenrentenzuwachs, der dem Landwirt aus der Produktionssteigerung zufließt. Weitere Produzentenrentenzuwächse werden aus den gesunkenen Grenzkosten der Produktion der Menge X0 wirksam (Fläche BCGH), so dass sich der Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 171 an den Produzentenrentenänderungen abzulesende gesamte monetäre Vorteil des Landwirts schließlich anhand der Fläche BCFH illustrieren lässt. Dieser gesamte monetäre Vorteil ist der gesuchte Gebrauchswert des Umweltgutes ‚Bodenschutz’ aus der Perspektive des Landwirts, der ihm in Form einer größeren Produzentenrente zufließt. 11.3. Reisekostenmethode Walderholung ist ein selbst erstelltes Konsumgut. Es wird von privaten Haushalten unter Einsatz von Produktionsfaktoren hergestellt und von ihnen selbst konsumiert. Die Produktionsfaktoren bestehen aus Vorleistungen Dritter sowie aus der Nutzung eigener Freizeit und gegebenenfalls eigener Gebrauchsgüter. Zu den Vorleistungen Dritter gehört die Bereitstellung von Wald durch die Forstwirtschaft. Private Haushalte bewerten den Wald wie einen Produktionsfaktor und zwar nur in dem Umfang, wie sie ihn einsetzen. Ermittelt wird hier der Gebrauchswert. Da Walderholung kein transportables Gut ist, müssen die Konsumenten sich selbst zum Wald bewegen. Hierzu müssen sie Aufwendungen für die Beförderung zum Wald tätigen und Freizeit für die An- und Abreise verwenden. Beförderungs- und Zeitkosten werden als Reisekosten bezeichnet, sie haben der Methode ihren Namen gegeben. Im Englischen wird sie als Travel Cost Method (TCM) bezeichnet. Während die privaten Haushalte für die Beförderung Ausgaben tätigen müssen und für die Verwendung von Freizeit möglicherweise Einkommenseinbußen erleiden, ist die Inanspruchnahme des Waldes unentgeltlich. Der Wald ist ein öffentliches Gut. Es besteht i.d.R. keine Rivalität bei seiner Verwendung. Durch das freie Betretungsrecht ist ein Ausschluss von seiner Verwendung nicht möglich. Das Konsumgut Walderholung benötigt zu seiner Bewertung eine Mengendimension. Angemessen erscheint die Dimension Waldbesuch. Die Personenanzahl und die zeitliche Dauer können normiert oder beliebig sein. Walderholung wird als normales Konsumgut angesehen. Die Nachfrage nach Waldbesuchen fällt mit steigenden Preisen für Waldbesuche. Der Preis für den Waldbesuch besteht für die Haushalte aus den Kosten, welche die Produktion der Walderholung mit sich bringt. Das sind zum einen die Reisekosten, zum anderen können dies Eintrittspreise sein, die für den Zutritt zum Wald erhoben werden. Wird kein Eintrittspreis verlangt, was beim öffentlichen Gut Wald der Fall ist, dann besuchen die Haushalte den Wald B0-mal. Für diese Waldbesuche sind die Haushalte bereit, maximal den Betrag OB0DA auszugeben. Tatsächlich müssen sie nur die Reisekosten in Höhe von OB0DC ausgeben. Ihr monetärer Vorteil beträgt somit CDA. Diesen Betrag wären sie maximal bereit, für den Kauf weiterer Produkti- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie172 onsfaktoren auszugeben, also auch für den Wald. Rechnet man die gesamte Konsumentenrente dem Wald zu, dann bildet sie den Waldwert. Der Waldwert wird also nicht durch die Reisekosten bestimmt, sondern durch die Zahlungsbereitschaft, die über die Reisekosten hinausgeht. Das Konsumgut Walderholung gemessen durch die Anzahl der Waldbesuche wird durch die Summe aus Reisekosten und Konsumentenrente bewertet, der Produktionsfaktor Wald jedoch nur höchstens durch die Konsumentenrente. Die Reisekostenmethode ist keine Befragungsmethode, sondern eine marktanaloge Bewertungsmethode. Daraus folgt, dass die Bewertung durch die Konsumentenrente erfolgen muss und nicht durch Hicks'sche Bewertungsmaße erfolgen kann. Nachfrage Waldbesuche Preis Eintrittspreis Waldwert Reisekosten A D C 0 0B SB Abb. 11.3: Waldwertbestimmung Die Reisekostenmethode geht von einen Raummodell aus. Um das zu bewertende Waldgebiet werden Kreise gleicher Reise-Entfernungen zum Waldgebiet gelegt. Die durch Kreise getrennten Flächen werden als Zonen bezeichnet. Die Abbildung 11.4 erläutert die Vorgehensweise. Die Stadt Göttingen liegt beispielsweise in der 1. Zone, die Stadt Hannover in der 2. Zone. Für beide Städte müssen drei Informationen bekannt sein. Erstens die Reisekosten pro Besuch rk. Zweitens die Anzahl der Besuche aus jeder Stadt B. Drittens die Einwohnerzahlen E. Die Einwohnerzahlen werden benötigt, um die Besuchszahlen zu normieren. Die Besuchsrate gibt die Anzahl der Besuche pro Einwohner einer Stadt an. Der Einfluss unterschiedlicher Einwohnerzahlen auf die Besuchszahlen wird so beseitigt. Durch Gegenüberstellung der Kosten pro Besuch und der Besuchsrate jeder Stadt erhält man eine Reaktionsfunktion. Sie besagt, wie die Besucher aus beiden Städten auf eine Erhöhung der Kosten pro Besuch um 1 € reagieren. Die Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 173 Reaktionsfunktion wird als Regressionsgerade einer Regressionsanalyse ermittelt. Der Regressionskoeffizient α besagt, um wie viel die Besuchsrate im Mittel abnimmt, wenn die Kosten um 1 € zunehmen. Diese Information wird nun auf das Verhalten der Besucher jeder Stadt übertragen. Es wird damit unterstellt, dass die Besucher der Stadt Göttingen auf eine Reisekostenerhöhung genauso reagieren wie die Besucher der Stadt Hannover. α Göttingen Reaktionsgerade Waldwert Göttingen p Hannover Waldwert Hannover eEGö ⋅⋅α− eEHa ⋅⋅α− Gö 0 GöGö rk,B,E Ha 0 HaHa rk,B,E Görk Hark max Göe 0 GöB GöB 0 HaB HaB HaE B ⎥⎦ ⎤ ⎢⎣ ⎡ GöE B ⎥⎦ ⎤ ⎢⎣ ⎡ ⎥⎦ ⎤ ⎢⎣ ⎡ E B p rk Hark Görk max Hae Abb. 11.4: Waldwertbestimmung mit der Reisekostenmethode Würde nun von den Besuchern beider Städte ein Eintrittspreis e von 1 € verlangt, dann würden die Besuchsraten in beiden Städten um α zurückgehen. Diese Information ermöglicht die Berechnung von städtischen Nachfragekurven. Dazu muss man den Rückgang der Besuchsrate auf die Besuchszahlen jeder Stadt zurückrechnen. Auf die Stadt Göttingen entfallen bei einem Eintrittspreis von 0 € BGö0 Besucher. Bei einem Eintrittspreis von e € reduzieren sich die Waldbesuche um (α EGö e). Mit steigendem Eintrittspreis gehen die Besuchszahlen kontinuierlich zurück. Bei emaxGö=BGö0/(αEGö) will kein Göttinger mehr einen Besuch machen. Die Fläche unter der Göttinger Nachfragekurve ist die Göttinger Konsumentenrente. Sie beträgt emaxGö BGö0/2. Diesen Betrag sind die Göttinger Einwohner maximal zu zahlen bereit, um den Wald ohne Zahlung von Eintrittspreisen besuchen zu können. Für die Stadt Hannover ergibt sich bei analoger Vorgehensweise eine Konsumentenrente von emaxHa BHa0/2. Addiert man die beiden städtischen Konsumentenrenten, dann erhält man den gesamten Waldwert. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie174 Waldbesuchern entstehen verschiedene Kosten. Wir können entfernungsunabhängige von entfernungsabhängigen Kosten unterscheiden. Zur ersten Gruppe gehören die fixen Kosten eines PKW und die Zeitkosten für den Aufenthalt im Wald. Zur zweiten Gruppe gehören die variablen Kosten eines PKW, die Fahrpreise von Beförderungsunternehmen und die Zeitkosten der An- und Abreise zum und vom Waldgebiet. Die Unterscheidung zwischen beiden Kostenarten ergibt sich aus ihrer unterschiedlichen Bedeutung für die Waldwertberechnung. Entfernungsunabhängige Kosten verschieben die Reaktionsfunktion parallel, entfernungsabhängige Kosten ändern die Steigung der Reaktionsfunktion. Da für die Berechnung der Konsumentenrente nur die Steigung der Reaktionsfunktion von Interesse ist, können entfernungsunabhängige Kosten unberücksichtigt bleiben. Eine Vernachlässigung von entfernungsabhängigen Kosten unter- oder überschätzt die Konsumentenrente. Nehmen die Kosten mit zunehmender Entfernung zu, dann führt ihre Vernachlässigung zur Unterschätzung. Dabei besteht ein einfacher Zusammenhang zwischen den Unterschätzungen von Reisekosten und Konsumentenrente. Eine Unterschätzung der Reisekosten um x % führt zu einer Unterschätzung der Konsumentenrente um ebenfalls x %. Betrachten wir zum Beweis die Abbildung 11.4. Wären die entfernungsabhängigen Reisekosten doppelt so hoch, dann verliefe die Reaktionsfunktion doppelt so steil. Die Besuchsrate würde bei einer Zunahme der Kosten um 1 € nicht um α sondern um α/2 abnehmen. Dann würden die Waldbesuche aus Göttingen bei einem Eintrittspreis von 1 € nicht um α EGö sondern nur um α/2 EGö zurückgehen und erst bei einem Eintrittspreis von 2 BGö0/α EGö ihre Waldbesuche einstellen. Die Konsumentenrente betrüge also das Doppelte der ursprünglichen Konsumentenrente. Die Elastizität von Eins ist hilfreich bei einer wiederholten Waldbewertung. Inflationsbedingte oder andere Reisekostenerhöhungen lassen sich so ohne erneute Untersuchung berücksichtigen. Welche entfernungsabhängigen Reisekosten sind nun in die Berechnung des Waldwertes einzubeziehen? Es sind jene variablen Reisekosten, an denen sich die Haushalte orientieren, wenn sie die Anzahl der Waldbesuche pro Zeiteinheit planen, also die entscheidungsrelevanten Reisekosten. Die Reisekostenmethode ist eine marktanaloge Bewertungsmethode, sie bezieht ihre Informationen aus Surrogatmärkten. Das sind hier vor allem die Märkte für Personenbeförderung. Fahrpreise oder variable PKW-Kosten gehören dazu. Die Kalkulation der Reisezeitbewertung ist schon problematischer. Ist die alternative Zeitverwendung eine Erwerbstätigkeit, dann können Arbeitsmärkte Informationen über den entgangenen Nettolohn geben. Ist die alternative Zeitverwendung eine andere Freizeittätigkeit, dann wird der Bezug zu Surrogatmärkten gelockert. Befriedigt die Reise selbst ein Bedürfnis, dann entsteht das Problem der Aufteilung der Reise in ei- Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 175 nen konsumtiven und einen faktorbezogenen Teil. Diese Schwierigkeiten können dazu führen, dass Zeitkosten aus der Bewertung ausgeklammert werden. Den Erholungswert des Waldes haben wir mit der Konsumentenrente identifiziert, und zwar mit der gesamten Konsumentenrente. Die Existenz von Wald ist zwar eine notwendige, aber ist sie auch eine hinreichende Bedingung für einen Waldbesuch? Gibt es in einem Wald noch andere Einrichtungen, z.B. eine Gaststätte oder ein Museum, die ebenfalls einen Besuch lohnen, dann stellt sich die Frage, ob die Konsumentenrente nicht aufgeteilt werden sollte. Wird sie allein dem Wald zugerechnet, dann geht man davon aus, dass der Wald dominiert und mögliche andere Einrichtung dort nicht ohne Wald Erholung stiften würden. Hält man diese Annahme für unzutreffend, dann bietet die implizite Preismethode, auf die wir im folgenden Abschnitt näher eingehen, Möglichkeiten einer Aufteilung der Konsumentenrente. 11.4. Implizite Preismethode Güter besitzen Eigenschaften, an denen die Käufer dieser Güter interessiert sind. Die Güter sind lediglich Träger dieser Eigenschaften. Den Nutzen für die Konsumenten stiften die Eigenschaften. Ein Grundstück besitzt beispielsweise die folgenden Eigenschaften: es ist zu Wohnzwecken bebaubar, es liegt in einer bestimmten Landschaft, es liegt in einem bestimmten Ort. Gibt es verschiedene Grundstücke, die sich in den Eigenschaften unterscheiden, dann besitzen Kaufinteressenten eine Wahlmöglichkeit. Ihre Entscheidung treffen sie mit Hilfe eines Nutzenmaximierungskalküls. Sie wählen dasjenige Grundstück aus, das ihnen bei vorgegebenen Grundstückspreisen im Rahmen ihrer Budgetrestriktion den höchsten Nutzen stiftet. Sind die Kaufinteressenten an einer Eigenschaft besonders interessiert, dann fragen sie Grundstücke mit dieser Eigenschaft besonders stark nach. Man darf erwarten, dass der Preis dieser Grundstücke ceteris paribus, d.h. bei im Übrigen gleichen anderen Eigenschaften, höher ist als bei den anderen Grundstücken. Dieser Mehrpreis könnte dann der besonderen Eigenschaft zugeschrieben werden. Wald ist ein Landschaftselement. Insofern darf man vermuten, dass Wald direkt oder indirekt als Bestandteil der Landschaftsgüte eine Eigenschaft von Grundstücken ist, deren Wert den Gesamtwert der Grundstücke mitbestimmt. Der Grundstücksmarkt dient hier als Surrogatmarkt zur Waldbewertung. Die Aufgabe besteht zunächst darin, die Preise der Eigenschaften zu bestimmen, die als implizite Preise bezeichnet werden. Im Englischen wird diese Methode Hedonic Price Method (HPM) genannt. Ein Preis ist eine Zahlungsverpflichtung für die Käufer. Der implizite Preis ist der Geldbetrag, den die Käufer für die letzte Einheit der Eigenschaft und bei homogenen Eigenschaftenmengen für jede Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie176 gekaufte Einheit zu zahlen haben. Angenommen, mehrere Grundstücke besitzen drei für die Käufer relevante Eigenschaften und zwar die Bebauungsgüte (B), die Landschaftsgüte (L) und die Infrastrukturgüte (I). Die Grundstückspreise (p) sind dann eine Funktion der Eigenschaften. Die implizite Preisfunktion lautet: p=p(B,L,I). Das ist die reduzierte Form des Grundstücksmarktes. Die ersten Ableitungen dieser Funktion sind die gesuchten impliziten Preise, die positiv sein müssen, wenn die Eigenschaften nutzenstiftend sind. Für die Landschaftsgüte ergibt sich dann: pL= ∂ ∂ p L (B,L,I)>0. Implizite Preisgerade Waldwert Waldwert Nachfrage 0p 0a 0L 1L0 Lp max Lp 0 Lp H G K Lpap L0 ⋅+= L 0L0 L p Lp Abb. 11.5: Waldwertbestimmung mit der Impliziten Preismethode Angenommen, der Eigenschaftspreis bleibt bei zunehmenden Eigenschaftsmengen unverändert, dann ist die implizite Preisfunktion linear. Dies können wir uns in der Abbildung 11.5 verdeutlichen. Für die Darstellung wählen wir Grundstücke aus, die bis auf die Landschaftsgüte die gleichen Eigenschaften haben. Dann gibt die implizite Preisgerade die Grundstückspreise an, die sich bei verschiedenen Landschaftsgüten einstellen. Wählt ein Käufer ein Grundstück mit der Landschaftsgüte L0, dann muss er dafür den Grundstückspreis p0 bezahlen. Dieser Grundstückspreis lässt sich auf die Eigenschaften aufteilen. Im oberen Teil der Zeichnung entspricht der Betrag für die Landschaftsgüte der Strecke a0p0, 0a0 wird für die übrigen Eigenschaften gezahlt. Im unteren Teil der Zeichnung gibt die Fläche des Rechtecks 0L0GpL0 den Betrag für die Landschaftsgüte an. Er wird errechnet durch die Multiplikation des Eigenschaftspreises pL0 mit der Ei- Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 177 genschaftsmenge L0. Operationalisiert man die Landschaftsgüte mit einer Waldfläche, dann ist dieser Betrag der Waldwert aus der Sicht des Grundstückseigentümers. Hierbei handelt es sich um tatsächliche Ausgaben, nicht um ersparte Ausgaben im Sinne von Konsumentenrenten. Eine Bewertung mit der Konsumentenrente kann dann gelingen, wenn wir eine Nachfragekurve für die Landschaftsgüte ermitteln können. Diese ist im unteren Teil der Zeichnung eingetragen. Die Konsumentenrente der Landschaftsgüte des betrachteten Grundstücks entspricht dann dem Dreieck pL0GpLmax. Man erkennt, dass der Käufer eine maximale Zahlungsbereitschaft von 0L0GpLmax besitzt, von der er aber nur einen Teil tatsächlich bezahlen muss. Verbessert sich die Landschaftsgüte von L0 auf L1, nachdem der Käufer das Grundstück erworben hat, dann lässt sich die damit vorhandene Wertsteigerung folgendermaßen berechnen. Der Grundstückseigentümer hat ein Interesse an der Landschaftsgüteerhöhung. Das erkennt man an seiner zusätzlichen Zahlungsbereitschaft L0L1HG. Kennt man jedoch nur den impliziten Preis pL0, dann ermittelt man als Wertsteigerung den Betrag L0L1KG. Dieser Geldbetrag approximiert die zusätzliche Zahlungsbereitschaft und überschätzt sie, wenn die Nachfragekurve fallend verläuft. Die Bewertung einer Waldvermehrung erfolgt also hier durch die Approximation einer zusätzlichen Zahlungsbereitschaft. Die Waldwerte werden als Teil von Grundstückswerten, also in der Form von Vermögenswerten ermittelt. Wenn man den Waldwert als Nutzenmaß benötigt, dann muss man die Bestandsgröße in eine Stromgröße transformieren. Dies gelingt, wenn man den Pachtzins mit Hilfe der Zinseszinsrechnung ermittelt. 11.5. Alternativkostenmethode In der Planungspraxis verzichtet man oft darauf, die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für eine öffentliche Maßnahme zu ermitteln. Vielmehr argumentiert man, dass diese Maßnahme ein anderes, alternatives Projekt überflüssig mache und deshalb dessen Kosten nicht mehr zu tragen sind. Diese vermiedenen Kosten des alternativen Projekts werden als Substitut für den Nutzen der öffentlichen Maßnahme verwendet. Dieses Vorgehen ist äußerst beliebt und wird sogar in Verwaltungsvorschriften empfohlen, wohl deshalb, weil es leichter ist, die Kosten eines Projektes zu ermitteln als seinen Nutzen. Wählen wir das Beispiel einer Straßensicherung. Ein Wald schützt eine öffentliche Straße vor Rutschungen und Steinschlag. Es handelt sich um eine Bodenschutzleistung des Waldes. Würde der Wald diese Leistung nicht mehr erbringen, dann könnte eine bauliche Sicherungsmaßnahme die Verkehrssicherheit gewährleisten. Die Kosten für die Straßenbauverwaltung bestehen in den Ausgaben für das Alternativprojekt, das sie auf dem Markt für Bauleistungen nach- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie178 fragt. Die Abbildung 11.6 zeigt diesen Markt. Der Umfang des Alternativprojektes beträgt X1-X0. Die zusätzliche Nachfrage erhöht den Preis für Bauleistungen, so dass der Straßenbauverwaltung Ausgaben in Höhe der Fläche X3X2E1B entstehen. Diese Ausgaben werden dem Wald als Bodenschutzwert zugeschrieben, solange er seine Schutzleistung erbringt. Dieser Waldwert ist als Bauinvestition ein Vermögenswert. Wenn man den Waldwert als Nutzenmaß benötigt, dann muss man die Bestandsgröße in eine Stromgröße transformieren. Dies gelingt durch Verteilung der Investitionsausgaben auf die Nutzungsdauer der Investition in der Form von Abschreibungen. Preis Bauleistungen B Waldwert 1p 0p 0X3X 2X 1X 1E AX N 1X N 0X Abb. 11.6: Waldwertbestimmung mit der Alternativkostenmethode Wie ist diese Vorgehensweise zu beurteilen? Entscheidend für den Aussagewert des Verfahrens ist die Auswahl der Alternativen, deren Kosten Aufschluss über den Wert des in Frage stehenden Projekts geben soll. Ohne Einschränkung ist das Verfahren nur dann zulässig, wenn für ein geplantes öffentliches Projekt ein alternatives privates Projekt zur Verfügung steht, das mit Sicherheit realisiert wird, wenn das öffentliche Projekt nicht durchgeführt wird, und wenn der Output beider Projekte sowie die Verteilung dieses Outputs auf die Wirtschaftssubjekte identisch sind. Da private Projekte nur realisiert werden, wenn sie einen Gewinn bzw. eine positive Differenz zwischen Nutzen und Kosten versprechen, stellt die erste Annahme sicher, dass die nicht bewerteten Vorteile des privaten Projektes größer sind als seine Kosten. Die zweite Annahme garantiert, dass die nicht ermittelten Nutzen des öffentlichen Projektes denjenigen des privaten Projektes entsprechen. In diesem Fall können die Kosten des privaten Projektes als Untergrenze für die Nutzen des öffentlichen Projektes angesehen werden. Sind die Kosten des öffentlichen Projektes geringer als diejenigen des privaten, so ist sichergestellt, dass der Staat die in Frage stehenden Leistungen kostengünstiger Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 179 erstellen kann. Die Kostendifferenz stellt in diesem Fall ein Mindestmaß für den Nettonutzen des öffentlichen Projektes dar (V. Arnold, 1980, S. 396). Für das Beispiel der Bodenschutzleistung bedeutet das, dass die Waldwertbestimmung voraussetzt, dass die Straßenbenutzer die Straßensicherungsmaßnahmen auch selbst bezahlt hätten, wenn der Staat sie nicht durchführen würde. Nur dann ist sichergestellt, dass die Nutzen der Straßensicherung die Kosten der Straßensicherung übersteigen. Ist das nicht der Fall, dann wäre die Sperrung der Straße sinnvoller als die Sicherung. Die Alternativkostenmethode führt dann zu einer Überschätzung des Waldwertes. Steht überhaupt kein privates Projekt als Alternative zur Verfügung, dann sind öffentliche Ausgaben für ein Alternativprojekt überhaupt nicht als Nutzenmaß zu interpretieren. 11.6. Mehraufwand-Minderertrag-Methode Die bisher behandelten Bewertungsmethoden bewerten die öffentlichen Leistungen der Forstwirtschaft aus der Sicht der sie nutzenden Bevölkerung. Die betriebswirtschaftliche Bewertungsmethode bewertet die öffentlichen Leistungen aus der Sicht der sie produzierenden Forstbetriebe. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist ein Forstbetrieb eine Produktionseinheit, die verschiedene Güter erzeugen kann. Das sind zum einen die vermarkteten Produkte, vor allem Rohholz, zum anderen die öffentlichen Güter, vor allem Schutz- und Erholungsleistungen. Sowohl die Produktion von Rohholz als auch die Produktion von Schutz- und Erholungsleistungen verursachen den Forstbetrieben Kosten. Knappe Produktionsfaktoren müssen eingesetzt und wollen entlohnt werden. Einen Erlös erzielt der Forstbetrieb nur für das verkaufte Rohholz. Stellen wir die Situation eines solchen Forstbetriebes einmal graphisch dar. Wir tun dies an einem Beispiel, das fiktiv, aber plausibel ist. Dieser Forstbetrieb produziert Rohholz RH und Erholungsleistungen EL. Die Kosten der RH- Produktion werden durch die Kostenkurve QRH abgebildet. Hierbei entstehen ihm produktionsmengen-unabhängige, also fixe Kosten Qf. Seine variablen Kosten steigen mit zunehmender Produktionsmenge überproportional an. Seine Produktion kann er zu konstanten Rohholzpreisen verkaufen. Er erzielt aus dem Rohholzverkauf einen Umsatz URH. Die Erholungsleistungen produziert der Forstbetrieb mit Kosten, die durch die Kostenkurve QEL abgebildet werden. Hierbei entstehen ihm lediglich variable Kosten, die mit steigender Produktion proportional zunehmen. Der Forstbetrieb verfügt über einen Etat in Höhe von Q0. Produktionskosten, Umsatz und Etat sind die notwendigen Informationen, über die der Forstbetrieb verfügen muss. Die analytische Verarbeitung dieser Informationen ist in der Abbildung 11.7 dargestellt. Wird kein Holz produziert, dann kann das gesamte Budget abzüglich Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie180 der fixen Kosten zur Erholungsleistungsproduktion eingesetzt werden. Werden keine Erholungsleistungen produziert, dann kann das gesamte Budget zur Rohholzproduktion eingesetzt werden. Unter Verwendung der beiden Kostenkurven und der 45o-Linie lassen sich die Produktionsmöglichkeiten des Forstbetriebes bestimmen. Diese Transformationsfunktion besagt, dass der Forstbetrieb die Möglichkeit hat, Rohholz und Erholungsleistungen in unterschiedlichen Mengenkombinationen zu produzieren. Transformationskurve EL A B RH ALE ELQ 0Q 0Q AQBU AU RHU RHQ ARH BRH A ELQ Abb. 11.7: Mehraufwand-Minderertrag-Methode Wir wollen nun annehmen, dem Forstbetrieb sei es durch den Waldbesitzer aufgetragen, die Erholungsleistung ELA bereitzustellen. Dabei entstehen Kosten in Höhe von QELA. Für die Rohholzproduktion bleiben ihm dann noch Mittel in Höhe von QA übrig. Damit kann er die Menge RHA an Rohholz erzeugen. Er realisiert also die Situation A auf der Transformationskurve. Die Situation A lässt sich folgendermaßen charakterisieren. Das Budget des Forstbetriebes beträgt Q0. Durch den Verkauf der Rohholzmenge RHA erzielt der Forstbetrieb Einnahmen in Höhe von UA. Bei der Holzproduktion entstehen ihm fixe Kosten in Höhe von Qf und variable Kosten Qv. Die Produktionskosten für Holz betragen somit QA=Qf+Qv. Der Forstbetrieb erzielt einen Gewinn in Höhe von UA- QA=GA. Der Forstbetrieb produziert außerdem die Erholungsleistung ELA. Hierfür wendet er als Produktionskosten den Rest des Etats in Höhe von QELA=Q0- QA auf. Die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung des betreffenden Jahres zeigt somit ein Defizit von Q0-UA. Der Rohholzbetrieb erzielt zwar einen Gewinn GA, der aber nicht ausreicht, die Kosten der Erholungsleistungen zu decken. Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 181 Die Realisierung der Situation A hat der Forstbetrieb vom Waldbesitzer als Auftrag erhalten. Der Forstbetriebsleiter könnte nun überlegen, welche Situation er gewählt hätte, wenn er nicht zur Produktion von Erholungsleistungen gezwungen wäre, sondern den Forstbetrieb nach erwerbswirtschaftlichen Grundsätzen führen könnte. Diese Situation wollen wir Situation B nennen. Sie ist seine Referenz-Situation. Wodurch ist die Situation B gekennzeichnet? Die Produktion von Erholungsleistungen verursacht dem Forstbetrieb lediglich Kosten. Erlöse kann er wegen des öffentlichen Charakters dieser Leistungen nicht erzielen. Er wird also diese Produktion nicht freiwillig erstellen. Er beschränkt sich vielmehr auf den Bereich Rohholzproduktion, der ihm einen Gewinn verspricht. Er findet damit die von ihm gewünschte Situation in B bei der Produktion der Rohholzmenge RHB. Hier erzielt er den Umsatz UB. Seine Produktionskosten betragen QB=Q0. Sein Gewinn beträgt GB=UB-Q0. Die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung der Referenz-Situation des betreffenden Jahres zeigt einen Überschuss in Höhe des Gewinns GB. Der Forstbetriebsleiter prüft nun, mit welchem Geldbetrag der Forstbetrieb entschädigt werden muss, wenn er anstelle der gewünschten Situation B die Situation A realisieren muss. Diese Entschädigungszahlung bewirkt, dass der Betrieb die Situationen A und B als gleichwertig ansieht. Der Forstbetrieb könnte auch in der Situation A den Überschuss GB erzielen, wenn er die Produktionskosten für die Erholungsleistung QELA (Mehraufwand) und den entgangenen Gewinn aus der Rohholzproduktion in Höhe von GB-GA (Minderertrag) als Zuschuss erhielte. Werden die Erholungsleistungen mit den Ausgaben für die Erholungsleistungen vermehrt um den Mindergewinn aus der Rohholzproduktion bewertet, dann entspricht diese Bewertung der notwendigen Entschädigungszahlung aus der Sicht des Forstbetriebes. Die Bewertung der Sozialfunktionen durch den Forstbetrieb erfolgt also aus der Sicht eines Unternehmens, das öffentliche Leistungen bereitstellen soll, sich dadurch aber nicht schlechter stellen will, als ohne diese Auflage. Ermittelt wird seine minimale Entschädigungsforderung für die Produktion der öffentlichen Leistungen. Aus der Sicht des Produzenten der öffentlichen Leistung ist das eine angemessene Bewertungsmethode (P. Bartelheimer, 1993, S. 17). 11.7. Bedingte Bewertungsmethode Der Grundgedanke der bedingten Bewertungsmethode, im Englischen Contingent Valuation Method (CVM), lässt sich folgendermaßen skizzieren (W. Löwenstein, 1994, S. 84). Die bedingte Bewertungsmethode ist eine Befragungsmethode, die sich die Erfahrungen zu Nutze machen will, die Menschen auf Märkten gesammelt haben. Dazu müssen die Befragten in eine marktähnliche Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie182 Situation versetzt werden. Das geschieht zunächst dadurch, dass den Befragten das zu bewertende öffentliche Gut eingehend beschrieben und der derzeitige Umfang seiner Bereitstellung verdeutlicht wird. Anschließend wird erläutert, welche Änderungen bezüglich des Gutes geplant sind, welche Institutionen mit der Bereitstellung des Gutes befasst sind und in welcher Weise das Gut bezahlt werden soll. Ferner wird den Befragten die Regel erläutert, nach der, in Abhängigkeit von der geäußerten Zahlungsbereitschaft, über die Bereitstellung entschieden wird. Die so definierten Marktbedingungen konfrontieren die Befragten mit einem Szenario, aus dem heraus die Bewertungen erfolgen, man nennt sie deshalb bedingte Bewertungen. Andere Marktbedingungen führen zu anderen Bewertungen, an das Befragungsdesign sind deshalb hohe Anforderungen zu stellen. Welche Qualitätsanforderungen sollte eine Befragung erfüllen, um zuverlässige Bewertungen zu erzielen? Die Befragungen sollten in der Form des persönlichen Interviews erfolgen. Dies bietet die Möglichkeit der gezielten Rückfrage zur Erläuterung schwieriger Fragen. Wenn persönliche Interviews nicht möglich sind, dann sollten telefonische Interviews gemacht werden. Schriftliche Befragungen eignen sich am wenigsten. Die Befragungstaktik sollte direkte Fragen stellen, um das Anliegen des Fragenden nicht zu verschleiern. Der Interviewer sollte sich eines strukturierten Fragebogens bedienen, da es insbesondere bei der Zahlungsbereitschaftsfrage auf eine genaue Formulierung ankommt. Da nur selten eine Vollerhebung möglich ist, sollte die Teilerhebung als repräsentative Stichprobe gewählt werden. Der Befragungsort sollte so gewählt werden, dass die Befragten Zeit und Muße haben, sich auf das Interview einzustellen. Das zu bewertende Objekt muss in seinen Eigenschaften (Szenario) dem Befragten bekannt sein oder ihm in verständlicher Weise beschrieben werden. Damit wird erreicht, dass der Befragte die Bedeutung des öffentlichen Gutes für ihn selbst einschätzen kann. Dies ist bei Objekten, mit denen der Befragte bereits Erfahrungen gesammelt hat, relativ einfach zu erreichen. Dies gilt beispielsweise für die Erholungsmöglichkeiten in einem bestimmten Wald oder für die Schutzmöglichkeiten vor Lawinen und Rutschungen, die ein Wald an einem Gebirgshang bietet. Die Bedeutung des Waldes als Kohlendioxyd-Senke zur Reduzierung des Treibhauseffektes ist schon schwieriger zu vermitteln. Dieses Verständnis ist jedoch notwendig, weil der Mensch nur das bewerten kann, was er versteht. Die Dringlichkeit, ein bestimmtes Objekt in Anspruch nehmen zu wollen, wird auch von den Substitutionsmöglichkeiten bestimmt. Besteht für ein Erholungsgebiet eine Alternative, dann wird das zu bewertende Objekt nicht mehr als einzigartig angesehen und in seiner Bedeutung relativiert. Existieren solche Substitute, dann sollten sie dem Befragten mitgeteilt werden. Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 183 Die Bewertungsfrage sollte auf die Ermittlung der maximalen Zahlungsbereitschaft gerichtet sein, und zwar dafür, das öffentliche Gut weiterhin nutzen oder seine Schädigung vermeiden zu können. Denkbar ist auch die Abfrage einer minimalen Entschädigungsforderung dafür, dass die Nutzung nicht mehr möglich ist oder die Schädigung hingenommen werden soll. Die Entschädigungsforderung wird jedoch häufig von den Befragten übertrieben, um durch eine überhöhte Einnahme ihre Situation zu verbessern oder weil sie den Verlust einer Nutzungsmöglichkeit höher bewerten als den Verlust eines an sich äquivalenten Einkommensbetrages. Die Abfrage der Zahlungsbereitschaft sollte sich auf den gegenwärtigen Nutzungsumfang des Gutes beziehen. Denkbar ist auch eine Zahlungsbereitschaft für einen zukünftigen Nutzungsumfang nach erfolgter Zahlung, also bei verminderter Kaufkraft. Die damit verbundene Anpassung ex ante überfordert viele Personen und verstärkt die Gefahr einer verzerrten Antwort. Dennoch sollte durch die Fragestellung zum Ausdruck kommen, dass eine Zahlungsbereitschaft für das öffentliche Gut die Kaufmöglichkeiten für andere Güter reduziert. Bei der Ermittlung der Zahlungsbereitschaft sollten die Erfahrungen der Befragten genutzt werden. Auf Konkurrenzmärkten dominiert das Mengenanpasserverhalten. Der Käufer eines Gutes wird mit einem festen Preis konfrontiert und entscheidet, ob er die von ihm gewünschte Menge zu diesem Preis kaufen will oder nicht. Dieses „take it or leave it“-Verfahren bedeutet für das öffentliche Gut, dem Befragten einen Preis, eine Gebühr oder einen Beitrag zu nennen und ihn zu fragen, ob er zustimmt oder nicht. In der Abbildung 11.8 ist die Bewertung des öffentlichen Waldgutes WG mit Hilfe des equivalent surplus (ES) dargestellt (siehe Abschnitt 10.3). Dabei wird unterstellt, dass bisher eine Nutzung im Umfang WG0 erfolgt. Eine Nutzungseinschränkung auf WG1 hätte eine Verringerung des Nutzenniveaus von U0 auf U1 zur Folge. Das Kalkül der Befragten kann mithilfe der aus Abschnitt 3.4 bekannten indirekten Nutzenfunktion verdeutlicht werden. Das Nutzenniveau hängt vom Einkommen Y und den Preisen pX der privaten Güter im Warenkorb ab. Zusätzlich wird die Menge des in Anspruch genommenen Gutes WG in die Nutzenfunktion aufgenommen. In der Ausgangssituation erzielt der Befragte das Nutzeniveau U0: U0=V(Y0, pX, WG0) Beim „take it or leave it”-Verfahren vergleicht der Befragte das Nutzenniveau in der Ausgangssituation U0 mit dem Niveau, das sich bei einer Nutzungseinschränkung ergeben würde (U1). U1=V(Y0, pX, WG1) Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie184 Gesucht wird derjenige Beitrag, den der Befragte zu zahlen bereit wäre, um eine Nutzungseinschränkung zu verhindern. In Abbildung 11.8 ist dieser equivalent surplus als vertikale Differenz zwischen U0 und U1 bei Nutzungsniveau WG0 zu erkennen. Waldgut0WG 1Y Warenkorb 1WG 0Y ES Nutzungseinschränkung frei gewählte Menge 0U 1U Abb. 11.8: Waldwertbestimmung mit der Bedingten Bewertungsmethode Mit der Zahlung des Einkommensbetrages ES sinkt der vom Haushalt realisierte Nutzen im gleichen Ausmaß wie bei der Nutzungseinschränkung auf WG1. ES ist der maximale Einkommensbetrag, den der Haushalt aufgeben würde, um die Einschränkung der Waldgutnutzung von WG0 auf WG1 zu vermeiden. Der Befragte ist dann indifferent in Bezug auf die beiden alternativen Situationen und es gilt: U1=V(Y0-ES, pX, WG0) = V(Y0, pX, WG1) Neben dem „take it or leave it“-Verfahren gibt es weitere Ansätze, um die Zahlungsbereitschaft für öffentliche Waldgüter zu bestimmen. Bei Versteigerungen gilt die Meistgebotsregelung. Der Bieter weiß, bis zu welchem Preis er mitbieten will. Diese Situation kann durch eine Zahlungskarte simuliert werden, auf der verschiedene Geldbeträge verzeichnet sind, aus denen der Befragte wählen kann. Auch das iterative Bieten macht von dieser Erfahrung Gebrauch. Hier wird der Befragte mehrmals gefragt, ob er für das Gut auch noch einen höheren Betrag zu zahlen bereit ist. Alle genannten Aspekte müssen entschieden und in einem Fragebogen zusammengeführt werden. Die Bewertungsergebnisse können dann mit Hilfe der deskriptiven Statistik ausgewertet werden. Wenn die Bewertungsergebnisse zusätzlich noch erklärt werden sollen, dann müssen zusätzliche Daten abgefragt werden. Hierzu gehören vor allem sozio-ökonomische Eigenschaften der Befragten, aber auch naturale Eigenschaften des Bewertungsobjektes aus der Sicht der Be- Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 185 fragten. Mit Hilfe der induktiven Statistik können wichtige Determinanten der Bewertung ermittelt werden. 11.8. Auswahlexperiment Das Auswahlexperiment, im Englischen Choice Experiment (CE), gehört, wie der bedingte Bewertungsansatz, zu den direkten Methoden für die Bewertung öffentlicher Güter. Auch hier werden die Befragten durch Szenarien in eine marktähnliche Situation versetzt. Im Unterschied zur bedingten Bewertung ermöglichen Auswahlexperimente jedoch nicht nur die Bestimmung der Zahlungsbereitschaft für ein Gut „als Ganzes“, sondern es können gezielt spezielle Eigenschaften des Gutes bewertet werden. Auf Basis des Ansatzes von Lancaster (1991), wird dabei für die indirekte Nutzenfunktion angenommen, dass der gestiftete Nutzen durch die Kombination der Eigenschaften eines Gutes (A, B, C) sowie durch den Finanzierungsbeitrag (D) bestimmt wird. In der CE- Literatur werden Eigenschaften und Finanzierungsbeitrag häufig unter dem Begriff „Attribute“ zusammengefasst (Hensher et al., 2005). Die bereits aus Abschnitt 3.4 bekannte indirekte Nutzenfunktion wird entsprechend erweitert und hat folgende Form: U=V(Y, pX, A, B, C, D) Diese Form verdeutlicht die gemeinsame haushaltstheoretische Basis von bedingter Bewertung und Auswahlexperimenten: Für den Fall, dass nur eine Eigenschaft des Gutes in das CE aufgenommen wird (z.B. A), entspricht die Nutzenfunktion dem in Abschnitt 11.7 zugrunde gelegten „take it or leave it“- Verfahren (Mogas et al., 2006). Der Vorteil des CE liegt jedoch gerade darin, die verschiedenen Eigenschaften eines Gutes im Rahmen lediglich einer Befragungsaktion zu bewerten. Bei der Durchführung eines Auswahlexperiments werden die Befragten in sogenannten Choice Sets mit verschiedenen Optionen konfrontiert, die das zu bewertende Gut beschreiben und aus einer Kombination verschiedener Niveaus der beobachtbaren Attribute bestehen. Die Aufgabe der Befragten ist es, aus den vorgegebenen Möglichkeiten jeweils die bevorzugte Option auszuwählen (siehe Box). Jedoch lassen sich nicht alle Eigenschaften eines Gutes identifizieren, die einen Einfluss auf die Auswahlentscheidung haben. Der CE-Ansatz basiert daher, wie auch das „take it or leave it“-Verfahren, auf der Zufallsnutzen-Theorie (Random-Utility Theory). Sie geht davon aus, dass nutzenmaximierende Individuen ihre Entscheidungen aufgrund des generierten Nutzens U treffen, der von den beobachtbaren Attributen und zufälligen Einflüssen ε bestimmt wird (Mc- Fadden, 2001). Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie186 mit A, B und C sind Eigenschaften des zu bewertenden öffentlichen Gutes. D ist der Finanzierungsbeitrag für die Bereitstellung des Gutes; um diesen Betrag wird das verfügbare Einkommen des befragten Haushalts geschmälert (Y-D). Die Preise aller privaten Güter werden als konstant angenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum n eine Option i auswählt, hängt dabei vom gestifteten Nutzen U ab: je größer der Nutzen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Option gewählt wird (Hensher et al., 2005). Durch Variation der Eigenschaftsniveaus sowie des Finanzierungsbeitrages und entsprechender statistischer Auswertungen können diejenigen Attribute bestimmt werden, die besonders entscheidungsrelevant sind. Darüber hinaus geben die Vorzeichen der Koeffizienten (βA, βB, βC, βD) Auskunft darüber, ob der Einfluss auf den Nutzen positiv oder negativ ist. Durch Division der geschätzten Koeffizienten lässt sich bestimmen, in welchem Ausmaß die Befragten Niveauveränderungen bei einem Attribut durch Ausgleich bei einem anderen Attribut akzeptieren würden, d.h., es können mögliche trade-offs zwischen den einzelnen Attributen berechnet werden. Durch die Aufnahme des monetären Attributs „Finanzierungsbeitrag“ in die Choice Sets, kann durch Quotientenbildung der zugehörigen Koeffizienten (z.B. βA/βD) die Zahlungsbereitschaft für eine Niveauveränderung der anderen Attribute (hier z.B. A) bestimmt werden. Der Vorteil des Auswahlexperiments liegt darin, dass genauere Informationen über die Bedeutung der verschiedenen Eigenschaften eines öffentlichen Gutes gewonnen werden können als bei der bedingten Bewertungsmethode. Gerade im Umweltbereich müssen oft komplexe Entscheidungen getroffen werden, so dass eine Bewertung der einzelnen Charakteristika eines öffentlichen Gutes und ihrer möglichen trade-offs eine breitere Informationsgrundlage bietet. Box 11.9: Auswahlexperiment zum Lawinenschutz Der Schutz vor Lawinen und Steinschlag ist in Bergregionen eine der wichtigsten Aufgaben des Waldes. Zur Bewertung dieser Schutzleistung bietet sich ein Auswahlexperiment an, das die verschiedenen Attribute des Lawinenschutzes berücksichtigt. Dazu gehören die Dauerhaftigkeit und der Beginn der Schutzwirkung, die Effektivität der Schadensvermeidung sowie der Finanzierungsbeitrag für die Bereitstellung (R. Olschewski et al. 2011, 2012). Die Tabelle 11.10 zeigt ein typisches Choice Set mit verschiedenen Attributsniveaus. Option 3 beschreibt den Status quo, d.h., in diesem Beispiel eine Situaninini VU ε+= )( ninDniCniBniAni DYCBAV −⋅+⋅+⋅+⋅= ββββ Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 187 tion ohne Schutzwald. Sie bietet den Befragten die Möglichkeit, sich -analog zur Abwägung beim Kauf eines privaten Gutes- gegen alle anderen Optionen zu entscheiden („opt-out“- bzw. Nichtkauf-Entscheidung). Durch die geschätzten Koeffizienten können trade-offs berechnet werden. Beispielsweise lässt sich zeigen, ob und in welchem Ausmaß eine Verringerung der Wirksamkeitsdauer durch eine Erhöhung der Schadensvermeidung kompensierbar wäre. Durch die Aufnahme des monetären Attributs (D) kann jeweils die Zahlungsbereitschaft für Veränderungen der anderen Attribute berechnet werden, z.B. für (A) eine längere, (B) eine frühere und (C) eine höhere Wirksamkeit. Tab. 11.10: Choice Set mit 3 Optionen und 4 Attributen Attribute Option 1 Option 2 Option 3 A: Dauer der Wirksamkeit 80 Jahre 20 Jahre B: Beginn der Wirksamkeit In 3 Jahren In 1 Jahr Kein Schutz (Status quo) C: Vermiedener Schaden 8 Mio. Euro 6 Mio. Euro D: Finanzierungs- Beitrag 500 Euro 250 Euro 0 Euro AUSWAHL Kapitel 12: Monetäre Bewertung von Schutz- und Erholungsleistungen 12.1. Der Wert des Waldes Was wissen wir über den Wert des Waldes? Beginnen wir mit den Wäldern in Deutschland. Die Waldfläche beträgt etwa 11,1 Mill. ha, das sind etwa 31 % des gesamten Staatsgebiets. Eine flächendeckende Bewertung der privaten Güter des Waldes enthält die forstwirtschaftliche Gesamtrechnung im Agrarbericht der Bundesregierung. Mit den Methoden der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, d. h. Bewertung durch Marktpreise, werden Gebrauchswerte in der Form der Nettowertschöpfung bzw. der Bruttoeinkommen als Beitrag zum Volkseinkommen errechnet. Als 5-Jahresmittelwert der Jahre 2005 bis 2009 beträgt die Nettowertschöpfung des Sektors Forstwirtschaft 1.773,4 Mill. € in jeweiligen Preisen gerechnet (Statistisches Jahrbuch ELF 2011, S. 403). Der weitaus größte Teil dieses Betrages resultiert aus der Vermarktung von Rohholz, der kleinere Teil aus der Vermarktung sonstiger Produkte ohne Jagd. Auf den Hektar Waldfläche bezogen ergibt sich eine jährliche Nettowertschöpfung von etwa 160 €/ha. Für die öffentlichen Güter des Waldes gibt es bislang keine flächendeckende Bewertung. Für die Bundesrepublik im Gebietsstand bis 1990 sind zwei Studien über den Mehraufwand und Minderertrag von Schutz- und Erholungsleistungen erstellt worden. Für einzelne Wälder oder Waldteile sind mit den im Kapitel 11 dargestellten Methoden weitere zwölf Studien erarbeitet worden. Dabei handelt es sich um vier Studien über die Walderholung, sieben Studien behandeln verschiedene Schutzleistungen und eine Studie berechnet den Mehraufwand und Minderertrag von Schutz- und Erholungsleistungen. Darüber hinaus haben Elsasser et al. (2009) eine umfassende Übersicht über Studien aus dem Europäischen Raum vorgelegt. Die meisten Studien stammen aus Forschungsinstituten von Universitäten und Forschungsanstalten, die amtliche Statistik hat hier noch keine Berechnungen vorgelegt. 12.2. Erholungswert-Studien Beginnen wir mit der Bewertung von Erholungsleistungen. Die Tabelle 12.1 zeigt die bisherigen Studien und ihre Ergebnisse. Der Erholungswert des Südharzes für Übernachtungsgäste wurde mehrmals ermittelt (V. Bergen und W. Löwenstein, 1992, S. 23-38; 1995, S. 36-37; W. Löwenstein, 1994, S. 98-154). Der Südharz ist ein Teil des niedersächsischen Harzes und umfasst die staatlichen Forstämter Lauterberg, Kupferhütte, Walkenried und das Stadtforstamt Bad Sachsa. Die Waldfläche beträgt 12.310 ha. Der Wald ist frei zugänglich und

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References

Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.